Gottes Zorn – Muss das sein?

Für viele Menschen, egal, ob sie sich als Christen sehen oder nicht, ist die Aussage: »Gott ist Liebe.« Anfang und auch Ende ihrer Theologie. Für Heiligkeit, Zorn, Rache oder Strafe ist in diesem Gottesbild kein Platz. Entspricht dies aber der Selbstoffenbarung des einen, wahren Gottes in Seinem Wort, oder ist dies ein selbstgemachter „Gott“ (a.k.a. Götze)?

Bibelleser wissen, dass Gottes Zorn eine unverzichtbare Wirkung Seines heiligen Wesens und Seiner Retternatur ist. Ohne Gottes Zorn wäre seine Liebe nicht vollkommen. Und das ist undenkbar. Der amerikanische Theologe A. W. Tozer hat das im vergangenen Jahrhundert gut erfasst und beschrieben:

Da es Gott im Blick auf seine Welt in erster Linie um deren Übereinstimmung mit seiner Lebensordnung, das heißt um Heiligkeit, geht, zieht alles, was im Gegensatz dazu steht, sein ewiges Missfallen auf sich.

Um seine Schöpfung zu erhalten, muss Gott alles zunichte machen, was diese zerstören würde. Wenn er sich erhebt, um der Sünde entgegenzutreten und die Welt vor einem nicht wiedergutzumachenden Zusammenbruch zu retten, dann wird er in der Bibel als zornig beschrieben. Jedes Zorngericht in der Weltgeschichte stellt einen heiligen Akt der Erhaltung dar. Die Heiligkeit Gottes, der Zorn Gottes und das Wohl der Schöpfung sind unzertrennbar vereint. 
Gottes Zorn ist seine völlige Unduldsamkeit allem gegenüber, was verdirbt und zerstört. Er hasst die Sünde, wie eine Mutter die Krankheit hasst, die das Leben ihres Kindes bedroht.

Aiden Wilson Tozer (1897–1963), Das Wesen Gottes – Eigenschaften Gottes und ihre Bedeutung für das Glaubensleben (Neuhausen-Stuttgart: Hänssler, 1996), S. 124–125.

Der amerikanische Prediger und Theologe Steve Lawson (*1951) schreibt in seinem exzellenten Buch über die Herrlichkeit und Vollkommenheiten Gottes am Ende auch ein Kapitel über den Zorn Gottes. Hier ein Auszug:

Manche Menschen sprechen so entschuldigend vom Zorn Gottes, als ob dieser die »dunkle Seite« Gottes wäre. Aber die Bibel sagt, »dass Gott Licht ist und gar keine Finsternis in ihm ist« (1Joh 1:5). Sind wir uns also darin völlig klar: Es gibt keine dunkle Seite Gottes. Er ist ganz und völlig Licht. Jede Eigenschaft Gottes ist absolut rein und völliges Licht, einschließlich dem Zorn Gottes.

Die Heiligkeit Gottes verlangt, dass er durch die Sünde erzürnt wird. Der göttliche Zorn ist die notwendige Reaktion seiner moralischen Reinheit auf jeden und alles, was sein Gesetz bricht. Gott ist makellos, ohne jeden moralischen Makel, und er muss voll heiligen Zornes gegen jede Sünde sein. Er kann nicht gleichgültig gegenüber irgendeiner Ungerechtigkeit sein. Gott empfindet eine tiefe Empörung gegen alles Unheilige. Das gilt nicht nur für die Sünde, sondern auch für den Sünder. Der göttliche Zorn muss sich gegen alles richten, was nicht mit seiner moralischen Vollkommenheit übereinstimmt. Sonst würde Gott aufhören, vollkommen heilig zu sein.

Der Apostel Paulus schreibt: »Denn Gottes Zorn wird vom Himmel her offenbart über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit in Ungerechtigkeit besitzen [o. niederhalten, unterdrücken]« (Röm 1:18). Das Wort »Zorn« (griech. orgē ) steht für die [im Strafgericht] entflammte Wut Gottes über die Sündhaftigkeit der Menschen. Dieses griechische Wort ist als »Orgie« in unsere Sprache eingegangen und beschreibt da die hitzigen, fleischlichen Gelüste unzüchtiger, unmoralischer Partys. Der übergreifende Gedanke, den dieses Wort hier jedoch ausdrückt, ist die Leidenschaft, die intensive, »schwer atmende« Reaktion des heiligen Gottes auf die Sündhaftigkeit des Menschen. Gott ist mit brennender Leidenschaft gegen alles entflammt, was nicht mit seiner eigenen vollkommenen Heiligkeit übereinstimmt.

Paulus betont dasselbe: »Nach deinem Starrsinn und deinem unbußfertigen Herzen aber häufst du dir selbst Zorn auf am Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichts Gottes« (Röm 2:5). Der »Tag des Zorns« ist eine Anspielung auf den Jüngsten Tag, an dem Gott alle offenen Rechnungen begleichen wird. Die Unbekehrten häufen Zorn auf Zorn an, der schließlich von Gott entfesselt werden wird. Sie werden an jenem Tag von einer sintflutartigen Flut des göttlichen Zorns gegen sie überrollt werden. Da Gott vollkommen gut ist, ist es von entscheidender Bedeutung, dass Er jede Verfehlung in der ewigen Hölle bestraft. Der Zorn Gottes ist das notwendige Gegenstück zu Gottes vollkommener Heiligkeit.

Lawson, Steven J., Show Me Your Glory. Understanding the Majestic Splendor of God. (Sanford, FL: Reformation Trust Publishing [Ligonier Ministries], 2020). Zitiert nach: Show Me Your Glory. Kindle-Version (Sanford, FL: Reformation Trust Publishing), Kindle-Positionen 3065-3081. (eigene Übersetzung; grace@logikos.club)

Weiterführende Literatur – Eine Leseempfehlung

Thomas Chalmers (1780–1847)

»Thomas Chalmers war Pastor in Glasgow und Theologieprofessor an der Universität Edinburgh. Er wirkte 1843 maßgeblich an der Gründung der schottischen Freikirche mit, nachdem er aus der Kirche von Schottland ausgetreten war, weil sich in der Staatskirche der Unglaube einschlich.« Er schrieb in einer seiner besten Predigten über den Zorn Gottes und wie dieser in der gegenwärtigen Zeit der Gnade noch zurückgehalten wird, um letztlich im Gericht über alle unbußfertigen Sünder ungehemmt über sie auszubrechen. Die gegenwärtige Zeit ist gekennzeichnet von der Retterliebe Gottes, die alle Menschen ohne Unterschied einlädt und auffordert, zum Retter der Welt, Jesus Christus, umzukehren (d. h. Buße zu tun im Bekennen, Lassen und Hassen der Sünde) und an Ihn zu glauben für Zeit und Ewigkeit.

Den Abdruck des hier thematisch relevanten Teils dieser Predigt finden man übersetzt in: John MacArthur, Die Liebe Gottes. Einblicke in Gottes untergründliches Wesen und Handeln (5. Aufl., Augustdorf: Betanien, 2018), Anhang 1, S. 177–196. Orig.: The God Who Loves (Nashville, TN: Word Publishing, 2001). – Das genannte Buch von MacArthur ist in Gänze lesenswert und äußerst hilfreich, um das Thema des Zornes Gottes biblisch fundiert zu verstehen und richtig einordnen zu können. Dies ist heute, wo eine verschobene, schräge und unvollständige Darstellung üblich geworden ist, um so wichtiger (s. Todd M. Brenneman, Homespun Gospel: The Triumph of Sentimentality in Contemporary American Evangelicalism (Oxford: University Press, 2013).

John F. MacArthur (*1939) und Richard L. Mayhue

John MacArthur und Richard Mayhue haben eine hervorragende systematische Theologie geschrieben, die besonders auch für Nicht-Theologen lesbar ist: Biblische Lehre: Eine systematische Zusammenfassung biblischer Wahrheit (2. Aufl., Berlin: EBTC, 2020. Rezension), 1360 Seiten. Orig.: Biblical Doctrine: A Systematic Summary of Bible Truth (Wheaton, IL: Crossway, 2017), 1024 Seiten.

Die Frage des Zornes Gottes und wie man diesem entgeht durch das im Evangelium dargestellte Heilswerk Gottes wird vertiefend in folgenden Abschnitten besprochen: »Sünde (propitiatio[n])«, S. 699–703 und »Die Hölle«, S. 1110–1115. Als Kurzdefinition wird »Zorn Gottes« so erklärt: »Gottes Missfallen und Hass gegenüber allem Bösen, zusammen mit seiner Absicht, es zu strafen.« (S. 1246). – Selbstverständlich ist es didaktisch sinnvoller, dem Text der Biblischen Lehre von Beginn an zu folgen, um die Grundlagen und Zusammenhänge besser zu erfassen.

Wie erstelle ich eine Predigt – Ein Kurzleitfaden

Dieser Kurzleitfaden führt in einer Schritt-für-Schritt-Vorgehensweise durch die gesamte Vorbereitung einer exegetischen Predigt (Auslegungspredigt). Er soll Gemeindehirten und Bibellehrer mit den grundlegenden Schritten der Exegese (Auslegung) und Predigtausarbeitung vertraut machen. Wenn hier auch hauptsächlich Grundlagen vermittelt werden, kann selbst der erfahrene Exeget und Prediger damit in seinem wichtigen Dienst ermuntert und an hilfreiche Prinzipien und Wahrheiten seines Dienstes erinnert werden.

Der Prozess der Predigterstellung wird hier in vier Hauptphasen unterteilt: 1. Präparieren, 2. Präzisieren, 3. Produzieren und 4. Präsentieren. Jede Phase ist in spezifische Schritte unterteilt, die den gesamten Prozess durchschreiten:

Phase 1: Präparieren
Schritt 1: Überlegungen zum Prediger selbst: Bin ich bereit zu predigen?
Schritt 2: Überlegungen zum Predigtzweck: Warum predige ich? Warum Auslegungspredigt?
Schritt 3: Überlegungen zum Predigttyp: Welche Art von Predigt werde ich halten?
Schritt 4: Überlegungen zu den Predigtzuhörern: Wer ist meine Zielgruppe?
Schritt 5: Überlegungen zum Predigtziel: Was beabsichtigte ich mit meiner Predigt?
Schritt 6: Überlegungen zur Passage: Über welchen Text werde ich predigen?

Phase 2: Präzisieren
Schritt 7: Erforschung: Was sagt der Text (Teil 1)?
Schritt 8: Erforschung: Was sagt der Text (Teil 2)?
Schritt 9: Erläuterung: Was bedeutet der Text?
Schritt 10: Ermahnung: Wie ist der Text heute anwendbar?

Phase 3: Produzieren
Schritt 11: Fokus (Teil 1)
Schritt 12: Fokus (Teil 2)
Schritt 13: Fluss (Teil 1)
Schritt 14: Fluss (Teil 2)
Schritt 15: Feinschliff

Phase 4: Präsentieren
Zum Ende und Weiterführendes

Quellen

Kurzleitfaden als PDF (610 kB). Übersetzt von Uwe A. Seidel.

Hinweis im Originaldokument mit dem Titel Sermon Builder: »Diese Datei darf unter den folgenden Bedingungen frei kopiert, ausgedruckt und weitergegeben werden: 1. Solange die Dankverweise, das Copyright und/oder die Quellenangaben intakt bleiben. 2. Sie nehmen keine Änderungen am Text vor. 3. Er darf nicht verkauft, sondern nur für die Förderung Ihres Dienstes oder Zeugnisses verwendet werden. Weitere Informationen über die Shepherds‘ Fellowship und wie man ihr beitreten kann, finden Sie unter: www.gracechurch.org/sfellowship/«. Diese Shepherd’s Fellowship existiert inzwischen in dieser Form nicht mehr, sondern wird in anderer Form weiterverfolgt. Von der Grace Community Church in Sunvalley (Los Angeles, CA, USA) wird jährlich eine mehrtägige Shepherd’s Conferenceveranstaltet (https://www.shepherdsconference.org), die Vorträge und Medien der Konferenz sind auf einer Website verfügbar (https://www.shepherdsconference.org/media). (A.d.Ü.)

Das Fünfbuch des Psalters

Die 150 Psalmen des Psalters bilden ein Ganzes, eine Einheit, obwohl hier viele Autoren (sieben davon namentlich bekannt) über einem Zeitraum von ca. 1.000 Jahren (Mose: Psalm 90, um 1450 vChr, bis zum postexil. Autor des Psalms 126, ca. 5. Jhdt. vChr) Beiträge geleistet haben. Das Spektrum der Themen ist bibelähnlich groß, sodass Martin Luther 1528 in seiner Vorrede zum Psalter schrieb:[1]

Der Psalter möchte wohl eine kleine Biblia heißen, darin alles aufs schönste und kürzeste, so in der ganzen Bibel steht, gefasst und zu einem kleinen Handbuch gemacht und bereitet ist, so dass mich dünkt, der Heilige Geist habe selbst die Mühe auf sich nehmen wollen und eine kurze Bibel und Exempelbuch von der ganzen Christenheit und allen Heiligen zusammenbringen, auf dass, wer die ganze Bibel nicht lesen könnte, hierin doch fast die ganze Bibel in ein kleines Büchlein verfasst hätte.

Die Psalmen des Psalters wurden weder chronologisch noch nach Autoren geordnet, sondern in fünf Bücher unterteilt. Dies sicher in Anlehnung an die Torah, die ja auch als Fünfbuch (Pentateuch = »Fünfgefäß«) strukturiert wurde: »Die Fünf Bücher Moses« (Kurzübersicht hier). Im Text erkennt man die Bucheinteilung daran, dass jedes Buch (wie jede gute Theologie) mit einer Doxologie, einem Lobpreis Gottes, endet.[2] Und so wurden verschiedene Versuche unternommen, die offenbar gewollten Parallelen zwischen beiden Fünfbüchern zu erkennen und zu verwerten. Der mosaische Pentateuch gibt dabei Themendefinition und Themenabfolge vor (s. Tabelle).

Vergleich der beiden »Fünfbücher« Thora und Psalter[3]

Endnoten

[1] Orig.: »Das es wol möcht ein kleine Biblia heissen / darin alles auffs schönest vnd kürtzest / so in der gantzen Biblia stehet / gefasset vnd zu einem feinen Enchiridion oder Handbuch gemacht vnd bereitet ist. Das mich dünckt / Der heilige Geist habe selbs wöllen die mühe auff sich nemen / vnd eine kurtze Bibel vnd Exempelbuch von der gantzen Christenheit oder allen Heiligen zusamen bringen. Auff das / wer die gantzen Biblia nicht lesen kündte / hette hierin doch fast die gantze Summa verfasset in ein klein Büchlin.« Martin Luther, Vorrede zum Psalter (1528).
[2] Siehe Psalm 41,13; 72,18–19; 89,52; 106,48 und das große Hallelujah-Finale der Psalmen 146–150.
[3] Unter Verwendung von: Benedikt Peters, Das Buch der Psalmen – Teil 1: Psalm 1–41. Dillenburg: CVD, 2004.


Was dem Psalter des AT für den Gläubigen heute mangelt

Der Psalter, das Fünfbuch der Psalmen, ist ein großartiges und wichtiges Element der Poesieliteratur des Alten Testaments (AT) und damit der gesamten Heiligen Schrift. »Die Psalmen entstanden als Antwort des Glaubens auf Gottes Reden zu seinem Volk«[1] zu Zeiten des AT. Als Teil der Heiligen Schrift ist der Psalter genauso Gottes fehlerfreies, autoritatives, weil inspiriertes, Wort, wie jeder Teil des Neuen Testaments (NT).

Der Zusammenhang zwischen AT und NT ist durch einige Aussagen der Schrift explizit gesichert (z. B. Römer 15,4), wird aber auch durch eine Großzahl von Zitaten des AT im NT exemplarisch realisiert.[2] Auch Jesus Christus und seine Apostel haben immer wieder das AT zitiert und zur Verbreitung des Evangeliums von Jesus Christus verwendet (s. z. B. Apostelgeschichte 2,14–36; 8,30–35; 17,11).

So werden auch viele Psalmen (z. T. mehrfach) im NT zitiert und gedeutet, ca. 50 Psalmen des Psalters werden im NT wörtlich oder in Anspielung verwendet. Der Psalter ist damit das im NT am häufigsten zitierte Buch des AT. Eine Untersuchung jener Stellen zeigt, dass im Psalter zeitlose Grundwahrheiten stehen und dass der Psalter viele prophetische Aussagen enthält, insbesondere über Christus (den Messias) und die Zukunft Israels. Der Gläubige des NT findet im Psalter Wichtiges über Christus und Nützliches, das ihn belehrt, überführt, zurechtweist und unterweist (2. Timotheus 3,16; Johannes 6,39f).

Allerdings gehört zur richtigen Auslegung dieser Psalmtexte das Bewusstsein, dass die Offenbarung Gottes fortschreitend war: Was erst nur angedeutet und verschleiert gesagt wurde, wurde später immer klarer geoffenbart. Wenngleich Gläubige des AT und Gläubige des NT auf dieselbe Weise gerettet werden (alle nur durch Christi Opfer, nur aus Gnade, nur durch Glauben) und beide sowohl irdische wie himmlische Hoffnung haben, sind deutliche Unterschiede und Verschiebungen in den Schwerpunktlegungen zu beobachten.

Insbesondere folgende besonderen Offenbarungen sind im AT –wenn überhaupt– nur versteckt oder als Samenkorn enthalten, werden daher im Psalter meist vergeblich gesucht:

  • Das vollbrachte Erlösungswerk war nicht bekannt. Die Gläubigen das AT blickten voraus auf den verheißenen Erlöser und seine Erlösung, aber die Erlösung war noch nicht vollendetes Geschehnis. Eine Argumentation wie z. B. in Kolosser 2,12ff war noch nicht möglich. Umso mehr war der Glaube an die Zusagen Gottes gefordert.
  • Gott war den Glaubenden noch nicht als persönlicher Vater geoffenbart. Wir finden im Psalter vereinzelt den Begriff »Vater« für Gott (z. B. Psalmen 68,6; 89,27; 103,13). Wir Christen dagegen kennen Gott-Vater als den »Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus« (Römer 15,6; 1. Korinther 1,3; Epheser 1,3 usw.). Diese Bezeichnung der in Christus Jesus so eng und intim gewordenen Beziehung zu Gott-Vater wird typisch für die Glaubenden des NT. Jesus hat seine Nachfolger das Beten gelehrt mit der Anrede: »Unser Vater…« (Matthäus 6,9ff). Später bezeichnete er Gott-Vater als »mein Vater« und erntete dafür massiven Widerspruch seitens der Rabbis (Johannes 5,17ff u.v.a.). Nach der Auferstehung nahm Christus die Jünger ausdrücklich in diese Beziehung mit herein: »Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater und meinem Gott und eurem Gott.« (Johannes 20,17b). Hier wurde etwas Erstaunliches und Neues geoffenbart.
  • Der Heilige Geist wohnte noch nicht ewig bleibend in den Gläubigen. Zumindest war dies so nicht geoffenbart, vielmehr fürchtete man sich davor, dass man vom Heiligen Geist verlassen werden konnte (s. David in Psalm 51,13). Der Heilige Geist war zwar bekannt, aber nicht in ausdrücklichen Lehraussagen zur Trinität, wie wir sie z. B. im Johannes-Evangelium oder im Römerbrief finden. Der Heilige Geist befähigte die Glaubenden des AT zu ihrem Schriftverständnis, gab ihnen geistliche Gaben und Kraft zum Dienst. Aber von ihnen wird nicht gesagt: »…er [Gott-Vater] wird euch einen anderen Sachwalter geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit, den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht noch ihn kennt. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.« (Johannes 14,16b–17). – Entsprechend muss man dann Psalm 51,13 verstehen.
  • Die Glaubenden kannten noch nicht eine lebendige Verbindung zu einem verherrlichten Menschen im Himmel. Dies war schon deshalb nicht möglich, weil noch kein Mensch im Himmel war. Dies ist erst seit der Himmelfahrt Jesu Christi der Fall. Psalm 110,1 spricht prophetisch von der Thronbesteigung Christi: »Jahwe sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde hinlege als Schemel für deine Füße!«, Fakt wurde sie erst rund 1.000 Jahre später. Kolosser 1,26ff redet vom Geheimnis, dass diese lebendige Verbindung durch »Christus in euch« realisiert wird.
  • Das Geheimnis der Einheit der Gemeinde Gottes mit Jesus Christus war unbekannt. Das NT bezeichnet die Gemeinde und ihre Einheit mit Christus als ein »Geheimnis« (Epheser 3,1ff; 5,32). Sie war folglich im AT völlig unbekannt und nicht geoffenbart. Die Gemeinde Israels in der Wüste (4. Mose 16,9) ist nicht gleichzusetzen mit der Gemeinde des NT, die erst zu Pfingsten durch Herniederkunft und Innewohnen des Heiligen Geistes gegründet wurde. Die neutestamentliche Gemeinde ist auch kein Ersatz oder die Nachfolgerin der alttestamentlichen Gemeinde.
  • Die Entrückung der Gemeinde und der genauere Ablauf des »Tages des Herrn« waren unbekannt. Diese Sachverhalte wurden erst im NT durch die inspirierten Mitteilungen des Apostels Paulus genauer bekannt. Die »selige Hoffnung« ist daher Sondergut der neutestamentarischen Offenbarung, nicht der Psalmen. Was die Schreiber des AT jedoch geoffenbart haben, sind die sicheren Tatsachen des »Tages des Herrn« und der leibhaftigen Rückkehr Jesu Christi, um seine Feinde zu besiegen und sein Reich sichtbar aufzurichten.
  • Cave: Selbst wenn einige Tatsachen den Schreibern des AT durch Inspiration zum Aufschreiben gegeben wurden, bedeutet dies nicht, dass sie völlig verstanden, auf wen und wann prophetische Aussagen Bezug nahmen.

[E]ine Errettung, über welche die Propheten nachsuchten und nachforschten, die von der Gnade euch gegenüber geweissagt haben, forschend, auf welche oder welcherart Zeit der Geist Christi, der in ihnen war, hindeutete, als er von den Leiden, die auf Christus kommen sollten, und von den Herrlichkeiten danach zuvor zeugte; denen es offenbart wurde, dass sie nicht für sich selbst, sondern für euch die Dinge bedienten, die euch jetzt verkündigt worden sind durch die, die euch das Evangelium gepredigt haben durch den vom Himmel gesandten Heiligen Geist – Dinge, in welche die Engel hineinzuschauen begehren.

1. Petrus 1,10-12 (ELBCSV)

Die oben genannten (und weitere) typisch christlichen Segnungen waren den Schreibern des Psalters nicht bekannt und sind daher im Psalter nicht zu finden. Auch andere Aussagen waren ihnen zur Niederschrift anvertraut, aber sie kannten deren Einordnung in die Heilsgeschichte nicht.[3] Wer das beim Lesen der Psalmen (wie des gesamten AT) nicht beachtet, kommt schnell zu falschen Schlussfolgerungen.

Natürlich kann und soll (!) der Christ viel Kraft aus den Psalmen schöpfen, denn der Gott des AT ist auch der Gott des NT – Er hat sich nie geändert– aber der Christ muss gut bedenken, dass manche Aspekte, wie die Racherufe und Verzweiflungsworte alttestamentlicher Autoren, nicht der christlichen Position vor Gott entsprechen. Sie waren damals angemessen, sie werden z. T. wieder einmal angemessen sein, aber die Zeit der Gemeinde Jesu Christi ist eine Zeit besonderer Offenbarungen und Vorrechte – es ist eine ganz besondere Gnadenzeit:

Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns (und wir haben seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als eines Eingeborenen vom Vater) voller Gnade und Wahrheit. … Denn aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, und zwar Gnade um Gnade. Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben; die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.

Johannes 1,14.16-17 (ELBCSV)

Man tut also gut daran, beim Lesen des Psalters den vielzitierten Leitspruch zur progressiven Offenbarung von Augustinus zu beachten:

Novum Testamentum in Vetere latet, Vetus Testamentum in Novo patet.
Das Neue Testament ist im Alten verborgen, das Alte Testament wird im Neuen offenbart.

Augustinus, Quaestiones in Heptateuchum 2,73: PL 34, 623 (um 419–420)

John G. Bellett (1795–1864) aus Dublin schreibt am Ende seines Kommentars zum Matthäus-Evangelium, das ja die Kontinuität, Harmonie und Einheit beider Testamente der Heiligen Schrift überwältigend deutlich belegt, freudig Folgendes:

»And as we thus listen to the voices of prophets and evangelists, as in concert, we may remember those two happy lines:
„In vetere Testamento novum latet,
In novo Testamento vetus patet.

The lights of God which sweetly dawn 
In earliest books divine,
As morning hours to noonday lead, 
Along the volume shine.

‚Tis but the same, tho‘ bright’ning sun, 
Which clearer, warmer glows;
The clouds which veiled his rising beam, 
Fly ere the evening close.«[4]

Literaturverweise und Endnoten

[1] Benedikt Peters, Das Buch der Psalmen – Teil 1: Psalm 1–41 (Dillenburg: CVD, 2004), S. 8.
[2] Beale, G. K., Carson, D. A., Commentary on the New Testament Use of the Old Testament. Grand Rapids, MI; Nottingham, UK: Baker Academic; Apollos, 2007.
[3] Dies widerlegt die hermeneutische Regel, dass die Bedeutung einer Schriftstelle im AT nur genau jene sei, die der Autor bewusst ihr gegeben hat, den sog. authorial intent. – »Authorial Intent. In literary theory and aesthetics, authorial intent refers to an author’s intent as it is encoded in their work. Authorial intentionalism is the view that an author’s intentions should constrain the ways in which a text is properly interpreted. Opponents have labelled this position the intentional fallacy and count it among the informal fallacies.« (https://en.wikipedia.org/wiki/Authorial_intent; 21.09.2022).
Eine der Bibel angemessene Hermeneutik muss zuallererst versuchen, die Schreibabsicht des Autors zu erfassen und den Text entsprechend zu verstehen und ggf. anzuwenden. Aufgrund der Aussage in 1. Petrus 1,10ff darf jedoch die Deutung heute nicht auf den Erkenntnishorizont und die Vorstellungskraft des ursprünglichen menschlichen Autors begrenzt werden. Vielmehr muss berücksichtigt werden, dass der stets und gleichzeitig aktive göttliche (Haupt-)Autor, der Heilige Geist, die Niederschrift so lenken konnte und gelenkt hat, dass z. B. ein prophetischer Text durchaus weiterreichende Bedeutung hat, als der menschliche Autor erfassen oder erforschen konnte. Studiert werden kann dies u. a. anhand der Zitierweise und Zitatsverwendung alttestamentlicher Stellen in neutestamentlichen Schriften, siehe Endnote [2] oben.
[4] John Gifford Bellett, On the Gospel by Matthew, New Edition, Rouse, 1903.

Was glauben eigentlich die Amerikaner?

Alle zwei Jahre befragt eine Partnerschaft zwischen Ligonier Ministries und LifeWay Research in einer repräsentativen Umfrage erwachsene amerikanische Bürger zu ihren Überzeugungen über Gott, Errettung, Ethik, die Bibel usw. Auch 2022 wurde diese Umfrage zum »Stand der Theologie« in den USA durchgeführt (Stichprobenumfang: 3.000+). Die Ergebnisse und Auswertungen sind auf der Website thestateoftheology.com einzusehen. Teilweise wurden die Antworten der amerikanischen Gesamtstichprobe mit jenen der Untergruppe der „Evangelikalen“ statistisch verglichen. (Welche Kriterien für die Klasse »evangelikal« angewandt wurden, ist auf der Website nachlesbar.)

Zusammenfassende Auswertung

Die Umfrage zum Stand der Theologie 2022 (The State of Theology 2022) zeigt, dass die Amerikaner zunehmend den göttlichen Ursprung und die vollständige Richtigkeit der Bibel ablehnen. Da sie meinen, dass es keinen dauerhaften Maßstab für die absolute Wahrheit gibt, an dem sie sich orientieren können, halten die Erwachsenen in den USA auch zunehmend an unbiblischen Anschauungen in Bezug auf die menschliche Sexualität fest. Im evangelikalen Bereich werden Grundlehren, wie die Gottheit und Exklusivität Jesu Christi oder die Inspiration und Autorität der Bibel, zunehmend abgelehnt. Es gibt zwar positive Trends, wie die Ansichten der Evangelikalen zu Abtreibung und außerehelichem Geschlechtsverkehr, doch ist gleichzeitig auch eine Widersprüchlichkeit in ihrer Ethik zu beobachten, da immer mehr Evangelikale in den Bereichen Homosexualität und Geschlechtsidentität (Gender) eine unbiblische, säkular-ideologische Weltanschauung übernehmen.

Diese Ergebnisse machen deutlich, dass die Gemeinde Jesus Christi (Kirche) sich mehr in der Apologetik und Bibellehre engagieren muss. Ungläubigen wird durch eine gut begründete Darstellung und Verteidigung des christlichen Glaubens geholfen, die Inhalte des christlichen Glaubens richtig zu verstehen. Und den Glaubenden helfen Apologetik und Glaubenslehre, wieder mehr Klarheit und Überzeugung darüber zu gewinnen, was sie glauben, und warum sie das glauben, was sie bekennen. Das Volk Gottes muss vermehrt dem Missionsbefehl Christi gehorchen, indem es den ganzen Ratschluss Gottes in der biblischen Evangelisation und Jüngerschaft weitergibt. Die Not ist groß, aber die Macht und die Verheißungen Gottes können die Gemeinde Jesu Christi dazu befähigen, einer verführten und verfinsterten Welt göttliche Wahrheit und göttliches Licht zu bringen.

Geht nun hin und macht alle Nationen zu Jüngern und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu bewahren, was ich euch geboten habe.

Matthäus 28, 19-20 (ELBCSV)

Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast und wovon du völlig überzeugt bist, da du weißt, von wem du gelernt hast, und weil du von Kind auf die heiligen Schriften kennst, die imstande sind, dich weise zu machen zur Errettung durch den Glauben, der in Christus Jesus ist. Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werk völlig geschickt.

2. Timotheus 3,14-17 (ELBCSV)

Quellen

USA: The State of Theology 2022 – Key Findings.

UK: The State of Theology UK 2018 (by ComRes). Das Vereinigte Königreich ist ein Missionsland geworden: Ein Drittel aller Erwachsenen gab als Antwort auf einfache Fragen des christlichen Glaubens zu: »Ich weiß es nicht!«. Sogar die sog. »Evangelikalen« (ca. 2 Mio.) dort haben teilweise irrige Ansichten über Jesus Christus und den Heiligen Geist.

Warum ich die »Frankfurt Declaration« unterschrieben habe

von
John MacArthur
Grace Community Church, Sun Valley, CA, USA
07.09.2022

Christus erklärte: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt … jetzt aber ist mein Reich nicht von hier« (Johannes 18,36). Weit davon entfernt, sich als Rivale des Kaisers (Caesar, Cäsar) aufzuspielen, sagte er, dass Seine Gemeinde einem anderen, höheren Bereich angehört als jede irdische Regierung und dass sie daher keine Bedrohung für die rechtmäßige Autorität des Kaisers darstellt. Der Zweck der christlichen Gemeinde besteht nicht darin, irdische Regierungen zu stürzen oder an sich zu reißen. Jesus bekräftigte dies, als er sagte: »Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist« (Matthäus 22,21).

Aber Cäsar seinerseits hat Christus immer als Widersacher und Unannehmlichkeit betrachtet. Von Herodes und Pontius Pilatus bis heute haben die irdischen Regierungen immer versucht, Christus und sein Reich zu kontrollieren. Cäsar (die »Obrigkeit«) begnügt sich nicht mit dem, was dem Cäsar gehört; er will auch die Kontrolle über die Dinge, die Gott gehören. Deshalb versuchen irdische Herrscher immer, so viel Herrschaft über die Kirche zu erlangen, wie sie nur können.

Die postmodernen Politiker von heute sind genauso entschlossen wie jede andere Regierung in der Geschichte, sich in Angelegenheiten einzumischen, die Christus betreffen. Sie setzen moralische Maßstäbe durch, die biblischen Grundsätzen feindlich gegenüberstehen. Sie nutzen die Macht der »Kanzel« Cäsars, um biblische Werte als Bedrohung für die Existenz der Menschheit darzustellen. Sie unterstützen und subventionieren sogar solche, die Kinder mit offen antichristlichen Ideologien indoktrinieren wollen. Sie bringen Durchführungsverordnungen, Regulierungsbehörden und willkürliche Auflagen hervor, die die Arbeit der christlichen Gemeinde behindern oder stoppen würden.

In den COVID-Jahren wurde Cäsars Strategie unbestreitbar offensichtlich. Staatliche Restriktionen verlangten von den Kirchen, sich nicht zu versammeln, während Kasinos und Massagesalons weiter betrieben werden durften. Die Behörden schauten weg, als linken Demonstranten freie Hand gelassen wurde, sich zu versammeln und sogar zu randalieren, aber dieselben Beamten arbeiteten unerbittlich daran, die Kirchen geschlossen zu halten.

Gehorsam gegenüber einer solch frechen, unbarmherzig unterdrückenden staatlichen Kontrolle hätte Ungehorsam gegenüber der Heiligen Schrift bedeutet. Gott befiehlt seinem Volk eindeutig, die regelmäßigen Versammlungen zur gemeinsamen Anbetung nicht aufzugeben (Hebräer 10,25). Und: »wir müssen Gott mehr gehorchen als den Menschen« (Apostelgeschichte 5,29). Wir nahmen also unsere gemeinsame Anbetung wieder auf, was sofort den Zorn Cäsars auf uns lenkte. Die staatlichen Behörden verfolgten unsere Kirche mit allen möglichen behördlichen Geschossen: rechtlichen Forderungen, Klagen, Verfügungen und Geldstrafen. Sie drohten sogar damit, uns unseren Parkplatz wegzunehmen. Glücklicherweise setzten wir uns vor Gericht durch – ich glaube, vor allem, weil der Bezirk (County) Los Angeles nicht bereit war, seine Gesundheitsbeamten unter Eid aussagen zu lassen.

Unser Sieg in diesem Fall kam genau ein Jahr vor der Veröffentlichung der Frankfurter Erklärung. Während der Fall noch vor Gericht verhandelt wurde, veröffentlichten wir jedoch eine eigene Erklärung mit dem Titel »Christus, nicht Cäsar, ist das Haupt der Kirche«. Was wir damals erklärten, steht in voller Übereinstimmung mit dem Frankfurter Dokument.

Die Regierung der Vereinigten Staaten (und andere in der westlichen Welt) haben sich bereits als Feinde Christi erwiesen, indem sie die Abtreibung legalisiert haben, fordern, dass Homosexualität gefördert und gefeiert wird, sich weigern, die von Gott gegebenen Unterschiede zwischen den Geschlechtern anzuerkennen, die gleichgeschlechtliche Ehe sanktionieren und die barbarische, heidnische Verstümmelung von Kindern fördern. Diese offenkundigen, von der Regierung geförderten Angriffe auf seit langem etablierte moralische Standards stellen eine formelle, parlamentarische Kriegserklärung gegen Gott, seine Schöpfungsordnung, sein moralisches Gesetz und die Autorität seines Wortes dar. Unsere derzeitige Regierung steht also nicht weniger in Opposition zu Gott als die Baalsanbeter des Alten Testaments. Warum sollten wir nicht erwarten, dass sie hinter Menschen her sind, die ihr Leben für die Sache Gottes und seines Wortes aufs Spiel setzen würden? Es gibt viele Anzeichen dafür, dass gesunden christlichen Gemeinden und treuen Gläubigen eine Welle harter Verfolgung bevorsteht.

Die Aufdeckung all dessen ist ein großes Problem für Kirchen, die versucht haben, Kompromisse mit der Welt einzugehen. Einige von ihnen werden die Wahrheit einfach noch offener verleugnen (einige tun das bereits). Diejenigen, die keine Kompromisse eingehen wollen, um Cäsar zu besänftigen, sollten die Frankfurter Erklärung unterschreiben.

Christus und Cäsar agieren in verschiedenen Bereichen. Die Mission der christlichen Gemeinde ist keine parteipolitische Mission. Es gibt keine politische Lösung für das, was unsere Kultur plagt. Der Auftrag der christlichen Gemeinde besteht darin, das Evangelium zu verkünden, Seelen aus dem Reich der Finsternis zu befreien und sie zu Nachfolgern Christi zu erziehen. Die Christen dürfen nicht von dieser Aufgabe abgehalten werden, um ein rein zeitliches politisches Ziel zu erreichen. Andererseits, je mehr sich Cäsar in Angelegenheiten einmischt, die Christus gehören, desto mehr muss sich die christliche Gemeinde zu ewigen und geistlichen Angelegenheiten äußern, die der Rest der Welt als rein »politisch« behandeln will. Es ist nicht das Vorrecht Cäsars, die moralischen Normen in Fragen wie Abtreibung, sexuelle Perversion, Geschlechterrollen oder anderen Angelegenheiten, in denen die Heilige Schrift klare Grenzen gezogen hat, umzuschreiben. Wir werden uns weiterhin zu solchen Themen äußern, und wenn die Regierung versucht, die Botschaft zum Schweigen zu bringen oder den Überbringer zu bestrafen, werden wir uns nicht beugen.

»Ob es vor Gott recht ist, auf euch mehr zu hören als auf Gott, urteilt ihr; denn uns ist es unmöglich, von dem, was wir gesehen und gehört haben, nicht zu reden.« (Apostelgeschichte 4,19b–20).

Quellennachweise

Die »The Frankfurt Declaration of Christian & Civil Liberties« ist hier veröffentlicht und kann dort auch unterzeichnet werden. Auch einige Übersetzungen sind dort erhältlich. Ein Vortrag der Frankfurter Deklaration in deutscher Sprache ist auf YouTube hier bereitgestellt [Stand 10.09.2022].

Originaler Blog-Artikel von John MacArthur, für logikos.club übersetzt von Grace mit Unterstützung von DEEPL.

Rezension: Schöne Neue Welt (?)

Im Jahr 1932 erschien das Buch »Brave New World« von Aldous Leonhard Huxley (1894–1963).[1] In ihm beschreibt der Agnostiker und Oxford-Absolvent für Englische Literatur vor dem Hintergrund der damals bekannten sozialistischen und kommunistischen Staats- und Gesellschaftsentwürfe den perfektionierten Staat der Zukunft, wie er sich in ideologischer Fortsetzung der sozialistischen Ideen darstellt. Er schrieb dies damals nicht als reine Prophetie, sondern eher kritisch in satirisch überhöhter Form als mögliche Fortsetzung des geschichtlich offenbar Gewordenen.

Leider erweisen sich seine Vorstellungen und Projektionen, die lange Zeit als Utopie oder Dystopie eingeordnet wurden, heute teilweise als beklemmend zutreffend, wenn man zeitgenössische Parteiprogramme und Zukunftsideologen studiert. Es scheint also machtvolle Menschen zu geben, die sein Werk nicht als Abschreckung, sondern vielmehr als politisch anzustrebendes Ideal ansehen. Brave New World gehört daher für jeden wachen Menschen zur Pflichtlektüre.

Inhalt: Wie sieht die „Schöne Neue Welt“ aus?

Der Staat der Zukunft kommt mit dem Versprechen einer stabilen Gesellschaft, die alle Nachteile bisheriger Staatsformen, Gesellschaften, Sozialstrukturen und Religionen überwunden hat und allen Bürgern ein schmerzloses, glückliches Leben bietet: eine Brave New World (im Folgenden: BNW), eine „Schöne Neue Welt“ (so der deutsche Titel[1]). Dieses Versprechen kann aber nicht darüber hinweg täuschen, dass dieser weltweite Wohlfahrtsstaat im Wesen für die Nicht-Elite eine Tyrannei ist. Nur in bestimmten „Reservaten“ leben noch „Wilde“ nach der alten Lebensweise in den Jahrtausende lang erprobten Strukturen und traditionellen Werten.

Die BNW zählt ihre Zeit nach dem Erfinder und Industriellen Henry Ford, der gottähnlich verehrt wird. Die Geschichte spielt im 7. Jhdt. A. F. (Anno Ford). Technologie (HighTech) und Ökonomie (wirtschaftlicher Wohlstand) wird durch auf Konsum programmierte Menschen gesichert.

Die BNW ist gekennzeichnet von folgenden Merkmalen und Ideen (man bemerke Parallelen zu zeitgenössischen Parteiprogrammen):

  • Aufgabe der Wahrheit.
    Wahrheit ist in der BNW kein durch Forschung oder Nachdenken anzustrebender und zu vervollkommnender Erkenntnisschatz mehr, vielmehr ist das, was für alle „wahr“ sein soll, bereits offiziell definiert worden. Entsprechend darf diese vom Staat definierte „Wahrheit“ nicht durch neue Erkenntnisse gefährdet oder verändert werden. Auch dies wird mit dem Leitwert der „sozialen Stabilität“ begründet: »Truth is a menace, science is a public danger.« („Wahrheit ist eine Bedrohung, Wissenschaft ist eine öffentliche Gefahr.“; S. 155). Andere alternative Wahrheitsquellen, wie beispielsweise Bücher vergangener Kulturen (Bibel, christliche und weltliche Philosophen, Poesie oder Literatur), werden von den obersten Controllern der Gesellschaft im Tresor aufbewahrt. Nur diese obersten Lenker der Gesellschaft dürfen und können (von ihrer Programmierung her) solche Literatur lesen.
  • Auslöschung der Geschichte (geschichtlichen Identität) als Kulturgut
    Geschichte liefert nur noch Erinnerungen an jene Übel, die man in der BNW überwunden zu haben glaubt. Konsequenter Weise werden alle geschichtlichen Aufzeichnungen gelöscht, Museen geschlossen, historische Monumente gesprengt und alle Bücher vor A.F. 150 (ca. 2060 n. Chr.) unterdrückt (S. 34). Jede emotionale Bindung an Geschichte und Tradition ist verabscheuenswürdig. Da kein Mensch eine Mutter oder einen Vater hat, sind familiäre Traditionen, Bindungen und Identitäten ausgelöscht. Der BNW-Bürger soll geschichtlich ungebunden, seiner Herkunftsidentität beraubt und kulturell entwurzelt sein. Anstelle dessen werden dem so auf Makro-  wie Mikroebene geschichtlich Entwurzelten das dem globalen Staat gerade Nützliche an kollektiver Identität und Werten eingeprägt.
  • Auslöschung der sozialen Strukturen von Ehe, Familie und Sippe.
    Die im Vor-BNW-Zeitalter jahrtausendelang geübten sozialen Strukturen von Ehe, Familie und Sippe gaben einem Individuum präferierte Beziehungen und Bindungen zu Einzelpersonen oder Gruppen. Diese individuellen und familiären Bindungen werden in der BNW rein negativ bewertet und sind daher aufzulösen im nach Kasten strukturierten Kollektiv: Das Ich wird durch das Wir ersetzt, die Familie durch das Kollektiv oder die Kaste. Der vereinheitlichte Gruppengeist ersetzt den individuellen Geist. Es gibt keine Eltern, Väter und Mütter mehr, analog keine Kinder und Geschwister. Schon der Gebrauch dieser Bezeichner wird als skandalös und eklig empfunden. Kinder werden industriell in der Retorte erzeugt und prädestiniert und programmiert für ihre Rolle in der Gesellschaft (s. Kastensystem). Der BNW-Bürger soll ungebunden und entwurzelt von persönlichen Beziehungen sein, selbst zu sich kein individuelles Bewusstsein aufbauen und keine Unabhängigkeit anstreben. Daher werden alle Situationen vermieden, in denen ein Mensch alleine ist, man programmiert ihn darauf, Einsamkeit zu hassen.
  • Abschaffung der monogamen Sexualität zugunsten von Freiem Sex.
    Der Körper jedes Menschen gehört allen Menschen. Nach diesem Prinzip wird weitläufige Promiskuität (dieser Begriff hat in der BNW seine Bedeutung verloren), freier Sexualverkehr mit beliebigen Partnern beliebigen Geschlechts, von Kind auf praktiziert. Jede Regel oder Restriktion ist aufgegeben, außer der, dass eine länger andauernde oder auf eine Person beschränkte Beziehung unerwünscht ist. Schein-Schwangerschaften werden hormonell simuliert, weil bekannt ist, dass sich eine Schwangerschaft positiv auf die schwangere Frau auswirkt. Alle Frauen werden gedrillt, echte Schwangerschaft zu vermeiden; im „Pannenfall“ wird abgetrieben. Die Technologie sichert, dass keine Sexualkrankheiten entstehen oder übertragen werden. Der BNW-Bürger soll sexuell ungebunden und aktiv sein, ohne das Ziel der Sexualität, die Reproduktion, anzustreben oder zu erleben. Tatsächlich ist der Mensch jedoch nicht frei, sondern steht unter Beobachtung und ideologischem Zwang (Erwartungshaltung, Kritik), beständig Promiskuität praktisch auszuleben. Die Freiheit der fortschrittlichen „Freien“ ist also Zwang.
  • Verhinderung jeder Veränderung, denn Veränderungen bedrohen die Stabilität des Systems.
    »Every change is a menace to stability.« („Jede Veränderung ist eine Bedrohung für die Stabilität.“; S. 153). Daher ist alles, was Veränderung bringen kann: neue Erkenntnisse, neue Beziehungen, neue Ziele, neue Ideen, neue Wahrheit, neue Kasten usw. sehr restriktiv zu handhaben, ggf. zu unterdrücken. Viele Regelungen sind von diesem Gedanken getrieben und führen zur Unterdrückung bzw. Eingrenzung von Wissenschaft, Kunst, Philosophie, Religion, Einsamkeit (bietet Gelegenheit zum Nachdenken) und allen negativen Erlebnissen (denn diese motivieren im Menschen Wünsche und Gedanken zur Veränderung des status quo). Kommentar: Mit diesem Bekenntnis zum Stillstand (aka „Stabilität“) demaskiert sich die BNW als totalitäre, reaktionäre, faschistische Ideologie, mithin als wissenschaftsfeindlich, anti-aufklärerisch und menschenverachtend.
  • Einrichtung einer utilitaristischen, fixierten Kastenstruktur.
    Da Wirtschaft und Gesellschaft Aufgaben mit unterschiedlichen Herausforderungen an Kraft und Geist bieten, werden Menschen mit entsprechenden Eigenschaften in der Retorte produziert und programmiert. Die Alpha-Klasse regiert das System, entsprechend tiefer liegen die Kasten der Betas, Gammas, Deltas usw. Für gleichartige Aufgaben werden gleichartige Menschen mittels Klontechniken erzeugt. Jeder wird so programmiert, dass er sich in seiner Klasse/Kaste wohlfühlt und keinen gesellschaftlichen Kastenwechsel anstrebt. Damit soll die gesellschaftliche Stabilität gesichert werden. Die Struktur wird vorgegeben von der kleinen herrschenden Klasse der sog. Controller. Kommentar: Mag der Kommunismus und Sozialismus von einer klassenlosen Gesellschaft als Zielvorstellung reden, praktisch haben sich in entsprechend ideologisierten Systemen weltweit stets harte Gesellschaftsschichten etabliert: das (arbeitende) Volk, die Partei und die Parteibonzen (Elite). Diese Kastenstruktur wurde gepflegt und verteidigt.
  • Polytheistische Religion.
    Die religiösen Bedürfnisse der Menschen werden durch Rituale bedient, in denen der Kollektivgeist und der als Gott verehrte (Henry) Ford zelebriert werden. Am Unification-Day werden in Kleingruppen abendmahl-ähnliche Riten abgehalten. Christus wird neben anderen Figuren, wie Heiligen oder Gottheiten, verehrt. Die antichristliche Natur dieser „Religion“ wird symbolisch daran offenbar, dass alle (christlichen) Kreuze so gekappt werden, dass sie nur noch ein „T“ darstellen. Keine Religion hat Wahrheitsanspruch, es gibt keine religiösen Bücher, die als Wahrheitstexte oder Traditionsschätze gegen die BNW-Kultur wirken könnten oder in Widerstreit zueinander geraten könnten. Auch dies wird mit dem Leitwert der „sozialen Stabilität“ begründet. Kommentar: Der Widerspruch ist erkennbar: Keine Religion sei wahr oder verbindlich, aber der T-Kult ist alternativlose Religion der BNW?
  • Oberster Wert ist ein Wohlfühlen, wie es den Kasten jeweils bestimmt wurde.
    »Happyness« ist das oberste Ziel, dem alles andere geopfert oder untergeordnet wird. So ist alle Arbeit simpel und nichtanstrengend (sonst wird sie an Maschinen abgegeben) und dauert täglich 7,5 Stunden. Experimente hätten gezeigt: Jede weitere Reduzierung der Arbeitszeit würde zu geringerem Wohlgefühl führen. Jeder bekommt die Wunderdroge Soma, Spiele, unbegrenzten Sex und Gefühlstheater(»feelies«; 3D-Shows mit allerlei Sinnesreizen): »What more can they ask for?« („Was können sie mehr verlangen?“; S. 152). Jedes negative Gefühl wird mit der Droge Soma ausgelöscht. Sie bewirkt ein passives Wohlgefühl in phantasievollen Träumen und verhindert damit alles Leiden der Seele an Realzuständen. Soma wirkt wie die alten Drogen Alkohol und Heroin, ohne aber deren Nebenwirkungen zu haben. Wer allerdings zu viel davon konsumiert, stirbt eher. Kommentar: Ein pervasiver Alkohol- und Drogenmissbrauch – gerade auch als Wohlfühl- und Lifestyle-Droge – ist Dank Drogenkartellen, Politik und Pharmaindustrie heute weltweit zu beobachten. Offenbar ist die BNW nicht schön genug, um allen Menschen ein frohes, erfülltes, menschenwürdiges Leben bieten oder ermöglichen zu können. Was für ein Offenbarungseid.
  • Die Menschen dienen der Wirtschaft und der Technologie.
    In einer menschlichen Kultur dienen Wirtschaft und Technologie dem Menschen. Entsprechend werden diese Systeme dem Menschen bestmöglich angepasst. Nicht so in der BNW: Hier dienen die Menschen dem Konsum und der Technologie, werden schon bei ihrer Erzeugung in der Retorte für ihre industriellen Aufgaben geistig wie körperlich konditioniert und schicksalshaft prädestiniert und zu übermäßigem Konsum konditioniert (»You can‘t consume much if you sit still and read books.», S. 33). Die Controller würden kein neues Spiel für die Gesellschaft freigeben, wenn es nicht noch mehr technische Geräte erforderte, als das in diesem Sinne bisher anspruchsvollste Spiel (S. 20). Die herrschende Klasse setzt Wirtschaft und Technologie so ein, dass damit die Stabilität der Gesellschaft, der Kasten und damit ihre unangefochtene Herrschaft gesichert werden. Kommentar: Die Durchseuchung der Gesellschaft mit „Smartphones“ nimmt immer mehr Zeit und Aufmerksamkeit von Milliarden von Menschen in Anspruch und hat den Unternehmen der Unterhaltungs- und der Konsumindustrie Billionenwerte beschert. Perfide ist die Kombination von Techniknutzung und Drogeneffekten (klassisch: Endorphin-Pushs), die hier gezielt realisiert wurde.

Versuch einer Einordnung und Bewertung aus christlicher Sicht

Es ist beeindruckend, wie konsequent der Atheist Huxley die sozialistische Ideologie und Utopie entwickelt und in die Zukunft projiziert. Was dem einen oder anderen vielleicht noch als Fiktion oder Satire erschien, ist heute ausdrücklich Teil von Partei- und Regierungsprogrammen und wird als „modern“und „fortschrittlich“ deklariert. Wenn jemand sich mantraartig des Slogans „Vorwärts!“ oder „Fortschritt“ als positive Wertklasse bedient, sollte man immer genau hinschauen, in welche Richtung dieser Progressivist fortschreiten will. Sagte ein Vorsitzender: „Gestern noch standen wir vor dem Abgrund. Heute sind wir einen Schritt weiter…“

Eine erste Zusammenfassung und Einordnung. Schon die Indogermanen nutzten den Effekt einer künstlichen Geschichtserzählung (heute: Narrative) und eine Kastenstruktur aus, um sich „ewig“ die Macht zu sichern. Die herrschenden Römer wussten sich das Volk still und geneigt zu halten mit dem Rezept „Panem et circensis“ („Brot und Zirkusspiele“; nach der Satire des röm. Dichters Juvenal). Huxley fügt diesem die (seinerzeit) modernen Erkenntnisse der Technologie (Hubschrauber), Medizin (keine Krankheiten mehr), Pharmakologie (Wunderdroge Soma), Psychologie und mehr hinzu, soweit sie in seiner Zeit vorstellbar waren. Letztlich sei seiner Satire nach eine stabile Weltgesellschaft nur zu erreichen durch Entmenschlichung der meisten Menschen, einem starren Kastensystem (Gesellschaftsschichten) unter der Regierung einer Eliteklasse, die allein noch selbstständig denken kann und allein noch Zugang zu den Quellen der Geschichte, Kunst, Wissenschaft und Wahrheit hat. Die „Young Global Leader“ des WEF, die Jura-Absolventen von Harvard (und so vieler anderer Eliteschulen) werden ausdrücklich für die Weltführungsrolle ideologisch programmiert und strategisch vernetzt.

Eine erste Bewertung. Aus der judäo-christlichen Weltsicht und Werteordnung heraus ist diese als schön und neu verkaufte Welt nichts anderes als der Inbegriff der Entmenschlichung. Sie ist weder schön (und damit attraktiv und erfüllend), noch neu (das klassische Wertmotiv des Fortschrittsglaubens, des Progressivismus). Denn zum Menschsein gehört zu allererst die lebendige Beziehung zu Gott, dem Schöpfer und Erhalter des belebten wie unbelebten Kosmos, die dankbare Verehrung des sich (in der Heiligen Schrift, im Sohn Gottes, sowie in Schöpfung, Geschichte usw.) selbstoffenbarenden Gottes. Ferner gehören unabdingbar dazu das Selbstbewusstsein und das Bewusstsein des Eigenwertes, weil man im Bild und Gleichnis Gottes geschaffen wurde, sodann die Werteordnung, wie sie im Dekalog (den 10 Geboten) und weiteren Wertaussagen der Heiligen Schrift verankert sind. Unverzichtbar (unveräußerbar) sind auch die dem Menschen vorpolitisch von Gott verliehenen Rechte und Freiheiten (sog. unveräußerliche Menschenrechte). Entscheidend für das Schicksal (Teleonomie) und das letztendliche Heil-sein des Menschen ist die frohmachende Botschaft davon, wie der Mensch von seiner Schuld und Sünde völlig befreit und in ungetrübte Gemeinschaft mit Gott und den Mitmenschen wiedereingesetzt werden kann (Evangelium, Die Gute Botschaft von Jesus Christus). 

Lüge und Tod. Es ist bezeichnend, dass der tyrannische Staat seinen Bürgern den Himmel auf Erden verheißt (vermittelt durch sein Wirken), aber den Himmel und seinen Regenten negiert und das Wissen vom Weg dorthin (Christus) beseitigt. Verkündete und gelebte (Zweck-)Lüge steht anstelle von Wahrheit, wird aber als Wahrheit und Wert indoktriniert und eingeübt. Dazu dienen auch Fälschungen und Imitationen wahrhaftiger Worte, Symbole und Rituale. Die Botschaft vom Opfer des Gottessohnes wird verschwiegen, aus dem christlichen Symbol des Kreuzes wird das Gegensymbol des Tammuz (wohl Nimrod, des Widersachers Gottes zur Zeit des Turmbaus zu Babylon; Genesis 10). Die schöne neue Welt, wie Huxley sie satirisch-futuristisch aufmalt, trägt einen tragischen, finsteren Schimmer von Lüge und Tod, denn es gibt keine (Er-)Lösung, sondern nur lebenslange Ablenkung durch oberflächliches Vergnügen und die Wunderdroge Soma. Es ist die beste Welt, die der Teufel, der nach Aussage Christi „der Urvater der Lüge“ und „der Menschenmörder von Anfang“ ist, aufbauen kann: Er verspricht viel, hält wenig und nimmt alles. Das ist die Bilanz jeder gottlosen Regierung, die gar nicht anders kann, als zur Tyrannei zu entarten, weil dies das Wesen des hinter ihr treibenden Geistes ist.

Zum Abschluss ein Aufruf und eine Warnung

Die Heilige Schrift sagt entlarvend und motivierend: »Denn unser [der Christen] Kampf ist nicht gegen Fleisch und Blut [also gegen Menschen], sondern gegen die Fürstentümer, gegen die Gewalten, gegen die Weltbeherrscher dieser Finsternis, gegen die geistlichen Mächte der Bosheit in den himmlischen Örtern« (Epheserbrief 6,12) und: »Denn obwohl wir im Fleisch wandeln, kämpfen wir nicht nach dem Fleisch; denn die Waffen unseres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern göttlich mächtig zur Zerstörung von Festungen, indem wir Vernunftschlüsse zerstören und jede Höhe, die sich erhebt gegen die Erkenntnis Gottes, und jeden Gedanken gefangen nehmen unter den Gehorsam des Christus« (2Korintherbrief 10,3–5). Diese Aussagen sind Normen, denen (wahre) Christen absolut verpflichtet sind.

Das bedeutet: Wir müssen allen gott- und menschenverachtenden Ideologien entgegentreten: verbal, intelligent, schriftverankert – und immer Christus-zentriert. Ganz anders als die Revolutionäre des Sozialismus (seien es rote, braune, grüne, blaue, schwarze… Sozialisten) kämpfen Christen niemals »wider Fleisch und Blut«, niemals gegen den verführten und in Ideologien gefangenen Mitmenschen, niemals physisch gewaltsam, sondern begegnen ihm stets mit mitmenschlicher Zuneigung und christlicher Menschenliebe. In der Sache allerdings müssen wir von dieser Menschenliebe motiviert hart und klar sein, denn der alte wie der neue Sozialismus und ein menschenwürdiges Leben schließen sich einander aus. Ohne den Schöpfer ist das Geschöpf schnell erschöpft. Das mögen die Eliten, die „Controller“, die Machtbesessenen anders sehen. Die Schwabs und Hararis dieser Welt meinen ja, dass sie mit dem von ihnen propagierten Trans-Humanismus die Spezies Mensch überwinden und sich damit über den Schöpfer-Gott stellen könnten.[3] Schöne neue Welt? Für wen?

Der im Himmel thront, lacht, der Herr spottet ihrer.
Dann wird er zu ihnen reden in seinem Zorn, und in seiner Zornglut wird er sie schrecken.

Psalmen 2:4-5 (ELB03)

Abschließend: Wer meint, in diesem Buch von Huxley gehe es ja „nur“ um Ideen, dem sei entgegnet: „Ideen haben Konsequenzen!“ Lesen bildet.[4]

Endnoten

[1] Rezensionsexemplar: Aldous Huxley: Brave New World. New York, NY, USA: Harper & Row, 1946. First Perennial Library Edition, 1969. – Deutsche Fassung: Schöne Neue Welt: Ein Roman der Zukunft. Reihe Fischer Klassik. 9. Aufl. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch, 2014 (nach der Originalausgabe von 1932). Die Titel deutscher Übersetzungen waren auch schon Welt – Wohin? (1932) und Wackere neue Welt (1950).

[2] Martin Erdmann: Siegeszug des Fortschrittsglaubens. Band 3: Progressivismus als Triebfeder des amerikanischen Imperialismus. Worthington, OH, USA: Verax Vox Media, 2020. – Auch die anderen Bände dieser Serie von Dr. Erdmann über den Fortschrittsglauben sind lesenswert, man muss allerdings etwas Zeit mitbringen.

[3] Yuval Noah Harari: Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen. 16. Aufl. München: C. H. Beck, 2020. (Orig.: Homo Deus. A Brief History of Tomorrow, 2016.)

[4] R. C. Sproul: The Consequences of Ideas: Understanding the Concepts That Shaped Our World. Wheaton, IL, USA: Crossway Books, 2000. – John MacArthur et al.: Right Thinking In A World Gone Wrong. Eugene, OR, USA: Harvest House Publ., 2009. – Ergänzende Lektüre: George Orwell: 1984. New York, NY: Harper & Row, 1946.

Wenn Bibelstellen nur noch vorgefasste Meinungen belegen sollen – Ein Kommentar zu einem Kommentar in »Fest & Treu« (01/2022)

In Fest & Treu (FuT 177) wurde ein Kommentar/Leserbrief von zwei Autoren »in unserem CLV-Team« (Alexander Struck und Gerrit Alberts, im Folgenden mit „S&A“ abgekürzt) abgedruckt, der sich auf den Beitrag »Glaubensprüfung« von Friedemann Wunderlich in FuT 176 (S. 4–5) bezog.[1] Dieser Kommentar wirft Fragen auf, denen man nachgehen sollte. Die Autoren verwenden m. E. Argumente, die weder der Chronologie noch den von ihnen als Beleg angegebenen Bibelstellen gerecht werden. Sachliche und biblische Wahrheit im Argument ist in der Tat keine nebensächliche, sondern eine Hauptsache, um die wir kämpfen müssen. Hier einige der m. E. anzusprechenden Behauptungen oder Meinungen (M) und mein bescheidender Beitrag auf der Suche nach tragfähigen Antworten.

M1 | Paulus lehre, dass man selbst einem tyrannischen, Christen verfolgenden und tötenden Nero zu folgen habe

Die Autoren S&A schreiben: »Die Apostel […] ermahnten die Gläubigen sogar dann dazu [zur Unterordnung unter die staatlichen Autoritäten], als der äußerst willkürliche, moralisch verdorbene Despot und Christenmörder Nero an der Macht war.«

  • Aus dem Basiswissen zum NT zunächst ein paar wesentliche chronologische Daten: Paulus schrieb seinen Brief an die Gemeinde in Rom um 55–58 n. Chr., wahrscheinlich 57 n. Chr. (s. J. MacArthur, Basisinformationen; E. Mauerhofer, Einleitung NT, Bd. 2). Neros Kaiserzeit war 54–68 n. Chr. Mit seinem Regierungsantritt 54 n. Chr. wurde das Edikt des Claudius, das die Vertreibung der Juden und Judenchristen aus Rom verfügte (49 n. Chr.), aufgehoben (F. F. Bruce, Basiswissen), also eine positive(re) Situation für die Gemeinde geschaffen. Der Brand Roms war 64 n. Chr. Die Neronische Christenverfolgung und die damit verbundenen Gräuel geschahen in den Jahren 64– 65 n. Chr., fanden also erst etliche Jahre nach der Abfassung des Römerbriefes statt. 
  • S&A stellen dies aber chronologisch und argumentativ verkehrt herum dar. Als Paulus die Gläubigen zur Unterordnung ermahnte, war Nero noch lange nicht als »Christenmörder« aufgetreten. Paulus war sicherlich nicht naiv bezüglich böser Herrscher und Tyrannen, wie beispielsweise jene zivilen und religiösen Obrigkeiten, die seinen und unseren Herrn ermordeten (Apg 3,13–15; 4,26–30). Angesichts der chronologischen Fakten kann man wohl nur sagen, dass Paulus beim Schreiben von Römer 13 Neros (oder anderer Tyrannen) Bosheit weder ignorierte noch beschönigte, aber von Neros Christenverfolgung als Hintergrund seines Briefes an die Römer zu reden, ist jedenfalls ein AnachronismusDas Argument der Brüder S&A ist damit m. M. n. hinfällig.[2]

M2 | Das Gesetz im AT lehre, dass man alle – auch gesunde – Geschwister nach Bibelstellen, die nur von einzelnen symptomatischen und ansteckenden Kranken reden, zu behandeln habe

  • Die Verwirrung ist hier mehrfach: (1) Behandlung von Einzelfällen werden mit Zwangsmaßnahmen gegenüber der Allgemeinheit verwechselt; (2) Gesunde, asymptomatische Menschen seien so zu behandeln, wie erkenntlich kranke und fachmännisch als krank diagnostizierte Menschen. Es ist zu befürchten, dass hier der ungesetzliche Missgriff, dass Gesunde wie Erkrankte, Ansteckende (und letztlich wie „Gefährder“) zu behandeln seien, unreflektiert kolportiert wird. Dies alles sind Missgriffe, die eigentlich jedem auffallen sollten, der mitdenkt und am Text der Heiligen Schrift untersucht, »ob sich dies so verhalte«.
  • Wunderlich schreibt: »„Lockdown“ und „Social Distancing“ sind Fremdworte für die Gemeinde Jesu und stehen immer entgegen der Gebote Gottes.« Die von ihm gemeinten »Gebote Gottes« konkretisiert er im nächsten Satz mit dem zweit-höchsten Gebot der Nächstenliebe: »Es gibt keine Nächstenliebe ohne körperliche Nähe.«
  • Dies provoziert S&A wohl zum Widerspruch und so greifen sie ins AT zurück, um das Gegenteil zu beweisen. Sie verpassen dabei aber das hier Entscheidende, dass diese beiden englischen Neologismen der Pandemiesprache obrigkeitliche Maßnahmen bezeichnen, die stets allgemein und unterschiedslos auch Gesunden auferlegt werden/wurden (Ausnahmen nur für „systemrelevante“ Menschen), während die angezogenen AT-Stellen ausschließlich symptomatisch Erkrankte und fachlich sorgfältig diagnostiziert erkrankte Einzelpersonen betreffen (auch jener Fall, der eine weitere Beobachtung unter Isolation erforderte). Schauen wir uns die angegebenen Bibelstellen an:

(1) 3.Mose 13,46 (»Isolation im Krankheitsfall«)

  • Die Maßnahme der „Isolation“ (»allein soll er wohnen« und »außerhalb des Lagers soll seine Wohnung sein«) wird erst ergriffen, wenn »das Übel« an der Person äußerlich erkenntlich ist. 
  • Gesunden Menschen ohne einschlägig ärztlich diagnostizierte Symptome den Gottesdienstbesuch zu untersagen oder zu verwehren, nur weil sie 1G, 2G, 2G+ oder 3G nicht erfüllen, fällt nicht in die Fallkategorie der angegebenen Bibelstelle. 
  • Die Generalverdächtigung durch die obrigkeitlichen Verordnungen, dass jeder Gesunde potenziell ein „Gefährder“ sei, also jemand, der beabsichtige oder billigend in Kauf nehme, anderen Schaden zuzufügen, „denn er könnte ja krank sein und andere anstecken“, würde das ganze Lager Israels zum Quarantänelager gemacht haben. Das ist absurd, mit dem biblischen Text nicht belegbar und sollte daher nicht für Gemeindeveranstaltungen als Eintrittsr(i)egel vorgeschoben werden.

(2) 3.Mose 13,4 (»Quarantäne bei Infektionsverdacht«)

  • Das »sieben Tage einschließen« erfolgte, wenn Symptome erkenntlich waren, die Diagnose des Priesters jedoch nicht klar und sicher genug zu leisten war. War sie hingegen klar, wurde das »unrein« direkt erklärt (13,3), die Erkrankung lag dann vor. In jedem Fall gilt auch hier: Die Maßnahme erfolgte erst nach einer Untersuchung von Symptomen, nicht bei Symptomlosen oder Gesunden. Ohne Symptome war diese Maßnahme des „isolierten Abwartens“ nicht zu ergreifen.
  • Von S&A wird ja offenbar auf die natürliche Bedeutung dieser biblischen Anweisung im AT abgezielt. Die Anwendung der Stelle 3.Mose 13,4 auf obrigkeitliche COVID-19-Maßnahmen geht an der Tatsache vorbei, dass hier nicht Gesunde unter Generalverdacht weggesperrt werden, sondern symptomatisch Erkrankte. Damit wird hier keine Berechtigung für die Abweisung von Gesunden und Genesenen von der Gottesdienstteilnahme vor Ort geliefert.

(3) 3.Mose 13,44 (»Mund- oder Bartschutz«)

  • Vorweg: Die Versangabe ist wohl falsch, vom »Lippenbart verhüllen« ist erst in V. 45 die Rede. Zweitens: Nicht »Mund«, sondern »Bart« (ELBCLV; aber ESV: upper lip).
  • Auch hier ist klar ein Fall beschrieben, bei dem erkenntlich »das Übel an ihm ist«, nicht: »in« ihm ist; es war also äußerlich symptomatisch.
  • Der verordneten Maßnahme lag eine durch sorgfältige Untersuchung ermittelte Symptomatik vor (»Und besieht ihn der Priester, und siehe…«; 13,43).
  • Fachlich: Die sehr begrenzte und daher mangelnde Schutzwirkung von Gesichtsmasken (medizinische oder FFP2-Masken) gegen Empfang oder Verbreitung von Viren ist von fachlicher Stelle vielfach untersucht, bestätigt und verkündigt worden. Unvollkommener Schutz ist auch da festzustellen, wo wir das Phänomen virentragender Aerosole bedenken. Dass es dazu neben ignoranten auch absichtliche Falschmeldungen gibt, war und ist angesichts der unterschiedlichen Interessenslagen zu erwarten. Dass dauerhaftes Maskentragen erheblichen medizinischen und psychischen Schaden anrichten kann (von CO2-Übersättigung bis Mikrofaserinhalation; verbale und nonverbale Verständnisprobleme bei Jung und Alt, usw.), ist mittlerweile in mehreren Studien belegt worden. Wer sich bemüht, kann das Hin und Her der öffentlichen Verlautbarungen zum Maskentragen herausfinden. Tipp: Follow the money.
  • Interessante Nebenfrage: Was ist bei Frauen zu tun? Auch sie können m. W. an COVID-19 erkranken. Sollen also Frauen keinen „Mund-Nasenschutz“ tragen nach dem „biblisch belegten“ Argument von S&A? Denn das generische Maskulinum kann im Bibeltext ja nicht gemeint sein, wenn (nach S&A) vom Bart die Rede ist.

(4) 2.Chronik 26,21 (»Ausschluss vom Tempel-Gottesdienst bei Infektion«)

  • Hier war der Betreffende (König Ussija) »aussätzig bis zum Tag seines Todes« und »wohnte in einem Krankenhaus (FN: O. in einem abgesonderten Haus) als Aussätziger«. Da Aussatz an den äußerlich erkennbaren Symptomen festzustellen war (26,20: »an seiner Stirn«) und es ein konkreter Einzelfall ist, ist auch diese Stelle für die Abweisung von Gesunden oder von COVID-19 Genesenen wegen einer obrigkeitlich verordneten generellen 1/2/3G-Verordnung inhaltlich völlig ungeeignet.
  • Das AT bespricht (auch hier) den Einzelfall eines akut Erkrankten, dessen Erkrankung symptomatisch ist und die fachlich festgestellt wurde. Wunderlich bespricht mit »Lockdown« und »Social Distancing« jedoch obrigkeitliche Maßnahmen, die die Allgemeinheit treffen. Die Brüder S&A reden völlig am von Bruder Wunderlich Gesagten vorbei.

M3 | Christen würden die biblischen Maßnahmen, die in Israel im Falle eines Aussätzigen verordnet waren, in Frage stellen

S&A schreiben: »Dass ausgerechnet Christen nun diese Maßnahmen in Frage stellen, erschließt sich uns nur schwer.« Da der Kommentar von S&A sich auf den Artikel »Glaubensprüfung« von Friedemann Wunderlich bezieht, muss zuerst einmal festgestellt werden, dass Wunderlich mit keinem Satz die Maßnahmen, die Israel damals verordnet wurden, in Frage stellt. Dieser Vorwurf zielt also ins Leere. Aber es gibt mehr zu beanstanden:

  • Das Argument von S&A setzt stillschweigend (unbewiesen und unbegründet) voraus, dass man den Fall von Aussatz (vermutlich Lepra,  Morbus Hansen) mit dem von COVID-19 vergleichen könne bzgl. Erreger, Ansteckung, Inkubation, Behandlung usw. – Ich vermute, hier reden keine Mediziner.
  • Wunderlich hat nicht getan, was ihm hier unter der generalisierten Adresse »Christen« unterstellt wird. Unterstellungen und Übertreibungen sind kein gutes Mittel, eine sachliche Debatte zu führen, sondern Strohmann-Angriffe. Diese sind fehlerhaft, liefern mithin nichts Gültiges oder gar Widerlegendes zur behaupteten Sache (Näheres zu Straw Man bei en.wikipedia.org).
  • Die Verallgemeinerung auf »Christen« bei bleibendem Verweis auf die von S&A genannten Stellen, die ausdrücklich für das Volk Israel vor ca. 3.400 Jahren galten, muss theologisch und hermeneutisch hinterfragt werden (die medizinische Diskussion lasse ich hier außen vor). Genauso gut könnte man von allen männlichen Christen heute per Mandat und Zwang verlangen, dass sie sich beschneiden lassen, und wohin eine solche Zwangsforderung führt, kann man in der Bibel nachlesen.
  • Mir ist nicht bekannt, dass Gott allgemein allen »Christen« die Vorschriften des Gottesvolkes im Alten Bund auferlegt hätte. Das gilt auch nicht in übertragener und modifizierter Weise gegenüber einer Obrigkeit, die sich heute als Zivilreligion versteht, als Heilsvermittlerin auftritt und im Gegenzug strafandrohend Gehorsam für ihre Maßnahmen einfordert.
  • Mir ist momentan keine ernst zu nehmende christliche Gruppe oder Stimme bekannt, die die zitierten damaligen Maßnahmen bei Aussatz als Unsinn oder als fraglich hinstellen. Eben, eine Strohmann-Attacke. Da sollte man nachbessern.

M4 | Der Lockdown sei in den angezogenen Bibelstellen in 3.Mose und 2.Chronik zu finden, sogar: die Heilige Schrift sage dazu »eine beachtliche Menge«

Was S&A bzgl. des staatlich verordneten »Lockdowns« und seiner Begründung in der Heiligen Schrift behaupten, bedarf schon einiger wilder semantischer Sprünge, um einen Anschein von Gültigkeit zu erwecken. Hinterfragen wir jedoch, was wirklich der Fall ist, zerfällt das Argument.

  • Selbst die WHO erklärte „Lockdown“ zu einem »eher unglücklichen Begriff« (siehe de.wikipedia.org, sub verbo, FN 28).
  • Leonard Mboera et al. definieren den Begriff so: »eine Reihe von Maßnahmen zur Reduzierung der COVID-19-Übertragungen, die ihren Ursprung in der Allgemeinbevölkerung haben, die obligatorisch sind und unzielgerichtet auf die Allgemeinbevölkerung angewendet werden« (ibid).
  • Da alle genannten Bibelstellen von konkreten Einzelfällen mit erkennbarer Symptomatik reden, ist ihre Verwendung für das, was mit dem Begriff Lockdown gemeint ist, völlig verfehlt. Der Begriff Isolation oder Quarantäne wäre u. E. besser geeignet, und er betrifft wiederum nur fachlich erkennbare symptomatisch Erkrankte.
  • Festzuhalten ist: Die genannten Stellen reden inhaltlich nicht vom Sachverhalt eines Lockdowns (s. o.). Damit zerfällt das Argument von S&A.
  • Wo die »beachtliche Menge« von Stellen über Lockdown und Social Distancing in der Bibel sein soll, wird nicht deutlich, zumal schon das halbe Dutzend gelieferte Stellen diese Behauptung nicht belegen kann.
  • Man könnte auch einmal überlegen, warum man Social Distancing sagt, wenn man in den Maßnahmen damit räumliche Distanz – angegeben in Metern (!) – meint. Einen räumlichen oder materiellen Hygieneabstand gegenüber konkreten Ansteckenden einzuhalten ist eine einsichtige Maßnahme, aber wer das Soziale in einer Gruppe gesunder Menschen in Metern (be-) misst, dem ist wohl schwer zu helfen.

Versuch einer Bewertung

1. Sachlichkeit

Die Autoren Strunk und Alberts sind sicher geliebte Brüder im Herrn, wir werden die Ewigkeit miteinander in Glückseligkeit verbringen. Ich schätze Gerrit Alberts langjährig gezeigte Bibeltreue, wohltuende Sachlichkeit und Ausgewogenheit in seinen Beiträgen in FuT. (Den Mitautor Struck und den angegriffenen Bruder Wunderlich kenne ich nicht persönlich.) In diesem Leserbrief konnte ich Bibeltreue oder Sachlichkeit leider nicht wie erwartet, gewohnt und m. M. n. erforderlich feststellen. Ich kann kaum glauben, dass dieser »Kommentars« bzw. »Leserbriefs« (beide Bezeichner werden von S&A verwendet) in FuT erschienen ist.

2. Brüderlichkeit

Der auslösende Artikel von Bruder Wunderlich ist emotional und nicht kühl-sachlich formuliert. Sein Anliegen und sein persönliches Mitgenommensein und Leiden an der Situation ist selbst mit kleinen Herzensohren unschwer herauszuhören. Wenn er z. B. unter »„Kommt her, alle ‚3G‘!“« pointiert schreibt: »Wer so denkt und handelt, hat nichts mehr mit einem Heiland zu tun, der seine Nachfolger auffordert…«, dann versucht Wunderlich hier nicht, jemand »das Heil abzusprechen«, wie S&A ihm dies unterstellen. Der Kontext nach Stil und Inhalt legt m. E. vielmehr nahe, dass Wunderlich hier zum Ausdruck bringt, dass er in solchem Denken und Handeln nicht mehr das Wesen und den Geist Jesu erkennen kann – und dies ist sein Schmerz und seine Klage. Das ist aber etwas völlig anderes, als S&A hier unzulässig überzogen behaupten, um Wunderlich damit argumentativ ins Abseits zu stellen. Ein Argument des Gegenübers ins Absurd-Extreme zu verzerren (und dann zu verdammen) ist ein unzulässiger Kunstgriff der Streitdialektik (nach Arthur Schopenhauers Eristische Dialektik eine Erweiterung; Manuskript 1830), der m. M. n. nicht angewendet werden sollte, zumal nicht unter Brüdern, die alle Den lieben, der Die Wahrheit ist. Leider ist das nicht der einzige Beigeschmack einer Strohmann-Attacke.

3. Christuspriorität

Es gab einmal jüdische Top-Theologen, die behaupteten: »Wir haben keinen König als nur den Kaiser.« (Joh 19,15b). Das ist das Bekenntnis zur Zivilreligion und damit die finstere Antithese zum christlichen Basis-Bekenntnis, dass Christus alleine Haupt seiner Gemeinde ist. Kein „Cäsar“ hat je irgendein Mandat von Gott erhalten, in die Inhalte (Bekenntnis, Lehre, Verkündigung), Abläufe, Strukturen usw. der Gemeinde Christi hineinzuregieren. Vielmehr ist die Obrigkeit von Gott dazu eingesetzt, dass sie das Gute belohnt und das Böse bestraft. Was gut und böse ist, verordnet letztlich Gott, nicht das Verfassungsgericht oder der Gesundheitsminister. Mit gebeugten Knien werden alle Richter und Minister einst Christus Rechenschaft abgeben müssen. Sie daran freundlich und deutlich zu erinnern, ist Christenpflicht.

Dass S&A noch nicht einmal ansatzweise würdigen, dass wir heute in der BRD nicht im römischen Cäsarenreich als Untertanen oder Sklaven leben (s. o.), sondern 2.000 Jahre später als Bürger in einem Rechtsstaat mit grundgesetzlich geschützten – aber vorpolitisch erhaltenen – Grundrechten, ist ein weiterer Anachronismus in der Anwendung des Bibeltextes.

Die Beispiele/Belege der Autoren für die Autorität des Staates, wie Brandschutzgesetz oder DSVGO-EU, sind beliebt, aber kategorial danebengegriffen, denn niemand bestreitet das Mandat der Obrigkeit in diesen grundsätzlich zivilen Dingen. Überhaupt: Meines Wissens hat Brd. Wunderlich nichts gegen das Brandschutzgesetz o. ä. gesagt: Hier riecht es wieder nach Strohmann-Attacke. Ich habe noch gute Erinnerungen an unsere Glaubensgeschwister im Osten vor der Perestroika, die sich verbotener Weise im Wald versammelten und von denen viele in Straflagern aufgerieben wurden. Für mich waren das Glaubenshelden, nicht „ungehorsame Untertanen“, die (angeblich nach Römer 13) Gottes Gericht auf sich gezogen hätten.

Zum Abschluss

Es ist enttäuschend, dass Bruder Wunderlichs Beitrag seitens S&A in FuT keine biblisch treffliche und sachlich hilfreiche Entgegnung oder Kommentierung gegenüber (oder an die Seite!) gestellt werden konnte. Der Kontrast beider Beiträge mag aber auch erhellend sein, wenn man unter den vielen Stimmen Orientierung suchend heraushören will, was (eher) nach der Stimme des Guten Hirten klingt. 

Die Veröffentlichung dieses »Kommentar«s meiner Glaubensbrüder Strunk und Alberts ist zu bedauern, denn –entgegen ihrer Vorrede– rüttelt ein derartiger Beitrag m. M. n. eben doch exemplarisch an den Fundamenten unseres Glaubens, nämlich daran, wie wir Gottes Wort recht auslegen und (dann) trefflich anwenden.


Endnoten

[1] Beide Hefte sind noch als PDF-Download erhältlich auf https://clv.de/ (13.03.2022).
[2] Nicht eingegangen werden kann hier aus Platzgründen: 1. Auf die vielfältigen weiblichen und männlichen Glaubenshelden der Bibel, deren Glaube sich gerade da strahlend und vorbildlich zeigte, als sie die (normal gepflegte) Gefolgschaft und Gehorsam gg. der Obrigkeit verweigerten. 2. Auf die verschiedenen Glaubensbekenntnisse seit der Reformation (in unterschiedlichen Gruppen von Christen), in denen schriftlich niedergelegt wurde, dass absoluter Obrigkeitsgehorsam nicht biblisch ist, dass er vielmehr relativ, d. h. mit Grenzen versehen ist. 3. Auf die wichtige Rolle des individuellen Gewissens, und dass von einem Handeln gegen das Gewissen biblisch stets abzuraten ist. 4. Dass man eine klare Unterscheidung zu machen hat zwischen dem verordneten Amt der Obrigkeit und deren konkreten, jeweiligen Amtsinhabern. Während die römische und jüdische Obrigkeit und deren Gesetzesnormen zur Zeit Jesu als Autoritätsstruktur und damit –in Grenzen– als Mittel der allgemeinen Gnade Gottes angesehen werden müssen (Römer 13), ist Jesu Urteil über die Amtsinhaber und ihren dämonischen Hintergrund (Spiritus Rector) auch klar: »dies ist … die Gewalt der Finsternis.« (Lukas 22,53). Das Recht zur Kapitalstrafe bestand zu Recht, aber das minderte nach apostolischem Zeugnis mitnichten die Schuld der jeweiligen Amtsinhaber am Justizmord am menschgewordenen Sohn Gottes (Apg 2,22–23; 3,14).

Redaktionsstand

30. März 2022. Links zu Straw Man und Schopenhauers Werk Eristische Dialektik eingefügt, da nicht jeder parat hat, was unter einer „Strohmann-Attacke“ oder Eristik zu verstehen ist. Zudem einige kleine Textkorrekturen.

Rezension: Kein König außer dem Kaiser? (Stefan Felber)

Stefan Felber
Kein König außer dem Kaiser? –
Warum Kirche und Staat durch Zivilreligion ihr Wesen verfehlen

Freimund Verlag, 2. Aufl., 2021. Brosch., 244 Seiten |
ISBN 978-3946083603

Herausgeber des Buchs ist ein kleiner Verlag im mittelfränkischen Neuendettelsau, der vor allem Bücher und Kleinschriften lutherischer Prägung erscheinen lässt (Website).

Zum Autor. Pfr. Dr. Stefan Felber hat in Deutschland und Kanada evangelische Theologie studiert und 1997 mit einer Arbeit über das Christuszeugnis im Alten Testament promoviert. Er ist (bis Sommer 2020) Dozent für Altes Testament am Theologischen Seminars St. Chrischona (CH) und seit 2016 Gastdozent für Altes Testament an der Staatsunabhängigen Hochschule Basel. Seit Juni 2022 leitet er den Gemeindehilfsbund in Deutschland. Seine Website gibt detaillierter Auskunft über seine Veröffentlichungen und Vorträge.

Zum Inhalt. Stefan Felber belegt und diskutiert, warum und inwiefern sowohl die Gemeinde Gottes als auch der Staat (die „Obrigkeit“) ihr jeweils von Gott zugewiesenes Wesen – und mithin göttliches Mandat mit Auftrag und Autorität – gefährden oder gar verlieren, wenn sie ihre gottgegebenen Mandatsgrenzen überschreiten: In solcher Entartung und Perversion wird Kirche dann zur diesseitigen, politischen Veranstaltung und der Staat zur Ersatzreligion mit immer größerem Absolutheitsanspruch, zur sog. Zivilreligion. Die bittere Ironie ist greifbar: Ein Staat, der seine Legitimierung durch den einen wahren Gott leugnet und in einem falschem Verständnis der Trennung von Kirche und Staat Gott als ganz entbehrlich (oder gar schädlich) deklariert, macht sich unausweichlich selbst zu Gott, denn ein gottloses Vakuum bietet dem Menschen und seinem friedvollen Miteinander keine Überlebensatmosphäre. Unsere Freiheit und Menschenwürde ist nicht realisierbar getrennt von Dem, der uns diese Freiheit und Menschenwürde gegeben und anvertraut hat, damit wir sie leben, wahren und beschützen. Es ist alarmierend, wenn Vertreter des Staates davon sprechen, dass sie (zumal unbescholtenen) Bürgern deren (gottgegebenen und damit vor-politischen und unveräußerlichen) Grundrechte „wieder geben“ oder „einschränken/nehmen“ wollen.
Karl Baral, der Autor von Zivilreligion oder Christusnachfolge? (Nürnberg 2019) schreibt über dieses sachliche und gut fundierte Buch: »Manche Vorgänge sind hochwirksam, aber wenig bekannt und selten benannt. Dazu zählt auch „Zivilreligion“, wodurch Staat und Kirche vermischt werden. Dabei sieht eine breite Zeugenschaft aus Bibel, Luther, Barmen 1934 und die deutsche Verfassung eine klare Unterscheidung vor. Staat und Kirche sind unaustauschbar und unersetzlich, doch Zivilreligion verwischt die Grenzen mit fatalen Folgen. Es ist Felber sehr zu danken, wie er in diese Problematik einführt. Sein Weg zur Klärung verdient breite Beachtung!« [Fettdruck hinzugefügt].
Prof. Dr. Dr. Daniel von Wachter, Philosoph und Theologe, bringt den Inhalt so auf den Punkt: »Viele Staaten entfalten in unserer Zeit einen religiösen Charakter wie einen Gottesersatz oder Heilsbringer. Sogar Kirchen dienen sich solchen Staaten an. Stefan Felber hilft dem Leser, sich darüber im Lichte des Alten und des Neuen Testaments ein Urteil zu bilden. Hochaktuell!« [Fettdruck hinzugefügt].

Merk-Punkte aus der biblisch-theologischen Besinnung (Langzitat)

Stefan Felber liefert nach ausführlicher Analyse und biblischer Begründung eine Zusammenfassung seiner (Zwischen-) Ergebnisse in 16 Punkten, die m. E. wert sind, gelesen zu werden. Ich erlaube mir daher ein Langzitat, empfehle jedoch dem Interessierten unbedingt die Lektüre des gesamten Buches, da es neben der wertvollen Herleitung auch viele Referenzen und weiterführende Zitate bietet.

»1.    „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe“ (2. Mose 20,2): Gott offenbart sich, sein Recht und sein Heil nicht nur einzelnen Menschen, sondern gerade auch im Gegenüber zum Staat und zu Staaten. Er kann sein Volk preisgeben oder befreien und erretten aus der Hand aller Großmächte der biblischen Zeit: der Ägypter, Assyrer, Babyionier, Perser und Römer (von den kleineren Nachbarstaaten Israels abgesehen189). [Endnoten s. u.]

2.    Der Glaube, den das Volk Israel, geprägt durch seine Zeit in Ägypten, durch die Erfahrungen der Plagen, des Auszugs, geprägt vor allem durch die Sinai-Offenbarung und die Wüstenwanderung – bzw. in Gestalt des Pentateuch – mitbrachte, unterscheidet sich von der ägyptischen Religion markant: Israel war viel diesseitiger orientiert, pflegte keinen Totenkult, keinen Herrscherkult, kein weibliches Priestertum. Die völlig andere Gestalt der israelitischen gegenüber der ägyptischen Religion gegen alle religionswissenschaftliche Wahrscheinlichkeit ist ein starkes Indiz für das Eingreifen des redenden Gottes in einem Meer von stummen, aber politisch und religiös sehr einflußreichen Götzen. 

3.    Nach dem Neuen Testament sind die dem Bürger übergeordneten Mächte gottgegebene, aber vorläufige, ja im Argen liegende Gebilde (Eph 6,12; 1. Joh 5,19). Sie werden von Christen also weder prinzipiell negiert noch kritiklos hingenommen. Anders als die Zeloten zahlen Christen Steuern nicht zähneknirschend, sondern als Gottesdienst. Die Steuer dem Staat, das Leben Gott: Von Gleichrangigkeit beider kann keine Rede sein, ein staatlicher Totalitätsanspruch ist von vornherein abgewiesen.190 „Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen!“ (Apg 4,19; 5,29) 

4.    Von Staatsbeamten muß nicht Förderung und Privilegierung des christlichen Glaubens erwartet werden. Religion ist nicht Aufgabe der Herrschenden! Auch ein heidnischer Staat besitzt ein relatives Wissen um Gut und Böse. Was das Gute und das Böse ist, ist dem Staat im Wesentlichen vorgegeben und nicht neu zu erfinden (Röm 13,3f., Konkretion durch die Gebote des Dekalogs: V. 8-10). 

5.    Damit können nur Recht und Gerechtigkeit die Legitimationsgrundlage des Staates bilden, nicht ein König, der angeblich das Heil bringt wie in Ägypten oder Rom, nicht das Volk (wie im konsenstheoretischen Ansatz, siehe das folgende Kapitel), kein Nationalismus und keine Geschichtsphilosophie (wie im Marxismus). Anerkennt der Staat diese Vorgegebenheit, dann kann er sein, was er im Wesen sein soll: Rechtsstaat (wie Augustin betonte) und darin Gottes Diener. Für das Recht, für das Gute und gegen das Böse ist ihm Macht (griech. exousia) von oben her gegeben (Joh 19,11; Röm 13,1), also nicht von unten her, sei es vom Volk oder in der besonderen Eignung einzelner Führer. Das Recht begrenzt den Staat nicht nur, sondern konstituiert ihn auch. Solange der Staat dies anerkennt, haben Christen in ihm jedenfalls für ihr Christsein nichts zu fürchten. 

6.    Er ist von oben her, aber sein Standort ist nicht oben, sondern unten. Die Mosebücher erwuchsen in Abgrenzung zur pharaonischen Selbstvergottung, das Neue Testament in Abgrenzung zum römischen Kaiserkult, um dessentwillen ungezählte Christen in den Tod gingen. Man denke auch an den kommunistischen Personen-und Parteikult! Diese Staatsüberhöhungen waren Versuche, den eigenen Standort ins überirdische zu erheben, und sie sind zugleich modellhaft für das Wirken der antichristlichen Tiere von Offb 13ff. 

7.    Ein guter Staat ist nicht Wohlfahrts-oder Sozialstaat, der eine gleichmäßigere Verteilung von Gütern, Bildung oder die Hebung der Gesundheit erzwingt (Nanny- oder Bevormundungsstaat, „Nudging“). Hier würde das Gewaltmonopol für alle möglichen, auch wechselnden Zwecke mißbraucht werden, die willkürlich von Obrigkeit oder Volk festgelegt werden. 
Die christliche Erwartung an den Staat wirkt im Vergleich zum antiken wie zum heutigen Gefüge höchst sparsam. Wie beim rechtstheoretischen Ansatz (s. 3.2.1) sieht Paulus das staatliche Gewaltmonopol begrenzt auf die Durchsetzung von Recht und Frieden. Der Kult gehört definitiv nicht zu den staatlichen Aufgaben.

8.    Christen werden ihrem Staat in kritischer Solidarität  zugewandt sein, d. h. ein Wächteramt wahrnehmen, wie er sich zu den göttlichen Ordnungen verhält. Es ist der Liebesdienst der Kirche am Staat, seinen Vertretern die göttliche Schöpfungs- und Erhaltungsordnung mit allem Ernst der Gebote zu sagen, sie über das Gesetz staunen (5. Mose 4) oder daran scheitern zu lassen (2. Kön 17; 24f.).

9.    Die Verhaltensweisen des Pilatus und des Judentums beim Prozeß Jesu offenbaren Abgründe des Menschseins: Abgründe, die der Religion wie dem Staat möglich werden, wenn ihre Vertreter die Verpflichtung zur Wahrheit – hier: die Unschuld des Angeklagten – unter die Verpflichtung zum sozialen Frieden stellen. Pilatus fürchtet Menschen mehr als er dem Recht Ehre gibt; so wird sein Staat zum Spielball wechselnder Interessen. Nicht mehr das Recht, sondern die Gunst regiert.

10.  Indem die jüdischen Führer sagen „Wir haben keinen König außer dem Kaiser“ (Joh 19,15), verabschieden sie sich von der Messias-und Erlösungshoffnung des Alten Testaments. Sie legen ihre Zukunft in die Hand eines heidnischen Staates. Jesu Tränen über sein Volk und die herannahende Zerstörung Jerusalems sind wohlbegründet. 

11.  Der Staat überschreitet seine Grenzen, wenn er religiös-ideologisch auf Glauben und Gewissen seiner Bürger zugreift (Staatsreligion, Zivilreligion), sein Gewaltmonopol zur Expansion der Landesgrenzen mißbraucht oder seine Zuständigkeit auf immer mehr Felder von Gesellschaft, Familie und erst recht bei Eingriffen in den Gottesdienst ausdehnt. Aus dem Rechtsstaat wird dann der Gewaltstaat. Seien wir wachsam! 

12.  Jesu Ankündigung, daß die Jünger vor Fürsten und Könige geschleppt werden „um meinetwillen, ihnen und den Völkern zum Zeugnis“ (Mt 10,18) besagt nicht, die Kirche werde immer vom Staat verfolgt werden, wohl aber, daß sie immer damit zu rechnen hat. Tut sie es? 

13.  Alle Mächte dieser Erde stehen unter dem Auferstandenen, der sie ihrer Macht entkleidet hat (Kol 2,15; vgl. 1. Kor 15). Das durch die Menschwerdung Jesu nahe gekommene Gottesreich stellt alle weltlichen Ordnungen unter einen „eschatologischen Vorbehalt“, ihre Legitimität bleibt vorläufig, ja auf göttlichem Prüfstand. 

14.  Der christliche Gehorsam gegenüber dem Staat ist also unbedingt hinsichtlich des vorfindlichen Staates als Institution, aber inhaltlich nicht unbegrenzt, sondern konkretisiert durch die Gebote (Röm 13,8-10), ferner zeitlich begrenzt durch den bald wiederkommenden Christus als Herrn aller Herren (V. 11-14). 

15.  In der Obrigkeit begegnen uns fehlbare und sterbliche Menschen, auf die Juden und Christen nicht vertrauen sollen.191 Politik ist ein menschliches, irdisches Geschäft, nicht ein religiöses. Beanspruchen Herrscher und Staaten die Stelle Gottes, z. B. indem sie das kirchliche Personal bestimmen, gottesdienstliches Leben inhaltlich füllen, reglementieren oder auch verhindern wollen, werden sie zu Dämonen, gewinnen antichristliehe Züge, und verfallen dem Gericht.192

16.  Röm 13 und Offb 13 bilden, wie Cullmann gezeigt hat, keinen Gegensatz. Unsere Deutung der Vorgegebenheit von Gut und Böse für den Staat bei Röm 13 bewährt sich bei Offb 13. Die christliche Haltung zur Obrigkeit wird gemäß beiden Kapiteln von „Geduld und Glaube“ (Offb 13,10) geprägt sein, von kritischer Vorsicht gegenüber einer Obrigkeit, die Gott dienen kann, aber einst gewaltig über ihre Grenzen hinauswachsen und so zum endzeitlichen Instrument antichristlicher Verführung und Verfolgung werden wird. Dem Staat der Gegenwart sollen Christen mit kritischer Solidarität begegnen, dem Verfolgerstaat der Endzeit mit der Bereitschaft zum Martyrium (Offb 12,11; vgl. unten Epilog). 

In der spätmodernen Theologie werden diese Ergebnisse der biblischen Besinnung vielfach unwirksam gemacht, weil man die eigene Zeit und Erkenntnislage als eine höhere Norm ansieht.193 Damit öffnen sich die Kirchentore und lassen die kalte Luft der zivilreligiösen Moden hereinströmen…«

Ein Trost und eine Aufgabe. Wer bzgl. der öffentlichen Verlautbarungen der Obrigkeit frustrierend wiederkehrend Psalm 5,10 erlebt hat, muss unbedingt auch die Verse 12–13 lesen. Der gottesfürchtige Bibelleser weiß: Die Rettung wird nicht von irgendeiner „Obrigkeit“ kommen, sondern „von Oben“! Der Ausgang des „Endspiels“ steht nämlich göttlich fixiert fest, siehe Psalm 2. Bis dahin gilt für alle Glaubenden der dringende Appell des Apostels Paulus: »Ich ermahne nun vor allen Dingen, dass Flehen, Gebete, Fürbitten, Danksagungen getan werden für alle Menschen, für Könige und alle, die in Hoheit sind, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und würdigem Ernst.« (1.Timotheus 2,1-2). Solche Glaubenden sind die besten Bürger, die sich eine Obrigkeit wünschen kann – und wünschen und beschützen sollte.


Endnoten

189  Vgl. Ps 136,10-24; die Geschichtspsalmen (bes. 78; 105; 106) und die weitgespannten und kritischen Blicke der Propheten über die Nachbarn Israels.
190  Cullmann aaO. 25f.
191  Ps 62,10; 118,8-9; 146,3; Jes 2,22; 30,2; 31 ,1; 36,6; Hes 29,7; Has 5,13; Hiab 12,21 ; 34,18.
192  Vgl. Dan 3+6; 2. Thess 2; Offb 13.
193  Über den Progressivismus ausführlich: Martin Erdmanns „Siegeszug des Fortschrittsglaubens“, vier Bände.

Rezension: Biblische Lehre (J. MacArthur, R. Mayhue)

J. MacArthur & R. Mayhue
Biblische Lehre: Eine systematische Zusammenfassung biblischer Wahrheit
EBTC, 2. Aufl. 11/2020, geb., 1.360 Seiten | ISBN: 978-3947196500

Der Herausgeber, der Berliner Verein Europäisches Bibel Training Center (EBTC), hat mit dieser Übersetzung des amerikanischen Werkes Biblical Doctrine: A Systematic Summary of Bible Truth einen wertvollen Beitrag für die deutschsprachigen Gemeinden geliefert. Der Verlag schreibt: »Es gibt nicht viele systematische Theologien auf Deutsch, die von einem eindeutig bibelgläubigen Standpunkt heraus geschrieben sind. Diese Dogmatik geht davon aus, dass die Bibel irrtumslos und verbal inspiriert ist, und darum argumentiert sie im Verlauf der ganzen Entfaltung der theologischen Themen immer mit der Bibel. Ein weiterer Grund, warum dieses Werk für die deutschsprachige Welt so wichtig ist, ist die Tatsache, dass diese Systematik auch einen eindeutig heilsgeschichtlichen Standpunkt einnimmt. Die Epochen der Heilsgeschichte werden deutlich voneinander unterschieden und dementsprechend dargestellt – so wie auch die Schrift es tut.« (Fettdruck hinzugefügt).

Ich habe mir die Frage gestellt: Wozu und wie (ge-)braucht man Biblische Lehre? Hier mein Kommentar dazu, der fast eine Rezension geworden ist.

Ohne Wahrheit verstehen wir weder uns noch die Welt

Jeder Mensch braucht und hat eine generelle Vorstellung, mithilfe derer er alles, was er wahrnimmt, interpretiert, begreift und vermeintlich versteht. Wir nennen diese grundlegende, alles umfassende Vorstellung eine Weltanschauung. Manche wählen ihre Weltanschauung sehr bewusst, andere hingegen sind sich ihrer nicht bewusst oder setzen sich mit ihr nicht auseinander, aber alle haben eine solche als Denkrahmen (Paradigma) und persönlichen „Ich verstehe!“-Interpretationsschlüssel.

Warum ist das so? Weil wir Menschen nicht damit zufrieden sind zu wissen, was der Fall ist (Zahlen, Daten, Fakten), sondern danach streben, auch zu verstehen, was diese Zahlen, Daten und Fakten bedeuten. Menschen fragen nach dem Wozu, nach dem Sinn. Sinn im Sein und Tun zu suchen, ist uns Menschen ureigen, daher ist uns Sinnklärung und Sinnstiftung tiefes Bedürfnis. Wo aber diesen Sinn finden? Wer sagt uns zu Sinn und Sollen verlässlich Wahres? Wo finde ich objektive Wahrheit, die von der eigenen Existenz, Prägung und Begrenztheit unverfälscht, ungefärbt und uneingeschränkt ist?

Angesichts großartiger technischer Errungenschaften glauben viele, in einer Zeit reiner Vernunft und objektiver Wissenschaft zu leben. Der Fortschrittsglaube ist längst zur Religion vieler geworden. Und so sucht man Wahrheit und die Antwort auf die Fragen des Seins und Sollens in der angeblich neutralen Wissenschaft: Harald Lesch wird uns sicher alle Fragen objektiv beantworten können! Dieser Astrophysiker kann ja in einer Stunde so beeindruckend über 4,5 Milliarden Jahre Erdgeschichte reden, dass man fast vergessen könnte, dass er 99,9999987 % dieser Zeit gar nicht dabei war. Das nennen wir in der Wissenschaft extrapolieren (hier mit viel Extra und viel medialer Politur). Nach Max Weber kann sich die wissenschaftliche Analyse aber nur dem Seienden widmen, die Klärung von Werturteilen und das Fragen nach dem Sollen (dem „Seinsollenden“) bleibe reine Glaubenssache. Auf der Suche nach einer tragfähigen Weltanschauung müssen wir also woanders suchen. Aber wo?

Wahrheit, objektive, ewige, vollständige Wahrheit, ist in der Tat die größte Mangelware unserer post-faktischen und post-postmodernen Zeit. Wir brauchen aber klare Aussagen darüber, was der Fall ist, wie alles zu verstehen ist und wie wir es zu bewerten haben. Am besten aus einer Quelle, die sich nicht täuschen kann und die nie lügen wird. Damit ist aber auch gesagt: Der Ursprung solcher Wahrheit kann nicht ein Mensch sein.

Angesichts des pervasiven (alles durchdringenden) Mangels an Wahrheit wundert es uns nicht, dass wir in einer Zeit der moralischen Beliebigkeit und des Glauben an die Konstruierbarkeit aller sozialer und ethischer Normen leben. Es fehlt nicht nur an Wissen, sondern auch an ethischer Orientierung, an sichernder Grenzziehung, an Gottbewusstsein. Die selbstgewählte Gottesfinsternis hat die Vernunft des Menschen verhüllt, verdreht und verkrüppelt (Röm 1,21–22; Eph 4,17–19; vgl. Joh 3,19; Apg 16,18). Auch wir Christen brauchen umso mehr die biblische Wahrheit des geschriebenen Gotteswortes, um unseren Glaubensweg coram Deo (vor dem Angesicht Gottes) in demütiger Weisheit und echter Heiligung gehen zu können.

Der dritte Mangel, den wir leidvoll beklagen, ist Liebe, jene Grundessenz, die der Schöpfer in die Textur unseres Menschseins fest verwoben hat. Wie viele Verzerrungen und Karikaturen von „Liebe“ geistern umher und lassen den Menschen mit teuer glitzernden Plastikfälschungen unbefriedigt und enttäuscht zurück? Wo gibt es echte Liebe, und wie sieht sie in Wahrheit aus? Ist es nicht Gott allein, der den Pascal‘schen »unendlichen Abgrund« unserer Seele (Pensées, Sec. VII, 425) wirklich ausfüllen kann?!

Unser Fragen wirft uns wieder zurück auf Platz 1: Wo finde ich „wahre Wahrheit“?

Biblische Lehre ist eine Wohltat

Das Werk Biblische Lehre fasst in zehn wesentlichen Stücken zusammen, was die Heilige Schrift über die Wahrheit, das Heil, die Heiligung und die Liebe sagt, und beantwortet dabei grundlegende Fragen über Gott, den Menschen, die Sünde, das Gericht, die Barmherzigkeit Gottes und die Erlösung. Der Leser wird gefördert, (1) biblische Wahrheit zu ergreifen, die befreit, (2) göttliche Weisheit zu erwerben, die heiligt, und (3) wahre Liebe zu erfahren, die jenseits von Sentimentalität und Gutmenschentum das Herz erfüllt. Das tut der Seele des Glaubenden wohl.

Die Autoren reden in ihrem Werk wohltuend begreifbar, biblisch nachvollziehbar und so erfreulich klar, dass der Glaubende Korrektur und Erstarken seines Glaubens erfahren kann. Biblische Lehre wurde nicht in geschraubter Theologensprache kodiert, welche allzu oft die Wahrheit der Schrift dem nicht-akademischen Bibelstudenten verschleiert und verdunkelt, sogar Aversionen gegen die „trockene Theologie“ erzeugt. Wie oft werden damit emotional aufgeladene Sprüche und Dogmen wie: „Lehre trennt, Liebe eint“ befördert, welche die Verkündigung der Wahrheit in der Gemeinde nachhaltig durch Mangel und Vernachlässigung beschädigen. 

Auch ein zweites Wohltuendes erfährt der Leser: Biblische Lehre versucht nicht, den Glaubenden mit dem ganzen schillernden Spektrum falscher Lehren aus der Feder toter (und lebender) Theologen zu belasten (was manche als wahre Kunst und Mark der Theologenarbeit und christlichen Hochschulausbildung verstehen). Nein, Biblische Lehre ist anders: Es will dem Glaubenden, der seine Glückseligkeit darin findet, dass er »seine Lust hat am Gesetz des Herrn und über sein Gesetz sinnt Tag und Nacht« (Psalm 1,2), weiterhelfen im geistlichen Wachstum. Es will jenen helfen, die ihrem Herrn und Retter in Gemeinde und Mission dienen und sich darin durch Gottes Gnade weiterentwickeln wollen. 

Gemeinden und Mitgläubige in solchem Anliegen zu fördern, ist Herzblut und DNA des Herausgebers EBTC. Ein Schweizer Missionsleiter hat Biblische Lehre trefflich so beschrieben: »Ein vollständiges „Bibelschul-Programm“ in einem einzigen Buch, das die gesamte biblische Theologie abdeckt. Ein hervorragendes Nachschlagewerk, zusammengestellt von erfahrenen Bibellehrern, empfehlenswert für jeden, der geistlich weiterkommen möchte.« 

Biblische Lehre belebt und stärkt den Glauben

Die Protestanten des 16. und 17. Jahrhunderts verstanden biblische Lehre und Theologie nicht als akademischen Elfenbeinturm, sondern begriffen sie als das Herzstück im Leben eines jeden Nachfolgers Christi. Der Puritaner Thomas Watson schrieb in seiner posthum veröffentlichten Predigtreihe „A Body of Divinity“, dass die biblische Lehre »dem Christentum die Richtung weist, wie das Auge den Körper leitet. … [sie] ist für die Seele wie der Anker eines Schiffes, der es mitten in wogender See des Irrtums und im heftigen Sturm der Verfolgung festhält«. Sie verstanden, dass das Haupt gemacht wurde, um dem Herz zu dienen, dass Theologie unsere Seele erfreuen, Anbetung und Gebet anfachen und dabei die Seele verändern soll. Sie waren weit davon entfernt, dem landläufigen Irrtum zu verfallen, Theorie und Praxis, Theologie und Nachfolge seien Gegensätze.

Biblische Lehre fördert das Verständnis der biblischen Lehre, der göttlichen Wahrheit. Und wer sich der Wahrheit des Wortes systematisch und beständig aussetzt, kann tiefgehende, guttuende Wirkungen erleben: im Denken und Fühlen, im Reden zu Gott und zu Menschen, im Handeln und Wandeln als Nachfolger Jesu Christi. Das wird zeugnishaft sichtbar und beeindruckend lebendig:

  • Sie informiert es unser Denken mit der Wahrheit über Gottes Wesen und Werke, ergreift unser Herz, entzündet unsere Gegenliebe und lässt unsere Lippen in vom Geist und der Wahrheit geprägtem Gotteslob überfließen.
  • Sie informiert unser Wissen und Denken mit der Wahrheit über den Menschen, über seinen hoffnungslosen, gefallenen Zustand, und bringt uns auf die Knie vor unserem barmherzigen Retter-Gott, der einzig und alleine diesen Zustand beenden und zum Besten wenden kann und will.
  • Sie prägt unsere Weltanschauung durch die Wahrheit des Wortes, damit wir das, was wir in dieser Welt wahrnehmen, mit Gottes Augen sehen und so erst recht verstehen. Das alleine ist eine menschenwürdige und gottesverehrende Weltanschauung. Sie trägt durch die Zeit und in die Ewigkeit Gottes hinein.
  • Sie treibt uns ins Gebet, erfüllt uns mit rechter Demut vor Gott und lässt uns alles von Dem erwarten, der die Seinen schon vor aller Zeit geliebt, erwählend an Sein Vaterherz gezogen und eine herrliche Zukunft an der Seite Seines Sohnes in Seiner ewigen Welt verheißen hat.
  • Sie liefert uns wahren Sinn, echte Erfüllung und unfehlbare Gewissheit über den Sinn und das Ziel unseres Lebens, so dass wir es coram Deo in hingegebener Widmung an Gott, in praktischer Weisheit und in ganzheitlicher Heiligung leben wollen und Schritt für Schritt unter Seinem liebenden Auge und seiner erziehenden Hand leben lernen. Als der Sohn Gottes zu seinem Vater betete: »Heilige sie durch die Wahrheit« (Joh 17,17), machte er deutlich, dass es ohne Belehrung in der göttlichen Wahrheit kein gottgefälliges Leben gibt.
  • Sie motiviert uns am Beispiel Jesu und der Apostel, unseren Zeitgenossen in aller Welt das zu bringen, was ihnen am meisten mangelt: die Wahrheit, Gottes gute Botschaft von der größten Tat und dem größten aller Wunder, das durch den menschgewordenen Gottessohn zur Rettung von Sündern auf Golgatha geschehen ist und jedem Glaubenden zuteil wird.
  • Sie motiviert uns, unseren Glaubensgeschwistern das Wort Gottes immer wieder als das „Brot des Lebens“ darzureichen, liebevoll vorbereitet und zubereitet für die Menschen und ihre Situation, in die das Wort unnachahmlich mit Wahrheit, Kraft und Klarheit hineinredet. Es mit Entschiedenheit und Furchtlosigkeit zu predigen, sei es mit Rückenwind oder gegen den Wind. Es mit Klarheit verständlich und begreifbar zu machen, denn alle gute Wirkung des Wortes beginnt mit der biblischen Lehre (2Tim 3,16f).

Meine Erfahrungen mit Biblische Lehre

Ich habe das amerikanische Original komplett durchstudiert und die deutsche Übersetzung inzwischen zweimal komplett aufmerksam durchgelesen. Ich bin sehr dankbar, dass wir das Werk „Biblische Lehre“ nun auch in deutscher Sprache nutzen können. Nach Angabe des Herausgebers waren dazu tausende von Stunden intensiver Arbeit im Übersetzen, Übertragen, Formulieren, Prüfen und Indizieren nötig. Diese Liebesarbeit für die Gemeinde Jesu hat sich gelohnt:

  • Biblische Lehre bringt die Wahrheit der Bibel wohlgeordnet und biblisch gegründet vor Verstand und Herz des Glaubenden. Zahlreiche Bibelstellen, Zitate und Fußnoten verweisen auf den Felsen des Wortes Gottes und ermutigen so zum „Beröer-Test“ (Apg 17,11) mit der geöffneten Bibel des Studierzimmers. Die systematische Ordnung und Gliederung des Materials und vor allem die umfangreichen Verzeichnisse (Stich- und Fachwörter, Bibelstellen) erschließen das Werk und erleichtern das Arbeiten damit außerordentlich, sei beim Durchlesen, beim gezielten Nachschlagen, beim persönlichen Bibelstudium, bei der Vorbereitung einer Bibelarbeit oder Predigt, oder beim Durchdenken von schwierigen Lehrfragen.
  • Biblische Lehre reiht sich ein in die Linie jener Lehrbücher, die die volle und verbale Inspiration, die Fehlerlosigkeit und die Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift festhalten. Damit ist dieses Werk geistlich geeignet zur biblischen Festigung der Gemeinde und zur Auferbauung ihrer Glieder. Bibeltreue Gemeinden werden daran ihre Freude finden und geistlichen Nutzen ziehen. 
  • Biblische Lehre ragt aus dieser Linie jedoch heraus, weil es eine klare, biblisch begründete Position in umstrittenen Fragen des Glaubens einnimmt: Siebentageschöpfung, junge Erde, reformatorische Heilslehre, Gläubigentaufe, Gemeindeleitung durch Älteste, komplementäre Sicht von Mann und Frau, Ende der apostolischen Zeichengaben, biblischer Dispensationalismus, zukünftige Wiederkehr Christi, Tausendjähriges Königreich, Unterscheidung von Gemeinde und Israel u.a.m. Damit lässt sich das Herausgeberteam John MacArthur und Richard Mayhue keinem der traditionellen theologischen Systeme zuordnen. Die Herausgeber und ihr Autorenteam zeichnen sich vielmehr dadurch aus, dass sie von Genesis bis Offenbarung einer konsistenten biblischen Hermeneutik (Lehre von den Grundsätzen der Textauslegung) folgen, wohin auch immer diese sie führt. Das ist wohl der sicherste und demütigste Ansatz, die Wahrheit der Schrift zu studierend zu erkennen, entschieden zu tun und in Folge auch lehrenzu können (vgl. Esra 7,10).
  • Biblische Lehre ist keine Lektüre der „leichten Muse“, sondern Schwarzbrot- und Vitamin-Kost. Sorgsam Kauen erschließt auch hier Genuss und Gewinn: »Wie groß sind deine Werke, Herr! Sehr tief sind deine Gedanken.« (Ps 92,6). Das Wort Gottes fordert zum Mit- und Nachdenken heraus. Die alte Weisheit: »Ohne Fleiß kein Preis!« gilt auch hier, vor allem mit Blick auf die über tausend Buchseiten. Eine bequem gewordene Fast-Food- und Tiefkühlkost-Mikrowellen-Generation darf wieder Freude am Denken und Nachdenken entdecken und Ausdauer beim Forschen und Lernen in der Schrift entwickeln. Der didaktische Grundsatz: »Was schnell und billig erworben wurde, wird auch schnell und billig vergessen« gilt immer noch. Wer aber tief gräbt, kann stabile Fundamente legen. Ob man das getan hat, wird sich beim beständigen Rostfraß des Zeitgeistes, in der bitterkalten Frostnacht des Unglaubens und im Sturm der Widergöttlichkeit erweisen.

    Jenen, die vergeblich versuchen, unter Umgehung des Denkens und Schlechtreden des Verstandes das glaubende Herz der Zuhörer zu treffen, gibt R. C. Sproul zu bedenken: »Das Wort Gottes kann im Verstand sein, ohne im Herzen zu sein; aber es kann nicht im Herzen sein, ohne zuerst im Verstand zu sein.«

Das Ziel von Biblische Lehre

Biblische Lehre strebt von Gottes Liebe und Wahrheit getrieben ein großes Ziel an: den Glaubenden zu fördern, dass er für Gottes lebendiges Wort vertieften Dank und Ehrfurcht empfindet, dass er unseren großen Heiland-Gott im Geist und in der Wahrheit gegründet anbetet, und dass er seinem Herrn und Retter Jesus Christus entschiedener nachfolgt. 

Es ist ja ein geistliches Grundgesetz: Je mehr wir die Herrlichkeit Gottes in Seiner Selbstoffenbarung im Wort sehen, umso mehr werden wir Ihn von ganzem Herzen lieben und ehren wollen. Das bewirkt der Heilige Geist im Glaubenden. Und so wird dann unser »Herz und Mund und Tat und Leben« immer mehr »von Christo Zeugnis geben/ ohne Furcht und Heuchelei,/ dass er Gott und Heiland sei.« (Salomon Franck, 1717; BWV 147). 

Es gibt keine Abkürzung: Die Tiefe unserer Theologie wird die Höhe unserer Anbetung und die Widmung unseres Herzens und Lebens bestimmen. Das ist der edelste Nutzen dieses Buches über die biblische Lehre. Und solche Bücher liebe ich.

Im Mai 2020 (Update März 2022)