10 Gründe, warum das gemeinsame Singen wesenseigen zum christlichen Gottesdienst gehört

Joe Lum, Senior Pastor der Living Hope Bible Church in Issaquah, WA (USA), hat im Dezember 2020 einen interessanten und hilfreichen Blogartikel auf The Cripplegate zum Singen im gemeinsamen Gottesdienst veröffentlicht: 10 reasons why singing is essential to worship.

Folgende 10 Gründe hat Joe Lum der Heiligen Schrift entnommen:

  1. Das Singen Einzelner und der Gemeinde wird von Gott ausdrücklich befohlen
  2. Echte Anbetung im Lied ist vom Heiligen Geist bewirkt
  3. Singen ist eine Antwort auf die Verkündigung des Wortes Gottes
  4. Im Lied zueinander reden ist ein Gebot der Schrift für die Gottesdienste
  5. Jesus Christus selbst singt im Gemeindelobpreis mit uns mit
  6. Gott Selbst singt unter seinem Volk
  7. Zusammen zu singen erinnert uns daran, allein in Gott Sicherheit zu finden
  8. Die Bibel ermutigt uns zum gemeinsamen Singen und zum Aufsuchen des Gottes, der unsere Ängste wegnimmt
  9. Gemeindliche Anbetung soll eine Widerspiegelung unserer zukünftigen Erfahrung im Himmel sein
  10. Singen kann uns dabei helfen, Wörter zu verwenden, die unsere Einheit demonstrieren und zum Ausdruck bringen

Der Artikel ist hier zu finden.

TULIP – Wer hat’s erfunden?

Es ist üblich geworden, „den Calvinismus” anhand des Akronyms „TULIP” zu beschreiben und zu beurteilen. Von „TULIP” wussten jedoch weder der angebliche Urheber des „Calvinismus“, Johannes Calvin (1509–1564), etwas, noch die reformierten Verfasser der „Lehrregel von Dordrecht“ (1619) in den Niederlanden, noch die reformierten Verfasser der berühmten „Westminster Confession of Faith“ (1647/1648), noch andere dem reformatorischen Glaubensgut folgende Bekenntnisse, wie z. B. die „London Baptist Confession” (1677). Kein Reformator hat „TULIP“ je verwendet. Woher stammt also diese (anachronistische) Idee, „TULIP“ zur Beschreibung des „calvinistischen“ (reformierten) Glaubens heranzuziehen?

Nach einem Beitrag von William H. Vail im New Yorker Wochenmagazin The Outlook aus dem Jahr 1913 gebrauchte ein gewisser Dr. McAfee aus Brooklyn das Akronym „TULIP“ 1905 als erster, um „Die fünf Punkte des Calvinismus” in einem öffentlichen Vortrag in der Presbyterian Union of Newark darzustellen (William H. Vail, The Five Points of Calvinism Historically Considered, in: The Outlook, Vol. CIV (May-August 1913), (New York: The Outlook Company), S. 394–395 (21.06.1913)). – Bei diesem „Dr. McAfee“ handelt es sich wohl um Cleland Boyd McAfee, einem Pastor der Lafayette Avenue Presbyterian Church und späteren Professor für didaktische und polemische Theologie am McCormick Theological Seminary in Chicago. Er war auch Direktor des Presbyterian Board of Foreign Missions. Soweit wir wissen, war dies (1905) der erste Gebrauch des Akronyms „TULIP” als mnemotechnische Hilfe für die Darstellung der reformierten Heilslehre, wie sie in der „Dordrechter Lehrregel” 1619 als Antwort auf fünf Infragestellungen der Heilslehre durch die arminianischen „Remonstranten“ aus dem Jahr 1610 formuliert wurde. McAfee erfand und verwendete das Akronym „TULIP“ 1905 wie folgt (nach W.H. Vail, a. a. O., S. 394):

  • TTotal Depravity
  • UUniversal Sovereignty
  • LLimited Atonement
  • IIrresistible Grace
  • PPerseverance of the Saints.

William H. Vail liefert im o. g. Artikel von 1913 eine Übersicht über fünf damalige Vertreter der reformierten Heilslehre (A bis E, s. Tabelle unten), die er befragt hatte, welches denn ihrer Meinung nach die „Fünf Punkte” seien (1 bis 5, s. Tabelle unten). Bis auf den 5. Punkt (P) ergaben sich bemerkenswerter Weise recht unterschiedliche Bezeichnungen und Reihenfolgen, die in keinem Fall das Akronym „TULIP” ergeben.

Autoren: A = Abbott’s „Dictionary of Religious Knowledge“ | B = Dr. Francis L. Patton, Präsident des Princeton Theological Seminary | C = Dr. Hugh Black, Union Theological Seminary | D = Rev. George B. Stewart, D.D., Präsident des Auburn Theological Seminary | E = Rev. Isaac N. Rendall, D.D., Präsident em. der Lincoln University in Pennsylvania.

Der amerikanische reformierte Theologe Loraine Boettner (1901–1990) wird als nächster angesehen, der das Akronym „TULIP” 1932 für die Darstellung der „Dordrechter Lehrregel” im Speziellen –und der reformatorischen Heilslehre im Allgemeinen– verwendete: »The Five Points may be more easily remembered if they are associated with the word T-U-L-I-P; T, Total Inability; U, Unconditional Election; L, Limited Atonement; I, Irresistible (Efficacious) Grace; and P, Perseverance of the Saints.« (Loraine Boettner: The Reformed Doctrine of Predestination, 1. Auflage, Januar 1932).

Wenn man sich mit der Lehrentwicklung der 500 Jahre seit der Reformation beschäftigt, fällt auf, dass die Darstellung der reformierten Heilslehre mithilfe von „TULIP” weder die Bezeichnungen der fünf „Lehrstücke” in der „Dordrechter Lehrregel” (1619) übernimmt, noch ihrer Aufbaureihenfolge folgt. (Das 5. und letzte Stück macht dabei eine gewisse Ausnahme.) William H. Vail schreibt dazu: »Selbstverständlich zwingt die Übernahme des Kunstwortes [„TULIP”] die fünf Punkte in eine gewisse Reihenfolge und wirft sie damit möglicherweise aus ihrer angemessenen Ordnung und ihrer logischen Reihenfolge (»Of course the adoption of this word [„TULIP”] restricts the order of the five points, and perhaps throws them out of their proper order and logical sequence.«; a.a.O.).

Auch inhaltlich sind die „Fünf Punkte” nicht mit dem reformierten Glauben oder dem sog. „Calvinismus” gleichzusetzen. Der reformierte Theologe Dr. Hugh Black schrieb Anfang des 20. Jahrhunderts: »Ich glaube nicht, dass Calvin sein System in diesen [fünf] Punkten zusammengefasst hätte.« (a.a.O., S. 395). Loraine Boettner schrieb 1932: »Möge der Leser sich gegen eine zu enge Gleichsetzung der Fünf Punkte mit dem calvinistischen Lehrsystem wappnen. Während diese [Fünf Punkte] wesentliche Bestandteile sind, schließt das System doch viel mehr ein. … das Westminster Bekenntnis ist eine recht ausgewogene Darstellung des reformierten Glaubens (oder des Calvinismus) und es gibt auch den anderen christlichen Lehren den ihnen angemessenen Raum.« (a.a.O.). Leonard J. Coppes schrieb 1980 eine Zusammenfassung des reformierten Glaubens mit dem Titel: »Are five points enough? The ten points of Calvinism«. Joel R. Beeke schrieb 2008: »Seine [Calvins] Absicht war es, jeden Bereich der Existenz unter die Herrschaft Christi zu bringen, so dass das gesamte Leben zur Verherrlichung Gottes gelebt werden könne. Darum kann der Calvinismus nicht einfach durch eine Hauptlehre oder mit fünf Punkten oder –wenn wir sie denn hätten!– mit zehn Punkten erklärt werden. Calvinismus ist so komplex wie das Leben selbst.« (Living for God’s Glory: An Introduction to Calvinism, S. XII). Sinclair Ferguson schreibt 2008 in einem Beitrag über das Gotteslob (Doxology): »…die sogenannten fünf Punkte des Calvinismus … [sind] mit Blick auf ihre Entstehung zutreffender als „Die fünf Korrekturen für den Arminianismus” zu bezeichnen« (in: Living for God’s Glory: An Introduction to Calvinism, S. 388).

Auch in unserer Zeit verwenden reformierte Theologen für die Darstellung der reformierten Heilslehre andere Punkte und Bezeichnungen als das verkürzte McAfeesche „TULIP”. Bei Kritikern des sog. „Calvinismus” ist diese anachronistische und verfälschend verkürzte Darstellung allerdings recht beliebt und liefert Material für manchen „Strohmann”. Gehen wir daher besser zurück zum Ursprung der theologischen Auseinandersetzung.

Lehrregel statt TULIP

Weder die Synode in Dordrecht 1619 noch die reformierten Theologen der folgenden Jahrhunderte haben einstimmig „TULIP” gelehrt. „TULIP” ist erstens eine klare Fehlübersetzung, zweitens inhaltlich eine starke Verkürzung und drittens –historisch und dogmengechichtlich gesehen– ein Anachronismus, wenn jemand damit die „Dordrechter Lehrregel” von 1619 oder die calvinistische (Heils-)Lehre beschreibt. Hier eine tabellarische Gegenüberstellung der Lehrstücke von 1619 und der TULIP-Verkürzung durch McAfee 1905:

Die „Dordrechter Lehrregel” (1619)TULIP (nach McAfee, 1905)
Erstes Lehrstück:
Von der göttlichen Vorherbestimmung
1. Total Depravity
(Völlige Verderbtheit)
Zweites Lehrstück:
Vom Tode Christi und der Erlösung
der Menschen durch denselben
2. Universal Sovereignty
(Allumfassende Souveränität)
Heute auch:
Unconditional Election
(Unbedingte Erwählung)
Drittes und viertes Lehrstück:
Von der Verderbnis des Menschen und
seiner Bekehrung zu Gott und
der Art und Weise derselben
3. Limited Atonement
(Begrenzte Sühnung)

4. Irresistible Grace
(Unwiderstehliche Gnade)
Fünftes Lehrstück:
Vom Beharren der Heiligen
5. Perseverance of the Saints
(Ausharren der Heiligen)

Es wäre der Sache angemessener und einer fruchtbaren Diskussion dienlicher, wenn man sich direkt mit dem offiziellen Lehrdokument der Synode in Dordrecht beschäftigen würde, anstatt irgendwelchen „Fünf Punkten” –Jahrhunderte nach Calvin entstanden!– zu folgen, insbesondere, wenn diese aus Darstellungen von Anti-Calvinisten stammen. Was gewinnt man dabei?

Der Student der „Dordrechter Lehrregel” hat in Lehrstück 2, Artikel 1 bereits vom Wesen und Charakter Gottes, von der Allgenugsamkeit Christi, von der weltweiten Verkündigung des Evangeliums (Mission) und der Notwendigkeit des Glaubens gelesen, bevor er in Artikel 2 zur Frage der Zielsetzung und beabsichtigten Reichweite der Sühnung gelangt. Didaktisch richtig wird ihm in der „Dordrechter Lehrregel” zuerst das Wesen der Sühnung erklärt, bevor die Reichweite der Sühnung besprochen wird. Die Zielgerichtetheit und Bestimmtheit der Sühnung wird direkt aus der Gerechtigkeit Gottes und dem völlig genügsamen, zielgerichteten Opfer Christi (Artikel 3-4) abgeleitet. Gleichzeitig wird die Notwendigkeit, allen Menschen ohne Unterschied das Evangelium zu predigen, betont (Artikel 5). Artikel 6 bestätigt, dass Gott gerecht ist, wenn er den Ungläubigen verdammt, und Artikel 7 lehrt, dass die Quelle des rettenden Glaubens die Gnade Gottes ist, »die uns in Christus Jesus vor ewigen Zeiten gegeben« worden ist (2. Timotheus 1,9). – Dieser biblisch richtige und didaktisch kluge Aufbau sollte genutzt und nicht ohne guten Grund aufgegeben werden.

Was macht das „L” in „TULIP”?

Viele evangelikale (früher: dem sola scriptura verpflichtete) Glaubende streiten sich heute anhand von „TULIP”-Darstellungen um die rechte Heilslehre. Etliche Lager haben sich in den letzten Jahrhunderten gebildet, geradezu einander bekämpfende Sekten innerhalb des christlichen Zeugnisses geformt. Ein besonders umstrittener Aspekt von „TULIP” ist das „L”, das für limited atonement, also begrenzte Sühne/Sühnung, stehen soll. Allein dieser Begriff ist ein bitteres, missverständliches Etikett, welches keiner der Reformatoren ohne weiteres so verwendet hätte. Zudem ist weder der (engl.) Begriff „limited” noch der Begriff „atonement” klar und definitiv genug, um die Lehre der Heiligen Schrift eindeutig und klar darzustellen. William D. Barrick urteilt, dass „begrenzt” bzw. „unbegrenzt” vielleicht jene Begriffe sind, welche in der Heilslehre am häufigsten missbraucht werden („The Extent…“, S. 4–5). Und der biblische Begriff „Sühnung” (engl. atonement) wird ebenfalls nicht klar und biblisch verwendet (oft mit der falschen Deutung eines „at-one-ment”, einer Einsmachung oder Zusammenführung), zudem oft als Sammelbezeichnung für alles, was Jesus Christus am Kreuz bewirkt hat. Man muss fragen: Gibt es denn überhaupt eine Begrenzung der Sühnung Jesu Christi? Und wenn ja: Wo wird diese in der Schrift gezogen? Beim Wert oder bei der Reichweite der „Sühnung” (wenn überhaupt die biblische Sühnung gemeint ist)? Die Zentralität und Wichtigkeit des Werkes Christi verlangt nach biblischen, klaren Antworten. Das kann hier nur angerissen werden.

Bibelstudenten aller Zeiten sollte klar sein, dass das Sühnopfer des menschgewordenen Gottessohnes entscheidender Mittelpunkt eines ewigen Planes der Gottheit ist, und dass Gott im Opfer Jesu ein klares Ziel verfolgte (s.z.B. 1Petrus 1,18–21: »zuvorerkannt [proginōskō] ist vor Grundlegung der Welt«). Das Ziel war weder, dass alle Sünder im Feuersee für ihre Schuld ewig von Gott getrennt und gestraft werden (was absolut gerecht wäre), noch dass alle Sünder letztlich errettet und in Gottes herrlicher Ewigkeit leben werden (sog. Universalismus). Das Heilswerk Gottes (im Zusammenwirken des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes) richtet sich vielmehr in ewiger, erwählender Liebe auf »die Seinen« (s. Johannes 17,2.6.9.24.26).

Die gesamte Schrift gibt vom planmäßigen und zielorientierten Handeln Gottes in der Menschheits- und Heilsgeschichte beredt Zeugnis. Also sollte man sich tiefgehende Fragen stellen: (1) Welches Ziel verfolgt Gott mit dem Opfer Jesu? (2) Was bezeichnete Jesus Christus mit dem »Es«, als Er am Kreuz ausrief: »Es ist vollbracht!« (Johannes 19,30)? (3) Wie ergänzen sich das Werk des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes im trinitarischen Heilswerk (sog. opera ad extra)? (4) Haben die drei Personen der Gottheit eine identische Zielsetzung im Heilswerk? (5) Haben die drei Personen der Gottheit im Erlösungswerk den selben Personenkreis im Blick? (usw.)

Wer diese Fragen anhand der Heiligen Schrift beantwortet, muss von einer Begrenzung der Sühnung ausgehen, da der Universalismus keine Lehre der Schrift ist, das Heil aller Glaubenden jedoch fest bezeugt ist. Nachdem der Glaube faktisch und biblisch nicht aller Teil ist (2. Thessalonicher 3,2b), ist die Menge der durch Jesu Opfer Erretteten jedenfalls begrenzt. Das Sühnungswerk Jesu Christi sah auch nicht vor, dass Er hypothetisch für alle Menschen aller Zeiten stellvertretend im Gericht Gottes war, also effektiv deren persönliche Schuld bezahlt und Gottes Zorn für sie getragen habe, und es nun alleine am jeweiligen Menschen läge, diesen unterschiedslos allen Menschen im Evangelium ausgehändigten „Blankoscheck” (=Scheck ohne Namen des Empfängers) auch persönlich einzulösen. – Gott verwendet in der Heiligen Schrift Alten wie Neuen Testaments vielmehr ein anderes Bild, um sein Rettungswerk als Liebeswerk darzustellen: das von Bräutigam und Braut (z. B. Jesaja 61,10; 62,1–5; Jeremia 31; Epheser 5,23–32; Offenbarung 21,2.9; 22,17). Wie die erwählende Liebe eines Bräutigams selektiv und exklusiv ist –und sein muss– ist Gottes ewige Retterliebe selektiv und exklusiv. Dies bedeutet keine Ungerechtigkeit oder einen Mangel an „Fairness“. (Von „Fairness“ zu reden ist begrifflich ein Fehlgriff, der einen Mangel an biblisch geprägtem Denken offenbart. Wir dürfen sicher sein, dass alles, was Gott tut, absolute –ja, normative– Gerechtigkeit ist.)

Die o. g. Fragen können also anhand der Heiligen Schrift noch tiefer ins Verständnis des Heilswerks Gottes führen. Dabei wird man die biblischen Lehren des ewigen Vorsatzes Gottes, der persönlichen (namentlichen) Erwählung und Berufung durch Gott, der persönlichen(!) Stellvertretung im Gericht, der Sohnschaft, der Adoption, der monergistischen Wiedergeburt, des Einsgemachtseins mit Christus, der Innewohnung und der Versiegelung mit dem Heiligen Geist (usw.) kennenlernen. Sie bezeugen harmonisch und vielfältig, dass der dreieinige Gott von Ewigkeit her das ewige Heil „der Seinen” zu Seiner Verherrlichung gewollt und geplant hat und in der Zeit mit exakt festgelegtem Ziel ausführt. Auch kann wohltuende Klarheit entstehen, wenn man den biblisch gelehrten Unterschied zwischen Sühnung und persönlicher Stellvertretung zu beachten lernt. Weil das Heilswerk Gottes ein göttlich großes Werk ist, wundert es uns nicht, dass wir es nicht gänzlich umfassen können. Aber wir können und müssen es auf der Grundlage der Heiligen Schrift erforschen und glauben und bezeugen. Die Heilige Schrift, die Wahrheit (Johannes 17,17), liefert auch die Wahrheit über das Heil.

Am Buchstaben „L” kann man u. E. gut beobachten, wie mangelhaft übermäßig vereinfachte Darstellungen der biblischen Lehre (hier: à la „TULIP”) sind, und wie mangels Klarheit und Präzision mancher Anlass zu Streitigkeiten und Aneinandervorbeireden fast zwangsweise geliefert wird.

Fazit

Mit diesen kurzen Überlegungen und Hinweisen soll zweierlei nachdrücklich gesagt sein:

  • fundamental: Die Frage nach der Reichweite und Zielsetzung des (Sühnungs-) Werkes Jesu Christi sollte eben NICHT anhand von „TULIP”-Darstellungen beantwortet werden, sondern anhand der Heiligen Schrift selbst, welche alleine die Wahrheit ist (Johannes 17,17b). Unbiblische Darstellungen gibt es leider schon genug.
  • sachlich: Wir sollten auch über „Dordrecht” und „Die 5 Punkte des Calvinismus” nicht schreiben und reden, ohne die Ergebnisse jener Synode studiert zu haben und sie in der jeweiligen Darstellung wahrheitsgetreu zu verwenden. Anders gesagt: Primärquellen vor Sekundär- und Tertiärquellen! Unsachliche, verfälschte und falsche Darstellungen gibt es leider schon genug.

Die Synode in Dordrecht hat einen biblisch gesättigten und seelsorgerlich hilfreichen Text geliefert, der über vielem steht, das in den vergangenen vier Jahrhunderten über die angesprochenen Fragen des Heils geschrieben wurde. Und anstelle zu betonen, was Christus am Kreuz nicht zustande gebracht habe, lehrt das zweite Lehrstück von Dordrecht, was Vater, Sohn und Heiliger Geist miteinander vollbracht haben, um sich ein „Volk des Eigentums/zum Besitztum” zu erwählen, es in Jesu Opfer zu erlösen und es ewig zu erwerben (s. 5. Mose 7,6 mit 1. Petrus 2,9). Mit solcher Theologie wird Gottes Volk eher auferbaut, als mit Streitigkeiten über den „freien Willen“ des Menschen und der Souveränität Gottes im Heil. Denn im einzigartigen Heilswerk Gottes geht es um eine großartige Liebesbeziehung:

»Dieser Entschluss, der aus der ewigen Liebe zu den Erwählten hervorgegangen ist, ist von Anfang der Welt bis auf die gegenwärtige Zeit, indem die Pforten der Hölle sich vergeblich widersetzten, mächtig erfüllt und wird auch noch fortlaufend erfüllt, und zwar so, dass die Erwählten zu seiner Zeit zu einer Vereinigung versammelt werden sollen und dass immer eine Kirche der Gläubigen auf das Blut Christi gegründet ist, welche jenen ihren Heiland, der für sie, gleich wie ein Bräutigam für die Braut, sein Leben am Kreuz hingab, beständig liebt, fortwährend verehrt und hier und in alle Ewigkeit preist

„Dordrechter Lehrregel” (1619), Erstes Lehrstück, Artikel 9. Zitiert nach der übersetzten Ausgabe der Selbständigen Evangelisch-Reformierten Kirche: Bekenntnisbuch (Heidelberg, 2010), S. 229. Farbmarkierung hinzugefügt.

Der Apostel Paulus liefert am Ende seiner sorgfältigen Darlegung des Evangeliums Gottes im Römerbrief einen wunderbaren Lobpreis (Doxologie) Gottes. Wir sehen daran, dass wahre Anbetung auf wahrer Heilslehre basiert. Hier wären also größte bibelgebundene Anstrengungen im Ergreifen, Verstehen und Verkündigen des Heils Vorbedingung und Basis wahrer Anbetung. Das sollte alle Erlösten des Herrn beständig motivieren, wahre „Theologie“ zu betreiben, die nicht Traditionen repliziert und verteidigt, sondern die Wahrheit des Wortes reden lässt.

O Tiefe des Reichtums, sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes! Wie unerforschlich sind seine Gerichte und unergründlich seine Wege! Denn wer hat den Sinn des Herrn erkannt, oder wer ist sein Mitberater gewesen? Oder wer hat ihm zuvor gegeben, und es wird ihm vergolten werden? Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge; ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen.

Römer 11,33-36

Literaturhinweise

William H. Vail, The Five Points of Calvinism Historically Considered, (21. Juni 1913). In: The Outlook, Vol. CIV (May-August 1913), (New York: The Outlook Company), S. 394–395. [Quelle: babel.hathitrust.org; Backup]

Daniel Montgomery und Timothy Paul Jones: PROOF, (Zondervan, 2014, Kindle-Version), S. 210, Fn 22.

David Schrock: Definite Atonement at Dort and the Unity of the Trinity – Put Down TULIP and Pick Up the Canons of Dort, in: CREDO Magazine Vol. 9 (Sept. 2019), Issue 3 [https://credomag.com/article/definite-atonement-at-dort-and-the-unity-of-the-trinity/].

Ed Sanders: The Origin Of The Acronym TULIP – The Five Points Of Calvinism [https://theologue.files.wordpress.com/2014/08/originoftheacronym-tulip.pdf].

Peter Benyola: 400 years after Dort: Why does the human-centric view of salvation persist?Segment 3 | The Canons of Dort (08.09.2018) Copyright 2018, Benyola.net. All rights reserved. Used by permission [http://benyola.net/400-years-after-dort/4/].

Bekenntnisbuch – bestehend aus dem Heidelberger Katechismus, dem Niederländischen Glaubensbekenntnis sowie der Lehrregel von Dordrecht, Übersetzte Ausgabe der Selbständigen Evangelisch-Reformierten Kirche (Heidelberg, 2010) [http://www.serk-heidelberg.de/wp-content/uploads/2010/08/Bekenntnisbuch.pdf].

Loraine Boettner: The Five Points of Calvinism, in: The Reformed Doctrine of Predestination (1932, 13th Printing, Phillipsburg, NJ: Presbyterian and Reformed Publishing Company, 1989), S. 59–201. (eBook: Grand Rapids, MI: Christian Classics Ethereal Library).

James Montgomery Boice und Philip Graham Ryken, The Doctrines of Grace. Wheaton, IL: Crossway, 2002. Deutsch: James Montgomery Boice und Philip Graham Ryken, Die Lehren der Gnade. Oerlinghausen: Betanien, 2009. – Die Autoren beschreiben kurz „Die fünf Punkte des Arminianismus” (a.a.O., 2009, S. 24ff) sowie ebenso kurz (a.a.O., 2009, S. 30ff) und dann ausführlich „Die fünf Punkte des Calvinismus” (a.a.O., 2002, S.67–176 ; a.a.O., 2009, S. 71–197).

William D. Barrick, The Extent of the Perfect Sacrifice of Christ. Sun Valley, CA: GBI Publishing, 2002.

Joel R. Beeke: Living for God’s Glory: An Introduction to Calvinism. Lake Mary, FL: Ligonier Ministries (Reformation Trust), 2008.

Gottes Sohn wird Mensch – Krippe, Kreuz und Krone Christi

Als die Menschwerdung des Sohnes Gottes angekündigt wurde, war immer die Rede davon, dass er der Retter seines Volkes von ihren Sünden ist (Lukas 2,10). Das Kreuz hing von Anfang an über seinem ersten Kommen. Und so kam er in Niedrigkeit (Krippe) und Selbstentäußerung und ging bis in die Nacht des Kreuzes auf Golgatha (Philipper 2,5–8). Aber die gleichen prophetischen Schriften reden auch davon, dass dieser menschgewordene Sohn Gottes eines Tages zum zweiten Mal kommen wird, diesmal mit der Krone des obersten Königs und mit unbeschränkter Macht (Philipper 2,9–11; Offenbarung 19,11–16).

Der berühmte niederländische Maler Rogier van der Weyden (1399–1464), der vielen Kollegen seiner Zeit und Nachwelt Material geliefert hat, hat die Verbindung von Krippe und Kreuz geheimnisvoll in die Mitteltafel seines Altarbilds in der Kölner Kirche St. Columba (um 1455) integriert. Die Mitteltafel stellt die Anbetung des Kindes durch die „Heiligen Drei Könige“ dar, die beiden Altarflügel umrahmen diese Szene mit der Verkündigung Marias und der Darbringung Jesu im Tempel. Beide Ereignisse erwähnen die Sendung Jesu als Erretter/Heiland (im Magnifikat Marias: Lukas 2,47; im Lobpreis Simeons: Lukas 2,29–32). Oben über dem Kind steht symbolhaft die Kreuzigung des Heiland-Gottes an der zentralen Säule seines Geburtsortes, unten werden dem Kind königliche Huldigungsgeschenke zuteil. Wir sehen in einem Bild Krippe, Kreuz und Krone.

Das Werk Rogiers ist heute in der Alten Pinakothek in München (Inv. Nr. WAF 1189) anzusehen (Öl auf Eichenholz, ca. 140 cm x 153 cm).

Die selbe Verbindung zieht 70 Jahre später der venezianische Maler der Hochrenaissance Lorenzo Lotto (c. 1480–1556/7) mit seinem Bild Christi Geburt (1523). Das Ölgemälde (46 cm x 36 cm) ist in der National Gallery of Art in Washington, DC  (USA) zu sehen (Accession No. 1939.1.288). Es trägt unten rechts die Signatur „L. Lotus. / 1523“.

Der italienische Barock-Maler Guido Reni (1575–1642; auch: Guidus Renus) lässt in seinem Bild Jesukind auf dem Kreuz schlafend das sanft ruhende Baby auf einem Kreuz liegen, wie auf einem Opferaltar, und erzeugt damit eine eigenartige Spannung, die den Betrachter zum Nachdenken herausfordert (43 cm x 33 cm; Öl auf Eichenholztafel).

Viel später adoptierte der britische Maler William Blake (1757–1827) das Motiv mit seinem Bild The Christ Child Asleep on the Cross (Our Lady Adoring the Infant Jesus Asleep on the Cross), das im Victoria and Albert Museum in London zu sehen ist (ca. 1799–1800; 27 cm x 39 cm; Tempera auf Leinwand).

Auch andere Artisten haben dieses Motiv aufgegriffen.

  • Bartolomé Esteban Murillo (1618–1682) Barockmaler aus Spaniens Goldener Zeit: El Niño Jesús dormido sobre la cruz.
    Bild 1 (um 1660; Fairfax House, Castlegate, York, North Yorkshire, England)
    Bild 2 (Museo del Prado, Madrid, mit Totenschädel
    Bild 3 (Museums Sheffield)
    Bild 4 (Louvre Paris; ca. 1670)
  • Mary Baker (aktiv 1842–1860) hat eines der Bilder Murillos in Öl auf Leinwand nachgemalt (Victoria and Albert Museum, London, ca. 1858), der rechte Arm des Kindes ruht auf einem Totenschädel.

Johann Adam Bernhard Ritter von Bartsch (1757–1821), österreichischer Künstler und Begründer der systematisch-kritischen Graphikwissenschaft, hat das Bild von Reni (s. o.) in einem Stich nachempfunden (12 cm x 15 cm; ca. 1780–1821) (Metropolitan Museum of Art, The Met Fifth Avenue, New York, NY). Neben seinem monumentalen wissenschaftlichen Werk hinterließ Bartsch auch ein künstlerisches Œuvre von ca. 600 Blatt, dabei auch Reproduktionen von Zeichnungen alter Meister. – Andere Quellen schreiben dieses Werk dem deutschen Künstler Johann Gottfried Bartsch (aktiv 1670–1690) zu.

Adam von Bartsch (Austrian, Vienna 1757–1821 Vienna) The Christ Child sleeping on a cross in a landscape, after Reni, ca. 1780-1821 Austrian, Engraving; Sheet (Trimmed): 4 13/16 × 5 13/16 in. (12.3 × 14.8 cm) The Metropolitan Museum of Art, New York, The Elisha Whittelsey Collection, The Elisha Whittelsey Fund, 1951 (51.501.4425) http://www.metmuseum.org/Collections/search-the-collections/668282
Der Schriftzug rechts unten lautet: »ego dormio et cor meum vigilat« (Ich schlafe und mein Herz ist wach) aus dem Hohelied Salomos 5,2 (ELBCSV): „Ich schlief, aber mein Herz wachte“, was vielfach auch vertont wurde (Heinrich Schütz, Philipp Dulichius, Claudio Monteverdi, Francesco Bianciardi, Tiburtio Massaino u. a.).

Was ist eigentlich „Calvinismus“? (II)

Eine nicht geringe Anzahl von Anti-Calvinisten vermittelt in ihren Statements, Vorträgen und Schriften den Eindruck, dass es beim sog. „Calvinismus” ausschließlich oder vor allem um die sog. „Fünf Punkte” gehe, mithin nur um ein Teilgebiet der Heilslehre (Soteriologie) einschließlich der Lehre des vom in die Sünde gefallenen Menschen (Hamartiologie).

Dies ist eine Falschaussage. Sie zeigt im besten Falle auf, wie wenig sich diese Kritiker mit der Materie und den Schriften und Lehren der von ihnen Kritisierten auseinander gesetzt haben. Im schlimmsten Fall haben wir es mit einer absichtlichen Irreführung trotz besseren Wissens zu tun. Das ist schwer zu entscheiden. Aber es ist traurig zu beobachten, dass deren Leser und Zuhörer meist noch geringere Kenntnisse der Materie haben und so den Mangel an Wahrheit und Richtigkeit nicht erkennen können und so verführt werden.

Lassen wir hier einmal Kenner der Materie sprechen:

»Calvinism cannot be limited to soteriology, but affects all church issues, especially worship and spirituality.«

»Calvinism is a worldview that shapes and informs one’s approach to all of life.«

»…Calvinism speaks to all spheres.«

»Calvinism resonates deeply with biblical truth; it speaks to every area of human life and thought.«

Michael A. G. Haykin, in: Joel R. Beeke: Living For God’s Glory – An Introduction to Calvinism (Reformation Trust, 2008), S. IX–X (Vorwort). Professor Haykin ist Professor of Church History and Biblical Spirituality und Director of The Andrew Fuller Center for Baptist Studies am Southern Baptist Theological Seminary in Louisville (KY), USA (Quelle: www.sbts.edu).

»Calvinism earnestly seeks to meet the purpose for which it were created, namely, to the glory of God.«

»Calvinism is so comprehensive that it is hard to get one’s mind and arms around it.« (citing D. Claire Davis)

»[Calvin’s] theological work was comprehensive and, as a result, it has significant ramifications for a host of areas of human life, society, and culture. He was intent on bringing every sphere of existence under the lordship of Christ, so that all of life might be lived to the glory of God.

That is why Calvinism cannot be explained simply by one major doctrine or in five points, or, if we had them, even ten points! Calvinism is as complex as life itself.«

Joel R. Beeke: Living For God’s Glory – An Introduction to Calvinism (Reformation Trust, 2008), S. XI–XII (Einleitung).


Vgl. auch den Artikel »Was ist eigentlich „Calvinismus“? (I)« auf dieser Website mit einem Zitat von Hendry H. Cole (1856).

Güte UND Wahrheit, Gerechtigkeit UND Frieden

Güte und Wahrheit sind sich begegnet,
Gerechtigkeit und Frieden haben sich geküsst.
חֶֽסֶד־וֶֽאֱמֶ֥ת נִפְגָּ֑שׁוּ צֶ֖דֶק וְשָׁל֣וֹם נָשָֽׁקוּ

Die Bibel, Psalm 85,11, von den Söhnen Korahs (Deutsch nach ELBCSV)

Johann Georg Bodenehr,
Geistliche Herzens-Einbildungen, S. 68 (1686).
Psalm 85,11

© Staatsgalerie Stuttgart
Bildquelle: Staatsgalerie.de (CC BY-SA 4.0)

Justitia et Pax

Fürchtet euch nicht!
Dies sind die Dinge, die ihr tun sollt:
Redet die Wahrheit einer mit dem anderen;
richtet der Wahrheit gemäß und
fällt einen Rechtsspruch des Friedens in euren Toren;

und sinnt keiner auf das Unglück des anderen in euren Herzen,
und falschen Eid liebt nicht;
denn dies alles hasse ich, spricht der HERR.

Die Bibel, Prophet Sacharja 8:15b-17 (ELBCSV)

Wie ist die Kenosis Jesu Christi zu verstehen?

Wie müssen wir die „Zu-nichts-machung” Jesu in Philipper 2,6 [ἀλλὰ ἑαυτὸν ἐκένωσεν] verstehen? Dort wird im Rahmen einer Ermahnung die vorbildliche Demutsgesinnung des Sohnes Gottes in Form einer „Erniedrigungsleiter” des Sohnes Gottes wie folgt beschrieben:

5 [Denn] diese Gesinnung sei in euch, die auch in Christus Jesus [war], 6 der, da er in Gestalt Gottes war, es nicht für einen Raub achtete, Gott gleich zu sein, 7 sondern sich selbst zu nichts machte und Knechtsgestalt annahm, indem er in Gleichheit [der] Menschen geworden ist, und, in [seiner] Gestalt wie ein Mensch erfunden, 8 sich selbst erniedrigte, indem er gehorsam wurde bis zum Tod, ja, zum Tod am Kreuz.

Philipper 2,5-8 (ELB03); Fettdruck hinzugefügt.

Diese Zunichtsmachung des Sohnes Gottes wurde vielfach missverstanden und auch absichtlich missgedeutet, um irgendwelchen bibelfremden Vorstellungen besser zu genügen. Dabei wurde die biblische Lehre über Christus (Christologie) schon jahrhundertelang diskutiert und in klaren Bekenntnissen so umrissen und abgegrenzt, dass irrige Ansichten abgewiesen werden konnten und können. Leider sind diese Bekenntnisse nicht Gemeingut von Predigern, Bibellehrern und Glaubenden geblieben. Unter dem Profilierungsdruck, etwas Neues zu sagen oder entdeckt zu haben, und sich so einen Namen zu machen, werden verrückte Thesen aufgestellt und medial verbreitet. Das Internet trägt als Resonanzverstärker auch irrender (und irrer) Lehre zum Übel bei, zumal es in den asozialen Medien oft genug unbelehrte und unwissende Christen erreicht.

Einen sehr empfehlenswerten Beitrag zur Gesunderhaltung der Lehre über Christus hat Mike Riccardi verfasst. Die Zusammenfassung seines Beitrags zur Kenosis Christi ist unten abgedruckt, die zugehörige Referenz enthält einen Link zum Gesamtartikel:

»A tragic lack of familiarity with the historical development of classical Christology has resulted in the acceptance of unbiblical views of Christ’s self-emptying. The post-Enlightenment doctrine of Kenotic Theology continues to exert its influence on contemporary evangelical models of the kenosis, seen primarily in those who would have Christ’s deity circumscribed by His humanity during His earthly ministry. Keeping moored to the text of Scripture and to Chalcedonian orthodoxy combats this error and shows Christ’s kenosis to consist not in the shedding of His divine attributes or prerogatives but in the veiling of the rightful expression of His divine glory. The eternal Son emptied Himself not by the subtraction of divinity but by the addition of humanity, and, consistent with the Chalcedonian definition of the hypostatic union, the incarnate Son acts in and through both divine and human natures at all times. A biblical understanding of these things leads to several significant implications for the Christian life.«

Mike Riccardi, Veiled in Flesh The Godhead See: A Study of The Kenosis of Christ, in: MSJ 30/1 (Spring 2019) S. 103–127. Fettdruck hinzugefügt. Link zur Textquelle (PDF); Backup. (Mike Riccardi, M. Div., Th. M., cand. Ph. D., arbeitet an der theologischen Fakultät des The Master’s Seminary in Los Angeles, CA und bloggt auf The Cripplegate.)

Die Welt und das Leben von Gott her verstehen

»The longer I live, the clearer it becomes to me that unless one begins with the true knowledge of God, nothing else in the world, in life, or in the Christian life makes any sense at all. Those who begin below, with circumstances, and attempt to reason up, drawing conclusions about God (that He is kind or cruel, accessible or aloof, powerful or weak) inevitably err. Only as we begin with the truth of God (that He is sovereign, almighty, wise, good, and just) and reason down to our circumstances (be they good or bad), does life begin to make sense.«

Dr. Terry Johnson, Independent Presbyterian Church Savannah, GA, in: Steven J. Lawson, Show me your glory – Understanding the majestic splendor of God. 1. Aufl.. Sanford, FL: Reformation Trust Publishing, a division of Ligonier Ministries, Orlando, FL, 2020.

»Je länger ich lebe, desto klarer wird mir, dass nichts in der Welt, im Leben oder als Christ Sinn macht, wenn man nicht mit der wahren Erkenntnis Gottes beginnt. Jene, welche unten, bei den Lebensumständen, beginnen, und dann versuchen, sich mit logischen Überlegungen hochzuhangeln, indem sie Schlussfolgerungen über Gott ziehen (dass Er gütig sei oder grausam, zugänglich oder distanziert, machtvoll oder schwach), gehen unausweichlich in die Irre. Erst wenn wir mit der Wahrheit über Gott beginnen (dass Er souverän, allmächtig, allweise, gut und gerecht ist) und von dieser Wahrheit ausgehend Schlussfolgerungen ziehen bis hinab in unsere Lebensumstände (seien sie gut oder schlecht), beginnt das Leben Sinn zu machen.«

Die wahre Erkenntnis Gottes bestimmt entscheidend unsere Weltanschauung, aber sie zielt und wirkt noch wesentlich tiefer. Denn Leben und Erkenntnis hängen fest zusammen. Vor 2.000 Jahren sprach der Sohn Gottes darüber mit seinem Vater:

Dies aber ist das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.

Johannes 17,3 (ELB03)

Warum wahre Gotteserkenntnis uns zu guten Mitmenschen macht

»Ubi ergo cognoscitur Deus, etiam colitur humanitas.«
(Wo nämlich Gott erkannt wird, da wird auch Menschlichkeit gepflegt.)

Johannes Calvin, Auslegung zu Jeremia 22, 16

Olivier Millet aus Paris hat auf der 7. Emder Tagung zur Geschichte des reformierten Protestantismus (23. März 2009) einen Vortrag über die Humanitas Calvins gehalten: »Humanitas. Mensch und Menschlichkeit bei Calvin« (Internetquelle, PDF-Backup).

Die humanitas ist, insbesondere in der christlichen Theologie, »der Inbegriff dessen, was menschlich ist, die Bezeichnung für die menschliche Natur, den Grund- und Eigencharakter des Menschen im Unterschied zur Tiernatur und zum Gotteswesen.«

Millet analysiert in seinem Vortrag auch die bösartige Weise, mit der der Genfer Reformator zeitlebens und post mortem angegriffen wurde: »Bereits zu seiner Lebenszeit wurde die Person Calvins Gegenstand von Anekdoten und Kommentaren, die darauf zielten, seine Laster und Fehler öffentlich zu machen. Feigheit, Härte, Selbstsucht, Autoritarismus sind unter anderem wiederkehrende Themen dieser ersten polemischen Angriffe.« (»Die peinlichsten Fehlurteile über Calvin« führt der Reformierte Bund in Deutschland hier auf.)

Jedem Kind Gottes ist aus Gottes Wort der Wahrheit und schmerzlich auch erfahrungsmäßig bekannt, dass es wie alle anderen Menschen – außer Jesus Christus – fehlerhaft und unvollkommen ist. Heiligenkult ist biblisch unterwiesenen Christen ein Übel. Das macht jedoch „Heiligenschändung“ in Lüge und Verleumdung nicht gut, sondern belässt diese ebenfalls im Übel (siehe z. B.: 2. Mose 20,16; 23,1; Matthäus 5,22; Markus 10,19, Lukas 18,20). Der Herr Jesus hat seine Nachfolger gelehrt, dass wir Sünde Sünde nennen sollen, aber aneinander Vergebung üben und Erbarmen pflegen sollen. Das würde zeigen, dass der Same des Lebens im Christen von Gott-Vater stammt (Matthäus 6,14; 18,35).

Auch Calvin wusste um seine Schwächen und sprach und schrieb über sie. Auf dem Sterbebett schrieb er seinen Genfer Pfarrerskollegen demütig:

»Ich habe viele Schwächen gehabt, die Ihr ertragen musstet, und all das, was ich getan habe, ist im Grunde nichts wert. Die schlechten Menschen werden diesen Ausspruch gewiss ausschlachten. Aber ich sage noch einmal, dass all mein Tun nichts wert ist und ich eine elende Kreatur bin. Ich kann allerdings wohl von mir sagen, dass ich das Gute gewollt habe, dass mir meine Fehler immer missfallen haben und dass die Wurzel der Gottesfurcht in meinem Herzen gewesen ist. Und Ihr könnt sagen, dass mein Bestreben gut gewesen ist. Darum bitte ich Euch, dass Ihr mir das Schlechte verzeiht. Wenn es aber auch etwas Gutes gegeben hat, so richtet Euch danach und folgt ihm nach.«

a.a.O.

»Seid nicht viele Lehrer« – Ein mahnender Brief an einen jungen Heißsporn

Jemand schrieb: »Es gibt leider sehr scharfe Prediger und Autoren, die diesen Begriff [Irrlehrer] geradezu inflationär verwenden. Kaum weicht jemand von der eigenen, einzig richtigen Meinung ab, bekommt er das Etikett „Irrlehrer” umgehängt. So etwas ist unbiblisch.« (Wilfried Plock, Warum ich weder Calvinist noch Arminianer bin (Hünfeld: CMD, 2017), S. 173).

In einer deutschen Gemeinde war genau das Gegenteil zu erleben: von einem Predigthörer. Der Anlass war eine Predigt über folgenden Text im ersten Brief des Apostels Johannes:

Seht, welch eine Liebe uns der Vater gegeben hat, dass wir Kinder Gottes heißen sollen! Und wir sind es. Deswegen erkennt uns die Welt nicht, weil sie ihn nicht erkannt hat.
Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes, und es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden; wir wissen, dass wir, wenn es offenbar werden wird, ihm gleich sein werden, denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Und jeder, der diese Hoffnung zu ihm hat, reinigt sich selbst, wie er rein ist.

1. Johannes 3,1–3 (ELBCSV)

Der Prediger hatte das Ziel, die Anbetung des Vaters durch die Gemeinde zu fördern, indem er die wunderbare Liebe des Vaters zu seinen Kindern vor die Herzen stellte. Der Vater sucht ja solche als Anbeter, die in Geist und Wahrheit anbeten (Johannes 4,23)! Er wurde von einem (dem Glauben und den Lebensjahren nach viel jüngeren) Predigthörer angegriffen und als Irrlehrer bezeichnet. Leider zeichneten Unwissenheit, Wortwahl und Respektlosigkeit des Predigthörers ein trauriges Gegenbild dessen ab, was ein gottseliges Lebens kennzeichnet.
Der angegriffene Prediger schrieb dann eine Ausarbeitung, die Korrektur, Überführung, Ermahnung und Belehrung einschließt, mithin das Wort in seiner gedachten Wirkung zur Entfaltung bringen wollte: »Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werk völlig geschickt.« (1. Timotheus 3,16-17). Diese Handreichung offenbart eine geduldige und lehrreiche Behandlung der Vorwürfe und hat den Autor sicher viel Zeit und Mühe gekostet. Die Wiedergabe hier im Blog mag daher auch anderen nützlich sein, wo immer sie in der Sache und Erkenntnis stehen. Alle Namen sind erfunden bzw. anonymisiert, um die Beteiligten zu schützen. Natürlich muss im konkreten Fall die seelsorgerische Dimension von Bruder zu Bruder angesprochen werden.

Lieber Adelphos,

ich schreibe Dir heute mal einen Brief. So ein Brief gibt mir Gelegenheit, in Ruhe etwas zu formulieren, und Dir, dem Empfänger, dies ebenfalls in Ruhe zu lesen und darüber nachzudenken. Und das tut not, denke ich. Ich habe einige Punkte aufgeschrieben, die mir auf dem Herzen liegen:

(1) Ich bedaure sehr, dass wir nicht in Ruhe miteinander reden konnten, eine Bibelstelle nach der anderen. Das Gespräch in der gehabten Form war dazu nicht geeignet. Es braucht Nachforschen und Nachdenken. Es braucht manchmal auch die harte Arbeit des Schuttwegräumens, bevor Neues erbaut werden kann. Das heißt, es braucht Geduld. Und keine Bibelstellen-Gefechte. Bei mir erzeugt das nur Unwohlsein, da ich lieber in Ruhe etwas entfalte und darstelle. Gerne antworte ich auch auf Fragen, die das Ziel haben, etwas besser verstehen zu wollen. So etwas schwebt mir vor für einen brüderlichen Dialog. Sollten wir den nicht anstreben?

(2) Das Ziel der Predigt am Sonntag war, allen Geschwistern die ewige Liebe des Vaters für Seine Kinder vor die Herzen zu stellen und sie damit zu Dank und Anbetung ihres Vaters zu motivieren. Dass es daran mangelt, haben wir nun einige Jahre erlebt: es gibt wenig Anbetung des Vaters. Dabei sagt doch Jesus in Johannes 4, dass der Vater Anbeter in Geist und Wahrheit sucht. (Das solltest Du anders erlebt haben in Deiner früheren Gemeinde in Irgendwo.) Wenn jemand nach einer Predigt mit dieser Zielsetzung es als wichtigstes Anliegen sieht zu behaupten, dass die persönliche „Wahl für Jesus“ zentral und der „freie Wille“ des (zumal völlig sündigen!) Menschen entscheidend für den Empfang jener ewigen (!) Liebe des Vaters ist, dann konnte der Geist Gottes mit der Wahrheit des Wortes Gottes offenbar in dieser Person nicht wirken. Das ist schade und wirft Fragen auf. Wo Menschen behaupten, dass es ihre kluge, richtige Wahl gemäß ihres „freien Willens“ gewesen sei, die sie letztlich ewig von den Ungläubigen positiv unterscheidet, dann weiß ich, dass hier der Geist Gottes nicht wirken konnte, denn der wirkt nie Seinem Wort entgegen, sondern stellt stets die Gnade und Herrlichkeit Gottes in den Mittelpunkt und führt so zur Anbetung Gottes. Die Reformatoren haben aus dem Wort heraus und gegen die röm.-kath. Kirche festgehalten, dass die Errettung allein aus Gnaden ist. Sola gratia nannten sie das. Gnade heißt, dass alles von Gott kommt, alles von Gott bewirkt wird und dass letztlich alles zu Gottes Verherrlichung dienen muss. Das ist die Quintessenz des Evangeliums, siehe Römer 11,33–36. Wer hingegen sich selbst (als Sünder!) zum entscheidenden Mittelpunkt des Heils macht, dessen aus einem sündigen Herzen kommende Entscheidungen Gott „voraussehend“ nur noch sklavisch folgen kann (also keine eigene Wahl mehr hat), der hat Christus und den Vater aus diesem Mittelpunkt alles Heils verdrängt. Da klingeln bei mir einige Seelsorger-Alarmglocken. Das ist Re-katholisierung des Evangeliums.

(3) Ich habe verstanden, dass Du die Auserwählung der Heiligen (Kinder Gottes) durch Gott, den Vater, nicht wirklich leugnen willst, aber Du tust es doch, siehe Pkt. (4) unten. Das tun ja manche ausdrücklich. Manche verbieten sogar das Predigen über die entsprechenden Texte. Nachdem Epheser 1,4 aber aufzeigt, dass die Auserwählung eines der besonderen Werke ist, über die wir den Vater lobpreisen dürfen und sollen, kann man hier das ehrabschneidende Wirken des Teufels gut erkennen. Ich kann mich nicht erinnern, dass in unserer Gemeinde der Vater für seine Erwählung regelmäßig gepriesen wird. Diesem Mangel will der Geist Gottes abhelfen, denn er fördert die Verherrlichung Gottes. Dass dann diesem Wirken des Geistes Gottes gleich eine Stellungnahme und ein Streit über die Auserwählung entgegengesetzt wird, ist traurig. Wo die Wahrheit unterdrückt wird, wird der Geist Gottes gedämpft. Und was das bedeutet, steht auch klar in der Schrift.

(4) Du verstehst die Auserwählung/Erwählung seitens Gottes, des Vaters, so, dass Gott „nach Vorkenntnis“ (Deine Wortwahl war „Vorsehung“) der freien Wahl einzelner Menschen entsprechend gewählt habe. Denke darüber mal in Ruhe nach. Wenn Gott nur das „wählen“ kann, was andere in ihrem freien Willen vorher exklusiv und souverän gewählt und entschieden haben, dann ist das für Gott keine freie Wahl mehr, ist überhaupt keine Wahl im Sinne des Wortes mehr, sondern nur ein unfreies, mechanisches Nachvollziehen. Ich versuche ein Beispiel: Freie Wahl habe ich in einem Restaurant, wenn alles, was auf der Karte ist, ob es mir schmeckt oder nicht, vorhanden ist und ich daraus frei wählen kann und ich es dann auch genau so und genau das von mir Ausgewählte bekomme. Wenn aber der Wirt zu mir sagt: „Da ist die Karte, Du kannst alles wählen, was Du willst, solange es die Schweinswürstl für 6,98 € sind, denn dafür habe ICH mich entschieden!“, dann ist Deine „Wahl“ keine Wahl mehr. Du bist dann der Sklave/Abhängige der Vorwahl/Entscheidung des Wirtes. „So ein Unsinn, so eine Frechheit!“, wirst Du denken, und vielleicht entrüstet aus dem Lokal stürmen. Warum? Weil Du überhaupt keine Wahl (im Sinne des Wortes) mehr hattest. Warum dann eine Speisekarte zur Auswahl der Speisen? Nein, diese falsche Vorstellung führt dazu, dass es auf Seiten Gottes gar keine Wahl mehr gibt. Das ist schon sprachlich klar. [1] – Im Bilde erklärst Du aber die Auserwählung seitens Gottes im Prinzip genau so: Gott „kann“ (darf?, muss?) nur das „erwählen“, was der Mensch gewählt hat. Das Problem mit dem „ewig“ soll dann über die Allwissenheit und Ewigkeit Gottes gelöst werden, aber da taucht das zweite Missverständnis auf, denn der Begriff der Vorkenntnis/ Vorsehung liefert eben nicht das, was man diesem fälschlicherweise zuschreibt. Den Endeffekt dieser falschen Idee kann man schnell erkennen: Wer entscheidet hier über das Heil, das ewige Leben, die Gotteskindschaft: es ist der nicht neugeborene, unter die Sünde verkaufte/versklavte Sünder, Gott vollzieht im Heilserwählen nur exakt nach, was ein Sünder vorentschieden hat. Gott hat keine Wahl mehr, Er ist mechanisch daran gebunden, was schon von anderer Seite her entschieden ist. Und das soll dann das (Aus-) „Erwählen“ durch Gott sein. Wirklich? 
Die Realität ist anders, sie ist so, wie es die Bibel beschreibt: der Mensch ist unter die Sünde versklavt, steht unter dem Zorn Gottes, ist geistlich von Geburt an tot, aber sehr „lebendig“ im Sündigen und Rebellieren gegen Gott (Römer 3,9–19). Mit einem Wort: Sie sind „alle unter der Sünde“ (Römer 3,9), sie sind „fleischlich, unter die Sünde verkauft“ (Römer 7,14), denn „Jeder, der die Sünde tut, ist der Sünde Knecht (Sklave)“ (Joh 8,34). Wenn ich diese Worte Gottes lese, dann lese ich über das Verhältnis eines Sünders zur Sünde ein „unter“, ein „verkauft“ und „Knecht/Sklave“. Das ist das Gegenteil davon, „über“ der Sünde zu stehen, „frei“ und unabhängig von ihr zu denken und zu handeln. Der Sünder sei von der Versklavung an die Sünde „frei“, um geistlich gesehen vor Gott das Richtige und das Beste zu tun? Wirklich? Damit leugnest Du diese Bibelstellen, die Aussprüche des Sohnes Gottes. Das fände ich ungeheuerlich.
Frage Dich: Wie frei ist ein Toter? Das ist im Geistlichen nicht anders wie im Physischen, daher gebrauchen der Herr und die Apostel genau dieses Bild vom Totsein. Gott allein lebt und ist absolut freier Herr. Sein Wille ist alleine wirklich frei, ist dabei aber immer seinem ganzen Wesen entsprechend: immer gerecht, heilig und vollkommen. Es ist sicher das absolut Beste, wenn dieser Wille unumschränkt wirksam wird! Denn der Wille des nicht von Gott erneuerten Sünders ist immer böse und bewegt sich nur im Rahmen seines sündigen Wesens, ist nur in der Reichweite seiner Sündenketten frei. Der Wille Gottes hingegen ist stets gut, ein vollkommener Ausdruck Seiner Souveränität, Liebe und Heiligkeit. Das ist es, was es bedeutet, Gott zu sein. Das zumindest lehrt die Schrift durchgehend. Lassen wir doch Gott Gott sein. Uns gebührt die Haltung eines Geschöpfes.

(5) Der Vorwurf kam von Dir, das alles sei „calvinistisch“. Nun, dieser Begriff ist kein Begriff, weil er nichts mehr greifen lässt. Er ist reines Schimpfwort geworden, ein Etikett, das man Leuten aufdrückt, deren biblische Heilslehre man nicht liebt. (Da gibt es noch mehr „Etiketten“, auf allen Seiten!). Ich lege diese unqualifizierte Bezeichnung also auf die Seite, zumal wenn sie von jemand kommt, der wohl noch nicht einmal das Zentralwerk Calvins, die Institutio, geschweige denn Seine Auslegungen, gelesen hat. Es würde mir zwar Vergnügen bereiten, Dir hier abzudrucken, was er über Johannes 3,16 und über den freien Willen des Menschen geschrieben hat, denn das würde bestimmt ungläubiges Staunen erzeugen. 
Ich gebe Dir wenigstens eine Kostprobe zu Johannes 3,16, wo Calvin schreibt: »„Auf dass jeder, die an ihn glaubt“. Und er [Johannes] hat den universalen Begriff „jeder“ verwendet, um sowohl alle ohne Unterschied einzuladen, ihren Anteil am Leben sich zu sichern, also auch, um jede Entschuldigung der Ungläubigen abzuschneiden. Denselben Zweck hatte auch schon der Begriff „Welt“, den er vorher verwendet hatte. Gott vermag zwar in der Welt nichts zu finden, was ihm seine Huld abnötigte; dennoch zeigt er sich gütig gegen die ganze Welt. Alle ohne Ausnahme beruft er zum Glauben an Christum und eben damit zum Eingang ins Leben.« (Johannes Calvin, Kommentar zum Evangelium nach Johannes, Bd. 1, in loci; Fettdruck hinzugefügt). Wer also behauptet, ein „Calvinist“ sei jemand, der abstreitet, dass Gott alle Menschen ohne Unterschied zur Rettung einlädt, erweist sich entweder als Lügner oder als Unwissender; solche Leute sollten jedenfalls besser schweigen.

Und wer behauptet, dass Calvin oder ein „Calvinist“ leugnen, dass der Mensch einen Willen habe, dem sei aus vielen Zitaten dieses vorgelegt: »Denn es bleibt zwar ein Rest (residuum) Verstand und Urteilskraft (iudicium) samt dem Willen bestehen; aber wir können doch nicht sagen, das Gemüt (der Verstand) sei unversehrt und gesund, denn es ist schwächlich und mit viel Finsternis umhüllt; außerdem ist die Verkehrtheit des Willens mehr als genugsam bekannt. … So ist auch der Wille nicht verloren gegangen, weil er von der Natur des Menschen nicht zu trennen ist; aber er ist in die Gefangenschaft böser Begierden geraten, so dass er nichts Rechtes mehr begehren kann.« (Johannes Calvin, Unterricht in der christlichen Religion = Institutio Christianae religionis. Nach der letzten Ausg. übers. und bearb. von Otto Weber, Bd. 2, 2, 12). Calvin sagt also: Der Wille ist da, aber er ist verkehrt und versklavt. Genau das sagt auch die Heilige Schrift.

(6) Wo wir nachdenken und präziser werden müssten, ist bei den Begriffen „Wille“ und „frei“. Nein, das ist nicht einfach. Wikipedia schreibt: „es gibt keine allgemein anerkannte Definition“ für „freier Wille, Willensfreiheit“. Die Philosophen und Theologen haben sich dazu widersprüchlich geäußert. Also sollte man klären, was man mit beiden Begriffen meint, sonst redet man aneinander vorbei. Das Aneinandervorbeireden war von meiner Seite aus gut zu erkennen. Bedenke einmal: Ein „Calvinist“ (Luther) schrieb wider den Humanisten Erasmus vom „unfreien Willen“ des Menschen; dies war eine seiner bedeutsamsten Arbeiten, wie er selbst auf dem Sterbebett sagte. Ein anderer „Calvinist“ (J. Edwards) hingegen schrieb über „Die Freiheit des Willens“. Das klingt widersprüchlich, ist es aber nicht. Man muss eben wissen, von was man redet, und klären, was man mit den Begriffen jeweils meint und bezeichnet. Für den biblisch Glaubenden muss das, was er behauptet und annimmt, aus Gottes Wort stammen bzw. nicht im Widerspruch dazu stehen, sonst ist es Phantasiegebilde, nicht Realität. – Ganz praktisch: Schreibe aus Gottes Wort einmal auf, was es über „Wille“ (Gottes und des Menschen, erlöst und unerlöst) und „frei“/„Freiheit“ bzgl. dieser Personen sagt. Damit wäre viel geleistet, was heute noch für eine fruchtbare Diskussion fehlt. Denn: Wo die Begriffe nicht geklärt sind, ist das Gesagte nicht das Gemeinte. So entstehen Missverständnisse, Misstrauen und Missliebe.

(7) Du hast behauptet, dass „die Calvinisten“ stets leugnen würden, dass die Auserwählung seitens Gottes „nach Vorkenntnis Gottes, des Vaters“ erfolge. Diese „Vorsehung“ (das war wohl der Ausdruck, auf den Du bestandest?!) würde alles erklären, und die Wahl (und damit ewiges Heil) letztlich in die Hände eines jeden Sünders legen, denn Gott entscheide nicht frei, sondern nur entsprechend dessen, was Er „voraussehend“ beim Menschen sehe.
Damit hat Gott aber kein freies Wissen mehr, sondern Er muss selbst „mit Blick in dieZukunft“ erlernen, was dort geschieht, und sich entsprechend in seinen ewigen (?) Plänen und Seinem Wählen unterordnend anpassen und (sklavisch!) folgen. Das steht aber im Widerspruch zum Begriff der Freiheit als auch zum Begriff der Wahl. Was Gott „in der Zukunft“ sieht, ist nichts anderes, als das, was ER höchstpersönlich für diese Zukunft (und überhaupt) ewig verordnet hat. Alles was geschieht, geschieht, weil Er es genau so weiß und verordnet hat. Sein Wissen ist absolute Wahrheit, sein Wille schafft Realität. Es gibt keine von Gott unabhängige Energie oder Existenz, die einen „Gegenplan“ realisieren könnte. Nur Gott lebt aus sich selbst heraus und regiert über alles. Alle anderen Wesen sind Geschöpfe und hängen als solche „am Stecker“ und „dem Kraftwerk“ Seiner Energie, Seines Willens. Nur ER gibt allem Leben und Existenz. Das ist bedeutsam für die Frage nach der Ur-Sache, nach Souveränität und Abhängigkeit.

Ich kann viel besser nachvollziehen, dass es einem „Calvinisten“ (also jemandem, der nicht mehr wie die röm.-kath. Kirche, sondern biblisch wie die Reformatoren im Heil denkt) sehr zuwider ist, den Menschen in den Mittelpunkt des Heils zu stellen, wenn er doch in der Schrift gesehen hat, dass die ganze Heilsgeschichte einen Hauptzweck hat: Gott zu verherrlichen, IHN in den Mittelpunkt zu stellen, damit ER gelobt und gepriesen wird für Seine Heiligkeit, Liebe und Treue (usw.). Das versteht die Schrift (und normalerweise der Christ) darunter: Dass das Heil allein aus Gnaden ist (mit allem Drum und Dran), also freies Geschenk, nicht bedingtes Geschenk (denke an das Metapher mit dem Wirt oben!). 

Vorkenntnis (prógnōsis)

Die Stelle, die Du mir zeigtest, war 1. Petrus 1,2: „die auserwählt sind nach Vorkenntnis Gottes, des Vaters, in der Heiligung des Geistes zum Gehorsam und zur Besprengung mit dem Blut Jesu Christi…“– Schauen wir uns das näher an: Petrus kündigt hier nach seinem Briefbeginn die grundlegenden Themen seines Briefes an: Vorkenntnis Gottes, Heiligung durch den Geist Gottes, Gehorsam gegenüber Jesu und Blutbesprengung, die er später im Brief weiter ausdehnen und entwickeln wird (also kann man nicht bei 1,2 anfangen oder stehen bleiben, um 1,2 zu verstehen!). Er erinnert seine Leser daran, dass sie an einen dreieinigen Gott und an Dessen dreieiniges Werk glauben. Man kann dies schön in der Wortwahl und dem Aufbau von Vers 2 erkennen: Vater, Geist, Jesu Christi.

Die „Vorkenntnis (Gr. prógnōsis) Gottes“ ist mehr als nur das bloße Wissen, was in der Zukunft passieren wird, denn es schließt Gottes spezielle Beziehungen (!) mit der Menschheit, selbst bevor diese Menschen bestanden, mit ein (vgl. Römer 1,20; Amos 3,2; Apg 2,23; Römer 8,29–30; 11,2). Diese „speziellen Beziehungen“ schließen Gottes Erwählung und seinen besonderen Plan für Sein Volk mit ein. Die „Heiligung“ des Geistes ist das Wirken des Geistes Gottes, in dem Er das Erlösungswerk Christi einem Menschen zueignet, diesen reinigt und ihn in den Dienst stellt. (Das Blutbesprengen spielt auf den Bundesschluss in 2. Mose 24,3–8 an, aber hier ist der Neue Bund –im Blut Jesu– gemeint.) Das Ziel der Erwählung und der Erlösung ist also der Gehorsam Gott gegenüber, der aus dem Glauben herauswächst (vgl. den Begriff des „Glaubensgehorsams“, der am Anfang und am Ende des Evangeliums im Römerbrief steht: Römer 1,5; 16,26 und Apg 6,7 als Beispiel). 

Der Grußabschnitt des Briefes schließt mit dem Segenswunsch, dass die Gnade und der Friede Gottes den Glaubenden vermehrt werde. Der nächste Briefabschnitt beschäftigt sich dann mit den Vorrechten und den Verantwortungen, die sich aus dem Heil/Gerettetsein ergeben (1,3–2,10).

Der Begriff prógnōsis (Vorkenntnis, Vorherkenntnis) taucht nicht nur hier im Wort Gottes auf, das war eine Falschinformation von Dir (s. auch Apg 2,23, dort gerichtet auf Gottes vorzeitlichen(!), festen(!) Plan Gottes, Jesus durch die Hand von Gesetzlosen in den Tod zu geben). Diese Vorher-Kenntnis Gottes ist ein Teilaspekt seiner Allwissenheit, aber es ist mehr als das bloße Wissen einer Information. (Gott ist immer allwissend, es ist eine Seiner Wesenszüge, das müsste nicht extra gesagt werden, und umfasst alles und jeden.) Wie das Wörterbuch von Vine erklärt, spricht der Begriff von erwählender Gnade, schließt aber den Willen des Menschen nicht aus (die Stelle in Apg 2,23 stellt ja „beide Seiten“ trefflich Seite an Seite!).
Das Verb dazu, proginṓskō, taucht auch in Apg 26,5; Römer 8,29; 1. Petrus 1,20 (!) und 2. Petrus 3,17 auf, was uns die Bedeutung weiter aufschlüsselt. Wenn ein Mensch etwas vorher weiß, ist dies allerdings etwas anderes, als wenn Gott etwas vorher weiß, denn das Wissen des Menschen ist fehlerhaft und unvollständig, das Wissen Gottes aber richtig, ewig und allumfassend. Da Gott nichts dazulernt, ist sein Wissen vor aller Zeit nichts anderes als das in der Zeit oder das in der Ewigkeit nach der Zeit. Gott ist nicht „hinterher schlauer als vorher“, wie wir Menschen. Das Wissen und das Wollen Gottes schafft vielmehr unmittelbare Realität. Wenn Gott dann spricht, steht es da. Aus dem Nichts. Gott kann Tote durch Sein Wort lebend vor sich stellen (Lazarus), Welten aus dem Nichts ins Dasein rufen (Schöpfung). Das kann kein Geschöpf. Beim Menschen schafft das Vorherwissen oder das Wollen ohne weiteres erst einmal gar nichts. Diesen Unterschied kennen leider manche Christen nicht. Der alte Fehler, dass der Mensch aus seiner menschlichen Erfahrung (oft unbewusst und unreflektiert) auf Gott schließt, kommt wieder tragisch zu Tage. Ich füge den Eintrag im anerkannten Wörterbuch von Kittel, Gerhard ; Friedrich, Gerhard ; Bromiley, Geoffrey William: Theological Dictionary of the New Testament noch hinzu (auf Englisch, ich habe nur die englische Ausgabe):

»proginskō, prógnōsis. The verb means “to know in advance,” and in the NT it refers to God’s foreknowledge as election of his people (Rom. 8:29; 11:2) or of Christ (1 Pet. 1:20), or to the advance knowledge that believers have by prophecy (2 Pet. 3:17). Another possible meaning is “to know before the time of speaking,” as in Acts 26:5. The noun is used by the LXX in Jdt. 9:6 for God’s predeterminative foreknowledge and in Jdt. 11:19 for prophetic foreknowledge; Justin uses it similarly in Dialogue with Trypho 92.5; 39.2.«

Der von Dir gewählte Begriff „Vorsehung“ (für prógnōsis in 1. Petrus 1,2) wird im Wörterbuch Wiktionary.org so erklärt: »Religion: höhere Macht, die die einzelnen Ereignisse, die einem Menschen widerfahren, anordnet (meist letztlich zum Guten hin)«. Vorsehung bedeutet demnach Anordnung, nicht nur passives „Vorhersehen“. Ich denke, das ist etwas ganz anderes, als wie Du den Begriff verwendest. So entstehen Missverständnisse: wenn man Begriffen andere Inhalte gibt, als sie gewöhnlich haben, weil man eine eigene Vorstellung hineininterpretieren will. Daher: miteinander reden, erklären, Geduld haben.

(8) Dann versuchte ich Dich noch dafür zu sensibilisieren, dass Begriffe in der Schrift (wie immer in jeder Sprache) ihren Sinn aus dem Kontext erhalten. Es ging um den Begriff „Welt“ und um Dein Verständnis von Johannes 3,16: „Denn auf solche Art und Weise hat Gott die Welt geliebt, dass…“. Meine Erfahrung ist, dass dieser „am besten bekannte Vers der Bibel“ sehr missverstanden wird, weil viele sich nicht die Mühe machen zu verstehen, was der Herr in den Versen 1 bis 15 gelehrt und klar gemacht hat. Allein zur zentralen Frage der Neugeburt gebraucht der Sohn Gottes zwei Bilder: die Geburt eines Menschen und den Wind. Der Sohn Gottes versucht mit beiden Metaphern/Bildern dem Obertheologen Nikodemus klarzumachen, wie die geistliche Neugeburt, von der die Rede ist, geschieht. (Wie Fruchtenbaum ausführt, hatten die Rabbis damals viele Ideen, durch welche Entscheidungen oder Taten (Eheschluss, Priester werden usw.) man sich die Wiedergeburt sichern könne. Das war aber genau der falsche Ansatz: dass man es selbst durch eine Entscheidung oder Tat bewirken könne! Das ist der Grundirrtum aller falschen Religionen und steht im Gegensatz zum biblischen Evangelium der Gnade. Bei der menschlichen Geburt ist völlig klar, dass das Gezeugte und dann Geborene absolut keinen Beitrag zu seiner Entstehung hatte (Wie kann man das übersehen oder missverstehen?). Im zweiten Bild (des Windes) sagt der Herr: „Der Wind weht, wo ER will“ (3,8). Der Wind ist hier im Bild der Heilige Geist. Dieser bewirkt die Wiedergeburt, und zwar dort, „wo ER will“. Damit ist die Frage, auf welchen Willen es bei der Wiedergeburt ankommt, ein für allemal geklärt. Der Herr konnte es nicht deutlicher ausdrücken, wie mit diesen beiden Bildern. Wenn Du nun sagst: Dann war Jesus auch ein „Calvinist“, dann kann ich Dir nicht helfen. Wenn man Eins und Eins zusammenzählen kann, erkennt man doch deutlich, was der Sohn Gottes hier dem Nikodemus klarmachen will: Es kommt bei der „Geburt von oben“ nicht auf die Taten, die Entscheidung, den Status oder den Willen des Wiedergeborenen an, sondern alleine auf den souveränen Willen Gottes, des Heiligen Geistes. Wenn man das nicht sieht, wie soll dann Johannes 3,16 klar werden? Wer das Irdische nicht versteht, wie will er dann das Himmlische verstehen? (3,12) – Johannes zeigt in weiteren Aussagen auf, dass solch ein wiedergeborener Mensch dann immer auch ein glaubender Mensch ist: das ewige Leben und den rettenden Glauben gibt es niemals getrennt voneinander, Beides gehört stets und gleichzeitig zusammen. (Die Zeitformen der betreffenden Verben sind höchst aufschlussreich!)

Was den Begriff „Welt“ angeht: Schreibe einmal alle Stellen mit „Welt“ bei Johannes auf ein Stück Papier (oder in eine Tabelle im Rechner). Versuche dann herauszubekommen, ob es stimmt, dass „Welt“ (κόσμος kosmos) immer „alle Menschen (ohne Ausnahme)“  (oder was immer Du meinst) bedeutet. Meine Dir gegebenen Beispiele: 1. „Gott liebt die Welt“, 2. „Liebet nicht die Welt“, 3. „Ich habe die Welt überwunden“ oder auch 4. „dass er aus dieser Welt zu dem Vater gehen sollte“, 5. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ usw. sollten auf einen Blick deutlich machen, dass die Bedeutung des selben Wortes je nach Kontext unterschiedlich sein kann und sein muss. Es ist also nicht einfach und sofort zu sehen, was in Johannes 3,16 gemeint ist, wie Du meinst. Insbesondere ist die Auslegung falsch, dass dieser Vers von der Menge, dem Umfang der Liebe (und Rettung) Gottes rede. Das Wort „also“ ist wieder jenes griech. Wort, das eher auf eine Qualität und nicht auf eine Quantität hindeutet, also: Von welcher besonderen Art ist doch die Liebe Gottes, dass sie sogar für solche finsteren Rebellen und bösesten Feinde, wie sie in der Welt sind, den einzigen, vielgeliebten Sohn hingibt.“ Es geht nicht um die Breite und Ausdehnung jener Liebe, sondern um ihre Tiefe und Qualität: Von wie weit „oben“ sie sich bis so weit „unten“ ausgestreckt hat. – Das soll hier erstmal genügen.

Wie versteht unser Verband die Erwählung? Anders, wird gesagt. Aber wie?

Ich habe interessehalber mal wieder das Glaubensbekenntnis des Verbandes daraufhin durchgesehen, was es über die „Erwählung“ aussagt. Das Ergebnis:

  1. Es steht überhaupt nichts über Erwählung in diesem Bekenntnis. Also kann man nicht behaupten: Der und die sieht es anders, als „wir“ (eine Gemeinde des Verbandes) es sehen/lehren. Dafür ist offiziell nichts zu finden. Höchstens als eine Geheimlehre, die man nicht veröffentlicht hat. Warum dies so ist, weiß ich nicht, aber ich schließe daraus zumindest, dass es keine so wichtige Frage ist, als dass man sie im Bekenntnis erwähnen wollte.
  2. Unter „Erlösung“ hingegen steht:
    »Allein durch das eine in Ewigkeit gültige Sühnopfer Jesu Christi kann der Mensch erlöst werden. Wenn er nun sein Herz der Wirkung der göttlichen Gnade öffnet, empfängt er Buße (Umkehr) zum Leben, so dass er seine Sünden erkennt, bereut, bekennt und lässt.(Apg. 2, 37, Jes. 55, 10-11, Apg. 11, 18; 26, 18, Lk. 15, 17-21, 1. Joh. 1, 9, Jak 5, 16)«

Schauen wir uns das einmal genauer an: Der Mensch muss also „sein Herz der Wirkung der göttlichen Gnade öffnen“, dann empfängt er das Heil. Checkt man die angegebenen Stellen der Schrift, dann steht es aber anders da. Gehen wir die genannten Bibelstellen einmal durch: 

  • »Als sie aber das hörten, drang es ihnen durchs Herz, und sie sprachen zu Petrus und den übrigen Aposteln: Was sollen wir tun, Brüder?«
    Man erkennt die Passiv-Form des Verbes „(durch)dringen“. Es ist nicht von einem aktiven Öffnen des Herzens die Rede, sondern davon, dass diese Botschaft ihnen durchs Herz drang. Das war äußere Macht, die ins Innere vorstieß. Und das hatte dann geistliche Auswirkungen, hier zum rechten Fragen. Die betreffenden Menschen erlebten das Durchdringen ihrer Herzen an sich, das ist der Sinn des Gebrauchs der Passiv-Form. Sie durchdrangen es nicht selbst, sie „öffneten ihr Herz auch nicht der göttlichen Gnade“. Die Rede ist nicht von „Öffnen“, sondern dass da etwas durchdrungen wurde. Sie wurden überwältigt durch den Geist Gottes, der in der Predigt des von Ihm gegebenen Wortes mächtig (und hier heilsstiftend) wirksam wurde. Römer 10 erklärt das genauer.
  • »Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel herabfällt und nicht dahin zurückkehrt, wenn er nicht die Erde getränkt und befruchtet und sie hat sprossen lassen und dem Sämann Samen gegeben hat und Brot dem Essenden, so wird mein Wort sein, das aus meinem Mund hervorgeht: Es wird nicht leer zu mir zurückkehren, sondern es wird ausrichten, was mir gefällt, und durchführen, wozu ich es gesandt habe.«
    Auch hier wird nicht gesagt, dass jemand sein Herz öffnet, sondern dass Gottes Wort wie ein Same ist, und dass es ausrichten wird, was Gott gefällt, und durchführen, wozu Gott es gesandt hat. Die Regie und das Handeln liegt bei Dem, der das Wort gegeben hat, Er hat die Wirkungen offenbar voll im Griff.
  • »Als sie aber dies gehört hatten, beruhigten sie sich und verherrlichten Gott und sagten: Also hat Gott auch den Nationen die Buße gegeben zum Leben.«
    Noch klarer kann Gott nicht sagen, dass die Buße eine Gabe Gottes ist. Auch hier ist nicht die Rede von einem „Herzauftun“ als einer rettenden Handlung des Sünders. Nein, Gott gibt die Buße einem Menschen, daraufhin tut dieser Mensch selbst Buße und das ist eines der sicheren Kennzeichen, dass neues Leben in jenem Menschen schon da ist.
  • »… um ihre Augen aufzutun, damit sie sich bekehren von der Finsternis zum Licht und von der Gewalt des Satans zu Gott, damit sie Vergebung der Sünden empfangen und ein Erbe unter denen, die durch den Glauben an mich geheiligt sind.«
    Auch hier ist nicht vom Auftun des Herzen die Rede, sondern davon, dass Gott die Augen des Sünders auftut (durch die Predigt des Evangeliums durch Paulus), damit sie sich bekehren (aha, das ist also der Zweck, das angestrebte Ziel), und damit sie das Heil empfangen (Vergebung, Erbe usw.). Auch hier handelt Gott aktiv im Auftun der Augen, Er „verleiht das Gesicht“. Im selben Moment sieht der neugeborene (ehemals blinde) Mensch erstmals die Dinge, wie sie wirklich sind und kehrt um, glaubt, lebt im Glauben ein Heiligungsleben. Um es ganz klar zu sagen: Das Augenauftun durch Gott und das Sehen durch den Menschen ist gleichzeitig, aber das Sehen verursacht nicht das Augenauftun, sondern das Augenauftun verursacht das Sehen.
  • Lukas 15 überspringe ich, da es wohl nicht von Ungläubigen redet, immerhin ist der „verlorene Sohn“ (Welcher von beiden? Gar beide?!) immer ein Sohn des Vaters gewesen. Jesus hat aber gesagt, dass Ungläubige nicht Söhne Gottes des Vaters sind, sondern Söhne des Teufels, ihres Vaters (Johannes 8,44). Aber man kann behaupten, dass man dieses Gleichnis, das ja im Blick auf die herzensbösen Pharisäer vom Herrn gesprochen wurde, zumindest evangelistisch „angewendet“ werden kann. Die Botschaft ist sicher eine mehrfache. Jedenfalls darf ich als völlig irregegangenes Kind Gottes wissen, dass mein himmlischer Vater mich immer noch liebend erwartet und zu vollkommener Vergebung und Aufnahme in seine Gegenwart bereit ist. Ich darf also jederzeit in Reue und Buße zu Ihm zurückkehren.
  • 1. Johannes 1,9 überspringe ich auch, weil es dort um Kinder Gottes geht, die richtig mit ihren Sünden umgehen sollen, indem sie diese ihrem himmlischen Vater bekennen. Es geht hier nicht um den Richter-Gott, vor Dem ich als Sünder stehe, sondern um Gott, meinen Vater, dem ich bekenne, was ich als Sein Kind (!) wieder falsch gemacht habe. Beachtlich ist, dass hier die (väterliche) Vergebung begründet wird mit „so ist er treu und gerecht“, und nicht mit „gnädig und barmherzig“, was für die Vergebung für bußbereite Sünder gilt. Das „wir“, das der Kontext hier einige Verse lang schon gebraucht, macht ganz klar, dass es um Kinder Gottes geht, nicht um Heilssuchende oder Außenstehende (oder wie man Sünder auch bezeichnen mag).
  • »Bekennt nun einander die Sünden und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet; das inbrünstige Gebet eines Gerechten vermag viel.«
    Offensichtlich wird auch hier nichts davon gesagt, dass ein Mensch sein Herz öffne. Es geht auch nicht um das Bekenntnis vor Gott, sondern „einander“. Es geht um Seelsorge in kritischer Situation. Das ist jedenfalls nicht die Situation eines Ungläubigen, da die Bekennenden auch die Betenden sind und als „Gerechte“ bezeichnet werden, deren Gebet viel vermag, denn Gott hört auf den, der zerbrochenen Herzens ist.

Ich fasse zusammen: 

  • Die angegebenen Stellen reden nicht von Erwählung oder Auserwählung.
  • Die angegebenen Stellen reden nicht von einem, der „nun sein Herz der Wirkung der göttlichen Gnade öffnet“.
  • Die Stellen sagen etwas anderes.

Es gibt andere Stellen, die eher etwas über das „Öffnen des Herzens“ reden, sie werden aber nicht aufgeführt. Zum Beispiel  Apg 16,14:  »Und eine gewisse Frau, mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, die Gott anbetete, hörte zu, deren Herz der Herr auftat, dass sie Acht gab auf das, was von Paulus geredet wurde.«

  • Ja, es ist der HERR, der das Herz auftut. Und dann tun wir das auch. Ohne Widerspruch, ohne Fehl. Kurze Zeit danach war sie getauft in die Nachfolge Jesu Christi… – Ich frage mich, ich frage Dich: Warum reden wir nicht so, wie das Wort der Wahrheit redet?
  • Was ein Mensch jedoch sehr gut kann, ist, das Herz zu verschließen (1. Johannes 3,17), aber in 1. Johannes 3,17 geht es nicht um das Heil und die Erlösung, sondern um ein Erbarmen in praktischer Mildtätigkeit, von Gottes Liebe (die im Herzen schon ausgegossen ist, Römer 5,5) getrieben.

Es gibt noch mehr Punkte, die ich ansprechen wollte, z. B. Epheser 2,8–10 (das grammatische „Problem“ mit der Gabe des Glaubens; als Gabe Gottes ist dort aber unschwer das gesamte Heil zu sehen, damit natürlich inklusive des Glaubens), aber das ist schon unheimlich viel, ich befürchte viel zu viel. Die Wahrheit erfassen ist eine langwierige Angelegenheit, die viel Arbeit im Studium der Schrift und auch einige Geduld von uns fordert: „Befleißige dich, dich selbst Gott als bewährt darzustellen, als einen Arbeiter, der sich nicht zu schämen hat, der das Wort der Wahrheit recht teilt“ (2. Timotheus 2,15). Wir lernen langsam, wachstümlich. Es gibt Fragen im Leben, die kann man mit einem Kind nicht besprechen, aber später kann und sollte man es tun. Voraussetzung ist Wachstum und ein Leben, das das Wirken des Heiligen Geistes nicht dämpft, sondern fördert. Denn Er ist unsere Salbung von Gott (1. Johannes 2,20.27), der uns im Wort alles klar macht, so dass wir es sehen können: „Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, gekommen ist, wird er euch in die ganze Wahrheit leiten“ (Johannes 16:13). Also sind wir ganz von Gott abhängig, gerade auch im Erkennen der Wahrheit! 

Wenn wir also am Sonntag in der Heiligen Schrift lesen, dass der Vater seine Kinder mit einer besonderen, ewigen Liebe liebt, sich zum Eigentum nimmt, dann dem Sohn gibt, damit dieser für genau diese als Liebesgeschenk „Gegebenen“ stirbt und ihnen ewiges Leben gibt (Johannes 17), und danach behauptet jemand, dass Gott alle Menschen völlig gleich liebt, dann könnte man verzweifeln, denn die Sprache der Schrift ist klar und die Sache ist klar. Der Bibelstudent lernt, dass es verschiedene Arten und Weisen der Liebe Gottes gibt. Und genau dies festzustellen und dem nachzuforschen, rief der Apostel Johannes ja auf: „Sehet, WELCH eine Liebe…“! Nein, Gott macht einen Unterschied: Manche stehen unter Seinem Zorn und Seinem Gericht, andere hingegen in Seiner Liebe und Gerechtigkeit (Johannes 3,18; 3, 36; Römer 5,1; 8,1 u.a.). Manche erfahren zeitlich und begrenzt Gottes Liebe, andere erfahren darüber hinaus eine ewige, besondere, rettende Liebe (vgl. dazu 1. Timotheus 4,10).

Nach Gottes Willen braucht es in der Gemeinde das Lehramt (die lehrbegabten Glieder des Leibes), denn nicht alle haben diese Gabe erhalten, das macht 1. Korinther 12, Epheser 4 usw. deutlich. Lehren sollen die Lehrer, nicht die anderen. Jeder nach seiner Begabtheit. Eine der notwendigen Kriterien für das Ältestenamt ist, dass diese „lehrfähig“ sein müssen (Titus 1,9; 1. Timotheus 3,2). Es ist mein Gebet für unsere Gemeinde, dass diese Forderung Gottes erkannt und ihr nachstrebend entsprochen wird. Ist das auch Dein Gebet? Wer sind Deine Lehrer? Bist Du selbst ein Lehrer?

Ganz ernst: Was sind Deine geistlichen Gaben, die Du gebrauchst und fleißig weiter ausbildest? Und zwar zur Verherrlichung Gottes: »Je nachdem jeder eine Gnadengabe empfangen hat, dient einander damit als gute Verwalter der mannigfaltigen Gnade Gottes. Wenn jemand redet, so rede er als Aussprüche Gottes; wenn jemand dient, so sei es als aus der Kraft, die Gott darreicht, damit in allem Gott verherrlicht werde durch Jesus Christus, dem die Herrlichkeit ist und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.« (1. Petrus 4,10–11)

Lass Dich ermutigen! Wenn Du das Herz und die Begabung eines Lehrers hast, wirst Du diesen Brief mit Interesse lesen und Dich mit geöffneter Bibel darauf stürzen, diese Dinge anhand der Schrift zu untersuchen. Wenn das nicht der Fall ist, wirst Du das alles nicht wirklich verstehen (wollen) oder es eher nervig finden, evtl. als unnütz, unklar, seltsam, und wahrscheinlich nur ablehnend oder anders emotional und streitend reagieren. Zu jeder Begabung des Geistes gehört nämlich auch das entsprechende Herz, das demgemäß empfindet, passende Interessen hat und entsprechend dem Herrn und der Gemeinde dienen will. Dieses Herz gilt es rein zu erhalten, denn geduldete Sünde (z. B. üble Nachrede) führt dazu, dass der Geist Gottes im Leben dieses Menschen gedämpft oder gar ausgelöscht wird. Entsprechend schwindet aber auch die Erkenntnisfähigkeit in geistlichen Dingen, denn »es ist ihm Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt wird« (1. Korinther 2,14b). Der Apostel Paulus stellt uns zur ernsten Erwägung und Selbstprüfung diese Wahrheit vor die Herzen: »Und ich , Brüder, konnte nicht zu euch reden als zu Geistlichen, sondern als zu Fleischlichen, als zu Unmündigen in Christus.« (1. Korinther 3,1). Daher ist diese Diskussion nicht nur eine des Verstandes, sondern des Gewissens, sie spricht uns nicht nur intellektuell, sondern auch moralisch an.

Herzliche Grüße

Dein
Gottlieb


[1]      Der Begriff der Auserwählung, des Wählens bedeutet nach den griech. Wörterbüchern heraus-wählen, aus-wählen, bestimmen (für ein Amt), eine Wahl treffen (z. B. Strong #g1536„to pick out, choose, to pick or choose out for one’s self“).