Es frauscht im Blätterwald

Lesedauer: 9 Min.

In meiner »Kruscht- & Fun-Kiste« fiel mir neulich ein über 30 Jahre alter Artikel in die Hände über einen sprachlichen Irrsinn, für den manche mit großem Ernst und Wahn auch sterben würden (alternativ reicht auch das Superkleben an ein Redaktionsgebäude). Der Autor war jahrelang Redakteur einer Zeitschrift, ist ein Sprachgenie, vielfacher Autor und Übersetzer. Er schreibt hier mit bemerkenswerter Bissigkeit und Sarkasmus, aber erzeugt damit bei einigen ein entspanntes Schmunzeln. Wie anders, als mit Humor, sollte man die militanten Sprach:vergewalt:gender:Innen-Szene sonst ertragen können? Hier kommt ein echter »Oldie-but-Goodie«:

Das hatte gerade noch gefehlt! Da ringt man seit Jahren, was sage ich? seit Jahrzehnten, mit sich selbst und hadert mit dem Schicksal, das einem wie ein schadenfreudiger Pauker ausgerechnet Deutsch als lebenslange Hausaufgabe vor die Füsse geschmissen hat. Als ob diese Sprache, mit der sich so Tiefes und Dunkles, so Lichtvolles und Erhabenes ausdrücken lässt, wie es das berühmte deutsche Gemüt ja nur sein kann, ja, als ob diese Sprache nicht schon der Tücken und Fallen genug besässe!

Was ist passiert? Um es kurz und möglichst schmerzlos zu machen, dies: Man (frau?). Nein. es war kein unpersönlicher Jemand, sondern ein mündiger, denkender – wiewohl schadenfreudiger – Mensch, der, oder die oder geschlechtsneutral … eine Mannfrau, nein: eine Mann/Frau. Wieso der Mann zuerst? Typisch Mann! Also besser: ein Fraumann – oder heisst es: eine Fraumännin? Sehen Sie, sogar ich habe mich verfangen! Dabei habe ich inzwischen einiges Brainstorming hinter mir. Ich denke, Sie ahnen das Problem.

Jemand – das ist unschuldig, oder? Oder doch nicht? Jemand, –mand! Ist mand am Ende ein verkappter Mann, ein garstiger, hinterhältiger, arroganter Misogyne, ein Pascha?! Das wäre ja doch allerhand. Jahrhundertelang redet und tut alle Welt so unschuldig, redet frischfröhlich ganz einfach von jemand, immer und überall heisst es schlicht jemand, und das mit allen Schikanen des Dativs und Akkusativs, und man tut die ganze Zeit, als ob nichts wäre. Es ist nicht mehr als gerecht, hier aufzuräumen. Also: Jefrau hat… Halt! Wollen Sie damit behaupten, die Frau sei schuld? Wir kennen den Dreh. Cherchez la femme! Ja,ja.

Immer dieses alte Lied. Also gut, wir müssen ein anderes Wort einführen, denn Gerechtigkeit muss sein. Sollen wir einfach sagen, ein body wie die Engländer? Vielleicht ein wenig geistlos, nur ein body; ich auf alle Fälle sehe da nur Muskeln und Rundungen vor mir. Wie wäre es mit jemensch? Gefällt mir nicht schlecht.

Ich habe den Faden verloren. Wo waren wir stehengeblieben? Auf alle Fälle bei einem Unglück, bei einer Heimsuchung. 

Noch einmal von Anfang an. Eine Person – aber warum eine Person? Finden Sie das gerecht? Wieso ausgerechnet eine? Warum nicht ein Person? Geht nicht? Also gut, Grammatik ist Grammatik. Aber manchmal ist Deutsch eben doch ein Glücksfall: Sagen wir doch ein Persönchen. Das ist wunderbar neutral. Mit besagtem Persönchen begann das Unheil: 

Es ist entdeckt worden. Jetzt hab ich’s, ich fühle mich wie Archimedes in der Badewanne, als er seinen unsterblich gewordenen Urschrei aller Fündiggewordenen in die Stille der sizilianischen Nacht hinaustrompetete. Es lebe das unpersönliche und so herrlich unverfängliche Passiv! Das prophezeie ich Ihnen: Das Passiv ist die Ausdrucksweise der Zukunft! Also: Es ist entdeckt worden, dass unsere Sprache sexistisch verseucht ist, jawohl: sexistisch verseucht. Keine Angst, sexistisch hat nichts mit unbotmässigem Sex zu tun, wir sind hier anständige Leute; es geht dennoch um etwas Ungeheuerliches: die sprachliche Diskriminierung zwischen den Geschlechtern! Wer hätte der scheinbar so unschuldigen Sprache so etwas Niederträchtiges zugetraut? Damit auch die begriffsstutzigsten Gemüter – ich sehe nach allem, was ich bisher erfahren musste, ein, dass auch ich zu diesen gehöre – ein Einsehen hätten, begann man gleich eine wahre Sturzflut von Belegen zu liefern. Workshops wirkten, Zeitschriften wurden zu Dutzenden aus der Taufe gehoben, zuhauf fanden sich sexistisch Aufgebrachte zu Zirkeln zusammen, Kommissionen tagten, kurz und gut: Man rückte dem sexistischen Ungeheuer, das sich jahrtausendelang wie ein fetter Parasit in unserem schönen Sprachkörper eingenistet hatte, zu Leibe. Schliesslich sollte man, pardon! frau oder man/frau oder frau/man, nein: hier und in diesem Fall eindeutig man – die sind ja das Problem! – wissen, wie ernst die Sache ist. Und nun einige Belege:

Ein erstes Beispiel: Im Zeitalter bemannter Raumflüge hinkt die Sprache wie ein alter Patriarch, schlimmer als der neunhundertjährige Methusalem, hinter der Entwicklung her; sie hat noch nicht kapiert, dass auch Frauen den Raum erobert haben. Fortan hat es zu heissen: befraute Raumflüge. Protest von der Männerseite. Wird akzeptiert; also in Zukunft sind solche Flüge als bemenscht zu bezeichnen. Die NASA nennt sie seit einiger Zeit habitated. Na ja, bewohnt, warum nicht, immer noch besser als dieses patriarchalisch fixierte manned

Oder dies: Da konnte man in den zahllosen Zeitungen deutschsprachiger Lande jahraus jahrein Sätze wie den folgenden lesen: «Unter den Konferenzteilnehmern herrschte einhellig die Meinung …» Ist Ihnen etwas aufgefallen? Wahrscheinlich nicht, und damit sind Sie der beste Beweis dafür, wie nötig hier Aufklärung ist: Es herrscht immer jemand – Verzeihung, wir hatten uns ja auf jemensch geeinigt – oder etwas, sogar etwas scheinbar so Unschuldiges wie das Wetter oder eine modische Meinung. Dem hat man, nein – wann kapierst du es endlich? –, frau abgeholfen. Seither frauscht es im Blätterwald. Das ist nicht mehr als recht, oder? 

Aus naheliegenden Gründen wird sich die Männerwelt problemlos mit den Klabauter-, Hampel- und Buhfrauen anfreunden, pardon, anfreundinnen, sind wir doch ganz froh, wenn nicht ewig den Männern die schwarze Petra (diesmal bin ich nicht hereingefallen!) zugeschoben wird. Denn das muss um der Gerechtigkeit willen auch einmal gesagt sein: In der Schweiz drohen – gewiss, pädagogisch unterbelichtete, mit denen wir alle Geduld haben wollen – Eltern seit Jahrhunderten ihren Sprösslingen, der Böölimaa sperre sie in den Keller, wenn sie nicht sofort Ruhe geben und einschlafen. Ich habe nie gehört. dass mit dem Bööliwiib gedroht worden wäre. Aber da dürfen wir jetzt auf Änderung dieses untragbaren Zustandes hoffen. Auch ans Strichfräulein werden wir uns gewöhnen, aber den Mann im Mond, den lassen wir uns nicht kampflos nehmen, und wenn’s den Herrinnen der Schöpfung nicht passt, dann haben sie ja immer noch das geschlechtsneutrale Mondkalb. 

Verzeihen Sie, ich bin ein wenig abgeschweift. Es ging ja um Belege für die patriarchalisch beherrschte – sic! denn hier geht aus offensichtlichen Gründen «befrauscht» nicht – Sprache. Die sind nun einmal nicht von der Hand zu weisen, aber ich habe trotzdem noch Bauchweh. Schüchtern und vorsichtig – man (immer noch nicht kapiert? man/frau!) kann heutzutage nicht vorsichtig genug sein – frage ich immer noch, ob denn die Sprache nicht auch so kompliziert genug sei. Auf diesem Schlachtfeld voller sexistischer Tretminen muss man ja höllisch aufpassen. Dieser sprachliche Sexismus ist zwar erschütternd, das will ich nicht abstreiten, aber sehen Sie, ich bin kein Jüngling mehr, und einem alten Hund bringt man nicht mehr so leicht das Sitzen bei. Da kann es einem sonst vor lauter Aufpassen ergehen wie einem leibhaftigen bundesdeutschen Minister. Er wandte sich mit diesen Worten an eine vor ihm versammelte Kinderschar: «Liebe Kindinnen, liebe Kinder». Der arme Mann, er hätte sich die Zunge abbeissen mögen, als er seinen Ausrutscher bemerkte. Am andern Tag zitierte ihn nicht nur die Lokalpresse, sondern zu seinem Entsetzen musste er seinen Versprecher auch noch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung lesen. Also, seien wir doch nicht so stur, lassen wir die Sprache Sprache sein. Ho, da machen wir die Rechnung aber ohne den Wirt, pardon, ohne die Wirtin! Sie stemmt die Fäuste in die Hüften und verschiesst mit ihren Augen so wütende Blitze, dass ich schnell den Kopf einziehe: Auch diese letzte Bastion der Ungleichheit muss fallen! Und sie wird fallen! Wenn frau will, steht sogar die Sonne still! Ich wage es ganz vorsichtig und strecke noch einmal einen Finger in die Luft; denn ich habe ein Problem. Hoffentlich merkt es die Wirtin nicht, aber ich wende mich jetzt an Sie, liebe Leserinnen. Zuerst dachte ich auch, das sei ein ungeheurer Fortschritt, eine historische Befreiungstat, als man von Kolleglnnen, FahrerInnen. Partnerlnnen usw. zu schreiben anfing. Endlich Gerechtigkeit! Aber wissen Sie, liebeR LeserIn, wie man all diese -Innen liest, ich meine nicht leise und nur mit den Augen, sondern laut? Wie lauten die Dinger, diese verflixten Hermaphroditen. diese doppelgeschlechtigen Ungeheuer, die – seien wir ehrlich – noch kein Mensch gesehen hat? Wie heissen sie. wenn man von ihnen spricht? Muss man bei GenossInnen bei Genoss- die Stimme heben und dann bei -Innen senken. zwischen beiden absetzen oder nicht absetzen, zuerst senken, dann heben. oder am Ende keines von beiden? Ich bin ratlos. Wer hilft mir? ■

Quelle und Disclaimer

Textquelle: Benedikt Peters – factum November/Dezember 1992 (S. 28–30)

Disclaimer. Dieser Beitrag wird mit seiner Wiedergabe hier weder vereinnahmt noch zu eigen gemacht. Lustig ist er trotzdem! Und lehrhaft. Sogar ernst!

Schon vor Hunderten von Jahren hatten kluge Fürsten Hofnarren. Der englische König Henry VIII hatte seinen Will Sommers. Der französische König Francis I of France hatte seinen Triboulet. Man gönnte sich also seinen »Jester«. Keineswegs nur zur Unterhaltung. Der Hofnarr erfüllte oft eine wichtige politische und soziale Funktion. Denn er durfte die Wahrheit sagen. Er durfte Dinge aussprechen, die sonst niemand zu sagen wagte. Ein Fürst lebte oft in einer Welt von Schmeichlern, Höflingen und abhängigen Beamten. Wer offen Kritik übte, riskierte Karriere, Freiheit oder sogar sein Leben.

Der Hofnarr hingegen genoss Narrenfreiheit. Unter dem Deckmantel des Witzes konnte er zum Beispiel sagen: »Majestät, Ihr seid heute wieder so weise wie gestern – und gestern habt Ihr Euch geirrt.« – Als Triboulet eines Tages seinen König grob beleidigte, wurde er vom König zum Tode verurteilt. Als letzte Gnade durfte Triboulet die Art seines Todes wählen. Da sagte Triboulet: »Sire, ich möchte an Altersschwäche sterben.« Der König musste lachen und begnadigte ihn.

Mit der Abschaffung der Hofnarren im 17.–18. Jahrhundert kam es zum Aufstieg moderner Bürokratien. Aber es galt weiter: Der kluge Herrscher/Minister/Führer suchte sich Menschen, die ihm widersprachen. Der dumme Herrscher umgab sich mit Menschen, die ihm zustimmten. – Das kann man bis heute in Politik, Wirtschaft und Kirche/Gemeinde beobachten.

Dispensationalismus verstehen und einordnen

Lesedauer: 6 Minuten.

Warum diese Theologie bis heute fasziniert – und polarisiert

Der Begriff »Dispensationalismus« löst unter Christen sehr unterschiedliche Reaktionen aus. Für die einen ist er ein hilfreicher Schlüssel zum Verständnis der Heilsgeschichte Gottes. Für andere steht er für spekulative Endzeitlehre, die Scofield-Bibel oder die »Left Behind«-Romane und -Filme. Kaum ein theologisches System wird im evangelikalen Raum so intensiv diskutiert und gleichzeitig so häufig missverstanden.

Doch was lehrt der Dispensationalismus tatsächlich? Woher stammt er? Und warum ist er bis heute für viele Bibelausleger von Bedeutung?

Die folgende Einführung fasst die wesentlichen Gedanken des Dispensationalismus zusammen und räumt mit einigen verbreiteten Missverständnissen auf. Grundlage ist ein Seminar der Hirtenkonferenz 2026 in der Lutherstadt Wittenberg (hirtenkonferenz.org).

Eine Frage der Heilsgeschichte

Jeder Christ erkennt intuitiv, dass Gott im Verlauf der biblischen Geschichte nicht immer auf dieselbe Weise mit den Menschen gehandelt hat. Niemand bringt heute ein Tieropfer nach Jerusalem. Niemand hält den mosaischen Opferdienst aufrecht. Christen versammeln sich stattdessen am ersten Tag der Woche und feiern das Mahl des Herrn. Schon diese Beobachtung zeigt: Die Bibel beschreibt einen einzigen Heilsplan Gottes, der sich jedoch in unterschiedlichen heilsgeschichtlichen Abschnitten entfaltet.

Der Dispensationalismus versucht, diese Unterschiede und Übergänge systematisch zu erfassen. Dabei geht es nicht in erster Linie um Endzeitfragen, sondern um eine grundlegende Frage: Wie entfaltet Gott seinen Heilsplan in der Geschichte?

Kontinuität und Diskontinuität

Dispensationalisten betonen zwei Wahrheiten gleichzeitig: die Kontinuität und die Diskontinuität im ewigen Heilsplan Gottes:

  • Kontinuität. Gott verfolgt von Ewigkeit zu Ewigkeit einen einzigen Plan. Sein Ziel ist die Offenbarung seiner Herrlichkeit. Die Heilsgeschichte ist keine Reihe gescheiterter Experimente und kennt keinen »Plan B«. Paulus fasst diese Spanne in Römer 11,36 zusammen: »Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge«.
  • Diskontinuität. Gleichzeitig gibt es markante Wendepunkte in Gottes Handeln. Jeder dieser Übergänge verändert die Beziehung zwischen Gott und Mensch in bedeutsamer Weise. Das Seminar nennt unter anderem:
    • den Sündenfall,
    • die Sintflut,
    • Babel,
    • die Berufung Abrahams,
    • den Sinai-Bund,
    • das Kommen Christi,
    • die Entstehung der Gemeinde,
    • das zukünftige Millennium,
    • und schließlich den ewigen Zustand.

Die berühmten sieben Dispensationen

Besonders bekannt wurde die von Cyrus I. Scofield popularisierte Einteilung der Heilsgeschichte in sieben Dispensationen:

  1. Unschuld
  2. Gewissen
  3. Menschliche Regierung
  4. Verheißung
  5. Gesetz
  6. Gnade
  7. Reich (Millennium)

Allerdings betonen moderne Vertreter wie Michael Vlach oder Charles Ryrie, dass die genaue Anzahl nicht das Wesen des Dispensationalismus ausmacht. Manche unterscheiden vier, andere acht Haushaltungen. Entscheidend ist nicht die Zahl, sondern die Überzeugung, dass Gott seine Offenbarung und Verwaltung der Geschichte schrittweise entfaltet.

Die drei Kernmerkmale des Dispensationalismus

Charles Ryrie formulierte drei unverzichtbare Kennzeichen, die bis heute als klassische Definition gelten:

  • 1. Die Verherrlichung Gottes ist das Ziel der Geschichte. Der Dispensationalismus versteht die Heilsgeschichte grundsätzlich theozentrisch. Das zentrale Ziel Gottes ist nicht primär die Rettung des Menschen, sondern die Offenbarung seiner Herrlichkeit. Die Erlösung dient diesem größeren Ziel.
  • 2. Eine konsequent historisch-grammatische Hermeneutik. Dispensationalisten betonen, dass die Bibel gemäß ihrem sprachlichen, historischen und literarischen Kontext ausgelegt werden soll. Das Neue Testament baut auf dem Alten Testament auf, hebt dessen ursprüngliche Bedeutung jedoch nicht auf. Das betrifft insbesondere alttestamentliche Prophetien. Verheißungen an Israel werden daher grundsätzlich als Verheißungen an Israel verstanden.
  • 3. Die Unterscheidung zwischen Israel und Gemeinde. Dies ist wahrscheinlich das bekannteste Merkmal. Israel und Gemeinde werden als unterschiedliche heilsgeschichtliche Größen verstanden. Die Gemeinde ersetzt Israel nicht, sondern besitzt ihre eigene Rolle innerhalb des einen Heilsplans Gottes. Dabei geht es nicht um zwei Heilswege oder zwei Völker Gottes, sondern um unterschiedliche Funktionen innerhalb derselben Erlösungsgeschichte.

Die fünf ausdrücklich genannten Bündnisse

Ein wichtiger Bestandteil dispensationalistischen Denkens ist die Betonung der Bündnisse, die die Schrift selbst ausdrücklich als »Bund« bezeichnet. Dazu gehören:

  1. Noachischer Bund
  2. Abrahamischer Bund
  3. Mosaischer Bund
  4. Davidischer Bund
  5. Neuer Bund

Dispensationalisten argumentieren, dass diese Bündnisse die heilsgeschichtliche Struktur der Bibel sichtbar machen und dass ihre Verheißungen vollständig erfüllt werden müssen. Dies betrifft nicht nur geistliche Segnungen, sondern auch nationale, politische und landbezogene Verheißungen für Israel.

Warum Israel eine besondere Rolle spielt

Ein zentraler Unterschied zur klassischen Bundestheologie betrifft die Zukunft Israels. Dispensationalisten erwarten eine zukünftige nationale Wiederherstellung Israels auf Grundlage alttestamentlicher Verheißungen und neutestamentlicher Aussagen wie Römer 11.

Die Gemeinde wird nicht als »neues Israel« verstanden, das sämtliche Verheißungen (z. T. »vergeistlicht«) übernommen habe. Vielmehr wird erwartet, dass Gott seine Zusagen an das ethnisch-nationale Israel buchstäblich erfüllen wird, also so, wie Er es bisher getan hat.

Endzeit und Millennium

Der Dispensationalismus ist eng mit dem Futurismus verbunden. Große Teile von Daniel 9, Matthäus 24–25 und Offenbarung 6–22 werden als noch zukünftig verstanden.

Deshalb vertreten Dispensationalisten einen zukünftigen Prämillennialismus:

  • Christus kommt sichtbar wieder.
  • Danach errichtet er sein tausendjähriges Reich.
  • Israel wird wiederhergestellt.
  • Die Nationen werden unter der Herrschaft Christi gesegnet.

Nicht jeder Prämillennialist ist Dispensationalist. Aber jeder Dispensationalist ist Prämillennialist.

Einige verbreitete Missverständnisse

  • »Darby hat den Dispensationalismus erfunden.« | Diese Behauptung gilt heute weitgehend als überholt. Neuere Forschungen zeigen, dass viele dispensationalistische Grundgedanken bereits lange vor John Nelson Darby vertreten wurden. Darby war wichtig für einige Grundgedanken des heute bekannten Systems, aber nicht dessen eigentlicher Erfinder. Dies war Cyrus Scofield mit seiner Scofield Studienbibel (1. Auflage 1909).
  • »Dispensationalisten lehren mehrere Heilswege.« | Nein. Die klassische dispensationalistische Theologie lehrt ausdrücklich: Rettung geschieht immer allein aus Gnade durch Glauben. Abraham wurde durch Glauben gerechtfertigt. Christen heute ebenfalls.
  • »Dispensationalismus ist automatisch arminianisch.« | Auch das stimmt nicht. Es gibt sowohl arminianische als auch calvinistische Dispensationalisten. Das System selbst definiert keine bestimmte Heilslehre.
  • »Dispensationalismus lehrt zwingend auch die Vorentrückung.« | Die Mehrheit der Dispensationalisten vertritt tatsächlich eine Entrückung vor der Drangsalszeit. Dennoch gehört diese Position nicht zum eigentlichen Wesen des Systems. Auch andere Entrückungsmodelle finden sich innerhalb dispensationalistischer Kreise.

Fazit

Der Dispensationalismus ist weit mehr als eine Endzeitlehre.

Im Kern handelt es sich um einen Versuch, die gesamte Bibel als fortschreitende Offenbarung des einen Heilsplans Gottes zu verstehen. Seine entscheidenden Anliegen sind:

  • die Verherrlichung Gottes als Zentrum der Geschichte,
  • eine konsequent historisch-grammatische Schriftauslegung (Hermeneutik),
  • die Unterscheidung zwischen Israel und Gemeinde,
  • die Erwartung einer zukünftigen Erfüllung aller göttlichen Verheißungen.

Ob man alle Schlussfolgerungen teilt oder nicht: Der Dispensationalismus hat die evangelikale Theologie der letzten zwei Jahrhunderte nachhaltig geprägt und bleibt ein wichtiger Gesprächspartner für alle, die Gottes Heilsgeschichte verstehen wollen.

Verweise und weiterführende Quellen

Dieser Artikel ist eine Kurzzusammenfassung eines Seminars (#13) der Hirtenkonferenz 2026 in Lutherstadt Wittenberg (gehalten am 28.05.2026) von Dr. Uwe A. Seidel.

Dieses Seminar basierte auf einer aktuell überarbeiteten Auflage des Buchs von Michael J. Vlach, Dispensationalismus – Fakten und Mythen (Berlin: EBTC, 2026), einer Neuübersetzung von: Michael J. Vlach, Dispensationalism: Essential Beliefs and Common Myths. Revised & Updated (Los Angeles, CA (USA): Theological Studies Press, 2017).

Eine schriftliche Ausarbeitung dieses Seminars liegt inzwischen vor (PDF, 8 MB). Es enthält eine kommentierte Literaturliste mit hilfreichen englisch- und deutschsprachigen Quellen und Verweisen. Das Copyright ist zu beachten, private Nutzung gestattet.

Ein Video des Vortrags soll von den Veranstaltern noch veröffentlicht werden.

Die Website von Michael Vlach enthält weitere Materialien. Er bietet auch einen Kurs auf Bibelschul-Niveau zum Online-Studium der Eschatologie an. Seine Bücher sind empfehlenswert, insbes. seine Arbeit über »Hermeneutik des Dispensationalismus« und das ausführliche Werk zum »New Creation Model«, das sich wohltuend von zweifelhaften Vorstellungen des »klassischen Dispensationalismus« abhebt, welcher meist von einer ewig räumlich geteilten Zukunft der Gläubigen des AT und des NT ausgeht. Vlach liest das Ende der Offenbarung so, dass »der Himmel« (die Braut) vielmehr herunter auf Erden kommt und sich so der Kreis der Schöpfung in ihrer Vollendung schließt.

Hymns That Stick: The Solid Rock

My hope is built on nothing less
than Jesus‘ blood and righteousness;
I dare not trust the sweetest frame,
but wholly lean on Jesus‘ name.

Refrain:
On Christ, the solid Rock, I stand:
| : all other ground is sinking sand
. : |

When darkness veils his lovely face,
I rest on his unchanging grace;
in every high and stormy gale,
my anchor holds within the veil.

His oath, his covenant, his blood,
support me in the whelming flood;
when all around my soul gives way,
he then is all my hope and stay.

When he shall come with trumpet sound,
O may I then in him be found:
dressed in his righteousness alone,
faultless to stand before the throne.

–Edward Mote (1797–1874), 1834

Music/Noten: hier.

Edward Mote soll die ersten Zeilen dieses Liedes spontan bei einem Spaziergang formuliert haben. Es spiegelt seine gute, biblisch fundierte Theologie wieder: reformatorische Rechtfertigungslehre, Christuszentriertheit, Gewissheit allein in Christus und Ablehnung subjektiver Heilsgrundlagen (die letztlich nie weit genug tragen können). Diese Hymne ist ein musikalisches solus Christus. Sie zu singen, sorgt für den wahren »sweetest frame«, für die schönsten Empfindungen und die beste Herzensstimmung, die einem Christen eignet.

Die Autorität eines Ältesten

Lesedauer: 13 Minuten.

Die christliche Gemeinde Grace Community Church in Sun Valley, CA (USA) versammelt sich regelmäßig zu Fragestunden (Q&A) für ihre Gemeindeglieder. Die Fragen werden ungeskriptet direkt an Saal-Mikrophonen gestellt. Der Hirten-Lehrer der Gemeinde, einer von ca. 36 Ältesten, steht am Pult und beantwortet sie spontan. Dabei werden oft Fragen gestellt, die auch für Christen anderer Gemeinden interessant sind. Eine der Fragen war: 

Wie viel Autorität hat ein Ältester (Aufseher, Gemeindehirte, Pastor)
im Leben seiner Gemeindeglieder? 

John F. MacArthur (1939–2025) beantwortete diese Frage wie folgt:

»Keine. Gar keine Autorität. Ich habe persönlich keine Autorität in dieser Gemeinde. Meine Erfahrung verleiht mir keine Autorität. Mein Wissen verleiht mir keine Autorität. Meine Ausbildung verleiht mir keine Autorität. Ich habe keine Autorität. 

Meine Position verleiht mir keine Autorität. Mein Titel verleiht mir keine Autorität –deshalb mag ich Titel nicht. Nur das Wort Gottes hat Autorität. Christus ist das Haupt der Gemeinde, und Er übt seine Herrschaft in der Gemeinde durch sein Wort aus. Ich habe keine Autorität.

Ich habe keine Autorität über die Schrift hinaus. Ich darf niemals über das hinausgehen, was geschrieben steht (1.Korinther 4,6). Das zu tun würde, wie Paulus sagt, bedeuten, hochmütig (wörtl.: arrogant) zu sein und sich selbst für überlegen zu halten. Ich habe Ihnen (der Fragerin) nichts zu sagen, was irgendeinen Anspruch an Sie stellt, wenn es nicht aus dem Wort Gottes kommt.

Vermutlich sprechen Sie aus irgendeiner Erfahrung heraus, in der Sie empfanden, dass ein Gemeindehirte (Ältester) Ihnen – oder jemandem, den Sie kennen – gegenüber ungebührliche Autorität ausgeübt hat. 

Wir müssen uns als Gemeindehirte daran erinnern, dass wir – obwohl der Herr uns erhoben und uns diese Art von Verantwortung gegeben hat – keine persönliche Autorität besitzen.

Wenn ich Ihnen sage, was Gott in seinem Wort gesagt hat, dann besitzt dies Autorität, nicht wahr?! Aber ich darf nicht über das hinausgehen, was geschrieben steht. Ich kann Ihnen nicht vorschreiben, wie Sie Ihr Leben zu führen haben. Ich kann Ihnen mit Weisheit dienen, wenn Sie darum bitten; aber vielleicht habe ich nicht mehr Weisheit als sonst jemand.

Bei vielen Fragen würden Sie von meiner geliebten Patricia (seine Ehefrau) mehr Weisheit erhalten als von mir. Sie steht zwar nicht auf der Kanzel, aber sie besitzt geistliche Einsicht und geistliche Weisheit; und wenn Sie Rat oder Weisheit suchen, dann würde ihre Weisheit in vielen Fällen meine übertreffen.

Der Pastor besitzt also in sich selbst keine Autorität. Hören Sie, was Paulus sagt:  Wer ist denn Paulus? Wer ist Apollos? Wer ist Kephas? Wir sind nichts. (vgl. 1Korinther 1,12–13; 3,4–7). Alles ist von Christus, alles ist vom Heiligen Geist, alles ist von der Schrift. Okay?«

Ein paar Nachbetrachtungen

Diese wohltuend klare Stellungnahme eines äußerst bekannten und von Gott reich gesegneten »Führers« in der Gemeinde Gottes regt zum Nachdenken an. In der Frage nach Autorität und Führung in einer christlichen Gemeinde sollte Klarheit herrschen, um biblisch richtig denken, reden und als Gemeinde leben zu können. Eine Reihe solcher Überlegungen aus speziell deutscher Sicht folgt und könnte –in aller noch bestehenden Unreife und Unvollständigkeit – als Input für brüderlichen Austausch dienen. (Nur so als Vorschlag…)

1 Führer-Sehnsucht

Die Deutschen scheinen sich trotz übelster Erfahrungen in ihrer Geschichte immer noch gern und unheilbar nach einem »Führer« zu sehnen, dessen Befehlen sie gehorsamst folgen wollen. Auch Mitglieder von christlichen Kirchen und Gemeinden waren in jenen unseligen Zeiten der Vergangenheit nicht ausgenommen. Leider griffen sie in dieser Sehnsucht voll daneben. Vielfach ist dokumentiert, dass das »Führerprinzip« auch innerhalb der Kirche und den christlichen Gemeinschaften angenommen wurde. Wir lesen sogar von uns heute sehr peinlichen Huldigungsadressen an den damaligen »Führer«. 

Natürlich gab es in Politik und Kirche auch einige Ausnahmepersonen, die entweder zu Märtyrern wurden oder flohen oder in den Untergrund gingen. Das »gute Bekenntnis« über Jesu Christi abzulegen (nämlich, dass Er der König der Könige und Herr der Herren ist; 1Timotheus 6,12–16; Matthäus 27,11; Johannes 18:37) und nicht über irgendeinen anderen »Führer«, kann in solchen Tagen den Bekenner einiges kosten. – Wie sieht es heute aus, in der Gemeinde Jesu Christi?

2 Der Oberste Führer

Schon immer galt und gilt, dass die Oberste Autorität in der Gemeinde Jesu Christi der Sohn Gottes selbst ist. Er übt seine Autorität aus durch sein Wort (die Heilige Schrift), wenn es mittels der Befähigung durch den Heiligen Geist richtig ausgelegt und angewendet wird. Da hapert es leider oft an Bibelkenntnis, Ausbildung und Befähigung (Charisma). Schon Jesaja klagte: »Darum wird mein Volk weggeführt aus Mangel an Erkenntnis« (Jesaja 5,13). Und Hosea fügte hinzu: »Mein Volk wird vertilgt aus Mangel an Erkenntnis« (Hosea 4,6). 

Was ist aber, wenn die verborgene Ursache tiefer als die Erkenntnisfrage liegt, wenn Sünde geduldet wird, die himmlische Berufung nur noch Lippenbekenntnis ist, wenn das irdische »Heil«, die Leidensscheue oder gar die Herrschsucht unter dem Zuckerguss frommer Worte dominieren? Wie sollen wir dann Gottes Willen wissen, gar anstreben? Wie unterscheiden wir, ob der Oberste Führer der Gemeinde seine örtliche Gemeinde(n) leitet, oder ob wir von innovativen Vorschlägen, Gewohnheiten gut gemeinter Traditionen oder bösartigem Macht- und Kontrollverlangen (u. dgl. mehr) geführt werden? Wie unterscheiden wir von Gott eingerichtete Führung von einer menschlich zu Unrecht eingesetzten? Wann sollen wir »im Herrn« gehorchen, wann nicht? Hat der Oberste Herr dazu etwas gesagt? Wissen wir das? Wenden wir es an?

3 Führergehorsam

Die den Hebräern gegebene Anweisung, ihren »Führern« gehorsam zu sein und sich ihnen zu fügen (Hebräer 13,17), wurde immer wieder missbraucht mit einer Deutung, als sei der »Führer« Gottes Stimme und jeder Widerspruch (Ungehorsam) eine Rebellion gegen Gott. Das ist nicht nur in charismatisch verirrten Gemeinden zu sehen, sondern auch besonders in traditionell akzentuierten Gemeinden. Machtmenschen gibt es allerdings überall.

Daher ist es überaus tragisch, dass das »Führergehorsam«-Gebot aus Hebräer 13,17 immer wieder zitiert wird, ohne die beigefügten qualifizierenden Angaben zum Dienst und zum Dienstherrn der gemeinten »Führer« zu nennen: (1.) sie wachen über die Seelen und (2.) sie stehen unter der Autorität und Verantwortung des Oberhirten, sie sind nur örtlich wirksame Unterhirten. Vers 7 desselben Kapitels hatte vorher bereits klargemacht, dass die Führung dieser Führer durch Vorbild sein im Glaubensleben geschieht, Kapitel 11 hatte dies zigfach historisch belegt. Im Umkehrschluss wird klar: Wer sich nicht wie ein Hirte aus Liebe beständig um die Seelen der anvertrauten Schafe (den Gemeindegliedern der örtlichen Gemeinde; vgl. 1.Petrus 5,2–3) kümmert, ist kein vom Herrn autorisierter Führer, mögen auch Menschen (Älteste, Gemeindeglieder) diesen Mann einst als Ältesten benannt oder eingesetzt haben. 

4 Erkennungsproblem: Wer ist »Führer«?

Wir müssen aus leidvoller Vergangenheit bezeugen, dass es auch ein falsches Erkennen, ein falsches Anerkennen und ein folgendes falsches Benennen von »Führern« gibt. Das flehentliche Gebet einer Gemeinde muss sein, sich in dieser Sache nicht täuschen zu lassen, sondern Gottes Willen und Handeln sicher und klar zu erkennen. Dies führt direkt zur Motivation, zuerst den verschrifteten Willen Gottes (in der Heiligen Schrift) intensiv zu studieren, damit der Wille Gottes im Grundsätzlichen erkannt werden kann. Unter einmütigem Gebet wird Gott auch den konkreten Willen bzgl. konkreter Personen offenbaren. Interessanterweise waren diese beiden Aufgaben –Dienst am Wort und Gebet– die Hauptsachen des Dienstes der Apostel und Ältesten der Ur-Gemeinde (vgl. Apostelgeschichte 6,4). Man kann auch heute vom Herrn eingesetzte Älteste an diesen Prioritäten erkennen und ihnen als »Führern« folgen. Aber wie weit?

5 Geltungsbereich: Wann ist zu »gehorchen«?

Wir müssen das biblische Gehorsamsgebot gegenüber religiösen Führern in der örtlichen Gemeinde stets zusammen mit der Angabe des biblisch angegebenen Geltungsbereichs zitieren. Im juristischen Denken schafft diese Angabe Klarheit darüber, welches der Bereich ist, innerhalb dessen eine Norm rechtliche Gültigkeit beansprucht und zur Anwendung kommen darf. Das kann tatbestandlich, sachlich, persönlich und auch räumlich formuliert sein. Wer diese Angabe beim Gehorsamsgebot gg. »Führern« ignoriert oder verschweigt, verabsolutiert das Gebot und schafft damit eine Konkurrenzautorität gegenüber dem Obersten Herrn, biblisch gesprochen also einen Götzen.

Schon früh in der Geschichte der christlichen Kirche (Apostelgeschichte) wurde daher für alle Zeiten klar angegeben, dass das Gehorsamsgebot gegenüber führenden Menschen nie absolut, sondern immer nur begrenzt ist. Nur der Oberste Herr hat oberste Autorität, kann rechtmäßig absoluten Gehorsam fordern. Das zu bekennen ist ein konstituierendes Kennzeichen eines jeden wahren Christen (Römer 10,9). Wo ist also die Grenze unseres biblisch motivierten Gehorsams gegenüber »Führern« erreicht? Auch dazu schweigt die Heilige Schrift nicht.

6 Die »Clausula Petri«

Als die Apostel von den religiösen Autoritäten und Führern ihres Ortes (Jerusalem) hörten: »Wir haben euch streng geboten, in diesem Namen nicht zu lehren« (Apg 5,28), sagten Petrus und die Apostel: »Man muss Gott mehr gehorchen als Menschen.« (Apg 5,29). Dieses Prinzip bricht die Autorität aller örtlichen und überörtlichen Gemeinde-»Führer«, um der Autorität Christi bedingungslos Raum zu schaffen. Die Kirche hat seitdem diese sog. »Clausula Petri« (Petrus-Klausel) als Grenzbestimmung menschlicher Autorität festgehalten. Sie sagt: Staatliche, religiöse, kirchliche, familiäre oder sonstige menschliche Autorität ist nicht absolut, sondern steht unter Gottes höherem Willen.

Der Christ ist grundsätzlich zum Gehorsam verpflichtet gegenüber Obrigkeit (Römer 13,1ff), »Führern« in der Gemeinde (Hebr 13,17), Eltern usw., weil (und nur insofern) dies von Gott verordnete Ordnungs- und Segenseinrichtungen sind (z.B. Römer 13,3–4). Wenn aber menschliche Autorität etwas fordert, das Gott verbietet, oder etwas verbietet, das Gott gebietet, beendet dies die von Gott verliehene Legitimität dieser Autorität. Wer deutsche Spielkarten kennt, weiß: Ober sticht Unter.

6 Biblische Vorbilder

Die Bibel liefert uns manche nachahmenswerte Beispiele aus unterschiedlichsten Zeiten und Hintergründen für die Umsetzung dieses Prinzips: (1.) Die Hebammen in Exodus 1, die sich weigerten, den Befehl des Pharao, alle männlichen Babys zu ermorden, auzuführen. Gott lobt sie dafür. (2.) Daniel und seine Freunde verweigerten die Anbetung des Standbildes (Daniel 3) und Daniel betete trotz königlichem Verbot weiter zu Gott, koste es, was es wolle (Daniel 6). (3.) Die Apostel predigten trotz des Verbots der Obersten des Volkes weiter (s.o.). (4.) Der Apostel Paulus arbeitete ständig weiter als Missionar und Verkündiger des Evangeliums von Jesus Christus, auch wenn dies ihm viel Verfolgung (2.Korinther 11,23ff) und letztlich seinen Kopf kostete (2.Timotheus 4,6f). Zukünftig: (5.) Die Märtyrer jener Tage werden sich weigern, das »Bild des Tieres«, des angeblich »Obersten Führers«, anzubeten (Offenbarung 13,15ff). Das erinnert uns an Daniel und seine Freunde (Nr. 2 oben).

Diese Beispiele kommen aus unterschiedlichsten Zeiten, weil das Prinzip dahinter ein ewiges, göttliches ist. Für uns gilt nichts anderes, egal, woher der kirchliche oder politische Wind aktuell wehen mag.

7 Die »Clausula Petri« und ihre Anwendung

Die Clausula Petri ist kein Freibrief für Anarchismus, Autoritätsbruch oder übersteigerten Individualismus (Autonomie). Es geht nicht um das Durchsetzen persönlicher Vorlieben, sondern um den Schutz eines Gewissens, das sich vor Gott gebunden sieht. Natürlich ist anzustreben, dass dieses geübte Gewissen von Gottes Wort richtig belehrt und geformt wurde, aber dies ist keine einzufordernde Bedingung zur Validierung einer Gewissensnot.

Die Anwendung der Clausula Petri mag zu Leiden wegen repressiver Maßnahmen von Seiten der beleidigten Autorität führen. Der Christ ist aufgerufen, seinen Gewissensgehorsam mit Demut vor Gott zu zeigen, er entzündet nicht einen psychologischen oder gar physischen Machtkampf oder plant eine Racheaktion. Im Wissen um den im Himmel thronenden Obersten Führer reagiert er vielmehr wie sein Meister (Johannes 18,11.36f): Er befiehlt sich im Leiden Gott an, »der gerecht richtet« (1.Petrus 2,23). Der Apostel Petrus wies die Nachfolger Christi an: »Daher sollen auch die, die nach dem Willen Gottes leiden, einem treuen Schöpfer ihre Seelen anbefehlen im Gutestun.« (1.Petrus 4,19).

Solch ein Christ kann seinen Peinigern sogar Gutes tun und wünschen. Daniel verweigerte das Gebetsverbot, aber er diente weiterhin dem Staat (Babylon!), als er das nach seinem Leiden wieder konnte. Die frühen Christen verweigerten dem Kaiser (Cäsar) die göttliche Verehrung und opferten ihm nicht, was oft ihre staatlich verordnete Ermordung als Märtyrer auslöste, aber sie griffen nicht zu den Waffen. Wir wissen: Gott wird sie rächen. Es mag Raum zur Selbstverteidigung geben, wenn massenweise Gläubige umgebracht werden; die Hugenotten (französ. Protestanten) sahen es jedenfalls als ihre Pflicht und ihr Recht an, sich gegen eine tyrannische und gottlose Obrigkeit zu wehren. Katholische Truppen unter dem Herzog von Guise töteten damals massenhaft protestantische Gottesdienstbesucher (Massaker von Vassy, 1562), zehn Jahre später wurden in Frankreich zigtausende von Hugenotten umgebracht (Bartholomäusnacht, 1572). Im Grundsatz gilt aber: Wir üben nicht selbst Rache, sondern geben Gottes Rache Raum (Römer 12,19).

8 Eine frappierende Selbstvergessenheit

Peinlich und geradezu ironisch wird es, wenn Christen, die selbst im Ungehorsam gegenüber den religiösen »Führern« ihrer christlichen Kirche oder Glaubensgemeinschaft neue Gemeinschaften/Gemeinden gegründet haben, dann später von ihren Mitgliedern wiederum entschiedenen Gehorsam gegenüber den in ihren neuen Gemeinschaften wirkenden »Führern« (meist: Ältesten, Pastoren=Gemeindehirten) einfordern. Dabei zitieren sie gerne die oben angeführten, einschlägigen Bibelstellen. In alter Übung wird nur ein Teilsatz zitiert und die qualifizierenden Aussagen im Gesamtsatz weggelassen. Man gibt sich auch keine Mühe zu klären, wer denn in diesem Hebräer-Brief mit »Führer« gemeint gewesen war.

Solche Gehorsamsforderung funktioniert ja nur, wenn der Gehorsamsheischende (d.i.: Gehorsam Einfordernde, auf Unterwerfung Bestehende) auf absolute Geschichtsvergessenheit bei den Gegängelten vertraut, also darauf hofft, dass keiner die selbstverurteilende Qualität der erneuten absoluten Gehorsamsforderung erkennt. Besser wäre es, wenn der Gehorsamsheischende erkennen würde, dass schon damals bei dem historischen (und oft der Gruppe neue Identität verleihenden) Ungehorsam die »Clausula Petri« galt –  und daher nun auch allen folgenden, aktuellen Gehorsamsaufrufen explizit beifügt werden müsste. Mit vollständiger Nennung des Schriftwortes und der Befolgung nach biblischer Vorgabe und Beispiel würde die Autorität Christi in der Gemeinde und im Glaubensleben eines jedes Gemeindegliedes realisiert und dem diotrephischen Machtgehabe manches »Führers« das Zaumzeug angelegt werden. 

Vom Geist Gottes durch Gottes Wort geleitet zu werden führt zu echter Einmütigkeit im Reden und Handeln. Das ist das Gegenteil von Kadavergehorsam. Der wurde von den Jesuiten erfunden, die von den Ordensangehörigen forderten (und fordern), dass sie »wie ein Leichnam, ein Stock oder ein Werkzeug in der Hand des Oberen« zu gehorchen hatten (perinde ac cadaver = gleichsam wie ein Leichnam; Ignatius von Loyola). Bewahre uns Gott vor den gottlosen Grundsätzen jener »Gesellschaft Jesu«!

Das mag der geneigte protestantische Leser einmal gedanklich anhand der Reformation vor 500 Jahren durchspielen, oder der US-Bürger einmal politisch anhand der Gründung der Vereinigten Staaten vor 250 Jahren durchdenken, oder irgendein »Freikirchenchrist« anhand der eigenen Gemeindegeschichte realisieren, deren konstituierender »Ungehorsam« vielleicht erst eine Generation zurückliegt. Vermutlich muss man dazu immer wieder auffordern, denn der »Blinde Fleck« ist bekanntlich bei den Betroffenen immer am stärksten ausgeprägt (Johari-Fenster der Persönlichkeit, 1955). Davon redet die Heilige Schrift ja schon seit Jahrtausenden: »Verirrungen, wer sieht sie ein? Von verborgenen Sünden reinige mich!« (Psalm 19,13); »Arglistig ist das Herz, mehr als alles, und verdorben ist es; wer mag es kennen? Ich, Jahwe, erforsche das Herz und prüfe die Nieren, und zwar um einem jeden zu geben nach seinen Wegen, nach der Frucht seiner Handlungen.« (Jeremia 17,9–10). Ein »blinder Fleck« kann nur kleiner werden, wenn ehrliches Feedback kommt, demütige Selbstreflexion erfolgt und liebevolle Offenheit gelebt wird. Gerade auch und vorbildhaft in der Gemeinde Jesu Christi.

Fazit

Christen leben schon immer in einer Welt, die nicht nur von Christus und Wahrheit, sondern auch von Usurpatoren und Bösen, von Lüge, Halbwahrheiten und Irrtum regiert wird. Daher ergab sich historisch schon immer eine Spannung zwischen legitimer Unterordnung (so, wie sie Gott verordnet hat) und blindem Autoritarismus und entsprechender Untertänigkeit und Unterwerfung. 

Die Reformatoren haben uns darauf hingewiesen, (1.) dass unser Gewissen allein an Gottes Wort gebunden ist, (2.) dass wir alle Lehre(n) an Gottes Wort prüfen müssen und (3.) dass jede menschliche Autorität begrenzt ist (und sein muss). Der Luther zu geschriebene Satz vor dem Reichstag zu Worms steht jedem biblisch denkenden Christen gut an: »Mein Gewissen ist gefangen in Gottes Wort!«.

»Das Wort unseres Gottes besteht in Ewigkeit!« (Jesaja 40,8b mit 1.Petrus 1,25). Amen.

S.D.G.

Quellenangabe und Disclaimer

John MacArthur, How Much Authority Does A Pastor Have In The Lives Of His Congregants?. YouTube-Video, URL: https://youtu.be/cgMhrDjDAnI [abgerufen: 12.05.2026].

Die eingangs gelieferte Übersetzung ist eine direkte Wiedergabe der Q&A (Copyright GTY; Übersetzung durch grace@logikos.club). Die folgenden »Nachbetrachtungen« verantwortet als Urheber allein grace@logikos.club.

Eine herzbewegende Abschiedsrede (Apg 20)

Die Abschiedsrede des Paulus vor den Ältesten der christlichen Gemeinde in Ephesus in Milet (Apostelgeschichte 20,17–38) ist ein dichtes Führungsdokument mit bemerkenswerter Aktualität. Auch für die Leitung einer freikirchlichen christlichen Gemeinde heute lassen sich daraus mehrere tragfähige Prinzipien und Maximen für den Gemeindehirtendienst ableiten.

1 Leiterschaft ist Dienst, nicht als Status

Paulus beschreibt seinen Dienst mit: »dem Herrn dienend«, und zwar »mit aller Demut«, zeitweise sogar »mit Tränen«. Ältestendienst ist kein Amt zur Machtausübung, sondern Verpflichtung zu hingegebenem Dienst an den Heiligen der jeweiligen Ortsgemeinde. Geht es den anvertrauten »Schäfchen« gut, freut sich der Gemeindehirte – und droben der Oberhirte. Darauf kommt es an.

Anwendung heute: Älteste sind primär Hirten, nicht Manager (Organisatoren) oder Chefs. Ihre Autorität wird durch Integrität und Opferbereitschaft legitimiert, nicht durch Position, die ihnen von Menschen verliehen wurde.

2 Planvolle, ganzheitliche Verkündigung

Paulus betont, dass er nichts zurückgehalten hat von dem, »was nützlich ist«. Er verkündigte und lehrte Juden wie Nichtjuden »die Buße zu Gott und den Glauben an unseren Herrn Jesus Christus«. Paulus tat dies öffentlich und in den Häusern, vor großer Zuhörerschaft und im kleinen Hauskreis. Etwas später (Apg 20,27) bezeugte er, dass sein Themenspektrum »den ganzen Ratschluss Gottes« umfasste. Paulus hatte ihnen vorgemacht, wie eine ausgewogene Ernährung der Herde Gottes und die Mission/Evangelisation der Ungläubigen praktisch aussieht.

Anwendung heute: Älteste sollten sich Paulus zum Vorbild nehmen: Er redete nicht nur über »Lieblingsthemen«, brachte nicht nur ermutigende, nichtkonfrontative, leicht verdauliche Bibeltexte aus dem Bibel-ABC. Er wagte sich immer wieder auch an »Geheimnisse« und »schwer zu verstehende Themen« (2Pet 3,16). Er pflegte auch keine selektive Theologie, sondern ging systematisch (das impliziert: planvoll) und ausgewogen durch die gesamte biblische Lehre. Älteste sollten sein fruchtbares Kombinieren von Kanzeldienst, Mission und persönlicher Jüngerschaft nachahmen.

3 Wachsamkeit gegenüber äußeren und inneren Gefahren

Paulus warnt vor »reißenden Wölfen« von außen (Apg 20,29) und vor Männern aus den eigenen Reihen, die die Wahrheit verdrehen, um hinter sich und ihren Sonderlehren eine eigene Gruppe (jenachdem: »Fan-Club«, Parteiung, Sekte) zu versammeln (Apg 20,30; vgl. 1Kor 1,12ff). Um solche Gefahren von außen und innen zu erkennen, bedarf es theologischer Klarheit und Festigkeit, aber auch Unterscheidungsvermögen und Menschenkenntnis. Das sind unverzichtbare (und vor Amtsantritt nachzuweisende) Kernkompetenzen eines Ältesten.

Anwendung heute: Älteste müssen gut mit Gottes Wort vertraut sein, müssen das Spektrum der gesamten biblischen Lehre sicher beherrschen und das Wort Gottes, den Herrn Jesus Christus und seine Gemeinde von Herzen lieben. Denn ihnen ist der Schutz der Gemeinde als aktive Aufgabe (nicht nur reaktiv) anvertraut, sie müssen Überblick über die Herde (»Aufseher«) und geistlichen Durchblick haben. Sie dürfen Konflikten und falscher Lehre in der Gemeinde nicht aus dem Weg gehen. Sie müssen die Gemeinde präventiv mit gesunder Lehre kräftigen und befestigen und im Angriffsfall von außen oder innen das Falsche und Gefährliche erkennen, benennen und bekämpfen können.

4 Geistliche Verantwortung statt Selbstsicherheit

Um geistliche Verantwortung für eine örtliche Gemeinde (gemeinsam mit anderen Ältesten) übernehmen zu können, muss zuerst das eigene geistliche Leben in Ordnung sein. Die Prioritäten setzt Paulus klar: »Habt Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde« (Apg 20,28). Getragen werden müssen beide Verantwortungsbereiche von der Erkenntnis, dass »der Heilige Geist [sie] als Aufseher gesetzt hat, die Versammlung Gottes zu hüten« (Apg 20,28). Das bedeutet einerseits Würde und Ernst durch göttliche Ernennung, versichert aber auch Tröstung und Ermutigung mit Blick auf den göttlichen Beistand.

Anwendung heute: Die Selbstleitung (Charakter, geistliche Disziplin) eines Ältesten hat Priorität vor der Wahrnehmung (s)einer Führungsaufgabe. Der Älteste muss von Gottes Wirken abhängig sein, es reicht nicht, nur rein menschlich klug und strategisch vorgehen zu können. Dem Ältesten muss stets klar sein: Gemeindeleitung als Ältester ist göttliche Berufung, nicht nur Vorweisen einer (menschlichen, beruflichen) Qualifikation.

5 Vorbildfunktion in Lebensführung und Arbeitsethik

Paulus erinnert daran, dass er niemandes Silber oder Gold begehrt hatte, also Bezahlung oder gar Bereicherung angestrebt hätte, sondern dass er für seinen Lebensunterhalt selbst gearbeitet hatte (Apg  20,33–35). Als Bibellehrer und Missionar hatte er Anspruch auf entsprechende Entlohnung (1Kor 9,14; 1Tim 5,18 mit Lk 10,7). Aber er war sich nicht zu schade, sein Leben »nebenher« als Handwerker (Zeltmacher) zu finanzieren und sogar anderen, die ärmer dran waren, finanziell zu helfen (s.u.). Damit war er für alle ein Vorbild von tadelloser Lebensführung und Arbeitsethik: Sei es theologischer Unterricht oder das Verfertigen von Zelten, beides war für ihn »Gottesdienst« (Kolosser 3,17).

Anwendung heute: Für jeden Ältesten ist finanzielle Transparenz und Integrität unverzichtbar. Leitende sollen keine versteckten Eigeninteressen verfolgen. Dass ihnen als Arbeitende eine entsprechende Entlohnung zusteht, haben Christus und Paulus klar gelehrt. Das gilt auch, wenn sie auf dieses Entlohnungsrecht verzichten. Vor Missbrauch wird gewarnt, aber das setzt den rechten Gebrauch der Entlohnung nicht ins Zwielicht. Älteste müssen danach streben, den geführten Glaubenden ein Vorbild im praktischen Umgang mit Ressourcen, Arbeit, Weisheit und Großzügigkeit zu sein.

6 Die Schwachen nicht vergessen

Paulus strebte als Apostel und Nachfolger Jesu Christi danach, so zu denken, zu reden und zu leben wie Jesus Christus. Daher hebt er mit einem Zitat aus dem Mund seines Meisters (»Geben ist seliger als Nehmen«) hervor, dass jeder Christ, besonders der Älteste als Vorbild, sich »der Schwachen annehmen« soll. Dies hatte er mit großem eigenem Einsatz selbst vorgelebt.

Anwendung heute: Die Ältesten wenden sich nicht nur den Leistungsstarken oder Sichtbaren zu. Diakonische Sensibilität ist integraler Bestandteil der Leitung einer Gemeinde als Gemeindehirte. Die Ältesten sollten in ihrer Ortsgemeinde eine Kultur der Fürsorge pflegen. Ihre Aufgabe ist es bei aller Verwaltertreue nicht, reine Effizienzmaximierung zu betreiben und vorzeigbaren Erfolgszahlen nachzuhetzen. Sie werden sonst letztlich dem Pragmatismus zum Opfer fallen.

7 Loslassen und Übergabe ermöglichen

Paulus weiß, dass er die Ältesten dieser Ortsgemeinde in Ephesus nicht wiedersehen wird. Also war nun der Zeitpunkt für »letzte Worte«. Als guter und treuer Führer im Reich Gottes befahl er sie daher »Gott und dem Wort seiner Gnade« an, die ewig sind und daher auch beim Abtritt des Apostels weiterhin verlässlich als fester Grund unter ihnen, als treuer Begleiter an ihrer Seite und als wunderkräftig Auferbauende bei Ihnen bleiben würden (Apg 20,32).

Anwendung heute: Älteste müssen sich als Gemeindeleiter reproduzieren, um ersetzbar zu werden oder Möglichkeiten der Vermehrung (Mission, Tochtergemeinden u.ä.) zu schaffen (Multiplikation statt Abhängigkeit). Daher müssen sie sich ihrer begrenzten Wirkzeit bewusst sein und beizeiten an gesunde Übergaben denken. Geistlich veranstaltete Nachfolgeplanung ist entscheidend wichtig. Paulus hatte es ihnen vorgelebt: Hingegebene Investition in die Schulung und praktische Ausbildung von Nachfolgern ist strategisch wichtig und für Befolgung des Missionsauftrags unverzichtbar. Loslassen und Übergabe wird nur gelingen im Vertrauen auf Gottes Wirken und Zubereiten – auch jenseits der eigenen Kontrolle und Fähigkeit. Vertrauen wir: Es ist ja Seine Gemeinde!

8 Emotionale Tiefe und Beziehung

Die Abschiedsszene endet mit vielem Weinen, Umarmungen und echter Zuneigung (Apg 20,37). Der Apostel Paulus hatte in den wenigen Jahren des Lebens und Dienens unter ihnen mehr Zuneigung erworben, als manche Gemeindeleiter, die etliche Jahrzehnte »in Amt und Würde« eines Ältesten eingesetzt worden waren, aber vergessen hatten, dass der Dienst eines Ältesten vor allem ein hingegebener Liebesdienst eines Hirten an den geliebten, anvertrauten, bluterkauften Schafen Christi ist.

Anwendung heute: Echte Gemeindeleiterschaft ist nicht nur funktional, sondern relational. Tiefe Beziehungen sind kein »Nice-to-have« (Option), sondern tragendes Fundament des Gemeindehirtendienstes. Man kennt sich, man achtet sich. Man gibt Ehre dem, dem Ehre gebührt. Jeder hat erlebt: Authentizität stärkt Vertrauen.

Fazit

Die Abschieds- und Abtrittsrede des Apostels Paulus ist kein abstraktes Lehrstück, sondern spiegelt ein gelebtes Leitungsmodell: geistlich fundiert, relational geprägt, opferbereit und wachsam. Älteste brauchen ein besonderes Maß geistlicher Substanz, christlichen Charakters und unparteiischem Verantwortungsbewusstseins, um ihre Berufung vor Gott und Menschen ausleben zu können.

Diese Rede kann noch weiter praktisch ausgewertet werden, was einem späteren BLOG-Artikel vorbehalten ist.

Ausbildung neutestamentlicher Gemeindeleitung

Lesedauer: 2 Minuten.

Der US-Amerikaner Alexander Strauch aus einem amerikanischen Zweig der »Brüderbewegung« ist seit gut 40 Jahren aktiv in der Lehre und im Training von Ältesten in der neutestamentlichen Gemeinde Jesu Christi. Seine Bücher sind anerkannte Standardwerke geworden im Kreis solcher Gemeinden, die nach dem Neuen Testament leben und dienen wollen. Seine Webseite »Biblical Eldership Resources« ist eine Fundgrube für Theorie und Praxis: www.biblicaleldership.com.

Seine Bücher, Seminarvorlagen, Arbeitshefte und Videovorträge sind auch auf Deutsch erhältlich. Alexander Strauch war vielfach in Deutschland und hat Seminare für angehende und bestehende Gemeindeleiter durchgeführt. Die Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg hat einige seiner Werke übersetzt und veröffentlicht.

Einige Webseiten liefern Linklisten und Überblicke in das verfügbare Material. Eine dieser guten Webseiten ist gesunde-gemeinden.de. Sie schreiben:

Ob Gemeinden gesund wachsen und sich multiplizieren, hängt nicht nur, aber maßgeblich von ihren Leitern ab. Damit die lernen können, was sie brauchen, veröffentlichen wir hier empfehlenswertes Schulungsmaterial und beginnen mit den Schulungsvideos von „Biblical Eldership Resources“. Darin geben Alexander Strauch und andere erfahrene Älteste gesunde biblische Lehre und ihre jahrzehntelange Erfahrung im Ältestendienst weiter.

Leider ist die o.g. Website mit den Vortragsmanuskripten zu den Lehrvideos von Alexander Strauch zur Zeit (04.2026) gestört, so dass in der Zwischenzeit hier die Inhalte gespiegelt werden (s.u.).

Vortragsreihe »Grundzüge neutestamentlicher Gemeindeleitung«

Die Seminarreihe von Alexander Strauch zu diesem Thema wurde auch in deutscher Übersetzung verschriftet. Die Lektüre könnte gut als erster, inhaltsreicher Überblick über sein Standardwerk »Biblische Ältestenschaft« dienen. Die Videos dazu sind im nächsten Abschnitt unten verwiesen.

  • 01 – Biblische Ältestenschaft: Einführende Zusammenfassung (PDF)
  • 02 – Zurück zur biblischen Lehre (PDF)
  • 03 – Mehrere Hirten-Älteste – warum? (1) (PDF)
  • 04 – Mehrere Hirten-Älteste – warum? (2) (PDF)
  • 05 – Mehrere Hirten-Älteste: Definition (PDF)
  • 06 – Voraussetzungen für Ältestendienst (1) (PDF)
  • 07 – Voraussetzungen für Ältestendienst (2) (PDF)
  • 08 – Fähigkeiten, Prüfung und Berufung von Ältesten (PDF)
  • 09 – Aufgaben von Ältesten (1): Lehren und Schützen (PDF)
  • 10 – Aufgaben von Ältesten (2): Leiten und Heilen (PDF)

Website brink4u: Biblische Leiter-Schulung

Uwe Brinkmann aus München hat eine Website für dieses Thema mit gleichen und weiterführenden Quellen veröffentlicht: Biblische Leiter-Schulung. Dort sind auch die 10 oben aufgeführten Seminar-Videos mit Alexander Strauch alle aufgeführt.

Brinkmann schreibt: »Den größten Gewinn wird man aus diesen Vorträgen ziehen, wenn man sich anschließend miteinander darüber austauscht.« (Leider verweist er auch mehrfach auf die oben erwähnte, zur Zeit gestörte, Website.)

Weitere Ressourcen

Biblische Ältestenschaft (Alexander Strauch)

Warum bei Gemeindeämtern Erprobung wichtig ist

Die Realität des Zornes Gottes – Warum Römer 1 uns heute mehr betrifft als je zuvor

Einleitung

Die Vorstellung eines zornigen Gottes wirkt für viele Menschen heute fremd, unangenehm und anstößig. In einer Zeit, in der vor allem über Liebe, Toleranz und Selbstverwirklichung gesprochen wird, scheint dieses Thema kaum noch Platz zu haben.

Doch ein Blick in die Heilige Schrift – insbesondere in Römer 1,18–32 – zeigt ein anderes Bild: Der Zorn Gottes ist keine rein zukünftige Größe. Er ist eine Realität, die sich bereits heute in unserer Welt widerspiegelt.

Der Apostel Paulus beschreibt in diesem Abschnitt nicht nur ein kommendes Gericht, sondern eine gegenwärtige Entwicklung: Menschen entfernen sich bewusst von Gott – und Gott überlässt sie zunehmend den Konsequenzen ihres Handelns. Aber gerade in diesem »Laufenlassen« des Menschen in dessen Hybris und Torheit wird Gottes Zorn sichtbar. Dieser unheilschwangere Hintergrund der Gottesfinsternis lässt den rettenden Lichtstrahl des Evangeliums umso heller leuchten.

Das Evangelium macht nur Sinn, wenn wir Rettung notwendig haben

Paulus stellt zu Beginn seines Gedankengangs eine entscheidende Verbindung her: Das Evangelium ist deshalb eine gute Nachricht, weil es vor realer Gefahr rettet.

Ohne Gefahr keine Rettung. Ohne Gericht keine Gnade. Der größte Feind des unerlösten Menschen ist der gerechte Gott als Herzenskenner und Weltenrichter aller. Gott ist nämlich gerechterweise zornig.

Der Zorn Gottes ist dabei nicht als unkontrollierter Gefühlsausbruch zu verstehen, wie es von heidnischen Götzenfiguren manchmal behauptet wird, sondern Gottes Zorn ist Ausdruck seiner strahlenden Heiligkeit und absoluten Gerechtigkeit. Gott reagiert damit auf reale Schuld und die bewusste Abkehr des Menschen von seinem Schöpfer.

Gerade deshalb wird das Evangelium so zentral zur Rettungsbotschaft: Es ist Gottes barmherzige und gnädige Antwort auf die tiefste Not des Menschen.

Der Zorn Gottes zeigt sich schon heute

Ein zentraler Gedanke in Römer 1 ist, dass Gottes Gericht nicht erst am Ende der Zeit beginnt. Es ist bereits jetzt wirksam.

Paulus beschreibt dies mit einem bemerkenswerten Prinzip: Gott „gibt den Menschen dahin“.

Das bedeutet: Er zieht sich zurück und lässt den Menschen die Konsequenzen ihrer Entscheidungen selbst tragen. Diese Form des Gerichts ist zunächst subtil, entfaltet sich aber äußerst real. Sie zeigt sich in einer Abwärtsspirale, die sowohl im persönlichen Leben als auch in ganzen Gesellschaften sichtbar wird.

Wenn Wahrheit bewusst verdrängt wird

Der Ausgangspunkt dieser Entwicklung ist nicht Unwissenheit. Paulus macht deutlich, dass jeder Mensch weiß, dass es einen Schöpfer-Gott gibt.

Doch anstatt diese Wahrheit anzunehmen und entsprechend zu reagieren, unterdrückt er sie aktiv.

Das Problem liegt also nicht im Mangel an Information, sondern in einer bewussten Entscheidung: Der Mensch will unabhängig von Gott leben. Diese Haltung ist der erste Schritt in eine tiefere Entfremdung. Das Geschöpf emanzipiert sich vom Schöpfer. Bittere Beobachtung: Ohne den Schöpfer ist das Geschöpf schnell erschöpft.

Wenn Gott herabgewürdigt und ersetzt wird (Römer 1,21–23)

Aus dieser Ablehnung folgt ein weiterer Schritt: Gott wird nicht einfach ignoriert – er wird ersetzt. Menschen schaffen sich ihre eigenen »Götter«. Diese müssen nicht religiös sein, es gibt genügend viele säkulare Götter und Religionen mit Erlösungs- und Paradiesversprechungen zur Auswahl. Das können Ideologien, Machtsysteme, Erfolgsphilosophien, Identitätsmodelle, Selbstverwirklichung (»Live your Dreams!«), Technologie oder Fortschrittsglaube (Progressivismus) sein.

Doch dieser Austausch hat Konsequenzen. Wenn der Mensch den Schöpfer gegen Geschaffenes und Menschliches eintauscht, verliert er die Orientierung. Denken und Herz werden verfinstert, wie Paulus es beschreibt.

Was zunächst wie Freiheit erscheint, führt langfristig in eine neue Form der Abhängigkeit.

Wenn die Lüge die Wahrheit ersetzt (Römer 1,24–25)

Ein weiterer Schritt in dieser Entwicklung ist der bewusste Tausch von Wahrheit gegen Lüge. Was ursprünglich als richtig erkannt wurde, wird umgedeutet oder relativiert. Maßstäbe verschieben sich. Grenzen verschwimmen. Narrative deuten die geschichtliche und politische Wahrheit um, ein »Ministerium für Wahrheit« übernimmt die Kontrolle über die wahrgenommene Realität (Orwell, 1984).

In diesem Prozess zieht Gott seine ordnende und bewahrende Gnade zurück. Das Ergebnis ist nicht Neutralität, sondern Chaos: Der Mensch verliert zunehmend die Fähigkeit, zwischen gut und böse zu unterscheiden.

Diese pervertierende Dynamik ist kein Zufall, sondern Teil dessen, was Paulus als Gottesgericht des »Dahingebens« beschreibt.

Wenn Ordnungen auf den Kopf gestellt werden (Römer 1,26–27)

Die Folgen dieser Entwicklung zeigen sich auch in den grundlegenden Ordnungen des Lebens, die der Schöpfer mit Segensabsicht verordnet hat, etwa in Beziehungen, Sexualität und Identität.

Paulus beschreibt dies als eine Umkehrung (lat. Perversion) der ursprünglichen Schöpfungsordnung. Dabei geht es nicht nur um einzelne Verhaltensweisen und Fehltritte, sondern um ein tieferes Problem: Die Verbindung zum Schöpfer ist generell und nachhaltig gestört; diese Abkehr führt zur Auflösung seiner Ordnung.

Wo diese kreatürliche Grundlage fehlt, geraten aber auch die darauf aufbauenden Strukturen ins Wanken.

Wenn der Mensch sich selbst verliert (Römer 1,28–32)

Am Ende dieser Entwicklung steht eine umfassende Zerrüttung – sowohl im persönlichen als auch im gesellschaftlichen Bereich. Paulus beschreibt eine Vielzahl von Verhaltensweisen wie Neid, Gewalt, Lüge, Hochmut und Rücksichtslosigkeit.

Das Bemerkenswerte dabei: Diese Dinge werden nicht nur praktiziert, sondern zunehmend akzeptiert und sogar gutgeheißen und »stolz« (engl. pride) gefeiert. Der moralische Kompass geht kaputt, die Gesellschaft läuft in die falsche Richtung. Aber sie ist massenmedial überzeugt worden, auf dem besten Weg zu sein.

Hier wird deutlich, wie tiefgreifend die Veränderung ist: Nicht nur das Verhalten verändert sich, sondern auch die Bewertung dessen, was gut und richtig ist.

Zusammenfassung: Warum das Evangelium unverzichtbar ist

Der Brief an die Christen in Rom zeichnet im ersten Kapitel ein klares Bild: Die größte Krise des Menschen ist im Kern theologisch und geistlich: Er kehrt sich von Gott, seinem Schöpfer, dem er alles zu verdanken hat, ab. Diese Abkehr führt zu einer Kettenreaktion, die Denken, Handeln und ganze Gesellschaften hinunterreißt. Götzendienst, sei es religiös oder säkular oder zivilreligiös, führt aktiv zur gesellschaftlichen Zerstörung.

Gottes Zorn und Gericht zeigt sich dabei gegenwärtig nicht in spektakulären Eingriffen, sondern im »Dahingehenlassen«, also darin, dass er den Menschen auf seinem Fluchtweg von Gott weg einfach laufen lässt.

Doch genau an diesem hoffnungslos scheinenden Lemminge-Wahn setzt das Evangelium an und zeigt als »Gute Botschaft« auf, dass in der heutigen »Gnaden-Zeit« für den Einzelnen feste Hoffnung besteht, wenn er zu Gott umkehrt und an Dessen Rettungswerk persönlich und existentiell glaubt.

Das Evangelium informiert uns: Am Kreuz, wo Jesus Christus für verlorene Menschen starb, sind sich Gottes Gerechtigkeit und seine Gnade und Barmherzigkeit begegnet. Am Kreuz wird deutlich: Gott lässt den Menschen nicht einfach in seiner Situation, Er bietet vielmehr Rettung an. Jeder, der Jesus Christus vertraut, findet Vergebung und Frieden mit Gott, und eine Umkehr zu Gott zurück, was das menschliche Leben erst lebenswert und menschengerecht macht.

Der Zorn Gottes macht das Evangelium nicht überflüssig – er macht es notwendig. Und gerade deshalb ist es die beste Nachricht, die es gibt. Wirksam wird sie aber nur für den, der umkehrt und glaubt.


Bin ich für meine Gemeinde nützlich?

Lesedauer: 6 Minuten.

Viele Christen verstehen Gemeinde unbewusst als einen Ort, an dem sie empfangen: Predigt hören, Gemeinschaft erleben, geistlich auftanken. Doch Paulus zeichnet in 1Korinther 12 ein ganz anderes Bild: Die örtliche Gemeinde ist kein Zuschauerraum – sie ist ein lebendiger Körper. Und jeder, der zu Christus gehört, ist ein Teil davon. Jeder Gläubige hat eine Aufgabe. Jeder ist Teil des Leibes. Du bist nicht zufällig da. Du wirst gebraucht. Die entscheidende Frage lautet daher nicht: »Was bekomme ich?«, sondern: »Bin ich für meine Gemeinde nützlich?«.

Kontext und Einleitung (12,1)

In 1Korinther 12,1 beginnt Paulus die Beantwortung einer weiteren jener Fragen, die ihm die christliche Gemeinde in Korinth gestellt hatte: »Was aber die geistlichen Gaben betrifft, Brüder, so will ich nicht, dass ihr unwissend seid«. Seine Antwort ist recht ausführlich und erstreckt sich über drei Kapitel: in Kapitel 12 geht es um die Einheit und Vielfalt der Gaben des Geistes, in Kapitel 13 um die Liebe als Antrieb zur Gabenausübung und in Kapitel 14 abschließend ganz praktisch um den ordentlichen Einsatz der Geistesgaben im Wortgottesdienst. Dann erst wendet er sich einer weiteren Frage zu (Auferstehung).

Paulus zeigt in diesen drei Kapiteln, dass die Gaben des Geistes Gottes vom Geist Gottes geprägt sind, was sie in Kontrast setzte zu den offenbar in Korinth ebenfalls gepflegten heidnischen »Geistmanifestationen«. Seinem Mitarbeiter Timotheus hatte er einmal erklärt: »Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Furchtsamkeit gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit (Selbstbeherrschung)« (2Timotheus 1,7). Das kann man gut als Überschrift über 1Korinther 12–14 setzen.

Die Gabengeschenke des Geistes Gottes an die Glieder der Gemeinde sind zwar Geschenke, sie bringen aber eine lebenswichtige geistliche Verpflichtung mit sich: Sie sind kein Selbstzweck, sondern dazu da, die Gemeinde, den »Leib«, aufzuerbauen. Wir lernen: Christliches Glaubensleben ist immer gemeinschaftsbezogen. Paulus stellt in 1Korinther 12,7 fest, dass jeder eine geistliche Gabe hat und dass diese für den Dienst an den anderen bestimmt ist. Die zentrale Herausforderung für jeden lautet also: Was machst du damit?

Die einzigartige Quelle der Geistesgaben (12,2–3)

Die Gottesdienste in Korinth waren offenbar eine Mischung von Echtem und Gefälschtem, wenngleich alles »religiös« und vertraut vorkam. Paulus macht deutlich, dass Gottes Gaben nur im Zusammenspiel mit geistlicher Reife und Ablehnung der alten heidnischen Vorstellungen funktionieren. Nicht jede »geistliche Erfahrung« kommt von Gott. Es gibt auch falsche Geister und Gewohnheiten, die im Heidentum entweder zu Passivität (Weltverleugnung, Askese) oder im Gegenteil zu unkontrollierter Ekstase (Entrücktsein) verleiten. Unterscheidungsvermögen tut da not! Der Heilige Geist befähigt den Glaubenden zu einem bewusstem, planvollen (vernünftigen), zielgerichtetem Dienst. Paulus hilft: Echtes Wirken des Geistes ist immer verantwortungsbewusst und christusverherrlichend.

Die Einheit und Vielfalt der Geistesgaben (12,4–6)

Paulus betont eindrücklich dreifach: Es gibt verschiedene Gaben und verschiedene Dienste und verschiedene Wirkungen. Dies konkretisiert er in Versen 8–10 mit einer ersten Liste solcher Gaben. Aber Quelle, Dienstherr und wunderbar wirksam Machender aller Gaben ist stets er eine Gott. Gottes Geist entscheidet souverän für jeden Christen, welches Glied am Körper der Gemeinde er wird und wie er für dieses Gliedsein und Funktionieren mit geistlichen Gaben ausgerüstet wird (Vers 11).

In Verbindung mit 1Petrus 4,10 verstehen wir, dass jeder wiedergeborene, und daher vom Heiligen Geist bewohnte, Glaubende eine geistliche Gabe empfangen hat. Das Metapher eines menschlichen Körpers ab 1Korinther 12, 12 ist eindrücklich: Wir erkennen zwar viele unterschiedliche Glieder am Körper, aber sie gehören im Geben und Nehmen und Funktionieren zu einem einzigen Körper. Wenn alle in ihrer besonderen Fähigkeit »funktionieren«, ist der Mensch gesund und zu großen Taten fähig und bereit. Anders gesagt: Der Leib, die Gemeinde, lebt dann. Wir lernen: Niemand ist überflüssig. Niemand ist optional. Es gibt im Leib der Gemeinde keine »rudimentären Organe«. Und: Es gibt keine Glieder, die getrennt vom restlichen Leib überleben könnten.

Der Nutzen der Geistesgaben für die Gemeinde (12,7)

Die große praktische Schlussfolgerung lautet: »Einem jeden wird die Offenbarung des Geistes zum Nutzen gegeben« (12,7). Das bedeutet: Deine Gabe gehört nicht dir, sie ist für andere gedacht. Sie hat eine konkrete Funktion, die Gott festgelegt hat. Daher ist Untätigkeit geistlich gesehen keine neutrale Option. Der Nutzen wird konkret angegeben: dass die Gemeinde Gottes auferbaut werde. Jeder ist für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Gemeinde mit verantwortlich. Sei es negativ oder positiv.

Negativ. Wenn du deine Gabe nicht nutzt, sind die Folgen: Du wächst geistlich weniger, anderen fehlt dein Beitrag, die Gemeinde wird geschwächt. Es ist wie in einem Körper, wo ein Körperteil ausfällt. Egal ob das wegen Verletzung, Krampf, Lähmung oder Bequemlichkeit geschieht, die Folge ist immer: Der ganze Körper leidet. – Wir lernen: Passivität schadet mehr, als wir denken.

Positiv. Wenn du (wie alle) deine Gabe nutzt, hat das hingegen viele gute Auswirkungen: (1) Du segnest andere, so wie sie Dich segnen; Geben und Empfangen gehören im Organismus zusammen. (2) Eine aktive Gemeinde wirkt auch nach außen überzeugend, sie hat ein starkes Zeugnis. (3) Aus der Erprobung im Dienst wachsen Leiter heraus, die wieder anderen helfen, ihre Gaben zu erkennen und zu trainieren. (4) Es entsteht eine echte, christliche, herzensverbindende Gemeinschaft im Glauben und Dienen. – Wir lernen: Gemeinde funktioniert nicht durch wenige Aktive (»Professionelle«), sondern durch viele Beteiligte, solange jeder (nur) das tut, wozu er von Gott gesetzt wurde.

Auf manche christliche Gemeinde passt das sarkastische Lob: »Sie leben nach dem olympischen Ideal: Keiner macht, was er soll. Jeder macht, was er will. Aber alle machen mit!«.

Folgen wir aber den Anweisungen des Wortes Gottes ist das Ergebnis ein funktionierender, gesunder geistlicher Leib. Die Ordnung der Gemeinde ist wie die eines lebendigen Organismus‘. Es geht nicht zu wie in einer würdigen Schlossbibliothek mit allerlei beeindruckenden Folianten aus längst verflossenen Tagen, wo alles »an seinem Platz« steht. Das biblische Bild ist ein junger, gesunder Körper, dessen Glieder lebendig zusammenhängen, einander dienen und miteinander den Leib gesund halten, so dass er zielgerichtet, koordiniert und lebendig das Werk Gottes tun kann. Wir lernen: Wenn jeder an seinem Platz im Leib dient, entsteht Einheit, wächst Kraft und wird die Gemeinde außenwirksam.

Call-to-Action

Jeder wiedergeborene Christ muss sich fragen: Bin ich für meine Gemeinde nützlich?

Praxistipp: Nimm dir Zeit für folgende drei Schritte:

  1. Bete: »Herr, welche Gabe hast du mir gegeben?«
  2. Sprich mit deiner Gemeindeleitung oder reifen Christen darüber
  3. Handle: Fang an zu dienen, zunächst im Kleinen. Jeder gabenspezifische Dienst später baut auf die eingeübte Einstellung eines Dieners auf, sonst wird sie unwirksam oder gar gefährlich.

Bedenke: Gottes Plan für deine Gemeinde funktioniert nicht ohne dich. Gott hat dich nicht nur gerettet, er hat dich auch beauftragt. Deine Gemeinde braucht nicht nur deine Anwesenheit, sondern deinen Beitrag.

Im Brief an die Gemeinde in Ephesus fasst Paulus das alles wunderbar zusammen:

»…die Wahrheit festhaltend in Liebe, lasst uns in allem heranwachsen zu ihm hin, der das Haupt ist, der Christus, aus dem der ganze Leib, wohl zusammengefügt und verbunden durch jedes Gelenk der Darreichung, nach der Wirksamkeit in dem Maß jedes einzelnen Teiles, für sich das Wachstum des Leibes bewirkt zu seiner Selbstauferbauung in Liebe.« (Epheser 4,15–16)

Die Frucht des Geistes (Galater 5)

Lesedauer: 2 Minuten.

Der Apostel Paulus setzt die sündigen, todbringenden »Werke des Fleisches« in Kontrast zu der geistbewirkten, lebenbringenden »Frucht des Geistes«. Diese »Frucht des Geistes« entfaltet sich in neun »Geschmacksrichtungen«:

»Die Frucht des Geistes aber ist: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Gütigkeit, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit« (Galater 5,22–23a)

Man kann diese neunfältige Geistesfrucht unterschiedlich strukturieren. Einen Vorschlag zur Einteilung ist in folgende drei Dreiergruppen: (1) Beziehung zu Gott; (2) Beziehung zu anderen; sowie (3) Selbstführung. Alle drei Beziehungs- und Lebensaspekte sind vom Geist Gottes gestiftet und werden von Ihm im Gläubigen fruchtbar geprägt. Im Einzelnen:

1. Gottbezogene Dimension

Hier geht es um die innere Ausrichtung auf Gott. Dies muss die erste Überlegung sein, sie hat oberste Priorität. Denn Gott zu lieben ist das oberste, erste Gebot und bewirkt die größte Erfüllung des glaubenden Menschen.

  • Liebe (agápē) – grundlegende, göttliche Liebe als Quelle
  • Freude (chara) – geistgewirkte Freude unabhängig von Umständen
  • Friede (eirēnē) – innerer Zustand des Versöhntseins mit Gott

Dieser Dreiklang markiert den Grundzustand des glaubenden Herzens vor Gott.

2. Zwischenmenschliche Dimension

Hier geht es um das Verhalten anderen gegenüber. Der Geist Gottes bewirkt im Glaubenden, dass auch dieser zweite Aspekt des göttlichen Liebesgebotes fruchtbar erfüllt werden kann: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (Galater 5,14)

  • Geduld (makrothymía) – Langmut gegenüber Menschen
  • Freundlichkeit (chrēstótēs) – wohlwollendes, mildes Verhalten
  • Güte (agathōsýnē) – aktives, moralisch gutes Handeln

Dieser Dreiklang markiert die soziale Auswirkung des geistlichen Lebens.

3. Selbstbezogene Dimension

Hier geht es um die Verwandlung des geistbewohnten Gläubigen ins Bild Jesu Christi, also um Heiligung in Charakter und Selbstdisziplin.

  • Treue (pístis) – Zuverlässigkeit / Vertrauenswürdigkeit
  • Sanftmut (praýtēs) – kontrollierte Stärke, Demut
  • Selbstbeherrschung (enkráteia) – Kontrolle über eigene Impulse

Dieser finale Dreiklang markiert die innere Stabilität und Charakterfestigkeit des Glaubenden.

Die systematische Logik

Diese Dreiteilung in Dreiergruppen folgt einer Logik, die sich weder explizit noch aus der Textstruktur selbst ergibt (diese ist ja einfach eine geordnete Aufzählung ohne Prioritätsangaben). Ohne dogmatischen Anspruch folgt die obige Einteilung den Aspekten: Sein–Wirken–Charakter. Diese Aspekte markieren die drei Ebenen, in denen Gott Frieden und Wohlstand als einheitliche Realität stiften will und wird:

  • vertikal. Die Grundlage bildet die Gottesbeziehung.
  • horizontal. Darauf aufbauend die Beziehung zum Nächsten als Ausdruck der guten Gottesbeziehung.
  • intrapersonal. Drittens sehen wir eine Stabilisierung auf der intrapersonalen Ebene, indem der geistbewohnte Mensch in sich tiefen inneren Frieden und Heilung erfahren darf, und so Stück um Stück seine alte, sündige Zerrissenheit und Entfremdung verliert.

»Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit eurem Geist, Brüder! Amen.« (Galater 6,18)

Matthäus 24 und die Entrückung der Gemeinde

Lesedauer: 9 Minuten.

»Alle Nicht-Prätribulationisten verorten sowohl die christliche Gemeinde (Kirche) als auch die Entrückung der Gemeinde in Matthäus 24. Dies ist für ihre Position wesentlich, für sie ist keine andere Auslegung möglich. Prätribulationisten hingegen sehen weder die Gemeinde noch die Entrückung in der Endzeitrede Jesu in Matthäus 24.«[1]

Diese Kurzstudie untersucht eine zentrale Streitfrage der Endzeitlehre: Redet Jesus in der Ölbergrede in Matthäus 24 von der Gemeinde und ihrer Entrückung oder nicht?

Die Antwort, vorweggenommen: Weder die Gemeinde noch deren Entrückung sind in dieser Rede Jesu zu finden. Wir nehmen den klassischen prätribulationistischen Standpunkt ein, also die Lehre der Entrückung der Gemeinde vor der Drangsal Jakobs.

Die Bedeutung der Frage

Die o.g. Frage ist theologisch sehr wichtig, denn wenn die Gemeinde und deren Entrückung in Matthäus 24 vorkommen, spräche dies für die Lehre des Posttribulationismus (s. Glossar am Ende des Beitrags), wenn aber nicht, spräche dies für die Position des Prätribulationalismus. Es geht also um die Frage, ob nach Matthäus 24 die christliche Gemeinde vor oder nach der »Drangsal Jakobs« in den Himmel entrückt werden wird. Festgehalten werden muss a priori der biblische Befund, dass von der Entrückung der christlichen Gemeinde in Matthäus 24–25 nicht explizit zu lesen ist, viel mehr aber in 1Thessalonicher 4, 1Korinther 15 und Johannes 14 davon explizit und implizit die Rede ist.

Die Fehldeutungen von Matthäus 24

1. Die kritische (liberale) Position

Diese Sicht behauptet, Matthäus 24 sei größtenteils von der frühen Kirche konstruiert worden, sei also keine treue Wiedergabe der Rede Jesu. Diese Position wird hier klar verworfen.

2. Die präteristische Position

Diese Sicht geht davon aus, dass die in Matthäus 24 vorhergesagten Ereignisse bereits in der heutigen Vergangenheit ihre Erfüllung gefunden hätten (z. B. in der Tempelzerstörung 70 n. Chr.). Problematisch ist hier vor allem, dass dabei die Texte stark »vergeistigt« werden, um sie in Übereinstimmung mit den damaligen historischen Vorgängen zu bringen. – Wir vertreten hingegen die Ansicht, dass diese historischen Vorgänge eine Vorerfüllung der noch größeren und kosmisch/weltweit wirkenden Gerichte Gottes in Zukunft waren.

3. Die »Zeitalter«-Position (amillennial)

Diese Sicht behauptet, dass in Matthäus 24 die gesamte Kirchengeschichte beschrieben sei. Die christliche Gemeinde wird in diesem Text demnach gesehen, in Verbindung mit der theologischen Sicht des Amillenialismus. Diese Deutung passt aber überhaupt nicht zu den auslösenden Fragen der Jünger Jesu, die mit der christlichen Gemeinde nichts zu tun hatten, sondern rein jüdische Anliegen beinhalten (»Sage uns, wann wird das [Zerstörung des Tempels] sein, und was ist das Zeichen deiner Ankunft und der Vollendung des Zeitalters?«, Mt 24,3b). Sie hatten vielleicht die Voraussagen in Sacharja 14 im Gedächtnis.

4. Die Position des Posttribulationismus

Diese Endzeitlehre sieht die Entrückung der Gemeinde nach der Drangsal. Es ist also eine zentrale Gegenposition zur Position, dass die Gemeinde vor der Drangsal Jakobs entrückt wird, dem sog. Prätribulationalismus.

Diese Position wurde vor allem von Robert Gundry vertreten (s. Robert H. Gundry, The Church and the Tribulation. Grand Rapids, MI: Zondervan, 1973). Er behauptet, dass Matthäus 24 die christliche Kirche beschreibe. Er sieht in Matthäus 24,32 die Entrückung der Gemeinde, weil dort von einer »Sammlung« die Rede ist: »alle Nationen … vor ihm versammelt werden, und er wird sie voneinander scheiden, so wie der Hirte die Schafe von den Böcken scheidet«. Dieser These ist entgegenzuhalten:

  • Diese Sammlung entspricht nicht der Entrückung der Gemeinde. Weder eine Auferstehung (der gestorbenen Gläubigen) noch eine Verwandlung (der gläubigen Lebenden) wird erwähnt. Beides sind aber zentrale Elemente der Entrückung.
  • Der Text in Matthäus 24,32 redet vom Erscheinen vor einem Gerichtsthron, der auf der Erde steht, nicht von einem Sammeln der Erretteten im Himmel. Es geht bei diesem irdischen Gericht um die Frage, wer in das dort bald beginnende Millennium eingehen darf (Schafe) und wer nicht (Böcke). Das hat nichts mit der Gemeinde Jesu Christi zu tun.
  • Der Text in Matthäus 24,40–41 formuliert mehrfach: »einer wird genommen und einer gelassen«. Das redet ebenfalls nicht von einer Entrückung in den Himmel, sondern beschreibt ein Gerichtshandeln Gottes. Die »Genommenen« sind hier nämlich jene, die zum Gericht entfernt, also gerade nicht gerettet, werden. Die »Gelassenen« hingegen sind jene, die nicht gerichtet werden und in das Königreich des Millenniums eingehen dürfen. Das ist gerade andersherum, wie es bei der Entrückung der Gemeinde gen Himmel der Fall sein wird.
  • Kontext. Die gesamte Rede behandelt Israel und die Drangsal Jakobs, nicht die christliche Kirche. Die Struktur von Matthäus 24 identifiziert drei Zeitphasen: (1) Allgemeine Zeichen (nicht das Ende) (V. 4–6); (2) Anfang der Wehen (V. 7–8) und (3) Große Drangsal & Wiederkunft (V. 9–31). Es geht also um die Endzeit Israels, nicht um die Gemeinde.

5. Die Position des Midtribulationalismus

Eine etwas modernere Sicht stammt von Marvin Rosenthal (Marvin Rosenthal, The Pre-Wrath Rapture of the Church. Nashville, TN: Thomas Nelson, 1990, sowie revidierte Ausgabe 1994). Er behauptet, dass die Entrückung der Gemeinde während der Drangsal stattfinde, aber noch »vor dem Zorn Gottes«. Er argumentiert hier mit Parallelen, die er mit Offenbarung 6 sieht. Der Text in der Offenbarung macht aber deutlich, dass es bereits vor jener Mitte der Drangsal Jakobs (also dem behaupteten Entrückungszeitpunkt) Siegelgerichte gibt, welche eindeutig Gottes Gericht sind. Das ganze Modell bricht an diesem Irrtum zusammen.

Die Argumente für eine jüdische Deutung von Matthäus 24

Das Hauptargument gegen eine Deutung von Matthäus 24 auf die Gemeinde und ihre Entrückung ist, dass es im Text und Kontext um eine rein jüdische, nicht kirchliche, Fragestellung ging und dass die Antwort Jesu sich auch nur darauf bezieht. Das zeigen folgende Beobachtungen.

1. Die Fragen der Jünger sind rein jüdisch

Die Frage der Jünger in Matthäus 24,3 zielt deutlich auf die Zerstörung des jüdischen Tempels, das Kommen des Messias und das Ende des Zeitalters. Diese Fragen spiegeln jüdisch-messianische Erwartungen wider, nicht solche der christlichen Kirche. Die Jünger verstanden die Gemeinde zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht.

2. Der gesamte Kontext ist israelbezogen

Der vorlaufende Kontext ist mit dem jüdischen Tempel beschäftigt, dem bis heute als »Weltwunder der Antike« eingestuften Tempel im herodianischen Prachtausbau (Matthäus 24,1–2). Wir lesen ferner vom »Gräuel der Verwüstung«, einem klaren Bezug auf die Prophetie Daniels. Wir lesen ferner vom Sabbat (Matthäus 24,20) und von einer Flucht aus Juda. Dies sind alles sehr stark jüdisch markierte Kategorien und Themen.

3. Die Jünger repräsentieren zukünftige jüdische Gläubige

Man kann gültig argumentieren, dass in diesem Evangelium (Matthäus) und konkreten Anlass der Perikope (Ölbergrede) die Jünger Jesu hier nicht für die Kirche stehen, sondern für Gläubige der zukünftigen Drangsalzeit, der »Drangsal Jakobs«. Es geht um die dann Wartenden, um deren innere Haltung der Geduld bis zur Ankunft ihres Messias und um ihr Ausharren in den diesem Ereignis vorauslaufenden Gerichten.

Fazit

Matthäus 24 behandelt Israels Zukunft, die Drangsal Jakobs(!) und das Kommen des Messias. Der Text behandelt weder die christliche Gemeinde noch deren Entrückung. Die Entrückung muss aus anderen neutestamentlichen Texten abgeleitet werden, insbes. aus 1Thessalonicher 4, 1Korinther 15 und Johannes 14, nicht aber aus Matthäus 24.

Matthäus 24 ist eine rein jüdisch-eschatologische Rede über die Drangsal und das Kommen des Messias, in der weder die neutestamentliche Gemeinde noch deren Entrückung vorkommen.

Glossar zentraler Begriffe

Die folgenden Kurzerklärungen dienen dem besseren Verständnis der Begriffe der Endzeitlehre (Terminologie der Eschatologie) und damit des Textes dieses Beitrags.

Prätribulationismus. Lehre, dass die Entrückung der Gemeinde vor Beginn der siebenjährigen Drangsal (Große Trübsal) stattfindet. Unterscheidet strikt zwischen Israel und der Gemeinde.

Midtribulationismus. Auffassung, dass die Entrückung in der Mitte der Drangsal geschieht; oft in Verbindung (oder synonym) mit der Lehre der Vor-dem-Zorn-Entrückung.

Posttribulationismus. Auffassung, dass die Entrückung am Ende der Drangsal gleichzeitig mit der sichtbaren Wiederkunft Christi geschieht.

Vor-dem-Zorn-Entrückung. Modell, nach dem die Entrückung inmitten der 70. Danielswoche, also nach 3,5 Jahren, erfolge, da erst ab dann vom Ausgießen des göttlichen Zorns (sog. »großen Drangsal« samt »Tag des Herrn«) die Rede sein könne. Verbreitet von Marvin Rosenthal (sog. Pre Wrath Rapture, 1990), bei uns weniger bekannt.

Entrückung. Ereignis, bei dem Christus die Gläubigen aus der Welt reißend zu sich nimmt (vgl. 1Thess 4,16–17), verbunden mit Auferstehung aller toten und Verwandlung aller lebenden Gläubigen.

Drangsal, Große Trübsal. Endzeitliche Periode intensiven Gerichts und Leidens, oft mit der 70. Jahrwoche Daniels (Dan 9,27) identifiziert. Da insbesodnere Israel im Fokus steht, auch »Drangsal Jakobs (Israels)« genannt. Manche bezeichnen damit nur die zweiten 3,5 Jahre der 70. Danielswoche ab dem »Gräuel der Verwüstung …an heiligem Ort« (Tempel).

Ölberg-Rede. Endzeitrede Jesu auf dem Ölberg (Matthäus 24–25), die Themen wie Drangsal Jakobs, Wiederkunft Christi und Endgericht behandelt.

Erscheinung (Parousie). Das griech. Wort bedeutet »Ankunft« oder «Gegenwart«, das Ankommen einer hochgestellten Persönlichkeit. Hier in Bezug auf die sichtbare Wiederkehr Christi, wie es in der Schrift vorhergesagt ist.

Auserwählte. Von Gott zur Errettung und zum Heil erwählte Gläubige, sei es aus Israel oder aus der Gemeinde.

Gräuel der Verwüstung. Prophetisches Ereignis (Dan 9,27; Mt 24,15), bei dem der Gottesdienst der Juden ausgesetzt werden wird. Ein »Mensch der Sünde« wird sich in den Tempel setzen und sich als Gott anbeten lassen (2Thess 2,3f). Dies ist Höhepunkt des Abfalls von Gott und damit ein Schlüsselzeichen der Endzeit.

Dispensationalismus. Theologisches System, das die Heilsgeschichte in verschiedene »Haushaltungen« (Dispensationen) einteilt und Israel und Gemeinde klar unterscheidet. Heute weltweit vor allem im von Cyrus I. Scofield (1909; rev. 1917) propagierten Modell von sieben Dispensationen bekannt (Scofield Reference Bible: Unschuld, Gewissen, Regierung, Verheißung, Gesetz, Gnade/Gemeinde, Königreich/Millenium). Es gibt aber auch andere Modelle mit anderen und mit mehr oder weniger vielen Dispensationen.

Prämillennialismus. Lehre, dass Christus vor dem tausendjährigen Reich (Millennium) sichtbar wiederkommt.

Amillennialismus. Auffassung, dass es kein tausendjähriges Reich gibt, das tatsächlich eintausend Jahre währt. Das »Millennium« wird symbolisch verstanden, insofern kann es auch heute bereits existieren und hat keinen vorhersagbaren konkreten Endezeitpunkt.

Präterismus. Deutung, dass viele prophetische Aussagen (z. B. Mt 24) bereits in der Vergangenheit erfüllt wurden (oft mit Verweis auf die Tempelzerstörung 70 n. Chr.).

Tag des Herrn. Zeit göttlichen Eingreifens in Gericht und Heil; in der Endzeit oft mit Gottes Zorn und Gerichtshandeln verbunden. Es ist eine längere Zeitperiode des direkten, souveränen Eingreifens Gottes in Gericht, Reichsaufrichtung und Heil, nicht ein 24-Std.-Tag. Im NT ist der »Tag des Herrn« christologisch zugespitzt, kulminiert im Kommen des Herrn Jesus, des Gesalbten.


Endenoten und Literaturverweis

[1]  Stanley D. Toussaint, Are the Church and the Rapture in Matthew 24?, in: Thomas Ice, Timothy Demy (Hrsg.), When the Trumpet Sounds: Today’s Foremost Authorities Speak Out on End-Time Controversies (Eugene, OR: Harvest House Publishers, 1995, S. 235–250), S. 236.