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1983 erschien eine bedeutsame Schrift von Jay E. Adams: »Preaching to The Heart – A Heart-to-heart Discussion with Preachers of The Word« (Phillipsburg, NJ: P&P, 1983). Das Büchlein hatte nur 35 Seiten, ist aber ein Augenöffner und eine Herausforderung, was biblisches Predigen angeht. Viel zu viele »Prediger«/»Verkündiger« halten »Vorträge« in den Gemeinden, werden gar als »Referenten« vorgestellt, wenn doch der biblische Verkündigungsauftrag »Predige das Wort!« lautet (2Timotheus 4,2). Der Kontext dieser Bibelstelle macht deutlich, dass es dabei nicht nur um Informationsvermittlung geht: »Predige das Wort, halte darauf zu gelegener und ungelegener Zeit; überführe, weise ernstlich zurecht, ermahne mit aller Langmut und Lehre.« Das bedeutet, dass es über die Ohren zum Verstand und dann zum Herzen gehen muss: zum Zentrum unserer Persönlichkeit, zur »Schaltzentrale«, zum Willen, Gemüt, Verstand und Wesen – und damit hinein ins Leben. – Genau hier setzt folgende Einleitung von Jay E. Adams an. – Eine kurze Diskussion samt Buchempfehlung folgen unten.
»Seit Jahren ermahnen Homiletiker [Predigtlehrer] angehende Prediger, »zum Herzen zu predigen«. Was meinen sie damit eigentlich? Wissen Sie es? Wissen die Predigtlehrer es? Ist dieses Konzept biblisch, und wenn ja, wie setzt man es um? Diese und ähnliche Fragen bleiben oft unbeantwortet, und der durchschnittliche Prediger macht einfach weiter wie bisher, ergeben in die Annahme: »Ich werde nie ein großer Prediger sein; ich schätze, ich werde nie in der Lage sein, zum Herzen zu predigen.«
Ist das wahr? Gehört die Fähigkeit, zum Herzen zu predigen, nur den außergewöhnlich Begabten? Oder ist das Predigen zum Herzen vielmehr eine entwickelte Fertigkeit, die Prediger großartig macht? Das ganze Konzept wurde so vage und verschwommen dargestellt, dass jeder, der damit nicht vertraut ist, es schwierig oder sogar unmöglich finden würde, dieser Aufforderung nachzukommen.
Die Schuld an der Verwirrung darüber, was es bedeutet, »zum Herzen zu predigen«, liegt nicht allein bei den Homiletikern; auch die Prediger kommen nicht ungeschoren davon. Homiletiker sollten sich klar ausdrücken. Tun sie das nicht, dann ist es die Verantwortung der Prediger, so lange an deren Türen zu klopfen, bis sie es tun. Deshalb ist keine Seite schuldlos. Es hat eine Art Verschwörung der Unwissenheit gegeben, bei der Worte und Redewendungen immer wieder ausgesprochen wurden, als ob Sprecher und Zuhörer genau wüssten, wovon die Rede sei, obwohl sie es tatsächlich nicht wussten.
Als Homiletiker, der in dieser Angelegenheit selbst nicht frei von Schuld ist, glaube ich, dass etwas unternommen werden muss. Es ist an der Zeit, die ganze Sache aufzuklären. Genau darum geht es in diesem Buch.
Mein Ziel ist zu zeigen, dass das Predigen zum Herzen biblisch und deshalb notwendig ist, und dass jeder Mann, der die Gaben und die Berufung zum Predigen besitzt, klar darin unterwiesen werden kann, wie man dies tut. Mehr noch: Auf den folgenden Seiten werde ich versuchen, genau das zu lehren.
Das Konzept ist biblisch
Die erste christliche Predigt, die am Pfingsttag vom Apostel Petrus gehalten wurde, war eine Predigt zum Herzen. Lukas schreibt:
»Als sie aber das hörten, drang es ihnen durchs Herz [1], und sie sprachen zu Petrus und den übrigen Aposteln: Was sollen wir tun, Brüder?« (Apostelgeschichte 2,37)
Die Reaktion dieser Menschenmenge war das fruchtbare Ergebnis einer wirksamen Predigt, die durch den Heiligen Geist befähigt wurde. Doch wirksame, das Herz durchdringende Predigt kann auch die entgegengesetzte Reaktion hervorrufen:
»Als sie aber dies hörten, wurden ihre Herzen durchbohrt [2], und sie knirschten mit den Zähnen gegen ihn.« (Apostelgeschichte 7,54)
Als Petrus predigte, taten große Menschenmengen Buße und glaubten dem Evangelium; als Stephanus predigte, töteten seine Zuhörer ihn. Dennoch waren beide Prediger vom Geist erfüllt und predigten zum Herzen. Diese doppelte und gegensätzliche Reaktion macht von Anfang an eines deutlich: Obwohl das Predigen zum Herzen eine erstrebenswerte Wirkung ist, die durch die Kraft des Geistes hervorgebracht wird, kann die genaue Art dieser Wirkung auf den Zuhörer sehr unterschiedlich ausfallen und nicht im Voraus vorhergesagt werden.
In jedem Fall trifft geistgewirkte, biblische Predigt das Herz direkt. Sie ruft eine Reaktion hervor. Kein Zuhörer kann gleichgültig bleiben, er muss reagieren. Von einer Predigt zum Herzen zu sprechen bedeutet also, von einer Predigt zu sprechen, die eine eindeutige Reaktion hervorbringt. Es ist eine Predigt, die Worte und Handlungen beim Zuhörer hervorruft.
Stell Dir das einmal vor: Eine Predigt, die zum Handeln bewegt! Eine Predigt, die Wirkung zeigt! Eine Predigt, die den Zuhörer so aufrüttelt, dass er reagieren muss! Genau das brauchen wir heute.
Gibt es einen Leser, der nicht gern so predigen oder eine solche Predigt hören wollte? Gibt es einen Leser, der bereits viele Predigten gehört hat, die so beschaffen waren? Irgendetwas stimmt nicht. Was ist mit unserer Verkündigung geschehen? Warum ist solches Predigen praktisch unbekannt? Das müssen wir untersuchen und entscheiden, was Gott von uns erwartet.«
Fußnoten
[1] Das Verb katanyssō ist ein starkes Wort mit der Bedeutung »stechen, betäuben, schlagen, verwunden«. Dieses zusammengesetzte Wort verbindet nyssō (»durchbohren, punktieren«) mit kata, einer Präposition, die die Handlung verstärkt. Die Passivform des Verbs bezeichnet ein »Ins-Herz-Gestochen-« oder »Ins-Herz-Getroffenwerden«.
[2] Das Verb diapriō, hier mit »durchbohrt« bzw. »durchdrungen« übersetzt, wird auch in Apostelgeschichte 5,33 verwendet. Es enthält die Vorstellung des »Durchsägens« (priō = »sägen, zerschneiden, beißen«; dia = »durch«) und trägt häufig die Bedeutung von »das Herz durchschneiden«“ oder »bis ins Herz schneiden«).
Diskussion
Jay E. Adams argumentiert bereits in der Einleitung mit der unverkennbaren Handschrift seines nouthetischen Ansatzes (s.u.):
- Betonung von klaren Definitionen statt Schlagworten.
- Ablehnung vager homiletischer Formeln (»predige zum Herzen«) ohne konkrete Anleitung.
- Starker Fokus auf Veränderung und Reaktion.
- Die Überzeugung, dass biblische Verkündigung nicht nur informiert, sondern den Hörer zu einer Antwort zwingt.
- Die Verbindung von Predigt und Seelsorge: Das Wort Gottes zielt auf das Herz des Menschen und damit auf Denken, Wollen und Handeln.
Entscheidend wichtig ist, dass Adams den Begriff »zum Herzen predigen« nicht primär emotional versteht. Viele moderne Leser würden darunter spontan eine gefühlsbetonte, Emotionen auslösende, »bewegende« Predigt verstehen. Adams meint jedoch etwas anderes:
Eine Predigt trifft das Herz dann, wenn sie den inneren Menschen erreicht und eine konkrete Reaktion hervorruft.
Deshalb stellt er Apostelgeschichte 2,37 und 7,54 im Vergleich nebeneinander:
- Petrus predigt → Menschen werden getroffen und tun Buße.
- Stephanus predigt → Menschen werden getroffen und töten den Prediger.
In beiden Fällen wurde »zum Herzen« gepredigt. Der Unterschied liegt nicht in der Qualität der Predigt oder des Predigers, sondern in der Reaktion des Herzens des Zuhörers: Der Zuhörer offenbart in seiner Reaktion, was für ein Herz, welche Herzenshaltung, er hat.
Das ist ein wichtiger Punkt, weil Adams damit eine verbreitete Vorstellung korrigiert: »Zum Herzen predigen« bedeutet nicht, dass die Zuhörer emotional bewegt werden, sondern: »Zum Herzen predigen« bedeutet, dass Gottes Wort den inneren Menschen erreicht und eine Entscheidung, Stellungnahme oder Handlung hervorruft.
Hiermit steht Adams in einer langen Tradition. Man kann sich die Entwicklung in Kürze so vorstellen: Von den Puritanern (Richard Baxter (1615–1691), John Owen (1616–1683), zu Thomas Watson (ca. 1620–1686)): Predige zum Gewissen, zu Jonathan Edwards (1703–1758): Predige zu Verstand und Affekten zu Martyn Lloyd-Jones (1899–1981): Predige den ganzen Menschen an. Und schließlich Jay Adams (1929–2020): Predige zum Herzen.
Die Genannten sind überzeugt, dass biblische Predigt mehr sein muss als reine Informationsvermittlung (Wortstudien, Bibellexikon-Vorträge usw.). Sie soll vielmehr den inneren Menschen vor Gott zur Entscheidung und Reaktion bringen. Aber sie fallen mit dieser Zielsetzung nicht auf der emotionalen Seite vom Pferd. Für sie ist das »Herz« nicht primär Sitz der Gefühle, sondern in biblisch korrektem Verständnis das Zentrum der Person, mithin Verstand, Gewissen, Wille und Neigungen. Gottes Wort meint die ganze Person – daher spricht sie das Zentrum der Person an.
Versuchen wir abschließend eine Definition, was »zum Herzen predigen« heißt. Es ist weder »emotionale Ansprache« und »gefühlsvolles Abholen« noch »Bibelschulvortrag« oder bloße »Informationsvermittlung«. Vielmehr gilt:
Herzorientierte Predigt ist biblische Verkündigung, die durch die Kraft des Heiligen Geistes den inneren Menschen so anspricht, dass der Hörer sich nicht gleichgültig Gottes Wahrheit entziehen kann, sondern zu Glauben, Buße, Gehorsam oder aber zum Gegenangriff, Verleumdung oder bloßer Ablehnung herausgefordert wird.
Damit ist klar, dass effektive Predigt ein göttliches Wunder ist. Schon deswegen erfordert sie anhaltendes, demütiges und gläubiges Gebet: vom Prediger, vom Hörer, von der gesamten hörenden Gemeinde »unter Gottes Wort«.
Tipps für Prediger
- Predige nicht nur zum Verstand.
- Predige nicht primär zur Unterhaltung oder Bildung.
- Predige so, dass das Gewissen vor Gott angesprochen wird.
- Dränge die Wahrheit auf Herz, Gewissen und Willen des Hörers.
Wenn sich dann deine Zuhörer »getroffen«, »verletzt« oder »durchbohrt« fühlen, hat das Wort nach Hebräer 4,12 sein göttliches Wesen entfaltet, was ein wahres und gnädiges Wunderwirken Gottes ist (siehe auch diesen Beitrag). Das gilt auch, wenn Ablehnung und Hass entstehen. Prediger leben gefährlich. Bergrettern, SAR-Teams und Rettungsschwimmern der Küstenwache geht es nicht anders.
Buchempfehlung: Jay E. Adams, Predigten. Zielbewusst – anschaulich – überzeugend: Handbuch für biblische Verkündigung, 2. Auflage (Bielefeld: CMV, 2013), 176 Seiten. Originaltitel: Preaching with purpose.
Nouthetische Seelsorge (Jay E. Adams)
Jay Adams prägte in den 1970er Jahren den Ausdruck »Nouthetic Counseling« (»nouthetische Seelsorge«). Der Begriff »nouthetisch« geht auf das griechische Verb noutheteō (νουθετέω) zurück, das im Neuen Testament mit »ermahnen«, »zurechtweisen«, »warnen« oder »unterweisen« wiedergegeben wird (z. B. Apg 20,31; Röm 15,14; Kol 1,28; 3,16; 1Thess 5,12.14).
Eine Definition könnte lauten:
Nouthetische Seelsorge ist die persönliche, auf die Heilige Schrift gegründete Konfrontation eines Menschen mit Gottes Wahrheit, unter der Leitung des Heiligen Geistes, mit dem Ziel von Buße, Glauben, Gehorsam und geistlicher Veränderung. Diese Seelsorge arbeitet mit der liebevollen, direkten und biblisch fundierten Anwendung der Heiligen Schrift auf Denken, Herz und Verhalten eines Menschen, damit dieser Gott verherrlicht und Christus ähnlicher wird.
Buchempfehlungen: Jay E. Adams, Befreiende Seelsorge. Theorie und Praxis einer biblischen Lebensberatung. 8. Auflage (Gießen/Basel: Brunnen, 1988). Originaltitel: Competent to Counsel. Derselbe: Grundlagen biblischer Lebensberatung. Beiträge zu einer Theorie der Seelsorge. (Gießen: Brunnen, 1983). Originaltitel: More than Redemption. – Beide deutschsprachigen Werke sind antiquarisch erhältlich, die Originaltitel auch im Buchhandel.

