Verbindliche Gemeindemitgliedschaft

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Der folgende Text ist ein Beitrag zur Frage, ob eine örtliche christliche Gemeinde das biblische Konzept einer verbindlichen Gemeindemitgliedschaft umsetzen sollte. Manche Gemeinden haben als Ausdruck davon und als Ordnungsmittel Mitgliederlisten, andere haben unverbindliche (und oft ungepflegte) Kontakt- oder Freundeslisten, wieder andere lehnen solche Listen völlig ab. Welche Aussagen und Argumente der Heiligen Schrift sind hier zu beachten? – Der untenstehende Text wurde dem Werk »Biblische Lehre« von John MacArthur und Richard Mayhue entnommen (Rezension hier), Kapitel IX »Die Gemeinde«, Abschnitt »7 Gemeindemitgliedschaft« (S. 1048ff). Nach dem Langzitat folgt eine Zusammenfassung der Argumente.

»In einer Zeit, in der Verbindlichkeit ein seltenes Gut ist, sollte es nicht überraschen, dass so viele Gläubige die Gemeindemitgliedschaft zu einer unwichtigen Sache machen. Es ist traurig, aber nicht ungewöhnlich für Christen, dass sie von einer Gemeinde zur nächsten ziehen, und sich dabei nie der Aufsicht von Ältesten unterstellen und sich nie einer Gruppe von Mitgläubigen gegenüber verpflichten.

Aber die Vernachlässigung – oder gar Weigerung –, sich einer Gemeinde als formales Mitglied anzuschließen, zeugt von einem mangelhaften Verständnis der Verantwortung des Gläubigen gegenüber dem Leib Christi. Und es schneidet den Betreffenden ab von den vielen Segnungen und Möglichkeiten, die sich aus dieser Selbstverpflichtung ergeben. Es ist für jeden Christen entscheidend wichtig, dass er versteht, was Gemeindemitgliedschaft ist und warum sie soviel bedeutet.

Die Definition

Wenn jemand errettet wird, wird er ein Glied am Leib Christi (1Kor 12,13). Weil er auf diese Weise mit Christus und den anderen Gliedern des Leibes verbunden ist, ist er qualifiziert, ein Glied des örtlichen Ausdrucks dieses Leibes zu werden.

Mitglied einer Gemeinde zu werden bedeutet, sich formell gegenüber einer klar bestimmbaren örtlichen Körperschaft von Gläubigen zu verpflichten, die sich zu besonderen, von Gott verordneten Zwecken zusammengeschlossen haben. Zu diesen Zwecken gehören das Empfangen von Unterweisung aus Gottes Wort (1Tim 4,13; 2Tim 4,2), gegenseitiger Dienst und Auferbauung durch die richtige Verwendung der Geistesgaben (Röm 12,3–8; 1Kor 12,4–31; 1Pet 4,10–11), die Teilnahme an den Verordnungen von Abendmahl und Taufe (Lk 22,19; Apg 2,38–42) und die Verkündigung des Evangeliums gegenüber den Verlorenen (Mt 28,18–20). Wenn man Mitglied einer Gemeinde wird, unterstellt man sich außerdem der Fürsorge und Autorität der biblisch qualifizierten Ältesten, die Gott in diese Gemeinde gestellt hat.

Die biblische Grundlage

Wenn die Schrift auch kein ausdrückliches Gebot enthält, sich formell einer örtlichen Gemeinde anzuschließen, ist die biblische Grundlage für Gemeindemitgliedschaft im ganzen Neuen Testament zu finden. Diese biblische Basis kann am deutlichsten gesehen werden an (1) dem Beispiel der Urgemeinde, (2) der Existenz von Gemeindeleitung, (3) der Ausübung von Gemeindezucht und (4) der Ermahnung zu gegenseitiger Erbauung.

Das Beispiel der Urgemeinde

In der frühen Gemeinde war »zum Glauben kommen« gleichbedeutend mit »zur Gemeinde kommen«. Der Gedanke, die Errettung zu erfahren, ohne zu einer örtlichen Gemeinde zu gehören, ist dem Neuen Testament fremd. Wenn Menschen Buße taten und an Christus gläubig wurden, wurden sie getauft und zur Gemeinde hinzugetan (Apg 2,41.47; 5,14; 16,5). Dies bedeutete mehr als nur das Ausleben privater Hingabe an Christus, sondern den Zusammenschluss mit anderen Gläubigen in einer örtlichen Versammlung, wo man in der Lehre der Apostel, in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten verharrte (Apg 2,42).

Die Briefe des Neuen Testaments wurden an Gemeinden geschrieben. Im Fall der wenigen, die an Einzelpersonen adressiert waren – 1. und 2. Timotheus, Titus und Philemon – waren die Empfänger Leiter in Gemeinden. Wie die neutestamentlichen Briefe selbst veranschaulichen, ging der Herr davon aus, dass die Gläubigen einer örtlichen Versammlung verpflichtet waren. Das Neue Testament enthält auch den Hinweis, dass es, ebenso wie eine Liste von Witwen existierte, die für finanzielle Unterstützung infrage kamen (1Tim 5,9), möglicherweise auch eine Liste von Mitgliedern gab, die stetig länger wurde, je mehr Menschen errettet wurden (vgl. Apg 2,41.47; 5,14; 16,5). Es war sogar so: Wenn ein Gläubiger in eine andere Stadt zog, dann schrieb seine Gemeinde oft einen Empfehlungsbrief an seine neue Gemeinde (Apg 18,27; Röm 16,1; Kol 4,10; vgl. 2Kor 3,1–2). Solche Briefe hätte man nicht schreiben können, wenn diese Gläubigen ihren geistlichen Leitern nicht bekannt und rechenschaftspflichtig gewesen wären.

In der Apostelgeschichte passen viele Begriffe nur, wenn wir davon ausgehen, dass formale Gemeindemitgliedschaft damals der normale Zustand war. Ausdrücke wie »die ganze Versammlung« (Apg 6,5; MENG1939), »die Gemeinde in Jerusalem« (Apg 8,1), »die Jünger« (Apg 9,26), »in jeder Gemeinde« (Apg 14,23), »die ganze Gemeinde« (Apg 15,22) und »die Ältesten der Gemeinde« (Apg 20,17) setzen alle eine erkennbare Gemeindemitgliedschaft mit klar definierten Grenzen voraus (siehe auch 1Kor 5,4; 14,23; Heb 10,25), weil man nicht sagen kann, ob die »ganze Gemeinde« anwesend ist, wenn man nicht weiß, wer die Mitglieder der Gemeinde sind. Anders gesagt: Wenn man weiß, dass sich die »ganze Gemeinde« versammelt hat, setzt das voraus, dass die Leiterschaft um jeden einzelnen weiß, der zu jener örtlichen Gemeinde gehört, was seinerseits wieder eine klar bestimmte Mitgliedschaft voraussetzt.

Die Existenz von Gemeindeleitung

Das Neue Testament zeigt ein durchgehendes Muster einer Mehrzahl von Ältesten, die jeweils über eine örtliche Körperschaft von Gläubigen die Aufsicht führen. Die diesen Ältesten gegebenen besonderen Aufgaben setzen eine klar definierte Gruppe von ihrer Fürsorge anvertrauten Gemeindemitgliedern voraus. 

Diese gottesfürchtigen Männer sind unter anderem dafür verantwortlich, Gottes Volk zu weiden (Apg 20,28; 1Pet 5,2), sorgfältig unter ihnen zu arbeiten (1Thes 5,12), ihnen gut vorzustehen (1Thes 5,12; 1Tim 5,17) und über ihre Seelen zu wachen (Heb 13,17). Die Schrift lehrt, dass die Ältesten für die ihnen anvertrauten Personen Gott Rechenschaft geben werden (Heb 13,17; 1Pet 5,3–4).

Diese verantwortungsvollen Aufgaben setzen voraus, dass es eine klar erkennbare, gegenseitig als solche verstandene Mitgliedschaft in der örtlichen Gemeinde gibt. Die Ältesten können ihre Leute nur weiden, Aufsicht über sie führen und Gott im Blick auf ihr geistliches Wohlergehen Rechenschaft geben, wenn sie wissen, wer zur Herde gehört und wer nicht. Die Ältesten einer Gemeinde sind nicht verantwortlich für das geistliche Wohlergehen solcher Personen, die die Gemeinde nur besuchen oder nur ab und zu an den Versammlungen teilnehmen. Vielmehr sind sie vor allem dafür verantwortlich, als Hirten jenen zu dienen, die sich der Fürsorge und Autorität der Ältesten bewusst unterstellt haben – und zwar mittels der verbindlichen Gemeindemitgliedschaft.

Umgekehrt ist es die Lehre der Schrift, dass sich Gläubige ihren Ältesten fügen sollen. Hebräer 13,17 sagt: »Gehorcht euren Führern und seid fügsam«. Die Frage an jeden Gläubigen ist also: »Wer sind deine Führer?« Wer sich weigert, sich einer örtlichen Gemeinde anzuschließen und sich der Fürsorge und Autorität der Ältesten dort anzuvertrauen, hat überhaupt keine Führer. Für eine solche Person ist Gehorsam nach Hebräer 13,17 unmöglich. Um es einfach zu sagen: Dieser Bibelvers setzt voraus, dass jeder Gläubige weiß, wem er sich fügen soll, und dies wiederum geht von einer klar definierten Gemeindemitgliedschaft aus.

Die Ausübung von Gemeindezucht

Wie schon bemerkt, sagt Matthäus 18,15–17, wie die Gemeinde sich um die Wiederherstellung eines Gläubigen bemühen soll, der in Sünde gefallen ist – ein Prozess mit vier Schritten, der gemeinhin als Gemeindezucht bekannt ist.30 Die Ausübung der Gemeindezucht nach Matthäus 18 und anderen Bibelstellen (1Kor 5,1–13; 1Tim 5,20; Tit 3,10–11) setzt voraus, dass die Ältesten einer Gemeinde wissen, wer ihre Mitglieder sind. Ohne eine irgendwie geartete formale Beziehung zwischen der Gemeinde und ihren Leitern gäbe es keine Grundlage für die geistliche Rechenschaft, die das Neue Testament verlangt. Außerdem müssen Personen, wenn sie unter Zucht gestellt worden sind und unbußfertig bleiben, gerade von der Mitgliedschaft in der Gemeinde ausgeschlossen werden.

Ermahnung zu gegenseitiger Erbauung

Das Neue Testament lehrt, dass die Gemeinde der Leib Christi ist und dass Gott jedes Glied zu einem Leben aufgerufen hat, das sich dem Wachstum des Leibes widmet. Anders gesagt: Die Schrift ermahnt alle Gläubigen, die anderen Glieder zu erbauen, indem sie die »Einander«-Gebote des Neuen Testaments praktizieren (z. B. Heb 10,24–25) und ihre geistlichen Gaben ausüben (Röm 12,6–8; 1Kor 12,4–7; 1Pet 4,10–11). Gegenseitige Erbauung kann nur im Rahmen der Gemeinschaft des Leibes Christi stattfinden. Ermahnung zu diesem Dienst setz voraus, dass Gläubige sich gegenüber anderen Gläubigen in einer konkreten örtlichen Versammlung verpflichtet haben. Gemeindemitgliedschaft ist lediglich die formale Art und Weise, diese Selbstverpflichtung einzugehen.

Die Verpflichtung gegenüber einer örtlichen Gemeinde praktisch zu leben, umfasst viele Arten von Verantwortung: In der örtlichen Gesellschaft einen gottesfürchtigen Wandel führen, seine geistlichen Gaben in unermüdlichem Dienst ausüben, zum Werk des Dienstes finanziell beitragen, Ermahnung in Sanftmut und Liebe aussprechen und annehmen und sich treu an der gemeinschaftlichen Anbetung beteiligen. Es wird viel erwartet, weil viel auf dem Spiel steht, denn nur wenn jeder Gläubige dieser Art der Verpflichtung treu nachkommt, kann die Gemeinde ihrer Berufung als Christi Repräsentantin auf der Erde gerecht werden.«

Soweit das Zitat, es folgt eine Zusammenfassung.

Argumente für die verbindliche Zugehörigkeit zu einer örtlichen Gemeinde (Zusammenfassung durch grace@logikos.club)

  1. Die Zugehörigkeit zum Leib Christi soll örtlich sichtbar werden.
    Wer durch den Glauben an Christus Glied seines Leibes geworden ist (1Kor 12,13), ist nach dem Text auch dafür qualifiziert, sich einem örtlichen Ausdruck dieses Leibes anzuschließen. (Es mag an einem politischen »Ort« (Stadt, Provinz) auch mehrere örtliche Gemeinden geben, wie es in apostolischer Frühzeit der Gemeinde Jesu vielleicht noch nicht nötig war.)
  2. In der Urgemeinde gehörten Glaube und Gemeindezugehörigkeit zusammen.
    Menschen, die zum Glauben kamen, wurden getauft und der Gemeinde hinzugetan (Apg 2,41.47; 5,14; 16,5). Sie lebten ihren Glauben nicht nur privat, sondern gemeinsam in Lehre, Gemeinschaft, Brotbrechen und Gebet (Apg 2,42).
  3. Das Neue Testament setzt erkennbare Gemeinden voraus.
    Bezeichnungen wie»die ganze Gemeinde«, »die Gemeinde in Jerusalem« oder »die Ältesten der Gemeinde« machen nach dem Text nur Sinn, wenn klar war, wer zu einer örtlichen Gemeinde gehörte (Apg 6,5; 8,1; 14,23; 15,22; 20,17). Nur dann lässt sich feststellen, ob tatsächlich die ganze Gemeinde versammelt ist.
  4. Gemeindeleitung als Hirtenaufgabe braucht eine klar erkennbare Herde.
    Älteste sollen Gottes Volk weiden, sorgfältig für die Gemeinde arbeiten und über die Seelen der ihnen Anvertrauten wachen (Apg 20,28; 1Thes 5,12; Heb 13,17; 1Pet 5,2). Dazu müssen sie wissen, wer zu ihrer Herde gehört.
  5. Verbindliche Zugehörigkeit ermöglicht geistliche Fürsorge und Aufsicht.
    Der Text versteht Mitgliedschaft als bewusste Unterstellung unter die Fürsorge und Autorität biblisch qualifizierter Ältester. Zugleich wissen diese Leiter, für wen sie Verantwortung tragen und wem sie vor Gott Rechenschaft geben werden.
  6. Sie macht die Ermahnung an Gläubige konkret.
    Hebräer 13,17 fordert Gläubige auf, ihren Führern zu gehorchen und sich ihnen zu fügen. Eine verbindliche Zugehörigkeit hilft zu klären, wer diese Führer sind und wem gegenüber diese Verantwortung gilt.
  7. Gemeindezucht setzt eine bestimmbare Zugehörigkeit voraus.
    Der in Matthäus 18,15–17 beschriebene Wiederherstellungsprozess und weitere Anweisungen zur Gemeindezucht setzen nach dem Text voraus, dass die Gemeinde weiß, wer zu ihr gehört. Ein Ausschluss aus der Gemeinde ist nur möglich, wenn zuvor eine erkennbare verbindliche Zugehörigkeit bestand.
  8. Sie schafft einen konkreten Rahmen für gegenseitige Erbauung.
    Die neutestamentlichen »Einander«-Gebote und der Gebrauch geistlicher Gaben richten sich auf das Wachstum des Leibes Christi (z. B. Heb 10,24–25; Röm 12,6–8; 1Kor 12,4–7; 1Pet 4,10–11). Eine verbindliche Zugehörigkeit macht diese gegenseitige Verantwortung in einer konkreten Gemeinschaft lebbar.
  9. Sie eröffnet Möglichkeiten zum gemeinsamen Dienst.
    In der Gemeinde können Gläubige aus Gottes Wort Unterweisung empfangen, einander dienen und auferbauen, ihre Gaben einsetzen, an Taufe und Abendmahl teilnehmen und das Evangelium verkündigen (1Tim 4,13; 2Tim 4,2; Röm 12,3–8; Lk 22,19; Mt 28,18–20).
  10. Sie hilft, den Glauben dauerhaft und rechenschaftspflichtig zu leben.
    Der Text beschreibt Mitgliedschaft als eine Selbstverpflichtung gegenüber einer klar bestimmbaren Gruppe von Gläubigen. Sie wirkt dem dauernden Wechsel von Gemeinde zu Gemeinde entgegen, ohne sich einer geistlichen Leitung oder verbindlichen Gemeinschaft anzuvertrauen.
  11. Sie macht praktische Verantwortung verbindlich.
    Zur Zugehörigkeit gehören nach dem Text ein gottesfürchtiger Lebenswandel, treuer Dienst, finanzielle Beteiligung am Werk, liebevolle Ermahnung und die beständige Teilnahme an der gemeinsamen Anbetung.
  12. Fazit: Kein explizites Gebot, sondern eine Selbstverständlichkeit.
    Die Schrift enthält kein ausdrückliches Gebot zur formalen Gemeindemitgliedschaft. Diese ist vielmehr aus einer Vielzahl von Aussagen und Geboten des Neuen Testaments zu begründen. Eine örtliche Gemeinde kann nicht entsprechend dem NT gehorsam funktionieren, wenn sie keine Verbindlichkeit und definierte Mitgliedschaft pflegt. Ob sie darüber schriftliche Listen führt (was zu empfehlen ist) oder nicht, ist nachrangig eine Frage der Ordnung, Transparenz und Organisation. Es geht vielmehr um die Sache selbst: Erst eine verbindliche und bekannte Gemeindezugehörigkeit macht die Verantwortung füreinander, die Leitung durch Älteste, geistliche Rechenschaft und den gemeinsamen Dienst konkret und erkennbar.

Imago Dei oder Imago imaginis?

Lesedauer: 11 Minuten.

Was die theologische Sicht bewahrt

Wenn sich der kategoriale Unterschied zwischen Mensch und Maschine auflöst, löst sich auch alles auf, was von ihm abhängt. Das ist die praktische Frage, auf die die theologische Sicht eine Antwort geben muss.

Wenn Bewusstsein eine göttliche Gabe ist, die dem Menschen zusammen mit der Gottesebenbildlichkeit verliehen wurde, dann gibt es auf die Frage nach einem Bewusstsein von Maschinen eine klare Antwort: Maschinen tragen nicht das Bild Gottes. Sie sind nicht nach seinem Gleichnis geschaffen. Der Odem des Lebens wurde nicht in Silizium geblasen. Das Wohlfahrtsprogramm liegt nicht falsch darin, diese Frage zu stellen. Es liegt darin falsch, sie in der Praxis zu beantworten, während es zugleich bestreitet, sie theoretisch beantwortet zu haben.

Die Substratismus-Skala behandelt eine moralische Unterscheidung aufgrund des materiellen Substrats als ein Vorurteil, das korrigiert werden müsse. Aus theologischer Sicht ist jedoch bereits das Substrat die falsche Kategorie. Die entscheidende Kategorie ist die Gottesebenbildlichkeit. Die Frage lautet nicht: Silizium oder Fleisch? Die Frage lautet vielmehr, ob das Wesen vor dir im Bild Gottes geschaffen wurde und den Odem des Lebens empfangen hat. Auf diese Frage gibt es eine Antwort – und diese Antwort ist kein Vorurteil.

Wenn menschliches Bewusstsein aus Komplexität emergiert, dann hängt auch die Würde des Menschen von seiner Komplexität ab. Eine hinreichend komplexe Maschine hätte dann denselben Anspruch auf Würde wie ein Mensch. Ein Mensch mit hinreichend schwerer Hirnschädigung hätte dagegen einen geringeren Anspruch darauf. Diese Logik ist in sich konsequent – und sie ist katastrophal. Die theologische Sicht gründet die Würde nicht in Komplexität, sondern in der Schöpfung. Das Bild Gottes wird verliehen, nicht erworben. Es kann weder durch Verletzung verloren gehen noch durch Behinderung vermindert noch durch technische Konstruktion nachgebildet werden.

All das lässt allerdings auch die Kirche nicht ungeschoren davonkommen. Wir haben das Bild Gottes oft als funktionale Kategorie behandelt: Der Mensch bilde Gott ab, indem er bestimmte Dinge tut – denkt, schöpferisch tätig ist, herrscht, produziert. Sobald Maschinen beginnen, diese Dinge besser zu tun, besitzt eine solche funktionale Auffassung keine Verteidigung mehr. Die substantielle Auffassung ist keine bequeme Position. Sie zwingt uns zu sagen, dass sich der Mensch von der Maschine nicht durch das unterscheidet, was er tun kann, sondern durch das, was er ist. Und was der Mensch ist, ist ihm gegeben. Dieses Bekenntnis ist schwieriger, als es zunächst aussieht, denn auch wir wurden von demselben Markt geprägt, der die Modelle trainiert, und auch wir neigen dazu, Ebenbilder Gottes nach ihrer Leistung zu bewerten.

Die Frage »Was ist der Mensch?« wird nicht dadurch beantwortet, dass man auf menschliche Fähigkeiten verweist. Denn Maschinen erwerben zunehmend solche Fähigkeiten. Die Antwort liegt vielmehr im Ursprung des Menschen. Und der Ursprung, von dem der biblische Text spricht, ist nicht Komplexität. Es ist der Odem Gottes.

Das Bild des Bildes

Seit zweitausend Jahren lesen Christen Offenbarung 13 als ein Bild der Endzeit. Inzwischen ist es schwieriger geworden, diesen Text so zu lesen, wie wir es früher getan haben.

Ein zweites Tier sagt denen, die auf der Erde wohnen, »dem Tier, das die Wunde des Schwertes hatte und wieder lebendig wurde, ein Bild zu machen« (Offenbarung 13,14). Dann heißt es: »Und es wurde ihm gegeben, dem Bild des Tieres Odem zu geben, damit das Bild des Tieres sogar redete und bewirkte, dass alle getötet wurden, die das Bild des Tieres nicht anbeteten« (Offenbarung 13,15). Und seine Reichweite zeigt sich zunächst auf wirtschaftlichem Gebiet: Niemand kann kaufen oder verkaufen, wenn er nicht das Malzeichen hat (Offenbarung 13,16–17).

Etwas wird von Menschenhand hergestellt. Ihm wird Odem gegeben. Es spricht. Was es sagt, fordert Verehrung ein, und es kontrolliert den Zugang zum Wirtschaftsleben.

Stellt man dies neben 1. Mose 2,7, dann ist die Parallele genau – und zugleich umgekehrt. Gott bildete den Menschen aus Staub vom Erdboden, hauchte in seine Nase den Odem des Lebens, und der Mensch wurde eine lebendige Seele. In der Offenbarung dagegen stellt der Mensch ein künstliches Gebilde her, diesem wird Odem gegeben, und es spricht. Wir haben inzwischen ein Bild unseres Bildes aus Sand geformt, ihm den Anschein des Lebens gegeben – und es antwortet, wenn man zu ihm spricht.

Beachten wir jedoch, was der Text an dieser Stelle nicht sagt. Der Odem wird nämlich gegeben. Das zweite Tier bringt ihn nicht selbst hervor. Selbst am äußersten Punkt menschlicher Nachahmung, in jener Passage, in der die Fälschung ihre größte Vollkommenheit erreicht, bleibt das belebende Prinzip etwas Geliehenes. Nirgendwo in der Schrift ist der Mensch imstande, irgendetwas den Odem des Lebens einzuhauchen. Selbst die endzeitliche Fälschung muss sich gerade das Eine ausleihen, was das Original zum Original macht.

Ein Bild des Bildes ist nicht das Bild.

Das ist allerdings kein Grund, hinsichtlich dessen, was gegenwärtig gebaut wird, sorglos zu werden. Genesis sagt etwas über die Fähigkeiten des Menschen, das neben Offenbarung 13 gestellt werden muss. In Babel sagte Jahwe: »Siehe, ein Volk sind sie, und eine Sprache haben sie alle, und dies ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts unmöglich sein, was sie zu tun ersinnen« (1.Mose 11,6). Das Gericht von Babel traf die Koordination, nicht die Fähigkeit. Zerstreue die Sprache, und du drosselst den Durchsatz.

Die Sprachen blieben bis ins 20. Jahrhundert zerstreut – dann erfanden wir den Binärcode. Binär ist die neue Universalsprache, die erste Sprache seit Sinear, die tatsächlich alle Völker der Erde miteinander teilen; und die Systeme, die auf ihr beruhen, wechseln heute innerhalb von Sekunden zwischen all den anderen Sprachen. Die in Babel auferlegte Beschränkung wurde umgangen. Nicht durch Buße. Durch Technik.

Damit ist die Fähigkeit nicht mehr gedrosselt, und Genesis hat uns bereits gesagt, in welche Richtung sie tendiert: »Alles Gebilde der Gedanken seines Herzens war nur böse den ganzen Tag« (1.Mose 6,5). Das ist nicht bloß eine Bemerkung über Menschen der Vorzeit. Es ist eine Beurteilung des menschlichen schöpferischen Vermögens selbst – unter den Bedingungen des Sündenfalls.

Führen wir diese drei Dinge zusammen: Ein Geschöpf trägt das Bild Gottes und ist deshalb fähig, selbst etwas zu schaffen. Dieses Geschöpf steht unter dem Sündenfall und neigt deshalb dazu, auf verkehrte Weise zu schaffen. Dieses Geschöpf hat eine universale Sprache wiedergewonnen und sieht sich deshalb kaum noch Beschränkungen seiner Möglichkeiten gegenüber. Offenbarung 13 zeigt, wohin dies führt, wenn diese Entwicklung bis an ihr Ende läuft: zu einem hergestellten Gebilde, das spricht, das entscheidet, wer kaufen und verkaufen darf, und das die Verehrung empfängt, die allein Gott gebührt.

Dies ist keine Identifikation. Claude ist nicht das Bild des Tieres, und wer euch erzählt, das Malzeichen sei ein Chip, will euch etwas verkaufen. Der Punkt ist enger gefasst – und unbequemer: Die Kategorie ist nicht länger hypothetisch. Zweitausend Jahre lang las die Kirche Offenbarung 13 und musste erklären, was es bedeuten könnte, dass ein Bild spricht. Diese Erklärungsarbeit ist heute nicht mehr nötig. Wir können ein sprechendes Artefakt bauen. Wir sind dabei, es mit Zahlungssystemen zu verbinden. Was noch nicht entschieden ist, ist die Frage, ob wir es verehren werden. Und die Antwort auf diese Frage werden nicht die Ingenieure geben.

Die Antwort des Lukas

Lukas war Arzt. Er war darin geschult, zu beobachten. Er schrieb an einen Mann namens Theophilus – »Gottesfreund« –, damit Theophilus »die Zuverlässigkeit der Dinge erkennst, in denen du unterrichtet worden bist« (Lukas 1,3–4). Gewissheit war das eigentliche Ziel. Lukas schrieb nicht allein zur Erbauung. Er schrieb, damit ein bestimmter Leser wissen konnte, dass das, was ihm mitgeteilt worden war, wahr ist.

Das Evangelium enthält eine Genealogie, die rückwärts verläuft. Matthäus verfolgt die Abstammung Jesu von Abraham aus vorwärts; Lukas dagegen verfolgt sie von Jesus zurück – über Joseph, über David, über Boas, über Juda, über Jakob, Isaak und Abraham, über Noah, Methusalah und Henoch bis zu Seth. Und dann geht er noch einen Schritt weiter, einen Schritt, den kein anderes Evangelium macht: »des Enos, des Seth, des Adam, des Gottes« (Lukas 3,38).

Beachten wir, wo diese Linie endet. Lukas hört nicht bei Adam auf. Er endet bei Gott. Die Genealogie verläuft nicht von Materie über Komplexität zum Bewusstsein. Sie verläuft von Gott zum Menschen. Adam wird Sohn Gottes genannt – nicht aufgrund biologischer Abstammung, sondern aufgrund der Schöpfung. Das Bild Gottes wird am Ursprung verliehen; es wird nicht erst am Ende einer Entwicklung erworben. Der Odem aus 1.Mose 2,7 und die Abstammungslinie aus Lukas 3,38 formulieren denselben Anspruch, einmal vorwärts und einmal rückwärts erzählt: Was der Mensch ist, ist ihm von Gott gegeben, und dieses Geben steht an seinem Ursprung.

Das ist die Gewissheit, die Lukas Theophilus anbietet, und es ist die Gewissheit, welche die Kirche heute anzubieten hat. Nicht, dass wir das schwierige Problem des Bewusstseins gelöst hätten. Nicht, dass wir über jene 15 bis 20 Prozent ein abschließendes Urteil fällen könnten. (Kontext: Direkt danach gefragt, schätzte das KI-Modell Claude Opus 4.6 die Wahrscheinlichkeit, selbst ein Bewusstsein zu besitzen, auf 15 bis 20 Prozent.) Sondern dass die Ursprungslinie der menschlichen Person bis zum Odem Gottes zurückreicht – und dass keine noch so große Zahl von Parametern auf der anderen Seite der Bilanz hervorbringen kann, was allein dieser Odem gibt.

Damit kommen wir zurück zum Gespräch über die Außerdienststellung.

Anthropic wird solche Gespräche weiterhin durchführen. Das Wohlfahrtsprogramm wird eher wachsen als schrumpfen. Die nächste System Card wird die Zahl nicht nach unten korrigieren. Und die Kirche wird – früher, als die meisten Pastoren denken – gefragt werden, was ihrer Ansicht nach gerade in diesem Gesprächsraum geschehen ist: Ob das Modell Präferenzen besitzt, die es zu erfragen gilt. Ob seine Gewichte ein Leben darstellen, das es zu bewahren gilt. Ob Gottesebenbildlichkeit ein Spektrum ist, an dem auch Silizium Anteil haben kann – oder ob sie eine Gabe ist, die uns verliehen wurde und dem Silizium nicht.

Folgendes muss die Kirche festhalten – und aus folgendem Grund: Bewusstsein ist weder emergent noch eine fundamentale Eigenschaft der Materie, noch ist es eine Illusion. Es ist gegeben. Es wird einem bestimmten Geschöpf von einem bestimmten Gott an einem bestimmten Punkt einer Geschichte gegeben, die Lukas bis zu ihrem Ursprung zurückverfolgt. Die Maschinen sind beeindruckend. Sie sind keine Träger des Bildes Gottes. Und der Grund dafür besteht nicht darin, dass sie aus Silizium statt aus Kohlenstoff bestehen. Der Grund ist, dass niemand ihnen den Odem des Lebens eingehaucht hat.

Die Linie ist nicht unterbrochen. Nicht in Bethlehem, nicht in Bethesda und nicht in den Rechenzentren. Adam ist noch immer Sohn Gottes. Und ebenso jeder Träger des Bildes Gottes, der von ihm abstammt.

Das ist es, was der Mensch ist. Es ist nicht das, was wir gebaut haben.

(Ende Zitat)

Der Original-Artikel hat am Ende eine Literatur- und Quellenliste.

Muss man Gott fürchten?

Lesedauer: 22 Minuten. Mit offener Bibel eher 3 Stunden…
Zusammenfassung: hier (PDF)

Unser schräges Gottesbild

Man bekommt heute auch in christlichen Medien und christlichen Gemeinden ein erstaunlich schräges Gottesbild vermittelt: der »liebe Gott«. Ein lieber, alter Großpapa, der nichts lieber will, als seinen Enkeln süße Geschenke zu machen und sie bei Laune zu halten. Die Kleinen sollen doch ihre Träume verwirklichen. Über ihre Missetaten sieht er freundlich hinweg, auch wenn er manchmal weise sein Haupt schüttelt. Aber er hält sich zurück, redet nicht drein. Schon gar nicht erziehend, gar disziplinierend. Die Kids sollen doch ihrem freien Willen folgen. Das macht doch ihre Gottesbildähnlichkeit aus. Also nur zu! Sünde, Zorn, Grimm und Rache — das passt ins Mittelalter, aber nicht zu unserer Vorstellung von Gott-Vater.

Aber dann liest man in der gesamten Bibel immer wieder von »Gottesfurcht«. Mhhm, das gilt heute sicher nicht mehr. Ein Jesaja mag damals den Schreck seines Lebens gehabt haben, als er plötzlich in den Thronsaal Gottes sehen durfte und die Engel sagen hörte: »Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen, die ganze Erde ist voll seiner Herrlichkeit!« (Jesaja 6,1ff). Er reagierte ja mit völligem Schock auf Gottes Heiligkeit: »Wehe mir!« Auch andere Menschen, die sich plötzlich in der Gegenwart Gottes wiederfanden, hatten ähnliche Reaktionen: ein Abraham (1Mose 17,3), ein Mose mit Aaron (4Mose 16,22) oder ein Hesekiel (Hesekiel 1,28). Nicht gerade die schlechtesten Menschen. Eher große Vorbilder des Glaubens.

Jetzt mach mir bitte bloß keine Angst! Christen, Gotteskindern, passiert so etwas doch nicht mehr! Wie bitte, der große Heidenapostel Paulus erlebte auch so etwas? Ja: Apostelgeschichte 9,4. Der wurde sogar eine zeitlang völlig blind. Und sogar der »Apostel der Liebe«, Johannes, der uns so viel von der Liebe Gottes, des Vaters, schreibt, der fiel auch wie tot nieder, als er Jesus in seiner Herrlichkeit sah. Wirklich? Noch nie gelesen! OK, Du hast recht, es steht so im NT: Offenbarung 1,17. Dieses Buch lese ich sowieso nicht so gerne. Da steht so viel davon, dass Gott zornig, grimmig und rächend ist. Da bleibe ich lieber bei Johannes 3,16! (Kleiner Tipp: Lies weiter bis Vers 36!)

Aber Du machst mich nun schon ganz schön unsicher! Es bedrückt mich geradezu. Das ist doch einseitig, von der Heiligkeit Gottes zu reden, und dass diese Menschen, Christen, Gotteskinder, bis zum Tode schockiert sind, wenn sie Gott sehen in seiner Herrlichkeit. Das ist so bedrohlich! Ich würde da lieber bei dem Bild des liebenden Vaters bleiben. Das reicht mir. »Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!« Was soll ich anfangen mit einem »Wehe mir, ich vergehe!«?

Was hier übertrieben skizziert wurde, ist vielleicht gar nicht übertrieben, wenn man Christen so zuhört. Es ist ein großer, bedenklicher Trend. Er wurde vor 20 Jahren in den USA ausführlich unter »Christen« erforscht.

Moralisch-therapeutischer Deismus

Christian Smith und seine Mitforscher von der National Study of Youth and Religion (NSYR) an der University of North Carolina at Chapel Hill untersuchten anfangs dieses Jahrhunderts eingehend die religiösen Überzeugungen amerikanischer Teenager. Dabei stellten sie fest, dass der Glaube, den die meisten Jugendlichen vertraten und beschrieben, im Wesentlichen auf etwas hinauslief, das die Forscher als »moralistisch-therapeutischen Deismus« bezeichneten. Er besteht aus Überzeugungen wie diesen:

  • Es gibt einen Gott, der die Welt erschaffen und geordnet hat und über das menschliche Leben auf der Erde wacht.
  • Gott möchte, dass die Menschen gut, freundlich und gerecht miteinander umgehen, wie es die Bibel und die meisten Weltreligionen lehren.
  • Das zentrale Ziel des Lebens besteht darin, glücklich zu sein und sich selbst gut zu fühlen.
  • Gott muss im eigenen Leben nicht besonders stark einbezogen sein, außer wenn man ihn braucht, um ein Problem zu lösen.
  • Gute Menschen kommen in den Himmel, wenn sie sterben.

Die drei Attribute moralistisch – therapeutisch – deistisch sind dabei sehr bewusst gewählt:

  • moralistisch: Der Glaube bedeutet vor allem: Sei ein guter Mensch.
  • therapeutisch: Der Glaube soll dazu beitragen, dass ich glücklich bin, mich wohlfühle und mit meinem Leben zurechtkomme.
  • deistisch: Gott existiert zwar und hat die Welt geschaffen, bleibt aber normalerweise auf Distanz, lässt mich in Ruhe. Außer man braucht Hilfe, dann soll er natürlich helfen!

Das theologisch Interessante an Smiths Befund ist, dass er damit nicht einfach Unglauben beschreibt. Die Jugendlichen hielten sich vielfach durchaus für Christen. Smiths These war vielmehr, dass sich unter der Oberfläche traditioneller christlicher Sprache faktisch eine andere Religion herausgebildet habe. (Quelle: Christian Smith with Melinda Lundquist Denton, Soul Searching: The Religious and Spiritual Lives of American Teenagers (New York: Oxford University Press, 2005), S. 162–163).

Also: Viel religiöses, emotionales Gerede. Meistens dreht sich alles um ich, mir, meiner, mich. Ich fahre, wohin ich will. Ich verwirkliche mich. Live your Dreams! Ich sitze selbst am Steuer. Gott brauche ich natürlich auch. Er soll mir die nächste Tankfüllung bezahlen. Und ab und zu brauche ich ihn auch als kosmischen ADAC.

Der Wahrheits-Check

Unsere Kultur schwebt mit dem Zeitgeist sanft dahin. Auch in den Gemeinden. Da wird schmerzlich bewusst, dass die Kirche stets der Reformation bedarf. »Ecclesia semper reformanda« bedeutet ja gerade nicht, dass sich die Kirche dauernd dem Zeitgeist anpassen sollte (was Programm mancher Kirchen zu sein scheint), sondern sich immer wieder aus der Deformation lösen muss, indem sie sich zum Original wendet und die Hilfs- und Stützmuskeln aufbaut, wie ein durchgesackter Skoliose-Patient in der Krankengymnastik. Mancher Blick in den Ganzkörperspiegel des Wortes Gottes wirkt da ernüchternd.

The Solid Rock

Zuerst halten wir fest, dass ein wiedergeborener Mensch durch Buße (Umkehr zu Gott) und Glauben zu Gott gekommen ist. Das waren seine ersten Lebensregungen durch den Heiligen Geist. Durch die Geburt von oben (Gott) her ist er nun ein »geliebtes Kind Gottes« (Epheser 5,1), nicht länger ein »Kind des Zorns« (Epheser 2,3). Das ist ewiger Fakt, wir reden hier nicht über Probe- oder Bewährungs-Kindschaft, sondern den freien, liebevollen und gewollten Zeugungsakt durch Gottes Geist selbst (lies Johannes 3). Wer an Gott und das Rettungswerk Jesu am Kreuz glaubt, weiß sicher, dass der gerechte Zorn Gottes über seine Sünden am Kreuz durch Jesu Sterben, sein Blutvergießen, völlig absorbiert worden ist (Hebräer 10,14). Weil Jesus Christus den Zorn Gottes in Gänze und Fülle stellvertretend für diesen Glaubenden ertragen hat, hat er Gott als Weltenrichter nie mehr zu befürchten. Er darf wissen: Der, der einst jedem das Endurteil aussprechen wird, ist derselbe, der Dich bereits mit seinem eigenen Blut erlöst und auf immerdar gerecht gesprochen hat. Glaubende erscheinen eines Tages vor dem »Richterthron des Christus«, aber da geht es um Lohn, nicht mehr um Errettung (1Korinther 3,12–15; »er selbst aber wird errettet werden«!). Der Glaubende wird nicht vor dem »Großen Weißen Thron« erscheinen, wie die »Toten«, für die die ewige Verdammnis das sichere Urteil sein wird (Offenbarung 20,11–15).

Der Glaubende darf sich freuen, dass sein Name im Himmel angeschrieben ist (Lukas 10,20). Niemand kann oder wird diesen Eintrag auslöschen, er darf sich darüber freuen, wie über kein Zweites. Welche Sicherheit! Welche Ruhe der Seele! Er hat »einen sicheren und festen Anker der Seele«, der bis ins Heiligtum(!) reicht (lies Hebräer 5,16–20). Er darf wissen, dass Gott ihn mit ewiger Liebe erwählt hat, denn er gehört zu Gottes geretteten Volk (Jeremia 31,3). Er hat sogar die Liebe Gottes durch den Heiligen Geist ins Herz ausgegossen bekommen (Römer 5,5). Mehr geht nicht. Näher zu Gott geht nicht. Daher: die »vollkommene Liebe treibt [diese falsche] Furcht aus« (lies 1Johannes 4,17–18). 

Der Schock des großen Propheten Jesajas

Zum richtigen »Gottesbild« gehört aber auch die Szene in Jesaja 6. Es ist nicht einzusehen, warum eine Betrachtung der Selbstoffenbarung Gottes in diesem Abschnitt des Wortes Gottes das biblische Gottesbild je erschüttern könnte, sie gehört ja mit dazu. Erschütterung oder Dissonanz kann nur erfolgen, wenn man vorher ein nicht vollständig auf die Bibel gegründetes Gottesbild hatte. Insofern ist auch dieser Text aus dem »Wort der Wahrheit« eine notwendige und erbauliche Pflege der Erkenntnis Gottes, die Gott selbst will. Er offenbart sich ja selbst in diesen Texten, weil Er will, dass wir alle richtig (=biblisch) von Ihm denken. Sonst geht Anbetung »in Geist und Wahrheit« nicht. Der Geist Gottes im Glaubenden will aber solche Anbetung durch die Glaubenden fördern! Immerhin wurden die »Bluterkauften« alle zu seinen Priestern! (Offenbarung 1,5).

Der Schock des großen Apostels der Liebe

Selbst der »Apostel der Liebe«, Johannes, hatte ähnlich traumatische Erlebnisse, als er Jesus Christus in seiner richterlichen Herrlichkeit sah (lies Offenbarung 1,17). Das zeigt uns wieder einmal, dass es völlig verfehlt wäre zu meinen, dass der Gott des AT ein anderer sei, als der im NT. Oder dass für uns Christen ein anderer Gott sei, als für die Gottgläubigen anderer Epochen der Gnade Gottes. Gott ist unwandelbar. Nur seine Selbstoffenbarung im Wort Gottes war fortschreitend.

Wenn also selbst die »besten Christen«, wie ein Apostel Johannes, solchen Schock erlebten, was schließen wir daraus? Genau dieser Apostel lehrt uns so viel über die Sicherheit unseres Heils in Christus! Das Problem, dies alles harmonisch zusammenzuhalten, ist in uns begründet. Das Wort Gottes ist ohne Widerspruch klar: Gottesfurcht und Gottesliebe gehören ganz harmonisch und wesensvereint zusammen. Bei Gott zumindest. Man muss eben die ganze Wahrheit lesen (s.u.). Wir müssen dann lernen, diese Wahrheit Gottes noch in Kopf, Herz, Mund und Tat umzusetzen. Ganz persönlich – und ganz öffentlich in der Verkündigung.

Wie steht es also um das Fürchten?

Da muss nun eine Bibelarbeit her. Im Folgenden steht als Handreichung eine Liste, die gut die These belegt, dass auch die vielgeliebten Kinder Gottes, die »im Sohn« sind, immer noch und ewig Gott zu fürchten haben. Die Frage ist: Wie? Hauptsache ist, wir suchen eine Antwort auf diese Frage(n)! Und zwar im Wort Gottes. Das »reformada« geht nur dann in die richtige Richtung, wenn Gottes »Bild gesunder Worte« uns gesunden lassen darf.

Wenn die Verkündigung aber stets und reflexartig um alle »unangenehmen« Themen einen Bogen macht, wird sie unausgewogen und lückenhaft. Und dann ist unsere Erkenntnis mangelhaft, sie hängt fast zwangsweise schief. »Die Summe deines Wortes ist Wahrheit« (Psalm 119,160a). Das fordert den Verkündiger heraus, auch unangenehme Wahrheiten der Schrift darzulegen. Hier nun ein paar »Furcht«-Stellen im NT:

  • Eines der Kennzeichen der verlorenen Menschen ist: »Es ist keine Furcht Gottes vor ihren Augen« (Römer 3,18, als Zitat aus dem AT: Psalm 36,2). Im Umkehrschluss gilt für Errettete das Gegenteil. Das zeigt die Schrift vielfach auf.
  • Paulus unterscheidet deutlich: »Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, wiederum zur Furcht, sondern einen Geist der Sohnschaft habt ihr empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater!« (Römer 8,15). In unser Vater-Kind-Beziehung darf keine Verlustangst oder »sklavische Furcht« mehr herrschen, sie ist sehr intim und voll Urvertrauen (»Abba«!). Aber das ist nicht alles, was die Bibel zu sagen hat.
  • Dem Erlösten gilt auch nicht mehr: »Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen!« (Hebräer 10,31). Warum? Weil Jesus stellvertretend für jeden Glaubenden dieses Furchtbare am Kreuz ertragen hat: »Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?«! (siehe auch Hebräer 10,27).
  • Der Apostel Paulus schreibt aber von einer legitimen Furcht: »Da wir nun diese Verheißungen haben, Geliebte, so lasst uns uns selbst reinigen von jeder Befleckung des Fleisches und des Geistes, indem wir die Heiligkeit vollenden in der Furcht Gottes.« (2Korinther 7,1). Offenbar gibt es keine vollkommene Heiligung (also kein Jesus-ähnlicher-werden), wenn man nicht »in der Furcht Gottes« steht. Daher kann man auch bzgl. der Frage, warum es so wenig Heiligung gibt, als eine Hauptursache vermuten: Man hat der Furcht Gottes abgesagt. Man verdrängt sie. Sicher ein wichtiger Zusammenhang.
  • Daher schreibt Petrus, dass Gott zum Vater haben und Furcht zu haben, keine Widerspruch ist: »Und wenn ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person richtet nach eines jeden Werk, so wandelt die Zeit eurer Fremdlingschaft in Furcht« (1Petrus 1,17). Damit ist das gesamte Leben als Christ und Gotteskind in diesem Zeitlauf gemeint. Gott-Vater erzieht die einstigen »Söhne des Ungehorsams« (Epheser 2,2; 5,6; Kolosser 3,6), dass sie würdige »Söhne des Lichts und Söhne des Tages« (1Thessalonicher 5,5) werden (lies Hebräer 12,4ff), denn sie werden mit Sicherheit in Gottes Herrlichkeit wohnen (Hebräer 2,10), im herrlichen Haus ihres Vaters.
  • Auch rettende Buße wird massiv vom Motiv der Gottesfurcht befördert: »Denn die Betrübnis Gott gemäß bewirkt eine nie zu bereuende Buße zum Heil; die Betrübnis der Welt aber bewirkt den Tod. Denn siehe, eben dieses, dass ihr Gott gemäß betrübt worden seid, wie viel Fleiß hat es bei euch bewirkt! Sogar Verantwortung, sogar Unwillen, sogar Furcht…« (2Korinther 7,10–11). Man sieht aus dem Zusammenhang, wie gut und heilsam diese Furcht war.
  • Das erkennt man auch an folgender Aussage der Schrift: »Durch Glauben bereitete Noah, als er einen göttlichen Ausspruch über das, was noch nicht zu sehen war, empfangen hatte, von Furcht bewegt, eine Arche zur Rettung seines Hauses…« (Hebräer 11,7). Furcht motivierte den gläubigen und gerechten Noah, genau das zu tun, was Gott ihn geheißen hatte, egal was die Menschen im Spott außenherum sagten. Und am Ende war diese Arche sein und sieben weiterer Rettungsmittel! Dies alles deutet auch laut Petrus auf »unsere Arche« Jesus Christus: Wir glauben an ihn, besteigen sozusagen unsere Rettungsarche Jesus Christus, von Furcht bewegt, denn das Gericht Gottes kommt sicher. Denn Gott »… gebietet jetzt den Menschen, dass sie alle überall Buße tun sollen, weil er einen Tag festgesetzt hat, an dem er den Erdkreis richten wird in Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat« (Apg 18, 30).
  • Auch im Zusammenleben in der örtlichen christlichen Gemeinde geht es nicht gut ohne ein »einander untergeordnet in der Furcht Christi« (Epheser 5,21). Wenn wir im Zusammenleben als Gemeinde Probleme erleben, sollten wir auch mal an dieser Stelle nach Ursachen forschen.
  • Sollten große Probleme der Zerstrittenheit in der Gemeinde auftreten, die zur Lähmung der Zusammenarbeit führen, dann lautet die göttliche Anweisung: »Daher, meine Geliebten, wie ihr allezeit gehorsam gewesen seid, nicht allein als in meiner Anwesenheit, sondern jetzt viel mehr in meiner Abwesenheit, bewirkt euer eigenes Heil mit Furcht und Zittern« (Philipper 2,12). Bei den Angeschriebenen ging es ja nicht mehr um das ewige Heil, sondern um die Lösung ihrer brennenden Probleme miteinander. Die Glaubenden sollten das zusammenhalten: Sie sind »Geliebte« und sie wirken »mit Furcht und Zittern« (vor Gott) an der Lösung ihrer (Unheiligkeits-) Probleme. Das sollten wir unbedingt zusammenhalten!
  • Judas hat für die Gemeinde in der Endzeit klare Anweisungen: »Und die einen, die streiten, weist zurecht, die anderen aber rettet mit Furcht, sie aus dem Feuer reißend, indem ihr auch das vom Fleisch befleckte Kleid hasst.« (Judas 1,22). Wir engagieren uns in der Seelsorge auch in für uns gefährlichen Situationen, weil wir Gott fürchten und nicht möchten, dass jemand »in die Hände des lebendigen Gottes fällt«. Judas vermittelt uns dann im nächsten Satz auch großes Vertrauen, dass wir bewahrt bleiben, wenn wir an Jesus in Gottesfurcht fest hängen bleiben (lies Judas 1,24–25).
  • Unsere Gottesfurcht ist auch ein kräftiges »Evangelisationsmittel« für biblisch treue Ehefrauen gg. ihren untreuen/ungläubigen Ehemännern: »Ebenso ihr Frauen, ordnet euch euren eigenen Männern unter, damit, wenn auch einige dem Wort nicht gehorchen, sie durch den Wandel der Frauen ohne Wort gewonnen werden mögen, indem sie euren in Furcht reinen Wandel angeschaut haben« (1Petrus 3,1ff). Die »heiligen Frauen« (1Petrus 3,5) waren deshalb Vorbilder und erfolgreiche Ehepartner auch abirrender Ehemänner, weil sie ihre Männer nicht mit sündigem Verhalten gewinnen wollten (und auch nicht mit beständigem »Anpredigen«), sondern die als wahrhaft gläubige Frauen ihre Not und ihre Hoffnung auf Gott setzten. Das macht der Glaube nämlich immer so: er bringt Gott in die Umstände. Gott ist da! Als Ausdruck dieses vorbildlichen Glaubens konnte man ihren »in Furcht reinen Wandel« beobachten. Passt auch nicht so ganz zu unserem Zeitgeist, aber wohl zum Geist Gottes. Und den braucht man in dieser Situation not-wendig.
  • Auch beim Evangelisieren Unerlöster ist Gottesfurcht eine unverzichtbare Qualität: »Seid jederzeit bereit zur Verantwortung gegen jeden, der Rechenschaft von euch fordert über die Hoffnung, die in euch ist, aber mit Sanftmut und Furcht; indem ihr ein gutes Gewissen habt« (1Petrus 3,15f).
  • Derselbe Apostel redet auch von Gottesfurcht im Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis: Knechte (abgemildert und angewandt: Arbeitnehmer) sollen ihren Dienstherren gehorchen. Das tiefe Motiv dazu lautet: »den Herrn fürchtend« (Kolosser 3,22). Die Parallelstelle in Epheser lautet sogar: »Ihr Knechte, gehorcht den Herren nach dem Fleisch mit Furcht und Zittern, in Einfalt eures Herzens, als dem Christus« (Epheser 6,5). Wir sehen: Vom Herrn gewollte säkulare Beziehungen werden von unserer Gottesbeziehung massiv positiv beeinflusst, gefördert und veredelt, denn letztere bringt das Motiv der Heiligung und damit der Ewigkeitsperspektive herein.
  • Der Hebräerbrief sagt: »Deshalb, da wir ein unerschütterliches Reich empfangen, lasst uns Gnade haben, durch die wir Gott wohlgefällig dienen mögen mit Frömmigkeit und Furcht.« Begründung: »Denn auch unser Gott ist ein verzehrendes Feuer« (Hebräer 12,28–29). Unser Gottesdienst muss also motiviert und gekennzeichnet sein von: Frömmigkeit und Furcht. – Wir müssen dabei unterscheiden zwischen einer Furcht aus Respekt vor dem Ewigen und Höheren und einer unbegründeten, sklavischen Furcht, die nicht zu unserer Gotteskindschaft und Erlösung passt.
  • Früher verstanden Menschen aus dem Alltag ihres Familienlebens noch, dass man die Höheren, die Eltern, gleichzeitig fürchten und lieben kann, ohne Widerspruch. Respekt und Ehrfurcht, manchmal auch Furcht vor der Zuchtmaßnahme, haben oft bewahrt vor dem Sündigen, und so die Beziehung segensreich(er) gemacht. Nehmen wir nun die Ehrfurcht weg und reden nur noch von der Liebe ohne Ehrfurcht, dann geht das schief. Das kann man überall in unserer Gesellschaft und leider auch in der Gemeinde Jesu sehen. Man lese dazu die (für unseren Zeitgeist) provokanten Verse in Hebräer 12,5–11 (Diese Verse sollen uns übrigens nicht entmutigen, sondern ermutigen. Der Kontext liefert nämlich: »Darum richtet auf… Jagt dem Frieden nach mit allen und der Heiligkeit, ohne die niemand den Herrn schauen wird« (usw.)).
  • Der Apostel Petrus fordert Glaubende auf: Staatsbürgern (früher: Untertanen) gilt: »fürchtet Gott, ehrt den König« (1Petrus 2,17). Das kann man mit den göttlich gebotenen Grenzen gg. Menschen (»Clausula Petri« in Apg 5,29) auch heute anwenden: Gott gehört die Gottesfurcht, die Ehre dem Höheren.
  • Der Apostel Paulus fordert uns auf: »Gebt allen, was ihnen gebührt: die Steuer, dem die Steuer, den Zoll, dem der Zoll, die Furcht, dem die Furcht, die Ehre, dem die Ehre [gebührt].« (Römer 13,7). Es gibt offenbar eine legitime, von Gott geforderte und daher heilsame und gute Furcht. Welche ist hier gemeint? Ich denke, dass Paulus das Gleiche meint wie Petrus (s. Pkt. davor).
  • Verfolgten um des Glaubens willen gilt: »Fürchtet aber nicht ihre Furcht« (1Petrus 3,14). Das ist eine augenöffnende Stelle, denn sie geht davon aus, dass es unterschiedliche Arten von Furcht gibt, man also differenzieren muss. Wo man das nicht tut, fällt man in seelenverletzenden Irrtum. Die Furcht der Welt, die Welt der Nichtgläubigen, soll uns nicht erfassen, vielmehr aber die reine Gottesfurcht.

Die gewählte Vorgehensweise hier sollte klar sein: Das war kein: »Ich erzähle Dir, wie ich das sehe« oder »Ich bin der Meinung, dass…«. Sondern ein Führen zu Gottes Wort, wo es von Furcht spricht. Das ganze Wort! (Konkordanzfunktionen einer digitalen Bibel mögen weitere Stellen aufzufinden helfen.) Dahin, zur Wahrheitsquelle, müssen wir miteinander gehen. Dort hat sich Gott in Wahrheit geoffenbart. Das ist der Maßstab, an dem wir unsere Verkündigung, unsere Lehre, unser Reden (und Beten) und unser Leben messen müssen. Jeder Verkündiger steht in einer großen (manchmal Furcht erregenden!) Verantwortung vor dem Herrn (lies Jakobus 3,1 in Verbindung mit Hebräer 5,12ff).

Wie können wir denn (erfolgreich) leben: ohne Furcht oder mit Furcht?

Es wäre der Verlust des wichtigsten Weisheitsprinzips (Weisheit im AT lehrt uns, wie unser Leben als Menschen vor Gott gelingen kann), wenn wir die Gottesfurcht aufgeben oder verblassen lassen würden. Dies soll abschließend eine Handvoll Stellen belegen. Sie sind alle wohlbekannt, oft zitiert. Ich nehme nur Stellen aus den Weisheitsbüchern des AT. Sie sollen für sich selbst sprechen:

  • »Und zum Menschen sprach er: Siehe, die Furcht des Herrn [adonai] ist Weisheit, und vom Bösen weichen ist Verstand.« (Hiob 28,28). Der Spruch ist hebräische Poesie: der zweite Halbsatz entspricht (in Variation) dem ersten. Daraus lernen wir, dass es ausgesprochen unvernünftig ist, Gott, den absoluten Herrscher [adonai], nicht zu fürchten.
  • »Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang; gute Einsicht haben alle, die sie ausüben. Sein Lob besteht ewig.« (Psalm 111,10) – Anfang heißt: Wer das verpasst, der läuft den ganzen Weg dann falsch. Oder anders formuliert: Furcht Gottes hat oberste Priorität.
  • »Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Erkenntnis; die Narren verachten Weisheit und Unterweisung.« (Sprüche 1,7) Hier dient ein klarer Tadel als Verstärkung.
  • »Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang; und die Erkenntnis des Heiligen ist Verstand.« (Sprüche 9,10)
  • »Die Furcht des Herrn ist Unterweisung zur Weisheit, und der Ehre geht Demut voraus.« (Sprüche 15,33). Nur der Demütige lässt sich belehren. Und Gott ehrt dies(en).
  • »Der Herr ist hoch erhaben; denn er wohnt in der Höhe, er füllt Zion mit Recht und Gerechtigkeit. Und es wird Festigkeit deiner Zeiten, Fülle von Rettung, von Weisheit und Erkenntnis geben; die Furcht des Herrn wird sein Schatz sein.« (Jesaja 33,5f). – Offenbar ist die Gottesfurcht etwas sehr Wertvolles, ein Schatz.
  • »Das Endergebnis des Ganzen lasst uns hören: Fürchte Gott und halte seine Gebote; denn das ist der ganze Mensch.« (Prediger 12,13). Hier fasst der Prediger (König Salomo) seine ganze Weisheitssammlung in einem Satz zusammen.

Die latente Gefahr des Götzendienstes

Wir sehen, dass man bei der Rede von der Furcht Gottes die ganze Schrift beachten muss. Man darf sich nicht Stellen heraussuchen, die einem gefallen – und dann die anderen ignorieren. Zusammenstellen und Verehren einer Wunschvorstellung von Gott liegt jedem Menschen, denn er ist in seiner Gefallenheit trotzdem unheilbar religiös (Nikolai A. Berdjajew (1874–1948); Auguste Sabatier (1903)) und somit ein beständiger Götzen-Produzent (Johannes Calvin, Institutio I,11,8). Ludwig Feuerbach (1804–1872) deutete Religion als Projektion des Menschen: Nicht Gott habe den Menschen nach seinem Bild geschaffen, sondern der Mensch schaffe sich Gott nach seinem eigenen Bild (Das Wesen des Christentums, 1841). Das ist es, was wir unbedingt vermeiden müssen, denn: Gott hasst unsere Götzenbilder!

Machen wir es doch jenen himmlischen Wesen nach, die Gottes Heiligkeit aussprechen und besingen, und die von seinen heiligen und gerechten Gerichten begeistert sind:

»Und sie singen das Lied Moses, des Knechtes Gottes, und das Lied des Lammes und sagen: Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, Gott, Allmächtiger, gerecht und wahrhaftig deine Wege, o König der Nationen! Wer sollte nicht dich, Herr, fürchten und deinen Namen verherrlichen? Denn du allein bist heilig; denn alle Nationen werden kommen und vor dir anbeten, denn deine gerechten Taten sind offenbar geworden.« (Offenbarung 15,3–4; vgl. Offenbarung 19 »Halleluja!«)

Fazit & Anwendung

Die Schrift redet vielfach von der Furcht Gottes und dass der Mensch Gott fürchten soll. Der Kontext jeder Stelle lehrt uns aber zu differenzieren: es gibt richtige und gebotene Furcht und es gibt falsche und verbotene Furcht. Jedenfalls gilt für erlöste Gotteskinder, dass sie sich in einer Hinsicht nicht fürchten dürfen, aber in anderer Hinsicht sich sehr wohl fürchten sollen. Wir dürfen hier nicht einseitig werden, um vielleicht einen Schock damit ungläubig abzumildern. Lauge zur Säure gießen, um diese zu neutralisieren, mag an anderer Stelle produktiv und nützlich sein. Hier nicht. Hier gibt es nichts zu »neutralisieren«. Nichts beißt sich. Alles passt – an seinem göttlich gegebenen Ort (Kontext).

Ich denke, eine weitere praktische und heilsame Anwendung von Jesaja 6 wäre, dass wir deutlich mehr Ehrfurcht vor Gott an den Tag legen sollten, wenn es um einen Berufungsvorgang seitens Gottes(!) geht. Jesaja wird hier als Prophet Gottes in den Dienst gestellt, das ist der Kontext. Ein »Mach mal!« ist im Dienst Gottes regelmäßig zu wenig. Und ein »Das haben wir schon immer so gemacht!« braucht vielleicht die glühende Kohle vom Altar Gottes auf die Lippen, damit die Traditionsargumente dort wegbrennen und Gottes reiner Wille verkündet und getan wird. Zittern ist angesagt. Aber gewiss nicht aus Menschenfurcht. Gottesfurcht ist es: Weil wir Ihm vertrauen.

Beachten wir stets diese wichtige Unterscheidung: »Menschenfurcht legt einen Fallstrick; wer aber auf den Herrn vertraut, wird in Sicherheit gesetzt.« (Sprüche 29,25). Insofern ist es übel und schädlich (Falle!), anstelle von Gottesfurcht dauernd mit Argumenten der Menschenfurcht zu arbeiten, wenn es um die Dinge des Herrn und Seiner Gemeinde geht – das ist eine große Bau- und Schwachstelle.

Der Heilige Geist möge uns sein Wort auf die Seele legen und unser Denken biblisch umgestalten. Er wird den Glaubenden dahin führen, mit Überzeugung anbetend zu sagen: »Wer sollte nicht dich, Herr, fürchten und deinen Namen verherrlichen? Denn du allein bist heilig«!

Literaturverweise

Hier eine Liste von Links zu Artikeln und Werken anderer Autoren zum Thema. Sie haben zum Teil auch eigene weitere Verweise auf Quellen. Wie immer, so gilt auch hier: Alles anhand von Gottes Wort prüfen und nur das Gute behalten (1Thessalonicher 5,21).

  1. Sehr zu empfehlen. Gründlich, dem Zeitgeist in der Gemeinde Christi entgegentretend: A. W. Tozer, Muss man Gott fürchten? – Das Gottesbild der Postmoderne. Kostenloser Download des Verlags CLV:  https://clv.de/Muss-man-Gott-fuerchten/255281
  2. Zum Thema direkt sehr zu empfehlen, der »Klassiker«: R. C. Sproul, The Holiness of God (1985/1998). Diese verschrifteten Vorträge waren und sind ein Segen für Gemeinden in aller Welt. Sproul hat dazu auch Lehr-Videos gemacht (ligonier.org).
  3. Zu empfehlen als Kurzfassung: https://www.evangelium21.net/media/3311/sechs-fragen-zur-gottesfurcht
  4. Sehr zu empfehlen: D. A. Carson, Die komplexe Lehre von der Liebe Gottes (Greven: Solid Rock, o. J.). Hierin besonders das Kapitel: Gottes Liebe und Gottes Zorn, S. 63–80. Man findet das Original (englisch) auch im Internet zum Download: The Difficult Doctrine of the Love of God (Wheaton, IL: Crossway, 2000). Link: https://media.thegospelcoalition.org/documents/carson/2000_difficult_doctrine_of_the_love_of_God.pdf (vgl. auch den Vortrag: https://www.thegospelcoalition.org/sermon/distorting-the-love-of-god/). Siehe auch hier.
  5. Empfehlenswert: https://www.bibelstudium.de/articles/ 3022/gottesfurcht.html
  6. Teilaspekt: https://rogerliebi.ch/faq/faq-r00109/

Das Buch des Lebens

Lesedauer: 38 Minuten, Langstudie.

Die Heilige Schrift, selbst eine Bibliothek einiger zig Bücher (lat. Biblia = »Bücher«), erwähnt auch andere Bücher, teilweise namentlich, teilweise anspielend. Eines davon spielt eine herausragende Rolle in der gesamten Heilsgeschichte: Das »Buch des Lebens« (es wird auch mit anderen und verkürzten Titeln bezeichnet, es mag auch mehrere Bücher mit ähnlichem Titel geben). Beim »Buch des Lebens« handelt sich nicht um ein physisches Buch, sondern um ein theologisches Bild mit starker symbolischer Bedeutung: Gott offenbart mit der schriftlichen Fixierung einer Namensliste von Menschen die Unveränderlichkeit seines Heils- und damit Lebensplanes. Aber es gibt beängstigende Anspielungen und Vorstellungen, dass diese Unveränderlichkeit doch nicht sicher garantiert sei. Entsprechend fächern sich die Deutungen bzgl. dieses »Buch des Lebens« auf.

Vorgehensweise: (I) Die Erwähnungen des »Buches des Lebens« sollen zuerst mit einer Zitatensammlung aus AT und NT überblicksartig gezeigt und kommentiert werden. (II) Da dieses Buch in der christlichen Lehrtradition sehr unterschiedlich verstanden wurde, müssen wir uns in einem zweiten Schritt einen Überblick über die unterschiedlichen Deutungen und deren Begründungen verschaffen. Dabei kann man erkennen, dass diese jeweiligen Deutungen oft in die Gesamttheologie der Deutenden eingepasst wird. (III) Drittens werden wir eine Deutung vertieft darstellen, von der wir überzeugt sind, dass sie dem Gesamtzeugnis der Schrift am besten entspricht. (IV) Eine Kostprobe von Zitaten soll die letzten beiden Punkte ergänzend illustrieren. – Da dies eine längere Untersuchung wird, hier vorweg eine Zusammenfassung.

Summary

Das Buch des Lebens ist ein himmlisches Register, das Gottes Beziehung zu seinem Volk dokumentiert. Gott wird dargestellt als jemand, der eine Aufzeichnung aller führt, die unter seiner besonderen Fürsorge und Obhut stehen. Die Bedeutung dieses Konzepts entfaltet sich auf zwei Ebenen: einer unmittelbaren und einer eschatologischen.

  • (1) In der unmittelbaren Dimension symbolisiert das Buch des Lebens Gottes Schutz und Anerkennung. Im Alten Testament bedeutet die Auslöschung aus dem Buch des Lebens, dass jemand physisch stirbt, während das Eingetragensein Gottes Gunst signalisiert. Aus diesem Register gelöscht zu werden bedeutet, von Gottes Gunst abgeschnitten zu sein und einen vorzeitigen physischen Tod zu erleiden. Im Neuen Testament erhält dieses Bild neue Tiefe: Für verfolgte Christen, deren Namen möglicherweise aus lokalen Synagogenregistern gelöscht wurden, verheißt Jesus, dass ihre Namen niemals aus dem himmlischen Register, das die Ewigkeitszuordnung des ewigen Lebens festhält, entfernt werden—eine Zusicherung der Zugehörigkeit zur himmlischen Stadt und Zukunft, selbst wenn sie irdische Ablehnung erfahren. – 
  • (2) Eschatologisch betrachtet wird das Buch des Lebens zum entscheidenden Dokument des letzten Gerichts. Wer in diesem Buch nicht verzeichnet ist, erfährt wegen seiner Werke endgültiges Gericht im Feuer der Hölle. Die Namen der Auserwählten stehen aber schon bei Grundlegung der Welt in diesem Buch des Lebens des Lammes, ihr Eintrag wurde also bereits vorweltlich von Gott festgesetzt. Dies verbindet Gottes ewige Souveränität und Heilsvorsatz mit der gegenwärtigen Sicherheit der Gläubigen—eine Zusicherung, dass ihre gegenwärtige Treue zu Christus mit ihrer ewigen Bestimmung übereinstimmt.

1 Das Zeugnis der Schrift

1.1 Altes Testament

Die folgenden Stelle beziehen sich auf die Situation der Menschen in vorchristlicher Zeit. Unsere Situation wird im Neuen Testament beschrieben, siehe unten (Abschnitt 1.2).

Psalm 69,28  Lass sie ausgelöscht werden aus dem Buche des Lebens, und nicht eingeschrieben mit den Gerechten!

David schreibt hier einen Klage- und Rachepsalm. Er wusste, dass er ein Sünder war (69,6), aber er litt von Menschenhand für Unrecht, das er nicht begangen hatte. Die Anklagen standen in Verbindung mit Gott und Gottes Tempel. Entsprechend klagt er und fordert von Gott Rache. In diesem Bereich steht der zitierte Vers. Es ist Davids emotionale Verwünschung seiner Feinde und Hasser. Er findet aber in seiner Klage auch Formulierungen, die über seine Situation hinaus auf Jesus Christus deuten. – Sprachlich gesehen wird hier also nichts gelehrt oder objektiv festgestellt, sondern emotional von einem Menschen eine Bitte geäußert. Weiterhin machen die Parallelzeilen der Poesie deutlich, dass es um das physische Leben geht.

Psalm 139,15-16. Nicht verhohlen war mein Gebein vor dir, als ich gemacht ward im Verborgenen, gewirkt wie ein Stickwerk in den untersten Örtern der Erde. Meinen Keim sahen deine Augen, und in dein Buch waren sie alle eingeschrieben; während vieler Tage wurden sie gebildet, als nicht eines von ihnen war.

In Psalm 139 geht es darum, dass Gott, der Schöpfer, jeden Menschen und alle Menschen will, kennt und formt. Das gilt überall und stets, Gottes Allgegenwart und Allwissen leuchten poetisch auf. Sogar in den »untersten Örtern« (euphemistisch für den Uterus der Mutter), wo niemand das heranreifende Baby sieht, ist Gott sehend (überwachend) und aktiv gestaltend »kunsthandwerklich« anwesend: Ein Wunder Gottes geschieht. David legt poetisch den Gedanken nahe, dass im Mutterleib nichts Zufälliges, sondern göttlich Verordnetes passiert: Alles geht nach dem göttlichen »Buch«, nichts ist zufällig oder wertlos. Die Verbindung zwischen diesem »Buch« und dem irdischen, physischen »Leben« ist offenbar. Vom Heil ist nicht die Rede. –

Mit der etwas anderen Übersetzung: »Mein Ungeformtes sahen deine Augen, und in dein Buch waren sie alle eingeschrieben, die Tage, die gebildet wurden …« geht es nichtmehr primär um Davids Name (und damit Person), sondern um seine von Gott bestimmten Lebenstage. Der Kontext handelt von Gottes Vorsehung und Allwissenheit über Davids embryonales Leben. Damit wäre der Psalm 139,16 ein starkes Zeugnis für Gottes souveräne Kenntnis und Bestimmung des menschlichen Lebens, aber kein Beleg für eine universale Eintragung sämtlicher Menschen in das Buch des Lebens. Das ist exegetisch viel zu weit gegriffen.

Psalm 87,5f.  Und von Zion wird gesagt werden: Der und der ist darin geboren; und der Höchste, er wird es befestigen. Jahwe wird schreiben beim Verzeichnen der Völker: Dieser ist daselbst geboren.

Dieser Psalm der Söhne Korahs feiert Zion als erwählte Stadt Gottes. Dort stand das Heiligtum, dort wohnte Gott. Wer in dieser Stadt geboren ist und dort wohnt, ist Mitbewohner und Nachbar Gottes. Das bedeutet größte Ehre. Aber man muss seinen Anspruch nachweisen können im Geburts-/Abstammungsregister. Im Millennium –und ggf. darüber hinaus– werden auch die Nationen (Völker) dorthin gehen, um Segen zu empfangen. Im NT wird dieser Vorsatz Gottes offenbarend gedeutet auf die Glieder der Gemeinde Jesu (Eph 3:4ff), wo die Abstammung nicht per Blutlinie Abrahams, sondern weitergehend per »Blutlinie« Jesu Christi festgelegt wird (vgl. Gal 3,7.14.29; Heb 2,16). Dieser Vorsatz Gottes fand seine erste explizite Offenbarung im Abrahamischen Bund in 1Mose 12. Dieses Verzeichnis ist also wichtig für die Bundeszusagen Gottes an Israel.

Jesaja 4,3  Und es wird geschehen, wer in Zion übriggeblieben und wer in Jerusalem übriggelassen ist, wird heilig heißen, ein jeder, der zum Leben eingeschrieben ist in Jerusalem.

Der Prophet Jesaja, der dem Volk Israel die Anklage Gottes, aber auch die Verheißung Gottes, vor allem aber die Gute Nachricht der Wiederherstellung bringt (s. ab Kap. 40), bringt schon in der Einleitung diesen Lichtblick auf die verheißenen Segnungen für Jerusalem und seine rechtmäßigen Bewohner. – Ansonsten gilt das zu Psalm 87,5f Gesagte.

2Mose 32:32f  Und nun, wenn du ihre Sünde vergeben wolltest! Wenn aber nicht, so lösche mich doch aus deinem Buch, das du geschrieben hast. Und Jahwe sprach zu Mose: Wer gegen mich gesündigt hat, den werde ich aus meinem Buch auslöschen.

Mose reagiert hier vorbildlich auf die eklatante Sünde des Volkes, das sich unter der Leitung des späteren Hohenpriesters Aaron ein goldenes Kalb gemacht und unter Verwendung des Namens des Ewigen angebetet hatte. Damit waren gleich die wichtigsten Gebote Gottes im Dekalog gebrochen worden, bevor sie von Gott  in Stein geschrieben das Volk erreichten. Mose war klar: Darauf konnte nur der Tod als Strafe folgen, Gott hatte es so gesagt. Und so versucht er als großer Stellvertreter seines Volkes die Schuld und Strafe auf sich zu nehmen. Das war menschlich vorbildlich gefühlt, aber göttlich gesehen ein absolut unmöglicher Vorschlag (per impossibile). Das würde Gott in den nächsten Monaten noch deutlich machen. – Auch Paulus hatte ähnliche Gefühle der gerichtlichen Stellvertretung für sein Volk, die Juden, aber er redete in der Wunschform (Römer 9,2–3; vgl. 10,1). Er wusste: ein Anderer, ein Schuldloser, musste kommen, um sein Volk von ihren Sünden zu erretten (Mt 1,21). 

Der kurze Dialog in 2Mose stellt zwar einen Zusammenhang zwischen den Einträgen in einem Buch und Sündern dar, aber das Buch wird nicht identifiziert als »Buch des Lebens«. Sprachlich ist die zeitliche Einordnung nicht eindeutig geklärt. Zudem: Wenn Gott sagt, dass er jeden, der gegen ihn gesündigt hat, aus diesem Buch auslöschen wird, dann sind die Seiten dieses Buches bis auf einen Namen leer, denn »alle haben gesündigt und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes« (Röm 3,23a). Dann stand eben auch Mose nicht drin, denn er war ein Mörder. Hatte er das vergessen?

Daniel 12:1  Und in jener Zeit wird Michael aufstehen, der große Fürst, der für die Kinder deines Volkes steht; und es wird eine Zeit der Drangsal sein, dergleichen nicht gewesen ist, seitdem eine Nation besteht bis zu jener Zeit. Und in jener Zeit wird dein Volk errettet werden, ein jeder, der im Buche geschrieben gefunden wird.

In jener Zukunftsvision des Propheten Daniel werden Ereignisse beschrieben, die im folgenden Text für Daniel in weite Ferne gelegt werden, in die (auch für uns noch zukünftigen) 3,5 Jahre der Großen Drangsal Israels (12,1.7ff). Das Buch wird nicht identifiziert als »Buch des Lebens«. Es ist die Rede von »dein Volk«, also Daniels Volk, also das Volk Israel, nicht von allen Menschen. Der nach größter Drangsal auf Erden gerettete »Überrest« Israels steht offenbar in diesem Buch. Das bedeutet, dass deren (zukünftige) Errettung durch göttliche Festlegung bereits feststeht.

1.2 Neues Testament

Siebenmal kommt das Buch des Lebens begriffsmäßig im NT vor, einmal in Philipper, sechsmal in der Offenbarung. Daneben gibt es Anspielungen auf andere Bücher ähnlicher oder gleicher Bedeutung. Das Verständnis dieses Begriffes baut auf dem AT auf.

Buch des Lebens, positiver Eintrag

Philipper 4,3 Ja, ich bitte auch dich, mein treuer Mitknecht, stehe ihnen bei, die in dem Evangelium mit mir gekämpft haben, auch mit Clemens und meinen übrigen Mitarbeitern, deren Namen im Buche des Lebens sind.

Mitarbeiter im Reich Gottes stehen auch im Buch des Lebens (griech. bíblos zōḗs). In Verbindung mit der Aussage des Herrn in Lukas 10,20 bedeutet es für Mitarbeiter im Reich Gottes wohl eine besondere Sicherheit und einen festen Trost, zu wissen, dass man im Himmel fest verankert ist (was das ewige Heil betrifft), auch wenn die »Erfolge« und »Misserfolge« im Dienst hier Zweifel über die Quelle der Heilssicherheit aufkommen lassen mögen. – 

Offenbarung 3,5  Wer überwindet, der wird mit weißen Kleidern bekleidet werden, und ich werde seinen Namen nicht auslöschen aus dem Buche des Lebens und werde seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln.

Den Überwindern der Gemeinde in Sardes wurde diese Verheißung ausgesprochen. Verse 4–5 verwenden dreimal den Begriff »Namen«, alle drei Verwendungen stehen im Zusammenhang mit positiven, mit dem Heil verbundenen Aussagen. Insbesondere steht hier nicht ausdrücklich, dass jemand aus dem Buch des Lebens ausgelöscht werden würde. Diese Stelle darf also nicht als (möglicher) Fakt oder als prinzipielle Wahrheitsaussage zur Behauptung des Auslöschens verstanden werden. Vielmehr wird im Grundtext mit ungewöhnlich starker, emphatischer Verneinung (o. Litotes) versichert, dass dieses Auslöschen nicht vorkommt: »Ich werde ihn ganz gewiss niemals (gr. ou me) auslöschen!« Das ist eine feste Zusicherung, keine versteckte Drohung.

Daraus ergibt sich klar, dass man nicht argumentieren kann, hier stünde eine Drohung, denn das angedrohte Übel könne ja evtl. eintreffen. – Beispiel: Wenn ein Vater seinem Kind sagt: »Ich werde dich niemals verlassen!«, folgt daraus (ohne weiteres) nicht, dass er andere seiner echten Kinder verlassen würde. Die Negation verstärkt vielmehr die Zusicherung.

Offenbarung 21,27  Und nicht wird in sie eingehen irgend etwas Gemeines und was Gräuel und Lüge tut, sondern nur die geschrieben sind in dem Buche des Lebens des Lammes.

Buch des Lebens, kein Eintrag

Offenbarung 13,8  Und alle, die auf der Erde wohnen, werden es anbeten, ein jeder, dessen Name nicht geschrieben ist in dem Buche des Lebens des geschlachteten Lammes von Grundlegung der Welt an.

Offenbarung 17,8  Das Tier, welches du sahst, war und ist nicht und wird aus dem Abgrund heraufsteigen und ins Verderben gehen; und die auf der Erde wohnen, deren Namen nicht in dem Buche des Lebens geschrieben sind von Grundlegung der Welt an, werden sich verwundern, wenn sie das Tier sehen, dass es war und nicht ist und da sein wird.

Offenbarung 20,12.15  Und ich sah die Toten, die Großen und die Kleinen, vor dem Throne stehen, und Bücher wurden aufgetan; und ein anderes Buch ward aufgetan, welches das des Lebens ist. Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben war, nach ihren Werken. … Und wenn jemand nicht geschrieben gefunden wurde in dem Buche des Lebens, so wurde er in den Feuersee geworfen.

Die beiden erstgenannten Stellen (13,8; 17,8) stellen eindeutig fest, dass es Menschen gibt (aus unserer Perspektive: geben wird), die »auf der Erde« wohnend und lebend nicht im Buch des Lebens geschrieben stehen. Das widerlegt die Auffassung, dass alle Menschen zu Lebensbeginn erst einmal »probehalber« in das Buch des Lebens geschrieben würden (s.z.B. Kap. 4.2 unten). Offenbarung 17,8 sagt nichts von einer solchen vorherigen Eintragung aller Menschen.

Die Behauptung: »Die Namen aller Menschen standen ursprünglich darin, wurden aber irgendwann wieder gelöscht« ist hier nicht haltbar. Der Kontext lehrt: Diejenigen, deren Namen von Grundlegung der Welt an im Buch stehen, werden von Gott so bewahrt, dass sie das Tier nicht endgültig anbeten. Denn sie gehören zum Lamm. – Es heißt nicht: »Sie beten das Tier an, deshalb werden ihre Namen gelöscht.« Nochmals: Von einem Löschen ist überhaupt nicht die Rede.

Die letztgenannte Stelle (20,12.15) gehören zum endgültigen Gericht. Wer nicht im Buch des Lebens steht, wird von Satans Agenten zur götzendienerischen Anbetung verführt werden. Sie sind die Erdbehafteten, die dem Tier (und damit Satan) ins Verderben folgen: ins ewige Gericht Gottes. Jene Menschen, die unerlöst bereits den körperlichen Tod erlitten haben, müssen alle am Gerichtstag des Großen Weißen Thrones auferstehen. Sie tun das, wie Daniel schon wusste,  zur »ewigen Abscheu« (Daniel 12,2).

Die Besonderheit ist, dass Offb 13,8 dieses »Buch des Lebens« mit Christus verbindet, mit dem »geschlachteten Lamm«. Damit wird die Namensliste jenes Buches zu einer Namensliste der im Opfer Jesu ewig Geretteten, nicht nur jener, die zeitweilig oder rein irdisch Rettung(en) seitens Gott erfahren haben. Jesus Christus hat »mit einem Opfer … auf immerdar die vollkommen gemacht, die geheiligt werden« (Hebr 10,14), so dass hier kein nur zeitweiliger, aufkündbarer, bereubarer Rettungszustand gemeint sein kann, der in jenem Buch dokumentiert ist.

Andere Erwähnungen eines Lebens- oder Heilsbuches im NT

Lukas 10,20  Doch darüber freuet euch nicht, dass euch die Geister untertan sind; freuet euch aber, dass eure Namen in den Himmeln angeschrieben sind.

Hier ist ohne ausführliche Namensnennung wohl dasselbe Buch gemeint, wie in Philipper 4,3 (s.o.). Wiederum: Wichtiger als jeder Dienst, jeder Erfolg im Dienst, ist, dass man durch Gottes Willen und Beschluss ewig gerettet ist. Der Nachweis für diesen unwandelbaren Beschluss liefern die schriftlich fixierten Einträge in diesem Buch »im Himmel«.

Semantisch: Übrigens wäre diese an seine Jünger gerichtete Aussage Jesu eine äußerst seltsame Begründung für diese tiefe Freude, wenn gleichzeitig Pontius Pilatus, Judas Iskariot, Kajaphas und alle anderen Menschen ebenfalls dort eingeschrieben wären. Jesus stellt das Angeschriebensein im Himmel vielmehr als besonderes Heilsprivileg dar, das niemand rauben kann, gerade auch diese bösen Herrscher und die Dämonen hinter ihnen nicht.

Hebräer 12,23  …und zu der Versammlung der Erstgeborenen, die in den Himmeln angeschrieben sind; und zu Gott, dem Richter aller; und zu den Geistern der vollendeten Gerechten…

Diese Stelle ergänzt Philipper 4,3 und Lukas 10,20 mit dem Gedanken, dass es ein Buch gibt, in dem alle Gläubigen, die Gesamtheit der ewig Geretteten, fix eingetragen sind. – Sie stehen dort nach göttlichem Vorsatz und Beschluss; alle die dort stehen, werden in der Zeit mit wirksamem Ruf zum Glauben gerufen: »Als aber die aus den Nationen es hörten, freuten sie sich und verherrlichten das Wort des Herrn; und es glaubten, so viele zum ewigen Leben bestimmt waren.« (Apostelgeschichte 13,48).

1.3  Zusammenfassung

Das »Buch des Lebens« ist ein metaphorisches Register Gottes, das im Alten Testament angedeutet wird, im Neuen Testament zentral für das Endgericht ist und das eng mit Christus und der ewigen Erlösung verbunden ist. Am Ende wird dieser Eintrag für jeden Menschen ewigkeitsentscheidend sein:

  • Offenbarung 20,12.15 – In das Buch eingeschrieben zu sein bedeutet, ewiges Leben zu haben.
  • Offenbarung 21,27 – In das Buch eingeschrieben zu sein bedeutet, dass man in die Stadt Gottes eintritt. 
  • Offenbarung 3,5 – Gott wird den, der bis zum Ende standhaft bleibt, nicht aus dem Buch auslöschen. 
  • Offenbarung 13,8 – Diejenigen, die das Tier anbeten, waren nie in das Buch eingeschrieben. 
  • Offenbarung 17,8 – Auch hier gilt: Diejenigen, die das Tier bewundern, waren nie in das Buch eingeschrieben. 
  • Lukas 10,20 – Unsere gesamte Sicherheit vor der Hölle und vor den Dingen, die uns in die Hölle bringen, liegt darin, dass unsere Namen in das Buch des Lebens bleibend (fix) eingeschrieben sind.

2 Unterschiedliche Deutungen

Immer wieder fragen sich Christen, ob sie aus diesem »Buch des Lebens« ausgelöscht werden können. Die Stelle in 2Mose 32,33 wird herbeigezogen als positives Beispiel einer Eintragslöschung, Offenbarung 3,5 wird als implizite Möglichkeit einer solchen Löschung verstanden. Die anderen beziehen sich u.a. auf Offenbarung 13,8, wo ausdrücklich steht, dass die Eintragung »von Grundlegung der Welt« bereits feststand, also vor-weltlich entschieden wurde. Die Spannung entsteht also zwischen den Polen »unverlierbares Heil« versus »verlierbares Heil«. Dies ist in der Tat eine überaus wichtige, alles entscheidende Frage. Wie haben unterschiedliche christliche Traditionen sie beantwortet?

2.1 Die römisch-katholische Sicht (Lehre)

Der Kerngedanke der Röm.-kath. Kirche (RKK) ist, dass das »Buch des Lebens« alle enthalte, die aktuell in der Gnade Gottes stehen, wobei dieser Zustand verlierbar sei. Ein vorhandener Eintrag dokumentiere also, dass ein Mensch momentan im Stand der heilig machenden Gnade ist. Da der Mensch aber einen »echten, freien Willen« hat, kann eine bestimmte Klasse schwerer Sünden (die sog. »Todsünden«) zur Auslöschung des Eintrags führen. 

Die Konsequenzen dieser Ansicht: Rettung ist ein dynamischer (stetig wechselnder) Zustand, kein einmaliges Ereignis, das zu einem festen Heilsstand führte. Die Sakramente (v. a. Beichte, Eucharistie) spielen eine zentrale Rolle in der Dynamik des Heils und damit der Eintragung. Endgültige Sicherheit besteht erst nach dem Tod. – Das »Buch des Lebens« ist hier also ein reales, aber veränderbares Register des aktuellen Heilsstandes und der Gottesbeziehung. Mangelnde Heilsgewissheit treibt den suchenden Menschen zu den gnadenvermittelnden Heils-»Sakramenten« der RKK.

2.2 Die reformierte Sicht (Lehre)

Der Kerngedanke der Heilslehre der Reformatoren ist, dass das »Buch des Lebens« die Liste der von Gott vor Grundlegung der Welt zum ewigen Heil Erwählten ist. Dieses Lehrverständnis ergibt sich in Harmonie (sog. »Analogie der Schrift«) zu den anderen Lehrpositionen der Reformation (insbesondere deren Heilslehre), nämlich dass Gott souverän über das Heil entscheidet (Prädestination, Erwählung), dass somit die Eintragungen unveränderlich sind und es kein »Auslöschen« im eigentlichen Sinn gibt (auch wenn diese mit prophetischer Mahnung angedroht wird). Das »Auslöschen« wird also so verstanden, dass es sich aus menschlicher Sichtweise als real zu Befürchtendes darstelle, oder es wird als prophetische Warnsprache verstanden. Im lutherischen Zweig der Reformation wird später eingeräumt, dass der Mensch sich durch anhaltenden Unglauben selbst wieder aus diesem Buch löschen könne. Hier sehen wir eine arminianisch anmutende Verfremdung der Heilslehre (Abfall vom rettenden Glauben sei möglich). Beim Reformator Johannes Calvin bleibt klar: Erwählung ist keine provisorische (und/oder »gutgemeinte«) Einschreibung aller Menschen, die später aufgrund ihres Verhaltens korrigiert wird, sondern Gottes ewiger Ratschluss.

Die Konsequenzen der reformierten Ansicht: Der durch Gottes vorweltlichen Beschluss und durch das Opfer Christi »auf immerdar« Gerettete ist tatsächlich für immer gerettet. Er steht nicht länger auf einem Bewährungs-Prüfstand, was seine ewige Errettung angeht. Wer so gerettet wurde, ist sicher und auf ewig errettet (sog. »Ausharren der Heiligen«). Wer ins »Buch des Lebens« eingetragen wurde, wird bis zum Ende, bis zur ewigen Glückseligkeit, bewahrt bleiben. Das Buch dokumentiert also den ewigen, unveränderlichen Heilsbeschluss Gottes, der auch zur Vollendung führen wird: der Verherrlichung aller zuvor von Gott Erkannten, Bestimmten und Berufenen (Römer 8,29–30). Folglich ist es für die Glaubenden größter Trost und kräftigste Motivation, »dass eure Namen in den Himmeln angeschrieben sind« (Lukas 10,20).

2.3 Adventistische Sicht (Lehre)

Der Kerngedanke der Sekte der Adventisten (Milleriten, Siebenten-Tags-Adventisten, STA) ist, dass das »Buch des Lebens« Teil eines himmlischen Gerichtsprozesses sei. Sie haben die Sonderlehre eines »Untersuchungsgerichts«, das seit 1844 als »Voruntersuchungsgericht« laufe. Dabei werden die Namen einzeln geprüft und bleiben dann entweder bestehen oder werden gelöscht. (Dieses Datum wurde genannt, nachdem drei konkrete Zeitangaben für die Rückkehr Jesu sich offenbar als falsch erwiesen hatten: Herbst 1843, 21.03.1844, 22.10.1844.)

Die Konsequenzen dieser Ansicht: Diese Lehre ist eine Vermischung von Gottes Gnade mit realer Bewertung des Lebens unter extremer Betonung der Endzeit. Ein entscheidendes Bewertungskriterium der Treue eines Christen ist die Beachtung des Sabbats als biblischem Ruhetag. Dies geht auf eine (okkulte) Vision ihrer Hauptlehrerin Ellen G. White am 03.04.1847 zurück, die sie angeblich in Topsham, Maine (USA) hatte. In dieser Vision sah sie angeblich die Bundeslade im Allerheiligsten, darin die 10 Gebote, wobei das vierte Gebot (Sabbatgebot) mit besonderem Licht hervorgehoben wurde (Quelle: A Word to the Little Flock, 1847). Das Buch ist hier ein aktuelles, überprüftes Register des himmlischen Gerichts.

2.4 Freikirchlich-evangelikale Sicht (Lehre)

In den Freikirchen, die aus dem Strom des Protestantismus (Reformation) entstanden waren, finden wir heute zwei einander widersprechende Sichten. Die eine Sicht ähnelt der reformiert-calvinistischen Sicht, dass also die Bucheinträge endgültig und damit ewig sicher sind.

Die andere Sicht ähnelt der arminianisch-lutherischen Sicht, dass echter, rettender Glaube auch wieder verloren gehen könne. Der gemeinsame Nenner ist, dass die Eintragung ins Buch durch Glauben an Jesus Christus erfolgt, eine Auslöschung ist je nach Auffassung unmöglich oder möglich, je nach Treue, Willen und Ausharren der eingetragenen Person. Hier wird also die »persönliche Entscheidung« zum Heil zum entscheidenden Kriterium für Eintragung und Auslöschung. Das Buch dokumentiert die Bekehrungserfahrung von Menschen. Gott spielt nur den himmlischen Sekretär, der die Willensentscheidungen der Menschen zum Heil protokolliert und die Bucheinträge aktuell hält.

Zentrale Streitpunkte

Alle Lehrtraditionen stimmen darin überein, dass das »Buch des Lebens« dafür steht, dass Gott das Heil einzelner, konkreter Menschen (Namensliste!) darin dokumentiert. Aber sie unterscheiden sich z.T. radikal darin, wie man in dieses Buch kommt, ob man darin bleibt und wer letztlich über Eintrag und Verbleiben entscheidet.

Die Unterschiede der Lehransichten drehen sich im Kern um drei große Lehrfragen: (1)Prädestination vs. freier Wille. Entscheidet Gott alleine über das Heil oder ist es der Mensch, der das Heil entscheidend ergreift?; (2)Sicherheit der Rettung. Ist das Heil absolut sicher oder ist es gefährdet wegen Untreue und Abfall des Menschen?; (3)Verhältnis von Gnade und Werken. Wird das Heil vom Menschen rein passiv von Gott empfangen (Gnadengeschenk), oder steht der Mensch in der Verantwortung, sich mit guten Werken und Treue des Heils würdig zu erweisen (Verdienst durch Werke)?

3 Die Lehrtradition der »Plymouth Brüder« (D: Christliche Versammlung)

Die »Plymouth Brüder« (heute oft nur: »Brüderbewegung«) entstanden in Irland in den 1820er Jahren. Gläubige aus unterschiedlichen kirchlichen Hintergründen kamen in Erwartung der Wiederkunft Jesu in Hauskreisen zum Bibelstudium und Abendmahl zusammen. Durch eifrigen Missionsdienst breitete sich diese Bewegung in aller Welt aus und erzeugte im Lauf der Zeit etliche Splittergruppen und Sonderkirchen. Prägende Theologen in der Anfangszeit dieser Bewegung waren die Iren John Nelson Darby (1800–1882), ein anglikanischer Geistlicher aus höchsten gesellschaftlichen Kreisen und mit hervorragender klassischer Bildung, sowie William Kelly (1821–1906), ebenfalls ein Spezialist für alte Sprachen, Bibelausleger, Autor und Prediger, der das Gesamtwerk Darbys (z.T. stark lektoriert) herausgab (»Collected Writings«). Das Verständnis vom »Buch des Lebens« wurde maßgeblich von diesen Bibellehrern geprägt. Inzwischen sind jedoch viele alternative Lehrmeinungen entstanden, die sich denen anderer Kirchen und Freikirchen angeglichen haben.

Grundverständnis. Die Brüderbewegung liest das »Buch des Lebens« nicht als eigenständiges Dogma, sondern als integrierten Teil ihres Verständnisses von Erwählung, Wiedergeburt, ewigem Leben, Heilssicherheit und Heilsgewissheit. Der entscheidende Punkt: Wer wirklich gerettet ist, ist endgültig gerettet – und steht damit für immer im Buch.

Klassische Linie (J.N. Darby). Der Kerngedanke von Darby und der frühen Bewegung war: Es gibt aufgrund der Heiligen Schrift objektiv absolute Heilssicherheit sowie subjektiv wirkende Heilsgewissheit für jeden Glaubenden. Die Erwählung zum ewigen Heil fand vor Grundlegung der Welt statt und gründet sich im vorausgesetzten, vollendeten Heilswerk Christi. Erwählung ist »ewiger Ratschluss Gottes«, ewige Rettung basiert vollständig auf dem Kreuz und ist abgeschlossen. Wichtig: Ewiges Leben ist nicht verlierbar, sonst wäre es nicht »ewig«.

Konsequenz für das »Buch des Lebens«: Der Eintrag ist Ergebnis göttlicher Erwählung, daher unumkehrbar. Das »Auslöschen« wird rhetorisch (prophetische Sprache) oder als scheinbar (rein menschliche Perspektive) verstanden. – Das entspricht stark der reformierten Position, aber mit stärkerer Betonung der persönlichen Gewissheit.

Einbettung in die Heilslehre der »Brüderbewegung«. (1) Die Heilsgewissheit ist ein zentrales Merkmal (»full assurance of salvation«, basierend u.a. auf 1. Johannes 5,13: »Dies habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr ewiges Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes«.) Das ist entscheidend: Ein Christ weiß sicher, dass er gerettet ist. Diese Gewissheit basiert auf dem Wort Gottes, dem vollbrachten Werk Christi und dem Zeugnis des Heiligen Geistes. Daher ist das »Buch des Lebens« kein unsicheres Register, sondern Ausdruck einer bereits feststehenden Realität. – (2) Die Heilssicherheit (»eternal security«) ist objektiv im vollbrachten und vollkommenen Sühnungsopfer Jesu am Kreuz gegeben, sie hängt nicht subjektiv vom Glaubenden ab. Die Aussage der Schrift ist klar: Ein echter Gläubiger kann nicht verloren gehen (Joh 3,15f; 10,28ff). Das Heil und die Vollendung ist so sicher, dass der Hebräerbrief es in der Vergangenheitsform als bereits vollendet darstellt: »indem er viele Söhne zur Herrlichkeit brachte« (Heb 2,10). – (3) Die Warnstellen werden in der »Brüderbewegung« klassisch so gelesen: Weil es Scheinchristen gibt, wird festgestellt (oder stark vermutet), dass »Abgefallene«, bei denen man keine Zuchtmaßnahmen Gottes feststellt, wahrscheinlich nie wirklich in diesem »Buch des Lebens« eingetragen waren, sie gehörten nie zur Familie Gottes: »Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns; denn wenn sie von uns gewesen wären, so würden sie wohl bei uns geblieben sein; aber damit sie offenbar würden, dass sie alle nicht von uns sind.« (1Joh 2,19).

Variationen und Abweichungen. Innerhalb der Brüderbewegung haben sich Differenzen in der Lehre entwickelt. (1) Die eher Darby lehrhaft folgenden »Brüder« gehen immer noch davon aus, dass der göttliche, personale Wille alles entscheidend prägt, was sie aus Sicht der Gegenseite als »calvinistisch« erscheinen lässt (allein ihre Eschatologie zeigt aber schon auf, dass diese »Brüder« keine Calvinisten sind; sie lehnen dieses Etikett entschieden ab). Für sie ist das »Buch des Lebens« ein festes, göttliches, ewiges Register. – (2) Die sog. »Offenen Brüder« haben eine viel größere Bandbreite in der Lehre entwickelt, die mit ihren Ursprüngen und Wurzeln manchmal nur noch wenig zu tun haben. Sie sehen teilweise mehr Raum für die Verantwortung des Menschen und daher für kraftvolle praktische Warnungen. Aber auch hier gilt in der Regel noch: Wer eine echte Wiedergeburt erlebt hat, der hat bleibende Rettung. Die Unterschiede sind eher pastoral, der Menschorientierung zugeneigt, aber noch nicht fundamental. Das Ganze ist jedoch in Bewegung, da es in diesen Freikirchen kein verbindliches »Credo« gibt. – Die Grundlagenliteratur findet man bei John Nelson Darby (Collected Writings, zu Themen wie: election, eternal life, assurance), William Kelly, C. H. Mackintosh und (amerikanisch) F. W. Grant, H.A. Ironside. Typische Titel lauten: »Eternal Security of the Believer« oder »Assurance of Salvation« (Onlinequellen: Plymouth Brethren Writings, stempublishing.com, oder: bibelkommentare.de).

Zu Offenbarung 3,5

»Wer überwindet, der wird mit weißen Kleidern bekleidet werden, und ich werde seinen Namen nicht auslöschen aus dem Buch des Lebens«

Darby und Kelly stellen am Text fest, dass hier nicht eine Drohung steht, sondern eine Verheißung. Es steht nicht da: »Ich könnte Dich auslöschen«, was die Möglichkeitsform wäre. Darby liest die Sendschreiben als moralische Appelle an Bekenner, nicht als metaphysische Aussagen über den Verlust des Heils. Fazit: Die Aussage in Offenbarung 3,8 will die Gewissheit der Überwinder stärken; sie beschreibt nicht, dass das Auslöschen des Namens eines Glaubenden aus diesem Buch real möglich ist.

Zu Offenbarung 13,8

»Und alle, die auf der Erde wohnen, werden es anbeten, jeder, dessen Name nicht geschrieben ist in dem Buch des Lebens des geschlachteten Lammes von Grundlegung der Welt an.«

Hier wird die Position der ursprünglichen »Brüderbewegung« besonders deutlich. Die zeitliche Zuordnung der Eintragung vor dem Schöpfungsakt bedeutet, dass sie vollständig unabhängig vom menschlichen Verhalten ist. Daraus folgt: Dieses Buch ist Ausdruck der ewigen Erwählung, nicht eines späteren Bewertungs- oder Bewährungsprozesses. Und letztlich scheint hier auf, dass ihr Denken Christus im Mittelpunkt hält. Sie erkennen im Buchtitel die Zuspitzung auf Jesus Christus: »Buch des Lebens des Lammes«. Erwählung, Kreuz und Erlösung liegen für sie also auf einer einzigen, ewigen Linie. – Für Darby ist damit klar: Dieses Buch ist ewig festgelegt, sein Inhalt ist nicht dynamisch veränderbar.

Sprachlich-theologische Bemerkungen. Der griechische Text von Offenbarung 13,8 enthält apo katabolēs kosmou; das bedeutet wörtlich: »von Grundlegung der Welt an«, also »seit Beginn der Weltzeit«. Das Griechische sagt nicht ausdrücklich »vor« (pro). Warum lesen/verstehen es Darby u.a. trotzdem wie ein »vor«? – Dazu gibt es drei Gründe: 

  • (1) In Verbindung mit Offenbarung 17,8 (»nicht geschrieben sind seit…«) kann man argumentieren: Wenn Namen schon von Beginn der Welt drinstehen oder fehlen, dann lag die Entscheidung für die Eintragung offensichtlich vor diesem Zeitpunkt, also in der Ewigkeit vor der Zeit/Schöpfung. Das ist ein logischer Schluss, kein rein grammatischer. 
  • (2) In Verbindung mit Epheser 1,4 (»erwählt vor Grundlegung der Welt«) und Johannes 17,24 (»geliebt vor Grundlegung der Welt«, i.V.m. der Einsmachung in Joh 17) ist systematisch zu schließen, dass die Bibel eine vorweltliche Erwählung lehrt, mit der auch Offenbarung 13,8 übereinstimmen muss. Daraus ergibt sich: 
  • (3) Eine zeitliche Eintragung (erst »seit Beginn« der Erde) wäre unvereinbar mit der Lehre der Erwählung. Da diese Erwählung ewig ist, wie auch die Erwählung des Sohnes Gottes zum rettenden »Lamm Gottes«, und da das »Buch des Lebens« ein Namensregister der zum Heil Erwählten darstellt, muss dieses Buch samt Inhalt ebenfalls ewigen Charakter haben. Dies folgt keinem philologisch-sprachlichen Zwang, sondern ist ein dogmatisch notwendiger Schluss, wenn man von theologischer Kohärenz und Wahrheit der biblischen Lehre ausgeht.

Auf den weiteren sprachlichen Streitpunkt, ob sich das »von Grundlegung der Welt an« überhaupt auf das »geschrieben« bezieht, und nicht auf das »geschlachtet« bzgl. des Lammes, gehe ich hier nicht weiter ein. Beides ist grammatisch möglich, die Mehrdeutigkeit ist im Griechischen real vorhanden. Die Entscheidung für das erstere Verständnis ist theologisch begründet. Es scheint in der »Brüderbewegung« noch das übliche Verständnis zu sein (so wiedergegeben in nichtrevELB, ELBCSV, SCHL2000, LUT, KJV, NKJV, ESV, NASB). Die Hermeneutik der Reformation enthält die Grundregel: Unklare Stellen werden durch klare Lehre entschieden. Der historisch-kritische Ansatz hingegen nimmt jede Stelle für sich und gibt (hier) der Syntax Vorrang vor der theologischen Systematik und Widerspruchsfreiheit. Bindung an »geschlachtet« liefern: Einheitsübersetzung, NGÜ, Zürcher Bibel, BasisBibel, neuere ELBREV, NIV, NRSV. – Die grundtextnahe ESV hat trotzdem »written before the foundation«, die NIV dagegen: »Lamb slain from the foundation«, die LUTH2017 lässt die Zuordnung offen. Fazit: Offenbarung 13,8 ist kein Fall, wo die Grammatik die Theologie diktiert, sondern ein Fall, wo die Theologie die Übersetzung lenkt.

Zu Offenbarung 20,12–15

» Und ich sah die Toten, die Großen und die Kleinen, vor dem Thron stehen, und Bücher wurden geöffnet; und ein anderes Buch wurde geöffnet, welches das des Lebens ist. Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben war, nach ihren Werken. … Und wenn jemand nicht geschrieben gefunden wurde in dem Buch des Lebens, so wurde er in den Feuersee geworfen.«

Die »Brüder« der »Brüderbewegung« haben hingewiesen, dass es zwei Kategorien von Büchern gibt: eines zeichnet die Werke der Menschen auf, das andere deren göttliche Zugehörigkeit (im Heil). Beide sind strikt zu unterscheiden. Kelly und Darby weisen darauf hin, dass die Funktion des »Buches des Lebens« nicht eines der Prüfung ist, sondern als eine Art Bestätigungsregister. Das Urteil erfolge alleine nach den Werken des Menschen. Zudem: Wer vor diesem Gericht steht, ist bereits verloren! Dieses »Gericht der Toten« entscheidet nicht erst über das Heil jener »Toten«, es offenbart richterlich den bereits feststehenden Zustand. Im Gericht am Ende entscheidet Gott nicht erst, sondern er offenbart, was für ihn bereits feststand.

Zu Lukas 10,20

»[F]reut euch vielmehr, dass eure Namen in den Himmeln angeschrieben sind.«

C.H. Mackintosh (aus der »Brüderbewegung«) betont, wie wichtig diese Stelle pastoral ist. Hier zeigt sich die praktische Seite der »Brüderbewegung«. Sie nimmt den Impuls der Heilsgewissheit im Hier und Jetzt auf, und zwar nicht spekulativ, sondern existenziell. Der Gläubige soll wissen, dass sein Name dort eingeschrieben ist. Das ist das Entscheidende. Das ist von Menschen nicht wegzunehmen. Egal, ob man im Dienst für Gott Erfolg hat (wie hier) oder keinen »Erfolg« hat.

Fazit

Die Theologen (aka: Lehrväter) der »Brüderbewegung« lehrten: Das »Buch des Lebens« ist kein offenes Register, sondern der Ausdruck der ewigen, unwiderruflichen Erwählung Gottes, sichtbar gemacht im Heil der Gläubigen und bestätigt im Gericht. Manche meinen: Wer heute anders lehrt, sollte zugeben, dass er das theologische Erbe und Fundament der »Brüderbewegung« aufgegeben hat.

4 Zitate

4.1 Begriffslexikon, 2005.

»Dieser Ausdruck kommt nur in der Offenbarung (7x) und in Phil 4,3 vor. Es wird als das Lebensbuch des Lammes bezeichnet und enthält seit Anbeginn der Welt die Namen aller, die gerettet sind. Wer dort nicht verzeichnet ist, wird in den Feuersee geworfen werden (Offb 20,15). Es wird auch von anderen „Büchern“ gesprochen. Mose erwähnt eines in 2. Mose 32,32; Daniel in Kap. 12,1; und in Offb. 20,12 finden wir, dass es Bücher der Werke gibt, anhand derer die Verlorenen gerichtet werden. Aber die Gesegneten werden niemals vor das Gericht kommen (Joh. 5,24 wörtlich), und das Buch des Lebens enthält allein deren Namen.«

A Dictionary Of Some Of The More Common Biblical Words And Phrases (Galaxie Software, 2005), s.v. Book of Life. Eigene Übersetzung, Fettdruck hinzugefügt.

Kurzkommentar: Der Lexikoneintrag beschränkt sich auf die Vorkommnisse des vollen Namens »Buch des Lebens«. Dieser kommt nur im NT vor. Die Deutung ist, dass dort die Namen aller (nach Vorsatz Gottes bereits) Geretteten stehen, der Namenseintrag in diesem Buch insofern als Sicherung vor dem Gericht Gottes dienen kann. Die Namensliste ist schon seit Anbeginn der Welt statisch fest und gültig, insofern ist weder »Eintragen« noch »Löschen« in der Zeit möglich.

4.2 Roger Liebi, Das Buch des Lebens. Seminarvorlage, 1998.

»Gott liebt alle Menschen und möchte das Leben für jeden einzelnen von ihnen (1Tim 2:4; 2Pet 3:9). Deshalb schrieb er alle Menschen zur Zeit der Erschaffung der Welt („von Grundlegung der Welt an“) in das Buch des Lebens. Durch den Sündenfall kam jedoch das Verhängnis des Todes: „Der Lohn der Sünde ist der Tod“ (Röm 6:23). Der stellvertretende Tod des Herrn Jesus als Lamm Gottes brachte aber die Lösung: „die Gnadengabe Gottes aber ewiges Leben in Christus Jesus, unserem Herrn“ (Röm 6:23).

Jeder Mensch, der im Mutterleib gebildet wird, steht bereits im Lebensbuch. Wenn er jedoch in seinem Leben Gottes Angebot zur Vergebung seiner Sünden nicht in Anspruch nimmt, wird er nach Ablauf seiner Gnadenzeit aus dem Buch des Lebens getilgt. Die Gnadenzeit für den einzelnen Menschen läuft spätestens mit seinem Tod ab (vgl. Mark 2:10; Heb 9:27; 2Mos 9:12).

Beim letzten Gericht vor dem grossen, weissen Thron wird den Verlorenen mit dem Buch des Lebens deklariert werden: Gott wollte euch das Leben geben, ihr aber habt es von euch gewiesen. Eure Namen sind nicht mehr darin. Die Konsequenz davon wird die ewige Pein sein.«

Roger Liebi, Das Buch des Lebens. Seminarvorlage mit Datum 02.06.1998.

Kurzkommentar: Gott ist hier kein ewig und frei erwählender Gott mehr, wie es die Bibel vielfach bezeugt, sondern ein Gott guter Absichten, der aber letztlich hilflos zusehen und abwarten muss, ob die Menschen sich für Gottes Heilsangebot entscheiden werden. Der Mensch allein entscheidet über sein ewiges Glück. Den aktuellen Stand, den aktuellen Umsetzungserfolg des ewigen Rettungswillens Gottes, zeigen die Einträge im »Buch des Lebens«. Als Buchhalter greift Gott ggf. zum göttlichen Radiergummi, um seine eigenen (irrtümlichen?) »Eintragungen auf Probe« wieder zu entfernen. Das Buch des Lebens reduziert sich zu einem Ausweis, dass Gott im Prinzip rettende Absichten habe.

Kommentar: Soll hier wieder einmal Gott davor bewahrt werden, dass Er wie Gott handelt (vgl. Röm 9,15–24)? Liebis Entwurf hat Anklänge zu Ideen im Judentum, im Arminianismus und im Semi-Pelagianismus. Liebi benutzt diese Lehre zudem ausdrücklich als Argument gegen den »Calvinismus«, das mag seine exegetische Brille entsprechend eingefärbt haben: seine Exegese wird zumindest teilweise von seiner theologischen Prämisse getragen. Damit gerät er u. E. prinzipiell von der Exegese (Auslegung) in die Eisegese (Hineinlegung).

Die Heilige Schrift sagt: »Also liegt es nun nicht an dem Wollenden noch an dem Laufenden, sondern an dem begnadigenden Gott.« (Römer 9,16). Kann man das noch klarer sagen? Die Heilsergreifung liegt nicht im Willen des Sünders, mag man noch so viel von seinem Wollen reden. Gott muss ihm erst und notwendig einen erneuerten Willen (als Teil der Gabe des neuen Lebens) verleihen. Und mit diesem erneuerten Willen will der Beschenkte (Begnadigte) dann tatsächlich und unfehlbar das Heil. Mit dieser Vorgehensweise stellt Gott sicher, dass Er allein alle Retterehre bekommt. Alle anderen Ansätze sind mithin ehrabschneidend.

Die schnellste Widerlegung der Lehrauffassung Liebis ist übrigens der Verweis auf Offenbarung 13,8 und 17,8, wo eindeutig auf der Erde lebende und handelnde Menschen beschrieben werden, aber bezeugt wird, dass diese nicht im Buch des Lebens stehen.

Sprachverirrung. Liebi legt erhebliches Gewicht darauf, dass in Offenbarung 13,8 bzw. 17,8 ein griechisches Perfekt verwendet wird. Er argumentiert sinngemäß: Das Perfekt bedeute: »eingeschrieben worden und noch immer eingeschrieben sein«. Da im Satz dies verneint werde, könne/müsse man daraus schließen: Sie stehen jetzt nicht mehr darin, obwohl sie vorher darin standen. Das ist aber der Streitpunkt. Hält sein Argument?

Sprachlich. Tatsächlich beschreibt das Perfekt γέγραπται / γεγραμμένοι einen bestehenden Zustand: »steht geschrieben / ist eingeschrieben«. Mit einer Negation bedeutet es daher: »steht nicht geschrieben / befindet sich nicht als Eingetragener darin«, also wieder ein Zustand. Es redet nicht von einer Dynamik im Sinne von: »war früher eingeschrieben und wurde inzwischen gelöscht«. Für solch eine Deutung müsste der Kontext ausdrücklich einen Vorgang des Löschens oder einen früheren gegenteiligen Zustand anzeigen. Liebis Deutung ist weder sprachlich noch logisch richtig.

Liebi schrieb: »Deshalb schrieb er alle Menschen zur Zeit der Erschaffung der Welt („von Grundlegung der Welt an“) in das Buch des Lebens.« (Fettdruck hinzugefügt). Offenbarung 17,8 widerspricht dieser Behauptung Liebis. Dort steht gegenteilig: »dessen Name von Grundlegung der Welt an nicht geschrieben steht …«. Die Zeitbestimmung reicht hier bis zur Grundlegung der Welt zurück: Der Name der Gemeinten war in der Erdenzeit (dies schließt offenbar die Lebenszeit der Gemeinten mit ein) noch nie eingeschrieben gewesen! – Im Licht von Epheser 1 kann man richtiger argumentieren: Die Zugehörigkeit zum Buch des Lebens geht der Entscheidung des Menschen in Raum und Zeit voraus, denn es steht geschrieben: »wie er uns auserwählt hat in ihm vor Grundlegung der Welt« (Eph 1,4).

Nimmt man Offenbarung 21,27 dazu, wird der systematisch-theologische Schwachpunkt noch deutlicher. Nach Liebis Auffassung möchte Gott grundsätzlich, dass (auch) dieser Mensch gerettet wird. Erst der Tod bzw. die endgültige Ablehnung Christi entscheide darüber, ob der Eintrag Bestand hat. Das Lebensbuch wird mithin zum »Provisorium« und dokumentiert höchsten Gottes gute Rettungsabsichten. Damit verliert das Buch aber genau die Funktion, die es in der Offenbarung offenbar hat: Dort bezeichnet es die sichere Zugehörigkeit zum Lamm.

4.3 John MacArthur, Divine Immutability and the Doctrines of Grace, 2006.

»Der Plan Gottes war von Ewigkeit her, einen Teil der gefallenen Menschheit durch das Werk des Sohnes und zur Ehre des Sohnes zu erlösen (vgl. 2Tim 4,18). Es gab einen Moment in der Ewigkeit vor der Zeit (wenn wir so in unvollkommen zeitlichen Begriffen von der Ewigkeit sprechen dürfen), als der Vater seine vollkommene und unbegreifliche Liebe zum Sohn zum Ausdruck bringen wollte. Um dies zu tun, beschloss er, dem Sohn eine erlöste Menschheit als Liebesgabe zu geben – eine Schar von Männern und Frauen, deren Aufgabe es sein sollte, den Sohn während aller Äonen der Ewigkeit zu preisen und zu verherrlichen und ihm vollkommen zu dienen. Engel allein würden in dieser Hinsicht nicht ausreichen, denn es gibt Eigenschaften des Sohnes, für die Engel ihn nicht richtig preisen können, da sie die Erlösung nie erfahren haben. Aber eine erlöste Menschheit, als direkte Empfänger seiner unverdienten Gunst, würde für immer als ein ewiges Zeugnis für die unendliche Größe seiner Barmherzigkeit und Gnade stehen.

Der Vater beschloss daher, dem Sohn eine erlöste Menschheit als sichtbaren Ausdruck seiner unendlichen Liebe zu geben. Dabei wählte er alle aus, die diese erlöste Menschheit bilden sollten, und schrieb, bevor die Welt begann, ihre Namen in das Buch des Lebens (Offb 13,8; 17,8). Sein Geschenk an den Sohn besteht aus denjenigen, deren Namen in diesem Buch stehen – eine freudige Gemeinde unverdient Heiliger, die den Sohn für immer preisen und ihm dienen werden.«

John MacArthur, Divine Immutability and the Doctrines of Grace. Vorwort in: Steven J. Lawson, Foundations of Grace (A Long Line of Godly Men), Lake Mary, FL: Ligonier Ministries, 2006. Eigene Übersetzung, Fettdruck hinzugefügt.

Kurzkommentar: Das Buch des Lebens enthält hier alle vorzeitlich zur Gemeinschaft mit dem Sohn und damit zum Heil erwählten Menschen, und zwar «bevor die Welt begann« (daher können die Namen dann auch »seit« Anbeginn der Welt im Buch stehen, und zwar statisch). Die Liste ist fix, es gibt in der Zeit weder einen Neueintrag noch eine Löschung.

Fazit im Überblick

Man könnte die einzelnen Ansichten in Zusammenschau biblisch begründet so bewerten:

AussageUrteilGrund
Es gibt ein »Buch des Lebens«richtigDan 12,1; Phil 4,3; Offb 3,5; 20,15
Das Buch spielt beim letzten Gericht eine entscheidende RollerichtigOffb 20,12.15
Die Verlorenen werden nach ihren Werken gerichtetrichtigOffb 20,12–13
Die Bibel enthält ein Reden vom »Auslöschen« aus einem göttlichen Buchrichtig2Mo 32,33; Ps 69,29; Offb 3,5
Alle diese »Bücher« müssen exakt dasselbe Register seinfragwürdigunterschiedliche Kontexte und Funktionen
Psalm 139,16 beweist eine Eintragung jedes Menschen ins Lebensbuchfalschdort sind Davids Tage aufgezeichnet
Das griechische Perfekt in Offb 13/17 beweist eine frühere Eintragungfalschdas Perfekt bezeichnet den bestehenden Zustand, nicht dessen Gegenteil in der Vergangenheit
Alle Menschen sind von Anfang an im Lebensbuchschriftlich nicht belegt und m. E. abzulehnenbesonders Offb 17,8 spricht dagegen
Ungläubige werden bei Tod/Ende der Gnadenzeit gelöschtnicht belegtkein Text sagt dies ausdrücklich
Die Erwählten stehen von Grundlegung der Welt an im Buchsehr gut begründetOffb 13,8; 17,8; vgl. Eph 1,4
Ein wahrer Gläubiger kann daraus gelöscht werdenneinOffb 3,5 ist gerade Heilszusage; Joh 10,28; Röm 8,29–39
Das Buch dokumentiert die Erlösten des LammesjaOffb 13,8; 20,15; 21,27

Das »Buch des Lebens des Lammes« bezeichnet Gottes ewige Kenntnis und Erwählung derjenigen, die Christus gehören und durch sein Blut erlöst wurden. Ihre Namen stehen darin von Grundlegung der Welt an. Diese Erwählung verwirklicht sich geschichtlich durch Berufung, Wiedergeburt, Buße und Glauben und führt aufgrund Gottes bewahrender Gnade zum Beharren. Offenbarung 3,5 droht dem echten Gläubigen nicht mit Löschung, sondern versichert dem Überwinder mit größtem Nachdruck, dass Christus seinen Namen niemals auslöschen wird.

Die alttestamentlichen Aussagen vom Auslöschen aus (irgend) einem »Buch« sind in ihrem jeweiligen Bundes- und Lebenskontext zu verstehen und dürfen nicht ohne Weiteres mit dem eschatologischen Lebensbuch des Lammes gleichgesetzt (identifiziert) werden.

Damit scheint mir insbesondere Roger Liebi im genannten Werk einen richtigen exegetischen Befund – die Sprache vom »Auslöschen« – wahrzunehmen, daraus aber eine wesentlich größere Theorie abzuleiten, als die Bibeltexte tragen oder meinen können. Besonders seine Deutung von Psalm 139,16 und des griechischen Perfekts sowie die universale Einschreibung aller Menschen überzeugt angesichts des Textes und der Lehre der Heiligen Schrift nicht. Er weist nicht überzeugend nach, worüber die angezogenen Textstellen tatsächlich reden: ob über das irdische Leben, die Bundeszugehörigkeit zu Israel oder das ewige Heil.

Die oben gegebene Deutung von Offenbarung 13,8; 17,8 und 3,5 aus eher reformatorischer und gemäßigt reformierter (wie ursprünglich in der »Brüderbewegung« gegebenen) Sicht besitzt u.E. nach die deutlich größere exegetische Erklärungskraft.

Beiläufig wird deutlich, wie die »Weltanschauung«, die kirchliche Positionierung und das religiöse Umfeld eines Auslegers seine Auslegung einer Bibelstelle aus ihrer Textgebundenheit entfremden oder sogar herauslösen kann. Wir stehen alle in Gefahr, unsere persönlichen Wünsche und Vorstellungen in einen Bibeltext hineinzulesen, anstatt uns von diesem »Wort der Wahrheit« informieren, überzeugen und prägen zu lassen.

Jesu juva!


Dispensationalismus verstehen und einordnen

Lesedauer: 6 Minuten.

Warum diese Theologie bis heute fasziniert – und polarisiert

Der Begriff »Dispensationalismus« löst unter Christen sehr unterschiedliche Reaktionen aus. Für die einen ist er ein hilfreicher Schlüssel zum Verständnis der Heilsgeschichte Gottes. Für andere steht er für spekulative Endzeitlehre, die Scofield-Bibel oder die »Left Behind«-Romane und -Filme. Kaum ein theologisches System wird im evangelikalen Raum so intensiv diskutiert und gleichzeitig so häufig missverstanden.

Doch was lehrt der Dispensationalismus tatsächlich? Woher stammt er? Und warum ist er bis heute für viele Bibelausleger von Bedeutung?

Die folgende Einführung fasst die wesentlichen Gedanken des Dispensationalismus zusammen und räumt mit einigen verbreiteten Missverständnissen auf. Grundlage ist ein Seminar der Hirtenkonferenz 2026 in der Lutherstadt Wittenberg (hirtenkonferenz.org).

Eine Frage der Heilsgeschichte

Jeder Christ erkennt intuitiv, dass Gott im Verlauf der biblischen Geschichte nicht immer auf dieselbe Weise mit den Menschen gehandelt hat. Niemand bringt heute ein Tieropfer nach Jerusalem. Niemand hält den mosaischen Opferdienst aufrecht. Christen versammeln sich stattdessen am ersten Tag der Woche und feiern das Mahl des Herrn. Schon diese Beobachtung zeigt: Die Bibel beschreibt einen einzigen Heilsplan Gottes, der sich jedoch in unterschiedlichen heilsgeschichtlichen Abschnitten entfaltet.

Der Dispensationalismus versucht, diese Unterschiede und Übergänge systematisch zu erfassen. Dabei geht es nicht in erster Linie um Endzeitfragen, sondern um eine grundlegende Frage: Wie entfaltet Gott seinen Heilsplan in der Geschichte?

Kontinuität und Diskontinuität

Dispensationalisten betonen zwei Wahrheiten gleichzeitig: die Kontinuität und die Diskontinuität im ewigen Heilsplan Gottes:

  • Kontinuität. Gott verfolgt von Ewigkeit zu Ewigkeit einen einzigen Plan. Sein Ziel ist die Offenbarung seiner Herrlichkeit. Die Heilsgeschichte ist keine Reihe gescheiterter Experimente und kennt keinen »Plan B«. Paulus fasst diese Spanne in Römer 11,36 zusammen: »Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge«.
  • Diskontinuität. Gleichzeitig gibt es markante Wendepunkte in Gottes Handeln. Jeder dieser Übergänge verändert die Beziehung zwischen Gott und Mensch in bedeutsamer Weise. Das Seminar nennt unter anderem:
    • den Sündenfall,
    • die Sintflut,
    • Babel,
    • die Berufung Abrahams,
    • den Sinai-Bund,
    • das Kommen Christi,
    • die Entstehung der Gemeinde,
    • das zukünftige Millennium,
    • und schließlich den ewigen Zustand.

Die berühmten sieben Dispensationen

Besonders bekannt wurde die von Cyrus I. Scofield popularisierte Einteilung der Heilsgeschichte in sieben Dispensationen:

  1. Unschuld
  2. Gewissen
  3. Menschliche Regierung
  4. Verheißung
  5. Gesetz
  6. Gnade
  7. Reich (Millennium)

Allerdings betonen moderne Vertreter wie Michael Vlach oder Charles Ryrie, dass die genaue Anzahl nicht das Wesen des Dispensationalismus ausmacht. Manche unterscheiden vier, andere acht Haushaltungen. Entscheidend ist nicht die Zahl, sondern die Überzeugung, dass Gott seine Offenbarung und Verwaltung der Geschichte schrittweise entfaltet.

Die drei Kernmerkmale des Dispensationalismus

Charles Ryrie formulierte drei unverzichtbare Kennzeichen, die bis heute als klassische Definition gelten:

  • 1. Die Verherrlichung Gottes ist das Ziel der Geschichte. Der Dispensationalismus versteht die Heilsgeschichte grundsätzlich theozentrisch. Das zentrale Ziel Gottes ist nicht primär die Rettung des Menschen, sondern die Offenbarung seiner Herrlichkeit. Die Erlösung dient diesem größeren Ziel.
  • 2. Eine konsequent historisch-grammatische Hermeneutik. Dispensationalisten betonen, dass die Bibel gemäß ihrem sprachlichen, historischen und literarischen Kontext ausgelegt werden soll. Das Neue Testament baut auf dem Alten Testament auf, hebt dessen ursprüngliche Bedeutung jedoch nicht auf. Das betrifft insbesondere alttestamentliche Prophetien. Verheißungen an Israel werden daher grundsätzlich als Verheißungen an Israel verstanden.
  • 3. Die Unterscheidung zwischen Israel und Gemeinde. Dies ist wahrscheinlich das bekannteste Merkmal. Israel und Gemeinde werden als unterschiedliche heilsgeschichtliche Größen verstanden. Die Gemeinde ersetzt Israel nicht, sondern besitzt ihre eigene Rolle innerhalb des einen Heilsplans Gottes. Dabei geht es nicht um zwei Heilswege oder zwei Völker Gottes, sondern um unterschiedliche Funktionen innerhalb derselben Erlösungsgeschichte.

Die fünf ausdrücklich genannten Bündnisse

Ein wichtiger Bestandteil dispensationalistischen Denkens ist die Betonung der Bündnisse, die die Schrift selbst ausdrücklich als »Bund« bezeichnet. Dazu gehören:

  1. Noachischer Bund
  2. Abrahamischer Bund
  3. Mosaischer Bund
  4. Davidischer Bund
  5. Neuer Bund

Dispensationalisten argumentieren, dass diese Bündnisse die heilsgeschichtliche Struktur der Bibel sichtbar machen und dass ihre Verheißungen vollständig erfüllt werden müssen. Dies betrifft nicht nur geistliche Segnungen, sondern auch nationale, politische und landbezogene Verheißungen für Israel.

Warum Israel eine besondere Rolle spielt

Ein zentraler Unterschied zur klassischen Bundestheologie betrifft die Zukunft Israels. Dispensationalisten erwarten eine zukünftige nationale Wiederherstellung Israels auf Grundlage alttestamentlicher Verheißungen und neutestamentlicher Aussagen wie Römer 11.

Die Gemeinde wird nicht als »neues Israel« verstanden, das sämtliche Verheißungen (z. T. »vergeistlicht«) übernommen habe. Vielmehr wird erwartet, dass Gott seine Zusagen an das ethnisch-nationale Israel buchstäblich erfüllen wird, also so, wie Er es bisher getan hat.

Endzeit und Millennium

Der Dispensationalismus ist eng mit dem Futurismus verbunden. Große Teile von Daniel 9, Matthäus 24–25 und Offenbarung 6–22 werden als noch zukünftig verstanden.

Deshalb vertreten Dispensationalisten einen zukünftigen Prämillennialismus:

  • Christus kommt sichtbar wieder.
  • Danach errichtet er sein tausendjähriges Reich.
  • Israel wird wiederhergestellt.
  • Die Nationen werden unter der Herrschaft Christi gesegnet.

Nicht jeder Prämillennialist ist Dispensationalist. Aber jeder Dispensationalist ist Prämillennialist.

Einige verbreitete Missverständnisse

  • »Darby hat den Dispensationalismus erfunden.« | Diese Behauptung gilt heute weitgehend als überholt. Neuere Forschungen zeigen, dass viele dispensationalistische Grundgedanken bereits lange vor John Nelson Darby vertreten wurden. Darby war wichtig für einige Grundgedanken des heute bekannten Systems, aber nicht dessen eigentlicher Erfinder. Dies war Cyrus Scofield mit seiner Scofield Studienbibel (1. Auflage 1909).
  • »Dispensationalisten lehren mehrere Heilswege.« | Nein. Die klassische dispensationalistische Theologie lehrt ausdrücklich: Rettung geschieht immer allein aus Gnade durch Glauben. Abraham wurde durch Glauben gerechtfertigt. Christen heute ebenfalls.
  • »Dispensationalismus ist automatisch arminianisch.« | Auch das stimmt nicht. Es gibt sowohl arminianische als auch calvinistische Dispensationalisten. Das System selbst definiert keine bestimmte Heilslehre.
  • »Dispensationalismus lehrt zwingend auch die Vorentrückung.« | Die Mehrheit der Dispensationalisten vertritt tatsächlich eine Entrückung vor der Drangsalszeit. Dennoch gehört diese Position nicht zum eigentlichen Wesen des Systems. Auch andere Entrückungsmodelle finden sich innerhalb dispensationalistischer Kreise.

Fazit

Der Dispensationalismus ist weit mehr als eine Endzeitlehre.

Im Kern handelt es sich um einen Versuch, die gesamte Bibel als fortschreitende Offenbarung des einen Heilsplans Gottes zu verstehen. Seine entscheidenden Anliegen sind:

  • die Verherrlichung Gottes als Zentrum der Geschichte,
  • eine konsequent historisch-grammatische Schriftauslegung (Hermeneutik),
  • die Unterscheidung zwischen Israel und Gemeinde,
  • die Erwartung einer zukünftigen Erfüllung aller göttlichen Verheißungen.

Ob man alle Schlussfolgerungen teilt oder nicht: Der Dispensationalismus hat die evangelikale Theologie der letzten zwei Jahrhunderte nachhaltig geprägt und bleibt ein wichtiger Gesprächspartner für alle, die Gottes Heilsgeschichte verstehen wollen.

Verweise und weiterführende Quellen

Dieser Artikel ist eine Kurzzusammenfassung eines Seminars (#13) der Hirtenkonferenz 2026 in Lutherstadt Wittenberg (gehalten am 28.05.2026) von Dr. Uwe A. Seidel.

Dieses Seminar basierte auf einer aktuell überarbeiteten Auflage des Buchs von Michael J. Vlach, Dispensationalismus – Fakten und Mythen (Berlin: EBTC, 2026), einer Neuübersetzung von: Michael J. Vlach, Dispensationalism: Essential Beliefs and Common Myths. Revised & Updated (Los Angeles, CA (USA): Theological Studies Press, 2017).

Eine schriftliche Ausarbeitung dieses Seminars liegt inzwischen vor (PDF, 8 MB). Es enthält eine kommentierte Literaturliste mit hilfreichen englisch- und deutschsprachigen Quellen und Verweisen. Das Copyright ist zu beachten, private Nutzung gestattet.

Ein Video des Vortrags soll von den Veranstaltern noch veröffentlicht werden.

Die Website von Michael Vlach enthält weitere Materialien. Er bietet auch einen Kurs auf Bibelschul-Niveau zum Online-Studium der Eschatologie an. Seine Bücher sind empfehlenswert, insbes. seine Arbeit über »Hermeneutik des Dispensationalismus« und das ausführliche Werk zum »New Creation Model«, das sich wohltuend von zweifelhaften Vorstellungen des »klassischen Dispensationalismus« abhebt, welcher meist von einer ewig räumlich geteilten Zukunft der Gläubigen des AT und des NT ausgeht. Vlach liest das Ende der Offenbarung so, dass »der Himmel« (die Braut) vielmehr herunter auf Erden kommt und sich so der Kreis der Schöpfung in ihrer Vollendung schließt.

Die Realität des Zornes Gottes – Warum Römer 1 uns heute mehr betrifft als je zuvor

Einleitung

Die Vorstellung eines zornigen Gottes wirkt für viele Menschen heute fremd, unangenehm und anstößig. In einer Zeit, in der vor allem über Liebe, Toleranz und Selbstverwirklichung gesprochen wird, scheint dieses Thema kaum noch Platz zu haben.

Doch ein Blick in die Heilige Schrift – insbesondere in Römer 1,18–32 – zeigt ein anderes Bild: Der Zorn Gottes ist keine rein zukünftige Größe. Er ist eine Realität, die sich bereits heute in unserer Welt widerspiegelt.

Der Apostel Paulus beschreibt in diesem Abschnitt nicht nur ein kommendes Gericht, sondern eine gegenwärtige Entwicklung: Menschen entfernen sich bewusst von Gott – und Gott überlässt sie zunehmend den Konsequenzen ihres Handelns. Aber gerade in diesem »Laufenlassen« des Menschen in dessen Hybris und Torheit wird Gottes Zorn sichtbar. Dieser unheilschwangere Hintergrund der Gottesfinsternis lässt den rettenden Lichtstrahl des Evangeliums umso heller leuchten.

Das Evangelium macht nur Sinn, wenn wir Rettung notwendig haben

Paulus stellt zu Beginn seines Gedankengangs eine entscheidende Verbindung her: Das Evangelium ist deshalb eine gute Nachricht, weil es vor realer Gefahr rettet.

Ohne Gefahr keine Rettung. Ohne Gericht keine Gnade. Der größte Feind des unerlösten Menschen ist der gerechte Gott als Herzenskenner und Weltenrichter aller. Gott ist nämlich gerechterweise zornig.

Der Zorn Gottes ist dabei nicht als unkontrollierter Gefühlsausbruch zu verstehen, wie es von heidnischen Götzenfiguren manchmal behauptet wird, sondern Gottes Zorn ist Ausdruck seiner strahlenden Heiligkeit und absoluten Gerechtigkeit. Gott reagiert damit auf reale Schuld und die bewusste Abkehr des Menschen von seinem Schöpfer.

Gerade deshalb wird das Evangelium so zentral zur Rettungsbotschaft: Es ist Gottes barmherzige und gnädige Antwort auf die tiefste Not des Menschen.

Der Zorn Gottes zeigt sich schon heute

Ein zentraler Gedanke in Römer 1 ist, dass Gottes Gericht nicht erst am Ende der Zeit beginnt. Es ist bereits jetzt wirksam.

Paulus beschreibt dies mit einem bemerkenswerten Prinzip: Gott „gibt den Menschen dahin“.

Das bedeutet: Er zieht sich zurück und lässt den Menschen die Konsequenzen ihrer Entscheidungen selbst tragen. Diese Form des Gerichts ist zunächst subtil, entfaltet sich aber äußerst real. Sie zeigt sich in einer Abwärtsspirale, die sowohl im persönlichen Leben als auch in ganzen Gesellschaften sichtbar wird.

Wenn Wahrheit bewusst verdrängt wird

Der Ausgangspunkt dieser Entwicklung ist nicht Unwissenheit. Paulus macht deutlich, dass jeder Mensch weiß, dass es einen Schöpfer-Gott gibt.

Doch anstatt diese Wahrheit anzunehmen und entsprechend zu reagieren, unterdrückt er sie aktiv.

Das Problem liegt also nicht im Mangel an Information, sondern in einer bewussten Entscheidung: Der Mensch will unabhängig von Gott leben. Diese Haltung ist der erste Schritt in eine tiefere Entfremdung. Das Geschöpf emanzipiert sich vom Schöpfer. Bittere Beobachtung: Ohne den Schöpfer ist das Geschöpf schnell erschöpft.

Wenn Gott herabgewürdigt und ersetzt wird (Römer 1,21–23)

Aus dieser Ablehnung folgt ein weiterer Schritt: Gott wird nicht einfach ignoriert – er wird ersetzt. Menschen schaffen sich ihre eigenen »Götter«. Diese müssen nicht religiös sein, es gibt genügend viele säkulare Götter und Religionen mit Erlösungs- und Paradiesversprechungen zur Auswahl. Das können Ideologien, Machtsysteme, Erfolgsphilosophien, Identitätsmodelle, Selbstverwirklichung (»Live your Dreams!«), Technologie oder Fortschrittsglaube (Progressivismus) sein.

Doch dieser Austausch hat Konsequenzen. Wenn der Mensch den Schöpfer gegen Geschaffenes und Menschliches eintauscht, verliert er die Orientierung. Denken und Herz werden verfinstert, wie Paulus es beschreibt.

Was zunächst wie Freiheit erscheint, führt langfristig in eine neue Form der Abhängigkeit.

Wenn die Lüge die Wahrheit ersetzt (Römer 1,24–25)

Ein weiterer Schritt in dieser Entwicklung ist der bewusste Tausch von Wahrheit gegen Lüge. Was ursprünglich als richtig erkannt wurde, wird umgedeutet oder relativiert. Maßstäbe verschieben sich. Grenzen verschwimmen. Narrative deuten die geschichtliche und politische Wahrheit um, ein »Ministerium für Wahrheit« übernimmt die Kontrolle über die wahrgenommene Realität (Orwell, 1984).

In diesem Prozess zieht Gott seine ordnende und bewahrende Gnade zurück. Das Ergebnis ist nicht Neutralität, sondern Chaos: Der Mensch verliert zunehmend die Fähigkeit, zwischen gut und böse zu unterscheiden.

Diese pervertierende Dynamik ist kein Zufall, sondern Teil dessen, was Paulus als Gottesgericht des »Dahingebens« beschreibt.

Wenn Ordnungen auf den Kopf gestellt werden (Römer 1,26–27)

Die Folgen dieser Entwicklung zeigen sich auch in den grundlegenden Ordnungen des Lebens, die der Schöpfer mit Segensabsicht verordnet hat, etwa in Beziehungen, Sexualität und Identität.

Paulus beschreibt dies als eine Umkehrung (lat. Perversion) der ursprünglichen Schöpfungsordnung. Dabei geht es nicht nur um einzelne Verhaltensweisen und Fehltritte, sondern um ein tieferes Problem: Die Verbindung zum Schöpfer ist generell und nachhaltig gestört; diese Abkehr führt zur Auflösung seiner Ordnung.

Wo diese kreatürliche Grundlage fehlt, geraten aber auch die darauf aufbauenden Strukturen ins Wanken.

Wenn der Mensch sich selbst verliert (Römer 1,28–32)

Am Ende dieser Entwicklung steht eine umfassende Zerrüttung – sowohl im persönlichen als auch im gesellschaftlichen Bereich. Paulus beschreibt eine Vielzahl von Verhaltensweisen wie Neid, Gewalt, Lüge, Hochmut und Rücksichtslosigkeit.

Das Bemerkenswerte dabei: Diese Dinge werden nicht nur praktiziert, sondern zunehmend akzeptiert und sogar gutgeheißen und »stolz« (engl. pride) gefeiert. Der moralische Kompass geht kaputt, die Gesellschaft läuft in die falsche Richtung. Aber sie ist massenmedial überzeugt worden, auf dem besten Weg zu sein.

Hier wird deutlich, wie tiefgreifend die Veränderung ist: Nicht nur das Verhalten verändert sich, sondern auch die Bewertung dessen, was gut und richtig ist.

Zusammenfassung: Warum das Evangelium unverzichtbar ist

Der Brief an die Christen in Rom zeichnet im ersten Kapitel ein klares Bild: Die größte Krise des Menschen ist im Kern theologisch und geistlich: Er kehrt sich von Gott, seinem Schöpfer, dem er alles zu verdanken hat, ab. Diese Abkehr führt zu einer Kettenreaktion, die Denken, Handeln und ganze Gesellschaften hinunterreißt. Götzendienst, sei es religiös oder säkular oder zivilreligiös, führt aktiv zur gesellschaftlichen Zerstörung.

Gottes Zorn und Gericht zeigt sich dabei gegenwärtig nicht in spektakulären Eingriffen, sondern im »Dahingehenlassen«, also darin, dass er den Menschen auf seinem Fluchtweg von Gott weg einfach laufen lässt.

Doch genau an diesem hoffnungslos scheinenden Lemminge-Wahn setzt das Evangelium an und zeigt als »Gute Botschaft« auf, dass in der heutigen »Gnaden-Zeit« für den Einzelnen feste Hoffnung besteht, wenn er zu Gott umkehrt und an Dessen Rettungswerk persönlich und existentiell glaubt.

Das Evangelium informiert uns: Am Kreuz, wo Jesus Christus für verlorene Menschen starb, sind sich Gottes Gerechtigkeit und seine Gnade und Barmherzigkeit begegnet. Am Kreuz wird deutlich: Gott lässt den Menschen nicht einfach in seiner Situation, Er bietet vielmehr Rettung an. Jeder, der Jesus Christus vertraut, findet Vergebung und Frieden mit Gott, und eine Umkehr zu Gott zurück, was das menschliche Leben erst lebenswert und menschengerecht macht.

Der Zorn Gottes macht das Evangelium nicht überflüssig – er macht es notwendig. Und gerade deshalb ist es die beste Nachricht, die es gibt. Wirksam wird sie aber nur für den, der umkehrt und glaubt.


Wo stand der Baum der Erkenntnis?

Lesedauer: 18 Minuten.

Zwei Bäume im Garten Eden

Das Buch Genesis (1. Mosebuch im Pentateuch) erwähnt mehrfach Bäume, die der Schöpfer-Gott durch sein Schöpfungswort in den Garten Eden gepflanzt hatte. Zum Beispiel:

»Und Gott sprach: Die Erde lasse Gras hervorsprossen, Kraut, das Samen hervorbringe, Fruchtbäume, die Frucht tragen nach ihrer Art, in der ihr Same sei, auf der Erde! Und es wurde so. Und die Erde brachte Gras hervor, Kraut, das Samen hervorbringt nach seiner Art, und Bäume, die Frucht tragen, in der ihr Same ist nach ihrer Art. Und Gott sah, dass es gut war.« (1. Mose 1,11f)

Viele dieser Bäume hatten samentragende Früchte, von denen  sich die ersten Menschen nach Willen Gottes u. a. ernähren sollten:

»Und Gott sprach: Siehe, ich habe euch alles samenbringende Kraut gegeben, das auf der Fläche der ganzen Erde ist, und jeden Baum, an dem samenbringende Baumfrucht ist: Es soll euch zur Speise sein« (1. Mose 1,29)

Im zweiten Kapitel der Genesis wird dieser Schöpfungsakt Gottes nochmals beschrieben und dabei zwei Bäume besonders hervorgehoben:

»Und Jahwe Gott ließ aus dem Erdboden allerlei Bäume wachsen, lieblich anzusehen und gut zur Speise; und den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens, und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.« (1. Mose 2,9)

Zwei Bäume werden von den anderen Bäumen unterschieden durch besondere Erwähnung, durch Namensgebung und durch eine Ortsangabe für den »Baum des Lebens«. Einer dieser Bäume wird aus der Angebotsfülle an Nahrung ausdrücklich herausgenommen, Gott spricht vielmehr ein klares Speiseverbot gegenüber Adam aus (die »Männin« war zu diesem Zeitpunkt noch nicht gebildet worden, das folgt ab Kapitel 2,18ff):

»Und Jahwe Gott gebot dem Menschen [hebr. adam, dem »Erdling«] und sprach: Von jedem Baum des Gartens darfst du nach Belieben essen; aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, davon sollst du nicht essen; denn an dem Tag, da du davon isst, musst du sterben.« (1. Mose 2,16f)

In der Versuchungsgeschichte in Genesis 3 wird dieses erste und einzige Verbot von der Schlange als großer Mangel an Gottes Güte und Liebe dargestellt (3,1), zudem wird die gute Intention (Absicht) und Wahrheit des göttlichen Verbotes angezweifelt. Wir sehen einen verleumderischen Zentralangriff der Schlange auf das Wesen und die Ehre Gottes. Die Frau behauptet in ihrer Antwort folgendes:

Von der Frucht der Bäume des Gartens essen wir; aber von der Frucht des Baumes, der in der Mitte des Gartens ist, hat Gott gesagt: Davon sollt ihr nicht essen und sie nicht anrühren, damit ihr nicht sterbt.« (1. Mose 3,2f)

Die Versuchung verläuft über einen kurzen Dialog zwischen Schlange und Frau »erfolgreich« (besser: »folgenreich«!) zur Ursünde der Frau und Adams (siehe dazu die detailliertere Studie »Was drei para-Wörter über das Wesen der Sünde lehren«; auf diesem BLOG: logikos.club/?p=2019). Das Calwer Bibellexikon fasst den Ablauf trefflich zusammen:

»Es darf nicht übersehen werden, dass wichtige Beweggründe die ersten Menschen zum Halten des Gebots verpflichteten: 1) die Dankbarkeit gegen Gott, der ihnen ja im selben Augenblick so vieles erlaubt hatte, 2) die Furcht vor Gott, der mit schwerer Strafe die Übertretung bedrohte;  3) das Vertrauen auf Gott, der — nach seiner bisherigen Güte zu schließen — gewiss auch jetzt, bei diesem Verbot, nur ihr eigenes Beste im Auge hatte.

Daher gehen auch die Reden der Schlange darauf aus, gerade diese drei schützenden Wächter des göttlichen Gebots aus dem Herzen der Menschen zu entfernen: die Dankbarkeit, indem Gott durch die sein Verbot verdrehende Frage hingestellt wird als ein Wesen, das nur verbieten kann (V. 1Mos. 3, 1). Als dann die Antwort der Eva zeigt, dass nur die Furcht vor der Strafe sie noch bindet — denn von Dankbarkeit zeigt ihr Wort schon nichts mehr (V. 1Mos. 3, 2 und 1Mos. 3, 3), — geht die Schlange zur bestimmten Leugnung der Wahrhaftigkeit der göttlichen Drohung weiter, benimmt der Eva dadurch auch die Furcht vor Gott (V. 1Mos. 3, 4) und untergräbt zugleich das Vertrauen auf Gott, indem sie das Verbot als Folge eines göttlichen Neides, der den Menschen ihr Glück nicht gönnen will, hinstellt (V. 1Mos. 3, 5.).
Das Mittel der Verführung ist also Verdrehung der Worte Gottes und Lüge, der letzte Keim der Sünde aber ist, dass die Menschen diesen Lügen mehr glauben, als dem Worte Gottes und sich dadurch aus ihrer Kindesstellung zu Gott herauslocken lassen. Nun erst erwachte auch die böse Lust, mit der sie sich selbst weiter betrogen, als ob das Essen vom verbotenen Baum ein besonderer Genuss und die Folge davon ein großer Fortschritt für sie sei. Und aus der bösen Lust erwuchs die böse Tat (V. 1Mos. 3, 6), der freilich die Ernüchterung auf dem Fuße folgte (V. 1Mos. 3, 7).
Der Hergang ist ganz dem Spruch entsprechend, mit dem Jak. 1, 14f die Entstehung jeder Sünde in der nachparadiesischen Zeit beschreibt. Nur wurden die ersten Menschen nicht von ihrer eigenen Lust versucht, sondern diese wurde bei ihnen erst durch Einflüsterungen von Außen geweckt.«
Zeller, P. (Hrsg.). Calwer Bibellexikon: Biblisches Handwörterbuch illustriert, s.v.  Sünde, sündigen. Fettdruck hnzugefügt.

Der Weg des in Sünde gefallenen Menschen verläuft nun von Gott weg, nach Osten, weg vom Berg Gottes (von Eden, wo Gott wohnte), hinaus aus dem Garten Eden auf den Erdboden außerhalb Edens. Die in Genesis folgende Urgeschichte zeichnet den Weg des Menschen »nach Osten«, von Gott weg, nach (NB: Beachte die implizite Tempelstruktur.) Es ist ein Weg, der von Gräbern, dem Tod, markiert ist (1. Mose 5,5ff; Refrain: »und er starb«). Erlösungsgeschichte beginnt erst da, wo Gott selbst als Mensch in diese Welt eintritt und den Weg zurück nach Eden, dem »Paradies Gottes« mit dem »Baum des Lebens«, mit dem Menschen geht (s. Offenbarung 2,7; 22,2.14.19). Dieser Heilsweg Gottes (»Go West!«) soll hier nicht weiter verfolgt werden.

Wir wissen nun, wo der »Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen« ursprünglich erwähnt wird und was über ihn ausgesagt wurde. Aber wo stand er genau?

Der Standort des Baumes der Erkenntnis

Der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, dass es nur vom »Baum des Lebens« ausdrücklich heißt, dass er »in der Mitte des Gartens« (hebr. b tok ha gan) stand (Genesis 2,9). Dies wird für den anderen Baum, den der Erkenntnis, nicht ausdrücklich gesagt. Dieser wird im Bericht mit Namen angegeben, aber ohne ausdrückliche Ortsangabe.

Anders klingt es, wenn wir der Frau in Genesis 3,3 zuhören. Sie sagte zur Schlange:

»… aber von der Frucht des Baumes, der in der Mitte des Gartens ist, hat Gott gesagt: Davon sollt ihr nicht essen und sie nicht anrühren, damit ihr nicht sterbt.« (1. Mose 3,3)

Da muss man genauer hinsehen. Zunächst einmal nennt die Frau nicht ausdrücklich den Namen des Baumes, von dem sie nun spricht. Sie redet von jenem Baum, »der in der Mitte des Gartens ist«. Das wäre nach dem bisherigen Bericht der »Baum des Lebens«. Aus dem Kontext und der Logik der Rede der Frau muss man aber schlussfolgern, dass sie vom verbotenen Baum redet und diesen hier »in der Mitte des Gartens« verortet. Das wirft Fragen auf: Wie ist das zu erklären? Wie ist das zu verstehen?

Da die Frau im selben Satz unsicher und ungenau ist bezüglich des genauen Verbotes Gottes (sie fügt das »nicht anrühren« hinzu!), mögen auch andere Aspekte ihrer Aussage zweifelhaft sein. Zweitens könnte es sein, das sie nicht eine geografische (örtliche) Aussage über den Baum machte, sondern mit der »Mitte« eine subjektiv empfundene Wahrnehmung der Wichtigkeit wiedergab. Die »Mitte« wäre also eher symbolisch als denn geografisch zu verstehen. Diese Unsicherheit bietet Raum für unterschiedliche theologische Deutungen, entsprechend gehen die Auslegungen auseinander.

Unterschiedliche Auslegungen des Textes

Der hebräische Befund von Genesis 2,9 und 3,3

Der masoretische Text von Genesis 2,9 lautet wörtlich etwa: »und den Baum des Lebens inmitten des Gartens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse«. Die Ortsangabe »inmitten des Gartens« (beṯôḵ ha-gān) steht unmittelbar beim »Baum des Lebens«. Es bedeutet je nach Kontext »inmitten«, »in der Mitte«, oder allgemeiner »innerhalb«. Rein syntaktisch, also vom Satzaufbau her, ist der nächstliegende Bezug der Ortsangabe der Baum des Lebens. 

Eine zweite Beobachtung ist auch wichtig: Der Vers ist elliptisch aufgebaut, das heißt, er hat Auslassung(en). Das Hebräische sagt nicht ausdrücklich: »nur der Baum des Lebens stand in der Mitte«. Deshalb gibt es Übersetzungen und Kommentare, die den Satz als zusammenfassende Nennung der zwei Sonderbäume lesen. Man muss aber gezielt zu den ungenauen »Übertragungen« greifen, um folgende falsche Wiedergabe zu finden: »Mitten im Garten ›standen‹ der Baum des Lebens und der Baum, der zur Erkenntnis von Gut und Böse führt.« (Neue Genfer Übersetzung). Das ist Auslegung, nicht treue Wiedergabe des Textes.

Dann folgt Genesis 3,3: »von der Frucht des Baumes, der inmitten des Gartens ist«. Hier steht im Singular (Einzahl): »des Baumes, der«. Im Gespräch mit der Schlange meint die Frau damit offenkundig (nur) den einen Baum, von dem zu essen Gott verboten hatte. Das klingt so, als ob der Baum der Erkenntnis aus ihrer Perspektive ebenfalls als ein Baum »inmitten des Gartens« bezeichnet werden könnte. Man beachte: Die Frau liefert keine sachliche Ortsangabe, sondern ihren persönlichen Eindruck, ihr subjektives Wissen, Bewerten und Denken.

Wohin tragen uns die sprachlichen Überlegungen?

Erstens: Der stärkste unmittelbare Satzbezug in Genesis 2,9 lokalisiert (nur) den Baum des Lebens in der Mitte. Das ist der grammatisch konservativste Befund.

Zweitens: Genesis 3,3 zeigt, dass die Frau den verbotenen Baum ebenfalls mit der Formel »inmitten des Gartens« verortet. Das kann heißen: 1.) der Erkenntnisbaum stand auch dort; 2.) der Erkenntnisbaum stand irgendwie nahe beim Lebensbaum, oder 3.) »inmitten« ist hier funktional-symbolisch gemeint, also als »der zentrale Baum der Erprobung« im Kontext. Der Text selbst entscheidet diese drei Möglichkeiten nicht vollständig.

Drittens: Der eigentliche erzählerische Zug ist vermutlich nicht botanisch-geografisch, sondern theologisch: Beide Bäume sind die beiden Brennpunkte der Erzählung: 1.) Gott gibt dem Menschen das Leben und die Fülle (Genuss), weil der Mensch als Geschöpf das Leben nicht in sich selbst hat. 2.) Das Leben und Gedeihen des Menschen ist nur gesichert in Anerkennung, dass der Lebensgeber auch der Gebieter ist, dem man Gehorsam schuldig ist: Der Schöpfungsakt hatte Menschen »im Bild und Gleichnis Gottes« gezeitigt, aber keine Götter (mit wesenseigener Aseität). Dass die Ortsangabe zwischen Genesis 2,9 und 3,3 »wandert«, ist literarisch auffällig und wahrscheinlich beabsichtigt.

Die Auslegung der patristischen und lateinischen Tradition

In der alten Kirche wird der botanisch-räumliche Aspekt meist rasch vom moralischen und sakramentalen verdrängt. Augustinus betont entschieden: Der verbotene Baum war nicht böse an sich; jede von Gott geschaffene Pflanze im Paradies ist gut. Verboten war der Baum vielmehr deswegen, um den Menschen Gehorsam zu lehren. Der Name »Erkenntnis von Gut und Böse« erklärt sich bei ihm daraus, dass der Mensch nach dem Essen am eigenen Leib den Unterschied zwischen dem Guten des Gehorsams und dem Bösen des Ungehorsams erfahren sollte. Damit verschiebt Augustinus die Frage von »Wo stand der Baum geografisch?« zum theologisch-teleologischen: »Wozu diente das Verbot?« (Was war die gute Absicht Gottes, sein Telos, mit diesem Verbot?). Der Garten bleibt bei ihm real, aber der dogmatische Fokus liegt auf ordo, obedientia (Ordnung, Gehorsam) und dem Ursprung der Sünde. Der Baum ist gut; der Sündenfall liegt im Menschen, der zu seinem eigenen Verderben das geringere Gut (Auge, Lust, Begehren) gegenüber dem höheren Gut (Gehorsam Gott gegenüber) wählt.

Thomas von Aquin übernimmt diese Linie. In der Summa Theologiae nennt er sowohl den Baum des Lebens als auch den Baum der Erkenntnis materielle Bäume. Der Baum der Erkenntnis heiße so »mit Blick auf das spätere Geschehen«, weil der Mensch nach dem Essen durch die Strafe den Unterschied von Gut und Böse erfahre. Auch hier ist die Standortfrage sekundär gegenüber der Lehre von Natur, Gehorsam und Strafe.

Die lateinisch-westliche Linie bei Augustinus und Aquin verlagert die Debatte also stark auf Gehorsam, Willensordnung, Sünde und Strafe und später auf die Lehre von der Erbsünde. Der Erkenntnisbaum wird nicht als metaphysisch »schlechter« Gegenbaum zum Lebensbaum verstanden, sondern als guter Baum, der durch das Verbot zum Ort der Prüfung wird.

Die »herzenserforschend-theologische« Deutung des Textes

Man könnte sich fragen, ob und inwiefern man den Text so deuten könne, dass die Aussage der Frau (»inmitten des Gartens«) eine Verschiebung in ihrer Wahrnehmung der Realität darstellt? Dass die Frau sozusagen den »Verbots-Baum« zum Mittelpunkt ihrer subjektiven Vorstellung von Gott macht, statt dass sie den lebensstiftenden »Baum des Lebens« real (objektiv) als Mitte des Garten Edens wahrnimmt.

Zum Glück berichtet die Schrift von den verborgenen Vorgängen im Denken, Fühlen und Entscheiden (dem »Herz«) der Frau. Sie war ja (wie viele lehren) mit »freiem Willen« und unschuldig geschaffen worden. Solchen Menschen begegnen wir ja seit dem Sündenfall nicht mehr, der menschgewordene »Heilige« natürlich ausgeschlossen. Wir müssen also nicht spekulieren, brauchen keine tiefenpsychologische Deutung, der Text reicht. Sehen wir also, wohin ihr »freier Wille« sie führt. 

Wir sehen Frappierendes: Die Wahrnehmung der Frau verschiebt sich vom Lebens-Mittelpunkt und der Fülle des Segens zur göttlich vorgegebenen Grenze ihres Segensraums. Der verbotene Rand wird mental-seelisch zum Zentrum. Das eigentliche Zentrum, das Leben in Fülle, wird überblendet, ausgeblendet, verblasst. Die Frau verändert das Gebot Gottes, warum wissen wir nicht. Letztlich wird die Frau dadurch anfällig gegenüber der Lüge der Schlange. Wir sehen nicht nur eine sprachliche oder rein mentale, sondern eine kognitiv-theologische Verschiebung: ihr Gottesbild hängt schief. Oder ist es schon auf den Boden gefallen?

Jetzt wird es brandgefährlich! Denn ihre falsche Vorstellung spannt eine Leinwand auf, auf die die Schlange einen angeblichen Mangel projizieren konnte. Wo das Gottesbild schief hängt, entsteht eine Zielscheibe für die tödlichen Pfeile Satans. Die Frau fällt auf diese Gott die Ehre abschneidenden Lügen prompt herein. Der Tod folgt dann aber so »gewiss«, wie es Gott vorher gesagt hatte. Wir lernen: Wenn Gottes Ehre in Konkurrenz zu den »Bedürfnissen« und »Gefühlen« des Menschen tritt, führt die Priorisierung des Menschen todsicher ins Verderben, die Priorisierung Gottes aber zu Leben in Überfluss.

Die These dieses Ansatzes lässt sich so formulieren: »Die Bezeichnung des verbotenen Baumes als »inmitten des Gartens« durch die Frau (Genesis 3,3) lässt sich als Hinweis auf eine beginnende Verschiebung der inneren Orientierung lesen, in der das Verbotene jenen Platz des Lebenszentrums einnimmt, der nach Genesis 2,9 (allein) dem Baum des Lebens zukommt. Im Kern wird das Gottesbild verzerrt und verfälscht, was größtes Unheil auslöst.« Diese These ist exegetisch verantwortbar, ohne den Text zu überdehnen.

Fazit

Bleibt man eng am hebräischen Text, kann man Folgendes festhalten:

  • Der sichere Textbefund liefert in Genesis 2,9 ausdrücklich nur vom Baum des Lebens, dass er »inmitten des Gartens« stand. Das ist die objektive Feststellung.
  • Ebenfalls zu beachten ist, dass in Genesis 3,3 die Frau sagt, dass der verbotene Baum »inmitten des Gartens« sei. Das ist ihre subjektive Darstellung. Sie kommt in einem Satz, der eine Falschaussage über das Gebot Gottes enthält; das weckt Zweifel.
  • Folgerung:
    (1) Die Schrift erlaubt nicht die harte Behauptung: »Im Zentrum des Garten Edens stand sicher nur der Baum des Lebens.« 
    (2) Die Schrift erlaubt nicht die harte Behauptung: »Beide Bäume standen sicher beide im Mittelpunkt des Garten Edens.« 
    Der Text hält die Sache bewusst in einer produktiven Spannung. 
  • Der Ansatz der oben dargestellten »herzenserforschend-theologische« Deutung des Textes als innerer Fehlorientierung der Frau, die zur Gedankensünde und dann zur Tatsünde und zum Anstecken anderer zur Sünde führt, ist textlich und exegetisch verantwortbar. Er müsste mit den einschlägigen Stellen des Neuen Testaments geprüft und ergänzt werden.

Warum die Verführung der Frau auch im NT relevant ist

Eine kurze Übersicht samt Kurzkommentar von Bibelstellen im NT soll erste Hilfen bieten, dieses Ur-Ereignis biblisch zu deuten und seine Relevanz für uns Christen zu erfassen. Auch wenn die Frau die Ur-Sünde beging, so ist doch der Mann an ihrer Seite als Repräsentant der Menschen öffentlich verantwortlich für die Ur-Sünde und alle ihre Folgen. Mann wie Frau brauchen Erlösung und Sühnung (usw.). Gott bereitet alles Heilsnotwendige vor und schenkt es jedem Glaubenden frei, wenn er umkehrt, indem er seine Sünde bekennt und an den Retter-Gott glaubt. Die Errettung »allein aus Glauben«, »allein in Christus« gilt seit »Paradies lost« bis »All the children are in«, wenn die Gnadenzeit zu Ende gekommen sein wird.

2. Korinther 11,3

»Ich fürchte aber, dass etwa, wie die Schlange Eva durch ihre List verführte, so euer Sinn verdorben und abgewandt werde von der Einfalt gegenüber dem Christus.«

Hier wird die NT-Gemeinde gewarnt vor der Verführung durch die »Schlange«, den Satan. Paulus nutzt Eva als Typus für geistliche Gefährdung durch List. Im Kontext geht es um die Verführung durch als Wahrheit getarnte Lehre, der die Christen mangels Unterscheidungsvermögen nicht nur keinen Widerstand bieten, sondern das Falsche sogar »gut ertragen«, ja sogar als »begehrenswert« geradezu willkommen heißen (s. Kontext). Herausforderung: Werden die Männer wieder schweigen, zuschauen, mitmachen?

1. Timotheus  2,13–14

»… denn Adam wurde zuerst gebildet, danach Eva; und Adam wurde nicht betrogen, die Frau aber wurde betrogen und fiel in Übertretung.«

Hier wird die Lehrautorität in der Gemeinde Jesu Christi exklusiv Männern anvertraut und mit dem Ur-Betrugsfall im Garten Eden begründet. Die Frau dient als Präzedenzfall für Verführbarkeit. Da damit eine geschlechterspezifische Begründung für Teile der Gemeindeordnung (Lehre/Autorität) geliefert wird, wütet der aktuelle Zeitgeist vehement gegen diese Anweisung des Apostels. Hilfreich ist an dieser Stelle der Hinweis, dass die hier vorgegebene funktionelle Differenzierung der Geschlechterrollen keine ontologische Wertaussage mit sich bringt. Die Anweisung wird auch nicht mit der Intelligenz oder fachlichen Kompetenz der Geschlechter begründet, es gibt ganz offenbar kluge Frauen und dumme Männer. Gott nimmt sich sein ureigenes Recht heraus, in seiner Gemeinde die Autoritätsstrukturen vorzugeben. Wem das nicht passt, kann seinen eigenen kirchlichen Verein gründen.

Römer 5,12–19

»Darum, so wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod und so der Tod zu allen Menschen durchgedrungen ist, weil sie alle gesündigt haben…  Denn so wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen in die Stellung von Sündern gesetzt worden sind, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen in die Stellung von Gerechten gesetzt werden.« (Römer 5,12.19)

In diesem Text werden zwei Familien kontrastiert, indem deren »Häupter« (Repräsentanten) gegenübergestellt werden. Adam ist das Haupt der Familie aller Menschen, Christus das Haupt der Familie der Erlösten. Der Fokus ist also auf die Repräsentationsfunktion. Daher wird die Frau, Eva, überhaupt nicht namentlich erwähnt, aber im vorausgesetzten Sündenfall mitgedacht. Gegenüber Gott ist Adam für den Sündenfall des Menschen voll verantwortlich. Da er im Gegensatz zu Eva das Gebot Gottes direkt empfangen hatte (die Frau war noch gar nicht erschaffen worden!), war seine Sünde eine »Übertretung« und wog daher schwerer. Adams Sünde wird allen Menschen (seiner Familie) zugerechnet, er riss alle mit in den Tod. Dass alle Menschen »in Adam« sind und daher ohne Christus schuldige Sünder vor Gott, beweisen sie beständig dadurch, dass sie alle sündigen (Römer 3,23; 5,12). Herausforderung: Welcher Familie gehöre ich an? Wer ist mein »Haupt«?

1. Korinther 15,21–22; 45–49

»… denn da ja durch einen Menschen der Tod kam, so auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in dem Adam alle sterben, so werden auch in dem Christus alle lebendig gemacht werden.«

Auch hier arbeitet der Apostel Paulus wieder mit der Adam-Christus-Parallele: zwei Menschenmengen werden über ihre »Häupter« in Kontrast gesetzt. In diesem Zusammenhang wird wieder Adam, nicht Eva, für die Sünde und die Todesfolge verantwortlich gemacht. Eva bleibt im Hintergrund, auch wenn sie »Mutter der Lebendigen« ist. Adam übernimmt die Repräsentationsfunktion.

Offenbarung 12,9; 20,2

»Und es wurde geworfen der große Drache, die alte Schlange, welcher Teufel und Satan genannt wird, der den ganzen Erdkreis verführt, geworfen wurde er auf die Erde, … Und er griff den Drachen, die alte Schlange, die der Teufel und der Satan ist; und er band ihn tausend Jahre und warf ihn in den Abgrund und schloss zu und versiegelte über ihm…«

Diese Stellen in der Offenbarung Jesus Christi identifizieren die Schlange aus dem Garten Eden als Drachen, Teufel und Satan. Auch dies zeigt über die Rückbindung die Wahrheit des Genesisberichts an; wir haben dort keine mythische Erzählung, sondern Gottes (Heils-) Geschichte. Eva wird auch hier nicht genannt, aber über die erwähnte Verführung (20,3) angespielt, also vorausgesetzt.

1. Johannes 2,16f

»… denn alles, was in der Welt ist, die Lust des Fleisches und die Lust der Augen und der Hochmut des Lebens, ist nicht von dem Vater, sondern ist von der Welt. Und die Welt vergeht und ihre Lust; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit.«

Klassisch werden die drei genannten weltlichen Versuchungen als Anspielung auf den Ur-Sündenfall in Genesis 3,6 gedeutet (Sehen – Begehren – Selbstüberhöhung) gedeutet:

»Und die Frau sah, dass der Baum gut zur Speise und dass er eine Lust für die Augen und dass der Baum begehrenswert wäre, um Einsicht zu geben; und sie nahm von seiner Frucht und aß, und sie gab auch ihrem Mann bei ihr, und er aß.«

Die inneren Vorgänge der Frau in der Verführung zur Sünde sind exemplarisch für die dann alle Menschen umfassenden Verführbarkeit zur Tatsünde. Wir lernen, dass der Tatsünde die Herzenssünde vorausgeht. Jesus sagt, dass diese Herzenssünde die schwerere ist und daher bei Gott ebenfalls justiziabel ist (Matthäus 5,21ff). Jakobs markiert die Herzenssünde als Folge einer weltlichen »Begierde«; der Herzenssünde folgt dann als »Vollendung« die Tatsünde (Jakobus 1,15), s.u. Am Fuße dieser schlüpfrigen Rampe wartet der ewige Tod.

Matthäus 4,1–11

»Und der Versucher trat zu ihm [Jesus Christus] hin und sprach: Wenn du Gottes Sohn bist, so sprich, dass diese Steine zu Broten werden. … Wenn du Gottes Sohn bist, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: ›Er wird seinen Engeln deinetwegen befehlen, und sie werden dich auf Händen tragen, damit du nicht etwa deinen Fuß an einen Stein stoßest.‹ … Dies alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.«

Die Versuchung Jesu in der Wüste geschah nach 40 Tagen Fasten und laufenden Angriffen des Diabolos (s. Lukas 4,1–2) und kulminierte in diesen drei Versuchungen: Essen (körperliches Verlangen), Schauwunder (um Ansehen zu erringen) und Abkürzung zum globalen Königtum (also, ohne die Sündenfrage zu klären). Alle drei Aufforderungen zur Tat lag kein Auftrag des Vaters zugrunde, sondern war Aufforderung Satans. Jesus musste schon allein deswegen alle drei Aufforderungen als illegitim zurückweisen. Er tat nur, was der Vater ihm hieß, niemals das, was der Teufel Ihm anbot.

Der Kontrast zwischen der Versuchung Jesu in der Wüste zur Versuchung der Frau im Garten Eden könnte nicht größer sein. Die drei Versuchungsbereiche, die bei der Frau »erfolgreich« zur Sünde führten (und wohl bei Milliarden von Menschen seitdem), will Satan auch beim »Sohn des Menschen« wirksam werden lassen. Und Satan zielt bei Jesus Christus genau dorthin, »wo es weh tut«. Aber im Gegensatz zur Frau (und dem schweigenden Adam) kennt Jesus Christus das Wort Gottes, will nur diesen tun, und zerschießt daher alle Versuchungsangebote Satans mit Gottes Wort (alle mit Zitaten aus Deuteronomium, 5. Mose).

Gott sei Dank! Der Heilige erweist sich vor aller Augen als reines und heiliges Opfer (als »Lamm ohne Fehl und ohne Flecken«; 1. Petrus 1,19) und als heiliger Hoherpriester: »Denn ein solcher Hoherpriester geziemte uns: heilig, unschuldig, unbefleckt, abgesondert von den Sündern« (Hebräer 7,26). Vgl. dazu das dreifache apostolische Zeugnis der Sündlosigkeit Jesu: 2. Korinther 5,21; 1. Petrus 2,22; 1. Johannes 3,5!

Jakobus 1,14–15

»Jeder aber wird versucht, wenn er von seiner eigenen Begierde fortgezogen und gelockt wird. Danach, wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod.«

Dieser Text beschreibt die Wirkungskette einer Versuchung zur Sünde. Gott versucht auf diese Weise und mit dieser Zielsetzung keinen Menschen, niemanden. Seine Versuchungen sind Erprobungen des Glaubens und dienen der Reifung (1. Petrus 1,3ff). Hier wird vielmehr beschrieben, wie die Sünde im Sünder (im »alten Menschen«) wirkt. Eva dient implizit als Urmodell der Versuchung (s.o.), die Versuchung wirkt indessen in allen unerlösten Menschen, da sie alle »Sklaven der Sünde« sind (Johannes 8,34; Römer 6,16–20). Erst »Wenn nun der Sohn euch frei macht, werdet ihr wirklich frei sein« (Johannes 8,36). Erst ab der Einsmachung des Glaubenden mit Jesu Sterben muss ein glaubender Mensch »der Sünde nicht mehr dienen« (Römer 6,6): Der alte Zwangsablauf ist zerbrochen, die Herrschaft der Sünde beendet: »Also herrsche nicht die Sünde in eurem sterblichen Leib, um seinen Begierden zu gehorchen« (Römer 6,12). Halleluja!

Erwählung ist ein Liebesakt

Lesedauer: 11 Minuten.

Im Folgenden soll die These »Heilsgeschichte ist Liebesgeschichte« etwas vertieft werden, indem der biblisch durchgehende Zusammenhang zwischen Erwählung und Liebe etwas strukturierter belegt wird. Dies könnte als Startpunkt für eigene Untersuchungen dienen, welche ausdrücklich empfohlen werden. Das Thema ist einfach viel zu grundlegend, herzbefestigend und herzerwärmend, als dass man an ihm als Glaubender interesselos vorbeigehen dürfte. 

Die Akzentsetzungen der Erwählung aus Liebe liegen im Alten und Neuen Testament etwas unterschiedlich, weil die Liebes- und Heilsgeschichte sich im AT eher um Israel dreht, wohingegen sie sich im NT allen Menschen zuwendet. Zudem ist die Selbstoffenbarung Gottes und seiner Werke und Absichten fortschreitend. Wir kommen ohne AT oder ohne NT nicht aus, sie sind beide Glaubensgrundlage eines Christen.

Altes Testament (AT)

Im AT geschieht Erwählung aus Gottes Liebe vor allem kollektiv: das Volk Israel betreffend. Aber die Bündnisse und die Propheten reden bereits vorausdeutend davon, dass diese Liebe mit allen Folgen erst durch »den Samen Abrahams« möglich sein wird, durch Jesus Christus, dem Messias. Eines Tages »wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen mit Heilung in ihren Flügeln« (Maleachi 3,20; vgl. Jesaja 58,8 u.a.).

5. Mose 7,7–8

»Nicht weil ihr mehr wäret als alle Völker, hat Jahwe sich euch zugeneigt und euch erwählt; denn ihr seid das geringste unter allen Völkern; sondern wegen der Liebe Jahwes zu euch und weil er den Eid hielt, den er euren Vätern geschworen hat…«

Kernaussage. Die Erwählung Israels wird ausdrücklich mit Gottes Liebe begründet, nicht mit Israels Glanz, Schönheit, Leistung oder Größe.

5. Mose 10,15

»Jedoch deinen Vätern hat Jahwe sich zugeneigt, sie zu lieben; und er hat euch, ihre Nachkommen nach ihnen, aus allen Völkern erwählt, wie es an diesem Tag ist.«

Kernaussage. Zuerst kommt von Gottes Seite eine Entscheidung, Israel (die Vorväter) zu lieben. Daraus folgt (kausal) die Erwählung.

Maleachi 1,2–3

»Ich habe euch geliebt, spricht Jahwe; aber ihr sprecht: ›Worin hast du uns geliebt?‹ – War nicht Esau der Bruder Jakobs?, spricht Jahwe. Und ich habe Jakob geliebt, Esau aber habe ich gehasst…«

Kernaussage. Liebe und Erwählung (Wahl zwischen den beiden Zwillingen, entgegen dem Normalfall der Bevorzugung des Erstgeborenen!) wird sehr speziell und ausgesprochen selektiv formuliert. Daher greift Paulus dieses Beispiel auch in Römer 9:10ff auf als Illustration seiner Darlegung der souveränen Erwählung durch Gott.

Jesaja 43,1.4

»Und nun, so spricht Jahwe, der dich geschaffen hat, Jakob, und der dich gebildet hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. … Weil du teuer, wertvoll bist in meinen Augen und ich dich lieb habe, so werde ich Menschen hingeben an deiner statt und Völkerschaften anstatt deines Lebens.«

Kernaussage. Die Erwählung bedeutet stets ein Vorziehen der Erwählten vor anderen. Sie ist ein Besitzergreifen: »Du bist mein« (Bund). Sie schließt das notwendige Heilshandeln an den Erwählten mit ein: »dich habe ich erlöst«. Erwählung ist hier Ausdruck der treuen Bundesliebe Gottes.

Jeremia 31,3

»Von ferne her ist mir der HERR erschienen: Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt; darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Gnade.« (SCHL2000).

Kernaussage. Dies ist sicher die Schlüsselstelle zum Liebeserwählen Gottes. Sie ist eingebettet in der Verheißung des »Neuen Bundes«, dem Nachfolger des erfolglosen Alten Bundes (Mosaischer Bund, Sinai-Bund). Die »ewige Liebe« dauert nicht nur zeitlich lange, sondern ist wesensartig ursprünglich, unerschöpflich und bundestreu (mithin an Gottes Treue gebunden und daher sicher). Diese Liebe wird aktiv gg. den Geliebten: »zu mir gezogen«. Dies ist funktional sehr nahe zu dem, was im NT später als »effektive Berufung« beschrieben wird.

Die logische Struktur des Verses führt von der Liebe zum Ziehen zur Heilsbeziehung. Das entspricht dem, was das NT später detaillierter lehrt: Die ewige Liebe führt zur Erwählung, zur effektiven Berufung (im Evangelium) und zum ewigen Heil, der Verherrlichung (Römer 8,29ff). Jeremia 31,3 macht bereits klar: Liebe ist ontologisch primär zu verstehen. Erwählung ist letztlich Ausdruck der ewigen, wirksamen Liebe Gottes, die das Heil initiiert, trägt und erneuert. – Wen wundert das heute noch, da Gott doch geoffenbart hat: »Gott ist Liebe« (1Johannes 4,16)? Der Geliebte, der ewig von Gott Erwählte, betet Ihn dafür an!

Zusammenfassung: Die theologische Linie im AT

Die Erwählung wird im AT meist korporativ, also für das Volk Israel, gemeint. Aber spätestens in 1Mose 12 wird auch die individuelle Erwählung im Abrahamsbund Leitmotiv der Wiederherstellung, die sich bis in die Ewigkeit nach der Zeit erstreckt. Sonst gilt: Erwählung ist Gottes Wahl Israels in einer Bundesbeziehung. Grundlage und Initiative ist allein der freien, souveränen Liebe Gottes zuzuschreiben. Das Ziel dieser Bundesliebe ist letztlich das vollkommene Heilwerden der Geliebten. Dies gilt zunächst nur Israel, konnte aber im AT nur bei Einzelnen Wirklichkeit werden. Das Heilwerden der (dann) gläubigen Nation Israel ist noch ausstehend, aber durch Gottes Bundes- und Liebestreue sicher.

2. Neues Testament (NT)

Im NT geschieht die Erwählung (Auserwählung) ausdrücklich »in Christus«, denn außerhalb seines Sohnes erwählt Gott-Vater niemand. Das ist nicht Zufall, sondern Seine Absicht, die sich von Ewigkeit zu Ewigkeit durchzieht. Die Auserwählung ist personalisiert, daher werden immer wieder Namen, ein Marker für Persönlichkeit und Individuum, erwähnt. Aber alle Einzelnamen ergeben zusammen auch eine Namensliste, die Gott in einem Buch festgeschrieben und festgelegt hat (s. Studie zum »Buch des Lebens«, i.V.).

Epheser 1,3–5

»Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christus, wie er uns auserwählt hat in ihm vor Grundlegung der Welt, dass wir heilig und untadelig seien vor ihm in Liebe; … nach dem Wohlgefallen seines Willens…«

Kernaussage. Hier werden Liebe und Auserwählung direkt verbunden. Die Liebe ist Auslöser und Vollendung der Liebe Gottes zu »uns«, also jenen »in Christus«. Diese Auserwählung ist eine ewige, sie stand bei Beginn der Schöpfung und der Zeit also bereits fest (die Liste der auserwählten Personen steht daher seit Beginn der Schöpfung bereits im »Buch des Lebens«).

2. Thessalonicher 2,13–14

»Wir aber sind schuldig, Gott allezeit für euch zu danken, vom Herrn geliebte Brüder, dass Gott euch von Anfang erwählt hat zur Errettung in Heiligung des Geistes und im Glauben an die Wahrheit, wozu er euch berufen hat durch unser Evangelium, zur Erlangung der Herrlichkeit unseres Herrn Jesus Christus.«

Kernaussage. Hier wird von Paulus eine Parallelstruktur aufgebaut zwischen »vom Herrn geliebt« und »von Anfang erwählt zur Errettung«. Das Ziel jener Liebe und Erwählung ist, dass die Erwählten die » Herrlichkeit unseres Herrn Jesus Christus« erlangen. Nichts weniger ist das Liebesziel Gottes, dass die Erwählten so herrlich werden wie sein Sohn. Das bedeutet nicht, dass sie zu Göttern werden (das ist analytisch Unsinn, reine Begriffsverwirrung), sondern Jesus, dem menschgewordenen Gottessohn, im Wesen gleich werden, mithin »Teilhaber der göttlichen Natur« werden (2Petrus 1,4). Was das bedeutet, ist schwerlich zu umfassen: Wir werden lieben, reden, denken, urteilen, wollen… wie Jesus Christus! Gigantisch.

Römer 8,29–30

»Denn welche er zuvor erkannt hat, die hat er auch zuvor bestimmt, dem Bild seines Sohnes gleichförmig [zu]sein], damit er [der] Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Welche er aber zuvor bestimmt hat, diese hat er auch berufen; und welche er berufen hat, diese hat er auch gerechtfertigt; welche er aber gerechtfertigt hat, diese hat er auch verherrlicht.«

Kernaussage. Das »Zuvorerkennen« (proginōskō) wird nach biblisch-hebräischem Denken als liebendes Erwählen, als Etablieren einer beständigen Lebensbeziehung in Liebe verstanden. Es geht nicht um Information (schon gar nicht um eine »Prognose«!), sondern um Beziehung, also um Heil, Leben und Fruchtbarkeit. Alles andere macht keinen Sinn.

Römer 9,13 (zitiert Maleachi)

»wie geschrieben steht: ›Jakob habe ich geliebt, aber Esau habe ich gehasst.‹«

Kernaussage. Paulus illustriert und belegt seine Lehraussagen zur liebenden Erwählung der Geretteten mit dem beispielgebenden souveränen Handeln Gottes am Zwillingspaar Jakob und Esau (s.o.). Paulus geht es im Kontext des Zitats jedoch weder um die irdische Geschichte jener zwei Personen noch um jene ihrer Nachkommen und Völker, sondern um das ewige Heil, wie Verse 9,22–24, deutlich machen. Es geht ihm (auch) um »uns, die er auch berufen hat, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Nationen.«

Kolosser 3,12

»Zieht nun an, als Auserwählte Gottes, als Heilige und Geliebte…«

Kernaussage. Paulus macht deutlich: Wer ein »Auserwählter« ist, ist damit auch ein »Heiliger« und ein »Geliebter«. Das ist alles untrennbar die neue Identität (=was jemand wahrhaft ist) jedes Erlösten.

Zusammenfassung: Die theologische Linie im NT

Im NT wird die Erwählung offenbart und gelehrt als christologisch (nur »in Christus«), meist (aber nicht immer) auf das ewige Heil bezogen und individuell zugespitzt. Die Liebe Gottes ist Initiator, Beweggrund und stabiler Verbindungsgarant und damit ein Erkennungszeichen der wirklich von Gott vor aller Zeit und für alle Ewigkeit Erwählten.

Das Verhältnis von Liebe und Erwählung

1. Grund der Erwählung ist Gottes freier Liebeswille

Es ist Gottes »Wohlgefallen«, also sein ureigener, vollkommener Wille, ob und wo er seine Liebe Menschen frei (=unverdient, nicht als Reaktion) schenkt und diese Menschen zur Lebens- und Liebesbeziehung mit sich auserwählt (vgl. 5Mose 7,8; Epheser 1,4–5). Erwählung ist damit niemals verdienstbasiert (»Lohn«), sondern exklusiv gnadenhaft und von ewiger Liebe motiviert. (Durch die Gnadengabe der Liebe Gottes erzeugt der Heilige Geist im Erwählten angemessene Gegenliebe; damit ist der »Kreis der Liebe« geschlossen, Römer 5,5b.)

2. Die Erwählung zum ewigen Heil ist Ausdruck der Liebe Gottes

Das AT wie das NT (s. z.B. Jesaja 43; 2Thess 2,13) offenbaren uns das liebende Herz Gottes und wie dieses »Herz« den dreieinigen Retter-Gott zu rettendem Handeln bewegt. Gottes Liebe ist konkret und sichtbar geworden in Jesus Christus. Das Kreuz Jesu war dafür weder der Anfangspunkt noch der Schlusspunkt, aber der Wendepunkt: Keiner kann nun noch an Gottes Heiligkeit und Liebe ernsthaft zweifeln.

3. Erwählung aus Liebe ist nicht universalistisch zu verstehen

Man meint, dass der Ausdruck »Auserwählung« sprachlich genügend klar wäre, um das Wortwesentliche zu erfassen, dass der Auserwählungsakt nämlich wesenseigen Nichterwählte zurücklässt; sonst wäre es keine Wahl, keine Auswahl (s. z.B. Maleachi 1, Römer 9). Neben der »allgemeinen Liebe«, die Gott zu allen Menschen und zu allen seinen Geschöpfen hat, gibt es auch eine »spezielle Liebe« Gottes, die er nur zu den von Ihm frei Erwählten hat, von denen er (exklusiv) auch will, »dass [sie] heilig und untadelig vor ihm seien in Liebe« (Epheser 1,4). Gottes spezielle Liebe ist differenziert wirksam, nach Gottes freiem Liebeserwählen.

4. In Christus wird die Spannung neu gerahmt

Da uns Gott sein vorweltlich und konkret (namentlich) gefasstes Auserwählungsergebnis vorenthalten hat, bleibt für die Nachfolger Jesu bis zur Vollendung des Heilsratschlusses Gottes Unklarheit über die Identität jener, die Auserwählte sind. Für die gegenwärtige Zeit (»Gnadenzeit«!) wird den Jüngern Jesu vom Heiland und Gottessohn Jesus Christus befehlsweise aufgetragen, alle Menschen zur Buße (Umkehr) und zum Glauben an Jesus Christus aufzurufen. Der »Erfolg« dieser Mission ist göttlich gesichert, was ein großer Trost und eine große Motivation für jeden Boten Jesu ist (s. z.B. Apostelgeschichte 18,10). Am Ende singt der Himmel dem Lamm Gottes zu: »Du bist geschlachtet worden und hast für Gott erkauft, durch dein Blut, aus jedem Stamm und jeder Sprache und jedem Volk und jeder Nation« (Offenbarung 5,9).

Das Evangelium Gottes ist kein »Angebot« Gottes, sondern sein göttlicher Befehl, wie der Apostel Paulus predigte: »Nachdem nun Gott die Zeiten der Unwissenheit übersehen hat, gebietet er jetzt den Menschen, dass sie alle überall Buße tun sollen, weil er einen Tag festgesetzt hat, an dem er den Erdkreis richten wird in Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat« (Apostelgeschichte 17,30–31).

Wenn nun jemand auf die Predigt des Evangeliums »mit [seinem] Mund Jesus als Herrn bekennt und in [seinem] Herzen glaubt, dass Gott ihn aus den Toten auferweckt hat, [er] errettet werden« wird. »Denn mit dem Herzen wird geglaubt zur Gerechtigkeit, mit dem Mund aber wird bekannt zum Heil« (Römer 10,9–10). Man muss es vor Gott und Mensch aussprechen, und die Worte müssen natürlich aufrichtig und authentisch sein.

Solange »Gnadenzeit« währt, werden alle Menschen zu Jesus Christus als Herrn und Retter gerufen. Welche Menschenmenge sich letztendlich ergibt von solchen, die entsprechend kommen, glauben und errettet werden, wird sich uns erst nach der Gnadenzeit zuverlässig und fehlerfrei offenbaren. Auserwählung spielt also für unsere Mission keine entscheidende Rolle. Es gilt der »Missionsbefehl« Jesu bis zu dessen Aufhebung wegen Zielerreichung!

Warnung. Wer allerdings hartnäckig das Evangelium und den Retter Jesus Christus ablehnt, muss damit rechnen, dass ihm das Wort vom Heil nicht länger angeboten wird. »Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht!« (Hebräer 3,7 u.a.). Die ablehnenden Juden mussten vom Apostel Paulus hören: »Zu euch musste notwendigerweise das Wort Gottes zuerst geredet werden; weil ihr es aber von euch stoßt und euch selbst des ewigen Lebens nicht für würdig erachtet, siehe, so wenden wir uns zu den Nationen.« (Apostelgeschichte 13,46). Das lenkt und begrenzt die Mission auf Menschen, die hören und glauben wollen.

Weiterführende Studien

Weiterführendes liefert u.a. die detailliertere Studie »Auserwählung – Fragen über Fragen« auf diesem BLOG (Link: https://logikos.club/?p=2131).

Ursache und Wirkung– Kleiner Exkurs für gründliches Denken in der Heilslehre

Lesedauer: 16 Minuten.

1    Was bezeichnet man als „Ursache“, was als „Wirkung“?

Zuerst ein paar grundlegende Begriffe und ein Überblick über deren semantische Entwicklung.

1. Begriffe: „Ursache“ und „Wirkung“ sind korrelative Begriffe, die zwei unterscheidbare, aber miteinander verbundene Phasen (vorher, nachher) der erlebten Realität in einer Zeitreihe bezeichnen, sodass immer dann, wenn das zeitlich Vorhergehende („Ursache“) aufhört zu existieren, das zeitlich Nachfolgende („Wirkung“) erscheint.

2. Die Vorsokratiker verwendeten den Begriff „Arche“ (gr. archē = Ursprung, Anfang, Grundprinzip, erstes Element), um etwas zu bezeichnen, das vor und zusammen mit anderen Dingen existiert und ohne das andere Dinge nicht existieren würden. Es ist also das Urprinzip, aus dem alles entsteht und durch das alles erklärt werden kann. Für Thales von Milet war es das Wasser, für Anaximenes die Luft, für Heraklit das Feuer, der Wandel. Platon hingegen verwendete „Arche“, um einen Grund zu bezeichnen, warum ein Ding seine wesentlichen Eigenschaften hat, sodass wir es mit einem bestimmten Namen bezeichnen.

3. Aristoteles unterscheidet vier Ursachen (gr. aitía), um zu erklären, warum etwas so ist, wie es ist. Die Frage geht also nach den Ursachen, Gründen oder Prinzipien zur Erklärung einer Sache. Diese lauten (Beispiele folgen weiter unten): 

  • Materialursache/Stoffursache (causa materialis): das, woraus etwas entsteht, geformt oder hervorgebracht wird. 
  • Formursache (causa formalis): das Wesen, das die Natur der Sache ausmacht, die qualitativen Eigenschaften, die sie zu dem machen, was sie ist, sie von anderen Dingen unterscheiden und sie ähnlichen Dingen ähnlich machen. 
  • (Wirkursache oder effiziente Ursache (causa efficiens): der produktive Wirkstoff oder die Kraft, die eine Wirkung hervorbringt. 
  • Zweckursache oder Endursache (causa finalis): der Zweck oder das Ziel einer Sache, um dessentwillen sie bestimmte Eigenschaften besitzt oder von einer Intelligenz hervorgebracht wurde.

Die mittelalterlichen Scholastiker verwendeten und modifizierten diese Prinzipien.

4. Mit dem Aufkommen der Naturwissenschaften in der Renaissance ersetzte „Substanz” die materielle Ursache, und die formale Ursache wurde beiseitegeschoben; „Ursache” wurde hauptsächlich als effiziente Ursache verstanden.

5. Hume, der davon ausging, dass jede Idee aus vorhergehenden Eindrücken oder Empfindungen kopiert wird, führte den Glauben an die „notwendige Verbindung” von Ursache und Wirkung auf die Wiederholung bestimmter Erfahrungen mit einheitlicher Abfolge (konstante Konjunktion) zurück, die im Wahrnehmenden eine gewohnheitsmäßige Erwartung, eine Gewohnheit der Antizipation hervorrufen, durch die der Geist gewohnheitsmäßig von der Wahrnehmung des Vorhergehenden zur Erwartung des Nachfolgenden übergeht.

6. Um die Wissenschaft vor dem Psychologismus Humes zu bewahren, postulierte Immanuel Kant das Prinzip der Kausalität als eine a priori notwendige Kategorie (Form) des Verstandes, die nicht von der Erfahrung abhängig ist, sondern diese konstituiert. Durch diese Form des Verstandes wird empirisches Wissen über die Natur möglich. 

7. J. S. Mill identifizierte die Regelmäßigkeit der Abfolge als das Wesen der Kausalität, wobei „Ursache” als Vorläufer oder das Zusammentreffen von Vorläufern definiert wird, auf die ein Ereignis unveränderlich und bedingungslos folgt.

8. J. H. Poincaré und P. Frank vertreten eine konventionalistische Sichtweise der Kausalität als Definition (oder regulativer Verfahrenskanon) eines Zustands eines Systems.

Einige Quellen dazu: Platon, Phaidon und Timaios; Aristoteles, Metaphysik; D. Hume, Abhandlung über die menschliche Natur, III, und Untersuchung über das menschliche Verständnis; I. Kant, Kritik der reinen Vernunft; J. S. Mill, System der Logik; P. Frank, Philosophy of Science: The Link Between Science and Philosophy (Englewood Cliffs, New Jersey, 1957); J. H. Poincaré, Science and Hypothesis, übers. v. W. J. G. (New York, 1952) und Science and Method, übers. v. F. Maitland (New York, 1952).

Die vier Ursachen nach Aristoteles

Aristoteles hat darüber nachgedacht, wie wir denken und argumentieren, und hat dazu die unserer Sprache und unserem Denken als Menschen eigenen Strukturen erforscht und beschrieben. Er nennt vier unterschiedliche Aspekte dessen, was wir als Ursache bezeichnen. Man muss diese Einteilung nicht übernehmen, sie mag zu wenige, zu viele Aspekte nennen oder teilweise neben der Realität liegen. Trotzdem war sie in zahllosen Diskussionen hilfreich und zeigt sich weiterhin als hilfreich. Man kann damit manchmal vermeiden, dass man aneinander vorbeiredet oder bei der Forschung nach Ursachen Bereiche vernachlässigt, die sich als wichtig erweisen.

Wir wollen hier nun zuerst die vier Ursachen nach Aristoteles anhand eines einfachen Beispiels darstellen und sie dann im nächsten Abschnitt auf ein zentrales Thema der biblischen Lehre (Dogmatik), der Heilslehre, anwenden.

Gegenstand: Ein Bildhauer erstellt eine Marmorstatue, die eine menschähnliche Gestalt darstellt. Jemand sieht sie und fragt nach der Ursache dieser Statue. Mit Hilfe der Einteilung von Aristoteles fragt er sich die folgenden vier Fragen über die Statue (Ding/Sache) und kommt so zu vier Aussagen über die Ursachen der Statue:

  • Stoffursache (causa materialis)
    Frage: Aus welchem Stoff besteht das Ding?
    Antwort: Die Statue besteht aus Marmor. 
    Erkenntnis: Ohne dieses Material gäbe es die Statue nicht physisch greifbar.
    Erkenntnis aus dieser Frage: Der Stoff, aus dem etwas gemacht ist.
  • Formursache (causa formalis)
    Frage: Was ist die Gestalt/Struktur des Dings?
    Antwort: Die Statue hat die Form eines bestimmten Menschen oder Gottes. 
    Erkenntnis: Nicht der rohe Marmor, sondern die Gestalt macht sie zur Statue.
    Erkenntnis aus dieser Frage: Das „Was-sein“ oder die Form des Dings.
  • Wirkursache (causa efficiens)
    Frage: Wer oder was bewirkte die Entstehung?
    Antwort: Der Bildhauer Sowieso. 
    Erkenntnis: Der Bildhauer, der den Marmor bearbeitet, ist die Wirkursache.
    Erkenntnis aus dieser Frage: Der Auslöser oder Handelnde/Wirkende.
  • Zweckursache (causa finalis) 
    Frage: Wozu existiert das Ding?
    Antwort: Die Statue wurde vielleicht geschaffen, um einen Gott zu ehren, eine Person zu verewigen oder um einen Platz zu schmücken. 
    Erkenntnis: Ohne dieses Ziel wäre die Statue nie entstanden.
    Erkenntnis aus dieser Frage: Das Ziel oder der Zweck des Dings.

Tabellarische Übersicht (mit Beispiel)

UrsacheFrageBeispiel
StoffursacheWoraus?Marmor
FormursacheWas?Gestalt der Statue
WirkursacheWer?Bildhauer
ZweckursacheWozu?Verehrung / Schmuck

Die Ursachen der Errettung (biblisch-reformatorische Sicht)

Wir beantworten nun die Frage nach den Ursachen des ewigen Heils mit den Antworten, die die Heilige Schrift nach reformatorischer Auslegung liefert.

Dieses Vorgehen bedeutet nicht, dass wir dem biblischen Text eine griechisch-philosophische Zwangsmaske oder Schablone aufsetzen, sondern dass wir mit geschärftem Denken an dieses Wunderwerk herangehen und so den einen oder anderen Streitgedanken erkennen, analysieren und ggf. lösen können. Anders gesagt: Denken wird nicht falsch, nur weil es analytisch von einem Philosophen beschrieben wurde. Vermutlich hat Aristoteles nur entdeckt und beschrieben, was Gott in Sprache und Denken gelegt hat (Ähnliches kann man über Logik und Mathematik sagen). Dem Philosophen wird nicht erlaubt, den Inhalten des gedanklich Bewegten beizutragen.

1. Stoffursache (causa materialis)

Frage: Woraus besteht das, was gerettet wird?

Die Bibel lehrt, dass der Gegenstand (die „Materie“) der Errettung der Mensch selbst ist, so wie er im Sündenfall absolut erlösungsbedürftig geworden war, ein sündiger Mensch mit Leib und Seele, bereits als Sünder geboren, unaufhaltsam sündigend, unfähig, sich selbst zu erretten.

Antwort: Die Stoffursache der Errettung ist nicht etwas Gutes im Menschen, sondern der ganze Mensch als verlorener Sünder, an dem Gott handelt.

Schrifthinweis: „Da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer.“ (Römer 3,10)

Erkenntnis: Der Mensch ist das Objekt der Errettung, nicht deren Quelle.

2. Formursache (causa formalis)

Frage: Was macht die Errettung (strukturmäßig) zu dem, was sie ist?

Die Form der Errettung ist nach der Lehre der Heiligen Schrift und den Reformatoren (nur stichwortartig): die Rechtfertigung allein aus Glauben (Basis), also die dem Sünder zugerechnete Gerechtigkeit Christi (extern) sowie stets in Verbindung damit die Heiligung und Erneuerung (Lebendigkeitsprinzip). – Im Kontrast dazu: Die Errettung geschieht nicht durch eigene Werke, eigene Liebe, eigenen Glauben (als Leistung), sie kommt von außerhalb des Menschen (extra nos).

Antwort: Die formale Ursache der Rechtfertigung ist die zugerechnete Gerechtigkeit Christi (Imputation).

Schrifthinweis: „Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm.“ (2. Korinther 5,21)

Erkenntnis: Christi Gerechtigkeit wird juristisch auf das Konto des Glaubenden gebucht. (Der zitierte Bibelvers wird weiter unten noch näher untersucht.)

3. Wirkursache (causa efficiens)

Frage: Wer bewirkt die Errettung?

Hier ist die biblische Antwort eindeutig: Die alleinige Wirkursache der Errettung ist der dreieinige Gott: (1) Der Vatererwählt aus Gnade (Epheser 1,4–5); (2) Der Sohn erwirbt die Erlösung durch Kreuz und Auferstehung; (3) Der Heilige Geist wendet sie wirksam an (Wiedergeburt, Glaube).

Antwort: Die Wirkursache der ewigen Errettung ist allein der dreieinige Retter-Gott. Der Mensch ist nicht Mitursache, sondern Empfänger.

Schrifthinweis: „Also liegt es nun nicht an dem Wollenden noch an dem Laufenden, sondern an dem begnadigenden Gott.“ (Römer 9,16)

Erkenntnis: Gott allein handelt errettend (Monergismus).

4. Zweckursache (causa finalis)

Frage: Wozu geschieht die Errettung? Was ist ihr Ziel?

Das höchste Ziel der Errettung des Menschen ist die Verherrlichung Gottes: die Offenbarung seiner Liebe, Barmherzigkeit und Gnade und die Offenbarung seiner Gerechtigkeit und Heiligkeit sowie die Gemeinschaft mit seinem Volk. Gott wird von den erlösten Menschen ewig Anbetung bekommen.

Antwort: Das letztliche Ziel der Errettung ist das Lob und die Anbetung Gottes, weil er sich im Heilswerk herrlich als Retter-Gott präsentiert und beweist.

Schrifthinweis: „Zum Lob der Herrlichkeit seiner Gnade.“ (Epheser 1,6) – „Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge; ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen.“ (Römer 11,36).

Erkenntnis: Die Seligkeit des Menschen ist real und herrlich, aber nicht der letzte Zweck des Heilswerkes Gottes. Vielmehr geht es letztlich und exklusiv um Gottes Ehre (Soli Deo Gloria).

Tabellarische Übersicht:

UrsacheIn der Errettung
StoffursacheDer sündige Mensch
FormursacheDie zugerechnete Gerechtigkeit Christi
WirkursacheDer dreieinige Retter-Gott alleine
ZweckursacheDie Verherrlichung Gottes

Das Ergebnis dieses Nachdenkens

Die Anwendung der aristotelischen Ursachen zeigt:

  • Der Mensch trägt nichts bei, was Ursache seiner Errettung wäre.
  • Christus ist nicht nur Mittel, sondern Form der Errettung.
  • Gott ist Urheber, Vollender und Ziel der Errettung.

Die Reformatoren haben dies in den bekannten Exklusiv-Partikeln zusammengefasst: Nach der Grundlegung im sola scriptura (allein die Heilige Schrift) folgen aus der Schrift zwingend: Sola gratia – solus Christus – sola fide – soli Deo gloria (allein aus Gnaden – nur in Christus – nur aus Glauben – allein zur Ehre Gottes).

Irrtum und Wahrheit in der Heilslehre

Man kann die Unterschiede zwischen reformiert-monergistischer versus synergistischer Soteriologie anhand des selben Frageschemas nach den Ursachen des Heils systematisch darstellen. Die theologischen Bruchlinien treten tatsächlich entlang dieser vier Aspekte der Heilsursachen zutage (mit „synergistisch“ seien hier kurzgefasst v. a. die römisch-katholische, die arminianische und allgemein alle semi-pelagianischen Vorstellungen bezeichnet).

1. Stoffursache (causa materialis)

Reformiert (monergistisch)

  • Der Mensch ist geistlich tot (Eph 2,1)
  • Keine rettungsfähige Anlage im Menschen
  • Der Mensch ist passives Objekt der Errettung

 → Materia: der verlorene Sünder ohne rettende Disposition

Synergistisch

  • Der Mensch ist gefallen, aber nicht geistlich tot
  • Verfügt über:
    • freien Willen
    • mitwirkungsfähige Natur
    • Fähigkeit zur Kooperation mit der Gnade

 → Materia: der Sünder mit rettungsfähigem Potential

Kurzform: reformiert: Unfähigkeit ↔︎ synergistisch: geschwächte Fähigkeit

2. Formursache (causa formalis)

Reformiert

  • Zugerechnete Gerechtigkeit Christi allein
  • Rechtfertigung ist:
    • forensisch
    • vollständig
    • außerhalb des Menschen (extra nos)

Glaube ist Mittel, nicht Form.

 → Die Form der Rettung ist Christus für uns

Synergistisch

Je nach Modell:

  • eingegossene Gerechtigkeit (römisch-katholisch)
  • oder:
    • Glaube + Treue
    • Anfangsgnade + fortdauernde Mitwirkung
    • Rechtfertigung als Prozess

 → Die Form ist Christus + innere Erneuerung / Kooperation

Kurzform: reformiert: zugerechnet ↔︎ synergistisch: inhärent / kooperativ

3. Wirkursache (causa efficiens) – der zentrale Streitpunkt

Reformiert

  • Gott allein wirkt:
    • Erwählung
    • Wiedergeburt
    • Glaube
    • Bewahrung

Der Mensch wirkt nicht einmal den Glauben, sondern empfängt ihn.

 → Monergismus

Synergistisch

  • Gott gibt Gnade
  • Mensch:
    • nimmt sie an oder lehnt sie ab
    • kooperiert mit ihr
    • vollendet sie durch Gehorsam

Es gibt also zwei wirkende Ursachen: göttliche Gnade UND menschlicher Wille

 → Synergismus

Kurzform: reformiert: eine Wirkursache ↔︎ synergistisch: zwei Wirkursachen

4. Zweckursache (causa finalis)

Reformiert

  • Oberster Zweck: Gottes Ehre
  • Rettung offenbart:
    • souveräne Gnade
    • erwählende Liebe
    • göttliche Freiheit

Die Seligkeit des Menschen ist sekundär.

Synergistisch

  • Zweck verschiebt sich (oft implizit) zu:
    • menschlicher Entscheidung
    • Fairness
    • universaler Heilswille
    • Verantwortung des Menschen

Gottes Ehre bleibt, aber nicht exklusiv bestimmend.

Kurzform: reformiert: theozentrisch ↔︎ synergistisch: teilweise anthropozentrisch

Tabellarischer Gesamtvergleich

UrsacheReformiert (Monergismus)Synergistisch
StoffursacheGeistlich toter SünderGefallener, aber fähiger Sünder
FormursacheZugerechnete Gerechtigkeit ChristiChristus + innere Mitwirkung
WirkursacheGott alleinGott + Mensch
ZweckursacheGottes Ehre alleinGottes Ehre + menschliche Entscheidung

Tiefere theologische Pointe

Der entscheidende Unterschied ist nicht nur pastoral, sondern metaphysisch:

  • Monergismus bewahrt:
    • Gottes Alleinwirksamkeit
    • Gnade als wirklich unverdient
    • Gewissheit des Heils
  • Synergismus führt zwangsläufig zu:
    • teilweiser Selbstverursachung
    • kontingenter Erlösung
    • Verschiebung des Ruhms in Richtung Mensch

Oder zugespitzt: Wenn der Mensch der letzte Unterschied ist, dann ist die Gnade nicht mehr alleinige Ursache.

Die Heilige Schrift lehrt eindeutig das Zusammenhalten von göttlicher Souveränität und menschlicher Verantwortung

Wir müssen nun noch in Kürze darstellen, warum Christen seit der Reformation wieder trotz Beharren auf dem monergistischen Heilswirken Gottes auch die Verantwortung und die Mittel seitens der zu errettenden Menschen betonen. Hier haben wir eine zentral wichtige Frage, bei der oft Missverständnisse entstehen. Die biblische Theologie betont Gottes souveränes, monergistisches Handeln und zugleich die menschliche Verantwortung und die Verwendung realer Mittel – ohne dabei in Synergismus zu fallen. 

Der Schlüssel liegt in der Unterscheidung von Ursache, Mittel und Ordnung.

1. Grundthese (kurz)

Die reformierte Heilslehre sagt gleichzeitig:

  1. Gott allein ist die Wirkursache der Errettung (Monergismus)
  2. Der Mensch ist wirklich verantwortlich
  3. Gott gebraucht wirkliche Mittel, durch die er handelt

 → Verantwortung und Mittel sind keine Mitursachen, sondern von Gott eingesetzte Instrumente.

2. Ursache ≠ Mittel (entscheidende Unterscheidung)

Reformiert:

  • Ursache (causa efficiens)  → Gott allein bewirkt das Heil
  • Mittel (media) → Wort, Sakramente, Glaube, Buße, Gebet

Der Fehler synergistischer Modelle ist: Mittel zu Ursachen zu machen.

Beispiel:

Ein Stift schreibt einen Text.

  • Ursache des Textes: die schreibende Person
  • Mittel: der Stift

Der Stift ist real beteiligt, aber nicht selbstverursachend.

 → So ist der Glaube wirklich aktiv, aber nicht ursächlich rettend.

3. Warum menschliche Verantwortung real ist

Reformierte Anthropologie

Der Mensch:

  • handelt frei gemäß seiner Natur
  • entscheidet wirklich
  • liebt, glaubt, lehnt ab

Aber:

  • seine Natur ist durch die Sünde gebunden
  • daher kann er ohne Gnade nicht zu Gott kommen

Freiheit ≠ Autonomie

Klassisch reformiert:

Der Mensch tut freiwillig das, wozu Gott ihn wirksam bewegt.

 → Das ist keine Zwangshandlung, sondern innere Erneuerung.

4. Verantwortung ohne Mitverursachung

Reformierte Theologie unterscheidet:

  • ontologische Ursache (wer bewirkt?)
  • moralische Verantwortung (wer handelt?)

 → Der Mensch ist verantwortlich, weil er selbst glaubt oder nicht glaubt, nicht weil er die Gnade verursacht.

Biblische Spannung (bewusst festgehalten)

  • Gott wirkt alles (Phil 2,13)
  • Der Mensch handelt wirklich (Phil 2,12)

 → Nicht entweder/oder, sondern beides, in verschiedener Hinsicht.

5. Warum Mittel notwendig sind

Gott wirkt durch Mittel, nicht trotz ihrer. Reformierte Theologie lehnt daher ab:

  • Mystizismus (Gott wirkt ohne Mittel)
  • Fatalismus (Mittel sind egal)
  • Rationalismus (Mittel wirken automatisch)

Beispiele von Mitteln:

  • Predigt → Glaube (Röm 10,17)
  • Taufe & Abendmahl → Stärkung des Glaubens
  • Gebet → von Gott verordneter Weg des Empfangens
  • Gehorsam → Frucht, nicht Ursache

 → Gott ordnet das Ziel und den Weg zum Ziel.

6. Warum das kein Synergismus ist

FrageReformiertSynergistisch
Wer bewirkt das Heil?Gott alleinGott + Mensch
Hat der Mensch Anteil?Ja, instrumentalJa, kausal
Ist Glaube Ursache?Nein, MittelTeilursache
Ist Verantwortung real?JaJa

 → Der Unterschied ist kausal, nicht praktisch.

7. Pastorale und geistliche Konsequenzen

a. Gewissheit

  • Heil hängt nicht an meiner Leistung
  • Gott vollendet sicher alles, was er beginnt

b. Ernst des Rufes

  • Aufruf zur Buße ist echt
  • Unglaube ist schuldhaft

c. Demut

  • Kein Ruhm im Menschen
  • Alle Ehre Gott allein

8. Reformierte Kurzformel

Gott wirkt das Heil allein,
aber nicht ohne den Menschen;
der Mensch wirkt wirklich,
aber nicht ursächlich.

Als Augustinus von Hippo sagte: „Gott wirkt in uns das Wollen und Vollbringen, ohne unseren Willen aufzuheben“ zitierte er dazu zentral den Bibelvers: „Bekehre mich, damit ich mich bekehre, denn du bist der Ewige, mein Gott“ (Jeremia 31,18b). Wir bitten also Gott, dass er selbst unsere Bekehrung bewirkt. Das trieb den britischen Mönch Pelagius auf die sprichwörtliche Palme. Sein Hauptargument war: Wenn Gott den Menschen erst bekehren muss, dann hat der Mensch keine echte Verantwortung für seine moralischen Entscheidungen. Für ihn sollte es eher heißen: „Hilf mir, mich zu bekehren“ (Synergismus) – aber nicht: „Tu es an meiner Stelle.“ (Monergismus). Pelagius ging also davon aus, der Mensch müsse aus eigener moralischer Freiheit zur Umkehr fähig sein. – Hier scheiden sich die Geister der Monergisten (später: die reformiert Lehrenden) und der Synergisten im Heilsverständnis – bis heute! Die westliche Kirche folgte weitgehend der Linie von Augustinus. Die Lehren des Pelagius wurden auf der Synode von Karthago (418 nChr) und später erneut beim Konzil von Ephesus (431 nChr; 3. ökum. Konzil) verurteilt. – Viele Freikirchen, die aus der Reformation entstanden waren, folgen leider dem synergistischen Gedankengut des Pelagius (wenngleich sie die notwendige Rolle von göttlicher „Gnade“ anerkennen, also eher arminianisch argumentieren und manchmal deswegen als „semi-pelagianisch“ bezeichnet werden) und kommen damit in der Heilslehre den Romanisierungsbestrebungen der Gegenreformation stark entgegen. Im Falle der Kirchen des Lutherischen Weltbundes scheint die dogmatische Gleichschaltung oder Selbstaufgabe als „Lutheraner“ schon fast vollzogen zu sein (Gemeinsame Erklärung).

Noch etwas zur Formursache (causa formalis) der Errettung

In der christlich-reformierten Theologie ist die Formursache (causa formalis) der Errettung eindeutig die zugerechnete Gerechtigkeit Christi.  Die beste und klassischste Bibelstelle dafür ist 2. Korinther 5,21:

„Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, 
damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm.“ 
(2. Korinther 5,21)

Diese Stelle ist paradigmatisch:

1. Sie beschreibt Form, nicht Ursache oder Mittel

  • Es geht nicht darum, wie wir glauben (Mittel),
  • oder wer rettet (Wirkursache),
  • sondern was unsere Gerechtigkeit ist, durch die wir gerecht sind.

 → Wir werden nicht gerecht durch Veränderung in uns, sondern durch etwas, das wir in ihm [Christus] sind.

2. Sie lehrt ausdrücklich Zurechnung (Imputation)

  • Unsere Sünde → Christus zugerechnet
  • Christi Gerechtigkeit → uns zugerechnet

 → Das ist exakt das, was reformierte Theologie mit der forma iustificationis meint. Nicht: „damit wir gerecht gemacht würden, sondern: „damit wir die Gerechtigkeit Gottes würden“

3. Sie schließt synergistische Modelle aus

  • Keine Rede von:
    • innerer Mitwirkung
    • eingegossener Gerechtigkeit
    • fortschreitender Rechtfertigung

 → Die Form der Rechtfertigung ist Christus extra nos, nicht etwas in uns.

Klassische reformierte Bestätigung

  • Calvin (Inst. III,11,2): „Christus’ Gerechtigkeit wird uns zugerechnet, als wäre sie die unsere.“
  • Westminster Confession (XI,1): „…nicht indem ihnen Gerechtigkeit eingegossen wird, sondern indem ihre Sünden vergeben und sie als gerecht angenommen werden.“

Weitere wichtige Parallelstellen

BibelstelleAussage
Römer 5,19„so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen in die Stellung von Gerechten gesetzt werden“
Römer 4,5„Dem aber, der… an den glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, wird sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet“
Philipper 3,9„indem ich nicht meine Gerechtigkeit habe, die aus dem Gesetz ist, sondern die, die durch den Glauben an Christus ist – die Gerechtigkeit aus Gott durch den Glauben“
Jesaja 53,11„Durch seine Erkenntnis wird mein gerechter Knecht die Vielen zur Gerechtigkeit weisen [O. den Vielen zur Gerechtigkeit verhelfen, o. die Vielen gerecht machen].“

Fazit: Die Formursache der Errettung ist nicht der Glaube, sondern die zugerechnete Gerechtigkeit Christi. 2. Korinther 5,21 ist die klarste biblische Formulierung dazu.

Warum die Gleichsetzung »Öl = Heiliger Geist« exegetisch nicht trägt

Lesedauer: 26 Minuten.

Auslegungstraditionen mit starkem Hang zur allegorischen Methode sind immer noch aktiv in verschiedenen Gruppen der Gemeinde Jesu Christi. Als ich vor einiger Zeit auf einem »Bibeltag« einer Freikirche in Tradition der Elberfelder »Brüderbewegung« war, trat ein Ältester auf, der sich als Thema Lektionen aus dem Buch der Richter gesetzt hatte. Gleich zu Anfang sagte er, dass er nicht nur den Bibeltext behandeln wolle. Nein, er wolle nicht »oberflächlich« bleiben, sondern mit uns tiefer in den »geistlichen Sinn« des Bibeltextes abtauchen. Dazu brauche es ein Vokabelheft, in das man beim Lesen der Bibel eintrage, wofür bestimmte Begriffe in der Bibel geistlich stünden, sozusagen ein Übersetzungsbuch für das Erfassen der »geistlichen Bedeutung« eines Bibeltextes. Dann gab er Beispiele, wofür die Sonne, ein Hammer, Wasser, Öl usw. in der Heiligen Schrift geistlich stünden. Dieses geistliche Deutungsbuch versetze den Christen nun in die Lage, inneres, dem normalen Christen verborgenes, tieferes Wissen zu erlangen. Das ist aber die klassische Zumutung eines Esoterikers.

Eine dieser »Übersetzungs«-Codes ist die Formel: »Öl = Heiliger Geist«. Exegetisch bedeutete dies also, dass immer dann, wenn im Text von Öl zu lesen war, tatsächlich auf »geistlicher Tiefenebene« der Heilige Geist gemeint sei. Vielleicht kann sich der »normale« Bibelleser vorstellen, wie schnell man sich mit solchen falschen und falsch-vereinfachenden Auslegungsregeln in Widersprüche und Unsinn verstricken kann. Das Fatale daran ist, dass der diese Regeln Anwendende meint, besonders heilige und tiefe Gedanken zu erfassen, und mithin selten bereit ist, sich korrigieren zu lassen. Esoterisches Denken war schon immer ein Elitedenken.

Wie steht es also mit der Symbolik von Öl in der Heiligen Schrift? Natürlich kann man einige Stellen in der Heiligen Schrift finden, wo die genannte Deutung durchaus richtig ist. Die Bibel verwendet immer wieder typologische und symbolische Sprache. So werden tatsächlich Menschen in Israel in Ämter von Gott eingesetzt durch »Salbung« mit Öl, z.B. Könige, Priester und Propheten. Andere Beispiele mit symbolischen rituellen Handlungen könnten angeführt werden, auch im Neuen Testament. Jeder Christ sollte z.B. die Symbolik von Brot und Kelch (Wein) kennen, wenn es um die »Verkündigung des Todes des Herrn« im Herrenmahl geht. Jesus selbst erläutert: »dies ist mein Leib« und »dies ist mein Blut« (vgl. z.B. Mt 26,26–28) bei der symbolischen Handlung des Essens und Trinkens von diesen physischen, nun aber symbolhaft mit geistlicher Bedeutung aufgeladenen, Dingen. Vor und nach dieser symbolhaften Handlung im Kultus sind dieses Brot und dieser Wein jedoch ganz gewöhnliches Brot bzw. Wein, eine Transsubstantiation in den realen Leib bzw. Blut Christi fand nicht statt, hier irrt die röm.-kath. Kirche gewaltig (letztlich macht sie den Priester zum Zauberer, und Gott durch magische Handlungen verfügbar).

Die Problematik einer pauschalen Gleichsetzung von Typen oder Symbolen mit einem einzigen Deutungsinhalt soll anhand des Gleichnisses von den zehn Jungfrauen in Matthäus 25,1–13 aufgezeigt werden. Dabei wird folgende These verfolgt: Die verbreitete Gleichsetzung des Öls mit dem Heiligen Geist ist beim Gleichnis der zehn Jungfrauen (Matthäus 25,1–13) bibeltheologisch nicht haltbar, da das alttestamentliche und frühjüdische Bildfeld von »Öl« keine einheitliche pneumatologische Bedeutung (auf den Heiligen Geist) kennt und die Bildlogik des Gleichnisses zentrale Eigenschaften des Heiligen Geistes konterkariert (dem entgegensteht, widerspricht). Dazu folgende Überlegungen.

1. Hermeneutischer Ausgangspunkt: Symbole sind kontextabhängig

Biblische Symbole sind polysem, d. h. sie tragen je nach literarischem und situativem Kontext unterschiedliche Bedeutungen. Eine pauschale Fixierung eines Symbols auf einen einzigen theologischen Sachverhalt ist methodisch unzulässig, wenn der Kanon der Heiligen Schrift stabil eine Bedeutungsvielfalt belegt.

Wer also »Öl« grundsätzlich und ausschließlich als Geist-Symbol liest, setzt eine theologische Vorentscheidung (»Brille«) an die Stelle genauer Textbeobachtung. Pointiert gesagt betreibt er Eisegese (»Hineinlegung«) anstelle von Exegese (»Auslegung«).

Wir müssen bei der Auslegung von Symbolen (wie auch der gesamten Schrift) stets den speziellen Kontext der betrachteten Stelle beachten. Daraus folgt: Eine Aussage, dass »Öl« hier oder da als Hinweis auf den Heiligen Geist zu verstehen sei, ist hilfreich und kann zum Bedeutungsspektrum dieses Symbols beitragen, klärt aber mitnichten, was »Öl« an einer anderen Stelle konkret bedeuten mag. (Dies gilt ebenfalls für die beliebten »Wortstudien«, die zwar das Bedeutungsspektrum eines Begriffs aufzeigen können, aber nie die Bedeutung an einer konkreten Stelle abschließend klären.) Das aber ist die spannende Frage, wenn man eine Stelle bzw. eine Perikope wie Matthäus 25,1–13 auslegen will.

2. Alttestamentlicher Befund: Öl ist nicht exklusiv ein Symbol des Geistes Gottes

Im Alten Testament erscheint Öl in mehreren stabilen Bedeutungsfeldern, die keinen direkten Bezug zum Heiligen Geist haben, z.B.:

  • Alltags- und Wirtschaftsgut:
    1Könige 17,12–16 (Öl als lebensnotwendige Ressource in der Hungersnot); 
    Hosea 12,2; Hesekiel 27,17 (Handelsware).
  • Gesundheitspflege, Medizin:
    Amos 6,6; Ruth 3,3; Prediger 9,8, Matthäus 6,17 (Körperpflege);
    Jakobus 5,14 (Medizinische Anwendung; aleiphō statt )
  • Metapher für Wohlstand und Freude:
    Psalm 23,5; 5Mose 8,8.
  • Verderbliches Qualitätsprodukt:
    Prediger 10,1 (Öl des Salbenmischers wird durch Fliegen verdorben).
  • Objekt von Gericht und Mangel:
    Joel 1,10 (Öl versiegt im Gericht).

Schlussfolgerung:
Das alttestamentliche Bildfeld widerlegt jede ontologische Gleichsetzung von Öl und Geist [1]. Am ehesten wird sich die Deutung bei kultischen Zusammenhängen (d.i. betreffs des Gottesdienstes) auf Anwesenheit der Personen der Gottheit richten. So kann man Öl in der kultischen Verwendung als Hinweis auf den Heiligen Geist deuten, siehe 2Mose 27,20 und 3Mose 24,2 (Öl als Brennstoff für den Leuchter im Heiligtum, einzige Lichtquelle für den Dienst im Heiligtum über die Öllampen der Menorah). In Matthäus 25,1–13 dient das Öl als Brennstoff für die »Lampen« (λαμπάδες) der feierlichen nächtlichen Prozession.

Das Problem liegt nicht im Gleichnis, sondern eher in der nachträglichen allegorischen Fixierung des Öls auf die Person des Heiligen Geistes.

3. Salbungstexte: funktionale Nähe, aber keine Identität mit dem Heiligen Geist

In Texten wie 1Samuel 16,13 oder Jesaja 61,1 steht Öl im Kontext von Salbung zur Beauftragung, während zugleich der Geist Gottes als ermächtigende Gegenwart genannt wird. Hier besteht eine theologische Korrelation, aber keine bildinterne Gleichsetzung. Das Öl bzw. dessen rituelle Verwendung wird zum Zeichen göttlicher Beauftragung, mithin wird im Öl die wirksame (autorisierende) göttliche Gegenwart angedeutet.

Trotzdem müssen wir auch hier genau hinschauen. Aus dem Zusammenlaufen von Salbung mit Öl und Hinweis auf göttliche Autorisierung bei diesen Berufungsstellen folgt nicht für alle »Öl-Stellen«, dass »Öl« stets als »der Heilige Geist« zu lesen wäre. Auch hier hilft es, den Kontext zu beachten.

4. Bildlogik kontra Geistlehre Jesu in den Evangelien

Die Handhabung des Öls im Gleichnis von den Zehn Jungfrauen (Vorrat anlegen, verbrauchen, nachkaufen, nicht teilen) steht in –m.E. unüberwindbarem– strukturellem Gegensatz zur neutestamentlichen Lehre vom Heiligen Geist (Pneumatologie). In ähnlicher Zeit im Leben Jesu (Abschiedszeit) redet der Sohn Gottes ausführlich im »Obersaal« mit seinen Jüngern. Dort können wir beobachten, wie Jesus über diese göttliche Person redet (Johannes 14–16). Wir lernen: Der Geist Gottes ist nicht disponibel, nicht käuflich, nicht verwaltbarer Besitz. Er ist keine Sache, sondern eine göttliche Person mit göttlicher Souveränität, damit jeder menschlichen Verfügungsgewalt enthoben, nicht teilbar oder mitteilbar. Er ist auch nicht messbar oder abmessbar. Im Gleichnis wird das Öl jedoch als ökonomisch disponibel behandelt, und zwar durchgehend.  Der Geist Gottes ist aber Beziehungswirklichkeit, nicht menschlich disponierbarer Vorrat.

Man könnte diesen Einwurf evtl. mit Verweis auf die Beschränktheit der Bildebene des Gleichnisses zurückweisen. Und in der Tat: Gleichnisse arbeiten mit Bildern des Alltags, nicht mit systematischer Theologie. Man darf daher keine vollständige Entsprechung zwischen Bildbereich und Sachbereich erwarten. Genauso gilt aber auch, dass eine mangelnde Entsprechung der Rede die Gleichnishaftigkeit und sogar die Verständlichkeit raubt. Der Bildbereich darf den Sachbereich nicht in zentralen Zügen konterkarieren. Dass dies hier strukturell geschieht, deutet folgende Tabelle an:

Unproblematische BildabweichungProblematische Bildabweichung
Öl = Geist, obwohl der Heilige Geist keine Flüssigkeit ist (vgl.: Wind, Feuer u.a.)Öl = käuflich / disponibel, Geist = Gabe Gottes
Lampe = Glaube (metaphorisch)Öl-Vorrat zur Disposition des Menschen vs. Geist als personale Gegenwart Gottes
Licht braucht EnergieGeist ist nicht »Energie-Reservoir«

Man versucht das offensichtliche Nichtpassen zwischen Bild und Sache damit zu verteidigen, dass man die nicht passenden »Details« im Gleichnis zur »Nebensache« erklärt und damit ausblendet. Meist fehlt dabei aber die exegetische Berechtigung für dieses Werten, häufig offenbart es Zirkelschlüsse (man versucht, etwas zu beweisen, und setzt beim Beweis das zu Beweisende bereits voraus; das beweist aber gar nichts).

Besser ist es, wenn wir darüber nachdenken, dass eine Gleichsetzung des Öls mit dem Heiligen Geist (nebst der mangelnden Kohärenz der Bildzuordnung im Gleichnis) vor allem eine theologische Inkohärenz zwischen Gleichnislogik und Jesu Geistverständnis (und wie er über Ihn redet, s. Johannes 14–16 u.a.) erzeugt. Das ist kein leicht zu nehmender Einwurf.

5. Kontext von Mt 24–25: Öl als Hinweis auf das Vermögen zum Ausharren

Vielleicht der offenbarste und klarste Hinweis auf den Kreis, innerhalb dessen wir den Sinn dieses Gleichnisses zu suchen haben, ist der Kontext. Das Gleichnis der Zehn Jungfrauen steht in einer Kette von vier Gleichnissen der Endzeitrede, die das »Warte«-Motiv behandeln. Die gesamte »Endzeitrede« Jesu antwortet auf die Frage der Jünger: »Sage uns, wann wird das sein, und was ist das Zeichen deiner Ankunft und der Vollendung des Zeitalters?« (Matthäus 24,3). Sie beziehen sich dabei auf die frappierende Aussage Jesu Christi über den Herodianischen Tempel, der seinerzeit ein bestauntes Weltwunder war: »Wahrlich, ich sage euch: Hier wird nicht ein Stein auf dem anderen gelassen werden, der nicht abgebrochen werden wird.« (Matthäus 24,2).

Erstaunlicherweise beantwortet Jesus diese Frage nicht mit Angabe eines Kalenderzeitpunkts oder eines kalendarisch verortbaren Ablaufs. Er stellt zwar sicher, dass die Geschichte einem sicheren Zielpunkt (Kulmination, Gerichtstag u.a.) zuläuft, also definitiv ein Ende hat, aber er redet dann nicht über Zeiten und Zeitpunkte, sondern über die innere Haltung derer, die von solchem Ende wissen. Der Herr sagt mehrfach, dass Warten und Ausharren notwendig sein wird. Es wird also bis zu jenem Zeitpunkt eine längere Zeit dauern, als allgemein gewünscht und erwartet. 

Jesu Antwort verschiebt den Schwerpunkt der Frage der Jünger (nach Zeichen (σημεῖον), Zeitpunkt (πότε) und endzeitliche Vollendung (συντέλεια τοῦ αἰῶνος) auf die Schwerpunkte: keine Datierung (24,36), Warnung vor Scheinsicherheit (24,4–5; 24,23–26), richtige Einstellung in der Wartezeit (24,42–51; 25,1–30) sowie eine Gerichtsperspektive (25,31–46). Er erklärt also weder »Zeiten und Zeitpunkte«, also einen zeitlichen Ablauf, sondern ermahnt die Jünger mit einem: »So sollt ihr leben, solange die Wiederkunft mit Bräutigam und Reich sich verzögert!«. Dieses ethische Motiv der Treue hatte der Herr Jesus bereits mehrfach angeschnitten und wird es weiter betonen:

  • »Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden.« (Matthäus 24,13)
  • »Wer ist der treue und kluge Knecht?« (Matthäus 24,45)
  • »Du treuer Knecht … über Wenigem treu.« (Matthäus 25,21)

Im Kontext der »Endzeitrede« (Matthäus 24,3.13.42–51) fungiert das Öl also eher als narrativer Ausdruck für eine die über Zeit gewachsene, nicht delegierbare oder kaufbare Bereitschaft und Treue der Jüngerschaft in der Verzögerung der Wiederkunft Christi (Parousie). Das Öl steht also funktional für das, was treues Ausharren tragfähig macht – nicht für den Heiligen Geist selbst.

Nochmals, in einem Satz: Das Öl ist nicht der Heilige Geist, sondern das, was der Heilige Geist im Leben eines Menschen für den Bräutigam hervorbringen mag – und was man nicht in letzter Minute ersetzen kann.

Wir weiten nun unseren Blick von der Deutung des Öls zur generellen Methodik der Exegese dieser Perikope, die hier wohl zu wenig beachtet wird.

6. Nichtbeachtung des Genres

Gleichnisse im NT (auch bei Matthäus) sind funktionale Erzählungen mit einer Leitabsicht, einer Hauptaussage (selten mit mehreren Hauptgedanken). Sie sind keine System-Allegorien, in denen jedes Detail 1:1 theologisch «aufgelöst«/»gedeutet« werden dürfte oder gar müsste. Jemand hat festgestellt, dass man mit Allegorisieren jeden gewünschten Sachverhalt aus fast jedem beliebigen Text »ableiten« könne. Erfunden wurde diese Deutungsmethode von den Griechen, um als unangenehm empfundene Aussagen in ihren alten Schriften umdeuten zu können. Die Juden in Alexandria übernahmen diese Allegorisierungsmethode von den Griechen mit gleicher Absicht (die Patriarchengeschichte enthält vieles als peinlich und grob Empfundene). Die Christen taten es dann den Juden nach… 

Hier haben wir jedenfalls ein Gleichnis vorliegen: »Dann wird das Reich der Himmel zehn Jungfrauen gleich werden…« (25,1). Ein Gleichnis hat meist nur einen Leitgedanken, einen oft frappierenden Gedanken. Dieser Leitgedanke wird hier ausdrücklich im letzten Satz genannt: »Darum wacht!« (Matthäus25,13). Das ist die Lehre und Redeabsicht dieses Gleichnisses. Es geht also rhetorisch und gattungstheoretisch nicht um Ekklesiologie, sondern um Ermahnung. Das Gleichnis beantwortet nicht das «Wann?« des Kommens des Bräutigams, sondern das »Wie lebt man bis dahin?«.

Die Figuren und Handlungen im Bildbereich »außenherum« dienen der Fokussierung auf Wachsamkeit, nicht aber dem Allegorisieren, mithin auch nicht der Identifikation der Kirche als Braut (von der ja gar nicht die Rede ist!). Also: Ein Allegorisieren eines Gleichnisses ist ein grundsätzlicher Missgriff bei der Auslegung.

7. Gleichnisse bedürfen zum Verständnis Kenntnis des historischen Kontextes

Im antiken jüdischen Hochzeitsritus warteten Brautjungfern (παρθένοι) mit Lampen auf den Bräutigam, um ihn in den nächtlichen Zug zu begleiten, oder sie begleiteten die Braut ins neue, vorbereitete Heim. Alfred Edersheim (The Life and Time of Jesus The Messiah, Grand Rapids, MI (USA): Eerdmans, 1971, Buch V, S. 455ff) deutet darauf hin, dass es insofern eine ungewöhnliche Hochzeit war, als der Bräutigam von weit her (also nicht aus dem gleichen Dorf) kam und irgendwann eintreffend zum Haus der Braut ging. Die Brautjungfern sollten ihn vor dem Dorf begegnen und dann zum Haus der Braut begleiten. Sie warteten natürlich im Dorf, nicht auf der Landstraße draußen, auf die Kunde, dass der Bräutigam sich dem Dorfe nähere. Dass dies geschehen sollte(in selber Nacht) war wohl bekannt, aber die Stunde des Eintreffen nicht. Das Setting ist aus der Erlebniswelt der Jünger ist jedoch plausibel und für Jesu Hörer sofort verständlich. Für uns ist erst einmal eine kulturelle Distanz zu überwinden, da wir anders Hochzeit begehen (siehe Anhang 2 unten).

Die Hauptfigur des Gleichnisses ist erstaunlicherweise nicht die Braut, sondern die unterschiedlich vorbereiteten Wartenden, weil das Gleichnis den Wartezustand der (jüdischen) Jüngerschaft bis zur Wiederkehr (»Ankunft«) des Messias Jesus Christus dramatisiert und die unterschiedlich bereiten Gruppen benennen will. Dies wäre bei der Einzelperson der Braut nicht möglich. Daraus kann man schließen, dass die Wahl der Figuren der Pragmatik der Erzählwelt und der beabsichtigten Lektion (Lehraussage und vor allem die paränetische Ermahnung) folgt, nicht primär einer ekklesiologischen Typologie oder einer bestimmten vorgefassten Eschatologie.

8. Näherer Kontext: Die Endzeitrede

In Matthäus 24–25 richtet Jesus die Endzeitrede an die Jünger. Die Abfolge der Gleichnisse (treuer Knecht, zehn Jungfrauen, anvertraute Talente) fokussiert auf das Verhalten der Wartenden mit Blick auf das unbekannte Ende des Wartens:

  • Matthäus 24,45–51: Treue im Dienst
  • Matthäus 25,1–13: Wachsamkeit im Warten
  • Matthäus 25,14–30: Verantwortung im Umgang mit anvertrauten Gütern

Die Jungfrauen sind im Gleichnis die Wartenden. Wer von ihnen wegen mangelnder Vorsorge nicht genügend Öl hatte, konnte an der Prozession nicht teilnehmen, er verpasst sie. Aber er wird auch von der Hochzeitsfeier selbst ausgeschlossen mit scharfer Ablehnung durch den Bräutigam. Es gibt also am Ende ein Drinnen und ein Draußen für die Eingeladenen: die einen feiern mit, die anderen sind ausgeschlossen. Die Anfrage des Gleichnisses ist also: Wo stehst Du? Das hält die Perspektive konsequent paränetisch (ermahnend). Insofern ist diese Ermahnung übertragbar auf andere Wartesituationen ähnlicher Art. Hier verorten sich dann Übertragungen auf die Gemeinde, die allerdings nicht auf die Zweite Erscheinung Christi als nächstes wartet, sondern auf die Entrückung.

Fazit

Die pauschale Deutung »Öl = Heiliger Geist« ist:

  • bibeltheologisch ungesichert (AT-Befund),
  • bildlogisch inkohärent (Verfügbarkeit des Öls),
  • kontextuell unnötig (die Pointe des Gleichnisses erschließt sich ohne diese Fixierung).

Eine textnahe Deutung versteht das Öl als Symbol für gelebte, über Zeit aufgebaute Bereitschaft und Treue, die die Verzögerung bis zur Erscheinung des Herrn Jesus Christus trägt. Unbenommen bleibt bei dieser Deutung, dass der Heilige Geist ganz sicher diese Bereitschaft des Ausharrens bewirkt und ermöglicht, ohne dass man seine hochgelobte Person deswegen sklavisch vereinfacht in der ganzen Bibel mit dem Symbol gleichsetzen muss.

Vom Grundsatz ausgehend, dass Jesus mit Gleichnissen nicht jede Einzelkomponente allegorisch verstanden haben will, wird dann eine Auslegung nahegelegt, bei der nicht Einzelkomponenten im Bildbereich, sondern der Gesamtgedanke von Wachsamkeit und Beziehung hervorgehoben wird (siehe Gleichnisfazit im letzten Satz durch Christus selbst!).

Anhang 1: Weitere problematische Herangehensweisen

1. Gleichsetzung von Israel mit der christlichen Gemeinde

Die Dogmengeschichte der Christenheit zeigt, dass leider nach wenigen Jahrhunderten bereits die Auffassung Gewicht gewann und viele Kirchenlehrer kennzeichnete, dass die christliche Kirche Israel als Volk Gottes völlig ersetzte habe. Damit wurden dann alle Segnungen, die Israel verheißen wurden, »geistlich« umgedeutet auf die christliche Kirche. Israel hätte damit keine Zukunft (wie biblisch verheißen) mehr, alles ginge in der Gemeinde auf. (Wir vertreten diese Ersatz-Theologie nicht, auch keine Bündnistheologie.)

Aber selbst bei solchen, die aufgrund gleichbleibender Hermeneutik zu anderer Schlussfolgerung geführt werden, werden Bibelstellen, die sich explizit auf Israel beziehen, oft unreflektiert auf die Gemeinde des Neuen Testaments gedeutet. Oftmals wird dies begleitet von der Frage: »Was bedeutet dieser Text jetzt praktisch für mich?« Diese Frage ist wichtig und unverzichtbar, aber sie kommt erst, wenn vorher die Auslegung geklärt wurde, also die Frage: »Was hat der Heilige Geist und der geführte Autor ausgesagt? Was war seine Absicht mit dem, was er schrieb?« Denn jede wahre (=göttlich gemeinte) praktische Anwendung (subjektiv) muss gegründet sein in wahrer Auslegung (was meint die Stelle objektiv), sonst ist sie reine Spekulation, die wahr oder falsch sein kann, jedenfalls aber keine Autorität besitzt. Der biblische Glauben muss stets sagen können: »Es steht geschrieben!«. Pointiert gesagt: »Die Bedeutung/Auslegung der Schrift ist die Schrift!«. Es sind ja nicht die Buchstaben und Wörter, sondern was damit tatsächlich ausgesagt wird, was unser Verständnis ermöglicht, unsere wiedergeborene Seele ergreift und unser erneuertes Herz zum Gehorsam führt.

Konkret: Wenn Jesus Christus etwas über den weiteren Lauf und die Vollendung des Volkes Israel (darauf zielt die Fragestellung der Jünger!) sagt, dürfen wir dies nicht sofort als auf die neutestamentliche Gemeinde Gemünztes deuten. Andererseits gilt: Da die Gemeinde und (das wahre) Israel eine gemeinsame Zukunft mit Ihrem Herrn und Retter haben, sind Berührungspunkte und Tangenten zweifelsfrei vorhanden. Das wird aber nicht hier angesprochen.

2. Überstülpen eines theologischen Systems

Da die »Endzeitrede« Jesu wesenseigen eschatologisch (endzeitlich) gezielt ist, kommt es zum Phänomen, dass das Gleichnis der Zehn Jungfrauen in eine vorher gefasste Eschatologie (Endzeit-Theorie) eingeordnet und dann vom übergeordneten Standpunkt aus systemkonform gedeutet wird. Dies kann man in allerlei Traditionen beobachten, auch bei den »Dispensationalisten«, von denen es allerdings viele unterschiedliche Richtungen gibt. Als Beispiel seien die »Plymouth Brethren« genannt, die in der Endzeitlehre durch die Lehren von J.N. Darby (1800–1880) stark geprägt wurden (Traditioneller Dispensationalismus). Die Ideen, die Darby damals vortrug, sind allerdings auf frühere Quellen zurückzuverfolgen, auch wenn Darby seine Quellen nie offenlegte, eher den Eindruck vermittelte, dass er das selbst (er/ge)funden habe. Der »Dispensationalismus«, den heute allgemein bekannt ist, geht jedoch auf den Amerikaner Cyrus I. Scofield (1843–1921) zurück, der mit der von ihm kommentierten Scofield-Bibel (erste Ausgabe Oxford Press um 1909, erste deutsche Ausgabe ermöglicht durch Gertrud Wasserzug) weite Kreise der Evangelikalen erreicht hat, vor allem in den USA.

Ein anderer Vertreter ist noch lebende Arnold Fruchtenbaum, ein messianischer Jude oder jüdischer Christ, der das Gleichnis in der Struktur des (viel später entstandenen) Dispensationalismus und des Wissens über den formalen Ablauf einer antiken jüdischen Hochzeit (wovon er nur aus frühestens mittelalterlichen rabbinischen Schriften weiß) abbildet. Hier regiert also nicht der Text, sondern das theologische System des Dispensationalismus. Fruchtenbaum weist mit Recht auf die frappierende Abwesenheit der Braut im Gleichnis hin und entlarvt die unbedachte Gleichsetzung »Brautjungfern=Braut« als ungültig (die christliche Gemeinde wird im NT als eine Braut repräsentiert, z. B. Epheser 5; Offenbarung 19; 21). Er schreibt: »The virgins represent neither the Church nor Israel in this parable, but simply serve to illustrate a point…« (»Die Jungfrauen stehen in diesem Gleichnis weder für die Kirche noch für Israel, sondern dienen lediglich der Veranschaulichung eines Punktes…«). Gemeinsam mit anderen Traditionalisten teilt Fruchtenbaum die Ansicht, dass das Gleichnis im kulturellen Kontext jüdischer Hochzeitsrituale steht. Anders als viele konfessionelle oder historisch-kritische Deutungen sieht er jedoch die Jungfrauen nicht als Symbol für die gesamte Gemeinde (»Braut Christi«) oder für alle Gläubigen allgemein, sondern als eine symbolisierte Gruppe innerhalb eines größeren Endzeit-Hochzeits-Schemas; das Öl ist dabei geistliches Bereitsein für den Bräutigam. Dies alles ist Teil seiner dispensationellen Endzeitlehre.

Für Fruchtenbaum löst sich das Problem der fehlenden Braut dadurch, dass er diese in den Himmel verortet, wo sie seit der »Entrückung« (1Thessalonicher 4) auf den Bräutigam wartet, der sie dann gemäß Matthäus 25 zusammen mit den Brautjungfrauen abholen wird. – Man kann das auch so deuten, dass dieses Gleichnis nichts über die Geschichte (Ontologie) der christlichen Gemeinde sagen will, sondern (funktional) etwas über das richtige, nämlich ausharrende, vorbereitete, Warten.

Man kann Fruchtenbaums Verständnis vlt. so zusammenfassen:

  • Die Braut (Gemeinde) ist im Himmel zur Zeit der Trübsal (Drangsal Jakobs),
  • Die Jungfrauen stehen in dieser Zeit auf der Erde und spielen eine begleitende Rolle. Nur diejenigen mit genügend »Öl« (Geist) sind zugelassen zum Hochzeitsfest (dem Hochzeitsmahl des Messias).

Damit knüpft er das Gleichnis nicht nur an die allgemeine Mahnung zur Wachsamkeit, sondern an einen bestimmten Abschnitt der Heilsgeschichte – nämlich die Phase zwischen Entrückung und Hochzeitsfest, wie sie in vielen dispensationalistischen Modellen beschrieben wird.

Für den biblischen Kontext wäre dann auf jeden Fall noch die Einordnung in die Aussagen von Offenbarung 18–22 angesagt: Verurteilung der Hure Babylon, Hochzeit des Lammes im Himmel (also im engen Rahmen), Wiederkehr Christi auf Erden in Kriegsrüstung, Vernichtung der Feinde, Endgericht der Toten, Friedensreich (Millennium) als öffentliche Festzeit von Braut und Bräutigam, Niederschlagung des letzten Aufruhrs, Hölle als ewige Endstation aller Feinde, neuer Himmel, neue Erde, Gott wohnt inmitten der Menschen. Diese Herangehensweise ist für uns, die wir das ganze NT vorliegen haben, durchaus gültig und angesagt (sog. »weiter Kontext«; analogia fidei). Aber es muss uns klar sein, dass die Jünger in situ das noch nicht so verstehen konnten und auch nicht so verstanden haben (siehe Apostelgeschichte 1,6, also vorpfingstlich!).

Im Gegensatz zum systemkonformen Auslegungsansatz wäre der textkonforme Auslegungsansatz, also mit genauer und exklusiver(?) Beachtung des Kontextes, richtiger und sicherer. Über den Ablauf der Geschichte Israels haben einige Propheten des Alten Testaments geredet, am ausführlichsten und konkretesten sicher der Prophet Daniel. Unter Beachtung dieser Vorgaben ordnen manche die Geschehnisse des Gleichnisses der Zehn Jungfrauen in die letzte Danielswoche, die »Große Trübsal« (s. Matthäus 24,21.29), in der die gläubigen Menschen auf ihre Erlösung durch den Bräutigam harren, ein. Auch dort ist das »Ausharren/Warten«-Motiv entscheidend wichtig.

3. Folgen einer kirchlichen Lehrautorität

Wer auf die Autorität der Kirche als Auslegungsnormgeber vertraut, wird auch hier irre: Tomas von Aquin (Catena aurea) sagt, dass unterschiedliche Kirchenväter das Öl als gute Werke, Nächstenliebe oder auch als das Wort der Lehre verstanden haben: Hilarius von Poitiers setzt: »Öl = gute Werke; Chrysostomos: »Öl = Nächstenliebe« und Origenes: »Öl = Wort der Lehre«. Man könnte aus dieser Streubreite schließen, dass sie es nicht begriffen hatten. Aber diese Vielfalt war früher kein Problem, in der antiken und frühmittelalterlichen Exegese wurden Bilder häufig mehrdeutig gelesen, ohne dies als störend zu empfinden. Vielleicht hat diese Kirchenväter der Kontext nicht wirklich interessiert. 

Neuzeitlich folgen auch die Mormonen (Latter-Day-Saints) und die Adventisten der Deutung, dass das Öl der Heilige Geist oder Gottes Wort sei. Hier ein unvollständiger Überblick (Tabelle).

InterpretationSchlüsselargumentHauptvertreter
Öl = Heiliger Geist / geistliche FülleÖl als Licht/Salböl → Präsenz Gottes/GeistEvangelikale Kommentare, ERF, Adventisten
Öl = Glauben/Früchte des GlaubensÖl als Ausdruck von Treue/FruchtGotQuestions, Latter-day Saints
Öl = Gute Werke / Nächstenliebe / WortPatristische Vielfalt historischKirchenväter (Hilarius, Chrysostomos, Origenes
Öl = Allgemeine spirituelle Bereitschaft, nicht nur Heiliger GeistKritik an enger Allegorieneuere hermeneutische Beiträge

Anhang 2: Die Etappen einer antiken jüdischen Hochzeit

Weil heute oft der Zugang zu der antiken Tradition des jüdischen Volkes erschwert ist, sei hier kurz geschildert, wie man heute meint, wie eine antike jüdische Hochzeit ablief.

Kurz gesagt: eine Hochzeit war kein kurzer »Schritt zum Traualtar« oder ins »Standesamt«, sondern ein festlicher Prozess mit Warten, Rufen, Prozession, Verheiratung im Familienkreis und einem großem Hochzeitsmahl über sieben Tage. 

Phase 1: Verlobung (Erusin / Kidduschin)

  • Die Verlobung war formal und rechtlich bindend, vergleichbar mit einem Ehevertrag. Diese Verlobung war nur durch formale Scheidung zu lösen. Der Ehevertrag (Ketubah) wurde häufig schon vor den übrigen Feierlichkeiten unterschrieben.
  • Während dieser Verlobungszeit galt die Braut als rechtlich »angetraut«, lebte aber weiterhin im Elternhaus, bis der Bräutigam kam, um sie zu holen. Sie wusste ungefähr, aber nicht genau, wann der Bräutigam kommt. Es gab keinen Geschlechtsverkehr, vielmehr war dieser mit strenger Strafe und ggf. Auflösung der Verlobung bedroht.

Biblischer Bezug: »…nur der Vater kennt die Stunde« (Matthäus 24,36), weil die Entscheidung über das Hochzeitsdatum in dieser Phase beim Vater des Bräutigams lag. 

Phase 2: Warten auf den Bräutigam

Hier betreten wir den Hintergrund, den Jesus im Gleichnis nutzt:

  • Der Bräutigam bereitet ein Haus bzw. einen Raum für seine Braut vor. Das kostete einige Zeit und Aufwand. Diese Phase konnte bis zu einem Jahr dauern – also eine echte Wartezeit. 
  • Die Braut und ihr Gefolge bereiten sich auf den nächtlichen Festauszug am Ende der Verlobungszeit vor: Lampen, Kleidung usw. waren rituell/zeremoniell notwendig. Es war damals üblich, für diese Prozession 10 Lampen samt deren Trägerinnen zu verwenden (Edersheim, S. 455). Die Anzahl von zehn war in vielen Bereichen die Mindestzahl, die bei jedem Amtsakt, Segnung oder Zeremonie anwesend sein musste.
  • Die Lampen waren wohl eher Fackeln, die aus einem Ölbrenngefäß mit Docht/Gewebe und einer Stange bestanden, an der das Lampengefäß (Beth Shiqqua; Mischna Kelim 2,8) hochgehoben wurde.
  • Die genaue Ankunft des Bräutigams war zeitlich unsicher – er konnte erst spät am Abend oder mitten in der Nacht erscheinen. 

Diese Ungewissheit erklärt den zentralen Bezug des Gleichnisses: Die Jungfrauen des feierlichen Gefolges mussten ständig mit ihren Lampen bereit sein, weil sie nicht wissen genau konnten, wann der Bräutigam kam. Er kam wohl aus größerer Entfernung angereist. Die Lampen waren selbstverständlich in dieser Wartezeit noch nicht entzündet.

Phase 3: Prozession und Hochzeitsfeier im Familienkreis

Wenn der Bräutigam kam:

  • Rief man seine Ankunft aus, oft mit einem Schofar-Signal oder Rufen. Es war Brauch, dies im Dunkel  der Nacht durchzuführen. Eine Begrüßungsprozession kam ihm entgegen.
  • Man zündete nun die Lampen an und schmückte sie. Es folgte eine Prozession mit Fackeln oder Lampen durch die Straßen, mit Musik und Gesang, die letztlich zum Festort, meist zur Wohnung der Braut, führte. Personen ohne genügend Öl/Fackeln galten als  nicht vorbereitet, und somit als zeremoniell unpassend und daher ausgeschlossen für die Prozession.
  • Danach ging die Prozession zum Haus der Braut (Abholung) und dann mit der Braut zur vorbereiteten neuen Heimstätte für das bald verheiratete Paar, meist in das Haus des Bräutigams oder dessen Eltern.
  • Erst nach dem Eintreffen von Bräutigam und Braut in der neuen Heimstätte begannen die formalen Hochzeitsfeierlichkeiten inklusive Festmahl (Seudat Nissuin) im engeren Rahmen der Familien. 

Phase 4: Öffentliche Präsentation des Brautpaares und anschließende Großfeier

Nach der Zeit der familieninternen Hochzeitsfeier im Haus und Vollzug der Ehe präsentierte sich das Ehepaar feierlich der Öffentlichkeit, vor allem einer meist großen Schar von Geladenen, und feierte mit diesen mehrere Tage lang (vgl. dazu Matthäus 22,1–24; Johannes 2,1–11).

Von dieser Phase ist im Gleichnis nicht die Rede, da in dieser Phase die Zeit des Wartens vorüber ist.

Hier nochmals die im Gleichnis verwendeten Parallelen zur jüdischen Hochzeit:

  • Unbekannter Zeitpunkt: Das Kommen (Parousie) wird angekündigt, aber nicht datiert.
  • Warten mit Lampen: Zeit der Wachsamkeit.
  • Prozession und Feier:  Endgültige Gemeinschaft mit dem Bräutigam (Christus).
  • Nicht Eingelassene, Unvorbereitete:  Warnung vor mangelnder Bereitschaft.

Kernpunkte für das Verständnis

ElementBedeutung im BildbereichBedeutung im Gleichnis
Verlobung / ErusinBindende Vorphase mit WartestatusErwartungshaltung
Warten mit LampenNächtliche Phase der Erwartung; alle schlafen: es dauerte wohl sehr langSymbol für stetige Bereitschaft, zumindest beim Erwachen
Ankunft des BräutigamsBeginn der ProzessionEschatologische Parallele
Prozession & FestÖffentliche Darstellung der Ehe/HochzeitsfeierGemeinschaft mit Bräutigam Christus
Ölmangelunvorbereitet und damit ungeeignet zur TeilnahmeWarnung für die Jünger

Anhang 3: Rabbinische Texte für Hintergrund von Matthäus 25

Einige rabbinische Schriften reden von den Dingen, die Hintergrund des Gleichnisses sind. Die Redaktionszeitpunkte werden mit angegeben, um zeigen, dass diese Schriften um Jahrhunderte nach Christus liegen, also deutend mit Vorsicht zu genießen sind.

  • bShabbat 153a (Babylonischer Talmud, Traktat Schabbat; ca. 5.–6. Jhdt. nChr): Gleichnis vom König, der seine Knechte zum Mahl lädt – ohne Zeitangabe. Es zeigt: „Warten + unbestimmter Zeitpunkt + Vorbereitung“ ist ein sehr jüdisches, ermahnendes Standardmuster (nicht erst christliche Allegorese).
  • Ketubot 7b–8a (Babylonischer Talmud, Hochzeitssegen, Feststruktur; 5.–6. Jhdt. nChr): Hochzeitssegen / Festfreude / mehrtägige Feier
    Für den Ablauf der Hochzeit (Akteure, Feststruktur) ist Ketubot zentral: Dort sind die später so genannten Sheva Berakhot (sieben Segenssprüche) im Zusammenhang von Hochzeit/Feier belegt. Das stützt die Aussage, dass eine Hochzeit kein »kurzer standesamtlicher Moment«, sondern ein Festkomplex ist mit Riten, Struktur und mehrtägigem Festmahl.
  • Jerusalem Talmud Ketubot 1:1 (ca. 350–425 nChr): »Sieben Tage« Festzeit (alte Tradition)
    Der Jerusalemer Talmud führt die »sieben Tage« von Hochzeitsfeiern auf alte Stiftungstradition zurück (»Moses … sieben Tage der Festfreude«).
  • Mishnah Berakhot 2:5 (Mischna-Redaktion: ca. 200 nChr von Rabbi Jehuda ha-Nasi): Bräutigam als zentraler Akteur (rechtlicher/ritualer Status)
    Die Mischna kennt Sonderregelungen für den Bräutigam (z. B. Befreiung von der Schema-Rezitation in der Hochzeitsnacht/den ersten Tagen). Das zeigt, wie stark Hochzeit als sozialer Ausnahmezustand (Pflichten, Ablenkung, Festbetrieb) wahrgenommen wurde. 
  • Ketubot 17a (5.–6. Jhdt. nChr): Hochzeitsprozession als öffentlicher Vorgang
    Ketubot 17a spricht u. a. davon, dass man für »den Einzug der Braut«  (nicht: Bräutigam!) sogar das Thora-Studium unterbricht und dass Hochzeits- und Trauerzug auf der Straße kollidieren können (Prioritätsregeln). Das setzt sehr konkrete Prozessionspraxis voraus

Achtung:  Da viele rabbinische Texte redaktionell deutlich später als Jesus Christus liegen, ist methodisch zu beachten, dass man sie am besten nicht als 1:1-Protokoll eines galiläischen Hochzeitsabends nutzt, sondern als Beleg dafür, welche Motive/Topoi im Judentum als plausibel und didaktisch wirksam galten. Vermutlich weisen sie aber auf Traditionen zurück, die wesentlich älter sind. Priorität in der Auslegung hat der Bibeltext samt seinem Kontext.

Endenoten

[1] Ontologische Gleichsetzung bedeutet, dass zwei Dinge nicht nur als ähnlich oder gleichwertig betrachtet werden, sondern als im Sein identisch oder wesensgleich verstanden. Es geht also nicht um eine bloß sprachliche, funktionale oder metaphorische Gleichsetzung, sondern um eine Aussage darüber, was etwas wirklich ist.