Wenn Leiter starke Mitarbeiter fürchten

Lesedauer: 12 Minuten.

Neid, Misstrauen und das Nullsummenspiel

Vor wenigen Wochen durfte ich wieder mit »High Potentials« des Mittelstandes und der öffentlichen Verwaltung im Rahmen ihrer Weiterbildung als Führungskräfte zusammenarbeiten. Diese Seminare sind meist sehr wertvoll, anregend und sehr praxisnah.

Dabei kommt immer wieder ein Phänomen zur Sprache, das in Organisationen offenbar wiederholt auftritt und für einzelne Mitarbeiter wie für die gesamte Organisation erheblich negative Folgen haben kann: Führungskräfte fürchten manchmal gerade jene Mitarbeiter, die sie am dringendsten brauchen – die besonders kompetenten.

Das klingt zunächst paradox. Sollte sich eine Führungskraft nicht darüber freuen, wenn Mitarbeiter gute Ideen entwickeln, Probleme selbstständig lösen und in bestimmten Fachgebieten sogar kompetenter sind als sie selbst?

Genau das wäre zu erwarten. Doch die Praxis sieht manchmal anders aus.

Wenn eine gute Idee zum Problem wird

Betrachten wir ein typisches Fallbeispiel:

Ein fachlich kompetenter Mitarbeiter entwickelt einen Verbesserungsvorschlag und legt ihn seinem Vorgesetzten vor. Dieser hört freundlich zu, lobt vielleicht sogar die Idee – aber nichts geschieht. Der Vorschlag verschwindet in der sprichwörtlichen Schublade.

Fragt der Mitarbeiter später nach, hört er: »Wir haben gerade andere Prioritäten.« Oder: »Das ist noch nicht ausgereift.« Vielleicht sogar: »Ich habe kein Vertrauen, dass Sie das in die richtige Richtung entwickeln.«

Eine Delegation der Prüfung oder probeweisen Umsetzung erfolgt nicht. Es wird weder gelobt noch prämiert.

Einige Zeit später taucht dieselbe oder eine sehr ähnliche Idee wieder auf – nun aber als Vorschlag des Vorgesetzten. Jetzt kann sie plötzlich umgesetzt werden.

Noch deutlicher wird das Muster, wenn der betreffende Mitarbeiter auf seinem Fachgebiet erkennbar kompetenter ist als die Führungskraft: Er wird weniger informiert, seltener einbezogen und bekommt weniger Verantwortung übertragen. Seine Kompetenz wird nicht als Ressource, sondern offenbar als Bedrohung wahrgenommen. Distanz und Cancel-Culturewerden spürbar, das Gesicht bleibt indessen freundlich erstarrt.

Typische Merkmale eines solchen Verhaltens sind:

  • Vorschläge anderer werden zwar angehört, aber nicht wirklich aufgenommen.
  • Gute Ideen werden eher akzeptiert, wenn die Führungskraft sie als eigene präsentieren kann.
  • Kompetente Mitarbeiter werden auf Distanz gehalten.
  • Verantwortung (für Umsetzung der eingebrachten Ideen) wird nicht/kaum delegiert.
  • Misstrauen wird ausgesprochen oder durch Verhalten signalisiert.
  • Die eigene Stellung wird gegenüber leistungsfähigen Mitarbeitern abgesichert.

Natürlich beweist keines dieser Merkmale für sich allein ein bestimmtes Motiv. Nicht jeder abgelehnte Verbesserungsvorschlag ist Ausdruck einer Führungsschwäche. Mitarbeiter können ihre eigene Kompetenz überschätzen; Führungskräfte können Informationen besitzen, die anderen fehlen; eine gute Idee kann zum falschen Zeitpunkt kommen. Diese Gründe könnten kommuniziert werden und für Entschärfung sorgen. Findet das nicht statt, verschlimmert sich die Situation.

Interessant wird es dort, wo sich ein wiederkehrendes Muster erkennen lässt. Dann stellt sich die Frage: Warum verhält sich eine Führungsperson so?

Nicht zuerst fragen: »Warum ist er so?«

Psychologisch ist eine andere Fragestellung hilfreicher: Welche Funktion erfüllt dieses Verhalten für die betreffende Person?

Wir können einem Menschen nicht ins Herz sehen. Wir können Verhalten beobachten, Aussagen hören und wiederkehrende Muster erkennen. Daraus lassen sich mögliche Erklärungsmodelle entwickeln.

Diese Modelle sind keine Ferndiagnosen. Sie beschreiben mögliche Mechanismen. Mehrere davon sind für unser Fallbeispiel besonders interessant.

1. Bedrohtes Selbstwertgefühl

Eine Führungskraft kann nach außen ausgesprochen selbstsicher auftreten und trotzdem ein fragiles Selbstwertgefühl besitzen.

Das ist kein Widerspruch. Gerade ausgeprägte Selbstdarstellung kann dazu dienen, innere Unsicherheit zu kompensieren.

Dann werden Kritik, bessere Ideen und überlegene Fachkompetenz nicht nur sachlich wahrgenommen. Sie bekommen eine persönliche Bedeutung:

»Wenn seine Idee besser ist als meine – was sagt das über mich aus?«

Damit verschiebt sich die Bewertung. Nicht mehr die Frage: »Ist die Idee gut?« entscheidet, sondern: »Von wem kommt die Idee?«.

Kommt sie vom Mitarbeiter, kann sie das Selbstbild des Vorgesetzten bedrohen. Kann die Führungskraft dieselbe Idee später selbst präsentieren, verschwindet diese Bedrohung: Die Sache hat sich nicht geändert, nur die Urheberschaft. Und auf einmal »gehen« Dinge, die vorher verhindert wurden.

2. Das »Not-invented-here«-Syndrom

Damit berühren wir einen in Organisationen bekannten Effekt: das sogenannte »Not-Invented-Here«-Syndrom (»Nicht-hier-erfunden«-Syndrom): Ideen werden schlechter bewertet, weil sie nicht im eigenen Bereich, im eigenen Team oder im eigenen Kopf entstanden sind.

Auf der individuellen Ebene können Gedanken dahinterstehen wie: »Warum ist mir das nicht eingefallen?« oder: »Wenn diese Idee erfolgreich wird, bekommt jemand anderes die Anerkennung.« oder auch: »Wenn ich seinen Vorschlag übernehme, gebe ich indirekt zu, dass er etwas besser wusste als ich.«

Das kann ganze Organisationen betreffen. Unternehmen haben externe technische oder organisatorische Innovationen ignoriert, weil sie nicht aus dem eigenen Haus kamen. Erst erheblicher Wettbewerbsdruck zwang sie zum Umdenken. Manchmal war es dann zu spät.

Für eine Führungskraft ist eine solche Haltung besonders gefährlich. Denn sie beginnt damit, die Herkunft einer Idee höher zu bewerten als deren Qualität.

3. Kompetenz wird zur Statusbedrohung

Ein weiterer Mechanismus entsteht aus einem falschen Verständnis von Führung. Manche Führungskräfte scheinen ihre Rolle so zu verstehen: »Ich muss der Klügste im Raum sein.«

Eine gesunde Führungskraft könnte ihre Aufgabe dagegen so beschreiben: »Ich muss dafür sorgen, dass wir das leistungsfähigste Team haben.«

Das sind zwei grundverschiedene Führungsmodelle. Im ersten Modell bedroht jeder besonders fähige Mitarbeiter den Status des Leiters. Im zweiten erhöht jeder besonders fähige Mitarbeiter die Leistungsfähigkeit des Teams – und damit auch den Erfolg seiner Leitung.

Der Unterschied lässt sich auf eine einfache Frage reduzieren: Bin ich Ausbremser oder Förderer?

Wer Führung als Status versteht, muss seine Position verteidigen. Wer Führung als Verantwortung versteht, kann andere groß werden lassen.

Die Folgen des ersten Modells sind bekannt: Informationskontrolle, Mikromanagement, geringe Delegation und die Abwertung besonders kompetenter Mitarbeiter.

Das Tragische daran: Die Führungskraft schwächt damit genau das Team, dessen Erfolg sie eigentlich sichern soll.

4. Unsicherheit und Kontrollbedürfnis

Delegation bedeutet immer, ein Stück unmittelbarer Kontrolle abzugeben. Das ist unvermeidlich. Wer einem Mitarbeiter eine Aufgabe wirklich überträgt, kann nicht gleichzeitig jede seiner Entscheidungen selbst treffen. Deshalb setzt gute Delegation Vertrauen voraus. Von beiden Seiten.

Führungskräfte mit einem hohen Kontrollbedürfnis erleben genau das als Risiko. Sie möchten die Sache »im Griff behalten«. Dann kann der Satz: »Ich vertraue dir nicht!« etwas anderes bedeuten als das, was er zunächst aussagt. Möglicherweise lautet die tiefere Botschaft: »Ich vertraue meiner eigenen Fähigkeit nicht, Verantwortung abzugeben und trotzdem verantwortlich zu führen.« Das ist evtl. ein Spiegel von Selbstzweifeln.

Das ist psychologisch ein erheblicher Unterschied.

Besonders auffällig wird es, wenn eine Führungskraft gerade solchen Mitarbeitern misstraut, die über längere Zeit zuverlässig und kompetent gearbeitet haben. Dann erklärt die tatsächliche Leistung des Mitarbeiters das Misstrauen immer weniger.

Misstrauen kann nun eine Funktion bekommen: Es legitimiert Kontrolle.

5. Narzisstische Verhaltenszüge

Einige der beschriebenen Verhaltensweisen überschneiden sich schließlich mit dem, was psychologisch als narzisstische Verhaltenszüge beschrieben wird: Ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung, Vereinnahmung von Erfolgen, hohe Empfindlichkeit gegenüber Kritik und Schwierigkeiten damit, die Leistung anderer neben der eigenen gelten zu lassen.

Hier ist Vorsicht nötig: Nicht jede dominante oder unsichere Führungskraft leidet an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Eine solche Diagnose gehört ohnehin in fachkundige Hände. Menschen können einzelne narzisstische Verhaltensweisen zeigen, ohne dass eine klinische Störung vorliegt.

Für die Organisation ist aber zunächst das beobachtbare Verhalten entscheidend: Wenn ein Leiter ständig Anerkennung auf sich zieht, Kritik kaum erträgt, leistungsfähige Mitarbeiter klein hält und Verantwortung nicht abgeben kann, entsteht ein Führungsproblem – unabhängig davon, welches psychologische Etikett man darauf klebt.

Betrachten wir nun aber auch die »Gegenseite«: die Geführten.

Was geschieht mit den Mitarbeitern?

Die Folgen lassen sich häufig in einer einfachen Entwicklung beobachten:

  • Am Anfang steht ein engagierter Mitarbeiter. Er denkt mit, macht Verbesserungsvorschläge, übernimmt Verantwortung und investiert mehr als unbedingt nötig.
  • Dann stellt er ernüchtert fest, dass Initiative nicht erwünscht ist.
  • Es folgt Frustration.
  • Der Mitarbeiter macht weniger Vorschläge. Warum sollte er Energie investieren, wenn seine Ideen ohnehin blockiert werden? Aus Eigeninitiative wird allmählich Dienst nach Vorschrift.
  • Am Ende kann die innere oder tatsächliche Kündigung stehen.[1]

Damit entsteht ein bemerkenswertes Paradox: Die Führungskraft möchte ihre eigene Position sichern und vertreibt dadurch gerade jene Mitarbeiter, die den Erfolg ihres Verantwortungsbereichs besonders fördern könnten.

Was kurzfristig wie Positionsschutz aussieht, wird langfristig zur Selbstschädigung.

Der tiefere Zusammenhang: Neid

Bis hierher lassen sich die Vorgänge organisationspsychologisch beschreiben. 

Doch möglicherweise liegt unter mehreren der genannten Mechanismen noch ein anderes Motiv: Neid.

Neid wird selten eingestanden. Kaum jemand sagt: »Ich lehne seinen Vorschlag ab, weil ich neidisch darauf bin, dass ihm etwas eingefallen ist, was mir nicht eingefallen ist.« oder: »Ich halte Sie klein, weil Ihre Kompetenz mein Selbstbild bedroht.« Gerade deshalb ist Neid so schwer zu erkennen. Niemand gibt ihn zu, da er ein Zugeständnis des eigenen Mangels wäre.

Immanuel Kant unterschied sinnvoll zwischen bloßer Nacheiferung und Neid. Wer einen erfolgreichen Menschen sieht und dadurch angespornt wird, selbst besser zu werden (»nacheifern«), muss keineswegs neidisch sein. Der Erfolg des anderen ist ihm keine Bedrohung, sondern Ansporn.

Problematisch wird es dort, wo nicht mehr der eigene Mangel schmerzt, sondern das Gut des anderen: Der Neider möchte nicht nur ebenfalls etwas besitzen oder können. Ihn stört vielmehr, dass der andere es besitzt oder kann. Daher möchte er den Verlust oder das Übel des anderen, auch wenn ihm selbst dabei kein Gewinn oder ein Gut erwächst.

Oder er erklärt sich die Welt so, dass der Gewinn/Erfolg des einen automatisch (rechnerisch) den eigenen Verlust/Misserfolg verursache. Damit berühren wir einen erstaunlich hilfreichen Zusammenhang aus der Spieltheorie und Verhandlungslehre.

Die Welt als Nullsummenspiel

In der Spieltheorie bezeichnet ein Nullsummenspiel eine Situation, in der der Gewinn des einen notwendigerweise dem Verlust des anderen entspricht. Wenn zwei Spieler zum Beispiel um einen festgelegten Geldbetrag spielen und der eine 100 Euro gewinnt, hat der andere 100 Euro verloren. Wenn zwei Mannschaften in einem KO-Match gegeneinander spielen, kann nur einer gewinnen, der andere verliert.

Es gibt tatsächlich solche Situationen. Aber längst nicht das ganze Leben funktioniert so:

  • Wissen ist zum Beispiel kein Nullsummenspiel. Wenn mein Kollege etwas lernt, werde ich dadurch nicht dümmer. (Man könnte einwenden, dass Wissensstände relativ sind, der Neid also aus dem Vergleichen kommt.)
  • Kompetenz ist kein Nullsummenspiel. Wenn ein Mitarbeiter eine neue Fähigkeit entwickelt, verliere ich meine Fähigkeiten nicht.
  • Freundschaft ist kein Nullsummenspiel.
  • Und auch der Erfolg eines Teams muss kein Nullsummenspiel sein.

Trotzdem interpretieren Menschen Nicht-Nullsummen-Situationen immer wieder nach diesem Muster: »Wenn du gewinnst, verliere ich.«, »Ich gewinne nur, wenn du verlierst!« Genau hier berühren sich Nullsummendenken und Neid. (Man kann dieses Denkfehler-Phänomen auch in den Motiven und Slogans linker Politik wiederfinden: »Tax the rich!«, »soziale Gerechtigkeit« usw.)

Wenn der Erfolg des anderen meinen Wert zu mindern scheint

Besonders anfällig dafür sind sogenannte Statusgüter: Ansehen, Prestige, Rang, Einfluss und Macht. Hier vergleichen Menschen sich miteinander:

  • Ein Mitarbeiter wird gelobt.
  • Ein Kollege wird befördert.
  • Ein anderer Redner erhält Anerkennung.
  • Ein Autor wird häufiger gelesen.
  • Ein Mitarbeiter entwickelt eine bessere Lösung.

Objektiv muss mir dadurch nichts genommen worden sein. Subjektiv kann ich trotzdem (wegen Vergleichens) empfinden: »Sein Gewinn macht meinen Wert kleiner.«

Damit wird aus einer Situation, in der beide gewinnen könnten, gedanklich ein Konkurrenzkampf. Die Frage lautet nicht mehr: »Wie können wir gemeinsam erfolgreicher werden?«, sondern: »Wer von uns beiden bekommt die Anerkennung?«

Und nun wird verständlich, weshalb besonders kompetente Mitarbeiter für bestimmte Führungskräfte gefährlich erscheinen: Nicht deren Schwäche ist das Problem, sondern deren Stärke ist das Problem.

Der Leiter vor einer grundlegenden Entscheidung

Damit kommen wir zu zwei völlig verschiedenen Vorstellungen von Führung.

  • Der eine Leiter denkt: »Wenn meine Mitarbeiter stärker werden, werde ich schwächer.«
  • Der andere: »Wenn meine Mitarbeiter stärker werden, wird unser gesamtes Team stärker.«

Der erste muss Wissen kontrollieren, Anerkennung sichern und Konkurrenten auf Abstand halten. Der zweite kann Wissen weitergeben, Verantwortung delegieren, Erfolge anderer würdigen und Mitarbeiter fördern.

Der erste versucht, sich unersetzlich zu machen. Der zweite arbeitet daran, dass andere Verantwortung übernehmen können (Förderung, Empowerment usw.).

Psychologisch lässt sich vieles davon mit Selbstwertschutz, Statusbedrohung, Kontrollbedürfnis, sozialem Vergleich und Neid erklären.

Aber damit ist die tiefste Frage noch nicht beantwortet: Woher kommt dieses eigentümliche Bedürfnis des Menschen nach Anerkennung? Warum fällt es uns so schwer, uns über die Überlegenheit eines anderen zu freuen? Warum erleben wir fremden Erfolg als eigene Niederlage? Warum wollen Menschen Macht nicht nur gebrauchen, sondern festhalten?

Die Psychologie kann solche Vorgänge beobachten und Modelle zu ihrer Erklärung anbieten.

Die Heilige Schrift aber stellt eine noch tiefere Frage: Was geschieht im Herzen des Menschen?

Mit dieser Frage verlassen wir die Ebene der bloßen Führungspsychologie.

Im zweiten Teil »Führung als Gemeindehirte« geht es deshalb um biblische Figuren wie Saul und David, Mose und Josua, Diotrephes und schließlich um Jesus Christus selbst. Es geht um Neid, Stolz, Macht und dienende Leiterschaft – und um die Frage, was Gott einem Gemeindehirten sagen würde, der starke Mitarbeiter nicht als Geschenk, sondern als Bedrohung empfindet.


Anmerkungen

[1]  Das Forschungsinstitut Gallup teilt im »Engagement Index Deutschland« die Mitarbeiter deutscher Unternehmen in drei Gruppen: 2025 hatten 10 % eine hohe emotionale Bindung, 77 % eine geringe und 13 % gar keine emotionale Bindung. Gallup setzt die letzte Gruppe ausdrücklich mit »innerer Kündigung« gleich (Die internationale Gallup-Systematik für 2025 kommt auf ähnliche Werte.) Der große Mittelblock – etwa drei Viertel – arbeitet durchaus, aber eher im Pflicht- oder »Energiesparmodus«: Aufgaben werden erledigt, doch Initiative, zusätzliche Anstrengung und starke emotionale Identifikation fehlen weitgehend.

Die typische Eskalation kann man empirisch so darstellen:

  • Stufe 1 – Engagement: Der Mitarbeiter bringt Ideen ein, übernimmt freiwillig Verantwortung und investiert über das Geforderte hinaus. Er denkt und handelt mit »Corporate Citizenship«, als ob die Organisation ihm (mit-)gehört.
  • Stufe 2 – Geringe Bindung: Er erledigt seine Arbeit weiterhin ordentlich, stellt aber zusätzliche Initiative ein. Gallup beschreibt genau diese große Gruppe als Beschäftigte, die das Nötige tun, sich aber nicht darüber hinaus einbringen.
  • Stufe 3 – Innere Kündigung: Der Mitarbeiter hat keine emotionale Bindung mehr, zieht sich innerlich zurück und denkt eventuell bereits über einen Wechsel nach.
  • Stufe 4 – Tatsächliche Kündigung: Die Organisation verliert ihn.

Führung spielt dabei nach Gallup tatsächlich eine zentrale Rolle. In älteren Deutschlanddaten hatten 48 % der aktiv disengagierten Mitarbeiter schon darüber nachgedacht, das Unternehmen wegen ihres direkten Vorgesetzten zu verlassen, gegenüber nur 7 % der engagierten Mitarbeiter. – Als Konsequenz könnte man fordern, diesen Mitarbeitern zu kündigen. Manchmal mag es auch für alle besser sein, deren Vorgesetzten zu feuern. In beiden Fällen stellt sich die nichttriviale Aufgabe, besseren Nachwuchs zu finden.

Wach auf, wach auf, du deutsches Land!

Lesedauer: 4 Minuten.

Der an der Seite des Reformators Dr. Martin Luther wirkende Johann Walter (1496–1570) aus Kahla in Thüringen war Komponist, Kantor und Herausgeber von Gesangbüchern. Er wirkte als Hofkomponist des katholischen Kurfürsten Friedrich III. (Fr. der Weise; 1463–1525) von Sachsen, der 1502 die Universität Wittenberg gegründet hatte, welche weltbekannter Ausgangspunkt und Lehrstätte der Reformation wurde. Walter vertonte einige deutsche Liedtexte Luthers (z. B. »Ein feste Burg ist unser Gott«, »Mitten wir im Leben sind«) und arbeitete an der Deutschen Messe (Gottesdienstordnung der Reformationszeit) mit. Darüber hinaus schrieb er Lieder und Motetten und lieferte einen maßgeblichen Beitrag für die evangelische Kirchenmusik.

Das unten in Auszügen abgedruckte Lied »Wach auf, wach auf, du deutsches Land« (das eigentlich den Titel »Ein newes Christlichs Lied / Dadurch Deudschland zur Busse vermanet« trug) ist ein lutherisches geistliches Lied, welches das in geistlichem Schlaf liegende Deutschland aufwecken soll. Johann Walter schuf es mit Text und Melodie im Jahr 1561, also als Fünfundsechzigjähriger. Es schrieb insgesamt 26 Strophen, von denen es aber nur rund ein Viertel in unterschiedliche Gesangsbücher schaffte. Im Evang. Kirchengesangbuch für Hessen und Nassau (1. Aufl. 1951) wird »Wach auf, wach auf, du deutsches Land« als Wochenlied zum 10. Sonntag nach Trinitatis angegeben (Nr. 390).

Im 16. und 17. Jahrhundert entstanden etliche kirchliche Lieder und Choräle, die sowohl der geistig-geistlichen als auch der politischen Erneuerung des innerlich geschwächten Deutschlands dienen sollten. Man war in Sorge, ob das »Reich der Deutschen« das »Abendland« vor den Bedrohungen aus dem Orient schützen könne (1529 belagerten die Osmanen unter Sultan Süleyman I. Wien, die erste Wiener Türkenbelagerung). Diese »Endzeitstimmung« wird im Lied spürbar, verbunden mit der Ahnung, dass Gottes Zuchtrute am Werke war für das unchristliche Leben der Regierenden und des Volkes. Das frisch in der Reformation wiederentdeckte biblische Evangelium wurde noch als großes, exklusives Gottesgeschenk verstanden, das es unbedingt zu schützen galt. Man war noch nicht in den Wahn verfallen, der Islam gehöre zu Deutschland (u. a. Schäuble, Wulff, Merkel, Seibert).

Biblisch gestaltete christliche Toleranz heißt Menschen aller Hintergründe willkommen – und lebt ihnen ein Leben christlicher Nächstenliebe vor, zu dem eine unverrückbare Verankerung im christlichen Glauben und die Verkündigung der Guten Nachricht, des Evangeliums Gottes über seinen Sohn Jesu Christus, wesenseigen gehören. Wer gut verankert ist, kann sich weit hinauslehnen. Bis an die Enden der Erde.

Inwieweit die unten abgedruckten Zeilen des Lieds auch nach über 450 Jahren noch relevant sind, mag jeder selbst beurteilen – und als Christ entsprechend handeln. Die Evangelischen hatten es jedenfalls 2009 noch in ihren Liederbüchern (Nr. 145), interessanterweise und passend für den Bußtag: »Dadurch Deudschland zur Busse vermanet« (J. Walter).

1. Wach auf, wach auf, du deutsches Land!
Du hast genug geschlafen,

bedenk, was Gott an dich gewandt,
wozu er dich erschaffen.
Bedenk, was Gott dir hat gesandt
und dir vertraut sein höchstes Pfand,
drum magst du wohl aufwachen!

2. Gott hat dich, Deutschland, hoch geehrt
mit seinem Wort der Gnaden.
Ein großes Licht dir auch beschert
und hat dich lassen laden
zu seinem Reich, welchs ewig ist,
dazu du denn geladen bist,
will heilen deinen Schaden.

3. Gott hat dir Christum, seinen Sohn,
die Wahrheit und das Leben,
sein liebes Evangelium
aus lauter Gnad gegeben;
denn Christus ist allein der Mann,
der für der Welt Sünd gnug getan,
kein Werk hilft sonst daneben.

7. Für solche Gnad und Güte groß
sollst du Gott billig danken.
Nicht laufen aus sei’m Gnaden Schoß
von seinem Wort nicht wanken!
Dich halten wie sein Wort dich lehrt.
Dadurch wird Gottes Reich gemehrt,
geholfen auch den Kranken.

8. Du solltest bringen gute Frucht,
so du rechtgläubig wärest.
In Lieb und Treu, in Scham und Zucht,
wie du solch’s selbst begehrest.
In Gottes Furcht dich halten fein
und suchen Gottes Ehr allein,
dass du niemand beschwerest.

18. Die Wahrheit wird jetzt unterdrückt,
will niemand Wahrheit hören;
die Lüge wird gar fein geschmückt,
man hilft ihr oft mit Schwören;
dadurch wird Gottes Wort veracht’,
die Wahrheit höhnisch auch verlacht,
die Lüge tut man ehren.

22. Wach auf, Deutschland, ’s ist hohe Zeit,
du wirst sonst übereilet,
die Straf dir auf dem Halse leit,
ob sich’s gleich jetzt verweilet.
Fürwahr, die Axt ist angesetzt
und auch zum Hieb sehr scharf gewetzt,
was gilt’s, ob sie dein fehlet.

23. Gott warnet täglich für und für,
das zeugen seine Zeichen,
denn Gottes Straf ist vor der Tür;
Deutschland, lass dich erweichen,
tu rechte Buße in der Zeit,
weil Gott dir noch sein Gnad anbeut
und tut sein Hand dir reichen.

24. Das helfe Gott uns allen gleich,
dass wir von Sünden lassen,
und führe uns zu seinem Reich,
dass wir das Unrecht hassen.
Herr Jesu Christe, hilf uns nu’
und gib uns deinen Geist dazu,
dass wir dein Warnung fassen.

Das Haar in der Suppe

Lesedauer: 7 Minuten.

Jeder Redner und Prediger kennt das Erleben, dass nach dem Vortrag oder der Predigt jemand zu ihm kommt und etwas korrigieren will. Sind Hauptsachen angesprochen, kann dies zu fruchtbarem brüderlichen Austausch führen. Nicht selten betrifft das Kritisierte aber nicht die Hauptbotschaft des Vortrags oder der Predigt, sondern eine Nebenbemerkung, einen Nebengedanken, ein »Ex-tempore«. Dann wird das Fruchtbare schnell zum Furchtbaren. (Was die Stellung eines »R»s doch bewirken kann!)

Solange Nebensachen Nebensachen bleiben, ist alles OK. Was aber, wenn jemand immer in der Predigt sitzt und nur auf das sprichwörtliche »Haar in der Suppe« wartet, damit er die ganze Suppe abweisen kann?

Wir wollen einmal speziell über dieses dysfunktionale, ja ungeistliche, Verhalten nachdenken. Denn als Prediger sind wir uns hoffentlich bewusst, dass in der Predigt Gott selbst durch Sein Wort zu den Zuhörern reden will – und damit die Zuhörer in Verantwortung vor Gott Selbst setzt. Hier reden wir dann nicht mehr von einer Kleinigkeit, sondern einer Sache, die Konsequenzen hat: »So habt nun acht, wie ihr hört!« (Lukas 8,18 SCH2000), sagte der Herr Jesus selbst.

Dankenswerter Weise lässt sich dieses Verhalten sowohl psychologisch wie auch geistlich recht gut erklären. Es geht meist nicht um »Kritikfähigkeit« im Sinne geistlich motivierter Prüfung, die wünschenswert ist (1Thessalonicher 5,20–22). Vielmehr hört hier der Hörer nicht primär, um zu verstehen, zu prüfen und das Gute anzunehmen, sondern er hört mit einem inneren Fehlersuchverlangen. Dadurch bekommt ein tatsächlicher oder vermeintlicher Fehler ein Gewicht, das in keinem Verhältnis zum Ganzen steht. Sein Hören wird eine grotesk verzerrte Version der tatsächlich gehaltenen Predigt.

Man könnte den Unterschied bei den Zuhörern zugespitzt so formulieren:

  • Der prüfende Hörer fragt: »Was davon ist wahr und was soll ich annehmen?«
  • Der fehlerorientierte Hörer fragt: »Wo finde ich etwas, weshalb ich das Ganze nicht annehmen muss?«

Das ist gerade bei Predigten geistlich bedeutsam. Wir überlegen kurz, was hier in der Seele vermutlich (!) vorgeht und schauen dann an, was Gottes Wort an sicher zutreffender Erklärung liefert.

1. Was beim »Haaresuchen« psychologisch geschieht

Mehrere Dinge können hier im Denken und Fühlen eines Zuhörers zusammenwirken:

  • Negativity Bias. Ein negativer Punkt erhält psychologisch mehr Gewicht als viele positive. Eine zweifelhafte Formulierung kann 40 Minuten guter Auslegung überstrahlen. Diese Tatsache fordert alle Prediger heraus. Aber sie setzt auch die Zuhörer in Verantwortung.
  • Confirmation Bias. Hat der Hörer bereits Vorbehalte gegen Prediger, Gemeinde oder theologische Richtung, hört er selektiv nach Belegen dafür: »Ich wusste doch, dass …« Daher ist Predigthören i.d.R. nicht ohne Herzensvorbereitung vor dem Thron der Gnade fruchtbar (1Johannes 1,9).
  • Motivated Reasoning. Besonders interessant für die Predigt: Manchmal braucht und sucht deshalb der Hörer einen Fehler. Denn wenn die Botschaft wahr ist, müsste er möglicherweise denken, umkehren, vergeben, gehorchen oder eine liebgewonnene Position aufgeben. Der nebensächliche Fehler bietet dann einen Fluchtweg aus der Hauptaussage.
  • Perfektionistische Entwertung. Das Ganze wird nicht danach beurteilt, ob es im Wesentlichen wahr und hilfreich ist, sondern ob es unangreifbar ist. Ein Fehler macht dann aus 95 Prozent Gutem angeblich 100 Prozent Unbrauchbares.

Das kann zur ungeistlichen Abwehrstrategie werden: Der (angebliche oder wirkliche) Fehler wird zum Fluchtweg vor der Wahrheit. Man sucht das Haar in der Suppe, weil man einen Grund braucht, die Suppe nicht essen zu müssen. Das »Haar« dient als Vorwand, eine unangenehme Erkenntnis auf Distanz zu halten: Ich widerlege einen Nebenpunkt und fühle mich dadurch von der Verpflichtung entbunden, mich mit dem Hauptpunkt auseinanderzusetzen. Ist das nicht »schön«?: Das (angeblich) unbiblische Haar liefert den Vorwand, die ganze biblische Suppe zurückgehen zu lassen!

2. Ein bemerkenswertes biblisches Bild

Mir fällt besonders Jesu Wort über die Pharisäer ein:

»Blinde Leiter, die ihr die Mücke seiht, das Kamel aber verschluckt!«
Matthäus 23,24

Das ist vielleicht die antike Variante des sprichwörtlichen »Haars in der Suppe«. Dergestalt Haaresuchen ist mithin pharisäisches Verhalten.

Das Bild der Schrift ist sogar schärfer: Die Mücke war unrein. Man siebte deshalb Flüssigkeiten, damit man nicht versehentlich ein unreines Tier verschluckte. Jesus wirft seinen Gegnern also nicht grundsätzlich vor, dass sie genau hinsehen. Das Problem ist die groteske Verzerrung der Proportionen: größte Sorgfalt gegenüber dem Kleinen, Blindheit gegenüber dem Großen.

Genau das unterscheidet  geistliches Unterscheidungsvermögen von ungeistlicher Kritiksucht:

Unterscheidungsvermögen erkennt Fehler und gewichtet sie.
Kritiksucht erkennt Fehler und lässt sie das Ganze verschlingen.

Das ist für Predigthörer eine wichtige Unterscheidung. Apostelgeschichte 17,11 lobt die Beröer ausdrücklich für ihr Prüfen. Christliches Hören soll also keineswegs unkritisch sein. Aber sie untersuchten die Schrift, um festzustellen, ob es sich so verhielt – nicht, um einen Grund zu finden, Paulus nicht zuhören zu müssen. – Die Frage ist: War die Suppe biblisch?

3. Eine kleine Parabel

Vielleicht hilft folgende Parabel, das Problem besser sehen zu können:

Der Gutachter und das Fenster

Ein Mann wurde gebeten, ein neu gebautes Haus zu begutachten.
Er ging durch alle Räume, prüfte Mauern, Dachstuhl, Türen und Fenster. Das Haus war solide gebaut.

Schließlich entdeckte er an einem Fensterrahmen einen kleinen Kratzer. »Da!«, sagte er. »Ich wusste, dass mit diesem Haus etwas nicht stimmt.«

Von da an sprach er nur noch über den Kratzer.

Als ihn der Bauherr fragte: »Aber ist das Fundament tragfähig? Ist das Dach dicht? Sind die Mauern gerade?«, antwortete er: »Mag sein. Aber haben Sie den Kratzer gesehen?«

Ein anderer Gutachter sah denselben Kratzer. Er schrieb ihn in seinen Bericht und sagte: »Der Kratzer sollte ausgebessert werden. Aber er sagt nichts über die Tragfähigkeit des Hauses aus.«

Beide hatten denselben Fehler gesehen. Nur einer konnte ihn richtig einordnen.

(Geistliche) Reife zeigt sich nicht darin, dass man keine Fehler bemerkt. Reife zeigt sich darin, dass man Fehler richtig gewichtet.

4. Eine Illustration

Vielleicht hilft auch eine andere kurze Geschichte, den Punkt klar zu sehen:

Ein Mann besucht zum ersten Mal den Louvre. Stundenlang betrachtet er die großen Meisterwerke. Als er herauskommt, fragt ihn sein Freund: »Und? Was hat dich am meisten beeindruckt?«

Er antwortet: »Im dritten Saal hing ein Bild zwei Millimeter schief.«

Der Freund fragt: »Und die Bilder?«

»Welche Bilder? Das schiefe hat mich den ganzen Besuch geärgert.«

Das trifft den Vorgang fast noch besser. Der Mann hat tatsächlich etwas Richtiges gesehen – und doch alles Wesentliche übersehen. Das verarmt.

Vielleicht ist Folgendes eine treffliche Definition von Kritiksucht:

Kritiksucht besteht nicht notwendig darin, Falsches zu sehen. Sie kann auch darin bestehen, Richtiges – aber Unbedeutendes– zu sehen und diesem dann ein völlig übertriebenes Gewicht zu geben.

5. Die geistliche Dimension beim Predigthören

Hier müssen wir 1. Thessalonicher 5,20–21 ansehen. Dort fordert uns Gott durch den Apostel Paulus auf :

»Weissagungen verachtet nicht; prüft aber alles, das Gute haltet fest.«

Die Reihenfolge ist interessant. Paulus kennt weder leichtgläubiges Schlucken noch zynisches Verwerfen. Geistliches Prüfen führt zum Festhalten des Guten.

Man könnte daraus drei Arten des Hörens ableiten:

HörhaltungLeitfrageErgebnis
unkritisch»Kann ich das einfach glauben?«schluckt auch Fehler
kritisch-skeptisch»Wo ist der Fehler?«verwirft wegen des Fehlers auch Wahres
biblisch unterscheidend»Was ist schriftgemäß?«verwirft den Fehler und behält das Gute

Es scheint mir offenbar zu sein, dass die dritte Hörerhaltung die biblisch richtige und einzig geistlich produktive Haltung ist. Sie ist die vorbildliche Haltung. Gerade Gemeindeleiter, die die Gemeinde Jesu Christi als »Vorbilder der Herde« (1Petrus 5,3) führen sollen, sollten sich in der Zucht des Geistes Gottes immer wieder bewusst dieser demütigen Zuhörer-Haltung hingeben. Das ist eine Herzensfrage. Das gilt auch – und insbesondere–, wenn Leiter zu Recht oder unrecht meinen, dass sie »schon alles (besser) wissen«. Manchmal redet Gott nämlich sogar durch einen Esel zu einem Propheten.

Jakobus 1,19 sagt dazu bemerkenswert Gutes: »Jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden …« Ein Hörer, der während der Predigt bereits innerlich seine Korrektur oder Widerlegung formuliert, hört irgendwann nicht mehr die Predigt, sondern seinen eigenen Gegenargumenten zu. Und um sie nicht zu vergessen, rennt er gleich nach der Predigt zum Prediger und macht ihn auf den (angeblichen oder tatsächlichen ) Fehler aufmerksam.

Du kannst so aufmerksam nach dem Haar in der Suppe suchen, dass Du am Ende verhungerst. Wer die Rolladen seiner Seele herunterlässt, muss sich nicht wundern, wenn kein Licht mehr hereinscheint.

In der Sprache von Matthäus 23,24 lautet diese Erkenntnis: »Geistlich reife Christen erkennen die Mücke, ohne deshalb das Kamel zu übersehen.«

Die biblischen Texte in Matthäus 23,24; 1Thessalonicher 5,20–21 und Apostelgeschichte 17,11 liefern genügend Material, über das Thema »Kritikfähigkeit oder Kritiksucht? – Wie ich einer Predigt richtig zuhöre« andachtsvoll und herzerforschend nachzudenken.

Gott, der Heilige Geist ist am Werk. Mögen wir ihn nicht durch Herzenshärtigkeit in unserem Leben zum Verstummen bringen (s. Hebräer 3,7.15; 4,7)! Denn es gilt:

Wer nur hört, um Fehler zu finden, wird Fehler finden – aber möglicherweise die Wahrheit verpassen.

Das Werk des Herrn wird niemals scheitern

Die 7 Fortschrittsberichte des Lukas in der Apostelgeschichte

Lesedauer: 17 Minuten. Maybe longer. Grab a coffee and open your Bible!

Einleitung

Die Apostelgeschichte (Apg) lässt sich grob in zwei Teile gliedern: den Dienst des Petrus (Apg 1–12) und den Dienst des Paulus (Apg 13–28). Das Wirken Jesu Christi durch seine Apostel bewegte und durchdrang das ganze römische Weltreich. Lukas zeigt das Vordringen des Evangeliums in seinem Bericht in sieben Abschnitten, von denen jeder mit einem kurzen Fortschrittsbericht abschließt. Diese sieben Abschnitte der Apg beschreiben die Etappen, in denen der Auftrag des Herrn aus Apg 1,8 ausgeführt wurde: »ihr werdet meine Zeugen sein, sowohl in Jerusalem als auch in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde«.

Das unaufhaltsame Wirken des verherrlichten Christus zur Rettung von Menschen und zur Auferbauung Seiner Gemeinde mittels seiner Nachfolger und Diener ist äußerst mutmachend auch für seine Nachfolger und Diener heute. Wir sehen die Erfüllung der Verheißung Jesu Christi: »Ich werde meine Versammlung bauen, und die Pforten des Hades werden sie nicht überwältigen« (Matthäus 16,18b).

  • Erstens: Die Apg berichtet, wie der Herr Jesus Christus nach seiner Himmelfahrt von seinem himmlischen Thron aus mittels seiner Apostel und Diener das große Werk fortsetzte, seine Gemeinde zu bauen (Mt 16,18). Der Tempel stand noch in Jerusalem, wo der Herr verworfen wurde und den er verlassen hatte (sein Exodus). Was Israel betrifft, begann dann eine Zeit des Übergangs, der sich nach der Ermordung des Christus-Zeugen Stephanus noch beschleunigte. Diese Übergangszeit dauerte etwa 40 Jahre. Der »alte [Bund] war dem Verschwinden nahe« (Hebräer 8,13), während die Gemeinde Christi im neuen Bund auf der Erde wuchs und wuchs. Christus im Himmel kümmerte sich mit größtem Interesse um dieses Wachstum. In dieser Zeit wandte Er sich weiterhin Seinem irdischen Volk besonders zu. Noch galt: »den Juden zuerst« (vgl. Apg 3,26; 13,46; Römer 1,16; 2,9–10).
  • Zweitens: Lukas’ Fortschrittsberichte werden gegeben, um zu bestätigen, dass Gottes Werk trotz gewaltiger Widerstände von außen und von innen weiterging. Das soll uns Nachfolger Jesu auch heute noch ermutigen. Leiden begleiteten das neue Werk Christi, wie sie auch Seinen irdischen Dienst schon begleiteten. Doch dessen ungeachtet geht es voran, Lukas berichtet von wunderbaren Ergebnissen.

Diese beiden Punkte bilden ein zentrales Thema in der gesamten Apg und im Neuen Testament. Die sieben Fortschrittsberichte des Lukas in der Apg fassen zusammen, wie Christi Größe und Macht in Gemeindebau und Mission sichtbar wurde. Während der Herr auf der Erde gewesen war, war Er bei Seinen Jüngern (vgl. Matthäus 28,20) – Er war es auch jetzt weiterhin, wenn auch unsichtbar. Die Herausforderung der Jünger bestand also darin, in Glauben, Gehorsam und Liebe dem verherrlichten Herrn treu zu dienen (Hebräer 11; Johannes 14,21.23). 

Das ist auch unsere Herausforderung: 1. Arbeitest Du fleißig und mutig mit im großen Werk Jesu Christi in dieser Welt? – 2. Gehörst Du aktiv und verbindlich einer Gemeinde Jesu Christi an? Denn Christus baut seine Gemeinde, nicht Solo-Nachfolger und YouTube-Christen.

Die sieben Fortschrittsberichte

1. »Der Herr aber fügte täglich hinzu, die gerettet werden sollten« (Apg 2,47b)

Dieser Vers bildet die Zusammenfassung, die Lukas nach seiner Zusammenfassung über das Tun und Lassen der Urgemeinde gibt (Apg 2,42–47a; siehe Artikel »Die Kennzeichen der Jerusalemer Urgemeinde«). Er enthält den ersten von sieben Fortschrittsberichten in der Apg.

  • Das mit »hinzufügen« übersetzte Verb (prostithemi; Imperfekt Aktiv: »fügte fortwährend hinzu«) wird im Lukasevangelium siebenmal und in der Apg sechsmal verwendet. Es ist ein Wort, das Lukas wahrscheinlich aus der Septuaginta (der alten griechischen Übersetzung des AT) übernommen hat, wo es mehr als 300-mal vorkommt. Es steht in Verbindung mit dem Wort »Zahl« (arithmos) (vgl. 4,4; 5,36; 6,7; 11,21; 16,5). Der Herr fügte hinzu und zählte: Für Ihn zählt jeder Einzelne!
  • Es sollte unsere Herzen berühren, zu sehen, dass der Herr Jesus im Himmel, obwohl Er vom jüdischen Volk verworfen worden war, 3.000 Menschen aus dessen Mitte nahm und sie zu Pfingsten Seinem neuen Zeugnis hinzufügte (2,41)! Er fuhrtäglich fort, Gerettete hinzuzufügen und sie als Glieder in diesen neuen Leib von Gläubigen aufzunehmen. Unser gesegneter Herr fährt damit fort, bis die Zahl vollständig sein wird und Er kommen kann, um uns alle in den Himmel zu nehmen (1Thessalonicher 4,14–18)! Er allein ist der Herr und hat daher die Autorität, hinzuzufügen und zu zählen. Doch Er gebraucht uns als Seine Werkzeuge auf der Erde, um Seinen Plan auszuführen.
  • Es muss für unseren verherrlichten Herrn besonders kostbar gewesen sein, Menschen aus Seinem eigenen irdischen Volk, das Ihn verworfen hatte, hereinzubringen und sie dieser neuen Gemeinschaft von Gläubigen hinzuzufügen, die für den Himmel bestimmt war – und dies in eben jener Stadt, die Ihn hinausgestoßen hatte. Apg 2,47 zeigt uns, dass Christus in Herrlichkeit Gottes ewigen Ratschluss erfüllt (vgl. Römer 8,29–30), was diese Menschen betrifft, die an Ihn glaubten und die nach Gottes Plan Tag für Tag hinzugefügt wurden.

2. »Und das Wort Gottes wuchs, und die Zahl der Jünger in Jerusalem mehrte sich sehr; und eine große Menge der Priester wurde dem Glauben gehorsam.« (Apg 6,7)

Das Hinzufügen ging weiter (2,41.47; 5,14; 11,24), und Lukas’ zweiter Bericht spricht von einem schnellen und beeindruckenden Wachstum. »Das Wort wuchs« (Imperfekt Aktiv: »wuchs fortwährend«), und dies zeigte sich in vielen neuen Bekehrungen. Die Jünger vermehrten sich außerordentlich, als neue Gläubige sich den Interessen Christi widmeten.

  • Beachten wir, dass dieser Fortschritt in Jerusalem stattfand – angesichts des zunehmenden Widerstands der religiösen Führer, also eines Widerstands von außen.
  • Die Zunahme geschah trotz zweier Versuche des Feindes, das neue Zeugnis von innen heraus zu verderben: durch Hananias und Saphira (Apg 5) sowie durch die griechischen Witwen (6,1). Das Wort wuchs umso mehr, weil die Apostel nun von der täglichen Versorgung mit Nahrung entlastet waren.
  • Wir lernen auch, dass dieses Wachstum nicht das Ergebnis menschlicher Methoden oder Zweckmäßigkeit war, sondern ein Werk Gottes, das Seinem Vorsatz gemäß durch Sein Wort geschah (vgl. die anderen Berichte).
  • Ein besonderer Triumph war, dass viele der Priester, die Sadduzäer waren und die Auferstehung stets abgelehnt hatten (und voller Zorn gegen die Apostel gewesen waren; 5,17!), dem Glauben gehorsam wurden. Dies zeigt eine dramatische Veränderung ihrer Überzeugung (6,7).

Der Herr im Himmel setzte Sein Werk als der große Sämann fort, und Gott gab das Wachstum auf vielfältige Weise!

3. »So hatte denn die Versammlung durch ganz Judäa und Galiläa und Samaria hin Frieden und wurde erbaut und wandelte in der Furcht des Herrn und mehrte sich durch die Ermunterung des Heiligen Geistes.« (Apg 9,31)

Auf den gewaltsamen Tod des ersten Märtyrers, Stephanus (Apg 7), folgte eine gewaltige Verfolgung (8,1–4). Doch der Same des Wortes wurde durch diejenigen, die aus Jerusalem fliehen mussten, noch weiter ausgestreut, und so ging das Wachstum weiter (siehe auch 6,1.7; 12,24). Vielleicht zeigte sich der größte Sieg für den Herrn in Herrlichkeit in der Bekehrung des eifrigsten Verfolgers, Saulus, der selbst zu einem hingebungsvollen Jünger wurde. 

Betrachten wir einige wichtige Ausdrücke:

  • Frieden. Der Schluss von Apg 9,31 bezieht sich auf alle Versammlungen/Gemeinden in den drei genannten Gebieten: Judäa, Galiläa und Samaria. Ihr Wandel entsprach Gottes Gedanken, ohne Ausnahme, denn sie wandelten in der Furcht des Herrn, in Gehorsam und Unterordnung unter Ihn. Was für eine Lektion und Herausforderung für uns heute!
    Diese drei Gebiete hatten vor der Verkündigung des Evangeliums große Feindschaft gegeneinander erfahren. Doch die frühere Feindschaft hatte sich nun in Frieden verwandelt [Imperfekt Aktiv: »sie hatten fortwährend Frieden«] – unter der Aufsicht des Herrn in der Zeit der Gnade, zumindest soweit es die Gläubigen aus diesen Gebieten betraf (vgl. Römer 14,17).

Frieden (gr. eirēnē) ist ein wichtiges Merkmal in den Schriften des Lukas. Er erwähnt ihn 14x in seinem Evangelium (1,79; 2,14.29; 7,50; 8,48; 10,5.6 2x; 11,21; 12,51; 14,32; 19,38.42; 24,36) und 7x in der Apg (7,26; 9,31; 10,36; 12,20; 15,33; 16,36; 24,2).
Auch im Dienst des Paulus, in den uns die Schriften des Lukas einführen, ist Frieden ein wesentliches Merkmal. Paulus erwähnt ihn 52-mal in seinen 14 Briefen – wenn wir den Hebräerbrief einbeziehen – und ebenso die verwandten Verben »Frieden machen« und »in Frieden leben« sowie das Adjektiv »friedlich«.

  • Auferbauung. Sie wurden auferbaut (vgl. Apg 20,32). Große Unterschiede in Bezug auf ethnische Herkunft, Kultur und andere Sichtweisen bestanden weiterhin. Doch nachdem sie in eine neue Beziehung zueinander gebracht worden waren, herrschte Frieden unter den Christen, während sie auferbaut wurden und in der Gnade und Erkenntnis des Herrn wuchsen (2Petrus 3,18).
    Das Verb »auferbauen« (oikodomeo) ist eine Zusammensetzung aus »Haus« und »aufbauen«. Im Neuen Testament wird es sowohl mit dem Haus Gottes als auch mit dem Leib Christi verbunden. Lukas’ Verwendung des Verbs »auferbauen« in seiner dritten Zusammenfassung bezieht sich sehr wahrscheinlich auf beide Aspekte.
    Obwohl die lehrmäßige Erklärung erst später folgen würde, besonders im Rahmen des Dienstes des Paulus, bestand nun wahre Einheit nach Gottes Gedanken zwischen diesen sehr unterschiedlichen Menschengruppen, die verschiedene Kulturen repräsentierten. Das ist nicht dasselbe wie die menschliche Neigung zur Uniformität/Gleichförmigkeit. So sollte es auch heute sein.
  • Wandeln in der Furcht des Herrn. Lukas beschreibt den Wandel aller Gläubigen und Gemeinden als ein »gemeinsames Wandeln« – sich gemeinsam verhalten bzw. gemeinsam vorangehen – in der Furcht des Herrn.
    Diese Lebensweise eröffnet ein weitreichendes Studiengebiet und stellt uns vor eine Herausforderung. Ohne diese »Furcht« können wir Gottes Wort nicht sinnvoll in die Praxis umsetzen (vgl. Maleachi 1,6; 2,5; 1Korinther 2,3; 2Korinther 7,1; Epheser 5,21; 1Petrus 1,17; 2,18; 3,2; Judas 23).
  • Trost des Heiligen Geistes. Darüber hinaus wurde, während unser Herr im Himmel durch den Heiligen Geist wirkte, Trostdurch Ihn gegeben. Der Dienst des Heiligen Geistes, des Trösters, ist charakteristisch für die Apg und für die Zeit der Gnade, in der wir leben. Das Wort Trost (paraklesis = »zur Seite gerufen«; Beistand) bedeutet auch Ermutigung und Ermahnungund wird in der Apg 4x in unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet (4,36; 9,31; 13,15; 15,31).

Diese wichtigen Faktoren – Frieden, Auferbauung, Wandel in der Furcht des Herrn und Trost des Heiligen Geistes – führten gemeinsam zu großem Wachstum – zahlenmäßig als auch geistlich. Lukas verwendet dieses Verb auch in Apg 12,24 und betont damit den geistlichen Aspekt des Wachstums durch das Wort des Herrn.

4. »Das Wort Gottes aber wuchs und mehrte sich.« (Apg 12,24)

Einige Übersetzungen von Apg 12,24 haben: »das Wort des Herrn«. Beide Gedanken stimmen mit dem überein, was wir am Ende des zweiten Fortschrittsberichts gesehen haben: ein Werk Gottes durch Sein Wort unter der Führung des Herrn JesusDie Zunahme an Zahl und geistlicher Qualität wurde durch das Wort Gottes bewirkt. Dies wird in Lukas’ Fortschrittsberichten mehrfach wiederholt (6,7; 19,20; siehe auch 28,30–31).

  • Dieses fortgesetzte Wachstum (dasselbe Verb wachsen [auxano; Imperfekt Aktiv] wie in 6,7; 7,17; 19,20) geschah trotz großer Widerstände: Jakobus war getötet und Petrus war gefangen genommen worden, aber gerade freigelassen worden.
  • Lukas’ vierte zusammenfassende Aussage steht am Ende seines Berichts vom Dienst des Petrus. Obwohl dieser Apostel weiterhin wirkte, wahrscheinlich sogar noch kurze Zeit nach dem Tod des Paulus, richtet Lukas von diesem Punkt an unsere Aufmerksamkeit auf das, was der verherrlichte Messias durch Paulus wirkte. Diese Zusammenfassung (12,24) ist daher ein Wendepunkt im Bericht des Lukas.

5. »Die Versammlungen nun wurden im Glauben befestigt und mehrten sich täglich an Zahl.« (Apg 16,5)

Dieser Fortschrittsbericht beschreibt den fortgesetzten Sieg der Gnade über das Böse, nach dem geistlichen Kampf mit den Judaisten und sogar nach der Auseinandersetzung zwischen Paulus und Barnabas wegen Johannes Markus. Diese beiden »negativen« Entwicklungen, die in Apg 15 beschrieben werden, werden von folgenden »positiven« Bemerkungen des Lukas gefolgt:

  • Die Zunahme erfolgte trotz des intensiven »äußeren« Konflikts mit den Judaisten und des «inneren« Streits zwischen Paulus und Barnabas (vgl. Apg 5–6). Es gab weiterhin Wachstum als Ergebnis der fortdauernden Gnade und Treue des Herrn.
  • In diesem schwierigen Zusammenhang wird die Notwendigkeit inneren und äußeren Wachstums offensichtlich. Die beiden Verben »befestigt« (stereoo; im Glauben) und »nahm zu« (perisseuo; an Zahl) bestätigen dies. Wie kostbar muss es für den Herrn im Himmel gewesen sein, dieses Wachstum zu sehen!
  • Christus ist täglich an diesem Werk beteiligt, während Er die Gemeinde für sich selbst zubereitet (vgl. Epheser 5,25–27). Sein fortdauerndes Wirken hebt unsere eigene Verantwortung nicht auf. Wir müssen beten und Fürbitte tun sowie Sein Wort täglich lesen und studieren.
  • Bei der Beschreibung der zweiten Missionsreise des Paulus verwendet Lukas zum letzten Mal das Wort »Zahl« (arithmos, von dem unser Wort »Arithmetik« stammt) (vgl. 4,4; 5,36; 6,7; 11,21). Unser Herr weiß, wie man Rechnung führt – und Er tut es!
  • Das Verb »zunehmen« (perisseuo) wird nur in Lukas’ fünfter Zusammenfassung verwendet (16,5). An anderen Stellen wird es mit »überströmen« oder »reichlich vorhanden sein« übersetzt. Es erinnert uns an das überreiche, kraftvolle Leben, das in diesem »Samen Gottes« vorhanden ist (vgl. Maleachi 2,15) und sich in neuen Nachkommen zeigt.
  • Eine Reaktion aufseiten der Gläubigen wird durch das Wort »Glaube« ausgedrückt. Obwohl der Herr die Befestigungbewirkte, waren sie selbst aktiv an diesem Prozess beteiligt, indem sie glaubten. Die Schrift hält das Gleichgewicht zwischen Gottes Wirken und unserer Verantwortung aufrecht (vgl. Philipper 2,12–13).

6. »So wuchs das Wort des Herrn mit Macht und nahm überhand.« (Apg 19,20)

Diese Aussage erfolgte unmittelbar nach der Beschreibung des Sieges Christi in Ephesus. Dazu gehört die Bemerkung: »Viele aber von denen, die Zauberei getrieben hatten, trugen die Bücher zusammen und verbrannten sie vor allen; und sie berechneten deren Wert und kamen auf fünfzigtausend Stück Silber« (V. 19).

  • Lukas gibt hier eine eindrucksvolle Darstellung der Macht Christi in Herrlichkeit, die durch Sein Wort wirkte (19,19–20). Der Begriff »[mit] Macht« (gr. kratos) kommt in der Apg nur hier vor. Es handelt sich um einen militärischen Begriff, der den Gedanken von Herrschaft und Kontrolle beinhaltet. Alles muss dem Herrn Jesus unterworfen werden, wie Apg 19 zeigt (vgl. Mt 28,18b). Seine Verwendung an anderen Stellen bestätigt die Herrschaft, Kontrolle oder das Regiment des Herrn. (Das Wort kratos kommt im griechischen NeuenNT zwölfmal vor: Lukas 1,51; Apg 19,20; Epheser 1,19; 6,10; Kolosser 1,11; 1Timotheus 6,16; Hebräer 2,14; 1Petrus 4,11; 5,11; Judas 1,25; Offenbarung 1,6; 5,13.)
  • Lukas verwendet hier zum letzten Mal in der Apg das Verb »wachsen« (auxano) (außer 6,7; 7,17; 12,24). An anderen Stellen im Neuen Testament bezeichnet dieses Verb das geistliche Wachstum der Gläubigen als Ergebnis des Wortes Gottes (Kolosse 1,6). Dies könnte neben der zahlenmäßigen Zunahme ebenfalls in Apg 19,20 gemeint sein.
  • Dieser sechste zusammenfassende Bericht beendet Lukas’ Rückblick auf den Dienst des Paulus in Ephesus. Er betont, dass unser erhöhter Herr Macht und Sieg über die Mächte der Finsternis hat, obwohl dies unmittelbar vor dem großen Aufruhr geschah. Und so war es – wie es häufig der Fall ist – ein Sieg in Schwachheit (vgl. 2Korinther 1,4–10; 12,9–10).
  • Welche Freude muss es für den Herrn gewesen sein zu sehen, wie Sein Zeugnis gerade im Zentrum des Okkultismus aufgerichtet wurde! Wie es an Macht zunahm angesichts der gewaltigen Aktivitäten Satans. Ephesus wurde über Jahrhunderte zu einem der Zentren christlicher Kraft. Timotheus kam hierher, ebenso der Apostel Johannes sowie Polykarp und Irenäus! Paulus errichtete dort eine gemeindenahe Bibelschule (Apg 19) und unterrichtete gut drei Jahre lang täglich! Viele Gemeinden wurden von den Absolventen in den umliegenden Landstrichen gegründet und geführt.
  • Das Wort des Herrn »nahm überhand« (ischuo, von ischus). Dies zeigt nicht nur Seine Stärke und Seinen Sieg, sondern auch, dass Er Sein Wort gebrauchte, das Seine Macht darstellt, um dieses Ziel zu erreichen. Mögen auch wir Sein Wort in diesem Sinne gebrauchen und uns auf Seine Stärke verlassen!

Sich durchsetzen, überhand nehmen, siegen.  Das griechische Neue Testament verwendet das Verb ischuo 28-mal im Sinn von stark sein, fähig sein oder mächtig sein. In Apg 19,20 wird es mit »siegte« übersetzt. – In den Schriften des Lukas kommt es 14-mal vor. In 13 Fällen bezieht es sich auf den Menschen und zeigt im Allgemeinen, dass er nicht fähig ist: achtmal in seinem Evangelium (6,48; 8,43; 13,24; 14,6.29.30; 16,3; 20,26) und fünfmal in der Apg (6,10; 15,10; 19,16; 25,7; 27,16).
→ Der einzige Fall, in dem Lukas dieses Wort in Bezug auf Christus verwendet, betont, dass Er fähig ist: Er siegte durch Sein Wort (19,20).

7. »Er [Paulus] aber blieb zwei ganze Jahre in seinem eigenen gemieteten Haus und nahm alle auf, die zu ihm kamen, und predigte das Reich Gottes und lehrte mit aller Freimütigkeit ungehindert die Dinge, die den Herrn Jesus Christus betreffen. « (Apg 28,30–31)

Lukas’ siebter Fortschrittsbericht ist zugleich der dritte und letzte Rückblick auf den Dienst des Paulus. Er zeigt, wie der Herr »die Kontrolle hat«, indem Er die schwierigen Umstände des Paulus gebrauchte, um Seine eigenen Interessen auf der Erde voranzubringen. Später entschied der Herr, noch weitere Schwierigkeiten zuzulassen, wie sie im 2. Timotheusbrief aufgezeichnet sind. Doch auch dann hatte Er die volle Kontrolle, wie wir später noch ausführlicher sehen werden.

  • Lukas ist der einzige neutestamentliche Autor, der eine bestimmte Form des griechischen Verbs »aufnehmen«(apodechomai) verwendet. Er tut dies 7x (Lukas 8,40; 9,11; Apg 2,41; 18,27; 21,17; 24,3; 28,30). Dieses Verb zeigt die Haltung des »Gottes aller Gnade« (1Petrus 5,10), die sich in Paulus als Seinem willigen Werkzeug widerspiegelte, indem er alle aufnahm, die zu ihm kamen.
  • Apg 28,30 zeigt, dass Paulus kein »Partei-Mensch« war, denn er nahm »alle« auf, die ihn besuchen wollten, ohne Parteilichkeit und unter der Leitung der Weisheit von oben (vgl. Jakobus 3,17). Die Formulierung »ungehindert« / »ohne Hindernis« zeigt die Fürsorge des Herrn in dieser Situation. Die Menschen konnten kommen und Paulus sehen, obwohl er ein Gefangener war. Zugleich zeigt dies, wie das Werk trotz der Bemühungen des Feindes, es aufzuhalten, weiterging.
  • Paulus setzte seinen Dienst mit Freimütigkeit fort – »mit aller Freimütigkeit« (Zuversicht oder Freiheit im Herrn) – und richtete seinen Blick auf Ihn, indem er »das Reich Gottes verkündigte und die Dinge lehrte, die den Herrn Jesus Christus betreffen.« Die Begriffe Verkündigung, Lehre, Freimütigkeit und Reich Gottes sind alle wichtige Bestandteile des Dienstes des Paulus.

Abschließende Bemerkungen

Der Apostel Paulus befand sich in Ketten, doch Jesus Christus ließ nicht zu, dass seine Bemühungen aufgehalten oder auch nur behindert wurden! Obwohl Gottes souveräne Gnade und Barmherzigkeit ihn trugen, schloss dies nicht die Notwendigkeit aus, dass Paulus – wie wir alle –seinem himmlischen Herrn fortwährend zu vertrauen hatte.

Paulus ist in vielerlei Hinsicht ein Vorbild für jeden Christen, auch darin, ein wahrer Überwinder zu sein. Doch all seine Siege, sogar im Gefängnis, wurden dadurch möglich, dass der Herr mit Paulus wirkte, denn Er ist derjenige, der die Kontrolle hat. Mögen wir dem Beispiel des Paulus folgen, bis der Herr kommt!

Trotz des gewaltigen Widerstands genossen die Gläubigen an den verschiedenen Orten, die in Lukas’ sieben Fortschrittsberichten erwähnt werden, die Gegenwart und Unterstützung ihres verherrlichten Herrn.

Damit erfüllte sich, was Jesus Christus Seinen Jüngern vor Seinem Weggang von dieser Erde versprochen hatte: »Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters« (Matthäus 28,20; vgl. Hebräer 13,5). Im Bewusstsein Seiner Gegenwart – nicht körperlich, sondern geistlich und durch Seinen Geist, wie es im Glauben erfahren wird – wollen wir die Ermahnung beachten, uns um den Herrn zu versammeln (Hebräer 10,24), damit es trotz verschiedener Formen des Widerstands von Ungläubigen und trotz unseres eigenen Versagens etwas für Ihn geben möge.

Lasst uns um den Tisch des Herrn zusammenkommen. Lasst uns zum Namen unseres auferstandenen Herrn, Königs, Hohenpriesters und Retters Jesus Christus hingezogen werden und Seinen Namen erheben. Lasst uns Ihn preisen für Seine Barmherzigkeit, Seine Weisheit, Seine Gnade und Seine mächtige Kraft, durch die Er Sein Werk durch uns und in uns zur ewigen Herrlichkeit Gottes vollbringt!


Quellen und Disclaimer

Unter den ersten Quellen, die ich zu Inhalten und Struktur der Apg las, gehörte auch ein Artikel von Alfred Bouter, den ich in den 1980-90er Jahren in Nordamerika kennenlernte. Der Artikel trug die Überschrift: »The Work of The Lord Jesus Christ Will Never Fail – Luke’s Seven Progress Reports in Acts«. Seitdem habe ich ihn mehrfach überarbeitet und für verschiedene Gelegenheiten angepasst, zuerst bei Vorträgen in Kenia und Äthiopien auf Englisch, später in Lehrstunden zur Bibelkunde und in Predigten in deutschsprachigen Ländern. – Alfred Bouter hat die Weiterverwendung seiner Artikel und Inhalte ausdrücklich begrüßt. Er ist heute hochbetagt.

Das Beitragsbild wurde KI-unterstützt erstellt und soll nur symbolisch als BLOG-Bild wirken. Es widerspricht fast allem, was wir heute aus der Archäologie wissen. Archäologie ist auch nicht Thema des BLOG-Artikels. Wen der Herodianische Tempel näher interessiert, suche nach Leen Ritmeyer und Ritmeyer Archaeological Design. Das momentan beste 3D Modell hat wohl Daniel Smith entworfen (siehe: YouTube-Video »Jerusalem’s Temple: Building the Most Detailed Depiction of Herod’s Temple«). – Das Überblicksbild im Text ist hingegen eine zutreffende Zusammenfassung des vorliegenden Artikels (auch mithilfe von KI erzeugt).

Die Kennzeichen der Jerusalemer Urgemeinde

Lesedauer: 7 Minuten.

Die Beschreibung der Urgemeinde in Apg. 2,42–47a kann in 12 Aspekte aufgeteilt werden. Diese Einteilung ist nicht explizit im Text vorhanden, sie ist also nicht zwingend. Im Folgenden skizzieren wir diese 12 Kennzeichen und geben einen kurzen Hinweis auf die literarische Struktur des Abschnitts und dessen Hauptaussage. Wen die griechischen Texte nicht interessieren, kann sie überlesen und findet trotzdem interessante, ermutigende und herausfordernde Beobachtungen.

Der Leser sollte beachten, dass die Gemeinde Jesu heute nicht in Apostelgeschichte 2 lebt (was manche irrtümlich als »echter Überrest« anstreben oder gar behaupten), denn dies war eine einmalige Übergangszeit. Wir leben in der Zeit nach Apostelgeschichte 28, und der 2. Timotheusbrief passt dazu besser, als die Apostelgeschichte 2.

Die 12 Kennzeichen

1. Sie verharrten in der Lehre der Apostel

τῇ διδαχῇ τῶν ἀποστόλων – te didachē tōn apostolōn  = »der Lehre der Apostel«. – Das entscheidende Verb ist προσκαρτερέω (proskartereō) = »beharrlich bei etwas bleiben, sich einer Sache beständig widmen, an etwas festhalten«. Also nicht lediglich: »Sie hörten gelegentlich Predigten«, sondern: Sie widmeten sich beharrlich der apostolischen Lehre.

2. Sie verharrten in der Gemeinschaft

τῇ κοινωνίᾳ – te koinōnia. Koinōnia bedeutet »Gemeinschaft, Teilhabe, gemeinsames Teilhaben bzw. gemeinsame Verbundenheit«. Interessant ist, dass Lukas dasselbe Verb προσκαρτεροῦντες (= beharrlich) auch hier mitdenkt: Sie waren beharrlich in der Lehre der Apostel und der Gemeinschaft. Das heißt: Die Gemeinschaft war nicht bloß ein angenehmes Nebenprodukt, sie gehörte zu ihrem beständigen geistlichen Leben.

3. Sie verharrten im Brechen des Brotes

τῇ κλάσει τοῦ ἄρτου – tē klasei tou artou – Wörtlich: »dem Brechen des Brotes«. Im Zusammenhang der frühen Gemeinde ist das besonders bedeutsam. Der Ausdruck kann zwar grundsätzlich eine gemeinsame Mahlzeit bezeichnen, aber innerhalb dieses Abschnitts und angesichts der späteren Entwicklung des Brotbrechens liegt die Verbindung mit der gemeinsamen Feier des Mahls des Herrn nahe.

4. Sie verharrten in den Gebeten

ταῖς προσευχαῖς – tais proseuchais – »den Gebeten«. – Auch hier steht das Wort unter der Herrschaft des Verbs  προσκαρτερέω (proskartereō) = beharrlich. Man könnte den ganzen Vers deshalb sehr wörtlich wiedergeben mit: »Sie verharrten beharrlich in der Lehre der Apostel, in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten.«

Der Text nennt als Dauerübung der Urgemeinde ausdrücklich: Lehre – Gemeinschaft – Brechen des Brotes – Gebete. Allein in Vers 42 haben wir also bereits 4 der 12 Beschreibungselemente. Aber das ist nicht nicht alles: schon Vers 43 bringt zwei weitere Punkte:

5. Es kam Furcht über jede Seele

ἐγίνετο … φόβος – egineto … phobos – »Furcht entstand« bzw. »Furcht kam über«. Das bedeutet hier wohl nicht einfach menschliche Angst. phobos kann im biblischen Zusammenhang auch die Ehrfurcht vor Gott bezeichnen.

Bemerkenswert ist die Formulierung: πάσῃ ψυχῇ – »über jede Seele«. Lukas beschreibt damit eine Atmosphäre heiliger Ehrfurcht, die die ganze Gemeinschaft prägte.

6. Durch die Apostel geschahen viele Wunder und Zeichen

πολλά τε τέρατα καὶ σημεῖα διὰ τῶν ἀποστόλων ἐγίνετο – Wörtlich ungefähr: »viele Wunder und Zeichen geschahen durch die Apostel.« Hier haben wir τέρατα (terata) = »Wunder/außergewöhnliche Zeichen« und σημεῖα (sēmeia) = »Zeichen«, also Wunder, die auf etwas zeigten. 

Lukas macht dabei eine interessante Aussage: Die Wunder geschahen διά τῶν ἀποστόλων – »durch die Apostel«. Damit wird das Zeugnis und die Predigt der Apostel von Christus von Gott bestätigt, denn sie Taten Wunder, wie sie auch Christus öffentlich getan hatte (als Messias).

7. Die Gläubigen waren »beieinander«

πάντες δὲ οἱ πιστεύοντες ἦσαν ἐπὶ τὸ αὐτό – Hier ist die Formulierung ἐπὶ τὸ αὐτό (epi to auto) wichtig. Sie bedeutet wörtlich etwa: »an demselben [Ort/zusammen]«. Also: Alle Glaubenden waren zusammen. Es geht um eine tatsächliche, sichtbare Zusammengehörigkeit. Die Form dieses Beieinanderseins der Urgemeinde markiert m. E. einen frischen, angemessenen Anfangszustand, der vorübergehen würde: die Gemeinde Jesu würde sich geografisch ausbreiten und nur noch dünnere, aber ebenso herzliche Verbindungen über die Distanz pflegen (s. Briefe des NT).

8. Sie hatten alles gemeinsam

εἶχον ἅπαντα κοινά – hapanta koina – Wörtlich: »sie hatten alles gemeinsam«. Hier kommt wieder das Wortfeld von κοινωνία (koinōnia) zum Vorschein. Die Gemeinschaft aus Vers 42 blieb also nicht theoretisch. Sie zeigte sich praktisch im Umgang mit den materiellen Gütern: sie teilten ihre Habe, damit keiner Mangel hatte. Gab es trotzdem Mangel, »versilberte« man Immobilien des Landes. Jeder konnte sehen: Das vormals das Denken der Juden dominierende irdische Erbteil der Juden gab Raum für ein neues, geistlich-himmlisches Erbteil (ohne das andere auszulöschen). Das zeigen die zwei nächsten Punkte:

9. Sie verkauften Besitz und Güter

τὰ κτήματα καὶ τὰς ὑπάρξεις ἐπίπρασκον – ta ktmata kai tas hypárxeis epípraskon – Die beiden Begriffe sind interessant: κτήματα (ktēmata, Pl. von ktēma) = »Besitztümer, Grundstücke (Immobil)« und: ὑπάρξεις (hyparxeis, Pl. von hyparxis) = »Besitz, Habe, Vermögen, Güter«. Beide Wörter überschneiden sich in der Bedeutung, es geht um den gesamten materiellen Besitz

Das Verb ἐπίπρασκον (epípraskon) steht im Imperfekt: »sie verkauften fortwährend, sie pflegten zu verkaufen«. Das spricht also nicht unbedingt von einem einzigen, einmaligen Verkauf ihres gesamten Besitzes, sondern von einer fortlaufenden Praxis, bei Bedarf eines anderen den eigenen Besitz zu veräußern. Das ist ein wichtiger Punkt, weil der Text anschließend den Zweck nennt.

10. Sie teilten entsprechend dem Bedarf aus

διεμέριζον αὐτὰ πᾶσιν καθότι ἄν τις χρείαν εἶχεν – Wörtlich: »sie verteilten es an alle, je nachdem, wie jemand Bedarf hatte«. –  Hier steht χρεία (chreia) = »Bedürfnis, Bedarf, Notwendigkeit«. Das bedeutet also nicht einfach: »Alle bekamen gleich viel« (sog. Gießkanne), sondern: Jeder erhielt entsprechend seinem Bedarf.

Damit haben wir zwei unterscheidbare Handlungen in V. 45: verkaufen → verteilen nach Bedarf.

11. Sie waren täglich einmütig im Tempel

καθ᾽ ἡμέραν … προσκαρτεροῦντες ὁμοθυμαδὸν ἐν τῷ ἱερῷ = 
kath’ hēméran … proskarteroûntes homothymadòn en tō̂ hierō̂

Hier wird es sprachlich besonders interessant: »Tag für Tag … verharrten sie einmütig im Tempel«. Wir haben hier vier wichtige Ausdrücke: (1) kath’ hēméran = »täglich«; (2) proskarteroûntes = »beharrlich / beständig« (wie in V. 42); (3) homothymadón = »einmütig«, mit einer Gesinnung und (4) en tō̂ hierō̂ = »im Tempel«. Das ist mehr als nur »sie gingen jeden Tag in den Tempel«. Sprachlich werden hier im Griechischen Häufigkeit, Beständigkeit und innere Einheit gleichzeitig hervorgehoben.

(Und es begegnet uns wieder proskartereō, dasselbe Verb wie in V. 42. Dies zeigt an, dass man das »Verharren« der Gemeinde nicht auf die vier erstgenannten Punkte begrenzen sollte, wie es gerne getan wird!)

Theologisch sehr schön ist, dass Lukas die Beschreibung mit ihrem beharrlichen Festhaltenan den geistlichen Dingen (V. 42) beginnt und dann ihr beharrliches tägliches Zusammenkommen (V. 46) beschreibt.

12. Sie aßen gemeinsam mit Freude und Einfalt des Herzens

Nun kommt: κλῶντές τε κατ᾽ οἶκον ἄρτον = klō̂ntes te kat’ oîkon árton = »und indem sie zu Hause das Brot brachen« und: μετελάμβανον τροφῆς ἐν ἀγαλλιάσει καὶ ἀφελότητι καρδίας = metelámbanon trophês en agalliásei kai aphelótēti kardías = »nahmen sie Speise zu sich mit Freude und Schlichtheit/Einfalt des Herzens«.

Hier könnte man streng genommen wieder vier Einzelmerkmale herausarbeiten: (1) sie brachen das Brot zu Hause; (2) sie aßen gemeinsam, (3) sie taten es mit Freude (agalliasis) und (4) und mit Einfalt/Schlichtheit des Herzens (afelotēs kardias).

Das zeichnet ein ausgesprochen gemeinschaftliches, regelmäßiges, freudiges und ungezwungenes Leben der ersten Christen.

Soweit waren das zwölf Kennzeichen der Urgemeinde in Jerusalem – Es folgt Vers 47a:

  • ainountes ton theon = »Gott lobend« und: echontes charin pros holon ton laon = »Gunst/Wohlwollen beim ganzen Volk habend«. 
  • ho de kyrios prosetithei tous sozomenous kath‘ hemeran = »Der Herr aber fügte täglich die Geretteten hinzu.«

Der literarische Aufbau

Der literarische Aufbau von Lukas ist vielleicht wichtiger als die Anzahl 12. 

  • Apg 2,42 beginnt mit: »Sie verharrten/befanden sich beständig in…« und beschreibt dann ihr gemeinsames Leben.
  • Apg 2,47a endet mit: »Gott lobend und Gunst beim ganzen Volk habend.«
  • Apg 2,47b Erst dann kommt der eigentliche Fortschrittsbericht: »Der Herr aber fügte täglich die Geretteten hinzu«. Das ist sprachlich besonders schön, weil prosetithei (»er fügte hinzu«) im Imperfekt steht: Der Herr fuhr fort, Menschen hinzuzufügen

Erst beschreibt Lukas das Leben der Gemeinde – dann fasst er zusammen, was der Herr selbst tat: Er fügte täglich weitere Gerettete hinzu. Eine Gemeinde, die dieses Zusammenleben im Heiligen Geist und geistliches wie zahlenmäßiges Wachstum erleben darf, ist wahrhaft gesegnet und zur Ehre ihres Hauptes Jesus Christus.

Ein Gebet für unsere Gemeinde (J. Piper)

Eine Bitte an Gott,
eine bestimmte Art von Männern und Frauen zu formen.

O Herr, durch die Wahrheit deines Wortes und die Kraft deines Heiligen Geistes und den Dienst deines Leibes:

Forme Männer und Frauen in …………………………………….. [Ort]

  • denen es egal ist, ob sie viel Geld verdienen, 
  • denen es egal ist, ob sie ein Haus besitzen, 
  • denen es egal ist, ob sie ein neues Auto fahren oder zwei, 
  • die nicht die aktuelle Mode brauchen, 
  • denen es egal ist, ob sie berühmt werden, 
  • die ein Steak oder ausgefallenes Essen nicht vermissen, 
  • die nicht erwarten, dass das Leben bequem und leicht ist, 
  • die ganz ohne die »allabendliche Fernsehkost« leben können, 
  • die ihr Fähnchen nicht nach dem Wind drehen, 
  • die sich von der Missbilligung durch andere nicht lähmen lassen, 
  • die Böses nicht mit Bösem vergelten, 
  • die nicht nachtragend sind, 
  • die nicht klatschsüchtig sind, 
  • die die Wahrheit nicht verdrehen, 
  • die sich nicht brüsten oder angeben, 
  • die nicht jammern oder sich so verhalten, dass sie Mitleid erregen, 
  • die nicht mehr kritisieren als loben, 
  • die nicht in Cliquen herumhängen, 
  • die nicht zu viel essen oder zu wenig Bewegung haben.

Lass sie vielmehr Menschen sein, 

  • die für Gott brennen, 
  • die ganz von Gott hingenommen sind, 
  • die mit dem Heiligen Geist erfüllt sind, 
  • die danach streben, die Höhe und Tiefe der Liebe Christi zu erkennen, 
  • die der Welt gekreuzigt und der Sünde gestorben sind, 
  • die durch das Wort gereinigt sind und ganz für die Gerechtigkeit leben, 
  • die groß darin sind, die Schrift auswendig zu lernen und anzuwenden, 
  • die den Tag des Herrn heilig halten und ihn wirklich als Ruhetag nutzen, 
  • die sich der Sünde bewusst sind und dadurch innerlich zerbrochen sind, 
  • die von den Wundern der freien Gnade überwältigt sind, 
  • die vom Reichtum der Gnade Gottes zu demütigem Schweigen gebracht werden,
  • die im Gebet verharren, 
  • die sich schonungslos selbst verleugnen, 
  • die in der Öffentlichkeit furchtlos bezeugen, dass Christus der Herr ist, 
  • die in der Lage sind, den Irrtum aufzudecken und lehrmäßig für Klarheit sorgen,
  • die hartnäckig für die Wahrheit Partei ergreifen, 
  • die sich leidgeprüften Menschen liebevoll zuwenden, 
  • die mit Leidenschaft Menschen erreichen möchten, die keine Gemeinde haben,
  • die für das Lebensrecht Ungeborener eintreten, weil es um die Babys, die Mütter und Väter sowie um die Ehre Gottes geht, 
  • die in allem Wort halten und auch dem Eheversprechen treu sind, 
  • die mit dem zufrieden sind, was sie haben, und die auf die Verheißungen Gottes vertrauen,
  • die geduldig, freundlich und sanftmütig sind, wenn das Leben hart ist.

Quelle und Disclaimer

Dieses Gebet entstammt dem empfehlenswerten (Andachts-)Buch von John Piper, Taste and See (Desiring God Foundation, 1999, 2005), zitiert nach der deutschen Übersetzung: John Piper, Schmeckt und seht. Gottes Überlegenheit in allen Lebenslagen genießen (1. Auflage, Bielefeld: CLV, 2015), übersetzt von Barbara Reuter, S. 443f.

Hiobsbotschaft

Nackt bin ich aus meiner Mutter Leib hervorgekommen, und nackt werde ich dorthin zurückkehren. Der HERR hat gegeben, und der HERR hat genommen, der Name des HERRN sei gepriesen!
Hiob 1,21

Vor 10 Jahren erhielt ich die Diagnose Darmkrebs. Kaum einen Monat später wurde bei meiner geliebten Ehefrau ein Hirntumor festgestellt. Der Tod war für uns immer eine Realität gewesen – aber er war gewissermaßen »da draußen«. Nun war der »Schatten des Todes« in unser eigenes Zuhause eingedrungen.

Wir waren nicht die Ersten, die das erleben mussten. Vor mehreren tausend Jahren traf es einen Mann namens Hiob – einen gerechten und wohlhabenden Mann von außergewöhnlicher Gottesfurcht. Zunächst verlor er durch feindliche Überfälle seinen gesamten Besitz. Dann erreichte ihn die erschütternde Nachricht, dass alle seine Kinder in einem gewaltigen Sturm ums Leben gekommen waren. Wie reagierte Hiob auf diese allererste »Hiobsbotschaft«?

Zunächst schwieg Hiob. Während die schlimmen Nachrichten in Herz und Gedanken einsanken, ließen sie ihn wie betäubt zurück und erfüllten ihn mit tiefem Schmerz. Er war keineswegs ein gefühlskalter Stoiker. Er stand auf, zerriss sein Obergewand und schor sein Haupt – stille Zeichen seines tiefen Kummers und seiner Trauer. Alles Äußerliche war ihm genommen. Nun sollte sichtbar werden, worauf sein Herz wirklich gegründet war.

Dann sprach Hiob in ehrfürchtigem Glauben. Er bekannte: »Denn wir haben nichts in die Welt hereingebracht; so ist es offenbar, dass wir auch nichts hinausbringen können« (1.Timotheus 6,7). Doch Hiob geht noch weiter: »Der HERR hat gegeben, und der HERR hat genommen.« Der Glaube öffnet uns die Augen dafür, dass Gott in jeder Situation gegenwärtig ist und handelt – in guten wie in schweren Tagen. Deshalb flieht der Glaubende nicht vor Gott, sondern zu Gott. Immer. Wohin sonst?

Schließlich betete Hiob an. Satan hatte Gott »versprochen«, Hiob werde Gott verfluchen. Doch das Gegenteil trat ein: Hiob pries den Namen des HERRN. Gerade in den tiefsten Verlusten erfährt der Gläubige Gottes Gegenwart und Treue oft auf eine Weise, die ihm in unbeschwerten Zeiten verborgen geblieben wäre. Seine Seele wird zu einer Höhe emporgehoben, die ein oberflächlicher Schönwetter-Glaube nie kennenlernen würde.

Schweigen–glauben–anbeten.

Wie wirst du auf deine Hiobsbotschaft reagieren?

Dem amerikanischen Andachtsbuch Declaring His Glory Among the Nations entnommen. Urheber und Übersetzung: grace@logikos.club. (Vollreferenz: The Master’s Academy International. Declaring His Glory among the Nations: Daily Scripture Meditations from Pastors Around the World. Sun Valley, CA: Great Writing, 2019. ISBN 978-0-9600203-9-3) 

Was unser Gewissen mit unserer Kritikfähigkeit zu tun hat

Lesedauer: 1 Minute.

Jeder hat schon erlebt, dass sich Gemeindeglieder beschweren, dass eine Predigt (oder andere verbale Äußerungen) sie »verletzt« habe. In der Tat gibt es schlechte »Predigten« und auch übergriffige Prediger. Aber manchmal liegt der Grund der Kritik beim Zuhörer selbst.

Eine interessante Analyse liefert Jay E. Adams in seinem Buch »Befreiende Seelsorge«: Beim Beschwerdeführer liegt vielleicht unbewältigte eigene Schuld vor. Wo das der Fall ist, ist nicht über die Predigt zu reden, sondern dem Kläger dabei zu helfen, seine Schuld zu erkennen und abzulegen. So kann er seine Dünnhäutigkeit, sein Mimosenwesen und sein Schuldweiterschieben aufgeben und wieder empfangsbereit für ein korrigierendes Wort Gottes werden. Hier der Auszug von Jay E. Adams:

»Sprüche 28,1 drückt sehr anschaulich aus, welche Folgen ein von Schuld geplagtes Gewissen hat: ›Der Frevler flieht, auch wenn ihn niemand verfolgt, der Gerechte aber ist unerschrocken wie ein Löwe.‹

Ein schlechtes Gewissen bringt Angst, ein gutes Gewissen dagegen Unerschrockenheit.

Der Schuldbeladene ist auf der Flucht. Menschen, die unvergebene Schuld mit sich tragen, sind leicht verletzlich. Häufig sind sie in hohem Maße befangen und unfrei. Beiläufige harmlose Bemerkungen werden als persönliche Angriffe und Beleidigungen ausgelegt. Ein schuldbeladener Mensch kann behaupten, daß eine Predigt ein persönlicher Angriff gegen ihn gewesen sei. Wenn ihm der Mut dazu fehlt, kritisiert er Kleinigkeiten an der Predigt oder den Prediger selbst. Eine solche Person als paranoisch (= geistesgestört, verwirrt) zu bezeichnen, geht am eigentlichen Problem vorbei.

Andererseits ist ein Mensch, der im Frieden mit Gott lebt, unverwundbar, und er kann so unerschrocken wie ein Löwe sein.«

Predigthören verlangt geistliche Vorbereitung (siehe Spurgeon zum Thema). Denn es steht viel auf dem Spiel: geistlicher Gewinn – oder aber Verlust. Jesus Christus hat es uns so hinterlassen:

»Gebt nun Acht, wie ihr hört; denn wer irgend hat, dem wird gegeben werden, und wer irgend nicht hat, von dem wird selbst das, was er zu haben meint, weggenommen werden.« (Lukas 8,18).

»Deshalb, wie der Heilige Geist spricht: ›Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht‹« (Hebräer 3,7f).

Quelle

Jay E. Adams, Befreiende Seelsorge. Theorie und Praxis einer biblischen Lebensberatung. 8. Auflage (Gießen: Brunnen, 1988), S. 101 Fn.

Zum Herzen predigen – Was heißt das?

Lesedauer: 8 Minuten.

1983 erschien eine bedeutsame Schrift von Jay E. Adams: »Preaching to The Heart – A Heart-to-heart Discussion with Preachers of The Word« (Phillipsburg, NJ: P&P, 1983). Das Büchlein hatte nur 35 Seiten, ist aber ein Augenöffner und eine Herausforderung, was biblisches Predigen angeht. Viel zu viele »Prediger«/»Verkündiger« halten »Vorträge« in den Gemeinden, werden gar als »Referenten« vorgestellt, wenn doch der biblische Verkündigungsauftrag »Predige das Wort!« lautet (2Timotheus 4,2). Der Kontext dieser Bibelstelle macht deutlich, dass es dabei nicht nur um Informationsvermittlung geht: »Predige das Wort, halte darauf zu gelegener und ungelegener Zeit; überführe, weise ernstlich zurecht, ermahne mit aller Langmut und Lehre.« Das bedeutet, dass es über die Ohren zum Verstand und dann zum Herzen gehen muss: zum Zentrum unserer Persönlichkeit, zur »Schaltzentrale«, zum Willen, Gemüt, Verstand und Wesen – und damit hinein ins Leben. – Genau hier setzt folgende Einleitung von Jay E. Adams an. – Eine kurze Diskussion samt Buchempfehlung folgen unten.

»Seit Jahren ermahnen Homiletiker [Predigtlehrer] angehende Prediger, »zum Herzen zu predigen«. Was meinen sie damit eigentlich? Wissen Sie es? Wissen die Predigtlehrer es? Ist dieses Konzept biblisch, und wenn ja, wie setzt man es um? Diese und ähnliche Fragen bleiben oft unbeantwortet, und der durchschnittliche Prediger macht einfach weiter wie bisher, ergeben in die Annahme: »Ich werde nie ein großer Prediger sein; ich schätze, ich werde nie in der Lage sein, zum Herzen zu predigen.«

Ist das wahr? Gehört die Fähigkeit, zum Herzen zu predigen, nur den außergewöhnlich Begabten? Oder ist das Predigen zum Herzen vielmehr eine entwickelte Fertigkeit, die Prediger großartig macht? Das ganze Konzept wurde so vage und verschwommen dargestellt, dass jeder, der damit nicht vertraut ist, es schwierig oder sogar unmöglich finden würde, dieser Aufforderung nachzukommen.

Die Schuld an der Verwirrung darüber, was es bedeutet, »zum Herzen zu predigen«, liegt nicht allein bei den Homiletikern; auch die Prediger kommen nicht ungeschoren davon. Homiletiker sollten sich klar ausdrücken. Tun sie das nicht, dann ist es die Verantwortung der Prediger, so lange an deren Türen zu klopfen, bis sie es tun. Deshalb ist keine Seite schuldlos. Es hat eine Art Verschwörung der Unwissenheit gegeben, bei der Worte und Redewendungen immer wieder ausgesprochen wurden, als ob Sprecher und Zuhörer genau wüssten, wovon die Rede sei, obwohl sie es tatsächlich nicht wussten.

Als Homiletiker, der in dieser Angelegenheit selbst nicht frei von Schuld ist, glaube ich, dass etwas unternommen werden muss. Es ist an der Zeit, die ganze Sache aufzuklären. Genau darum geht es in diesem Buch.

Mein Ziel ist zu zeigen, dass das Predigen zum Herzen biblisch und deshalb notwendig ist, und dass jeder Mann, der die Gaben und die Berufung zum Predigen besitzt, klar darin unterwiesen werden kann, wie man dies tut. Mehr noch: Auf den folgenden Seiten werde ich versuchen, genau das zu lehren.

Das Konzept ist biblisch

Die erste christliche Predigt, die am Pfingsttag vom Apostel Petrus gehalten wurde, war eine Predigt zum Herzen. Lukas schreibt:

»Als sie aber das hörten, drang es ihnen durchs Herz [1], und sie sprachen zu Petrus und den übrigen Aposteln: Was sollen wir tun, Brüder?« (Apostelgeschichte 2,37)

Die Reaktion dieser Menschenmenge war das fruchtbare Ergebnis einer wirksamen Predigt, die durch den Heiligen Geist befähigt wurde. Doch wirksame, das Herz durchdringende Predigt kann auch die entgegengesetzte Reaktion hervorrufen:

»Als sie aber dies hörten, wurden ihre Herzen durchbohrt [2], und sie knirschten mit den Zähnen gegen ihn.« (Apostelgeschichte 7,54)

Als Petrus predigte, taten große Menschenmengen Buße und glaubten dem Evangelium; als Stephanus predigte, töteten seine Zuhörer ihn. Dennoch waren beide Prediger vom Geist erfüllt und predigten zum Herzen. Diese doppelte und gegensätzliche Reaktion macht von Anfang an eines deutlich: Obwohl das Predigen zum Herzen eine erstrebenswerte Wirkung ist, die durch die Kraft des Geistes hervorgebracht wird, kann die genaue Art dieser Wirkung auf den Zuhörer sehr unterschiedlich ausfallen und nicht im Voraus vorhergesagt werden.

In jedem Fall trifft geistgewirkte, biblische Predigt das Herz direkt. Sie ruft eine Reaktion hervor. Kein Zuhörer kann gleichgültig bleiben, er muss reagieren. Von einer Predigt zum Herzen zu sprechen bedeutet also, von einer Predigt zu sprechen, die eine eindeutige Reaktion hervorbringt. Es ist eine Predigt, die Worte und Handlungen beim Zuhörer hervorruft.

Stell Dir das einmal vor: Eine Predigt, die zum Handeln bewegt! Eine Predigt, die Wirkung zeigt! Eine Predigt, die den Zuhörer so aufrüttelt, dass er reagieren muss! Genau das brauchen wir heute.

Gibt es einen Leser, der nicht gern so predigen oder eine solche Predigt hören wollte? Gibt es einen Leser, der bereits viele Predigten gehört hat, die so beschaffen waren? Irgendetwas stimmt nicht. Was ist mit unserer Verkündigung geschehen? Warum ist solches Predigen praktisch unbekannt? Das müssen wir untersuchen und entscheiden, was Gott von uns erwartet.«

Fußnoten

[1] Das Verb katanyssō ist ein starkes Wort mit der Bedeutung »stechen, betäuben, schlagen, verwunden«. Dieses zusammengesetzte Wort verbindet nyssō (»durchbohren, punktieren«) mit kata, einer Präposition, die die Handlung verstärkt. Die Passivform des Verbs bezeichnet ein »Ins-Herz-Gestochen-« oder »Ins-Herz-Getroffenwerden«.

[2] Das Verb diapriō, hier mit »durchbohrt« bzw. »durchdrungen« übersetzt, wird auch in Apostelgeschichte 5,33 verwendet. Es enthält die Vorstellung des »Durchsägens« (priō = »sägen, zerschneiden, beißen«; dia = »durch«) und trägt häufig die Bedeutung von »das Herz durchschneiden«“ oder »bis ins Herz schneiden«).


Diskussion

Jay E. Adams argumentiert bereits in der Einleitung mit der unverkennbaren Handschrift seines nouthetischen Ansatzes (s.u.):

  • Betonung von klaren Definitionen statt Schlagworten.
  • Ablehnung vager homiletischer Formeln (»predige zum Herzen«) ohne konkrete Anleitung.
  • Starker Fokus auf Veränderung und Reaktion.
  • Die Überzeugung, dass biblische Verkündigung nicht nur informiert, sondern den Hörer zu einer Antwort zwingt.
  • Die Verbindung von Predigt und Seelsorge: Das Wort Gottes zielt auf das Herz des Menschen und damit auf Denken, Wollen und Handeln.

Entscheidend wichtig ist, dass Adams den Begriff »zum Herzen predigen« nicht primär emotional versteht. Viele moderne Leser würden darunter spontan eine gefühlsbetonte, Emotionen auslösende, »bewegende« Predigt verstehen. Adams meint jedoch etwas anderes:

Eine Predigt trifft das Herz dann, wenn sie den inneren Menschen erreicht und eine konkrete Reaktion hervorruft.

Deshalb stellt er Apostelgeschichte 2,37 und 7,54 im Vergleich nebeneinander:

  • Petrus predigt → Menschen werden getroffen und tun Buße.
  • Stephanus predigt → Menschen werden getroffen und töten den Prediger.

In beiden Fällen wurde »zum Herzen« gepredigt. Der Unterschied liegt nicht in der Qualität der Predigt oder des Predigers, sondern in der Reaktion des Herzens des Zuhörers: Der Zuhörer offenbart in seiner Reaktion, was für ein Herz, welche Herzenshaltung, er hat.

Das ist ein wichtiger Punkt, weil Adams damit eine verbreitete Vorstellung korrigiert: »Zum Herzen predigen« bedeutet nicht, dass die Zuhörer emotional bewegt werden, sondern: »Zum Herzen predigen« bedeutet, dass Gottes Wort den inneren Menschen erreicht und eine Entscheidung, Stellungnahme oder Handlung hervorruft.

Hiermit steht Adams in einer langen Tradition. Man kann sich die Entwicklung in Kürze so vorstellen: Von den Puritanern (Richard Baxter (1615–1691), John Owen (1616–1683), zu Thomas Watson (ca. 1620–1686)): Predige zum Gewissen, zu Jonathan Edwards (1703–1758): Predige zu Verstand und Affekten zu Martyn Lloyd-Jones (1899–1981): Predige den ganzen Menschen an. Und schließlich Jay Adams (1929–2020): Predige zum Herzen.

Die Genannten sind überzeugt, dass biblische Predigt mehr sein muss als reine Informationsvermittlung (Wortstudien, Bibellexikon-Vorträge usw.). Sie soll vielmehr den inneren Menschen vor Gott zur Entscheidung und Reaktion bringen. Aber sie fallen mit dieser Zielsetzung nicht auf der emotionalen Seite vom Pferd. Für sie ist das »Herz« nicht primär Sitz der Gefühle, sondern in biblisch korrektem Verständnis das Zentrum der Person, mithin Verstand, Gewissen, Wille und Neigungen. Gottes Wort meint die ganze Person – daher spricht sie das Zentrum der Person an.

Versuchen wir abschließend eine Definition, was »zum Herzen predigen« heißt. Es ist weder »emotionale Ansprache« und »gefühlsvolles Abholen« noch »Bibelschulvortrag« oder bloße »Informationsvermittlung«. Vielmehr gilt:

Herzorientierte Predigt ist biblische Verkündigung, die durch die Kraft des Heiligen Geistes den inneren Menschen so anspricht, dass der Hörer sich nicht gleichgültig Gottes Wahrheit entziehen kann, sondern zu Glauben, Buße, Gehorsam oder aber zum Gegenangriff, Verleumdung oder bloßer Ablehnung herausgefordert wird.

Damit ist klar, dass effektive Predigt ein göttliches Wunder ist. Schon deswegen erfordert sie anhaltendes, demütiges und gläubiges Gebet: vom Prediger, vom Hörer, von der gesamten hörenden Gemeinde »unter Gottes Wort«.

Tipps für Prediger

  • Predige nicht nur zum Verstand.
  • Predige nicht primär zur Unterhaltung oder Bildung.
  • Predige so, dass das Gewissen vor Gott angesprochen wird.
  • Dränge die Wahrheit auf Herz, Gewissen und Willen des Hörers.

Wenn sich dann deine Zuhörer »getroffen«, »verletzt« oder »durchbohrt« fühlen, hat das Wort nach Hebräer 4,12 sein göttliches Wesen entfaltet, was ein wahres und gnädiges Wunderwirken Gottes ist (siehe auch diesen Beitrag). Das gilt auch, wenn Ablehnung und Hass entstehen. Prediger leben gefährlich. Bergrettern, SAR-Teams und Rettungsschwimmern der Küstenwache geht es nicht anders.

Buchempfehlung: Jay E. Adams, Predigten. Zielbewusst – anschaulich – überzeugend: Handbuch für biblische Verkündigung, 2. Auflage (Bielefeld: CMV, 2013), 176 Seiten. Originaltitel: Preaching with purpose.

Nouthetische Seelsorge (Jay E. Adams)

Jay Adams prägte in den 1970er Jahren den Ausdruck »Nouthetic Counseling« (»nouthetische Seelsorge«). Der Begriff »nouthetisch« geht auf das griechische Verb noutheteō (νουθετέω) zurück, das im Neuen Testament mit »ermahnen«, »zurechtweisen«, »warnen« oder »unterweisen« wiedergegeben wird (z. B. Apg 20,31; Röm 15,14; Kol 1,28; 3,16; 1Thess 5,12.14).

Eine Definition könnte lauten:

Nouthetische Seelsorge ist die persönliche, auf die Heilige Schrift gegründete Konfrontation eines Menschen mit Gottes Wahrheit, unter der Leitung des Heiligen Geistes, mit dem Ziel von Buße, Glauben, Gehorsam und geistlicher Veränderung. Diese Seelsorge arbeitet mit der liebevollen, direkten und biblisch fundierten Anwendung der Heiligen Schrift auf Denken, Herz und Verhalten eines Menschen, damit dieser Gott verherrlicht und Christus ähnlicher wird.

Buchempfehlungen: Jay E. Adams, Befreiende Seelsorge. Theorie und Praxis einer biblischen Lebensberatung. 8. Auflage (Gießen/Basel: Brunnen, 1988). Originaltitel: Competent to Counsel. Derselbe: Grundlagen biblischer Lebensberatung. Beiträge zu einer Theorie der Seelsorge. (Gießen: Brunnen, 1983). Originaltitel: More than Redemption. – Beide deutschsprachigen Werke sind antiquarisch erhältlich, die Originaltitel auch im Buchhandel.

Das Wort, das schneidet (Kostprobe)

John F. MacArthur
Das Herzstück der Bibel
52 Schlüsselabschnitte zum Nachsinnen und Auswendiglernen

EBTC, 2024, geb., 200 Seiten | ISBN: 978-3969571279

Im Folgenden eine »Kostprobe« aus einem klug aufgebauten und erbauend zu lesenden Streifzug durch die Schätze der biblischen Lehre, sozusagen eine »Systematische Theologie« in Andachtsform. Das sind »Herzstücke« für jeden, der Gott und Seine Heilige Schrift liebt.

Lesedauer: 3 Minuten.

Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und durchdringend bis zur Scheidung von Seele und Geist, sowohl der Gelenke als auch des Markes, und ein Beurteiler der Gedanken und Überlegungen des Herzens. (Hebräer 4,12)

Hältst du die Bibel für ein nettes Buch? Viele halten sie für ein Buch religiöser Geschichten. Christen halten die Bibel oft für ein tröstliches Buch, ein ermutigendes Buch, ein Buch, das einen erbaut. Aber die Bibel selbst erhebt den Anspruch, ein Schwert zu sein – lebendig, wirksam und scharf. Sie schneidet wie das Skalpell eines Chirurgen, es dringt in die Tiefen deiner Seele und deines Geistes vor, es schneidet deine Gelenke und dein Knochenmark. Das ist ein lebhaftes Bild. Es hört sich ganz so an, als würde es wehtun. Die Bibel ist nicht nur ein Balsam, das wir auftragen, um Linderung zu bekommen. Sie ist eine Klinge, die tief in uns eindringt. Sie kennt unsere Gedanken und Absichten besser als wir selbst.

Nichts schneidet und durchdringt so wie Gottes Wahrheit. Alle Psychologie und Philosophie der Welt sind nicht imstande, in die Tiefen der Seele einzudringen, wie es das Wort Gottes kann. Kein Psychologe oder Philosoph ist jemals in der Lage, dich so zu kennen, wie Gott dich kennt. Johannes sagt, dass Jesus es nicht nötig hatte, dass ihm jemand sagte, was sich im Herzen des Menschen befindet, weil er bereits wusste, was darin war (Johannes 2,25). Dein Herz ist vor Gott völlig offengelegt. Er kann in dich hineinsehen. Er hat einen tiefen Einblick in deine Seele.

Niemand kennt dich so gut, wie Gott. Kein Buch dringt so zum Kern deines Herzens vor, wie die Bibel – sowohl in negativer als auch in positiver Hinsicht. Wenn wir niedergeschlagen sind, weiß die Bibel uns aufzumuntern, zu trösten und aufzubauen. Doch wenn wir uns auf unserem hohen Ross des Stolzes oder menschlicher Weisheit befinden, dann versteht sich die Bibel darauf, uns herunterzuholen, indem sie unsere Sünde bloßstellt, unsere Heuchelei entlarvt und unseren Eigensinn niederreißt.

Das Lesen der Bibel ist kein ungefährliches Unterfangen. Es kann eine beängstigende Erfahrung sein. Doch überall, wo Gott [bei einem Glaubenden] mit seinem Wort schneidet, heilt er auch. Alles, was er offenbart, legt er frei, um die Stelle zu reinigen. Jesus sagte, dass wir wie Reben an einem Weinstock sind, die vom Weingärtner gereinigt werden (Johannes 15,2). Wir müssen gereinigt bzw. beschnitten werden, damit wir Frucht bringen können. Diese Beschneidung geschieht durch das Wort Gottes.

Ich bin dankbar für das Wort Gottes als Quelle des Trostes, der Hoffnung, der Freude, der Anbetung und des Lobes. Darüber hinaus bin ich dankbar für das Wort Gottes als durchdringendes, überführendes, unterscheidendes Schwert, das mich mit nichts davonkommen lässt. Indem ich mein Leben dem Wort Gottes aussetze, wird meine Sünde aufgedeckt. Wenn meine Sünde auf-gedeckt wird, kann sie ausgeräumt werden. Dabei handelt es sich um die Reinigung, die mich befähigt, zu meiner eigenen Freude und zur Ehre Gottes mehr Frucht zu bringen.