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In meiner »Kruscht- & Fun-Kiste« fiel mir neulich ein über 30 Jahre alter Artikel in die Hände über einen sprachlichen Irrsinn, für den manche mit großem Ernst und Wahn auch sterben würden (alternativ reicht auch das Superkleben an ein Redaktionsgebäude). Der Autor war jahrelang Redakteur einer Zeitschrift, ist ein Sprachgenie, vielfacher Autor und Übersetzer. Er schreibt hier mit bemerkenswerter Bissigkeit und Sarkasmus, aber erzeugt damit bei einigen ein entspanntes Schmunzeln. Wie anders, als mit Humor, sollte man die militanten Sprach:vergewalt:gender:Innen-Szene sonst ertragen können? Hier kommt ein echter »Oldie-but-Goodie«:
Das hatte gerade noch gefehlt! Da ringt man seit Jahren, was sage ich? seit Jahrzehnten, mit sich selbst und hadert mit dem Schicksal, das einem wie ein schadenfreudiger Pauker ausgerechnet Deutsch als lebenslange Hausaufgabe vor die Füsse geschmissen hat. Als ob diese Sprache, mit der sich so Tiefes und Dunkles, so Lichtvolles und Erhabenes ausdrücken lässt, wie es das berühmte deutsche Gemüt ja nur sein kann, ja, als ob diese Sprache nicht schon der Tücken und Fallen genug besässe!
Was ist passiert? Um es kurz und möglichst schmerzlos zu machen, dies: Man (frau?). Nein. es war kein unpersönlicher Jemand, sondern ein mündiger, denkender – wiewohl schadenfreudiger – Mensch, der, oder die oder geschlechtsneutral … eine Mannfrau, nein: eine Mann/Frau. Wieso der Mann zuerst? Typisch Mann! Also besser: ein Fraumann – oder heisst es: eine Fraumännin? Sehen Sie, sogar ich habe mich verfangen! Dabei habe ich inzwischen einiges Brainstorming hinter mir. Ich denke, Sie ahnen das Problem.
Jemand – das ist unschuldig, oder? Oder doch nicht? Jemand, –mand! Ist mand am Ende ein verkappter Mann, ein garstiger, hinterhältiger, arroganter Misogyne, ein Pascha?! Das wäre ja doch allerhand. Jahrhundertelang redet und tut alle Welt so unschuldig, redet frischfröhlich ganz einfach von jemand, immer und überall heisst es schlicht jemand, und das mit allen Schikanen des Dativs und Akkusativs, und man tut die ganze Zeit, als ob nichts wäre. Es ist nicht mehr als gerecht, hier aufzuräumen. Also: Jefrau hat… Halt! Wollen Sie damit behaupten, die Frau sei schuld? Wir kennen den Dreh. Cherchez la femme! Ja,ja.
Immer dieses alte Lied. Also gut, wir müssen ein anderes Wort einführen, denn Gerechtigkeit muss sein. Sollen wir einfach sagen, ein body wie die Engländer? Vielleicht ein wenig geistlos, nur ein body; ich auf alle Fälle sehe da nur Muskeln und Rundungen vor mir. Wie wäre es mit jemensch? Gefällt mir nicht schlecht.
Ich habe den Faden verloren. Wo waren wir stehengeblieben? Auf alle Fälle bei einem Unglück, bei einer Heimsuchung.
Noch einmal von Anfang an. Eine Person – aber warum eine Person? Finden Sie das gerecht? Wieso ausgerechnet eine? Warum nicht ein Person? Geht nicht? Also gut, Grammatik ist Grammatik. Aber manchmal ist Deutsch eben doch ein Glücksfall: Sagen wir doch ein Persönchen. Das ist wunderbar neutral. Mit besagtem Persönchen begann das Unheil:
Es ist entdeckt worden. Jetzt hab ich’s, ich fühle mich wie Archimedes in der Badewanne, als er seinen unsterblich gewordenen Urschrei aller Fündiggewordenen in die Stille der sizilianischen Nacht hinaustrompetete. Es lebe das unpersönliche und so herrlich unverfängliche Passiv! Das prophezeie ich Ihnen: Das Passiv ist die Ausdrucksweise der Zukunft! Also: Es ist entdeckt worden, dass unsere Sprache sexistisch verseucht ist, jawohl: sexistisch verseucht. Keine Angst, sexistisch hat nichts mit unbotmässigem Sex zu tun, wir sind hier anständige Leute; es geht dennoch um etwas Ungeheuerliches: die sprachliche Diskriminierung zwischen den Geschlechtern! Wer hätte der scheinbar so unschuldigen Sprache so etwas Niederträchtiges zugetraut? Damit auch die begriffsstutzigsten Gemüter – ich sehe nach allem, was ich bisher erfahren musste, ein, dass auch ich zu diesen gehöre – ein Einsehen hätten, begann man gleich eine wahre Sturzflut von Belegen zu liefern. Workshops wirkten, Zeitschriften wurden zu Dutzenden aus der Taufe gehoben, zuhauf fanden sich sexistisch Aufgebrachte zu Zirkeln zusammen, Kommissionen tagten, kurz und gut: Man rückte dem sexistischen Ungeheuer, das sich jahrtausendelang wie ein fetter Parasit in unserem schönen Sprachkörper eingenistet hatte, zu Leibe. Schliesslich sollte man, pardon! frau oder man/frau oder frau/man, nein: hier und in diesem Fall eindeutig man – die sind ja das Problem! – wissen, wie ernst die Sache ist. Und nun einige Belege:
Ein erstes Beispiel: Im Zeitalter bemannter Raumflüge hinkt die Sprache wie ein alter Patriarch, schlimmer als der neunhundertjährige Methusalem, hinter der Entwicklung her; sie hat noch nicht kapiert, dass auch Frauen den Raum erobert haben. Fortan hat es zu heissen: befraute Raumflüge. Protest von der Männerseite. Wird akzeptiert; also in Zukunft sind solche Flüge als bemenscht zu bezeichnen. Die NASA nennt sie seit einiger Zeit habitated. Na ja, bewohnt, warum nicht, immer noch besser als dieses patriarchalisch fixierte manned.
Oder dies: Da konnte man in den zahllosen Zeitungen deutschsprachiger Lande jahraus jahrein Sätze wie den folgenden lesen: «Unter den Konferenzteilnehmern herrschte einhellig die Meinung …» Ist Ihnen etwas aufgefallen? Wahrscheinlich nicht, und damit sind Sie der beste Beweis dafür, wie nötig hier Aufklärung ist: Es herrscht immer jemand – Verzeihung, wir hatten uns ja auf jemensch geeinigt – oder etwas, sogar etwas scheinbar so Unschuldiges wie das Wetter oder eine modische Meinung. Dem hat man, nein – wann kapierst du es endlich? –, frau abgeholfen. Seither frauscht es im Blätterwald. Das ist nicht mehr als recht, oder?
Aus naheliegenden Gründen wird sich die Männerwelt problemlos mit den Klabauter-, Hampel- und Buhfrauen anfreunden, pardon, anfreundinnen, sind wir doch ganz froh, wenn nicht ewig den Männern die schwarze Petra (diesmal bin ich nicht hereingefallen!) zugeschoben wird. Denn das muss um der Gerechtigkeit willen auch einmal gesagt sein: In der Schweiz drohen – gewiss, pädagogisch unterbelichtete, mit denen wir alle Geduld haben wollen – Eltern seit Jahrhunderten ihren Sprösslingen, der Böölimaa sperre sie in den Keller, wenn sie nicht sofort Ruhe geben und einschlafen. Ich habe nie gehört. dass mit dem Bööliwiib gedroht worden wäre. Aber da dürfen wir jetzt auf Änderung dieses untragbaren Zustandes hoffen. Auch ans Strichfräulein werden wir uns gewöhnen, aber den Mann im Mond, den lassen wir uns nicht kampflos nehmen, und wenn’s den Herrinnen der Schöpfung nicht passt, dann haben sie ja immer noch das geschlechtsneutrale Mondkalb.
Verzeihen Sie, ich bin ein wenig abgeschweift. Es ging ja um Belege für die patriarchalisch beherrschte – sic! denn hier geht aus offensichtlichen Gründen «befrauscht» nicht – Sprache. Die sind nun einmal nicht von der Hand zu weisen, aber ich habe trotzdem noch Bauchweh. Schüchtern und vorsichtig – man (immer noch nicht kapiert? man/frau!) kann heutzutage nicht vorsichtig genug sein – frage ich immer noch, ob denn die Sprache nicht auch so kompliziert genug sei. Auf diesem Schlachtfeld voller sexistischer Tretminen muss man ja höllisch aufpassen. Dieser sprachliche Sexismus ist zwar erschütternd, das will ich nicht abstreiten, aber sehen Sie, ich bin kein Jüngling mehr, und einem alten Hund bringt man nicht mehr so leicht das Sitzen bei. Da kann es einem sonst vor lauter Aufpassen ergehen wie einem leibhaftigen bundesdeutschen Minister. Er wandte sich mit diesen Worten an eine vor ihm versammelte Kinderschar: «Liebe Kindinnen, liebe Kinder». Der arme Mann, er hätte sich die Zunge abbeissen mögen, als er seinen Ausrutscher bemerkte. Am andern Tag zitierte ihn nicht nur die Lokalpresse, sondern zu seinem Entsetzen musste er seinen Versprecher auch noch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung lesen. Also, seien wir doch nicht so stur, lassen wir die Sprache Sprache sein. Ho, da machen wir die Rechnung aber ohne den Wirt, pardon, ohne die Wirtin! Sie stemmt die Fäuste in die Hüften und verschiesst mit ihren Augen so wütende Blitze, dass ich schnell den Kopf einziehe: Auch diese letzte Bastion der Ungleichheit muss fallen! Und sie wird fallen! Wenn frau will, steht sogar die Sonne still! Ich wage es ganz vorsichtig und strecke noch einmal einen Finger in die Luft; denn ich habe ein Problem. Hoffentlich merkt es die Wirtin nicht, aber ich wende mich jetzt an Sie, liebe Leserinnen. Zuerst dachte ich auch, das sei ein ungeheurer Fortschritt, eine historische Befreiungstat, als man von Kolleglnnen, FahrerInnen. Partnerlnnen usw. zu schreiben anfing. Endlich Gerechtigkeit! Aber wissen Sie, liebeR LeserIn, wie man all diese -Innen liest, ich meine nicht leise und nur mit den Augen, sondern laut? Wie lauten die Dinger, diese verflixten Hermaphroditen. diese doppelgeschlechtigen Ungeheuer, die – seien wir ehrlich – noch kein Mensch gesehen hat? Wie heissen sie. wenn man von ihnen spricht? Muss man bei GenossInnen bei Genoss- die Stimme heben und dann bei -Innen senken. zwischen beiden absetzen oder nicht absetzen, zuerst senken, dann heben. oder am Ende keines von beiden? Ich bin ratlos. Wer hilft mir? ■
Quelle und Disclaimer
Textquelle: Benedikt Peters – factum November/Dezember 1992 (S. 28–30)
Disclaimer. Dieser Beitrag wird mit seiner Wiedergabe hier weder vereinnahmt noch zu eigen gemacht. Lustig ist er trotzdem! Und lehrhaft. Sogar ernst!
Schon vor Hunderten von Jahren hatten kluge Fürsten Hofnarren. Der englische König Henry VIII hatte seinen Will Sommers. Der französische König Francis I of France hatte seinen Triboulet. Man gönnte sich also seinen »Jester«. Keineswegs nur zur Unterhaltung. Der Hofnarr erfüllte oft eine wichtige politische und soziale Funktion. Denn er durfte die Wahrheit sagen. Er durfte Dinge aussprechen, die sonst niemand zu sagen wagte. Ein Fürst lebte oft in einer Welt von Schmeichlern, Höflingen und abhängigen Beamten. Wer offen Kritik übte, riskierte Karriere, Freiheit oder sogar sein Leben.
Der Hofnarr hingegen genoss Narrenfreiheit. Unter dem Deckmantel des Witzes konnte er zum Beispiel sagen: »Majestät, Ihr seid heute wieder so weise wie gestern – und gestern habt Ihr Euch geirrt.« – Als Triboulet eines Tages seinen König grob beleidigte, wurde er vom König zum Tode verurteilt. Als letzte Gnade durfte Triboulet die Art seines Todes wählen. Da sagte Triboulet: »Sire, ich möchte an Altersschwäche sterben.« Der König musste lachen und begnadigte ihn.
Mit der Abschaffung der Hofnarren im 17.–18. Jahrhundert kam es zum Aufstieg moderner Bürokratien. Aber es galt weiter: Der kluge Herrscher/Minister/Führer suchte sich Menschen, die ihm widersprachen. Der dumme Herrscher umgab sich mit Menschen, die ihm zustimmten. – Das kann man bis heute in Politik, Wirtschaft und Kirche/Gemeinde beobachten.
