Das Werk des Herrn wird niemals scheitern

Die 7 Fortschrittsberichte des Lukas in der Apostelgeschichte

Einleitung

Die Apostelgeschichte (Apg) lässt sich grob in zwei Teile gliedern: den Dienst des Petrus (Apg 1–12) und den Dienst des Paulus (Apg 13–28). Das Wirken Jesu Christi durch seine Apostel bewegte und durchdrang das ganze Röm. Lukas zeigt das Vordringen des Evangeliums in seinem Bericht in sieben Abschnitten, von denen jeder mit einem kurzen Fortschrittsbericht abschließt. Diese sieben Abschnitte der Apg beschreiben die Etappen, in denen der Auftrag des Herrn aus Apg 1,8 ausgeführt wurde: »ihr werdet meine Zeugen sein, sowohl in Jerusalem als auch in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde«.

Das unaufhaltsame Wirken des verherrlichten Christus zur Rettung von Menschen und zur Auferbauung der Gemeinde Jesu Christi mittels seiner damaligen Nachfolger und Diener ist auch äußerst mutmachend für seine Nachfolger und Diener heute.

  • Erstens: Die Apg berichtet, wie der Herr Jesus Christus nach seiner Himmelfahrt von seinem himmlischen Thron aus mittels seiner Apostel und Diener das große Werk fortsetzte, seine Gemeinde zu bauen (Mt 16,18). Der Tempel stand noch in Jerusalem, wo der Herr verworfen wurde und den er verlassen hatte (sein Exodus). Was Israel betrifft, begann dann eine Zeit des Übergangs, der sich nach der Ermordung des Christus-Zeugen Stephanus noch beschleunigte. Diese Übergangszeit dauerte etwa 40 Jahre. Der »alte [Bund] war dem Verschwinden nahe« (Heb 8,13), während die Gemeinde Christi im neuen Bund auf der Erde wuchs und wuchs. Christus im Himmel kümmerte sich mit größtem Interesse um dieses Wachstum. In dieser Zeit wandte Er sich weiterhin Seinem irdischen Volk besonders zu. Noch galt: »den Juden zuerst« (vgl. Apg 3,26; 13,46; Röm 1,16; 2,9–10).
  • Zweitens: Lukas’ Fortschrittsberichte werden gegeben, um zu bestätigen, dass Gottes Werk trotz gewaltiger Widerstände von außen und von innen weiterging. Das soll uns Nachfolger Jesu auch heute noch ermutigen. Leiden begleiteten das neue Werk Christi, wie sie auch Seinen irdischen Dienst schon begleiteten. Doch dessen ungeachtet geht es voran, Lukas berichtet von wunderbaren Ergebnissen.

Diese beiden Punkte bilden ein zentrales Thema in der gesamten Apg und im Neuen Testament. Die sieben Fortschrittsberichte des Lukas in der Apg fassen zusammen, wie Christi Größe und Macht in Gemeindebau und Mission sichtbar wurde. Während der Herr auf der Erde gewesen war, war Er bei Seinen Jüngern (vgl. Mt 28,20) – Er war es auch jetzt weiterhin, wenn auch unsichtbar. Die Herausforderung der Jünger bestand also darin, in Glauben, Gehorsam und Liebe dem verherrlichten Herrn treu zu dienen (Heb 11; Joh 14,21.23). 

Das ist auch unsere Herausforderung: 1. Arbeitest Du fleißig und mutig mit im großen Werk Jesu Christi in dieser Welt? – 2. Gehörst Du aktiv und verbindlich einer Gemeinde Jesu Christi an? Denn Christus baut seine Gemeinde, nicht Solo-Nachfolger und YouTube-Christen.

Die sieben Fortschrittsberichte

1. »Der Herr aber fügte täglich hinzu, die gerettet werden sollten« (Apg 2,47b)

Dieser Vers bildet die Zusammenfassung, die Lukas nach seiner Zusammenfassung über das Tun und Lassen der Urgemeinde gibt (Apg 2,42–47a; siehe Artikel »Die Kennzeichen der Jerusalemer Urgemeinde«). Er enthält den ersten von sieben Fortschrittsberichten in der Apg.

  • Das mit »hinzufügen« übersetzte Verb (prostithemi; Imperfekt Aktiv: »fügte fortwährend hinzu«) wird im Lukasevangelium siebenmal und in der Apg sechsmal verwendet. Es ist ein Wort, das Lukas wahrscheinlich aus der Septuaginta (der alten griechischen Übersetzung des AT) übernommen hat, wo es mehr als 300-mal vorkommt. Es steht in Verbindung mit dem Wort »Zahl« (arithmos) (vgl. 4,4; 5,36; 6,7; 11,21; 16,5). Der Herr fügte hinzu und zählte: Für Ihn zählt jeder Einzelne!
  • Es sollte unsere Herzen berühren, zu sehen, dass der Herr Jesus im Himmel, obwohl Er vom jüdischen Volk verworfen worden war, 3.000 Menschen aus dessen Mitte nahm und sie zu Pfingsten Seinem neuen Zeugnis hinzufügte (2,41)! Er fuhrtäglich fort, Gerettete hinzuzufügen und sie als Glieder in diesen neuen Leib von Gläubigen aufzunehmen. Unser gesegneter Herr fährt damit fort, bis die Zahl vollständig sein wird und Er kommen kann, um uns alle in den Himmel zu nehmen (1Thes 4,14–18)! Er allein ist der Herr und hat daher die Autorität, hinzuzufügen und zu zählen. Doch Er gebraucht uns als Seine Werkzeuge auf der Erde, um Seinen Plan auszuführen.
  • Es muss für unseren verherrlichten Herrn besonders kostbar gewesen sein, Menschen aus Seinem eigenen irdischen Volk, das Ihn verworfen hatte, hereinzubringen und sie dieser neuen Gemeinschaft von Gläubigen hinzuzufügen, die für den Himmel bestimmt war – und dies in eben jener Stadt, die Ihn hinausgestoßen hatte. Apg 2,47 zeigt uns, dass Christus in Herrlichkeit Gottes ewigen Ratschluss erfüllt (vgl. Röm 8,29–30), was diese Menschen betrifft, die an Ihn glaubten und die nach Gottes Plan Tag für Tag hinzugefügt wurden.

2. »Und das Wort Gottes wuchs, und die Zahl der Jünger in Jerusalem mehrte sich sehr; und eine große Menge der Priester wurde dem Glauben gehorsam.« (Apg 6,7)

Das Hinzufügen ging weiter (2,41.47; 5,14; 11,24), und Lukas’ zweiter Bericht spricht von einem schnellen und beeindruckenden Wachstum. »Das Wort wuchs« (Imperfekt Aktiv: »wuchs fortwährend«), und dies zeigte sich in vielen neuen Bekehrungen. Die Jünger vermehrten sich außerordentlich, als neue Gläubige sich den Interessen Christi widmeten.

  • Beachten wir, dass dieser Fortschritt in Jerusalem stattfand – angesichts des zunehmenden Widerstands der religiösen Führer, also eines Widerstands von außen.
  • Die Zunahme geschah trotz zweier Versuche des Feindes, das neue Zeugnis von innen heraus zu verderben: durch Hananias und Saphira (Apg 5) sowie durch die griechischen Witwen (6,1). Das Wort wuchs umso mehr, weil die Apostel nun von der täglichen Versorgung mit Nahrung entlastet waren.
  • Wir lernen auch, dass dieses Wachstum nicht das Ergebnis menschlicher Methoden oder Zweckmäßigkeit war, sondern ein Werk Gottes, das Seinem Vorsatz gemäß durch Sein Wort geschah (vgl. die anderen Berichte).
  • Ein besonderer Triumph war, dass viele der Priester, die Sadduzäer waren und die Auferstehung stets abgelehnt hatten (und voller Zorn gegen die Apostel gewesen waren; 5,17!), dem Glauben gehorsam wurden. Dies zeigt eine dramatische Veränderung ihrer Überzeugung (6,7).

Der Herr im Himmel setzte Sein Werk als der große Sämann fort, und Gott gab das Wachstum auf vielfältige Weise!

3. »So hatte denn die Versammlung durch ganz Judäa und Galiläa und Samaria hin Frieden und wurde erbaut und wandelte in der Furcht des Herrn und mehrte sich durch die Ermunterung des Heiligen Geistes.« (Apg 9,31)

Auf den gewaltsamen Tod des ersten Märtyrers, Stephanus (Apg 7), folgte eine gewaltige Verfolgung (8,1–4). Doch der Same des Wortes wurde durch diejenigen, die aus Jerusalem fliehen mussten, noch weiter ausgestreut, und so ging das Wachstum weiter (siehe auch 6,1.7; 12,24). Vielleicht zeigte sich der größte Sieg für den Herrn in Herrlichkeit in der Bekehrung des eifrigsten Verfolgers, Saulus, der selbst zu einem hingebungsvollen Jünger wurde. 

Betrachten wir einige wichtige Ausdrücke:

  • Frieden. Der Schluss von Apg 9,31 bezieht sich auf alle Versammlungen/Gemeinden in den drei genannten Gebieten: Judäa, Galiläa und Samaria. Ihr Wandel entsprach Gottes Gedanken, ohne Ausnahme, denn sie wandelten in der Furcht des Herrn, in Gehorsam und Unterordnung unter Ihn. Was für eine Lektion und Herausforderung für uns heute!
    Diese drei Gebiete hatten vor der Verkündigung des Evangeliums große Feindschaft gegeneinander erfahren. Doch die frühere Feindschaft hatte sich nun in Frieden verwandelt [Imperfekt Aktiv: »sie hatten fortwährend Frieden«] – unter der Aufsicht des Herrn in der Zeit der Gnade, zumindest soweit es die Gläubigen aus diesen Gebieten betraf (vgl. Röm 14,17).

Frieden (gr. eirēnē) ist ein wichtiges Merkmal in den Schriften des Lukas. Er erwähnt ihn 14x in seinem Evangelium (1,79; 2,14.29; 7,50; 8,48; 10,5.6 2x; 11,21; 12,51; 14,32; 19,38.42; 24,36) und 7x in der Apg (7,26; 9,31; 10,36; 12,20; 15,33; 16,36; 24,2).
Auch im Dienst des Paulus, in den uns die Schriften des Lukas einführen, ist Frieden ein wesentliches Merkmal. Paulus erwähnt ihn 52-mal in seinen 14 Briefen – wenn wir den Hebräerbrief einbeziehen – und ebenso die verwandten Verben »Frieden machen« und »in Frieden leben« sowie das Adjektiv »friedlich«.

  • Auferbauung. Sie wurden auferbaut (vgl. Apg 20,32). Große Unterschiede in Bezug auf ethnische Herkunft, Kultur und andere Sichtweisen bestanden weiterhin. Doch nachdem sie in eine neue Beziehung zueinander gebracht worden waren, herrschte Frieden unter den Christen, während sie auferbaut wurden und in der Gnade und Erkenntnis des Herrn wuchsen (2. Petr. 3,18).
    Das Verb »auferbauen« (oikodomeo) ist eine Zusammensetzung aus »Haus« und »aufbauen«. Im Neuen Testament wird es sowohl mit dem Haus Gottes als auch mit dem Leib Christi verbunden. Lukas’ Verwendung des Verbs »auferbauen« in seiner dritten Zusammenfassung bezieht sich sehr wahrscheinlich auf beide Aspekte.
    Obwohl die lehrmäßige Erklärung erst später folgen würde, besonders im Rahmen des Dienstes des Paulus, bestand nun wahre Einheit nach Gottes Gedanken zwischen diesen sehr unterschiedlichen Menschengruppen, die verschiedene Kulturen repräsentierten. Das ist nicht dasselbe wie die menschliche Neigung zur Uniformität/Gleichförmigkeit. So sollte es auch heute sein.
  • Wandeln in der Furcht des Herrn. Lukas beschreibt den Wandel aller Gläubigen und Gemeinden als ein »gemeinsames Wandeln« – sich gemeinsam verhalten bzw. gemeinsam vorangehen – in der Furcht des Herrn.
    Diese Lebensweise eröffnet ein weitreichendes Studiengebiet und stellt uns vor eine Herausforderung. Ohne diese »Furcht« können wir Gottes Wort nicht sinnvoll in die Praxis umsetzen (vgl. Mal. 1,6; 2,5; 1. Kor. 2,3; 2. Kor. 7,1; Eph. 5,21; 1. Petr. 1,17; 2,18; 3,2; Jud. 23).
  • Trost des Heiligen Geistes. Darüber hinaus wurde, während unser Herr im Himmel durch den Heiligen Geist wirkte, Trostdurch Ihn gegeben. Der Dienst des Heiligen Geistes, des Trösters, ist charakteristisch für die Apg und für die Zeit der Gnade, in der wir leben. Das Wort Trost (paraklesis = »zur Seite gerufen«; Beistand) bedeutet auch Ermutigung und Ermahnungund wird in der Apg 4x in unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet (4,36; 9,31; 13,15; 15,31).

Diese wichtigen Faktoren – Frieden, Auferbauung, Wandel in der Furcht des Herrn und Trost des Heiligen Geistes – führten gemeinsam zu großem Wachstum – zahlenmäßig als auch geistlich. Lukas verwendet dieses Verb auch in Apg 12,24 und betont damit den geistlichen Aspekt des Wachstums durch das Wort des Herrn.

4. »Das Wort Gottes aber wuchs und mehrte sich.« (Apg 12,24)

Einige Übersetzungen von Apg 12,24 haben: »das Wort des Herrn«. Beide Gedanken stimmen mit dem überein, was wir am Ende des zweiten Fortschrittsberichts gesehen haben: ein Werk Gottes durch Sein Wort unter der Führung des Herrn JesusDie Zunahme an Zahl und geistlicher Qualität wurde durch das Wort Gottes bewirkt. Dies wird in Lukas’ Fortschrittsberichten mehrfach wiederholt (6,7; 19,20; siehe auch 28,30–31).

  • Dieses fortgesetzte Wachstum (dasselbe Verb wachsen [auxano; Imperfekt Aktiv] wie in 6,7; 7,17; 19,20) geschah trotz großer Widerstände: Jakobus war getötet und Petrus war gefangen genommen worden, aber gerade freigelassen worden.
  • Lukas’ vierte zusammenfassende Aussage steht am Ende seines Berichts vom Dienst des Petrus. Obwohl dieser Apostel weiterhin wirkte, wahrscheinlich sogar noch kurze Zeit nach dem Tod des Paulus, richtet Lukas von diesem Punkt an unsere Aufmerksamkeit auf das, was der verherrlichte Messias durch Paulus wirkte. Diese Zusammenfassung (12,24) ist daher ein Wendepunkt im Bericht des Lukas.

5. »Die Versammlungen nun wurden im Glauben befestigt und mehrten sich täglich an Zahl.« (Apg 16,5)

Dieser Fortschrittsbericht beschreibt den fortgesetzten Sieg der Gnade über das Böse, nach dem geistlichen Kampf mit den Judaisten und sogar nach der Auseinandersetzung zwischen Paulus und Barnabas wegen Johannes Markus. Diese beiden »negativen« Entwicklungen, die in Apg 15 beschrieben werden, werden von folgenden »positiven« Bemerkungen des Lukas gefolgt:

  • Die Zunahme erfolgte trotz des intensiven »äußeren« Konflikts mit den Judaisten und des «inneren« Streits zwischen Paulus und Barnabas (vgl. Apg 5–6). Es gab weiterhin Wachstum als Ergebnis der fortdauernden Gnade und Treue des Herrn.
  • In diesem schwierigen Zusammenhang wird die Notwendigkeit inneren und äußeren Wachstums offensichtlich. Die beiden Verben »befestigt« (stereoo; im Glauben) und »nahm zu« (perisseuo; an Zahl) bestätigen dies. Wie kostbar muss es für den Herrn im Himmel gewesen sein, dieses Wachstum zu sehen!
  • Christus ist täglich an diesem Werk beteiligt, während Er die Gemeinde für sich selbst zubereitet (vgl. Eph. 5,25–27). Sein fortdauerndes Wirken hebt unsere eigene Verantwortung nicht auf. Wir müssen beten und Fürbitte tun sowie Sein Wort täglich lesen und studieren.
  • Bei der Beschreibung der zweiten Missionsreise des Paulus verwendet Lukas zum letzten Mal das Wort »Zahl« (arithmos, von dem unser Wort »Arithmetik« stammt) (vgl. 4,4; 5,36; 6,7; 11,21). Unser Herr weiß, wie man Rechnung führt – und Er tut es!
  • Das Verb »zunehmen« (perisseuo) wird nur in Lukas’ fünfter Zusammenfassung verwendet (16,5). An anderen Stellen wird es mit »überströmen« oder »reichlich vorhanden sein« übersetzt. Es erinnert uns an das überreiche, kraftvolle Leben, das in diesem »Samen Gottes« vorhanden ist (vgl. Mal. 2,15) und sich in neuen Nachkommen zeigt.
  • Eine Reaktion aufseiten der Gläubigen wird durch das Wort »Glaube« ausgedrückt. Obwohl der Herr die Befestigungbewirkte, waren sie selbst aktiv an diesem Prozess beteiligt, indem sie glaubten. Die Schrift hält das Gleichgewicht zwischen Gottes Wirken und unserer Verantwortung aufrecht (vgl. Phil 2,12–13).

6. »So wuchs das Wort des Herrn mit Macht und nahm überhand.« (Apg 19,20)

Diese Aussage erfolgte unmittelbar nach der Beschreibung des Sieges Christi in Ephesus. Dazu gehört die Bemerkung: »Viele aber von denen, die Zauberei getrieben hatten, trugen die Bücher zusammen und verbrannten sie vor allen; und sie berechneten deren Wert und kamen auf fünfzigtausend Stück Silber« (V. 19).

  • Lukas gibt hier eine eindrucksvolle Darstellung der Macht Christi in Herrlichkeit, die durch Sein Wort wirkte (19,19–20). Der Begriff »[mit] Macht« (gr. kratos) kommt in der Apg nur hier vor. Es handelt sich um einen militärischen Begriff, der den Gedanken von Herrschaft und Kontrolle beinhaltet. Alles muss dem Herrn Jesus unterworfen werden, wie Apg 19 zeigt (vgl. Mt 28,18b). Seine Verwendung an anderen Stellen bestätigt die Herrschaft, Kontrolle oder das Regiment des Herrn. (Das Wort kratos kommt im griechischen NeuenNT zwölfmal vor: Lk. 1,51; Apg 19,20; Eph. 1,19; 6,10; Kol. 1,11; 1. Tim. 6,16; Heb. 2,14; 1. Petr. 4,11; 5,11; Jud. 1,25; Offb. 1,6; 5,13.)
  • Lukas verwendet hier zum letzten Mal in der Apg das Verb »wachsen« (auxano) (außer 6,7; 7,17; 12,24). An anderen Stellen im Neuen Testament bezeichnet dieses Verb das geistliche Wachstum der Gläubigen als Ergebnis des Wortes Gottes (Kol. 1,6). Dies könnte neben der zahlenmäßigen Zunahme ebenfalls in Apg 19,20 gemeint sein.
  • Dieser sechste zusammenfassende Bericht beendet Lukas’ Rückblick auf den Dienst des Paulus in Ephesus. Er betont, dass unser erhöhter Herr Macht und Sieg über die Mächte der Finsternis hat, obwohl dies unmittelbar vor dem großen Aufruhr geschah. Und so war es – wie es häufig der Fall ist – ein Sieg in Schwachheit (vgl. 2. Kor. 1,4–10; 12,9–10).
  • Welche Freude muss es für den Herrn gewesen sein zu sehen, wie Sein Zeugnis gerade im Zentrum des Okkultismus aufgerichtet wurde! Wie es an Macht zunahm angesichts der gewaltigen Aktivitäten Satans. Ephesus wurde über Jahrhunderte zu einem der Zentren christlicher Kraft. Timotheus kam hierher, ebenso der Apostel Johannes sowie Polykarp und Irenäus! Paulus errichtete dort eine gemeindenahe Bibelschule (Apg 19) und unterrichtete gut drei Jahre lang täglich! Viele Gemeinden wurden von den Absolventen in den umliegenden Landstrichen gegründet und geführt.
  • Das Wort des Herrn »nahm überhand« (ischuo, von ischus). Dies zeigt nicht nur Seine Stärke und Seinen Sieg, sondern auch, dass Er Sein Wort gebrauchte, das Seine Macht darstellt, um dieses Ziel zu erreichen. Mögen auch wir Sein Wort in diesem Sinne gebrauchen und uns auf Seine Stärke verlassen!

Sich durchsetzen, überhand nehmen, siegen.  Das griechische Neue Testament verwendet das Verb ischuo 28-mal im Sinn von stark sein, fähig sein oder mächtig sein. In Apg 19,20 wird es mit »siegte« übersetzt. – In den Schriften des Lukas kommt es 14-mal vor. In 13 Fällen bezieht es sich auf den Menschen und zeigt im Allgemeinen, dass er nicht fähig ist: achtmal in seinem Evangelium (6,48; 8,43; 13,24; 14,6.29.30; 16,3; 20,26) und fünfmal in der Apg (6,10; 15,10; 19,16; 25,7; 27,16).
→ Der einzige Fall, in dem Lukas dieses Wort in Bezug auf Christus verwendet, betont, dass Er fähig ist: Er siegte durch Sein Wort (19,20).

7. »Er [Paulus] aber blieb zwei ganze Jahre in seinem eigenen gemieteten Haus und nahm alle auf, die zu ihm kamen, und predigte das Reich Gottes und lehrte mit aller Freimütigkeit ungehindert die Dinge, die den Herrn Jesus Christus betreffen. « (Apg 28,30–31)

Lukas’ siebter Fortschrittsbericht ist zugleich der dritte und letzte Rückblick auf den Dienst des Paulus. Er zeigt, wie der Herr »die Kontrolle hat«, indem Er die schwierigen Umstände des Paulus gebrauchte, um Seine eigenen Interessen auf der Erde voranzubringen. Später entschied der Herr, noch weitere Schwierigkeiten zuzulassen, wie sie im 2. Timotheusbrief aufgezeichnet sind. Doch auch dann hatte Er die volle Kontrolle, wie wir später noch ausführlicher sehen werden.

  • Lukas ist der einzige neutestamentliche Autor, der eine bestimmte Form des griechischen Verbs »aufnehmen«(apodechomai) verwendet. Er tut dies 7x (Lk 8,40; 9,11; Apg 2,41; 18,27; 21,17; 24,3; 28,30). Dieses Verb zeigt die Haltung des »Gottes aller Gnade« (1Pet 5,10), die sich in Paulus als Seinem willigen Werkzeug widerspiegelte, indem er alle aufnahm, die zu ihm kamen.
  • Apg 28,30 zeigt, dass Paulus kein »Partei-Mensch« war, denn er nahm »alle« auf, die ihn besuchen wollten, ohne Parteilichkeit und unter der Leitung der Weisheit von oben (vgl. Jak 3,17). Die Formulierung »ungehindert« / »ohne Hindernis« zeigt die Fürsorge des Herrn in dieser Situation. Die Menschen konnten kommen und Paulus sehen, obwohl er ein Gefangener war. Zugleich zeigt dies, wie das Werk trotz der Bemühungen des Feindes, es aufzuhalten, weiterging.
  • Paulus setzte seinen Dienst mit Freimütigkeit fort – »mit aller Freimütigkeit« (Zuversicht oder Freiheit im Herrn) – und richtete seinen Blick auf Ihn, indem er »das Reich Gottes verkündigte und die Dinge lehrte, die den Herrn Jesus Christus betreffen.« Die Begriffe Verkündigung, Lehre, Freimütigkeit und Reich Gottes sind alle wichtige Bestandteile des Dienstes des Paulus.

Abschließende Bemerkungen

Der Apostel Paulus befand sich in Ketten, doch Jesus Christus ließ nicht zu, dass seine Bemühungen aufgehalten oder auch nur behindert wurden! Obwohl Gottes souveräne Gnade und Barmherzigkeit ihn trugen, schloss dies nicht die Notwendigkeit aus, dass Paulus – wie wir alle –seinem himmlischen Herrn fortwährend zu vertrauen hatte.

Paulus ist in vielerlei Hinsicht ein Vorbild für jeden Christen, auch darin, ein wahrer Überwinder zu sein. Doch all seine Siege, sogar im Gefängnis, wurden dadurch möglich, dass der Herr mit Paulus wirkte, denn Er ist derjenige, der die Kontrolle hat. Mögen wir dem Beispiel des Paulus folgen, bis der Herr kommt!

Trotz des gewaltigen Widerstands genossen die Gläubigen an den verschiedenen Orten, die in Lukas’ sieben Fortschrittsberichten erwähnt werden, die Gegenwart und Unterstützung ihres verherrlichten Herrn.

Damit erfüllte sich, was Jesus Christus Seinen Jüngern vor Seinem Weggang von dieser Erde versprochen hatte: »Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters« (Mt 28,20; vgl. Heb 13,5). Im Bewusstsein Seiner Gegenwart – nicht körperlich, sondern geistlich und durch Seinen Geist, wie es im Glauben erfahren wird – wollen wir die Ermahnung beachten, uns um den Herrn zu versammeln (Heb 10,24), damit es trotz verschiedener Formen des Widerstands von Ungläubigen und trotz unseres eigenen Versagens etwas für Ihn geben möge.

Lasst uns um den Tisch des Herrn zusammenkommen. Lasst uns zum Namen unseres auferstandenen Herrn, Königs, Hohenpriesters und Retters Jesus Christus hingezogen werden und Seinen Namen erheben. Lasst uns Ihn preisen für Seine Barmherzigkeit, Seine Weisheit, Seine Gnade und Seine mächtige Kraft, durch die Er Sein Werk durch uns und in uns zur ewigen Herrlichkeit Gottes vollbringt!

Anhang

Die Beschreibung der Urgemeinde in Apg. 2,42–47a kann in 12 Aspekte aufgeteilt werden (Einteilung ist nicht explizit im Text, also nicht zwingend):

1. Sie verharrten in der Lehre der Apostel

τῇ διδαχῇ τῶν ἀποστόλων – te didachē tōn apostolōn  = »der Lehre der Apostel«. – Das entscheidende Verb ist προσκαρτερέω (proskartereō) = beharrlich bei etwas bleiben, sich einer Sache beständig widmen, an etwas festhalten. Also nicht lediglich: »Sie hörten gelegentlich Predigten«, sondern: Sie widmeten sich beharrlich der apostolischen Lehre.

2. Sie verharrten in der Gemeinschaft

τῇ κοινωνίᾳ – te koinōnia. Koinōnia bedeutet Gemeinschaft, Teilhabe, gemeinsames Teilhaben bzw. gemeinsame Verbundenheit. Interessant ist, dass Lukas dasselbe Verb προσκαρτεροῦντες (=beharrlich) auch hier mitdenkt: Sie waren beharrlich in der Lehre der Apostel und der Gemeinschaft. Das heißt: Die Gemeinschaft war nicht bloß ein angenehmes Nebenprodukt, sie gehörte zu ihrem beständigen geistlichen Leben.

3. Sie verharrten im Brechen des Brotes

τῇ κλάσει τοῦ ἄρτου – tē klasei tou artou – Wörtlich: »dem Brechen des Brotes«. Im Zusammenhang der frühen Gemeinde ist das besonders bedeutsam. Der Ausdruck kann zwar grundsätzlich eine gemeinsame Mahlzeit bezeichnen, aber innerhalb dieses Abschnitts und angesichts der späteren Entwicklung des Brotbrechens liegt die Verbindung mit der gemeinsamen Feier des Mahls des Herrn nahe.

4. Sie verharrten in den Gebeten

ταῖς προσευχαῖς – tais proseuchais – »den Gebeten«. – Auch hier steht das Wort unter der Herrschaft des Verbs  προσκαρτερέω (proskartereō) = beharrlich. Man könnte den ganzen Vers deshalb sehr wörtlich wiedergeben mit: »Sie verharrten beharrlich in der Lehre der Apostel, in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten.«

Der Text nennt als Dauerübung der Urgemeinde ausdrücklich: Lehre – Gemeinschaft – Brechen des Brotes – Gebete. Allein in Vers 42 haben wir also bereits 4 der 12 Beschreibungselemente. Vers 43 bringt zwei weitere Punkte:

5. Es kam Furcht über jede Seele

ἐγίνετο … φόβος – egineto … phobos – »Furcht entstand« bzw. »Furcht kam über«. Das bedeutet hier wohl nicht einfach menschliche Angst. phobos kann im biblischen Zusammenhang auch die Ehrfurcht vor Gott bezeichnen.

Bemerkenswert ist die Formulierung: πάσῃ ψυχῇ – »über jede Seele«. Lukas beschreibt damit eine Atmosphäre heiliger Ehrfurcht, die die ganze Gemeinschaft prägte.

6. Durch die Apostel geschahen viele Wunder und Zeichen

πολλά τε τέρατα καὶ σημεῖα διὰ τῶν ἀποστόλων ἐγίνετο – Wörtlich ungefähr: »Viele Wunder und Zeichen geschahen durch die Apostel.« Hier haben wir τέρατα (terata) = Wunder/außergewöhnliche Zeichen und σημεῖα (sēmeia) = Zeichen. 

Lukas macht dabei eine interessante Aussage: Die Wunder geschahen διά τῶν ἀποστόλων – »durch die Apostel«. Damit wird das Zeugnis und die Predigt der Apostel von Christus von Gott bestätigt, denn sie Taten Wunder, wie sie auch Christus öffentlich getan hatte (als Messias).

7. Die Gläubigen waren »beieinander«

πάντες δὲ οἱ πιστεύοντες ἦσαν ἐπὶ τὸ αὐτό – Hier ist die Formulierung ἐπὶ τὸ αὐτό (epi to auto) wichtig. Sie bedeutet wörtlich etwa: »an demselben [Ort/zusammen]«. Also: Alle Glaubenden waren zusammen. Es geht um eine tatsächliche, sichtbare Zusammengehörigkeit.

8. Sie hatten alles gemeinsam

εἶχον ἅπαντα κοινά – hapanta koina – Wörtlich: »sie hatten alles gemeinsam«. Hier kommt wieder das Wortfeld von κοινωνία(koinōnia) zum Vorschein. Die Gemeinschaft aus Vers 42 blieb also nicht theoretisch. Sie zeigte sich praktisch im Umgang mit den materiellen Gütern: sie teilten ihre Habe, damit keiner Mangel hatte. Gab es trotzdem Mangel, »versilberte« man Immobilien des Landes: Das Erbteil der Juden war ein neues geworden. Das zeigen die zwei nächsten Punkte:

9. Sie verkauften Besitz und Güter

τὰ κτήματα καὶ τὰς ὑπάρξεις ἐπίπρασκον – ta ktmata kai tas hypárxeis epípraskon – Die beiden Begriffe sind interessant: κτήματα(ktēmata, Pl. von ktēma) = Besitztümer, Grundstücke (Immobil) und: ὑπάρξεις (hyparxeis, Pl. von hyparxis) = Besitz, Habe, Vermögen, Güter. Beide Wörter überschneiden sich in der Bedeutung, es geht um den gesamten materiellen Besitz

Das Verb ἐπίπρασκον (epípraskon) steht im Imperfekt: »sie verkauften fortwährend, sie pflegten zu verkaufen«. Das spricht also nicht unbedingt von einem einzigen einmaligen Verkauf ihres gesamten Besitzes, sondern von einer fortlaufenden Praxis, bei Bedarf Besitz zu veräußern. Das ist ein wichtiger Punkt, weil der Text anschließend den Zweck nennt.

10. Sie teilten entsprechend dem Bedarf aus

διεμέριζον αὐτὰ πᾶσιν καθότι ἄν τις χρείαν εἶχεν – Wörtlich: »Sie verteilten es an alle, je nachdem, wie jemand Bedarf hatte«. –  Hier steht χρεία (chreia) = Bedürfnis, Bedarf, Notwendigkeit. Das bedeutet also nicht einfach: »Alle bekamen gleich viel« (Gießkanne), sondern: Jeder erhielt entsprechend seinem Bedarf.

Damit haben wir zwei unterscheidbare Handlungen in V. 45: verkaufen → verteilen nach Bedarf.

11. Sie waren täglich einmütig im Tempel

καθ᾽ ἡμέραν … προσκαρτεροῦντες ὁμοθυμαδὸν ἐν τῷ ἱερῷ = 
kath’ hēméran … proskarteroûntes homothymadòn en tō̂ hierō̂

Hier wird es sprachlich besonders interessant: »Tag für Tag … verharrten sie einmütig im Tempel«. Drei wichtige Ausdrücke: (1) kath’ hēméran = täglich; (2) proskarteroûntes = beharrlich / beständig (wie in V. 42); (3) homothymadón = einmütig, mit einer Gesinnung und (4) en tō̂ hierō̂ = im Tempel. Das ist mehr als nur »sie gingen jeden Tag in den Tempel«. Im Griechischen werden Häufigkeit, Beständigkeit und innere Einheit gleichzeitig hervorgehoben.

(Hier begegnet uns wieder proskartereō, dasselbe Verb wie in V. 42. Dies zeigt an, dass man das »Verharren« der Gemeinde nicht auf die 4 erstgenannten Punkte begrenzen sollte!)

Theologisch sehr schön: Lukas beginnt die Beschreibung mit ihrem beharrlichen Festhaltenan den geistlichen Dingen (V. 42) und beschreibt dann ihr beharrliches tägliches Zusammenkommen (V. 46).

12. Sie aßen gemeinsam mit Freude und Einfalt des Herzens

Nun kommt: κλῶντές τε κατ᾽ οἶκον ἄρτον = klō̂ntes te kat’ oîkon árton = »und indem sie zu Hause das Brot brachen« und: μετελάμβανον τροφῆς ἐν ἀγαλλιάσει καὶ ἀφελότητι καρδίας = metelámbanon trophês en agalliásei kai aphelótēti kardías = »nahmen sie Speise zu sich mit Freude und Schlichtheit/Einfalt des Herzens«.

Hier könnte man streng genommen wieder mehrere Einzelmerkmale herausarbeiten: (1) sie brachen das Brot zu Hause; (2) sie aßen gemeinsam, (3) sie taten es mit Freude (agalliasis) und (4) und mit Einfalt/Schlichtheit des Herzens (afelotēs kardias).

Das zeichnet ein ausgesprochen gemeinschaftliches, regelmäßiges, freudiges und ungezwungenes Leben der ersten Christen.

Das waren zwölf Hauptpunkte – Es folgt Vers 47a:

  • ainountes ton theon = »Gott lobend« und: echontes charin pros holon ton laon = »Gunst/Wohlwollen beim ganzen Volk habend«. 
  • ho de kyrios prosetithei tous sozomenous kath‘ hemeran = »Der Herr aber fügte täglich die Geretteten hinzu.«

Der literarische Aufbau

Der literarische Aufbau von Lukas ist vielleicht wichtiger als die Zahl 12. 

  • Apg. 2,42 beginnt mit: »Sie verharrten/befanden sich beständig in…« und beschreibt dann ihr gemeinsames Leben.
  • Apg. 2,47a endet mit: »Gott lobend und Gunst beim ganzen Volk habend.«
  • Apg. 2,47b Erst dann kommt der eigentliche Fortschrittsbericht: »Der Herr aber fügte täglich die Geretteten hinzu«. Das ist sprachlich besonders schön, weil prosetithei (»er fügte hinzu«) im Imperfekt steht: Der Herr fuhr fort, Menschen hinzuzufügen

Erst beschreibt Lukas das Leben der Gemeinde – dann fasst er zusammen, was der Herr selbst tat: Er fügte täglich weitere Gerettete hinzu.


Quellen und Disclaimer

Unter den ersten Quellen, die ich zu Inhalten und Struktur der Apg las, gehörte auch ein Artikel von Alfred Bouter, den ich in den 1980-90er Jahren in Nordamerika kennenlernte. Der Artikel trug die Überschrift: »The Work of The Lord Jesus Christ Will Never Fail – Luke’s Seven Progress Reports in Acts«. Seitdem habe ich ihn mehrfach überarbeitet und für verschiedene Gelegenheiten angepasst, zuerst bei Vorträgen in Kenia und Äthiopien auf Englisch, später in Lehrstunden zur Bibelkunde und in Predigten in deutschsprachigen Ländern. – Alfred Bouter hat die Weiterverwendung seiner Artikel und Inhalte ausdrücklich begrüßt. Er ist heute hochbetagt.

Das Beitragsbild wurde KI-unterstützt erstellt und soll nur symbolisch wirken; es widerspricht fast allem archäologischem Wissen. Wen der Herodianische Tempel näher interessiert, suche nach Leen Ritmeyer und Ritmeyer Archaeological Design. Das momentan beste 3D Modell hat Daniel Smith entworfen (siehe: YouTube-Video »Jerusalem’s Temple: Building the Most Detailed Depiction of Herod’s Temple«).

Die Kennzeichen der Jerusalemer Urgemeinde

Die Beschreibung der Urgemeinde in Apg. 2,42–47a kann in 12 Aspekte aufgeteilt werden. Diese Einteilung ist nicht explizit im Text vorhanden, sie ist also nicht zwingend. Im Folgenden skizzenhaft eine Auflistung der 12 Aspekte und ein kurzer Hinweis auf die literarische Struktur des Abschnitts und dessen Hauptaussage.

Die 12 Kennzeichen

1. Sie verharrten in der Lehre der Apostel

τῇ διδαχῇ τῶν ἀποστόλων – te didachē tōn apostolōn  = »der Lehre der Apostel«. – Das entscheidende Verb ist προσκαρτερέω (proskartereō) = beharrlich bei etwas bleiben, sich einer Sache beständig widmen, an etwas festhalten. Also nicht lediglich: »Sie hörten gelegentlich Predigten«, sondern: Sie widmeten sich beharrlich der apostolischen Lehre.

2. Sie verharrten in der Gemeinschaft

τῇ κοινωνίᾳ – te koinōnia. Koinōnia bedeutet Gemeinschaft, Teilhabe, gemeinsames Teilhaben bzw. gemeinsame Verbundenheit. Interessant ist, dass Lukas dasselbe Verb προσκαρτεροῦντες (=beharrlich) auch hier mitdenkt: Sie waren beharrlich in der Lehre der Apostel und der Gemeinschaft. Das heißt: Die Gemeinschaft war nicht bloß ein angenehmes Nebenprodukt, sie gehörte zu ihrem beständigen geistlichen Leben.

3. Sie verharrten im Brechen des Brotes

τῇ κλάσει τοῦ ἄρτου – tē klasei tou artou – Wörtlich: »dem Brechen des Brotes«. Im Zusammenhang der frühen Gemeinde ist das besonders bedeutsam. Der Ausdruck kann zwar grundsätzlich eine gemeinsame Mahlzeit bezeichnen, aber innerhalb dieses Abschnitts und angesichts der späteren Entwicklung des Brotbrechens liegt die Verbindung mit der gemeinsamen Feier des Mahls des Herrn nahe.

4. Sie verharrten in den Gebeten

ταῖς προσευχαῖς – tais proseuchais – »den Gebeten«. – Auch hier steht das Wort unter der Herrschaft des Verbs  προσκαρτερέω (proskartereō) = beharrlich. Man könnte den ganzen Vers deshalb sehr wörtlich wiedergeben mit: »Sie verharrten beharrlich in der Lehre der Apostel, in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten.«

Der Text nennt als Dauerübung der Urgemeinde ausdrücklich: Lehre – Gemeinschaft – Brechen des Brotes – Gebete. Allein in Vers 42 haben wir also bereits 4 der 12 Beschreibungselemente. Vers 43 bringt zwei weitere Punkte:

5. Es kam Furcht über jede Seele

ἐγίνετο … φόβος – egineto … phobos – »Furcht entstand« bzw. »Furcht kam über«. Das bedeutet hier wohl nicht einfach menschliche Angst. phobos kann im biblischen Zusammenhang auch die Ehrfurcht vor Gott bezeichnen.

Bemerkenswert ist die Formulierung: πάσῃ ψυχῇ – »über jede Seele«. Lukas beschreibt damit eine Atmosphäre heiliger Ehrfurcht, die die ganze Gemeinschaft prägte.

6. Durch die Apostel geschahen viele Wunder und Zeichen

πολλά τε τέρατα καὶ σημεῖα διὰ τῶν ἀποστόλων ἐγίνετο – Wörtlich ungefähr: »Viele Wunder und Zeichen geschahen durch die Apostel.« Hier haben wir τέρατα (terata) = Wunder/außergewöhnliche Zeichen und σημεῖα (sēmeia) = Zeichen. 

Lukas macht dabei eine interessante Aussage: Die Wunder geschahen διά τῶν ἀποστόλων – »durch die Apostel«. Damit wird das Zeugnis und die Predigt der Apostel von Christus von Gott bestätigt, denn sie Taten Wunder, wie sie auch Christus öffentlich getan hatte (als Messias).

7. Die Gläubigen waren »beieinander«

πάντες δὲ οἱ πιστεύοντες ἦσαν ἐπὶ τὸ αὐτό – Hier ist die Formulierung ἐπὶ τὸ αὐτό (epi to auto) wichtig. Sie bedeutet wörtlich etwa: »an demselben [Ort/zusammen]«. Also: Alle Glaubenden waren zusammen. Es geht um eine tatsächliche, sichtbare Zusammengehörigkeit. Die Form dieses Beieinanderseins der Urgemeinde markiert m. E. einen frischen, angemessenen Anfangszustand, der vorübergehen würde: die Gemeinde Jesu würde sich geografisch ausbreiten und nur noch dünnere, aber ebenso herzliche Verbindungen über die Distanz pflegen (s. Briefe des NT).

8. Sie hatten alles gemeinsam

εἶχον ἅπαντα κοινά – hapanta koina – Wörtlich: »sie hatten alles gemeinsam«. Hier kommt wieder das Wortfeld von κοινωνία(koinōnia) zum Vorschein. Die Gemeinschaft aus Vers 42 blieb also nicht theoretisch. Sie zeigte sich praktisch im Umgang mit den materiellen Gütern: sie teilten ihre Habe, damit keiner Mangel hatte. Gab es trotzdem Mangel, »versilberte« man Immobilien des Landes: Das Erbteil der Juden war ein neues geworden. Das zeigen die zwei nächsten Punkte:

9. Sie verkauften Besitz und Güter

τὰ κτήματα καὶ τὰς ὑπάρξεις ἐπίπρασκον – ta ktmata kai tas hypárxeis epípraskon – Die beiden Begriffe sind interessant: κτήματα(ktēmata, Pl. von ktēma) = Besitztümer, Grundstücke (Immobil) und: ὑπάρξεις (hyparxeis, Pl. von hyparxis) = Besitz, Habe, Vermögen, Güter. Beide Wörter überschneiden sich in der Bedeutung, es geht um den gesamten materiellen Besitz

Das Verb ἐπίπρασκον (epípraskon) steht im Imperfekt: »sie verkauften fortwährend, sie pflegten zu verkaufen«. Das spricht also nicht unbedingt von einem einzigen einmaligen Verkauf ihres gesamten Besitzes, sondern von einer fortlaufenden Praxis, bei Bedarf Besitz zu veräußern. Das ist ein wichtiger Punkt, weil der Text anschließend den Zweck nennt.

10. Sie teilten entsprechend dem Bedarf aus

διεμέριζον αὐτὰ πᾶσιν καθότι ἄν τις χρείαν εἶχεν – Wörtlich: »Sie verteilten es an alle, je nachdem, wie jemand Bedarf hatte«. –  Hier steht χρεία (chreia) = Bedürfnis, Bedarf, Notwendigkeit. Das bedeutet also nicht einfach: »Alle bekamen gleich viel« (Gießkanne), sondern: Jeder erhielt entsprechend seinem Bedarf.

Damit haben wir zwei unterscheidbare Handlungen in V. 45: verkaufen → verteilen nach Bedarf.

11. Sie waren täglich einmütig im Tempel

καθ᾽ ἡμέραν … προσκαρτεροῦντες ὁμοθυμαδὸν ἐν τῷ ἱερῷ = 
kath’ hēméran … proskarteroûntes homothymadòn en tō̂ hierō̂

Hier wird es sprachlich besonders interessant: »Tag für Tag … verharrten sie einmütig im Tempel«. Drei wichtige Ausdrücke: (1) kath’ hēméran = täglich; (2) proskarteroûntes = beharrlich / beständig (wie in V. 42); (3) homothymadón = einmütig, mit einer Gesinnung und (4) en tō̂ hierō̂ = im Tempel. Das ist mehr als nur »sie gingen jeden Tag in den Tempel«. Im Griechischen werden Häufigkeit, Beständigkeit und innere Einheit gleichzeitig hervorgehoben.

(Hier begegnet uns wieder proskartereō, dasselbe Verb wie in V. 42. Dies zeigt an, dass man das »Verharren« der Gemeinde nicht auf die 4 erstgenannten Punkte begrenzen sollte, wie es gerne getan wird!)

Theologisch sehr schön ist, dass Lukas die Beschreibung mit ihrem beharrlichen Festhaltenan den geistlichen Dingen (V. 42) beginnt und dann ihr beharrliches tägliches Zusammenkommen (V. 46) beschreibt.

12. Sie aßen gemeinsam mit Freude und Einfalt des Herzens

Nun kommt: κλῶντές τε κατ᾽ οἶκον ἄρτον = klō̂ntes te kat’ oîkon árton = »und indem sie zu Hause das Brot brachen« und: μετελάμβανον τροφῆς ἐν ἀγαλλιάσει καὶ ἀφελότητι καρδίας = metelámbanon trophês en agalliásei kai aphelótēti kardías = »nahmen sie Speise zu sich mit Freude und Schlichtheit/Einfalt des Herzens«.

Hier könnte man streng genommen wieder mehrere Einzelmerkmale herausarbeiten: (1) sie brachen das Brot zu Hause; (2) sie aßen gemeinsam, (3) sie taten es mit Freude (agalliasis) und (4) und mit Einfalt/Schlichtheit des Herzens (afelotēs kardias).

Das zeichnet ein ausgesprochen gemeinschaftliches, regelmäßiges, freudiges und ungezwungenes Leben der ersten Christen.

Das waren zwölf Hauptpunkte – Es folgt Vers 47a:

  • ainountes ton theon = »Gott lobend« und: echontes charin pros holon ton laon = »Gunst/Wohlwollen beim ganzen Volk habend«. 
  • ho de kyrios prosetithei tous sozomenous kath‘ hemeran = »Der Herr aber fügte täglich die Geretteten hinzu.«

Der literarische Aufbau

Der literarische Aufbau von Lukas ist vielleicht wichtiger als die Zahl 12. 

  • Apg 2,42 beginnt mit: »Sie verharrten/befanden sich beständig in…« und beschreibt dann ihr gemeinsames Leben.
  • Apg 2,47a endet mit: »Gott lobend und Gunst beim ganzen Volk habend.«
  • Apg 2,47b Erst dann kommt der eigentliche Fortschrittsbericht: »Der Herr aber fügte täglich die Geretteten hinzu«. Das ist sprachlich besonders schön, weil prosetithei (»er fügte hinzu«) im Imperfekt steht: Der Herr fuhr fort, Menschen hinzuzufügen

Erst beschreibt Lukas das Leben der Gemeinde – dann fasst er zusammen, was der Herr selbst tat: Er fügte täglich weitere Gerettete hinzu. Eine Gemeinde, die dieses Zusammenleben im Heiligen Geist und geistliches wie zahlenmäßiges Wachstum erleben darf, ist wahrhaft gesegnet und zur Ehre ihres Hauptes Jesus Christus.

Ein Gebet für unsere Gemeinde (J. Piper)

Eine Bitte an Gott,
eine bestimmte Art von Männern und Frauen zu formen.

O Herr, durch die Wahrheit deines Wortes und die Kraft deines Heiligen Geistes und den Dienst deines Leibes:

Forme Männer und Frauen in …………………………………….. [Ort]

  • denen es egal ist, ob sie viel Geld verdienen, 
  • denen es egal ist, ob sie ein Haus besitzen, 
  • denen es egal ist, ob sie ein neues Auto fahren oder zwei, 
  • die nicht die aktuelle Mode brauchen, 
  • denen es egal ist, ob sie berühmt werden, 
  • die ein Steak oder ausgefallenes Essen nicht vermissen, 
  • die nicht erwarten, dass das Leben bequem und leicht ist, 
  • die ganz ohne die »allabendliche Fernsehkost« leben können, 
  • die ihr Fähnchen nicht nach dem Wind drehen, 
  • die sich von der Missbilligung durch andere nicht lähmen lassen, 
  • die Böses nicht mit Bösem vergelten, 
  • die nicht nachtragend sind, 
  • die nicht klatschsüchtig sind, 
  • die die Wahrheit nicht verdrehen, 
  • die sich nicht brüsten oder angeben, 
  • die nicht jammern oder sich so verhalten, dass sie Mitleid erregen, 
  • die nicht mehr kritisieren als loben, 
  • die nicht in Cliquen herumhängen, 
  • die nicht zu viel essen oder zu wenig Bewegung haben.

Lass sie vielmehr Menschen sein, 

  • die für Gott brennen, 
  • die ganz von Gott hingenommen sind, 
  • die mit dem Heiligen Geist erfüllt sind, 
  • die danach streben, die Höhe und Tiefe der Liebe Christi zu erkennen, 
  • die der Welt gekreuzigt und der Sünde gestorben sind, 
  • die durch das Wort gereinigt sind und ganz für die Gerechtigkeit leben, 
  • die groß darin sind, die Schrift auswendig zu lernen und anzuwenden, 
  • die den Tag des Herrn heilig halten und ihn wirklich als Ruhetag nutzen, 
  • die sich der Sünde bewusst sind und dadurch innerlich zerbrochen sind, 
  • die von den Wundern der freien Gnade überwältigt sind, 
  • die vom Reichtum der Gnade Gottes zu demütigem Schweigen gebracht werden,
  • die im Gebet verharren, 
  • die sich schonungslos selbst verleugnen, 
  • die in der Öffentlichkeit furchtlos bezeugen, dass Christus der Herr ist, 
  • die in der Lage sind, den Irrtum aufzudecken und lehrmäßig für Klarheit sorgen,
  • die hartnäckig für die Wahrheit Partei ergreifen, 
  • die sich leidgeprüften Menschen liebevoll zuwenden, 
  • die mit Leidenschaft Menschen erreichen möchten, die keine Gemeinde haben,
  • die für das Lebensrecht Ungeborener eintreten, weil es um die Babys, die Mütter und Väter sowie um die Ehre Gottes geht, 
  • die in allem Wort halten und auch dem Eheversprechen treu sind, 
  • die mit dem zufrieden sind, was sie haben, und die auf die Verheißungen Gottes vertrauen,
  • die geduldig, freundlich und sanftmütig sind, wenn das Leben hart ist.

Quelle und Disclaimer

Dieses Gebet entstammt dem empfehlenswerten (Andachts-)Buch von John Piper, Taste and See (Desiring God Foundation, 1999, 2005), zitiert nach der deutschen Übersetzung: John Piper, Schmeckt und seht. Gottes Überlegenheit in allen Lebenslagen genießen (1. Auflage, Bielefeld: CLV, 2015), übersetzt von Barbara Reuter, S. 443f.

Hiobsbotschaft

Nackt bin ich aus meiner Mutter Leib hervorgekommen, und nackt werde ich dorthin zurückkehren. Der HERR hat gegeben, und der HERR hat genommen, der Name des HERRN sei gepriesen!
Hiob 1,21

Vor 10 Jahren erhielt ich die Diagnose Darmkrebs. Kaum einen Monat später wurde bei meiner geliebten Ehefrau ein Hirntumor festgestellt. Der Tod war für uns immer eine Realität gewesen – aber er war gewissermaßen »da draußen«. Nun war der »Schatten des Todes« in unser eigenes Zuhause eingedrungen.

Wir waren nicht die Ersten, die das erleben mussten. Vor mehreren tausend Jahren traf es einen Mann namens Hiob – einen gerechten und wohlhabenden Mann von außergewöhnlicher Gottesfurcht. Zunächst verlor er durch feindliche Überfälle seinen gesamten Besitz. Dann erreichte ihn die erschütternde Nachricht, dass alle seine Kinder in einem gewaltigen Sturm ums Leben gekommen waren. Wie reagierte Hiob auf diese allererste »Hiobsbotschaft«?

Zunächst schwieg Hiob. Während die schlimmen Nachrichten in Herz und Gedanken einsanken, ließen sie ihn wie betäubt zurück und erfüllten ihn mit tiefem Schmerz. Er war keineswegs ein gefühlskalter Stoiker. Er stand auf, zerriss sein Obergewand und schor sein Haupt – stille Zeichen seines tiefen Kummers und seiner Trauer. Alles Äußerliche war ihm genommen. Nun sollte sichtbar werden, worauf sein Herz wirklich gegründet war.

Dann sprach Hiob in ehrfürchtigem Glauben. Er bekannte: »Denn wir haben nichts in die Welt hereingebracht; so ist es offenbar, dass wir auch nichts hinausbringen können« (1.Timotheus 6,7). Doch Hiob geht noch weiter: »Der HERR hat gegeben, und der HERR hat genommen.« Der Glaube öffnet uns die Augen dafür, dass Gott in jeder Situation gegenwärtig ist und handelt – in guten wie in schweren Tagen. Deshalb flieht der Glaubende nicht vor Gott, sondern zu Gott. Immer. Wohin sonst?

Schließlich betete Hiob an. Satan hatte Gott »versprochen«, Hiob werde Gott verfluchen. Doch das Gegenteil trat ein: Hiob pries den Namen des HERRN. Gerade in den tiefsten Verlusten erfährt der Gläubige Gottes Gegenwart und Treue oft auf eine Weise, die ihm in unbeschwerten Zeiten verborgen geblieben wäre. Seine Seele wird zu einer Höhe emporgehoben, die ein oberflächlicher Schönwetter-Glaube nie kennenlernen würde.

Schweigen–glauben–anbeten.

Wie wirst du auf deine Hiobsbotschaft reagieren?

Dem amerikanischen Andachtsbuch Declaring His Glory Among the Nations entnommen. Urheber und Übersetzung: grace@logikos.club. (Vollreferenz: The Master’s Academy International. Declaring His Glory among the Nations: Daily Scripture Meditations from Pastors Around the World. Sun Valley, CA: Great Writing, 2019. ISBN 978-0-9600203-9-3) 

Was unser Gewissen mit unserer Kritikfähigkeit zu tun hat

Lesedauer: 1 Minute.

Jeder hat schon erlebt, dass sich Gemeindeglieder beschweren, dass eine Predigt (oder andere verbale Äußerungen) sie »verletzt« habe. In der Tat gibt es schlechte »Predigten« und auch übergriffige Prediger. Aber manchmal liegt der Grund der Kritik beim Zuhörer selbst.

Eine interessante Analyse liefert Jay E. Adams in seinem Buch »Befreiende Seelsorge«: Beim Beschwerdeführer liegt vielleicht unbewältigte eigene Schuld vor. Wo das der Fall ist, ist nicht über die Predigt zu reden, sondern dem Kläger dabei zu helfen, seine Schuld zu erkennen und abzulegen. So kann er seine Dünnhäutigkeit, sein Mimosenwesen und sein Schuldweiterschieben aufgeben und wieder empfangsbereit für ein korrigierendes Wort Gottes werden. Hier der Auszug von Jay E. Adams:

»Sprüche 28,1 drückt sehr anschaulich aus, welche Folgen ein von Schuld geplagtes Gewissen hat: ›Der Frevler flieht, auch wenn ihn niemand verfolgt, der Gerechte aber ist unerschrocken wie ein Löwe.‹

Ein schlechtes Gewissen bringt Angst, ein gutes Gewissen dagegen Unerschrockenheit.

Der Schuldbeladene ist auf der Flucht. Menschen, die unvergebene Schuld mit sich tragen, sind leicht verletzlich. Häufig sind sie in hohem Maße befangen und unfrei. Beiläufige harmlose Bemerkungen werden als persönliche Angriffe und Beleidigungen ausgelegt. Ein schuldbeladener Mensch kann behaupten, daß eine Predigt ein persönlicher Angriff gegen ihn gewesen sei. Wenn ihm der Mut dazu fehlt, kritisiert er Kleinigkeiten an der Predigt oder den Prediger selbst. Eine solche Person als paranoisch (= geistesgestört, verwirrt) zu bezeichnen, geht am eigentlichen Problem vorbei.

Andererseits ist ein Mensch, der im Frieden mit Gott lebt, unverwundbar, und er kann so unerschrocken wie ein Löwe sein.«

Predigthören verlangt geistliche Vorbereitung (siehe Spurgeon zum Thema). Denn es steht viel auf dem Spiel: geistlicher Gewinn – oder aber Verlust. Jesus Christus hat es uns so hinterlassen:

»Gebt nun Acht, wie ihr hört; denn wer irgend hat, dem wird gegeben werden, und wer irgend nicht hat, von dem wird selbst das, was er zu haben meint, weggenommen werden.« (Lukas 8,18).

»Deshalb, wie der Heilige Geist spricht: ›Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht‹« (Hebräer 3,7f).

Quelle

Jay E. Adams, Befreiende Seelsorge. Theorie und Praxis einer biblischen Lebensberatung. 8. Auflage (Gießen: Brunnen, 1988), S. 101 Fn.

Zum Herzen predigen – Was heißt das?

Lesedauer: 8 Minuten.

1983 erschien eine bedeutsame Schrift von Jay E. Adams: »Preaching to The Heart – A Heart-to-heart Discussion with Preachers of The Word« (Phillipsburg, NJ: P&P, 1983). Das Büchlein hatte nur 35 Seiten, ist aber ein Augenöffner und eine Herausforderung, was biblisches Predigen angeht. Viel zu viele »Prediger«/»Verkündiger« halten »Vorträge« in den Gemeinden, werden gar als »Referenten« vorgestellt, wenn doch der biblische Verkündigungsauftrag »Predige das Wort!« lautet (2Timotheus 4,2). Der Kontext dieser Bibelstelle macht deutlich, dass es dabei nicht nur um Informationsvermittlung geht: »Predige das Wort, halte darauf zu gelegener und ungelegener Zeit; überführe, weise ernstlich zurecht, ermahne mit aller Langmut und Lehre.« Das bedeutet, dass es über die Ohren zum Verstand und dann zum Herzen gehen muss: zum Zentrum unserer Persönlichkeit, zur »Schaltzentrale«, zum Willen, Gemüt, Verstand und Wesen – und damit hinein ins Leben. – Genau hier setzt folgende Einleitung von Jay E. Adams an. – Eine kurze Diskussion samt Buchempfehlung folgen unten.

»Seit Jahren ermahnen Homiletiker [Predigtlehrer] angehende Prediger, »zum Herzen zu predigen«. Was meinen sie damit eigentlich? Wissen Sie es? Wissen die Predigtlehrer es? Ist dieses Konzept biblisch, und wenn ja, wie setzt man es um? Diese und ähnliche Fragen bleiben oft unbeantwortet, und der durchschnittliche Prediger macht einfach weiter wie bisher, ergeben in die Annahme: »Ich werde nie ein großer Prediger sein; ich schätze, ich werde nie in der Lage sein, zum Herzen zu predigen.«

Ist das wahr? Gehört die Fähigkeit, zum Herzen zu predigen, nur den außergewöhnlich Begabten? Oder ist das Predigen zum Herzen vielmehr eine entwickelte Fertigkeit, die Prediger großartig macht? Das ganze Konzept wurde so vage und verschwommen dargestellt, dass jeder, der damit nicht vertraut ist, es schwierig oder sogar unmöglich finden würde, dieser Aufforderung nachzukommen.

Die Schuld an der Verwirrung darüber, was es bedeutet, »zum Herzen zu predigen«, liegt nicht allein bei den Homiletikern; auch die Prediger kommen nicht ungeschoren davon. Homiletiker sollten sich klar ausdrücken. Tun sie das nicht, dann ist es die Verantwortung der Prediger, so lange an deren Türen zu klopfen, bis sie es tun. Deshalb ist keine Seite schuldlos. Es hat eine Art Verschwörung der Unwissenheit gegeben, bei der Worte und Redewendungen immer wieder ausgesprochen wurden, als ob Sprecher und Zuhörer genau wüssten, wovon die Rede sei, obwohl sie es tatsächlich nicht wussten.

Als Homiletiker, der in dieser Angelegenheit selbst nicht frei von Schuld ist, glaube ich, dass etwas unternommen werden muss. Es ist an der Zeit, die ganze Sache aufzuklären. Genau darum geht es in diesem Buch.

Mein Ziel ist zu zeigen, dass das Predigen zum Herzen biblisch und deshalb notwendig ist, und dass jeder Mann, der die Gaben und die Berufung zum Predigen besitzt, klar darin unterwiesen werden kann, wie man dies tut. Mehr noch: Auf den folgenden Seiten werde ich versuchen, genau das zu lehren.

Das Konzept ist biblisch

Die erste christliche Predigt, die am Pfingsttag vom Apostel Petrus gehalten wurde, war eine Predigt zum Herzen. Lukas schreibt:

»Als sie aber das hörten, drang es ihnen durchs Herz [1], und sie sprachen zu Petrus und den übrigen Aposteln: Was sollen wir tun, Brüder?« (Apostelgeschichte 2,37)

Die Reaktion dieser Menschenmenge war das fruchtbare Ergebnis einer wirksamen Predigt, die durch den Heiligen Geist befähigt wurde. Doch wirksame, das Herz durchdringende Predigt kann auch die entgegengesetzte Reaktion hervorrufen:

»Als sie aber dies hörten, wurden ihre Herzen durchbohrt [2], und sie knirschten mit den Zähnen gegen ihn.« (Apostelgeschichte 7,54)

Als Petrus predigte, taten große Menschenmengen Buße und glaubten dem Evangelium; als Stephanus predigte, töteten seine Zuhörer ihn. Dennoch waren beide Prediger vom Geist erfüllt und predigten zum Herzen. Diese doppelte und gegensätzliche Reaktion macht von Anfang an eines deutlich: Obwohl das Predigen zum Herzen eine erstrebenswerte Wirkung ist, die durch die Kraft des Geistes hervorgebracht wird, kann die genaue Art dieser Wirkung auf den Zuhörer sehr unterschiedlich ausfallen und nicht im Voraus vorhergesagt werden.

In jedem Fall trifft geistgewirkte, biblische Predigt das Herz direkt. Sie ruft eine Reaktion hervor. Kein Zuhörer kann gleichgültig bleiben, er muss reagieren. Von einer Predigt zum Herzen zu sprechen bedeutet also, von einer Predigt zu sprechen, die eine eindeutige Reaktion hervorbringt. Es ist eine Predigt, die Worte und Handlungen beim Zuhörer hervorruft.

Stell Dir das einmal vor: Eine Predigt, die zum Handeln bewegt! Eine Predigt, die Wirkung zeigt! Eine Predigt, die den Zuhörer so aufrüttelt, dass er reagieren muss! Genau das brauchen wir heute.

Gibt es einen Leser, der nicht gern so predigen oder eine solche Predigt hören wollte? Gibt es einen Leser, der bereits viele Predigten gehört hat, die so beschaffen waren? Irgendetwas stimmt nicht. Was ist mit unserer Verkündigung geschehen? Warum ist solches Predigen praktisch unbekannt? Das müssen wir untersuchen und entscheiden, was Gott von uns erwartet.«

Fußnoten

[1] Das Verb katanyssō ist ein starkes Wort mit der Bedeutung »stechen, betäuben, schlagen, verwunden«. Dieses zusammengesetzte Wort verbindet nyssō (»durchbohren, punktieren«) mit kata, einer Präposition, die die Handlung verstärkt. Die Passivform des Verbs bezeichnet ein »Ins-Herz-Gestochen-« oder »Ins-Herz-Getroffenwerden«.

[2] Das Verb diapriō, hier mit »durchbohrt« bzw. »durchdrungen« übersetzt, wird auch in Apostelgeschichte 5,33 verwendet. Es enthält die Vorstellung des »Durchsägens« (priō = »sägen, zerschneiden, beißen«; dia = »durch«) und trägt häufig die Bedeutung von »das Herz durchschneiden«“ oder »bis ins Herz schneiden«).


Diskussion

Jay E. Adams argumentiert bereits in der Einleitung mit der unverkennbaren Handschrift seines nouthetischen Ansatzes (s.u.):

  • Betonung von klaren Definitionen statt Schlagworten.
  • Ablehnung vager homiletischer Formeln (»predige zum Herzen«) ohne konkrete Anleitung.
  • Starker Fokus auf Veränderung und Reaktion.
  • Die Überzeugung, dass biblische Verkündigung nicht nur informiert, sondern den Hörer zu einer Antwort zwingt.
  • Die Verbindung von Predigt und Seelsorge: Das Wort Gottes zielt auf das Herz des Menschen und damit auf Denken, Wollen und Handeln.

Entscheidend wichtig ist, dass Adams den Begriff »zum Herzen predigen« nicht primär emotional versteht. Viele moderne Leser würden darunter spontan eine gefühlsbetonte, Emotionen auslösende, »bewegende« Predigt verstehen. Adams meint jedoch etwas anderes:

Eine Predigt trifft das Herz dann, wenn sie den inneren Menschen erreicht und eine konkrete Reaktion hervorruft.

Deshalb stellt er Apostelgeschichte 2,37 und 7,54 im Vergleich nebeneinander:

  • Petrus predigt → Menschen werden getroffen und tun Buße.
  • Stephanus predigt → Menschen werden getroffen und töten den Prediger.

In beiden Fällen wurde »zum Herzen« gepredigt. Der Unterschied liegt nicht in der Qualität der Predigt oder des Predigers, sondern in der Reaktion des Herzens des Zuhörers: Der Zuhörer offenbart in seiner Reaktion, was für ein Herz, welche Herzenshaltung, er hat.

Das ist ein wichtiger Punkt, weil Adams damit eine verbreitete Vorstellung korrigiert: »Zum Herzen predigen« bedeutet nicht, dass die Zuhörer emotional bewegt werden, sondern: »Zum Herzen predigen« bedeutet, dass Gottes Wort den inneren Menschen erreicht und eine Entscheidung, Stellungnahme oder Handlung hervorruft.

Hiermit steht Adams in einer langen Tradition. Man kann sich die Entwicklung in Kürze so vorstellen: Von den Puritanern (Richard Baxter (1615–1691), John Owen (1616–1683), zu Thomas Watson (ca. 1620–1686)): Predige zum Gewissen, zu Jonathan Edwards (1703–1758): Predige zu Verstand und Affekten zu Martyn Lloyd-Jones (1899–1981): Predige den ganzen Menschen an. Und schließlich Jay Adams (1929–2020): Predige zum Herzen.

Die Genannten sind überzeugt, dass biblische Predigt mehr sein muss als reine Informationsvermittlung (Wortstudien, Bibellexikon-Vorträge usw.). Sie soll vielmehr den inneren Menschen vor Gott zur Entscheidung und Reaktion bringen. Aber sie fallen mit dieser Zielsetzung nicht auf der emotionalen Seite vom Pferd. Für sie ist das »Herz« nicht primär Sitz der Gefühle, sondern in biblisch korrektem Verständnis das Zentrum der Person, mithin Verstand, Gewissen, Wille und Neigungen. Gottes Wort meint die ganze Person – daher spricht sie das Zentrum der Person an.

Versuchen wir abschließend eine Definition, was »zum Herzen predigen« heißt. Es ist weder »emotionale Ansprache« und »gefühlsvolles Abholen« noch »Bibelschulvortrag« oder bloße »Informationsvermittlung«. Vielmehr gilt:

Herzorientierte Predigt ist biblische Verkündigung, die durch die Kraft des Heiligen Geistes den inneren Menschen so anspricht, dass der Hörer sich nicht gleichgültig Gottes Wahrheit entziehen kann, sondern zu Glauben, Buße, Gehorsam oder aber zum Gegenangriff, Verleumdung oder bloßer Ablehnung herausgefordert wird.

Damit ist klar, dass effektive Predigt ein göttliches Wunder ist. Schon deswegen erfordert sie anhaltendes, demütiges und gläubiges Gebet: vom Prediger, vom Hörer, von der gesamten hörenden Gemeinde »unter Gottes Wort«.

Tipps für Prediger

  • Predige nicht nur zum Verstand.
  • Predige nicht primär zur Unterhaltung oder Bildung.
  • Predige so, dass das Gewissen vor Gott angesprochen wird.
  • Dränge die Wahrheit auf Herz, Gewissen und Willen des Hörers.

Wenn sich dann deine Zuhörer »getroffen«, »verletzt« oder »durchbohrt« fühlen, hat das Wort nach Hebräer 4,12 sein göttliches Wesen entfaltet, was ein wahres und gnädiges Wunderwirken Gottes ist (siehe auch diesen Beitrag). Das gilt auch, wenn Ablehnung und Hass entstehen. Prediger leben gefährlich. Bergrettern, SAR-Teams und Rettungsschwimmern der Küstenwache geht es nicht anders.

Buchempfehlung: Jay E. Adams, Predigten. Zielbewusst – anschaulich – überzeugend: Handbuch für biblische Verkündigung, 2. Auflage (Bielefeld: CMV, 2013), 176 Seiten. Originaltitel: Preaching with purpose.

Nouthetische Seelsorge (Jay E. Adams)

Jay Adams prägte in den 1970er Jahren den Ausdruck »Nouthetic Counseling« (»nouthetische Seelsorge«). Der Begriff »nouthetisch« geht auf das griechische Verb noutheteō (νουθετέω) zurück, das im Neuen Testament mit »ermahnen«, »zurechtweisen«, »warnen« oder »unterweisen« wiedergegeben wird (z. B. Apg 20,31; Röm 15,14; Kol 1,28; 3,16; 1Thess 5,12.14).

Eine Definition könnte lauten:

Nouthetische Seelsorge ist die persönliche, auf die Heilige Schrift gegründete Konfrontation eines Menschen mit Gottes Wahrheit, unter der Leitung des Heiligen Geistes, mit dem Ziel von Buße, Glauben, Gehorsam und geistlicher Veränderung. Diese Seelsorge arbeitet mit der liebevollen, direkten und biblisch fundierten Anwendung der Heiligen Schrift auf Denken, Herz und Verhalten eines Menschen, damit dieser Gott verherrlicht und Christus ähnlicher wird.

Buchempfehlungen: Jay E. Adams, Befreiende Seelsorge. Theorie und Praxis einer biblischen Lebensberatung. 8. Auflage (Gießen/Basel: Brunnen, 1988). Originaltitel: Competent to Counsel. Derselbe: Grundlagen biblischer Lebensberatung. Beiträge zu einer Theorie der Seelsorge. (Gießen: Brunnen, 1983). Originaltitel: More than Redemption. – Beide deutschsprachigen Werke sind antiquarisch erhältlich, die Originaltitel auch im Buchhandel.

Das Wort, das schneidet (Kostprobe)

John F. MacArthur
Das Herzstück der Bibel
52 Schlüsselabschnitte zum Nachsinnen und Auswendiglernen

EBTC, 2024, geb., 200 Seiten | ISBN: 978-3969571279

Im Folgenden eine »Kostprobe« aus einem klug aufgebauten und erbauend zu lesenden Streifzug durch die Schätze der biblischen Lehre, sozusagen eine »Systematische Theologie« in Andachtsform. Das sind »Herzstücke« für jeden, der Gott und Seine Heilige Schrift liebt.

Lesedauer: 3 Minuten.

Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und durchdringend bis zur Scheidung von Seele und Geist, sowohl der Gelenke als auch des Markes, und ein Beurteiler der Gedanken und Überlegungen des Herzens. (Hebräer 4,12)

Hältst du die Bibel für ein nettes Buch? Viele halten sie für ein Buch religiöser Geschichten. Christen halten die Bibel oft für ein tröstliches Buch, ein ermutigendes Buch, ein Buch, das einen erbaut. Aber die Bibel selbst erhebt den Anspruch, ein Schwert zu sein – lebendig, wirksam und scharf. Sie schneidet wie das Skalpell eines Chirurgen, es dringt in die Tiefen deiner Seele und deines Geistes vor, es schneidet deine Gelenke und dein Knochenmark. Das ist ein lebhaftes Bild. Es hört sich ganz so an, als würde es wehtun. Die Bibel ist nicht nur ein Balsam, das wir auftragen, um Linderung zu bekommen. Sie ist eine Klinge, die tief in uns eindringt. Sie kennt unsere Gedanken und Absichten besser als wir selbst.

Nichts schneidet und durchdringt so wie Gottes Wahrheit. Alle Psychologie und Philosophie der Welt sind nicht imstande, in die Tiefen der Seele einzudringen, wie es das Wort Gottes kann. Kein Psychologe oder Philosoph ist jemals in der Lage, dich so zu kennen, wie Gott dich kennt. Johannes sagt, dass Jesus es nicht nötig hatte, dass ihm jemand sagte, was sich im Herzen des Menschen befindet, weil er bereits wusste, was darin war (Johannes 2,25). Dein Herz ist vor Gott völlig offengelegt. Er kann in dich hineinsehen. Er hat einen tiefen Einblick in deine Seele.

Niemand kennt dich so gut, wie Gott. Kein Buch dringt so zum Kern deines Herzens vor, wie die Bibel – sowohl in negativer als auch in positiver Hinsicht. Wenn wir niedergeschlagen sind, weiß die Bibel uns aufzumuntern, zu trösten und aufzubauen. Doch wenn wir uns auf unserem hohen Ross des Stolzes oder menschlicher Weisheit befinden, dann versteht sich die Bibel darauf, uns herunterzuholen, indem sie unsere Sünde bloßstellt, unsere Heuchelei entlarvt und unseren Eigensinn niederreißt.

Das Lesen der Bibel ist kein ungefährliches Unterfangen. Es kann eine beängstigende Erfahrung sein. Doch überall, wo Gott [bei einem Glaubenden] mit seinem Wort schneidet, heilt er auch. Alles, was er offenbart, legt er frei, um die Stelle zu reinigen. Jesus sagte, dass wir wie Reben an einem Weinstock sind, die vom Weingärtner gereinigt werden (Johannes 15,2). Wir müssen gereinigt bzw. beschnitten werden, damit wir Frucht bringen können. Diese Beschneidung geschieht durch das Wort Gottes.

Ich bin dankbar für das Wort Gottes als Quelle des Trostes, der Hoffnung, der Freude, der Anbetung und des Lobes. Darüber hinaus bin ich dankbar für das Wort Gottes als durchdringendes, überführendes, unterscheidendes Schwert, das mich mit nichts davonkommen lässt. Indem ich mein Leben dem Wort Gottes aussetze, wird meine Sünde aufgedeckt. Wenn meine Sünde auf-gedeckt wird, kann sie ausgeräumt werden. Dabei handelt es sich um die Reinigung, die mich befähigt, zu meiner eigenen Freude und zur Ehre Gottes mehr Frucht zu bringen.

Es frauscht im Blätterwald

Lesedauer: 9 Min.

In meiner »Kruscht- & Fun-Kiste« fiel mir neulich ein über 30 Jahre alter Artikel in die Hände über einen sprachlichen Irrsinn, für den manche mit großem Ernst und Wahn auch sterben würden (alternativ reicht auch das Superkleben an ein Redaktionsgebäude). Der Autor war jahrelang Redakteur einer Zeitschrift, ist ein Sprachgenie, vielfacher Autor und Übersetzer. Er schreibt hier mit bemerkenswerter Bissigkeit und Sarkasmus, aber erzeugt damit bei einigen ein entspanntes Schmunzeln. Wie anders, als mit Humor, sollte man die militanten Sprach:vergewalt:gender:Innen-Szene sonst ertragen können? Hier kommt ein echter »Oldie-but-Goodie«:

Das hatte gerade noch gefehlt! Da ringt man seit Jahren, was sage ich? seit Jahrzehnten, mit sich selbst und hadert mit dem Schicksal, das einem wie ein schadenfreudiger Pauker ausgerechnet Deutsch als lebenslange Hausaufgabe vor die Füsse geschmissen hat. Als ob diese Sprache, mit der sich so Tiefes und Dunkles, so Lichtvolles und Erhabenes ausdrücken lässt, wie es das berühmte deutsche Gemüt ja nur sein kann, ja, als ob diese Sprache nicht schon der Tücken und Fallen genug besässe!

Was ist passiert? Um es kurz und möglichst schmerzlos zu machen, dies: Man (frau?). Nein. es war kein unpersönlicher Jemand, sondern ein mündiger, denkender – wiewohl schadenfreudiger – Mensch, der, oder die oder geschlechtsneutral … eine Mannfrau, nein: eine Mann/Frau. Wieso der Mann zuerst? Typisch Mann! Also besser: ein Fraumann – oder heisst es: eine Fraumännin? Sehen Sie, sogar ich habe mich verfangen! Dabei habe ich inzwischen einiges Brainstorming hinter mir. Ich denke, Sie ahnen das Problem.

Jemand – das ist unschuldig, oder? Oder doch nicht? Jemand, –mand! Ist mand am Ende ein verkappter Mann, ein garstiger, hinterhältiger, arroganter Misogyne, ein Pascha?! Das wäre ja doch allerhand. Jahrhundertelang redet und tut alle Welt so unschuldig, redet frischfröhlich ganz einfach von jemand, immer und überall heisst es schlicht jemand, und das mit allen Schikanen des Dativs und Akkusativs, und man tut die ganze Zeit, als ob nichts wäre. Es ist nicht mehr als gerecht, hier aufzuräumen. Also: Jefrau hat… Halt! Wollen Sie damit behaupten, die Frau sei schuld? Wir kennen den Dreh. Cherchez la femme! Ja,ja.

Immer dieses alte Lied. Also gut, wir müssen ein anderes Wort einführen, denn Gerechtigkeit muss sein. Sollen wir einfach sagen, ein body wie die Engländer? Vielleicht ein wenig geistlos, nur ein body; ich auf alle Fälle sehe da nur Muskeln und Rundungen vor mir. Wie wäre es mit jemensch? Gefällt mir nicht schlecht.

Ich habe den Faden verloren. Wo waren wir stehengeblieben? Auf alle Fälle bei einem Unglück, bei einer Heimsuchung.

Noch einmal von Anfang an. Eine Person – aber warum eine Person? Finden Sie das gerecht? Wieso ausgerechnet eine? Warum nicht ein Person? Geht nicht? Also gut, Grammatik ist Grammatik. Aber manchmal ist Deutsch eben doch ein Glücksfall: Sagen wir doch ein Persönchen. Das ist wunderbar neutral. Mit besagtem Persönchen begann das Unheil: 

Es ist entdeckt worden. Jetzt hab ich’s, ich fühle mich wie Archimedes in der Badewanne, als er seinen unsterblich gewordenen Urschrei aller Fündiggewordenen in die Stille der sizilianischen Nacht hinaustrompetete. Es lebe das unpersönliche und so herrlich unverfängliche Passiv! Das prophezeie ich Ihnen: Das Passiv ist die Ausdrucksweise der Zukunft! Also: Es ist entdeckt worden, dass unsere Sprache sexistisch verseucht ist, jawohl: sexistisch verseucht. Keine Angst, sexistisch hat nichts mit unbotmässigem Sex zu tun, wir sind hier anständige Leute; es geht dennoch um etwas Ungeheuerliches: die sprachliche Diskriminierung zwischen den Geschlechtern! Wer hätte der scheinbar so unschuldigen Sprache so etwas Niederträchtiges zugetraut? Damit auch die begriffsstutzigsten Gemüter – ich sehe nach allem, was ich bisher erfahren musste, ein, dass auch ich zu diesen gehöre – ein Einsehen hätten, begann man gleich eine wahre Sturzflut von Belegen zu liefern. Workshops wirkten, Zeitschriften wurden zu Dutzenden aus der Taufe gehoben, zuhauf fanden sich sexistisch Aufgebrachte zu Zirkeln zusammen, Kommissionen tagten, kurz und gut: Man rückte dem sexistischen Ungeheuer, das sich jahrtausendelang wie ein fetter Parasit in unserem schönen Sprachkörper eingenistet hatte, zu Leibe. Schliesslich sollte man, pardon! frau oder man/frau oder frau/man, nein: hier und in diesem Fall eindeutig man – die sind ja das Problem! – wissen, wie ernst die Sache ist. Und nun einige Belege:

Ein erstes Beispiel: Im Zeitalter bemannter Raumflüge hinkt die Sprache wie ein alter Patriarch, schlimmer als der neunhundertjährige Methusalem, hinter der Entwicklung her; sie hat noch nicht kapiert, dass auch Frauen den Raum erobert haben. Fortan hat es zu heissen: befraute Raumflüge. Protest von der Männerseite. Wird akzeptiert; also in Zukunft sind solche Flüge als bemenscht zu bezeichnen. Die NASA nennt sie seit einiger Zeit habitated. Na ja, bewohnt, warum nicht, immer noch besser als dieses patriarchalisch fixierte manned

Oder dies: Da konnte man in den zahllosen Zeitungen deutschsprachiger Lande jahraus jahrein Sätze wie den folgenden lesen: «Unter den Konferenzteilnehmern herrschte einhellig die Meinung …» Ist Ihnen etwas aufgefallen? Wahrscheinlich nicht, und damit sind Sie der beste Beweis dafür, wie nötig hier Aufklärung ist: Es herrscht immer jemand – Verzeihung, wir hatten uns ja auf jemensch geeinigt – oder etwas, sogar etwas scheinbar so Unschuldiges wie das Wetter oder eine modische Meinung. Dem hat man, nein – wann kapierst du es endlich? –, frau abgeholfen. Seither frauscht es im Blätterwald. Das ist nicht mehr als recht, oder? 

Aus naheliegenden Gründen wird sich die Männerwelt problemlos mit den Klabauter-, Hampel- und Buhfrauen anfreunden, pardon, anfreundinnen, sind wir doch ganz froh, wenn nicht ewig den Männern die schwarze Petra (diesmal bin ich nicht hereingefallen!) zugeschoben wird. Denn das muss um der Gerechtigkeit willen auch einmal gesagt sein: In der Schweiz drohen – gewiss, pädagogisch unterbelichtete, mit denen wir alle Geduld haben wollen – Eltern seit Jahrhunderten ihren Sprösslingen, der Böölimaa sperre sie in den Keller, wenn sie nicht sofort Ruhe geben und einschlafen. Ich habe nie gehört. dass mit dem Bööliwiib gedroht worden wäre. Aber da dürfen wir jetzt auf Änderung dieses untragbaren Zustandes hoffen. Auch ans Strichfräulein werden wir uns gewöhnen, aber den Mann im Mond, den lassen wir uns nicht kampflos nehmen, und wenn’s den Herrinnen der Schöpfung nicht passt, dann haben sie ja immer noch das geschlechtsneutrale Mondkalb. 

Verzeihen Sie, ich bin ein wenig abgeschweift. Es ging ja um Belege für die patriarchalisch beherrschte – sic! denn hier geht aus offensichtlichen Gründen «befrauscht» nicht – Sprache. Die sind nun einmal nicht von der Hand zu weisen, aber ich habe trotzdem noch Bauchweh. Schüchtern und vorsichtig – man (immer noch nicht kapiert? man/frau!) kann heutzutage nicht vorsichtig genug sein – frage ich immer noch, ob denn die Sprache nicht auch so kompliziert genug sei. Auf diesem Schlachtfeld voller sexistischer Tretminen muss man ja höllisch aufpassen. Dieser sprachliche Sexismus ist zwar erschütternd, das will ich nicht abstreiten, aber sehen Sie, ich bin kein Jüngling mehr, und einem alten Hund bringt man nicht mehr so leicht das Sitzen bei.

Da kann es einem sonst vor lauter Aufpassen ergehen wie einem leibhaftigen bundesdeutschen Minister. Er wandte sich mit diesen Worten an eine vor ihm versammelte Kinderschar: «Liebe Kindinnen, liebe Kinder». Der arme Mann, er hätte sich die Zunge abbeissen mögen, als er seinen Ausrutscher bemerkte. Am andern Tag zitierte ihn nicht nur die Lokalpresse, sondern zu seinem Entsetzen musste er seinen Versprecher auch noch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung lesen. Also, seien wir doch nicht so stur, lassen wir die Sprache Sprache sein. 

Ho, da machen wir die Rechnung aber ohne den Wirt, pardon, ohne die Wirtin! Sie stemmt die Fäuste in die Hüften und verschiesst mit ihren Augen so wütende Blitze, dass ich schnell den Kopf einziehe: Auch diese letzte Bastion der Ungleichheit muss fallen! Und sie wird fallen! Wenn frau will, steht sogar die Sonne still! Ich wage es ganz vorsichtig und strecke noch einmal einen Finger in die Luft; denn ich habe ein Problem. Hoffentlich merkt es die Wirtin nicht, aber ich wende mich jetzt an Sie, liebe Leserinnen. Zuerst dachte ich auch, das sei ein ungeheurer Fortschritt, eine historische Befreiungstat, als man von Kolleglnnen, FahrerInnen. Partnerlnnen usw. zu schreiben anfing. Endlich Gerechtigkeit! Aber wissen Sie, liebeR LeserIn, wie man all diese -Innen liest, ich meine nicht leise und nur mit den Augen, sondern laut? Wie lauten die Dinger, diese verflixten Hermaphroditen. diese doppelgeschlechtigen Ungeheuer, die – seien wir ehrlich – noch kein Mensch gesehen hat? Wie heissen sie. wenn man von ihnen spricht? Muss man bei GenossInnen bei Genoss- die Stimme heben und dann bei -Innen senken. zwischen beiden absetzen oder nicht absetzen, zuerst senken, dann heben. oder am Ende keines von beiden? Ich bin ratlos. Wer hilft mir? ■

Quelle und Disclaimer

Textquelle: Benedikt Peters – factum November/Dezember 1992 (S. 28–30)

Disclaimer. Dieser Beitrag wird mit seiner Wiedergabe hier weder vereinnahmt noch zu eigen gemacht. Lustig ist er trotzdem! Und lehrhaft. Sogar ernst!

Schon vor Hunderten von Jahren hatten kluge Fürsten Hofnarren. Der englische König Henry VIII hatte seinen Will Sommers. Der französische König Francis I of France hatte seinen Triboulet. Man gönnte sich also seinen »Jester«. Keineswegs nur zur Unterhaltung. Der Hofnarr erfüllte oft eine wichtige politische und soziale Funktion. Denn er durfte die Wahrheit sagen. Er durfte Dinge aussprechen, die sonst niemand zu sagen wagte. Ein Fürst lebte oft in einer Welt von Schmeichlern, Höflingen und abhängigen Beamten. Wer offen Kritik übte, riskierte Karriere, Freiheit oder sogar sein Leben.

Der Hofnarr hingegen genoss Narrenfreiheit. Unter dem Deckmantel des Witzes konnte er zum Beispiel sagen: »Majestät, Ihr seid heute wieder so weise wie gestern – und gestern habt Ihr Euch geirrt.« – Als Triboulet eines Tages seinen König grob beleidigte, wurde er vom König zum Tode verurteilt. Als letzte Gnade durfte Triboulet die Art seines Todes wählen. Da sagte Triboulet: »Sire, ich möchte an Altersschwäche sterben.« Der König musste lachen und begnadigte ihn.

Mit der Abschaffung der Hofnarren im 17.–18. Jahrhundert kam es zum Aufstieg moderner Bürokratien. Aber es galt weiter: Der kluge Herrscher/Minister/Führer suchte sich Menschen, die ihm widersprachen. Der dumme Herrscher umgab sich mit Menschen, die ihm zustimmten. – Das kann man bis heute in Politik, Wirtschaft und Kirche/Gemeinde beobachten.

Dispensationalismus verstehen und einordnen

Lesedauer: 6 Minuten.

Warum diese Theologie bis heute fasziniert – und polarisiert

Der Begriff »Dispensationalismus« löst unter Christen sehr unterschiedliche Reaktionen aus. Für die einen ist er ein hilfreicher Schlüssel zum Verständnis der Heilsgeschichte Gottes. Für andere steht er für spekulative Endzeitlehre, die Scofield-Bibel oder die »Left Behind«-Romane und -Filme. Kaum ein theologisches System wird im evangelikalen Raum so intensiv diskutiert und gleichzeitig so häufig missverstanden.

Doch was lehrt der Dispensationalismus tatsächlich? Woher stammt er? Und warum ist er bis heute für viele Bibelausleger von Bedeutung?

Die folgende Einführung fasst die wesentlichen Gedanken des Dispensationalismus zusammen und räumt mit einigen verbreiteten Missverständnissen auf. Grundlage ist ein Seminar der Hirtenkonferenz 2026 in der Lutherstadt Wittenberg (hirtenkonferenz.org).

Eine Frage der Heilsgeschichte

Jeder Christ erkennt intuitiv, dass Gott im Verlauf der biblischen Geschichte nicht immer auf dieselbe Weise mit den Menschen gehandelt hat. Niemand bringt heute ein Tieropfer nach Jerusalem. Niemand hält den mosaischen Opferdienst aufrecht. Christen versammeln sich stattdessen am ersten Tag der Woche und feiern das Mahl des Herrn. Schon diese Beobachtung zeigt: Die Bibel beschreibt einen einzigen Heilsplan Gottes, der sich jedoch in unterschiedlichen heilsgeschichtlichen Abschnitten entfaltet.

Der Dispensationalismus versucht, diese Unterschiede und Übergänge systematisch zu erfassen. Dabei geht es nicht in erster Linie um Endzeitfragen, sondern um eine grundlegende Frage: Wie entfaltet Gott seinen Heilsplan in der Geschichte?

Kontinuität und Diskontinuität

Dispensationalisten betonen zwei Wahrheiten gleichzeitig: die Kontinuität und die Diskontinuität im ewigen Heilsplan Gottes:

  • Kontinuität. Gott verfolgt von Ewigkeit zu Ewigkeit einen einzigen Plan. Sein Ziel ist die Offenbarung seiner Herrlichkeit. Die Heilsgeschichte ist keine Reihe gescheiterter Experimente und kennt keinen »Plan B«. Paulus fasst diese Spanne in Römer 11,36 zusammen: »Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge«.
  • Diskontinuität. Gleichzeitig gibt es markante Wendepunkte in Gottes Handeln. Jeder dieser Übergänge verändert die Beziehung zwischen Gott und Mensch in bedeutsamer Weise. Das Seminar nennt unter anderem:
    • den Sündenfall,
    • die Sintflut,
    • Babel,
    • die Berufung Abrahams,
    • den Sinai-Bund,
    • das Kommen Christi,
    • die Entstehung der Gemeinde,
    • das zukünftige Millennium,
    • und schließlich den ewigen Zustand.

Die berühmten sieben Dispensationen

Besonders bekannt wurde die von Cyrus I. Scofield popularisierte Einteilung der Heilsgeschichte in sieben Dispensationen:

  1. Unschuld
  2. Gewissen
  3. Menschliche Regierung
  4. Verheißung
  5. Gesetz
  6. Gnade
  7. Reich (Millennium)

Allerdings betonen moderne Vertreter wie Michael Vlach oder Charles Ryrie, dass die genaue Anzahl nicht das Wesen des Dispensationalismus ausmacht. Manche unterscheiden vier, andere acht Haushaltungen. Entscheidend ist nicht die Zahl, sondern die Überzeugung, dass Gott seine Offenbarung und Verwaltung der Geschichte schrittweise entfaltet.

Die drei Kernmerkmale des Dispensationalismus

Charles Ryrie formulierte drei unverzichtbare Kennzeichen, die bis heute als klassische Definition gelten:

  • 1. Die Verherrlichung Gottes ist das Ziel der Geschichte. Der Dispensationalismus versteht die Heilsgeschichte grundsätzlich theozentrisch. Das zentrale Ziel Gottes ist nicht primär die Rettung des Menschen, sondern die Offenbarung seiner Herrlichkeit. Die Erlösung dient diesem größeren Ziel.
  • 2. Eine konsequent historisch-grammatische Hermeneutik. Dispensationalisten betonen, dass die Bibel gemäß ihrem sprachlichen, historischen und literarischen Kontext ausgelegt werden soll. Das Neue Testament baut auf dem Alten Testament auf, hebt dessen ursprüngliche Bedeutung jedoch nicht auf. Das betrifft insbesondere alttestamentliche Prophetien. Verheißungen an Israel werden daher grundsätzlich als Verheißungen an Israel verstanden.
  • 3. Die Unterscheidung zwischen Israel und Gemeinde. Dies ist wahrscheinlich das bekannteste Merkmal. Israel und Gemeinde werden als unterschiedliche heilsgeschichtliche Größen verstanden. Die Gemeinde ersetzt Israel nicht, sondern besitzt ihre eigene Rolle innerhalb des einen Heilsplans Gottes. Dabei geht es nicht um zwei Heilswege oder zwei Völker Gottes, sondern um unterschiedliche Funktionen innerhalb derselben Erlösungsgeschichte.

Die fünf ausdrücklich genannten Bündnisse

Ein wichtiger Bestandteil dispensationalistischen Denkens ist die Betonung der Bündnisse, die die Schrift selbst ausdrücklich als »Bund« bezeichnet. Dazu gehören:

  1. Noachischer Bund
  2. Abrahamischer Bund
  3. Mosaischer Bund
  4. Davidischer Bund
  5. Neuer Bund

Dispensationalisten argumentieren, dass diese Bündnisse die heilsgeschichtliche Struktur der Bibel sichtbar machen und dass ihre Verheißungen vollständig erfüllt werden müssen. Dies betrifft nicht nur geistliche Segnungen, sondern auch nationale, politische und landbezogene Verheißungen für Israel.

Warum Israel eine besondere Rolle spielt

Ein zentraler Unterschied zur klassischen Bundestheologie betrifft die Zukunft Israels. Dispensationalisten erwarten eine zukünftige nationale Wiederherstellung Israels auf Grundlage alttestamentlicher Verheißungen und neutestamentlicher Aussagen wie Römer 11.

Die Gemeinde wird nicht als »neues Israel« verstanden, das sämtliche Verheißungen (z. T. »vergeistlicht«) übernommen habe. Vielmehr wird erwartet, dass Gott seine Zusagen an das ethnisch-nationale Israel buchstäblich erfüllen wird, also so, wie Er es bisher getan hat.

Endzeit und Millennium

Der Dispensationalismus ist eng mit dem Futurismus verbunden. Große Teile von Daniel 9, Matthäus 24–25 und Offenbarung 6–22 werden als noch zukünftig verstanden.

Deshalb vertreten Dispensationalisten einen zukünftigen Prämillennialismus:

  • Christus kommt sichtbar wieder.
  • Danach errichtet er sein tausendjähriges Reich.
  • Israel wird wiederhergestellt.
  • Die Nationen werden unter der Herrschaft Christi gesegnet.

Nicht jeder Prämillennialist ist Dispensationalist. Aber jeder Dispensationalist ist Prämillennialist.

Einige verbreitete Missverständnisse

  • »Darby hat den Dispensationalismus erfunden.« | Diese Behauptung gilt heute weitgehend als überholt. Neuere Forschungen zeigen, dass viele dispensationalistische Grundgedanken bereits lange vor John Nelson Darby vertreten wurden. Darby war wichtig für einige Grundgedanken des heute bekannten Systems, aber nicht dessen eigentlicher Erfinder. Dies war Cyrus Scofield mit seiner Scofield Studienbibel (1. Auflage 1909).
  • »Dispensationalisten lehren mehrere Heilswege.« | Nein. Die klassische dispensationalistische Theologie lehrt ausdrücklich: Rettung geschieht immer allein aus Gnade durch Glauben. Abraham wurde durch Glauben gerechtfertigt. Christen heute ebenfalls.
  • »Dispensationalismus ist automatisch arminianisch.« | Auch das stimmt nicht. Es gibt sowohl arminianische als auch calvinistische Dispensationalisten. Das System selbst definiert keine bestimmte Heilslehre.
  • »Dispensationalismus lehrt zwingend auch die Vorentrückung.« | Die Mehrheit der Dispensationalisten vertritt tatsächlich eine Entrückung vor der Drangsalszeit. Dennoch gehört diese Position nicht zum eigentlichen Wesen des Systems. Auch andere Entrückungsmodelle finden sich innerhalb dispensationalistischer Kreise.

Fazit

Der Dispensationalismus ist weit mehr als eine Endzeitlehre.

Im Kern handelt es sich um einen Versuch, die gesamte Bibel als fortschreitende Offenbarung des einen Heilsplans Gottes zu verstehen. Seine entscheidenden Anliegen sind:

  • die Verherrlichung Gottes als Zentrum der Geschichte,
  • eine konsequent historisch-grammatische Schriftauslegung (Hermeneutik),
  • die Unterscheidung zwischen Israel und Gemeinde,
  • die Erwartung einer zukünftigen Erfüllung aller göttlichen Verheißungen.

Ob man alle Schlussfolgerungen teilt oder nicht: Der Dispensationalismus hat die evangelikale Theologie der letzten zwei Jahrhunderte nachhaltig geprägt und bleibt ein wichtiger Gesprächspartner für alle, die Gottes Heilsgeschichte verstehen wollen.

Verweise und weiterführende Quellen

Dieser Artikel ist eine Kurzzusammenfassung eines Seminars (#13) der Hirtenkonferenz 2026 in Lutherstadt Wittenberg (gehalten am 28.05.2026) von Dr. Uwe A. Seidel.

Dieses Seminar basierte auf einer aktuell überarbeiteten Auflage des Buchs von Michael J. Vlach, Dispensationalismus – Fakten und Mythen (Berlin: EBTC, 2026), einer Neuübersetzung von: Michael J. Vlach, Dispensationalism: Essential Beliefs and Common Myths. Revised & Updated (Los Angeles, CA (USA): Theological Studies Press, 2017).

Eine schriftliche Ausarbeitung dieses Seminars liegt inzwischen vor (PDF, 8 MB). Es enthält eine kommentierte Literaturliste mit hilfreichen englisch- und deutschsprachigen Quellen und Verweisen. Das Copyright ist zu beachten, private Nutzung gestattet.

Ein Video des Vortrags soll von den Veranstaltern noch veröffentlicht werden.

Die Website von Michael Vlach enthält weitere Materialien. Er bietet auch einen Kurs auf Bibelschul-Niveau zum Online-Studium der Eschatologie an. Seine Bücher sind empfehlenswert, insbes. seine Arbeit über »Hermeneutik des Dispensationalismus« und das ausführliche Werk zum »New Creation Model«, das sich wohltuend von zweifelhaften Vorstellungen des »klassischen Dispensationalismus« abhebt, welcher meist von einer ewig räumlich geteilten Zukunft der Gläubigen des AT und des NT ausgeht. Vlach liest das Ende der Offenbarung so, dass »der Himmel« (die Braut) vielmehr herunter auf Erden kommt und sich so der Kreis der Schöpfung in ihrer Vollendung schließt.

Hymns That Stick: The Solid Rock

My hope is built on nothing less
than Jesus‘ blood and righteousness;
I dare not trust the sweetest frame,
but wholly lean on Jesus‘ name.

Refrain:
On Christ, the solid Rock, I stand:
| : all other ground is sinking sand
. : |

When darkness veils his lovely face,
I rest on his unchanging grace;
in every high and stormy gale,
my anchor holds within the veil.

His oath, his covenant, his blood,
support me in the whelming flood;
when all around my soul gives way,
he then is all my hope and stay.

When he shall come with trumpet sound,
O may I then in him be found:
dressed in his righteousness alone,
faultless to stand before the throne.

–Edward Mote (1797–1874), 1834

Music/Noten: hier.

Edward Mote soll die ersten Zeilen dieses Liedes spontan bei einem Spaziergang formuliert haben. Es spiegelt seine gute, biblisch fundierte Theologie wieder: reformatorische Rechtfertigungslehre, Christuszentriertheit, Gewissheit allein in Christus und Ablehnung subjektiver Heilsgrundlagen (die letztlich nie weit genug tragen können). Diese Hymne ist ein musikalisches solus Christus. Sie zu singen, sorgt für den wahren »sweetest frame«, für die schönsten Empfindungen und die beste Herzensstimmung, die einem Christen eignet.