Ursache und Wirkung– Kleiner Exkurs für gründliches Denken in der Heilslehre

1    Was bezeichnet man als „Ursache“, was als „Wirkung“?

Zuerst ein paar grundlegende Begriffe und ein Überblick über deren semantische Entwicklung.

1. Begriffe: „Ursache“ und „Wirkung“ sind korrelative Begriffe, die zwei unterscheidbare, aber miteinander verbundene Phasen (vorher, nachher) der erlebten Realität in einer Zeitreihe bezeichnen, sodass immer dann, wenn das zeitlich Vorhergehende („Ursache“) aufhört zu existieren, das zeitlich Nachfolgende („Wirkung“) erscheint.

2. Die Vorsokratiker verwendeten den Begriff „Arche“ (gr. archē = Ursprung, Anfang, Grundprinzip, erstes Element), um etwas zu bezeichnen, das vor und zusammen mit anderen Dingen existiert und ohne das andere Dinge nicht existieren würden. Es ist also das Urprinzip, aus dem alles entsteht und durch das alles erklärt werden kann. Für Thales von Milet war es das Wasser, für Anaximenes die Luft, für Heraklit das Feuer, der Wandel. Platon hingegen verwendete „Arche“, um einen Grund zu bezeichnen, warum ein Ding seine wesentlichen Eigenschaften hat, sodass wir es mit einem bestimmten Namen bezeichnen.

3. Aristoteles unterscheidet vier Ursachen (gr. aitía), um zu erklären, warum etwas so ist, wie es ist. Die Frage geht also nach den Ursachen, Gründen oder Prinzipien zur Erklärung einer Sache. Diese lauten (Beispiele folgen weiter unten): 

  • Materialursache/Stoffursache (causa materialis): das, woraus etwas entsteht, geformt oder hervorgebracht wird. 
  • Formursache (causa formalis): das Wesen, das die Natur der Sache ausmacht, die qualitativen Eigenschaften, die sie zu dem machen, was sie ist, sie von anderen Dingen unterscheiden und sie ähnlichen Dingen ähnlich machen. 
  • (Wirkursache oder effiziente Ursache (causa efficiens): der produktive Wirkstoff oder die Kraft, die eine Wirkung hervorbringt. 
  • Zweckursache oder Endursache (causa finalis): der Zweck oder das Ziel einer Sache, um dessentwillen sie bestimmte Eigenschaften besitzt oder von einer Intelligenz hervorgebracht wurde.

Die mittelalterlichen Scholastiker verwendeten und modifizierten diese Prinzipien.

4. Mit dem Aufkommen der Naturwissenschaften in der Renaissance ersetzte „Substanz” die materielle Ursache, und die formale Ursache wurde beiseitegeschoben; „Ursache” wurde hauptsächlich als effiziente Ursache verstanden.

5. Hume, der davon ausging, dass jede Idee aus vorhergehenden Eindrücken oder Empfindungen kopiert wird, führte den Glauben an die „notwendige Verbindung” von Ursache und Wirkung auf die Wiederholung bestimmter Erfahrungen mit einheitlicher Abfolge (konstante Konjunktion) zurück, die im Wahrnehmenden eine gewohnheitsmäßige Erwartung, eine Gewohnheit der Antizipation hervorrufen, durch die der Geist gewohnheitsmäßig von der Wahrnehmung des Vorhergehenden zur Erwartung des Nachfolgenden übergeht.

6. Um die Wissenschaft vor dem Psychologismus Humes zu bewahren, postulierte Immanuel Kant das Prinzip der Kausalität als eine a priori notwendige Kategorie (Form) des Verstandes, die nicht von der Erfahrung abhängig ist, sondern diese konstituiert. Durch diese Form des Verstandes wird empirisches Wissen über die Natur möglich. 

7. J. S. Mill identifizierte die Regelmäßigkeit der Abfolge als das Wesen der Kausalität, wobei „Ursache” als Vorläufer oder das Zusammentreffen von Vorläufern definiert wird, auf die ein Ereignis unveränderlich und bedingungslos folgt.

8. J. H. Poincaré und P. Frank vertreten eine konventionalistische Sichtweise der Kausalität als Definition (oder regulativer Verfahrenskanon) eines Zustands eines Systems.

Einige Quellen dazu: Platon, Phaidon und Timaios; Aristoteles, Metaphysik; D. Hume, Abhandlung über die menschliche Natur, III, und Untersuchung über das menschliche Verständnis; I. Kant, Kritik der reinen Vernunft; J. S. Mill, System der Logik; P. Frank, Philosophy of Science: The Link Between Science and Philosophy (Englewood Cliffs, New Jersey, 1957); J. H. Poincaré, Science and Hypothesis, übers. v. W. J. G. (New York, 1952) und Science and Method, übers. v. F. Maitland (New York, 1952).

Die vier Ursachen nach Aristoteles

Aristoteles hat darüber nachgedacht, wie wir denken und argumentieren, und hat dazu die unserer Sprache und unserem Denken als Menschen eigenen Strukturen erforscht und beschrieben. Er nennt vier unterschiedliche Aspekte dessen, was wir als Ursache bezeichnen. Man muss diese Einteilung nicht übernehmen, sie mag zu wenige, zu viele Aspekte nennen oder teilweise neben der Realität liegen. Trotzdem war sie in zahllosen Diskussionen hilfreich und zeigt sich weiterhin als hilfreich. Man kann damit manchmal vermeiden, dass man aneinander vorbeiredet oder bei der Forschung nach Ursachen Bereiche vernachlässigt, die sich als wichtig erweisen.

Wir wollen hier nun zuerst die vier Ursachen nach Aristoteles anhand eines einfachen Beispiels darstellen und sie dann im nächsten Abschnitt auf ein zentrales Thema der biblischen Lehre (Dogmatik), der Heilslehre, anwenden.

Gegenstand: Ein Bildhauer erstellt eine Marmorstatue, die eine menschähnliche Gestalt darstellt. Jemand sieht sie und fragt nach der Ursache dieser Statue. Mit Hilfe der Einteilung von Aristoteles fragt er sich die folgenden vier Fragen über die Statue (Ding/Sache) und kommt so zu vier Aussagen über die Ursachen der Statue:

  • Stoffursache (causa materialis)
    Frage: Als welchem Stoff besteht das Ding?
    Antwort: Die Statue besteht aus Marmor. 
    Erkenntnis: Ohne dieses Material gäbe es die Statue nicht physisch greifbar.
    Erkenntnis aus dieser Frage: Der Stoff, aus dem etwas gemacht ist.
  • Formursache (causa formalis)
    Frage: Was ist die Gestalt/Struktur des Dings?
    Antwort: Die Statue hat die Form eines bestimmten Menschen oder Gottes. 
    Erkenntnis: Nicht der rohe Marmor, sondern die Gestalt macht sie zur Statue.
    Erkenntnis aus dieser Frage: Das „Was-sein“ oder die Form des Dings.
  • Wirkursache (causa efficiens)
    Frage: Wer oder was bewirkte die Entstehung?
    Antwort: Der Bildhauer Sowieso
    Erkenntnis: Der Bildhauer, der den Marmor bearbeitet, ist die Wirkursache.
    Erkenntnis aus dieser Frage: Der Auslöser oder Handelnde/Wirkende.
  • Zweckursache (causa finalis
    Frage: Wozu existiert das Ding?
    Antwort: Die Statue wurde vielleicht geschaffen, um einen Gott zu ehren, eine Person zu verewigen oder um einen Platz zu schmücken. 
    Erkenntnis: Ohne dieses Ziel wäre die Statue nie entstanden.
    Erkenntnis aus dieser Frage: Das Ziel oder der Zweck des Dings.

Tabellarische Übersicht (mit Beispiel)

UrsacheFrageBeispiel
StoffursacheWoraus?Marmor
FormursacheWas?Gestalt der Statue
WirkursacheWer?Bildhauer
ZweckursacheWozu?Verehrung / Schmuck

Die Ursachen der Errettung (biblisch-reformatorische Sicht)

Wir beantworten nun die Frage nach den Ursachen des ewigen Heils mit den Antworten, die die Heilige Schrift nach reformatorischer Auslegung liefert.

Dieses Vorgehen bedeutet nicht, dass wir dem biblischen Text eine griechisch-philosophische Zwangsmaske oder Schablone aufsetzen, sondern dass wir mit geschärftem Denken an dieses Wunderwerk herangehen und so den einen oder anderen Streitgedanken erkennen, analysieren und ggf. lösen können. Anders gesagt: Denken wird nicht falsch, nur weil es analytisch von einem Philosophen beschrieben wurde. Vermutlich hat Aristoteles nur entdeckt und beschrieben, was Gott in Sprache und Denken gelegt hat (Ähnliches kann man über Logik und Mathematik sagen). Dem Philosophen wird nicht erlaubt, den Inhalten des gedanklich Bewegten beizutragen.

1. Stoffursache (causa materialis)

Frage: Woraus besteht das, was gerettet wird?

Die Bibel lehrt, dass der Gegenstand (die „Materie“) der Errettung der Mensch selbst ist, so wie er im Sündenfall absolut erlösungsbedürftig geworden war, ein sündiger Mensch mit Leib und Seele, bereits als Sünder geboren, unaufhaltsam sündigend, unfähig, sich selbst zu erretten.

Antwort: Die Stoffursache der Errettung ist nicht etwas Gutes im Menschen, sondern der ganze Mensch als verlorener Sünder, an dem Gott handelt.

Schrifthinweis: „Da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer.“ (Römer 3,10)

Erkenntnis: Der Mensch ist das Objekt der Errettung, nicht deren Quelle.

2. Formursache (causa formalis)

Frage: Was macht die Errettung (strukturmäßig) zu dem, was sie ist?

Die Form der Errettung ist nach der Lehre der Heiligen Schrift und den Reformatoren (nur stichwortartig): die Rechtfertigung allein aus Glauben (Basis), also die dem Sünder zugerechnete Gerechtigkeit Christi (extern) sowie stets in Verbindung damit die Heiligung und Erneuerung (Lebendigkeitsprinzip). – Im Kontrast dazu: Die Errettung geschieht nicht durch eigene Werke, eigene Liebe, eigenen Glauben (als Leistung), sie kommt von außerhalb des Menschen (extra nos).

Antwort: Die formale Ursache der Rechtfertigung ist die zugerechnete Gerechtigkeit Christi (Imputation).

Schrifthinweis: „Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm.“ (2. Korinther 5,21)

Erkenntnis: Christi Gerechtigkeit wird juristisch auf das Konto des Glaubenden gebucht. (Der zitierte Bibelvers wird weiter unten noch näher untersucht.)

3. Wirkursache (causa efficiens)

Frage: Wer bewirkt die Errettung?

Hier ist die biblische Antwort eindeutig: Die alleinige Wirkursache der Errettung ist der dreieinige Gott: (1) Der Vatererwählt aus Gnade (Epheser 1,4–5); (2) Der Sohn erwirbt die Erlösung durch Kreuz und Auferstehung; (3) Der Heilige Geist wendet sie wirksam an (Wiedergeburt, Glaube).

Antwort: Die Wirkursache der ewigen Errettung ist allein der dreieinige Retter-Gott. Der Mensch ist nicht Mitursache, sondern Empfänger.

Schrifthinweis: „Also liegt es nun nicht an dem Wollenden noch an dem Laufenden, sondern an dem begnadigenden Gott.“ (Römer 9,16)

Erkenntnis: Gott allein handelt errettend (Monergismus).

4. Zweckursache (causa finalis)

Frage: Wozu geschieht die Errettung? Was ist ihr Ziel?

Das höchste Ziel der Errettung des Menschen ist die Verherrlichung Gottes: die Offenbarung seiner Liebe, Barmherzigkeit und Gnade und die Offenbarung seiner Gerechtigkeit und Heiligkeit sowie die Gemeinschaft mit seinem Volk. Gott wird von den erlösten Menschen ewig Anbetung bekommen.

Antwort: Das letztliche Ziel der Errettung ist das Lob und die Anbetung Gottes, weil er sich im Heilswerk herrlich als Retter-Gott präsentiert und beweist.

Schrifthinweis: „Zum Lob der Herrlichkeit seiner Gnade.“ (Epheser 1,6) – „Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge; ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen.“ (Römer 11,36).

Erkenntnis: Die Seligkeit des Menschen ist real und herrlich, aber nicht der letzte Zweck des Heilswerkes Gottes. Vielmehr geht es letztlich und exklusiv um Gottes Ehre (Soli Deo Gloria).

Tabellarische Übersicht:

UrsacheIn der Errettung
StoffursacheDer sündige Mensch
FormursacheDie zugerechnete Gerechtigkeit Christi
WirkursacheDer dreieinige Retter-Gott alleine
ZweckursacheDie Verherrlichung Gottes

Das Ergebnis dieses Nachdenkens

Die Anwendung der aristotelischen Ursachen zeigt:

  • Der Mensch trägt nichts bei, was Ursache seiner Errettung wäre.
  • Christus ist nicht nur Mittel, sondern Form der Errettung.
  • Gott ist Urheber, Vollender und Ziel der Errettung.

Die Reformatoren haben dies in den bekannten Exklusiv-Partikeln zusammengefasst: Nach der Grundlegung im sola scriptura (allein die Heilige Schrift) folgen aus der Schrift zwingend: Sola gratia – solus Christus – sola fide – soli Deo gloria (allein aus Gnaden – nur in Christus – nur aus Glauben – allein zur Ehre Gottes).

Irrtum und Wahrheit in der Heilslehre

Man kann die Unterschiede zwischen reformiert-monergistischer versus synergistischer Soteriologie anhand des selben Frageschemas nach den Ursachen des Heils systematisch darstellen. Die theologischen Bruchlinien treten tatsächlich entlang dieser vier Aspekte der Heilsursachen zutage (mit „synergistisch“ seien hier kurzgefasst v. a. die römisch-katholische, die arminianische und allgemein alle semi-pelagianischen Vorstellungen bezeichnet).

1. Stoffursache (causa materialis)

Reformiert (monergistisch)

  • Der Mensch ist geistlich tot (Eph 2,1)
  • Keine rettungsfähige Anlage im Menschen
  • Der Mensch ist passives Objekt der Errettung

 → Materia: der verlorene Sünder ohne rettende Disposition

Synergistisch

  • Der Mensch ist gefallen, aber nicht geistlich tot
  • Verfügt über:
    • freien Willen
    • mitwirkungsfähige Natur
    • Fähigkeit zur Kooperation mit der Gnade

 → Materia: der Sünder mit rettungsfähigem Potential

Kurzform: reformiert: Unfähigkeit ↔︎ synergistisch: geschwächte Fähigkeit

2. Formursache (causa formalis)

Reformiert

  • Zugerechnete Gerechtigkeit Christi allein
  • Rechtfertigung ist:
    • forensisch
    • vollständig
    • außerhalb des Menschen (extra nos)

Glaube ist Mittel, nicht Form.

 → Die Form der Rettung ist Christus für uns

Synergistisch

Je nach Modell:

  • eingegossene Gerechtigkeit (römisch-katholisch)
  • oder:
    • Glaube + Treue
    • Anfangsgnade + fortdauernde Mitwirkung
    • Rechtfertigung als Prozess

 → Die Form ist Christus + innere Erneuerung / Kooperation

Kurzform: reformiert: zugerechnet ↔︎ synergistisch: inhärent / kooperativ

3. Wirkursache (causa efficiens) – der zentrale Streitpunkt

Reformiert

  • Gott allein wirkt:
    • Erwählung
    • Wiedergeburt
    • Glaube
    • Bewahrung

Der Mensch wirkt nicht einmal den Glauben, sondern empfängt ihn.

 → Monergismus

Synergistisch

  • Gott gibt Gnade
  • Mensch:
    • nimmt sie an oder lehnt sie ab
    • kooperiert mit ihr
    • vollendet sie durch Gehorsam

Es gibt also zwei wirkende Ursachen: göttliche Gnade UND menschlicher Wille

 → Synergismus

Kurzform: reformiert: eine Wirkursache ↔︎ synergistisch: zwei Wirkursachen

4. Zweckursache (causa finalis)

Reformiert

  • Oberster Zweck: Gottes Ehre
  • Rettung offenbart:
    • souveräne Gnade
    • erwählende Liebe
    • göttliche Freiheit

Die Seligkeit des Menschen ist sekundär.

Synergistisch

  • Zweck verschiebt sich (oft implizit) zu:
    • menschlicher Entscheidung
    • Fairness
    • universaler Heilswille
    • Verantwortung des Menschen

Gottes Ehre bleibt, aber nicht exklusiv bestimmend.

Kurzform: reformiert: theozentrisch ↔︎ synergistisch: teilweise anthropozentrisch

Tabellarischer Gesamtvergleich

UrsacheReformiert (Monergismus)Synergistisch
StoffursacheGeistlich toter SünderGefallener, aber fähiger Sünder
FormursacheZugerechnete Gerechtigkeit ChristiChristus + innere Mitwirkung
WirkursacheGott alleinGott + Mensch
ZweckursacheGottes Ehre alleinGottes Ehre + menschliche Entscheidung

Tiefere theologische Pointe

Der entscheidende Unterschied ist nicht nur pastoral, sondern metaphysisch:

  • Monergismus bewahrt:
    • Gottes Alleinwirksamkeit
    • Gnade als wirklich unverdient
    • Gewissheit des Heils
  • Synergismus führt zwangsläufig zu:
    • teilweiser Selbstverursachung
    • kontingenter Erlösung
    • Verschiebung des Ruhms in Richtung Mensch

Oder zugespitzt: Wenn der Mensch der letzte Unterschied ist, dann ist die Gnade nicht mehr alleinige Ursache.

Die Heilige Schrift lehrt eindeutig das Zusammenhalten von göttlicher Souveränität und menschlicher Verantwortung

Wir müssen nun noch in Kürze darstellen, warum Christen seit der Reformation wieder trotz Beharren auf dem monergistischen Heilswirken Gottes auch die Verantwortung und die Mittel seitens der zu errettenden Menschen betonen. Hier haben wir eine zentral wichtige Frage, bei der oft Missverständnisse entstehen. Die biblische Theologie betont Gottes souveränes, monergistisches Handeln und zugleich die menschliche Verantwortung und die Verwendung realer Mittel – ohne dabei in Synergismus zu fallen. 

Der Schlüssel liegt in der Unterscheidung von Ursache, Mittel und Ordnung.

1. Grundthese (kurz)

Die reformierte Heilslehre sagt gleichzeitig:

  1. Gott allein ist die Wirkursache der Errettung (Monergismus)
  2. Der Mensch ist wirklich verantwortlich
  3. Gott gebraucht wirkliche Mittel, durch die er handelt

 → Verantwortung und Mittel sind keine Mitursachen, sondern von Gott eingesetzte Instrumente.

2. Ursache ≠ Mittel (entscheidende Unterscheidung)

Reformiert:

  • Ursache (causa efficiens)  → Gott allein bewirkt das Heil
  • Mittel (media) → Wort, Sakramente, Glaube, Buße, Gebet

Der Fehler synergistischer Modelle ist: Mittel zu Ursachen zu machen.

Beispiel:

Ein Stift schreibt einen Text.

  • Ursache des Textes: die schreibende Person
  • Mittel: der Stift

Der Stift ist real beteiligt, aber nicht selbstverursachend.

 → So ist der Glaube wirklich aktiv, aber nicht ursächlich rettend.

3. Warum menschliche Verantwortung real ist

Reformierte Anthropologie

Der Mensch:

  • handelt frei gemäß seiner Natur
  • entscheidet wirklich
  • liebt, glaubt, lehnt ab

Aber:

  • seine Natur ist durch die Sünde gebunden
  • daher kann er ohne Gnade nicht zu Gott kommen

Freiheit ≠ Autonomie

Klassisch reformiert:

Der Mensch tut freiwillig das, wozu Gott ihn wirksam bewegt.

 → Das ist keine Zwangshandlung, sondern innere Erneuerung.

4. Verantwortung ohne Mitverursachung

Reformierte Theologie unterscheidet:

  • ontologische Ursache (wer bewirkt?)
  • moralische Verantwortung (wer handelt?)

 → Der Mensch ist verantwortlich, weil er selbst glaubt oder nicht glaubt, nicht weil er die Gnade verursacht.

Biblische Spannung (bewusst festgehalten)

  • Gott wirkt alles (Phil 2,13)
  • Der Mensch handelt wirklich (Phil 2,12)

 → Nicht entweder/oder, sondern beides, in verschiedener Hinsicht.

5. Warum Mittel notwendig sind

Gott wirkt durch Mittel, nicht trotz ihrer. Reformierte Theologie lehnt daher ab:

  • Mystizismus (Gott wirkt ohne Mittel)
  • Fatalismus (Mittel sind egal)
  • Rationalismus (Mittel wirken automatisch)

Beispiele von Mitteln:

  • Predigt → Glaube (Röm 10,17)
  • Taufe & Abendmahl → Stärkung des Glaubens
  • Gebet → von Gott verordneter Weg des Empfangens
  • Gehorsam → Frucht, nicht Ursache

 → Gott ordnet das Ziel und den Weg zum Ziel.

6. Warum das kein Synergismus ist

FrageReformiertSynergistisch
Wer bewirkt das Heil?Gott alleinGott + Mensch
Hat der Mensch Anteil?Ja, instrumentalJa, kausal
Ist Glaube Ursache?Nein, MittelTeilursache
Ist Verantwortung real?JaJa

 → Der Unterschied ist kausal, nicht praktisch.

7. Pastorale und geistliche Konsequenzen

a. Gewissheit

  • Heil hängt nicht an meiner Leistung
  • Gott vollendet sicher alles, was er beginnt

b. Ernst des Rufes

  • Aufruf zur Buße ist echt
  • Unglaube ist schuldhaft

c. Demut

  • Kein Ruhm im Menschen
  • Alle Ehre Gott allein

8. Reformierte Kurzformel

Gott wirkt das Heil allein,
aber nicht ohne den Menschen;
der Mensch wirkt wirklich,
aber nicht ursächlich.

Als Augustinus von Hippo sagte: „Gott wirkt in uns das Wollen und Vollbringen, ohne unseren Willen aufzuheben“ zitierte er dazu zentral den Bibelvers: Bekehre mich, damit ich mich bekehre, denn du bist der Ewige, mein Gott (Jeremia 31,18b). Wir bitten also Gott, dass er selbst unsere Bekehrung bewirkt. Das trieb den britischen Mönch Pelagius auf die sprichwörtliche Palme. Sein Hauptargument war: Wenn Gott den Menschen erst bekehren muss, dann hat der Mensch keine echte Verantwortung für seine moralischen Entscheidungen. Für ihn sollte es eher heißen: „Hilf mir, mich zu bekehren“ (Synergismus) – aber nicht: „Tu es an meiner Stelle.“ (Monergismus). Pelagius ging also davon aus, der Mensch müsse aus eigener moralischer Freiheit zur Umkehr fähig sein. – Hier scheiden sich die Geister der Monergisten (später: die reformiert Lehrenden) und der Synergisten im Heilsverständnis – bis heute! Die westliche Kirche folgte weitgehend der Linie von Augustinus. Die Lehren des Pelagius wurden auf der Synode von Karthago (418 nChr) und später erneut beim Konzil von Ephesus (431 nChr; 3. ökum. Konzil) verurteilt. – Viele Freikirchen, die aus der Reformation entstanden waren, folgen leider dem synergistischen Gedankengut des Pelagius (wenngleich sie die notwendige Rolle von göttlicher „Gnade“ anerkennen, also eher arminianisch argumentieren und manchmal deswegen als „semi-pelagianisch“ bezeichnet werden) und kommen damit in der Heilslehre den Romanisierungsbestrebungen der Gegenreformation stark entgegen. Im Falle der Kirchen des Lutherischen Weltbundes scheint die dogmatische Gleichschaltung oder Selbstaufgabe als „Lutheraner“ schon fast vollzogen zu sein (Gemeinsame Erklärung).

Noch etwas zur Formursache (causa formalis) der Errettung

In der christlich-reformierten Theologie ist die Formursache (causa formalis) der Errettung eindeutig die zugerechnete Gerechtigkeit Christi.  Die beste und klassischste Bibelstelle dafür ist 2. Korinther 5,21:

„Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, 
damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm.“ 
(2. Korinther 5,21)

Diese Stelle ist paradigmatisch:

1. Sie beschreibt Form, nicht Ursache oder Mittel

  • Es geht nicht darum, wie wir glauben (Mittel),
  • oder wer rettet (Wirkursache),
  • sondern was unsere Gerechtigkeit ist, durch die wir gerecht sind.

 → Wir werden nicht gerecht durch Veränderung in uns, sondern durch etwas, das wir in ihm [Christus] sind.

2. Sie lehrt ausdrücklich Zurechnung (Imputation)

  • Unsere Sünde → Christus zugerechnet
  • Christi Gerechtigkeit → uns zugerechnet

 → Das ist exakt das, was reformierte Theologie mit der forma iustificationis meint. Nicht: „damit wir gerecht gemacht würden, sondern: „damit wir die Gerechtigkeit Gottes würden

3. Sie schließt synergistische Modelle aus

  • Keine Rede von:
    • innerer Mitwirkung
    • eingegossener Gerechtigkeit
    • fortschreitender Rechtfertigung

 → Die Form der Rechtfertigung ist Christus extra nos, nicht etwas in uns.

Klassische reformierte Bestätigung

  • Calvin (Inst. III,11,2): „Christus’ Gerechtigkeit wird uns zugerechnet, als wäre sie die unsere.“
  • Westminster Confession (XI,1): „…nicht indem ihnen Gerechtigkeit eingegossen wird, sondern indem ihre Sünden vergeben und sie als gerecht angenommen werden.“

Weitere wichtige Parallelstellen

BibelstelleAussage
Römer 5,19„so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen in die Stellung von Gerechten gesetzt werden“
Römer 4,5„Dem aber, der… an den glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, wird sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet“
Philipper 3,9„indem ich nicht meine Gerechtigkeit habe, die aus dem Gesetz ist, sondern die, die durch den Glauben an Christus ist – die Gerechtigkeit aus Gott durch den Glauben“
Jesaja 53,11„Durch seine Erkenntnis wird mein gerechter Knecht die Vielen zur Gerechtigkeit weisen [O. den Vielen zur Gerechtigkeit verhelfen, o. die Vielen gerecht machen].“

Fazit: Die Formursache der Errettung ist nicht der Glaube, sondern die zugerechnete Gerechtigkeit Christi. 2. Korinther 5,21 ist die klarste biblische Formulierung dazu.

Warum die Gleichsetzung »Öl = Heiliger Geist« exegetisch nicht trägt

Auslegungstraditionen mit starkem Hang zur allegorischen Methode sind immer noch aktiv in verschiedenen Gruppen der Gemeinde Jesu Christi. Als ich vor einiger Zeit auf einem »Bibeltag« einer Freikirche in Tradition der Elberfelder »Brüderbewegung« war, trat ein Ältester auf, der sich als Thema Lektionen aus dem Buch der Richter gesetzt hatte. Gleich zu Anfang sagte er, dass er nicht nur den Bibeltext behandeln wolle. Nein, er wolle nicht »oberflächlich« bleiben, sondern mit uns tiefer in den »geistlichen Sinn« des Bibeltextes abtauchen. Dazu brauche es ein Vokabelheft, in das man beim Lesen der Bibel eintrage, wofür bestimmte Begriffe in der Bibel geistlich stünden, sozusagen ein Übersetzungsbuch für das Erfassen der »geistlichen Bedeutung« eines Bibeltextes. Dann gab er Beispiele, wofür die Sonne, ein Hammer, Wasser, Öl usw. in der Heiligen Schrift geistlich stünden. Dieses geistliche Deutungsbuch versetze den Christen nun in die Lage, inneres, dem normalen Christen verborgenes, tieferes Wissen zu erlangen. Das ist aber die klassische Zumutung eines Esoterikers.

Eine dieser »Übersetzungs«-Codes ist die Formel: »Öl = Heiliger Geist«. Exegetisch bedeutete dies also, dass immer dann, wenn im Text von Öl zu lesen war, tatsächlich auf »geistlicher Tiefenebene« der Heilige Geist gemeint sei. Vielleicht kann sich der »normale« Bibelleser vorstellen, wie schnell man sich mit solchen falschen und falsch-vereinfachenden Auslegungsregeln in Widersprüche und Unsinn verstricken kann. Das Fatale daran ist, dass der diese Regeln Anwendende meint, besonders heilige und tiefe Gedanken zu erfassen, und mithin selten bereit ist, sich korrigieren zu lassen. Esoterisches Denken war schon immer ein Elitedenken.

Wie steht es also mit der Symbolik von Öl in der Heiligen Schrift? Natürlich kann man einige Stellen in der Heiligen Schrift finden, wo die genannte Deutung durchaus richtig ist. Die Bibel verwendet immer wieder typologische und symbolische Sprache. So werden tatsächlich Menschen in Israel in Ämter von Gott eingesetzt durch »Salbung« mit Öl, z.B. Könige, Priester und Propheten. Andere Beispiele mit symbolischen rituellen Handlungen könnten angeführt werden, auch im Neuen Testament. Jeder Christ sollte z.B. die Symbolik von Brot und Kelch (Wein) kennen, wenn es um die »Verkündigung des Todes des Herrn« im Herrenmahl geht. Jesus selbst erläutert: »dies ist mein Leib« und »dies ist mein Blut« (vgl. z.B. Mt 26,26–28) bei der symbolischen Handlung des Essens und Trinkens von diesen physischen, nun aber symbolhaft mit geistlicher Bedeutung aufgeladenen, Dingen. Vor und nach dieser symbolhaften Handlung im Kultus sind dieses Brot und dieser Wein jedoch ganz gewöhnliches Brot bzw. Wein, eine Transsubstantiation in den realen Leib bzw. Blut Christi fand nicht statt, hier irrt die röm.-kath. Kirche gewaltig (letztlich macht sie den Priester zum Zauberer, und Gott durch magische Handlungen verfügbar).

Die Problematik einer pauschalen Gleichsetzung von Typen oder Symbolen mit einem einzigen Deutungsinhalt soll anhand des Gleichnisses von den zehn Jungfrauen in Matthäus 25,1–13 aufgezeigt werden. Dabei wird folgende These verfolgt: Die verbreitete Gleichsetzung des Öls mit dem Heiligen Geist ist beim Gleichnis der zehn Jungfrauen (Matthäus 25,1–13) bibeltheologisch nicht haltbar, da das alttestamentliche und frühjüdische Bildfeld von »Öl« keine einheitliche pneumatologische Bedeutung (auf den Heiligen Geist) kennt und die Bildlogik des Gleichnisses zentrale Eigenschaften des Heiligen Geistes konterkariert (dem entgegensteht, widerspricht). Dazu folgende Überlegungen.

1. Hermeneutischer Ausgangspunkt: Symbole sind kontextabhängig

Biblische Symbole sind polysem, d. h. sie tragen je nach literarischem und situativem Kontext unterschiedliche Bedeutungen. Eine pauschale Fixierung eines Symbols auf einen einzigen theologischen Sachverhalt ist methodisch unzulässig, wenn der Kanon der Heiligen Schrift stabil eine Bedeutungsvielfalt belegt.

Wer also »Öl« grundsätzlich und ausschließlich als Geist-Symbol liest, setzt eine theologische Vorentscheidung (»Brille«) an die Stelle genauer Textbeobachtung. Pointiert gesagt betreibt er Eisegese (»Hineinlegung«) anstelle von Exegese (»Auslegung«).

Wir müssen bei der Auslegung von Symbolen (wie auch der gesamten Schrift) stets den speziellen Kontext der betrachteten Stelle beachten. Daraus folgt: Eine Aussage, dass »Öl« hier oder da als Hinweis auf den Heiligen Geist zu verstehen sei, ist hilfreich und kann zum Bedeutungsspektrum dieses Symbols beitragen, klärt aber mitnichten, was »Öl« an einer anderen Stelle konkret bedeuten mag. (Dies gilt ebenfalls für die beliebten »Wortstudien«, die zwar das Bedeutungsspektrum eines Begriffs aufzeigen können, aber nie die Bedeutung an einer konkreten Stelle abschließend klären.) Das aber ist die spannende Frage, wenn man eine Stelle bzw. eine Perikope wie Matthäus 25,1–13 auslegen will.

2. Alttestamentlicher Befund: Öl ist nicht exklusiv ein Symbol des Geistes Gottes

Im Alten Testament erscheint Öl in mehreren stabilen Bedeutungsfeldern, die keinen direkten Bezug zum Heiligen Geist haben, z.B.:

  • Alltags- und Wirtschaftsgut:
    1Könige 17,12–16 (Öl als lebensnotwendige Ressource in der Hungersnot); 
    Hosea 12,2; Hesekiel 27,17 (Handelsware).
  • Gesundheitspflege, Medizin:
    Amos 6,6; Ruth 3,3; Prediger 9,8, Matthäus 6,17 (Körperpflege);
    Jakobus 5,14 (Medizinische Anwendung; aleiphō statt )
  • Metapher für Wohlstand und Freude:
    Psalm 23,5; 5Mose 8,8.
  • Verderbliches Qualitätsprodukt:
    Prediger 10,1 (Öl des Salbenmischers wird durch Fliegen verdorben).
  • Objekt von Gericht und Mangel:
    Joel 1,10 (Öl versiegt im Gericht).

Schlussfolgerung:
Das alttestamentliche Bildfeld widerlegt jede ontologische Gleichsetzung von Öl und Geist [1]. Am ehesten wird sich die Deutung bei kultischen Zusammenhängen (d.i. betreffs des Gottesdienstes) auf Anwesenheit der Personen der Gottheit richten. So kann man Öl in der kultischen Verwendung als Hinweis auf den Heiligen Geist deuten, siehe 2Mose 27,20 und 3Mose 24,2 (Öl als Brennstoff für den Leuchter im Heiligtum, einzige Lichtquelle für den Dienst im Heiligtum über die Öllampen der Menorah). In Matthäus 25,1–13 dient das Öl als Brennstoff für die »Lampen« (λαμπάδες) der feierlichen nächtlichen Prozession.

Das Problem liegt nicht im Gleichnis, sondern eher in der nachträglichen allegorischen Fixierung des Öls auf die Person des Heiligen Geistes.

3. Salbungstexte: funktionale Nähe, aber keine Identität mit dem Heiligen Geist

In Texten wie 1Samuel 16,13 oder Jesaja 61,1 steht Öl im Kontext von Salbung zur Beauftragung, während zugleich der Geist Gottes als ermächtigende Gegenwart genannt wird. Hier besteht eine theologische Korrelation, aber keine bildinterne Gleichsetzung. Das Öl bzw. dessen rituelle Verwendung wird zum Zeichen göttlicher Beauftragung, mithin wird im Öl die wirksame (autorisierende) göttliche Gegenwart angedeutet.

Trotzdem müssen wir auch hier genau hinschauen. Aus dem Zusammenlaufen von Salbung mit Öl und Hinweis auf göttliche Autorisierung bei diesen Berufungsstellen folgt nicht für alle »Öl-Stellen«, dass »Öl« stets als »der Heilige Geist« zu lesen wäre. Auch hier hilft es, den Kontext zu beachten.

4. Bildlogik kontra Geistlehre Jesu in den Evangelien

Die Handhabung des Öls im Gleichnis von den Zehn Jungfrauen (Vorrat anlegen, verbrauchen, nachkaufen, nicht teilen) steht in –m.E. unüberwindbarem– strukturellem Gegensatz zur neutestamentlichen Lehre vom Heiligen Geist (Pneumatologie). In ähnlicher Zeit im Leben Jesu (Abschiedszeit) redet der Sohn Gottes ausführlich im »Obersaal« mit seinen Jüngern. Dort können wir beobachten, wie Jesus über diese göttliche Person redet (Johannes 14–16). Wir lernen: Der Geist Gottes ist nicht disponibel, nicht käuflich, nicht verwaltbarer Besitz. Er ist keine Sache, sondern eine göttliche Person mit göttlicher Souveränität, damit jeder menschlichen Verfügungsgewalt enthoben, nicht teilbar oder mitteilbar. Er ist auch nicht messbar oder abmessbar. Im Gleichnis wird das Öl jedoch als ökonomisch disponibel behandelt, und zwar durchgehend.  Der Geist Gottes ist aber Beziehungswirklichkeit, nicht menschlich disponierbarer Vorrat.

Man könnte diesen Einwurf evtl. mit Verweis auf die Beschränktheit der Bildebene des Gleichnisses zurückweisen. Und in der Tat: Gleichnisse arbeiten mit Bildern des Alltags, nicht mit systematischer Theologie. Man darf daher keine vollständige Entsprechung zwischen Bildbereich und Sachbereich erwarten. Genauso gilt aber auch, dass eine mangelnde Entsprechung der Rede die Gleichnishaftigkeit und sogar die Verständlichkeit raubt. Der Bildbereich darf den Sachbereich nicht in zentralen Zügen konterkarieren. Dass dies hier strukturell geschieht, deutet folgende Tabelle an:

Unproblematische BildabweichungProblematische Bildabweichung
Öl = Geist, obwohl der Heilige Geist keine Flüssigkeit ist (vgl.: Wind, Feuer u.a.)Öl = käuflich / disponibel, Geist = Gabe Gottes
Lampe = Glaube (metaphorisch)Öl-Vorrat zur Disposition des Menschen vs. Geist als personale Gegenwart Gottes
Licht braucht EnergieGeist ist nicht »Energie-Reservoir«

Man versucht das offensichtliche Nichtpassen zwischen Bild und Sache damit zu verteidigen, dass man die nicht passenden »Details« im Gleichnis zur »Nebensache« erklärt und damit ausblendet. Meist fehlt dabei aber die exegetische Berechtigung für dieses Werten, häufig offenbart es Zirkelschlüsse (man versucht, etwas zu beweisen, und setzt beim Beweis das zu Beweisende bereits voraus; das beweist aber gar nichts).

Besser ist es, wenn wir darüber nachdenken, dass eine Gleichsetzung des Öls mit dem Heiligen Geist (nebst der mangelnden Kohärenz der Bildzuordnung im Gleichnis) vor allem eine theologische Inkohärenz zwischen Gleichnislogik und Jesu Geistverständnis (und wie er über Ihn redet, s. Johannes 14–16 u.a.) erzeugt. Das ist kein leicht zu nehmender Einwurf.

5. Kontext von Mt 24–25: Öl als Hinweis auf das Vermögen zum Ausharren

Vielleicht der offenbarste und klarste Hinweis auf den Kreis, innerhalb dessen wir den Sinn dieses Gleichnisses zu suchen haben, ist der Kontext. Das Gleichnis der Zehn Jungfrauen steht in einer Kette von vier Gleichnissen der Endzeitrede, die das »Warte«-Motiv behandeln. Die gesamte »Endzeitrede« Jesu antwortet auf die Frage der Jünger: »Sage uns, wann wird das sein, und was ist das Zeichen deiner Ankunft und der Vollendung des Zeitalters?« (Matthäus 24,3). Sie beziehen sich dabei auf die frappierende Aussage Jesu Christi über den Herodianischen Tempel, der seinerzeit ein bestauntes Weltwunder war: »Wahrlich, ich sage euch: Hier wird nicht ein Stein auf dem anderen gelassen werden, der nicht abgebrochen werden wird.« (Matthäus 24,2).

Erstaunlicherweise beantwortet Jesus diese Frage nicht mit Angabe eines Kalenderzeitpunkts oder eines kalendarisch verortbaren Ablaufs. Er stellt zwar sicher, dass die Geschichte einem sicheren Zielpunkt (Kulmination, Gerichtstag u.a.) zuläuft, also definitiv ein Ende hat, aber er redet dann nicht über Zeiten und Zeitpunkte, sondern über die innere Haltung derer, die von solchem Ende wissen. Der Herr sagt mehrfach, dass Warten und Ausharren notwendig sein wird. Es wird also bis zu jenem Zeitpunkt eine längere Zeit dauern, als allgemein gewünscht und erwartet. 

Jesu Antwort verschiebt den Schwerpunkt der Frage der Jünger (nach Zeichen (σημεῖον), Zeitpunkt (πότε) und endzeitliche Vollendung (συντέλεια τοῦ αἰῶνος) auf die Schwerpunkte: keine Datierung (24,36), Warnung vor Scheinsicherheit (24,4–5; 24,23–26), richtige Einstellung in der Wartezeit (24,42–51; 25,1–30) sowie eine Gerichtsperspektive (25,31–46). Er erklärt also weder »Zeiten und Zeitpunkte«, also einen zeitlichen Ablauf, sondern ermahnt die Jünger mit einem: »So sollt ihr leben, solange die Wiederkunft mit Bräutigam und Reich sich verzögert!«. Dieses ethische Motiv der Treue hatte der Herr Jesus bereits mehrfach angeschnitten und wird es weiter betonen:

  • »Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden.« (Matthäus 24,13)
  • »Wer ist der treue und kluge Knecht?« (Matthäus 24,45)
  • »Du treuer Knecht … über Wenigem treu.« (Matthäus 25,21)

Im Kontext der »Endzeitrede« (Matthäus 24,3.13.42–51) fungiert das Öl also eher als narrativer Ausdruck für eine die über Zeit gewachsene, nicht delegierbare oder kaufbare Bereitschaft und Treue der Jüngerschaft in der Verzögerung der Wiederkunft Christi (Parousie). Das Öl steht also funktional für das, was treues Ausharren tragfähig macht – nicht für den Heiligen Geist selbst.

Nochmals, in einem Satz: Das Öl ist nicht der Heilige Geist, sondern das, was der Heilige Geist im Leben eines Menschen für den Bräutigam hervorbringen mag – und was man nicht in letzter Minute ersetzen kann.

Wir weiten nun unseren Blick von der Deutung des Öls zur generellen Methodik der Exegese dieser Perikope, die hier wohl zu wenig beachtet wird.

6. Nichtbeachtung des Genres

Gleichnisse im NT (auch bei Matthäus) sind funktionale Erzählungen mit einer Leitabsicht, einer Hauptaussage (selten mit mehreren Hauptgedanken). Sie sind keine System-Allegorien, in denen jedes Detail 1:1 theologisch «aufgelöst«/»gedeutet« werden dürfte oder gar müsste. Jemand hat festgestellt, dass man mit Allegorisieren jeden gewünschten Sachverhalt aus fast jedem beliebigen Text »ableiten« könne. Erfunden wurde diese Deutungsmethode von den Griechen, um als unangenehm empfundene Aussagen in ihren alten Schriften umdeuten zu können. Die Juden in Alexandria übernahmen diese Allegorisierungsmethode von den Griechen mit gleicher Absicht (die Patriarchengeschichte enthält vieles als peinlich und grob Empfundene). Die Christen taten es dann den Juden nach… 

Hier haben wir jedenfalls ein Gleichnis vorliegen: »Dann wird das Reich der Himmel zehn Jungfrauen gleich werden…« (25,1). Ein Gleichnis hat meist nur einen Leitgedanken, einen oft frappierenden Gedanken. Dieser Leitgedanke wird hier ausdrücklich im letzten Satz genannt: »Darum wacht!« (Matthäus25,13). Das ist die Lehre und Redeabsicht dieses Gleichnisses. Es geht also rhetorisch und gattungstheoretisch nicht um Ekklesiologie, sondern um Ermahnung. Das Gleichnis beantwortet nicht das «Wann?« des Kommens des Bräutigams, sondern das »Wie lebt man bis dahin?«.

Die Figuren und Handlungen im Bildbereich »außenherum« dienen der Fokussierung auf Wachsamkeit, nicht aber dem Allegorisieren, mithin auch nicht der Identifikation der Kirche als Braut (von der ja gar nicht die Rede ist!). Also: Ein Allegorisieren eines Gleichnisses ist ein grundsätzlicher Missgriff bei der Auslegung.

7. Gleichnisse bedürfen zum Verständnis Kenntnis des historischen Kontextes

Im antiken jüdischen Hochzeitsritus warteten Brautjungfern (παρθένοι) mit Lampen auf den Bräutigam, um ihn in den nächtlichen Zug zu begleiten, oder sie begleiteten die Braut ins neue, vorbereitete Heim. Alfred Edersheim (The Life and Time of Jesus The Messiah, Grand Rapids, MI (USA): Eerdmans, 1971, Buch V, S. 455ff) deutet darauf hin, dass es insofern eine ungewöhnliche Hochzeit war, als der Bräutigam von weit her (also nicht aus dem gleichen Dorf) kam und irgendwann eintreffend zum Haus der Braut ging. Die Brautjungfern sollten ihn vor dem Dorf begegnen und dann zum Haus der Braut begleiten. Sie warteten natürlich im Dorf, nicht auf der Landstraße draußen, auf die Kunde, dass der Bräutigam sich dem Dorfe nähere. Dass dies geschehen sollte(in selber Nacht) war wohl bekannt, aber die Stunde des Eintreffen nicht. Das Setting ist aus der Erlebniswelt der Jünger ist jedoch plausibel und für Jesu Hörer sofort verständlich. Für uns ist erst einmal eine kulturelle Distanz zu überwinden, da wir anders Hochzeit begehen (siehe Anhang 2 unten).

Die Hauptfigur des Gleichnisses ist erstaunlicherweise nicht die Braut, sondern die unterschiedlich vorbereiteten Wartenden, weil das Gleichnis den Wartezustand der (jüdischen) Jüngerschaft bis zur Wiederkehr (»Ankunft«) des Messias Jesus Christus dramatisiert und die unterschiedlich bereiten Gruppen benennen will. Dies wäre bei der Einzelperson der Braut nicht möglich. Daraus kann man schließen, dass die Wahl der Figuren der Pragmatik der Erzählwelt und der beabsichtigten Lektion (Lehraussage und vor allem die paränetische Ermahnung) folgt, nicht primär einer ekklesiologischen Typologie oder einer bestimmten vorgefassten Eschatologie.

8. Näherer Kontext: Die Endzeitrede

In Matthäus 24–25 richtet Jesus die Endzeitrede an die Jünger. Die Abfolge der Gleichnisse (treuer Knecht, zehn Jungfrauen, anvertraute Talente) fokussiert auf das Verhalten der Wartenden mit Blick auf das unbekannte Ende des Wartens:

  • Matthäus 24,45–51: Treue im Dienst
  • Matthäus 25,1–13: Wachsamkeit im Warten
  • Matthäus 25,14–30: Verantwortung im Umgang mit anvertrauten Gütern

Die Jungfrauen sind im Gleichnis die Wartenden. Wer von ihnen wegen mangelnder Vorsorge nicht genügend Öl hatte, konnte an der Prozession nicht teilnehmen, er verpasst sie. Aber er wird auch von der Hochzeitsfeier selbst ausgeschlossen mit scharfer Ablehnung durch den Bräutigam. Es gibt also am Ende ein Drinnen und ein Draußen für die Eingeladenen: die einen feiern mit, die anderen sind ausgeschlossen. Die Anfrage des Gleichnisses ist also: Wo stehst Du? Das hält die Perspektive konsequent paränetisch (ermahnend). Insofern ist diese Ermahnung übertragbar auf andere Wartesituationen ähnlicher Art. Hier verorten sich dann Übertragungen auf die Gemeinde, die allerdings nicht auf die Zweite Erscheinung Christi als nächstes wartet, sondern auf die Entrückung.

Fazit

Die pauschale Deutung »Öl = Heiliger Geist« ist:

  • bibeltheologisch ungesichert (AT-Befund),
  • bildlogisch inkohärent (Verfügbarkeit des Öls),
  • kontextuell unnötig (die Pointe des Gleichnisses erschließt sich ohne diese Fixierung).

Eine textnahe Deutung versteht das Öl als Symbol für gelebte, über Zeit aufgebaute Bereitschaft und Treue, die die Verzögerung bis zur Erscheinung des Herrn Jesus Christus trägt. Unbenommen bleibt bei dieser Deutung, dass der Heilige Geist ganz sicher diese Bereitschaft des Ausharrens bewirkt und ermöglicht, ohne dass man seine hochgelobte Person deswegen sklavisch vereinfacht in der ganzen Bibel mit dem Symbol gleichsetzen muss.

Vom Grundsatz ausgehend, dass Jesus mit Gleichnissen nicht jede Einzelkomponente allegorisch verstanden haben will, wird dann eine Auslegung nahegelegt, bei der nicht Einzelkomponenten im Bildbereich, sondern der Gesamtgedanke von Wachsamkeit und Beziehung hervorgehoben wird (siehe Gleichnisfazit im letzten Satz durch Christus selbst!).

Anhang 1: Weitere problematische Herangehensweisen

1. Gleichsetzung von Israel mit der christlichen Gemeinde

Die Dogmengeschichte der Christenheit zeigt, dass leider nach wenigen Jahrhunderten bereits die Auffassung Gewicht gewann und viele Kirchenlehrer kennzeichnete, dass die christliche Kirche Israel als Volk Gottes völlig ersetzte habe. Damit wurden dann alle Segnungen, die Israel verheißen wurden, »geistlich« umgedeutet auf die christliche Kirche. Israel hätte damit keine Zukunft (wie biblisch verheißen) mehr, alles ginge in der Gemeinde auf. (Wir vertreten diese Ersatz-Theologie nicht, auch keine Bündnistheologie.)

Aber selbst bei solchen, die aufgrund gleichbleibender Hermeneutik zu anderer Schlussfolgerung geführt werden, werden Bibelstellen, die sich explizit auf Israel beziehen, oft unreflektiert auf die Gemeinde des Neuen Testaments gedeutet. Oftmals wird dies begleitet von der Frage: »Was bedeutet dieser Text jetzt praktisch für mich?« Diese Frage ist wichtig und unverzichtbar, aber sie kommt erst, wenn vorher die Auslegung geklärt wurde, also die Frage: »Was hat der Heilige Geist und der geführte Autor ausgesagt? Was war seine Absicht mit dem, was er schrieb?« Denn jede wahre (=göttlich gemeinte) praktische Anwendung (subjektiv) muss gegründet sein in wahrer Auslegung (was meint die Stelle objektiv), sonst ist sie reine Spekulation, die wahr oder falsch sein kann, jedenfalls aber keine Autorität besitzt. Der biblische Glauben muss stets sagen können: »Es steht geschrieben!«. Pointiert gesagt: »Die Bedeutung/Auslegung der Schrift ist die Schrift!«. Es sind ja nicht die Buchstaben und Wörter, sondern was damit tatsächlich ausgesagt wird, was unser Verständnis ermöglicht, unsere wiedergeborene Seele ergreift und unser erneuertes Herz zum Gehorsam führt.

Konkret: Wenn Jesus Christus etwas über den weiteren Lauf und die Vollendung des Volkes Israel (darauf zielt die Fragestellung der Jünger!) sagt, dürfen wir dies nicht sofort als auf die neutestamentliche Gemeinde Gemünztes deuten. Andererseits gilt: Da die Gemeinde und (das wahre) Israel eine gemeinsame Zukunft mit Ihrem Herrn und Retter haben, sind Berührungspunkte und Tangenten zweifelsfrei vorhanden. Das wird aber nicht hier angesprochen.

2. Überstülpen eines theologischen Systems

Da die »Endzeitrede« Jesu wesenseigen eschatologisch (endzeitlich) gezielt ist, kommt es zum Phänomen, dass das Gleichnis der Zehn Jungfrauen in eine vorher gefasste Eschatologie (Endzeit-Theorie) eingeordnet und dann vom übergeordneten Standpunkt aus systemkonform gedeutet wird. Dies kann man in allerlei Traditionen beobachten, auch bei den »Dispensationalisten«, von denen es allerdings viele unterschiedliche Richtungen gibt. Als Beispiel seien die »Plymouth Brethren« genannt, die in der Endzeitlehre durch die Lehren von J.N. Darby (1800–1880) stark geprägt wurden (Traditioneller Dispensationalismus). Die Ideen, die Darby damals vortrug, sind allerdings auf frühere Quellen zurückzuverfolgen, auch wenn Darby seine Quellen nie offenlegte, eher den Eindruck vermittelte, dass er das selbst (er/ge)funden habe. Der »Dispensationalismus«, den heute allgemein bekannt ist, geht jedoch auf den Amerikaner Cyrus I. Scofield (1843–1921) zurück, der mit der von ihm kommentierten Scofield-Bibel (erste Ausgabe Oxford Press um 1909, erste deutsche Ausgabe ermöglicht durch Gertrud Wasserzug) weite Kreise der Evangelikalen erreicht hat, vor allem in den USA.

Ein anderer Vertreter ist noch lebende Arnold Fruchtenbaum, ein messianischer Jude oder jüdischer Christ, der das Gleichnis in der Struktur des (viel später entstandenen) Dispensationalismus und des Wissens über den formalen Ablauf einer antiken jüdischen Hochzeit (wovon er nur aus frühestens mittelalterlichen rabbinischen Schriften weiß) abbildet. Hier regiert also nicht der Text, sondern das theologische System des Dispensationalismus. Fruchtenbaum weist mit Recht auf die frappierende Abwesenheit der Braut im Gleichnis hin und entlarvt die unbedachte Gleichsetzung »Brautjungfern=Braut« als ungültig (die christliche Gemeinde wird im NT als eine Braut repräsentiert, z. B. Epheser 5; Offenbarung 19; 21). Er schreibt: »The virgins represent neither the Church nor Israel in this parable, but simply serve to illustrate a point…« (»Die Jungfrauen stehen in diesem Gleichnis weder für die Kirche noch für Israel, sondern dienen lediglich der Veranschaulichung eines Punktes…«). Gemeinsam mit anderen Traditionalisten teilt Fruchtenbaum die Ansicht, dass das Gleichnis im kulturellen Kontext jüdischer Hochzeitsrituale steht. Anders als viele konfessionelle oder historisch-kritische Deutungen sieht er jedoch die Jungfrauen nicht als Symbol für die gesamte Gemeinde (»Braut Christi«) oder für alle Gläubigen allgemein, sondern als eine symbolisierte Gruppe innerhalb eines größeren Endzeit-Hochzeits-Schemas; das Öl ist dabei geistliches Bereitsein für den Bräutigam. Dies alles ist Teil seiner dispensationellen Endzeitlehre.

Für Fruchtenbaum löst sich das Problem der fehlenden Braut dadurch, dass er diese in den Himmel verortet, wo sie seit der »Entrückung« (1Thessalonicher 4) auf den Bräutigam wartet, der sie dann gemäß Matthäus 25 zusammen mit den Brautjungfrauen abholen wird. – Man kann das auch so deuten, dass dieses Gleichnis nichts über die Geschichte (Ontologie) der christlichen Gemeinde sagen will, sondern (funktional) etwas über das richtige, nämlich ausharrende, vorbereitete, Warten.

Man kann Fruchtenbaums Verständnis vlt. so zusammenfassen:

  • Die Braut (Gemeinde) ist im Himmel zur Zeit der Trübsal (Drangsal Jakobs),
  • Die Jungfrauen stehen in dieser Zeit auf der Erde und spielen eine begleitende Rolle. Nur diejenigen mit genügend »Öl« (Geist) sind zugelassen zum Hochzeitsfest (dem Hochzeitsmahl des Messias).

Damit knüpft er das Gleichnis nicht nur an die allgemeine Mahnung zur Wachsamkeit, sondern an einen bestimmten Abschnitt der Heilsgeschichte – nämlich die Phase zwischen Entrückung und Hochzeitsfest, wie sie in vielen dispensationalistischen Modellen beschrieben wird.

Für den biblischen Kontext wäre dann auf jeden Fall noch die Einordnung in die Aussagen von Offenbarung 18–22 angesagt: Verurteilung der Hure Babylon, Hochzeit des Lammes im Himmel (also im engen Rahmen), Wiederkehr Christi auf Erden in Kriegsrüstung, Vernichtung der Feinde, Endgericht der Toten, Friedensreich (Millennium) als öffentliche Festzeit von Braut und Bräutigam, Niederschlagung des letzten Aufruhrs, Hölle als ewige Endstation aller Feinde, neuer Himmel, neue Erde, Gott wohnt inmitten der Menschen. Diese Herangehensweise ist für uns, die wir das ganze NT vorliegen haben, durchaus gültig und angesagt (sog. »weiter Kontext«; analogia fidei). Aber es muss uns klar sein, dass die Jünger in situ das noch nicht so verstehen konnten und auch nicht so verstanden haben (siehe Apostelgeschichte 1,6, also vorpfingstlich!).

Im Gegensatz zum systemkonformen Auslegungsansatz wäre der textkonforme Auslegungsansatz, also mit genauer und exklusiver(?) Beachtung des Kontextes, richtiger und sicherer. Über den Ablauf der Geschichte Israels haben einige Propheten des Alten Testaments geredet, am ausführlichsten und konkretesten sicher der Prophet Daniel. Unter Beachtung dieser Vorgaben ordnen manche die Geschehnisse des Gleichnisses der Zehn Jungfrauen in die letzte Danielswoche, die »Große Trübsal« (s. Matthäus 24,21.29), in der die gläubigen Menschen auf ihre Erlösung durch den Bräutigam harren, ein. Auch dort ist das »Ausharren/Warten«-Motiv entscheidend wichtig.

3. Folgen einer kirchlichen Lehrautorität

Wer auf die Autorität der Kirche als Auslegungsnormgeber vertraut, wird auch hier irre: Tomas von Aquin (Catena aurea) sagt, dass unterschiedliche Kirchenväter das Öl als gute WerkeNächstenliebe oder auch als das Wort der Lehre verstanden haben: Hilarius von Poitiers setzt: »Öl = gute Werke; Chrysostomos: »Öl = Nächstenliebe« und Origenes: »Öl = Wort der Lehre«. Man könnte aus dieser Streubreite schließen, dass sie es nicht begriffen hatten. Aber diese Vielfalt war früher kein Problem, in der antiken und frühmittelalterlichen Exegese wurden Bilder häufig mehrdeutig gelesen, ohne dies als störend zu empfinden. Vielleicht hat diese Kirchenväter der Kontext nicht wirklich interessiert. 

Neuzeitlich folgen auch die Mormonen (Latter-Day-Saints) und die Adventisten der Deutung, dass das Öl der Heilige Geist oder Gottes Wort sei. Hier ein unvollständiger Überblick (Tabelle).

InterpretationSchlüsselargumentHauptvertreter
Öl = Heiliger Geist / geistliche FülleÖl als Licht/Salböl → Präsenz Gottes/GeistEvangelikale Kommentare, ERF, Adventisten
Öl = Glauben/Früchte des GlaubensÖl als Ausdruck von Treue/FruchtGotQuestions, Latter-day Saints
Öl = Gute Werke / Nächstenliebe / WortPatristische Vielfalt historischKirchenväter (Hilarius, Chrysostomos, Origenes
Öl = Allgemeine spirituelle Bereitschaft, nicht nur Heiliger GeistKritik an enger Allegorieneuere hermeneutische Beiträge

Anhang 2: Die Etappen einer antiken jüdischen Hochzeit

Weil heute oft der Zugang zu der antiken Tradition des jüdischen Volkes erschwert ist, sei hier kurz geschildert, wie man heute meint, wie eine antike jüdische Hochzeit ablief.

Kurz gesagt: eine Hochzeit war kein kurzer »Schritt zum Traualtar« oder ins »Standesamt«, sondern ein festlicher Prozess mit Warten, Rufen, Prozession, Verheiratung im Familienkreis und einem großem Hochzeitsmahl über sieben Tage

Phase 1: Verlobung (Erusin / Kidduschin)

  • Die Verlobung war formal und rechtlich bindend, vergleichbar mit einem Ehevertrag. Diese Verlobung war nur durch formale Scheidung zu lösen. Der Ehevertrag (Ketubah) wurde häufig schon vor den übrigen Feierlichkeiten unterschrieben.
  • Während dieser Verlobungszeit galt die Braut als rechtlich »angetraut«, lebte aber weiterhin im Elternhaus, bis der Bräutigam kam, um sie zu holen. Sie wusste ungefähr, aber nicht genau, wann der Bräutigam kommt. Es gab keinen Geschlechtsverkehr, vielmehr war dieser mit strenger Strafe und ggf. Auflösung der Verlobung bedroht.

Biblischer Bezug: »…nur der Vater kennt die Stunde« (Matthäus 24,36), weil die Entscheidung über das Hochzeitsdatum in dieser Phase beim Vater des Bräutigams lag. 

Phase 2: Warten auf den Bräutigam

Hier betreten wir den Hintergrund, den Jesus im Gleichnis nutzt:

  • Der Bräutigam bereitet ein Haus bzw. einen Raum für seine Braut vor. Das kostete einige Zeit und Aufwand. Diese Phase konnte bis zu einem Jahr dauern – also eine echte Wartezeit
  • Die Braut und ihr Gefolge bereiten sich auf den nächtlichen Festauszug am Ende der Verlobungszeit vor: Lampen, Kleidung usw. waren rituell/zeremoniell notwendig. Es war damals üblich, für diese Prozession 10 Lampen samt deren Trägerinnen zu verwenden (Edersheim, S. 455). Die Anzahl von zehn war in vielen Bereichen die Mindestzahl, die bei jedem Amtsakt, Segnung oder Zeremonie anwesend sein musste.
  • Die Lampen waren wohl eher Fackeln, die aus einem Ölbrenngefäß mit Docht/Gewebe und einer Stange bestanden, an der das Lampengefäß (Beth Shiqqua; Mischna Kelim 2,8) hochgehoben wurde.
  • Die genaue Ankunft des Bräutigams war zeitlich unsicher – er konnte erst spät am Abend oder mitten in der Nacht erscheinen. 

Diese Ungewissheit erklärt den zentralen Bezug des Gleichnisses: Die Jungfrauen des feierlichen Gefolges mussten ständig mit ihren Lampen bereit sein, weil sie nicht wissen genau konnten, wann der Bräutigam kam. Er kam wohl aus größerer Entfernung angereist. Die Lampen waren selbstverständlich in dieser Wartezeit noch nicht entzündet.

Phase 3: Prozession und Hochzeitsfeier im Familienkreis

Wenn der Bräutigam kam:

  • Rief man seine Ankunft aus, oft mit einem Schofar-Signal oder Rufen. Es war Brauch, dies im Dunkel  der Nacht durchzuführen. Eine Begrüßungsprozession kam ihm entgegen.
  • Man zündete nun die Lampen an und schmückte sie. Es folgte eine Prozession mit Fackeln oder Lampen durch die Straßen, mit Musik und Gesang, die letztlich zum Festort, meist zur Wohnung der Braut, führte. Personen ohne genügend Öl/Fackeln galten als  nicht vorbereitet, und somit als zeremoniell unpassend und daher ausgeschlossen für die Prozession.
  • Danach ging die Prozession zum Haus der Braut (Abholung) und dann mit der Braut zur vorbereiteten neuen Heimstätte für das bald verheiratete Paar, meist in das Haus des Bräutigams oder dessen Eltern.
  • Erst nach dem Eintreffen von Bräutigam und Braut in der neuen Heimstätte begannen die formalen Hochzeitsfeierlichkeiten inklusive Festmahl (Seudat Nissuin) im engeren Rahmen der Familien. 

Phase 4: Öffentliche Präsentation des Brautpaares und anschließende Großfeier

Nach der Zeit der familieninternen Hochzeitsfeier im Haus und Vollzug der Ehe präsentierte sich das Ehepaar feierlich der Öffentlichkeit, vor allem einer meist großen Schar von Geladenen, und feierte mit diesen mehrere Tage lang (vgl. dazu Matthäus 22,1–24; Johannes 2,1–11).

Von dieser Phase ist im Gleichnis nicht die Rede, da in dieser Phase die Zeit des Wartens vorüber ist.

Hier nochmals die im Gleichnis verwendeten Parallelen zur jüdischen Hochzeit:

  • Unbekannter Zeitpunkt: Das Kommen (Parousie) wird angekündigt, aber nicht datiert.
  • Warten mit Lampen: Zeit der Wachsamkeit.
  • Prozession und Feier:  Endgültige Gemeinschaft mit dem Bräutigam (Christus).
  • Nicht Eingelassene, Unvorbereitete:  Warnung vor mangelnder Bereitschaft.

Kernpunkte für das Verständnis

ElementBedeutung im BildbereichBedeutung im Gleichnis
Verlobung / ErusinBindende Vorphase mit WartestatusErwartungshaltung
Warten mit LampenNächtliche Phase der Erwartung; alle schlafen: es dauerte wohl sehr langSymbol für stetige Bereitschaft, zumindest beim Erwachen
Ankunft des BräutigamsBeginn der ProzessionEschatologische Parallele
Prozession & FestÖffentliche Darstellung der Ehe/HochzeitsfeierGemeinschaft mit Bräutigam Christus
Ölmangelunvorbereitet und damit ungeeignet zur TeilnahmeWarnung für die Jünger

Anhang 3: Rabbinische Texte für Hintergrund von Matthäus 25

Einige rabbinische Schriften reden von den Dingen, die Hintergrund des Gleichnisses sind. Die Redaktionszeitpunkte werden mit angegeben, um zeigen, dass diese Schriften um Jahrhunderte nach Christus liegen, also deutend mit Vorsicht zu genießen sind.

  • bShabbat 153a (Babylonischer Talmud, Traktat Schabbat; ca. 5.–6. Jhdt. nChr): Gleichnis vom König, der seine Knechte zum Mahl lädt – ohne Zeitangabe. Es zeigt: „Warten + unbestimmter Zeitpunkt + Vorbereitung“ ist ein sehr jüdisches, ermahnendes Standardmuster (nicht erst christliche Allegorese).
  • Ketubot 7b–8a (Babylonischer Talmud, Hochzeitssegen, Feststruktur; 5.–6. Jhdt. nChr): Hochzeitssegen / Festfreude / mehrtägige Feier
    Für den Ablauf der Hochzeit (Akteure, Feststruktur) ist Ketubot zentral: Dort sind die später so genannten Sheva Berakhot (sieben Segenssprüche) im Zusammenhang von Hochzeit/Feier belegt. Das stützt die Aussage, dass eine Hochzeit kein »kurzer standesamtlicher Moment«, sondern ein Festkomplex ist mit Riten, Struktur und mehrtägigem Festmahl.
  • Jerusalem Talmud Ketubot 1:1 (ca. 350–425 nChr): »Sieben Tage« Festzeit (alte Tradition)
    Der Jerusalemer Talmud führt die »sieben Tage« von Hochzeitsfeiern auf alte Stiftungstradition zurück (»Moses … sieben Tage der Festfreude«).
  • Mishnah Berakhot 2:5 (Mischna-Redaktion: ca. 200 nChr von Rabbi Jehuda ha-Nasi): Bräutigam als zentraler Akteur (rechtlicher/ritualer Status)
    Die Mischna kennt Sonderregelungen für den Bräutigam (z. B. Befreiung von der Schema-Rezitation in der Hochzeitsnacht/den ersten Tagen). Das zeigt, wie stark Hochzeit als sozialer Ausnahmezustand (Pflichten, Ablenkung, Festbetrieb) wahrgenommen wurde. 
  • Ketubot 17a (5.–6. Jhdt. nChr): Hochzeitsprozession als öffentlicher Vorgang
    Ketubot 17a spricht u. a. davon, dass man für »den Einzug der Braut«  (nicht: Bräutigam!) sogar das Thora-Studium unterbricht und dass Hochzeits- und Trauerzug auf der Straße kollidieren können (Prioritätsregeln). Das setzt sehr konkrete Prozessionspraxis voraus

Achtung:  Da viele rabbinische Texte redaktionell deutlich später als Jesus Christus liegen, ist methodisch zu beachten, dass man sie am besten nicht als 1:1-Protokoll eines galiläischen Hochzeitsabends nutzt, sondern als Beleg dafür, welche Motive/Topoi im Judentum als plausibel und didaktisch wirksam galten. Vermutlich weisen sie aber auf Traditionen zurück, die wesentlich älter sind. Priorität in der Auslegung hat der Bibeltext samt seinem Kontext.

Endenoten

[1] Ontologische Gleichsetzung bedeutet, dass zwei Dinge nicht nur als ähnlich oder gleichwertig betrachtet werden, sondern als im Sein identisch oder wesensgleich verstanden. Es geht also nicht um eine bloß sprachliche, funktionale oder metaphorische Gleichsetzung, sondern um eine Aussage darüber, was etwas wirklich ist.

Liebe, Gerechtigkeit und Zorn

Francis Schaeffer forderte uns einmal auf, uns vorzustellen, wir gingen die Straße entlang und träfen auf einen jungen Mann, der auf eine ältere Frau einschlägt. Er schlägt immer wieder auf sie ein, während sie sich an ihre Handtasche klammert, die er ihr entreißen will. Schaeffer fragt: »Was bedeutet es in dieser Situation, meinen Nächsten zu lieben?« Unzweifelhaft bedeutet Nächstenliebe in diesem Fall, die (gerechte) Gewalt anzuwenden, die notwendig ist, um den (bösen) Täter zu überwältigen und die (unschuldige) ältere Frau zu retten (zu lieben). Liebe und Gerechtigkeit, Güte und Heiligkeit, Gnade und Zorn sind keine Gegensätze. Sie ergänzen einander. Letztlich sind sie voneinander abhängig. Liebe ohne Gerechtigkeit ist bloßer Sentimentalismus. Gerechtigkeit ohne Liebe ist blanke Vergeltungssucht. In Gott jedoch gilt: »Güte und Wahrheit sind sich begegnet, Gerechtigkeit und Frieden haben sich geküsst« (Psalm 85,11). Liebe sucht Gerechtigkeit für die Geliebten. Liebe des Guten fordert Hass alles Bösen. Gerechtigkeit schützt, rächt und rechtfertigt die Geliebten. Das Kreuz Christi ist der vollkommene Ausdruck sowohl der Liebe Gottes, der unwürdige Sünder rettet, als auch der Gerechtigkeit Gottes, die fordert, dass ein gerechter Preis für die Erlösung bezahlt wird.

Die Einfachheit Gottes

Zwischen dem, was wir wegen unseres begrenzten und gefallenen Begriffsvermögens vielleicht als »Spannungen« zwischen den verschiedenen Eigenschaften Gottes wahrnehmen, besteht vielmehr eine vollkommene Harmonie. Streng genommen gibt es gar nicht mehrere (separate) Eigenschaften bei Gott, sondern ein einziges, herrliches, göttliches Wesen. Die klassischen Theologen stellten die göttliche Einfachheit häufig an den Anfang ihrer Darlegungen über die Eigenschaften Gottes, weil ein rechtes Verständnis der Einfachheit grundlegend für ein rechtes Verständnis aller Eigenschaften ist. Gott ist einfach. Gott ist Geist, ungeteilt, einzigartig, nicht zusammengesetzt. Er ist Einer – ohne Körper, Teile oder »Seiten«. Wenn wir die Eigenschaften Gottes betrachten, denken wir nicht über verschiedene »Teile« oder »Seiten« Gottes nach. Wir betrachten jede Eigenschaft gesondert aufgrund der Begrenztheit unseres Denkvermögens. »In Gott gibt es nicht viele Eigenschaften, sondern nur eine«, erklärte der englische Puritaner Lewis Bayly (1565–1631) im Sinne des klassischen Theismus, »nämlich das göttliche Wesen selbst, gleichgültig, wie du es nennst.«[1] Gottes attributa divina (göttlichen Eigenschaften) sind untrennbar von seinem essentia Dei (göttlichen Wesen).

Angesichts der wesentlichen Einheit der göttlichen Eigenschaften: Was können wir über das Verhältnis zwischen den von uns als »sanfter« und »härter« empfundenen Ausprägungen seines Wesens sagen – zwischen Liebe und Zorn, zwischen Barmherzigkeit und Gerechtigkeit? Es kann hilfreich sein, diese Frage mit Blick auf die Liebe zu beantworten, also um jene Eigenschaft, um die sich meistens zuerst Diskussion und Kontroversen ranken. »Gott ist Liebe«, hier stimmen Bibel und populäre Meinung meinst überein. Wie sind dann seine Gerechtigkeit und sein Zorn zu verstehen?

Mehr als Liebe

Erstens: Gott ist Liebe – und doch mehr als Liebe. Liebe wird von älteren Theologen als Unterart des Gutseins behandelt. Gottes Gutsein – was Stephen Charnock (1628–1680) [2] die »Leiteigenschaft« nannte – ist die Gattung, zu der Liebe, Gnade, Barmherzigkeit, Freundlichkeit und Geduld als Arten gehören. Diese Klassifikation macht deutlich, dass »Gott ist Liebe« nicht bedeutet, Gott sei Liebe unter Ausschluss seiner übrigen Eigenschaften (1Johannesbrief 4,8). Der Apostel Johannes schreibt nicht: »Liebe ist Gott«. Die biblische Aussage lässt sich nicht umkehren. Die Bibel sagt auch, dass Gott »Licht« ist (1Johannesbrief 1,5) und dass Gott ein »verzehrendes Feuer« ist (Hebräer 12,29). In all diesen Fällen wird dieselbe grammatische Konstruktion verwendet. Der Gott, der Liebe ist, ist nach Johannes auch »treu« und »gerecht« (1Johannesbrief 1,9). »So unendlich wohlwollend Gott auch ist«, sagt J. W. Alexander (ein presbyterianische Theologe des 19. Jahrhunderts), »so ist unendliches Wohlwollen nicht alles an Gott.« Gottes Liebe ist eine gerechte Liebe, und seine Gerechtigkeit ist eine liebende Gerechtigkeit. Wir dürfen nicht zulassen, dass eine Eigenschaft die anderen überwältigt und entkräftet. Charles Spurgeon formulierte es so: »Gott ist … so streng gerecht, als hätte er keine Liebe, und doch so innig liebend, als hätte er keine Gerechtigkeit.«

Liebe definieren

Zweitens muss die Bibel festlegen, was Liebe ist. Nicht selten ist die Liebe Gottes so verstanden worden, dass damit Gottes moralische Eigenschaften geleugnet werden. »Ich glaube an einen Gott der Liebe«, sagt jemand – und schafft damit den Gerichtstag ab und löscht die Feuer der Hölle. Moralische Kategorien werden im Namen der Liebe insgesamt verworfen. »Ein liebender Gott würde niemals …«, so beginnt irgendeine gutgemeinte Behauptung, und dann folgt eine Liste von Lebensstilunterschieden oder moralischen Forderungen, die Gott angeblich niemals stellen würde: Er würde mich nie verurteilen oder wollen, dass ich unglücklich bin, oder mein Verhalten missbilligen oder meine gewählte Identität in Frage stellen. Warum nicht? Weil – so die Behauptung – Gott nur und immer alles und jeden akzeptiere. Das sei Liebe. Gott wird damit durch ein amorphes (gestaltloses) Liebesverständnis neu definiert, losgelöst von Heiligkeit und von der Offenbarung Gottes in der Heiligen Schrift selbst. Wenn die Apostel sagen, Gott sei Liebe, meinen sie, dass er agapē ist, nicht erōscaritas, nicht amor – selbsthingebende, opferbereite Liebe, nicht romantische, erotische oder bloß warmherzig-sentimentale Liebe und auch keine unkritisch-alles-akzeptierende Liebe. Gottes Liebe macht Unterschiede, sie korrigiert Falsches und ist stets gerechte Liebe.

Die Bibel offenbart einen Gott, der sowohl gut als auch gerecht ist. Er ist »barmherzig und gnädig« und doch »hält er keineswegs schuldlos/ungestraft den Schuldigen« (2Mose 34,6–7). »Siehe nun die Güte und die Strenge Gottes«, sagt der Apostel Paulus (Römer 11,22). Wäre Gott nicht gerecht, wäre er nicht gut. Würde er über die Sünde hinwegsehen, das Böse ignorieren, Ungerechtigkeit dulden oder die Unschuldigen der Willkür der Gottlosen überlassen – ungerettet, ungerächt, unverteidigt und am Ende nicht unterschieden von den Bösen, denselben Raum, dasselbe Schicksal, dieselben Belohnungen und Strafen teilend –, dann wäre Gott nicht gut oder freundlich oder gerecht oder heilig. »Seine Liebe ist nicht und kann nicht blind und nachsichtig sein«, sagt Ian Hamilton, »genauso wenig, wie seine Gerechtigkeit und Heiligkeit nicht kalt und willkürlich sein können oder sind.« Also: Liebe erfordert Gerechtigkeit.

Zur Liebe geneigt

Drittens: Gott ist zur Liebe geneigt. Zwar dürfen wir die Liebe nicht alle anderen Eigenschaften Gottes überstrahlen lassen; dennoch können wir sagen, dass Liebe – und mit ihr sein Gutsein insgesamt – in gewissem Sinne »natürlicher« zu Gott gehört als sein Zorn. Er zieht es eher vor zu lieben, als denn strengere Ausdrucksformen seines Wesens zu offenbaren. Wir strapazieren mit solchen Aussagen natürlich die Sprache, weil Gottes Eigenschaften, wie gesagt, eine harmonische Einheit bilden. Liebe und Gerechtigkeit stehen in Gottes Wesen oder Bewusstsein nicht im Widerstreit. Doch die Bibel lehrt häufig, dass Gott an »beständiger Gnade/Güte« (hebr. chesed) Gefallen hat, während sie weniger lehrt, dass er Gefallen daran hat, Zorn zu üben. Micha 7,18 sagt: »Er behält seinen Zorn nicht auf ewig, denn er hat Gefallen an Güte«. »Gott ist eher zur Barmherzigkeit geneigt als zum Zorn«, sagt Thomas Watson (um 1620–1686). »Taten der Strenge werden ihm gleichsam abgerungen«. Die Bibel lehrt, dass »er nicht von Herzen plagt«, wohl aber willig und freudig liebt (Klagelieder 3,33; vgl. 5Mose 7,6–7). Er ist »langsam zum Zorn« und reich an beständiger Gnade (Psalm 103,8; vgl. 2Mose 34,6). Jesaja nennt Gottes Gericht sein »fremdes Werk« (Jesaja 28,21) – das, was Theologen opera aliena Dei (»die fremden Werke Gottes«) nannten.[3] Er ist eher ein zögernder Richter. Gott ist eher zur Liebe geneigt – zur Güte, Gnade und Barmherzigkeit – als zu Zorn, Grimm und Gericht. Der Ausdruck der Liebe offenbart stärker seine Neigung oder die Richtung seines Wesens als der Ausdruck seines Zorns. Ja, Gottes Liebe, so sagt der Puritaner William Gurnall (1616–1679), »setzt alle seine anderen Eigenschaften in Bewegung«.

Unsere Darstellung der Eigenschaften Gottes sollte stets in Demut erfolgen. So viel wir auch gesagt haben – es gibt immer mehr zu sagen. Das Endliche kann das Unendliche nicht umfassend oder erschöpfend erkennen. Dennoch können wir Gott wahrhaft erkennen und dort reden, wo die Bibel redet: Sie offenbart einen Gott, der zugleich Liebe und Licht ist, zugleich gnädig und barmherzig und gerecht verdammend. Am besten kann man dies in der Offenbarung Gottes in seinem Heilswerk auf Golgatha beobachten.

Endenoten, Quellen und Disclaimer

[1]   Lewis Bayly schrieb 1613 das vielbeachtete und in viele Sprachen übersetzte Werk: The Practice of Piety, directing a Christian, how to walk, that he may please God, das auch auf Deutsch herausgegeben wurde (dt. Basel 1628, Lüneburg 1631): »Praxis Pietatis: Das ist: Ubung der Gottseligkeit : Darinn begriffen/ wie ein Christgläubiger Mensch/ in wahrer erkäntnuß Gottes/ und seiner selbsten/ zunemen; sein Leben täglich in der Forcht Gottes anstellen/ mit ruhigem Gewissen zubringen/ unnd nach vollendetem Lauff seliglich beschliessen kan: Sampt beygefügten schönen Geist- und Trostreichen Gebetten ; Erstlich/ in Englischer Sprach uber die dreyssig mal; hernacher Frantzösisch zu unterschiedenen malen außgangen: anjetzo aber … auch in die Teutsche Sprach gebracht« (Basel: Wagner, 1630–1631).

[2]   Stephen Charnock (1628–1680), puritanischer Theologe, war ein englischer puritanischer presbyterianischer Geistlicher, geboren in der Gemeinde St. Katherine Cree in London. Charnocks theologischer Ruhm beruht hauptsächlich auf seinen Discourses upon the Existence and Attributes of God (»Abhandlungen über die Existenz und Eigenschaften Gottes«), einer Reihe von Vorträgen, die er vor den Mitgliedern seiner Gemeinde in Crosby Hall hielt; leider wurden die »Discourses« durch Charnocks Tod im Jahr 1680 unterbrochen. Die Abhandlung ist heute unter dem Titel The Existence and Attributes of God (»Die Existenz und Eigenschaften Gottes«) erhalten, die erstmals 1682 posthum veröffentlicht wurde. (Online PDF auf www.monergism.com)

[3] In der klassischen christlichen Theologie unterscheidet man zwischen den Opera propria Dei (den »Gott eigenen Werken«), die seinem Wesen im engeren Sinn entsprechen, also »Ihm gemäße Werke« sind. Darunter zählt man seine Gnade, Barmherzigkeit, Güte, Liebe und das Errettungswerk, wobei diese alle der moralischen Vollkommenheit Gottes Liebe (»Gott IST Liebe«!) zugeordnet sind. – Die Opera aliena Dei (die »Gott fremden Werke«) sind dann jene Werke Gottes, die Gott nicht um ihrer selbst willen tut, sondern als Antwort auf Sünde und Schuld. Darunter zählt man das Gericht, die Verdammnis, die Zürchtigung, den Zorn, den Grimm u.ä., wobei diese alle der moralischen Vollkommenheit Gottes Licht (»Gott IST Licht«) zugeordnet sind. »Fremd« heißt hier also nicht, das diese Werke un-göttlich oder dem Wesen Gottes widersprüchlich wären, sie sind vielmehr wesensgemäß möglich und notwendig und heilig, aber nicht wesensgemäß bevorzugt. Etwas platt formuliert: Gott richtet wirklich, aber ungern. Gott rettet wirklich, aber gern. Als erste Bibelreferenzen wären Jesaja 28,21, Klagelieder 3,33, Micha 7,18 und Hesekiel 33,11 zu überdenken. – Warum man diese theologische Unterscheidung einführte ist der Beobachtung in der Heiligen Schrift geschuldet, dass einerseits Gott wirklich gerecht ist und wirklich wirksam richtet, sein Gericht(reden) also nicht bloß pädagogisches Symbol, sondern reale göttliche Handlung ist. Andererseits sehen wir in der Heiligen Schrift ebenso, dass Gottes innerste Neigung Gnade ist und nicht der Zorn. Gericht ist bei Gott nicht Selbstzweck oder Ziel in sich selbst, sondern angesichts der Sünde ein absolut notwendiges, aber nicht das bevorzugte, Handeln Gottes. – Auch Martin Luther hat diese Unterscheidung genutzt, um zu zeigen, dass Gott durch das Gesetz (Zorn, Gericht, Verdammung; sog. Opus alienum) wirkt, um damit zum Evangelium (Gnade, Rechtfertigung vor Gott; sog. Opus proprium) zu führen. – Festzuhalten ist dogmatisch (theologisch), dass Gottes Wesen, seine göttlichen Vollkommenheiten, eine Einheit darstellen und dass Gottes Zorn nicht ein Gegenpol zur Liebe, sondern deren notwendige Ausdrucksform gegenüber dem Bösen ist.

Der Beitrag wurde übersetzt, adaptiert und mit Endenoten versehen von grace@logikos.club, basierend auf einem Artikel von Terry L. Johnson: Love, Justice, and Wrath in TableTalk Mai 2022, S. 14–16. Dr. Terry L. Johnson ist leitender Gemeindehirte der Independent Presbyterian Church in Savannah, Georgia (UAS). Er ist Autor der Bücher The Case for Traditional Protestantism und Reformed Worship. (Die Verwendung seines Beitrags hier bedeutet nicht ein Endorsement (Befürwortung) aller seiner Lehren durch logikos.club.)

Der »Jüngste Tag« und das »Jüngste Gericht«

Beim Lesen der Schriften und Predigten der Reformatoren oder auch in deren Tradition stehender reformatorischer Autoren kommen immer wieder die Begriffe »Der Jüngste Tag« und »Das Jüngste Gericht« vor. Diese Begriffe sind theologische Eigenbegriffe geworden, die sich vom heutigen Sprachgebrauch des Deutschen schwerlich erschließen lassen, sogar eher missdeutig sind. Sie scheinen nahezulegen, dass das gesamte Gericht am Ende der Menschheitsgeschichte an einem bestimmten Tag stattfinden werde.

Wir fragen uns: (1) sprachgeschichtlich: Woher kommen diese Begriffe, (2) semantisch: Was bedeuteten sie ursprünglich und (3) theologisch: Läuft wirklich nach biblischer Offenbarung am Ende alles an einem Tag des Gerichts zusammen?

Sprachgeschichtlich: Woher kommen diese Begriffe?

Die beiden deutschen Begriffe »Jüngster Tag« und »Jüngstes Gericht« sind mittelalterliche Lehn- und Übersetzungsbildungen, die in der lateinischen kirchlichen Überlieferung des Christentums entstanden und dann im Althoch-/Mittelhochdeutschen ins Deutsche übertragen wurden.

Die entsprechenden kirchenlateinischen Begriffe sind insbesondere:

  • dies iūdicii = »Tag des Gerichts«
  • iūdicium ultimum = »letztes/endgültiges Gericht«
  • dies novissimus / dies ultimus = »der letzte Tag«

Diese Ausdrücke wurden von Kirchenvätern wie Augustinus, Hieronymus und anderen gebraucht und in liturgischen Texten verwendet. Man findet die verdeutschten Begriffe bereits im mittelalterlichen Bibeldeutsch (so beim Benediktinermönch Otfried von Weissenburg (800–870), Autor des Evangelienbuches, oder beim St. Gallener Notker Labeo (950/60–1022), Bibelübersetzer und Fachterminiologe).

Semantisch: Was bedeutet der Begriff »jüngst« ursprünglich?

Im älteren Deutsch bedeutete »jüngst« nicht »am jüngsten«, also »kürzlich«, sondern vielmehr »zuletzt, am Ende«.

Der »jüngste Tag« bezeichnet also den »zuletzt kommenden Tag« und damit das (meist eschatologisch verstandene) Ende der Zeit und damit der Menschheitsgeschichte. – Entsprechend bezeichnet das »jüngste Gericht« das »letzte Gericht«, mithin das Endgericht über die Menschen, das am Ende der Zeit stattfinden soll.

Beide Begriffe bezeichnen also einen endzeitlichen (eschatologischen) Moment, in dem Christus als Weltenrichter die Toten und Lebenden richtet.

Dass der menschgewordene Sohn Gottes, Jesus Christus, dieser Weltenrichter ist, offenbarte er selbst: »Denn der Vater richtet auch niemand, sondern das ganze Gericht hat er dem Sohn gegeben, damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, ehrt den Vater nicht, der ihn gesandt hat.« (Johannes 5,22–23).

Im Niceno-Constantinopolitanums (381), das heute in Ost- und Westkirche des Christentums die Standardform des »Großen Glaubensbekenntnisses« ist, bekennt der Christ ebenfalls zeitlich undifferenziert: »Et iterum ventūrus est cum glōriā, iudicāre vivos et mortuos, cuius regni non erit finis.« (»Und er wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten, und seines Reiches wird kein Ende sein.«).

Ob dieses Gericht tatsächlich an genau einem, nämlich dem »jüngsten«, Tag stattfindet, ist im nächsten Abschnitt zu untersuchen.

Theologisch: Läuft am Ende alles an einem Tag des Gerichts zusammen?

Das Neue Testament differenziert die alttestamentliche Erwartung eines Endgerichttages (meist »Tag Jahwes«, yôm YHWH, genannt: Amos 5,18–20; Jesaja 13,6–13; Joel 1,15; 2,1–11; 3,4; 4,14; Zefania 1,14–18 u.a.) in mindestens drei endzeitliche Gerichtsszenen, die auch zeitlich zu unterscheiden sind:

  • Gericht der Glaubenden, Bēma-Gericht, Preisgericht. Auch für alle geretteten Glaubenden gilt, dass sie Rechenschaft für sich, also für all ihr Sein, Reden und Wirken, ablegen müssen. Der Apostel Paulus schreibt dazu u.a.: »Denn wir müssen alle vor dem Richterstuhl des Christus offenbar werden, damit jeder empfange, was er in dem Leib getan hat, nach dem er gehandelt hat, es sei Gutes oder Böses.« (2. Korinther 5,10), und: »Denn wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden. … So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben« (Römer 14,10b.12; s. a.: 1Kor 4,3–5; 1Kor 3,12–15 mit der Prüfung der Werke der Gläubigen; Galater 6,7–10). – Dieses Gericht führt ggf. zu Belohnungen für Gutes und Wertvolles im Wirken für Gott, alternativ zu Verlust solcher Belohnung, mitnichten aber zur ewigen Verdammnis: die hier vor dem Richterstuhl/thron Christi Stehenden sind alle ewig gerettet (1Kor 3,15). Das »Gericht der Glaubenden« ist kein »Verdammungsgericht«!
    Zeitlich ist dieser Gerichtstermin (Offenbarungstermin) zwischen der Sammlung aller Gläubigen durch die erste große Phase der Ersten Auferstehung und der Hochzeit des Lammes einzuordnen. Das Offenbarwerden eines jeden Gläubigen wird das Verständnis und die Wertschätzung des Gläubigen bzgl. der Retterliebe Christi aufs Stärkste entfachen und die »Braut« in feinste Hochzeits-Leinwand kleiden. Dies bildet die ideale Vorbereitung auf die himmlische Hochzeit mit dem Retter (vgl. Offb 19,7–8).
  • Gericht der Lebenden, Gericht der Völker, Böcke-Schafe-Gericht. Jesus, der Gesalbte, kündigt dieses Gericht in seiner »Endzeitrede« (Matthäus 25,31–46) an und beschreibt Beteiligte und Urteilskriterien. Betroffene: Es geht bei diesem Gericht um »alle Nationen/Völker« (πάντα τὰ ἔθνη; Mt 25,32); damit sind universal alle Menschen auf der Erde gemeint. Heute, in der »Zeit der Gnade/Gemeinde«, Lebende werden diesem Gerichtstermin nicht unterworfen sein: Diese Glaubenden haben anstelle dessen bereits den zuvor geschehenen Gerichtstermin erlebt (s.o.). Kriterium: Der Richtspruch geschieht im Hinblick darauf, wie diese Menschen sich gegenüber den Geringsten der »Brüder« des König-Richters Jesu Christi verhalten haben; selbst die kleinste Liebestat gegenüber dem Geringen wird großartig belohnt werden, da der richtende König dies als Akt an ihm selbst rechnet (Mt 25,40). Die Bezeichnung »Brüder« wird von manchen (meist ersatztheologisch) gedeutet auf alle Christen, oder rein humanistisch auf »alle bedürftigen Menschen«, kontextuell richtiger sind damit jedoch Juden gemeint, also jene Menschen, die wie Jesus Christus jüdischer Abstammung sind. Folgen: Es gibt nur zwei Urteile: (1) Die auf der Linken, die Böcke, werden verflucht, ins ewige Feuer geworfen und erleiden ewige Pein (Mt 25,41–46); (2) Die auf der Rechten, die Schafe, werden gesegnet und ins Erbe des Reiches Gottes auf Erden gesetzt, erhalten das ewige Leben (Mt 25,34–40.46).
    Zeitlich ist dieser Gerichtstermin (direkt) an den Beginn des Milleniums, der tausendjährigen Königsherrschaft Christi, zu setzen (Mt 25,31; vgl. Offb 20,4–6). Die Märtyrer der Großen Drangsalszeit (Offb 20,4) werden im Rahmen der nächsten Phase der »Ersten Auferstehung« auferstehen und ins Millennium eingehen. Zusätzlich werden die »Schafe« dieses Gerichtstermins ebenfalls in dieses irdische Reich Christi eingehen. Da ihr Urteilsspruch den Empfang des »ewigen Lebens« beinhaltet, ist davon auszugehen, dass sie nicht nur die zeitlichen Segnungen des irdischen Reiches Christi erleben werden, sondern als Besitzer des ewigen Lebens für immer zu den Gesegneten und Erlösten gehören werden. Ihr Dienst ist ein priesterlicher.
    NB: Man muss aufgrund anderer Stellen davon ausgehen, dass parallel dazu ein Gericht an Israel ausgeübt wird, vielleicht realisiert durch die »Große Drangsal«, am Ende derer der kommende Messias das Wunder der Wiedergeburt, der Buße und des Glaubens einem »Überrest« der Israeliten geben wird (vgl. Sacharja 12,8–13,1ff; Hesekiel 20,34ff). Oder das Gericht Israels erfolgt zu Beginn des Millennium durch Christus und die 12 Apostel als Beisitzern (Mt 19,28). Mit dieser Reinigung im Gericht erleben sie dann auch als Nation eine »Wiedergeburt« (Mt 19,28).
  • Gericht der Toten, Gericht am »Großen weißen Thron«. Dieses Gericht ist nach der prophetischen Entfaltung der Endzeit in der Offenbarung (Apokalypse) das letzte große Gericht. Betroffene: Hier treten nur »die Toten« auf (Offb 20,12.13), also alle Menschen, die körperlich bereits gestorben waren (erster Tod), jetzt aber auferstehen müssen zum Erscheinen vor diesem Gericht, um ihr letztendliches Urteil zu erhalten: »Und das Meer gab die Toten, die in ihm waren, und der Tod und der Hades gaben die Toten, die in ihnen waren« (Offb 20,13); das umfasst alle Toten zu jenem Zeitpunkt. Es gibt kein Versteck mehr für die Angeklagten, das Verbrennen/Zerstreuen/Vernichten des verstorbenen Körpers hilft überhaupt nichts. Kriterium: Es werden »Bücher« geöffnet, die alle Werke/Taten eines jeden Angeklagten aufgezeichnet enthalten. Aufgrund dieser Beweislage wird das Urteil gerecht gesprochen (Offb 20,12.13). Die soziale Stellung zählt nicht, nur die Taten (Offb 20,12). Als Gegenprobe wird zudem nachgesehen, ob einer der Angeklagten im »Buch des Lebens« geschrieben steht, was letztlich das Entscheidende ist. (Auch die Glaubenden haben viele Eintragungen in diesem Werkebuch – aber alle getilgt durch die Sühnetat Christi.) Vom Kontext her muss man davon ausgehen, dass dieser Check im Lebensbuch bei den Angeklagten ausnahmslos Fehlanzeigen liefern wird, denn die ewige Pein (»Feuersee«) und der ewige Tod ist ihr Urteil (Offb 20,15).
    Zeitlich: Dieses Gericht findet eine gewisse kurze Zeit nach dem Millennium statt (Offb 20,7).

Warum sollten wir das »Schafe-Böcke-Gericht« und das »Gericht am Großen Weißen Thron« unterscheiden?

Zu den biblischen Gründen, das »Schafe-Böcke-Gericht« und das »Gericht am Großen Weißen Thron« zu unterscheiden und nicht zu einem »Jüngsten Gericht« zusammenzuwerfen, gehören zusammenfassend folgende neun:

  1. Der Zeitpunkt des Schafe-Böcke-Gerichts steht im Zusammenhang mit der Wiederkunft Christi (s. Mt 25,31-32). Jesus der Gesalbte kommt in Herrlichkeit mit seinen Engeln, setzt sich als König der Könige und Weltenrichter auf seinen glorreichen Thron und alle Nationen/Völker werden vor ihm versammelt. Das Gericht am Großen Weißen Thron findet nach der Wiederkunft Christi (Offb 19) und der tausendjährigen Herrschaft Christi mit den Heiligen (Offb 20,4–7) statt: Erst nachdem die tausend Jahre vollendet sind (20,7), findet das Gericht am Großen Weißen Thron statt (20,11–15).
  2. Der Zweck des Schafe-Böcke-Gerichts ist es, zu sehen, wer das Reich (Millennium) »erben« wird (Mt 25,34) und wer nicht (Mt 25,41). Der Zweck des Gerichts am Großen Weißen Thron ist es, richterlich nach Beweislage (»Bücher«, Taten) zu erweisen und zu urteilen, dass die dort Angeklagten (die »Toten«) alle gerechtermaßen auf ewig in den Feuersee geworfen werden (Offb 20,15).
  3. Die Angeklagten im Schafe-Böcke-Gericht sind sowohl Gläubige als auch Ungläubige (Schafe und Böcke/Ziegen; Mt 25,32). Die Angeklagten im Gericht am Großen Weißen Thron scheinen Ungläubige zu sein. Obwohl der Text in Offenbarung 20,11–15 die Anwesenheit von Gläubigen bei diesem Gericht nicht ausschließt, werden Gläubige bei diesem Gericht überhaupt nicht erwähnt. Aber Ungläubige, die beim Gericht am Großen Weißen Thron zum Feuersee verurteilt werden, werden erwähnt (Offb 20,15).
  4. Die Rechtsgrundlage (Kriterien) für das Urteil beim Schafe-Böcke-Gericht ist, wie die Nationen die »Brüder« Christi behandelt haben (Mt 25,40). Die Grundlage für das Gericht am Großen Weißen Thron sind (alle) deren Werke (Offb 20,13).
  5. Die Angeklagten des Schafe-Böcke-Gerichts scheinen solche Menschen zu sein, die zum Zeitpunkt der Wiederkunft Jesu Christi leben. Es wird keine gemeinsame Auferstehung der erlösten und unerlösten Toten erwähnt. Das Gericht am Großen Weißen Thron besagt, dass es für die Toten ist, die speziell für dieses Gericht auferstehen (Offb 20,13). Das Meer und der Hades geben ihre Toten für dieses Gericht heraus.
  6. Das Schafe-Böcke-Gericht erwähnt keinen »Großen Weißen Thron«, während das Gericht am Großen Weißen Thron dies ausdrücklich tut (Offb 20,11). 
  7. Das Schafe-Böcke-Gericht erwähnt kein »Buch des Lebens«, während das Gericht am Großen Weißen Thron dies tut (Offb 20,12).
  8. Das Schafe-Böcke-Gericht deutet nicht darauf hin, dass der Tod und der Hades in den Feuersee geworfen werden, während dies beim Gericht am Großen Weißen Thron der Fall ist (20,14).
  9. Die Tatsache, dass es zwei Auferstehungen gibt, die durch tausend Jahre voneinander getrennt sind (s. Offb 20,4b–5), deutet stark darauf hin, dass es zwei Gerichte geben wird, die durch tausend Jahre voneinander getrennt sind.
Die drei Gerichtstermine (Quelle: Benedikt Peters (2008).

Disclaimer und Quellen

J. MacArthur & R. Mayhue, Biblische Lehre: Eine systematische Zusammenfassung biblischer Wahrheit. 3. Aufl. Berlin: EBTC, 2023, ISBN: 978-3947196500.

Michael J. Vlach, Why the Sheep/Goat Judgment and Great White Throne Judgment Are not the Same Event, Blogeintrag, 23.06.2011, https://mikevlach.blogspot.com/2011/06/why-sheepgoat-judgment-and-great-while.html (12.01.2026). Vlachs grundlegende und weiterführende Beiträge und Monographien sind zum Verständnis des »Dispensationalismus« und dessen aktuellen Formen m.E. unverzichtbar.

Michael J. Vlach, Dispensationalismus. Fakten und Mythen. 1. Aufl. Berlin: EBTC, 2020. (Die überarbeitete 2. Auflage kommt 2026 heraus.)

Benedikt Peters, Geöffnete Siegel. Auslegung zur Offenbarung. Überarb. Neuauflage (Bielefeld: CLV, 2008). Tabellarische Übersicht auf S. 195. Link zur PDF des Buches auf der Verlagsseite des CLV.

Sola Scriptura: Das Fundament der Reformation

Artikel von Dr. Robert E. Brunansky (29.10.2025) | Reposted in German with kind permission by Dr. Brunansky (11.11.2025).

Am 31. Oktober 1517 schlug Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Kirche und löste damit die protestantische Reformation aus. Luther wollte keine politische oder spirituelle Revolution anzetteln, sondern eine Diskussion über das theologische Problem der Ablässe anstoßen. 

Der Verkauf von Ablässen in der römisch-katholischen Kirche hatte seinen Ursprung nicht in geistlichen, sondern in zivilrechtlichen Gründen. Im Mittelalter war die Kirche gleichbedeutend mit dem Staat und setzte daher nicht nur theologische, sondern auch zivilrechtliche Normen durch. Ablässe wurden also zunächst für Straftäter eingeführt, um für Vergehen gegen den Staat Buße zu zahlen, wodurch dessen Einnahmen erhöht und die Ausgaben gesenkt wurden. Ursprünglich versprach die Kirche keine geistlichen Vorteile durch den Kauf von Ablässen. 

Da Kirche und Staat jedoch vereint wirkten, verschwand diese Unterscheidung zwischen der zivilen Schuld und Vergebung und der geistlichen Schuld und Vergebung. Die Kirche erkannte, wie effektiv Ablässe bei der Erzielung von Einnahmen für kriminelle Aktivitäten waren, und begann, Ablässe für geistliche Versprechen zu verkaufen. Als Martin Luther neun Jahrhunderte später auftauchte, war der Verkauf von Ablässen für geistliche Vorteile weit verbreitet. Es überrascht nicht, dass Ablässe umso »geistlich vorteilhafter« wurden, je mehr Geld Rom benötigte.

Martin Luther verstand, dass wahre Erlösung durch die Vergebung von Sünden nicht mit vergänglichen Dingen erkauft werden konnte (1Petrus 1,18–19). Luther verurteilte daher zu Recht diesen Ablasshandel und verbreitete das Evangelium von Gottes Gnade. Dies löste einen Sturm der Entrüstung aus, da Rom seine Einnahmequelle nicht verlieren wollte.

Im Mittelpunkt der Reformation stand mit Recht das reine Evangelium. Um das Evangelium deutlich zu erklären, wurden Grundsätze entwickelt – die fünf Solas der Reformation. Das erste war sola gratia, was »allein aus Gnade« bedeutet. Wir empfangen die Erlösung, weil Gott sich frei dafür entschieden hat, sie uns zu schenken. Das zweite war sola fide, was »allein der Glaube« bedeutet. Werke können Sünder vor einem heiligen Gott nicht rechtfertigen, das Heil wird ausschließlich auf der Grundlage des Glaubens geschenkt.

Wie können wir jedoch vor einem Gesetz, das uns gebietet, bestimmte Dinge nur durch den Glauben und niemals durch Werke zu tun (oder nicht zu tun), gerecht stehen? Hier finden wir den Grundsatz von solus Christus, Christus allein. Unsere Erlösung basiert auf seinem Gehorsam, nicht auf unserem. Kein Mensch kann unsere Erlösung retten oder zunichte machen, nur Christus rettet. 

Soli deo gloria folgt dann nach Logik und gemäß der Heiligen Schrift. Wenn die Erlösung allein aus Gnade, allein durch den Glauben und allein in Christus geschieht, dann haben wir keinen Grund, uns zu rühmen. verdient Gott allein alle Ehre für unsere Erlösung (Römer 11,36). Das alles ist logisch konsistent. Aber die Reformatoren schufen damit kein philosophisches System, sondern versuchten nur zu erkennen, was die Heilige Schrift über die Erlösung lehrt. Das Grundprinzip, auf dem diese solasberuhten, war sola scriptura, allein die Heilige Schrift. Die Grundlage für die Argumente der Reformatoren waren nicht menschliche Traditionen, kirchliche Dogmen oder päpstliche Erlasse, sondern die Heilige Schrift selbst. 

Das heißt nicht, dass die Reformatoren bereits in allem Recht hatten. Die Reformatoren selbst waren sich über bestimmte Lehren uneinig, wie zum Beispiel die Taufe, die Natur der göttlichen Erwählung und das Abendmahl. Ihr Grundprinzip war jedoch, dass die Heilige Schrift für alle Fragen die letzte Autorität war. 

Das Prinzip »allein die Heilige Schrift« war damals radikal, aber es war schon immer umstritten. Das Hauptproblem mit »allein die Heilige Schrift« war nicht ihre Notwendigkeit. Alle waren sich einig, dass die Heilige Schrift notwendig war. Das Problem betraf ihre Hinlänglichkeit (Genugsamkeit). Reicht die Schrift, oder brauchen wir die Heilige Schrift plus kirchliche Traditionen, päpstliche Erlasse oder etwas anderes? Reicht es, wenn wir allein (exklusiv) die Heilige Schrift haben, um Gott, die Erlösung und ein gottgefälliges Leben zu kennen? Glauben wir an die Kraft der Heiligen Schrift, das zu tun, was sie verspricht? Und vor allem: Behauptet die Heilige Schrift selbst, für alles, was zum Leben und zur Frömmigkeit notwendig ist, ausreichend zu sein? 

Der Apostel Paulus beantwortete diese Frage seinem Schützling Timotheus (2Timotheus 3,16–17) brieflich aus dem Todestrakt eines römischen Gefängnisses heraus. Für Timotheus war dies eine beängstigende Situation. Wie sollte er ohne die Weisheit des Apostels Paulus wissen, was ferner zu tun war? Paulus gibt Timotheus eine klare Antwort. Timotheus muss sich an die Heilige Schrift halten, die ihn ausreichend für seine von Gott gegebene Aufgabe ausrüsten kann. Timotheus brauchte Paulus nicht notwendigerweise; er brauchte aber Gottes Wort. Hier liegt der springende Punkt: Die Heilige Schrift reicht völlig aus, um uns für alles auszurüsten, wozu Gott uns berufen hat. Die Hinlänglichkeit der Heiligen Schrift allein war das Argument des Paulus‘ gegenüber Timotheus, und es ist auch das Argument des Heiligen Geistes gegenüber uns. Was wir brauchen, um Gott zu gefallen und ihm zu gehorchen, sowohl individuell als auch gemeinschaftlich, ist sein Wort. Um dies zu verdeutlichen, möchte ich drei Wahrheiten über die Heilige Schrift aus diesem Abschnitt betrachten.

Erstens sollten wir die Quelle der Heiligen Schrift verstehen (Vers 16a).

Paulus sagt uns, dass die gesamte Heilige Schrift von Gott inspiriert ist. Gott ist der Verfasser der gesamten Bibel – nicht nur von Teilen davon. Die Heilige Schrift wurde von Gott eingegeben und ist das Werk des Heiligen Geistes. Die Bibel, die wir in unseren Händen halten, ist nicht aus menschlicher Genialität, Meinung, Philosophie oder Kreativität entstanden. Sie ist das Produkt des Geistes des ewigen Gottes.

Allzu leicht lassen wir uns von menschlichen Ideen, Forschungen, Gedanken und Meinungen überzeugen und vernachlässigen oder lehnen Gottes Wort ab. Dabei haben wir den Geist Gottes, der mit der Bibel redet. Die Heilige Schrift steht für sich allein als von Gott gegeben und von Gott eingegeben. Alles andere ist weit abgeschlagen.

Zweitens müssen wir die Nützlichkeit der Schrift verstehen (Vers 16b).

Gott hat uns kein esoterisches, abstraktes Buch der Metaphysik gegeben. Er hat uns ein Wort gegeben, das nützlich, praktisch und hilfreich ist. Keines seiner Worte ist unpraktisch, irrelevant, veraltet oder trivial – von 1Mose 1,1 bis Offenbarung 22,21.

Paulus skizziert vier Dinge, die die Heilige Schrift bewirkt. Zunächst sagt er, dass die Heilige Schrift für die Lehre nützlich sei. Was ein Mensch glaubt, hat einen entscheidenden Einfluss darauf, was er tut und wie er lebt. Menschen, die Irrtümer glauben, empfangen keine Wahrheit. Sie haben dann falsche Lehren, die verurteilen, zur Sünde führen und Zerstörung bringen. Christen hingegen sind im Glauben an die Wahrheit von Irrtümern befreit worden. Die Heilige Schrift ist also nützlich, um ein richtiges Verständnis von Gott, dem Menschen, der Welt, Satan, der Erlösung, dem Gericht und dem Gehorsam zu fördern. 

Außerdem sagt Paulus, dass die Schrift zur Überführung nützlich ist. Gottes Wort zeigt, was wahr ist, und beweist, was falsch ist, wo wir richtig liegen, und wo wir sündigen. Die Verfasser des Neuen Testaments verwenden die Schrift oft auf diese zweischneidige Weise und berufen sich sogar innerhalb der Bibel ständig auf die Bibel! Der dritte Verwendungszweck, den Paulus erwähnt, ist die Zurechtweisung. Die Schrift ist nützlich, um uns zu zeigen, wo unser Verhalten sündig, gottlos oder böse ist, und um dann korrigierend anzuweisen, wie wir unseren Kurs ändern müssen. Abschließend sagt Paulus, dass Gottes Wort nützlich ist für die Unterweisung in der Gerechtigkeit. Wir brauchen erziehende Unterweisung, damit wir nicht nur wissen, was zu tun ist, sondern auch dazu befähigt und willig sind, es konsequent in die Tat umzusetzen.

Für diese Dinge ist die Schrift nützlich. Gottes Wort lehrt uns, Wahrheit von Irrtum zu unterscheiden, Sünde abzulegen und zu gehorchen. Es ist äußerst nützlich und praktisch.

Schließlich müssen wir den Zweck der Schrift betrachten (Vers 17).

Der Zweck der Schrift ist es, uns vollständig zu befähigen, ein gottgefälliges Leben in einer feindseligen Welt zu führen. Die Bibel reicht aus, um uns alles zu lehren, wozu Gott uns berufen hat. Wenn wir in der Schrift verwurzelt sind, werden wir gründlich darin geschult sein, Gottes Willen zu tun.

Es gibt einen Fall, in dem die Schrift der Gemeinde oder den Gläubigen keinen Nutzen bringt, nämlich wenn Menschen sie ablehnen (Hebräer 4,2). Wenn die Schrift als irrelevant, unpraktisch oder machtlos erklärt wird oder erscheint, liegt das Problem nicht bei Gottes Wort. Die Schrift bringt keinen Nutzen, wenn Menschen nicht glauben, was sie lesen. Unglaube ist die einzige Barriere, das uns daran hindert, von der Schrift zu profitieren.

Die »Evangelikalen« sind die Erben der protestantischen Reformation. Es sollte kein Zweifel daran bestehen, dass die Heilige Schrift unsere letzte Autorität in allen Fragen der Lehre und Praxis ist und sein muss. Glauben wir also an das Wort Gottes? Ist unser Hören oder Lesen der Heiligen Schrift mit Glauben verbunden? Glauben wir, dass es uns lehren, überführen, zurechtweisen und unterweisen wird, Gottes Willen zu tun? Oder schauen wir auf die Meinungen und Ideen bloßer Menschen? 

Sola scriptura ist eine wunderbare Grundlage, aber ohne Glauben ist sie nutzlos. Lasst uns in Gottes Wort eintauchen, daran glauben und uns davon verwandeln lassen.

Über Robb Brunansky

Dr. Robert E. Brunansky ist Gemeindehirte und -lehrer in der Desert Hills Bible Church (DHBC) in Glendale, Arizona (USA). Er hat einen M. Div. von The Master’s Seminary in Sun Valley, CA (USA) und einen Ph.D. für Neues Testament vom Southern Baptist Theological Seminary in in Louisville, KY (USA). Robb uns seine Frau Randi sind seit über 20 Jahren verheiratet und haben vier Kinder, zwei Töchter und zwei Söhne.

Quelle und Disclaimer

Copyright 2025 by Robert E. Brunansky. Original (Link):
https://thecripplegate.com/sola-scriptura-the-foundation-of-the-reformation/

Eigene Übersetzung von grace@logikos.club. Erlaubnis für diese Veröffentlichung wurde vom Autor am 11.11.2025 erteilt.

Das Gleichnis vom vierfachen Ackerboden im Markusevangelium

Posttraumatische Betrachtung einer missglückten Verkündigung 

10 Und als er allein war, fragten ihn die, die um ihn waren, mit den Zwölfen über die Gleichnisse.
11 Und er sprach zu ihnen: Euch ist es gegeben, das Geheimnis des Reiches Gottes [zu]erkennen]; denen aber, die draußen sind, wird alles in Gleichnissen zuteil, 12 damit »sie sehend sehen und nicht wahrnehmen, und hörend hören und nicht verstehen, damit sie sich nicht etwa bekehren und ihnen vergeben werde.« 
Markus 4,10–12 (ELBCSV)

Im September 2025 sprachen drei Redner über den oben angegebenen Text aus dem Evangelium nach Markus: der erste recht ausführlich, der zweite eher ergänzend und episodisch, der dritte versuchte eine rettende Zusammenfassung. Leider wurde von allen etwas gelehrt und gesagt, das nicht im Text steht noch dessen Lehre wiedergibt. Das reicht von einfachen Beobachtungsfehlern, über das Reden von biblisch Wahrem, das aber an anderer Stelle anders gesagt und daher keine Auslegung des vorliegenden Textes ist, bis zu Behauptungen, die im direkten Widerspruch zum Text stehen.

Zur Verarbeitung des nicht geringen Zuhörer-Schocks versuchen wir, einige analytische und einige ermahnende und einige motivierende Gedanken niederzuschreiben. Das Ziel solcher Betrachtung ist mehrfach. Wichtig wäre, daraus zu lernen, solche Fehler in Zukunft nicht mehr (so häufig) zu machen. Wir sind alle Lernende und noch nicht Vollkommene. Auch in der Verkündigung. Also: Lasst uns aus diesem menschlich peinlichen und Gott verunehrenden »Unfall« lernen!

Kontext

Kontext: Dieser Text ist Teil des Diskurses Jesu mit seinen Jüngern und weiteren (»die um ihn waren«; 4,10) über die Gleichnisse (Plural!), von denen eines in den Versen 4,3–9 (samt Appell) berichtet wird: das sog. Gleichnis vom Sämann oder Gleichnis vom vierfachen Ackerboden.

Um was geht es: Jesus sagt, dass er mit diesem Gleichnis vom »Geheimnis des Reiches Gottes« rede (4,11). Zusätzlich sagt er, dass dieses Gleichnis samt den anderen der Lehre diene (4,2).

Weiterer Kontext

(1)  Dieses Gleichnis wird in allen 3 Synoptikern wiedergegeben, allerdings mit bedeutsamen Unterschieden, die zur jeweiligen Botschaft des Evangeliums passen. Der Herr hat dieses grundlegende Gleichnis wohl oft erzählt und die Betonung unterschiedlich gelegt. Das ist zu beachten, daher ist der jeweilige Kontext wichtig. Man sollte daher nicht unbesehen den Text in Matthäus verwenden, um den Text in Markus zu erklären!

(2)  In Markus wird Jesus Christus, der Sohn Gottes, als Diener oder Knecht Gottes dargestellt, der mit mächtigen Worten und Taten Gott dient. Er ist der »Knecht Jahwes«, von dem das AT spricht (s. z.B. Jesaja 42,1; 52,12; 53,11).

(3)  Gleichzeitig berichtet Markus auch, wie der Vorbild-Diener Jesus die nächste Generation von Dienern, die Apostel und andere, ausbildet. Daher erklärt Jesus den Jüngern manches, was er tut und warum er es tut. So auch hier bei deren Fragen, warum Jesus (plötzlich) in Gleichnissen zu den Volksmengen redete.

Genre

Wir haben hier ein Gleichnis! Ein Gleichnis lehrt eine Sache, hat (zumeist) nur eine Pointe. Alles andere wird dort nicht gelehrt. Einem Gleichnis wird Gewalt angetan, wenn man – wie geschehen – die eigentliche Lehraussage nicht erkennt, sondern vorgefasste Probleme und Meinungen in das Gleichnis hereinträgt. Ein Gleichnis darf auch nicht zur Allegorie gemacht werden, bei der alles im Bildbereich Erwähnte einen geistlichen Sinn im Gegenstandsbereich haben soll.

Dass dabei die Gefahr besteht, den Geist Gottes zu beleidigen, ist offenbar. Das geschieht, wenn wir dem vom Ihm gegebenen Text etwas zuzuschreiben, was Er nicht sagt und nicht beabsichtigt hat. Zumindest ist dann das Gesagte und Behauptete nicht das betrachtete Gottes Wort und hat keine entsprechende Autorität. Das sollte man vermeiden, auch wegen der unmittelbaren Gefahren.

Was lehrt das Gleichnis? 

Jesus zeigt m.E. seinen Jüngern (und anderen) auf, warum die Predigt des Wortes, so wie Er es als treuer Knecht Gottes selbst vorlebte und wie es die Jünger in Seinem Auftrag ebenfalls tun sollten, zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen führt. Diese (manchmal frustrierende) Folge ihrer treuen Predigt sollte sie nicht entmutigen, denn:

  1. Der Mangel an (nachhaltiger) Frucht liegt weder am Sämann noch am Samen. Das galt für den Herrn Jesus Christus selbst, das gilt auch für jeden seiner Nachfolger, der das Wort Gottes rein und richtig verkündigt. (Das ist die Herausforderung jedes Predigers!) – Es ist z.B. keine Nachlässigkeit des Sämanns, dass er nicht zuerst den Boden gepflügt hatte, sondern das war damals einfach so üblich. Dieses Randthema im Bildbereich des Gleichnisses ist nicht »zu vergeistlichen« (in den Gegenstandsbereich zu übertragen)!
  2. Das beobachtbare Ergebnis des Ausstreuens des Samens (=des Predigens des Reiches Gottes), die nachhaltige Frucht, hängt nach Markus davon ab, wohin der Same gesät wird: »an dem Weg, wo das Wort gesät wird«, »auf das Steinige gesät«, in die Dornen gesät« oder »auf die gute Erde gesät«. – Nicht alles, was man das Wort predigend aussät, geht auf.
  3. Vier deutlich verschiedene Wirkungen/Ergebnisse bei gleichem Samen werden damit beschrieben. Aber Markus sagt nicht, dass das »Herz« der Hörer so sei, wie der jeweilige Ackerboden. Das ist bei Matthäus 13,19 und Lukas 8,12.15 die Erklärung, aber nicht bei Markus. Die Formulierung in Markus ist eine andere, nämlich: »diese sind die, die/wo…gesät sind« (Markus 4,15–20). Das heißt, die Personen samt ihrer Reaktion auf das Wort werden im Gleichnis mit der Fruchtbarkeit der verschiedenen Ackerböden verglichen.
  4. Die Vermutung, dass dabei das Herz eine große Rolle spielt, ist biblisch wahr, aber nicht Teil des Gleichnisses noch seiner Auslegung durch den Herrn Jesus in Markus. Das Herz wird zwar in der AT-Referenz Jesaja 6,10 zweimal erwähnt, aber genau diesen Teil zitiert der Herr Jesus in Markus nicht, sondern nur den Teil mit den Augen und Ohren (Markus 4,12)! – In Matthäus und Lukas wird jeweils ein anderer Schwerpunkt gesetzt und in Matthäus wird begründend das Jesaja-Zitat inkl. der Nennung des Herzens wiedergegeben. Dieser Unterschied hat Bedeutung. Der Prediger muss in der Vorbereitung seiner Predigt klären, welche!
  5. Die Frucht ist bei Markus progressiv wachsend: 30➞60➞100. Nicht, wie der dritte Redner falsch zitierte, absteigend (so nur in Matthäus 13,8.23, was zu dessen Botschaft passt). Diese Entwicklung einiger Hörer ist also sehr ermutigend für den Prediger, ähnlich Lukas 8,15, wo solche sind, die »Frucht bringen mit Ausharren« (ohne Stufung).
  6. Das Zitat einer AT-Stelle fordert, dass man auch deren Kontext und Bedeutung erarbeitet. Schon im AT wird ermutigt, das Wort zu predigen, selbst wenn es nicht bei jedem Hörer Frucht bringt. Es kann sogar sein, dass niemand hört/gehorcht, wie bei Jeremia (Jeremia 5,20ff)! Vielleicht verdeutlicht der Herr Jesus hier Prediger 11,4ff: »Wer auf den Wind achtet, wird nicht säen, und wer auf die Wolken sieht, wird nicht ernten. Wie du nicht weißt, welches der Weg des Windes ist, wie die Gebeine im Leib der Schwangeren sich bilden, ebenso weißt du das Werk Gottes nicht, der alles wirkt. Am Morgen säe deinen Samen und am Abend zieh deine Hand nicht ab; denn du weißt nicht, welches gedeihen wird: ob dieses oder jenes, oder ob beides zugleich gut werden wird.« – Das ist m.E. auch die Botschaft dieses Gleichnisses in Markus 4, die der Herr Jesus seinen Nachfolgern lehrte.

Wird der Lehr-Punkt des Gleichnisses hier in Markus nicht erkannt oder werden weitere Gedanken (bibel-richtige oder -falsche) ins Gleichnis des vorliegenden Textes hineingelesen oder gar das Gleichnis vergewaltigend allegorisiert, wird man es nicht begreifen. Man missbraucht es letztlich, wenn auch ohne böse Absicht, sondern oft einfach mangels gründlichen Studiums des Textes. Das dann Gesagte hat keine Autorität des Textes und kann sogar verführend oder vernebelnd wirken.

Was lehrt das Gleichnis in Markus nicht? 

  1. Das Gleichnis lehrt nicht, dass ein Mensch ermahnt werden soll, seinen Ackerboden (Herzensboden) zu verändern. Es geht nicht um Ermahnung der Hörer, sondern um Ermutigung der Verkündiger (Evangelisten, Apostel u.a.). Sie sollen stets weiter säen, egal wieviel Frucht entsteht oder nicht. – Die Ermahnung, recht zu hören, wird an anderer Stelle getroffen, zum Beispiel in Lukas 8,18: »Gebt nun Acht, wie ihr hört; denn wer irgend hat, dem wird gegeben werden, und wer irgend nicht hat, von dem wird selbst das, was er zu haben meint, weggenommen werden«. Vgl. dazu auch: 5Mose 8,20; Psalm 95,7–11 mit Hebräer 3,7.15; 4,7. – Bleiben wir aber bei Markus!
  2. Das Gleichnis lehrt nicht über eine »Prädestination des Ackerbodens«. Der erste Hauptredner sagte, dass die Hauptfrage zum Text folgende sei: »Die erste Frage, wo ich Probleme hatte: Ist das Prädestination, ist das Vorherbestimmung? Können die Menschen überhaupt dafür irgendwas, dass sie der Weg, das Steinige, das Fels ist sind?« [sic].  – Mit dieser Angabe wurde sofort klar, dass die Predigt höchstwahrscheinlich ins Kraut schießen wird, denn dieses Thema wird im Text überhaupt nicht genannt noch behandelt, es ist jedenfalls nicht seine erste Frage! – Die biblische Lehre der Zuvorbestimmung (Prädestination) muss man zuerst in diesen Text hineinlegen, wenn man ihn dort finden will. Ist Prädestination das zu lehrende Thema, dann muss man aber zu Stellen im Wort Gottes gehen, wo darüber gelehrt wird, nicht zu Stellen, wo von der Verantwortung des Menschen die Rede ist. (s.u. unter »Angebliche Probleme«)
  3. Der dritte Redner meinte, vielleicht um die Verkündigung zu retten, dass die erste, wichtigste Frage des Gleichnisses vielmehr folgende sei: »Was verhindert bei dir die Frucht?« – Aber das Gleichnis spricht nicht zum Ackerboden mit der Aufforderung, er möge sich ändern! Das könnte evtl. eine weithergeholte Anwendung sein (und zwar basierend auf einer anderen Stelle der Schrift!), sie gründet aber nicht auf dem Zentralgedanken (d.h. der Lehre) des Gleichnisses. Die »erste Frage« eines Gleichnisses ist ihr Hauptpunkt, und der richtet sich in Markus m.E. an die Prediger (Sämänner) der Frucht, und nicht an den Ackerboden. Christus lehrt hier, warum das gute Wort Gottes nicht überall 100% Frucht bringt (wenn es doch göttlich, ja Gottes Kraft, ist). Die Antwort ist: Es liegt an den Hörern, wie sie das Wort Gottes aufnehmen – oder auch nicht aufnehmen. Dies aber liegt außerhalb der Verantwortung des Predigers. – Die Zuhörer der hier behandelten Verkündigungsbeiträge wurden aufgefordert, folgende Zentralfrage mit nachhause mitzunehmen: »Hat das Wort Gottes bei dir Auswirkungen, hat es in deinem Herzen Auswirkungen, kann es aufgehen, kann es wachsen?« (usw.). Es wurde also der Ackerboden ermahnt, wie es im Markus-Text nirgendwo getan wird. (Wenn das das Thema sein sollte, sollte der Prediger eher Lukas 8,18 verwenden: »Gebt nun Acht, wie ihr hört«, s.o.)
  4. Das Gleichnis in Markus erklärt auch nicht, dass der Ackerboden dem »Herzensboden« der Hörer zu vergleichen sei. Der Herr lehrt und deutet es nicht so. Das »Herz« taucht weder im Gleichnis noch in der Erklärung auf. Der dritte Redner lieferte hier leider noch eine weitere falsche Angabe, die zu Matthäus 13 gehört, was aber nicht der betrachtete Predigttext war.
  5. Der erste Redner sagte abschließend: »Dieses Gleichnis lehrt uns, dass wir selber entscheiden können, wie wir sind, welche Erde wir sind, ob wir Christen sind oder nicht.« – Nein, das lehrt dieses Gleichnis in Markus 4 sicher nicht! Es lehrt vielmehr, dass es einigen (den Jüngern) »gegeben ist, das Geheimnis des Reiches Gottes zu erkennen« (4,11), aber »denen, die draußen sind« (und das ist immer deren Schuld!) wird alles in geheimnisvoller Sprache (Gleichnissen) gesagt, »damit« sie nicht sehen, wahrnehmen, bekehren, vergeben werden! – »Es wird ihnen gegeben« heißt gerade nicht, »sie können selbst entscheiden«! Die erste Aufgabe beim Verstehen eines Textes ist: Aufmerksam Beobachten!

Angebliche Probleme im Text

Das »Problem«, das der erste Redner im Text sah und einleitend wie auch später aufgreifend besprach, war die »Prädestination«. Es ist erstaunlich, dass dieses Thema, das ja an anderer Stelle der Schrift völlig klar gelehrt wird, (1) hier gesucht wird, wo es weder mit Begriff genannt noch inhaltlich verhandelt wird, und (2) Zweifel an einer klaren Lehre der Schrift geäußert werden, zudem mit dafür völlig untauglichem Bibeltext. Da fehlt es (wohl auch) an Basics in der Heilslehre. Es tut in der Seele weh, wenn solche eklatanten Mängel in den Grundlagen des Glaubens und der Verkündigung von der Kanzel ausgebreitet werden dürfen.

Der zweite Redner stürzte sich (auch) auf Vers 12, der ihm früher »sehr viel Bauchschmerzen gemacht« habe. Dann versuchte er, das (telische»damit« umzuerklären, und ihm eine andere Deutung zu geben. (Ich denke nicht, dass diese Behauptung einer gründlichen Untersuchung des Textes entsprang.) Er behauptete, dass dies »eine typische Elberfelder Übersetzung« (i.S. des konkordanten Übersetzungsansatzes) sei. Das »damit« (gr. hina) könne vielmehr mehrere Bedeutungen haben und würde hier eine Begründung einleiten (also kausal sein): »weil sie«. Diese Behauptung einer nicht-telischen Bedeutung von hina (was aber die Hauptbedeutung  dieses Wortes ist) kommen hauptsächlich von solchen Theologen, die die Souveränität Gottes im Heil und Gericht und diese Rede Jesu als »zu hart« ablehnen. Es ist also nicht bessere Deutung, sondern Um-Deutung in Richtung der eigenen vorgefassten theologischen Meinung. Die Schwierigkeit ist auch nicht zu umgehen mit der Erklärung, dass eben einige nicht lange genug Jesus zugehört haben, sondern vorzeitig gegangen seien (und dann »draußen« waren), und daher nicht verstehen würden. Diese Leute hätten vielmehr auch tausend Stunden hören können, ohne zu verstehen. – 
Einige klärende Kommentatoren dazu: »Das Zitat wird mit der griechischen Konjunktion hina (damit) eingeleitet, die in diesem Fall keine resultierende Bedeutung haben kann, sondern einen Zweck bezeichnen muss (Alf, I, 333*)« (Pfeiffer/ Harrison). – »ἵνα wahrscheinl[ich] fin[al] damit; ein Ausweichen auf Nebenbedeutungen wie so dass (kons.) od. weil/denn (kaus.) o.ä., sprachl. zwar z. T. nicht unmögl. (vgl. B II2; BDR § 4562), erscheint forciert« (von Siebenthal). – »Das ἵνα darf nicht abgeschwächt werden, wie ita ut, wie Rosenmüller und andere behaupten. Wir müssen daran festhalten, dass diese harte Äußerung auf Jesaja 6,9 ff basiert und daher im Sinne dieser Stelle interpretiert werden muss.« (Lange/Schaff).

Viel besser, weil textgebunden, wäre es also, wenn man sich das Jesaja-Zitat, das der Herr hier (in Auszügen) verwendet, einmal genauer anschauen würde. Es steht in Jesaja 6, nach einigen Kapiteln Gerichtsworten. Daher ist es naheliegend, dass Jesus auch hier richtend über die ungläubigen Menschen redet. Und in der Tat lehrt die Schrift im Prinzip und vielen Beispielen, dass Gott aktiv mit Verhärtung Menschen bestraft, so dass sie sich nicht (mehr) bekehren können. 
(Danach schweifte dieser zweite Redner anekdotisch ab in den Gedanken, dass Gott, der Schöpfer, nicht effizient arbeite, sondern verschwenderisch sei. Das gehört aber wohl sicher nicht zum Lehrpunkt dieses Gleichnisses. Auch die misslungenen eigenen Aktivitäten, von denen er aus seinem Erleben anschließend anekdotisch berichtete, haben mit der Deutung des Gleichnisses nichts zu tun.)

Die »Problemstelle« Markus 4,12 im einzelnen

Markus 4,12 erklärt nicht, was das in Versen 3–9 gegebene Gleichnis bedeutet, sondern klärt vielmehr die Frage der Jünger (4,10), warum der Herr Jesus nun (überhaupt) in Gleichnissen redete. Das hatte er offenbar zuvor nicht gemacht. Also ging es ihnen nicht zuvorderst um den Inhalt und die Bedeutung des Gleichnisses (4,10.11 sagt: Gleichnisse; Plural!), sondern um die Tatsache, dass ihr Herr nun in Gleichnissen redete.

1.    Der Herr sagt seinen Jüngern, dass es ihnen »gegeben« war, »die Gleichnisse des Reiches Gottes zu erkennen« (4,11). – »Gegeben« spricht von Gottes Gabe und damit Gnadengeschenk – mithin Gottes Souveränität– nicht von menschlicher Verantwortung und Verdienst! (Das hat der erste Redner schon einmal völlig übersehen.)

2.    Zweitens sagt der Herr, dass »denen aber, die draußen sind« (4,11), »alles in Gleichnissen zuteil wird«, und zwar mit der Absicht, dass sie es nicht erkennen. Das ist hier Gottes Wille und Absicht, daher wählt der Herr souverän eine offenbar geheimnisvolle Lehrweise, die dazu führt, dass jene, die draußen sind, es »nicht wahrnehmen« und es »nicht verstehen« und folglich keine Vergebung empfangen (4,12).

3.    Als Begründung verweist der Herr auf einen alten Text vom Propheten Jesaja zurück. Dort heißt es wörtlich (Jesaja 6,10): »Mache das Herz dieses Volkes fett, und mache seine Ohren schwer, und verklebe seine Augen: damit es mit seinen Augen nicht sieht und mit seinen Ohren nicht hört und sein Herz nicht versteht und es nicht umkehrt und geheilt wird«. Es redet von Israel im Unglauben, dem nun im Gerichtshandeln Gottes jede Möglichkeit des Verstehens und Annehmens der guten Botschaft genommen wird. Gott Selbst nimmt diesem Volk die Heilsmöglichkeit.
Die so Gerichteten sind in dieser Sache rein passiv Empfangende, nicht Aktive. Die Vorgeschichte erklärt, warum Gott dies so tut. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Jesaja 6,9–13 eine gerichtliche Antwort Jahwes ist, die durch die gleichnishafte Verkündigung seines Propheten gegenüber dem götzendienerischen Juda erfolgt, dessen Bekenntnisse zur Treue gg. Jahwe durch die Ablehnung der Anweisungen Jahwes durch ihre Führer widerlegt werden.

4.    »damit«: Es ist falsch, wenn man die Verwendung der Stelle aus Jesaja 6 in Markus 4,12 so erklärt, dass das anbindende »damit« (gr. hina) keine Absicht angeben würde. Noch falscher ist der Versuch, die Ursache-Wirkungs-Kette umzukehren! Das »damit« muss telisch verstanden werden (telisch=auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtet). Denn es ist Gottes Ziel und Absicht (im Gericht), dass diese Menschen nicht mehr verstehen, und so nimmt er ihnen die in Gnaden verliehene Fähigkeit zu verstehen wieder weg. Die Führer Israels waren zur Zeit Jesu größtenteils bereits in Ablehnung und Mordgedanken gg. Jesus verhärtet im Herzen. Darin belassen zu werden bedeutete ewiges Verderben. Aber die selektive Gnade Gottes erweichte und rettete doch einige, wie den Cheftheologen der Juden, Nikodemus, und den reichen Ratsherrn Josef von Arimathia.

  • Die Jesaja-Stelle wird auch in Johannes 12,39ff begründend und erklärend für den Unglauben des Volkes und seiner Führer angegeben: »Darum konnten sie nicht glauben, weil Jesaja wiederum gesagt hat: ›Er hat ihre Augen verblendet und ihr Herz verhärtet, damit sie nicht sehen mit den Augen und verstehen mit dem Herzen und sich bekehren und ich sie heile.‹ Dies sprach Jesaja, weil er seine Herrlichkeit sah und von ihm redete«. – Das einleitende Wort »darum« wird im Argument mit »weil« fortgesetzt. Noch klarer kann man Ursache und Wirkung, Absicht und Folge nicht darstellen: Gott verstopft Augen und Ohren im Gericht und raubt damit alle Möglichkeiten des Verstehens, des Umkehrens und damit des Heils. 
    Dass Johannes die Souveränität Gottes im Heil herausstellt (nachdem schon Jahrzehnte die Synoptiker mit den anderen Schwerpunktsetzungen bekannt waren), ist typisch für seine besondere Botschaft vom souveränen Retter-Gott.
  • Angewandt (auf Markus 4): MancheMenschen werden unserer Evangeliumspredigt nicht mit Verstehen, Umkehr und Glauben folgen, weil Gott ihre Augen und Ohren (noch) verstopft hat. – 
    Darum beten wir zu Gott, er möge gnädig und barmherzig sein, die Augen und Ohren der Verlorenen (und verbockten Gläubigen!) zu öffnen. Ob Gott das dann tut, ist Seine souveräne Sache. –
    Das muss ein Verkündiger der Guten Nachricht bedenken, wenn er auf die unterschiedlichen Reaktionen seiner Zuhörer blickt. Paulus redete von diesem Erleben als Verkündiger der Guten Botschaft so: »Denn wir sind für Gott ein Wohlgeruch Christi in denen, die errettet werden, und in denen, die verloren gehen; den einen ein Geruch vom Tod zum Tod, den anderen aber ein Geruch vom Leben zum Leben«. Er zieht daraus nicht die Schlussfolgerung, dass er nun den »Samen« seiner Verkündigung ändern müsse, sondern ganz im Gegenteil: »Denn wir verfälschen nicht, wie die Vielen, das Wort Gottes, sondern als aus Lauterkeit, sondern als aus Gott, vor Gott, reden wir in Christus« (2Korinther 3,15–17). Der Mangel liegt nicht am Wort, am Evangelium.  Daher müssen wir es so unverfälscht und genau wie möglich verkündigen. Das rechtfertigt und bedingt allen Aufwand in der Vorbereitung der Verkündigung. – 
    Bedenken wir noch dieses ergänzend: Wäre das Verstehen und das Heil allein eine Sache der Verantwortung des Menschen (Hörers), müssten wir jeden Menschen bitten, betteln, psychologisch bearbeiten. (Das kann man auch hier und da leider beobachten.) Aber wenn jemand die »Freiheit des Menschen« in der Heilswahl betont, dann wäre selbst dieses für ihn eine unzulässige Einmischung in die Souveränität und Freiheit des Menschen. Die biblische Verpflichtung lautet: Wir zwingen niemand zum Heil, weil das nicht geht und uns nicht geheißen ist, aber motiviert von der Retterliebe Jesu »überreden« wir unsere Zuhörer (2Korinther 5,11).

Weiterer Kontext der Schrift, »Parallelstellen«

  1. Jesaja 28,13 (ELB85): »Und das Wort des HERRN für sie wird sein: zaw la zaw, zaw la zaw, kaw la kaw, kaw la kaw, hier ein wenig, da ein wenig; damit sie hingehen und rückwärts stürzen und zerschmettert werden, sich verstricken lassen und gefangen werden.« – Man beachte auch hier das telische (Ziel und Absicht anzeigende) »damit«.
  2. Jesaja 29,9–10:  »Stutzt und staunt! Blendet euch und erblindet! Sie sind berauscht, doch nicht von Wein; sie schwanken, doch nicht von starkem Getränk. Denn Jahwe hat einen Geist tiefen Schlafes über euch ausgegossen und hat eure Augen geschlossen; die Propheten und eure Häupter, die Seher, hat er verhüllt.« – Es ist hier völlig klar, dass es nicht der Mensch ist, der sich berauscht hat, und daher nichts versteht, sondern Gott ist hier der ganz Aktive, der (geistlichen) Schlaf und (geistliche) Blindheit (im Gericht) sendet.
  3. 5Mose 29,3: »Aber Jahwe hat euch nicht ein Herz gegeben, zu erkennen, und Augen, zu sehen, und Ohren, zu hören, bis auf diesen Tag.« – Auch hier ist Jahwe derjenige, an dem alles Heil (Erkennen, Verstehen usw.) hängt. Nur Gott kann die Fähigkeiten (das Vermögen) zur Heilsergreifung schenken. Der Bettler, der selbständig die leere Hand ausstreckt, um die Heilsgabe zu ergreifen, ist frommer Volks-Mythos, nicht Gottes Wahrheit. Gott muss sogar schon das Verlangen, die Hand auszustrecken, geben (also das Begehren nach dem wahrhaft Rettenden) und dann der Hand die Kraft und den Willen, sie auszustrecken und das Heil zu ergreifen. Gott sei Dank tut Er dies nach freiem Ermessen gezielt hier und da!
  4. Matthäus 13,13–15: »Darum rede ich in Gleichnissen zu ihnen, weil sie sehend nicht sehen und hörend nicht hören noch verstehen; und an ihnen wird die Weissagung Jesajas erfüllt, die sagt: „Mit Gehör werdet ihr hören und doch nicht verstehen, und sehend werdet ihr sehen und doch nicht wahrnehmen; denn das Herz dieses Volkes ist dick geworden, und mit den Ohren haben sie schwer gehört, und ihre Augen haben sie geschlossen, damit sie nicht etwa mit den Augen wahrnehmen und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren und ich sie heile.“« – Entsprechend der Absicht des Matthäus-Evangeliums modifiziert Matthäus unter Inspiration Gottes seine Quelle im AT so, dass die Verantwortung des Menschen (aktives »haben sie geschlossen«) umso deutlicher herausgestellt wird. Das verringert nicht die Aussage/Zitat in den anderen Stellen, noch modifiziert Matthäus diese. Jede Verwendung hat den Sinn, der aus dem Kontext jeweils hervorgeht.
    Darf Matthäus so »falsch« oder »modifiziert« Jesaja 6,9–10 zitieren? Ja natürlich, der Heilige Geist hat es ihm so diktiert! Beides lehrt die Schrift, jedes aber an seinem Ort: Gottes souveränes Handeln im Gericht und in der Erlösung, aber auch des Menschen Verantwortung in der Heilsannahme und Bewirken von Heilsfolgen. Philipper 2,12–13 liefert den Zusammenhang eindrücklich. – Und: Der Kontext der Jesaja-Stelle zeigt, dass diese »Verhärtung« eine zeitweilige ist, weil Israels Überrest durch souveräne Erwählung seitens Gottes noch Heil erfahren wird (s. Römer 11)!
  5. 2Korinther 3,14: Diese Verhärtung Israels wird im NT aufgegriffen: »Aber ihr Sinn ist verhärtet worden, denn bis auf den heutigen Tag bleibt beim Lesen des alten Bundes dieselbe Decke unaufgedeckt, die in Christus weggetan wird.« – Das Passiv ist hier das Passivum divinum[1]die Menschen sind darin (schon rein sprachlich deutlich!) nicht aktiv. Nur in Christus (und durch sein Wirken) kann und wird (!) eines Tages diese Decke weggenommen werden. Auch hier ist Gott souverän über Anfang, Art und Ende des Gerichts. – Dass wir hier von einem Ende sprechen dürfen, ist in sich eine große Gnade, die wir bejubeln.
  6. Als Paulus auf der Missionsreise nach Korinth kam, wollte er sein »Säen« einstellen aus Frustration über den widerspenstigen »harten Boden«. Zumindest kann man Apostelgeschichte 18,6ff so verstehen: Viele widerstrebten und lästerten, aber einige hörten und glaubten und wurden getauft. Der gleiche Same der Verkündigung brachte auch hier unterschiedlichste „Frucht“! 
    Wie ermutigt der Herr Jesus nun seinen frustrierten »Sämann« Paulus? Er sagt: »Fürchte dich nicht, sondern rede, und schweige nicht! Denn ich bin mit dir, und niemand soll dich angreifen, um dir etwas Böses zu tun; denn ich habe ein großes Volk in dieser Stadt.« – Der Trost und die Motivation des Sämanns ist nicht die Verantwortung des Menschen, sondern die Gegenwart und die Souveränität Gottes im Heil. (Das begreife mal ein Arminianer!)

Einige Zitate

»Die Verse 11 und 12 erklären, warum diese Wahrheit in Gleichnissen gelehrt wird. Gott offenbart die für die Seinen bestimmten Geheimnisse denen, die gehorsam und aufnahmebereit zuhören. Er enthält sie aber absichtlich denen vor, die das ihnen angebotene Licht ablehnen. Das sind die Leute, die Jesus als »jene …, die draußen sind« bezeichnet. 

Die Worte von Vers 12 mögen dem oberflächlichen Leser ungerecht und hart erscheinen: »Damit sie sehend sehen und nicht wahrnehmen und hörend hören und nicht verstehen, damit sie sich nicht etwa bekehren und ihnen vergeben werde.« Aber wir müssen uns an das enorme Vorrecht erinnern, das jene Menschen damals genossen. Der Sohn Gottes selbst hatte in ihrer Mitte gelehrt und viele mächtige Wunder getan. Statt ihn als den gottgesandten Messias anzuerkennen, lehnten sie ihn selbst dann noch ab. Weil sie das Licht der Welt abgelehnt hatten, sollte ihnen das Licht seiner Lehre nicht gegeben werden. Von nun an würden sie seine Wunder sehen, aber ihre geistliche Bedeutung nicht verstehen, und seine Worte hören, aber doch die wunderbaren Lehren hinter ihnen nicht erkennen können.

Es gibt so etwas wie die Tatsache, »dass man das Evangelium zum letzten Mal hört«. Es ist möglich, den Tag der Gnade durch fortgesetztes Sündigen zu verpassen. Es gibt Männer und Frauen, die den Retter abgelehnt haben und nie wieder die Gelegenheit zur Buße und Vergebung erhalten werden. Sie mögen das Evangelium hören, aber es trifft auf verhärtete Ohren und ein gefühlloses Herz. Wir sagen: »Wo Leben ist, da ist auch Hoffnung«, aber die Bibel spricht von Menschen, die zwar erweckt, aber jenseits jeder Hoffnung der Buße sind (z. B. in Hebr 6,4–6). (MacDonald, William ; Eichler, C. (Übers.): Kommentar zum Neuen Testament. 7. Aufl. Bielefeld: Christliche Literatur-Verbreitung, 2018.)

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»Gericht muss sein; denn auch dadurch, dass das Böse getroffen und weggetan wird, geschieht Gottes Wille. Jesus wollte Gottes Reich niemals so verkündigen, dass auch ein unbußfertiger und glaubensloser Sinn es finden kann.« (Schlatter, Adolf. Die Evangelien nach Markus und Lukas: Ausgelegt für Bibelleser. 2. Aufl. Bd. 2. Berlin: Evangelische Verlagsanstalt, 1954.)

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Markus 4,12 ἵνα wahrscheinl. fin. damit; ein Ausweichen auf Nebenbedeutungen wie so dass (kons.) od. weil/denn (kaus.) o.ä., sprachl. zwar z. T. nicht unmögl. (vgl. B II2; BDR § 4562), erscheint forciert; hier (wie typischerweise in den Schriften des AT u. NT) ist vorausgesetzt, dass Gottes Souveränität u. die Verantwortung des Menschen keine Antithesen darstellen: wenn Gott die, die nicht zu Jüngern Jesu werden, verwirft, so tragen diese die Verantwortung dafür selbst (vgl. V. 13–20); gleichzeitig steht nichts von dem, was geschieht, außerhalb des göttl. Ratschlusses u. Planes (vgl. Carson, Mt, S. 308f); im flgd. werden Teile aus Jesaja 6,9–10 zitiert (statt der 2. Pl. [MT/LXX] steht hier die 3. Pl., statt v. Heilung [MT/LXX] ist [wie im Targum u. in der syrischen Peschitta] v. Vergebung [ἀφεθῇ] die Rede), zwei Verse voll bitterer Ironie aus einem Abschnitt, der von der selbstverschuldeten (bis zum Exilgericht andauernden) Verstockung des Gottesvolkes spricht (vgl. zu Matthäus 13,14).« (von Siebenthal, Heinrich; Haubeck, Wilfrid: Matthäus bis Offenbarung, Neuer Sprachlicher Schlüssel zum Griechischen Neuen Testament. 2., durchges. Aufl.. Gießen; Basel: Brunnen, 2007.)

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»12 Die einleitende Konjunktion (hina, „damit“) stammt von Markus. Das folgende Zitat stammt aus Jesaja 6,9–10, wo es im MT [masoretischen Text] ein Befehl ist; dies ist nicht überraschend, da im semitischen Denken ein Befehl verwendet werden kann, um ein Ergebnis auszudrücken.

Markus folgt dem Text der LXX. Allerdings lässt er die starken Aussagen des ersten Teils von Vers 10 weg: „Verhärte das Herz dieses Volkes, verstopfe ihre Ohren und verschließe ihre Augen“ und ändert das „und ich heile sie“ (kai iaomai autous) der LXX in „und ihnen wird vergeben“ (kai aphethē autois). Damit folgt Markus der Targuman-Angabe zur Authentizität der Aussage.

Auf den ersten Blick scheint die Aussage zu besagen, dass der Zweck der Gleichnisse darin besteht, dass Ungläubige („die Außenstehenden“, Vers 11) die Wahrheit nicht empfangen und sich nicht bekehren können. Dass diese Aussage theologisch als schwierig angesehen wurde, lässt sich daran erkennen, dass Matthäus hina („damit“) in hoti („mit dem Ergebnis, dass“) ändert (die NIV übersetzt hina mit dem mehrdeutigen „so dass“) und Lukas die mēpote-Klausel („ansonsten“) weglässt.

In jüngster Zeit gab es mehrere Versuche, die telische Kraft von hina abzuschwächen:

1. Es wird behauptet, dass hina im Text dasselbe bedeute wie hoti. Jesus spräche also nicht vom Zweck der Gleichnisse, sondern von ihrem Ergebnis.

2. Markus habe das ursprüngliche aramäische Wort de falsch übersetzt. Es bedeute „wer“ und nicht „damit“. Der Text sollte also lauten: „Das Geheimnis des Reiches Gottes ist euch gegeben worden. Aber denen, die draußen sind undimmer sehen, aber nie wahrnehmen … wird alles in Gleichnissen gesagt“ (Hervorhebung von mir).

3. Die zweckmäßige Idee (ausgedrückt sowohl durch hina als auch durch mēpote) ist nicht authentisch für Jesus, sondern repräsentiert die Theologie des Markus.

4. hina sei eine Einleitungsformel zur freien Übersetzung von Jesaja 6,9–10. Nach diesem Verständnis wäre hina fast gleichbedeutend mit hina plērōthē, „damit es erfüllt werde“.

Alle diese Versuche haben ihre Mängel. Obwohl 1 und 2 das Problem von hina mildern, gehen sie nicht auf das von mēpote („ansonsten“) ein, das ebenfalls einen Zweck suggeriert (vgl. auch BAG, S. 378, wo nach der Erörterung der Möglichkeit, dass hina „mit dem Ergebnis, dass“ bedeutet, diese für diesen Abschnitt rundweg abgelehnt wird). Lösung 3 findet keinerlei Unterstützung, während 4, eindeutig die beste Wahl der vier, daran scheitert, dass Markus an anderer Stelle hina nicht im Sinne von „damit es sich erfüllen möge“ verwendet.

Vielleicht lässt sich Vers 12 am besten als authentische Aussage verstehen, die einfach lehrt, dass ein Grund, warum Jesus in Gleichnissen lehrte, darin bestand, die Wahrheit vor „Außenstehenden“ (was ich als „hartnäckige Ungläubige“ verstehe) zu verbergen. Selbst eine flüchtige Lektüre der Evangelien zeigt, dass die Gleichnisse Jesu nicht immer klar waren. Selbst die Jünger hatten Schwierigkeiten, sie zu verstehen (vgl. Markus 7,17). Deshalb lehrte Jesus (zumindest in einigen Fällen) in Gleichnissen, damit seine Feinde nicht die volle Bedeutung seiner Worte verstehen und falsche Anschuldigungen oder Anklagen gegen ihn erheben konnten. Er wusste, dass das Verstehen in einigen Fällen zu mehr Sünde und nicht zur Annahme der Wahrheit führen würde. Darüber hinaus ist es nicht fremd für die Lehre der Schrift, dass Gott in seiner Weisheit einige (auch hier verstehe ich darunter „hartnäckige Ungläubige”) verhärtet, um seine souveränen Absichten zu verwirklichen (vgl. Röm 11,25–32). Marshall findet einen guten Mittelweg, wenn er sagt: „Durch diese Methode des Lehrens in Gleichnissen lud Jesus seine Zuhörer nicht nur ein, unter die Oberfläche zu blicken und die wahre Bedeutung zu finden, sondern er gab ihnen gleichzeitig die Möglichkeit – die viele von ihnen auch nutzten –, die Augen und Ohren vor dem eigentlichen Kernpunkt zu verschließen” (Commentary on Luke, S. 323). Für eine eingehende Behandlung des Zwecks der Gleichnisse in der Lehre Jesu vgl. R. Stein, An Introduction to the Parables of Jesus (Philadelphia: Westminster, 1981), S. 25–35.«
(Wessel, Walter W.: Markus. In: Gaebelein, F. E. (Hrsg.): The Expositor’s Bible Commentary: Matthäus, Markus, Lukas. Bd. 8. Grand Rapids, MI : Zondervan Publishing House, 1984, S. 649–650.)

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»Christ’s agents in the sowing of the good seed are the preachers of the word. Thus, as in all the cases about to be described, the sower is the same, and the seed is the same; while the result is entirely different, the whole difference must lie in the soils, which mean the different states of the human heartAnd so, the great general lesson held forth in this parable of the sower is, that however faithful the preacher, and how pure soever his message, the effect of the preaching of the word depends upon the state of the hearer’s heart.« (Jamieson, Robert, A. R. Fausset, und David Brown. Commentary Critical and Explanatory on the Whole Bible. Oak Harbor, WA: Logos Research Systems, Inc., 1997.) –  Bem.: Dies ist eine Erklärung für die Texte in Matthäus und Lukas, aber nicht für den hier in Markus.

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»Ver. 12. They may see.—The να is not to be softened, as if ita ut, as Rosenmüller and others assert. We must maintain that this hard utterance was based upon Isa. 6:9 seq., and therefore that it must be interpreted in the meaning of that passage: not as an absolute sentence, but as a deserved, economical, and pedagogical visitation« (Lange, John Peter, Philip Schaff, und William G. T. Shedd. A commentary on the Holy Scriptures: Mark. Bellingham, WA: Logos Bible Software, 2008.).

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«That (ἱνα [hina]). Mark has the construction of the Hebrew “lest” of Isa. 6:9f. with the subjunctive and so Luke 8:10, while Matt. 13:13 uses causal ὁτι [hoti] with the indicative following the LXX. See on Matt. 13:13 for the so-called causal use of ἱνα [hina]. Gould on Mark 4:12 has an intelligent discussion of the differences between Matthew and Mark and Luke. He argues that Mark here probably “preserves the original form of Jesus’ saying.” God ironically commands Isaiah to harden the hearts of the people. If the notion of purpose is preserved in the use of ἱνα [hina] in Mark and Luke, there is probably some irony also in the sad words of Jesus. If ἱνα [hina] is given the causative use of ὁτι [hoti] in Matthew, the difficulty disappears. What is certain is that the use of parables on this occasion was a penalty for judicial blindness on those who will not see.«  (Robertson, A.T. Word Pictures in the New Testament. Nashville, TN: Broadman Press, 1933.)

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»The purpose of parables was to instruct the initiates without revealing the items of instruction to the ones who were without. This is in keeping with the Biblical principle that spiritual understanding is restricted to those who have become spiritual by properly relating themselves to Christ and his message (I Cor 2:6ff.). 
12. That such was the purpose of Christ’s use of parables is further confirmed by a quotation from the OT. The citation is introduced with the Greek conjunction hina (that), which in this instance cannot have a resultant meaning but must indicate purpose (Alf, I, 333*). This verse is a free rendering of Isa 6:9, 10, giving the gist, but not reproducing the exact wording, of the prophetic passage.« (Pfeiffer, Charles F., und Everett Falconer Harrison, Hrsg. The Wycliffe Bible Commentary: New Testament. Chicago: Moody Press, 1962.)

(*) Die Stelle im Greek NT von Alford wird von Alford wie folgt kommentiert: »We must keep the hina strictly to its telic meaning– in order that. When God transacts a matter, it is idle to say that the result is not the purpose. He doeth all things after the counsel of His own will.«

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»Each of the three fruitless hearts is influenced by a different enemy: the hard heart—the devil himself snatches the seed; the shallow heart—the flesh counterfeits religious feelings; the crowded heart—the things of the world smother the growth and prevent a harvest. These are the three great enemies of the Christian: the world, the flesh, and the devil (Eph. 2:1–3).« (Wiersbe, Warren W. The Bible exposition commentary. Wheaton, IL: Victor Books, 1996.)

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»A. DAS GLEICHNIS VOM SÄEMANN

I.     Markus bemerkt die Bedeutung des Hörens, wenn der Heiland spricht (Vers 3). Matthäus beginnt mit dem Wort „Siehe“.

       Markus und Lukas sprechen vom Samen in der Einzahl, aber Matthäus spricht von Samen in der Mehrzahl (King James Übersetzung) oder wie es die Übersetzung von J. N. Darby wiedergibt, von ,,einigen Körnern“.

       Der Same ist immer das Wort Gottes, aber es wird gesehen als gesät, entweder durch den Säemann, den Herrn Jesus, oder durch, Seine Diener, die vielen Säemänner; in der Hand eines jeden ist der Same oder Samen oder Körner. Wie jemand bemerkte: „Das Auge des göttlichen· Dieners in Markus‘, Bericht ruht auf jedem einzelnen Korn, und wie der einzelne Sperling, so ist nicht eines von ihnen vor Gott vergessen“

       Sowohl Markus als auch Matthäus erwähnen bei der Saat, die auf das Steinichte fiel, dass nicht viel Erde da war, Lukas fügt hinzu, dass auch Feuchtigkeit fehlte.

       Nur Markus sagt: „Und es gab keine Frucht“ (Vers 7) von dem Samen, der unter die Domen fiel; die anderen Evangelisten bemerken, dass es erstickte. Markus gibt das Gleichnis mit den meisten Einzelheiten wieder. Wir sehen einen Beweis dafür, daß die Evangelisten unabhängig voneinander arbeiteten und schrieben in der Benutzung des Wortes „auf“ in Vers 8 von Matthäus 13 und des Wortes „in“ in Vers 8 von Markus‘ Bericht.

       In Markus hält der Diener und Prophet alles in Seiner gesegneten Hand, und das Ergebnis ist dort ein Zunehmen – von dreißig-zu sechzig-zu hundertfältig. Bei Matthäus aber hat der König, wie wir sehen werden, das Königreich in die Hände von Menschen gelegt, und das Ergebnis ist umgekehrt: dort ist es Verringerung von hundert- zu sechzig- zu dreißigfältig. In Lukas jedoch lesen wir, dass der Same das Wort Gottes ist, und demzufolge finden wir weder Verringerung noch Steigerung, weder Rückschritt noch Fortschritt, weil es sicher ist, dass es hundertfältig Frucht bringt mit Ausharren – ein besonderer Ausdruck bei Lukas!

       Die Erklärung dieses Gleichnisses durch unseren Herrn wird von unseren Evangelisten fast gleichlautend wiedergegeben, wobei Matthäus den Abschnitt aus Jesaja· 6 ganz zitiert, während ihn Markus etwas und Lukas noch mehr kürzt.

II.    Matthäus stellt die abgeschnittene „Familienbeziehung“ mit Israel als einer Nation klarer heraus als die anderen Evangelisten, wenn er sagt: „An jenem Tage aber ging Jesus aus dem Hause hinaus und setzte sich an den See.“

       Nur hier sagt Er etwas zu der Frage der Jünger: „Warum redest du in Gleichnissen zu ihnen?“ – nicht: was bedeutet dies Gleichnis (Vers 10)! Und von Matthäus wird uns gesagt, dass dieses Reden in Gleichnissen als Strafe dienen soll für die Hörer, die den Herrn bereits verworfen und ihre Herzen verhärtet hatten.

       Weil es um die Betonung dieses Grundsatzes geht, teilt uns auch nur Matthäus mit (in Vers 12): „Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird Überfluss haben; wer aber nicht hat, von dem wird selbst, was er hat, genommen werden.“ Mit anderen Worten: Jene, zu denen Jesus kam und die Ihn aufnahmen (als einer Nation war Er ihnen gegeben worden), nur jene, die Ihn in Wahrheit durch Glauben in ihre Herzen aufgenommen hatten – für diese war Er gleichsam „zweifach gegeben“, und deshalb hatten sie Überfluss.  Aber jene, die Ihn nicht im Glauben angenommen hatten, obwohl Er ihnen als der Messias gegeben war, „hatten“ Ihn nicht durch Glauben, und Er würde von ihnen genommen werden und anderen – den Nationen – gegeben werden. Für diese, die Christus verwarfen, sprach Er in Gleichnissen, damit. sie in ihren Herzen noch mehr verhärtet werden möchten, „damit sie nicht etwa … sich bekehren, und ich sie heile“. Sie fühlten sich nicht krank und brauchten keine Heilung: schrecklicher Zustand! So stand es um die Nation als Ganzes.

       In Matthäus ist es das „Wort vom Reich“ (Vers 19), aber in Lukas ist es das „Wort Gottes“ (8,11).

       Wiederum liegt in Matthäus die Betonung auf dem Verstehen des Wortes, während sie in Lukas auf dem Bewahren liegt (8,15) und in Markus auf dem Aufnehmen (4,20). So wird das Wort zuerst verstanden, dann aufgenommen, und immer bewahrt oder auf das praktische Leben angewandt.

       Beim Vergleichen der drei Evangelisten ist außerdem zu bemerken, dass Markus von „dem Bösen“ spricht (Vers 19), womit er auf dessen Charakter im Allgemeinen hinweist; Markus sagt, alsbald kommt ,,der Satan“ (Vers 15), womit er auf dessen Charakter als Widersacher hinweist; und schließlich sagt Lukas, „Dann kommt der Teufel“, womit er auf den Feind als Ankläger hinweist. 

       Auch sehen wir, dass in Matthäus die Betonung auf dem Säemann liegt – „Der den guten Samen sät, ist der Sohn des Menschen“ (13,37); in Markus liegt die Betonung auf dem Werk des Säemanns – „Der Säemann sät das Wort“ ( 4,14 ); und in Lukas liegt die Betonung auf dem Samen – ,,Der Same ist das Wort Gottes“ (8,11 ). Man kann nicht anders, als den Herrn dieser kostbaren, inspirierten Berichte anzubeten, wenn man diese wundervolle Harmonie und dennoch den unterschiedlichen Charakter der Evangelien sieht!

Ill.   Lukas: Schließlich kommen wir zu Lukas, wo es heißt, dass der kostbare Same „zertreten“ wurde (Vers 5) und dass er an einen Platz fiel, wo weder viel Erde noch Feuchtigkeit war (Vers 6). Weil aber das, was in die gute Erde fiel, in seinem innersten Wesen das reine Wort Gottes. war, konnte es nur volle Frucht bringen, was durch „hundertfältig“ ausgedrückt wird.«
(Cor Bruins, Er wohnte unter uns. Die göttliche Absicht in den Unterschieden der vier Evangelien, Neustadt: Paulus, 1992.)

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Übersichtsgrafiken für den synoptischen Vergleich

Die folgenden Grafiken für den synoptischen Vergleich stammen von grace@logikos.club (© 1990–2025). Sie dürfen gerne frei mit Quellenangabe verwendet werden.

Ausgangspunkt der Textbeobachtung ist eine tabellarische Gegenüberstellung der synoptischen Texte (Gleichnis samt Erläuterung durch Jesus Christus) (Bild 1).


Endenote

[1]            Das Passivum divinum ist eine theologische Sprachform im AT wie im NT, die es ermöglicht, über Gott zu sprechen, ohne seinen Namen zu verwenden. Dem bibelkundigen Leser war klar, dass der ungenannte Akteur der im Passiv genannten Tätigkeit Gott ist.

Simul iustus et peccator 

Simul iustus et peccator (dt.: Zugleich Gerechter und Sünder; engl.: Saint and sinner) ist eine Formulierung der Rechtfertigungslehre Martin Luthers.

Einschlägige Formulierungen in Luthers Schriften

Die Gegenüberstellung der Begriffe »iustus« (gerecht, Gerechter) einerseits und »peccator« (Sünder) bzw. »peccat« (sündigt) andererseits findet sich mehrfach in Luthers Schriften, und zwar – gemäß der Weimarer Ausgabe – in folgenden Formulierungen:

  • »simul Iustus est et peccat« [WA 56,347,3–4]
  • »Quod simul Sancti, dum sunt Iusti, sunt peccatores« [WA 56,347,9]
  • »Semper peccator, semper penitens, semper Iustus.« [ WA 56,442,17]

Der Grundgedanke

Der dahinterstehende Grundgedanke von Luther, den er erstmals in seiner Römerbriefvorlesung von 1514/15 bei Römer 4,7 (»Selig sind die, denen die Ungerechtigkeiten vergeben und denen die Sünden bedeckt sind!»; LUT) formulierte, lautet: Heilige sind in ihrer eigenen Einschätzung immer Sünder und deshalb nach Gottes Urteil gerechtfertigt. Heuchler hingegen sind in ihrer eigenen Einschätzung immer Gerechte, weshalb sie in Gottes Urteil immer Sünder sind. Daraus zog Luther den Schluss, dass Heilige (Gläubige) für Gott zugleich Gerechte und Sünder seien (Vorlesungsmitschrieb 1515/16).

Durch dieses simul iustus et peccator wollte Luther den Unterschied zwischen Heiligen und Heuchlern jedoch nicht aufheben, da nur die Heiligen, die ihre eigene Sünde erkennen, durch Gottes Gnade gerecht würden. Gerecht seien sie jedoch nur dadurch, dass Gott ihnen die Sünde nicht anrechnet und das Versprechen gegeben hat, sie endgültig von der Sünde zu befreien. Die Heiligen seien somit in ihrer Hoffnung gerecht, in Wirklichkeit (in ihrer Lebenspraxis) aber weiterhin Sünder. Heuchlern dagegen sei von vornherein der Zugang zu Gottes Gerechtigkeit verwehrt, so dass sie wirklich nur in ihrer eigenen Wahrnehmung Gerechte seien.

Hintergrund

Diese Lehre Luthers bezieht sich auf die scholastische Theologie, der Luther vorwirft, sie behaupte, dass durch Taufe und Buße sowohl Erbsünde als auch die aus Taten hervorgehende Sünde völlig vom Menschen weggenommen würden. 

(NB: Es gab und gibt auch Christen aus anderem Hintergrund, die lehren und glauben, dass sie es schon vor ihrer Verherrlichung als Gläubige schaffen könnten, völlig und dauerhaft frei von Sünde und Sünden zu werden. Manche bezeichnen dies als »zweiten Gnadenstand« oder »Einweihung in die Sohnschaft«. Das alles steht in völligem Widerspruch zur Wahrheit, s.u.).

Biblische Betrachtung

Gegenwärtige Stellung

Wenn ein Mensch aus Glauben von Gott gerechtfertigt wird, verlässt er seine Stellung als Sünder und wird in der Stellung vor Gott zu einem Gerechten (und zu einem Heiligen; Römer 1,7; 1.Korinther 1,2; 2.Korinther 1:1 usw.). Römer 5,8 kann daher in Vergangenheitsform feststellen: »Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus, da wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist.« Sünder zu sein, gehört für den Gläubigen der Vergangenheit an.

Der Begriff der »Stellung« vor Gott entspricht der biblischen Lehre, wie die Elberfelder Übersetzung trefflich übersetzt: »Denn so wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen in die Stellung von Sündern gesetzt worden sind, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen in die Stellung von Gerechten gesetzt werden.« (Römer 5,19; Young’s Literal Translation hat: »for as through the disobedience of the one man, the many were constituted sinners: so also through the obedience of the one, shall the many be constituted righteous.«). Das griech. Verb kathístēmi (Aorist Passiv) bedeutet hier »(amtlich) (ein)gesetzt sein«, »ernannt sein«, also eine (offizielle) »Stellung«. – Jede Aussage, die diesen Stellungswechsel negiert oder ignoriert, ist mithin unbiblisch.

Gegenwärtige Praxis

Praktisch erfahren wir, dass auch der so Gerechtfertigte und Heilige noch sündigt. Zu sündigen gehört für den Gläubigen leider noch zur Gegenwart. Dies ergibt sich daraus, dass er auch als Gerechtfertigter und Heiliger noch die Quelle der Sünde (»die Sünde«) in sich hat und daher noch sündigt: »Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit. Wenn wir sagen, dass wir nicht gesündigt haben, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns.« (1.Johannes 1,8–10).

Der große Unterschied zur Stellung vor der Neugeburt ist, dass beim Gläubigen die Macht der Sünde gebrochen ist: War der Mensch vorher »unter der Sünde« (Römer 3,9), »unter die Sünde verkauft« (Römer 7,14) und so der Sünde »Sklave« (Johannes 8,34), so ist er nun frei von diesem Zwang, er ist »freigemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes« (Römer 8,2). Er ist befreit und befähigt, immer mehr die sündigen »Handlungen des Leibes [zu] töten« und sich durch Gottes Geist leiten zu lassen (Römer 8,12–15). Die aktive Beteiligung des Gerechtfertigten und Heiligen an seiner praktischen Heiligung wird von Gott sowohl gefordert als auch göttlich unterstützt (Philipper 2,12–13; Hebräer 12,14b). 

Das Spannungsfeld der Heiligung

Luther. Am besten fasst diesen biblischen Sachverhalt Luthers Formulierung »simul Iustus est et peccat« (i.S.v. »gleichzeitig Gerechter und sündigt«) zusammen: Der Stellung nach Gerechter, der Praxis nach passieren noch (vereinzelt) Sünden.

Die Spannung zwischen Stellung und Praxis des Geretteten ist real, aber vorübergehend. Die Ermahnungen für ein gottgefälliges Leben (Praxis) gründen in der Stellung: Werdet praktisch so, wie ihr es stellungsmäßig schon seid! Ermahnung gründet auf Gnadenstellung: Wandelt heilig, denn ihr seid Heilige (vgl. 1.Petrus 1,15–16; 1.Korinther 3,17; Kolosser 3,12ff usw.)!

Bildlich gesprochen: Man kann von einem sündigenden Heiligen Schnappschussaufnahmen machen, aber keinen Film drehen. Sündigen wird zum (vereinzelten) Betriebsunfall, während es vorher normaler (wesenseigener) Betriebsmodus war.

Zukunftsperspektive 

Dieser Zustand wird sich erst in der »Verherrlichung« ändern, wenn der Gerechterklärte durch Gottes Gnadenhandeln auch praktisch völlig Christus entsprechen wird, mithin weder von Sünde bewohnt sein wird noch den Willen und die Fähigkeit zum Sündigen mehr besitzt (vgl. 1.Johannes 3,2). Damit ist das Ziel der progressiven Heiligung erreicht (Römer 8,29). Erst im Moment der Verherrlichung sind dann Stellung vor Gott und gelebte/erlebte Praxis identisch. Das wird reine Glückseligkeit und Erfüllung sein.

Ein Einwand gegen Gottes Souveränität, der sie beweist (Mike Riccardi)

In Römer 9 erörtert Paulus Gottes absolute Freiheit in seinen Heilsplänen. Er verwendet das Beispiel der Zwillinge Jakob und Esau und erklärt, dass Gottes Entscheidung für Jakob und gegen Esau nichts mit den beiden zu tun hatte. Vielmehr wählte Gott, „damit [sein] Vorsatz nach seiner Wahl bestehen bleibe“ (Römer 9,11b). Diese Wahl wurde „nicht aufgrund von Werken, sondern aufgrund dessen getroffen, der berufen hat“ (Römer 9,12a). Er fährt fort, dass die Erlösung „nicht von dem abhängt, der will oder der läuft, sondern von Gott, der Erbarmen hat“ (Römer 9,16), und untermauert diese Behauptung dann mit dem Hinweis, dass Gott das Herz des Pharaos verhärtet habe, um seine Macht zu demonstrieren und seinen Namen durch die folgenden Ereignisse zu verkünden (Römer 9,17; vgl. 2. Mose 9,16). Paulus fasst seinen Standpunkt dann zusammen, indem er erklärt: „So denn, wen er will, begnadigt er, und wen er will, verhärtet er.“ (Römer 9,18).

Dann nimmt Paulus einen Einwand vorweg: „Du wirst nun zu mir sagen: Warum tadelt er denn noch? Denn wer hat seinem Willen widerstanden?“ (Römer 9,19).

Zunächst wollen wir den Einwand selbst verstehen. Der imaginäre (oder vielleicht nicht so imaginäre) Gesprächspartner des Paulus hat alles verstanden, was Paulus bis zu diesem Punkt über Gott gesagt hat:

  • Er versteht, dass die Erlösung ganz und gar ein Werk der Gnade Gottes ist und gar nichts davon dem Menschen zu verdanken ist.
  • Er versteht auch, dass es Gottes Wille, nicht der Wille des Menschen, ist, der für die Erlösung bestimmend und entscheidend ist (siehe auch Römer 9,16; vgl. Johannes 1,13). Er stellt eine rhetorische Frage, um genau diesen Punkt zu unterstreichen: „Wer widersetzt sich seinem Willen?“ Die Antwort auf diese rhetorische Frage lautet: „Niemand widersetzt sich Gottes Willen!“ „Aber unser Gott ist in den Himmeln; alles, was ihm wohlgefällt, tut er“ (Psalm 115,3). Er spricht: „all mein Wohlgefallen werde ich tun“ (Jesaja 46,10), und „kein Vorhaben [kann ihm] verwehrt werden“ (Hiob 42,2).
  • Er versteht auch, dass Gott den Menschen stets verantwortlich hält, ihn zur Rechenschaft zieht: „Warum tadelt er denn noch?“ (Römer 9,19b).

Die Frage ist also: „Da niemand Gottes Willen widerstehen kann [, sondern diesem völlig ausgeliefert ist], wie kann es dann von Gott gerecht („fair“) sein, dass er immer noch tadelt?“.

Den Einwand verstehen

Dieser Einwand ist für jeden Christen sehr hilfreich, um das Wesen der Souveränität Gottes in der Errettung besser zu verstehen. Denn wie auch immer wir zu den Lehren der Gnade stehen mögen, so müssen unsere Schlussfolgerungen jedenfalls dergestalt sein, dass der Einwand von Römer 9,19 Sinn macht.

Tatsache ist: Dieser Einwand macht nur dann Sinn, wenn drei Dinge wahr sind: (1) Der Mensch muss Buße tun und gerettet werden, wie es Gott befohlen hat. (2) Dem Menschen fehlt die moralische Fähigkeit, Buße zu tun und gerettet zu werden, und: (3) Gott macht den Menschen weiterhin dafür verantwortlich, Buße zu tun und gerettet zu werden, und wird ihn bestrafen, wenn er diesem Befehl nicht folgt.

Philosophisch gesehen macht dieser Einwand nur dann Sinn, wenn „Sollen“ nicht gleichbedeutend mit „Können/Vermögen“ ist – das heißt, wenn ein Befehl nicht unbedingt (implizit) bedeutet, dass der Angesprochene auch in der Lage ist, das zu tun, was ihm befohlen ist. Theologisch gesehen ergibt dieser Einwand nur dann Sinn, wenn die Lehren von der totalen Verdorbenheit des Menschen, der bedingungslosen Erwählung durch Gott und der unwiderstehlichen Gnade im Heil wahr sind.

Es ist für den natürlichen Verstand abstoßend, wenn wir für etwas zur Rechenschaft gezogen werden, das wir nicht fähig sind zu tuninsbesondere, wenn wir festhalten, dass es ein liebender Gott ist, der das verlangt. Und so entwickelten verschiedene Denkschulen alternative Auffassungen von Gottes Souveränität, um Gott vor dem zu bewahren, was sie für ungerecht („unfair“) halten. Keine dieser Alternativen macht jedoch den Einwand in Römer 9,19 verständlich. Betrachten wir kurz drei dieser Alternativen.

Universalismus

Eine dieser alternativen Vorstellungen ist der Universalismus (alle Menschen werden ohne Unterschied gerettet). Gott hat etwas von den Menschen gefordert, das sie nicht in der Lage sind zu erbringen, also kehrt er ihre Sünden unter den Teppich – schließlich sind Kinder Kinder, oder? – und lässt sie vom Haken. Abgesehen davon, dass diese Position offensichtlich im Widerspruch zur Bibel ist, würde sie bedeuten, dass Gott die Menschheit „immer noch tadelt“. Niemand kann seinem Willen widerstehen, also findet er einfach keine Fehler an ihnen. [Anm. d. Üb.: Gott wendet also das Heilswerk auf alle an, ohne diese zu fragen und ohne etwas von irgendjemand zu erwarten und ohne die Ursache des Tadels zu beseitigen.]

Bedingte Erwählung auf der Grundlage vorhergesehenen Glaubens

Eine andere Alternative besteht darin, zu leugnen, dass Gottes Erwählung bedingungslos ist, und stattdessen zu behaupten, dass sie vom Glauben abhängig sei, den Gott in einer bestimmten Person vorausgesehen hat. Anders gesagt: Gott hat Menschen erwählt, weil er im Voraus sah, dass diese ihn eines Tages erwählen würden. Da es für unseren natürlichen Verstand unfair ist, dass Menschen zur Rechenschaft gezogen werden, weil sie etwas nicht getan haben, das sie gar nicht tun können, behauptet diese theologische Position, dass wir vielmehr in der Lage seien, etwas zu tun – nämlich zu glauben –, wobei dieser Glaube dann zur Folge habe, dass Gott uns Gnade gewähre.

Aber wenn diese Ansicht richtig wäre, hätte Paulus‘ imaginärer Gegenredner in Römer 9,19 sicher nicht seinen Einwand gegen Gottes Erwählung erhoben. Es wäre ja kein Rätsel, warum jene, die nicht glauben, „immer noch getadelt werden“. Sie hatten einfach aus freien Stücken nicht den Glauben gefasst, der notwendig ist, um zum Heil erwählt zu werden. (Also geschah Ihnen mit der Nichterwählung völlige Gerechtigkeit – kein Einspruch nötig.)

Unbedingt freier Wille

Eine weitere Alternative, die der vorherigen ähnelt, besteht darin, zu behaupten, dass Gott zwar („absolut“) souverän ist, sich aber in seiner Souveränität dafür entschieden habe, dem Menschen (auch) eine gewisse Art von Souveränität in Form eines völlig freien Willens zu gewähren. Gott gebiete Buße und Glauben, und er werde diejenigen tadeln, die dann nicht Buße tun und glauben. Nach dieser Ansicht tun diejenigen, die nicht Buße tun und glauben, dies, weil sie den freien Willen haben, Gott anzunehmen oder abzulehnen. Gott habe sein Bestes getan und würde jeden retten, wenn er dies könnte, aber er hat die endgültige Entscheidung über die Erlösung völlig dem (freien Willen des) Menschen überlassen. Mit anderen Worten, sie können durchaus mit ihrem freien Willen „seinem Willen widerstehen“.

Auch bei dieser Ansicht ergibt sich, dass der Einwand in Römer 9,19 keinen Sinn ergibt. Es wäre kein Geheimnis, warum Gott diejenigen tadeln würde, die ihn ablehnen. Doch der Gesprächspartner des Paulus behauptet (durch seine rhetorische Frage), dass sich niemand dem Willen Gottes widersetzt.

Die geniale Gnade

Wenn wir also den Einwand, den Paulus in Römer 9,19 rhetorisch erhebt, verstehen wollen, können wir Gottes Souveränität und die Unfähigkeit des Menschen (zu Buße und Glauben) nicht durch eine Berufung auf die bedingte Erwählung seitens Gottes oder den völlig freien Willen des Menschen erklären. Der Einwand von Römer 9,19 ergibt nur dann einen Sinn, wenn die Lehren von der totalen Verderbtheit des Menschen, der bedingungslosen Erwählung seitens Gottes und der unwiderstehlichen Gnade im Heilswirken Gottes biblisch wahr sind.

Aber wie kann das gerecht (o. „fair“) sein? Wie kann Gott dem Menschen etwas ihm Unmögliches befehlen und ihn dennoch zur Rechenschaft für das Nichtbefolgen ziehen? Wie kann er Menschen befehlen, (mittels Buße und Glauben) wiedergeboren zu werden, wenn doch die Rettung und Wiedergeburt vollständig „an dem begnadigenden Gott“ liegt (Römer 9,16; vgl. Johannes 1,12)? Nun, Paulus‘ Antwort ist, den Fragesteller scharf zu tadeln, der versucht, die Gerechtigkeit Gottes in Frage zu stellen: „Wer bist du denn, o Mensch, der du das Wort nimmst gegen Gott?“ (Römer 9,20). Wenn jemand unterfängt, so Gottes Charakter zu kritisieren, hat er ein völlig verbogenes Verständnis davon, was Gerechtigkeit ist („Ist etwa Ungerechtigkeit bei Gott? Das sei ferne!“; Römer 9,14; vgl. 3,5b–6), und sollte sich besser schnell die Hand vor den Mund halten.

Aber es gibt eine Möglichkeit, diese Frage aus dem aufrichtigen Wunsch heraus zu stellen, Gott besser zu verstehen und ihn dafür anzubeten, wie er sich offenbart hat. Und wenn die Frage in diesem Geist gestellt wird, glaube ich, dass es eine klare Antwort gibt. Und die lautet: Gott schenkt seinem Volk das, was er von ihm verlangt.

Das ist das Geniale an der Gnade Gottes: Indem Gott von jedem Menschen etwas fordert, das für diesen unmöglich ist, zeigt er unübersehbar, wie wirklich hilflos und unvermögend der Mensch in Bezug auf seinen geistlichen Zustand ist. Und weil er etwas vom Menschen fordert, das nur Gott selbst vollbringen kann, stellt er unübersehbar seine eigene Fähigkeit und die Fülle seiner Herrlichkeit zur Schau. Wie Paulus dann weiter erklärt, tut er dies, „damit er kundtäte den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen der Begnadigung, die er zuvor zur Herrlichkeit bereitet hat“ (Römer 9,23).

Indem Gott gewährt, was er verlangt, zeigt er sich als das A und O, der alles in Allem ist. Er weist dem Menschen die ihm angemessene Position zu: Er ist ein armer Bettler, der völlig auf das angewiesen ist, was er aus Gottes Hand empfängt. Dann schenkt er uns als unser Wohltäter das, was er von uns verlangt, und gewinnt so unsere Zuneigung, sodass wir ihn als überaus liebenswert, überaus würdig und überaus wunderbar begreifen und ergreifen.

Quellen

Der Artikel wurde adaptiert von: Michael Riccardi: An Objection to God‘s Sovereignty that Proves It, The Cripplegate (March 16, 2012), https://thecripplegate.com/an-objection-to-gods-sovereignty-that-proves-it [abgerufen 30.08.2024]. Eigene Übersetzung (grace@logikos.club).

John F. MacArthur und Richard Mayhue, Biblische Lehre: Eine systematische Zusammenfassung biblischer Wahrheit. EBTC, 3. Aufl. 2023, geb., 1.360 Seiten | ISBN: 978-3947196500. Insbes. Kap. VII Die Errettung und Abschnitt 2 Der Plan der Errettung (S. 648–678).

Concursus Dei – Die Souveränität Gottes und die Verantwortung des Menschen (auf logikos.club).

John F. MacArthur, Göttliche Unveränderlichkeit und die Lehren der Gnade (Orig.: Divine Immutability and the Doctrines of Grace, Übersetzung ins Deutsche auf logikos.club).

Was ist das Zentralanliegen des „Calvinismus“?

Vorwort

Immer wieder wurde und wird versucht, das theologische Monumentalwerk von Johannes Calvin (auch: die Lehre Calvins, den „Calvinismus“, den reformierten Glauben) kurz zusammenzufassen und prägnant auf den Punkt zu bringen, weil der jeweiligen Leserschaft offenbar nicht zugemutet werden könne oder solle, das Werk Calvins selbst einmal in Ruhe zu studieren und anhand der Bibel zu prüfen (Apg 17,11). 

Dieser Versuch wird auch von anti-calvinistischer Seite aus immer wieder unternommen. Nicht selten muss man dabei beobachten, dass einfach von anderen abgeschrieben wird: das Richtige, das Gefälschte und das Falsche. Sekundär- und Tertiärzitate häufen sich. Ob dies auf Faulheit, Ignoranz oder Desinteresse an echter Auseinandersetzung anhand der Originalquellen beruht, sei hier dahingestellt, aber es führt nicht selten zu einem Zerrbild, das nur die eigenen Vorurteile bedient, mithin nur eine Widerspiegelung der eigenen theologischen Meinungen und Vorurteile ist. Dies ist vor allem in theologisch und biblisch weniger bewanderten Freikirchen, Gemeinschaften und religiösen Vereinen und deren Rednern und Autoren zu beobachten, die sich dem Anti-Calvinismus verschrieben haben. Zum Glück muss dies nicht die Endstation sein (Psalm 1,1–2; 119,67).

Es macht also viel Sinn, auch einmal einen „Calvinisten“ zu befragen, jemand, der nicht nur Ahnung und Vorurteile, sondern Fachkenntnis von der Materie und daher ein qualifiziertes Fachurteil besitzt. Zu diesen kann man sicher den reformierten Pastor und Theologen Joel R. Beeke (*1952) zählen, den Präsidenten des Puritan Reformed Theological Seminary in Grand Rapids, Michigan (USA).

In seinem Buch Living for God’s Glory: An Introduction to Calvinism (etwa: Leben zur Verherrlichung Gottes: Eine Einführung in den Calvinismus) geht er der Frage nach, was denn der Kern, das Mark (marrow), des Calvinismus sei. Hier ist sein Ergebnis [1] (eigene Übersetzung von Grace@logikos.club). Bibeltreue, gottesfürchtige Glaubende werden das meiste und entscheidende davon wahrscheinlich nicht als »calvinistisch«, sondern einfach als christlich und biblisch bezeichnen. Denn »Leben zur Verherrlichung Gottes« war, ist und bleibt das Urthema, der Sinn und die Bestimmung des Menschen, insbesondere des glaubenden Christen.

Erfreulich und entscheidend wichtig ist, dass Beeke nicht eine Eigenschaft (Vortrefflichkeit, Vollkommenheit) Gottes vor allen anderen auswählt, wie manche dies gerne verzerrend tun, sondern Gott Selbst in den Mittelpunkt stellt [„Theo-zentrismus“, „Gott im Mittelpunkt“, bedeutet: alles dreht sich um Gott]:

»Theozentrismus

Wenn wir den Calvinismus auf ein Begriff, ein Konzept reduzieren müssten, folgen wir am besten Warfield, der sagte, dass reformiert zu sein bedeutet, theozentrisch zu sein. Das Hauptinteresse der reformierten Theologie ist der dreieinige Gott, denn der transzendente-immanente, väterliche Gott in Jesus Christus ist Gott selbst. Calvinisten sind Menschen, deren Theologie von der Vorstellung von Gott beherrscht wird. Mason Pressly hat es so gesagt: »So wie der Methodist die Idee der Erlösung der Sünder in den Vordergrund stellt, der Baptist das Geheimnis der Wiedergeburt, der Lutheraner die Rechtfertigung durch den Glauben, die Böhmischen Brüder [auch: Brüder-Unität] die Wunden Christi, das Mitglied der Griechisch-orthodoxen Kirche die Mystik des Heiligen Geistes und der Romanist die Katholizität der Kirche, so stellt der Calvinist immer den Gedanken an Gott in den Vordergrund.«[2]

Reformiert zu sein bedeutet, die umfassende, souveräne, väterliche Herrschaft Gottes über alle Dinge und Bereiche zu betonen: jeden Bereich der Schöpfung, alle Unternehmungen der Geschöpfe und jeden Aspekt des Lebens des Gläubigen. Das vorherrschende Motiv im Calvinismus ist: „Am Anfang […] Gott“ (1Mo 1,1).

In seiner Beziehung zu uns hat Gott nur Rechte und Befugnisse. An Pflichten bindet Er sich souverän und gnädig nur durch Bundesschlüsse. Im Bund übernimmt Er die Pflichten und Verantwortungen, die er als unser Gott hat, aber das ändert nichts daran, dass Er selbst die erste Ursache und das letzte Ziel aller Dinge ist und bleibt. Das Universum wird nicht durch Zufall oder Schicksal bestimmt, sondern durch die vollständige, souveräne Herrschaft Gottes. Wir existieren nur zu einem Zweck: Ihm die Ehre zu geben. Wir haben gegenüber Gott nur Pflichten, keine Rechte. Jeder Versuch, diese Wahrheit in Frage zu stellen, ist zum Scheitern verurteilt. In Römer 9,20b heißt es: „Wird etwa das Geformte zu dem, der es geformt hat, sagen: Warum hast du mich so gemacht?“ Gott erlässt seine Gesetze für jeden Bereich unseres Lebens und verlangt unbedingten Gehorsam. Wir sind aufgerufen, ihm mit Leib und Seele zu dienen, im Gottesdienst und bei der täglichen Arbeit, jede Sekunde eines jeden Tages.

Reformiert zu sein, bedeutet also, sich mit dem vollständigen Charakter der Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf zu befassen. Es bedeutet, das ganze Leben coram Deo zu betrachten, das heißt, vor dem Angesicht Gottes zu leben. Wie Warfield schrieb:

»Der Calvinist ist ein Mensch, der [überall] Gott erkennt: Gott in der Natur, Gott in der Geschichte, Gott in der Gnade. Überall sieht er Gott in seinem mächtigen Schreiten, überall spürt er das Wirken seines mächtigen Armes, das Pochen seines mächtigen Herzens. Der Calvinist ist ein Mensch, der Gott hinter allen Erscheinungen sieht und in allem, was geschieht, die Hand Gottes erkennt, die Seinen Willen ausführt. [Der Calvinist] macht die Haltung, die die Seele im Gebet zu Gott einnimmt, zu seiner ständigen Haltung in allen Lebensaktivitäten; [er] wirft sich völlig und ausschließlich auf die Gnade Gottes und schließt jeden Gedanken daran, dass das Werk der Erlösung auch nur im Geringsten von ihm selbst abhängig sei, aus.« [3]

Die Lehre von Gott – einem väterlichen, souveränen Gott in Jesus Christus – ist daher das Zentrum der reformierten Theologie. R. C. Sproul drückt es so aus: »Wie wir das Wesen und den Charakter Gottes selbst verstehen, beeinflusst, wie wir das Wesen des Menschen verstehen, der Gottes Ebenbild trägt; das Wesen Christi, der wirkt, um den Vater zu befriedigen; das Wesen der Erlösung, die von Gott bewirkt wird; das Wesen der Ethik, deren Normen auf Gottes Charakter beruhen; und eine Unzahl anderer theologischer Überlegungen, die alle auf unserem Verständnis von Gott beruhen.« [4] 

Calvinisten definieren also alle Lehren auf eine gottzentrierte Weise. Die Sünde ist schrecklich, weil sie eine Beleidigung für Gott ist. Die Erlösung ist wunderbar, weil sie Gott die Ehre gibt. Der Himmel ist herrlich, weil er der Ort ist, an dem Gott alles in allem ist. Die Hölle ist höllisch, weil sie der Ort ist, an dem Gott seinen gerechten Zorn offenbart. Gott ist der Mittelpunkt all dieser Wahrheiten.

Bedenken wir beispielsweise einmal, was der wahre Grund dafür ist, dass Sünde so überaus schrecklich ist. Ein Christ mag anführen, dass die Sünde den Sünder schädige und ihn ins Elend führe, aber ohne eine auf Gott ausgerichtete Perspektive wird er den wichtigsten Punkt von allen übersehen: Sünde ist ein Affront gegen Gott selbst, wie David in Psalm 51,6 bekennt: »Gegen dich, gegen dich allein habe ich gesündigt, und ich habe getan, was böse ist in deinen Augen; damit du gerechtfertigt wirst, wenn du redest, für rein befunden, wenn du richtest.«

Das häufigste Wort im Römerbrief, dem größten Lehrtext der Bibel, ist nicht Gnade, Glaube, Glauben oder Gesetz, sondern Gott. Die meisten der großen theologischen Aussagen im Römerbrief beginnen mit Gott:

  • Gott hat sie hingegeben (Röm 1,24.26.28)
  • Gott wird jedem vergelten wird nach seinen Werken (Röm 2,6)
  • Gott wird das Verborgene der Menschen richten […] durch Jesus Christus (Röm 2,16)
  • Gott hat ihn dargestellt hat als ein Sühnemittel durch den Glauben an sein Blut (Röm 3,25)
  • Gott rechtfertigt die Gottlosen (Röm 4,5)
  • Gottes Liebe ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist (Röm 5,5)

Als Calvinisten sind wir in Gott verliebt. Wir sind überwältigt von seiner Majestät, seiner Schönheit, seiner Heiligkeit und seiner Gnade. Wir suchen seine Herrlichkeit, sehnen uns nach seiner Gegenwart und richten unser Leben nach ihm aus.

Andere Christen sagen, dass Evangelisation oder Erweckung ihr größtes Anliegen sei, und diese Dinge müssen uns natürlich sehr am Herzen liegen. Aber letztlich haben wir nur ein Anliegen: Gott zu kennen, ihm zu dienen und ihn verherrlicht zu sehen. Das ist unser Hauptziel. Die Rettung der Verlorenen ist deshalb wichtig, weil sie zur Verherrlichung des Namens Gottes und zum Kommen seines Reiches führt. Die Läuterung der Gesellschaft ist wichtig, weil sie uns hilft, Gottes Willen auf Erden so zu tun, wie er im Himmel getan wird. Bibelstudium und Gebet sind wichtig, weil sie uns in die Gemeinschaft mit Gott führen.«

Aus Hiob zum Letzten

[Elihu:] Siehe, Gott handelt erhaben in seiner Macht; wer ist ein Lehrer wie er?
Wer hat ihm seinen Weg vorgeschrieben, und wer dürfte sagen: Du hast unrecht getan? Erinnere dich daran, dass du sein Tun erhebst, das Menschen besingen. Alle Menschen schauen es an, der Sterbliche erblickt es aus der Ferne. Siehe, Gott ist zu erhaben für unsere Erkenntnis; die Zahl seiner Jahre, sie ist unerforschlich. […]

[Hiob:] Ich weiß, dass du alles vermagst und kein Vorhaben dir verwehrt werden kann.
Wer ist es, der den Rat verhüllt ohne Erkenntnis? So habe ich denn beurteilt, was ich nicht verstand, Dinge, zu wunderbar für mich, die ich nicht kannte. Höre doch, und ich will reden; ich will dich fragen, und du belehre mich!
Mit dem Gehör des Ohres hatte ich von dir gehört, aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum verabscheue ich [mich] und bereue in Staub und Asche.

Hiob 36,22-26; 42,2-6 (ELB2003)

Endenoten

[1] Joel R. Beeke, Living for God’s Glory: An Introduction to Calvinism. 1. Aufl. (Sanford, FL: Ligonier Ministries, 2008), Kapitel 3 The Marrow of Calvinism, Abschnitt Theocentrism, S. 40–42.

[2] Mason Pressly, „Calvinism and Science“ in: Evangelica Repertoire (1891), S. 662.

[3] B. B. Warfield, Calvin as a Theologian and Cavinism Today (London: Evangelical Press, 1969), S. 23–24.

[4] R. C. Sproul, Grace Unknown: The Heart of Reformed Theology (Grand Rapids: Baker, 1997), S. 25.

Opera ad extra – Das Zusammenwirken von Vater, Sohn und Heiligem Geist im Heilswerk

Text adaptiert von: James Buchanan, Die Lehre der Rechtfertigung. Nachdruck aus dem Druck von 1867 von T. and T. Clark, Edinburgh. Grand Rapids, MI: Baker Book House, 1977), S. 388–392.
Übersetzung, Überarbeitung und Erweiterung durch grace@logikos.club.
Bildquelle: unbekannt (Hinweise erbeten)

Die opera ad extra

Die Heilige Schrift offenbart uns, dass Gott-Vater, Gott-Sohn und Gott, der Heilige Geist, im Plan und Werk der Erlösung des Menschen harmonisch abgestimmt und in Einheit zusammenwirken, dass aber jeder von ihnen ein anderes „Amt“ innehat und einen anderen Teil des Werkes übernimmt, um diesen Plan zu verwirklichen. Dies gilt für alle „Werke [Gottes] nach außen“ (den opera ad extra), für die erste Schöpfung und für die zweite Schöpfung (Heil). Sie sind Wirkungen, die aus dem Wesen Gottes heraustreten und offenbar werden, und die auf den „Werken Gottes nach innen“ (den opera ad intra) beruhen. Während uns die opera ad intra in der Schrift offenbaren, wie das Verhältnis der drei Personen der Dreieinheit zueinander ist, lassen uns die opera ad extra in der Schrift erkennen, wie die drei Personen der Trinität zwar in „göttlicher Arbeitsteilung“, jedoch untrennbar und stets harmonisch zusammenarbeiten zur Verwirklichung der einen gemeinsamen Zielsetzung (Wille, Vorsatz, Ratschluss usw.). Dies soll für das Heilswerk unten kurz skizziert werden. [1]

Die Offenbarung der drei Personen der Gottheit im Heilswerk

Das großartige Ziel Gottes, bestimmte erwählte Sünder zu erlösen, sowie die harmonische Zusammenarbeit der drei Personen der Gottheit bei der Verwirklichung dieses Ziels könnten aus der Einheit der göttlichen Natur (es gibt nur ein göttliches Wesen!) abgeleitet werden. Denn dieses impliziert notwendigerweise die Einheit in den Ratschlüssen des göttlichen Willens. Aber die Unterscheidungen innerhalb der Gottheit nach den drei Personen (Subsistenzen) hätten nie auf eine andere Weise so deutlich offenbart werden können, als durch die verschiedenen „Ämter und“ Tätigkeiten, die ihnen im Zusammenhang mit dem Erlösungswerk eigen sind. Es ist ein Zeichen für die Harmonie ihrer Absichten und ihres Zusammenwirkens in dem einen gemeinsamen Selbstoffenbarungswerk.

Die Offenbarung der drei Personen der Gottheit wird erst im Heilswerk Gottes (im NT beschrieben) explizit deutlich. Nehmen wir das Beispiel der christlichen Taufe: Von jedem an Christus Gläubigen verlangt Gott, getauft zu werden, und zwar nicht einfach auf den Namen Gottes, sondern ausdrücklich „auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Matthäus 28,19). Auch in der apostolischen Segensformel werden ausdrücklich alle drei Personen der Trinität benannt: „Die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! “ (2Korinther 13,13). Dies ist also ein spezifisch christliches Kennzeichen, im AT verborgen, im NT geoffenbart.

In der Epoche vorher, der letzten des Alten Testaments (vgl. Lukas 7,27f), gab es die vorbereitende Taufe des Johannes, die als „Taufe mit Wasser zur Buße“ (Matthäus 3,11f), „Taufe der Buße“ (Apostelgeschichte 19,2–6) und „Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden“ (Markus 1,4) beschrieben wird. Sie wurde den Menschen, die Jesu Dienst begleiteten, verabreicht, damit sie gelehrt würden, an den zu glauben, der „nach mir [Johannes Baptist] kommt“, und sie „mit Heiligem Geist taufen“ würde (Markus 1,7–8). Diese Bußtaufe war im Vergleich zur christlichen Taufe unvollkommen, weil sie den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist nicht deutlich benannte. Daher wurde die Taufe des Johannes bei der Gründung der christlichen Kirche durch die von Christus angeordnete (Matthäus 28,19) ersetzt, die alle drei Personen der Gottheit explizit benennt und bekennt.

Aber auch das gesamte Heilswerk betreffend ist in der Heiligen Schrift zu beobachten, dass jede der drei Personen der Gottheit ein bestimmtes Amt ausübt und ein spezifisches Werk verrichtet. Auch hier gilt wieder, dass diese Ämter und Werke zwar eindeutig den göttlichen Personen zugeordnet sind, dass sie aber stets miteinander und in völliger Harmonie und Einheit ausgeführt werden. Die wahrgenommenen Unterschiede in den Werken ad extra sind keinesfalls Unterschieden im göttlichen Wesen zuzurechnen (es gibt solche nicht). Eine einzigartige Besonderheit entstand dadurch, dass die Person, die der ewige Sohn Gottes ist, auch in der Zeit wahrer Mensch geworden ist (Johannes 1,14; Galater 4,4). 

Das große Sühnungsopfer Jesu am Kreuz, an dessen Ende das geheimnisvolle „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Matthäus 27,46) des Sohnes erklang, wird beeindruckend trinitarisch so beschrieben: „…das Blut des Christus, der durch den ewigen Geist sich selbst ohne Flecken Gott geopfert hat” (Hebräer 9,14a). Der wunderbare Anbetungshymnus in Epheser 1,3–14 ist ein glanzvolles Beispiel der Werke der Trinität im ewigen Heilsvorsatz. – Im Einzelnen:

Gott-Vater

Der Vater wird als Repräsentant der Majestät der Gottheit geoffenbart, der die Souveränität ausübt und die Vorrechte der Gottheit wahrt. Von ihm wird gesagt, dass er uns geliebt hat, dass er uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen in Christus, dass er uns in ihm auserwählt hat vor Grundlegung der Welt, dass er uns vorherbestimmt hat zur Sohnschaft durch Jesus Christus, nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Lobe der Herrlichkeit seiner Gnade, durch die er uns angenommen hat in dem Geliebten, dass er seinen eingeborenen Sohn gegeben hat, dass er seinen Sohn gesandt hat, um der Heiland der Welt zu sein, dass er ihn für uns zur Sünde gemacht hat, dass er ihn hingestellt hat zur Versöhnung durch den Glauben an sein Blut, dass er „seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben hat“, dass „Gott … seine Liebe zu uns darin [erweist], dass Christus, da wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist“, dass es „dem Herrn gefiel…, ihn zu zerschlagen, er hat ihn leiden lassen“, dass er „ihn aus den Toten auferweckt und ihm Herrlichkeit gegeben hat, damit euer Glaube und eure Hoffnung auf Gott sei“. Er hat Christus „durch seine Rechte zum Führer und Heiland erhöht, um Israel Buße und Vergebung der Sünden zu geben“. (Jesaja 53,10; Johannes 3,16; Apostelgeschichte 5,31; Römer 3,25; 5,8; 8,32; 2Korinther 5,21; Epheser 1,3.4.5; 1Petrus 1,21; Hebräer 2,7; 1Johannes 4,14)

Gott-Sohn

Der ewige Sohn, Sohn Gottes und Sohn des Menschen, wird [in Seiner Menschwerdung] als in offizieller Unterordnung unter den Vater handelnd offenbart als „gesandt“, als „gegeben“, als „gekommen, um [s]einen Willen zu tun“, ohne „Ansehen, dass wir seiner begehrt hätten. Er war verachtet und verlassen von den Menschen“, einer, der „sich selbst zu nichts machte und Knechtsgestalt annahm, indem er in Gleichheit der Menschen geworden ist“, der „sich selbst erniedrigte, indem er gehorsam wurde bis zum Tod, ja, zum Tod am Kreuz“, er wurde „geboren unter Gesetz“ und „für uns zur Sünde gemacht“, „indem er ein Fluch für uns geworden ist“, „von Gott geschlagen und niedergebeugt; doch um unserer Übertretungen willen war er verwundet, um unserer Ungerechtigkeiten willen zerschlagen“ und hat „selbst unsere Sünden an seinem Leib auf dem Holz getragen“, hat „sich selbst für uns hingegeben … als Darbringung und Schlachtopfer, Gott zu einem duftenden Wohlgeruch“. „Er ist wohl in Schwachheit gekreuzigt worden, aber er lebt durch Gottes Kraft“, er ist „hinaufgestiegen … über alle Himmel, damit er alles erfüllte“ und „hat sich auf immerdar gesetzt zur Rechten Gottes, fortan wartend, bis seine Feinde hingelegt sind als Schemel seiner Füße“. „ Gott [hat] ihn auch hoch erhoben und ihm den Namen gegeben, der über jeden Namen ist, damit in dem Namen Jesu jedes Knie sich beuge, der Himmlischen und Irdischen und Unterirdischen, und jede Zunge bekenne, dass Jesus Christus Herr ist, zur Verherrlichung Gottes, des Vaters“. (Jesaja 53; 2Korinther 13,4; Galater 3,13; Epheser 4,10; 5,2; Philipper 2,7–8.9–11; Hebräer 10,7.9.12–13; 1Petrus 1,24)

Gott-Heiliger Geist

Der Heilige Geist wird offenbart als der, „der vom Vater ausgeht“ und den Christus uns „von dem Vater senden“ würde. Er „wird von [Christus] zeugen“, Christus „verherrlichen“ und „von dem Meinen empfangen und euch verkündigen“. Er wird „die Welt überführen von Sünde und von Gerechtigkeit und von Gericht“, „von Sünde, weil sie nicht an [Christus] glauben“. Er ist der, „der in unsere Herzen geleuchtet hat zum Lichtglanz der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi“, der uns „erneuert … in dem Geist [unserer] Gesinnung“, der der „Geist der Weisheit und Offenbarung in der Erkenntnis seiner selbst“ ist. Er ist der „der Geist dessen, der Jesus aus den Toten auferweckt hat, [der] in euch wohnt“ (trinitarisch!), „der in uns wirkt“. Er ist „der Geist der Wahrheit“, der selbst „die Wahrheit ist“, der gekommen ist, um uns „in die ganze Wahrheit [zu] leiten“. Er „nimmt … sich unserer Schwachheit an“ und „verwendet sich für uns in unaussprechlichen Seufzern“. „Der Geist selbst bezeugt mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.“ Alle Glaubenden sind „versiegelt worden … mit dem Heiligen Geist der Verheißung“ und haben ihn als „das Unterpfand [Zusicherung, Angeld] unseres Erbes“. (Johannes 15,26; 16,8–9.13.14; Römer 8,16.26; 2Korinther 4,6; Epheser 1,13.14; 4,23; Philipper 2,13; 1Johannes 5,6)

Fazit

Diese Zeugnisse der Heiligen Schrift reichen aus, um zu zeigen:

  • Es besteht ein wirklicher Unterschied zwischen dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist, da über jeden von ihnen vieles geoffenbart wird, was von den beiden anderen jeweils nicht ausgesagt wird. Dies betrifft aber nicht ihr Wesen als Gott, da sie dieses ewig völlig identisch besitzen. 
  • Im Rahmen desselben Gnadenplans bekleiden die Personen der Gottheit verschiedene „Ämter“ und vollbringen in Abstimmung und Harmonie verschiedene Teile desselben Werkes der Errettung. 

Die Zielsetzung der Summe und Einheit alles Wirkens Gottes ist seine eigene Verherrlichung, also die glanzvolle Darstellung seiner Vollkommenheiten. (Dies ist auch im Schöpfungswerk zu beobachten, Genesis 1,1–2, Römer 1,19–20; Hebräer 1,2ff usw.)

Da diese grundlegenden Wahrheiten klar geoffenbart sind, können wir uns nur in unentwirrbaren Irrtum verwickeln, wenn wir leugnen oder missachten würden, dass es solche Unterscheidungen im Zeugnis (Selbstoffenbarung) Gottes in der Heiligen Schrift gibt. Wir sollten nicht dem Vater das zuschreiben, was die Schrift dem Sohn zuschreibt, oder dem Sohn das, was die Schrift dem Geist zuschreibt, oder dem Geist das, was die Schrift dem Sohn zuschreibt (usw.). 

Ein, zwei abschreckende Beispiele mögen genügen: Wer dem Vater dankt, dass er für uns am Kreuz gestorben sei, irrt. Wenn der Dankende lernfähig ist, kann ihm mit Gottes Wort schnell geholfen werden, wenn er aber diese Aussage festhält und gar lehrt, verbreitet er lästerlichen Irrtum (sog. Patripassianismus). Ein anderer Verwechslungsirrtum ist es, wenn man als Grund unserer Rechtfertigung das Werk des Geistes in uns (z.B. Buße und Glauben, denen angeblich die Neugeburt zeitlich folge, oder die prozesshafte Heiligung) angibt und nicht das Werk Christi für uns, das außerhalb von uns geschah (stellvertretender Sühnetod am Kreuz). (Dazu im Anschluss noch einige Anmerkungen und Zitate.) 

Endnoten und Ergänzungen

[1] Siehe: John MacArthur und Richard Mayhue, Biblische Lehre – Eine systematische Zusammenfassung biblischer Wahrheit, 3. Aufl. (Berlin: EBTC, 2023), S. 258 und 278.

Ergänzend noch einige sprachliche Anmerkungen und Zitate zur „Rechtfertigung aus Glauben“.

Die Schrift sagt in Römer 5,1, dass „wir nun gerechtfertigt worden sind aus Glauben“. Das Verb rechtfertigen des deutschen Textes steht in der 1.Person Plural Indikativ Perfekt Vorgangspassiv, deutet also auf ein vollendetes Geschehnis (Akt) in der Vergangenheit, das fortlaufende Wirkung bis in die Gegenwart hat, nämlich Frieden zu haben (Präsens; Indikativ, m.l. Konjunktiv). Es gibt das durch Wortstellung am Satzanfang betonte griech. Wort dikaióo (im Aorist Partizip Passiv Plural Nominativ Maskulinum, δικαιωθέντες ) wieder, was auf jenen Zeitpunkt deutet, bei dem eine Person vollständig und in einem Akt von Gott gerechtfertigt wurde und nun daraus folgend bleibenden Frieden hat (Präsens von echo) aufgrund des aus Gnade geschenkten lebendigen Glaubens (so: Vine, Unger, White: NT Words 2 und z.B. Lange et al in ihrem Römerbrief-Kommentar). 

Die Präposition aus (griech. ek in ἐκ πίστεως = „aus Glauben“, auch: „auf der Grundlage des Glaubens“) markiert den Glauben als die subjektive Ursache und das aneignende Werkzeug, während „die Gnade [Gottes], in der wir stehen“ die objektive oder erzeugende (kreative) Ursache unserer Rechtfertigung ist, durch die wir aus dem Zustand der Sünde und Verdammnis in den Zustand der Gerechtigkeit und des Lebens gebracht wurden. Kurz gesagt: Die Gnade Gottes eignet uns aktiv die Rechtfertigung zu, wir empfangen sie passiv im Glauben. Dies hat dann vielfältige Folgen, die Römer 5 weiter benennt und ausführt.

Die richtige Zuordnung der Werke der Personen der Gottheit ist auch für den Zentralartikel des christlichen Glaubens, der „Rechtfertigung aus Glauben“, von großer Bedeutung:

  • Richard Albert Mohler jr. (*1959): „Die meisten Amerikaner glauben, dass ihr Problem darin besteht, dass ihnen irgend etwas von außen widerfahren sei, und dass die Lösung dieses Problems in ihnen selbst gefunden werden wird. Mit anderen Worten: sie glauben, dass sie ein externes Problem haben, das mit einer inneren Lösung beseitigt werden kann. Das Evangelium sagt aber im Gegensatz dazu, dass wir ein inneres Problem haben, und dass die einzige Lösung dafür eine externe Gerechtigkeit ist.“ (Beitrag auf der Konferenz T4G, 2006)
  • R. C. Sproul (1939–2017): „Wenn wir sagen, dass die reformatorische Sicht der Rechtfertigung synthetisch ist, dann meinen wir damit, dass, wenn Gott einen Menschen gerecht spricht, das nicht aufgrund dessen geschieht, was er durch seine Analyse in dem Menschen findet. Stattdessen geschieht es aufgrund dessen, was der Person hinzugefügt wird. Dasjenige, was hinzugefügt wird, ist natürlich die Gerechtigkeit Christi. Deshalb sagte Luther, dass die Gerechtigkeit, durch die wir gerechtfertigt werden, extra nos ist, das heißt „getrennt von uns“ oder „außerhalb von uns“. Er nannte sie auch eine „fremde Gerechtigkeit“, nicht eine Gerechtigkeit, die uns gehört, sondern eine Gerechtigkeit, die uns fremd ist. Sie kommt von außerhalb der Sphäre unseres eigenen Verhaltens. Mit diesen beiden Begriffen redete Luther über die Gerechtigkeit Christi.“ (R.C. Sproul, Das Herzstück der Reformation. Artikel auf Evangelium21.net vom 17.11.2018) https://www.evangelium21.net/media/1128/das-herzstueck-der-reformation [Fettdruck hinzugefügt]