Warum die »Gute Nachricht« wahrhaft gut ist (B. Peters, 2008)

In Römer 10,15 zitiert Paulus folgende Worte des Propheten Jesaja:

Wie lieblich sind die Füße derer, welche das Evangelium des Friedens verkündigen, welche das Evangelium des Guten verkündigen!

Das Evangelium heißt hier »Evangelium des Guten«. Paulus nennt das Evangelium ferner:

  • Evangelium Gottes (Römer 1,1; 15,16; 2Korinther 11,7; 1Thessalonicher 2,2.8.9; s. a. 1Petrus 4,17)
  • Evangelium Seines Sohnes (Römer 1,9)
  • Evangelium des Christus (Römer 15,19; 1Korinther 9,12; 2Korinther 9,19; 10,14; Galater 1,7; 1Thessalonicher 3,2; Philipper 1,27)
  • Evangelium der Herrlichkeit Christi (2Korinther 4,4)
  • Evangelium der Herrlichkeit des seligen Gottes (1Timotheus 1,11)
  • Evangelium der Gnade Gottes (Apostelgeschichte 20,24)
  • Evangelium eures Heils (Epheser 1,13)
  • Evangelium des Friedens (Epheser 6,15)

Ausgehend von diesen verschiedenen Bezeichnungen des Evangeliums gibt es acht verschiedene Gründe, warum das Evangelium gut zu nennen ist:

  1. Es kommt von Gott: »das Evangelium Gottes« (Römer 1,1)
  2. Es ist Gottes Kraft zum Heil: »das dem Fleisch unmögliche tat Gott« (Römer 8,3)
  3. Es offenbart Gottes Gnade: »das Evangelium der Gnade Gottes« (Apostelgeschichte 20,24)
  4. Es offenbart Gottes Gerechtigkeit (Römer 1,17)
  5. Es offenbart Gottes Herrlichkeit: »das Evangelium der Herrlichkeit des glückseligen Gottes« (1Timotheus 1,11)
  6. Es zeugt von Gottes Sohn: »das Evangelium über Seinen Sohn« (Römer 1,3)
  7. Durch dasselbe wirkt Gott, der Heilige Geist (1Thessalonicher 1,5)
  8. In ihm bekommt Gott alle Herrlichkeit und Ehre (Römer 11,36).

Alle diese Gründe machen uns deutlich, dass beim Evangelium Gott die Hauptsache ist, nicht der Mensch. Genau das ist es, was das Evangelium zur guten Botschaft macht. Und genau darin liegt die verlorene Glückseligkeit des Menschen: Dass Gott wiederum den Rang bekommt, der Ihm zusteht. Der Mensch ist im Heil nichts, Gott ist alles. Das ist die Wahrheit, die uns frei macht; frei vom Wahn, etwas zu sein, wo wir doch nichts sind (Galater 6,3). Das ist die Wahrheit, die durch die Lüge der Schlange ins Gegenteil verkehrt worden ist: Der Mensch könne sein wie Gott (1Mose 3,5). Am Ende der Tage wird es so sein, dass der Mensch den Platz eingenommen haben wird, der Gott allein zusteht. Das hat Paulus mit folgenden Worten angekündigt:

Lasst euch von niemand auf irgendeine Weise verführen, denn dieser Tag kommt nicht, es sei denn, dass zuerst der Abfall komme und offenbart werde der Mensch der Sünde, der Sohn des Verderbens, der widersteht und sich erhöht über alles, was Gott heißt oder verehrungswürdig ist, so dass er sich in den Tempel Gottes setzt und sich selbst darstellt, dass er Gott sei. (2Thessalonicher 2,3–4)

Das Buch der Offenbarung bestätigt die Ankündigung des Apostels. Die Religion des endzeitlichen Menschen ist die Anbetung des Menschen (Offenbarung 13,4.15.18). Je näher wir diesem Ende kommen, desto heftiger reißt der Zeitgeist an der Gemeinde der Gläubigen, um sie hineinzuziehen in diesen Strom. Um so entschiedener müssen wir daher die Wahrheit hochhalten, dass die Gute Nachricht in nichts anderem besteht, als dass Gott alles ist, Gott alles wirkt und Gott alle Ehre bekommt. Werden diese Wahrheiten abgeschwächt, sind wir in Gefahr, abzufallen. Werden sie unterschlagen, sind wir schon abgefallen, oder, wie Petrus sagt »aus unserer Festigkeit gefallen« und »durch den Irrwahn der Ruchlosen mitfortgerissen« worden (2Petrus 3,17).

Das Evangelium befreit uns für Gott und Seinen unumschränkten Willen. Über die eigentliche Bedeutung des Dienstes von Johannes Calvin sagte ein französischer Biograph:

Die Umwälzung, die der Genfer Reformator durch sein Wirken auf geistlichem Gebiet hervorgerufen hat, wurde bisweilen mit der Revolution verglichen, die Kopernikus zur gleichen Zeit– durch seine astronomischen Entdeckungen im physikalischen Weltbild herbeigeführt hat. Vor Kopernikus glaubte man im allgemeinen, die Sonne drehe sich um die Erde, die im allgemeinen für den Mittelpunkt der Welt gehalten wurde. In seinem berühmten Buche »Über die Umdrehung der Himmelskörper« (De Revolutionibus orbium coelestium libri VI, 1543) hat der gelehrte Astronom nachgewiesen, daß es sich, im Gegensatz zu der bisherigen Ansicht, umgekehrt verhalte und die Erde sich um die Sonne drehe. Das ganze Weltbild wurde dadurch verändert.
In ähnlicher Weise hat der Reformator der Frömmigkeit den herkömmlichen Mittelpunkt weggenommen, der für den damaligen religiösen Menschen die eigene Seele mit ihren Bedürfnissen und Regungen war. Er hat statt dessen dem Glaubensleben seine eigentliche Mitte wiedergegeben, nämlich Gott. (Jean Cadier: Calvin. Der Mann, den Gott bezwungen hat. Zollikon: Evang. Verlag, 1959.)

1 Das Evangelium ist gut, denn es kommt von Gott

Darum heißt es »das Evangelium Gottes« (Römer 1,1).

  1. Schon die bloße Tatsache, dass das Evangelium von Gott kommt, bedeutet, dass es gut ist. Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben, von dem Vater der Lichter (Jakobus 1,17). Alles, was Gott gibt, ist gut, denn Gott ist gut, ja, Gott allein ist gut (Markus 10,18). Außer Ihm gibt es kein wirklich Gutes – d. h. bleibend Gutes und vollkommen Gutes.
  2. »Evangelium Gottes« bedeutet, dass es die Botschaft Gottes ist; in ihm spricht Gott. Wenn es gelehrt und verkündigt wird, ergeht Gottes Stimme, die Macht hat, die Toten zu erwecken (Johannes 5,25), Zedern zu knicken oder Hirschkühe zum Werfen zu bringen (Psalm 29).
  3. Drittens bedeutet es, dass das Evangelium nicht von Menschen ausgedacht, sondern von Gott offenbart worden ist (1Korinther 2,9.10). Damit gehört das Evangelium Gottes auch Gott, und darum dürfen wir es nicht antasten, indem wir es verkürzen (vgl. Apostelgeschichte 20,27) oder verändern (siehe Galater 1,8.9).

2 Das Evangelium ist gut, denn es ist Gottes Kraft zum Heil

Kommt das Evangelium von Gott, dann richtet es auch das aus, was Gott will: Es rettet den Sünder, indem es ihn aus dem Dunkel ins Licht, aus dem Tod ins Leben, aus der Gottesferne zu Gott bringt (1Petrus 3,18). Das aber ist das Höchste, das einem Menschen widerfahren kann. Wer wüsste Höheres und Besseres zu nennen, als zu Gott gebracht zu werden? Das verstehen wir, wenn wir auch verstanden haben, worin unser wirkliches Elend besteht: Wir haben Gott verlassen, wir haben Ihn verloren.

Als wir noch Sünder waren, gab Er Seinen Sohn für uns dahin (Römer 5,5). Der Sünder ist blind, d. h. er erkennt weder seine Not noch den, der allein seine Not wenden kann. Der Sünder ist ein Knecht der Sünde und dazu ein Feind des Lichts, d. h. er will die Wahrheit über Gott und über seinen wahren Zustand nicht hören. Er ist ein Feind Gottes; d. h. er will nicht mit Gott versöhnt werden. Der Sünder ist tot in Seinen Sünden. Das alles zeigt, dass im Menschen weder die erforderliche Erkenntnis noch das Vermögen noch der Wille da ist, gerettet zu werden. Darum muss Gott alles tun zur Errettung des Menschen. Genau das lehrt das Evangelium: Das dem Fleisch Unmögliche tat Gott (Römer 8,3).

Gott tat alles zur Errettung. Das nennen wir die Alleinwirksamkeit Gottes. Er fasste den Rat zum Heil (Epheser 1,4.11). Er sonderte Seinen Sohn aus, das Heil für Sünder zu wirken (Johannes 1,29). Er sandte den Sohn, Seinen Heilsrat zu erfüllen (Galater 4,4). Er erwählte uns in Christus (Epheser 1,4), Er berief uns am Tag unseres Heils, Er rechtfertigte uns, Er verherrlichte uns (Römer 8,30). Von Ihm her geschah es, dass wir nun in Christus Jesus sind, der uns geworden ist zur Weisheit von Gott und zur Gerechtigkeit und Heiligkeit und Erlösung (1Korinther 1,30).

Weil all das wahr ist, kann Paulus sagen: Das Evangelium ist Gottes Kraft zum Heil (Römer 1,16). Gottes Kraft übertrifft alles, darum müssen wir nicht versuchen, etwas zur Wirksamkeit des Evangeliums beitragen zu wollen. Wir können durch unsere menschlichen Versuche, es »anziehender« oder »akzeptabler« und damit »wirksamer« zu machen, nur verderben.

Adolph Zahn, reformierter Pfarrer in Elberfeld im 19. Jahrhundert, fasst mit folgenden Worten das Evangelium zusammen, wie er es von Wichelhausen, Theologieprofessor in Halle, empfing:

Der Mensch ohne Leben und Freiheit vor Gott, tot in Sünden, Gott allein frei und freimachend in souveräner Gnade. Und dies Licht dann über die ganze Schrift ausgegossen und so in der Schrift überall die scharfen und gewaltigen Gegensätze von Gott und Mensch gefunden: Er nicht wie wirund wir in steter Feindschaft gegen ihnDas gibt dann Klarheit für alle Kapitel und eine ebenso einfache wie oft tiefe und wahrhaft geistvolle Schriftauslegung. (Adolph Zahn: Von Gottes Gnade und des Menschen Elend, S. 44).

Wir hörten eben: »Darum muss Gott alles tun…«. Ja, Er muss alles tun, wenn es überhaupt Heil geben soll. Aber war Er genötigt, unser Heil zu beschließen und in der Fülle der Zeit zu wirken? Gewiss nicht. Er schuldete und schuldet dem Menschen nichts.

3 Das Evangelium ist gut, denn es offenbart Gottes Gnade

Darum heißt das Evangelium »das Evangelium der Gnade Gottes« (Apostelgeschichte 20,24). Gnade bedeutet dreierlei:

  1. Alles Heil geht von Gott aus
  2. Alles Heil geschieht durch Gott
  3. Alles Heil ist ganz unverdient. Gott gibt lauter Unwürdigen nur Gutes.

Die beiden ersten Wahrheiten haben wir bereits beleuchtet. Wir wollen jetzt einige Augenblicke bei der dritten Wahrheit verharren: Alles Heil ist ganz unverdient. Gott tut in der Errettung Gutes an Menschen, die nichts davon verdient haben. Im Gegenteil: Gott müsste uns alle verdammen.; Er müsste uns in die äußerste Finsternis werfen. Er müsste uns verstoßen. Er müsste uns für immer aus Seiner Gegenwart verbannen. – Er tut aber genau das Entgegengesetzte: Es gibt keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind (Römer 8,1). Er liebt uns mit der gleichen Liebe, mit der Er Seinen Sohn geliebt hat (Johannes 17,26). Er nimmt uns an als Seine Kinder und nimmt uns auf in Sein Haus (Johannes 14,3). Er wird über Seinen Erwählten ewig leuchten (Offenbarung 22,5).

4 Das Evangelium ist gut, denn es offenbart Gottes Gerechtigkeit

Gottes Liebe relativiert nicht Gottes Licht. Gottes Gnade geschieht nicht auf Kosten der Gerechtigkeit. Gott handelt nicht so, wie wir Menschen, die manchmal Gnade vor Recht ergehen lassen, was gemeinhin als sehr löblich gilt. Nein, Gott lässt Gnade ergehen unter Wahrung vollkommenen Rechts. Das macht Seine Gnade so herrlich, denn das lehrt uns, dass die Gnade Gott sehr viel gekostet hat, Jja, sie hat Ihn alles gekostet, Seinen eingeborenen, Seinen geliebten Sohn.

Paulus sagt: »Gottes Gerechtigkeit wird darin [im Evangelium] offenbart“ (Römer 1,17).

Wir sagen meist, im Evangelium offenbare sich Gottes Liebe, und das stimmt natürlich (Römer 5,7). Aber was Paulus im Römerbrief als Erstes hervorhebt, ist die Gerechtigkeit Gottes, die sich im Evangelium manifestiert. Das ist das Wunder der Errettung und darin liegt die alles überstrahlende Schönheit des Evangeliums, dass es den Gott offenbart, der gerecht bleibt, während Er den Ungerechten rechtfertigt (Römer 3,25.26). Das geschieht dadurch, dass Christus unser Stellvertreter geworden ist (2Korinther 5,21). Er ist in zweifacher Hinsicht unser Stellvertreter: Er hat in Seinem Leben stellvertretend für alle Menschen alles erfüllt, was das Gesetz vom Menschen fordert. Dann hat Er in Seinem Tod alles erlitten, was das Gesetz an Strafen über den Gesetzesbrecher verhängt. So wurde Gottes Gerechtigkeit genüge getan, dass wir sagen können: Gottes Gerechtigkeit müsste uns verdammen, aber Gottes Gnade spricht uns frei.

Gottes Gerechtigkeit wurden im stellvertretenden Tod Seines Sohnes genüge getan, darum kann Gott dem Sünder gnädig sein, ihm die Sünden vergeben und ihm das Leben schenken und dabei doch gerecht bleiben

5 Das Evangelium ist gut, denn es offenbart Gottes Herrlichkeit

Darum heißt es »das Evangelium der Herrlichkeit des glückseligen Gottes« (1Timotheus 1,11).

Was meint Paulus mit dem nur hier und in 1Timotheus 6,15 verwendeten Ausdruck »der glückselige Gott«? Er sagt damit Folgendes: Gott ist in sich vollkommen glückselig; er ruht in vollkommenem Frieden; ihm fehlt nichts. Dennoch hat er einen Sünder, einen Verfolger der Heiligen, einen Feind des Lichts geliebt, gesucht und errettet.

  • Darin zeigt sich erst richtig die Größe der göttlichen Gnade.
  • Darin zeigt sich auch erst richtig die Größe der göttlichen Weisheit; denn wir fragen: Wie bringt Gott es nur fertig, einen Sünder zur Einsicht und zur Umkehr zu bewegen?
  • Darin zeigt sich die unumschränkte Kraft Gottes, der die Sünde und den Tod, Feindschaft und Misstrauen überwindet und ewiges Heil wirkt (Römer 1,16).

Auf diese Weise offenbart das Evangelium die Herrlichkeit Gottes. Was bedeutet »die Herrlichkeit Gottes«? Dieses: Die Gesamtheit Seiner Vollkommenheiten, Seine vollkommene Wahrheit, Weisheit, Macht, Gnade, Liebe, Heiligkeit und Gerechtigkeit. Gott ist Licht (1Johannes 1,5) und Gott ist Liebe (1Johannes 4,16).

6 Das Evangelium ist gut, denn es zeugt von Gottes Sohn

Darum heißt es »das Evangelium über Seinen Sohn« (Römer 1,3). Alles Gute, was Gott sich für den Menschen vorgesetzt hat, hat Er in Seinem Sohn gewirkt. Er ist die Mitte des Evangeliums. Durch Ihn geschieht alles.

  1. Er hat zunächst im und durch den Sohn geredet (Hebräer 1,1). In Ihm haben wir das unschätzbare Gut der vollkommenen und vollständigen Offenbarung aller Heilsgedanken Gottes (Johannes 1,1.9.14).
  2. Sodann hat Er im und durch den Sohn das Heil gewirkt: In Christus erwählt (Epheser 1,4), durch Sein Blut erlöst (Epheser 1,7), durch Seinen stellvertretenden Tod und durch Seine Auferstehung gerechtfertigt (Römer 4,25; 2Korinther 5,21); durch Ihn verherrlicht (Philipper 3,20–21); in Ihm ein ewiges, unvergängliches Erbe (Epheser 1,11).
    Darum predigten den Apostel Christus:
    • wer Er sei: Jesus von Nazareth;
    • was Er sei: wahrer Gott vom wahren Gott (Johannes 1,1–3); wahrer Mensch (Philipper 2,5);
    • wie Er sei: sündlos, rein, heilig (Hebräer 7,26; 1Petrus 1,18–19);
    • was Er getan hat.
  3. Darum heißt das Evangelium »das Evangelium der Herrlichkeit Christi« (2Korinther 4,4). Seine Vollkommenheiten werden im Evangelium kund: Seine Sündlosigkeit, Seine Gerechtigkeit, Seine Gnade, Seine Barmherzigkeit, Sein Liebe zu Gott, Seine Liebe zu den Seinen, Seine Liebe zu den Menschen. Der zweite Mensch ist alles; der erste Mensch ist nichts; der Mensch vom Himmel bleibt, der Mensch, der von der Erde ist, muss weichen (1Korinther 15,45-48).

7 Das Evangelium ist gut, denn durch dasselbe wirkt Gottes Geist

»die Dinge …, die euch jetzt verkündigt worden sind durch die, die euch das Evangelium gepredigt haben durch den vom Himmel gesandten Heiligen Geist« (1Petrus 1,12); »Denn unser Evangelium war nicht bei euch im Wort allein, sondern auch in Kraft und im Heiligen Geist und in großer Gewissheit« (1Thessalonicher 1,5).

Der Vater, der Sohn, der Heilige Geist, der dreieinige Gott, offenbart sich im Evangelium und wirkt durch das Evangelium. Der Vater hat den Heilsrat gefasst und den Sohn dazu bestimmt, ihn auszuführen. Der Sohn hat sich vom Vater senden lassen und hat all Sein Wohlgefallen erfüllt (Johannes 17,3). Das ist der Inhalt des Evangeliums, und wenn dieses gepredigt wird, wirkt Gott, der Heilige Geist. Er begleitet keine andere Botschaft als diese. Darum müssen wir zusehen, dass wir das Evangelium Gottes verkündigen, das Evangelium vom Sohn Gottes, das Evangelium der Gnade Gottes, das Evangelium, das die Apostel verkündigten. Denn ohne das Wirken des Heiligen Geistes gibt es keine Errettung. 

Wenn Gott mit der Sendung des Sohnes und der Niederschrift Seines Werkes aufgehört hätte zu wirken, wäre durch das Evangelium kein Mensch errettet worden. Darum sandten der Vater und der Sohn nach vollbrachtem Werk Seines Sohnes den Heiligen Geist, der Sünder überführt, Widerspenstige willig macht, in toten Herzen Glauben weckt und sie so zum Heiland und zum Heil führt. Wiederum müssen wir erkennen, dass in der Errettung Gott alles wirkt, von Anfang bis zum Schluss. Aber wir müssen auch erkennen, dass er die Mittel bestimmt hat, um diese Errettung zu wirken, und das ist nichts anderes als die Predigt des Evangeliums. Mit der Predigt des Evangeliums wirkt Gottes Geist.

9 Das Evangelium ist gut, denn in ihm bekommt Gott allein alle Ehre

»Denn von ihm
und durch ihn
und für ihn
sind alle Dinge;
ihm sei die Herrlichkeit
in Ewigkeit! Amen«.
(Römer 11,36).

Was Paulus als Ergebnis der im Evangelium gelehrten und durch dessen Kraft gewirkten Errettung bezeichnet –Gott allein alle Ehre–, wird auch als Ergebnis der großen alttestamentlichen Errettung deklariert. Das Buch Exodus (2Mose) endet damit, dass Gottes Herrlichkeit inmitten der Erlösten aufstrahlt und die Wohnung Gottes erfüllt (2Mose 40).

Jonathan Edwards (1703–1758)um wenige Jahre älterer Zeitgenosse George Whitefields, hielt am 8. Juli 1731 in Boston eine Predigt zu 1Korinther 1,29–31 unter dem Titel: »God Glorified in Man’s Dependence« (etwa: »Gott verherrlicht durch die Abhängigkeit des Menschen«). Darin sagte er unter anderem: 

»Es besteht eine absolute und umfassende Abhängigkeit der Erlösten von Gott. Das Wesen und die Gestaltung unserer Erlösung sind derart, dass die Erlösten in jeder Hinsicht direkt, unmittelbar und vollständig von Gott abhängig sind: Sie sind in allem von ihm abhängig und in jeder Hinsicht von ihm abhängig.« [1]

Endenoten

[1] »There is an absolute and universal dependence of the redeemed on God. The nature and contrivance of our redemption is such, that the redeemed are in every thing directly, immediately, and entirely dependent on God: they are dependent on him for all, and are dependent on him every way.« (Quelle: https://www.biblebb.com/files/edwards/JE-dependence.htm [27.12.2025])

Disclaimer: Dieser Vortrag wurde von Benedikt Peters (Arbon, CH) auf der Hirtenkonferenz 2008 gehalten und von grace@logikos.club zusammengefasst.

Charles H. Spurgeon – Prediger der biblischen »Lehren der Gnade«

Charles Haddon Spurgeon (1834 – 1892) war einer der größten Prediger der letzten Jahrhunderte. Der Spurgeon-Biograph Lewis Drummond nannte ihn den größten Prediger, den»Fürsten unter den Predigern« (»Spurgeon: Prince of Preachers«; Kregel Publ., 1992). Viele wurden von seinen Predigten angezogen, das Metropolitan Tabernacle in London war regelmäßig mit 5.000–6.000 Zuhörern gefüllt.

Steven Lawson fasst die enorme Breite und Tiefe des Wirkens Spurgeons in Wort und Schrift wie folgt zusammen:

»Schon im Jahr 1863 waren von Spurgeons Predigten mehr als 8 Millionen Kopien verkauft worden. Bei seinem Heimgang im Jahr 1892 waren es schon 50 Millionen. Am Ende des 19. Jahrhunderts waren mehr als 100 Millionen Predigten in 23 Sprachen verkauft worden, eine Anzahl, die kein Prediger vorher oder nachher je erreicht hat.

Heute hat diese Zahl die 300 Millionen überschritten. Ein Jahrhundert nach seinem Tod liegen mehr gedruckte Werke von Spurgeon vor, als von jedem anderen englischsprachigen Autor. Spurgeon ist historisch gesehen der am häufigsten gelesene Prediger.«

Steven Lawson, The Gospel Focus of Charles Spurgeon, (Reformation Trust Publishing), S. 17.

Die unglaubliche Reichweite der Predigten Spurgeons wurde nicht durch das Verklickern eines seichten Evangeliums erreicht. Ganz im Gegenteil: man wird von der theologischen Reichhaltigkeit der Predigten Spurgeons beeindruckt. Er verschwendete seine Zeit nie mit netten, ohrenschmeichelnden Allgemeinplätzen und ging beim Predigen den schwierigeren Lehren der Heiligen Schrift nie aus dem Weg. Spurgeon ist ein Vorbild für alle, die Gottes Wort anschaulich, klar und reichhaltig verkündigen wollen.

Der Zeitgeist der »Evangelikalen« heute führt viele ins Erstaunen darüber, dass ein so begabter Evangelist wie Spurgeon in seinen Predigten immer wieder sehr begeistert jenen Schatz der Reformation verkündigte, den wir heute die »Lehren der Gnade« nennen. Seine Predigten und Schriften sind gesättigt mit den biblischen Wahrheiten, die heute einige auf »Die 5 Punkte des Calvinismus« reduzieren wollen.

Interior View of the Metropolitan Tabernacle

Bereits bald nach Eröffnung des riesigen Metropolitan Tabernacle in London Mitte März 1861 veranstaltete Spurgeon am 11. April 1861 eine Bibelkonferenz zum Thema »Die Lehren der Gnade« (»Exposition of the Doctrines of Grace«). Seiner Einleitung schlossen sich dann fünf andere Prediger an, die über jeden der sog. »Fünf Punkte« sprachen: Erwählung, menschliche Verdorbenheit, besondere Erlösung, wirksame Berufung und Ausharren der Glaubenden in Christus Jesus bis ans Ende. [1]

In seiner Autobiographie schrieb Spurgeon ausführlich über seinen festen Glauben an die biblischen »Lehren der Gnade«:

»Die alte Wahrheit, die Calvin gepredigt hat, die Wahrheit, die Augustin gepredigt hat, sie ist auch die Wahrheit, die ich heute predigen muss, sonst wäre ich unaufrichtig gegenüber meinem Gewissen und gegenüber Gott. Ich darf die Wahrheit nicht selbst gestalten; es ist mir fremd, die rauhen Kanten einer biblischen Lehre abzuschleifen. Ich habe das gleiche Evangelium, wie John Knox. Das, was durch Schottland gerauscht ist, muss auch wieder durch England rauschen.« …

»Es gibt niemand, der mehr an den Lehren der Gnade festhält, als ich. Wenn mich jemand fragte, ob ich mich schäme, ein Calvinist genannt zu werden, dann würde ich antworten: Ich möchte nichts anderes heißen, als Christ. Aber wenn du fragst, ob ich die lehrmäßigen Anschauungen von Johannes Calvin für richtig halte, dann antworte ich, dass ich sie im großen und ganzen für richtig halte. Ich bekenne dies gerne. Aber es liegt mir fern zu denken, dass Zion nur calvinistische Christen enthält, oder dass niemand gerettet würde, der nicht an diese Lehren glaubt.«

Charles H. Spurgeon, A Defense of Calvinism, in: Charles H. Spurgeon, The autobiography of Charles H. Spurgeon, Bd. 1, S. 167–178, Kap. XVI. Farbdruck hinzugefügt.

Spurgeon liefert eine sehr wichtige Klarstellung mit Blick auf den Spitznamen (heute: Schimpfnamen, Pejorativum) »Calvinist«. Er kommentierte bezüglich dieser Bezeichnung:

Jene Lehre, die nun »Calvinismus« genannt wird, entsprang nicht von Calvin. Wir glauben, dass sie von dem großen Begründer aller Wahrheit entsprang. … Wir verwenden diesen Ausdruck also nicht, weil wir der Tatsache, dass Calvin diese Lehren gelehrt hat, eine außerordentliche Bedeutung zurechnen würden. Wir wären in der Tat genauso bereit, diese Lehren mit einem anderen Namen zu bezeichnen, wenn wir denn einen solchen finden könnten, der besser verstanden werden würde und welcher insgesamt genauso mit den Tatsachen übereinstimmen würde.

Charles H. Spurgeon, Exposition of the Doctrines of Grace, (April 11, 1861) [https://www.spurgeon.org/resource-library/sermons/exposition-of-the-doctrines-of-grace/#flipbook/ abgerufen: 11JUL2020] Fettdruck hinzugefügt.

Spurgeon nannte sich also nicht »Calvinist«, weil er Johannes Calvin besonders verehrte, sondern weil er glaubte, dass die »Lehren der Gnade« direkt aus den Seiten der Heiligen Schrift stammen. Für ihn war der Begriff »Calvinismus« einfach ein Kürzel für »Evangelium Jesu Christi«. Er sah die »Lehren der Gnade« klar als biblische Lehren an und lehrte sie daher auch furchtlos von seiner Kanzel aus. Er sagte:

»Mir steigt keinesfalls die Schamesröte ins Gesicht, wenn ich euch heute die Lehre von der Souveränität Gottes predige. Was die Lehre der Auserwählung angeht, so werde nicht herumeiern, sondern sie so uneingeschränkt und offen wie möglich predigen. Ich werde keine Angst davor haben, die große Wahrheit des Ausharren der Heiligen darzulegen. Ich werde die unzweifelhafte Wahrheit der Schrift über die wirksame Berufung der Erwählten Gottes nicht zurückhalten. Ich werde mich nach Kräften und mit Gott Hilfe bemühen, vor euch, die ihr meine Herde geworden seid, nichts davon zurückzuhalten. Ich sehe ja, dass die meisten von euch inzwischen ›geschmeckt haben, dass der HErr gütig ist‹ [Psalm 34,8], und daher werde ich mir jetzt die Mühe machen, durch das gesamte System der ›Lehren der Gnade‹ zu gehen, damit die Heiligen erbaut und gefestigt werden in ihrem allerheiligsten Glauben.« [Judas 20]

Charles H. Spurgeon, Particular Redemption, (February 28, 1858), Predigt über Matthäus 20,28 [https://www.spurgeon.org/resource-library/sermons/particular-redemption–2/#flipbook/ abgerufen: 11JUL2020]

Für Spurgeon und seine Gemeinde[2] bedeutete die Vernachlässigung der Predigt der »calvinistischen Heilslehre«, dass er seiner Gemeinde etwas Wichtiges vorenthalten würde. Dazu war er aber niemals bereit, denn diese Wahrheiten werden in der Heiligen Schrift gefunden und werden gerade durch Gottes verordnetes Mittel weitergegeben: durch die Predigt des ganzen Evangeliums:

»Wie werden sie nun den anrufen, an den sie nicht geglaubt haben? Wie aber werden sie an den glauben, von dem sie nicht gehört haben? Wie aber werden sie hören ohne einen Prediger? … Also ist der Glaube aus derVerkündigung, die Verkündigung aber durch Gottes Wort.«

Römerbrief 10,14.17 (ELB03)

Endnoten

[1] Nach C. H. Spurgeon sprachen: John Bloomfield: Election; Evan Probert: Human Depravity; James A. Spurgeon (C.H. Spurgeons Bruder): Particular Redemption; James Smith: Effectual Calling, sowie William O’Neil: Final Perseverance of Believers in Christ Jesus.
[2] Die »Doctrinal Basis« (Lehrgrundlage) der Gemeinde The Metropolitan Tabernacle macht klar, dass die Gemeinde heute noch eine unabhängige reformierte Baptistengemeinde (»independent reformed Baptist church«) ist. Die zwei ersten der sieben Hauptpunkte (»key biblical policies«) lauten:
«Doctrines of grace. We teach the doctrines of grace (in the reformed faith, often summarised as the ‚five points of Calvinism‘). Our doctrinal basis is the Baptist Confession of Faith, 1689.
Free offer of the Gospel. We believe in the universal tender of salvation, also called the free offer of the Gospel, dedicating one ­service every Sunday to persuasive evangelistic preaching, and praying that God will use this for the salvation of precious souls. Evangelism is a ­foremost duty for us, embracing evangelistic Sunday Schools, youth outreach, and other measures des­cribed in these pages.«

Weitere Ressourcen

  • The Spurgeon Center for Biblical Preaching at Midwestern Seminary (Kansas City, MO, USA) – »Making visible the lifelegacy and libraryof Charles Haddon Spurgeon« (https://www.spurgeon.org/)
  • The Spurgeon Archive (http://www.romans45.org/spurgeon/mainpage.htm)
  • Spurgeon Gems (https://www.spurgeongems.org)
  • Charles H. Spurgeon, A Defense of Calvinism [Eine Verteidigung des Calvinismus] (http://www.romans45.org/spurgeon/calvinis.htm 11JUL2020)