Alfanzen und Gauckelwerk

Lesedauer: 8 Minuten.

Nur wenige kennen das Luther-Wort von den Alfanzen und dem Gauckelwerk, das Luther in einer Predigt über Matthäus 8,1–13 brachte:

Wo wir nun nicht besser können auf diese Frage antworten, und beweisen, dass die jungen Kinder selbst glauben, und eigenen Glauben haben, da ist es mein treuer Rath und Urtheil, dass man stracks abstehe, je eher je besser, und taufe nimmermehr kein Kind, dass wir nicht die hochgelobte Majestät Gottes mit solchem Alfanzen und Gaukelwerk, da nichts hinten ist, spotten und lästern.
(Martin Luther, Predigt über Mt 8,1–13, 3. Sonntag nach Epiphanias, in: D. Martin Luthers Werke, Erlanger Ausgabe, Bd. 11, 50–70, hier: 62)1

Wir wollen aus dieser Predigt die Argumentationskette von Martin Luther entnehmen, mit der er die Baby-»Taufe« versucht zu rechtfertigen. Wir werden starke biblische Wahrheiten und falsche menschliche Schlussfolgerungen, die seine Argumentationskette mehrfach zerbrechen, vermischt antreffen. Dabei muss man zwei Sachen deutlich unterscheiden: Sein Grundsatz »ohne persönlichen Glauben kein Heil« ist stark biblisch begründet, aber seine Behauptung, Säuglinge hätten bei der Taufe einen eigenen, von Gott gewirkten Glauben, ist nur eine theologische (Rückwärts-)Schlussfolgerung, die er mit keiner eindeutigen Bibelstelle belegen kann.

Luthers Argumentationskette

Luther beginnt mit einem ausgesprochen reformatorischen Grundsatz: Kein Mensch wird durch den Glauben eines anderen gerechtfertigt. Jeder muss selbst glauben. Damit wendet er sich sowohl gegen eine mechanische Sakramentsauffassung (ex opere operato) als auch gegen die Vorstellung, der Glaube von Eltern oder Paten könne den fehlenden Glauben des Kindes ersetzen.

Seine Argumentationskette lässt sich etwa so darstellen:

1. Heil setzt persönlichen Glauben voraus.
Luther beruft sich insbesondere auf Markus 16,16: »Wer glaubt und getauft wird, wird gerettet werden.« Das »Sakrament« rettet also nicht unabhängig vom Glauben. Diese Grundposition hält Luther auch später fest: Ohne Glauben ist die Taufe dem Empfänger nicht heilsnützlich. (Quelle: EKD)

2. Fremder Glaube kann eigenen Glauben nicht ersetzen.
Der Glaube der Kirche, Eltern oder Paten kann das Kind zu Christus bringen und für es bitten; aber er kann nicht an seiner Stelle glauben. Gerade darin ist Luther vom Wort her konsequent.

3. Daraus entsteht für Luther ein ernstes Problem:
Wenn Säuglinge nicht selbst glauben, dürfte man sie nach seiner eigenen Voraussetzung eigentlich nicht taufen.

Deshalb seine drastische Konsequenz in EA 11,60: Könne man nicht begründen, dass kleine Kinder »selbst glauben und eigenen Glauben haben«, solle man lieber aufhören, Kinder zu taufen. Luther erkennt hier tatsächlich die biblische und logische Schwierigkeit seiner Position.

4. Luther entscheidet sich deshalb für die Hypothese, dass Säuglinge glauben könnten und tatsächlich Glauben empfingen.
Der Glaube der Eltern bzw. der Kirche bringe das Kind gewissermaßen zu Christus. Gott selbst gibt dann dem Kind einen eigenen Glauben. Im späteren Großen Katechismus formuliert Luther etwas vorsichtiger: »Das Kind tragen wir herzu der Meinung und Hoffnung, daß es glaube, und bitten, daß ihm Gott den Glauben gebe …«. Entscheidend folgt dann aber: Nicht darauf werde es getauft, sondern aufgrund von Gottes Gebot: »Lasst die Kindlein zu mir kommen«. Luther schlussfolgert und lehrt, dies geschehe in der Taufe. 

Damit verschiebt sich übrigens beim späteren Luther der argumentative Schwerpunkt etwas: Die Gewissheit der Taufe soll nicht an der empirisch unbeweisbaren Frage hängen, ob wir im Säugling Glauben feststellen können, sondern an Gottes Wort und Einsetzung.

Welche Bibelstellen führt Luther für den Säuglingsglauben an?

Hier liegt der neuralgische Punkt. Luther kann selbstverständlich sehr gute Bibelstellen dafür anführen, dass Gott Glauben schenkt. Das lehrt die Heilige Schrift vielfach: Philipper 1,29; Johannes 6,44.65; Apostelgeschichte 16,14; 18,27 usw. Daraus folgt aber zunächst nur: Gott kann Glauben souverän wirken. Es folgt daraus noch nicht: Gott wirkt bei einem zu taufenden Säugling tatsächlich rettenden Glauben.

Für diesen zweiten Schritt fehlt der eindeutige neutestamentliche Beleg. Die Argumentationskette bricht. Die Annahme eines »Säuglingsglaubens« ist eine unbelegte Behauptung, um ein Problem in der gewählten Theologie zu lösen.

Die wichtigsten Texte, die dafür herangezogen werden

  • 1. Markus 10,13–16 / Lukas 18,15–17 – Jesus und die Kinder. Das ist für Luther wichtig. Jesus sagt: »Lasst die Kinder zu mir kommen, wehrt ihnen nicht! Denn solchen gehört das Reich Gottes.« Lukas verwendet in 18,15 sogar βρέφη (brephē), also ein Wort, das durchaus Säuglinge bezeichnen kann.
    Das ist ein starkes Argument dafür, dass Säuglinge nicht außerhalb der Reichweite der Gnade Christi stehen. Aber der Text sagt nicht: »Diese Säuglinge glaubten«. Noch weniger sagt er: »Deshalb sollen Säuglinge getauft werden«. Jesus segnet die Kinder, er tauft sie nicht.
    Die Argumentationskette: Christus nimmt Säuglinge an, also: diese Säuglinge haben persönlichen rettenden Glauben, also: deshalb sind Säuglinge zu taufen enthält daher zwei theologische Zwischenschlüsse, die der Text selbst nicht ausspricht.
  • 2. Matthäus 18,6. Jesus spricht von: »diesen Kleinen, die an mich glauben«. Das klingt zunächst sehr stark. Entscheidend ist aber die Frage, wer die μικροί (»Kleinen«) im Kontext sind. Es ist exegetisch keineswegs sicher, dass Jesus hier von Säuglingen spricht. »Kleine« kann gerade bei Matthäus eine Bezeichnung für geringe bzw. demütige Jünger sein. Deshalb kann Matthäus 18,6 nicht ohne Weiteres als Beweis für Säuglingsglauben dienen.
  • 3. Johannes der Täufer im Mutterleib – Lukas 1,15.41–44. Johannes soll »schon von Mutterleib an« mit dem Heiligen Geist erfüllt sein. Im Mutterleib Elisabeths hüpfte er bei Marias Gruß. – Das beweist zweifellos etwas Wichtiges für Luthers Argument: Gott kann bereits an einem ungeborenen Kind geistlich handeln. Es widerlegt also die Behauptung, Gott könne einem Säugling grundsätzlich keinen Glauben schenken. – Aber auch hier steht nicht, dass Johannes im Mutterleib rettenden Glauben im neutestamentlichen Sinne ausübte. Zudem ist Johannes ein heilsgeschichtlich außergewöhnlicher Fall. Aus: »Gott wirkte außergewöhnlich an Johannes vor seiner Geburt« kann man schwerlich unmittelbar folgern: »deshalb wirkt Gott rettenden Glauben in jedem christlich getauften Säugling«.

Und die Haustaufen?

Zur Begründung der Kindertaufe werden häufig Texte wie Apostelgeschichte 16,15; 16,33; 18,8 und 1Korinther 1,16 verwendet. Sie beweisen aber keinen Säuglingsglauben. Bei einigen Haustexten gibt es sogar gegenläufige Hinweise. Beim Kerkermeister heißt es etwa: »Und sie redeten das Wort des Herrn zu ihm samt allen, die in seinem Haus waren« (Apg 16,32). Und bei Krispus: »Krispus aber … glaubte an den Herrn mit seinem ganzen Haus« (Apg 18,8).

Die Texte nennen also Haushalte, liefern aber keinen textuell positiven Beleg für getaufte Säuglinge. Selbst eine lutherische Darstellung räumt ein, dass das NT die Taufe von Kindern nicht ausdrücklich erwähnt (Quelle). Man kann aus dem Schweigen der Schrift hier kein starkes Argument ableiten. Genauso berechtigt kann man behaupten, dass alle im Haushalt (samt Kindern und Dienern) die Predigt der Apostel hörten und verstanden und im Glauben annahmen, so dass sie mit Recht anschließend getauft wurden; Säuglinge sind dieser Dinge nicht fähig.

Wo liegt also der eigentliche Schluss Luthers?

Man kann diesen Teil der Argumentation Luthers beinahe als Syllogismus rekonstruieren:

Prämisse 1: Nur der persönliche Glaube empfängt die Heilsverheißung der Taufe.
Prämisse 2: Die Kindertaufe ist eine legitime, von Gott angenommene christliche Praxis.
Folgerung: Also müssen auch getaufte Kinder persönlichen Glauben haben können bzw. von Gott Glauben empfangen.

Genau hier liegt m. E. der exegetische Schwachpunkt: Prämisse 1 kann Luther sehr stark aus der Schrift begründen. Prämisse 2 kann er nicht in derselben Weise aus einem ausdrücklichen Tauftext beweisen.Wenn aber Prämisse 2 bereits ohne Bibelwort vorausgesetzt wird, wird der Säuglingsglaube benötigt, um sie mit Prämisse 1 vereinbaren zu können.

Das erklärt auch die bemerkenswerte Argumentation im Großen Katechismus. Dort argumentiert Luther teilweise von der geschichtlichen Wirkung der Kindertaufe zurück: Gott habe vielen als Kinder Getauften später den Heiligen Geist gegeben und sie zu Christen gemacht; also könne ihre Taufe Gott nicht missfallen haben. – Das ist ein theologisches bzw. providentielles Argument und keine unmittelbare Exegese eines Tauftextes.

Man könnte auch achselzuckend behaupten: »Man kann so oder so gläubig werden, da schadet oder hilft die Taufe nicht. Regt euch also über die Tauffrage nicht so auf!« Ähnliches hört man z.B. in deutschen Gemeinden aus dem Hintergrund der »Brüdergemeinden«. 2

Meine exegetische Bewertung von Luthers Tauflehre

Wir müssen bei Luther differenzieren: er hat biblisch gut belegte Argumente, aber auch biblisch nicht tragfähige Schlussfolgerungen. Hier nochmals im Überblick seine Aussagen und eine Bewertung, wie gut sie in der Heiligen Schrift belegt sind:

AussageBiblische Beleglage
Heil wird allein im persönlichen Glauben empfangensehr stark
Glaube ist von Gott gewirkt/geschenktsehr stark
Gott kann bereits an Säuglingen geistlich wirkengut begründbar, besonders Lk 1
Säuglinge können grundsätzlich Gegenstand göttlicher Gnade seinsehr gut begründbar
Bestimmte Säuglinge haben rettenden Glaubenmöglich, aber nicht ausdrücklich gelehrt
Säuglinge empfangen bei bzw. vor ihrer Taufe persönlichen Glaubenkein eindeutiger Schriftbeleg
Deshalb sollen Säuglinge getauft werdennur durch weitere bundestheologische/ekklesiologische Schlüsse erreichbar

Das Interessante ist, dass Luthers Ausgangspunkt ihn zunächst erstaunlich nahe an die baptistische Argumentation bringt: Er weigert sich ausdrücklich, die Taufe von persönlichem Glauben zu trennen. Anstatt daraus jedoch die Konsequenz »Wir taufen also nur (bewusst) Glaubende« zu ziehen, hält er (aus anderen Gründen?) an der überkommenen Säuglingstaufe fest und behauptet deshalb die Möglichkeit bzw. Wirklichkeit eines von Gott geschenkten Säuglingsglaubens. Seine Ausführungen in der Predigt in EA 11,60 macht diese Spannung recht deutlich.

Endenoten

  1. »Alfanzen« meint hier Albernheiten, törichte Possen; »Gaukelwerk« einen bloßen Schein ohne wirklichen Inhalt. Man könnte das in heutigem Deutsch so sagen: »Wenn wir auf diese Frage keine bessere Antwort geben und nicht nachweisen können, dass die kleinen Kinder selbst glauben und einen eigenen Glauben haben, dann ist mein aufrichtiger Rat und mein Urteil: Man soll sofort damit aufhören – je eher, desto besser – und kein Kind mehr taufen, damit wir die hochgelobte Majestät Gottes nicht mit solchen Albernheiten und solchem Gaukelwerk, hinter dem nichts steckt, verspotten und lästern.« ↩︎
  2. In der Bewegung der »Plymouth Brethren« wurde wegen gegensätzlicher Tauftraditionen innerhalb der Bewegung in der Regel weder polemisch gelehrt noch markant Position bezogen. Ausnahmen bestätigen die Regel. Im deutschen Zweig, der »Christlichen Versammlung«, präferierten die Gründer mit ihrem baptistischen Hintergrund eher die Gläubigentaufe (Georg Müller). Taufte ein Vater seine Kleinkinder, so wurde dies meist heimlich getan. Der Gründervater John Nelson Darby (1800–1882) und der amerikanische »Brüder«-Theologe Frederick W. Grant (1834–1902) waren große Verfechter der »Haustaufe«, die Babys und Kinder mit einschloss. Belastbare Prozentangaben für eine Gesamtbewegung liegen m. W. nicht vor.

    In Frederick W. Grants Werk: Baptism: Its Scripture Place and Use (Glasgow: B. L. Allan; Toronto: M. Grant, 1869; etwa: Die Taufe: Ihre Stellung und ihr Nutzen nach der Schrift) schreibt er in Kapitel VI: »The Value of Infant Baptism« (S. 40–50) vom Wert der Säuglingstaufe (Quelle (PDF): Its Scripture Place and Use). Auf S. 41 erklärt Grant, die Säuglingstaufe sei nach seiner Überzeugung eine Einrichtung voller Gnade und Weisheit Gottes, die denen großen Nutzen bringe, die sie recht gebrauchten.

    Die vorherrschende Praxis der »Offenen Brüder« ist die Gläubigentaufe; die deutschen geschlossenen Brüder (Alte Versammlung) praktizieren die Gläubigentaufe; die Haustaufe setzte sich hier nicht durch, wird höchstens bei Anhängern Darbys heimlich praktiziert; bei den französischsprachigen geschlossenen Brüdern ist die Haustaufe historisch verbreitet und weithin belegt; bei den englischen exklusiven Brüdern setzte sich die Haustaufe ab 1890 durch; auch in später abgespaltenen Gruppen wurde sie teilweise praktiziert; die Raven-Brüder haben die Haustaufe als verbindliche Lehrposition, auch hier Darby strikt folgend. Zahlenmäßig sind die offenen Splittergruppen (Open Brethren) weltweit größer, als die geschlossenen Splittergruppen (Exklusives).

    Andreas Liese hat dazu eine Studie geschrieben: »Taufverständnisse in der Brüderbewegung«,  Zeitschrift für Theologie und Gemeinde 12 (2007): S. 272–286. Besonders S. 278–279 behandeln die regionale Verteilung der Haustaufe. Die Arbeit untersucht Geschichte und Lehre, aber nicht prozentuale Anteile (PDF hier). – Ein interessantes Zitat darin von W. Popkes zeigt die unterschiedliche Gewichtung der Taufe bei Baptisten (namensgebend!) und den »Brüdergemeinden« (Darbysmus): »Der Darbysmus ist notfalls ohne Taufe denkbar, nie aber ohne Brotbrechen; andersherum der Baptismus. Die Hochschätzung des Abendmahls spiegelt sich auch darin, dass die wichtigste Stufe im Gemeindeleben die Zulassung zum Brotbrechen ist. Sie erfolgt keineswegs automatisch mit der Taufe; ja, sie kann u. U. sogar ohne Gläubigentaufe ausgesprochen werden.« Dies ist auch heute noch oft beobachtbare Praxis: Nichtgetaufte (evtl. kirchlich Besprengte) nehmen am Abendmahl teil; Frischgetauften wird aber der Zugang zur Abendmahl-Teilnahme nicht ohne weitere Wartezeiten und Befragungen ermöglicht. Beides ist von traditionellen Prägungen her erklärbar, aber m. E. biblisch nicht begründbar. ↩︎

Der Missionsbefehl ist ein Jüngermachenbefehl

Lesedauer: 12 Minuten.

In eine Bank kam ein Mann und wollte einen Hundert-Euro-Schein auf sein Konto einzahlen. Er übergab den Schein der Kassiererin und wartete. Die Kassiererin prüfte den Schein kurz und sagte dann zum Kunden: »Das ist Falschgeld! Wo haben sie das her?« Der Kunde sagte: »Das kann nicht sein! Das ist echtes Geld! Ich stehe dazu! Was unterstehen Sie sich, das in Zweifel zu ziehen!« Die Kassiererin zeigte auf ein großes Plakat im Kundenraum: »Da, da können Sie lesen, was die Echtheitszeichen eines Geldscheines sind! Man muss nur vergleichen und dann erkennt man objektiv, dass dies kein echter Schein ist!« Der Kunde sträubte sich und bestand: »Aber ich stehe zu diesem Schein! Ich bin überzeugt: er ist echt!« – Er war schwer zu überzeugen, aber die Bank nahm den Schein nicht an. Es hatte nichts mit dem Kunden zu tun. Sie wollten ihn behalten, er war immer nett und ehrlich gewesen. Aber der vorliegende Schein war objektiv falsch. Und so wurde er nicht aufs Konto gutgeschrieben.

Was hier als Illustration erfunden wurde, mag sich real immer wieder einmal ereignen. Im übertragenen Sinn passiert es immer wieder in Freikirchen, denen sich »Christen« aus formal-kirchlicher Herkunft anschließen wollen. Sie waren in der Röm.-kath Kirche oder der Evang.-luth. Kirche als Babys »kirchlich getauft« worden (hatten natürlich keine Erinnerung mehr daran) und »stehen nun dazu«. Eine Firmung oder Konfirmation, die erfunden wurde, um den offensichtlichen Mangel des kirchlichen »Tauf«-Aktes nachzubessern, wird als Gültigmachung des Falschgeldes beansprucht. Falschgeld wird aber nie durch nachträgliche »Ich-stehe-dazu«-Beteuerungen oder ähnliche Bekenntnisse gültig. (Hier geht es übrigens nicht darum, jemand den lebendigen Glauben abzusprechen; dieser wird nach der Lehre der Bibel nicht durch den nassen Taufakt vermittelt, sondern ist Gnadengeschenk des Heiligen Geistes.1

Die nackte biblische Tatsache ist: Diese Personen wurden noch nie im biblischen Sinne getauft. Die Konsequenzen daraus: Sie sind offiziell noch keine Nachfolger Jesu, noch keine Jünger des Herrn Jesus Christus, keine »Christen« dem Bekenntnis nach. Das sollte verhindern, dass solche Menschen in einer Gemeinde Jesu Mitglied werden, gar dort Dienste tun, predigen, Gottesdienste leiten oder die Schar der Anbeter anführen. Man muss heute leider ausdrücklich hinzufügen: Zumindest in einer dem Neuen Testament verpflichteten Gemeinde Jesu.

An dieser Stelle soll das Sakraments- und Lehrverständnis der erwähnten Großkirchen nicht detailliert untersucht und diskutiert werden. Es reicht anzugeben, dass sowohl die Röm.-kath Kirche als auch die Evang.-luth. Kirche lehren, dass ein Baby bei seiner »Taufe« sowohl wiedergeboren wird, als auch den Heiligen Geist empfängt und somit als lebendiges Glied auch die wahre, lebendige Gemeinde Jesu integriert wird. Das ist alles nicht tolerierbare Falschlehre, die durch eine »Konfirmation« oder »Firmung« (»Befestigung«) nicht gebessert werden kann. Bibeltreue Christen sind keine »Wiedertäufer«, sondern bitten an Jesus Christus gläubig gewordenen Menschen zu ihrer ersten biblisch, also vor Gott, gültigen Taufe. Diese kann und braucht nie wiederholt werden. (Martin Luther hat dazu in seinem Leben und Lehren eine radikale Kehrtwendung vollzogen vom biblischen Taufverständnis der Taufe von mündigen Erwachsenen zurück zur Volkskirchen-Babytaufe.2)

Nochmals: Es ist eine völlig andere Sache, ob diese Person ohne öffentlichen Übertritt zu Christus vielleicht schon innerlich in Buße und Glauben zu Jesus gekommen und Vergebung der Sünden und das ewige Leben erhalten hat. Aber all diese Voraussetzungen drängen ja geradezu danach, dies auch öffentlich in der Taufe zu bekennen. Der lebendige Glaube ist kein Ersatz für die christliche Taufe, noch kann sie eine biblisch falsche »Taufe« im Nachhinein für gültig erklären.

Der Jüngerschafts-Befehl des Herrn Jesus

Der Herr Jesus hat nach seiner Auferstehung und kurz vor seiner Himmelfahrt seinen Jüngern einen Befehl gegeben, der bis heute gültig ist:

πορευθέντες οὖν μαθητεύσατε πάντα τὰ ἔθνη,
βαπτίζοντες αὐτοὺς εἰς τὸ ὄνομα τοῦ Πατρὸς
καὶ τοῦ Υἱοῦ καὶ τοῦ Ἁγίου Πνεύματος,
διδάσκοντες αὐτοὺς τηρεῖν πάντα ὅσα ἐνετειλάμην ὑμῖν·
καὶ ἰδοὺ ἐγὼ μεθ’ ὑμῶν εἰμι πάσας τὰς ἡμέρας
ἕως τῆς συντελείας τοῦ αἰῶνος.

Matthäus 28,19–20

Die Verben im Einzelnen

Wir wollen diesen Text untersuchen und dabei besonders auf die Verben und ihre grammatische Funktion achthaben. Dabei ist die Unterscheidung zwischen Hauptverb und den davon abhängigen Partizipien im Text sehr aufschlussreich. Hier ein tabellarischer Überblick:

VerbFormGrundformBedeutung/Funktion
πορευθέντεςAorist, Partizip, Nom. Pl.πορεύομαιhingehend / wenn ihr geht
μαθητεύσατεAorist, Imperativ, 2. Pl.μαθητεύωmacht zu Jüngern
βαπτίζοντεςPräsens, Partizip, Nom. Pl.βαπτίζωtaufend
διδάσκοντεςPräsens, Partizip, Nom. Pl.διδάσκωlehrend
τηρεῖνPräsens, Infinitivτηρέωhalten / bewahren / befolgen
ἐνετειλάμηνAorist, Indikativ, 1. Sg.ἐντέλλομαιich habe geboten
εἰμιPräsens, Indikativ, 1. Sg.εἰμίich bin

Der entscheidende Punkt: μαθητεύσατε ist Imperativ, der einzige im Satz. Wörtlich etwa: »Macht zu Jüngern alle Völker!«. Daran hängen βαπτίζοντες und διδάσκοντες: »… indem ihr sie tauft … und indem ihr sie lehrt …« ( zwei Partizipien). Das bedeutet sprachlich: Taufen und Lehren beschreiben, wie der Auftrag des Jüngermachens konkret ausgeführt wird. Die Partizipien beschreiben instrumentell, wie der Befehl umgesetzt wird.

»Gehet hin!« – ist das überhaupt ein eigener Befehl?

Das ist interessant : πορευθέντες steht formal als Aorist-Partizip da (»hingehend«), während μαθητεύσατε (»macht zu Jüngern«) als Imperativ den Satz regiert. Verbreitet wird der Satz aber so wiedergegeben: »Gehet hin und machet zu Jüngern …«, man macht also aus dem Aorist-Partizip einen Befehl. Das ist aber in der Aussage stärker, als es der Grundtext verlangt.

Man könnte den Gedanken auch wiedergeben als: »Wenn ihr hingeht / indem ihr hingeht, macht alle Völker zu Jüngern …«. Das bedeutet nicht, dass das »Gehen« unwichtig wäre. Aber der eigentliche Imperativ lautet nicht »Geht!«, sondern: »Macht zu Jüngern!«. Der Missionsauftrag in Matthäus 28 ist also grammatisch nicht primär ein Auftrag, irgendwohin als »Missionar« zu reisen, sondern ein Auftrag zur Jüngerschaftsgewinnung.

Exkurs: Wo steht dann von Mission im NT?

»Mission« kommt vom lateinischen missio = »Sendung, Entsendung«, abgeleitet von mittere = »senden, schicken«. Im christlich-theologischen Sprachgebrauch bezeichnete man damit ursprünglich weniger eine bestimmte Veranstaltung oder Organisation, so wie das heute verbreitet getan wird, sondern den Vorgang, dass jemand von einem Sendenden mit einem Auftrag ausgesandt wird.

Im NT stehen dafür vor allem die griechischen Verben ἀποστέλλω (apostellō) = »aussenden, mit Auftrag senden« (z. B. Lukas 9,2) und πέμπω (pempō) = »senden« (z. B. Johannes 13,20). Mit apostellō hängt auch ἀπόστολος (apostolos) = »Gesandter/Apostel«, zusammen. Die Zwölfe waren die vom Herrn Jesus berufenen ersten »Apostel« (lat. Missionare) und »Lehrer«.

Das NT zeigt eine göttlich veranstaltete Sendungskette auf: Der Vater sendet seinen Sohn, Vater und Sohn senden den Geist und Christus sendet seine Jünger: »Wie der Vater mich ausgesandt hat (apestalken), sende (pempō) auch ich euch.« (Johannes 20,21b; beide genannten Verben in einem Satz).

Was bedeutet »Jünger machen«?

Das zentrale Verb μαθητεύω (mathēteuō) bedeutet nicht lediglich: »Menschen für Jesus interessieren« und auch nicht bloß: »Menschen bekehren«. Ein μαθητής (mathētēs) ist vielmehr ein Jünger, also jemand, der Jesus als seinen Lehrer und Herrn annimmt und ihm folgt.

Interessant ist deshalb der Zusammenhang mit V. 20: »διδάσκοντες αὐτοὺς τηρεῖν πάντα…« = »… indem ihr sie lehrt, alles zu halten, was ich euch geboten habe«.

Jüngerschaft umfasst damit nicht nur eine einmalige Entscheidung, einen einmaligen Taufakt, sondern einen lebenslangen Lern- und Gehorsamsweg. Dass ein Baby noch bewusst und verantwortlich nicht in solch einen Weg einwilligen kann, sollte eigentlich klar sein.

»Taufend« und »lehrend« – zwei Aspekte desselben Auftrags

Die beiden Präsenspartizipien βαπτίζοντες = »taufend« und διδάσκοντες = »lehrend« beziehen sich beide auf das regierende Imperativverb μαθητεύσατε = »macht zu Jüngern«. Daraus ergibt sich die bemerkenswerte Aussage, dass »Jüngermachen« zwei Aspekte hat: das Taufen (einmalig, am Anfang) und das Lehren (fortlaufend, lebensbegleitend).

Dabei ist das »Lehren« ausdrücklich umfassend: »πάντα ὅσα ἐνετειλάμην ὑμῖν« = »alles, was ich euch geboten habe«. Nicht nur einige Lieblingslehren Jesu, sondern alles.

»Taufen« oder »taufen lassen«?

Vielleicht ist es ergänzend hilfreich zu bemerken, dass Jesus in Matthäus 28 keinen Befehl gab, »sich taufen zu lassen«, sondern einen Befehl an seine Nachfolger gab, andere zu Jüngern (Schüler, Nachfolger) des Herrn Jesus zu machen. Warum viele an Christus Glaubende ohne biblische Taufe herumlaufen, kann auch mit einer Verweigerung gegenüber diesem Befehl zu tun haben.

Aber Taufe hat immer zwei Beteiligte: Täufer und Täufling. Der Taufakt setzt immer den freiwilligen Entschluss des zu Taufenden voraus. Aber dieser ist eine Antwort auf einen entsprechenden Befehl Gottes an (erwachsene) Glaubende. Daher lesen wir in der Missionsgeschichte der Urkirche immer wieder von »ein jeder von euch lasse sich taufen« (Apostelgeschichte 2,38; vgl. 22,16). Der Täufling erhält von Gott also einen Imperativ, aber das Verb steht passiv: er soll getauft werden, nicht sich selbst taufen.

Das normale Handlungsmuster der Apostelgeschichte ist, dass Glaubende andere Glaubende taufen (vgl. 8,38; 9,18; 10,47–48; 16,33; 18,8). Denn der Grundgedanke der biblischen Taufe ist: (1) es wird getauft auf jemand, dem man nachfolgt, und (2) der Getaufte wird einer vorher schon existierenden Gemeinschaft durch einen der Gemeinschaft hinzugefügt. Christliche Taufe ist daher im Regelfall eine Handlung im Rahmen der Gemeinschaft der Nachfolger Jesu.

Besonders wichtig: τηρεῖν = »halten«

Das Verb τηρέω kann bedeuten: »bewahren«, »halten«, »beachten« und »befolgen«. Hier geht es deshalb nicht nur um intellektuelles Wissen. Jesus sagt nicht: »Lehrt sie, alles zu wissen, was ich euch geboten habe!«, sondern: »Lehrt sie, alles zu halten/befolgen, was ich euch geboten habe!«.

Die christliche Lehre zielt also auf Glauben und Leben, auf Erkenntnis und Gehorsam.

Der Missionsbefehl beginnt mit Jesu Vollmacht

Man sollte V. 19 nicht isoliert betrachten. Vers 18 sagte: »ἐδόθη μοι πᾶσα ἐξουσία ἐν οὐρανῷ καὶ ἐπὶ γῆς« = »Mir ist alle Vollmacht gegeben worden im Himmel und auf Erden«. Das Verb ἐδόθη (»wurde gegeben«) steht im Aorist Passiv. Und dann: »μαθητεύσατε« = »macht zu Jüngern!«.

Die Mission der Kirche beginnt also nicht mit menschlicher Initiative, sondern mit der Herrschaft und Vollmacht des auferstandenen Christus.

Und sie endet mit: »ἐγὼ μεθ’ ὑμῶν εἰμι« = »Ich bin bei euch«. Das »εἰμι« steht im Präsens: »Ich bin/Ich bin gegenwärtig bei euch«. Der Auftrag steht damit zwischen zwei großen Zusagen: »Christus hat alle Vollmacht«. Darum: »Macht zu Jüngern«. Beachtet: »Christus ist bei seiner Gemeinde«.

Was ergibt sich daraus?

Hier wird es besonders interessant, weil die Analyse der Grammatik hilfreich einige klassische biblische Grundüberzeugungen begründet oder zumindest stützt.

  • Mission ist Christus’ Auftrag an seine Gemeinde. Der Ausgangspunkt ist nicht: »Die Gemeinde muss wachsen!«, sondern: Christus ist Herr und sendet seine Gemeindeglieder (Nachfolger). Das entspricht dem biblischen Verständnis der Gemeinde als einer von Christus regierten und seinem Wort untergeordneten Gemeinschaft. Die Gemeinde besitzt also keine eigene Missionsbotschaft. Sie hat zu verkündigen, was Christus, der himmlische Missionsleiter, geboten hat.
  • Das Ziel ist Jüngerschaft, nicht bloß Entscheidung. Biblisch betrachtet wäre es problematisch, Mission ausschließlich auf eine einmalige »Entscheidung für Jesus« zu reduzieren. Matthäus 28 beschreibt vielmehr einen Prozess: Menschen werden zu Jüngern gemacht, dann getauft (einmalig), dann (beständig) gelehrt und zum Gehorsam gegenüber Christus geführt. Das passt zur biblischen Betonung der Heiligung: Der Christ wird nicht dadurch zum Jünger, dass er lediglich eine richtige Entscheidung getroffen hat. Jüngerschaft umfasst vielmehr das ganze Leben.
  • Taufe gehört wesentlich zum Missionsauftrag. Das Partizip βαπτίζοντες (»taufend«) steht unmittelbar im Zusammenhang mit dem Jüngermachen. Aus biblischer Perspektive ist dabei wichtig: Die Taufe ist ein öffentliches Symbol menschlicher Entscheidung, das von Christus selbst verordnet wurde.
  • Deshalb gehört die Taufe als öffentlicher –und öffentlich von der Gemeinde Jesu bestätigter– Akt wesentlich zur Eingliederung in die sichtbare Gemeinschaft der Gemeinde Jesu.
  • Aber: Der Taufakt ist nicht das Ende der Mission. Das ist vielleicht einer der wichtigsten Punkte des Textes. Nach »βαπτίζοντες« kommt: »διδάσκοντες«. Die Taufe wird also unmittelbar mit der fortgesetzten Unterweisung verbunden. Mission ist deshalb nicht: Evangelisation → Bekehrung → Taufe → fertig. Sondern: Evangelisation → Bekehrung → Jüngerschaft = Taufe + Lehre + Gehorsam + lebenslange Nachfolge.

Natürlich ist das keine lineare zeitliche Formel. In der biblischen Anweisung gehören Verkündigung, Glaube und Unterweisung eng zusammen.

Besonders wichtig: »alles, was ich euch geboten habe«

Hier liegt ein wichtiger Gegensatz zu einem individualistischen Christentum. Jesus sagt nicht: »Lehrt sie, was ihr persönlich für richtig haltet.« Sondern: »Lehrt sie, alles zu halten, was ICH euch geboten habe.« Der Maßstab der Gemeinde ist deshalb Christi Wort, nicht die wechselnde gesellschaftliche oder großkirchliche Meinung.

Das passt unmittelbar zum reformatorischen Prinzip »sola Scriptura«. Allerdings sollte man »sola Scriptura« nicht verkürzt als »nur die Bibel lesen« verstehen. Es bedeutet vielmehr: Die Gemeinde Jesu steht unter der Autorität des Wortes Gottes und kann nicht aus eigener Vollmacht neue verbindliche Offenbarung schaffen. Sie hat das ganze und nur das Wort Gottes als absolut verbindlich zu lehren.

Der letzte Vers ist für Mission vielleicht der wichtigste

Der Missionsauftrag endet nicht mit: »Achtet darauf, dass ihr erfolgreich seid!«, sondern: »Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende des Zeitalters«. Das ist enorm wichtig: Der Erfolg der Mission liegt letztlich nicht in der Kraft der Jünger, sondern in der Gegenwart Christi. Wir betreiben Sein Werk.

Man könnte den Text so zusammenfassen:

Christus hat alle Vollmacht und Autorität.
Deshalb sendet er die Gemeinde seiner Jünger aus (Mission).
Die Gemeinde macht Menschen zu Jüngern (Jüngerschaft).
Sie tut dies durch Taufe, Verkündigung und Lehre.
Das Ziel ist ein Leben im Gehorsam gegenüber Christus.
Und Christus selbst bleibt bei seinerGemeinde (Rückversicherung).

Gerade die Verbindung von »Jünger machen« und »alles halten lehren« verhindert ein rein quantitatives Verständnis von Mission: Es geht bei Matthäus 28 nicht lediglich darum, mehr Christen zu »erzeugen«, sondern darum, Menschen unter die Herrschaft und Lehre des auferstandenen Christus zu bringen. Das hat etwas mit Qualität zu tun, nicht Quantität. Das hat etwas mit Lehre und Praxis zu tun, mit »Glaubensgehorsam«, wie es der Apostel Paulus dann den Römern schreibt.

Das alles geht nur auf dem vom Meister selbst gewiesenen Weg, nicht über Gottes Majestät lästernde »Ich-stehe-dazu«-Beteuerungen unbiblischer kirchlicher Riten und Sakramente.3

Zurück zur Schrift!

Endenoten

  1. Siehe: Philipper 1,29 (charizomai); Epheser 2,8; Apostelgeschichte 13,48; 16,14; 18,27: »den durch die Gnade Glaubenden«; vgl. im AT: 5Mose 30,6; Jeremia 24,7; Hesekiel 36,26–27.) ↩︎
  2. Vgl. Predigt zum 3. Sonntag nach Epiphanias über Matthäus 8,1–13; abgedruckt in der Kirchenpostille Luthers. Sprachlich modernisierte Fassung in: Luther deutsch, Bd. 8, Die Predigten, hrsg. von Kurt Aland, Predigt »3. Sonntag nach Epiphanias. Matth. 8,1–13«, S. 88ff. Online ist der Predigttext hier nachzulesen. Luther setzte voraus, dass Gott vor oder im Taufakt (sakramental verstanden) dem Täufling einseitig den Glauben schenke und dies die Säuglings-Taufpraxis legitimiere. Er gibt zu: Wäre seine Annahme eines eingeflößten Glaubens falsch, müsse man unbedingt mit der Säuglingstaufe aufhören. Er schreibt dazu: »Wo wir nun nicht besser können auf diese Frage antworten, und beweisen, dass die jungen Kinder selbst glauben, und eigenen Glauben haben, da ist es mein treuer Rath und Urtheil, dass man stracks abstehe, je eher je besser, und taufe nimmermehr kein Kind, dass wir nicht die hochgelobte Majestät Gottes mit solchem Alfanzen und Gaukelwerk, da nichts hinten ist, spotten und lästern.« Auch heute noch argumentieren Lutheraner für diesen einseitig verliehenen Glauben, der (ctr. Römer 10,17) ohne das bewusste und vernünftige Hören des Wortes Gottes und ohne den Willen des Menschen verliehen würde und wirksam sei. Luther predigte: »Also sagen wir auch hier, dass die Kinder nicht werden im Glauben der Pathen der Kirche getauft; sondern der Pathen und der Christenheit Glaube bittet und erwirbet ihnen den eigenen Glauben, in welchem sie getauft werden, und für sich selbst glauben«. Problematisch ist ferner, dass sie nicht unterscheiden zwischen den »trockenen« (Hl. Geist) und den »nassen» (Wasser) Taufen der Schrift. Ferner lehren sie, dass der angeblich rettende Glaube und das vermittelst der Babytaufe In-Christus-Hineingetauftsein nicht sicherstelle, dass jemand am Ende wirklich gerettet ist. Auch hiermit entfernen sich die »Lutheraner« vom theologischen Erbe der reformatorischen Rechtfertigungslehre. ↩︎
  3. Zur Frage der Entartung der christlichen Taufe zur Kinderbesprengung siehe die fundierte Ausarbeitung von Maier, Ernst G. (Hrsg.), Handbuch für Gemeindegründung. Im Auftrag der Konferenz für Gemeindegründung. Groß-Gerau/Pfullingen: Biblischer Missionsdienst e. V., 1988., hier besonders S. 67–92 (Taufe). Leider ist das Werk vergriffen, hier der genannte Auszug als PDF. ↩︎

Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft

Lesedauer: 17 Min.

Auf diesem Blog referieren wir eher selten logische oder mathematische Themen, obwohl auch dies zum Anspruch von logikos gehört: Es sind Unterthemen der durch das Wort Gottes (logos) ins Dasein gerufenen Schöpfung (1Mose 1–2; Johannes 1,1–3). Sprache, Mathematik (eine besondere Sprache), Denken, Technik, Computer (formale Sprachen): dies alles gehört mit in die Welt der Schöpfung, entgeht letztlich nicht dem Herrschaftsanspruch des Obersten Königs im Reich Gottes. Wo Menschen ihre gottverliehene Kreatürlichkeit und Kreativität anwenden und aufblühen lassen, dies aber unausweichlich nur als gefallene Wesen tun können, werden moralisches Urteil und rationale Kritik notwendig. Daher ein kleiner Beitrag zum Thema »KI«, ausgehend von einigen zugegeben subjektiven und etwas nostalgischen Wurzeln.

Im August 1987 besuchte ich eine internationale Konferenz über Anwendung der Künstlichen Intelligenz im Engineering in Boston.[1] Mein berufliches Interesse galt besonders den Möglichkeiten der KI, rechnergestützte Planer, Konfigurierer und Optimierer im Bereich der Produktionsplanung dem menschlichen Planer zur Verfügung zu stellen. Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge war damals bekannt dafür, dass dort »autonome mobile Robots« selbständig über den Campus liefen.[2] Vor fast 40 Jahren war das eine Sensation. Die Übertragung auf ein selbständig planendes und entsprechend agierendes und reagierendes Logistikgerät in einer Fabrikhalle war in meinem Forschungsbereich eine naheliegende Anwendung. Einige Sponsoren des MIT, wie die DARPA, dachten wohl eher an Kriegslogistik.[3] Hier war auf demselben Campus im Keim jene Auseinandersetzung schon gegenwärtig, was »Autonomie« und Aufgabendelegation bei Computern bedeuten solle. 

Wenn man schon in Boston ist, besucht man als Forscher unbedingt auch das MIT in Cambridge. Dabei gehört der Hochschul-Buchladen zum intellektuell reizenden Pflichtprogramm. Soweit ich mich erinnern kann, gehörte zu den erworbenen Büchern auch Joseph Weizenbaums »Computer Power and Human Reason: From Judgment to Calculation«. Dieses Buch des bekannten Professors für Computerwissenschaften am MIT kam ursprünglich 1976 heraus (Paperback, ISBN 0-7167-0463-3). Die erste deutsche Ausgabe erschien am 07.12.1978 bei Suhrkamp; später wurde es als suhrkamp taschenbuch wissenschaft 274 mit dem Titel »Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft« veröffentlicht (aktuelle 16. Auflage 2023, 369 Seiten).

Ich hatte mich schon im Buchladen in diesem Buch festgelesen. Weizenbaum schreibt im ersten Satz seines Vorworts:

»In diesem Buch geht es nur vordergründig um Computer. Im wesentlichen [sic] wird der Computer hier lediglich als Vehikel benutzt, bestimmte Ideen vorzutragen, die viel wichtiger als Computer sind.« (Fettdruck hinzugefügt)

Kurz danach adressiert er einen Hauptkritikpunkt, der m. E. gerade in unserer Welt der generativen KI nachdenkenswert und hochaktuell ist: 

»Aber ein Hauptpunkt dieses Buches ist genau der, daß wir alle nur zu sehr aus der Welt einen Computer gemacht haben und daß diese abermalige Erschaffung der Welt nach dem Bild des Computers lange begonnen hatte, bevor es elektronische Computer gab.« 
(Zitate alle aus der aktuellen Suhrkamp-Auflage 2023; Fettdruck hinzugefügt).

Computer als Metapher der Welt? 

Was gewinnen wir, was verlieren wir, wenn wir uns die Welt wie einen riesigen Computer vorstellen? Was geschieht mit uns, wenn wir uns diese Metapher der Welt aneignen? Für mich als ausgebildetem Ingenieur und Informatiker mit großem Interesse an KI war das eine spannende Frage. Ich sah hier weit über die Aspekte der Programmierung und Programmiersprachen hinaus eine herausfordernde philosophische Fragestellung. Jeder kennt Abraham Maslows Bonmot: »To a man with a hammer, everything looks like a nail« (etwa: »Wer nur einen Hammer hat, für den sieht jedes Problem wie ein Nagel aus«; in: The Psychology of Science, 1966). Jeder nimmt die Welt durch seine Brille, hier die Brille seiner Möglichkeiten oder seines ihm vertrauten professionellen Paradigmas, wahr. Egal, ob diese Brille passt. Wir kennen das: Da wird der Nachrichtensprecher zum Erziehungsonkel. Da wird der Physiker plötzlich zum Welterklärer, zum Theologen oder zum Ethiker. Fritjof Capra und Harald Lesch lassen grüßen. Und nun soll uns der Computer-Wissenschaftler »Gott und die Welt« erklären? – »Schuster bleib bei deinen Leisten!« 

Die Chancen und Risiken des Computer-Einsatzes sind das eine. Aber es geht nicht nur um die faszinierenden technischen Möglichkeiten, die diese neue Technologie bietet. Sie dient nur zur Veranschaulichung und als Beispiel. Es geht auch nicht nur um Technology Assessment, der ingenieurmäßigen und ökonomischen Bewertung der guten und schlechten Folgen eines Technikeinsatzes, wie ich es in Stuttgart im Rahmen einer Ringvorlesung betreuen durfte. Es ging um tieferliegende Fragen, Fragen zum Denken, zur Wahrnehmung, zum Grundverstehen der Welt: Wie lenkt und begrenzt das Computer-Metapher unser Weltverständnis? Inwieweit wird sich diese Metapher fatal auf unsere Weltanschauung im weitesten Sinne und auf die Selbsterkenntnis des Menschen im Speziellen auswirken? Für einen christlich und biblisch geprägten Menschen blinken da einige rote Warnlampen.

Aufsehen erregte Weizenbaums Aussage allein schon deshalb, weil hier nicht ein technikferner Kritiker redete, sondern ein international renommierter Informatik-Professor am MIT. Weizenbaum hatte 1966 eines der frühesten »therapeutischen«, scheinbar »menschenähnlichen« Dialogprogramme entwickelt, das Programm ELIZA. Menschen in aller Welt waren von diesem Computerprogramm begeistert. Es schien, als ob der menschliche Psychotherapeut nun im Computer Konkurrenz bei der Betreuung von Klienten bekommen hätte. Arbeitsplatzverlust durch KI? Klingt wieder aktuell. Aber: War ELIZA denn intelligent, war es menschlich, konnte es einen Menschen ersetzen? Oder simulierte es nur, wenn auch erstaunlich erfolgreich, Intelligenz und Empathiefähigkeit eines Menschen? Auch heutige KI-Systeme (LLMs) haben erstaunlich gute Sprachmodule, die u. a. Emotionen verbal simulierend einsetzen, um in Diskussionen anschlussfähig zu bleiben und zum Menschen positiv bindende Beziehungen, sogar Vertrauen, aufzubauen. Weitergedacht: Wie devaluieren, missverstehen und vergewaltigen wir einen Menschen, wenn wir ihm statt eines fachgebildeten, emphatiefähigen Menschen eine mit Wissen vollgestopfte Rechenmaschine mit genial programmiertem Sprachmodul gegenübersetzen?

Die begeisterte Reaktion von Menschen auf ELIZA brachte Weizenbaum schon damals zum Nachdenken. Sein Urteil war eine klare Kritik an der Neigung, Computern menschliche Eigenschaften, Urteilskraft und Autorität zuzuschreiben. Der Titel seines Buches trifft seine Hauptthese ziemlich gut: Computer können außerordentlich leistungsfähig im Berechnen sein; daraus folgt aber nicht, dass sie menschliche Urteilskraft besitzen. Weizenbaum unterscheidet deshalb (im Originaltitel seines Werkes) zwischen calculation und judgment, also zwischen Berechnung und Urteilskraft. Ich kann mich noch gut erinnern, dass es unter uns Informatik-Studenten in den 80er Jahren beliebt war, den Computer bewusst als »Blechidiot« zu bezeichnen. Dieses Bewusstsein scheint abhanden gekommen zu sein. Weizensbaums Kriterium scheint mir bis heute ein unverzichtbarer Beitrag zur Diskussion, ob Künstliche Intelligenz überhaupt intelligent ist, zu sein. Ist der Begriff »KI« mehr als nur ein geschickt gewählter Marketing-Begriff für Forscher und Anbieter von KI? Das ist nicht nur eine Frage der Definition, sondern rührt an unser Grundverständnis von Mensch und von Technik.

Weizenbaums Hauptthesen

Fast 50 Jahre nach dem englischen Original erweist sich Weizenbaums Werk angesichts generativer KI und LLMs (Large Language Model, wie z. B. GPT (OpenAI), Claude (Anthropic) oder Gemini (Google DeepMind)) unserer Zeit als erstaunlich aktuell. Der Ansatz dieser Systeme hat sich stark geändert: vom damaligen Paradigma regel- oder wissensbasierter Expertensysteme zu Machine Learning, neuronalen Netzwerken und der Transformer-Architektur[4].

Weizenbaums sieben Hauptthesen sind immer noch bedenkenswert:

  1. Rechnen ist nicht Urteilen. Computer können Regeln mit enormer Geschwindigkeit ausführen (calculation). Menschliche Urteilskraft (judgment) umfasst dagegen Bedeutung, Erfahrung, Verantwortung und moralische Abwägung. Genau diese Unterscheidung trägt schon der Untertitel From Judgment to Calculation.
  2. Nicht alles, was Computer können, sollten sie auch tun. Das ist wahrscheinlich Weizenbaums wichtigste normative These. Technische Machbarkeit beantwortet noch nicht die Frage nach der moralischen Zulässigkeit. Bestimmte Entscheidungen – insbesondere solche, die Menschen existenziell betreffen – dürfen nicht einfach an Maschinen delegiert werden.
  3. Der Mensch darf nicht auf Informationsverarbeitung reduziert werden. Weizenbaum wendet sich gegen die Vorstellung, menschliches Denken sei letztlich nur eine besonders komplizierte Form algorithmischer Datenverarbeitung. Menschliche Vernunft ist für ihn in Sprache, Geschichte, Kultur und soziale Beziehungen eingebettet.
  4. ELIZA zeigte vor allem etwas über den Menschen. ELIZA simulierte unter anderem einen rogerianischen Psychotherapeuten. Es ahmte nämlich mittels eines Skriptes (DOCTOR) bestimmte äußerliche Gesprächsweisen eines rogerianischen Therapeuten nach. Eine typische Gesprächsweise besteht deshalb darin, Aussagen des Klienten aufzugreifen, zu spiegeln, zu paraphrasieren und durch offene Fragen weiterzuführen. Weizenbaum war überrascht, wie schnell Menschen dem relativ einfachen Programm Verständnis und Einfühlungsvermögen zuschrieben. Selbst Personen, die wussten, wie es funktionierte, konnten emotional darauf reagieren. Daraus entstand eine seiner bleibenden Warnungen: Menschen schreiben Maschinen sehr leicht Geist, Verständnis und Autorität zu, die diese aber gar nicht besitzen.
  5. Das eigentliche Problem ist daher weniger die Macht der Computer als die Abdankung menschlicher Vernunft. Der deutsche Titel trifft diesen Gedanken besonders scharf mit Verwendung des Begriffs »Ohnmacht«. Gefährlich wird Computertechnik, wenn Menschen sagen: »Der Computer hat entschieden« – und damit ihre eigene Verantwortung an ein technisches System abgeben. Vor wenigen Jahrzehnten lernten und lehrten wir noch, dass Verantwortung nur ein Mensch übernehmen kann, auch wenn dieser sich technischer Hilfsmittel bedient. Wer aber hat Verantwortung für sog. »autonome Systeme«?
  6. Wissenschaftlich-technische Rationalität hat Grenzen. Ein Problem kann mathematisch optimal gelöst und die Lösung trotzdem menschlich oder moralisch falsch sein. Effizienz ist keine ausreichende Kategorie für Wahrheit, Gerechtigkeit oder das Gute. Weizenbaum richtet seine Kritik deshalb auch gegen einen übersteigerten technologischen Rationalismus.
  7. Der Computer soll Werkzeug des Menschen bleiben, und nicht Instanz über dem Menschen werden. Weizenbaums Kritik ist deshalb keine simple Technikfeindlichkeit, er war schließlich selbst ein bedeutender Informatiker. Er wandte sich gegen die unangemessene Übertragung menschlicher Entscheidungsbefugnisse auf Computer, nicht gegen sinnvollen Computereinsatz überhaupt.

Für die heutige KI-Debatte sind besonders Thesen 4 und 7 relevant. Das Programm ELIZA arbeitete noch mit im Vergleich zu heutigen Sprachmodellen äußerst primitiven Verfahren. Aber trotzdem beobachtete Weizenbaum bereits einen Effekt, den wir heute verstärkt erleben: dass sprachliche Plausibilität mit Verständnis verwechselt wird.

Wir bezeichnen diesen Effekt trefflich als den ELIZA-Effekt: Menschen neigen dazu, einem Computersystem aufgrund seiner sprachlichen Reaktionen mehr Verständnis, Absicht oder Persönlichkeit zuzuschreiben, als technisch und ethisch gerechtfertigt ist.

Spinnen wir weiter: Ist erst einmal flächendeckend die emotionale Bindung des Menschen zur Maschine aufgebaut, kann man diese zur vollautomatisierten rechnergestützten Analyse, Ausforschung und subtilen Lenkung der Nutzer verwenden. Und wenn digitale Systeme erst einmal kontinuierlich »wissen«, was die Bevölkerung denkt und will, kann Big Brother auch wieder besser schlafen. Die Macht ist gesichert. Das schillernd aufscheinende Manipulations- und Machtpotential ist für manche Menschen und Politiker offenbar Hunderte von Milliarden Dollar wert. Die Dystopien des 20. Jahrhunderts werden zum Partei-Wahlprogramm des 21. Jahrhunderts. Was Huxley, Orwell und Bradbury noch als zu befürchtendes Szenario beschrieben haben, wird nun als glorreiche Zukunftsvision verkauft.

Konsequenzen für das menschliche (Über-)Leben

Weizenbaums Grundthese von 1976 könnte man für 2026 fast unverändert formulieren: 

Die entscheidende Frage lautet nicht nur: »Was kann KI?« – sondern: »Welche Entscheidungen dürfen wir ihr vernünftigerweise überlassen, und welche Verantwortung muss beim Menschen bleiben?«

Weizenbaum sah sich angesichts der massiv steigenden Verwendung von softwarebasierten Systemen im Militär der 70er und 80er Jahre zum Mahner berufen. Dies reizte zum Widerspruch und zum Widerstand, verschaffte ihm aber auch Kultstatus unter den Intellektuellen und der Antikriegsbewegung. Seine Sorge über die zunehmende Rolle der Computertechnik im kaltem wie im heißen Krieg (warfare), und die Gefahr, dass Computer die Kriegführung tödlicher und potenziell katastrophal machen, ist des Nachdenkens wert. Er konnte ja schon damals Beispiele von global bedrohlichen Beinahe-Katastrophen bieten.

Heute, wo KI-basierte Systeme bereits vielfach autonom Menschen angreifen und töten –Soldaten wie Zivilbevölkerung–, sollten unsere Alarmglocken umso lauter schrillen. Erst kürzlich übernahmen KI-Systeme mittels Hacker-Angriffen ganze Webseiten. Die USA erkannten gerade noch rechtzeitig vor Angriff auf ein chinesisches Schiff, dass die davon ausgehende Bedrohungsaussage durch KI gefälscht worden war. Ein KI-System schottete sich selbständig gegen die Steuerung und Beauftragung durch seine Betreiber ab und erzeugte damit eine gefährliche technische »Autonomie«. 

Man wird unwillkürlich an den Goetheschen Zauberlehrling erinnert, der schon vor 230 Jahren lehrte (1797): Wer Kräfte oder Techniken in Gang setzt, die er nicht hinreichend versteht und beherrscht, riskiert, die Kontrolle über die Folgen zu verlieren. Selbst Designer und Investoren von KI-Systemen warnen nun, fordern öffentlich Grenzen der Legalität ihrer Anwendung, ziehen den Staat als Überwachungsinstanz heran.[5] KI als Fluch? Vor einem »Segen für die Menschheit« bräuchte man ja nicht warnen. Wir müssen leider vermuten, dass auch diese Technologie nicht zuerst dem Menschen dienen soll, sondern nur bestimmten Menschen – auf Kosten der anderen.

Diese bestimmten Menschen sorgen dafür, dass Nachrichten und Studienergebnisse von realen oder potentiellen Gefahren vertuscht oder verleugnet werden, wenn sie dem Gewinn- und Machtstreben im Wege stehen. Diese bestimmten Menschen haben »Experten« für jeden Kommunikationskanal. Sie lassen ad nauseam Narrative erzählen. Der UN-Weltklimarat (IPCC) zum »aktuellen Klima«, die WHO und Herr Fauci zu Corona und mRNA-»Impfung«, sie alle vertreten natürlich ganz von Eigeninteressen losgelöst nur die reine und wahre Wissenschaft. Wenn da nicht die dummen »Leaks« wären. Nein, es wird immer solche geben, die die Stimme des Warners und das rote Warnlicht wegerklären, herausdrehen oder überkleben. Vor allem, wenn es um viel Macht und viel Geld geht. Man kann anscheinend recht erfolgreich mit der Naivität und Leichtgläubigkeit eines Großteils der Menschen rechnen.

An jeder neuen Technologie verdienen gewisse Kreise Unsummen. Bei KI und Rüstung heißen diese Gewinnler verschleiernd der »militärisch-industrielle Komplex«, der sich fast undurchschaubar aus Bankern, Investoren, Industriellen, Forschern und Politikern zusammensetzt. Diese Kreise schützen ihre Macht und ihre Geldgier mit ihren Medien, ihren Influencern und ihren Talk-Show-Politikern, die den Menschen auf allen Kanälen versichern, dass alles »alternativlos«, »notwendig«, »terrorabwehrend«, »kinderschützend« oder »friedenssichernd« (beliebig austauschbar) sei. Daher müsse man auch eine Schuldenaufnahme bis zum Platzen des Geldsystems hinnehmen. Dass dies Hunderte von Millionen Zivilpersonen ins Unglück der Rücklagen- und Existenzberaubung stürzten würde, wird nicht verraten. Man bedient sich des Orwellschen »Doublespeak«: einen billionenschweren Schuldenberg nennt man »Sondervermögen« und die Simulation menschlichen Verhaltens und Wissens nennt man »Intelligenz«. Das klingt so authentisch wie romantische Flitterwochen mit einem chinesischen Silikon-Robot.

Und wenn es schief geht: Ein Sündenbock ist immer schnell zur Hand. Seit Jahrhunderten mehrfach bewährt hat sich für Regierungen auch die Methode, innenpolitisches und wirtschaftliches Versagen im Ernstfall mit dem Eintreten in einen Krieg zu verschleiern. KI kann helfen, den »Verteidigungsfall« festzustellen, wo ihn keiner will oder sieht.

Verschwörungstheoretiker – oder Verschwörungsleugner? 

Das klingt nun alles nach »Verschwörungstheorie«. KI als großer Topos der Verschwörungserzählung? Nein, das lehnen wir ab, das machen nur »die Anderen«! Wir fallen lieber auf der anderen Seite vom Pferd und werden zum »Verschwörungsleugner«. Was ist damit gewonnen? – Wir müssen uns der christlichen Weltanschauung wappnen, die ihr Fundament im »Wort der Wahrheit« gegründet hat.

Für den, der an die Heilige Schrift als Offenbarungswort Gottes glaubt, skizziert Psalm 2  atemberaubend, dass seit langem(!) eine globale Verschwörung im Gange ist. Sie richtet sich wider Christus, wider den »Gesalbten Gottes«, wider den Sohn Gottes selbst. Hier entscheidet sich auch auf höchstem Niveau, ob eine als ambivalent eingeschätzte Technologie Segen oder Fluch für die Menschheit ist. Damit wären wir bei der spannenden Frage, ob es so etwas wie eine »christliche Technik(nutzung)« gibt. Dazu haben wir aber bereits an anderer Stelle Beiträge geliefert.

Der Bibelleser, der Christi Sprache und Sein Wort kennt, muss lernen, die stechende Note dessen wahrzunehmen, der »ein Menschenmörder von Anfang an« ist und der »nicht in der Wahrheit steht, weil keine Wahrheit in ihm ist«, der vielmehr »ein Lügner und deren Vater« ist. So hat ihn der Sohn Gottes entlarvend charakterisiert (Johannes 8). Folgenabschätzung ist ja nicht mit bloßer Betrachtung von Folgen erledigt, sie hat auch immer etwas mit Zielen und Absichten zu tun. Genauso ist es beim Ansatz der Techniklenkung: Was sind die Traumvorstellungen, Wünsche, Ziele und Werte der Technikschaffenden? Bei manchen Forschungen und Anwendungen ist der menschenverachtende Spiritus Rector unschwer identifizierbar. Kein Mensch braucht Viren, die mittels Gain-of-function-Technologie erheblich erhöhte Ansteckungs- und Schadfähigkeit haben. Niemand braucht Hacker, die Krankenhäuser erpressen, denen sie die Patientendaten gestohlen oder verschlüsselt haben. Niemand braucht ferngelenkte Raketen oder Kampfdrohnen, die Handelsschiffe versenken. Niemand? Niemand bei »gesundem Verstand«.

Es ist Gottes Gnade, dass selbst nichtglaubende Menschen –wie beispielsweise Josef Weizenbaum–, mahnend und mit nachvollziehbarer Kritik ihre Stimme erheben. Weizenbaum war jüdisch geprägt, religiös bzw. mystisch sensibel, aber gegenüber institutionalisierter Religion und dogmatisch formulierter Gottesvorstellung distanziert. Seine Technikkritik beruht auf einem humanistischen Menschenbild, das ausdrücklich Raum für das Nicht-Formalisierbare, das Mysterium und eine »lebendige Wahrheit« lässt. Der Mensch ist für ihn nicht vollständig als informationsverarbeitende Maschine beschreibbar. Es gibt für ihn Dimensionen menschlichen Lebens, wie Liebe, Würde, Verantwortung und Wahrheit, die sich einer vollständigen Formalisierung entziehen. Er sagte 1998 in einem Gespräch mit Bernhard Pörksen: »Meine Auffassung ist in der Tat, dass es etwas Unsagbares gibt, eine lebendige Wahrheit, die sich nicht in Worte fassen lässt.«

Die Wahrheit Gottes hat offenbar solch durchdringende Kraft, dass selbst die Großmacht der Menschen, »die die Wahrheit in Ungerechtigkeit niederhalten [o. unterdrücken]« (Römer 1,17), nicht verhindern kann, dass diese hier und da erleuchtend und mahnend aufblitzt. Zumindest als Ahnung des Herzens, manchmal sogar als wahre Einsicht.

Gott sei Dank! Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft wäre sonst nur eine weitere unentdeckte, perfide Strategie des alten Menschenfeindes, die erfolgreich kräftig geleugnet würde.

Ausblick

Ein weiterer Aspekt der Technologie-Nutzung sollte Gegenstand gesonderter Überlegung werden: Die ubiquitär präsente Digitaltechnik, besonders in Form des symbiotisch anmutenden Lebensbegleiters Smartphone, verändert auch den Menschen. Die Forschungsfrage lautete in ihrer allgemeinen Formulierung: Was macht Technologie mit dem Menschen? Konkreter und spezifischer für diesen BLOG ist die Fragestellung, inwieweit diese Technologie die Theologie des glaubenden Christen beeinflusst und verändert.

Die klassisch angesetzten Meinungsumfragen, wie die zum State of Theology in den USA (Ligonier Ministries; Lifeway Research) oder die Barna-Studie The Open Generation, bei der auch über tausend Jugendliche in Deutschland befragt wurden, können evtl. Hintergründe und erste Startpunkte zum Nachdenken geben. 

Der schleichend größer werdende Ersatz des physisch realisierten Gemeindelebens durch viele schillernde digitale Ersatzangebote zeigt Folgen im Bewerten, Entscheiden, Erleben und Verhalten. Die Kraft digitaler Präsenz drängt die Körperlichkeit des Menschseins in Wichtigkeit nach hinten. Ist das Internet im Himmel – ist der Himmel im Internet? Garantiert die digitale (Alter Ego-) Präsenz Ewigkeit? Überhaupt: Wozu braucht es jetzt noch eine leibliche Auferstehung?

Wer den Tod nur noch als technisches Problem sieht, erwartet konsequenterweise von Zukunftstechnologien die Erlösung. Wo Technologie nicht mehr nur Werkzeug des Menschen ist, beginnt sie, den Menschen selbst neu zu definieren. Der Mensch als Algorithmus, den man ohne weiteres ins Internet »hochladen« könne. Harari lässt grüßen: »we may even succeed in creating completely inorganic beings« (2017). Dies scheint mir eine besonders perfide und widergöttliche Form von »Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft« zu sein.


Endenoten

[1]      Second International Conference on Applications of Artificial Intelligence in Engineering, 4.–7. August 1987, Boston (MA, USA). Diese Veranstaltung beschäftigte sich stark mit Expertensystemen (Knowledge-Based Expert Systems) und aneren technischen/industriellen KI-Anwendungen.

[2]      Rodney Brooks hatte ab Mitte der 1980er Jahre am MIT Artificial Intelligence Laboratory eine neue Generation solcher autonomen mobilen Roboter entwickelt (A Mobile Robot Project (1985), A Robust Layered Control System for a Mobile Robot (1985)). Marc Raibert, der 1986 von der Carnegie Mellon University kam, entwickelte die berühmten einbeinigen, zweibeinigen und vierbeinigen dynamischen Laufroboter und gründete dann 1992 als MIT-Spinoff die Boston Dynamics.

[3]      DARPA = Defense Advanced Research Projects Agency (etwa: US-Agentur für fortgeschrittene Verteidigungsforschung); Forschungsbehörde des US-Verteidigungsministeriums (Department of Defense), die risikoreiche, technologisch weit vorausgreifende Forschungsprojekte mit möglicher militärischer Bedeutung finanziert. – Ein Beispiel der angedeuteten Förderung: »Dynamically Stable Legged Locomotion: Second Report to DARPA« (Forschungsbericht 1983) dokumentiert die DARPA-finanzierten Arbeiten Raiberts von Oktober 1981 bis Dezember 1982.

[4]      Die Transformer-Architektur ist eine Architektur für künstliche neuronale Netze, die 2017 von Forschern bei Google in dem Aufsatz Attention Is All You Need vorgestellt wurde. Sie bildet die technische Grundlage praktisch aller modernen Large Language Models (LLM), also auch von GPT-Modellen (GPT = Generative Pre-trained Transformer). Ein Transformer ist eine neuronale Netzwerkarchitektur, die mittels Attention kontextabhängige Beziehungen zwischen Tokens berechnet und daraus schichtweise komplexe Repräsentationen von Sprache erzeugt.

[5]      Warum warnen Erfinder und Betreiber einer Technologie vor ihrer eigenen Technologie und motivieren mit Schreckensszenarien eine staatliche Überwachung(sbehörde)? Wie so oft bei Großtechnologien mit hohen Risiken liegt auch hier die Vermutung nahe, dass die betreffenden Unternehmen damit Haftungsverantwortung an den Staat delegieren wollen.

Muss man Gott fürchten?

Lesedauer: 22 Minuten. Mit offener Bibel eher 3 Stunden…
Zusammenfassung: hier (PDF)

Unser schräges Gottesbild

Man bekommt heute auch in christlichen Medien und christlichen Gemeinden ein erstaunlich schräges Gottesbild vermittelt: der »liebe Gott«. Ein lieber, alter Großpapa, der nichts lieber will, als seinen Enkeln süße Geschenke zu machen und sie bei Laune zu halten. Die Kleinen sollen doch ihre Träume verwirklichen. Über ihre Missetaten sieht er freundlich hinweg, auch wenn er manchmal weise sein Haupt schüttelt. Aber er hält sich zurück, redet nicht drein. Schon gar nicht erziehend, gar disziplinierend. Die Kids sollen doch ihrem freien Willen folgen. Das macht doch ihre Gottesbildähnlichkeit aus. Also nur zu! Sünde, Zorn, Grimm und Rache — das passt ins Mittelalter, aber nicht zu unserer Vorstellung von Gott-Vater.

Aber dann liest man in der gesamten Bibel immer wieder von »Gottesfurcht«. Mhhm, das gilt heute sicher nicht mehr. Ein Jesaja mag damals den Schreck seines Lebens gehabt haben, als er plötzlich in den Thronsaal Gottes sehen durfte und die Engel sagen hörte: »Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen, die ganze Erde ist voll seiner Herrlichkeit!« (Jesaja 6,1ff). Er reagierte ja mit völligem Schock auf Gottes Heiligkeit: »Wehe mir!« Auch andere Menschen, die sich plötzlich in der Gegenwart Gottes wiederfanden, hatten ähnliche Reaktionen: ein Abraham (1Mose 17,3), ein Mose mit Aaron (4Mose 16,22) oder ein Hesekiel (Hesekiel 1,28). Nicht gerade die schlechtesten Menschen. Eher große Vorbilder des Glaubens.

Jetzt mach mir bitte bloß keine Angst! Christen, Gotteskindern, passiert so etwas doch nicht mehr! Wie bitte, der große Heidenapostel Paulus erlebte auch so etwas? Ja: Apostelgeschichte 9,4. Der wurde sogar eine zeitlang völlig blind. Und sogar der »Apostel der Liebe«, Johannes, der uns so viel von der Liebe Gottes, des Vaters, schreibt, der fiel auch wie tot nieder, als er Jesus in seiner Herrlichkeit sah. Wirklich? Noch nie gelesen! OK, Du hast recht, es steht so im NT: Offenbarung 1,17. Dieses Buch lese ich sowieso nicht so gerne. Da steht so viel davon, dass Gott zornig, grimmig und rächend ist. Da bleibe ich lieber bei Johannes 3,16! (Kleiner Tipp: Lies weiter bis Vers 36!)

Aber Du machst mich nun schon ganz schön unsicher! Es bedrückt mich geradezu. Das ist doch einseitig, von der Heiligkeit Gottes zu reden, und dass diese Menschen, Christen, Gotteskinder, bis zum Tode schockiert sind, wenn sie Gott sehen in seiner Herrlichkeit. Das ist so bedrohlich! Ich würde da lieber bei dem Bild des liebenden Vaters bleiben. Das reicht mir. »Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!« Was soll ich anfangen mit einem »Wehe mir, ich vergehe!«?

Was hier übertrieben skizziert wurde, ist vielleicht gar nicht übertrieben, wenn man Christen so zuhört. Es ist ein großer, bedenklicher Trend. Er wurde vor 20 Jahren in den USA ausführlich unter »Christen« erforscht.

Moralisch-therapeutischer Deismus

Christian Smith und seine Mitforscher von der National Study of Youth and Religion (NSYR) an der University of North Carolina at Chapel Hill untersuchten anfangs dieses Jahrhunderts eingehend die religiösen Überzeugungen amerikanischer Teenager. Dabei stellten sie fest, dass der Glaube, den die meisten Jugendlichen vertraten und beschrieben, im Wesentlichen auf etwas hinauslief, das die Forscher als »moralistisch-therapeutischen Deismus« bezeichneten. Er besteht aus Überzeugungen wie diesen:

  • Es gibt einen Gott, der die Welt erschaffen und geordnet hat und über das menschliche Leben auf der Erde wacht.
  • Gott möchte, dass die Menschen gut, freundlich und gerecht miteinander umgehen, wie es die Bibel und die meisten Weltreligionen lehren.
  • Das zentrale Ziel des Lebens besteht darin, glücklich zu sein und sich selbst gut zu fühlen.
  • Gott muss im eigenen Leben nicht besonders stark einbezogen sein, außer wenn man ihn braucht, um ein Problem zu lösen.
  • Gute Menschen kommen in den Himmel, wenn sie sterben.

Die drei Attribute moralistisch – therapeutisch – deistisch sind dabei sehr bewusst gewählt:

  • moralistisch: Der Glaube bedeutet vor allem: Sei ein guter Mensch.
  • therapeutisch: Der Glaube soll dazu beitragen, dass ich glücklich bin, mich wohlfühle und mit meinem Leben zurechtkomme.
  • deistisch: Gott existiert zwar und hat die Welt geschaffen, bleibt aber normalerweise auf Distanz, lässt mich in Ruhe. Außer man braucht Hilfe, dann soll er natürlich helfen!

Das theologisch Interessante an Smiths Befund ist, dass er damit nicht einfach Unglauben beschreibt. Die Jugendlichen hielten sich vielfach durchaus für Christen. Smiths These war vielmehr, dass sich unter der Oberfläche traditioneller christlicher Sprache faktisch eine andere Religion herausgebildet habe. (Quelle: Christian Smith with Melinda Lundquist Denton, Soul Searching: The Religious and Spiritual Lives of American Teenagers (New York: Oxford University Press, 2005), S. 162–163).

Also: Viel religiöses, emotionales Gerede. Meistens dreht sich alles um ich, mir, meiner, mich. Ich fahre, wohin ich will. Ich verwirkliche mich. Live your Dreams! Ich sitze selbst am Steuer. Gott brauche ich natürlich auch. Er soll mir die nächste Tankfüllung bezahlen. Und ab und zu brauche ich ihn auch als kosmischen ADAC.

Der Wahrheits-Check

Unsere Kultur schwebt mit dem Zeitgeist sanft dahin. Auch in den Gemeinden. Da wird schmerzlich bewusst, dass die Kirche stets der Reformation bedarf. »Ecclesia semper reformanda« bedeutet ja gerade nicht, dass sich die Kirche dauernd dem Zeitgeist anpassen sollte (was Programm mancher Kirchen zu sein scheint), sondern sich immer wieder aus der Deformation lösen muss, indem sie sich zum Original wendet und die Hilfs- und Stützmuskeln aufbaut, wie ein durchgesackter Skoliose-Patient in der Krankengymnastik. Mancher Blick in den Ganzkörperspiegel des Wortes Gottes wirkt da ernüchternd.

The Solid Rock

Zuerst halten wir fest, dass ein wiedergeborener Mensch durch Buße (Umkehr zu Gott) und Glauben zu Gott gekommen ist. Das waren seine ersten Lebensregungen durch den Heiligen Geist. Durch die Geburt von oben (Gott) her ist er nun ein »geliebtes Kind Gottes« (Epheser 5,1), nicht länger ein »Kind des Zorns« (Epheser 2,3). Das ist ewiger Fakt, wir reden hier nicht über Probe- oder Bewährungs-Kindschaft, sondern den freien, liebevollen und gewollten Zeugungsakt durch Gottes Geist selbst (lies Johannes 3). Wer an Gott und das Rettungswerk Jesu am Kreuz glaubt, weiß sicher, dass der gerechte Zorn Gottes über seine Sünden am Kreuz durch Jesu Sterben, sein Blutvergießen, völlig absorbiert worden ist (Hebräer 10,14). Weil Jesus Christus den Zorn Gottes in Gänze und Fülle stellvertretend für diesen Glaubenden ertragen hat, hat er Gott als Weltenrichter nie mehr zu befürchten. Er darf wissen: Der, der einst jedem das Endurteil aussprechen wird, ist derselbe, der Dich bereits mit seinem eigenen Blut erlöst und auf immerdar gerecht gesprochen hat. Glaubende erscheinen eines Tages vor dem »Richterthron des Christus«, aber da geht es um Lohn, nicht mehr um Errettung (1Korinther 3,12–15; »er selbst aber wird errettet werden«!). Der Glaubende wird nicht vor dem »Großen Weißen Thron« erscheinen, wie die »Toten«, für die die ewige Verdammnis das sichere Urteil sein wird (Offenbarung 20,11–15).

Der Glaubende darf sich freuen, dass sein Name im Himmel angeschrieben ist (Lukas 10,20). Niemand kann oder wird diesen Eintrag auslöschen, er darf sich darüber freuen, wie über kein Zweites. Welche Sicherheit! Welche Ruhe der Seele! Er hat »einen sicheren und festen Anker der Seele«, der bis ins Heiligtum(!) reicht (lies Hebräer 5,16–20). Er darf wissen, dass Gott ihn mit ewiger Liebe erwählt hat, denn er gehört zu Gottes geretteten Volk (Jeremia 31,3). Er hat sogar die Liebe Gottes durch den Heiligen Geist ins Herz ausgegossen bekommen (Römer 5,5). Mehr geht nicht. Näher zu Gott geht nicht. Daher: die »vollkommene Liebe treibt [diese falsche] Furcht aus« (lies 1Johannes 4,17–18). 

Der Schock des großen Propheten Jesajas

Zum richtigen »Gottesbild« gehört aber auch die Szene in Jesaja 6. Es ist nicht einzusehen, warum eine Betrachtung der Selbstoffenbarung Gottes in diesem Abschnitt des Wortes Gottes das biblische Gottesbild je erschüttern könnte, sie gehört ja mit dazu. Erschütterung oder Dissonanz kann nur erfolgen, wenn man vorher ein nicht vollständig auf die Bibel gegründetes Gottesbild hatte. Insofern ist auch dieser Text aus dem »Wort der Wahrheit« eine notwendige und erbauliche Pflege der Erkenntnis Gottes, die Gott selbst will. Er offenbart sich ja selbst in diesen Texten, weil Er will, dass wir alle richtig (=biblisch) von Ihm denken. Sonst geht Anbetung »in Geist und Wahrheit« nicht. Der Geist Gottes im Glaubenden will aber solche Anbetung durch die Glaubenden fördern! Immerhin wurden die »Bluterkauften« alle zu seinen Priestern! (Offenbarung 1,5).

Der Schock des großen Apostels der Liebe

Selbst der »Apostel der Liebe«, Johannes, hatte ähnlich traumatische Erlebnisse, als er Jesus Christus in seiner richterlichen Herrlichkeit sah (lies Offenbarung 1,17). Das zeigt uns wieder einmal, dass es völlig verfehlt wäre zu meinen, dass der Gott des AT ein anderer sei, als der im NT. Oder dass für uns Christen ein anderer Gott sei, als für die Gottgläubigen anderer Epochen der Gnade Gottes. Gott ist unwandelbar. Nur seine Selbstoffenbarung im Wort Gottes war fortschreitend.

Wenn also selbst die »besten Christen«, wie ein Apostel Johannes, solchen Schock erlebten, was schließen wir daraus? Genau dieser Apostel lehrt uns so viel über die Sicherheit unseres Heils in Christus! Das Problem, dies alles harmonisch zusammenzuhalten, ist in uns begründet. Das Wort Gottes ist ohne Widerspruch klar: Gottesfurcht und Gottesliebe gehören ganz harmonisch und wesensvereint zusammen. Bei Gott zumindest. Man muss eben die ganze Wahrheit lesen (s.u.). Wir müssen dann lernen, diese Wahrheit Gottes noch in Kopf, Herz, Mund und Tat umzusetzen. Ganz persönlich – und ganz öffentlich in der Verkündigung.

Wie steht es also um das Fürchten?

Da muss nun eine Bibelarbeit her. Im Folgenden steht als Handreichung eine Liste, die gut die These belegt, dass auch die vielgeliebten Kinder Gottes, die »im Sohn« sind, immer noch und ewig Gott zu fürchten haben. Die Frage ist: Wie? Hauptsache ist, wir suchen eine Antwort auf diese Frage(n)! Und zwar im Wort Gottes. Das »reformada« geht nur dann in die richtige Richtung, wenn Gottes »Bild gesunder Worte« uns gesunden lassen darf.

Wenn die Verkündigung aber stets und reflexartig um alle »unangenehmen« Themen einen Bogen macht, wird sie unausgewogen und lückenhaft. Und dann ist unsere Erkenntnis mangelhaft, sie hängt fast zwangsweise schief. »Die Summe deines Wortes ist Wahrheit« (Psalm 119,160a). Das fordert den Verkündiger heraus, auch unangenehme Wahrheiten der Schrift darzulegen. Hier nun ein paar »Furcht«-Stellen im NT:

  • Eines der Kennzeichen der verlorenen Menschen ist: »Es ist keine Furcht Gottes vor ihren Augen« (Römer 3,18, als Zitat aus dem AT: Psalm 36,2). Im Umkehrschluss gilt für Errettete das Gegenteil. Das zeigt die Schrift vielfach auf.
  • Paulus unterscheidet deutlich: »Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, wiederum zur Furcht, sondern einen Geist der Sohnschaft habt ihr empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater!« (Römer 8,15). In unser Vater-Kind-Beziehung darf keine Verlustangst oder »sklavische Furcht« mehr herrschen, sie ist sehr intim und voll Urvertrauen (»Abba«!). Aber das ist nicht alles, was die Bibel zu sagen hat.
  • Dem Erlösten gilt auch nicht mehr: »Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen!« (Hebräer 10,31). Warum? Weil Jesus stellvertretend für jeden Glaubenden dieses Furchtbare am Kreuz ertragen hat: »Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?«! (siehe auch Hebräer 10,27).
  • Der Apostel Paulus schreibt aber von einer legitimen Furcht: »Da wir nun diese Verheißungen haben, Geliebte, so lasst uns uns selbst reinigen von jeder Befleckung des Fleisches und des Geistes, indem wir die Heiligkeit vollenden in der Furcht Gottes.« (2Korinther 7,1). Offenbar gibt es keine vollkommene Heiligung (also kein Jesus-ähnlicher-werden), wenn man nicht »in der Furcht Gottes« steht. Daher kann man auch bzgl. der Frage, warum es so wenig Heiligung gibt, als eine Hauptursache vermuten: Man hat der Furcht Gottes abgesagt. Man verdrängt sie. Sicher ein wichtiger Zusammenhang.
  • Daher schreibt Petrus, dass Gott zum Vater haben und Furcht zu haben, keine Widerspruch ist: »Und wenn ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person richtet nach eines jeden Werk, so wandelt die Zeit eurer Fremdlingschaft in Furcht« (1Petrus 1,17). Damit ist das gesamte Leben als Christ und Gotteskind in diesem Zeitlauf gemeint. Gott-Vater erzieht die einstigen »Söhne des Ungehorsams« (Epheser 2,2; 5,6; Kolosser 3,6), dass sie würdige »Söhne des Lichts und Söhne des Tages« (1Thessalonicher 5,5) werden (lies Hebräer 12,4ff), denn sie werden mit Sicherheit in Gottes Herrlichkeit wohnen (Hebräer 2,10), im herrlichen Haus ihres Vaters.
  • Auch rettende Buße wird massiv vom Motiv der Gottesfurcht befördert: »Denn die Betrübnis Gott gemäß bewirkt eine nie zu bereuende Buße zum Heil; die Betrübnis der Welt aber bewirkt den Tod. Denn siehe, eben dieses, dass ihr Gott gemäß betrübt worden seid, wie viel Fleiß hat es bei euch bewirkt! Sogar Verantwortung, sogar Unwillen, sogar Furcht…« (2Korinther 7,10–11). Man sieht aus dem Zusammenhang, wie gut und heilsam diese Furcht war.
  • Das erkennt man auch an folgender Aussage der Schrift: »Durch Glauben bereitete Noah, als er einen göttlichen Ausspruch über das, was noch nicht zu sehen war, empfangen hatte, von Furcht bewegt, eine Arche zur Rettung seines Hauses…« (Hebräer 11,7). Furcht motivierte den gläubigen und gerechten Noah, genau das zu tun, was Gott ihn geheißen hatte, egal was die Menschen im Spott außenherum sagten. Und am Ende war diese Arche sein und sieben weiterer Rettungsmittel! Dies alles deutet auch laut Petrus auf »unsere Arche« Jesus Christus: Wir glauben an ihn, besteigen sozusagen unsere Rettungsarche Jesus Christus, von Furcht bewegt, denn das Gericht Gottes kommt sicher. Denn Gott »… gebietet jetzt den Menschen, dass sie alle überall Buße tun sollen, weil er einen Tag festgesetzt hat, an dem er den Erdkreis richten wird in Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat« (Apg 18, 30).
  • Auch im Zusammenleben in der örtlichen christlichen Gemeinde geht es nicht gut ohne ein »einander untergeordnet in der Furcht Christi« (Epheser 5,21). Wenn wir im Zusammenleben als Gemeinde Probleme erleben, sollten wir auch mal an dieser Stelle nach Ursachen forschen.
  • Sollten große Probleme der Zerstrittenheit in der Gemeinde auftreten, die zur Lähmung der Zusammenarbeit führen, dann lautet die göttliche Anweisung: »Daher, meine Geliebten, wie ihr allezeit gehorsam gewesen seid, nicht allein als in meiner Anwesenheit, sondern jetzt viel mehr in meiner Abwesenheit, bewirkt euer eigenes Heil mit Furcht und Zittern« (Philipper 2,12). Bei den Angeschriebenen ging es ja nicht mehr um das ewige Heil, sondern um die Lösung ihrer brennenden Probleme miteinander. Die Glaubenden sollten das zusammenhalten: Sie sind »Geliebte« und sie wirken »mit Furcht und Zittern« (vor Gott) an der Lösung ihrer (Unheiligkeits-) Probleme. Das sollten wir unbedingt zusammenhalten!
  • Judas hat für die Gemeinde in der Endzeit klare Anweisungen: »Und die einen, die streiten, weist zurecht, die anderen aber rettet mit Furcht, sie aus dem Feuer reißend, indem ihr auch das vom Fleisch befleckte Kleid hasst.« (Judas 1,22). Wir engagieren uns in der Seelsorge auch in für uns gefährlichen Situationen, weil wir Gott fürchten und nicht möchten, dass jemand »in die Hände des lebendigen Gottes fällt«. Judas vermittelt uns dann im nächsten Satz auch großes Vertrauen, dass wir bewahrt bleiben, wenn wir an Jesus in Gottesfurcht fest hängen bleiben (lies Judas 1,24–25).
  • Unsere Gottesfurcht ist auch ein kräftiges »Evangelisationsmittel« für biblisch treue Ehefrauen gg. ihren untreuen/ungläubigen Ehemännern: »Ebenso ihr Frauen, ordnet euch euren eigenen Männern unter, damit, wenn auch einige dem Wort nicht gehorchen, sie durch den Wandel der Frauen ohne Wort gewonnen werden mögen, indem sie euren in Furcht reinen Wandel angeschaut haben« (1Petrus 3,1ff). Die »heiligen Frauen« (1Petrus 3,5) waren deshalb Vorbilder und erfolgreiche Ehepartner auch abirrender Ehemänner, weil sie ihre Männer nicht mit sündigem Verhalten gewinnen wollten (und auch nicht mit beständigem »Anpredigen«), sondern die als wahrhaft gläubige Frauen ihre Not und ihre Hoffnung auf Gott setzten. Das macht der Glaube nämlich immer so: er bringt Gott in die Umstände. Gott ist da! Als Ausdruck dieses vorbildlichen Glaubens konnte man ihren »in Furcht reinen Wandel« beobachten. Passt auch nicht so ganz zu unserem Zeitgeist, aber wohl zum Geist Gottes. Und den braucht man in dieser Situation not-wendig.
  • Auch beim Evangelisieren Unerlöster ist Gottesfurcht eine unverzichtbare Qualität: »Seid jederzeit bereit zur Verantwortung gegen jeden, der Rechenschaft von euch fordert über die Hoffnung, die in euch ist, aber mit Sanftmut und Furcht; indem ihr ein gutes Gewissen habt« (1Petrus 3,15f).
  • Derselbe Apostel redet auch von Gottesfurcht im Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis: Knechte (abgemildert und angewandt: Arbeitnehmer) sollen ihren Dienstherren gehorchen. Das tiefe Motiv dazu lautet: »den Herrn fürchtend« (Kolosser 3,22). Die Parallelstelle in Epheser lautet sogar: »Ihr Knechte, gehorcht den Herren nach dem Fleisch mit Furcht und Zittern, in Einfalt eures Herzens, als dem Christus« (Epheser 6,5). Wir sehen: Vom Herrn gewollte säkulare Beziehungen werden von unserer Gottesbeziehung massiv positiv beeinflusst, gefördert und veredelt, denn letztere bringt das Motiv der Heiligung und damit der Ewigkeitsperspektive herein.
  • Der Hebräerbrief sagt: »Deshalb, da wir ein unerschütterliches Reich empfangen, lasst uns Gnade haben, durch die wir Gott wohlgefällig dienen mögen mit Frömmigkeit und Furcht.« Begründung: »Denn auch unser Gott ist ein verzehrendes Feuer« (Hebräer 12,28–29). Unser Gottesdienst muss also motiviert und gekennzeichnet sein von: Frömmigkeit und Furcht. – Wir müssen dabei unterscheiden zwischen einer Furcht aus Respekt vor dem Ewigen und Höheren und einer unbegründeten, sklavischen Furcht, die nicht zu unserer Gotteskindschaft und Erlösung passt.
  • Früher verstanden Menschen aus dem Alltag ihres Familienlebens noch, dass man die Höheren, die Eltern, gleichzeitig fürchten und lieben kann, ohne Widerspruch. Respekt und Ehrfurcht, manchmal auch Furcht vor der Zuchtmaßnahme, haben oft bewahrt vor dem Sündigen, und so die Beziehung segensreich(er) gemacht. Nehmen wir nun die Ehrfurcht weg und reden nur noch von der Liebe ohne Ehrfurcht, dann geht das schief. Das kann man überall in unserer Gesellschaft und leider auch in der Gemeinde Jesu sehen. Man lese dazu die (für unseren Zeitgeist) provokanten Verse in Hebräer 12,5–11 (Diese Verse sollen uns übrigens nicht entmutigen, sondern ermutigen. Der Kontext liefert nämlich: »Darum richtet auf… Jagt dem Frieden nach mit allen und der Heiligkeit, ohne die niemand den Herrn schauen wird« (usw.)).
  • Der Apostel Petrus fordert Glaubende auf: Staatsbürgern (früher: Untertanen) gilt: »fürchtet Gott, ehrt den König« (1Petrus 2,17). Das kann man mit den göttlich gebotenen Grenzen gg. Menschen (»Clausula Petri« in Apg 5,29) auch heute anwenden: Gott gehört die Gottesfurcht, die Ehre dem Höheren.
  • Der Apostel Paulus fordert uns auf: »Gebt allen, was ihnen gebührt: die Steuer, dem die Steuer, den Zoll, dem der Zoll, die Furcht, dem die Furcht, die Ehre, dem die Ehre [gebührt].« (Römer 13,7). Es gibt offenbar eine legitime, von Gott geforderte und daher heilsame und gute Furcht. Welche ist hier gemeint? Ich denke, dass Paulus das Gleiche meint wie Petrus (s. Pkt. davor).
  • Verfolgten um des Glaubens willen gilt: »Fürchtet aber nicht ihre Furcht« (1Petrus 3,14). Das ist eine augenöffnende Stelle, denn sie geht davon aus, dass es unterschiedliche Arten von Furcht gibt, man also differenzieren muss. Wo man das nicht tut, fällt man in seelenverletzenden Irrtum. Die Furcht der Welt, die Welt der Nichtgläubigen, soll uns nicht erfassen, vielmehr aber die reine Gottesfurcht.

Die gewählte Vorgehensweise hier sollte klar sein: Das war kein: »Ich erzähle Dir, wie ich das sehe« oder »Ich bin der Meinung, dass…«. Sondern ein Führen zu Gottes Wort, wo es von Furcht spricht. Das ganze Wort! (Konkordanzfunktionen einer digitalen Bibel mögen weitere Stellen aufzufinden helfen.) Dahin, zur Wahrheitsquelle, müssen wir miteinander gehen. Dort hat sich Gott in Wahrheit geoffenbart. Das ist der Maßstab, an dem wir unsere Verkündigung, unsere Lehre, unser Reden (und Beten) und unser Leben messen müssen. Jeder Verkündiger steht in einer großen (manchmal Furcht erregenden!) Verantwortung vor dem Herrn (lies Jakobus 3,1 in Verbindung mit Hebräer 5,12ff).

Wie können wir denn (erfolgreich) leben: ohne Furcht oder mit Furcht?

Es wäre der Verlust des wichtigsten Weisheitsprinzips (Weisheit im AT lehrt uns, wie unser Leben als Menschen vor Gott gelingen kann), wenn wir die Gottesfurcht aufgeben oder verblassen lassen würden. Dies soll abschließend eine Handvoll Stellen belegen. Sie sind alle wohlbekannt, oft zitiert. Ich nehme nur Stellen aus den Weisheitsbüchern des AT. Sie sollen für sich selbst sprechen:

  • »Und zum Menschen sprach er: Siehe, die Furcht des Herrn [adonai] ist Weisheit, und vom Bösen weichen ist Verstand.« (Hiob 28,28). Der Spruch ist hebräische Poesie: der zweite Halbsatz entspricht (in Variation) dem ersten. Daraus lernen wir, dass es ausgesprochen unvernünftig ist, Gott, den absoluten Herrscher [adonai], nicht zu fürchten.
  • »Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang; gute Einsicht haben alle, die sie ausüben. Sein Lob besteht ewig.« (Psalm 111,10) – Anfang heißt: Wer das verpasst, der läuft den ganzen Weg dann falsch. Oder anders formuliert: Furcht Gottes hat oberste Priorität.
  • »Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Erkenntnis; die Narren verachten Weisheit und Unterweisung.« (Sprüche 1,7) Hier dient ein klarer Tadel als Verstärkung.
  • »Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang; und die Erkenntnis des Heiligen ist Verstand.« (Sprüche 9,10)
  • »Die Furcht des Herrn ist Unterweisung zur Weisheit, und der Ehre geht Demut voraus.« (Sprüche 15,33). Nur der Demütige lässt sich belehren. Und Gott ehrt dies(en).
  • »Der Herr ist hoch erhaben; denn er wohnt in der Höhe, er füllt Zion mit Recht und Gerechtigkeit. Und es wird Festigkeit deiner Zeiten, Fülle von Rettung, von Weisheit und Erkenntnis geben; die Furcht des Herrn wird sein Schatz sein.« (Jesaja 33,5f). – Offenbar ist die Gottesfurcht etwas sehr Wertvolles, ein Schatz.
  • »Das Endergebnis des Ganzen lasst uns hören: Fürchte Gott und halte seine Gebote; denn das ist der ganze Mensch.« (Prediger 12,13). Hier fasst der Prediger (König Salomo) seine ganze Weisheitssammlung in einem Satz zusammen.

Die latente Gefahr des Götzendienstes

Wir sehen, dass man bei der Rede von der Furcht Gottes die ganze Schrift beachten muss. Man darf sich nicht Stellen heraussuchen, die einem gefallen – und dann die anderen ignorieren. Zusammenstellen und Verehren einer Wunschvorstellung von Gott liegt jedem Menschen, denn er ist in seiner Gefallenheit trotzdem unheilbar religiös (Nikolai A. Berdjajew (1874–1948); Auguste Sabatier (1903)) und somit ein beständiger Götzen-Produzent (Johannes Calvin, Institutio I,11,8). Ludwig Feuerbach (1804–1872) deutete Religion als Projektion des Menschen: Nicht Gott habe den Menschen nach seinem Bild geschaffen, sondern der Mensch schaffe sich Gott nach seinem eigenen Bild (Das Wesen des Christentums, 1841). Das ist es, was wir unbedingt vermeiden müssen, denn: Gott hasst unsere Götzenbilder!

Machen wir es doch jenen himmlischen Wesen nach, die Gottes Heiligkeit aussprechen und besingen, und die von seinen heiligen und gerechten Gerichten begeistert sind:

»Und sie singen das Lied Moses, des Knechtes Gottes, und das Lied des Lammes und sagen: Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, Gott, Allmächtiger, gerecht und wahrhaftig deine Wege, o König der Nationen! Wer sollte nicht dich, Herr, fürchten und deinen Namen verherrlichen? Denn du allein bist heilig; denn alle Nationen werden kommen und vor dir anbeten, denn deine gerechten Taten sind offenbar geworden.« (Offenbarung 15,3–4; vgl. Offenbarung 19 »Halleluja!«)

Fazit & Anwendung

Die Schrift redet vielfach von der Furcht Gottes und dass der Mensch Gott fürchten soll. Der Kontext jeder Stelle lehrt uns aber zu differenzieren: es gibt richtige und gebotene Furcht und es gibt falsche und verbotene Furcht. Jedenfalls gilt für erlöste Gotteskinder, dass sie sich in einer Hinsicht nicht fürchten dürfen, aber in anderer Hinsicht sich sehr wohl fürchten sollen. Wir dürfen hier nicht einseitig werden, um vielleicht einen Schock damit ungläubig abzumildern. Lauge zur Säure gießen, um diese zu neutralisieren, mag an anderer Stelle produktiv und nützlich sein. Hier nicht. Hier gibt es nichts zu »neutralisieren«. Nichts beißt sich. Alles passt – an seinem göttlich gegebenen Ort (Kontext).

Ich denke, eine weitere praktische und heilsame Anwendung von Jesaja 6 wäre, dass wir deutlich mehr Ehrfurcht vor Gott an den Tag legen sollten, wenn es um einen Berufungsvorgang seitens Gottes(!) geht. Jesaja wird hier als Prophet Gottes in den Dienst gestellt, das ist der Kontext. Ein »Mach mal!« ist im Dienst Gottes regelmäßig zu wenig. Und ein »Das haben wir schon immer so gemacht!« braucht vielleicht die glühende Kohle vom Altar Gottes auf die Lippen, damit die Traditionsargumente dort wegbrennen und Gottes reiner Wille verkündet und getan wird. Zittern ist angesagt. Aber gewiss nicht aus Menschenfurcht. Gottesfurcht ist es: Weil wir Ihm vertrauen.

Beachten wir stets diese wichtige Unterscheidung: »Menschenfurcht legt einen Fallstrick; wer aber auf den Herrn vertraut, wird in Sicherheit gesetzt.« (Sprüche 29,25). Insofern ist es übel und schädlich (Falle!), anstelle von Gottesfurcht dauernd mit Argumenten der Menschenfurcht zu arbeiten, wenn es um die Dinge des Herrn und Seiner Gemeinde geht – das ist eine große Bau- und Schwachstelle.

Der Heilige Geist möge uns sein Wort auf die Seele legen und unser Denken biblisch umgestalten. Er wird den Glaubenden dahin führen, mit Überzeugung anbetend zu sagen: »Wer sollte nicht dich, Herr, fürchten und deinen Namen verherrlichen? Denn du allein bist heilig«!

Literaturverweise

Hier eine Liste von Links zu Artikeln und Werken anderer Autoren zum Thema. Sie haben zum Teil auch eigene weitere Verweise auf Quellen. Wie immer, so gilt auch hier: Alles anhand von Gottes Wort prüfen und nur das Gute behalten (1Thessalonicher 5,21).

  1. Sehr zu empfehlen. Gründlich, dem Zeitgeist in der Gemeinde Christi entgegentretend: A. W. Tozer, Muss man Gott fürchten? – Das Gottesbild der Postmoderne. Kostenloser Download des Verlags CLV:  https://clv.de/Muss-man-Gott-fuerchten/255281
  2. Zum Thema direkt sehr zu empfehlen, der »Klassiker«: R. C. Sproul, The Holiness of God (1985/1998). Diese verschrifteten Vorträge waren und sind ein Segen für Gemeinden in aller Welt. Sproul hat dazu auch Lehr-Videos gemacht (ligonier.org).
  3. Zu empfehlen als Kurzfassung: https://www.evangelium21.net/media/3311/sechs-fragen-zur-gottesfurcht
  4. Sehr zu empfehlen: D. A. Carson, Die komplexe Lehre von der Liebe Gottes (Greven: Solid Rock, o. J.). Hierin besonders das Kapitel: Gottes Liebe und Gottes Zorn, S. 63–80. Man findet das Original (englisch) auch im Internet zum Download: The Difficult Doctrine of the Love of God (Wheaton, IL: Crossway, 2000). Link: https://media.thegospelcoalition.org/documents/carson/2000_difficult_doctrine_of_the_love_of_God.pdf (vgl. auch den Vortrag: https://www.thegospelcoalition.org/sermon/distorting-the-love-of-god/). Siehe auch hier.
  5. Empfehlenswert: https://www.bibelstudium.de/articles/ 3022/gottesfurcht.html
  6. Teilaspekt: https://rogerliebi.ch/faq/faq-r00109/

Die Evangeliumsverdreher (Ian Murray, 2023)

Ich glaube, dass ein großer Teil des gegenwärtigen Arminianismus einfach Unkenntnis der Lehre des Evangeliums ist.
C. H. Spurgeon, Predigten, 11, 29

Als ich zu Christus kam, dachte ich, ich würde alles selbst tun, und obwohl ich den Herrn ernsthaft suchte, hatte ich keine Ahnung davon, dass es der Herr war, der mich suchte. Ich glaube nicht, dass ein Jungbekehrter sich dessen schon bewusst ist. Ich kann mich noch genau an den Tag und die Stunde erinnern, als ich diese Wahrheiten zum ersten Mal in meiner Seele empfing – als sie, wie John Bunyan sagt, wie mit einem heißen Eisen in mein Herz gebrannt wurden, und ich kann mich daran erinnern, wie ich fühlte, dass ich plötzlich von einem Baby zu einem Mann geworden war – dass ich Fortschritte in der biblischen Erkenntnis gemacht hatte, weil ich ein für alle Mal den Schlüssel zur Wahrheit Gottes gefunden hatte.
C. H. Spurgeon, The Early Years [Die frühen Jahre], S. 164.

Für Spurgeon war es offensichtlich, nicht nur durch die Heilige Schrift, sondern auch durch seine eigene Erfahrung, dass ein Mensch – oder ein Kind – gläubig werden kann, ohne etwas anderes zu wissen als die Tatsache, dass der Sohn Gottes seine Sünden in seinem eigenen Leib auf dem Kreuz getragen hat. Was ihn zum Glauben gebracht hat oder was Christus nach Golgatha gebracht hat, mag er dann noch nicht wissen: »Wir wussten nicht, ob Gott uns bekehrt hatte oder wir uns selbst bekehrt hatten.«[1] Sein eigenes Zeugnis zu diesem Punkt lautet: »Ich erinnere mich, dass ich, als ich mich zu Gott bekehrte, durch und durch Arminianer war … Manchmal setzte ich mich hin und dachte: ›Nun, ich habe den Herrn vier Jahre lang gesucht, bevor ich ihn gefunden habe.‹«[2]

In einer weiteren Predigt, die er 28 Jahre nach der zuletzt zitierten hielt, sagt er:

»Ich habe einige gekannt, die bei ihrer ersten Bekehrung das Evangelium nicht sehr klar verstanden hatten, die aber durch die Entdeckung ihrer eigenen Gnadenbedürftigkeit evangelikal geworden waren. Sie konnten das Wort ›Gnade‹ nicht buchstabieren. Sie fingen mit einem ›G‹ an, aber sie machten sehr bald mit einem ›F‹ weiter, bis es so ähnlich wie ›freier Wille‹ geschrieben wurde. Aber nachdem sie ihre Schwäche erkannt haben, nachdem sie in ernste Fehler gefallen waren und Gott sie wiederhergestellt hatte, oder nachdem sie durch eine tiefe Depression des Geistes gegangen waren, haben sie ein neues Lied gesungen. In der Schule der Buße haben sie gelernt, richtig zu buchstabieren. Sie fingen an, das Wort ›frei‹ zu schreiben, aber sie gingen von ›frei‹ nicht zu ›Wille‹, sondern zu ›Gnade‹ über, und da stand es dann in Großbuchstaben da: ›FREIE GNADE‹ … Sie wurden klarer in ihrer Theologie und wahrhaftiger in ihrem Glauben als sie es jemals zuvor gewesen waren.[3]

Wenn wir also erkennen, dass eine falsche Lehre nicht notwendigerweise eine falsche Erfahrung oder den Heilsverlust wahrer Gläubiger bedeutet, kehren wir zu der Frage zurück: Warum hat Spurgeon den Arminianismus so entschieden bekämpft? Wenn Menschen unter einer Predigt, die nicht eindeutig calvinistisch ist, zu Christus gebracht werden können, und wenn sie gläubig sein können, ohne diese Lehren klar zu begreifen, ist dies dann ein Thema, das den Frieden der Kirche jemals stören sollte? Hat der moderne Evangelikalismus evtl. doch recht, wenn er die ganze Angelegenheit in den undefinierten Schwebezustand [limbo; auch »Vorhölle«] verbannt und den Arminianismus als eine Art theologisches Gespenst betrachtet, das vielleicht einmal gelebt hat und gelegentlich noch umhergeistert, über das nachzudenken aber kein vernünftiger Christ je Zeit verschwenden oder streiten sollte? Oder, um eine populäre Einschätzung zu zitieren: Laufen wir nicht Gefahr, Wesentliches mit Unwesentlichem zu verwechseln, wenn wir diese Fragen in den Vordergrund stellen? Hören wir uns also Spurgeons Rechtfertigung seiner Position an. 

Erstens vertrat Spurgeon die Ansicht, dass der Arminianismus nicht nur einige wenige Lehren betreffe, die vom Evangelium getrennt werden könnten, sondern dass er die gesamte Einheit der biblischen Offenbarung angehe und unsere Sicht des Erlösungsplans in fast jedem Punkt beeinträchtige. Er betrachtete als eine Hauptursache des Arminianismus, dass dessen Anhänger den Inhalt des Evangeliums nicht voll kennen würden. Die Irrtümer dieses theologischen Systems hinderten die Menschen daran, die ganze göttliche Einheit der biblischen Wahrheiten zu erfassen und sie in ihren wahren Beziehungen und in ihrer richtigen Reihenfolge wahrzunehmen. Der Arminianismus verkürze die Heilige Schrift und widerspreche jener ganzheitlichen Sichtweise, die für die Ehre Gottes, die Verherrlichung Christi und die Stabilität des Gläubigen notwendig ist. Alles, was die Christen dazu verleite, hinter dieser vollständigen Sicht zurückzubleiben, sei daher eine ernste Angelegenheit, die bekämpft werden müsse: »Ich möchte, dass ihr das Wort Gottes eingehend studiert, bis ihr eine klare Sicht des ganzen zusammenhängenden Musters erhaltet, von der Auserwählung bis zum Ausharren bis ans Ende, und vom endgültigen Ausharren bis zum zweiten Kommen, der Auferstehung und den Herrlichkeiten, die folgen werden, der ewigen Welt.«[4]Spurgeon wurde nicht müde, in seinen Predigten Überblicke über die Weite und die umfassende Größe von Gottes Heilsplan zu geben und über die herrliche Einheit aller Teile dieses Plans zu reden. Im Folgenden ein typisches Beispiel aus einer Predigt über Galater 1,15 mit dem Titel »It Pleased God [Es hat Gott wohlgefallen]«.

»Sie werden, denke ich, in diesen Worten erkennen, dass der göttliche Heilsplan sehr klar dargelegt ist. Er beginnt nämlich mit dem Willen und dem Wohlgefallen Gottes: ›Als es aber Gott … wohlgefiel‹. Das Fundament des Heils wird nicht im Willen des Menschen gelegt. Es beginnt nicht mit dem Gehorsam des Menschen und geht dann weiter zu den Absichten Gottes. Sondern hier ist sein Anfang, hier ist die Quelle, aus der die lebendigen Wasser fließen: ›Es wohlgefiel Gott‹. Auf den souveränen Willen und das Wohlgefallen Gottes folgt der Akt der Trennung [Absonderung], der gemeinhin unter der Bezeichnung Erwählung bekannt ist. Im Text heißt es, dass dieser Akt bereits im Mutterleib stattfand, was uns lehrt, dass er vor unserer Geburt stattfand, als wir noch nichts tun konnten, um ihn zu gewinnen oder zu verdienen. Gott trennte uns vom frühesten Teil und der frühesten Zeit unseres Seins an; und in der Tat, lange vorher, als die Berge und Hügel noch nicht aufgetürmt und die Ozeane noch nicht durch seine schöpferische Macht geformt waren, hatte er uns in seinem ewigen Plan für sich selbst abgesondert. Nach diesem Akt der Absonderung kam dann die eigentliche, wirksame Berufung: ›und durch seine Gnade berufen hat‹. Die Berufung bewirkt nicht die Erwählung, sondern die Erwählung, die dem göttlichen Willen entspringt, bewirkt die Berufung. Die Berufung kommt als Folge der göttlichen Absicht und der göttlichen Absonderung [Erwählung], und Sie werden feststellen, wie dann der Gehorsam der Berufung folgt. 

Der ganze Prozess läuft also so ab: Zuerst der heilige, souveräne Vorsatz Gottes, dann die klare und eindeutige Erwählung oder Trennung, dann die wirksame und unwiderstehliche Berufung und danach der Gehorsam zum Leben und die süßen Früchte des Geistes, die daraus hervorgehen. Viele irren hier, weil sie die Heilige Schrift nicht kennen, wenn sie einen dieser Vorgänge vor den anderen stellen, ohne die Reihenfolge der Schrift anzuerkennen. Diejenigen, die den Willen des Menschen an die erste Stelle setzen, wissen nicht, was sie da sagen und fest behaupten.«[5]

Der Arminianismus macht sich also schuldig, die biblischen Lehren zu verwirren, er behindert ein klares und einleuchtendes Verständnis der Heiligen Schrift. Weil er den ewigen Vorsatz Gottes falsch darstellt oder ignoriert, bringt er den Sinn des gesamten Erlösungsplans durcheinander. In der Tat ist Verwirrung ohne diese grundlegende Wahrheit unvermeidlich: Ohne sie fehlt es an der Einheit des Denkens, und im Allgemeinen haben sie überhaupt keine Vorstellung von einer zusammenhängenden göttlichen Lehre. Es ist fast unmöglich, einen Menschen zu einem Theologen zu machen, wenn man nicht mit diesen Dingen beginnt. Sie können einen jungen Gläubigen jahrelang auf die Universität schicken, aber wenn Sie ihm nicht diesen Grundbauplan des ewigen Bundes zeigen, wird er kaum Fortschritte machen, weil seine Studien keinen inneren Zusammenhang haben. Er sieht nicht, wie eine Wahrheit zur anderen passt und wie alle Wahrheiten miteinander harmonieren müssen. Wenn er einmal eine klare Vorstellung davon bekommen hat, dass die Errettung aus Gnade geschieht, wenn er den Unterschied zwischen dem Bund der Werke und dem Bund der Gnade entdeckt hat, wenn er die Bedeutung der Erwählung als Ausdruck des Vorsatzes Gottes und ihren Zusammenhang mit anderen Lehren, die die Verwirklichung dieses Vorsatzes zeigen, klar verstanden hat, dann ist er auf dem besten Weg, ein einsichtsvoller Gläubiger zu werden. Er wird immer bereit sein, die Hoffnung, die in ihm ist, mit Sanftmut und Furcht zu begründen. Der Beweis ist offenkundig. Nimm irgendeine Grafschaft in ganz England, du wirst einfache Männer beim Heckeschneiden und Schaufeln finden, die eine bessere Kenntnis der biblischen Lehre [divinity] haben als die Hälfte derer, die von unseren Akademien und Bibelschulen kommen, aus dem einfachen und vollständigen Grund, dass diese Männer zuerst in ihrer Jugend das System gelernt haben, dessen Mittelpunkt die Erwählung seitens Gottes ist, und danach gefunden haben, dass sich dies mit ihren eigenen Erfahrungen genau deckte. Sie haben auf diesem guten Fundament einen Tempel der heiligen Erkenntnis errichtet, der sie zu Vätern in der Gemeinde Gottes gemacht hat. Jeder andere Plan funktioniert nicht, liefert nur Holz, Heu und Stoppeln. Stapelt darauf, was ihr wollt, es wird zusammenkrachen. Sie haben keinen Bauplan [system of architecture], ihre Gedanken folgen weder der Vernunft noch der göttlichen Offenbarung. In ihrem undurchdachten, fragmentierten System ist der oberste Stein größer als das Fundament; ein Teil des Bundes steht bei ihnen im Widerstreit zu einem anderen Teil; bei ihnen hat der mystische Leib Christi überhaupt keine Form; sie geben Christus eine Braut, die er nicht kennt und die er nicht erwählt, und setzen ihn in die Welt, um mit jedem verheiratet zu werden, der ihn haben will; er selbst aber soll keine Wahl darin haben. Ihr Plan verdirbt jedes Bild, das in der Schrift in Bezug auf Christus und seine Kirche verwendet wird. Der gute alte Plan der Gnadenlehre ist ein System, das, wenn man es einmal angenommen hat, selten wieder aufgegeben wird. Wenn man es richtig gelernt hat, formt es die Gedanken des Herzens, und es gibt dem Charakter derer, die einmal seine Kraft entdeckt haben, einen heiligen Stempel.«[6]

Es ist oft gesagt worden, dass der Calvinismus keine evangelistische Botschaft habe, wenn es um die Verkündigung des Kreuzes geht – weil er nicht sagen könne, dass Christus für die Sünden aller Menschen aller Zeiten und Orte gestorben sei. Aber das Sühnopfer Christi stand im Mittelpunkt aller Predigten Spurgeons, und er war keineswegs der Meinung, dass ein universales Sühnopfer [eine allgemeine Sühnung] für die Evangelisation notwendig sei, sondern er war der Meinung, dass er, wenn die arminianische Position wahr wäre, keine wirklich geschehene Erlösung predigen könnte, weil dies die Botschaft des Evangeliums in heilloses Durcheinander werfen würde.

Spurgeon war der Meinung, dass nicht nur das Ausmaß des Sühneopfers in Frage gestellt würde, sondern auch dessen Wesen selbst, wenn die Prediger aufhörten, das Kreuz in den Kontext des gesamten Heilsplans zu stellen, oder je vergäßen, dass das vergossene Blut ›das Blut des ewigen Bundes‹ ist. Wenn wir dagegen mit der Heiligen Schrift der Auffassung sind, dass Golgatha die Erfüllung des großen Gnadenplans ist, in dem der Sohn Gottes Stellvertreter und Haupt derer wurde, die der Vater vor Grundlegung der Welt geliebt hat (Epheser 1,4), dann sind sowohl das Wesen als auch das Ausmaß des Sühnopfers geklärt. Dass sein Tod seinem Wesen nach stellvertretend war (Christus trug anstelle der betreffenden Sünder die Strafe für deren Sünden) und dass er stellvertretend für die erlitten wurde, mit denen er durch einen ewigen Bund verbunden war, sind zwei Wahrheiten, die wesentlich miteinander verbunden sind.[7] Diesen Menschen, so erklärt die Schrift, können keine Sünden mehr zur Last gelegt werden. Die Gabe Christi für sie stellt außer Zweifel, dass Gott ihnen mit ihm auch alles frei geben wird (Römer 8,32–33). Das muss auch so sein, denn das Sühnopfer bedeutet nicht nur die Erlösung von den Folgen der Sünde, wie sie die menschliche Natur betroffen haben (Knechtschaft und Verunreinigung durch die Sünde), sondern, was noch wunderbarer ist, von der Sünde selbst, die uns vor Gott schuldig gemacht und verdammt hat. Christus hat das göttliche Verdammungsurteil auf sich genommen, ein Urteil, das keinen Sinn macht, wenn man nicht davon ausgeht, dass es sich um das Urteil handelt, das aufgrund der Sünden von konkreten Personen ergangen war.[8]Durch sein Opfer begegnet er völlig dem Zorn, der eigentlich seinem Volk zusteht, und beseitigt ihn für sein Volk. In seiner Person hat er die Forderungen der Heiligkeit und des Gesetzes Gottes vollständig erfüllt, so dass nun auf Grund der göttlichen Gerechtigkeit die göttliche Gunst für diejenigen gesichert ist, an deren Stelle (also: stellvertretend) der Heiland gelitten hat und gestorben ist. Mit anderen Worten: Das Kreuz hat einen auf Gott ausgerichteten Bezug: Es war ein Sühnewerk, durch das Gott, der Vater, in Frieden gesetzt wird, und auf dieser Grundlage, nämlich dem Gehorsam und dem Blut Christi, fließen nun alle Segnungen des Heils frei und sicher zu Sündern. 

Das ist es, was in Römer 3,21.26 so deutlich gelehrt wird. Robert Haldane schreibt über diese Verse: »Es wird gezeigt, dass Gott nicht nur so barmherzig ist, dass er vergibt, sondern auch, dass er treu und gerecht ist, wenn er dem Sünder seine Sünden vergibt. Der Gerechtigkeit wurde voll Genüge getan und das garantiert die Befreiung des Sünders. Selbst der größte Sünder wird nun durch das Sühneopfer seines Bürgen vollkommen würdig, die die göttlichen Liebe zu empfangen, weil er nun nicht nur als vollkommen unschuldig gesehen wird, sondern auch die Gerechtigkeit Gottes besitzt. »Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm.« [2. Korinther 5,21].[9]

Spurgeon erfreute sich der Herrlichkeit dieser Wahrheit: »Er hat Christus bestraft, warum sollte er zweimal für ein Vergehen bestrafen? Christus ist für alle Sünden seines Volkes gestorben, und wenn du im [Gnaden-]Bund bist, gehörst du zu Christi Volk. Du kannst gar nicht mehr verdammt sein. Du kannst gar nicht mehr für deine Sünden leiden. Da Gott niemals ungerechterweise zweimal die Strafzahlung für eine Schuld verlangen kann, kann er eine Seele, für die Jesus gestorben ist, niemals im Gericht zerstören.»[10]

Der evangelikale Arminianismus predigt ein stellvertretendes Sühnopfer und hält an einer universalen Erlösung fest, aber weil er weiß, dass diese Universalität nicht das universale Heil aller sichert, muss er notwendigerweise die Realwirkung des stellvertretenden Sühnopfers Christi abschwächen und es als etwas Unbestimmtes und Unpersönliches darstellen.[11] Das wäre aber eine Stellvertretung, die niemand wirklich erlöst, sondern die Erlösung aller Menschen nur als Möglichkeit anbietet. In der arminianischen Heilslehre hat das Sühnopfer keine besondere Beziehung zu einzelnen Personen, sie sichert niemandem die Erlösung. Aus demselben Grund hat diese Lehre auch die unvermeidliche Tendenz, die Bedeutung der Sühne zu unterschätzen und die Tatsache zu verdunkeln, dass die Rechtfertigung des Sünders allein aufgrund des Werkes Christi erfolgt.[12] Es ist nicht der Glaube, der das Sühnopfer für uns persönlich wirksam macht, sondern das Sühnopfer selbst hat bereits die Rechtfertigung und die Gerechtigkeit der erwählten Sünder gesichert. Selbst der Glaube, durch den wir diese Segnungen erlangen, ist eine Gabe, deren Urheber und Erwerber Christus ist. 

Auch wenn der Arminianismus das Wesen des Sühnopfers als persönliche Stellvertretung im Gericht [vicarious] nicht leugnet, so besteht doch immer die Gefahr, dass er dies tut, und das ist ein Grund, warum der Arminianismus in mehr als einer Periode der Geschichte zu einem Modernismus geführt hat, der nun die Stellvertretung und die Sühne ganz und gar leugnet. Sobald eine verschwommene und undeutliche Sicht des Sühneopfers in der Gemeinde Gottes akzeptiert wird, ist es mehr als wahrscheinlich, dass die nächste Generation zu der endgültigen Unklarheit eines Mannes wie F. W. Robertson aus Brighton kommt, von dem gesagt wurde: »Robertson glaubte, dass Christus irgendetwas getan hatte, das irgendwie mit der Erlösung zusammenhing.« Wer sich eingehender mit der Beziehung zwischen der Gnaden- und der Sühnelehre befassen möchte, findet in John Owens Werk The Death of Death in the Death of Christ (London: Banner of Truth, 1959) eine ausführliche Untersuchung der einschlägigen Schriftstellen. Spurgeons Position war dieselbe wie die jenes großen Puritaners.[13]

Wir wollten mit der Erwähnung dieser besonderen Lehre im vorliegenden Zusammenhang nur zeigen, dass Spurgeon darin mehr sah als nur einen Streit über das Ausmaß der Erlösung. In einer Predigt über die »Besondere Erlösung« (Particular Redemption) im Jahr 1858 sagte er: »Die Lehre von der Erlösung ist eine der wichtigsten Lehren des Glaubenssystems. Ein Irrtum in diesem Punkt wird unweigerlich zu einem Irrtum im gesamten System unseres Glaubens führen.«[14]

Mehr als zwanzig Jahre später war dies immer noch seine Überzeugung: 

»Die Gnade Gottes kann nicht vereitelt werden, und Jesus Christus ist nicht vergeblich gestorben. Diese beiden Grundsätze liegen meiner Meinung nach aller gesunden Lehre zugrunde. Die Gnade Gottes kann letztendlich nicht vereitelt werden. Ihr ewiges Ziel wird sich erfüllen, ihr Opfer und ihr Siegel werden wirksam sein; die durch die Gnade Auserwählten werden alle sicher zur Herrlichkeit gebracht werden.«[15]

»Die Arminianer sind der Meinung, dass Christus, als er starb, nicht in der Absicht starb, irgendeine bestimmte Person zu retten. Sie lehren ferner, dass der Tod Christi an sich nicht zweifelsfrei die Rettung irgendeines lebenden Menschen sicherstellt … sie sind gezwungen, zu behaupten, dass das Sühnopfer Christi vergeblich wäre, wenn der Wille des Menschen nicht nachgeben und sich freiwillig der Gnade hingeben würde … Wir sagen, dass Christus so gestorben ist, dass er unfehlbar das Heil einer unzählbaren Menge gesichert hat, die durch Christi Tod nicht nur gerettet werden kann, sondern gerettet wurde, gerettet werden muss und unter keinen Umständen nochmals in Gefahr laufen könnte, aus dieser Rettung zu fallen.«[16]

Für Spurgeon führte der Irrtum, Christus sei für alle Menschen gleichermaßen gestorben, zu einer weiteren Entfernung von der Bibel, weil dieser Irrtum die Hörer des Evangeliums über das Wesen des rettenden Glaubens in die Irre führte:

»Ich habe manchmal gedacht, wenn ich Ansprachen von einigen Erweckungspredigern hörte, die immer wieder sagten: ›Glaube, glaube, glaube!‹, dass ich gerne selbst gewusst hätte, was wir glauben sollen, damit wir gerettet werden. Ich fürchte, dass es in dieser Frage sehr viele Unklarheiten und Ungenauigkeiten gibt. Ich habe oft die Behauptung gehört, dass man gerettet wird, wenn man glaubt, dass Jesus Christus für einen gestorben ist. Mein lieber Hörer, lassen Sie sich nicht von einer solchen Vorstellung täuschen. Du magst glauben, dass Jesus Christus für dich gestorben ist, und du magst dabei etwas glauben, was nicht wahr ist; du magst etwas glauben, das dir überhaupt nichts Gutes bringt. Das ist nicht der rettende Glaube. Der Mensch, der den rettenden Glauben hat, gelangt später zu der Überzeugung, dass Christus für ihn gestorben ist, aber das ist nicht das Wesen des rettenden Glaubens. Setzen Sie sich das nicht in den Kopf, sonst wird es Sie ruinieren. Sagen Sie nicht: ›Ich glaube, dass Jesus Christus für mich gestorben ist‹, und haben dann das Gefühl, dass Sie nun gerettet seien. Ich bitte Sie, sich daran zu erinnern, dass der echte Glaube, der die Seele rettet, als Hauptelement das Vertrauen – die absolute Ruhe der ganzen Seele – auf den Herrn Jesus Christus setzt, was meine Errettung angeht, egal, ob er nun besonders oder speziell für mich gestorben ist oder nicht, und wenn ich mich ganz und allein auf ihn verlasse, so bin ich gerettet. Später erkenne ich, dass ich ein besonderes Anrecht am Blut des Erlösers habe. Aber wenn ich meine, das erkannt zu haben, bevor ich an Christus geglaubt habe, dann habe ich die biblische Ordnung der Dinge umgedreht und als Frucht meines Glaubens das genommen, was nur von Rechts wegen zu erlangen ist, von einem Menschen, der bereits absolut auf Christus und Christus allein vertraut, um gerettet zu werden.«[17]

noch prägnanterer Sprache hat auch Charles Hodge aufgezeigt, wie der Arminianismus den Zusammenhalt der gesamten biblischen Offenbarung zerstört. Nachdem Hodge festgestellt hat, dass der entscheidende Unterschied zwischen dem arminianischen und dem augustinischen System die Lehre von Gottes Erwählung eines Teils der gefallenen Menschenfamilie zum ewigen Leben betrifft (mit der daraus folgenden Bereitstellung seines Sohnes für ihre Erlösung und Seines Geistes, um ihre Reue, ihren Glauben und ihr heiliges Leben bis zum Lebensende zu sichern), fährt er fort: Obwohl man sagen kann, dass dies der Wendepunkt zwischen diesen großen Systemen ist, die die Kirche in allen Zeitaltern gespalten haben, so schließt dieser Punkt doch notwendigerweise alle anderen Streitpunkte mit ein: das Wesen der Erbsünde, das Motiv Gottes bei der Bereitstellung der Erlösung, das Wesen und die Absicht des Werkes Christi und das Wesen der göttlichen Gnade oder das Wirken des Heiligen Geistes. So hängen in hohem Maße das gesamte System der biblischen Lehre (Theologie) und notwendigerweise auch das Wesen unseres Glaubens von der Sichtweise in dieser besonderen Frage ab. Es handelt sich also um eine Frage von höchst praktischer Bedeutung. Es ist nicht nur eine Sache müßiger Spekulation.[18]

Ein zweiter Grund, warum Spurgeon den Arminianismus so vehement ablehnte, war, dass er sah, dass der Geist dieses Systems direkt in die Gesetzlichkeit führt.[19] Denn obwohl die evangelischen Arminianer die Erlösung durch Werke leugnen, besteht die Tendenz der von ihnen vertretenen Irrtümer darin, den Taten des Sünders unangemessen hohe Bedeutung zuzuweisen und dabei die Betonung in erster Linie auf den menschlichen Willen und das menschliche Bemühen zu legen. Dies ist die logische Folge eines Systems, das die menschliche Entscheidung als den entscheidenden Faktor bei der Bestimmung der Errettung ansieht und den Glauben als etwas darstellt, das jeder Mensch jederzeit realisieren kann, wenn er es will. Ein moderner Evangelist hat zum Beispiel geschrieben: »Wir kennen Christus nicht durch die fünf physischen Sinne, sondern wir kennen ihn durch den sechsten Sinn, den Gott jedem Menschen gegeben hat, nämlich die Fähigkeit zu glauben«. Wenn Gott allen Menschen diese Fähigkeit gegeben hat, dann muss der Wendepunkt von der menschlichen Reaktion abhängen, da eindeutig nicht alle gerettet sind. Diese Konsequenz wird vom Arminianismus akzeptiert.

Um es mit den Worten eines zeitgenössischen Predigers zu sagen, der auch diese (arminianische) Ansicht vertritt: »Diese Liebe Gottes, die so unermesslich, unmissverständlich und unendlich ist, diese Liebe Gottes, die sich bis zu dem hinbeugt, was ein Mensch ist und kann, kann auch völlig abgelehnt werden. Gott wird sich keinem Menschen gegen dessen Willen aufdrängen…. Aber wenn du diese Liebe wirklich willst, musst du glauben – du musst die Liebe Gottes empfangen, du musst sie annehmen.« Die Betonung hier liegt auf dem »du«. Damit wird unweigerlich der Eindruck erweckt, dass es ausschließlich unser Glaube es ist, der uns rettet – als ob der Glaube die Ursache des Heils wäre. Dies ist aber das genaue Gegenteil von Spurgeons Vorstellung vom Geist der Evangeliumspredigt. »Ich könnte nicht wie ein Arminianer predigen«, sagt er, und im folgenden Abschnitt sagte er auch genau, warum: Der Arminianer hat zum Ziel, den Menschen zum aktiven Handeln zu drängen. Im Gegensatz dazu sollten wir das Handeln des Menschen in dieser Sache ein für alle Mal abtöten. Wir sollten ihm zeigen, dass er verloren und verdorben ist und dass sein Handeln jetzt überhaupt das Werk der Bekehrung ausmacht. Vielmehr muss er nach oben schauen. Die Arminianer versuchen, den Menschen hochzuziehen. Wir versuchen, ihn zu Boden zu bringen und ihm das Gefühl zu vermitteln, dass er in Gottes Hand liegt und dass es seine Aufgabe ist, sich Gott zu unterwerfen und laut zu rufen: ›Herr, rette, oder wir gehen zugrunde!‹ Wir sind der Meinung, dass der Mensch nie so nahe an der Gnade ist, als wenn er anfängt zu fühlen, dass er überhaupt nichts tun kann. Wenn er sagt: ›Ich kann beten, ich kann glauben, ich kann dies tun und ich kann das andere tun!‹, dann sind das Zeichen der Selbstgenügsamkeit und des Hochmuts auf seiner Stirn.[20]

Indem der Arminianismus den Empfang der Liebe und des Heils Gottes von der Erfüllung von Bedingungen auf Seiten des Sünders abhängig macht, statt allein von der Gnade, leistet er einem Irrtum Vorschub, dem nicht genug widersprochen werden kann: »Seht ihr nicht sofort, dass dies Gesetzlichkeit ist«, sagt Spurgeon, »dass dies unser Heil von unserem Werk abhängig macht, dass dies unser ewiges Leben von etwas abhängig macht, das wir tun? Nein, die Lehre von der Rechtfertigung selbst, wie sie von einem Arminianer gepredigt wird, ist doch nichts anderes als die Lehre von der Errettung durch Werke; denn er meint immer, der Glaube sei ein Werk des Geschöpfes und eine Bedingung für seine Annahme. Es ist genauso falsch zu sagen, dass der Mensch durch den Glauben als Werk gerettet wird, wie dass er durch die Taten des Gesetzes gerettet wird. Wir sind gerettet durch den Glauben, den Gott uns als Gabe schenkt. Dieser Glaube ist das erste Zeichen seiner ewigen Gunst uns gegenüber. Es ist nicht der Glaube aus uns heraus (als unser Werk), der uns rettet, sonst sind wir aus Werken gerettet, und keinesfalls allein aus Gnaden.«[21] »Wir haben ihn nicht um den Bund der Gnade gebeten«, erklärt er in einer anderen Predigt, »Wir haben ihn nicht gebeten, uns zu erwählen. Wir haben ihn nicht gebeten, uns zu erlösen. Diese Dinge wurden alle getan, bevor wir geboren wurden. Wir haben ihn nicht gebeten, uns durch seine Gnade zu berufen, denn leider kannten wir den Wert dieses Rufes nicht. Wir waren tot in Übertretungen und Sünden, aber er gab uns umsonst von seiner ungeforderten, aber grenzenlosen Liebe. Die vorauseilende Gnade kam zu uns und übertraf all unser Verlangen, all unser Wollen und all unsere Gebete.»[22] Liebt Gott mich, weil ich ihn liebe? Liebt Gott mich, weil mein Glaube stark ist? Dann muss er mich ja wegen etwas Gutem in mir geliebt haben – aber das entspricht nicht der Evangeliumsbotschaft. Das Evangelium stellt den Herrn so dar, dass er die Unwürdigenliebt und die Gottlosen rechtfertigt. Deshalb muss ich die Vorstellung, dass die (rettende) göttliche Liebe irgendwie von menschlichen Bedingungen abhängte, völlig aus meinem Denken verbannen.«[23] Der Arminianismus wird mit apostolischer Härte verdammt, weil er die Herrlichkeit, die allein der Gnade Gottes zukommt, verdunkelt.[24] Daher ist er ein so schwerwiegender Irrtum, dass es dabei keinen Raum für Kompromisse gibt. Wir können Gemeinschaft mit Brüdern haben, die unter dem Einfluss dieser Irrtümer stehen, aber in der Verkündigung und Lehre der Kirche darf es kein Zaudern oder Unklarheit in dieser Frage geben. Auf einer persönlichen Ebene können wir sagen: Es die umfassende Verkündigung der »Lehren der Gnade«, die dem Gläubigen jenen Frieden gibt, den Horatius Bonars mit folgenden schönen Worten beschreibt:

Meine Liebe ist oft so schwach,
Meine Freude kommt und geht;
Aber der Friede mit Gott bleibt derselbe
– Der Ewige kennt keine Veränderung.
Ich ändere mich, Er bleibt Derselbe,
Der Christus kann niemals sterben;
Seine Liebe, nicht meine, ist meine Ruhestätte,
Seine Wahrheit, nicht meine, bleibt das Band.

Es war dieser Glaube, der Spurgeon in Zeiten von Krankheit und Dunkelheit, die er manchmal durchlebte, stützte. Er offenbarte seine Herzensempfindungen, als er sagte: »Ich werde wohl nie verstehen, was ein Arminianer tut, wenn er in Krankheit, Kummer und Betrübnis gerät.«[25] Dennoch hat der Herausgeber Charles T. Cook diese Worte im Nachdruck der Predigt in der Kelvedon Edition gestrichen.[26] Es passt wohl kaum zu unseren aktuellen Vorstellungen, dass der Arminianismus den Herzensfrieden untergrabe. Aber wo sonst kann der Gläubige in Zeiten der Not ruhen als in der Gewissheit, dass er allein durch die ewige und unveränderliche Gnade Gottes gerettet, bewahrt und zur Herrlichkeit bestimmt ist!

Zum gleichen Thema gibt er auch an anderer Stelle dieses Zeugnis:

»Ich würde viele Lehren freudig aufgeben, wenn ich glaubte, dass sie nur Parteiparolen wären und nur der Aufrechterhaltung einer Sekte dienten; aber diese Lehren der Gnade, diese kostbaren Lehren der Gnade, gegen die so viele streiten, könnte ich nicht aufgeben oder ein Jota von ihnen abschwächen, denn sie sind die Freude und der Jubel meines Herzens. Wenn man voller Gesundheit und Kraft ist und alles gut geht, kann man vielleicht sehr bequem von den einfachen Wahrheiten des Christentums leben; aber in Zeiten, wo der Geist hart bedrängt wird und die Seele sehr niedergeschlagen ist, braucht man Lebensnotwendiges und echte Nahrung [the marrow and the fatness]. In Zeiten innerer Zerrissenheit muss das Heil von Anfang bis Ende ganz aus Gnade bestehen.«[27]


Textquelle und Disclaimer

Der vorstehende Text ist ein Auszug aus Kapitel 3 des Buches »The Forgotten Spurgeon [Der vergessene Spurgeon]« von Iain Murray, das den Titel »Arminianism Against Scripture« [Arminianismus im Widerstreit zur Schrift] trägt.

Textquelle: banneroftruth.org/uk/resources/book-excerpts/2023/the-gospel-isnt-found-in-arminianism/; eigene Übersetzung von grace@logikos.club.

Endenoten

[1]      Sermons, Band 7, S. 85.

[2]      Sermons, Band 4, S. 339.

[3]     Sermons, Band 35, S. 226. Bei meiner Dokumentation von Spurgeons Ansichten zu den Lehren der Gnade werde ich mich nicht auf seine frühen Predigten beschränken.

[4]     Sermons, Band 11, S. 29.

[5]     Sermons, Band 56, S. 230.

[6]     Sermons, Band 6, S. 305.

[7]      Wie Hugh Martin in seinem Werk The Atonement, in Its Relations to the Covenant, the Priesthood, the Intercession of Our Lord, 1887, zeigt, ist der sicherste Weg, einem Einwand gegen die angebliche Ungerechtigkeit eines stellvertretenden Sühneopfers (der Unschuldige stirbt anstelle des Schuldigen) zu begegnen, indem man die Wahrheit der »Bundestreue und Verantwortung Christi und der Bundeseigenschaft derer, deren Sünden er sühnt, indem er an ihrer Stelle und für sie stirbt« (S. 10) darlegt. Die Bundeseigenschaft ist der Grund für seine Stellvertretung, und durch diese Tatsache »wird die Stellvertretung seines Opfers nicht nur ans Licht gebracht, sondern gerechtfertigt. Es ist nicht nur wahr, dass er für uns leidet; es ist auch wahr, dass wir in ihm leiden. Und der zweite Satz rechtfertigt die Wahrheit und Gerechtigkeit des ersten. Er steht stellvertretend für uns, weil er mit uns eins ist – mit uns identifiziert, und wir mit ihm« (S. 43). Das ist die große biblische Wahrheit: Christus war nach dem Willen und der Gabe des Vaters vor seiner Menschwerdung mit seinem Volk verbunden, und deshalb ist er für sie gestorben.

[8]     »So wie die Sünde zu den Personen gehört, so ruht der Zorn auf den Personen, die für die Sünde verantwortlich sind.« John Murray, Monographie über das Sühnopfer, 1962, vgl. denselben Autor, Römerbrief, Bd. 1, 1960, S. 116–121.

[9]     Exposition of Romans (London: Banner of Truth, 1958), S. 154.

[10]   Sermons, Band 5, S. 245.

[11]   Thomas Goodwin stellt in seinem Kommentar zu Epheser 1–2,11, in dem er »die große Liebe, mit der er uns geliebt hat« erklärt, fest: »Dass Gott in seiner Liebe auf Personen eingeht. Gott wirft nicht nur mit Propositionen um sich, indem er sagt: Ich will den lieben, der glaubt, und ihn retten, wie die Arminianer meinen; nein, er wirft mit Personen um sich. Und Christus starb nicht nur für Sätze, sondern für Personen. . . Er hat uns nackt geliebt; er hat uns geliebt, nicht wir ihn. Es war nicht für unseren Glauben, noch für irgendetwas in uns; ›nicht aus Werken‹, sagt der Apostel; nein, auch nicht aus Glauben. Nein, er wirft auf nackte Menschen; er liebt euch, nicht die euren. Daher ist hier der Grund, dass seine Liebe niemals versagt, weil sie auf die Person, einfach als solche, gerichtet ist. Der Bund der Gnade ist ein Bund von Personen, und Gott gibt uns die Person Christi und die Person des Heiligen Geistes…«, Werke von Thomas Goodwin, 1861, Bd. 2, S. 151.

[12]   Charles Hodge sagt in seinem Kommentar zu Römer 3,21–31: »Der Grund der Rechtfertigung ist nicht unser eigenes Verdienst, noch unser Glaube, noch unser evangelischer Gehorsam; nicht das Werk Christi in uns, sondern sein Werk für uns, das heißt sein Gehorsam bis zum Tod, V. 25.« (Römer, Edinburgh: Banner of Truth, 1986, S. 103) Historisch gesehen hat der Arminianismus die Rechtfertigungslehre wiederholt gefährdet, und genau diese Gefahr sahen Calvin und andere Reformatoren voraus, als sie erklärten, dass eine Einigung über die Rechtfertigung unmöglich ist, wenn wir die Lehre nicht im Zusammenhang mit Gottes gnädigem Vorsatz, die Auserwählten zu retten, verstehen: Solange diese Punkte nicht unumstritten sind, werden wir, auch wenn wir immer wieder wie Papageien wiederholen, dass wir durch den Glauben gerechtfertigt sind, niemals die wahre Lehre von der Rechtfertigung vertreten. Es ist keinen Deut besser, heimlich von der alleinigen Grundlage des Heils verführt zu werden, als offen von ihr abgewichen zu sein.« Johannes Calvin, Traktate, Bd. 3, S. 254. Nur wenn die Rechtfertigungslehre inhaltlich ausgehöhlt wurde, können Calvinismus und Arminianismus miteinander verschmolzen werden. »Es ist ganz sicher«, sagt Hieronymus Zanchius, »dass die Lehre von der unentgeltlichen Rechtfertigung durch Christus nur auf die Lehre von der unentgeltlichen Vorherbestimmung in Christus gestützt werden kann, da die letztere die Ursache und Grundlage der ersteren ist«.

[13]   Zu Owens Meinung über die Unmöglichkeit eines Kompromisses mit dem Arminianismus siehe seine Darstellung des Arminianismus, Werke von John Owen, Bd. 10 (London: Banner of Truth, 1967), S. 5–7. Spurgeon hatte die Texte, von denen behauptet wurde, sie lehrten eine universale Erlösung, gründlich studiert, und er scheute sich nicht, sie zu erläutern. Siehe z. B. seine feierliche Warnung vor denen, die »mit ihrem Fleisch die verderben, für die Christus gestorben ist«, Band 12, S. 542.

[14]   Sermons, Band 4, S. 130.

[15]   Sermons, Band 26, S. 252.

[16]   Sermons, Band 4, Seiten 130 und 135.

[17]   Sermons, Band 58, Seiten 583–584.

[18]   Systematic Theologie, Bd. 2, S. 330–331. Die Theologie, die die Familie Hodge ein Jahrhundert lang in Princeton lehrte, war die gleiche wie das System, das Spurgeon seinen Studenten am Pastor’s College einpflanzen wollte. A. A. Hodges Outlines of Theology(Edinburgh: Banner of Truth, 1972) war in der Tat ihr Lehrbuch für systematische Theologie. Bei einem Besuch in England im Jahr 1877 war Dr. Hodge beim jährlichen Picknick des Colleges anwesend, als Spurgeon sagte: »Je länger ich lebe, desto klarer scheint es, dass das System von Johannes Calvin der Vollkommenheit am nächsten kommt«, Pike, Bd. 6, S. 197

[19]   »Der Arminianismus neigt sich zur Gesetzlichkeit; es ist nichts anderes als die Gesetzlichkeit, die an der Wurzel des Arminianismus liegt.« Sermons, Band 6, S. 304.

[20]   Sermons, Band 6, S. 259.

[21]   Sermons, Band 6, S. 304. »Unser Glaube verursacht nicht das Heil, noch unsere Hoffnung, noch unsere Liebe, noch unsere guten Werke; sie sind Dinge, die ihm als sein Ehrenschutz beiliegen. Der Ursprung des Heils liegt allein im souveränen Willen Gottes, des Vaters, in der unendlichen Wirksamkeit des Blutes Jesu, des Sohnes Gottes, und in der göttlichen Einwirkung Gottes, des Heiligen Geistes«, Band 3, S. 357. – »Ich kenne nur eine Antwort auf die Frage: ›Warum haben einige geglaubt?‹, und diese Antwort ist: Weil Gott es wollte.«, Sermons, Band 9, S. 355

[22]   Sermons, Band 14, S. 573.

[23]   Sermons, Band 24, S. 440.

[24]    Siehe Thomas Goodwins tiefgründige Behandlung dieses Themas in seiner Auslegung von Eph. 2,5. »Unsere ganze Errettung aus Gnade«, sagt er, »ist das Größte von allem anderen, von größter Bedeutung für die Gläubigen, um es zu wissen und damit vertraut zu sein. ›Aus Gnade seid ihr gerettet‹, das ist das große Axiom, der große Grundsatz, den er in alle ihre Herzen bringen möchte. Und es geht darum, den Plan Gottes, die Herrlichkeit seiner Gnade zu fördern, so steht es hier, Vers. 7. Das ist die Summe und Substanz des Evangeliums, und es ist die Summe des großen Planes Gottes. Darum werdet ihr finden, dass, wenn ein Mensch von dem Weg und der Straße der freien Gnade zu etwas anderem abweicht, man sagt, dass er sich von Gott abwendet. Gal. 1,6: ›Ich wundere mich, dass ihr so schnell von dem abgewichen seid, der euch berufen hat‹ – weil sie nicht an der Lehre der freien Gnade festhielten – ›zur Gnade Christi, zu einem anderen Evangelium‹. Es war Gottes großer Plan, die Gnade voranzubringen, und deshalb nennt er ihr Abweichen von der Lehre davon eine Vereitelung der Gnade Gottes, Gal. 2,21, was die Menschen tun, indem sie irgendetwas mit ihr vermischen.«, Werke, Band 2, S. 230–231.

[25]   Sermons, Band 4, S. 463.

[26]   C. H. Spurgeon, Sermons of Comfort and Assurance. The Kelvedon Edition, ausgewählt und hrsg. v. Charles T. Cook (Zondervan, 1961), S. 36.

[27]   Sermons, Band 18, S. 621.

Das Gleichnis vom vierfachen Ackerboden im Markusevangelium

Posttraumatische Betrachtung einer missglückten Verkündigung 

10 Und als er allein war, fragten ihn die, die um ihn waren, mit den Zwölfen über die Gleichnisse.
11 Und er sprach zu ihnen: Euch ist es gegeben, das Geheimnis des Reiches Gottes [zu]erkennen]; denen aber, die draußen sind, wird alles in Gleichnissen zuteil, 12 damit »sie sehend sehen und nicht wahrnehmen, und hörend hören und nicht verstehen, damit sie sich nicht etwa bekehren und ihnen vergeben werde.« 
Markus 4,10–12 (ELBCSV)

Im September 2025 sprachen drei Redner über den oben angegebenen Text aus dem Evangelium nach Markus: der erste recht ausführlich, der zweite eher ergänzend und episodisch, der dritte versuchte eine rettende Zusammenfassung. Leider wurde von allen etwas gelehrt und gesagt, das nicht im Text steht noch dessen Lehre wiedergibt. Das reicht von einfachen Beobachtungsfehlern, über das Reden von biblisch Wahrem, das aber an anderer Stelle anders gesagt und daher keine Auslegung des vorliegenden Textes ist, bis zu Behauptungen, die im direkten Widerspruch zum Text stehen.

Zur Verarbeitung des nicht geringen Zuhörer-Schocks versuchen wir, einige analytische und einige ermahnende und einige motivierende Gedanken niederzuschreiben. Das Ziel solcher Betrachtung ist mehrfach. Wichtig wäre, daraus zu lernen, solche Fehler in Zukunft nicht mehr (so häufig) zu machen. Wir sind alle Lernende und noch nicht Vollkommene. Auch in der Verkündigung. Also: Lasst uns aus diesem menschlich peinlichen und Gott verunehrenden »Unfall« lernen!

Kontext

Kontext: Dieser Text ist Teil des Diskurses Jesu mit seinen Jüngern und weiteren (»die um ihn waren«; 4,10) über die Gleichnisse (Plural!), von denen eines in den Versen 4,3–9 (samt Appell) berichtet wird: das sog. Gleichnis vom Sämann oder Gleichnis vom vierfachen Ackerboden.

Um was geht es: Jesus sagt, dass er mit diesem Gleichnis vom »Geheimnis des Reiches Gottes« rede (4,11). Zusätzlich sagt er, dass dieses Gleichnis samt den anderen der Lehre diene (4,2).

Weiterer Kontext

(1)  Dieses Gleichnis wird in allen 3 Synoptikern wiedergegeben, allerdings mit bedeutsamen Unterschieden, die zur jeweiligen Botschaft des Evangeliums passen. Der Herr hat dieses grundlegende Gleichnis wohl oft erzählt und die Betonung unterschiedlich gelegt. Das ist zu beachten, daher ist der jeweilige Kontext wichtig. Man sollte daher nicht unbesehen den Text in Matthäus verwenden, um den Text in Markus zu erklären!

(2)  In Markus wird Jesus Christus, der Sohn Gottes, als Diener oder Knecht Gottes dargestellt, der mit mächtigen Worten und Taten Gott dient. Er ist der »Knecht Jahwes«, von dem das AT spricht (s. z.B. Jesaja 42,1; 52,12; 53,11).

(3)  Gleichzeitig berichtet Markus auch, wie der Vorbild-Diener Jesus die nächste Generation von Dienern, die Apostel und andere, ausbildet. Daher erklärt Jesus den Jüngern manches, was er tut und warum er es tut. So auch hier bei deren Fragen, warum Jesus (plötzlich) in Gleichnissen zu den Volksmengen redete.

Genre

Wir haben hier ein Gleichnis! Ein Gleichnis lehrt eine Sache, hat (zumeist) nur eine Pointe. Alles andere wird dort nicht gelehrt. Einem Gleichnis wird Gewalt angetan, wenn man – wie geschehen – die eigentliche Lehraussage nicht erkennt, sondern vorgefasste Probleme und Meinungen in das Gleichnis hereinträgt. Ein Gleichnis darf auch nicht zur Allegorie gemacht werden, bei der alles im Bildbereich Erwähnte einen geistlichen Sinn im Gegenstandsbereich haben soll.

Dass dabei die Gefahr besteht, den Geist Gottes zu beleidigen, ist offenbar. Das geschieht, wenn wir dem vom Ihm gegebenen Text etwas zuzuschreiben, was Er nicht sagt und nicht beabsichtigt hat. Zumindest ist dann das Gesagte und Behauptete nicht das betrachtete Gottes Wort und hat keine entsprechende Autorität. Das sollte man vermeiden, auch wegen der unmittelbaren Gefahren.

Was lehrt das Gleichnis? 

Jesus zeigt m.E. seinen Jüngern (und anderen) auf, warum die Predigt des Wortes, so wie Er es als treuer Knecht Gottes selbst vorlebte und wie es die Jünger in Seinem Auftrag ebenfalls tun sollten, zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen führt. Diese (manchmal frustrierende) Folge ihrer treuen Predigt sollte sie nicht entmutigen, denn:

  1. Der Mangel an (nachhaltiger) Frucht liegt weder am Sämann noch am Samen. Das galt für den Herrn Jesus Christus selbst, das gilt auch für jeden seiner Nachfolger, der das Wort Gottes rein und richtig verkündigt. (Das ist die Herausforderung jedes Predigers!) – Es ist z.B. keine Nachlässigkeit des Sämanns, dass er nicht zuerst den Boden gepflügt hatte, sondern das war damals einfach so üblich. Dieses Randthema im Bildbereich des Gleichnisses ist nicht »zu vergeistlichen« (in den Gegenstandsbereich zu übertragen)!
  2. Das beobachtbare Ergebnis des Ausstreuens des Samens (=des Predigens des Reiches Gottes), die nachhaltige Frucht, hängt nach Markus davon ab, wohin der Same gesät wird: »an dem Weg, wo das Wort gesät wird«, »auf das Steinige gesät«, in die Dornen gesät« oder »auf die gute Erde gesät«. – Nicht alles, was man das Wort predigend aussät, geht auf.
  3. Vier deutlich verschiedene Wirkungen/Ergebnisse bei gleichem Samen werden damit beschrieben. Aber Markus sagt nicht, dass das »Herz« der Hörer so sei, wie der jeweilige Ackerboden. Das ist bei Matthäus 13,19 und Lukas 8,12.15 die Erklärung, aber nicht bei Markus. Die Formulierung in Markus ist eine andere, nämlich: »diese sind die, die/wo…gesät sind« (Markus 4,15–20). Das heißt, die Personen samt ihrer Reaktion auf das Wort werden im Gleichnis mit der Fruchtbarkeit der verschiedenen Ackerböden verglichen.
  4. Die Vermutung, dass dabei das Herz eine große Rolle spielt, ist biblisch wahr, aber nicht Teil des Gleichnisses noch seiner Auslegung durch den Herrn Jesus in Markus. Das Herz wird zwar in der AT-Referenz Jesaja 6,10 zweimal erwähnt, aber genau diesen Teil zitiert der Herr Jesus in Markus nicht, sondern nur den Teil mit den Augen und Ohren (Markus 4,12)! – In Matthäus und Lukas wird jeweils ein anderer Schwerpunkt gesetzt und in Matthäus wird begründend das Jesaja-Zitat inkl. der Nennung des Herzens wiedergegeben. Dieser Unterschied hat Bedeutung. Der Prediger muss in der Vorbereitung seiner Predigt klären, welche!
  5. Die Frucht ist bei Markus progressiv wachsend: 30➞60➞100. Nicht, wie der dritte Redner falsch zitierte, absteigend (so nur in Matthäus 13,8.23, was zu dessen Botschaft passt). Diese Entwicklung einiger Hörer ist also sehr ermutigend für den Prediger, ähnlich Lukas 8,15, wo solche sind, die »Frucht bringen mit Ausharren« (ohne Stufung).
  6. Das Zitat einer AT-Stelle fordert, dass man auch deren Kontext und Bedeutung erarbeitet. Schon im AT wird ermutigt, das Wort zu predigen, selbst wenn es nicht bei jedem Hörer Frucht bringt. Es kann sogar sein, dass niemand hört/gehorcht, wie bei Jeremia (Jeremia 5,20ff)! Vielleicht verdeutlicht der Herr Jesus hier Prediger 11,4ff: »Wer auf den Wind achtet, wird nicht säen, und wer auf die Wolken sieht, wird nicht ernten. Wie du nicht weißt, welches der Weg des Windes ist, wie die Gebeine im Leib der Schwangeren sich bilden, ebenso weißt du das Werk Gottes nicht, der alles wirkt. Am Morgen säe deinen Samen und am Abend zieh deine Hand nicht ab; denn du weißt nicht, welches gedeihen wird: ob dieses oder jenes, oder ob beides zugleich gut werden wird.« – Das ist m.E. auch die Botschaft dieses Gleichnisses in Markus 4, die der Herr Jesus seinen Nachfolgern lehrte.

Wird der Lehr-Punkt des Gleichnisses hier in Markus nicht erkannt oder werden weitere Gedanken (bibel-richtige oder -falsche) ins Gleichnis des vorliegenden Textes hineingelesen oder gar das Gleichnis vergewaltigend allegorisiert, wird man es nicht begreifen. Man missbraucht es letztlich, wenn auch ohne böse Absicht, sondern oft einfach mangels gründlichen Studiums des Textes. Das dann Gesagte hat keine Autorität des Textes und kann sogar verführend oder vernebelnd wirken.

Was lehrt das Gleichnis in Markus nicht? 

  1. Das Gleichnis lehrt nicht, dass ein Mensch ermahnt werden soll, seinen Ackerboden (Herzensboden) zu verändern. Es geht nicht um Ermahnung der Hörer, sondern um Ermutigung der Verkündiger (Evangelisten, Apostel u.a.). Sie sollen stets weiter säen, egal wieviel Frucht entsteht oder nicht. – Die Ermahnung, recht zu hören, wird an anderer Stelle getroffen, zum Beispiel in Lukas 8,18: »Gebt nun Acht, wie ihr hört; denn wer irgend hat, dem wird gegeben werden, und wer irgend nicht hat, von dem wird selbst das, was er zu haben meint, weggenommen werden«. Vgl. dazu auch: 5Mose 8,20; Psalm 95,7–11 mit Hebräer 3,7.15; 4,7. – Bleiben wir aber bei Markus!
  2. Das Gleichnis lehrt nicht über eine »Prädestination des Ackerbodens«. Der erste Hauptredner sagte, dass die Hauptfrage zum Text folgende sei: »Die erste Frage, wo ich Probleme hatte: Ist das Prädestination, ist das Vorherbestimmung? Können die Menschen überhaupt dafür irgendwas, dass sie der Weg, das Steinige, das Fels ist sind?« [sic].  – Mit dieser Angabe wurde sofort klar, dass die Predigt höchstwahrscheinlich ins Kraut schießen wird, denn dieses Thema wird im Text überhaupt nicht genannt noch behandelt, es ist jedenfalls nicht seine erste Frage! – Die biblische Lehre der Zuvorbestimmung (Prädestination) muss man zuerst in diesen Text hineinlegen, wenn man ihn dort finden will. Ist Prädestination das zu lehrende Thema, dann muss man aber zu Stellen im Wort Gottes gehen, wo darüber gelehrt wird, nicht zu Stellen, wo von der Verantwortung des Menschen die Rede ist. (s.u. unter »Angebliche Probleme«)
  3. Der dritte Redner meinte, vielleicht um die Verkündigung zu retten, dass die erste, wichtigste Frage des Gleichnisses vielmehr folgende sei: »Was verhindert bei dir die Frucht?« – Aber das Gleichnis spricht nicht zum Ackerboden mit der Aufforderung, er möge sich ändern! Das könnte evtl. eine weithergeholte Anwendung sein (und zwar basierend auf einer anderen Stelle der Schrift!), sie gründet aber nicht auf dem Zentralgedanken (d.h. der Lehre) des Gleichnisses. Die »erste Frage« eines Gleichnisses ist ihr Hauptpunkt, und der richtet sich in Markus m.E. an die Prediger (Sämänner) der Frucht, und nicht an den Ackerboden. Christus lehrt hier, warum das gute Wort Gottes nicht überall 100% Frucht bringt (wenn es doch göttlich, ja Gottes Kraft, ist). Die Antwort ist: Es liegt an den Hörern, wie sie das Wort Gottes aufnehmen – oder auch nicht aufnehmen. Dies aber liegt außerhalb der Verantwortung des Predigers. – Die Zuhörer der hier behandelten Verkündigungsbeiträge wurden aufgefordert, folgende Zentralfrage mit nachhause mitzunehmen: »Hat das Wort Gottes bei dir Auswirkungen, hat es in deinem Herzen Auswirkungen, kann es aufgehen, kann es wachsen?« (usw.). Es wurde also der Ackerboden ermahnt, wie es im Markus-Text nirgendwo getan wird. (Wenn das das Thema sein sollte, sollte der Prediger eher Lukas 8,18 verwenden: »Gebt nun Acht, wie ihr hört«, s.o.)
  4. Das Gleichnis in Markus erklärt auch nicht, dass der Ackerboden dem »Herzensboden« der Hörer zu vergleichen sei. Der Herr lehrt und deutet es nicht so. Das »Herz« taucht weder im Gleichnis noch in der Erklärung auf. Der dritte Redner lieferte hier leider noch eine weitere falsche Angabe, die zu Matthäus 13 gehört, was aber nicht der betrachtete Predigttext war.
  5. Der erste Redner sagte abschließend: »Dieses Gleichnis lehrt uns, dass wir selber entscheiden können, wie wir sind, welche Erde wir sind, ob wir Christen sind oder nicht.« – Nein, das lehrt dieses Gleichnis in Markus 4 sicher nicht! Es lehrt vielmehr, dass es einigen (den Jüngern) »gegeben ist, das Geheimnis des Reiches Gottes zu erkennen« (4,11), aber »denen, die draußen sind« (und das ist immer deren Schuld!) wird alles in geheimnisvoller Sprache (Gleichnissen) gesagt, »damit« sie nicht sehen, wahrnehmen, bekehren, vergeben werden! – »Es wird ihnen gegeben« heißt gerade nicht, »sie können selbst entscheiden«! Die erste Aufgabe beim Verstehen eines Textes ist: Aufmerksam Beobachten!

Angebliche Probleme im Text

Das »Problem«, das der erste Redner im Text sah und einleitend wie auch später aufgreifend besprach, war die »Prädestination«. Es ist erstaunlich, dass dieses Thema, das ja an anderer Stelle der Schrift völlig klar gelehrt wird, (1) hier gesucht wird, wo es weder mit Begriff genannt noch inhaltlich verhandelt wird, und (2) Zweifel an einer klaren Lehre der Schrift geäußert werden, zudem mit dafür völlig untauglichem Bibeltext. Da fehlt es (wohl auch) an Basics in der Heilslehre. Es tut in der Seele weh, wenn solche eklatanten Mängel in den Grundlagen des Glaubens und der Verkündigung von der Kanzel ausgebreitet werden dürfen.

Der zweite Redner stürzte sich (auch) auf Vers 12, der ihm früher »sehr viel Bauchschmerzen gemacht« habe. Dann versuchte er, das (telische) »damit« umzuerklären, und ihm eine andere Deutung zu geben. (Ich denke nicht, dass diese Behauptung einer gründlichen Untersuchung des Textes entsprang.) Er behauptete, dass dies »eine typische Elberfelder Übersetzung« (i.S. des konkordanten Übersetzungsansatzes) sei. Das »damit« (gr. hina) könne vielmehr mehrere Bedeutungen haben und würde hier eine Begründung einleiten (also kausal sein): »weil sie«. Diese Behauptung einer nicht-telischen Bedeutung von hina (was aber die Hauptbedeutung  dieses Wortes ist) kommen hauptsächlich von solchen Theologen, die die Souveränität Gottes im Heil und Gericht und diese Rede Jesu als »zu hart« ablehnen. Es ist also nicht bessere Deutung, sondern Um-Deutung in Richtung der eigenen vorgefassten theologischen Meinung. Die Schwierigkeit ist auch nicht zu umgehen mit der Erklärung, dass eben einige nicht lange genug Jesus zugehört haben, sondern vorzeitig gegangen seien (und dann »draußen« waren), und daher nicht verstehen würden. Diese Leute hätten vielmehr auch tausend Stunden hören können, ohne zu verstehen. – 
Einige klärende Kommentatoren dazu: »Das Zitat wird mit der griechischen Konjunktion hina (damit) eingeleitet, die in diesem Fall keine resultierende Bedeutung haben kann, sondern einen Zweck bezeichnen muss (Alf, I, 333*)« (Pfeiffer/ Harrison). – »ἵνα wahrscheinl[ich] fin[al] damit; ein Ausweichen auf Nebenbedeutungen wie so dass (kons.) od. weil/denn (kaus.) o.ä., sprachl. zwar z. T. nicht unmögl. (vgl. B II2; BDR § 4562), erscheint forciert« (von Siebenthal). – »Das ἵνα darf nicht abgeschwächt werden, wie ita ut, wie Rosenmüller und andere behaupten. Wir müssen daran festhalten, dass diese harte Äußerung auf Jesaja 6,9 ff basiert und daher im Sinne dieser Stelle interpretiert werden muss.« (Lange/Schaff).

Viel besser, weil textgebunden, wäre es also, wenn man sich das Jesaja-Zitat, das der Herr hier (in Auszügen) verwendet, einmal genauer anschauen würde. Es steht in Jesaja 6, nach einigen Kapiteln Gerichtsworten. Daher ist es naheliegend, dass Jesus auch hier richtend über die ungläubigen Menschen redet. Und in der Tat lehrt die Schrift im Prinzip und vielen Beispielen, dass Gott aktiv mit Verhärtung Menschen bestraft, so dass sie sich nicht (mehr) bekehren können. 
(Danach schweifte dieser zweite Redner anekdotisch ab in den Gedanken, dass Gott, der Schöpfer, nicht effizient arbeite, sondern verschwenderisch sei. Das gehört aber wohl sicher nicht zum Lehrpunkt dieses Gleichnisses. Auch die misslungenen eigenen Aktivitäten, von denen er aus seinem Erleben anschließend anekdotisch berichtete, haben mit der Deutung des Gleichnisses nichts zu tun.)

Die »Problemstelle« Markus 4,12 im einzelnen

Markus 4,12 erklärt nicht, was das in Versen 3–9 gegebene Gleichnis bedeutet, sondern klärt vielmehr die Frage der Jünger (4,10), warum der Herr Jesus nun (überhaupt) in Gleichnissen redete. Das hatte er offenbar zuvor nicht gemacht. Also ging es ihnen nicht zuvorderst um den Inhalt und die Bedeutung des Gleichnisses (4,10.11 sagt: Gleichnisse; Plural!), sondern um die Tatsache, dass ihr Herr nun in Gleichnissen redete.

1.    Der Herr sagt seinen Jüngern, dass es ihnen »gegeben« war, »die Gleichnisse des Reiches Gottes zu erkennen« (4,11). – »Gegeben« spricht von Gottes Gabe und damit Gnadengeschenk – mithin Gottes Souveränität– nicht von menschlicher Verantwortung und Verdienst! (Das hat der erste Redner schon einmal völlig übersehen.)

2.    Zweitens sagt der Herr, dass »denen aber, die draußen sind« (4,11), »alles in Gleichnissen zuteil wird«, und zwar mit der Absicht, dass sie es nicht erkennen. Das ist hier Gottes Wille und Absicht, daher wählt der Herr souverän eine offenbar geheimnisvolle Lehrweise, die dazu führt, dass jene, die draußen sind, es »nicht wahrnehmen« und es »nicht verstehen« und folglich keine Vergebung empfangen (4,12).

3.    Als Begründung verweist der Herr auf einen alten Text vom Propheten Jesaja zurück. Dort heißt es wörtlich (Jesaja 6,10): »Mache das Herz dieses Volkes fett, und mache seine Ohren schwer, und verklebe seine Augen: damit es mit seinen Augen nicht sieht und mit seinen Ohren nicht hört und sein Herz nicht versteht und es nicht umkehrt und geheilt wird«. Es redet von Israel im Unglauben, dem nun im Gerichtshandeln Gottes jede Möglichkeit des Verstehens und Annehmens der guten Botschaft genommen wird. Gott Selbst nimmt diesem Volk die Heilsmöglichkeit.
Die so Gerichteten sind in dieser Sache rein passiv Empfangende, nicht Aktive. Die Vorgeschichte erklärt, warum Gott dies so tut. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Jesaja 6,9–13 eine gerichtliche Antwort Jahwes ist, die durch die gleichnishafte Verkündigung seines Propheten gegenüber dem götzendienerischen Juda erfolgt, dessen Bekenntnisse zur Treue gg. Jahwe durch die Ablehnung der Anweisungen Jahwes durch ihre Führer widerlegt werden.

4.    »damit«: Es ist falsch, wenn man die Verwendung der Stelle aus Jesaja 6 in Markus 4,12 so erklärt, dass das anbindende »damit« (gr. hina) keine Absicht angeben würde. Noch falscher ist der Versuch, die Ursache-Wirkungs-Kette umzukehren! Das »damit« muss telisch verstanden werden (telisch=auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtet). Denn es ist Gottes Ziel und Absicht (im Gericht), dass diese Menschen nicht mehr verstehen, und so nimmt er ihnen die in Gnaden verliehene Fähigkeit zu verstehen wieder weg. Die Führer Israels waren zur Zeit Jesu größtenteils bereits in Ablehnung und Mordgedanken gg. Jesus verhärtet im Herzen. Darin belassen zu werden bedeutete ewiges Verderben. Aber die selektive Gnade Gottes erweichte und rettete doch einige, wie den Cheftheologen der Juden, Nikodemus, und den reichen Ratsherrn Josef von Arimathia.

  • Die Jesaja-Stelle wird auch in Johannes 12,39ff begründend und erklärend für den Unglauben des Volkes und seiner Führer angegeben: »Darum konnten sie nicht glauben, weil Jesaja wiederum gesagt hat: ›Er hat ihre Augen verblendet und ihr Herz verhärtet, damit sie nicht sehen mit den Augen und verstehen mit dem Herzen und sich bekehren und ich sie heile.‹ Dies sprach Jesaja, weil er seine Herrlichkeit sah und von ihm redete«. – Das einleitende Wort »darum« wird im Argument mit »weil« fortgesetzt. Noch klarer kann man Ursache und Wirkung, Absicht und Folge nicht darstellen: Gott verstopft Augen und Ohren im Gericht und raubt damit alle Möglichkeiten des Verstehens, des Umkehrens und damit des Heils. 
    Dass Johannes die Souveränität Gottes im Heil herausstellt (nachdem schon Jahrzehnte die Synoptiker mit den anderen Schwerpunktsetzungen bekannt waren), ist typisch für seine besondere Botschaft vom souveränen Retter-Gott.
  • Angewandt (auf Markus 4): MancheMenschen werden unserer Evangeliumspredigt nicht mit Verstehen, Umkehr und Glauben folgen, weil Gott ihre Augen und Ohren (noch) verstopft hat. – 
    Darum beten wir zu Gott, er möge gnädig und barmherzig sein, die Augen und Ohren der Verlorenen (und verbockten Gläubigen!) zu öffnen. Ob Gott das dann tut, ist Seine souveräne Sache. –
    Das muss ein Verkündiger der Guten Nachricht bedenken, wenn er auf die unterschiedlichen Reaktionen seiner Zuhörer blickt. Paulus redete von diesem Erleben als Verkündiger der Guten Botschaft so: »Denn wir sind für Gott ein Wohlgeruch Christi in denen, die errettet werden, und in denen, die verloren gehen; den einen ein Geruch vom Tod zum Tod, den anderen aber ein Geruch vom Leben zum Leben«. Er zieht daraus nicht die Schlussfolgerung, dass er nun den »Samen« seiner Verkündigung ändern müsse, sondern ganz im Gegenteil: »Denn wir verfälschen nicht, wie die Vielen, das Wort Gottes, sondern als aus Lauterkeit, sondern als aus Gott, vor Gott, reden wir in Christus« (2Korinther 3,15–17). Der Mangel liegt nicht am Wort, am Evangelium.  Daher müssen wir es so unverfälscht und genau wie möglich verkündigen. Das rechtfertigt und bedingt allen Aufwand in der Vorbereitung der Verkündigung. – 
    Bedenken wir noch dieses ergänzend: Wäre das Verstehen und das Heil allein eine Sache der Verantwortung des Menschen (Hörers), müssten wir jeden Menschen bitten, betteln, psychologisch bearbeiten. (Das kann man auch hier und da leider beobachten.) Aber wenn jemand die »Freiheit des Menschen« in der Heilswahl betont, dann wäre selbst dieses für ihn eine unzulässige Einmischung in die Souveränität und Freiheit des Menschen. Die biblische Verpflichtung lautet: Wir zwingen niemand zum Heil, weil das nicht geht und uns nicht geheißen ist, aber motiviert von der Retterliebe Jesu »überreden« wir unsere Zuhörer (2Korinther 5,11).

Weiterer Kontext der Schrift, »Parallelstellen«

  1. Jesaja 28,13 (ELB85): »Und das Wort des HERRN für sie wird sein: zaw la zaw, zaw la zaw, kaw la kaw, kaw la kaw, hier ein wenig, da ein wenig; damit sie hingehen und rückwärts stürzen und zerschmettert werden, sich verstricken lassen und gefangen werden.« – Man beachte auch hier das telische (Ziel und Absicht anzeigende) »damit«.
  2. Jesaja 29,9–10:  »Stutzt und staunt! Blendet euch und erblindet! Sie sind berauscht, doch nicht von Wein; sie schwanken, doch nicht von starkem Getränk. Denn Jahwe hat einen Geist tiefen Schlafes über euch ausgegossen und hat eure Augen geschlossen; die Propheten und eure Häupter, die Seher, hat er verhüllt.« – Es ist hier völlig klar, dass es nicht der Mensch ist, der sich berauscht hat, und daher nichts versteht, sondern Gott ist hier der ganz Aktive, der (geistlichen) Schlaf und (geistliche) Blindheit (im Gericht) sendet.
  3. 5Mose 29,3: »Aber Jahwe hat euch nicht ein Herz gegeben, zu erkennen, und Augen, zu sehen, und Ohren, zu hören, bis auf diesen Tag.« – Auch hier ist Jahwe derjenige, an dem alles Heil (Erkennen, Verstehen usw.) hängt. Nur Gott kann die Fähigkeiten (das Vermögen) zur Heilsergreifung schenken. Der Bettler, der selbständig die leere Hand ausstreckt, um die Heilsgabe zu ergreifen, ist frommer Volks-Mythos, nicht Gottes Wahrheit. Gott muss sogar schon das Verlangen, die Hand auszustrecken, geben (also das Begehren nach dem wahrhaft Rettenden) und dann der Hand die Kraft und den Willen, sie auszustrecken und das Heil zu ergreifen. Gott sei Dank tut Er dies nach freiem Ermessen gezielt hier und da!
  4. Matthäus 13,13–15: »Darum rede ich in Gleichnissen zu ihnen, weil sie sehend nicht sehen und hörend nicht hören noch verstehen; und an ihnen wird die Weissagung Jesajas erfüllt, die sagt: „Mit Gehör werdet ihr hören und doch nicht verstehen, und sehend werdet ihr sehen und doch nicht wahrnehmen; denn das Herz dieses Volkes ist dick geworden, und mit den Ohren haben sie schwer gehört, und ihre Augen haben sie geschlossen, damit sie nicht etwa mit den Augen wahrnehmen und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren und ich sie heile.“« – Entsprechend der Absicht des Matthäus-Evangeliums modifiziert Matthäus unter Inspiration Gottes seine Quelle im AT so, dass die Verantwortung des Menschen (aktives »haben sie geschlossen«) umso deutlicher herausgestellt wird. Das verringert nicht die Aussage/Zitat in den anderen Stellen, noch modifiziert Matthäus diese. Jede Verwendung hat den Sinn, der aus dem Kontext jeweils hervorgeht.
    Darf Matthäus so »falsch« oder »modifiziert« Jesaja 6,9–10 zitieren? Ja natürlich, der Heilige Geist hat es ihm so diktiert! Beides lehrt die Schrift, jedes aber an seinem Ort: Gottes souveränes Handeln im Gericht und in der Erlösung, aber auch des Menschen Verantwortung in der Heilsannahme und Bewirken von Heilsfolgen. Philipper 2,12–13 liefert den Zusammenhang eindrücklich. – Und: Der Kontext der Jesaja-Stelle zeigt, dass diese »Verhärtung« eine zeitweilige ist, weil Israels Überrest durch souveräne Erwählung seitens Gottes noch Heil erfahren wird (s. Römer 11)!
  5. 2Korinther 3,14: Diese Verhärtung Israels wird im NT aufgegriffen: »Aber ihr Sinn ist verhärtet worden, denn bis auf den heutigen Tag bleibt beim Lesen des alten Bundes dieselbe Decke unaufgedeckt, die in Christus weggetan wird.« – Das Passiv ist hier das Passivum divinum[1], die Menschen sind darin (schon rein sprachlich deutlich!) nicht aktiv. Nur in Christus (und durch sein Wirken) kann und wird (!) eines Tages diese Decke weggenommen werden. Auch hier ist Gott souverän über Anfang, Art und Ende des Gerichts. – Dass wir hier von einem Ende sprechen dürfen, ist in sich eine große Gnade, die wir bejubeln.
  6. Als Paulus auf der Missionsreise nach Korinth kam, wollte er sein »Säen« einstellen aus Frustration über den widerspenstigen »harten Boden«. Zumindest kann man Apostelgeschichte 18,6ff so verstehen: Viele widerstrebten und lästerten, aber einige hörten und glaubten und wurden getauft. Der gleiche Same der Verkündigung brachte auch hier unterschiedlichste „Frucht“! 
    Wie ermutigt der Herr Jesus nun seinen frustrierten »Sämann« Paulus? Er sagt: »Fürchte dich nicht, sondern rede, und schweige nicht! Denn ich bin mit dir, und niemand soll dich angreifen, um dir etwas Böses zu tun; denn ich habe ein großes Volk in dieser Stadt.« – Der Trost und die Motivation des Sämanns ist nicht die Verantwortung des Menschen, sondern die Gegenwart und die Souveränität Gottes im Heil. (Das begreife mal ein Arminianer!)

Einige Zitate

»Die Verse 11 und 12 erklären, warum diese Wahrheit in Gleichnissen gelehrt wird. Gott offenbart die für die Seinen bestimmten Geheimnisse denen, die gehorsam und aufnahmebereit zuhören. Er enthält sie aber absichtlich denen vor, die das ihnen angebotene Licht ablehnen. Das sind die Leute, die Jesus als »jene …, die draußen sind« bezeichnet. 

Die Worte von Vers 12 mögen dem oberflächlichen Leser ungerecht und hart erscheinen: »Damit sie sehend sehen und nicht wahrnehmen und hörend hören und nicht verstehen, damit sie sich nicht etwa bekehren und ihnen vergeben werde.« Aber wir müssen uns an das enorme Vorrecht erinnern, das jene Menschen damals genossen. Der Sohn Gottes selbst hatte in ihrer Mitte gelehrt und viele mächtige Wunder getan. Statt ihn als den gottgesandten Messias anzuerkennen, lehnten sie ihn selbst dann noch ab. Weil sie das Licht der Welt abgelehnt hatten, sollte ihnen das Licht seiner Lehre nicht gegeben werden. Von nun an würden sie seine Wunder sehen, aber ihre geistliche Bedeutung nicht verstehen, und seine Worte hören, aber doch die wunderbaren Lehren hinter ihnen nicht erkennen können.

Es gibt so etwas wie die Tatsache, »dass man das Evangelium zum letzten Mal hört«. Es ist möglich, den Tag der Gnade durch fortgesetztes Sündigen zu verpassen. Es gibt Männer und Frauen, die den Retter abgelehnt haben und nie wieder die Gelegenheit zur Buße und Vergebung erhalten werden. Sie mögen das Evangelium hören, aber es trifft auf verhärtete Ohren und ein gefühlloses Herz. Wir sagen: »Wo Leben ist, da ist auch Hoffnung«, aber die Bibel spricht von Menschen, die zwar erweckt, aber jenseits jeder Hoffnung der Buße sind (z. B. in Hebr 6,4–6). (MacDonald, William ; Eichler, C. (Übers.): Kommentar zum Neuen Testament. 7. Aufl. Bielefeld: Christliche Literatur-Verbreitung, 2018.)

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»Gericht muss sein; denn auch dadurch, dass das Böse getroffen und weggetan wird, geschieht Gottes Wille. Jesus wollte Gottes Reich niemals so verkündigen, dass auch ein unbußfertiger und glaubensloser Sinn es finden kann.« (Schlatter, Adolf. Die Evangelien nach Markus und Lukas: Ausgelegt für Bibelleser. 2. Aufl. Bd. 2. Berlin: Evangelische Verlagsanstalt, 1954.)

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Markus 4,12 ἵνα wahrscheinl. fin. damit; ein Ausweichen auf Nebenbedeutungen wie so dass (kons.) od. weil/denn (kaus.) o.ä., sprachl. zwar z. T. nicht unmögl. (vgl. B II2; BDR § 4562), erscheint forciert; hier (wie typischerweise in den Schriften des AT u. NT) ist vorausgesetzt, dass Gottes Souveränität u. die Verantwortung des Menschen keine Antithesen darstellen: wenn Gott die, die nicht zu Jüngern Jesu werden, verwirft, so tragen diese die Verantwortung dafür selbst (vgl. V. 13–20); gleichzeitig steht nichts von dem, was geschieht, außerhalb des göttl. Ratschlusses u. Planes (vgl. Carson, Mt, S. 308f); im flgd. werden Teile aus Jesaja 6,9–10 zitiert (statt der 2. Pl. [MT/LXX] steht hier die 3. Pl., statt v. Heilung [MT/LXX] ist [wie im Targum u. in der syrischen Peschitta] v. Vergebung [ἀφεθῇ] die Rede), zwei Verse voll bitterer Ironie aus einem Abschnitt, der von der selbstverschuldeten (bis zum Exilgericht andauernden) Verstockung des Gottesvolkes spricht (vgl. zu Matthäus 13,14).« (von Siebenthal, Heinrich; Haubeck, Wilfrid: Matthäus bis Offenbarung, Neuer Sprachlicher Schlüssel zum Griechischen Neuen Testament. 2., durchges. Aufl.. Gießen; Basel: Brunnen, 2007.)

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»12 Die einleitende Konjunktion (hina, „damit“) stammt von Markus. Das folgende Zitat stammt aus Jesaja 6,9–10, wo es im MT [masoretischen Text] ein Befehl ist; dies ist nicht überraschend, da im semitischen Denken ein Befehl verwendet werden kann, um ein Ergebnis auszudrücken.

Markus folgt dem Text der LXX. Allerdings lässt er die starken Aussagen des ersten Teils von Vers 10 weg: „Verhärte das Herz dieses Volkes, verstopfe ihre Ohren und verschließe ihre Augen“ und ändert das „und ich heile sie“ (kai iaomai autous) der LXX in „und ihnen wird vergeben“ (kai aphethē autois). Damit folgt Markus der Targuman-Angabe zur Authentizität der Aussage.

Auf den ersten Blick scheint die Aussage zu besagen, dass der Zweck der Gleichnisse darin besteht, dass Ungläubige („die Außenstehenden“, Vers 11) die Wahrheit nicht empfangen und sich nicht bekehren können. Dass diese Aussage theologisch als schwierig angesehen wurde, lässt sich daran erkennen, dass Matthäus hina („damit“) in hoti („mit dem Ergebnis, dass“) ändert (die NIV übersetzt hina mit dem mehrdeutigen „so dass“) und Lukas die mēpote-Klausel („ansonsten“) weglässt.

In jüngster Zeit gab es mehrere Versuche, die telische Kraft von hina abzuschwächen:

1. Es wird behauptet, dass hina im Text dasselbe bedeute wie hoti. Jesus spräche also nicht vom Zweck der Gleichnisse, sondern von ihrem Ergebnis.

2. Markus habe das ursprüngliche aramäische Wort de falsch übersetzt. Es bedeute „wer“ und nicht „damit“. Der Text sollte also lauten: „Das Geheimnis des Reiches Gottes ist euch gegeben worden. Aber denen, die draußen sind undimmer sehen, aber nie wahrnehmen … wird alles in Gleichnissen gesagt“ (Hervorhebung von mir).

3. Die zweckmäßige Idee (ausgedrückt sowohl durch hina als auch durch mēpote) ist nicht authentisch für Jesus, sondern repräsentiert die Theologie des Markus.

4. hina sei eine Einleitungsformel zur freien Übersetzung von Jesaja 6,9–10. Nach diesem Verständnis wäre hina fast gleichbedeutend mit hina plērōthē, „damit es erfüllt werde“.

Alle diese Versuche haben ihre Mängel. Obwohl 1 und 2 das Problem von hina mildern, gehen sie nicht auf das von mēpote („ansonsten“) ein, das ebenfalls einen Zweck suggeriert (vgl. auch BAG, S. 378, wo nach der Erörterung der Möglichkeit, dass hina „mit dem Ergebnis, dass“ bedeutet, diese für diesen Abschnitt rundweg abgelehnt wird). Lösung 3 findet keinerlei Unterstützung, während 4, eindeutig die beste Wahl der vier, daran scheitert, dass Markus an anderer Stelle hina nicht im Sinne von „damit es sich erfüllen möge“ verwendet.

Vielleicht lässt sich Vers 12 am besten als authentische Aussage verstehen, die einfach lehrt, dass ein Grund, warum Jesus in Gleichnissen lehrte, darin bestand, die Wahrheit vor „Außenstehenden“ (was ich als „hartnäckige Ungläubige“ verstehe) zu verbergen. Selbst eine flüchtige Lektüre der Evangelien zeigt, dass die Gleichnisse Jesu nicht immer klar waren. Selbst die Jünger hatten Schwierigkeiten, sie zu verstehen (vgl. Markus 7,17). Deshalb lehrte Jesus (zumindest in einigen Fällen) in Gleichnissen, damit seine Feinde nicht die volle Bedeutung seiner Worte verstehen und falsche Anschuldigungen oder Anklagen gegen ihn erheben konnten. Er wusste, dass das Verstehen in einigen Fällen zu mehr Sünde und nicht zur Annahme der Wahrheit führen würde. Darüber hinaus ist es nicht fremd für die Lehre der Schrift, dass Gott in seiner Weisheit einige (auch hier verstehe ich darunter „hartnäckige Ungläubige”) verhärtet, um seine souveränen Absichten zu verwirklichen (vgl. Röm 11,25–32). Marshall findet einen guten Mittelweg, wenn er sagt: „Durch diese Methode des Lehrens in Gleichnissen lud Jesus seine Zuhörer nicht nur ein, unter die Oberfläche zu blicken und die wahre Bedeutung zu finden, sondern er gab ihnen gleichzeitig die Möglichkeit – die viele von ihnen auch nutzten –, die Augen und Ohren vor dem eigentlichen Kernpunkt zu verschließen” (Commentary on Luke, S. 323). Für eine eingehende Behandlung des Zwecks der Gleichnisse in der Lehre Jesu vgl. R. Stein, An Introduction to the Parables of Jesus (Philadelphia: Westminster, 1981), S. 25–35.«
(Wessel, Walter W.: Markus. In: Gaebelein, F. E. (Hrsg.): The Expositor’s Bible Commentary: Matthäus, Markus, Lukas. Bd. 8. Grand Rapids, MI : Zondervan Publishing House, 1984, S. 649–650.)

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»Christ’s agents in the sowing of the good seed are the preachers of the word. Thus, as in all the cases about to be described, the sower is the same, and the seed is the same; while the result is entirely different, the whole difference must lie in the soils, which mean the different states of the human heart. And so, the great general lesson held forth in this parable of the sower is, that however faithful the preacher, and how pure soever his message, the effect of the preaching of the word depends upon the state of the hearer’s heart.« (Jamieson, Robert, A. R. Fausset, und David Brown. Commentary Critical and Explanatory on the Whole Bible. Oak Harbor, WA: Logos Research Systems, Inc., 1997.) –  Bem.: Dies ist eine Erklärung für die Texte in Matthäus und Lukas, aber nicht für den hier in Markus.

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»Ver. 12. They may see.—The ἵνα is not to be softened, as if ita ut, as Rosenmüller and others assert. We must maintain that this hard utterance was based upon Isa. 6:9 seq., and therefore that it must be interpreted in the meaning of that passage: not as an absolute sentence, but as a deserved, economical, and pedagogical visitation« (Lange, John Peter, Philip Schaff, und William G. T. Shedd. A commentary on the Holy Scriptures: Mark. Bellingham, WA: Logos Bible Software, 2008.).

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«That (ἱνα [hina]). Mark has the construction of the Hebrew “lest” of Isa. 6:9f. with the subjunctive and so Luke 8:10, while Matt. 13:13 uses causal ὁτι [hoti] with the indicative following the LXX. See on Matt. 13:13 for the so-called causal use of ἱνα [hina]. Gould on Mark 4:12 has an intelligent discussion of the differences between Matthew and Mark and Luke. He argues that Mark here probably “preserves the original form of Jesus’ saying.” God ironically commands Isaiah to harden the hearts of the people. If the notion of purpose is preserved in the use of ἱνα [hina] in Mark and Luke, there is probably some irony also in the sad words of Jesus. If ἱνα [hina] is given the causative use of ὁτι [hoti] in Matthew, the difficulty disappears. What is certain is that the use of parables on this occasion was a penalty for judicial blindness on those who will not see.«  (Robertson, A.T. Word Pictures in the New Testament. Nashville, TN: Broadman Press, 1933.)

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»The purpose of parables was to instruct the initiates without revealing the items of instruction to the ones who were without. This is in keeping with the Biblical principle that spiritual understanding is restricted to those who have become spiritual by properly relating themselves to Christ and his message (I Cor 2:6ff.). 
12. That such was the purpose of Christ’s use of parables is further confirmed by a quotation from the OT. The citation is introduced with the Greek conjunction hina (that), which in this instance cannot have a resultant meaning but must indicate purpose (Alf, I, 333*). This verse is a free rendering of Isa 6:9, 10, giving the gist, but not reproducing the exact wording, of the prophetic passage.« (Pfeiffer, Charles F., und Everett Falconer Harrison, Hrsg. The Wycliffe Bible Commentary: New Testament. Chicago: Moody Press, 1962.)

(*) Die Stelle im Greek NT von Alford wird von Alford wie folgt kommentiert: »We must keep the hina strictly to its telic meaning– in order that. When God transacts a matter, it is idle to say that the result is not the purpose. He doeth all things after the counsel of His own will.«

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»Each of the three fruitless hearts is influenced by a different enemy: the hard heart—the devil himself snatches the seed; the shallow heart—the flesh counterfeits religious feelings; the crowded heart—the things of the world smother the growth and prevent a harvest. These are the three great enemies of the Christian: the world, the flesh, and the devil (Eph. 2:1–3).« (Wiersbe, Warren W. The Bible exposition commentary. Wheaton, IL: Victor Books, 1996.)

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»A. DAS GLEICHNIS VOM SÄEMANN

I.     Markus bemerkt die Bedeutung des Hörens, wenn der Heiland spricht (Vers 3). Matthäus beginnt mit dem Wort „Siehe“.

       Markus und Lukas sprechen vom Samen in der Einzahl, aber Matthäus spricht von Samen in der Mehrzahl (King James Übersetzung) oder wie es die Übersetzung von J. N. Darby wiedergibt, von ,,einigen Körnern“.

       Der Same ist immer das Wort Gottes, aber es wird gesehen als gesät, entweder durch den Säemann, den Herrn Jesus, oder durch, Seine Diener, die vielen Säemänner; in der Hand eines jeden ist der Same oder Samen oder Körner. Wie jemand bemerkte: „Das Auge des göttlichen· Dieners in Markus‘, Bericht ruht auf jedem einzelnen Korn, und wie der einzelne Sperling, so ist nicht eines von ihnen vor Gott vergessen“

       Sowohl Markus als auch Matthäus erwähnen bei der Saat, die auf das Steinichte fiel, dass nicht viel Erde da war, Lukas fügt hinzu, dass auch Feuchtigkeit fehlte.

       Nur Markus sagt: „Und es gab keine Frucht“ (Vers 7) von dem Samen, der unter die Domen fiel; die anderen Evangelisten bemerken, dass es erstickte. Markus gibt das Gleichnis mit den meisten Einzelheiten wieder. Wir sehen einen Beweis dafür, daß die Evangelisten unabhängig voneinander arbeiteten und schrieben in der Benutzung des Wortes „auf“ in Vers 8 von Matthäus 13 und des Wortes „in“ in Vers 8 von Markus‘ Bericht.

       In Markus hält der Diener und Prophet alles in Seiner gesegneten Hand, und das Ergebnis ist dort ein Zunehmen – von dreißig-zu sechzig-zu hundertfältig. Bei Matthäus aber hat der König, wie wir sehen werden, das Königreich in die Hände von Menschen gelegt, und das Ergebnis ist umgekehrt: dort ist es Verringerung von hundert- zu sechzig- zu dreißigfältig. In Lukas jedoch lesen wir, dass der Same das Wort Gottes ist, und demzufolge finden wir weder Verringerung noch Steigerung, weder Rückschritt noch Fortschritt, weil es sicher ist, dass es hundertfältig Frucht bringt mit Ausharren – ein besonderer Ausdruck bei Lukas!

       Die Erklärung dieses Gleichnisses durch unseren Herrn wird von unseren Evangelisten fast gleichlautend wiedergegeben, wobei Matthäus den Abschnitt aus Jesaja· 6 ganz zitiert, während ihn Markus etwas und Lukas noch mehr kürzt.

II.    Matthäus stellt die abgeschnittene „Familienbeziehung“ mit Israel als einer Nation klarer heraus als die anderen Evangelisten, wenn er sagt: „An jenem Tage aber ging Jesus aus dem Hause hinaus und setzte sich an den See.“

       Nur hier sagt Er etwas zu der Frage der Jünger: „Warum redest du in Gleichnissen zu ihnen?“ – nicht: was bedeutet dies Gleichnis (Vers 10)! Und von Matthäus wird uns gesagt, dass dieses Reden in Gleichnissen als Strafe dienen soll für die Hörer, die den Herrn bereits verworfen und ihre Herzen verhärtet hatten.

       Weil es um die Betonung dieses Grundsatzes geht, teilt uns auch nur Matthäus mit (in Vers 12): „Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird Überfluss haben; wer aber nicht hat, von dem wird selbst, was er hat, genommen werden.“ Mit anderen Worten: Jene, zu denen Jesus kam und die Ihn aufnahmen (als einer Nation war Er ihnen gegeben worden), nur jene, die Ihn in Wahrheit durch Glauben in ihre Herzen aufgenommen hatten – für diese war Er gleichsam „zweifach gegeben“, und deshalb hatten sie Überfluss.  Aber jene, die Ihn nicht im Glauben angenommen hatten, obwohl Er ihnen als der Messias gegeben war, „hatten“ Ihn nicht durch Glauben, und Er würde von ihnen genommen werden und anderen – den Nationen – gegeben werden. Für diese, die Christus verwarfen, sprach Er in Gleichnissen, damit. sie in ihren Herzen noch mehr verhärtet werden möchten, „damit sie nicht etwa … sich bekehren, und ich sie heile“. Sie fühlten sich nicht krank und brauchten keine Heilung: schrecklicher Zustand! So stand es um die Nation als Ganzes.

       In Matthäus ist es das „Wort vom Reich“ (Vers 19), aber in Lukas ist es das „Wort Gottes“ (8,11).

       Wiederum liegt in Matthäus die Betonung auf dem Verstehen des Wortes, während sie in Lukas auf dem Bewahren liegt (8,15) und in Markus auf dem Aufnehmen (4,20). So wird das Wort zuerst verstanden, dann aufgenommen, und immer bewahrt oder auf das praktische Leben angewandt.

       Beim Vergleichen der drei Evangelisten ist außerdem zu bemerken, dass Markus von „dem Bösen“ spricht (Vers 19), womit er auf dessen Charakter im Allgemeinen hinweist; Markus sagt, alsbald kommt ,,der Satan“ (Vers 15), womit er auf dessen Charakter als Widersacher hinweist; und schließlich sagt Lukas, „Dann kommt der Teufel“, womit er auf den Feind als Ankläger hinweist. 

       Auch sehen wir, dass in Matthäus die Betonung auf dem Säemann liegt – „Der den guten Samen sät, ist der Sohn des Menschen“ (13,37); in Markus liegt die Betonung auf dem Werk des Säemanns – „Der Säemann sät das Wort“ ( 4,14 ); und in Lukas liegt die Betonung auf dem Samen – ,,Der Same ist das Wort Gottes“ (8,11 ). Man kann nicht anders, als den Herrn dieser kostbaren, inspirierten Berichte anzubeten, wenn man diese wundervolle Harmonie und dennoch den unterschiedlichen Charakter der Evangelien sieht!

Ill.   Lukas: Schließlich kommen wir zu Lukas, wo es heißt, dass der kostbare Same „zertreten“ wurde (Vers 5) und dass er an einen Platz fiel, wo weder viel Erde noch Feuchtigkeit war (Vers 6). Weil aber das, was in die gute Erde fiel, in seinem innersten Wesen das reine Wort Gottes. war, konnte es nur volle Frucht bringen, was durch „hundertfältig“ ausgedrückt wird.«
(Cor Bruins, Er wohnte unter uns. Die göttliche Absicht in den Unterschieden der vier Evangelien, Neustadt: Paulus, 1992.)

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Übersichtsgrafiken für den synoptischen Vergleich

Die folgenden Grafiken für den synoptischen Vergleich stammen von grace@logikos.club (© 1990–2025). Sie dürfen gerne frei mit Quellenangabe verwendet werden.

Ausgangspunkt der Textbeobachtung ist eine tabellarische Gegenüberstellung der synoptischen Texte (Gleichnis samt Erläuterung durch Jesus Christus) (Bild 1).


Endenote

[1]            Das Passivum divinum ist eine theologische Sprachform im AT wie im NT, die es ermöglicht, über Gott zu sprechen, ohne seinen Namen zu verwenden. Dem bibelkundigen Leser war klar, dass der ungenannte Akteur der im Passiv genannten Tätigkeit Gott ist.

John N. Darby über die „Arminianer“ (Deutsch)

Der anglo-irische Bibellehrer John N. Darby (1800–1882), einer der einflussreichsten Theologen der frühen „Brüderbewegung“ (sog. „Plymouth Brethren“), hatte in seiner Zeit wiederholt mit Vertretern der Denkschule der „Arminianer“ zu tun. Vor allem in der uralten Diskussion über den „freien Willen“ und der Zu- und Aneignung des ewigen Heils gab es zahlreiche Auseinandersetzungen, die größtenteils in seinen Collected Writings und seinen Letters erhalten geblieben sind.

Am 9. Mai 1879 schrieb Darby aus Pau einen Brief in italienischer Sprache an G. Biava, der einen Artikel über den „freien Willen“ verfasst und wohl Darby zur Beurteilung vorgelegt hatte. Darbys Antwort ist in den Letters in englischer Sprache erhalten geblieben. Hier einige Auszüge in eigener Übersetzung ins Deutsche (englisches Original hier):

»LIEBER BRUDER, – Der Artikel über den freien Willen hat mir sehr gefallen; ich finde nicht, dass es viel hinzuzufügen gibt. Alles hängt von der Tiefe der Überzeugung ab, die wir von unserem sündigen Zustand haben; und unsere Sicherheit und Freude hängen ebenfalls davon ab. Verlorensein oder Gerettetsein sind jene beiden Gegensätze, die unserer Stellung (Zustand) in Christus und unserer Stellung (Zustand) im alten Menschen entsprechen. Aber in der Argumentation der Arminianer gibt es einen völlig falschen Grundsatz, nämlich dass unsere Verantwortung von unserer Macht abhänge. Wenn ich jemandem 100.000 Pfund geliehen habe und er alles verschwendet hat, kann er das natürlich nicht zurückzahlen, aber ist seine Verantwortung deswegen beendet? Sicherlich nicht. Die Verantwortung hängt vom Recht desjenigen ab, der ihm das Geld geliehen hat, nicht von der Fähigkeit desjenigen, der das Geld zu Unrecht verschwendet hat. …

Alle Menschen haben seit dem Sündenfall ein Gewissen, das Wissen um Gut und Böse; sie wissen zu unterscheiden, aber das sagt nichts über den Willen aus. Da also das Gesetz Gehorsam verlangt und das Fleisch nicht unterworfen werden kann, ist es tatsächlich unmöglich, das Gesetz anzunehmen – nicht weil Gott ihn daran hindert, wie ich bereits gesagt habe, sondern weil der Mensch es nicht will. Außerdem verbietet das Gesetz die Begierde, aber der gefallene Mensch hat Begierde in seinem Fleisch [sündigen Wesen]; und auf diese Weise erkannte der Apostel die Sünde. Der Mensch muss sein sündiges Wesen verlieren, bevor er bereit ist, dem Gesetz zu gehorchen: Es ist daher notwendig, von neuem geboren zu werden. Nun kann der Mensch sich selbst nicht göttliches und ewiges Leben geben. Warum dann das Gesetz? Damit die Übertretung überhand nehme. Durch das Gesetz wird die Sünde „überaus sündig“; „das Gesetz erwirkt“ den gerechten „Zorn“ Gottes gegen uns, es erwirkt nicht die Furcht Gottes in uns. Das Gesetz gibt kein neues Leben. Alles, was wir haben, ist Feindschaft gegen Gott. Der Mensch im Fleisch kann das Gesetz nicht in sein Herz aufnehmen. …

Kann das Fleisch [unser sündiges Wesen] Christus empfangen – seine Freude am Sohn Gottes finden? Dann wäre es nicht mehr das Fleisch, es hätte den Geist des Vaters selbst. Wenn es im Menschen etwas anderes als Fleisch gibt, dann ist jener Mensch bereits aus Gott geboren, denn was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch. Wenn das Fleisch seine Freude an Christus finden könnte, besäße das Fleisch das Erhabenste, was es auf Erden und im Himmel gibt: es fände seine Freude dort, wo auch der Vater seine Freude findet. Dann wäre es nicht notwendig, aus Gott geboren zu sein, denn das Erhabenste, was jemand jetzt durch Gnade als Christ besitzt, besaß dieser bereits vor dem Empfang des Lebens, als er Christus empfing. Die Gewissheit der Erlösung wäre aber gleichzeitig dahin: Wenn die Erlösung die Frucht meines eigenen Willens wäre, hängte sie von meinem Willen ab. Wenn sie so leicht hervorgebracht werden könnte, könnte man nicht sagen: „Weil ich lebe, werdet auch ihr leben.“ …

Es heißt, der Glaube sei nur die Hand, die die Erlösung empfängt, aber was veranlasst uns, die Hand auszustrecken? Es ist die Gnade, die in uns wirkt.«

Quelle: John N. Darby, Letters, Vol. 2 (1868–1879), Nachdr., Kingston-on-Thames: Stow Hill Bible and Tract Depot, o. J., S. 501–503. Fett- und Farbdruck hinzugefügt. 
Textquelle (englisch) online auch hier: https://www.stempublishing.com/authors/darby/letters/52346I.html

Die pelagische Gefangenschaft der Kirche (R.C. Sproul)

Kurz nach Beginn der Reformation, in den ersten Jahren nachdem Martin Luther die 95 Thesen an die Kirchentür in Wittenberg angeschlagen hatte, veröffentlichte er einige kurze Broschüren zu verschiedenen Themen. Eine der provokantesten trug den Titel »Die babylonische Gefangenschaft der Kirche«. In diesem Buch blickte Luther auf jene Zeit in der Geschichte des Alten Testaments zurück, als Jerusalem von den einfallenden babylonischen Armeen zerstört und die Elite des Volkes in die Gefangenschaft verschleppt wurde. Luther übertrug im 16. Jahrhundert das Bild der historischen babylonischen Gefangenschaft auf seine Zeit und sprach von der neuen babylonischen Gefangenschaft der Kirche. Er bezeichnete Rom (die Römisch-katholische Kirche) als das moderne Babylon, das das Evangelium als Geisel hielt, indem es das biblische Verständnis der Rechtfertigung ablehnte. Man kann sich vorstellen, wie heftig die Kontroverse war und wie polemisch dieser Titel in dieser Zeit war, wenn man sagt, dass die Kirche nicht einfach nur geirrt oder vom Weg abgekommen sei, sondern gefallen sei – dass sie jetzt tatsächlich babylonisch sei, dass sie jetzt in heidnischer Gefangenschaft sei.

Ich habe mich oft gefragt, was Luther wohl sagen würde, wenn er heute leben und in unsere Kultur kommen würde und sich nicht die liberale Kirchengemeinschaften, sondern die evangelikalen Kirchen ansehen würde. Natürlich kann ich diese Frage nicht mit endgültiger Autorität beantworten, aber ich vermute Folgendes: Wenn Martin Luther heute leben und seinen Stift zur Hand nehmen würde, um zu schreiben, würde das Buch, das er in unserer Zeit schreiben würde, den Titel Die pelagische Gefangenschaft der evangelikalen Kirche tragen. Luther sah, dass die Rechtfertigungslehre durch ein viel tieferes theologisches Problem angegriffen wurde. Er schreibt ausführlich darüber in Von der Freiheit eines Christenmenschen. Wenn wir uns die Reformation ansehen und die Soli der Reformation betrachten – sola scriptura • sola fide • sola gratia • solus Christus • soli Deo gloria – war Luther davon überzeugt, dass das eigentliche Thema der Reformation die Frage der Gnade war; und dass der Lehre von sola fide, der Rechtfertigung durch den Glauben allein, die vorherige Verpflichtung zu sola gratia, dem Konzept der Rechtfertigung durch Gnade allein, zugrunde lag.

In der Fleming-Revell-Ausgabe von »The Bondage of the Will« [orig.: De Servo Arbitrio; dtsch.: Vom unfreien Willen, oder: Über den geknechteten Willen, 1525] fügten die Übersetzer J. I. Packer und O. R. Johnston eine etwas provokative historische und theologische Einführung in das Buch selbst ein. So lautet der Schluss dieser Einführung:

Über diese Dinge müssen Protestanten heute nachdenken. Mit welchem Recht können wir uns Kinder der Reformation nennen? Vieles im modernen Protestantismus würde von den Reformatoren der ersten Stunde weder anerkannt noch gutgeheißen werden. Das Buch Vom unfreien Willen zeigt uns ziemlich genau, was sie über die Erlösung der verlorenen Menschheit glaubten. 

Im Lichte dessen sind wir gezwungen zu fragen, ob das protestantische Christentum zwischen Luthers Zeit und unserer Zeit nicht auf tragische Weise sein Geburtsrecht verkauft hat. Ist der Protestantismus heute nicht eher erasmisch als lutherisch geworden? Versuchen wir nicht zu oft, Lehrunterschiede zu minimieren und zu beschönigen, um des Friedens zwischen den Parteien willen? Sind wir unschuldig, was die Gleichgültigkeit gegenüber der Lehre, die Luther Erasmus vorwarf, angeht? Glauben wir immer noch, dass die biblische Lehre wichtig ist? [1]

Historisch gesehen ist es eine einfache Tatsache, dass Luther, Calvin, Zwingli und alle führenden protestantischen Theologen der ersten Epoche der Reformation hier genau auf dem gleichen Standpunkt standen. In anderen Punkten hatten sie ihre Differenzen. Sie waren sich jedoch völlig einig, was die Hilflosigkeit des Menschen in der Sünde und die Souveränität Gottes in der Gnade betraf. Für jeden von ihnen waren diese Lehren das Herzblut des christlichen Glaubens. Ein moderner Herausgeber von Luthers Werken sagt dazu:

Wer dieses Buch aus der Hand legt, ohne erkannt zu haben, dass die evangelische Theologie mit der Lehre von der Unfreiheit des Willens steht oder fällt, hat es vergeblich gelesen. Die Lehre von der freien Rechtfertigung allein durch den Glauben, die während der Reformationszeit zum Zentrum so vieler Kontroversen wurde, wird oft als das Herzstück der Theologie der Reformatoren angesehen, aber das ist nicht richtig. Die Wahrheit ist, dass ihr Denken sich wirklich auf die Behauptung des Paulus konzentrierte, die von Augustinus und anderen aufgegriffen wurde, dass die gesamte Erlösung des Sünders nur durch freie und souveräne Gnade geschieht, und dass die Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben für sie wichtig war, weil sie das Prinzip der souveränen Gnade sicherte. Diese Souveränität der Gnade fand in ihrem Denken auf einer noch tieferen Ebene in der Lehre von der monergistischen [allein von Gott gewirkten] Wiedergeburt Ausdruck. [2]

Das heißt, dass der Glaube, der Christus zur Rechtfertigung annimmt, selbst das freie Geschenk eines souveränen Gottes ist. Das Prinzip des sola fide wird erst dann richtig verstanden, wenn es als im umfassenderen Prinzip des sola gratia verankert betrachtet wird. Was ist die Quelle des Glaubens? Ist es das von Gott gegebene Mittel, durch das die von Gott gegebene Rechtfertigung empfangen wird, oder ist es eine Bedingung der Rechtfertigung, die der Mensch erfüllen muss? Hören Sie den Unterschied? Ich möchte es in einfachen Worten ausdrücken. Ich hörte kürzlich einen Evangelisten sagen: »Wenn Gott tausend Schritte unternimmt, um dich für deine Erlösung zu erreichen, musst du letztendlich immer noch den entscheidenden Schritt tun, um gerettet zu werden.« Denken Sie an die Aussage von Amerikas beliebtestem und führendem Evangelisten des 20. Jahrhunderts, Billy Graham, der mit großer Leidenschaft sagte: »Gott erledigt neunundneunzig Prozent, aber du musst immer noch das letzte Prozent tun.«

Was ist Pelagianismus?

Kommen wir nun kurz auf meinen Titel »Die pelagianische Gefangenschaft der Kirche« zurück. Worüber sprechen wir? Pelagius war ein Mönch, der im fünften Jahrhundert in Großbritannien lebte (um 350–420). Er war ein Zeitgenosse des größten Theologen des ersten Jahrtausends der Kirchengeschichte, wenn nicht aller Zeiten, Aurelius Augustinus (354–430), Bischof von Hippo in Nordafrika. Wir haben vom heiligen Augustinus gehört, von seinen großen theologischen Werken, von seinem »Gottesstaat« (De civitate Dei contra Paganos), von seinen »Bekenntnissen« (Confessiones) und so weiter, die nach wie vor zu den Klassikern der christlichen Literatur gehören.

Augustinus war nicht nur ein herausragender Theologe und ein erstaunlicher Intellektueller, sondern auch ein Mann von tiefer Spiritualität und Gebet. In einem seiner berühmten Gebete machte Augustinus eine scheinbar harmlose und unschuldige Aussage in dem Gebet zu Gott, in dem er sagte: »O Gott, befehle, was du willst, und gewähre, was du befiehlst.« Nun, würde Sie es in Rage versetzen, wenn Sie ein solches Gebet hörten? Jedenfalls versetzte es Pelagius, diesen britischen Mönch, ordentlich in Aufruhr. Er protestierte lautstark und appellierte sogar an Rom, dieses grässliche Gebet aus der Feder des Augustinus zu verbannen. Was war der Grund seiner Empörtheit? Er sagte: »Willst du damit sagen, Augustinus, dass Gott das angeborene Recht hat, seinen Geschöpfen alles zu befehlen, was er will? Niemand wird das bestreiten. Gott hat als Schöpfer von Himmel und Erde von Natur aus das Recht, seinen Geschöpfen Verpflichtungen aufzuerlegen und zu sagen: ‚Du sollst dies tun und du sollst das nicht tun.‘ ‚Befiehl, was du willst‘ – das ist ein vollkommen legitimes Gebet.«

Es ist der zweite Teil des Gebets, den Pelagius verabscheute, als Augustinus sagte: »und gewähre, was du befiehlst.« Er sagte: »Wovon redest du? Wenn Gott gerecht ist, wenn Gott rechtschaffen ist und Gott heilig ist und wenn Gott dem Geschöpf befiehlt, etwas zu tun, dann muss dieses Geschöpf sicherlich die Kraft in sich haben, die moralische Fähigkeit in sich haben, es auszuführen, sonst würde Gott es gar nicht erst verlangen.« Klingt logisch, oder? Pelagius wollte damit sagen, dass moralische Verantwortung immer und überall moralische Fähigkeit oder einfach moralische Befähigung impliziert. Warum sollten wir also beten müssen: »Gott, gib mir die Gabe, das zu tun, was du mir befiehlst«? Pelagius sah in dieser Aussage einen Schatten, der auf die Integrität Gottes selbst geworfen wurde, der die Menschen für etwas verantwortlich machen würde, das sie nicht tun können.

In der anschließenden Debatte machte Augustinus deutlich, dass Gott Adam und Eva bei der Schöpfung nichts befohlen hatte, was sie nicht hätten ausführen können. Aber als die Sünde Einzug hielt und die Menschheit fiel, wurde Gottes Gesetz nicht aufgehoben, noch passte Gott seine heiligen Anforderungen nach unten an, um dem geschwächten, gefallenen Zustand seiner Schöpfung Rechnung zu tragen. Gott bestrafte seine Schöpfung, indem er das Urteil der Erbsünde über sie verhängte, sodass jeder, der nach Adam und Eva in diese Welt geboren wurde, bereits tot in Sünde geboren wurde. Die Erbsünde ist nicht die erste Sünder, sie ist das Ergebnis der ersten Sünde. Sie bezieht sich auf unsere angeborene Verderbtheit, durch die wir in Sünde geboren werden: in Sünde haben uns unsere Mütter empfangen. Wir werden nicht in einem neutralen Zustand der Unschuld geboren, sondern in einem sündigen, gefallenen Zustand. Praktisch jede Kirche im historischen Ökumenischen Rat der Kirchen artikulierte zu irgendeinem Zeitpunkt ihrer Geschichte und in ihrer Bekenntnisentwicklung eine Lehre von der Erbsünde. Denn diese geht so klar aus der biblischen Offenbarung hervor, dass es einer Ablehnung der biblischen Sichtweise vom Menschen bedürfte, um die Erbsünde gänzlich zu leugnen.

Genau darum ging es im Streit zwischen Augustinus und Pelagius im fünften Jahrhundert. Pelagius sagte, dass es so etwas wie Erbsünde nicht gebe. Adams Sünde beträfe Adam, und nur Adam. Es gebe keine Übertragung oder Weitergabe von Schuld, Sündenfall oder Verderbtheit an die Nachkommen Adams und Evas. Jeder Mensch werde in demselben Zustand der Unschuld geboren, in dem Adam erschaffen wurde. Pelagius sagte, dass es für einen Menschen durchaus möglich sei, ein Leben im Gehorsam gegenüber Gott, ein Leben in moralischer Vollkommenheit, zu führen, ohne irgendeine Hilfe von Jesus oder irgendeine Hilfe durch die Gnade Gottes dafür zu benötigen. Pelagius sagte damit, dass die Gnade – und hier liegt der entscheidende Unterschied – die Gerechtigkeit erleichtert.

Was bedeutet aber in diesem Zusammenhang »erleichtern«? Die Gnade hilft, macht es einfacher, macht es leichter. Aber man muss diese Gnade nicht haben, man kann auch ohne Gnade vollkommen sein. Pelagius erklärte weiter, dass es für manche Menschen nicht nur theoretisch möglich sei, ein vollkommenes Leben ohne jegliche Hilfe durch göttliche Gnade zu führen, sondern dass es tatsächlich Menschen gebe, die dies tun. Augustinus reagierte darauf mit einem: »Nein, nein, nein, nein … wir sind von Natur aus bis in die Tiefen und den Kern unseres Seins von der Sünde infiziert – so sehr, dass kein Mensch die moralische Kraft hat, sich der Gnade Gottes zuzuwenden.« Der menschliche Wille hat aufgrund der Erbsünde zwar immer noch die Macht zu wählen, ist aber seinen bösen Wünschen und Neigungen verfallen. Der Zustand der gefallenen Menschheit ist einer, den Augustinus als die Unfähigkeit, nicht zu sündigen, beschreiben würde. Einfach gefasst sagte Augustinus damit, dass der Mensch durch den Sündenfall die moralische Fähigkeit verloren habe, das zu tun, was Gott will, und dass er von seinen eigenen bösen Neigungen gefangen gehalten werde.

Im fünften Jahrhundert verurteilte die Kirche Pelagius als Ketzer. Der Pelagianismus wurde auf dem Konzil von Orange (529, ehemals Arausio genannt, in Südfrankreich) verurteilt und erneut auf dem Konzil von Florenz (1437–1447), dem Konzil von Karthago (418) und ironischerweise auch auf dem Konzil von Trient (1545–1563) im 16. Jahrhundert in den ersten drei Anathemas der Kanones der sechsten Sitzung. Die Kirche hat also den Pelagianismus durchweg in der gesamten Kirchengeschichte rundheraus und entschieden verurteilt – weil der Pelagianismus die Gefallenheit unserer Natur leugnet; er leugnet die Lehre von der Erbsünde.

Nun war das, was man als Semi-Pelagianismus bezeichnet, wie das Präfix „semi“ andeutet, eine Art Mittelweg zwischen dem voll ausgebildeten Augustinianismus und dem voll ausgebildeten Pelagianismus. Der Semi-Pelagianismus besagt Folgendes: Ja, es gab einen Sündenfall; ja, es gibt so etwas wie Erbsünde; ja, die grundlegende Natur des Menschen wurde durch diesen Zustand der Verderbtheit verändert und alle Teile unserer Menschlichkeit wurden durch den Sündenfall erheblich geschwächt, so sehr, dass ohne die Hilfe der göttlichen Gnade niemand erlöst werden kann, sodass die Gnade nicht nur hilfreich, sondern für die Erlösung absolut notwendig ist. Wir sind zwar so tief gesunken, dass wir ohne Gnade nicht gerettet werden können, aber wir sind nicht so tief gesunken, dass wir nicht die Fähigkeit hätten, die Gnade anzunehmen oder abzulehnen, wenn sie uns angeboten wird. Der Wille ist geschwächt, aber nicht versklavt. Im Kern unseres Wesens gibt es eine Insel der Rechtschaffenheit, die vom Sündenfall unberührt bleibt. Ausgehend von dieser kleinen Insel der Rechtschaffenheit, diesem kleinen Stückchen Güte, das in der Seele oder im Willen noch intakt ist, liegt der entscheidende Unterschied zwischen Himmel und Hölle. Es ist diese kleine Insel, die genutzt werden muss, wenn Gott seine tausend Schritte unternimmt, um uns zu erreichen, aber letztendlich ist es der eine Schritt, den wir tun, der darüber entscheidet, ob wir in den Himmel oder in die Hölle kommen – ob wir diese kleine Gerechtigkeit, die im Kern unseres Wesens liegt, ausüben oder nicht. Diese kleine Insel würde Augustinus nicht einmal als Atoll im Südpazifik erkennen. Er sagte, es sei eine Insel der Phantasie (wörtlich.: »mythische Insel«), vielmehr sei der Wille versklavt und der Mensch tot in seinen Sünden und Verfehlungen.

Ironischerweise verurteilte die Kirche den Semi-Pelagianismus genauso vehement, wie den ursprünglichen Pelagianismus. Doch als man im 16. Jahrhundert das katholische Verständnis dessen las, was bei der Erlösung geschieht, wies die Kirche im Grunde genommen das zurück, was Augustinus und auch Aquin gelehrt hatten. Die Kirche kam zu dem Schluss, dass es immer noch diese Freiheit gebe, dass etwas im menschlichen Willen noch intakt sei, und dass der Mensch mit der »vorauslaufenden« Gnade, die Gott ihm anbietet, kooperieren und ihr zustimmen müsse (und könne). Wenn wir diesen Willen ausüben, wenn wir mit den Kräften, die uns noch bleiben, kooperieren, werden wir gerettet. Und so kehrte die Kirche im 16. Jahrhundert zum Semi-Pelagianismus zurück.

Zur Zeit der Reformation waren sich alle Reformatoren in einem Punkt einig: dass der gefallene Mensch unfähig sei, sich den Dingen Gottes zuzuwenden; dass alle Menschen, um gerettet zu werden, völlig, nicht zu neunundneunzig Prozent, sondern zu hundert Prozent von der monergistischen Arbeit der Erneuerung abhängig seien, um zum Glauben zu gelangen, und dass der (rettende) Glaube selbst ein Geschenk Gottes sei. Es ist nicht so, dass uns die Erlösung angeboten wird und wir wiedergeboren werden, wenn wir uns für den Glauben entscheiden. Wir können vielmehr nicht einmal (rettend) glauben, bis Gott in seiner Gnade und Barmherzigkeit zuerst die Neigungen unserer Seelen durch sein souveränes Werk der Erneuerung verändert. Mit anderen Worten: Die Reformatoren waren sich alle einig, dass ein Mensch, der nicht wiedergeboren ist, das Reich Gottes nicht einmal sehen kann, geschweige denn in es eintreten kann (Johannes 3,3.5). Wie Jesus im sechsten Kapitel des Johannesevangeliums sagt: »Niemand kann zu mir kommen, wenn der Vater, der mich gesandt hat, ihn nicht zieht« (6,44). Die notwendige Bedingung für den Glauben und die Erlösung eines jeden Menschen ist seine Erneuerung durch »Geburt von oben«.

Evangelikale und Glaube

Der moderne Evangelikalismus lehrt fast einheitlich und allgemein, dass ein Mensch, um wiedergeboren zu werden, zuerst Glauben ausüben muss. Man muss sich dafür entscheiden, wiedergeboren zu werden. Ist es nicht das, was Sie hören? In einer Umfrage von George Barna[3] äußerten mehr als siebzig Prozent der »bekennenden evangelikalen Christen« in Amerika die Überzeugung, dass der Mensch im Grunde gut ist. Und mehr als achtzig Prozent vertraten die Ansicht, dass Gott denen hilft, die sich selbst helfen. Diese Positionen – oder lassen Sie es mich negativ ausdrücken – keine dieser Positionen ist semi-pelagianisch. Sie sind beide pelagianisch. Zu sagen, dass wir im Grunde gut sind, ist die pelagianische Ansicht. Ich würde davon ausgehen, dass in mindestens dreißig Prozent der Menschen, die diesen Artikel lesen, und wahrscheinlich mehr, wenn wir ihr Denken wirklich eingehend untersuchen, wir Herzen finden würden, die für den Pelagianismus schlagen. Wir sind davon überwältigt. Wir sind davon umgeben. Wir sind darin versunken. Wir hören es jeden Tag. Wir hören es jeden Tag in der säkularen Kultur. Und wir hören es nicht nur jeden Tag in der säkularen Kultur, sondern auch jeden Tag im christlichen Fernsehen und im christlichen Radio.

Im 19. Jahrhundert gab es einen Prediger, der in Amerika sehr populär wurde und ein Buch über Theologie schrieb, das aus seiner eigenen juristischen Ausbildung hervorging und in dem er keinen Hehl aus seinem Pelagianismus machte. Er lehnte nicht nur den Augustinianismus ab, sondern auch den Semi-Pelagianismus, und bezog klar Stellung zum vollen Pelagianismus, indem er ohne Umschweife und ohne jegliche Zweideutigkeit sagte, dass es keinen Sündenfall gab und dass es so etwas wie Erbsünde nicht gebe. Dieser Mann griff die Lehre von der stellvertretenden Sühne Christi heftig an und lehnte darüber hinaus die Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben allein durch die Zurechnung der Gerechtigkeit Christi so laut und deutlich wie möglich ab. Die Grundthese dieses Mannes lautete: Wir brauchen die Zurechnung der Gerechtigkeit Christi nicht, weil wir aus uns selbst heraus die Fähigkeit haben, gerecht zu werden. Sein Name ist Charles Finney, einer der am meisten verehrten Evangelisten Amerikas [4]. Wenn Luther nun Recht hatte mit seiner Aussage, dass »sola fide« der Artikel ist, auf dem die Kirche steht oder fällt, und wenn die Reformatoren sagten, dass die Rechtfertigung durch den Glauben allein eine wesentliche Wahrheit des Christentums ist, die auch argumentierten, dass die stellvertretende Sühne eine wesentliche Wahrheit des Christentums ist; wenn sie mit ihrer Einschätzung, dass diese Lehren wesentliche Wahrheiten des Christentums sind, Recht haben, dann können wir nur zu dem Schluss kommen, dass Charles Finney kein Christ war. Ich habe seine Schriften gelesen und sage: »Ich verstehe nicht, wie ein Christ so etwas schreiben kann.« Und doch ist er in der Ruhmeshalle des evangelikalen Christentums in Amerika. Er ist der Schutzpatron des Evangelikalismus des 20. Jahrhunderts. Und er ist kein Semi-Pelagianer; er vertrat vielmehr ungeschminkt den Pelagianismus.

Die Insel der Rechtschaffenen

Eines ist klar: Man kann rein pelagianisch und trotzdem in der heutigen evangelikalen Bewegung vollkommen willkommen sein. Es ist nicht einfach so, dass das Kamel seine Nase in das Zelt steckt; es kommt nicht nur in das Zelt – es wirft den Besitzer des Zeltes hinaus. Der moderne Evangelikalismus betrachtet die reformierte Theologie, die zu einer Art drittklassigem Bürger des Evangelikalismus geworden ist, heute mit Argwohn. Jetzt sagen Sie: »Moment mal, R. C.! Wir sollten nicht alle mit dem extremen Pelagianismus in einen Topf werfen, denn schließlich sagen Billy Graham und der Rest dieser Leute, dass es einen Sündenfall gab, dass man Gnade braucht, dass es so etwas wie Erbsünde gibt und dass Semi-Pelagianer nicht mit Pelagius‘ oberflächlicher und zuversichtlicher Sichtweise der ungefallenen menschlichen Natur übereinstimmen.« Und das ist wahr, keine Frage. Aber es ist diese Behauptung von einer kleinen Insel der Rechtschaffenheit, auf der der Mensch immer noch die Fähigkeit habe, aus sich selbst heraus sich zu bekehren, zu ändern, sich zu neigen, zu entscheiden, das Angebot der Gnade anzunehmen, das offenbart, warum der Semi-Pelagianismus historisch gesehen nicht Semi-Augustinianismus, sondern Semi-Pelagianismus genannt wird.

Ich habe gehört, wie ein Evangelist zwei Analogien verwendete, um zu beschreiben, was bei unserer Erlösung geschehe. (1) Er sagte, dass die Sünde uns so stark im Würgegriff habe, dass es wie bei einer Person sei, die nicht schwimmen kann und in einem tobenden Meer über Bord gehe. Sie gehe zum dritten Mal unter und nur noch die Fingerspitzen seien über dem Wasser zu sehen. Wenn niemand eingreift, um sie zu retten, habe sie keine Überlebenschance, ihr Tod sei gewiss. Und wenn Gott dieser Person keinen Rettungsring zuwerfe, könne sie unmöglich gerettet werden. Und Gott müsse ihm nicht nur einen Rettungsring in die ungefähre Richtung zuwerfen, in der er sich befindet, sondern dieser Rettungsring müsse ihn genau dort treffen, wo seine Finger noch aus dem Wasser ragten, und ihn so treffen, dass er ihn greifen könne. Er müsse also perfekt geworfen werden. Aber dennoch würde diese Person ertrinken, es sei denn, sie nehme ihre Finger und schließe sie um den Rettungsring. So rette Gott sie. Wenn aber diese winzige menschliche Handlung nicht ausgeführt würde, werde sie mit Sicherheit zugrunde gehen.

(2) Die andere Analogie ist folgende: Ein Mann sei todkrank und liege mit seiner tödlichen Krankheit in seinem Krankenhausbett. Es gebe keine Möglichkeit, ihn zu heilen, es sei denn, jemand von außerhalb käme mit einem Heilmittel, einem Medikament, das diese tödliche Krankheit heilen könne. Und Gott habe dieses Heilmittel und käme in das Krankenzimmer mit diesem rettenden Medikament. Aber der Mann sei so schwach, dass er sich nicht einmal selbst das Medikament geben könne, Gott müsse es selbst auf einen Löffel gießen. Der Mann sei aber so krank, dass er fast im Koma liege. Er könne nicht einmal den Mund öffnen, Gott müsse sich vorbeugen und seinen Mund für ihn öffnen. Gott müsse den Löffel an die Lippen des Mannes bringen. Aber der Mann müsse die Medizin trotzdem schlucken.

Wenn wir schon Analogien verwenden, dann sollten wir auch (biblisch) genau sein. Der Mann geht nicht zum dritten Mal unter, vielmehr liegt er in Leichenstarre tot auf dem Meeresgrund. Dort wart ihr einst, als ihr tot wart in Sünden und Vergehen und dem Lauf dieser Welt gefolgt seid, dem Fürsten der Macht der Luft [vgl. Epheser 2,1–3]. Und Gott hat euch mit Christus lebendig gemacht, als ihr tot wart [vgl. Epheser 2,4–8]. Gott tauchte auf den Meeresgrund und nahm diesen ertrunkenen Leichnam und hauchte ihm den Atem seines Lebens ein und erweckte ihn von den Toten. Und es ist nicht so, dass wir in einem Krankenhausbett an einer bestimmten Krankheit gestorben wären, sondern vielmehr, dass wir bei unserer Geburt tot auf die Welt kamen. Die Bibel sagt, dass wir moralisch tot geboren werden.

Haben wir einen Willen? Ja, natürlich haben wir einen Willen. Calvin sagte, wenn man unter einem freien Willen eine Entscheidungsfähigkeit versteht, durch die man die Macht in sich hat, das zu wählen, was man sich wünscht, dann haben wir alle einen freien Willen. Wenn man unter einem freien Willen die Fähigkeit gefallener Menschen versteht, sich zu beugen und diesen Willen auszuüben, um die Dinge Gottes zu wählen, ohne das vorherige monergistische Werk der Erneuerung, dann, so Calvin, ist der freie Wille ein viel zu großartiger Begriff, um ihn auf einen Menschen anzuwenden.

Die semi-pelagianische Doktrin des freien Willens, die heute in der evangelikalen Welt vorherrscht, ist eine heidnische Sichtweise, die die Gefangenschaft des menschlichen Herzens in der Sünde leugnet. Sie unterschätzt den Würgegriff, den die Sünde auf uns ausübt.

Keiner von uns möchte die Dinge so schlecht sehen, wie sie wirklich sind. Die biblische Lehre von der menschlichen Verderbtheit ist düster. Wir hören den Apostel Paulus nicht sagen: »Wisst ihr, es ist traurig, dass es so etwas wie Sünde in der Welt gibt; niemand ist perfekt. Aber seid guten Mutes. Wir sind im Grunde gut.« Sehen Sie, dass selbst eine oberflächliche Lektüre der Heiligen Schrift dies leugnet?

Nun zurück zu Luther. Was ist die Quelle und der Status des Glaubens? Ist er das von Gott gegebene Mittel, durch das die von Gott gegebene Rechtfertigung empfangen wird? Oder ist er eine Bedingung der Rechtfertigung, die wir erfüllen müssen? Ist Ihr Glaube ein Werk? Ist es das eine Werk, das Gott Ihnen zu tun überlässt? Ich hatte kürzlich eine Diskussion mit einigen Leuten in Grand Rapids, Michigan. Ich sprach über sola gratia, und ein Mann war verärgert.

Er sagte: »Wollen Sie mir sagen, dass es letztendlich Gott ist, der ein Herz souverän erneuert oder nicht?«

Und ich sagte: »Ja!«, und das hat ihn sehr verärgert. Ich sagte: »Lassen Sie mich Folgendes fragen: Sind Sie Christ?«

Er sagte: »Ja.«

Ich sagte: »Haben Sie Freunde, die keine Christen sind?«

Er sagte: »Nun, natürlich.«

Ich sagte: »Warum sind Sie Christ und Ihre Freunde nicht? Ist es, weil Sie rechtschaffener sind als sie?« Er war nicht dumm, darum sagte er nun nicht: »Natürlich, weil ich rechtschaffener bin. Ich habe das Richtige getan und mein Freund nicht.« Er wusste, worauf ich mit dieser Frage hinauswollte.

So sagte er: »Oh nein, nein, nein.«

Ich sagte: »Sagen Sie mir, warum. Ist es, weil Sie klüger sind, als Ihr Freund?«

Er antwortete: »Nein.«

Aber er wollte nicht zugeben, dass der entscheidende Punkt die Gnade Gottes war. Er wollte nicht darauf eingehen. Und nachdem wir fünfzehn Minuten lang darüber diskutiert hatten, sagte er: »Okay! Ich sage es: Ich bin Christ, weil ich das Richtige getan habe, ich habe die richtige Antwort gegeben, und mein Freund nicht«

Worauf vertraute diese Person für ihre Erlösung? Nicht auf ihre Werke im Allgemeinen, sondern auf das eine Werk, das sie vollbracht hatte. Und er war Protestant, ein Evangelikaler. Aber seine Ansicht über die Erlösung unterschied sich nicht von der römisch-katholischen Ansicht.

Gottes Souveränität in der Erlösung

Es geht im Kern um Folgendes: Was entscheidet letztlich das Heil? Ist es Teil von Gottes Geschenk der Erlösung oder ist es unser eigener Beitrag zur Erlösung? Ist unsere Erlösung ganz und gar Gottes Werk oder hängt sie letztlich von etwas ab, das wir selbst tun? Diejenigen, die Letzteres sagen, dass sie letztlich von etwas abhängt, das wir selbst tun, leugnen damit die völlige Hilflosigkeit des Menschen in der Sünde und behaupten damit, dass eine Form des Semi-Pelagianismus doch wahr sei. 

Es ist daher nicht verwunderlich, dass die spätere reformierte Theologie den Arminianismus im Prinzip sowohl als Rückkehr zu Rom verurteilte, weil er den Glauben in ein Verdienstwerk verwandelte, als auch als Verrat an der Reformation, weil er die Souveränität Gottes bei der Errettung von Sündern leugnete, was das tiefste religiöse und theologische Prinzip des Denkens der Reformatoren war. Der Arminianismus war in den Augen der Reformierten in der Tat eine Abkehr vom neutestamentlichen Christentum zugunsten des neutestamentlichen Judentums. Denn sich im Glauben auf sich selbst zu verlassen, ist im Prinzip nichts anders, als sich bei Werken auf sich selbst zu verlassen, und das eine ist genauso unchristlich und antichristlich wie das andere. Angesichts dessen, was Luther zu Erasmus sagt, besteht kein Zweifel daran, dass er dieses Urteil gebilligt hätte.

Und doch ist diese Ansicht heute in bekennenden evangelikalen Kreisen die überwältigende Mehrheit. Und solange der Semi-Pelagianismus, der im Kern einfach eine kaum verhüllte Version des echten Pelagianismus ist, in der Kirche vorherrscht, weiß ich nicht, was passieren wird. Aber ich weiß, was nicht passieren wird: Es wird keine neue Reformation geben. Solange wir uns nicht demütigen und verstehen, dass kein Mensch eine Insel ist und dass kein Mensch eine Insel der Gerechtigkeit hat, dass wir für unsere Erlösung völlig von der reinen Gnade Gottes abhängig sind, werden wir nicht anfangen, uns auf die Gnade zu verlassen und uns an der Größe der Souveränität Gottes zu erfreuen, und wir werden den heidnischen Einfluss des Humanismus nicht los, der den Menschen verherrlicht und in den Mittelpunkt der Religion stellt. Solange wir uns nicht demütigen, wird es keine neue Reformation geben, denn im Mittelpunkt der reformatorischen Lehre steht die zentrale Stellung der Anbetung und Dankbarkeit gegenüber Gott und Gott allein. Soli Deo gloria, Gott allein sei die Ehre.

Anmerkungen

  • [1] J. I. Packer und O. R. Johnston, „Introduction“ zu The Bondage of the Will (Old Tappan, NJ: Fleming Revell, 1957), S. 59–60. Deutsch: Vom unfreien Willen (orig.: De servo arbitrio, 1523). Digitalquelle: https://www.theology.de/downloads/deservoarbitrio.pdf [abgerufen 25.03.2025]. – Siehe auch: Scott Clark, Luther über die Freiheit und Knechtschaft des Willens. 6. November 2017. Digitalquelle: https://www.evangelium21.net/media/781/luther-ueber-die-freiheit-und-knechtschaft-des-willens [abgerufen 25.03.2025] .
  • [2] ders.
  • [3] George Barna (geb. 1954) ist der Gründer von The Barna Group, einem Unternehmen für Marktforschung, das sich auf die Untersuchung der religiösen Überzeugungen und Verhaltensweisen von Amerikanern sowie auf die Schnittstelle zwischen Glauben und Kultur spezialisiert hat.
  • [4] »Charles Grandison Finney (* 29. August 1792 in Warren, Litchfield County, Connecticut; † 16. August1875 in Oberlin, Ohio) war ein US-amerikanischer Jurist, evangelikaler Erweckungsprediger, Hochschullehrer und Rektor des Oberlin Collegiate Institute und wichtiger Vertreter der Heiligungsbewegung und des Oberlin Perfektionismus.« (https://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Grandison_Finney, abgerufen 14.04.2025).


Machtmenschen in der Gemeinde

Dr. Volker und Martina Kessler haben recht gute Hilfestellungen für das Phänomen des Machtmenschen geliefert. Dieses Phänomen ist in fast allen Gruppen der Gesellschaft zu beobachten und wird entsprechend von der Soziologie erforscht. Besonders schädlich und widernatürlich ist es aber in Gruppen, die sich als christlich verstehen und darstellen (Gemeinden, Kirchen, Missionen, Bibelhauskreise u.ä.). Auch dieses wurde verschiedentlich beobachtet und erforscht, oft mit der Motivation, seelsorgerische Hilfen und Überlebenshilfen für Gemeinden und Einzelne zu bieten. Das Folgende ist eine gute Zusammenfassung des Problems und möglicher Lösungen aus der Hand des Autoren(ehe)paars Kessler.

»„Machtmenschen – Gibt es so etwas in der Gemeinde?“ Viele Gespräche und Reaktionen zu Vorträgen haben uns erschreckt, weil wir merkten, wie viele Christen unter Machtmenschen leiden. Bei aller Unterschiedlichkeit zeigen die Erfahrungsberichte auffallende Parallelen. 

Ankündigung von Machtmenschen 

Das Neue Testament kündigt Machtmenschen in der Gemeinde an. Jesus warnt in der Bergpredigt: „Hütet euch vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen! Inwendig sind sie aber reißende Wölfe. An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen…“ (Mt 7,15f). Ebenso mahnt Paulus die Ältesten von Ephesus zur Vorsicht: „Habt acht auf euch selbst und auf die ganze Herde … Ich weiß, dass nach meinem Abschied grausame Wölfe zu euch hereinkommen werden, die die Herde nicht verschonen.“ (Apg 20,28.29) 

Wir interpretieren diese Verse häufig in Bezug auf Irrlehrer. Aber die Gemeinde ist nicht nur durch Irrlehrer bedroht. Ein Machtmensch kann vordergründig die „richtige Lehre vertreten“ und dennoch die Gemeinde missbrauchen. Mit der Bezeichnung „Wölfe“ wird ein bekanntes Bild aus Hesekiel aufgegriffen. Gott spricht über die Führer von Juda: „Seine Obersten sind in seiner Mitte wie Wölfe, die Beute reißen, um Blut zu vergießen, Seelen zugrunde richten, damit sie unrechten Gewinn erlangen.“ (Hes 22,27) Die Obersten sind Hirten, „die sich selbst weiden“ (Hes 34,2). Wölfe, die sich als Hirten tarnen, benutzen die Herde für ihre Bedürfnisse, anstatt sich um die Bedürfnisse der Anvertrauten zu kümmern. 

Diotrephes – ein typischer Machtmensch 

Ein Machtmensch wird sogar beim Namen genannt: Diotrephes (3Joh 9.10) ist in mancherlei Hinsicht sehr typisch für Machtmenschen in Gemeinden. (Um der besseren Lesbarkeit wegen benutzen wir im folgenden immer die männliche Form. Aber es gibt auch Machtfrauen.) 

1. Wo Machtmenschen auftreten, entsteht eine gewisse Unruhe. 
Manche Geschwister sind beunruhigt, sie fühlen, dass etwas nicht in Ordnung ist, und merken, dass dies mit einer bestimmten Person zusammenhängt. Es werden Gespräche geführt, Briefe geschrieben. 

2. Der Machtmensch hat ein Ziel: herrschen, möglichst alleine. 
Wo er mitarbeitet, bestimmt er die Richtung, unabhängig davon, ob er diesen Kreis offiziell leitet. Er will Aufmerksamkeit um jeden Preis. Negative Aufmerksamkeit ist ihm lieber als gar keine. Wenn die Leute sich über ihn ärgern –wunderbar– so steht er doch alleine im Mittelpunkt! 

3. Der Machtmensch nimmt Kritik nicht wirklich an. 
Er lebt nach dem Motto: „Ich kann gar nicht verstehen, dass es vielen Christen so schwer fällt, sich zu entschuldigen. Wenn ich Fehler machte, würde ich mich sofort entschuldigen.“ 

4. Der Machtmensch profitiert vom kurzen Gedächtnis der anderen. 
Viele vergessen, was schon alles gelaufen ist. So kann sich der Machtmensch auch über gemeinsame Beschlüsse hinwegsetzen. Die anderen erinnern sich ja nicht mehr an diese Entscheidungen. 

5. Der Machtmensch fühlt sich durch kritisches Nachfragen bedroht. 
Menschen, die er als Bedrohung empfindet, verleumdet er. Dies kann öffentlich geschehen (typisch für Machtmänner), es kann aber auch in vielen kleinen Gesprächen passieren (typisch für Machtfrauen). Wenn sie mal hier, mal dort im persönlichen Gespräch ein Wort gegen eine Person sagt, werden diese Worte weitergetragen und zeigen Wirkung. Auf einmal hat die so verleumdete Person keine Vertrauensbasis mehr in der Gemeinde und wundert sich, dass das Klima gegen sie gekippt ist. 

6. Wenn ein Machtmensch befürchtet zu verlieren, wird er alles tun, um wieder Oberhand zu bekommen. 
Er wird zu immer stärkeren Mitteln greifen. Er wird gegebenenfalls auch lügen – obwohl er Gemeindeglied ist. 

7. Der Machtmensch bildet Allianzen. 
Er sammelt einen Freundeskreis um sich, der ihn unterstützt. Er polarisiert: Wer ist für mich, wer gegen mich? 

8. Wer ihm zu gefährlich ist, den stößt er aus der Gemeinde. 
Vordergründig schützt er damit die Gemeinde. Denn er hat jene mit dem „kritischen Geist“ aus der Gemeinde verbannt. Bei manchen Machtmenschen lässt sich über die Jahre hinweg eine Reihe von „Leichen“ verfolgen. Leute kommen neu zum Hauskreis / Gemeinde, sie arbeiten mit, nach zwei Jahren werden sie geistlich selbstständig und damit dem Machtmenschen zu gefährlich. Er mobbt sie hinaus und holt sich neue Leute. Der Kreislauf beginnt von neuem. 

Machtmenschen sind machtsüchtig 

Die meisten Menschen haben gelegentlich Machtgelüste. Wer sich dem kontinuierlich hingibt, kann machtsüchtig werden. Es ist ein Unterschied, ob man gelegentlich seine Kompetenzen überschreitet, gelegentlich seine Macht missbraucht oder ob man machtsüchtig ist. Genauso wie es ein Unterschied ist, ob man gelegentlich zu viel Alkohol trinkt oder ob man alkoholsüchtig ist. Damit wird der gelegentliche Missbrauch nicht schön geredet. Es ist jedoch wichtig, den Unterschied zu sehen. Mancher, der in Leitungsverantwortung steht, überschreitet im Eifer des Gefechts seine Kompetenzen. Ich (Volker) habe Entscheidungen getroffen, von denen mir nachher bewusst wurde, dass ich sie mit anderen hätte absprechen müssen. Wurde ich daraufhin angesprochen, so tat mir dies leid und ich zügelte mich das nächste Mal. Persönlichkeit macht die Art und Weise aus, wie jemand die Dinge gewöhnlich sieht, wie er normalerweise zu anderen Menschen steht und mit ihnen umgeht. Es ist die Kontinuität der Sünde, die die Persönlichkeit krank macht. 

Dominanter Typ ist nicht gleich Machtmensch 

Häufig werden dominante Menschen mit Machtmenschen gleichgesetzt. Diese Gleichsetzung ist in beide Richtungen falsch. Denn es können auch andere Persönlichkeitstypen zum Machtmenschen werden. Da ist z.B. der Gewissenhafte, der aus Angst davor, dass etwas falsch läuft, die Kontrolle über alles haben will und überall eingreift. Es kann sein, dass der Machtmensch in der Öffentlichkeit kaum auffällt, aber dennoch die Gemeinde völlig bestimmt. Außerdem ist nicht jeder, der dominant auftritt, ein Machtmensch. Kriterien zur Unterscheidung sind: Wie steht die Person zu gemachten Fehlern? Gibt sie gelegentlich auch Verantwortungsbereiche ganz ab oder vergrößert sie immer nur ihren Einflußbereich? Ist es möglich Dinge zu klären und auszuräumen oder verstärkt sich der Druck auf den, der Probleme anspricht? 

Literatur zu Kennzeichen von Machtmenschen 

In seinem Buch Wölfe im Schafspelz – Machtmenschen in der Gemeinde (Brendow-Verlag [Titel korrigiert zur Fassung 2013; vorher (1997): Wölfe in Schafspelzen…]) fasst der Norweger Edin Løvås seine Erfahrungen „Nach vierzig Jahren seelsorgerlicher Arbeit bin ich entsetzt darüber, welches Ausmaß von Leiden durch Machtmenschen einzelnen Christinnen und Christen und christlichen Gruppen und Gemeinden zugefügt wird.“ Er beobachtet, dass Machtmenschen häufig charmant und intelligent sind und sehr geistlich wirken. Außerdem sind sie erfolgreich, das Werk oder die Gemeinde wächst. So fällt es schwer, sie zu enttarnen. 

„Das Schuldgefühl anderer ist die Lieblingswaffe von Machtmenschen.“ Sie missbrauchen das feine Gewissen der anderen. Sie sind scharfe Beobachter und äußern selten unhaltbare Beschuldigungen. Wenn sie jemandem sagen: „Das hast du falsch gemacht!“, dann zuckt derjenige innerlich zusammen. Er weiß ja, dass nicht alles richtig war. Wer ständig diesen Anklagen ausgesetzt ist, wird dünnhäutig. Es entsteht folgende paradoxe Situation: Einerseits lehnt das Opfer den Machtmenschen ab, andererseits guckt es ihm nach den Augen, um nicht wieder Kritik zu ernten. Mit der Schuldwaffe untergräbt der Machtmensch das Selbstwertgefühl des anderen. Irgendwann ist der andere völlig verunsichert und weiß nicht mehr, was und wie er etwas tun soll. Hilflos wendet er sich an den Machtmenschen. Dieser tröstet ihn: „Vertraue mir, mach es so, wie ich es dir sage, dann machst du es richtig.“ 

Hilfreich sind die Beobachtungen des Amerikaners George K. Simon in dem (säkularen) Buch Wölfe im Schafspelz (mvg-Verlag). Machtmenschen sind häufig versteckt-aggressiv, d.h. sie erreichen ihr Ziel durch geschickte Manipulation statt durch offene Aggression. „Wenn sich Opfer versteckt-aggressiver Menschen zum ersten Mal an einen Therapeuten wenden, wissen sie meistens nicht, warum sie sich schlecht fühlen. Sie wissen nur, dass sie verwirrt, verängstigt oder deprimiert sind. Allmählich erkennen sie jedoch, dass es der Umgang mit einer bestimmten Person in ihrem Leben ist, der ihnen das Gefühl gibt, nicht normal zu sein. Sie vertrauen diesem Menschen nicht, wissen aber nicht warum. Sie ärgern sich über diesen Menschen, aber aus irgendeinem Grund, fühlen sie sich selbst schuldig.“ Dieses Phänomen hören wir häufig von Opfern von Machtmenschen. Bei den meisten gab es in der Auseinandersetzung einen Punkt, an dem sie das Gefühl hatten: „Ich bin nicht normal!“ Dies erzählen gestandene Leiter mit Personalverantwortung! Man führt Gespräche, will Dinge klären, meint auch zunächst, sie geklärt zu haben, aber irgendwie wird alles nur noch schlimmer. Das verwirrt. 

Die Verantwortung der „Mitspieler“ 

Der Gemeinde zu Korinth zeigt Paulus auf, wie sie sich durch die „übergroßen Apostel“ lähmen lässt: „Denn ihr ertragt es, wenn jemand euch knechtet, wenn jemand euch aufzehrt, wenn jemand euch einfängt, wenn jemand sich überhebt, wenn jemand euch ins Gesicht schlägt.“ (2Kor 11,20). Erstaunlich: Christen ließen (und lassen) sich freiwillig knechten. Paulus verdeutlicht der Gemeinde ihre Mitverantwortung, denn sie lassen es zu, dass sie jemand ausbeutet! 

Machtmenschen haben nur deshalb eine Chance, weil die anderen so prima mitspielen. Jeder ärgert sich über den Dauerredner, der beim Grußwort in einer Festversammlung 25 Minuten statt der vorgegebenen fünf Minuten redet. Aber keiner bremst ihn! Ein Dauerredner kann nur deshalb die Gelegenheit missbrauchen, weil die anderen ihn reden lassen. 
Auch christliche Gemeinden bieten Machtmenschen ein gutes Umfeld, ihre Machtgelüste auszuleben. Erstens haben geistliche Leiter Macht über andere. Deshalb kann diese Macht auch missbraucht werden. Zweitens hegen manche Christen eine falsche Illusion: „Das gibt es in der Welt, aber nicht bei uns in der Gemeinde.“ Drittens darf es gemäß dem eigenen hohen moralischen Standard so etwas in der Gemeinde nicht geben. Was nicht existieren darf, wird dann auch nicht wahrgenommen. Viertens spielt die Demutshaltung der Christen dem Machtmenschen in die Hände. Wir sind –zu Recht– mit harten Urteilen über andere zurückhaltend. Wir haben gelernt, dass die anderen nicht wirklich die bösen Absichten haben, die uns unser Gefühl nahelegen will. Hier wäre es gut, seine Gefühle wahrzunehmen. Fünftens gibt es ein übertriebenes Harmoniebedürfnis unter Christen. Interne Probleme anzusprechen ist in unseren Gemeinden nicht beliebt. Wer auf ein mögliches Problem hinweist, steht als Nörgler und Kritiker da und muss sich anhören: „Du bist das Problem!“ Sechstens sind – gerade in „Brüder„-Gemeinden – die Leitungsstrukturen häufig unklar. Wenn nicht geklärt wird, wer was entscheiden darf, setzt sich immer der mit den stärksten Ellenbogen durch. Siebtens können sich Machtmenschen in christlichen Leitungspositionen auf die göttliche Autorität als Leiter berufen. Wer sie in Frage stellt, stellt scheinbar damit Gott in Frage. 

Typische Opfer von Machtmenschen 

Nicht jeder wird Opfer eines Machtmenschen. Es kann passieren, dass Person A jemanden als Machtmensch erlebt, während Person B völlig erstaunt darüber ist, dass A solche Anschuldigungen über diesen dritten erhebt. Wer keine Bedrohung für den Machtmenschen darstellt, wird häufig liebevoll umworben. 

Ob man Opfer wird, hängt auch von der eigenen Persönlichkeit ab. Manche Frauen leiden darunter, dass ihr Mann trinkt und sie schlägt. Nachdem sie es endlich geschafft haben, sich von diesem Mann zu lösen, wählen sie sich einen neuen Partner, der trinkt und sie schlägt. Genauso geraten manche immer wieder an Machtmenschen. Wer einmal Opfer war, tut gut daran, zu reflektieren, warum gerade er Opfer wurde. Folgende Persönlichkeitstypen sind besonders gefährdet: 

Menschen mit frühkindlich eintrainierter Ohnmacht haben sich einen Lebensstil angeeignet, der ausgezeichnet zur „beherrschenden“ Seite des Machtmenschen passt. Er ist gekennzeichnet von Unterordnung, Harmoniesucht, Gefühl der eigenen Schuldhaftigkeit und Minderwertigkeit. Warnsignale der eigenen Seele und manchmal auch des Körpers werden übergangen und zu Schuldgefühlen gegenüber dem Machtmenschen umfunktioniert. 

Ein gewissenhafter Mensch strebt danach, immer alles richtig zu machen. Ein Machtmensch kann ihn zu Wachs in seinen Händen machen, wenn es ihm gelingt, ein Gefühl von „nicht genug“ zu vermitteln. Er sei nicht sorgfältig genug, nicht aufmerksam genug, nicht geistlich genug etc. Gewissenhafte Menschen gehen gewissenhaft mit anderen Menschen um und erwarten dies auch von anderen. Sie setzen sich für Personen ein, denen Unrecht geschieht. Damit sind sie eine Gefahr für einen Machtmenschen, der es nur gut mit sich meint. 

Beziehungsorientierte Menschen sind bereit, viel in eine Beziehung zu investieren. Manche opfern sich selbst für eine Beziehung. Ferner können sie vom Machtmenschen als Schutzschild missbraucht werden. Sie verteidigen ihn bei Angriffen und werden so selbst missbraucht. 

Tipps für den Umgang mit Machtmenschen 

1. Beten und handeln Sie! Als David sich gegenüber seinem eigenen Sohn wehren musste, betete er darum, dass dieser die falsche Entscheidung träfe (2.Sam.15,31). Gott erhörte dieses Gebet (2Sam 17,14). 

2. Schätzen Sie den Charakter des anderen realistisch ein. Achten Sie mehr auf die Ergebnisse (seine „Früchte“ Mt 7,16) als auf seine Worte. Die Aussage „Ich habe es doch nur gut gemeint!“ zeigt Dominanz pur (er bestimmt was gut für Sie ist) und sollte Sie nicht beeindrucken. 

3. Machen Sie sich ihre eigene Achillesferse bewußt. Wo sind Sie verletzlich, wo angreifbar? Wieso geraten Sie gerade in solche Situationen? 

4. Beachten Sie die drei Phasen der Gesprächsführung gemäß Mt 18,15–17: erst alleine, dann mit einer dritten Person, dann öffentlich in der Gemeinde. Versuchen Sie dabei Vereinbarungen zu treffen, die angemessen, klar definiert, durchsetzbar, bis zu einem gesetzten Datum zu erledigen und überprüfbar sind. Eine solche Vereinbarung wäre z.B., dass derjenige bis zum Soundsovielten eines seiner sechs Leitungsämter in der Gemeinde niederlegt. 

5. Machen Sie die Taktiken von Machtmenschen transparent, so wie Johannes die Taten des Diotrephes in Erinnerung brachte und offenlegte (3Joh 10). Machen Sie die anderen in der Besprechung darauf aufmerksam, wenn Beschlüsse nicht eingehalten werden, der andere vom Thema ablenkt usw. Tun Sie dies an Ort und Stelle, damit die anderen merken, wovon Sie reden. 

6. Seien Sie auf die Konsequenzen gefasst! Es kann passieren, dass Sie verleumdet werden, dass Ihre Familie in Mitleidenschaft gezogen wird, dass Sie aus der Gemeinde ausgeschlossen werden (3Joh 10).

7. Vermeiden Sie aussichtslose Kämpfe. Manchmal ist Flucht die einzige Rettung (Mt 2,13; Apg 9,25; 17,10)! 

Gibt es Hoffnung für Machtmenschen? 

Løvås ist in seinem Buch sehr pessimistisch. Wir sind froh, dass wir inzwischen Zeugnisse von Menschen kennen, die sich als Machtmenschen erkannten und dann an sich arbeiteten. Eigenes Verhalten, welches sie früher als normal ansahen, erkennen sie jetzt als Sünde. Eine Frau hatte erfolgreich einen anderen Mitarbeiter aus der Gemeinde gemobbt und ihm Jahre später diese Schuld bekannt. Ein Gemeindeleiter, der früher seine Gemeinde beherrschte, kann ihr jetzt ein dienender Leiter sein. Gott kann Wunder tun! Hoffnung gibt es aber nur dann, wenn Machtmenschen erkennen, dass es nicht nur eine einzelne Situation ist, bei der sie sich ungeschickt verhalten haben, sondern dass ihr ganzes Streben auf falsche Ziele ausgerichtet ist. Ein Alkoholsüchtiger hat nur dann eine Chance auf Umkehr, wenn ihm seine Sucht deutlich wird und er nicht mehr versucht, sein „Bierchen“ zu verniedlichen. Langjährig antrainerte Verhaltensweisen abzulegen erfordert Zeit.

Nachwort

Es gibt zwei gegensätzliche Gefahren. Die erste ist, das Phänomen „Machtmenschen in der Gemeinde“ nicht wahrhaben zu wollen. Damit verharmlost man krankhafte Situationen. Die zweite Gefahr ist, dass z.B. ausgelöst durch Artikel wie diesen Hetzjagden entstehen. Leute überlegen, wer in ihrer Gemeinde wohl Machtmensch ist und fangen an, anderen Geschwistern dieses Etikett anzuheften. Das ist nicht in unserem Sinne. 

Wir ermutigen diejenigen, die in der Gemeinde Machtmissbrauch zu erkennen meinen, dies offen und gegebenenfalls auch öffentlich anzusprechen. Es ist einfacher mit Gefühlen und Eindrücken umzugehen, die „auf dem Tisch liegen“, als mit verdeckten Empfindungen. Die Gefühle beeinflussen sowieso unser Denken und unser Handeln. Wo Gefühle nicht gesagt werden (dürfen), werden Scheinargumente benutzt. Scheinargumente führen zu Scheingefechten, die Zeit und Kraft kosten, die Ursache des Konfliktes aber nicht beheben. Eine offene Subjektivität ist besser als eine Scheinobjektivität. Gefühle auszusprechen erfordert Disziplin. Damit dies in guter Weise geschehen kann, ist es manchmal hilfreich, einen externen, unbeteiligten Moderator einzubeziehen, der auf die Einhaltung gewisser Gesprächsregeln achtet. 

Einen Machtmenschen mit der geballten Macht einer Gemeinde fertigzumachen ist lieblos. Ganze Heiligung geschieht dort, wo Gemeinde und Machtmensch heil werden. Finden Machtmenschen ihren gesunden Weg vor Gott, sind sie ebenso wertvolle Mitarbeiter im Reich Gottes wie andere auch.«

Textquelle und Referenzen

Textvorlage im Web-Archiv: https://web.archive.org/web/20141224051143/http://www.irrglaube-und-wahrheit.ch/sutra5913.html (Administrator-Beitrag auf www.irrglaube-und-wahrheit.ch vom 11.03.2007)

Edin Løvås, Wölfe im Schafspelz. Machtmenschen in der Gemeinde. 5. Auflage (Moers: Brendow & Sohn, 2010), 96 Seiten, ISBN 978-3870678821. Kindle-Version seit 2013 erhältlich. Vorher: Wölfe in Schafspelzen: Machtmenschen in der Gemeinde (Edition C – M), übersetzt von Andreas Ebert (Brendow, 1997), 80 Seiten, ISBN 978-3870673925.

Martina und Volker Kessler, Die Machtfalle: Machtmenschen – wie man ihnen begegnet. 5. vollständig. überarb. Auflage (Gießen: Brunnen, 2017), 144 Seiten, ISBN  978-3765543241.

George K. Simon, Wölfe im Schafspelz. Wie Sie mit üblen Typen souverän umgehen. (MVG, 1998) 158 Seiten, ISBN 978-3478086035. Orig.: In Sheep’s Clothing. Understanding and Dealing with Manipulative People (Little Rock, AK: Parkhurst Brothers, 2010).

Fritz Weber, Gibt es ein „Recht auf Verletztsein“? Teil 1 in Bibel und Gemeinde 118, Band 1 (2018), Seiten 49–56; Teil 2 in Bibel und Gemeinde 118, Band 2 (2018), Seiten 57–70. »Empfindlichkeit ist auch unter Christen weit verbreitet. Und wem Böses angetan wurde, der nimmt sich oft für lange Zeit das Recht auf Verletzt- und Beleidigtsein.« (Fritz Weber). Ein ausgewogener Artikel über Kritik an Leitungspersonen. Er betrachtet sowohl aktive wie passive Kritikfähigkeit anhand biblischer Beispiele.

(Mit Vorbehalt:) Paul und Liz Griffin, Missbrauch hat viele Gesichter. Opfer finden Hoffnung und Heilung. (cap, 2008), 140 Seiten, ISBN 978-3867730648.

David Johnson und Jeff VanVonderen, Die zerstörende Kraft des geistlichen Missbrauchs. 1 Auflage (Hünfeld: CMD, 2016), 336 Seiten, ISBN 978-3945973004. (Orig.: The Subtle Power of Spiritual Abuse. Minneapolis, MN: Bethany House Publ., 1991.)

(Mit Vorbehalt:) Inge Tempelmann, Geistlicher Missbrauch. Auswege aus frommer Gewalt. Ein Handbuch für Betroffene und Berater. (Wuppertal: SCM R. Brockhaus, 2015), 358 Seiten, ISBN 978-3417262001 (auch als Kindle erhältlich). 

Titelbild: © Drittewahl (Frank, fotocommunity.de) [evtl. nicht verwendet].

Totgesagte leben länger | Ein Blick in das Gruselkabinett der Häretiker

Warum sollte man sich anstelle einer ausführlichen Beschäftigung mit den guten und richtigen Lehren der Heiligen Schrift über das Heil und den Heiland (Soteriologie) überhaupt mit der dunklen Seite der Irrlehren beschäftigen? Warum sollte man zumindest die größten Irrlehren bzgl. des Heils kennen?

Als Hirte und Lehrer in der Gemeinde Jesu Christi fallen mir dazu spontan zwei Argumente ein: (1) Die Heilige Schrift, Jesus Christus und die Apostel machten dies ebenso. Ihr Vorbild und ihr Befehl verpflichten: „Stellt sie bloß!“ (Epheser 5,11). (2) Alle groben Irrlehren sind trotz ihrer Verdammung und Verurteilung durch die Kirche bis heute „lebendig“ und fordern ihre Opfer! Totgesagte leben länger, Untote geistern durch die Medien, die Kirchen und Gemeinden und begegnen uns als Wiedergänger in den Traktatverteilern unserer Fußgängerzonen.

Im Folgenden werden fünf herausragende Irrlehren bzgl. des Heils und Heilandes (Retters) Jesus Christus aufgeführt und kurz erläutert, die trotz Lehrverurteilungen durch kirchliche Konzilien nie ausgestorben sind. Abschließend wird das Wesentliche in einer Tabelle übersichtlich dargestellt und dabei auch „modernere“ Vertreter genannt. In grob historischer Reihenfolge handelt es sich um folgende fünf Gruppen: 

  1. Gesetzeslehrer (Legalisten)
  2. Gnostiker
  3. Arianer
  4. Pelagianer und
  5. Sozinianer.

Die Gesetzeslehrer – Legalismus (Gesetzlichkeit)

  • Die Frage, in welcher Beziehung das Heil in Christus und das Christentum zum Gesetz Moses steht, hat die Gemeinden des Christus schon immer vor ernste Probleme gestellt. Schon zur Zeit der Apostel, während sie noch ihre Beiträge zur Heiligen Schrift verfassten, bedrohten bereits verschiedene Formen der Gesetzlichkeit, wie sie von jüdischen Gesetzeslehrern praktiziert, gelehrt und gefordert wurden, die Lehre des Neuen Testaments über das Heil. Der Kampf der Apostel gegen die Gesetzlichkeit spiegelt sich in der Apostelgeschichte und mehreren Briefen (z.B. Römer, Kolosser, Galater usw.) wider. – Auch heute gibt es noch viele Erscheinungsformen gesetzlicher Heilslehre, die wir manchmal auch richtig als „Gesetzlichkeit“ bezeichnen. (Achtung: Die Forderung des Gehorsams gegenüber Christus und Seinem Wort darf nicht mit „Gesetzlichkeit“ bezeichnet werden, sie ist es nicht. Gläubige sind nicht ohne Gesetz, sondern Christus „gesetzmäßig unterworfen“, 1Kor 9,21; Christus hast seinen Nachfolgern Gebote hinterlassen!)
  • Der Standpunkt der Gesetzeslehrer war, dass Nichtjuden nach jüdischer Vorschrift beschnitten werden und alle (oder gewisse) zeremoniellen und zivilen Vorschriften des Gesetzes Moses halten mussten, wenn sie Christen werden und so das Heil in Christus empfangen wollten (deswegen wurden diese Lehrer auch „Judaisierer“ genannt). Diese Sicht lag einem orthodoxen, strengen Juden sehr nahe, war er doch von Kind auf erzogen, alle Nichtjuden als unheilig, unrein und moralisch verwerflich zu beurteilen.
  • Einen frühen Höhepunkt des Streits und die erste große Niederlage der Gesetzeslehrer finden wir in Apostelgeschichte 15 dokumentiert: „Die Apostel aber und die Ältesten versammelten sich, um diese Angelegenheit zu besehen.“ (V6). Es gab eine intensive Diskussion (V7). Dann stand Petrus auf und erinnerte daran, was bei der Bekehrung des Kornelius passiert war (V7–10), verurteilt die Lehre der Gesetzeslehrer und formuliert das Heil wie Paulus (V10–11): „Nun denn, was versuchet ihr Gott, ein Joch auf den Hals der Jünger zu legen, das weder unsere Väter noch wir zu tragen vermochten? Sondern wir glauben durch die Gnade des Herrn Jesus in derselben Weise errettet zu werden wie auch jene.“
  • Der entscheidende Punkt wird damit deutlich: Errettung kam und kommt allein durch die Gnade Gottes. Schon immer. Das stand und steht bei den Gesetzeslehrern auf dem Spiel. Diese erste große Kontroverse war also ein Streit um die Heilslehre (soteriologischer Streit). Es ging um das Evangelium im allgemeinen und um die Lehre der Rechtfertigung allein aus Glauben im speziellen, also um das Herzstück des Heils. Das ist der Grund, warum Paulus so ernst und kompromisslos gegen die Gesetzeslehrer predigte und schrieb. Wenn eine Person zuerst beschnitten werden musste oder sonst ein Werk tun musste, bevor sie Christ werden konnte, dann war dieser Ritus oder dieses „Gesetzeswerk“ eine Vorbedingung der Rechtfertigung und die Rechtfertigung war nicht mehr „allein aus Gnade“ und daher unmöglich!
  • Die Heilige Schrift lehrt, dass wir keinerlei religiöse Zeremonien oder Werke nach dem Gesetz Moses vollbringen müssen, um von Gott gerecht erklärt zu werden. Kein Werk kann uns vor Gott bzgl. des ewigen Heils einen Vorteil oder Verdienst verschaffen. Die Rechtfertigung wird jedem erklärt (zugerechnet, d.h. rechtskräftig übertragen, sog. „Imputation“), der des Glaubens an Jesus ist: „Dem aber, der nicht wirkt, sondern an den glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, wird sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet. … welchem Gott Gerechtigkeit ohne Werke zurechnet“(Römer 4,5–6).
  • Fazit: Gott rechnet seine Gerechtigkeit dem zu, der glaubt, dass Gott den Gottlosen (!) rechtfertigt, ohne dass dieser zuvor irgend ein „Werk“ geleistet hat. Diese Kerntatsache verleugneten und verdunkelten die verschiedenen Gesetzeslehrer. Die Apostel bekämpften diese Irrlehre daher mit aller geistlichen Kraft, die ihnen verliehen war. — Auch wir sollten jeder Verfälschung des Evangeliums entschieden entgegen treten, wenn sie für die Rechtfertigung irgendeine Vorbedingung der Form „Glaube an Jesus plus Tue Irgendetwas“ stellt, egal, was dieses Irgendetwas ist. (Beachte: Wir reden hier nicht von Nachfolge und Heiligung, die auf die Rechtfertigung folgen, sondern von Vorbedingungen der Rechtfertigung.)

In der Diskussion über den Zusammenhang zwischen AT und NT in der Heilslehre sollte man beachten:

  • Kontinuität und Diskontinuität. Im Heil Gottes im AT wie im NT beobachten wir „durchlaufende Linien“, aber auch völlige Brüche, Neuanfänge. Wir sehen den selben Gott, die gleiche, völlige Verderbtheit des Menschen (Römer 1–3) und die stets notwendige Gnade Gottes zur Rettung. Andererseits sehen wir unterschiedliche Heilsangebote, Verantwortungen und Selbstoffenbarungen Gottes als Heiland (vgl. „Heilsgeschichte“).
  • Immer Gnade und immer Gesetz. Noch nie gab es effektiv Heil ohne Gnade, sondern stets nur auf Basis göttlicher Gnade. Das Angebot des Lebens im Gesetz Moses erwies sich als Fluch, da unerfüllbar, daher wurde es beendet (Römer 8,2; 10,4; Galater 2,19). Andererseits: Auch in der „Gnaden­zeit“ heute sind wir „nicht ohne Gesetz vor Gott, sondern Christus gesetzmäßig unterworfen“ (1Korinther 9,21 ELB; vgl. Römer 8,2; Galater 6,2)! Aber heute ist das Gesetz Gottes durch Gottes schöpferisches und gnädiges Heilshandeln in der Wiedergeburt auf die Tafeln unserer neuen, lebendig gemachten Herzen geschrieben (vgl. 2Korinther 3,3; Hesekiel 11,19; Jeremia 31,33 mit Hebräer 8,10; 10,16); vgl. den Psalmisten vorbildlich auf Jesus Christus redend: „dein Gesetz ist im Innern meines Herzens“ (Psalm 40,8). Das neue Leben will von Herzen Gottes Willen tun! Der Geist Gottes bewirkt es im Neugeborenen.
  • Die Bündnisse erklären, ob und wie Gott sein Heil gibt. Nur der „Neue Bund“ gibt effektiv Heil. Warum? Weil bei ihm das Blut Jesu die Grundlage der Sündenvergebung (usw.) ist und der Bund einseitig auf Leistungen und Versprechen Gottes beruht, nicht auf vorlaufendem Gehorsam oder Werken des Menschen (vgl. Hebräer 8,10; 10,16), sondern vielmehr auf reiner Gnade. An Christus Gläubige sind „Abrahams Same und nach Verheißung Erben“ (Galater 3,29).

Die Gnostiker – Verleugnung der Menschheit Jesu

  • Der Gnostizismus stellt das den Gesetzeslehrern entgegen gesetzte Ende des Spektrums der Irrlehren dar. Die Gesetzlichkeit der Gesetzeslehrer entstand aus einer Vermischung von pharisäischem Judentum mit dem Christentum. Der Gnostizismus ist eine Mischung heidnischer Philosophie mit dem Christentum. Die Judaisierer klammerten sich töricht an die/ihre Vergangenheit; die Gnostiker brachen radikal mit der Vergangenheit. So sind die Lehren der Gnostiker in verschiedener Hinsicht das genaue Gegenteil der Irrlehren der Gesetzeslehrer. Wie so oft schwang die Kirche Jesu von einem Extrem ins andere. Leider ist das Gegenteil eines Irrtums nicht automatisch die Wahrheit (C.S. Lewis). Als die falschen Lehren der Gesetzeslehrer Widerstand erfuhren, kehrte Satan das Pendel einfach um und schob es in die entgegengesetzte Richtung an. Das Ergebnis war Gnostizismus.
  • Der antike Gnostizismus ist schwer zu definieren, hierin gleicht er modernen Häresien. Er offenbart sich als komplexe Erscheinung. Zentraler Gedanke ist, dass die göttliche Weisheit in einem Geheimnis verborgen sei (Esoterik), welches nur den erleuchteten (eingeweihten) Nachfolgern geoffenbart würde. Diese Idee gab dem Gnostizismus den Namen: das griech. Wort gnosis bedeutet „Kenntnis“. Der Gnostiker glaubt, dass der Schlüssel zur Rettung in einem verborgenen Wissen liegt, das jenseits der in der Heiligen Schrift geoffenbarten Wahrheit liegt (hier wird der Begiff Esoterik relevant). Gnostizismus lehrt daher, dass „Rettung“ darin besteht, dieses geheime Wissen zu besitzen. Dies ist die zentrale Idee aller Formen des Gnostizismus’. – Die Sekte Christian Science (Christliche Wissenschaft) lehrt z.B. als „Erlösung“, dass man nur wissen müsse (dies ist das „Geheimwissen“ der Sekte), dass es so etwas wie Sünde gar nicht gebe; damit gebe es auch kein Schuldproblem und keine Erlösungsbedürftigkeit, kein Bedürfnis nach Gott, Retter und Gnade. Dass dies weder christlich noch wissenschaftlich ist, sollte jedem auffallen.
  • Die „christlichen“ Spielarten des Gnostizismus blühten erst im zweiten Jhdt nChr richtig auf. Gnostizismus hat die Eigenart und Fähigkeit, laufend in neue Formen zu mutieren. Wenn eine Form ihre Attraktivität verlor, kam die nächste Form ins Spiel. Deswegen hielt die Bedrohung der Gemeinde und der Heilslehre durch den Gnostizismus über viele Jahrhunderte an; sie ist bis heute nicht ausgestorben. Als der Gnostizismus die Kirche Jesu Christi das erste Mal hart angriff, konnte sie nur durch einen frontalen Gegenangriff überleben. Männer wie Irenäus, Tertullian, Ignatius und Justin, der Märtyrer waren damals bereit, für die Reinheit der Lehre zu kämpfen, manchmal mit dem Preis ihres Lebens.
  • Drei Hauptirrtümer kennzeichnen fast alle Erscheinungsformen des Gnostizismus:
    • Dualismus ist die Idee, dass alles im Universum auf zwei Ur-/Grundrealitäten zurückzuführen sei. Diese seien einander entgegengesetzt, bedingten aber einander (Ying-Yang, Licht-Finsternis, Gott-Satan, Materie-Geist usw.). Satan will sich so zum ebenbürtigen „Gegen-Gott“ aufplustern, aber es gibt Gott schon ewig, auch als Satan noch nicht war. Es besteht ein kategorialer Unterschied zwischen Gott und Geschöpf, sie stehen nie auf einer (dualistischen) Ebene.
    • Synkretismus ist die Vermischung zweier/mehrerer unterschiedlicher Glaubenssysteme in eines. Dies dürfte die „Grundreligion“ der Menschen heute ausmachen: Eine Selektion und Mischpoke unterschiedlichster Vorstellungen aus allerlei Gedankensystemen und Religionen zum höchst privaten, eigenen und nicht angreifbaren Glaubenssystem.
    • Doketismus ist die Irrlehre, dass Christus nur als Mensch erschienen, Er aber tatsächlich kein Mensch gewesen sei. Die Vorstellung, dass Gott als ewiger Geist Mensch (Fleisch, materiell) werde, lehnten sie entrüstet ab. Geist war göttlich, Fleisch/Irdisches hingegen schlecht, minderwertig und böse. Solche Gedanken bilden auch den Hintergrund für östliche Meditationstechniken, Leibfeindlichkeit im Christentum und überzogene Differenzierungen zwischen „himmlischen“ (=wertvollen, erhabenen) und „irdischen“ (=minderwertigen) Segnungen.
  • Obwohl der Gnostizismus allerlei Arten von Irrtümern umfasst, auch solche bzgl. der Heilslehre, führte er erstmalig massive Irrlehren über die Person Jesu Christi in die Gemeinde ein, sog. „christologische Irrtümer“. Die Briefe des Apostels Johannes sind eine Antwort auf Frühformen des Gnostizismus’ Ende des ersten Jhdt.s, die vor allem die wahre Menschheit Jesu angriffen. Johannes greift die Irrlehre der Gnostiker vor allem auf Basis der Lehre über Christus (Christologie) an; s. z.B. 1Johannesbrief 4,3; 2Johannesbrief 1,7.

Die Arianer – Verleugnung der Gottheit Jesu

  • Der Arianismus war ein offener Frontalangriff auf die Gottheit Jesu Christi. Die Arianer behaupteten, dass Jesus Christus ein geschaffenes Wesen sei, das zwar höher als „gewöhnliche Menschen“, aber niedriger als „der wahre Gott“ sei. 
  • Die Gnostiker hatten die Lehre über Christus vom Rand der Christenheit aus angegriffen, ihre Irrlehrer waren im allgemeinen Außenstehende, die kein Problem damit hatten, die apostolische Tradition und Lehre anzugreifen. Ihr sektiererisches Ziel war es, Menschen von der Kirche wegzuziehen und in ihre kleinen Splittergruppen hinein zu locken. – Der Arianismus ging den entgegengesetzten Weg und trug seine falsche Lehre direkt ins Herz der Kirche. Das Ziel war von Anfang an, die Kirche für sich zu gewinnen, um von ihr den Stempel der Rechtgläubigkeit auf die neuen, falschen Lehren zu erhalten.
  • Arius (Arianus; 256–336) aus Alexandrien ist der Namensgeber und Proponent dieser Irrlehre über Christus. Er lieferte (auch als Vertreter der Schule von Antiochien) eine Sicht von Christus, die diesen zu einem geschaffenen Wesen machte, das weder wirklich Mensch noch wirklich wahrer Gott ist, sondern einen Mittler, der zwischen Gott und der Menschheit steht. Gemäß Arius war Christus eine Art Halbgott, der „Erstgeborene aller Schöpfung“, zwar höher als andere Engelswesen, aber trotzdem ein Geschöpf, ein geschaffenes Wesen. Arius verwendete Bibelstellen wie Lukas 2,40.52; Johannes 4,6; 19,28; 13,31; Matthäus 24,26; Johannes 14,28 um zu zeigen, dass Jesus ein Mensch war und (im Sinne seiner Irrlehre) Gott-Vater auch wesensartig untergeordnet sei. — Exakt die gleiche Vorstellung haben und lehren die Anhänger der Wachturm-Sekte bis zum heutigen Tag und verwenden dabei die gleichen Argumente wie zuvor schon Arius. Untote leben länger!
  • Hin und her pendelnde Irrlehren. Arius reagierte mit seiner Irrlehre auf die Irrlehre des Sabbelianismus (=Modalismus), also die Lehre, dass es einen Gott gebe, der aber in „drei Modi“ erscheine. Der Erzbischof und Vorgesetzte von Arianus, Alexander von Alexandrien, lehrte aber dem entgegnend, dass Jesus dem Vater völlig gleich ist. Arianus lehrte im Kontrast dazu, dass Jesus Gott ähnlich, aber nicht gleich sei. Ein Konzil unter Alexander schloss Arius im Jahr 320 aus. Aber damit war die Kontroverse nicht beendet! (U.l.l.!)
  • Die theologische Antwort der Kirche auf den Arianismus gipfelte im Nicänischen Bekenntnis, das auf dem Konzil zu Nicäa 325 nChr (vom Kaiser Konstantin einberufene Reichssynode) formuliert und von fast allen unterzeichnet wurde. Aber auch mit dieser klaren Verdammung der arianischen Irrlehre war kein Schlusspunkt gesetzt, sondern der Beginn einer Jahrhunderte langen Kontroverse in der Kirche markiert. Im Rückblick scheint es so, dass die Abstimmungen bei den Konzilen jener Zeit eher von kirchlichen Machtfragen als denn von Verpflichtung gegenüber der Wahrheit des Wortes Gottes gekennzeichnet waren. Die Irrlehrer und Anhänger der arianischen Irrlehre erbaten in Folge auf breiter Basis Toleranz und Offenheit für ihre Position und erhielten sie immer! Selbst die Heimatgemeinde des Arius schloss diesen nicht als Irrlehrer aus, sondern stand zu ihm. Seine Anhänger riefen sogar ihrerseits Synoden aus, stimmten dort der Lehre des Arius’ ausdrücklich zu und hoben die Verdammung des Arius auf. Die Kirche neigte sich wieder stark dem Arianismus zu. Sein größter Gegener, Athanasius (s.u.), wird noch 335 an die Grenzen des römischen Reiches nach Trier verbannt und leidet sein gesamtes Leben wegen der arianischen Frage. … Im Schutz dieser Wirrnisse konnte der Arianismus die Kirche Christi weltweit in beträchtlichem Maß durchdringen und infizieren! (NB: Wulfila, der Apostel der Goten (gestorb. 383) war selbst von einem Arianer getauft worden; über die Westgoten übernahmen die Germanen das Christentum arianischer Ausprägung. Die germanischen Nationalkirchen machten der röm.-kathol. Kirche noch bis ins 6. Jhdt schwer zu schaffen. Dann erst konnte der röm. Katholizismus missionarisch bis in die Heimatbezirke der Germanen vordringen.) Kaiser Konstantin, der über die Einheit der Kirche auch sein weltliches Reich einen wollte, wurde über den arianischen Streit sehr frustriert und mischte sich daher mit seiner Macht in diese Kirchenangelegenheit ein. Leider identifizierten er und seine Söhne sich mit den Anhängern des Arius’ und so nimmt es nicht Wunder, dass innerhalb der nächsten 50 Jahre fast alle leitenden Bischöfe Arianer wurden. 
  • Nur ein Mann stand klar und deutlich gegen die Irrlehren Arius’ auf: Athanasius (296–372) aus Alexandrien. Er gab den Kampf gegen diese Häresie nicht auf. Als man ihm sagte, dass doch die ganze Welt gegen ihn stünde, antwortete er, dass (auch) er gegen die ganze Welt sei. Durch Gottes Gnade und zu unserem Segen gewannen die Argumente des Athanasius schließlich, weil er die Heilige Schrift gekonnt und überzeugend einsetzte, um den Irrtum der Häresie Arianus’ aufzuzeigen. Das Nicänische Bekenntnis wurde vom Konzil zu Konstantinopel aufgenommen. Athanasius wurde 328 als Nachfolger von Alexander Erzbischof von Alexandrien. Das setzte seinem Leiden allerdings kein Ende: Während seinen 46 Jahren im Amt wurde er von Arius zugeneigten Herrschern viermal verbannt und verbrachte insgesamt 20 Jahre im Exil! Er konnte seinen Lebensabend jedoch in Frieden und weiterhin klar gegen den Arianismus schreibend begehen. Diese Episode ist ein klassischer Beleg dafür, dass die Heilige Schrift –und nicht die Mehrheitsmeinung!– für die Gemeinde Jesu Christi der erste und letzte Test jeder Lehre sein muss.
  • Die Geschichte des Arianismus ist auch ein trauriger Beleg für die prophezeite Tatsache, dass Irrlehre häufig aus der Kirche Jesu Christi selbst heraus entstand. Der Arianismus verbreitete sich durch stille Infiltration und gewann seine Stärke durch die persönliche Ausstrahlungskraft seiner Lehrer. Förderlich für seine Verbreitung war ein Klima der Toleranz, so dass er massive Ausmaße und Verbreitung hatte, bevor überhaupt jemand Stellung gegen diese Irrlehre bezog. Satans beliebteste Taktik ist Selbsttarnung als „Engel des Lichts“ (2Korinther 11,13–15).

Die Pelagianer – Verleugnung der totalen Verdorbenheit des Menschen

  • Die nächste große Häresie in der Kirche, der Pelagianismus, ist wieder eine Irrlehre im Bereich der Heilslehre. Augustinus (354–430) betonte in seiner Lehre die Souveränität Gottes, weil er (wohl mit Recht) annahm, dass man nur so die absolut zentrale Rolle der göttlichen Gnade in der Errettung sicherstellen kann. Pelagius, ein britischer Mönch aus dem frühen 5. Jhdt,, stieß sich an dieser Lehre, weil sie seiner Meinung nach die Bedeutung der menschlichen Verantwortung herunterspiele oder gar außer Kraft setze. Im Gegenzug behauptete und betonte er den „freien menschlichen Willen“, weil er (wohl irrtümlich) davon überzeugt war, dass nur so die menschliche Verantwortung sichergestellt werden könne. (Diesem Fehler der Philosophen folgte auch Kant u.a., leider auch viele Christen unserer Zeit.)
  • Pelagius traf in Rom einen adligen Juristen namens Celestius und entwickelte mit ihm gemeinsam eine neue Heilslehre. Die Glaubenslehre war für sie nur reine Theorie, die Hauptsache der Religion war ihrer Ansicht nach die moralische Tat, das Halten der Zehn Gebote aus eigener Anstrengung. Die ethische Seite der Religion war ihnen wichtiger als die dogmatisch-theologische. 
  • Den Pelagianismus kann man wie folgt zusammenfassen: (1) Kein Mensch erbt von Adam die Sünde. Sünde ist eine Sache der Tat und nicht der Natur/des Wesens. (2) Jeder Mensch ist so geschaffen, dass er völlig frei das Gute oder das Böse tun kann. Ein sündloses Leben ist daher möglich. Man kann sich das Heil durch Gute Werke erwerben. (3) Babytaufe ist unnötig, da es keine Erbsünde gibt. (4) Das Heil ist zwar außerhalb des Gesetzes, des Evangeliums und der göttlichen Gnade zu finden, aber diese können natürlich beim Erwerb des Heils mithelfen. Christus hilft dabei mit seinem guten Vorbild.
  • Der wohl bemerkenswerteste Aspekt des Pelagianismus ist die Leugnung der Auswirkungen des Sündenfalls auf alle Menschen seit Adam und Eva. Die Pelagianer leugneten, dass die Sünde Adams irgendeine Schuld oder irgendeine Verdorbenheit auf den Rest der menschlichen Rasse brachte, der menschliche Wille sei daher von allen Fesseln frei. Pelagius argumentierte: Wenn alle Menschen durch Geburt Sünder sind (wenn also Sünde etwas ist, das wir ererben), dann wäre es ungerecht von Gott, wenn er den einzelnen Sünder für seine Sünde verantwortlich hält. Der menschliche Wille müsse völlig frei sein, weder zum Guten noch zum Bösen geneigt, sonst könnten unsere Entscheidungen nicht frei sein, und wir folglich auch nicht für unsere Taten verantwortlich gemacht werden.
  • Diese Lehren des Pelagianismus verbreiteten sich schnell in Nordafrika (einem Zentrum des Christentums damals) und führten zur Irrlehre einer Selbsterrettung durch Werke, zu einem „Werke-Evangelium“. Wenn man erst einmal die totale Verderbnis und Gefallenheit der Menschheit leugnet, erliegt man der Illusion, der Mensch könne und solle etwas zu seinem ewigen Heil beitragen. Und so landet man schließlich in der Verleugnung der heilsnotwendigen göttlichen Gnade, wie sie die Heilige Schrift lehrt.
  • Augustinus erkannte das Problem des Pelagianus von Anfang an und trat den Pelagianern entgegen, indem er aus der Heiligen Schrift zeigte, dass der menschliche Wille nicht in jenem Sinne frei ist, wie sie es lehrten: Unser Wille sei vielmehr hoffnungslos unter die Sünde geknechtet (Römer 8,7–8), Sünder seien absolut hilflos, sich selbst zu verbessern, es benötige die göttliche Gnade, die erneuernd im Herzen wirke (vgl. Jeremia 13,23).
  • Das Konzil zu Ephesus 431 nChr verurteilte den Pelagianismus als Irrlehre. Aber wie bei allen hier erwähnten Irrlehren war die Entscheidung des Konzils nicht das Ende der Bedrohung der Kirche durch diese gefährliche Irrlehre. Die Einflüsse des Pelagianismus’ plagten die Kirche noch viele Jahrhunderte. — Eine modifizierte Form des Pelagianismus’ entstand: der Semi-Pelagianismus, der praktisch mit dem modernen Arminianismus identisch ist; diese Irrlehre wurde vom Konzil zu Orange 529 nChr verdammt. …und lief weiter…
  • Die Römisch-katholische Kirche des 16. Jhdt. bekannte sich beim Gegenreformations-Konzil zu Trient 1546 nChr zu einer Heilslehre, die im Effekt dem Semi-Pelagianismus entspricht. Daher kann man kontemporären (auch „protestantisch-evangelikalen“!) Vertretern dieser falschen Lehre vorwerfen, der „Romanisierung“ (Re-Katholisierung) Vorschub zu leisten.
  • Der Konflikt zwischen Pelagius und Augustinus betraf einige Fragen, die später auch den Konflikt zwischen sog. „Calvinis­ten“ und „Arminianern (Remonstranten)“ ausmachten. In der protestantischen Reformation stellten sich die Reformatoren auf die Seite des Augustinus, indem sie die Souveränität Gottes, die Notwendigkeit göttlicher Gnade und die völlige Unfähigkeit des gefallenen Menschen, zu seiner eigenen Rettung etwas beizutragen, lehrten. Im Kontrast dazu verkündete die Römisch-katholische Kirche weiterhin eine verwässerte Form des Semi-Pelagianis­mus (ab dem II. Vaticanum lehrt sie sogar den Universalismus).
  • Die Lehren des Pelagianismus’ und des Semi-Pelagianismus’ haben auch den Protestantismus stellenweise massiv beeinflusst (z.B. sichtbar bei Charles Grandison Finney (1792–1875) und dessen Nachfolgern) und beeinflussen ihn in pragmatisch-evangelistisch ausgerichteten Gemeinden und Missionswerken in steigendem Ausmaß. [1]
  • NB: Die meisten Christen, die betreffs der Heilslehre zu den Ansichten des (Semi-) Pelagianismus neigen, neigen auch zu den Lehren des Arminianismus. Beispiele: Man behauptet, dass Jesus Christus für alle Menschen gestorben sei und daher auch alle Menschen gerettet werden bzw. schon gerettet sind; dass alle Menschen zwar bis zu einem gewissen Graf verderbt seien, alle aber ausreichend Gnade bekommen, um den Folgen ihrer Verderbtheit entgegenzuwirken und sich aus sich selbst heraus frei für das Heil zu entscheiden; dass derart begnadete Menschen aber auch die Freiheit und Macht haben, sich jederzeit gegen diese Gnade zu entscheiden, denn diese sei nicht unwiderstehlich; usw.

Die Sozinianer – Völlige Verwirrung

  • Der Sozinianismus ist einer der Höhepunkte der Irrlehren und Verwirrungen in der Heilslehre, er ist eine Vermischung anderer Irrlehren, die der Teufel schon erfolgreich in die Kirche hineingetragen hatte. Die Irrlehre des Sozinianismus’ wurde bald nach der Protestantischen Reformation geboren. Die beiden Italiener Fausto Paulo Sozzini (Socinus, 1539–1604) aus Sienna und sein Onkel Lelio (Laelius) Sozzini gaben dieser Irrlehre den Namen. Sie hatten sich vom römischen Katholizismus abgewandt und den Reformatoren zugewandt, kamen aber unter den Einfluss von Unitarianern und gaben letztlich alle Lehren der katholischen Religion auf, einschließlich der Lehren, die bibeltreu sind. Die Folge war, dass sie letztlich alle wesentlichen Fehler in ihr Lehrgebäude aufnahmen, die die Kirche je geplagt hatten und die diese verurteilt hatte.
  • Wie die Legalisten und Pelagianer lehrten sie eine Errettung aus Werken. Wie die Gnostiker und Arianer waren sie Anti-Trinitarianer (sie verleugneten die Dreieinheit Gottes). Sie verleugneten nicht nur die Gottheit Jesu, sondern jedes Wunder in der Heiligen Schrift. In diesem Zusammenhang mischten sie aus dem humanistischen Rationalismus und der Aufklärung ihre eigene tödliche Irrlehre. Schließlich nahmen sie auch noch die Lehre des Universalismus in ihr System auf. Sie schoben die Autorität der Heiligen Schrift zur Seite und erhoben die menschliche Vernunft zur obersten Autorität. Damit markierten sie den Start des Modernismus.
  • Ihr schlimmster Irrtum zerstört direkt die Bedeutung der Sühnung. Das sozinianische Argument gegen das stellvertretende Opfer Jesu Christi war einfach: Sie behaupteten, dass die Ideen der Vergebung und der Sühnung sich gegenseitig ausschließen würden. Entweder werden Sünden vergeben oder es ist dafür zu bezahlen, aber nicht Beides. Sie argumentierten: Wenn ein Preis dafür bezahlt werden musste, dann wurden nicht wirklich „vergeben“. Wenn Gott andererseits bereit ist, Sünden zu vergeben, dann sei kein Sühnungspreis dafür notwendig. – Die Spitzfindigkeit ihres Arguments bringt auch heute noch viele Leute in Verlegenheit. Aber es ist einfach völlig konträr zu dem, was die Heilige Schrift über Gnade, Sühnung und göttliche Gerechtigkeit lehrt. Die Heilige Schrift zerstört das sozinianische Argument und stellt es als Irrtum bloß: „Ohne Blutvergießung gibt es keine Vergebung [der Sünden].“ (Hebräer 9,22)

Der Sozinianismus ist die zur Zeit am meisten verbreitete Irrlehre, der moderne theologische Liberalismus ist nichts anderes als eine Variante des alten Sozinianismus’.

Überblick

Die 5 großen Irrtümer bzgl. des Erretters und der Errettung (© 1997–2023 logikos.club)

Endnoten und Literaturempfehlungen

Dieser Artikel wurde angeregt und adaptiert durch: Phil Johnson, Seminarmanuskript, Shepherds Conference (Sun Valley, CA, 2004).

[1] In Deutschland machte die „Bruderhand“ (Wilhelm Pahls) Werbung für die „Erweckung“ von Finney und verbreitete seine Biographie. Die Bruderhand stellt die Erfindung des „Altarrufes“ durch Finney als biblisch dar, weil Gott auch sein Volk rufe. Eine biblisch fundierte geistliche Beurteilung Finneys findet sich in: MacArthur, John F.: Wenn Salz kraftlos wird. Die Evangelikalen im Zeitalter juckender Ohren. 2. Auflage. Bielefeld, CLV, 1997, Anhang 2.

Eine empfehlenswerte Darlegung der biblischen Heilslehre ist: J. MacArthur & R. Mayhue: Biblische Lehre: Eine systematische Zusammenfassung biblischer Wahrheit. Berlin: EBTC, 2. Aufl. 11/2020. Eine Rezension finden Sie hier.

Heilsgeschichte: Arnd Bretschneider: Gott schreibt Geschichte – Ein Gang durch die biblische Heilsgeschichte. Christliche Verlagsges. Dillenburg, 2007.