Wenn Bibelstellen nur noch vorgefasste Meinungen belegen sollen – Ein Kommentar zu einem Kommentar in »Fest & Treu« (01/2022)

In Fest & Treu (FuT 177) wurde ein Kommentar/Leserbrief von zwei Autoren »in unserem CLV-Team« (Alexander Struck und Gerrit Alberts, im Folgenden mit „S&A“ abgekürzt) abgedruckt, der sich auf den Beitrag »Glaubensprüfung« von Friedemann Wunderlich in FuT 176 (S. 4–5) bezog.[1] Dieser Kommentar wirft Fragen auf, denen man nachgehen sollte. Die Autoren verwenden m. E. Argumente, die weder der Chronologie noch den von ihnen als Beleg angegebenen Bibelstellen gerecht werden. Sachliche und biblische Wahrheit im Argument ist in der Tat keine nebensächliche, sondern eine Hauptsache, um die wir kämpfen müssen. Hier einige der m. E. anzusprechenden Behauptungen oder Meinungen (M) und mein bescheidender Beitrag auf der Suche nach tragfähigen Antworten.

M1 | Paulus lehre, dass man selbst einem tyrannischen, Christen verfolgenden und tötenden Nero zu folgen habe

Die Autoren S&A schreiben: »Die Apostel […] ermahnten die Gläubigen sogar dann dazu [zur Unterordnung unter die staatlichen Autoritäten], als der äußerst willkürliche, moralisch verdorbene Despot und Christenmörder Nero an der Macht war.«

  • Aus dem Basiswissen zum NT zunächst ein paar wesentliche chronologische Daten: Paulus schrieb seinen Brief an die Gemeinde in Rom um 55–58 n. Chr., wahrscheinlich 57 n. Chr. (s. J. MacArthur, Basisinformationen; E. Mauerhofer, Einleitung NT, Bd. 2). Neros Kaiserzeit war 54–68 n. Chr. Mit seinem Regierungsantritt 54 n. Chr. wurde das Edikt des Claudius, das die Vertreibung der Juden und Judenchristen aus Rom verfügte (49 n. Chr.), aufgehoben (F. F. Bruce, Basiswissen), also eine positive(re) Situation für die Gemeinde geschaffen. Der Brand Roms war 64 n. Chr. Die Neronische Christenverfolgung und die damit verbundenen Gräuel geschahen in den Jahren 64– 65 n. Chr., fanden also erst etliche Jahre nach der Abfassung des Römerbriefes statt. 
  • S&A stellen dies aber chronologisch und argumentativ verkehrt herum dar. Als Paulus die Gläubigen zur Unterordnung ermahnte, war Nero noch lange nicht als »Christenmörder« aufgetreten. Paulus war sicherlich nicht naiv bezüglich böser Herrscher und Tyrannen, wie beispielsweise jene zivilen und religiösen Obrigkeiten, die seinen und unseren Herrn ermordeten (Apg 3,13–15; 4,26–30). Angesichts der chronologischen Fakten kann man wohl nur sagen, dass Paulus beim Schreiben von Römer 13 Neros (oder anderer Tyrannen) Bosheit weder ignorierte noch beschönigte, aber von Neros Christenverfolgung als Hintergrund seines Briefes an die Römer zu reden, ist jedenfalls ein AnachronismusDas Argument der Brüder S&A ist damit m. M. n. hinfällig.[2]

M2 | Das Gesetz im AT lehre, dass man alle – auch gesunde – Geschwister nach Bibelstellen, die nur von einzelnen symptomatischen und ansteckenden Kranken reden, zu behandeln habe

  • Die Verwirrung ist hier mehrfach: (1) Behandlung von Einzelfällen werden mit Zwangsmaßnahmen gegenüber der Allgemeinheit verwechselt; (2) Gesunde, asymptomatische Menschen seien so zu behandeln, wie erkenntlich kranke und fachmännisch als krank diagnostizierte Menschen. Es ist zu befürchten, dass hier der ungesetzliche Missgriff, dass Gesunde wie Erkrankte, Ansteckende (und letztlich wie „Gefährder“) zu behandeln seien, unreflektiert kolportiert wird. Dies alles sind Missgriffe, die eigentlich jedem auffallen sollten, der mitdenkt und am Text der Heiligen Schrift untersucht, »ob sich dies so verhalte«.
  • Wunderlich schreibt: »„Lockdown“ und „Social Distancing“ sind Fremdworte für die Gemeinde Jesu und stehen immer entgegen der Gebote Gottes.« Die von ihm gemeinten »Gebote Gottes« konkretisiert er im nächsten Satz mit dem zweit-höchsten Gebot der Nächstenliebe: »Es gibt keine Nächstenliebe ohne körperliche Nähe.«
  • Dies provoziert S&A wohl zum Widerspruch und so greifen sie ins AT zurück, um das Gegenteil zu beweisen. Sie verpassen dabei aber das hier Entscheidende, dass diese beiden englischen Neologismen der Pandemiesprache obrigkeitliche Maßnahmen bezeichnen, die stets allgemein und unterschiedslos auch Gesunden auferlegt werden/wurden (Ausnahmen nur für „systemrelevante“ Menschen), während die angezogenen AT-Stellen ausschließlich symptomatisch Erkrankte und fachlich sorgfältig diagnostiziert erkrankte Einzelpersonen betreffen (auch jener Fall, der eine weitere Beobachtung unter Isolation erforderte). Schauen wir uns die angegebenen Bibelstellen an:

(1) 3.Mose 13,46 (»Isolation im Krankheitsfall«)

  • Die Maßnahme der „Isolation“ (»allein soll er wohnen« und »außerhalb des Lagers soll seine Wohnung sein«) wird erst ergriffen, wenn »das Übel« an der Person äußerlich erkenntlich ist. 
  • Gesunden Menschen ohne einschlägig ärztlich diagnostizierte Symptome den Gottesdienstbesuch zu untersagen oder zu verwehren, nur weil sie 1G, 2G, 2G+ oder 3G nicht erfüllen, fällt nicht in die Fallkategorie der angegebenen Bibelstelle. 
  • Die Generalverdächtigung durch die obrigkeitlichen Verordnungen, dass jeder Gesunde potenziell ein „Gefährder“ sei, also jemand, der beabsichtige oder billigend in Kauf nehme, anderen Schaden zuzufügen, „denn er könnte ja krank sein und andere anstecken“, würde das ganze Lager Israels zum Quarantänelager gemacht haben. Das ist absurd, mit dem biblischen Text nicht belegbar und sollte daher nicht für Gemeindeveranstaltungen als Eintrittsr(i)egel vorgeschoben werden.

(2) 3.Mose 13,4 (»Quarantäne bei Infektionsverdacht«)

  • Das »sieben Tage einschließen« erfolgte, wenn Symptome erkenntlich waren, die Diagnose des Priesters jedoch nicht klar und sicher genug zu leisten war. War sie hingegen klar, wurde das »unrein« direkt erklärt (13,3), die Erkrankung lag dann vor. In jedem Fall gilt auch hier: Die Maßnahme erfolgte erst nach einer Untersuchung von Symptomen, nicht bei Symptomlosen oder Gesunden. Ohne Symptome war diese Maßnahme des „isolierten Abwartens“ nicht zu ergreifen.
  • Von S&A wird ja offenbar auf die natürliche Bedeutung dieser biblischen Anweisung im AT abgezielt. Die Anwendung der Stelle 3.Mose 13,4 auf obrigkeitliche COVID-19-Maßnahmen geht an der Tatsache vorbei, dass hier nicht Gesunde unter Generalverdacht weggesperrt werden, sondern symptomatisch Erkrankte. Damit wird hier keine Berechtigung für die Abweisung von Gesunden und Genesenen von der Gottesdienstteilnahme vor Ort geliefert.

(3) 3.Mose 13,44 (»Mund- oder Bartschutz«)

  • Vorweg: Die Versangabe ist wohl falsch, vom »Lippenbart verhüllen« ist erst in V. 45 die Rede. Zweitens: Nicht »Mund«, sondern »Bart« (ELBCLV; aber ESV: upper lip).
  • Auch hier ist klar ein Fall beschrieben, bei dem erkenntlich »das Übel an ihm ist«, nicht: »in« ihm ist; es war also äußerlich symptomatisch.
  • Der verordneten Maßnahme lag eine durch sorgfältige Untersuchung ermittelte Symptomatik vor (»Und besieht ihn der Priester, und siehe…«; 13,43).
  • Fachlich: Die sehr begrenzte und daher mangelnde Schutzwirkung von Gesichtsmasken (medizinische oder FFP2-Masken) gegen Empfang oder Verbreitung von Viren ist von fachlicher Stelle vielfach untersucht, bestätigt und verkündigt worden. Unvollkommener Schutz ist auch da festzustellen, wo wir das Phänomen virentragender Aerosole bedenken. Dass es dazu neben ignoranten auch absichtliche Falschmeldungen gibt, war und ist angesichts der unterschiedlichen Interessenslagen zu erwarten. Dass dauerhaftes Maskentragen erheblichen medizinischen und psychischen Schaden anrichten kann (von CO2-Übersättigung bis Mikrofaserinhalation; verbale und nonverbale Verständnisprobleme bei Jung und Alt, usw.), ist mittlerweile in mehreren Studien belegt worden. Wer sich bemüht, kann das Hin und Her der öffentlichen Verlautbarungen zum Maskentragen herausfinden. Tipp: Follow the money.
  • Interessante Nebenfrage: Was ist bei Frauen zu tun? Auch sie können m. W. an COVID-19 erkranken. Sollen also Frauen keinen „Mund-Nasenschutz“ tragen nach dem „biblisch belegten“ Argument von S&A? Denn das generische Maskulinum kann im Bibeltext ja nicht gemeint sein, wenn (nach S&A) vom Bart die Rede ist.

(4) 2.Chronik 26,21 (»Ausschluss vom Tempel-Gottesdienst bei Infektion«)

  • Hier war der Betreffende (König Ussija) »aussätzig bis zum Tag seines Todes« und »wohnte in einem Krankenhaus (FN: O. in einem abgesonderten Haus) als Aussätziger«. Da Aussatz an den äußerlich erkennbaren Symptomen festzustellen war (26,20: »an seiner Stirn«) und es ein konkreter Einzelfall ist, ist auch diese Stelle für die Abweisung von Gesunden oder von COVID-19 Genesenen wegen einer obrigkeitlich verordneten generellen 1/2/3G-Verordnung inhaltlich völlig ungeeignet.
  • Das AT bespricht (auch hier) den Einzelfall eines akut Erkrankten, dessen Erkrankung symptomatisch ist und die fachlich festgestellt wurde. Wunderlich bespricht mit »Lockdown« und »Social Distancing« jedoch obrigkeitliche Maßnahmen, die die Allgemeinheit treffen. Die Brüder S&A reden völlig am von Bruder Wunderlich Gesagten vorbei.

M3 | Christen würden die biblischen Maßnahmen, die in Israel im Falle eines Aussätzigen verordnet waren, in Frage stellen

S&A schreiben: »Dass ausgerechnet Christen nun diese Maßnahmen in Frage stellen, erschließt sich uns nur schwer.« Da der Kommentar von S&A sich auf den Artikel »Glaubensprüfung« von Friedemann Wunderlich bezieht, muss zuerst einmal festgestellt werden, dass Wunderlich mit keinem Satz die Maßnahmen, die Israel damals verordnet wurden, in Frage stellt. Dieser Vorwurf zielt also ins Leere. Aber es gibt mehr zu beanstanden:

  • Das Argument von S&A setzt stillschweigend (unbewiesen und unbegründet) voraus, dass man den Fall von Aussatz (vermutlich Lepra,  Morbus Hansen) mit dem von COVID-19 vergleichen könne bzgl. Erreger, Ansteckung, Inkubation, Behandlung usw. – Ich vermute, hier reden keine Mediziner.
  • Wunderlich hat nicht getan, was ihm hier unter der generalisierten Adresse »Christen« unterstellt wird. Unterstellungen und Übertreibungen sind kein gutes Mittel, eine sachliche Debatte zu führen, sondern Strohmann-Angriffe. Diese sind fehlerhaft, liefern mithin nichts Gültiges oder gar Widerlegendes zur behaupteten Sache (Näheres zu Straw Man bei en.wikipedia.org).
  • Die Verallgemeinerung auf »Christen« bei bleibendem Verweis auf die von S&A genannten Stellen, die ausdrücklich für das Volk Israel vor ca. 3.400 Jahren galten, muss theologisch und hermeneutisch hinterfragt werden (die medizinische Diskussion lasse ich hier außen vor). Genauso gut könnte man von allen männlichen Christen heute per Mandat und Zwang verlangen, dass sie sich beschneiden lassen, und wohin eine solche Zwangsforderung führt, kann man in der Bibel nachlesen.
  • Mir ist nicht bekannt, dass Gott allgemein allen »Christen« die Vorschriften des Gottesvolkes im Alten Bund auferlegt hätte. Das gilt auch nicht in übertragener und modifizierter Weise gegenüber einer Obrigkeit, die sich heute als Zivilreligion versteht, als Heilsvermittlerin auftritt und im Gegenzug strafandrohend Gehorsam für ihre Maßnahmen einfordert.
  • Mir ist momentan keine ernst zu nehmende christliche Gruppe oder Stimme bekannt, die die zitierten damaligen Maßnahmen bei Aussatz als Unsinn oder als fraglich hinstellen. Eben, eine Strohmann-Attacke. Da sollte man nachbessern.

M4 | Der Lockdown sei in den angezogenen Bibelstellen in 3.Mose und 2.Chronik zu finden, sogar: die Heilige Schrift sage dazu »eine beachtliche Menge«

Was S&A bzgl. des staatlich verordneten »Lockdowns« und seiner Begründung in der Heiligen Schrift behaupten, bedarf schon einiger wilder semantischer Sprünge, um einen Anschein von Gültigkeit zu erwecken. Hinterfragen wir jedoch, was wirklich der Fall ist, zerfällt das Argument.

  • Selbst die WHO erklärte „Lockdown“ zu einem »eher unglücklichen Begriff« (siehe de.wikipedia.org, sub verbo, FN 28).
  • Leonard Mboera et al. definieren den Begriff so: »eine Reihe von Maßnahmen zur Reduzierung der COVID-19-Übertragungen, die ihren Ursprung in der Allgemeinbevölkerung haben, die obligatorisch sind und unzielgerichtet auf die Allgemeinbevölkerung angewendet werden« (ibid).
  • Da alle genannten Bibelstellen von konkreten Einzelfällen mit erkennbarer Symptomatik reden, ist ihre Verwendung für das, was mit dem Begriff Lockdown gemeint ist, völlig verfehlt. Der Begriff Isolation oder Quarantäne wäre u. E. besser geeignet, und er betrifft wiederum nur fachlich erkennbare symptomatisch Erkrankte.
  • Festzuhalten ist: Die genannten Stellen reden inhaltlich nicht vom Sachverhalt eines Lockdowns (s. o.). Damit zerfällt das Argument von S&A.
  • Wo die »beachtliche Menge« von Stellen über Lockdown und Social Distancing in der Bibel sein soll, wird nicht deutlich, zumal schon das halbe Dutzend gelieferte Stellen diese Behauptung nicht belegen kann.
  • Man könnte auch einmal überlegen, warum man Social Distancing sagt, wenn man in den Maßnahmen damit räumliche Distanz – angegeben in Metern (!) – meint. Einen räumlichen oder materiellen Hygieneabstand gegenüber konkreten Ansteckenden einzuhalten ist eine einsichtige Maßnahme, aber wer das Soziale in einer Gruppe gesunder Menschen in Metern (be-) misst, dem ist wohl schwer zu helfen.

Versuch einer Bewertung

1. Sachlichkeit

Die Autoren Strunk und Alberts sind sicher geliebte Brüder im Herrn, wir werden die Ewigkeit miteinander in Glückseligkeit verbringen. Ich schätze Gerrit Alberts langjährig gezeigte Bibeltreue, wohltuende Sachlichkeit und Ausgewogenheit in seinen Beiträgen in FuT. (Den Mitautor Struck und den angegriffenen Bruder Wunderlich kenne ich nicht persönlich.) In diesem Leserbrief konnte ich Bibeltreue oder Sachlichkeit leider nicht wie erwartet, gewohnt und m. M. n. erforderlich feststellen. Ich kann kaum glauben, dass dieser »Kommentars« bzw. »Leserbriefs« (beide Bezeichner werden von S&A verwendet) in FuT erschienen ist.

2. Brüderlichkeit

Der auslösende Artikel von Bruder Wunderlich ist emotional und nicht kühl-sachlich formuliert. Sein Anliegen und sein persönliches Mitgenommensein und Leiden an der Situation ist selbst mit kleinen Herzensohren unschwer herauszuhören. Wenn er z. B. unter »„Kommt her, alle ‚3G‘!“« pointiert schreibt: »Wer so denkt und handelt, hat nichts mehr mit einem Heiland zu tun, der seine Nachfolger auffordert…«, dann versucht Wunderlich hier nicht, jemand »das Heil abzusprechen«, wie S&A ihm dies unterstellen. Der Kontext nach Stil und Inhalt legt m. E. vielmehr nahe, dass Wunderlich hier zum Ausdruck bringt, dass er in solchem Denken und Handeln nicht mehr das Wesen und den Geist Jesu erkennen kann – und dies ist sein Schmerz und seine Klage. Das ist aber etwas völlig anderes, als S&A hier unzulässig überzogen behaupten, um Wunderlich damit argumentativ ins Abseits zu stellen. Ein Argument des Gegenübers ins Absurd-Extreme zu verzerren (und dann zu verdammen) ist ein unzulässiger Kunstgriff der Streitdialektik (nach Arthur Schopenhauers Eristische Dialektik eine Erweiterung; Manuskript 1830), der m. M. n. nicht angewendet werden sollte, zumal nicht unter Brüdern, die alle Den lieben, der Die Wahrheit ist. Leider ist das nicht der einzige Beigeschmack einer Strohmann-Attacke.

3. Christuspriorität

Es gab einmal jüdische Top-Theologen, die behaupteten: »Wir haben keinen König als nur den Kaiser.« (Joh 19,15b). Das ist das Bekenntnis zur Zivilreligion und damit die finstere Antithese zum christlichen Basis-Bekenntnis, dass Christus alleine Haupt seiner Gemeinde ist. Kein „Cäsar“ hat je irgendein Mandat von Gott erhalten, in die Inhalte (Bekenntnis, Lehre, Verkündigung), Abläufe, Strukturen usw. der Gemeinde Christi hineinzuregieren. Vielmehr ist die Obrigkeit von Gott dazu eingesetzt, dass sie das Gute belohnt und das Böse bestraft. Was gut und böse ist, verordnet letztlich Gott, nicht das Verfassungsgericht oder der Gesundheitsminister. Mit gebeugten Knien werden alle Richter und Minister einst Christus Rechenschaft abgeben müssen. Sie daran freundlich und deutlich zu erinnern, ist Christenpflicht.

Dass S&A noch nicht einmal ansatzweise würdigen, dass wir heute in der BRD nicht im römischen Cäsarenreich als Untertanen oder Sklaven leben (s. o.), sondern 2.000 Jahre später als Bürger in einem Rechtsstaat mit grundgesetzlich geschützten – aber vorpolitisch erhaltenen – Grundrechten, ist ein weiterer Anachronismus in der Anwendung des Bibeltextes.

Die Beispiele/Belege der Autoren für die Autorität des Staates, wie Brandschutzgesetz oder DSVGO-EU, sind beliebt, aber kategorial danebengegriffen, denn niemand bestreitet das Mandat der Obrigkeit in diesen grundsätzlich zivilen Dingen. Überhaupt: Meines Wissens hat Brd. Wunderlich nichts gegen das Brandschutzgesetz o. ä. gesagt: Hier riecht es wieder nach Strohmann-Attacke. Ich habe noch gute Erinnerungen an unsere Glaubensgeschwister im Osten vor der Perestroika, die sich verbotener Weise im Wald versammelten und von denen viele in Straflagern aufgerieben wurden. Für mich waren das Glaubenshelden, nicht „ungehorsame Untertanen“, die (angeblich nach Römer 13) Gottes Gericht auf sich gezogen hätten.

Zum Abschluss

Es ist enttäuschend, dass Bruder Wunderlichs Beitrag seitens S&A in FuT keine biblisch treffliche und sachlich hilfreiche Entgegnung oder Kommentierung gegenüber (oder an die Seite!) gestellt werden konnte. Der Kontrast beider Beiträge mag aber auch erhellend sein, wenn man unter den vielen Stimmen Orientierung suchend heraushören will, was (eher) nach der Stimme des Guten Hirten klingt. 

Die Veröffentlichung dieses »Kommentar«s meiner Glaubensbrüder Strunk und Alberts ist zu bedauern, denn –entgegen ihrer Vorrede– rüttelt ein derartiger Beitrag m. M. n. eben doch exemplarisch an den Fundamenten unseres Glaubens, nämlich daran, wie wir Gottes Wort recht auslegen und (dann) trefflich anwenden.


Endnoten

[1] Beide Hefte sind noch als PDF-Download erhältlich auf https://clv.de/ (13.03.2022).
[2] Nicht eingegangen werden kann hier aus Platzgründen: 1. Auf die vielfältigen weiblichen und männlichen Glaubenshelden der Bibel, deren Glaube sich gerade da strahlend und vorbildlich zeigte, als sie die (normal gepflegte) Gefolgschaft und Gehorsam gg. der Obrigkeit verweigerten. 2. Auf die verschiedenen Glaubensbekenntnisse seit der Reformation (in unterschiedlichen Gruppen von Christen), in denen schriftlich niedergelegt wurde, dass absoluter Obrigkeitsgehorsam nicht biblisch ist, dass er vielmehr relativ, d. h. mit Grenzen versehen ist. 3. Auf die wichtige Rolle des individuellen Gewissens, und dass von einem Handeln gegen das Gewissen biblisch stets abzuraten ist. 4. Dass man eine klare Unterscheidung zu machen hat zwischen dem verordneten Amt der Obrigkeit und deren konkreten, jeweiligen Amtsinhabern. Während die römische und jüdische Obrigkeit und deren Gesetzesnormen zur Zeit Jesu als Autoritätsstruktur und damit –in Grenzen– als Mittel der allgemeinen Gnade Gottes angesehen werden müssen (Römer 13), ist Jesu Urteil über die Amtsinhaber und ihren dämonischen Hintergrund (Spiritus Rector) auch klar: »dies ist … die Gewalt der Finsternis.« (Lukas 22,53). Das Recht zur Kapitalstrafe bestand zu Recht, aber das minderte nach apostolischem Zeugnis mitnichten die Schuld der jeweiligen Amtsinhaber am Justizmord am menschgewordenen Sohn Gottes (Apg 2,22–23; 3,14).

Redaktionsstand

30. März 2022. Links zu Straw Man und Schopenhauers Werk Eristische Dialektik eingefügt, da nicht jeder parat hat, was unter einer „Strohmann-Attacke“ oder Eristik zu verstehen ist. Zudem einige kleine Textkorrekturen.

Prayer of Repentance 1996

Pastor Joe Wright sprach vor dem Kansas House of Representatives (USA) am 23. Januar 1996 ein Gebet, das für einigen politischen Aufruhr sorgte. Schon während des Gebets verließen einige Abgeordnete unter Protest den Saal, einige Abgeordnete der Partei der „Demokraten“ machten ihrem Ärger Luft („Intoleranz, „radikale Ansichten). Es wurde unzählig oft in anderen Bundesversammlungen (state legislatures), Rundfunk und Fernsehsehsendungen wiederholt und debattiert. Die Kirche des Pastors, die Central Christian Church in Wichita, erhielt in den folgenden sechs Wochen mehr als 6.500 Anrufe, davon nur 47 negative, und so viel Post, dass die Mitarbeiter der Kirche keinen Raum mehr fanden, sie unterzubringen. Anfragen aus aller Welt baten um Kopien des Gebetstextes, es wurde in Hunderten von Zeitungen und Kirchenblättern abgedruckt und bei vielen Anlässen gebetet. Eine deutsche Bezugnahme fand ich im Buchkalender „Leben ist mehr!” (Bielefeld: CLV, 2020) unter dem Datum 20.01.2021 (Autor: Daniel Zach). Was war so bemerkenswert an diesem Gebet? Sehen Sie selbst:

»Heavenly Father,
we come before you today to ask Your forgiveness and to seek Your direction and guidance. We know Your Word says, „Woe to those who call evil good,“ but that is exactly what we have done. We have lost our spiritual equilibrium and reversed our values.

We confess:
We have ridiculed the absolute truth of Your Word and called it pluralism.
We have worshipped other gods and called it multiculturalism.
We have endorsed perversion and called it alternative lifestyle.
We have exploited the poor and called it the lottery.
We have rewarded laziness and called it welfare.
We have killed our unborn and called it choice.
We have shot abortionists and called it justifiable.
We have neglected to discipline our children and called it building self-esteem.
We have abused power and called it politics.
We have coveted our neighbor’s possessions and called it ambition.
We have polluted the air with profanity and pornography and called it freedom of expression.
We have ridiculed the time-honored values of our forefathers and called it enlightenment.

Search us, Oh God, and know our hearts today; cleanse us from every sin and set us free. Guide and bless these men and women who have been sent to direct us to the center of your will.

I ask it in the Name of Your Son, the living Savior, Jesus Christ.
Amen.«

Eine ähnliche Fassung stammt von Rob Russel, der diese ein Jahr vorher (1995) beim Kentucky Governor’s Prayer Breakfast in Frankfort, der Hauptstadt des Commonwealth of Kentucky, betete.

Prayer of Woke Ideology 2021

Am 3. Januar 2021 betete Reverend Emanuel Cleaver II, Mitglied des Repräsentantenhauses, Parteimitglied der „Demokraten“, Geistlicher der United Methodist Church, ehemaliger Bürgermeister von Kansas City, Missouri, bei der Eröffnung des 117. Kongresses der USA folgendes Gebet:

»Eternal God, noiselessly we bow before Your throne of grace as we leave behind the politically and socially clamorous year of 2020. We gather, now, in this consequential Chamber to inaugurate another chapter in our roller coaster representative government. The Members of this august body acknowledge Your sacred supremacy and, therefore, confess that without Your favor and forbearance, we enter this new year relying, dangerously, on our own fallible nature.

God, at a moment when many believe that the bright light of democracy is beginning to dim, empower us with an extra dose of commitment to its principles. May we, of the 117th Congress, refuel the lamp of liberty so brimful that generations unborn will witness its undying flame. And may we model community healing, control our tribal tendencies and quicken our spirit that we may feel Thy priestly presence even in moments of heightened disagreement. May we so feel Your presence that our service here may not be soiled by any utterances or acts unworthy of this high office. Insert in our spirit a light so bright that we can see ourselves and our politics as we really are––soiled by selfishness, perverted by prejudice and inveigled by ideology.

Now, may the God who created the world and everything in it bless us and keep us. May the Lord make His face to shine upon us and be 
gracious unto us. May the Lord lift up the light of His countenance upon us and give us peace––peace in our families, peace across this land and dare I ask, O Lord, peace even in this Chamber, now and evermore. We ask it in the name of the monotheistic God and Brahma and God known by many names by many different faiths.

A–men and a–woman

Ein methodistischer, „christlicher Geistlicher betet also in einem Atemzug zu dem allein wahren Gott und zu allen Götzen und Göttern dieser Welt. Er scheitert also bereits am Ersten Gebot. Und so macht er damit erst den einen wahren Gott lächerlich und dann sich selbst zur weltweiten Lachnummer: »Amen« hat keinen Sexus – und ganz sicher keine Genderform. Wie sagte er selbst-trefflich: »inveigled by ideology«!

Ad impossibilia nemo obligatur – Zu Unmöglichem ist niemand verpflichtet (?)

Beim Studium der Heiligen Schrift biegt man immer wieder einmal quietschend in Sackgassen falscher Vorannahmen und Denkvoraussetzungen (Presuppositionen), Interpretationsgrundsätze (Hermeneutik) und Denkweisen (Logik) ab. Dies gilt besonders betreffs der Lehren der Schrift, die uns im Wort beschrieben, aber unserer normalen Erfahrung und „Logik  nicht vertraut, rätselhaft oder unserem menschlich-fleischlichen Denken und Empfinden sogar zuwider sind.

Dazu ein fast „klassisches  Beispiel aus der Heilslehre (Soteriologie). Peter Streitenberger schreibt –wie einige lange vor ihm– in seinem Buch Die Fünf Punkte des Calvinismus – Eine Antwort (CMD, 2007) Folgendes: »Es ist ein Fehlschluss menschlicher Logik und in sich widersprüchlich, zu unterstellen, dass das, was Gott dem sündigen Menschen eindeutig und immer wieder befiehlt, eigentlich unmöglich wäre.« (S. 26). Er kritisiert damit Theologen, die er wohl im Widerspruch zu seiner eigenen arminianischen Heilsauffassung sieht. Dank der Vernetztheit der Heilslehre mit anderen Wahrheiten der Schrift verursacht er damit allerdings auch Kollateralschäden an anderer Stelle.

Streitenberger wendet sich in der Vorrede seines Buchs noch gegen die „menschliche Logik, was ihn jedoch im Hauptteil nicht davon abhält, selbst Argumente der Logik anstelle von Aussagen der Heiligen Schrift einzusetzen, siehe Zitat. Sein Irrtum ist doppelt, denn (1) er beurteilt hier etwas als »Fehlschluss menschlicher Logik und in sich widersprüchlich«, was (2) in der Heiligen Schrift schon an anderer Stelle eindeutig und affirmativ vorkommt. Zum Ersten: Wenn es logisch (richtig) wäre, dann wäre es nicht widersprüchlich und wenn es widersprüchlich wäre, dann wäre es logisch nicht richtig. Was also meint er konkret? Kann man das auch klar sagen?

Streitenbergers Argument lautet: Wenn Gott dem Menschen etwas gebietet, dann bedeute dies, dass der Mensch auch in der Lage sei, dieses Gebot(ene) zu halten. Ein göttlich verordnetes Sollen sei mithin unmoralisch, wenn es das Können/Vermögen des Menschen überschreite. Daher beurteilt er die Aussage als falsch, dass der Mensch etwas, was ihm göttlich geboten ist (z. B. die Buße oder der rettende Glaube; Mk 1,15; Apg 17,30), nicht aus sich selbst heraus tun bzw. erbringen könne. Hier irrt Streitenberger, denn Römer 8,6-7 bezeugt diese Unfähigkeit und Unwilligkeit ausdrücklich: »Denn die Gesinnung des Fleisches ist der Tod, die Gesinnung des Geistes aber Leben und Frieden, weil die Gesinnung des Fleisches Feindschaft ist gegen Gott, denn sie ist dem Gesetz Gottes nicht untertan, denn sie vermag es auch nicht«. Noch klarer kann man wesenhaftes Unvermögen bei gleichzeitigem Verpflichtetsein kaum ausdrücken. Andere Stellen wären dem hinzuzufügen.

Streitenbergers Argument kann auch daran als fehlerhaft erkannt werden, dass uns in der Schrift anhand des Gesetzes das Gegenteil gelehrt wird. Gott hatte eindeutig und unter klarer, scharfer Androhung der ewigen Todesstrafe geboten, dass das Gebot Gottes zu halten sei (z. B. 5. Mose 28,15ff). Er meint es also absolut ernst. Aber er lässt ebenfalls als Wahrheit aufschreiben, dass (außer Jesus Christus) kein Mensch das Gesetz gehalten hat noch je hätte halten können (z. B. Apg 15,10; Römer 3,20–23; 5,20–21). Damit ist gezeigt, dass Gott sehr wohl vom Menschen etwas absolut verlangt (nämlich die Perfektion; z. B. Matthäus 5,48; Jakobus 2,10–11; Römer 3,10), was kein Mensch aus sich heraus zu erbringen vermag. Dieses Beispiel zeigt schon, dass das Argument Streitenbergers (das er mit manchem vor und mit ihm teilt) nicht aus dem Wort der Wahrheit stammen kann, denn dieses Wort ist durchgehend widerspruchsfrei.

Dem Kenner der Kirchengeschichte ist nicht verborgen, dass diese Art der Argumentation schon in der Denktradition der „Arminianer” (frühes 16 Jhdt.) oder auch später in der amerikanischen „New Haven-Theology” nach Nathaniel W. Taylor (frühes 19. Jhdt.) auftaucht. Die Behauptung »Sollen impliziert Können« ist jedoch als weltlich-heidnisches Rechtsprinzip einiges älter. Als Grundsatz taucht sie schon in den Digesten (lat. digesta = Geordnetes; didaktische Zusammenstellung von Rechtssätzen) des römischen Rechts auf. Sinnverwandte Prinzipien und Rechtsgrundsätze lauten: »Ad impossibilia nemo obligatur/tenetur« (»Zu Unmöglichem ist niemand verpflichtet«; vgl. BGB § 275 Abs. 2-3); »Lex cogit neminem ad impossibilia« (»Das Gesetz zwingt niemand zu Unmöglichem«); »Ultra posse nemo obligatur« (»Über sein Können hinaus wird niemand verpflichtet«).

Der ungläubige Philosoph Immanuel Kant (1724–1804) schreibt Ähnliches in seiner Critik der praktischen Vernunft (1788): »Denn, da sie [die reine Vernunft] gebietet, dass solche [Handlungen nach sittlicher Vorschrift] geschehen sollen, so müssen sie auch geschehen können.« (A807, B835). Autonomie ist damit bei Kant Bedingung dafür, dass Moral möglich ist. Autonomie in diesem Sinne ist die Freiheit, nach einem selbst bestimmten Willen zu handeln. Die Absolutsetzung der Autonomie müssen wir aber als Vergottung des Menschen als ethischem Wesen sehen. Kant selbst sagte: »Gott ist also keine ausser mir befindliche Substanz sondern blos ein moralisch Verhältnis in Mir.« ([sic!] Akademie-Ausgabe XXI, S. 149). Damit wird aber die widergöttliche Denkbasis und Denkrichtung schon bloßgelegt. Wo ist Kant, wo ist Bibel im Argument von Streitenberger?

Dieses im menschlichen Recht gerechterweise oft anzuwendende Prinzip ist aber weder kausale noch logische Implikation: Das Sollen garantiert niemals das Können. Und der Bibelleser weiß zudem sicher: Wenn Gott etwas als Sollen (oder Sein) fordert, ist es stets »heilig, gerecht und gut« (Römer 7,12)!

Einige Bibellehrer haben den biblischen Sachverhalt besser ergriffen und mit Begriffen und Metaphern der Bibel erklärt (Schuld, Erlösung, Zurechnung usw.): Nehmen wir an, ein Mensch bekäme für eine gewisse Zeit eine größere Geldsumme anvertraut. Er nimmt hocherfreut die große Summe an, verprasst aber das ganze Geld in Saus und Braus. Zur vereinbarten Zeit kommt der Geber wieder zu ihm und fordert sein Geld zurück. Der Mensch kann aber nichts zurückgeben, ganz einfach deswegen, weil er nichts mehr hat. Außerdem will er gar nichts zurückgeben und streitet jede Forderung ab. Es ist aber völlig klar, dass er die geliehene Summe zurückzahlen muss, denn es war geliehenes Vermögen, es gehört einem anderen. Das faktische Unvermögen liefert hier nicht die Freistellung aus der moralischen Schuld, sondern begründet und vertieft diese zusätzlich. Anders gesagt: Die Forderung des Gläubigers besteht weiter und ist völlig rechtens, auch wenn dem Schuldner die Erfüllung der Forderung faktisch unmöglich ist. To the Point: Die Forderung nach Rückzahlung der Schuld bedeutet eben nicht, dass diese dem Schuldner faktisch möglich sei. Trotz der Unfähigkeit des Schuldners ist die Forderung des Eigentümers juristisch unanfechtbar und gerecht. – Nun, dies gilt übertragen auch im diskutierten Kontext der biblischen Heilslehre mit Blick auf das menschliche Elend, die Gerechtigkeit Gottes und die Notwendigkeit eines freien Gnadengeschenks vonseiten des Heiland-Gottes. (Das Metapher der Schuld und des Schuldners ist direkt biblisch.)

Ein wesentlicher Denkfehler scheint mir zu sein, dass man die Situation des Sünders, die zu seiner faktischen Unfähigkeit und Unwilligkeit zur Umkehr geführt hat, moralfrei beurteilt, während doch die Heilige Schrift lehrt, dass die Unfähigkeit und Unwilligkeit des in Sünde gefallenen Menschen eine selbstverschuldete ist. Buße und Glauben oder anderen Aktivitäten des Herzens (Willen, Entscheidungen) oder der Hand (Werke) sind nach göttlichem Zeugnis einem Menschen innerlich erst möglich, wenn er diese vorher von außen her empfangen hat. Münchhausen funktioniert auch hier nicht.

Mit Empfang der göttlichen Rettungsgaben ändert sich alles: Es ist alles »aus Gott«, aber durch die freie Gabe Gottes sind im beschenkten Menschen nun Fähigkeit, Wille und gute Tat vorhanden und sein eigen: es ist dann seine Fähigkeit (Vermögen), sein Wille (Motivation) und seine Tat (Vollbringen). Solange aber das Herz geistlich tot und in der Sklaverei der Sünde verkettet ist, gilt ohne göttliche „Operation am Herzen” (Hesekiel 11,19; 36,26) weiter: »Ihr wollt nicht zu mir kommen, damit ihr Leben habt«, und: »Ihr seid aus dem Vater, dem Teufel, und die Begierden eures Vaters wollt ihr tun« (Johannes 5,40; 8,44). Der ganze Vorgang wird in den Texten von den Segnungen des Neuen Bundes beeindruckend für Israel vorschattend beschrieben (s. z.B. Hesekiel 36,25–36) und im Johannesevangelium vom Sohn Gottes ausgelegt und auf den Glaubenden des NT angewandt. Im Heil kommt es danach nicht zuerst auf die Fähigkeit des Sünders an, sondern auf die Fähigkeit des rettenden Gottes. Er fordert – aber er gibt auch das, was er fordert. Glauben wir das? Dann werden und können wir zugreifen und dann sind wir ewig gerettet.

Gott aber sei Dank, dass ihr Sklaven der Sünde wart, aber von Herzen gehorsam geworden seid dem Bild der Lehre, dem ihr übergeben worden seid! Freigemacht aber von der Sünde, seid ihr Sklaven der Gerechtigkeit geworden.

Römer 6,17-18 (ELB03)


Bekehre mich, damit ich mich bekehre, denn du bist der Jahwe, mein Gott.

Jeremia 31,18b

TULIP – Wer hat’s erfunden?

Es ist üblich geworden, „den Calvinismus” anhand des Akronyms „TULIP” zu beschreiben und zu beurteilen. Von „TULIP” wussten jedoch weder der Namensgeber Johannes Calvin (1509–1564) etwas, noch die reformierten Verfasser der „Lehrregel von Dordrecht“ (1619) in den Niederlanden, noch die reformierten Verfasser der berühmten „Westminster Confession of Faith” (1647/1648), noch andere dem reformatorischen Glaubensgut folgende Bekenntnisse, wie z. B. die „London Baptist Confession” (1677). Kein Reformator hat „TULIP” je verwendet. Woher stammt also diese (anachronistische) Idee, „TULIP” zur Beschreibung des „calvinistischen” (reformierten) Glaubens heranzuziehen?

Nach einem Beitrag von William H. Vail im New Yorker Wochenmagazin The Outlook aus dem Jahr 1913 gebrauchte ein gewisser Dr. McAfee aus Brooklyn das Akronym „TULIP” 1905 als erster, um „Die fünf Punkte des Calvinismus” in einem öffentlichen Vortrag in der Presbyterian Union of Newark darzustellen (William H. Vail, The Five Points of Calvinism Historically Considered, in: The Outlook, Vol. CIV (May-August 1913), (New York: The Outlook Company), S. 394–395 (21.06.1913)). – Bei diesem „Dr. McAfee” handelt es sich wohl um Cleland Boyd McAfee, einem Pastor der Lafayette Avenue Presbyterian Church und späteren Professor für didaktische und polemische Theologie am McCormick Theological Seminary in Chicago. Er war auch Direktor des Presbyterian Board of Foreign Missions. Soweit wir wissen, war dies (1905) der erste Gebrauch des Akronyms „TULIP” als mnemotechnische Hilfe für die Darstellung der reformierten Heilslehre, wie sie in der „Dordrechter Lehrregel” 1619 als Antwort auf fünf Infragestellungen der Heilslehre durch die arminianischen „Remonstranten” aus dem Jahr 1610 formuliert wurde. McAfee erfand und verwendete das Akronym „TULIP” 1905 wie folgt (nach W.H. Vail, a. a. O., S. 394):

  • TTotal Depravity
  • UUniversal Sovereignty
  • LLimited Atonement
  • IIrresistible Grace
  • PPerseverance of the Saints.

William H. Vail liefert im o. g. Artikel von 1913 eine Übersicht über fünf damalige Vertreter der reformierten Heilslehre (A bis E, s. Tabelle unten), die er befragt hatte, welches denn ihrer Meinung nach die „Fünf Punkte” seien (1 bis 5, s. Tabelle unten). Bis auf den 5. Punkt (P) ergaben sich bemerkenswerter Weise recht unterschiedliche Bezeichnungen und Reihenfolgen, die in keinem Fall das Akronym „TULIP” ergeben.

Autoren: A = Abbott’s „Dictionary of Religious Knowledge“ | B = Dr. Francis L. Patton, Präsident des Princeton Theological Seminary | C = Dr. Hugh Black, Union Theological Seminary | D = Rev. George B. Stewart, D.D., Präsident des Auburn Theological Seminary | E = Rev. Isaac N. Rendall, D.D., Präsident em. der Lincoln University in Pennsylvania.

Der amerikanische reformierte Theologe Loraine Boettner (1901–1990) wird als nächster angesehen, der das Akronym „TULIP” 1932 für die Darstellung der „Dordrechter Lehrregel” im Speziellen –und der reformatorischen Heilslehre im Allgemeinen– verwendete: »The Five Points may be more easily remembered if they are associated with the word T-U-L-I-P; T, Total Inability; U, Unconditional Election; L, Limited Atonement; I, Irresistible (Efficacious) Grace; and P, Perseverance of the Saints.« (Loraine Boettner: The Reformed Doctrine of Predestination, 1. Auflage, Januar 1932).

Wenn man sich mit der Lehrentwicklung der 500 Jahre seit der Reformation beschäftigt, fällt auf, dass die Darstellung der reformierten Heilslehre mithilfe von „TULIP” weder die Bezeichnungen der fünf „Lehrstücke” in der „Dordrechter Lehrregel” (1619) übernimmt, noch ihrer Aufbaureihenfolge folgt. (Das 5. und letzte Stück macht dabei eine gewisse Ausnahme.) William H. Vail schreibt dazu: »Selbstverständlich zwingt die Übernahme des Kunstwortes [„TULIP”] die fünf Punkte in eine gewisse Reihenfolge und wirft sie damit möglicherweise aus ihrer angemessenen Ordnung und ihrer logischen Reihenfolge (»Of course the adoption of this word [„TULIP”] restricts the order of the five points, and perhaps throws them out of their proper order and logical sequence.«; a.a.O.).

Auch inhaltlich sind die „Fünf Punkte” nicht mit dem reformierten Glauben oder dem sog. „Calvinismus” gleichzusetzen. Der reformierte Theologe Dr. Hugh Black schrieb Anfang des 20. Jahrhunderts: »Ich glaube nicht, dass Calvin sein System in diesen [fünf] Punkten zusammengefasst hätte.« (a.a.O., S. 395). Loraine Boettner schrieb 1932: »Möge der Leser sich gegen eine zu enge Gleichsetzung der Fünf Punkte mit dem calvinistischen Lehrsystem wappnen. Während diese [Fünf Punkte] wesentliche Bestandteile sind, schließt das System doch viel mehr ein. … das Westminster Bekenntnis ist eine recht ausgewogene Darstellung des reformierten Glaubens (oder des Calvinismus) und es gibt auch den anderen christlichen Lehren den ihnen angemessenen Raum.« (a.a.O.). Leonard J. Coppes schrieb 1980 eine Zusammenfassung des reformierten Glaubens mit dem Titel: »Are five points enough? The ten points of Calvinism«. Joel R. Beeke schrieb 2008: »Seine [Calvins] Absicht war es, jeden Bereich der Existenz unter die Herrschaft Christi zu bringen, so dass das gesamte Leben zur Verherrlichung Gottes gelebt werden könne. Darum kann der Calvinismus nicht einfach durch eine Hauptlehre oder mit fünf Punkten oder –wenn wir sie denn hätten!– mit zehn Punkten erklärt werden. Calvinismus ist so komplex wie das Leben selbst.« (Living for God’s Glory: An Introduction to Calvinism, S. XII). Sinclair Ferguson schreibt 2008 in einem Beitrag über das Gotteslob (Doxology): »…die sogenannten fünf Punkte des Calvinismus … [sind] mit Blick auf ihre Entstehung zutreffender als „Die fünf Korrekturen für den Arminianismus” zu bezeichnen« (in: Living for God’s Glory: An Introduction to Calvinism, S. 388).

Auch in unserer Zeit verwenden reformierte Theologen für die Darstellung der reformierten Heilslehre andere Punkte und Bezeichnungen als das verkürzte McAfeesche „TULIP”. Bei Kritikern des sog. „Calvinismus” ist diese anachronistische und verfälschend verkürzte Darstellung allerdings recht beliebt und liefert Material für manchen „Strohmann”. Gehen wir daher besser zurück zum Ursprung der Auseinandersetzung.

Lehrregel statt TULIP

Weder die Synode in Dordrecht 1619 noch die reformierten Theologen der folgenden Jahrhunderte haben einstimmig „TULIP” gelehrt. „TULIP” ist erstens eine klare Fehlübersetzung, zweitens inhaltlich eine starke Verkürzung und drittens –historisch und dogmengechichtlich gesehen– ein Anachronismus, wenn jemand damit die „Dordrechter Lehrregel” von 1619 oder die calvinistische (Heils-)Lehre beschreibt. Hier eine tabellarische Gegenüberstellung der Lehrstücke von 1619 und der TULIP-Verkürzung durch McAfee 1905:

Die „Dordrechter Lehrregel” (1619)TULIP (nach McAfee, 1905)
Erstes Lehrstück:
Von der göttlichen Vorherbestimmung
1. Total Depravity
(Völlige Verderbtheit)
Zweites Lehrstück:
Vom Tode Christi und der Erlösung
der Menschen durch denselben
2. Universal Sovereignty
(Allumfassende Souveränität)
Heute auch:
Unconditional Election
(Unbedingte Erwählung)
Drittes und viertes Lehrstück:
Von der Verderbnis des Menschen und
seiner Bekehrung zu Gott und
der Art und Weise derselben
3. Limited Atonement
(Begrenzte Sühnung)

4. Irresistible Grace
(Unwiderstehliche Gnade)
Fünftes Lehrstück:
Vom Beharren der Heiligen
5. Perseverance of the Saints
(Ausharren der Heiligen)

Es wäre der Sache angemessener und einer fruchtbaren Diskussion dienlicher, wenn man sich direkt mit dem offiziellen Lehrdokument der Synode in Dordrecht beschäftigen würde, anstatt irgendwelchen „Fünf Punkten” zu folgen, insbesondere, wenn diese aus Darstellungen von Anti-Calvinisten stammen. Was gewinnt man dabei?

Der Student der „Dordrechter Lehrregel” hat in Lehrstück 2, Artikel 1 bereits vom Wesen und Charakter Gottes, von der Allgenugsamkeit Christi, von der weltweiten Verkündigung des Evangeliums (Mission) und der Notwendigkeit des Glaubens gelesen, bevor er in Artikel 2 zur Frage der Zielsetzung und beabsichtigten Reichweite der Sühnung gelangt. Didaktisch richtig wird ihm in der „Dordrechter Lehrregel” zuerst das Wesen der Sühnung erklärt, bevor die Reichweite der Sühnung besprochen wird. Die Zielgerichtetheit und Bestimmtheit der Sühnung wird direkt aus der Gerechtigkeit Gottes und dem völlig genügsamen, zielgerichteten Opfer Christi (Artikel 3-4) abgeleitet. Gleichzeitig wird die Notwendigkeit, allen Menschen ohne Unterschied das Evangelium zu predigen, betont (Artikel 5). Artikel 6 bestätigt, dass Gott gerecht ist, wenn er den Ungläubigen verdammt, und Artikel 7 lehrt, dass die Quelle des rettenden Glaubens die Gnade Gottes ist, »die uns in Christus Jesus vor ewigen Zeiten gegeben« worden ist (2. Timotheus 1,9). – Dieser biblisch richtige und didaktisch kluge Aufbau sollte genutzt und nicht ohne guten Grund aufgegeben werden.

Was macht das „L” in „TULIP”?

Viele evangelikale (früher: dem sola scriptura verpflichtete) Glaubende streiten sich heute anhand von „TULIP”-Darstellungen um die rechte Heilslehre. Etliche Lager haben sich in den letzten Jahrhunderten gebildet, geradezu einander bekämpfende Sekten innerhalb des christlichen Zeugnisses geformt. Ein besonders umstrittener Aspekt von „TULIP” ist das „L”, das für limited atonement, also begrenzte Sühne/Sühnung, stehen soll. Allein dieser Begriff ist ein bitteres, missverständliches Etikett, welches keiner der Reformatoren ohne weiteres so verwendet hätte. Zudem ist weder der (engl.) Begriff „limited” noch der Begriff „atonement” klar und definitiv genug, um die Lehre der Heiligen Schrift eindeutig und klar darzustellen. William D. Barrick urteilt, dass „begrenzt” bzw. „unbegrenzt” vielleicht die Begriffe sind, welche in der Heilslehre am häufigsten missbraucht werden („The Extent…”, S. 4–5). Und der biblische Begriff „Sühnung” (engl. atonement) wird ebenfalls nicht klar und biblisch verwendet (oft mit der falschen Deutung eines „at-one-ment”, einer Einsmachung oder Zusammenführung), zudem oft als Sammelbezeichnung für alles, was Jesus Christus am Kreuz bewirkt hat. Man muss fragen: Gibt es denn überhaupt eine Begrenzung der Sühnung Jesu Christi? Und wenn ja: Wo wird diese in der Schrift gezogen? Beim Wert oder bei der Reichweite der „Sühnung” (wenn überhaupt die biblische Sühnung gemeint ist)? Die Zentralität und Wichtigkeit des Werkes Christi verlangt nach biblischen, klaren Antworten. Das kann hier nur angerissen werden.

Bibelstudenten aller Zeiten war klar, dass das Sühnopfer des menschgewordenen Gottessohnes entscheidender Mittelpunkt eines ewigen Planes der Gottheit ist, und dass Gott im Opfer Jesu ein klares Ziel verfolgte. Das Ziel war weder, dass alle Sünder im Feuersee für ihre Schuld ewig von Gott getrennt und gestraft werden (was absolut gerecht wäre), noch dass alle Sünder letztlich errettet und in Gottes herrlicher Ewigkeit leben werden (sog. Universalismus). Das Heilswerk Gottes richtet sich vielmehr in ewiger, erwählender Liebe auf »die Seinen« (s. Johannes 17,2.6.9.24.26).

Die gesamte Schrift gibt vom planmäßigen und zielorientierten Handeln Gottes in der Menschheits- und Heilsgeschichte beredt Zeugnis. Also sollte man sich tief gehende Fragen stellen: (1) Welches Ziel verfolgt Gott mit dem Opfer Jesu? (2) Was bezeichnete Jesus Christus mit dem »Es«, als Er am Kreuz ausrief: »Es ist vollbracht!« (Johannes 19,30)? (3) Wie ergänzen sich das Werk des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes im trinitarischen Heilswerk (opera ad extra)? (4) Haben die drei Personen der Gottheit eine identische Zielsetzung im Heilswerk? (5) Haben die drei Personen der Gottheit im Erlösungswerk den selben Personenkreis im Blick? (Usw.).

Wer diese Fragen anhand der Heiligen Schrift beantwortet, muss von einer Begrenzung der Sühnung ausgehen, da der Universalismus keine Lehre der Schrift ist, das Heil aller Glaubenden jedoch fest bezeugt ist. Nachdem der Glaube faktisch und biblisch nicht aller Teil ist (2. Thessalonicher 3,2b), ist die Menge der durch Jesu Opfer Erretteten jedenfalls begrenzt. Das Sühnungswerk Jesu Christi sah auch nicht vor, dass Er hypothetisch für alle Menschen aller Zeiten stellvertretend im Gericht Gottes war, also effektiv deren persönliche Schuld bezahlt und Gottes Zorn für sie getragen habe, und es nun alleine am jeweiligen Menschen läge, diesen unterschiedslos allen Menschen im Evangelium ausgehändigten „Blankoscheck” (=Scheck ohne Namen des Empfängers) auch persönlich einzulösen. – Gott verwendet jedoch in der Heiligen Schrift Alten wie Neuen Testaments ein anderes Bild, um sein Rettungswerk als Liebeswerk darzustellen: das von Bräutigam und Braut (z. B. Jesaja 61,10; 62,1–5; Jeremia 31; Epheser 5,23–32; Offenbarung 21,2.9; 22,17). Wie die erwählende Liebe eines Bräutigams selektiv und exklusiv ist –und sein muss– ist Gottes ewige Retterliebe selektiv und exklusiv.

Die o. g. Fragen können also anhand der Heiligen Schrift noch tiefer ins Verständnis des Heilswerks Gottes führen. Dabei wird man die biblischen Lehren des ewigen Vorsatzes Gottes, der persönlichen (namentlichen) Erwählung und Berufung durch Gott, der persönlichen(!) Stellvertretung im Gericht, der Sohnschaft, der Adoption, der monergistischen Wiedergeburt, des Einsgemachtseins mit Christus, der Innewohnung und der Versiegelung mit dem Heiligen Geist (usw.) kennenlernen. Sie bezeugen harmonisch und vielfältig, dass der dreieinige Gott von Ewigkeit her das ewige Heil „der Seinen” zu Seiner Verherrlichung gewollt und geplant hat und in der Zeit mit exakt festgelegtem Ziel ausführt. Auch kann wohltuende Klarheit entstehen, wenn man den biblisch gelehrten Unterschied zwischen Sühnung und persönlicher Stellvertretung zu beachten lernt. Weil das Heilswerk Gottes ein göttlich großes Werk ist, wundert es uns nicht, dass wir es nicht gänzlich umfassen können. Aber wir können und müssen es auf der Grundlage der Heiligen Schrift erforschen und glauben und bezeugen.

Am Buchstaben „L” kann man u. E. gut beobachten, wie mangelhaft übermäßig vereinfachte Darstellungen der biblischen Lehre (hier: à la „TULIP”) sind, und wie mangels Klarheit und Präzision mancher Anlass zu Streitigkeiten und Aneinandervorbeireden fast zwangsweise geliefert wird.

Fazit

Mit diesen kurzen Überlegungen und Hinweisen soll zweierlei nachdrücklich gesagt sein:

  • fundamental: Die Frage nach der Reichweite und Zielsetzung des (Sühnungs-) Werkes Jesu Christi sollte eben NICHT anhand von „TULIP”-Darstellungen beantwortet werden, sondern anhand der Heiligen Schrift selbst, welche alleine die Wahrheit ist (Johannes 17,17b). Unbiblische Darstellungen gibt es leider schon genug.
  • sachlich: Wir sollten auch über „Dordrecht” und „Die 5 Punkte des Calvinismus” nicht schreiben und reden, ohne die Ergebnisse jener Synode studiert zu haben und sie in unserer Darstellung wahrheitsgetreu zu verwenden. Anders gesagt: Primärquellen vor Sekundär- und Tertiärquellen! Unsachliche Darstellungen gibt es leider schon genug.

Die Synode in Dordrecht hat einen biblisch gesättigten und seelsorgerlich hilfreichen Text geliefert, der über vielem steht, das in den vergangenen vier Jahrhunderten über die angesprochenen Fragen des Heils geschrieben wurde. Und anstelle zu betonen, was Christus am Kreuz nicht zustande gebracht hat, lehrt das zweite Lehrstück von Dordrecht, was Vater, Sohn und Heiliger Geist miteinander vollbracht haben, um sich ein „Volk des Eigentums/zum Besitztum” zu erwählen, in Jesu Opfer zu erlösen und ewig zu erwerben (5. Mose 7,6 mit 1. Petrus 2,9). Mit solcher Theologie wird Gottes Volk eher auferbaut, als mit Streitigkeiten über den freien Willen des Menschen und der Souveränität Gottes im Heil. Denn im einzigartigen Heilswerk Gottes geht es um eine großartige Liebesbeziehung:

»Dieser Entschluss, der aus der ewigen Liebe zu den Erwählten hervorgegangen ist, ist von Anfang der Welt bis auf die gegenwärtige Zeit, indem die Pforten der Hölle sich vergeblich widersetzten, mächtig erfüllt und wird auch noch fortlaufend erfüllt, und zwar so, dass die Erwählten zu seiner Zeit zu einer Vereinigung versammelt werden sollen und dass immer eine Kirche der Gläubigen auf das Blut Christi gegründet ist, welche jenen ihren Heiland, der für sie, gleich wie ein Bräutigam für die Braut, sein Leben am Kreuz hingab, beständig liebt, fortwährend verehrt und hier und in alle Ewigkeit preist

„Dordrechter Lehrregel” (1619), Erstes Lehrstück, Artikel 9. Zitiert nach der übersetzten Ausgabe der Selbständigen Evangelisch-Reformierten Kirche: Bekenntnisbuch (Heidelberg, 2010), S. 229. Farbmarkierung hinzugefügt.

Literaturhinweise

William H. Vail, The Five Points of Calvinism Historically Considered, (21. Juni 1913). In: The Outlook, Vol. CIV (May-August 1913), (New York: The Outlook Company), S. 394–395. [Quelle: babel.hathitrust.org; Backup]

Daniel Montgomery und Timothy Paul Jones: PROOF, (Zondervan, 2014, Kindle-Version), S. 210, Fn 22.

David Schrock: Definite Atonement at Dort and the Unity of the Trinity – Put Down TULIP and Pick Up the Canons of Dort, in: CREDO Magazine Vol. 9 (Sept. 2019), Issue 3 [https://credomag.com/article/definite-atonement-at-dort-and-the-unity-of-the-trinity/].

Ed Sanders: The Origin Of The Acronym TULIP – The Five Points Of Calvinism [https://theologue.files.wordpress.com/2014/08/originoftheacronym-tulip.pdf].

Peter Benyola: 400 years after Dort: Why does the human-centric view of salvation persist?Segment 3 | The Canons of Dort (08.09.2018) Copyright 2018, Benyola.net. All rights reserved. Used by permission [http://benyola.net/400-years-after-dort/4/].

Bekenntnisbuch – bestehend aus dem Heidelberger Katechismus, dem Niederländischen Glaubensbekenntnis sowie der Lehrregel von Dordrecht, Übersetzte Ausgabe der Selbständigen Evangelisch-Reformierten Kirche (Heidelberg, 2010) [http://www.serk-heidelberg.de/wp-content/uploads/2010/08/Bekenntnisbuch.pdf].

Loraine Boettner: The Five Points of Calvinism, in: The Reformed Doctrine of Predestination (1932, 13th Printing, Phillipsburg, NJ: Presbyterian and Reformed Publishing Company, 1989), S. 59–201. (eBook: Grand Rapids, MI: Christian Classics Ethereal Library).

James Montgomery Boice und Philip Graham Ryken, The Doctrines of Grace. Wheaton, IL: Crossway, 2002. Deutsch: James Montgomery Boice und Philip Graham Ryken, Die Lehren der Gnade. Oerlinghausen: Betanien, 2009. – Die Autoren beschreiben kurz „Die fünf Punkte des Arminianismus” (a.a.O., 2009, S. 24ff) sowie ebenso kurz (a.a.O., 2009, S. 30ff) und dann ausführlich „Die fünf Punkte des Calvinismus” (a.a.O., 2002, S.67–176 ; a.a.O., 2009, S. 71–197).

William D. Barrick, The Extent of the Perfect Sacrifice of Christ. Sun Valley, CA: GBI Publishing, 2002.

Joel R. Beeke: Living for God’s Glory: An Introduction to Calvinism. Lake Mary, FL: Ligonier Ministries (Reformation Trust), 2008.

»Seid nicht viele Lehrer« – Ein mahnender Brief an einen jungen Heißsporn

Jemand schrieb: »Es gibt leider sehr scharfe Prediger und Autoren, die diesen Begriff [Irrlehrer] geradezu inflationär verwenden. Kaum weicht jemand von der eigenen, einzig richtigen Meinung ab, bekommt er das Etikett „Irrlehrer” umgehängt. So etwas ist unbiblisch.« (Wilfried Plock, Warum ich weder Calvinist noch Arminianer bin (Hünfeld: CMD, 2017), S. 173).

In einer deutschen Gemeinde war genau das Gegenteil zu erleben: von einem Predigthörer. Der Anlass war eine Predigt über folgenden Text im ersten Brief des Apostels Johannes:

Seht, welch eine Liebe uns der Vater gegeben hat, dass wir Kinder Gottes heißen sollen! Und wir sind es. Deswegen erkennt uns die Welt nicht, weil sie ihn nicht erkannt hat.
Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes, und es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden; wir wissen, dass wir, wenn es offenbar werden wird, ihm gleich sein werden, denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Und jeder, der diese Hoffnung zu ihm hat, reinigt sich selbst, wie er rein ist.

1. Johannes 3,1–3 (ELBCSV)

Der Prediger hatte das Ziel, die Anbetung des Vaters durch die Gemeinde zu fördern, indem er die wunderbare Liebe des Vaters zu seinen Kindern vor die Herzen stellte. Der Vater sucht ja solche als Anbeter, die in Geist und Wahrheit anbeten (Johannes 4,23)! Er wurde von einem (dem Glauben und den Lebensjahren nach viel jüngeren) Predigthörer angegriffen und als Irrlehrer bezeichnet. Leider zeichneten Unwissenheit, Wortwahl und Respektlosigkeit des Predigthörers ein trauriges Gegenbild dessen ab, was ein gottseliges Lebens kennzeichnet.
Der angegriffene Prediger schrieb dann eine Ausarbeitung, die Korrektur, Überführung, Ermahnung und Belehrung einschließt, mithin das Wort in seiner gedachten Wirkung zur Entfaltung bringen wollte: »Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werk völlig geschickt.« (1. Timotheus 3,16-17). Diese Handreichung offenbart eine geduldige und lehrreiche Behandlung der Vorwürfe und hat den Autor sicher viel Zeit und Mühe gekostet. Die Wiedergabe hier im Blog mag daher auch anderen nützlich sein, wo immer sie in der Sache und Erkenntnis stehen. Alle Namen sind erfunden bzw. anonymisiert, um die Beteiligten zu schützen. Natürlich muss im konkreten Fall die seelsorgerische Dimension von Bruder zu Bruder angesprochen werden.

Lieber Adelphos,

ich schreibe Dir heute mal einen Brief. So ein Brief gibt mir Gelegenheit, in Ruhe etwas zu formulieren, und Dir, dem Empfänger, dies ebenfalls in Ruhe zu lesen und darüber nachzudenken. Und das tut not, denke ich. Ich habe einige Punkte aufgeschrieben, die mir auf dem Herzen liegen:

(1) Ich bedaure sehr, dass wir nicht in Ruhe miteinander reden konnten, eine Bibelstelle nach der anderen. Das Gespräch in der gehabten Form war dazu nicht geeignet. Es braucht Nachforschen und Nachdenken. Es braucht manchmal auch die harte Arbeit des Schuttwegräumens, bevor Neues erbaut werden kann. Das heißt, es braucht Geduld. Und keine Bibelstellen-Gefechte. Bei mir erzeugt das nur Unwohlsein, da ich lieber in Ruhe etwas entfalte und darstelle. Gerne antworte ich auch auf Fragen, die das Ziel haben, etwas besser verstehen zu wollen. So etwas schwebt mir vor für einen brüderlichen Dialog. Sollten wir den nicht anstreben?

(2) Das Ziel der Predigt am Sonntag war, allen Geschwistern die ewige Liebe des Vaters für Seine Kinder vor die Herzen zu stellen und sie damit zu Dank und Anbetung ihres Vaters zu motivieren. Dass es daran mangelt, haben wir nun einige Jahre erlebt: es gibt wenig Anbetung des Vaters. Dabei sagt doch Jesus in Johannes 4, dass der Vater Anbeter in Geist und Wahrheit sucht. (Das solltest Du anders erlebt haben in Deiner früheren Gemeinde in Irgendwo.) Wenn jemand nach einer Predigt mit dieser Zielsetzung es als wichtigstes Anliegen sieht zu behaupten, dass die persönliche „Wahl für Jesus“ zentral und der „freie Wille“ des (zumal völlig sündigen!) Menschen entscheidend für den Empfang jener ewigen (!) Liebe des Vaters ist, dann konnte der Geist Gottes mit der Wahrheit des Wortes Gottes offenbar in dieser Person nicht wirken. Das ist schade und wirft Fragen auf. Wo Menschen behaupten, dass es ihre kluge, richtige Wahl gemäß ihres „freien Willens“ gewesen sei, die sie letztlich ewig von den Ungläubigen positiv unterscheidet, dann weiß ich, dass hier der Geist Gottes nicht wirken konnte, denn der wirkt nie Seinem Wort entgegen, sondern stellt stets die Gnade und Herrlichkeit Gottes in den Mittelpunkt und führt so zur Anbetung Gottes. Die Reformatoren haben aus dem Wort heraus und gegen die röm.-kath. Kirche festgehalten, dass die Errettung allein aus Gnaden ist. Sola gratia nannten sie das. Gnade heißt, dass alles von Gott kommt, alles von Gott bewirkt wird und dass letztlich alles zu Gottes Verherrlichung dienen muss. Das ist die Quintessenz des Evangeliums, siehe Römer 11,33–36. Wer hingegen sich selbst (als Sünder!) zum entscheidenden Mittelpunkt des Heils macht, dessen aus einem sündigen Herzen kommende Entscheidungen Gott „voraussehend“ nur noch sklavisch folgen kann (also keine eigene Wahl mehr hat), der hat Christus und den Vater aus diesem Mittelpunkt alles Heils verdrängt. Da klingeln bei mir einige Seelsorger-Alarmglocken. Das ist Re-katholisierung des Evangeliums.

(3) Ich habe verstanden, dass Du die Auserwählung der Heiligen (Kinder Gottes) durch Gott, den Vater, nicht wirklich leugnen willst, aber Du tust es doch, siehe Pkt. (4) unten. Das tun ja manche ausdrücklich. Manche verbieten sogar das Predigen über die entsprechenden Texte. Nachdem Epheser 1,4 aber aufzeigt, dass die Auserwählung eines der besonderen Werke ist, über die wir den Vater lobpreisen dürfen und sollen, kann man hier das ehrabschneidende Wirken des Teufels gut erkennen. Ich kann mich nicht erinnern, dass in unserer Gemeinde der Vater für seine Erwählung regelmäßig gepriesen wird. Diesem Mangel will der Geist Gottes abhelfen, denn er fördert die Verherrlichung Gottes. Dass dann diesem Wirken des Geistes Gottes gleich eine Stellungnahme und ein Streit über die Auserwählung entgegengesetzt wird, ist traurig. Wo die Wahrheit unterdrückt wird, wird der Geist Gottes gedämpft. Und was das bedeutet, steht auch klar in der Schrift.

(4) Du verstehst die Auserwählung/Erwählung seitens Gottes, des Vaters, so, dass Gott „nach Vorkenntnis“ (Deine Wortwahl war „Vorsehung“) der freien Wahl einzelner Menschen entsprechend gewählt habe. Denke darüber mal in Ruhe nach. Wenn Gott nur das „wählen“ kann, was andere in ihrem freien Willen vorher exklusiv und souverän gewählt und entschieden haben, dann ist das für Gott keine freie Wahl mehr, ist überhaupt keine Wahl im Sinne des Wortes mehr, sondern nur ein unfreies, mechanisches Nachvollziehen. Ich versuche ein Beispiel: Freie Wahl habe ich in einem Restaurant, wenn alles, was auf der Karte ist, ob es mir schmeckt oder nicht, vorhanden ist und ich daraus frei wählen kann und ich es dann auch genau so und genau das von mir Ausgewählte bekomme. Wenn aber der Wirt zu mir sagt: „Da ist die Karte, Du kannst alles wählen, was Du willst, solange es die Schweinswürstl für 6,98 € sind, denn dafür habe ICH mich entschieden!“, dann ist Deine „Wahl“ keine Wahl mehr. Du bist dann der Sklave/Abhängige der Vorwahl/Entscheidung des Wirtes. „So ein Unsinn, so eine Frechheit!“, wirst Du denken, und vielleicht entrüstet aus dem Lokal stürmen. Warum? Weil Du überhaupt keine Wahl (im Sinne des Wortes) mehr hattest. Warum dann eine Speisekarte zur Auswahl der Speisen? Nein, diese falsche Vorstellung führt dazu, dass es auf Seiten Gottes gar keine Wahl mehr gibt. Das ist schon sprachlich klar. [1] – Im Bilde erklärst Du aber die Auserwählung seitens Gottes im Prinzip genau so: Gott „kann“ (darf?, muss?) nur das „erwählen“, was der Mensch gewählt hat. Das Problem mit dem „ewig“ soll dann über die Allwissenheit und Ewigkeit Gottes gelöst werden, aber da taucht das zweite Missverständnis auf, denn der Begriff der Vorkenntnis/ Vorsehung liefert eben nicht das, was man diesem fälschlicherweise zuschreibt. Den Endeffekt dieser falschen Idee kann man schnell erkennen: Wer entscheidet hier über das Heil, das ewige Leben, die Gotteskindschaft: es ist der nicht neugeborene, unter die Sünde verkaufte/versklavte Sünder, Gott vollzieht im Heilserwählen nur exakt nach, was ein Sünder vorentschieden hat. Gott hat keine Wahl mehr, Er ist mechanisch daran gebunden, was schon von anderer Seite her entschieden ist. Und das soll dann das (Aus-) „Erwählen“ durch Gott sein. Wirklich? 
Die Realität ist anders, sie ist so, wie es die Bibel beschreibt: der Mensch ist unter die Sünde versklavt, steht unter dem Zorn Gottes, ist geistlich von Geburt an tot, aber sehr „lebendig“ im Sündigen und Rebellieren gegen Gott (Römer 3,9–19). Mit einem Wort: Sie sind „alle unter der Sünde“ (Römer 3,9), sie sind „fleischlich, unter die Sünde verkauft“ (Römer 7,14), denn „Jeder, der die Sünde tut, ist der Sünde Knecht (Sklave)“ (Joh 8,34). Wenn ich diese Worte Gottes lese, dann lese ich über das Verhältnis eines Sünders zur Sünde ein „unter“, ein „verkauft“ und „Knecht/Sklave“. Das ist das Gegenteil davon, „über“ der Sünde zu stehen, „frei“ und unabhängig von ihr zu denken und zu handeln. Der Sünder sei von der Versklavung an die Sünde „frei“, um geistlich gesehen vor Gott das Richtige und das Beste zu tun? Wirklich? Damit leugnest Du diese Bibelstellen, die Aussprüche des Sohnes Gottes. Das fände ich ungeheuerlich.
Frage Dich: Wie frei ist ein Toter? Das ist im Geistlichen nicht anders wie im Physischen, daher gebrauchen der Herr und die Apostel genau dieses Bild vom Totsein. Gott allein lebt und ist absolut freier Herr. Sein Wille ist alleine wirklich frei, ist dabei aber immer seinem ganzen Wesen entsprechend: immer gerecht, heilig und vollkommen. Es ist sicher das absolut Beste, wenn dieser Wille unumschränkt wirksam wird! Denn der Wille des nicht von Gott erneuerten Sünders ist immer böse und bewegt sich nur im Rahmen seines sündigen Wesens, ist nur in der Reichweite seiner Sündenketten frei. Der Wille Gottes hingegen ist stets gut, ein vollkommener Ausdruck Seiner Souveränität, Liebe und Heiligkeit. Das ist es, was es bedeutet, Gott zu sein. Das zumindest lehrt die Schrift durchgehend. Lassen wir doch Gott Gott sein. Uns gebührt die Haltung eines Geschöpfes.

(5) Der Vorwurf kam von Dir, das alles sei „calvinistisch“. Nun, dieser Begriff ist kein Begriff, weil er nichts mehr greifen lässt. Er ist reines Schimpfwort geworden, ein Etikett, das man Leuten aufdrückt, deren biblische Heilslehre man nicht liebt. (Da gibt es noch mehr „Etiketten“, auf allen Seiten!). Ich lege diese unqualifizierte Bezeichnung also auf die Seite, zumal wenn sie von jemand kommt, der wohl noch nicht einmal das Zentralwerk Calvins, die Institutio, geschweige denn Seine Auslegungen, gelesen hat. Es würde mir zwar Vergnügen bereiten, Dir hier abzudrucken, was er über Johannes 3,16 und über den freien Willen des Menschen geschrieben hat, denn das würde bestimmt ungläubiges Staunen erzeugen. 
Ich gebe Dir wenigstens eine Kostprobe zu Johannes 3,16, wo Calvin schreibt: »„Auf dass jeder, die an ihn glaubt“. Und er [Johannes] hat den universalen Begriff „jeder“ verwendet, um sowohl alle ohne Unterschied einzuladen, ihren Anteil am Leben sich zu sichern, also auch, um jede Entschuldigung der Ungläubigen abzuschneiden. Denselben Zweck hatte auch schon der Begriff „Welt“, den er vorher verwendet hatte. Gott vermag zwar in der Welt nichts zu finden, was ihm seine Huld abnötigte; dennoch zeigt er sich gütig gegen die ganze Welt. Alle ohne Ausnahme beruft er zum Glauben an Christum und eben damit zum Eingang ins Leben.« (Johannes Calvin, Kommentar zum Evangelium nach Johannes, Bd. 1, in loci; Fettdruck hinzugefügt). Wer also behauptet, ein „Calvinist“ sei jemand, der abstreitet, dass Gott alle Menschen ohne Unterschied zur Rettung einlädt, erweist sich entweder als Lügner oder als Unwissender; solche Leute sollten jedenfalls besser schweigen.

Und wer behauptet, dass Calvin oder ein „Calvinist“ leugnen, dass der Mensch einen Willen habe, dem sei aus vielen Zitaten dieses vorgelegt: »Denn es bleibt zwar ein Rest (residuum) Verstand und Urteilskraft (iudicium) samt dem Willen bestehen; aber wir können doch nicht sagen, das Gemüt (der Verstand) sei unversehrt und gesund, denn es ist schwächlich und mit viel Finsternis umhüllt; außerdem ist die Verkehrtheit des Willens mehr als genugsam bekannt. … So ist auch der Wille nicht verloren gegangen, weil er von der Natur des Menschen nicht zu trennen ist; aber er ist in die Gefangenschaft böser Begierden geraten, so dass er nichts Rechtes mehr begehren kann.« (Johannes Calvin, Unterricht in der christlichen Religion = Institutio Christianae religionis. Nach der letzten Ausg. übers. und bearb. von Otto Weber, Bd. 2, 2, 12). Calvin sagt also: Der Wille ist da, aber er ist verkehrt und versklavt. Genau das sagt auch die Heilige Schrift.

(6) Wo wir nachdenken und präziser werden müssten, ist bei den Begriffen „Wille“ und „frei“. Nein, das ist nicht einfach. Wikipedia schreibt: „es gibt keine allgemein anerkannte Definition“ für „freier Wille, Willensfreiheit“. Die Philosophen und Theologen haben sich dazu widersprüchlich geäußert. Also sollte man klären, was man mit beiden Begriffen meint, sonst redet man aneinander vorbei. Das Aneinandervorbeireden war von meiner Seite aus gut zu erkennen. Bedenke einmal: Ein „Calvinist“ (Luther) schrieb wider den Humanisten Erasmus vom „unfreien Willen“ des Menschen; dies war eine seiner bedeutsamsten Arbeiten, wie er selbst auf dem Sterbebett sagte. Ein anderer „Calvinist“ (J. Edwards) hingegen schrieb über „Die Freiheit des Willens“. Das klingt widersprüchlich, ist es aber nicht. Man muss eben wissen, von was man redet, und klären, was man mit den Begriffen jeweils meint und bezeichnet. Für den biblisch Glaubenden muss das, was er behauptet und annimmt, aus Gottes Wort stammen bzw. nicht im Widerspruch dazu stehen, sonst ist es Phantasiegebilde, nicht Realität. – Ganz praktisch: Schreibe aus Gottes Wort einmal auf, was es über „Wille“ (Gottes und des Menschen, erlöst und unerlöst) und „frei“/„Freiheit“ bzgl. dieser Personen sagt. Damit wäre viel geleistet, was heute noch für eine fruchtbare Diskussion fehlt. Denn: Wo die Begriffe nicht geklärt sind, ist das Gesagte nicht das Gemeinte. So entstehen Missverständnisse, Misstrauen und Missliebe.

(7) Du hast behauptet, dass „die Calvinisten“ stets leugnen würden, dass die Auserwählung seitens Gottes „nach Vorkenntnis Gottes, des Vaters“ erfolge. Diese „Vorsehung“ (das war wohl der Ausdruck, auf den Du bestandest?!) würde alles erklären, und die Wahl (und damit ewiges Heil) letztlich in die Hände eines jeden Sünders legen, denn Gott entscheide nicht frei, sondern nur entsprechend dessen, was Er „voraussehend“ beim Menschen sehe.
Damit hat Gott aber kein freies Wissen mehr, sondern Er muss selbst „mit Blick in dieZukunft“ erlernen, was dort geschieht, und sich entsprechend in seinen ewigen (?) Plänen und Seinem Wählen unterordnend anpassen und (sklavisch!) folgen. Das steht aber im Widerspruch zum Begriff der Freiheit als auch zum Begriff der Wahl. Was Gott „in der Zukunft“ sieht, ist nichts anderes, als das, was ER höchstpersönlich für diese Zukunft (und überhaupt) ewig verordnet hat. Alles was geschieht, geschieht, weil Er es genau so weiß und verordnet hat. Sein Wissen ist absolute Wahrheit, sein Wille schafft Realität. Es gibt keine von Gott unabhängige Energie oder Existenz, die einen „Gegenplan“ realisieren könnte. Nur Gott lebt aus sich selbst heraus und regiert über alles. Alle anderen Wesen sind Geschöpfe und hängen als solche „am Stecker“ und „dem Kraftwerk“ Seiner Energie, Seines Willens. Nur ER gibt allem Leben und Existenz. Das ist bedeutsam für die Frage nach der Ur-Sache, nach Souveränität und Abhängigkeit.

Ich kann viel besser nachvollziehen, dass es einem „Calvinisten“ (also jemandem, der nicht mehr wie die röm.-kath. Kirche, sondern biblisch wie die Reformatoren im Heil denkt) sehr zuwider ist, den Menschen in den Mittelpunkt des Heils zu stellen, wenn er doch in der Schrift gesehen hat, dass die ganze Heilsgeschichte einen Hauptzweck hat: Gott zu verherrlichen, IHN in den Mittelpunkt zu stellen, damit ER gelobt und gepriesen wird für Seine Heiligkeit, Liebe und Treue (usw.). Das versteht die Schrift (und normalerweise der Christ) darunter: Dass das Heil allein aus Gnaden ist (mit allem Drum und Dran), also freies Geschenk, nicht bedingtes Geschenk (denke an das Metapher mit dem Wirt oben!). 

Vorkenntnis (prógnōsis)

Die Stelle, die Du mir zeigtest, war 1. Petrus 1,2: „die auserwählt sind nach Vorkenntnis Gottes, des Vaters, in der Heiligung des Geistes zum Gehorsam und zur Besprengung mit dem Blut Jesu Christi…“– Schauen wir uns das näher an: Petrus kündigt hier nach seinem Briefbeginn die grundlegenden Themen seines Briefes an: Vorkenntnis Gottes, Heiligung durch den Geist Gottes, Gehorsam gegenüber Jesu und Blutbesprengung, die er später im Brief weiter ausdehnen und entwickeln wird (also kann man nicht bei 1,2 anfangen oder stehen bleiben, um 1,2 zu verstehen!). Er erinnert seine Leser daran, dass sie an einen dreieinigen Gott und an Dessen dreieiniges Werk glauben. Man kann dies schön in der Wortwahl und dem Aufbau von Vers 2 erkennen: Vater, Geist, Jesu Christi.

Die „Vorkenntnis (Gr. prógnōsis) Gottes“ ist mehr als nur das bloße Wissen, was in der Zukunft passieren wird, denn es schließt Gottes spezielle Beziehungen (!) mit der Menschheit, selbst bevor diese Menschen bestanden, mit ein (vgl. Römer 1,20; Amos 3,2; Apg 2,23; Römer 8,29–30; 11,2). Diese „speziellen Beziehungen“ schließen Gottes Erwählung und seinen besonderen Plan für Sein Volk mit ein. Die „Heiligung“ des Geistes ist das Wirken des Geistes Gottes, in dem Er das Erlösungswerk Christi einem Menschen zueignet, diesen reinigt und ihn in den Dienst stellt. (Das Blutbesprengen spielt auf den Bundesschluss in 2. Mose 24,3–8 an, aber hier ist der Neue Bund –im Blut Jesu– gemeint.) Das Ziel der Erwählung und der Erlösung ist also der Gehorsam Gott gegenüber, der aus dem Glauben herauswächst (vgl. den Begriff des „Glaubensgehorsams“, der am Anfang und am Ende des Evangeliums im Römerbrief steht: Römer 1,5; 16,26 und Apg 6,7 als Beispiel). 

Der Grußabschnitt des Briefes schließt mit dem Segenswunsch, dass die Gnade und der Friede Gottes den Glaubenden vermehrt werde. Der nächste Briefabschnitt beschäftigt sich dann mit den Vorrechten und den Verantwortungen, die sich aus dem Heil/Gerettetsein ergeben (1,3–2,10).

Der Begriff prógnōsis (Vorkenntnis, Vorherkenntnis) taucht nicht nur hier im Wort Gottes auf, das war eine Falschinformation von Dir (s. auch Apg 2,23, dort gerichtet auf Gottes vorzeitlichen(!), festen(!) Plan Gottes, Jesus durch die Hand von Gesetzlosen in den Tod zu geben). Diese Vorher-Kenntnis Gottes ist ein Teilaspekt seiner Allwissenheit, aber es ist mehr als das bloße Wissen einer Information. (Gott ist immer allwissend, es ist eine Seiner Wesenszüge, das müsste nicht extra gesagt werden, und umfasst alles und jeden.) Wie das Wörterbuch von Vine erklärt, spricht der Begriff von erwählender Gnade, schließt aber den Willen des Menschen nicht aus (die Stelle in Apg 2,23 stellt ja „beide Seiten“ trefflich Seite an Seite!).
Das Verb dazu, proginṓskō, taucht auch in Apg 26,5; Römer 8,29; 1. Petrus 1,20 (!) und 2. Petrus 3,17 auf, was uns die Bedeutung weiter aufschlüsselt. Wenn ein Mensch etwas vorher weiß, ist dies allerdings etwas anderes, als wenn Gott etwas vorher weiß, denn das Wissen des Menschen ist fehlerhaft und unvollständig, das Wissen Gottes aber richtig, ewig und allumfassend. Da Gott nichts dazulernt, ist sein Wissen vor aller Zeit nichts anderes als das in der Zeit oder das in der Ewigkeit nach der Zeit. Gott ist nicht „hinterher schlauer als vorher“, wie wir Menschen. Das Wissen und das Wollen Gottes schafft vielmehr unmittelbare Realität. Wenn Gott dann spricht, steht es da. Aus dem Nichts. Gott kann Tote durch Sein Wort lebend vor sich stellen (Lazarus), Welten aus dem Nichts ins Dasein rufen (Schöpfung). Das kann kein Geschöpf. Beim Menschen schafft das Vorherwissen oder das Wollen ohne weiteres erst einmal gar nichts. Diesen Unterschied kennen leider manche Christen nicht. Der alte Fehler, dass der Mensch aus seiner menschlichen Erfahrung (oft unbewusst und unreflektiert) auf Gott schließt, kommt wieder tragisch zu Tage. Ich füge den Eintrag im anerkannten Wörterbuch von Kittel, Gerhard ; Friedrich, Gerhard ; Bromiley, Geoffrey William: Theological Dictionary of the New Testament noch hinzu (auf Englisch, ich habe nur die englische Ausgabe):

»proginskō, prógnōsis. The verb means “to know in advance,” and in the NT it refers to God’s foreknowledge as election of his people (Rom. 8:29; 11:2) or of Christ (1 Pet. 1:20), or to the advance knowledge that believers have by prophecy (2 Pet. 3:17). Another possible meaning is “to know before the time of speaking,” as in Acts 26:5. The noun is used by the LXX in Jdt. 9:6 for God’s predeterminative foreknowledge and in Jdt. 11:19 for prophetic foreknowledge; Justin uses it similarly in Dialogue with Trypho 92.5; 39.2.«

Der von Dir gewählte Begriff „Vorsehung“ (für prógnōsis in 1. Petrus 1,2) wird im Wörterbuch Wiktionary.org so erklärt: »Religion: höhere Macht, die die einzelnen Ereignisse, die einem Menschen widerfahren, anordnet (meist letztlich zum Guten hin)«. Vorsehung bedeutet demnach Anordnung, nicht nur passives „Vorhersehen“. Ich denke, das ist etwas ganz anderes, als wie Du den Begriff verwendest. So entstehen Missverständnisse: wenn man Begriffen andere Inhalte gibt, als sie gewöhnlich haben, weil man eine eigene Vorstellung hineininterpretieren will. Daher: miteinander reden, erklären, Geduld haben.

(8) Dann versuchte ich Dich noch dafür zu sensibilisieren, dass Begriffe in der Schrift (wie immer in jeder Sprache) ihren Sinn aus dem Kontext erhalten. Es ging um den Begriff „Welt“ und um Dein Verständnis von Johannes 3,16: „Denn auf solche Art und Weise hat Gott die Welt geliebt, dass…“. Meine Erfahrung ist, dass dieser „am besten bekannte Vers der Bibel“ sehr missverstanden wird, weil viele sich nicht die Mühe machen zu verstehen, was der Herr in den Versen 1 bis 15 gelehrt und klar gemacht hat. Allein zur zentralen Frage der Neugeburt gebraucht der Sohn Gottes zwei Bilder: die Geburt eines Menschen und den Wind. Der Sohn Gottes versucht mit beiden Metaphern/Bildern dem Obertheologen Nikodemus klarzumachen, wie die geistliche Neugeburt, von der die Rede ist, geschieht. (Wie Fruchtenbaum ausführt, hatten die Rabbis damals viele Ideen, durch welche Entscheidungen oder Taten (Eheschluss, Priester werden usw.) man sich die Wiedergeburt sichern könne. Das war aber genau der falsche Ansatz: dass man es selbst durch eine Entscheidung oder Tat bewirken könne! Das ist der Grundirrtum aller falschen Religionen und steht im Gegensatz zum biblischen Evangelium der Gnade. Bei der menschlichen Geburt ist völlig klar, dass das Gezeugte und dann Geborene absolut keinen Beitrag zu seiner Entstehung hatte (Wie kann man das übersehen oder missverstehen?). Im zweiten Bild (des Windes) sagt der Herr: „Der Wind weht, wo ER will“ (3,8). Der Wind ist hier im Bild der Heilige Geist. Dieser bewirkt die Wiedergeburt, und zwar dort, „wo ER will“. Damit ist die Frage, auf welchen Willen es bei der Wiedergeburt ankommt, ein für allemal geklärt. Der Herr konnte es nicht deutlicher ausdrücken, wie mit diesen beiden Bildern. Wenn Du nun sagst: Dann war Jesus auch ein „Calvinist“, dann kann ich Dir nicht helfen. Wenn man Eins und Eins zusammenzählen kann, erkennt man doch deutlich, was der Sohn Gottes hier dem Nikodemus klarmachen will: Es kommt bei der „Geburt von oben“ nicht auf die Taten, die Entscheidung, den Status oder den Willen des Wiedergeborenen an, sondern alleine auf den souveränen Willen Gottes, des Heiligen Geistes. Wenn man das nicht sieht, wie soll dann Johannes 3,16 klar werden? Wer das Irdische nicht versteht, wie will er dann das Himmlische verstehen? (3,12) – Johannes zeigt in weiteren Aussagen auf, dass solch ein wiedergeborener Mensch dann immer auch ein glaubender Mensch ist: das ewige Leben und den rettenden Glauben gibt es niemals getrennt voneinander, Beides gehört stets und gleichzeitig zusammen. (Die Zeitformen der betreffenden Verben sind höchst aufschlussreich!)

Was den Begriff „Welt“ angeht: Schreibe einmal alle Stellen mit „Welt“ bei Johannes auf ein Stück Papier (oder in eine Tabelle im Rechner). Versuche dann herauszubekommen, ob es stimmt, dass „Welt“ (κόσμος kosmos) immer „alle Menschen (ohne Ausnahme)“  (oder was immer Du meinst) bedeutet. Meine Dir gegebenen Beispiele: 1. „Gott liebt die Welt“, 2. „Liebet nicht die Welt“, 3. „Ich habe die Welt überwunden“ oder auch 4. „dass er aus dieser Welt zu dem Vater gehen sollte“, 5. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ usw. sollten auf einen Blick deutlich machen, dass die Bedeutung des selben Wortes je nach Kontext unterschiedlich sein kann und sein muss. Es ist also nicht einfach und sofort zu sehen, was in Johannes 3,16 gemeint ist, wie Du meinst. Insbesondere ist die Auslegung falsch, dass dieser Vers von der Menge, dem Umfang der Liebe (und Rettung) Gottes rede. Das Wort „also“ ist wieder jenes griech. Wort, das eher auf eine Qualität und nicht auf eine Quantität hindeutet, also: Von welcher besonderen Art ist doch die Liebe Gottes, dass sie sogar für solche finsteren Rebellen und bösesten Feinde, wie sie in der Welt sind, den einzigen, vielgeliebten Sohn hingibt.“ Es geht nicht um die Breite und Ausdehnung jener Liebe, sondern um ihre Tiefe und Qualität: Von wie weit „oben“ sie sich bis so weit „unten“ ausgestreckt hat. – Das soll hier erstmal genügen.

Wie versteht unser Verband die Erwählung? Anders, wird gesagt. Aber wie?

Ich habe interessehalber mal wieder das Glaubensbekenntnis des Verbandes daraufhin durchgesehen, was es über die „Erwählung“ aussagt. Das Ergebnis:

  1. Es steht überhaupt nichts über Erwählung in diesem Bekenntnis. Also kann man nicht behaupten: Der und die sieht es anders, als „wir“ (eine Gemeinde des Verbandes) es sehen/lehren. Dafür ist offiziell nichts zu finden. Höchstens als eine Geheimlehre, die man nicht veröffentlicht hat. Warum dies so ist, weiß ich nicht, aber ich schließe daraus zumindest, dass es keine so wichtige Frage ist, als dass man sie im Bekenntnis erwähnen wollte.
  2. Unter „Erlösung“ hingegen steht:
    »Allein durch das eine in Ewigkeit gültige Sühnopfer Jesu Christi kann der Mensch erlöst werden. Wenn er nun sein Herz der Wirkung der göttlichen Gnade öffnet, empfängt er Buße (Umkehr) zum Leben, so dass er seine Sünden erkennt, bereut, bekennt und lässt.(Apg. 2, 37, Jes. 55, 10-11, Apg. 11, 18; 26, 18, Lk. 15, 17-21, 1. Joh. 1, 9, Jak 5, 16)«

Schauen wir uns das einmal genauer an: Der Mensch muss also „sein Herz der Wirkung der göttlichen Gnade öffnen“, dann empfängt er das Heil. Checkt man die angegebenen Stellen der Schrift, dann steht es aber anders da. Gehen wir die genannten Bibelstellen einmal durch: 

  • »Als sie aber das hörten, drang es ihnen durchs Herz, und sie sprachen zu Petrus und den übrigen Aposteln: Was sollen wir tun, Brüder?«
    Man erkennt die Passiv-Form des Verbes „(durch)dringen“. Es ist nicht von einem aktiven Öffnen des Herzens die Rede, sondern davon, dass diese Botschaft ihnen durchs Herz drang. Das war äußere Macht, die ins Innere vorstieß. Und das hatte dann geistliche Auswirkungen, hier zum rechten Fragen. Die betreffenden Menschen erlebten das Durchdringen ihrer Herzen an sich, das ist der Sinn des Gebrauchs der Passiv-Form. Sie durchdrangen es nicht selbst, sie „öffneten ihr Herz auch nicht der göttlichen Gnade“. Die Rede ist nicht von „Öffnen“, sondern dass da etwas durchdrungen wurde. Sie wurden überwältigt durch den Geist Gottes, der in der Predigt des von Ihm gegebenen Wortes mächtig (und hier heilsstiftend) wirksam wurde. Römer 10 erklärt das genauer.
  • »Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel herabfällt und nicht dahin zurückkehrt, wenn er nicht die Erde getränkt und befruchtet und sie hat sprossen lassen und dem Sämann Samen gegeben hat und Brot dem Essenden, so wird mein Wort sein, das aus meinem Mund hervorgeht: Es wird nicht leer zu mir zurückkehren, sondern es wird ausrichten, was mir gefällt, und durchführen, wozu ich es gesandt habe.«
    Auch hier wird nicht gesagt, dass jemand sein Herz öffnet, sondern dass Gottes Wort wie ein Same ist, und dass es ausrichten wird, was Gott gefällt, und durchführen, wozu Gott es gesandt hat. Die Regie und das Handeln liegt bei Dem, der das Wort gegeben hat, Er hat die Wirkungen offenbar voll im Griff.
  • »Als sie aber dies gehört hatten, beruhigten sie sich und verherrlichten Gott und sagten: Also hat Gott auch den Nationen die Buße gegeben zum Leben.«
    Noch klarer kann Gott nicht sagen, dass die Buße eine Gabe Gottes ist. Auch hier ist nicht die Rede von einem „Herzauftun“ als einer rettenden Handlung des Sünders. Nein, Gott gibt die Buße einem Menschen, daraufhin tut dieser Mensch selbst Buße und das ist eines der sicheren Kennzeichen, dass neues Leben in jenem Menschen schon da ist.
  • »… um ihre Augen aufzutun, damit sie sich bekehren von der Finsternis zum Licht und von der Gewalt des Satans zu Gott, damit sie Vergebung der Sünden empfangen und ein Erbe unter denen, die durch den Glauben an mich geheiligt sind.«
    Auch hier ist nicht vom Auftun des Herzen die Rede, sondern davon, dass Gott die Augen des Sünders auftut (durch die Predigt des Evangeliums durch Paulus), damit sie sich bekehren (aha, das ist also der Zweck, das angestrebte Ziel), und damit sie das Heil empfangen (Vergebung, Erbe usw.). Auch hier handelt Gott aktiv im Auftun der Augen, Er „verleiht das Gesicht“. Im selben Moment sieht der neugeborene (ehemals blinde) Mensch erstmals die Dinge, wie sie wirklich sind und kehrt um, glaubt, lebt im Glauben ein Heiligungsleben. Um es ganz klar zu sagen: Das Augenauftun durch Gott und das Sehen durch den Menschen ist gleichzeitig, aber das Sehen verursacht nicht das Augenauftun, sondern das Augenauftun verursacht das Sehen.
  • Lukas 15 überspringe ich, da es wohl nicht von Ungläubigen redet, immerhin ist der „verlorene Sohn“ (Welcher von beiden? Gar beide?!) immer ein Sohn des Vaters gewesen. Jesus hat aber gesagt, dass Ungläubige nicht Söhne Gottes des Vaters sind, sondern Söhne des Teufels, ihres Vaters (Johannes 8,44). Aber man kann behaupten, dass man dieses Gleichnis, das ja im Blick auf die herzensbösen Pharisäer vom Herrn gesprochen wurde, zumindest evangelistisch „angewendet“ werden kann. Die Botschaft ist sicher eine mehrfache. Jedenfalls darf ich als völlig irregegangenes Kind Gottes wissen, dass mein himmlischer Vater mich immer noch liebend erwartet und zu vollkommener Vergebung und Aufnahme in seine Gegenwart bereit ist. Ich darf also jederzeit in Reue und Buße zu Ihm zurückkehren.
  • 1. Johannes 1,9 überspringe ich auch, weil es dort um Kinder Gottes geht, die richtig mit ihren Sünden umgehen sollen, indem sie diese ihrem himmlischen Vater bekennen. Es geht hier nicht um den Richter-Gott, vor Dem ich als Sünder stehe, sondern um Gott, meinen Vater, dem ich bekenne, was ich als Sein Kind (!) wieder falsch gemacht habe. Beachtlich ist, dass hier die (väterliche) Vergebung begründet wird mit „so ist er treu und gerecht“, und nicht mit „gnädig und barmherzig“, was für die Vergebung für bußbereite Sünder gilt. Das „wir“, das der Kontext hier einige Verse lang schon gebraucht, macht ganz klar, dass es um Kinder Gottes geht, nicht um Heilssuchende oder Außenstehende (oder wie man Sünder auch bezeichnen mag).
  • »Bekennt nun einander die Sünden und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet; das inbrünstige Gebet eines Gerechten vermag viel.«
    Offensichtlich wird auch hier nichts davon gesagt, dass ein Mensch sein Herz öffne. Es geht auch nicht um das Bekenntnis vor Gott, sondern „einander“. Es geht um Seelsorge in kritischer Situation. Das ist jedenfalls nicht die Situation eines Ungläubigen, da die Bekennenden auch die Betenden sind und als „Gerechte“ bezeichnet werden, deren Gebet viel vermag, denn Gott hört auf den, der zerbrochenen Herzens ist.

Ich fasse zusammen: 

  • Die angegebenen Stellen reden nicht von Erwählung oder Auserwählung.
  • Die angegebenen Stellen reden nicht von einem, der „nun sein Herz der Wirkung der göttlichen Gnade öffnet“.
  • Die Stellen sagen etwas anderes.

Es gibt andere Stellen, die eher etwas über das „Öffnen des Herzens“ reden, sie werden aber nicht aufgeführt. Zum Beispiel  Apg 16,14:  »Und eine gewisse Frau, mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, die Gott anbetete, hörte zu, deren Herz der Herr auftat, dass sie Acht gab auf das, was von Paulus geredet wurde.«

  • Ja, es ist der HERR, der das Herz auftut. Und dann tun wir das auch. Ohne Widerspruch, ohne Fehl. Kurze Zeit danach war sie getauft in die Nachfolge Jesu Christi… – Ich frage mich, ich frage Dich: Warum reden wir nicht so, wie das Wort der Wahrheit redet?
  • Was ein Mensch jedoch sehr gut kann, ist, das Herz zu verschließen (1. Johannes 3,17), aber in 1. Johannes 3,17 geht es nicht um das Heil und die Erlösung, sondern um ein Erbarmen in praktischer Mildtätigkeit, von Gottes Liebe (die im Herzen schon ausgegossen ist, Römer 5,5) getrieben.

Es gibt noch mehr Punkte, die ich ansprechen wollte, z. B. Epheser 2,8–10 (das grammatische „Problem“ mit der Gabe des Glaubens; als Gabe Gottes ist dort aber unschwer das gesamte Heil zu sehen, damit natürlich inklusive des Glaubens), aber das ist schon unheimlich viel, ich befürchte viel zu viel. Die Wahrheit erfassen ist eine langwierige Angelegenheit, die viel Arbeit im Studium der Schrift und auch einige Geduld von uns fordert: „Befleißige dich, dich selbst Gott als bewährt darzustellen, als einen Arbeiter, der sich nicht zu schämen hat, der das Wort der Wahrheit recht teilt“ (2. Timotheus 2,15). Wir lernen langsam, wachstümlich. Es gibt Fragen im Leben, die kann man mit einem Kind nicht besprechen, aber später kann und sollte man es tun. Voraussetzung ist Wachstum und ein Leben, das das Wirken des Heiligen Geistes nicht dämpft, sondern fördert. Denn Er ist unsere Salbung von Gott (1. Johannes 2,20.27), der uns im Wort alles klar macht, so dass wir es sehen können: „Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, gekommen ist, wird er euch in die ganze Wahrheit leiten“ (Johannes 16:13). Also sind wir ganz von Gott abhängig, gerade auch im Erkennen der Wahrheit! 

Wenn wir also am Sonntag in der Heiligen Schrift lesen, dass der Vater seine Kinder mit einer besonderen, ewigen Liebe liebt, sich zum Eigentum nimmt, dann dem Sohn gibt, damit dieser für genau diese als Liebesgeschenk „Gegebenen“ stirbt und ihnen ewiges Leben gibt (Johannes 17), und danach behauptet jemand, dass Gott alle Menschen völlig gleich liebt, dann könnte man verzweifeln, denn die Sprache der Schrift ist klar und die Sache ist klar. Der Bibelstudent lernt, dass es verschiedene Arten und Weisen der Liebe Gottes gibt. Und genau dies festzustellen und dem nachzuforschen, rief der Apostel Johannes ja auf: „Sehet, WELCH eine Liebe…“! Nein, Gott macht einen Unterschied: Manche stehen unter Seinem Zorn und Seinem Gericht, andere hingegen in Seiner Liebe und Gerechtigkeit (Johannes 3,18; 3, 36; Römer 5,1; 8,1 u.a.). Manche erfahren zeitlich und begrenzt Gottes Liebe, andere erfahren darüber hinaus eine ewige, besondere, rettende Liebe (vgl. dazu 1. Timotheus 4,10).

Nach Gottes Willen braucht es in der Gemeinde das Lehramt (die lehrbegabten Glieder des Leibes), denn nicht alle haben diese Gabe erhalten, das macht 1. Korinther 12, Epheser 4 usw. deutlich. Lehren sollen die Lehrer, nicht die anderen. Jeder nach seiner Begabtheit. Eine der notwendigen Kriterien für das Ältestenamt ist, dass diese „lehrfähig“ sein müssen (Titus 1,9; 1. Timotheus 3,2). Es ist mein Gebet für unsere Gemeinde, dass diese Forderung Gottes erkannt und ihr nachstrebend entsprochen wird. Ist das auch Dein Gebet? Wer sind Deine Lehrer? Bist Du selbst ein Lehrer?

Ganz ernst: Was sind Deine geistlichen Gaben, die Du gebrauchst und fleißig weiter ausbildest? Und zwar zur Verherrlichung Gottes: »Je nachdem jeder eine Gnadengabe empfangen hat, dient einander damit als gute Verwalter der mannigfaltigen Gnade Gottes. Wenn jemand redet, so rede er als Aussprüche Gottes; wenn jemand dient, so sei es als aus der Kraft, die Gott darreicht, damit in allem Gott verherrlicht werde durch Jesus Christus, dem die Herrlichkeit ist und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.« (1. Petrus 4,10–11)

Lass Dich ermutigen! Wenn Du das Herz und die Begabung eines Lehrers hast, wirst Du diesen Brief mit Interesse lesen und Dich mit geöffneter Bibel darauf stürzen, diese Dinge anhand der Schrift zu untersuchen. Wenn das nicht der Fall ist, wirst Du das alles nicht wirklich verstehen (wollen) oder es eher nervig finden, evtl. als unnütz, unklar, seltsam, und wahrscheinlich nur ablehnend oder anders emotional und streitend reagieren. Zu jeder Begabung des Geistes gehört nämlich auch das entsprechende Herz, das demgemäß empfindet, passende Interessen hat und entsprechend dem Herrn und der Gemeinde dienen will. Dieses Herz gilt es rein zu erhalten, denn geduldete Sünde (z. B. üble Nachrede) führt dazu, dass der Geist Gottes im Leben dieses Menschen gedämpft oder gar ausgelöscht wird. Entsprechend schwindet aber auch die Erkenntnisfähigkeit in geistlichen Dingen, denn »es ist ihm Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt wird« (1. Korinther 2,14b). Der Apostel Paulus stellt uns zur ernsten Erwägung und Selbstprüfung diese Wahrheit vor die Herzen: »Und ich , Brüder, konnte nicht zu euch reden als zu Geistlichen, sondern als zu Fleischlichen, als zu Unmündigen in Christus.« (1. Korinther 3,1). Daher ist diese Diskussion nicht nur eine des Verstandes, sondern des Gewissens, sie spricht uns nicht nur intellektuell, sondern auch moralisch an.

Herzliche Grüße

Dein
Gottlieb


[1]      Der Begriff der Auserwählung, des Wählens bedeutet nach den griech. Wörterbüchern heraus-wählen, aus-wählen, bestimmen (für ein Amt), eine Wahl treffen (z. B. Strong #g1536„to pick out, choose, to pick or choose out for one’s self“).

Die angebliche Sensation des Ken Wilson

Eine Rezension von: War Augustinus der erste Calvinist?

Vor einiger Zeit wurden Nachrichten und Vorträge verbreitet, dass ein gewisser Ken Wilson eine Sensation entdeckt hätte, nämlich dass der Kirchenvater Augustinus schon ein „Calvinist“ gewesen sei. Eine deutsche Kurzfassung der „bahnbrechenden Dissertation“ von Wilson aus dem Jahr 2018 trägt tatsächlich den Titel: „War Augustinus der erste Calvinist?“ (CMV-Hagedorn, Pb., ca. 156 Seiten, ISBN: 978-3-96190-062-6). Die Doktorarbeit lautet hingegen: „Augustine’s Conversion from Traditional Free Choice to “Non-free Free Will“: A Comprehensive Methodology“ (Tübingen: Mohr Siebeck, 2018, 388 Seiten, ISBN 978-3-16-155753-8).

Autor: Kenneth M. Wilson wurde 1956 geboren. 1981 wurde er Doktor der Medizin (!) an The University of Texas Medical School. 1989–95 war er Assistant Professor of Orthopaedic Surgery an der Oregon Health Sciences University. 2003 errang er den Titel Master of Divinity, 2006 den Titel Master of Theology und 2012 den Titel D. Phil. in Theologie von der University of Oxford. Gegenwärtig ist er ein zertifizierter Orthopaedic Hand Surgeon in Salem, Oregon und zugleich Professor für Kirchengeschichte und Systematische Theologie an der Grace School of Theology in The Woodlands, Texas, der Ausbildungsstätte einer christlichen Sondergruppe (Glaubensbekenntnis; bemerkenswert ist folgende schriftwidrige Behauptung dieser Bibelschule in ihrem Doctrinal Statement: »Initial faith resulting in justification and regeneration is not a gift of God.«).

Inhalt: Eine Diskussion und Beurteilung der Behauptungen der Doktorarbeit von Ken Wilson findet sich an mancher Stelle. Eine davon fertigt(e) Chris Whisonant an, sie ist hier veröffentlicht. Die Inhaltsangabe davon mit kurzen Zusammenfassungen wird unten abgedruckt. Die Überschriften enthalten Links zu den vollen Artikeln. Aber Vorsicht: das zugrundeliegende Studium ist nichts für Anfänger. Allerdings könnte selbst ein Laie mit etwas Bildung erkennen, dass Augustinus (354–430) rein zeitlich niemals ein Anhänger Calvins (1509–1564) oder dessen Lehren gewesen sein konnte. Ob diese Behauptung Geschichtsklitterung, Dummheit oder Effekthascherei ist, mag jeder selbst beurteilen.

Nach Einschätzung von Kennern der Materie ist zu befürchten, dass sich am Ende der 388 Seiten (des Originals) die Sensation des Ken Wilson als lahme Ente erweist, oder – wie der alte Goethe es sagen würde–: »Getretener Quark wird breit, nicht stark.« (Westöstlicher Divan, 1819/1827).

Chris Whisonant: Discussing Ken Wilson’s Work – A Table of Contents

»Below you will find a Table of Contents with all of my posts in this current series. I will link to each post and provide a brief synopsis of its argument, typically a summary of each post’s conclusion.

Part 1 – Clement and Free Will

Dr. Wilson argues that when Clement stirred up the believers in Corinth to good works that the implicit logical consequence must only be libertarian free will. If this is clear through implication, what of  the explicit statements relating God’s will to our calling, justification, and opening of the eyes of our hearts that Clement understood believers are predestined and elected by God? By simply looking at the actual writing of Clement, there would be more data demonstrating that he was on the “traditional” belief in election as it relates to God’s purpose of salvation.

Part 2 – Augustine, 412, and Original Sin

Upon hearing that infants should be baptized not to remit original sin but simply to sanctify them, Augustine realized that this was not part of what he understood as the Christian faith handed down through the ages. He understood that the Church “guarded with utmost constancy” the doctrine that children were sinners due to their inheriting original sin from Adam. Therefore, his immediate argument was that the Church was against this novel doctrine of Pelagius and that infants should have always been baptized to cleanse them of their sin. If there was a side that Augustine would have understood as “traditional”, it was that side guarded by the Church that believed the transmission of original sin from Adam needed to be washed away in infants so that they could be clean and free from sin until such a time as they committed their own personal sin.

Part 3 – Some Earlier Comments from Augustine on Original Sin

Augustine spoke about the inherited sin nature by the sin of the first man very early in his Christian life in the year 393. And then in 401 we could see Augustine discussing the need for remission of sins by baptism in infants. The remission of sins was to renovate them from the sins of the old man. Augustine was saying something that the “traditional” advocate would not be able to say while being consistent with their own writings. Could a Provisionist say that “the custom of sinning has been turned into a nature of sinning according to mortal generation, by the sin of Adam”? That’s the language of Augustine before he explicitly wrote lengthy treatises on Original Sin.

Part 4 – Athanasius and Original Sin

Athanasius spoke of an origin of death from Adam, a curse of sin, and death being removed through regeneration from above and a quickening in Christ. At the very least, Athanasius shows that the church before Augustine was talking in ways that sound less “traditional” than the Provisionist would like.

Part 5 – Using Equal Scales in the Discussion

Wilson has also asserted that Biblical calls to repent or wake up must mean that man has that capability within himself to fulfill that call. In this post we see a similar statement by Mani where one is told to awaken. The “traditionalist” would read these statements in Scripture as meaning that man has moral ability to heed the call himself and wake up, but the same person will read some type of determinism into a statement by Mani. I would urge that we try to be consistent with regards to how we interpret passages based off of our presuppositions. I am in no way trying to defend the statement by Mani – he was, as we have seen, not even talking about the Christ of the Bible as the Redeemer but rather was talking about Zoroaster! What I am trying to do is to urge you to consider whether you are using the same criteria when you read traditional libertarian free will into early church fathers but not into what Mani was saying.

[Part 6 –] The Depths of Augustine’s Manichaeism

This foundational part of “faith” (a “Redeemer” known as Zoroaster,who Wilson equated with Christ, commanding one to awake from their slumber and that Redeemer gave the grace for someone to even be able to awaken) that Augustine supposedly snuck into Christianity was approved by Augustine, per Wilson. Yet it does not take into account that Augustine was quite explicit that the “faith” he had as a Manichaean was disapproved of by him. Certainly this “faith” would include such non-catholic beliefs in astrology and the false god along with Zoroaster the Redeemer in Manichaeism.

Part 7 – What If We Rewrite the Stars?

After reading this post, does it sound to you like Augustine was still under the influence of Stoic Providence guided by the stars in 388 and 398 (as well as from 393 and 397 in quotes below) when he explicitly denied the influence of stars over the birth of any man? As Augustine stated in Confessions, he had abandoned any type of atrological determinism by 386 – even before he was converted! When you have direct and explicit denials by Augustine of the assertions that Wilson is making, you have to ask yourself why Dr. Wilson is treating Augustine the way that he is. Augustine, in writings from 388-401 categorically denied any assertion that he continued to worship the heavenly bodies.

Part 8 – Council of Carthage

As this post demonstrates, the statements that Dr. Wilson made regarding the Council of Carthage do not hold water when we look at the actual document. They did believe that the church universal was baptizing infants and that it was to remit the sin that was in them as a result of generation from Adam.

Part 9 – Breaking The Silence of Augustine

Even excluding Ad Simplicianum we can see that Augustine spoke with similar language in the 10 years surrounding that letter. We see that what Dr. Wilson has conceded as non-traditional language in Ad Simplicianum is echoed by further non-traditional language in other works around that time (and the quotes that I have posted above are not exhaustive). If Augustine believed in 396 what he wrote in Ad Simplicianum, then Wilson’s entire thesis is a house of cards. But Dr. Wilson has stacked this house of cards on a single card at the bottom in order to serve as the firm foundation for this flimsy house. That single card is the fact that the word “reatus” is never found to be used prior to 412. This means that nobody believed that there was damnable guilt associated with original sin. But I have clearly just shown that Augustine, at least in 401, did believe in the inherited guilt of original sin such that he would recommend that children must be baptized to cleanse and regenerate them.

Part 10 – On The Magnitude of The Soul

When Augustine’s own words are read he appears to have spoken in a “non-traditional” way. I simply ask, yet again, if the things that Augustine wrote in this work are statements that the provisionists could agree with. Can they say that man cannot even begin or complete the renovation of spirit without God helping him to do that? Can they say that our use of free will “does not disturb any portion of the divine order and law”? These are serious questions that undermine much of Dr. Wilson’s thesis.

Part 11 – On Psalm 51 and Original Sin

After reading through some of Augustine yourself, it should be clear that it is anything but Wilsonian “Traditionalism”. As I have shown, Augustine not only says that children are born guilty (with a lack of innocence) but that they are further born with punishment upon them which makes them need the washing of regeneration in baptism. Guilty persons (infants) in need of regeneration, according to Augustine’s understanding of the catholic faith, would face the punishment of damnation.

Part 12 – On Psalm 51 and Concupiscence

This post is yet another that demonstrates the extreme prejudice employed by Wilson in his reading and assessment of Augustine. As a committed Protestant Baptist in the 21st Century, when I began reading Augustine in 2017 I approached it with no agenda. I knew that there would be many things that Augustine wrote with which I would agree and many with which I would disagree. But I have not approached my reading looking for a way to either assimilate Augustine into my tradition or accuse him of heresy from the start. My reading has been fruitful and a blessing. Dr. Wilson’s approach to Augustine appears to have been started with a bias and an effort to make Augustine someone that he was not.

Stay tuned for further posts…«

Sonnenfinsternis – Wo Phantasie die Wahrheit verdunkelt

Eine Rezension und biblische Kurzbeurteilung von:

Thomas Jettel, Herbert Jantzen
Kann ein Christ zu einem Nichtchristen werden?
CMV – Christlicher Missions-Verlag Bielefeld, 2010. Brosch., 109 Seiten | ISBN 978-3867015028

Der Herausgeber ist ein kleiner Verlag (e. V.), der von Mitgliedern der Mennoniten-Gemeinde Bielefeld ins Leben gerufen wurde (Webseite). Diese christliche Gruppe pflegt traditionell ein arminianisches Verständnis der Heilslehre und geht von der Unsicherheit und Verlierbarkeit des Heils in Christus aus. Das besprochene Werk ist Teil der CMV-Aufklärungsreihe. In dieser Reihe werden aus Sicht der Mennoniten wichtige Themen aufgegriffen, wie Gender, Erwählung, Heilssicherheit oder „das Äußere” (Kleidung).

Die beiden Autoren kommen aus unterschiedlichen Hintergründen, arbeiten jedoch seit einigen Jahrzehnten zusammen. Der Kanadier Herbert Jantzen (*1922) studierte am Canadian Mennonite Bible College in Winnipeg Theologie und Erziehungswissenschaften und war 1971–1981 Professor für Dogmatik an der FETA Gießen. 1999 kehrte er nach Kanada zurück. Der Österreicher Thomas Jettel (*1959) studierte an der STH Basel und wurde nach einer vorübergehenden Mitarbeit in Gemeinden im Salzburger Land (A) in den 80er und 90er Jahren und einer Umkehr zu einer anderen Heilslehre freier Prediger, dann Ältester einer Gemeinde in Hohentengen. Er arbeitet seit 1997 mit Herbert Jantzen zusammen.

Zum Inhalt. Die Autoren gehen davon aus, dass jemand, der an Jesus Christus glaubt, das Ewige Leben hat. Soweit biblisch richtig. Dann stellen sie die unbelegte und recht steile These auf, dass ein solcher mit Ewigem Leben beschenkte und „von-oben-geborene” Mensch seinen Glauben wieder restlos aufgeben könne, so dass alle Verheißungen und Folgen der Wiedergeburt von oben wieder genommen würden und so dieser Mensch auf dem Weg ins sichere Verderben der Hölle sei. Die biblische Lehre von der ewigen Heilssicherheit der Glaubenden schließe die Möglichkeit des Abfalls Wiedergeborener nicht aus. Die Heilssicherheit des Gläubigen einerseits, und die Möglichkeit, aufzuhören zu glauben, andererseits, seien biblische Lehren, die nicht im Widerspruch zu einander lägen. Platt gesagt wird hier die Meinung vertreten, dass der Mensch mittels des (eigenständigen) An- und Ausschaltens seines Glaubens sein ewiges Heil (eigenständig) an- bzw. ausschalte, der Heilsprozess mithin voll umkehrbar und voll in exklusiver Verfügung des betreffenden Menschen sei.

Beurteilung. Erstens werden in dieser Sicht der ewige Wille Gottes und seine ewigen und festen Besitzansprüche an die durch das Blut Jesu Erworbenen völlig außer (biblischer) Acht gelassen. Die Heilige Schrift lehrt als Wahrheit vielmehr, dass mit der Verleihung des Ewigen Lebens durch Gott unumkehrbare Dinge bei einem Menschen geschehen, denn Gott verändert ihn und Seine Beziehung zu ihm radikal (bis ins Zentrum des Wesens) und pervasiv (alles umfassend und durchdringend), sowohl initial (Stellung) als auch beständig (Glaubensleben). Die entsprechenden Gnadenhandlungen Gottes (d. h. einseitige Geschenke Gottes, beachte das betonte »ICH werde«) werden z. B. in Hesekiel 36 prophetisch vorausschauend bzgl. Israel und dem Neuen Bund im Alten Testament aufgezählt. Diese Segnungen des Neuen Bundes gehören zum Hintergrund des Gespräches Jesu Christi mit dem jüdischen Obertheologen Nikodemus (Johannes 3) zur Erklärung der Möglichkeit und Weise der geistlichen Neugeburt (Wiedergeburt, Geburt-von-oben-her):

»Und ich werde reines Wasser auf euch sprengen, und ihr werdet rein sein; von allen euren Unreinheiten und von allen euren Götzen werde ich euch reinigen. Und ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben; und ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Und ich werde meinen Geist in euer Inneres geben; und ich werde bewirken, dass ihr in meinen Satzungen wandelt und meine Rechte bewahrt und tut.«

Hesekiel 36,25-27 (ELBCSV)

Beachtenswert ist, dass auch das Bleiben eines Wiedergeborenen in einem Gott wohlgefälligen Leben in praktischer Heiligung zu diesen gnädigen Wirkungen gehört und mithin sicheres und bleibendes Gottesgeschenk und nicht fragwürdige menschlich-volatile Entscheidung ist. Es geht um Segnung und nicht um Verdienst. Dass dies so göttlich-sicher geschieht und bleibt, ist verbunden mit dem bleibend hochgelobten Namen und der Ehre Gottes (Hesekiel 36,32; vgl. Römer 3,21–28; Epheser 2,4–10).

Zweitens stellen die Autoren mit ihrer Lehre den Dienst Jesu Christi als Hoherpriester als fehlbar hin. Dieser ist jedoch vollkommen und wirksam: »Ich habe gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre« sagt Jesus zu Petrus nach dessen größter Sünde in dreimal wiederholter Leugnung Jesu (Lukas 22,31f). Jesu Blick (Lukas 22, 61–62) und seine Wiederherstellung und Indienststellung des Petrus (Johannes 21,15–19) reden, vor allem im Vergleich zum lange vorher in der Schrift angekündigten Verräter Judas Iskariot, Bände. Petrus gehörte zu denen, die durch Jesu Wort rein waren (Johannes 15,3), Judas hingegen war nie etwas anderes als ein Verräter und Teufel (vgl. Johannes 6,70; 13,2): »Als ich bei ihnen war, bewahrte ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast; und ich habe sie behütet, und keiner von ihnen ist verloren gegangen – als nur der Sohn des Verderbens, damit die Schrift erfüllt würde.« (Johannes 17,12).

Drittens wird der Dienst Jesu als Großer Hirte Seiner Schafe als unvollkommen verleumdet. Johannes 10 und 17 (u. a.) machen sehr klar, dass Jesus keinen der „Seinen” verliert, die Ihm der Vater anvertraut hat, sondern allen ewiges Leben gibt: »Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie gehen nicht verloren in Ewigkeit, und niemand wird sie aus meiner Hand rauben.« (Johannes 10,27-28). Wer wie die Autoren das Gegenteil einräumt, verleumdet Jesu Hirtentreue und Seine Macht als Gott, der Sohn.

Viertens: Bei der Rettung bekommt der Glaubende unwiderrufliche Rechtstitel zuerkannt. Dazu gehören: das Recht, Kind Gottes zu heißen; die Adoptionsurkunde als „an Sohnes statt Angenommener”; die Rechtfertigungsurkunde des Obersten Weltenrichters, ohne Revisionsmöglichkeit; den Erbschein als Miterbe Christi, (usw.). Dies ist alles im NT klar bezeugt. Keiner dieser Titel wird als „Leihtitel” oder „Bewährungstitel” ausgeteilt, sondern als göttlich feste Zusage im Indikativ des unwiderruflich Faktischen.

Der Beweis, dass kein Mensch sich durch Treue, Werke, Entschiedenheit (o. ä.) den Weg in den Himmel selbstständig bahnen oder erhalten kann, ist längst erbracht. Daher baut Gott Sein Heil auch nicht auf den Willen und die Tat eines sündigen oder „bekehrten” Menschen, sondern auf den Willen, die Tat und das Sterben und Auferstehen Jesu Christi, Seines Sohnes, auf: »Aus ihm aber seid ihr in Christus Jesus, der uns geworden ist Weisheit von Gott und Gerechtigkeit und Heiligkeit und Erlösung; damit, wie geschrieben steht: „Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn.”« (1. Korinther 1,30-31).

Fünftens: Es wäre ein Anfängerfehler, davon auszugehen, dass jede Art des Glaubens (als Tugend verstanden) rettend sei, dass es keine kategorisch unterschiedlichen Glaubensarten gäbe. Auch Dämonen glauben (Jakobus 2,19) –und zwar beständig–, aber sie waren und sind nie gerettet. Menschen glauben, solange sie spektakuläre Wunder sehen, die ihnen nützen (Brotglaube, Zeichenglaube). Weiterhin ist biblisch belegt, vorausgesagt und evident, dass Menschen biblische Glaubensinhalte mit falschen Inhalten und Lehren vertauschen (z. B. dem religiösen Asketismus, 1. Timotheus 4,1–3). Der rettende Glaube hingegen (manchmal als echter oder lebendiger Glauben bezeichnet) rettet, und zwar 100 Prozent sicher. Der Apostel Johannes lehrt unmissverständlich: Wer „den Glauben aufgibt” und die Gemeinde dauerhaft verlässt, fällt nicht vom sicheren Heil ab, verliert nicht das ewige Leben (usw.), sondern war nie gerettet, war nie „von uns” (1. Johannes 2,19).

Die Autoren gehen von einem in der Schrift nie vorkommenden, konstruierten Fall aus und bauen davon ausgehend Schlussfolgerungen auf. Wenn aber Prämissen falsch sind, werden die Schlussfolgerungen notwendigerweise auch falsch. Die Autoren verletzen das Auslegungsprinzip, dass sog. „schwierige Stellen” stets anhand klarer Stellen (s. z. T. o.) zu beleuchten sind. Durch Missverständnisse über die Treue und Macht Gottes und dem Werk Jesu besteht die Gefahr, dass sie Gott klein machen und zu einem ohnmächtig vor dem autonomen Menschen stehenden Retter degradieren. Die Ermahnungen und Drohungen Gottes sind trotzdem ernst zu nehmen, da die Heiligung das Mitwirken des Glaubenden einbezieht (Philipper 2,12–13). Für die Schar der nichtglaubenden Bekenner und der Mitläufer (vgl. Hebräer 6: »diejenigen« versus »euch, Geliebte«) haben alle mahnenden Stellen eine unsagbar wichtige Funktion: aufzurütteln, zu prüfen, ob man wirklich im Glauben steht (wie Paulus den Korinthern schreibt; 2. Korinther 13,5).

Fazit: Wer durch die Brille des Jettel-Jantzenschen Buches und damit durch die Brille der mennonitischen Sonderlehren auf die Lehre des Wortes Gottes über das Heil Gottes schaut, bekommt leider eine verzerrte und verfinsterte Sicht auf Gottes strahlende Größe und Herrlichkeit im Rettungswerk. Hier offenbart sich letztlich das Unheil schräger Theologie und „heiliger Lehrtraditionen”. Eine angemessene biblische Widerlegung der falschen und der lückenhaft einseitigen Aussagen der Autoren würde wieder ein Buch noch größeren Umfangs fordern. Dann lese man besser gleich ein gutes, biblisch richtiges Werk über die Heilslehre der Schrift und lasse die Sonne und das Licht der Wahrheit in die Seele und den Verstand leuchten. Denn diesseits der Ewigkeit sind wir alle noch Unvollkommene und Lernende und Erkennende. Das Sonnenlicht des Wortes der Wahrheit ist in diesem Wachstumsprozess hilfreicher als die Dunkelheit menschlicher Sonderlehren.

»Die Vorschriften des HERRN sind richtig und erfreuen das Herz; das Gebot des HERRN ist lauter und erleuchtet die Augen.« (Psalm 19,9)

Dünnes Brett: Streitenberger gegen Strohmänner (Rezension)

Peter Streitenberger
Die fünf Punkte des Calvinismus aus biblischer Perspektive
VTR, 2012, Pb., 67 Seiten | ISBN: 978-3941750425

Der Herausgeber, der Nürnberger Verlag für Theologie und Religionswissenschaft (VTR) veröffentlichte 2012 dieses 67-seitige Büchlein Streitenbergers in der Reihe „Zur Diskussion gestellt”. Beworben wird es hingegen nicht als Diskussionsbeitrag, sondern als Buch, das den Leser von der Bibel her überzeugen will: »Die vorliegende Abhandlung befasst sich mit dem unter Christen durchaus umstrittenen Thema der Erwählungslehre, insbesondere mit den so genannten fünf Punkten des Calvinismus und versucht, den interessierten Leser zu einer eigenen, von der Bibel her begründeten Überzeugung zu verhelfen.« (Buchrückseite).

Das Vorwort wurde von Franz Graf-Stuhlhofer, einem Historiker aus Wien, verfasst. Stuhlhofer studierte in Wien Geschichte und Naturwissenschaften und promovierte 1980 dort zum Dr. phil. mit einer Untersuchung zu Astronomie und Humanismus nach 1500. Er versucht in seinem über 6-seitigen Vorwort Gründe zu finden, warum Christen in manchen Fragen des Heils unterschiedliche Antworten vertreten. Überdies deutet er auch eigene Positionen an, die meist dem arminianischen Theologiesystem entsprechen (z. B. anonym-kollektive Erwählung) und daher gut zu der Position des Autors passen. Stuhlhofer karikiert abschließend in herabwürdigender Weise Gottes Heilswirken zusammenfassend so: »Alle jene Menschen, die sich von Gott ein JA abringen lassen, gehören zu diesem Überrest – damals wie heute.« (S. 11).

Der Autor, Peter Streitenberger (*1979), ist Diplom-Sozialpädagoge (FH). Er hat im Zweitstudium Germanistik und Philosophie studiert. Dieses kleine Buch gründet sich auf die Magisterarbeit des Verfassers, die 2010 von der Universität Eichstätt-Ingolstadt angenommen wurde. Er „recycelte” und verkürzte dabei eine längere Ausarbeitung, die schon etliche Jahre vorher in PDF-Form oder als E-Book im Internet herumgeisterte und 2007 im Christlichen Mediendienst Hünfeld (CMD) von Wilfried Plock unter dem Titel Die Fünf [sic!] Punkte des Calvinismus – Eine Antwort– 2007 herausgebracht wurde (159 Seiten, ISBN 978-3-939833-08-6; Rezension hier). Ein dort ca. 60-seitiger bibelorientierter Abschnitt zu „Umkämpfte Schriftstellen“ fehlt indessen in dem hier besprochenen, wesentlich kürzeren Werk; umso mehr befremdet der Titel dieser Magisterarbeit. Streitenberger ist auch wegen seiner anti-calvinistischen Beiträge (und deren Stil) auf der Webseite bibelkreis.ch bekannt geworden.

Zum Inhalt: Die Heilige Schrift stellt das Heilsangebot Gottes an uns Menschen in Jesus Christus überzeugend, klar und einladend vor. Streitenberger bezieht in dem Spannungsfeld zwischen der Souveränität Gottes und der Verantwortung des Menschen in der Frage der Heilsaneignung Stellung. Er geht dieser Frage indes nicht „evangelikal” nur aufgrund der Offenbarung Gottes –der Heiligen Schrift– nach (wie es der Titel vermuten lässt), sondern liefert seine persönliche Meinung, gezielt auf einen einige Jahrhunderte alten Lehrstreit zwischen sog. „Calvinisten” und „Arminianern”. Er nimmt dabei im Wesentlichen gegen die calvinistische (und hyper-calvinistische) Sicht Partei und greift „Die Fünf Punkte” eines größeren Kirchenkonzils gegen einige Protestler („Remonstranten”) in den Niederlanden an. Das ist an und für sich schon nicht sehr originell; viele haben dazu Lesbareres, Systematischeres, Biblischeres und Überzeugenderes geschrieben. Zudem besteht „der Calvinismus” nicht und bestand niemals aus nur und genau diesen fünf Punkten. Diesen historischen und dogmengeschichtlichen Irrtum sollten Vorwortschreiber und Herausgeber VTR eigentlich erkannt haben. Dem Versprechen im Titel „aus biblischer Perspektive” wird der Autor mangels sorgfältiger exegetischer Arbeit am Text der Heiligen Schrift leider nicht gerecht. Warum solches „Noch-einmal-bekannte-Argumente-aufzählen”, verkürzt entnommen aus schon längst Veröffentlichtem, die Anerkennung einer Magisterarbeit bekommen konnte, entzieht sich meiner Kenntnis.

Zum Stil: Eine Magisterarbeit muss auch in einem (zugegeben) kontroversen Thema beide Seiten sachlich richtig zitieren und ausgewogen darstellen. Sie entspricht heute einer Master-Arbeit, soll also gehobenen Ansprüchen an Form und Inhalt genügen. Wissenschaftliche Sachlichkeit und Korrektheit ist akademisches Muss. Wohltuend ist, dass Streitenberger seine öffentlichen Formulierungen, wie »das calvinistische Übergehungs- und Vergewaltigungsevangelium«, »die Sekte der Calvinisten« u. ä., in diesem Büchlein nicht wiederholt. Einige Rezensenten haben öffentlich kritisch angemerkt, dass Streitenberger unversöhnlich, reißerisch und unsachlich gegen Calvin und die reformatorische Heilslehre schreibt. Der Stil der Jesuiten der Gegenreformation findet heute wieder ein Echo in den Romanisierungsbestrebungen innerhalb des (ehemaligen ) Protestantismus. Das Werk des Autors Streitenberger hätte mit Wahl eines sachlicheren Stils und gründlicherer Erarbeitung sicher leicht Respekt gewinnen können.

Calvinismus”: Damit wird dehnbar alles das bezeichnet, was nicht in das Theologiesystem des „Arminianismus” passt und/oder in dieser Theologie verachtet wird. Leider liefert die Lektüre des Büchleins von Streitenberger keine Klärungen, die für die Diskussion fruchtbar oder für die Interessierten und die Gemeinde Gottes sachlich oder geistlich hilfreich wären. Die Bibel hat offenbar für uns auch einige unbequeme Aussagen, „links” wie „rechts”. Sie klärt auch nicht alle Spannungen, die sich dem menschlichen Intellekt und der menschlichen Erwartungshaltung angesichts des göttlichen Wesens, Entscheidens und Handelns stellen. Erschreckend ist der Mangel, Gott Gott sein zu lassen, IHN anstelle dessen lieber in die Schublade (Super-) Mensch eigener Vorstellungen zu pressen: „er” muss so klein sein, dass er in unsere Vorstellungen vom lieben Gott passt und so uns gefällt. Psalm 135,6 sagt: »Alles, was dem HERRN gefällt, tut er in den Himmeln und auf der Erde…« (ELBCSV). Ergo: Sein Wille und Sein Wohlgefallen (inkl. Vorsehung) sind der Urgrund alles Seienden und Geschehenden.

FAZIT: Ein Sozialpädagoge wünscht sich vielleicht lieber einen „menschlicheren” Gott, einen Partner auf Augenhöhe, oder –wie Stuhlhofer– einen Sanitäter, der fast verzweifelt um die Aufmerksamkeit und das zustimmende Kopfnicken des Sünders ringt, weil Ihm sonst etwas fehle. Aber Gott ist schon so, wie ER ist, absolut perfekt. Schon immer. Auch für Sein im Wort und in Christus geoffenbartes Heilshandeln gilt unumschränkt: »Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge; ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen.« (Römer 11,36 ELBCSV). Wer das verstanden hat, hat angefangen zu verstehen, was es bedeutet, „durch die Gnade”, also als reine Gottesgabe, errettet zu sein (vgl. Epheser 2,8–9). Gott ist –nach der Heiligen Schrift– dann Gott und nicht Ab-Gott, wenn gilt: Soli Deo Gloria.

Es gibt schon lange viel Besseres, und –leider– auch noch viel Schlechteres, als diese Magisterarbeit von Streitenberger. Das Büchlein ist die Mühe des Lesens nicht wert.

Wir müssen den Zirkel bei der Liebe Gottes einstechen! – Wirklich?

Ein Redner und Autor der evangelikalen Szene behauptete in einer Diskussion, dass die Calvinisten“ ihren Zirkel fälschlicher Weise immer bei der Souveränität Gottes einstechen würden. Dies sei deren Kernproblem und mache ihre Theologie falsch. Richtig sei hingegen, dass man den Zirkel bei der Liebe Gottes einstechen müsse – und dann erst würde die Theologie (und insbesondere die Heilslehre) richtig.

Bevor wir uns in eine Diskussion Liebe“ versus Souveränität“ Gottes hineinziehen lassen (welche der bibellesende Gläubige überhaupt nicht verstehen kann, da er hier keinen Gegensatz, sondern vollkommene Harmonie sieht), sollten wir einen Schritt zurücktreten und uns ernsthaft einmal fragen: Dürfen wir überhaupt den Zirkel irgendwo, das heißt, in einem Einzelaspekt, in das Wesen Gottes stechen und die so gewählte Wesensart (Vollkommenheit) Gottes zum Zentralen oder Wichtigsten erklären? Ist uns solches eklektisches Denken, Priorisieren und Wählen (samt dem damit einhergehenden Ab-Wählen!) überhaupt erlaubt? Tiefer gefragt: Zeigt sich hier nicht einmal mehr, dass der gefallene Mensch zwar unheilbar religiös“ (Nikolai Berdjajew, 1874-1948), aber zugleich ein unermüdlicher Fabrikant von Götzen“ ist, von selbstgestalteten Gottesbildern, die der menschlichen Phantasie, den menschlichen Wünschen, Gefühlen und den menschlichen Vorlieben entsprechen? Menschliche Vorstellungen des Guten werden übersteigert an den Himmel geworfen (Ludwig A. Feuerbach: »Gott ist der Spiegel des Menschen.«). Das Ergebnis davon wird aber stets kategorisch (und nicht nur graduell) die in der Heiligen Schrift selbstgeoffenbarte Realität des Ewigen, Der da ist, verfehlen. Das ist tragisch. Aber noch schlimmer ist: Das Ergebnis wird zum Gegenentwurf. Wenn ER sich uns nicht offenbart, wissen wir nicht, wer ER ist. Nun aber hat ER sich uns geoffenbart in der Summe Seines Wortes, der Heiligen Schrift. Dieser Offenbarung Gottes im Wort darf man weder mit Zirkel noch mit Schere zu Leibe rücken, sonst ist das Ergebnis ein Ab-Gott, ein Götze, ein Idol, ein Nichts (Psalm 96,5). Zirkelstecher“ produzieren unausweichlich Nichtse.

D. A. Carson schrieb allen Zirkelstechern“ folgende Warnung ins Stammbuch:

»…to avoid distortion we should reflect on the love of God only in conjunction with reflection on all of God’s other perfections. Otherwise there will be a tendency to pit one attribute of God against other attributes of God, to domesticate one or more of God’s characteristics by appealing to the supremacy of another. If we rejoice in God’s love, we shall rejoice no less in God’s holiness, in God’s sovereignty, in God’s omniscience, and so forth, and we shall be certain that all of God’s perfections work together.«

D. A. Carson, Love in Hard Places (Crossway, 2002), S. 17

Carson liefert auch noch eine zweite, sehr notwendige Warnung vor selbstgebastelten Vorstellungen und Klischees über die Liebe Gottes, von denen es nicht wenige gibt, zum Beispiel Gottes Liebe kennt keine Bedingungen“:

»God’s love is unconditional. Is this true? Transparently, it is true of some of the ways the Bible speaks of the love of God. For instance, God’s providential love is unconditional, for it is poured out on the just and the unjust alike. God’s elective love is unconditional, for absolutely nothing can separate us from it (Rom. 8:31-39). But the love of God spoken of in the Decalogue and in John 15 and Jude 21 (i.e., the fifth in the list above) is explicitly conditional. Again, Christians often say, God loves everyone exactly the same way and to the same extent.” Is this true? In passages that speak of God’s love for the just and the unjust, it certainly appears to be true. In passages that speak of God’s elective love, it certainly appears to be false. And in passages that speak of God’s love being conditioned by obedience, then his love for different individuals will vary with their obedience.«

D. A. Carson, Love in Hard Places (Crossway, 2002), S. 17

Leseempfehlungen

  • D. A. Carson, Love in Hard Places. Wheaton, IL: Crossway, 2002.
  • D. A. Carson, The Difficult Doctrine of The Love of God. Wheaton, IL: Crossway, 2000.
  • J. MacArthur, R. Mayhue, Hrsg., Biblische Lehre: Eine systematische Zusammenfassung biblischer Wahrheit, (Berlin: EBTC, 2020), S. 217–254.
  • A. Tozer, Das Wesen Gottes: Eigenschaften Gottes und ihre Bedeutung für das Glaubensleben. 3. Aufl., Berlin: EBTC, 2019. [Zitat: „Solange unsere Vorstellungen von Gott falsch oder unangemessen sind, ist es unmöglich, unser Verhalten und unsere innere Einstellung gesund zu erhalten. Wenn unser Leben wieder geistliche Kraft bekommen soll, müssen wir damit beginnen, so über Gott zu denken, wie er in Wirklichkeit ist.“]

Wenn Wörter ihren Sinn verlieren – Der Erwählungsbegriff der „Arminianer“

Ein alter Trick, um bei feststehenden Begriffen oder Konzepten neue Inhalte oder Deutungen einzuführen, ohne sich einer Konfrontation zu stellen oder eine Begründung zu liefern, ist die Äquivokation.

Äquivokation ist das Substantiv zum Adjektiv äquivok. Die etymologische Abstammung liefert: spätlateinisch aequivocus gleichlautend, mehrdeutig“, aus aequus „gleich“ und vocare „nennen, lauten“.

Wikipedia und Wiktionary (https://de.wiktionary.org/wiki/äquivok [28.07.2020])

Bei der Äquivokation behält man das (vertraute und akzeptierte) Wort bei, ordnet ihm aber abweichende neue Inhalte und Bedeutungen zu. Man bezeichnet also letztlich zwei unterschiedliche, oft sogar widersprüchliche, Inhalte mit dem selben Begriff. Dass dies zum Missverständnis führen muss, leuchtet ein: Wo die Begriffe nicht geklärt sind, ist das Gesagte nicht das Gemeinte. Dies geschieht manchmal unbewusst, manchmal absichtlich, meistens jedoch schleichend langsam und sprachlich verdeckt. So können entgegenstehende Parteien dasselbe Wort verwenden und damit den Eindruck von Übereinstimmung erzeugen, aber trotzdem unterschiedliche Inhalte meinen und festhalten. Ursachen oder Beweggründe für solches Reden können beispielsweise sein: Irrtum (Unwissenheit über den Begriff), Irreführungsabsicht (Täuschung über das Gemeinte), Vermeidung von Konfrontation (Scheinbare Übereinstimmung), Wunsch nach Umdeutung von stehenden Begriffen (Aussagenveränderung). Die Sprache der Diplomatie, die Sprachvorschriften der Political Correctness, viele Euphemismen und die Erzeuger von Fake News bedienen sich immer wieder der Äquivokation.

Aber leider zeigt auch die Kirchen- und Dogmengeschichte der Christenheit, dass sich „innovative Lehrer“ und Falschlehrer gerne des Tricks der Äquivokation bedienen, um falsche Ideen in der Kirche verbreiten zu können, ohne sofort erkannt und bekämpft zu werden ( »Täuschen und Tarnen«).. Sie verwenden einen bekannten und anerkannten Begriff der Bibel und füllen ihn schleichend mit neuen Inhalten. So gebrauchen römisch-katholische Lehrer wie protestantische Lehrer den Begriff der Gnade“ (Gottes), aber verbinden damit spätestens seit dem Gegenreformations-Konzil zu Trient (1545) einander unverträgliche, widersprüchliche Inhalte. Trotzdem sagen manche, dass Übereinstimmung dieser Konfessionen darin bestünde, dass doch beide lehrten, dass es ohne Gnade“ kein Heil gebe, man also eigentlich einer Meinung sei (»Gemeinsam bekennen wir: allein aus Gnade im Glauben an die Heilstat Christi, nicht auf Grund unseres Verdienstes, werden wir von Gott angenommen und empfangen den Heiligen Geist, der unsere Herzen erneuert und uns befähigt und aufruft zu guten Werken.« Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre, 15). Das trifft aber nicht zu (hilfreich hierzu: Wolfgang Nestvogel, Wann ist ein Christ ein Christ?)

Ähnliches geschieht bei den Romanisierungsansätzen der arminianisch denkenden Protestanten (sog. Remonstranten“, vulgo „Anti-Calvinisten“). Wenn sie beispielsweise von Gnade“ oder (Aus-) Erwählung“ reden, muss man genau aufpassen, was sie damit meinen. Dies ist nämlich klassisch meist etwas anderes, als das, was die Heilige Schrift mit diesen Begriffen fest verbindet. Gehen wir in diesem Beitrag also einmal kurz dem Begriff der Auserwählung/Erwählung/Wahl“ im Heil nach.

Bei der arminianischen Vorstellung der Auserwählung“ von Menschen durch Gott trifft Gott überhaupt keine Auswahl von Menschen, weder individuell noch kollektiv.
(1) Bei einer häufig anzutreffenden Variante dieser Vorstellungen sieht Gott in Seiner Allwissenheit „im Korridor der Zeit nach vorne“ (was per se eine absurde Vorstellung von der Erkenntnis des Ewigen ist!) und stellt dabei fest, was Menschen denken, entscheiden, sagen und tun (werden) und sich damit selbst erwählen bzw. einer heilsrelevanten Gruppe oder Kategorie von Menschen selbst zuordnen. Diesem allwissenden Beobachten“ entsprechend ist Gott dann verpflichtet/gebunden, einem Menschen das Heil in Christus zu geben oder aber ihm dieses Heil vorzuenthalten.

(2) Nach einer anderen Variante legt Gott allen Menschen ohne Ausnahme das Heil zum Ergreifen vor. Wer es ergreift, hat es dann (zumindest bis auf weiteres) erst einmal im Besitz; die Wahl liegt also alleine auf Seiten des Menschen, nicht bei Gott. Die notwendigen Qualifikationen und Bedingungen, die das Heil ermöglichen (!), wurden nach diesen Ansichten von Gott „(aus)gewählt“. Sie sind von Ihm im Evangelium benannt worden, z. B.: »Kehret um, glaubt dem Evangelium!« (Markus 1,14) oder »Nachdem nun Gott die Zeiten der Unwissenheit übersehen hat, gebietet er jetzt den Menschen, dass sie alle überall Buße tun sollen« (Apostelgeschichte 17,30). Gott darf auch noch auserwählen“, wer der Retter der Welt“ ist, nämlich Christus, der menschgewordene Sohn Gottes. Aber dann ist auch schon Schluss mit seinem Wählen“. Ihm bleibt der Zwang zur göttlich-ewigen Ratifizierung des zeitlichen Entschlusses völlig autonomer Menschen.

Wann diese Ratifizierung stattfindet, wird unterschiedlich gesehen: Authentische Nachfolger der arminianischen Lehre sehen dies erst bei Eintritt in die Ewigkeit (Tod des hoffenden, aber ungewissen, Glaubenden) als gesichert an. Andere wollen diese göttliche Bestätigung vorziehen in die Lebenszeit nach der Bekehrung (sog. „Ein-Punkt-Calvinisten“), oder zumindest (temporär) in jene Lebensphasen eines beständigen Bewährungslebens, in denen keine (anhaltend) ungebeichteten (groben) Sünden vorliegen (so oft in der sog. „Heiligungsbewegung“). Gemeinsam ist diesen Ansichten, dass es keine absolute Sicherheit des Heils (mithin keine Gewissheit des Heils) während der Lebenszeit gibt: Es kann immer noch jederzeit „schief gehen“, denn alles hängt am zur Sünde noch fähigen Menschen. (Dass dies contra Scriptura ist, kann jeder Leser der Schriften des Apostels Johannes wissen.)

Gottes „Entscheidung“ oder Wahl“ wird hier also völlig bestimmt (determiniert) von der „rettenden Tat“, dem „Bekenntnis“, dem „Glauben“, der „treuen Nachfolge“ des oder der betreffenden Menschen. Gott vollzieht in seinem Wollen, Wählen und Entscheiden nur noch das Wollen, Wählen und Entscheiden des/der Betreffenden nach. Er bringt keine eigene, unabhängige oder vorzeitliche Wahl mit ein oder setzt diese gar ursächlich und/oder monergistisch-souverän ein. Eine Freiheit, anders zu handeln, gibt es für Gott nicht, sonst wäre die Bedeutsamkeit der Entscheidung des Menschen prinzipiell untergraben und der Mensch nicht »der Herr seines Schicksals, der Kapitän seiner Seele« (Henley, Invictus). Und das ist natürlich für den sich autonom dünkenden Menschen eine Horrorvorstellung.

Alles, wozu Gott noch frei ist, ist das Liefern von allgemeiner (also allen Menschen gleich gegebener, mithin nicht-diskriminierender, nicht-erwählender) Gnade, evtl. in Form der allgemeinen Evangeliumspredigt (welche in der Menschheitsgeschichte aber nie oder seltenst real allgemein gegeben war) oder im nicht-diskriminierenden Ziehen aller Menschen zu Christus durch den Vater (Johannes 6,44) oder im nicht-diskriminierenden Wirken des Heiligen Geistes (Johannes 16,8–10; diese Stelle redet allerdings nur von der Zeit ab und nach Pfingsten, erklärt also zu wenig). Das Entscheidende tut hier der Mensch, es ist eine „mensch-zentrierte Heilslehre“, die Heilsaneignung und Heilsbewahrung hängt zentral und alleine am Menschen. Mit dieser Ausrichtung soll dann auch die Erwählung des Menschen seitens Gottes gedeutet werden.

Wie kann man dieses mechanische Nachvollziehen der Entscheidung einzelner Menschen (Sünder!) durch Gott eine Erwählung/Auserwählung/Wahl seitens Gottes nennen? Sklavisch-mechanisches Nachvollziehen ist keine (Aus-)Wahl. Hier wird etwas Wahl genannt, das keine Wahl ist. Der Trick der Äquivokation besteht darin, dass man noch den gleichen Begriff verwendet, ihn aber heimlich und schleichend mit anderen Inhalten gefüllt hat. Das hat die Röm.-kath. Kirche wie oben gesagt recht erfolgreich mit dem Begriff der Gnade gemacht (nebenbei: auch der Gnadenbegriff der Arminianer ist ein anderer, als der der Bibel). Arminianisch denkende Menschen verwenden den Begriff der Wahl für das strikte, unfreie Nachvollziehen der Entscheidung eines anderen (also einer extern vorgegebenen Entscheidung). Sie unterwerfen Gott damit einem menschlich gesteuerten Determinismus und nennen ihre Erfindung dann dreist Erwählung. Das ist ein Widerspruch in den Begriffen, eine contradictio in adiecto. Sie  liefert nichts Besseres als z. B. der Begriff „rundes Quadrat“. Die damit verbundenen Behauptungen sind also zwingend analytisch falsch. Es ist erstaunlich, dass Christen auf so etwas hereinfallen. Haben Sie nicht das Wort der Wahrheit?! Kann es sein, dass es dem Mahlwerk des Denkens nicht gut tut, wenn man es mit Kieselsteinen des Irrtums füttert?

Eine einfache Veranschaulichung, für Leute, die gerne mal à la carte Essen gehen. Nehmen wir also an, ich gehe in ein Restaurant, weil ich Appetit auf ein gutes Essen habe. Ich lasse mir die Speisekarte geben, auf der alle Wahlmöglichkeiten vermerkt sind. Das Schöne als Gast ist üblicher Weise, dass ich völlig frei aus der aktuellen Speisekarte wählen und bestellen kann und dann nach einer Zubereitungszeit genau das Gewählte erhalten werde. Das ist meine Freiheit als König Gast“: Der Wirt wird mir das zubereiten lassen, was ich will, wozu ich mich entschieden habe, was ich bestelle. Ich entscheide mich für Cordon Bleu. So weit, so gut. Nun kommt der Wirt zu mir an den Tisch und sagt: „Schön, dass sie heute da sind. Ich habe für sie entschieden: Sie bekommen Bockwurst mit Senf und Brot, die Küche ist schon beauftragt. Im übrigen: Ich bin hier der Chef, tun Sie mir den Gefallen, die Bockwurst zu nehmen. Wenn ihnen das nicht gefällt, können sie ja gehen!“ Und genau das tun sie dann auch, denn so eine Behandlung lässt sich kein Gast gefallen. Immerhin ist der Kunde König und der Wirt ist Dienstleister. – Wenden wir das auf die arminianische Verwendung des Begriffs „Auserwählung/Erwählung/Wahl“  an. Und zwar so verkehrt herum, wie es dieses Konzept offenbar haben will: Gott ist hier der Gast und der Mensch spielt sich als Wirt auf. Gott als Gast/Kunde wird im arminianischen Denken keine Wahl gelassen (sie wird ihm nur vorgegaukelt), obwohl er der König ist, der gemäß seines freien Willens und seiner eigenen Wahl zu bedienen wäre. Der Sünder aber tritt als Wirt auf, der seinem Gast vorschreibt, was dieser bekommt, und ihm damit alle Wahlfreiheit nimmt. Am Ende behauptet der Wirt sogar noch frech, dass es der Wille und die Auswahl des Gastes/Kunden  gewesen wäre: dieser habe ja Bockwurst mit Senf und Brot „ausgewählt“.

Eine zweite Veranschaulichung, eine etwas kürzere, für technisch Denkende: Wenn ich im Stromlaufpfad zwischen Sicherung und Lampe einen Ein/Aus-Schalter anbringe, dann wird (ohne weiteres) die Betätigung des Schalters dazu führen, dass  die Lampe entweder aufleuchtet oder ausgeht. Welche „Freiheit“ und „Wahl“ hat nun die Lampe? Sie kann naturgesetzlich nur das tun, was der Schalter vorgibt. Die Lampe folgt rein „mechanisch“ (natürlich: elektrisch!) den elektrischen Gegebenheiten der Schalterstellung bzw. der Schalterbetätigung. Im arminianischen Denken agiert der Sünder frei durch Betätigung des Schalters, Gott reagiert sklavisch mit erleuchtender oder verdunkelnder Lampe. Der arminianisch Denkende behauptet aber, dass die Lampe „gewählt“ habe, ob sie brenne oder nicht, und zwar im Vorausblick auf die Betätigung des Schalters durch den Sünder – und dass die Lampe stets so „wähle“, dass Schalterbetätigung und Lampenzustand zusammenpassen. 

Wenn jetzt jemand bemerkt, dass hier Ursache und Wirkung vertauscht wurden, dann wird er wohl nicht sehr daneben liegen. Im biblischen Denken ist eben die Auserwählung die UR-Sache (die erste Sache), gewollt und gesetzt von einem mit Willen, Liebe und Weisheit ausgestatteten, vollkommenen Wesen, deren Wirkungen in der Zeit einseitige (sog. monergistische) Wirkungen und souveräne Gaben Gottes (wie Geburt-von-oben, Augen-Öffnung, Glaube, Buße usw.) sind, aber auch zweiseitige, die den erneuerten Menschen ganz in die Verantwortung und Reaktion auf das göttliche Neumachen und beständige göttliche Wirken am Menschen hereinnehmen. Von „Heil“ (!) (von der prozesshaften Heiligung, also nicht dem monergistischen, ewigen Erwählen und Heil) redet folgende Stelle:

»Daher, meine Geliebten, wie ihr allezeit gehorsam gewesen seid, nicht allein als in meiner Anwesenheit, sondern jetzt viel mehr in meiner Abwesenheit, bewirkt euer eigenes Heil mit Furcht und Zittern; denn Gott ist es, der in euch wirkt sowohl das Wollen als auch das Wirken, zu seinem Wohlgefallen

Philipper 2:12-13 (ELBCSV)

Fazit

Der biblische Begriff der (Aus-) Erwählung hat bei (wie oben dargestellt) arminianisch (meist anti-calvinistisch) Redenden den biblischen, mithin wahren, Sinn verloren. Iam pridem equidem nos vera vocabula rerum amisimus (Sallus, De Coniuratio Catilinae, Kap. 52 aus Catos Rede: „Schon längst haben wir doch die rechten Bezeichnungen für die Dinge verloren.“). Sprache ist aber (mit Humboldt) „das bildende Organ des Gedankens“. Wenn die Wörter nicht stimmen, nicht mehr den biblischen Inhalt transportieren, dann ist nicht nur das menschlich Gesagte nicht mehr das göttlich Gemeinte, sondern damit grundlegend die Kommunikation der Wahrheit verunmöglicht.

Um einem vermeintlichen, göttlich vorgegebenen Determinismus des Menschen in der Heilserlangung zu entgehen, weil dies ihrer Vorstellung von der Freiheit des Menschen widerspricht, unterwerfen arminianisch denkende Menschen Gott einem menschlich induzierten Determinismus. Gott wird entpersonalisiert und zum himmlischen Heilsautomaten degradiert, der mechanisch auf das Betätigen der Stellhebel durch Menschen reagiert. Der Mensch macht sich zur Schaltzentrale des Heilsgeschehens. Das ist Anmaßung und Perversion des Geschöpfes gegenüber seinem Schöpfer und HERRN. Noch immer geistert die verführerischste aller Lügen und Illusionen durch die Philosophien der Menschen: »Ihr werdet sein wie Gott!« (1.Mose 3,5).

Der Glaubende jedoch erkennt aus der Heiligen Schrift, dass Gott das freieste Wesen ist, und dass Sein Wille stets gut, wohlgefällig und vollkommen ist. Gott handelt stets mit Vorsatz und wirkt alles nach dem Rat seines Willens (Epheser 1,11), sei es im Schöpfungswerk oder im Heilswerk. Die Schrift bezeugt, dass die Summe und der Gipfel des Evangeliums Gottes mit Recht lautet:

»O Tiefe des Reichtums, sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes! Wie unerforschlich sind seine Gerichte und unergründlich seine Wege! Denn wer hat den Sinn des Herrn erkannt, oder wer ist sein Mitberater gewesen? Oder wer hat ihm zuvor gegeben, und es wird ihm vergolten werden?
Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind ALLE Dinge.
Ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen.«

Römer 11:33-36 (ELBCSV)

Weiterführende Hinweise

Folgende Hinweise sind geeignet, das Nachdenken der Gedanken Gottes bezüglich der (Aus-) Erwählung anhand des „Wortes der Wahrheit“ (Bibel) zu fördern:

  • Sowohl beim Heil (Errettung) als auch beim Unheil (Gericht) geht es zuallererst nicht um den Menschen, sondern um Gottes Verherrlichung. Es geht Gott stets darum, dass sein Name (seine Person und seine Herrlichkeit) vor allen Geschöpfen aufstrahle und verehrt werde. – Dies ist z. B. im Drama der Zehn Plagen im Buch Exodus gut zu verfolgen (s. z. B. 2Mose 7,3–5.16; 9,16; 10,1–2 usw.), aber auch explizite Lehre im Neuen Testament (z. B. Philipper 2,9–11; Römer 11,33–36; Offb 15,3–4; 19,1–5; 22,13).
  • Die (Aus-) Erwählung durch Gott zum Heil ist als Liebeshandeln Gottes zu verstehen. Die von Gott selbst gegebene Begründung für die Sonderbehandlung einiger, dass sie eben nicht gerechterweise verdammt, sondern gnädig gerettet und als Kinder angenommen werden, lautet: »ICH habe … geliebt«. – Das ist im AT bzgl. Israel zu beobachten (z. B. 5Mose 4,37; 7,8; 10,15 usw.), und im NT für jeden Glaubenden (Galater 2,20b) und die Gesamtgemeinde (Epheser 1,4 »auserwählt … in Liebe«; 5,2.25–32).
  • Siehe auch Beitrag »Auserwählung – Fragen über Fragen«
  • Siehe auch Beitrag »Eine schwierige Lehre – Erwählung und Vorherbestimmung«