Es frauscht im Blätterwald

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In meiner »Kruscht- & Fun-Kiste« fiel mir neulich ein über 30 Jahre alter Artikel in die Hände über einen sprachlichen Irrsinn, für den manche mit großem Ernst und Wahn auch sterben würden (alternativ reicht auch das Superkleben an ein Redaktionsgebäude). Der Autor war jahrelang Redakteur einer Zeitschrift, ist ein Sprachgenie, vielfacher Autor und Übersetzer. Er schreibt hier mit bemerkenswerter Bissigkeit und Sarkasmus, aber erzeugt damit bei einigen ein entspanntes Schmunzeln. Wie anders, als mit Humor, sollte man die militanten Sprach:vergewalt:gender:Innen-Szene sonst ertragen können? Hier kommt ein echter »Oldie-but-Goodie«:

Das hatte gerade noch gefehlt! Da ringt man seit Jahren, was sage ich? seit Jahrzehnten, mit sich selbst und hadert mit dem Schicksal, das einem wie ein schadenfreudiger Pauker ausgerechnet Deutsch als lebenslange Hausaufgabe vor die Füsse geschmissen hat. Als ob diese Sprache, mit der sich so Tiefes und Dunkles, so Lichtvolles und Erhabenes ausdrücken lässt, wie es das berühmte deutsche Gemüt ja nur sein kann, ja, als ob diese Sprache nicht schon der Tücken und Fallen genug besässe!

Was ist passiert? Um es kurz und möglichst schmerzlos zu machen, dies: Man (frau?). Nein. es war kein unpersönlicher Jemand, sondern ein mündiger, denkender – wiewohl schadenfreudiger – Mensch, der, oder die oder geschlechtsneutral … eine Mannfrau, nein: eine Mann/Frau. Wieso der Mann zuerst? Typisch Mann! Also besser: ein Fraumann – oder heisst es: eine Fraumännin? Sehen Sie, sogar ich habe mich verfangen! Dabei habe ich inzwischen einiges Brainstorming hinter mir. Ich denke, Sie ahnen das Problem.

Jemand – das ist unschuldig, oder? Oder doch nicht? Jemand, –mand! Ist mand am Ende ein verkappter Mann, ein garstiger, hinterhältiger, arroganter Misogyne, ein Pascha?! Das wäre ja doch allerhand. Jahrhundertelang redet und tut alle Welt so unschuldig, redet frischfröhlich ganz einfach von jemand, immer und überall heisst es schlicht jemand, und das mit allen Schikanen des Dativs und Akkusativs, und man tut die ganze Zeit, als ob nichts wäre. Es ist nicht mehr als gerecht, hier aufzuräumen. Also: Jefrau hat… Halt! Wollen Sie damit behaupten, die Frau sei schuld? Wir kennen den Dreh. Cherchez la femme! Ja,ja.

Immer dieses alte Lied. Also gut, wir müssen ein anderes Wort einführen, denn Gerechtigkeit muss sein. Sollen wir einfach sagen, ein body wie die Engländer? Vielleicht ein wenig geistlos, nur ein body; ich auf alle Fälle sehe da nur Muskeln und Rundungen vor mir. Wie wäre es mit jemensch? Gefällt mir nicht schlecht.

Ich habe den Faden verloren. Wo waren wir stehengeblieben? Auf alle Fälle bei einem Unglück, bei einer Heimsuchung.

Noch einmal von Anfang an. Eine Person – aber warum eine Person? Finden Sie das gerecht? Wieso ausgerechnet eine? Warum nicht ein Person? Geht nicht? Also gut, Grammatik ist Grammatik. Aber manchmal ist Deutsch eben doch ein Glücksfall: Sagen wir doch ein Persönchen. Das ist wunderbar neutral. Mit besagtem Persönchen begann das Unheil: 

Es ist entdeckt worden. Jetzt hab ich’s, ich fühle mich wie Archimedes in der Badewanne, als er seinen unsterblich gewordenen Urschrei aller Fündiggewordenen in die Stille der sizilianischen Nacht hinaustrompetete. Es lebe das unpersönliche und so herrlich unverfängliche Passiv! Das prophezeie ich Ihnen: Das Passiv ist die Ausdrucksweise der Zukunft! Also: Es ist entdeckt worden, dass unsere Sprache sexistisch verseucht ist, jawohl: sexistisch verseucht. Keine Angst, sexistisch hat nichts mit unbotmässigem Sex zu tun, wir sind hier anständige Leute; es geht dennoch um etwas Ungeheuerliches: die sprachliche Diskriminierung zwischen den Geschlechtern! Wer hätte der scheinbar so unschuldigen Sprache so etwas Niederträchtiges zugetraut? Damit auch die begriffsstutzigsten Gemüter – ich sehe nach allem, was ich bisher erfahren musste, ein, dass auch ich zu diesen gehöre – ein Einsehen hätten, begann man gleich eine wahre Sturzflut von Belegen zu liefern. Workshops wirkten, Zeitschriften wurden zu Dutzenden aus der Taufe gehoben, zuhauf fanden sich sexistisch Aufgebrachte zu Zirkeln zusammen, Kommissionen tagten, kurz und gut: Man rückte dem sexistischen Ungeheuer, das sich jahrtausendelang wie ein fetter Parasit in unserem schönen Sprachkörper eingenistet hatte, zu Leibe. Schliesslich sollte man, pardon! frau oder man/frau oder frau/man, nein: hier und in diesem Fall eindeutig man – die sind ja das Problem! – wissen, wie ernst die Sache ist. Und nun einige Belege:

Ein erstes Beispiel: Im Zeitalter bemannter Raumflüge hinkt die Sprache wie ein alter Patriarch, schlimmer als der neunhundertjährige Methusalem, hinter der Entwicklung her; sie hat noch nicht kapiert, dass auch Frauen den Raum erobert haben. Fortan hat es zu heissen: befraute Raumflüge. Protest von der Männerseite. Wird akzeptiert; also in Zukunft sind solche Flüge als bemenscht zu bezeichnen. Die NASA nennt sie seit einiger Zeit habitated. Na ja, bewohnt, warum nicht, immer noch besser als dieses patriarchalisch fixierte manned

Oder dies: Da konnte man in den zahllosen Zeitungen deutschsprachiger Lande jahraus jahrein Sätze wie den folgenden lesen: «Unter den Konferenzteilnehmern herrschte einhellig die Meinung …» Ist Ihnen etwas aufgefallen? Wahrscheinlich nicht, und damit sind Sie der beste Beweis dafür, wie nötig hier Aufklärung ist: Es herrscht immer jemand – Verzeihung, wir hatten uns ja auf jemensch geeinigt – oder etwas, sogar etwas scheinbar so Unschuldiges wie das Wetter oder eine modische Meinung. Dem hat man, nein – wann kapierst du es endlich? –, frau abgeholfen. Seither frauscht es im Blätterwald. Das ist nicht mehr als recht, oder? 

Aus naheliegenden Gründen wird sich die Männerwelt problemlos mit den Klabauter-, Hampel- und Buhfrauen anfreunden, pardon, anfreundinnen, sind wir doch ganz froh, wenn nicht ewig den Männern die schwarze Petra (diesmal bin ich nicht hereingefallen!) zugeschoben wird. Denn das muss um der Gerechtigkeit willen auch einmal gesagt sein: In der Schweiz drohen – gewiss, pädagogisch unterbelichtete, mit denen wir alle Geduld haben wollen – Eltern seit Jahrhunderten ihren Sprösslingen, der Böölimaa sperre sie in den Keller, wenn sie nicht sofort Ruhe geben und einschlafen. Ich habe nie gehört. dass mit dem Bööliwiib gedroht worden wäre. Aber da dürfen wir jetzt auf Änderung dieses untragbaren Zustandes hoffen. Auch ans Strichfräulein werden wir uns gewöhnen, aber den Mann im Mond, den lassen wir uns nicht kampflos nehmen, und wenn’s den Herrinnen der Schöpfung nicht passt, dann haben sie ja immer noch das geschlechtsneutrale Mondkalb. 

Verzeihen Sie, ich bin ein wenig abgeschweift. Es ging ja um Belege für die patriarchalisch beherrschte – sic! denn hier geht aus offensichtlichen Gründen «befrauscht» nicht – Sprache. Die sind nun einmal nicht von der Hand zu weisen, aber ich habe trotzdem noch Bauchweh. Schüchtern und vorsichtig – man (immer noch nicht kapiert? man/frau!) kann heutzutage nicht vorsichtig genug sein – frage ich immer noch, ob denn die Sprache nicht auch so kompliziert genug sei. Auf diesem Schlachtfeld voller sexistischer Tretminen muss man ja höllisch aufpassen. Dieser sprachliche Sexismus ist zwar erschütternd, das will ich nicht abstreiten, aber sehen Sie, ich bin kein Jüngling mehr, und einem alten Hund bringt man nicht mehr so leicht das Sitzen bei.

Da kann es einem sonst vor lauter Aufpassen ergehen wie einem leibhaftigen bundesdeutschen Minister. Er wandte sich mit diesen Worten an eine vor ihm versammelte Kinderschar: «Liebe Kindinnen, liebe Kinder». Der arme Mann, er hätte sich die Zunge abbeissen mögen, als er seinen Ausrutscher bemerkte. Am andern Tag zitierte ihn nicht nur die Lokalpresse, sondern zu seinem Entsetzen musste er seinen Versprecher auch noch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung lesen. Also, seien wir doch nicht so stur, lassen wir die Sprache Sprache sein. 

Ho, da machen wir die Rechnung aber ohne den Wirt, pardon, ohne die Wirtin! Sie stemmt die Fäuste in die Hüften und verschiesst mit ihren Augen so wütende Blitze, dass ich schnell den Kopf einziehe: Auch diese letzte Bastion der Ungleichheit muss fallen! Und sie wird fallen! Wenn frau will, steht sogar die Sonne still! Ich wage es ganz vorsichtig und strecke noch einmal einen Finger in die Luft; denn ich habe ein Problem. Hoffentlich merkt es die Wirtin nicht, aber ich wende mich jetzt an Sie, liebe Leserinnen. Zuerst dachte ich auch, das sei ein ungeheurer Fortschritt, eine historische Befreiungstat, als man von Kolleglnnen, FahrerInnen. Partnerlnnen usw. zu schreiben anfing. Endlich Gerechtigkeit! Aber wissen Sie, liebeR LeserIn, wie man all diese -Innen liest, ich meine nicht leise und nur mit den Augen, sondern laut? Wie lauten die Dinger, diese verflixten Hermaphroditen. diese doppelgeschlechtigen Ungeheuer, die – seien wir ehrlich – noch kein Mensch gesehen hat? Wie heissen sie. wenn man von ihnen spricht? Muss man bei GenossInnen bei Genoss- die Stimme heben und dann bei -Innen senken. zwischen beiden absetzen oder nicht absetzen, zuerst senken, dann heben. oder am Ende keines von beiden? Ich bin ratlos. Wer hilft mir? ■

Quelle und Disclaimer

Textquelle: Benedikt Peters – factum November/Dezember 1992 (S. 28–30)

Disclaimer. Dieser Beitrag wird mit seiner Wiedergabe hier weder vereinnahmt noch zu eigen gemacht. Lustig ist er trotzdem! Und lehrhaft. Sogar ernst!

Schon vor Hunderten von Jahren hatten kluge Fürsten Hofnarren. Der englische König Henry VIII hatte seinen Will Sommers. Der französische König Francis I of France hatte seinen Triboulet. Man gönnte sich also seinen »Jester«. Keineswegs nur zur Unterhaltung. Der Hofnarr erfüllte oft eine wichtige politische und soziale Funktion. Denn er durfte die Wahrheit sagen. Er durfte Dinge aussprechen, die sonst niemand zu sagen wagte. Ein Fürst lebte oft in einer Welt von Schmeichlern, Höflingen und abhängigen Beamten. Wer offen Kritik übte, riskierte Karriere, Freiheit oder sogar sein Leben.

Der Hofnarr hingegen genoss Narrenfreiheit. Unter dem Deckmantel des Witzes konnte er zum Beispiel sagen: »Majestät, Ihr seid heute wieder so weise wie gestern – und gestern habt Ihr Euch geirrt.« – Als Triboulet eines Tages seinen König grob beleidigte, wurde er vom König zum Tode verurteilt. Als letzte Gnade durfte Triboulet die Art seines Todes wählen. Da sagte Triboulet: »Sire, ich möchte an Altersschwäche sterben.« Der König musste lachen und begnadigte ihn.

Mit der Abschaffung der Hofnarren im 17.–18. Jahrhundert kam es zum Aufstieg moderner Bürokratien. Aber es galt weiter: Der kluge Herrscher/Minister/Führer suchte sich Menschen, die ihm widersprachen. Der dumme Herrscher umgab sich mit Menschen, die ihm zustimmten. – Das kann man bis heute in Politik, Wirtschaft und Kirche/Gemeinde beobachten.

Calvinist werden – In 5 einfachen Schritten ;-))

Adaptiert von Jesse Johnson, How to become a Calvinist in 5 easy steps (The Cripplegate, 2. August 2022). Jesse Johnson ist Gemeindehirte und Lehrer der Immanuel Bible Church in Springfield, VA. Außerdem leitet er den Standort von The Master’s Seminary in Washington DC. Übersetzung, Adaptierung sowie Endnoten von grace@logikos.club.

In meinem Dienst als Gemeindehirte habe ich einen überraschenden Trend festgestellt. Die Menschen, die ich treffe und die sich für „Die 5 Punkte des Calvinismus“ (bekannt unter dem Akronym TULIP) begeistern, haben im Allgemeinen den gleichen Weg eingeschlagen, um dorthin zu gelangen. Das ist zwar nicht der Weg, den ich erwartet hätte, aber ich denke, ich sollte nicht überrascht sein, denn er deckt sich mit meinen eigenen Erfahrungen.

Um ihnen Zeit zu sparen, habe ich diesen Prozess auf fünf einfache Schritte reduziert: „How to become a Calvinist in 5 easy steps“. Wollen sie sich für die Souveränität Gottes im Heil begeistern, TULIPs (engl. „Tulpen“) in jedem Feld entdecken und die historischen Lehren der biblischen Heilslehre (Soteriologie) vorbehaltlos annehmen, die von fast allen Menschen mit auch nur halbwegs guter Theologie in der Kirchengeschichte vertreten worden sind? Nein, sie wollen das nicht? Nun, dann haben sie Glück, denn genau an diesem Punkt fangen wir an:

(1) Beginnen sie in einer Gemeinde, die Gottes Souveränität nicht lehrt. Damit meine ich nicht, dass sie eine Gemeinde finden sollen, die einfach nur die Bibel lehrt, ohne ständig darauf hinzuweisen, um welchen Teil von TULIP es sich handelt. Nein, machen sie langsam, sie werden schon noch dorthin kommen. Fürs Erste sollten sie ihre Reise in einer Gemeinde mit 20-minütigen Minipredigten beginnen. Eine Gemeinde, die denkt, dass (Er-)Wählen etwas sei, was man alle vier Jahre im Wahllokal macht. Sie müssen unbedingt eine Kirche finden, die ihnen sagt: „Halten sie sich von der Theologie fern, das ist gefährliches Zeugs!“ Wenn sie diesen Weg gehen wollen, müssen sie in einer Gemeinde anfangen, die ihnen etwas sagt wie: „Gott wählt nicht aus, wer gerettet wird, das ist Quatsch!“ Wenn der Pastor zufällig Epheser 1 oder Römer 9 vorliest, brauchen sie dazu eine Erklärung, die ungefähr so lautet: „Wenn in der Bibel von ‚Vorbestimmung‘ die Rede ist, heißt das: Gott gibt eine Stimme ab, Satan gibt eine Stimme ab und jeder Mensch hat dann die Möglichkeit, die entscheidende Stimme abzugeben.“ Wenn sie eine Kirche finden, in der der Pastor in einer Predigt einen Stift hochhält und sagt: „Wenn Gott souverän wäre, würde er mich daran hindern, den Stift fallen zu lassen“ und dann den Stift fallen lässt, dann haben sie einen guten Startpunkt für ihren Weg gefunden.

(2) Stoßen sie „zufällig“ auf den Calvinismus. Machen sie sich bloß noch keine Gedanken über den Gebrauch des Wortes „zufällig“. Nach Schritt 5 werden sie dieses Wort nicht mehr verwenden wollen, aber jetzt ist es noch erlaubt. Vielleicht stolpern sie in der Schule über eine Predigt von Jonathan Edwards [1] oder sie finden einen YouTube-Clip von John MacArthur [2]. Vielleicht gibt Ihnen ein Freund eine Spurgeon-Predigt [3], ohne sie vorher sorgfältig geprüft zu haben. Was auch immer es ist: Lesen sie es, hören sie es sich an und ärgern sie sich dann darüber. Werden sie richtig wütend! Schreien sie das Buch/Video an: „Was ist dann mit denen, die das Evangelium noch nie gehört haben!!! Das ist nicht F-A-I-R.“ So, oder so ähnlich. Das Entscheidende ist, so wütend zu werden, dass Schritt 3 unvermeidlich wird.

(3) Lesen sie anti-calvinistische Literatur. Jemand gibt ihnen ein Buch, um ihnen zu „helfen“, das zu verstehen, was sie gerade gelesen haben und was sie wütend gemacht hat. Zum Beispiel ein Gesprächsgruppenleiter aus der Gemeinde oder ein Freund deiner Eltern. Im Idealfall heißt dieses Buch „Calvinismus entlarvt!!!“. Dieses Buch muss – und das ist nicht verhandelbar – ihnen sagen, dass der Calvinismus nicht mit Evangelisation oder Mission vereinbar sei. Extrapunkte gibt es, wenn es ihnen sagt, dass die Prädestination (Vorherbestimmung der Geretteten) nicht wahr sei, weil Calvin in den 1690er Jahren Menschen auf dem Scheiterhaufen umbrachte, wie dies die Amerikaner zu dieser Zeit auch taten [4]. Außerdem habe John Wesley eine schlechte Ehe gehabt. Bei diesem Schritt gilt: Je absurder, desto besser! Denn dies alles bereitet sie auf Schritt 4 vor.

(4) Suchen sie nach einem besseren Weg als den des Calvinismus‘. Sie stellen fest, dass viele berühmte Evangelisten Calvinisten waren, dass der Calvinismus die weltweite Mission immens vorantrieb, dass Calvin selbst erst 1500 Jahre nach Epheser 1 auftrat und dass Wesley sowieso kein Calvinist war. Im Grunde genommen stellen sie fest, dass es mit dem Buch, das sie gerade gelesen haben, wohl einige logische und inhaltliche Probleme gibt. An diesem Punkt suchen sie also nach etwas Hilfreicherem. Nun – und das kann ich nicht genug betonen – müssen sie ein Buch finden, das behauptet, einen besseren Weg als den Calvinismus anzubieten. Vielleicht sogar einen „Sowohl-als-auch“-Ansatz. Wenn es die Formulierung „4-Punkte-Calvinismus“ enthält, umso besser! Idealerweise besorgen sie sich so etwas wie Norm Geislers Chosen but Free [5] oder The Five Points of Calvinism von Bryson [6]. Lesen sie es. Lesen sie es noch einmal. Machen sie sich Notizen. Verschlingen sie es. Lesen sie es, als wäre es wahr. Versuchen sie, alles aufzusaugen. Schließlich wollen sie immer noch kein Calvinist werden. Pfui, bloß nicht!

OK, haben sie Chosen but Free (oder etwas Ähnliches) gelesen? Prima. Mal sehen, wie lange sie das durchhalten können.

Die Wahrheit ist, dass diese Bücher nicht funktionieren. Sie mögen zwar die Spannung zwischen Freiheit und Souveränität anerkennen, aber sie formulieren selten einen Weg, wie man Freiheit und Souveränität in biblischer, voller Spannung stehen lassen kann. Vielmehr versuchen deren Autoren, sie zu überzeugen, dass sie stets die Souveränität Gottes herunterspielen und gleichzeitig felsenfest am „freien Willen“ [sog. „libertine Freiheit“; A.d.Ü.] des Menschen festhalten sollten. Diese Bücher geben dabei noch nicht einmal eine vernünftige Antwort auf die Frage: „Frei von was?“ Kurz gesagt: Sie können und dürfen hier nicht stehen bleiben. Die meisten Menschen werden hier gleich aussteigen und einfach beschließen, nie wieder über dieses Thema nachzudenken. Aber sie gehören nicht zu diesen Menschen! Stattdessen ist dies der Moment, auf den sie gewartet und auf den sie hingearbeitet haben. All Ihre harte Arbeit wird sich jetzt auszahlen:

(5) Lesen sie etwas Gutes, das den Calvinismus richtig erklärt – und zwar von einem Calvinisten  – und beenden sie die Reise. Schnappen sie sich The Potter’s Freedom und genießen sie James White, wie er Chosen but Free demontiert [7]. Schnappen sie sich Sklave von John MacArthur [8] und lassen sie sich von den Metaphern der Bibel in den Bann ziehen. Sie wollen etwas Kürzeres? Versuchen sie J. I. Packers Evangelisation und die Souveränität Gottes [9]. Oh, oh, oh, hier kommt sogar eine kostenlose Quelle: John Pipers Was wir über die fünf Punkte des Calvinismus lehren [10]. Sind Predigten ihr bevorzugtes Medium? Dann versuchen sie die 10-teilige Serie The Doctrines of Grace von MacArthur [11].

Haben sie Bryson gelesen? In der Debatte Who Controls Salvation? schießt White das Buch mit Dynamit ins All [12]. Möchten sie lieber etwas weniger Gefährliches in die Hände nehmen? Greifen sie zu Boice und Ryken mit Die Lehren der Gnade: Eine Erklärung und Verteidigung der fünf Punkte des Calvinismus, einem ruhigen und gewinnbringenden Spaziergang durch das TULIP-Feld [13]. Lesen sie, und beobachten sie dabei, wie sich die Gänseblümchen in ihrem Herzen langsam in TULIPs (Tulpen) verwandeln.

Und wenn sie aus dem Dunstkreis der „Brüderbewegung“ (sog. Plymouth Brethren, D: Christliche Versammlung) kommen, dann lesen sie die hervorragende Darstellung von Stevenson, Die Brüder und die Lehren der Gnade. Wie stand die Brüderbewegung des 19. Jahrhunderts zur calvinistischen Heilslehre? Sie werden staunen, wie große Teile der Bewegung ihre Fundierung der Heilslehre im Wort Gottes nach und nach loslassen und in eine mehr und mehr anthropozentrische Sicht abgleiten konnte. Als „Bruder“ werden sie verstehen, dass man zurück zur Quelle muss, wenn man rein(er)es Wasser trinken will (hier einer vom Anfang).

Nun, wenn sie all diese Schritte befolgt haben, sollten sie an der Ziellinie angekommen sein. Ich weiß, ich weiß: Sie sind diesen Weg gegangen und sind nun als Calvinist herausgekommen, was genau das war, was sie am Anfang vermeiden wollten. Aber das ist in Ordnung: Gott wollte ihnen Gutes tun und sich damit verherrlichen.


Endnoten

[1] Sinners in the hands of an angry God, https://www.blueletterbible.org/comm/edwards_jonathan/sermons/sinners.cfm

[2] How is limited atonement true when Scripture teaches that Christ died for the whole world?, https://www.youtube.com/watch?v=35poj19FXEg

[3] A Defense of Calvinism, https://reformed.org/calvinism/a-defense-of-calvinism-by-c-h-spurgeon/

[4] Hier wird wohl auf die Hexenprozesse von Salem (Salem witch trials) im Jahr 1692 angespielt; deren Opfer wurden allerdings größtenteils durch Erhängen hingerichtet. (A.d.Ü.)

[5] Norman L. Geisler, Chosen But Free – A Balanced View Of God’s Sovereignty And Free Will. 3. Aufl. Minneapolis, MN: Bethany House, 2010.

[6] George L Bryson, The Five Points of Calvinism: Weighed and Found Wanting. Lansing, MI: Calvary Chapel Publishing, 2015.

[7] James R. White, The Potter’s Freedom – A Defense of the Reformation and a Rebuttal of Norman Geisler’s Choosen but Free. Amityville, NY: Calvary Press Publishing, 2000.

[8] John MacArthur, Slave: The Hidden Truth About Your Identity in Christ. Nashville, TN: Thomas Nelson, 2010. Deutsche Version: Die unterschlagene Wahrheit über deine Identität in Christus. Augustdorf: Betanien, 2014.

[9] James Innell Packer, Evangelism and the Sovereignty of God. Nottingham: Inter Varsity, 1961. Neuere Ausgabe mit Vorwort von Mark Dever: Downers Grove, IL: InterVarsityPress, 2012. Deutsche Fassung: Prädestination und Verantwortung – Gott und Mensch in der Verkündigung.Verlag für Glaube, Theologie & Gemeinde (VGTG), 2021.

[10] John Piper, What We Believe About the Five Points of Calvinism. Blog-Artikel von desiringGod vom 1. März 1985 (https://www.desiringgod.org/articles/what-we-believe-about-the-five-points-of-calvinism).

[11] John MacArthur, The Doctrines of Grace. Predigtserie, 2004, 2005. Siehe: https://www.gty.org/library/topical-series-library/280/The-Doctrines-of-Grace.

[12] Who Controls Salvation? – White vs Bryson. YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=O1KJY-PpKFs (2:47:44 Std.)

[13] James Montgomery Boice und Philip Graham Ryken, The Doctrines of Grace: Rediscovering the Evangelical Gospel. Nachdruck der ersten Ausgabe von 2002. Wheaton, IL: Crossway, 2009. Deutsche Ausgabe: Die Lehren der Gnade: Eine Erklärung und Verteidigung der fünf Punkte des Calvinismus. Augustdorf: Betanien, 2009.

[14] Mark R. Stevenson, The Doctrines of Grace in an Unexpected Place. Calvinistic Soteriology in Nineteenth-Century Brethren Thought. Eugene, OR: Wipf and Stock, 2007 (ISBN 978-1-4982-8111-9). Deutsch: Mark R. Stevenson, Die Brüder und die Lehren der Gnade. Wie stand die Brüderbewegung des 19. Jahrhunderts zur calvinistischen Heilslehre? Bielefeld: CLV, 2019.

Tension Deficient Disorder

Hyper-Calvinism and Arminianism both result from the same problem:
A tension-deficient disorder.

Deutsch ungefähr so: »Hyper-Calvinismus und Arminianismus entstehen aus der selben Krankheit: Dass man nicht in der Lage ist, Spannungen auszuhalten.« | Gefunden hier: http://theoparadox.blogspot.com

Stell dir vor: Es blüht gewaltig – und niemand sieht hin

Wissenschaftliche Beobachtungsgabe
Was die Farbe des Mondes betrifft, so ist sie gewöhnlich groß.

Die Verzwurbelung von Geometrie und Geographie
Afrika hat auf allen 4 Ecken eine rundliche Gestalt, die sich gegen die Mitte verengt.

Lebendige Geschichte
Marat wurde zwar ermordet, aber er starb vorher an einer Krankheit, die ihm sogar das Leben raubte.

Präeinsteinische Physik
Gotha ist nicht viel weiter von Erfurt entfernt, als Erfurt von Gotha.

Advanced Hippology
Dann galopierte Bayard im vollen Trabe zum Thore hinaus.

Principia Mathematica
In der Mathematik gibt es viele Lehrsätze, welche sich nur dadurch beweisen lassen, daß man von vorne anfängt.

Autopoiesis der Geometrie
Die Theorie der Parallellinien erklärt sich durch sich selbst: denn sie geht in das Unendliche.

Ritter Spo(r)t
Ein Kreis ist ein rundes Quadrat.

Arminianische Soteriologie
Bei der nach Versand dieses Schreibens durchgeführten Verlosung unter Aufsicht eines öffentlichen Notars hat sich für Sie Folgendes herausgestellt: Sie können gewinnen! Rubbeln Sie nun das Feld A frei und schreiben Sie Ihren Namen hinein!

Monod’sche Evolutionstheorie
Wenn man vier Würfel hat und will sechs Sechsen werfen, so wird das nicht immer gelingen.

Wem solche Aussprüche und »Gallettismen« gefallen, möge das Werk »Gallettiana« suchen, das noch mehr solcher missglückten Lehrersprüche enthält. Benannt wurden sie nach dem Professor Johann Georg August Galletti (1750–1828), einem Professor am Gymnasium in Gotha. Ein launiger Artikel ist hier.