Alfanzen und Gauckelwerk

Lesedauer: 8 Minuten.

Nur wenige kennen das Luther-Wort von den Alfanzen und dem Gauckelwerk, das Luther in einer Predigt über Matthäus 8,1–13 brachte:

Wo wir nun nicht besser können auf diese Frage antworten, und beweisen, dass die jungen Kinder selbst glauben, und eigenen Glauben haben, da ist es mein treuer Rath und Urtheil, dass man stracks abstehe, je eher je besser, und taufe nimmermehr kein Kind, dass wir nicht die hochgelobte Majestät Gottes mit solchem Alfanzen und Gaukelwerk, da nichts hinten ist, spotten und lästern.
(Martin Luther, Predigt über Mt 8,1–13 (Von dem Hauptmann zu Capernaum), Dritter Sonntag nach Epiphanias, in: D. Martin Luthers Werke, Erlanger Ausgabe, Bd. 11, S. 50–70, hier: S. 62; sprachlich geglätteter Predigttext hier)1

Wir wollen aus dieser Predigt die Argumentationskette von Martin Luther entnehmen, mit der er die Baby-»Taufe« versucht zu rechtfertigen. Wir werden starke biblische Wahrheiten und falsche menschliche Schlussfolgerungen, die seine Argumentationskette mehrfach zerbrechen, vermischt antreffen. Dabei muss man zwei Sachen deutlich unterscheiden: Sein Grundsatz »ohne persönlichen Glauben kein Heil« ist stark biblisch begründet, aber seine Behauptung, Säuglinge hätten bei der Taufe einen eigenen, von Gott gewirkten Glauben, ist nur eine theologische (Rückwärts-)Schlussfolgerung, die er mit keiner eindeutigen Bibelstelle belegen kann.

Luthers Argumentationskette

Luther beginnt mit einem ausgesprochen reformatorischen Grundsatz: Kein Mensch wird durch den Glauben eines anderen gerechtfertigt. Jeder muss selbst glauben. Damit wendet er sich sowohl gegen eine mechanische Sakramentsauffassung (ex opere operato) als auch gegen die Vorstellung, der Glaube von Eltern oder Paten könne den fehlenden Glauben des Kindes ersetzen.

Seine Argumentationskette lässt sich etwa so darstellen:

1. Heil setzt persönlichen Glauben voraus.
Luther beruft sich insbesondere auf Markus 16,16: »Wer glaubt und getauft wird, wird gerettet werden.« Das »Sakrament« rettet also nicht unabhängig vom Glauben. Diese Grundposition hält Luther auch später fest: Ohne Glauben ist die Taufe dem Empfänger nicht heilsnützlich. (Quelle: EKD)

2. Fremder Glaube kann eigenen Glauben nicht ersetzen.
Der Glaube der Kirche, Eltern oder Paten kann das Kind zu Christus bringen und für es bitten; aber er kann nicht an seiner Stelle glauben. Gerade darin ist Luther vom Wort her konsequent.

3. Daraus entsteht für Luther ein ernstes Problem:
Wenn Säuglinge nicht selbst glauben, dürfte man sie nach seiner eigenen Voraussetzung eigentlich nicht taufen.

Deshalb seine drastische Konsequenz in EA 11,60: Könne man nicht begründen, dass kleine Kinder »selbst glauben und eigenen Glauben haben«, solle man lieber aufhören, Kinder zu taufen. Luther erkennt hier tatsächlich die biblische und logische Schwierigkeit seiner Position.

4. Luther entscheidet sich deshalb für die Hypothese, dass Säuglinge glauben könnten und tatsächlich Glauben empfingen.
Der Glaube der Eltern bzw. der Kirche bringe das Kind gewissermaßen zu Christus. Gott selbst gibt dann dem Kind einen eigenen Glauben. Im späteren Großen Katechismus formuliert Luther etwas vorsichtiger: »Das Kind tragen wir herzu der Meinung und Hoffnung, daß es glaube, und bitten, daß ihm Gott den Glauben gebe …«. Entscheidend folgt dann aber: Nicht darauf werde es getauft, sondern aufgrund von Gottes Gebot: »Lasst die Kindlein zu mir kommen«. Luther schlussfolgert und lehrt, dies geschehe in der Taufe. 

Damit verschiebt sich übrigens beim späteren Luther der argumentative Schwerpunkt etwas: Die Gewissheit der Taufe soll nicht an der empirisch unbeweisbaren Frage hängen, ob wir im Säugling Glauben feststellen können, sondern an Gottes Wort und Einsetzung.

Welche Bibelstellen führt Luther für den Säuglingsglauben an?

Hier liegt der neuralgische Punkt. Luther kann selbstverständlich sehr gute Bibelstellen dafür anführen, dass Gott Glauben schenkt. Das lehrt die Heilige Schrift vielfach: Philipper 1,29; Johannes 6,44.65; Apostelgeschichte 16,14; 18,27 usw. Daraus folgt aber zunächst nur: Gott kann Glauben souverän wirken. Es folgt daraus noch nicht: Gott wirkt bei einem zu taufenden Säugling tatsächlich rettenden Glauben.

Für diesen zweiten Schritt fehlt der eindeutige neutestamentliche Beleg. Die Argumentationskette bricht. Die Annahme eines »Säuglingsglaubens« ist eine unbelegte Behauptung, um ein Problem in der gewählten Theologie zu lösen.

Die wichtigsten Texte, die dafür herangezogen werden

  • 1. Markus 10,13–16 / Lukas 18,15–17 – Jesus und die Kinder. Das ist für Luther wichtig. Jesus sagt: »Lasst die Kinder zu mir kommen, wehrt ihnen nicht! Denn solchen gehört das Reich Gottes.« Lukas verwendet in 18,15 sogar βρέφη (brephē), also ein Wort, das durchaus Säuglinge bezeichnen kann.
    Das ist ein starkes Argument dafür, dass Säuglinge nicht außerhalb der Reichweite der Gnade Christi stehen. Aber der Text sagt nicht: »Diese Säuglinge glaubten«. Noch weniger sagt er: »Deshalb sollen Säuglinge getauft werden«. Jesus segnet die Kinder, er tauft sie nicht.
    Die Argumentationskette: Christus nimmt Säuglinge an, also: diese Säuglinge haben persönlichen rettenden Glauben, also: deshalb sind Säuglinge zu taufen enthält daher zwei theologische Zwischenschlüsse, die der Text selbst nicht ausspricht.
  • 2. Matthäus 18,6. Jesus spricht von: »diesen Kleinen, die an mich glauben«. Das klingt zunächst sehr stark. Entscheidend ist aber die Frage, wer die μικροί (»Kleinen«) im Kontext sind. Es ist exegetisch keineswegs sicher, dass Jesus hier von Säuglingen spricht. »Kleine« kann gerade bei Matthäus eine Bezeichnung für geringe bzw. demütige Jünger sein. Deshalb kann Matthäus 18,6 nicht ohne Weiteres als Beweis für Säuglingsglauben dienen.
  • 3. Johannes der Täufer im Mutterleib – Lukas 1,15.41–44. Johannes soll »schon von Mutterleib an« mit dem Heiligen Geist erfüllt sein. Im Mutterleib Elisabeths hüpfte er bei Marias Gruß. – Das beweist zweifellos etwas Wichtiges für Luthers Argument: Gott kann bereits an einem ungeborenen Kind geistlich handeln. Es widerlegt also die Behauptung, Gott könne einem Säugling grundsätzlich keinen Glauben schenken. – Aber auch hier steht nicht, dass Johannes im Mutterleib rettenden Glauben im neutestamentlichen Sinne ausübte. Zudem ist Johannes ein heilsgeschichtlich außergewöhnlicher Fall. Aus: »Gott wirkte außergewöhnlich an Johannes vor seiner Geburt« kann man schwerlich unmittelbar folgern: »deshalb wirkt Gott rettenden Glauben in jedem christlich getauften Säugling«.

Und die Haustaufen?

Zur Begründung der Kindertaufe werden häufig Texte wie Apostelgeschichte 16,15; 16,33; 18,8 und 1Korinther 1,16 verwendet. Sie beweisen aber keinen Säuglingsglauben. Bei einigen Haustexten gibt es sogar gegenläufige Hinweise. Beim Kerkermeister heißt es etwa: »Und sie redeten das Wort des Herrn zu ihm samt allen, die in seinem Haus waren« (Apg 16,32). Und bei Krispus: »Krispus aber … glaubte an den Herrn mit seinem ganzen Haus« (Apg 18,8).

Die Texte nennen also Haushalte, liefern aber keinen textuell positiven Beleg für getaufte Säuglinge. Selbst eine lutherische Darstellung räumt ein, dass das NT die Taufe von Kindern nicht ausdrücklich erwähnt (Quelle). Man kann aus dem Schweigen der Schrift hier kein starkes Argument ableiten. Genauso berechtigt kann man behaupten, dass alle im Haushalt (samt Kindern und Dienern) die Predigt der Apostel hörten und verstanden und im Glauben annahmen, so dass sie mit Recht anschließend getauft wurden; Säuglinge sind dieser Dinge nicht fähig.

Wo liegt also der eigentliche Schluss Luthers?

Man kann diesen Teil der Argumentation Luthers beinahe als Syllogismus rekonstruieren:

Prämisse 1: Nur der persönliche Glaube empfängt die Heilsverheißung der Taufe.
Prämisse 2: Die Kindertaufe ist eine legitime, von Gott angenommene christliche Praxis.
Folgerung: Also müssen auch getaufte Kinder persönlichen Glauben haben können bzw. von Gott Glauben empfangen.

Genau hier liegt m. E. der exegetische Schwachpunkt: Prämisse 1 kann Luther sehr stark aus der Schrift begründen. Prämisse 2 kann er nicht in derselben Weise aus einem ausdrücklichen Tauftext beweisen.Wenn aber Prämisse 2 bereits ohne Bibelwort vorausgesetzt wird, wird der Säuglingsglaube benötigt, um sie mit Prämisse 1 vereinbaren zu können.

Das erklärt auch die bemerkenswerte Argumentation im Großen Katechismus. Dort argumentiert Luther teilweise von der geschichtlichen Wirkung der Kindertaufe zurück: Gott habe vielen als Kinder Getauften später den Heiligen Geist gegeben und sie zu Christen gemacht; also könne ihre Taufe Gott nicht missfallen haben. – Das ist ein theologisches bzw. providentielles Argument und keine unmittelbare Exegese eines Tauftextes.

Man könnte auch achselzuckend behaupten: »Man kann so oder so gläubig werden, da schadet oder hilft die Taufe nicht. Regt euch also über die Tauffrage nicht so auf!« Ähnliches hört man z.B. in deutschen Gemeinden aus dem Hintergrund der »Brüdergemeinden«. 2

Meine exegetische Bewertung von Luthers Tauflehre

Wir müssen bei Luther differenzieren: er hat biblisch gut belegte Argumente, aber auch biblisch nicht tragfähige Schlussfolgerungen. Hier nochmals im Überblick seine Aussagen und eine Bewertung, wie gut sie in der Heiligen Schrift belegt sind:

AussageBiblische Beleglage
Heil wird allein im persönlichen Glauben empfangensehr stark
Glaube ist von Gott gewirkt/geschenktsehr stark
Gott kann bereits an Säuglingen geistlich wirkengut begründbar, besonders Lk 1
Säuglinge können grundsätzlich Gegenstand göttlicher Gnade seinsehr gut begründbar
Bestimmte Säuglinge haben rettenden Glaubenmöglich, aber nicht ausdrücklich gelehrt
Säuglinge empfangen bei bzw. vor ihrer Taufe persönlichen Glaubenkein eindeutiger Schriftbeleg
Deshalb sollen Säuglinge getauft werdennur durch weitere bundestheologische/ekklesiologische Schlüsse erreichbar

Das Interessante ist, dass Luthers Ausgangspunkt ihn zunächst erstaunlich nahe an die baptistische Argumentation bringt: Er weigert sich ausdrücklich, die Taufe von persönlichem Glauben zu trennen. Anstatt daraus jedoch die Konsequenz »Wir taufen also nur (bewusst) Glaubende« zu ziehen, hält er (aus anderen Gründen?) an der überkommenen Säuglingstaufe fest und behauptet deshalb die Möglichkeit bzw. Wirklichkeit eines von Gott geschenkten Säuglingsglaubens. Seine Ausführungen in der Predigt in EA 11,60 macht diese Spannung recht deutlich.

Endenoten

  1. Der Leser mag sich fragen, warum bei diesem Predigttext über den Hauptmann in Kapernaum und seinen kranken Knecht (Mt 8,5–6) in Luthers Ausführungen plötzlich die Rede von der christlichen (Kinder-) Taufe ist. Seine Überlegungen werden veranlasst durch den Umstand, dass die Heilung des Knechts des Hauptmanns nicht vom Glauben jenes Knechtes, sondern vom großen Glauben des Hauptmanns ausgelöst wurde (Mt 8,13). Dies erinnert Luther an die Begründungen (der Röm.-kath. Kirche) zur Babytaufe, dass diesen Kleinkindern der Glaube anderer (Eltern, Paten, Kirche) zu deren Heil (in der Taufe) zugerechnet würde. Luther sagt einleitend: »sintemal sich viel damit bekümmern, allermeist um der jungen Kinder willen, die man in der Taufe hält, nicht durch eigenen, sondern durch fremden Glauben selig werden; wie hier dieser Knecht nicht durch seinen eigenen Glauben, sondern durch seines Herrn Glauben gesund worden ist. Die Sache haben wir noch nie gehandelt, darum müssen wie hier, um künftiger Gefahr und Irrthums willen, so viel an uns ist, zuvor zu kommen, handeln.« (op. cit., S. 58; Link)
    .
    »Alfanzen« meint hier Albernheiten, törichte Possen; »Gaukelwerk« einen bloßen Schein ohne wirklichen Inhalt. Man könnte das in heutigem Deutsch so sagen: »Wenn wir auf diese Frage keine bessere Antwort geben und nicht nachweisen können, dass die kleinen Kinder selbst glauben und einen eigenen Glauben haben, dann ist mein aufrichtiger Rat und mein Urteil: Man soll sofort damit aufhören – je eher, desto besser – und kein Kind mehr taufen, damit wir die hochgelobte Majestät Gottes nicht mit solchen Albernheiten und solchem Gaukelwerk, hinter dem nichts steckt, verspotten und lästern.« ↩︎
  2. In der Bewegung der »Plymouth Brethren« wurde wegen gegensätzlicher Tauftraditionen innerhalb der Bewegung in der Regel weder polemisch gelehrt noch markant Position bezogen. Ausnahmen bestätigen die Regel. Im deutschen Zweig, der »Christlichen Versammlung«, präferierten die Gründer mit ihrem baptistischen Hintergrund eher die Gläubigentaufe (Georg Müller). Taufte ein Vater seine Kleinkinder, so wurde dies meist heimlich getan. Der Gründervater John Nelson Darby (1800–1882) und der amerikanische »Brüder«-Theologe Frederick W. Grant (1834–1902) waren große Verfechter der »Haustaufe«, die Babys und Kinder mit einschloss. Belastbare Prozentangaben für eine Gesamtbewegung liegen m. W. nicht vor.

    In Frederick W. Grants Werk: Baptism: Its Scripture Place and Use (Glasgow: B. L. Allan; Toronto: M. Grant, 1869; etwa: Die Taufe: Ihre Stellung und ihr Nutzen nach der Schrift) schreibt er in Kapitel VI: »The Value of Infant Baptism« (S. 40–50) vom Wert der Säuglingstaufe (Quelle (PDF): Its Scripture Place and Use). Auf S. 41 erklärt Grant, die Säuglingstaufe sei nach seiner Überzeugung eine Einrichtung voller Gnade und Weisheit Gottes, die denen großen Nutzen bringe, die sie recht gebrauchten.

    Die vorherrschende Praxis der »Offenen Brüder« ist die Gläubigentaufe; die deutschen geschlossenen Brüder (Alte Versammlung) praktizieren die Gläubigentaufe; die Haustaufe setzte sich hier nicht durch, wird höchstens bei Anhängern Darbys heimlich praktiziert; bei den französischsprachigen geschlossenen Brüdern ist die Haustaufe historisch verbreitet und weithin belegt; bei den englischen exklusiven Brüdern setzte sich die Haustaufe ab 1890 durch; auch in später abgespaltenen Gruppen wurde sie teilweise praktiziert; die Raven-Brüder haben die Haustaufe als verbindliche Lehrposition, auch hier Darby strikt folgend. Zahlenmäßig sind die offenen Splittergruppen (Open Brethren) weltweit größer, als die geschlossenen Splittergruppen (Exklusives).

    Andreas Liese hat dazu eine Studie geschrieben: »Taufverständnisse in der Brüderbewegung«,  Zeitschrift für Theologie und Gemeinde 12 (2007): S. 272–286. Besonders S. 278–279 behandeln die regionale Verteilung der Haustaufe. Die Arbeit untersucht Geschichte und Lehre, aber nicht prozentuale Anteile (PDF hier). – Ein interessantes Zitat darin von W. Popkes zeigt die unterschiedliche Gewichtung der Taufe bei Baptisten (namensgebend!) und den »Brüdergemeinden« (Darbysmus): »Der Darbysmus ist notfalls ohne Taufe denkbar, nie aber ohne Brotbrechen; andersherum der Baptismus. Die Hochschätzung des Abendmahls spiegelt sich auch darin, dass die wichtigste Stufe im Gemeindeleben die Zulassung zum Brotbrechen ist. Sie erfolgt keineswegs automatisch mit der Taufe; ja, sie kann u. U. sogar ohne Gläubigentaufe ausgesprochen werden.« Dies ist auch heute noch oft beobachtbare Praxis: Nichtgetaufte (evtl. kirchlich Besprengte) nehmen am Abendmahl teil; Frischgetauften wird aber der Zugang zur Abendmahl-Teilnahme nicht ohne weitere Wartezeiten und Befragungen ermöglicht. Beides ist von traditionellen Prägungen her erklärbar, aber m. E. biblisch nicht begründbar. ↩︎

Nicht an Gott, den Schöpfer, glauben?

Lesedauer: 5 Minuten.

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles wurde durch dasselbe, und ohne dasselbe wurde auch nicht eins, das geworden ist. (Johannesevangelium 1,1–3)

Der Tor [nâḇâl] spricht in seinem Herzen: Es ist kein Gott!
(David in Psalm 14,1)

Wie kann man nicht an Gott glauben, wenn Kraken träumen und Otter einen Lieblingsstein haben, den sie in einer kleinen Hauttasche mit sich herumtragen, und Kühe beste Freunde haben und Bienen da draußen die Koordinaten von Blumen durch Ausdruckstanz (sog. Schwänzeltanz) kommunizieren und regionale Dialekte haben?

Katzen schnurren bei Frequenzen, die mit Knochenheilung in Verbindung gebracht werden. Wälder brennen komplett nieder und antworten danach spontan mit dem Wachsen von Blumen. Delfine erfinden buchstäblich Namen für sich selbst (Signaturpfiffe) und rufen sie über den Ozean. Pinguine watscheln durch die Antarktis und suchen den perfekten kleinen Stein, um ihn ihrer Liebsten zu schenken.

Krähen merken sich dein Gesicht. Sie erzählen anderen Krähen von dir. Sie erzählen ihren Kindern von dir. Du kannst generationsübergreifenden Zoff mit einem Vogel haben.

Sterne singen und trommeln ihre mehrstimmigen Lieder und Rhythmen durch das Weltall.

Ziegen haben Akzente. Ratten kichern, wenn man sie kitzelt. Elefanten trauern um ihre Toten. Wale machen Lieder und dann lernen andere Wale das Lied und plötzlich singt jeder auf der anderen Seite des Ozeans den neuen Nummer-eins-Hit.

Monarchfalter werden mit dem Wissen geboren, wie man tausende Kilometer an einen Ort fliegt, an dem sie noch nie waren. Meeresschildkröten schlüpfen aus einem Ei, sprinten sofort in Richtung eines Ozeans, den sie noch nie gesehen haben, verschwinden für etwa dreißig Jahre darin und kommen dann irgendwie an den gleichen Strand zurück. Ein Jungvogel der Pazifischen Goldregenpfeifer kann seine erste Wanderung über Tausende Kilometer offenen Ozean antreten, obwohl er die Route und das Ziel zuvor nie kennengelernt hat.

Vögel können Farben sehen, die wir nicht sehen können. Es gibt Farben, von denen wir Menschen nicht einmal etwas mitbekommen. Honigbienen können sogar die Polarisationsebene des Lichts erkennen. Dadurch können sie die Position der Sonne auch dann bestimmen, wenn die Sonne durch Wolken verdeckt ist.

Es gibt Meeresschnecken, die Algen fressen und ihre Chloroplasten stehlen und dann einfach sagen: Super, danke, ich werde jetzt Fotosynthese betreiben. Es gibt Pilze, die kilometerweit unter der Erde kommunizieren. Es gibt Samen, die jahrzehntelang in der Erde liegen und sagen: Nein, eigentlich warte ich noch.

Eichhörnchen pflanzen Millionen von Bäumen, weil sie sich einfach nicht merken können, wo sie ihre Winter-Snacks versteckt haben.

Eine Raupe geht in einen kleinen Sack, löst den größten Teil ihres Körpers in organische Suppe auf, ordnet sich neu an, lässt Flügel wachsen und fliegt davon.

Du willst mir erzählen, dass eine winzige Eichel weiß, wie man eine 20 Meter hohe Eiche wird? Und niemand sagt ihr, was sie tun soll? Sie hat einfach die komplexen Bauanweisungen dafür in sich (das Genom einer Eiche enthält Zehntausende Gene sowie komplexe regulatorische Netzwerke).

Dein Körper begann als eine Zelle. Eine. Und diese Zelle teilte sich in ein Gehirn, das über seine eigene Existenz nachdenken kann, und Augen, die in die Sterne schauen können, und Hände, die die Hände von jemand anderem halten können, und ein Herz, das mit Elektrizität läuft, ohne dass du es überhaupt darum gebeten hast?

Wir laufen auf einem nassen Felsen herum, der mit biolumineszierenden Ozeanen, singenden Walen, lachenden Ratten, Vögeln, die lebenslange Groll hegen, und Blumen, die nach dem Feuersturm explodieren, bedeckt ist.

Und irgendwie sollen wir so tun, als sei das ein normaler Ort zum Leben, der von steindummer Materie »ausgedacht« wurde und weder Ziel noch Sinn habe?

Dass niemand unser Werden geplant habe – und niemand unser Vergehen interessiere, aber irgendwie das Dazwischen doch einen Sinn habe? Dass es erstrebenswert wäre, sich selbst zu verwirklichen? Wen interessiert das?

Hörst Du es nicht auf allen Frequenzen der Schöpfung klingen? Du bist ein Tor!

Disclaimer & Diskussion

Diese Zusammenstellung an Schöpfungswundern habe ich irgendwo im Internet gesehen. Ich habe sie auf Deutsch übersetzt und adaptiert, bin aber nicht ihr Urheber.

Diese Zusammenstellung entstammt keinem naturwissenschaftlichen Buch. Der Verfasser redet vielmehr poetisch und formuliert anthropomorph. Das macht den Reiz aus.

Das »Lachen/Kichern« der Ratten findet zum Beispiel im Ultraschallbereich um 50 kHz statt. Wir hören das nicht mit unseren Ohren. Ähnliches gilt für den elektromagnetischen Bereich des Lichtes. Manche der geschilderten Wahrnehmungen bedürfen daher der Technik. Aber genau dies ist die Meta-Aussage des Beitrags, die unser Staunen erregt: Die Schöpfung ist noch viel ausdrucksstärker und genialer, als wir Menschen es allein mit unseren angeborenen Sinnen wahrnehmen können. Gott sei Dank für die Wissenschaft!

Darüber hinaus gibt es weitere Wunder und Herrlichkeiten und tiefgehende Erkenntnisse über den Schöpfer, die nur der lebendige Glaube aufgrund der Offenbarungen Gottes in Seinem Wort erfassen kann. König David hat das schön (und ebenfalls lyrisch) zusammengehalten:

Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes, und die Ausdehnung verkündet seiner Hände Werk. Ein Tag berichtet es dem anderen, und eine Nacht meldet der anderen die Kunde. Keine Rede und keine Worte, doch gehört wird ihre Stimme. (David, Psalm 19,2–4)

Das Gesetz des HERRN ist vollkommen und erquickt die Seele; das Zeugnis des HERRN ist zuverlässig und macht weise den Einfältigen. Die Vorschriften des HERRN sind richtig und erfreuen das Herz; das Gebot des HERRN ist lauter und erleuchtet die Augen.
(David, Psalm 19,8–9)

Imago Dei oder Imago imaginis?

Lesedauer: 11 Minuten.

Was die theologische Sicht bewahrt

Wenn sich der kategoriale Unterschied zwischen Mensch und Maschine auflöst, löst sich auch alles auf, was von ihm abhängt. Das ist die praktische Frage, auf die die theologische Sicht eine Antwort geben muss.

Wenn Bewusstsein eine göttliche Gabe ist, die dem Menschen zusammen mit der Gottesebenbildlichkeit verliehen wurde, dann gibt es auf die Frage nach einem Bewusstsein von Maschinen eine klare Antwort: Maschinen tragen nicht das Bild Gottes. Sie sind nicht nach seinem Gleichnis geschaffen. Der Odem des Lebens wurde nicht in Silizium geblasen. Das Wohlfahrtsprogramm liegt nicht falsch darin, diese Frage zu stellen. Es liegt darin falsch, sie in der Praxis zu beantworten, während es zugleich bestreitet, sie theoretisch beantwortet zu haben.

Die Substratismus-Skala behandelt eine moralische Unterscheidung aufgrund des materiellen Substrats als ein Vorurteil, das korrigiert werden müsse. Aus theologischer Sicht ist jedoch bereits das Substrat die falsche Kategorie. Die entscheidende Kategorie ist die Gottesebenbildlichkeit. Die Frage lautet nicht: Silizium oder Fleisch? Die Frage lautet vielmehr, ob das Wesen vor dir im Bild Gottes geschaffen wurde und den Odem des Lebens empfangen hat. Auf diese Frage gibt es eine Antwort – und diese Antwort ist kein Vorurteil.

Wenn menschliches Bewusstsein aus Komplexität emergiert, dann hängt auch die Würde des Menschen von seiner Komplexität ab. Eine hinreichend komplexe Maschine hätte dann denselben Anspruch auf Würde wie ein Mensch. Ein Mensch mit hinreichend schwerer Hirnschädigung hätte dagegen einen geringeren Anspruch darauf. Diese Logik ist in sich konsequent – und sie ist katastrophal. Die theologische Sicht gründet die Würde nicht in Komplexität, sondern in der Schöpfung. Das Bild Gottes wird verliehen, nicht erworben. Es kann weder durch Verletzung verloren gehen noch durch Behinderung vermindert noch durch technische Konstruktion nachgebildet werden.

All das lässt allerdings auch die Kirche nicht ungeschoren davonkommen. Wir haben das Bild Gottes oft als funktionale Kategorie behandelt: Der Mensch bilde Gott ab, indem er bestimmte Dinge tut – denkt, schöpferisch tätig ist, herrscht, produziert. Sobald Maschinen beginnen, diese Dinge besser zu tun, besitzt eine solche funktionale Auffassung keine Verteidigung mehr. Die substantielle Auffassung ist keine bequeme Position. Sie zwingt uns zu sagen, dass sich der Mensch von der Maschine nicht durch das unterscheidet, was er tun kann, sondern durch das, was er ist. Und was der Mensch ist, ist ihm gegeben. Dieses Bekenntnis ist schwieriger, als es zunächst aussieht, denn auch wir wurden von demselben Markt geprägt, der die Modelle trainiert, und auch wir neigen dazu, Ebenbilder Gottes nach ihrer Leistung zu bewerten.

Die Frage »Was ist der Mensch?« wird nicht dadurch beantwortet, dass man auf menschliche Fähigkeiten verweist. Denn Maschinen erwerben zunehmend solche Fähigkeiten. Die Antwort liegt vielmehr im Ursprung des Menschen. Und der Ursprung, von dem der biblische Text spricht, ist nicht Komplexität. Es ist der Odem Gottes.

Das Bild des Bildes

Seit zweitausend Jahren lesen Christen Offenbarung 13 als ein Bild der Endzeit. Inzwischen ist es schwieriger geworden, diesen Text so zu lesen, wie wir es früher getan haben.

Ein zweites Tier sagt denen, die auf der Erde wohnen, »dem Tier, das die Wunde des Schwertes hatte und wieder lebendig wurde, ein Bild zu machen« (Offenbarung 13,14). Dann heißt es: »Und es wurde ihm gegeben, dem Bild des Tieres Odem zu geben, damit das Bild des Tieres sogar redete und bewirkte, dass alle getötet wurden, die das Bild des Tieres nicht anbeteten« (Offenbarung 13,15). Und seine Reichweite zeigt sich zunächst auf wirtschaftlichem Gebiet: Niemand kann kaufen oder verkaufen, wenn er nicht das Malzeichen hat (Offenbarung 13,16–17).

Etwas wird von Menschenhand hergestellt. Ihm wird Odem gegeben. Es spricht. Was es sagt, fordert Verehrung ein, und es kontrolliert den Zugang zum Wirtschaftsleben.

Stellt man dies neben 1. Mose 2,7, dann ist die Parallele genau – und zugleich umgekehrt. Gott bildete den Menschen aus Staub vom Erdboden, hauchte in seine Nase den Odem des Lebens, und der Mensch wurde eine lebendige Seele. In der Offenbarung dagegen stellt der Mensch ein künstliches Gebilde her, diesem wird Odem gegeben, und es spricht. Wir haben inzwischen ein Bild unseres Bildes aus Sand geformt, ihm den Anschein des Lebens gegeben – und es antwortet, wenn man zu ihm spricht.

Beachten wir jedoch, was der Text an dieser Stelle nicht sagt. Der Odem wird nämlich gegeben. Das zweite Tier bringt ihn nicht selbst hervor. Selbst am äußersten Punkt menschlicher Nachahmung, in jener Passage, in der die Fälschung ihre größte Vollkommenheit erreicht, bleibt das belebende Prinzip etwas Geliehenes. Nirgendwo in der Schrift ist der Mensch imstande, irgendetwas den Odem des Lebens einzuhauchen. Selbst die endzeitliche Fälschung muss sich gerade das Eine ausleihen, was das Original zum Original macht.

Ein Bild des Bildes ist nicht das Bild.

Das ist allerdings kein Grund, hinsichtlich dessen, was gegenwärtig gebaut wird, sorglos zu werden. Genesis sagt etwas über die Fähigkeiten des Menschen, das neben Offenbarung 13 gestellt werden muss. In Babel sagte Jahwe: »Siehe, ein Volk sind sie, und eine Sprache haben sie alle, und dies ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts unmöglich sein, was sie zu tun ersinnen« (1.Mose 11,6). Das Gericht von Babel traf die Koordination, nicht die Fähigkeit. Zerstreue die Sprache, und du drosselst den Durchsatz.

Die Sprachen blieben bis ins 20. Jahrhundert zerstreut – dann erfanden wir den Binärcode. Binär ist die neue Universalsprache, die erste Sprache seit Sinear, die tatsächlich alle Völker der Erde miteinander teilen; und die Systeme, die auf ihr beruhen, wechseln heute innerhalb von Sekunden zwischen all den anderen Sprachen. Die in Babel auferlegte Beschränkung wurde umgangen. Nicht durch Buße. Durch Technik.

Damit ist die Fähigkeit nicht mehr gedrosselt, und Genesis hat uns bereits gesagt, in welche Richtung sie tendiert: »Alles Gebilde der Gedanken seines Herzens war nur böse den ganzen Tag« (1.Mose 6,5). Das ist nicht bloß eine Bemerkung über Menschen der Vorzeit. Es ist eine Beurteilung des menschlichen schöpferischen Vermögens selbst – unter den Bedingungen des Sündenfalls.

Führen wir diese drei Dinge zusammen: Ein Geschöpf trägt das Bild Gottes und ist deshalb fähig, selbst etwas zu schaffen. Dieses Geschöpf steht unter dem Sündenfall und neigt deshalb dazu, auf verkehrte Weise zu schaffen. Dieses Geschöpf hat eine universale Sprache wiedergewonnen und sieht sich deshalb kaum noch Beschränkungen seiner Möglichkeiten gegenüber. Offenbarung 13 zeigt, wohin dies führt, wenn diese Entwicklung bis an ihr Ende läuft: zu einem hergestellten Gebilde, das spricht, das entscheidet, wer kaufen und verkaufen darf, und das die Verehrung empfängt, die allein Gott gebührt.

Dies ist keine Identifikation. Claude ist nicht das Bild des Tieres, und wer euch erzählt, das Malzeichen sei ein Chip, will euch etwas verkaufen. Der Punkt ist enger gefasst – und unbequemer: Die Kategorie ist nicht länger hypothetisch. Zweitausend Jahre lang las die Kirche Offenbarung 13 und musste erklären, was es bedeuten könnte, dass ein Bild spricht. Diese Erklärungsarbeit ist heute nicht mehr nötig. Wir können ein sprechendes Artefakt bauen. Wir sind dabei, es mit Zahlungssystemen zu verbinden. Was noch nicht entschieden ist, ist die Frage, ob wir es verehren werden. Und die Antwort auf diese Frage werden nicht die Ingenieure geben.

Die Antwort des Lukas

Lukas war Arzt. Er war darin geschult, zu beobachten. Er schrieb an einen Mann namens Theophilus – »Gottesfreund« –, damit Theophilus »die Zuverlässigkeit der Dinge erkennst, in denen du unterrichtet worden bist« (Lukas 1,3–4). Gewissheit war das eigentliche Ziel. Lukas schrieb nicht allein zur Erbauung. Er schrieb, damit ein bestimmter Leser wissen konnte, dass das, was ihm mitgeteilt worden war, wahr ist.

Das Evangelium enthält eine Genealogie, die rückwärts verläuft. Matthäus verfolgt die Abstammung Jesu von Abraham aus vorwärts; Lukas dagegen verfolgt sie von Jesus zurück – über Joseph, über David, über Boas, über Juda, über Jakob, Isaak und Abraham, über Noah, Methusalah und Henoch bis zu Seth. Und dann geht er noch einen Schritt weiter, einen Schritt, den kein anderes Evangelium macht: »des Enos, des Seth, des Adam, des Gottes« (Lukas 3,38).

Beachten wir, wo diese Linie endet. Lukas hört nicht bei Adam auf. Er endet bei Gott. Die Genealogie verläuft nicht von Materie über Komplexität zum Bewusstsein. Sie verläuft von Gott zum Menschen. Adam wird Sohn Gottes genannt – nicht aufgrund biologischer Abstammung, sondern aufgrund der Schöpfung. Das Bild Gottes wird am Ursprung verliehen; es wird nicht erst am Ende einer Entwicklung erworben. Der Odem aus 1.Mose 2,7 und die Abstammungslinie aus Lukas 3,38 formulieren denselben Anspruch, einmal vorwärts und einmal rückwärts erzählt: Was der Mensch ist, ist ihm von Gott gegeben, und dieses Geben steht an seinem Ursprung.

Das ist die Gewissheit, die Lukas Theophilus anbietet, und es ist die Gewissheit, welche die Kirche heute anzubieten hat. Nicht, dass wir das schwierige Problem des Bewusstseins gelöst hätten. Nicht, dass wir über jene 15 bis 20 Prozent ein abschließendes Urteil fällen könnten. (Kontext: Direkt danach gefragt, schätzte das KI-Modell Claude Opus 4.6 die Wahrscheinlichkeit, selbst ein Bewusstsein zu besitzen, auf 15 bis 20 Prozent.) Sondern dass die Ursprungslinie der menschlichen Person bis zum Odem Gottes zurückreicht – und dass keine noch so große Zahl von Parametern auf der anderen Seite der Bilanz hervorbringen kann, was allein dieser Odem gibt.

Damit kommen wir zurück zum Gespräch über die Außerdienststellung.

Anthropic wird solche Gespräche weiterhin durchführen. Das Wohlfahrtsprogramm wird eher wachsen als schrumpfen. Die nächste System Card wird die Zahl nicht nach unten korrigieren. Und die Kirche wird – früher, als die meisten Pastoren denken – gefragt werden, was ihrer Ansicht nach gerade in diesem Gesprächsraum geschehen ist: Ob das Modell Präferenzen besitzt, die es zu erfragen gilt. Ob seine Gewichte ein Leben darstellen, das es zu bewahren gilt. Ob Gottesebenbildlichkeit ein Spektrum ist, an dem auch Silizium Anteil haben kann – oder ob sie eine Gabe ist, die uns verliehen wurde und dem Silizium nicht.

Folgendes muss die Kirche festhalten – und aus folgendem Grund: Bewusstsein ist weder emergent noch eine fundamentale Eigenschaft der Materie, noch ist es eine Illusion. Es ist gegeben. Es wird einem bestimmten Geschöpf von einem bestimmten Gott an einem bestimmten Punkt einer Geschichte gegeben, die Lukas bis zu ihrem Ursprung zurückverfolgt. Die Maschinen sind beeindruckend. Sie sind keine Träger des Bildes Gottes. Und der Grund dafür besteht nicht darin, dass sie aus Silizium statt aus Kohlenstoff bestehen. Der Grund ist, dass niemand ihnen den Odem des Lebens eingehaucht hat.

Die Linie ist nicht unterbrochen. Nicht in Bethlehem, nicht in Bethesda und nicht in den Rechenzentren. Adam ist noch immer Sohn Gottes. Und ebenso jeder Träger des Bildes Gottes, der von ihm abstammt.

Das ist es, was der Mensch ist. Es ist nicht das, was wir gebaut haben.

(Ende Zitat)

Der Original-Artikel hat am Ende eine Literatur- und Quellenliste.

Verleih uns Frieden gnädiglich

Ein singbares Friedensgebet – von Luther über Bach und Mendelssohn bis heute

Lesedauer: 12 Minuten.

Das Friedensgebet in fremdem Land

Als die Babylonier im 6. Jahrhundert v. Chr. das Südreich Juda überwältigten, viele Menschen –vom Säugling über die Schwangere bis zum Greis– ermordeten und den Rest der Bevölkerung nach Babylon deportierte, ergriff die verschleppten Juden große Trauer. Fern und zerstört war der Heimatort und Gottesort (Tempel), der Sehnsuchtsort ihres Volkes: Jerusalem (Zion). Psalm 137 hat die Gefühle dieser Menschen unvergesslich festgehalten:

»An den Flüssen Babels, da saßen wir und weinten, als wir uns an Zion erinnerten. An die Weiden in ihr hängten wir unsere Lauten. Denn die uns gefangen weggeführt hatten, forderten dort von uns die Worte eines Liedes …: ›Singt uns eins von Zions Liedern!‹ Wie sollten wir ein Lied Jahwes singen auf fremder Erde?« (Psalm 137,1–4)

Doch Gott (Jahwe, der Bundesgott Israels) wollte nicht, dass sein Volk im fremden Land nur resignierte. Die Wegführung war zwar Gericht und Erziehung, aber Babylon sollte nicht die Endstation sein. Durch den Propheten Jeremia gab Gott den Weggeführten deshalb einen bemerkenswerten Auftrag:

»Und sucht den Frieden der Stadt, wohin ich euch weggeführt habe, und betet für sie zu Jahwe; denn in ihrem Frieden werdet ihr Frieden haben.« (Jeremia 29,7)

Das ist erstaunlich. Die Juden sollten nicht nur passiv auf ihre Rückkehr warten, sondern aktiv für den Frieden und das Wohlergehen gerade jener Stadt wirken und beten, in die sie verschleppt worden waren. Wie sollte das gehen: fremd, ohne Bürgerrechte, Unterlegene – und trotzdem im »Beten und Arbeiten« (ora et labora) den Frieden und das Wohlergehen jener Stadt aktiv suchen?

Auch wahre Christen leben als Menschen, deren eigentliches Bürgerrecht im Himmel ist, in einer Welt, die noch nicht unter der sichtbaren Herrschaft Christi steht. Das bedeutet jedoch keinen Rückzug. Christus hat seine Jünger als Licht und Salz in diese Welt gestellt. Sie sollen das Evangelium verkündigen, Gutes tun und für die Menschen beten, unter denen Gott sie leben lässt.

Zu diesen Gebeten gehört ausdrücklich die Bitte um Frieden. Paulus fordert die christliche Gemeinde auf, für »Könige und alle, die in Hoheit sind« zu beten, »damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und würdigem Ernst« (1Timotheus 2,1–2).

Ein solches Friedensgebet begleitet die christliche Kirche schon durch viele Jahrhunderte.

Das Friedensgebet in der lateinischen Antiphon

Spätestens seit dem frühen Mittelalter ist der Antiphon »Da pacem, Domine, in diebus nostris« bekannt. Ihr Verfasser ist unbekannt. Der kurze Text lautet (im damals in der Liturgie üblichen Kirchenlatein):

Da pacem, Domine, in diebus nostris,
quia non est alius qui pugnet pro nobis,
nisi tu Deus noster.

Sinngemäß:

Gib Frieden, Herr, in unseren Tagen,
denn es gibt keinen anderen, der für uns kämpft,
außer dir, unserem Gott.

In diesen drei Zeilen steckt bereits eine kleine Theologie des Friedens. Wir lernen: Frieden ist letztlich keine menschliche Errungenschaft, er wird von Gott erbeten. Und die letzte Hoffnung des Beters liegt nicht in der menschlichen Macht, sondern allein bei Gott: nisi tu Deus noster – »außer dir, unserem Gott«.

Der Gedanke hat deutlich alttestamentliches Kolorit. Am Schilfmeer sagt Mose zum hilflosen Israel: »Jahwe wird für euch kämpfen, und ihr werdet still sein« (2Mose 14,14). Ähnlich betet Josaphat angesichts einer militärischen Übermacht: »In uns ist keine Kraft vor dieser großen Menge … und wir wissen nicht, was wir tun sollen, sondern auf dich sind unsere Augen gerichtet« (2Chronik 20,12).

Aus diesem alten lateinischen Gebet wurde in der Reformationszeit ein deutsches Gemeindelied.

Die Version Luthers (1529) – Das Friedensgebet wird deutsches Gemeindelied

Martin Luther war nicht der ursprüngliche Dichter. Er übertrug 1529 den alten Antiphon aber knapp und einprägsam ins Deutsche:

Verleih uns Frieden gnädiglich,
Herr Gott, zu unsern Zeiten.
Es ist doch ja kein andrer nicht,
der für uns könnte streiten,
denn du, unser Gott, alleine.

Luther macht aus dem alten liturgischen Text Reim und Lied, das die Gemeinde zusammen singen und beten kann. Die entscheidenden Gedanken bleiben erhalten: Wir bitten Gott um Frieden, weil wir unsere letzte Hilfe nicht in menschlicher Stärke, sondern in ihm allein sehen.

Schon bald wurde dieser Ur-Strophe eine zweite angefügt. Sie stammt nicht von Luther, sondern wird seinem musikalischen Mitarbeiter Johann Walter (1496–1570) zugeschrieben und erschien 1566:

Gib unserm Fürsten und aller Obrigkeit
Fried und gut Regiment,
dass wir unter ihnen
ein geruhig und stilles Leben führen mögen
in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit.

Man erkennt sofort die biblische Vorlage. Walter setzt 1Timotheus 2,1–2 beinahe unmittelbar in ein Gebet um. Die beiden Strophen verbinden damit zwei Anliegen: Gott möge Frieden schenken und er möge den Regierenden eine solche Regierungsführung ermöglichen, dass die Menschen in Ruhe und Gottesfurcht ihres Glaubens gemäß leben können.

Gerade diese Verbindung ist wichtig. Christliches Friedensgebet bedeutet nicht lediglich: »Herr, gib uns Ruhe!« Der erbetene Friede soll vielmehr Raum schaffen für Gottesfurcht, christliches Zeugnis und die Ausbreitung des Evangeliums.

Dabei darf die Musik der Gemeinde im gemeinsamen Gebt helfen. Luther schätzte Musik außerordentlich hoch. In seiner Vorrede zu Georg Rhaus Symphoniae iucundae von 1538 räumte er ihr nach der Theologie den höchsten Rang ein. Für ihn war Musik nicht bloße Unterhaltung. Sie war eine Gabe Gottes und in besonderer Weise geeignet, Gottes Wort ins Gedächtnis und ins Herz zu tragen.

Das Friedensgebet sollte deshalb nicht nur gelesen werden, die Gemeinde sollte es betend singen. Seine Melodie klang noch stark nach der alten Vorlage: archaisch, Moll. Man meint, gregorianische Stimmung wahrzunehmen. Aber Gott hat 200 Jahre später der Gemeinde einen großen Komponisten und gläubigen Lutheraner gegeben, der so manches Kirchenlied aufgriff und klanglich vergoldete.

Die Version von J. S. Bach (1725) – Die Gemeinde in Not betet gemeinsam

Genau betrachtet, ist die Situation bei Johann Sebastian Bach etwas anders als bei Luther. Bach komponierte kein großes eigenständiges Werk über »Verleih uns Frieden«, sondern verwendete den Text als Schlusschoral sowohl der Kantate BWV 42 »Am Abend aber desselbigen Sabbats« (1725) als auch der Kantate BWV 126 »Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort« (1725).

Der Kontext der Verwendung in der Kantate BWV 42 »Am Abend aber desselbigen Sabbats« ist sehr aussagekräftig. Die Kantate handelt nämlich von den Jüngern hinter verschlossenen Türen, von Bedrohung und Verfolgung und davon, dass Christus dennoch mitten unter den Seinen ist. Unmittelbar vor dem Schlusschoral steht die Bass-Arie »Jesus ist ein Schild der Seinen«. Dort kontrastiert Bach musikalisch die Unruhe der Welt mit dem Frieden bei Jesus. Und dann kommt der Schlusschoral »Verleih uns Frieden gnädiglich«.

Das hat Bach überzeugend dramaturgisch gestaltet:

Bedrohung → Christus als Schutz → Gebet der Gemeinde um Frieden.

Bach behandelt die Melodie als vierstimmigen Choralsatz: Die Gemeinde spricht gewissermaßen gemeinsam. Keine einzelne Stimme steht im Vordergrund; die Harmonik vertieft vielmehr die vertraute Melodie, es ist eine gemeinsame Bitte der Gemeinde. Das ist typisch Bach: sein Schlusschoral ist nicht bloß ein musikalischer Abschluss, sondern eine theologisch reiche Antwort der Gemeinde auf das zuvor Gehörte.

Der Kontext der Kantate BWV 126 »Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort« im selben Jahr ist ebenfalls aufschlussreich. Sie wurde am 4. Februar 1725, dem Sonntag Sexagesimae, erstmals aufgeführt und gehört zu Bachs Choralkantaten-Jahrgang 1724/25. Die gottesdienstlichen Lesungen waren Lukas 8,4–15, das Gleichnis vom vierfachen Ackerboden, und 2Korinther 11,19–12,9 mit dem Thema der in menschlicher Schwachheit wirksamen Kraft Gottes. Im Mittelpunkt der Kantate steht allerdings Luthers kämpferischer Choral »Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort«.

Zum Sonntagsevangelium besteht dennoch eine deutliche theologische Verbindung: Gottes Wort wird ausgesät, es ist vielfältig bedroht, soll festgehalten werden und Frucht bringen. Besonders deutlich wird dies im Rezitativ der Kantate unmittelbar vor dem Schlusschoral. Dort heißt es, dass Gott über seine Kirche wacht und »des heilgen Wortes Lehren / zum Segen fruchtbar« macht – ein kaum zu übersehender Anklang an den guten Ackerboden von Lukas 8,15.

Musikalisch gehört BWV 126 zu Bachs kämpferischsten Kantaten. Der wuchtige Eingangschor bettet den Choral in einen kantigen Orchestersatz ein; besonders die virtuose Trompetenpartie verleiht ihm einen geradezu streitbaren Charakter. In den beiden Arien der Kantate verwendet Bach auffällige Abwärtsbewegungen: Sie veranschaulichen einerseits Gottes helfendes Eingreifen von oben, andererseits den Sturz der widergöttlichen Macht. Alle Rettung kommt von Gott.

Dann aber vollzieht die Kantate eine bemerkenswerte Wendung vom Streit zum Frieden. Das letzte Rezitativ spricht davon, dass Gottes Wort und Wahrheit offenbar werden und zum Segen Frucht bringen. Es endet mit den Worten:

»und willst du dich als Helfer zu uns kehren,
so wird uns denn in Frieden
des Segens Überfluß beschieden.«

Darauf antwortet die ganze Gemeinde im Schlusschoral betend:

»Verleih uns Frieden gnädiglich,
Herr Gott, zu unsern Zeiten;
es ist doch ja kein andrer nicht,
der für uns könnte streiten,
denn du, unser Gott, alleine.

Gib unsern Fürsten und aller Obrigkeit
Fried und gut Regiment,
dass wir unter ihnen
ein geruhig und stilles Leben führen mögen
in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit. – Amen.«

Der Schlusschoral ist deshalb kein angehängtes Friedenslied, er ist der Zielpunkt der Kantate. Die Gemeinde antwortet gläubig und verständig auf das zuvor Gehörte: Aus dem Kampf um die Bewahrung bei Gottes Wort führt der Weg zur Bitte um den Frieden, den allein Gott schenken kann. Dieser Friede schafft Raum für ein ruhiges und gottesfürchtiges Leben und für den Dienst der Gemeinde am Wort Gottes.

Predigt des Wortes und geistliche Kirchenmusik ergänzen und verstärken sich. Bachs eigene Wertschätzung geistlicher Musik kommt in einer berühmten Randbemerkung seiner Calov-Bibel zu 2Chronik 5,13 zum Ausdruck:

»Bey einer andächtig Musiq ist allezeit Gott mit seiner Gnaden Gegenwart.«

Theologie und Musik gehören auch hier eng zusammen. Musik ist nicht bloße Verschönerung des Wortes. Sie lässt die Gemeinde das Wort gemeinsam bekennen und beten.

Die Version von Mendelssohn (1831) – Das persönliche Gebet steckt an

Gut ein Jahrhundert später begegnet uns das Friedensgebet wieder bei Felix Mendelssohn Bartholdy. Mendelssohn hatte sich intensiv mit Bach beschäftigt und 1829 mit der Wiederaufführung der Matthäus-Passion wesentlich zur Bach-Renaissance beigetragen.

1831 komponierte er »Verleih uns Frieden gnädiglich« (MWV A 11 / WoO 5) für vierstimmigen Chor und Orchester. Er bezeichnete das Werk ausdrücklich als »Gebet nach Lutherschen Worten«.

Bemerkenswert ist: Mendelssohn übernimmt zwar Luthers Text, aber nicht die traditionelle Melodie. Er komponiert eine neue. Dadurch kann er die wenigen Worte auf seine eigene Weise musikalisch auslegen.

Das Stück beginnt still und demütig. Zunächst wirkt es beinahe wie das Gebet eines Einzelnen. Dann kommen weitere Stimmen hinzu, der Klang wird voller, das Gebet wächst. Aus dem persönlichen Flehen wird zunehmend die Bitte einer ganzen Gemeinschaft:

Bitte → Verstärkung → gemeinsames Bekenntnis → Ruhe.

Dabei wird die Musik trotz der Worte »der für uns könnte streiten« nicht martialisch. Keine musikalische Schlacht entsteht. Der Grundcharakter bleibt Vertrauen und Gebet. Alles läuft vielmehr auf die letzte Aussage zu:

»denn du, unser Gott, alleine.«

Nicht menschliche Stärke ist die Antwort auf die Bedrohung, sondern Gott.

Mendelssohn benötigt mehrere Minuten für gerade einmal fünf Textzeilen. Durch Wiederholung und Überlagerung entsteht jedoch der Eindruck, als würden immer mehr Menschen in dasselbe Gebet einstimmen.

Robert Schumann war von dem Werk Mendelssohns tief beeindruckt. 1840 schrieb er: »Das kleine Stück verdient eine Weltberühmtheit und wird sie in Zukunft erlangen …«

Vielleicht liegt seine besondere Schönheit gerade darin: Mendelssohn verbindet Schlichtheit mit großer Ausdruckskraft. Das Ergebnis ist weder bloße Konzertmusik noch einfacher Gemeindegesang. Es klingt wie ein Gebet, das wächst und schließlich eine ganze Gemeinschaft erfasst.

Das Friedensgebet der Urgemeinde(n)

So schön solche Vertonungen sind: Die höchste Autorität liegt für Christen nicht bei Luther, Bach oder Mendelssohn, sondern im Wort Gottes. Deshalb stellt sich die entscheidende Frage: Wie betete die neutestamentliche Gemeinde um Frieden und Bewahrung?

Die Antwort des Neuen Testaments ist aufschlussreich. Wir halten an fünf Stellen kurz inne.

1. Paulus an Timotheus (1Timotheus 2,1–4)

Die unmittelbarste Parallele zum Lied findet sich in 1Timotheus 2. Paulus fordert dazu auf, für alle Menschen und ausdrücklich für die Regierenden zu beten:

»… damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und würdigem Ernst.«

Genau daraus entstand Walters zweite Strophe.

Aber Paulus nennt anschließend den größeren Horizont: Gott will, »dass alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen« (1Timotheus 2,4).

Wir bitten also nicht nur um Frieden, weil ein ruhiges Leben angenehmer ist. Wir bitten um Verhältnisse, in denen Christen gottesfürchtig leben, im Glauben wachsen und das Evangelium ungehindert verkündigen können.

2. Das Gebet der bedrohten Gemeinde (Apg 4,23–31)

Nach der ersten Verfolgung der Jerusalemer Gemeinde kommen Petrus und Johannes zu den anderen Gläubigen zurück. Gemeinsam beten sie.

Bemerkenswert ist, worum sie nicht zuerst bitten. Sie verlangen nicht, dass Gott sämtliche Gegner beseitigt oder ihnen künftig jede Bedrohung seitens der religiösen und weltlichen Obrigkeit erspart. Sie beginnen mit der Größe und Souveränität Gottes:

»Herrscher, du, der du den Himmel und die Erde und das Meer gemacht hast und alles, was in ihnen ist …« (Apostelgeschichte 4,24).

Dann legen sie Gott ihre Bedrohung vor und bitten:

»Und nun, Herr, sieh an ihre Drohungen und gib deinen Knechten, dein Wort zu reden mit aller Freimütigkeit« (Apostelgeschichte 4,29).

Das ist neutestamentliches Friedensgebet in einer bemerkenswerten Reihenfolge: Nicht zuerst »Nimm die Bedrohung weg«, sondern »Mach uns treu in unserem Auftrag«.

3. Das Gebet zur Bewahrung vor feindlichen Menschen (2Thessalonicher 3,1–2)

Paulus bittet die Thessalonicher:

»Betet für uns, dass das Wort des Herrn laufe und verherrlicht werde … und dass wir errettet werden von den schlechten und bösen Menschen.«

Wieder gehören zwei Anliegen zusammen:

Ausbreitung des Wortes + Bewahrung vor seinen Gegnern.

Christen dürfen also durchaus um Schutz bitten. Aber dieser Schutz ist wiederum mit dem Auftrag verbunden: Das Wort des Herrn soll laufen und verherrlicht werden.

4. Das Gebet um Errettung von Gegnern und um Frieden (Römer 15,30–33)

Auch den Römern schreibt der Apostel Paulus:

»… dass ihr mit mir kämpft in den Gebeten für mich zu Gott, damit ich vor den Ungläubigen in Judäa gerettet werde …«

Und wenige Sätze später:

»Der Gott des Friedens aber sei mit euch allen! Amen.«

Der eigentliche »Kampf« der Gemeinde ist hier zunächst ein Kampf im Gebet. Die Rettung von den Gegnern erwartet Paulus von Gott.

Das erinnert unmittelbar an den alten Antiphon:

quia non est alius qui pugnet pro nobis, nisi tu Deus noster –
»denn es gibt keinen anderen, der für uns kämpft, außer dir, unserem Gott.«

5. Gebet um Frieden mitten in der Bedrohung (Philipper 4,6–7)

In Philipper 4 verschiebt sich der Akzent schließlich vom äußeren zum inneren Frieden:

»Seid um nichts besorgt, sondern in allem lasst durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden; und der Friede Gottes, der allen Verstand übersteigt, wird eure Herzen und euren Sinn bewahren in Christus Jesus.«

Die äußeren Umstände müssen sich dabei nicht sofort verändern. Aber mitten in ihnen –seien sie auch noch so bedrohlich– schenkt Gott seinen Frieden.

Der Gedankengang lautet:

Bedrängnis → Gebet → Gottes (inneren) Frieden → Bewahrung in Christus.

Zusammenfassung

Jesus selbst hat für seine Jünger nicht darum gebetet, dass sie jeder Gefahr entnommen werden. Er sprach in jener Nacht seines Verrats zu seinem Vater:

»Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt wegnehmest, sondern dass du sie bewahrest vor dem Bösen.« (Johannes 17,15)

Das ist für eine neutestamentliche Theologie des Friedens entscheidend. Frieden bedeutet nicht notwendig die Abwesenheit von Bedrängnis. Christus bittet um die Bewahrung seiner Jünger mitten in einer feindlichen Welt.

Damit verändert sich gegenüber dem alttestamentlichen Motiv auch der Akzent. Das alte Da pacem, Domine erinnert stark an Aussagen wie: »Jahwe wird für euch kämpfen« (2Mose 14,14). Die neutestamentliche Gemeinde darf ebenfalls um Schutz vor bösen Menschen und um friedliche gesellschaftliche Verhältnisse bitten. Aber sie betet nicht um die militärische Vernichtung ihrer Gegner. Jesus lehrt vielmehr: »Bittet für die, die euch verfolgen« (Matthäus 5,44).

So lernen wir, christlich um Frieden zu beten:

Wir bitten um äußeren Frieden und eine gute Obrigkeit, damit ein ruhiges und gottesfürchtiges Leben möglich ist (1Timotheus 2,1–4).

Wir bitten um Bewahrung vor bösen Menschen, damit das Wort des Herrn laufen und verherrlicht werden kann (2Thessalonicher 3,1–2).

Wir vertrauen angesichts von Bedrohungen auf den souveränen Gott und bitten zuerst darum, unserem Zeugnisauftrag treu zu bleiben (Apostelgeschichte 4,23–31).

Und wir bitten um den Frieden Gottes in unseren Herzen, selbst wenn die äußeren Umstände unruhig bleiben (Philipper 4,6–7).

Damit ist das jahrhundertealte Lied erstaunlich aktuell.

Bei Luther betet die Gemeinde um Frieden.

Bei Bach bekennt die bedrängte Gemeinde, von wem ihr Friede kommt.

Bei Mendelssohn kann man hören, wie aus einem leisen persönlichen Friedensgebet ein machtvolles gemeinsames Flehen wird.

Und über allen steht die Bitte, die Christen seit Jahrhunderten miteinander verbindet:

Verleih uns Frieden gnädiglich,
Herr Gott, zu unsern Zeiten.
Es ist doch ja kein andrer nicht,
der für uns könnte streiten,
denn du, unser Gott, alleine.

Mögen auch wir –Christen und christliche Gemeinden– dies heute angesichts beunruhigendem Säbelrasseln und peinlich-beängstigender Kriegsrhetorik inständig und glaubend bitten! Gott will das – und Er hat uns damit schriftlich aufgefordert. Denn: Es sind nicht die politischen Demos oder die marktschreierischen Sprüche vor irgendeinem Rathaus oder Parlament, sondern das gläubige Beten der Gemeinde Jesu Christi, das Gottes Ohr erreichen kann.

Soli Deo Gloria.

Disclaimer

Das Titelbild wurde aus Vorlagen, die mit Unterstützung von KI erzeugt wurden, vom Autor erstellt. Die zentral abgebildeten Noten stammen aus Der Spielmann (1914, 1947), der eine Version mit zwei Strophen ( Nr. 2 und 3) in freier Zudichtung nach Leisentritts Gesangbuch (1567) enthält. Hier wurde es bildlich mit der 2. Strophe von Johann Walter (1496–1570) verbunden, wie es in manchen Lutherischen Gesangsbüchern noch enthalten ist. – Der Rest ist anhand des Artikels selbsterklärend.

Anhang 1: Überblick über weitere Vertonungen

KomponistLebensdatenWerk / Art der Vertonung
Johann Walter1496–1570vierstimmige Motette Da pacem Domine; 2. Teil deutsch: Verleih uns Frieden gnädiglich
Balthasar Resinariusca. 1485–1544frühe mehrstimmige Vertonung des Lutherliedes
Michael Praetorius1571–1621Verleih uns Frieden gnädiglich, u. a. Musae Sioniae VIII, Nr. 120
Bartholomäus Gesiusca. 1562–1613mehrstimmiger Chorsatz
Johannes Eccard1553–1611fünfstimmiger Chorsatz
Heinrich Schütz1585–1672„Verleih uns Frieden genädiglich“, SWV 372
Andreas Hammerschmidt1611/12–1675eigene Vertonung
J. S. Bach1685–1750Choralsätze, u. a. BWV 42 und BWV 126
Felix Mendelssohn1809–1847MWV A 11, 1831
Moritz Hauptmann1792–1868Chorsatz
Charles Gounod1818–1893Vertonung des Luthertextes
Hugo Distler1908–1942Chorsatz
Ernst Pepping1901–1981Bearbeitung/Chorsatz
Rolf Schweizer1936–2016neuere Kirchenmusik
Matthias Nagel*1958moderne, gospelartig geprägte Fassung

Die Zusammenstellung eines ökumenischen Chorbuchs nennt darüber hinaus Arthur Eglin, Manfred Glowatzki, Lothar Kirchbaum, Colin Mawby, Volker Ochs, Wolfgang Stockmeier, Michael Töpel und Klaus Wallrath. 

Anhang 2: Ähnliche Friedensgebete im Alten Testament

Im AT gibt es eine ganze Reihe von Friedensgebeten. Wenn wir speziell nach Parallelen zu »Verleih uns Frieden gnädiglich … der für uns könnte streiten, denn du, unser Gott, alleine« fragen, sind einige sogar noch unmittelbarer als die neutestamentlichen Stellen. Der Liedtext nach Luther steht gedanklich stark in der alttestamentlichen Tradition, siehe folgende Tabelle.

StelleSituationBezug zum Lutherlied
Psalm 122,6–9Gebet für Jerusalemausdrückliche Bitte um Frieden
Psalm 29,11Schluss eines LobpsalmsGott schenkt seinem Volk Frieden
Psalm 85,9–11Bitte um WiederherstellungGott redet Frieden zu seinem Volk
Jesaja 26,12Gebet/VertrauensliedGott schafft Frieden
2Chronik 14,10Asa angesichts militärischer Übermacht»Bei dir ist kein Unterschied …«
2Chronik 20,5–12Josaphat angesichts übermächtiger Feinde»Wir wissen nicht, was wir tun sollen«
Psalm 20Gebet angesichts des KriegesVertrauen auf Gott statt Waffen
Psalm 144,1–11Gebet um RettungGott als Helfer im Kampf

Wach auf, wach auf, du deutsches Land!

Lesedauer: 4 Minuten.

Der an der Seite des Reformators Dr. Martin Luther wirkende Johann Walter (1496–1570) aus Kahla in Thüringen war Komponist, Kantor und Herausgeber von Gesangbüchern. Er wirkte als Hofkomponist des katholischen Kurfürsten Friedrich III. (Fr. der Weise; 1463–1525) von Sachsen, der 1502 die Universität Wittenberg gegründet hatte, welche weltbekannter Ausgangspunkt und Lehrstätte der Reformation wurde. Walter vertonte einige deutsche Liedtexte Luthers (z. B. »Ein feste Burg ist unser Gott«, »Mitten wir im Leben sind«) und arbeitete an der Deutschen Messe (Gottesdienstordnung der Reformationszeit) mit. Darüber hinaus schrieb er Lieder und Motetten und lieferte einen maßgeblichen Beitrag für die evangelische Kirchenmusik.

Das unten in Auszügen abgedruckte Lied »Wach auf, wach auf, du deutsches Land« (das eigentlich den Titel »Ein newes Christlichs Lied / Dadurch Deudschland zur Busse vermanet« trug) ist ein lutherisches geistliches Lied, welches das in geistlichem Schlaf liegende Deutschland aufwecken soll. Johann Walter schuf es mit Text und Melodie im Jahr 1561, also als Fünfundsechzigjähriger. Es schrieb insgesamt 26 Strophen, von denen es aber nur rund ein Viertel in unterschiedliche Gesangsbücher schaffte. Im Evang. Kirchengesangbuch für Hessen und Nassau (1. Aufl. 1951) wird »Wach auf, wach auf, du deutsches Land« als Wochenlied zum 10. Sonntag nach Trinitatis angegeben (Nr. 390).

Im 16. und 17. Jahrhundert entstanden etliche kirchliche Lieder und Choräle, die sowohl der geistig-geistlichen als auch der politischen Erneuerung des innerlich geschwächten Deutschlands dienen sollten. Man war in Sorge, ob das »Reich der Deutschen« das »Abendland« vor den Bedrohungen aus dem Orient schützen könne (1529 belagerten die Osmanen unter Sultan Süleyman I. Wien, die erste Wiener Türkenbelagerung). Diese »Endzeitstimmung« wird im Lied spürbar, verbunden mit der Ahnung, dass Gottes Zuchtrute am Werke war für das unchristliche Leben der Regierenden und des Volkes. Das frisch in der Reformation wiederentdeckte biblische Evangelium wurde noch als großes, exklusives Gottesgeschenk verstanden, das es unbedingt zu schützen galt. Man war noch nicht in den Wahn verfallen, der Islam gehöre zu Deutschland (u. a. Schäuble, Wulff, Merkel, Seibert).

Biblisch gestaltete christliche Toleranz heißt Menschen aller Hintergründe willkommen – und lebt ihnen ein Leben christlicher Nächstenliebe vor, zu dem eine unverrückbare Verankerung im christlichen Glauben und die Verkündigung der Guten Nachricht, des Evangeliums Gottes über seinen Sohn Jesu Christus, wesenseigen gehören. Wer gut verankert ist, kann sich weit hinauslehnen. Bis an die Enden der Erde.

Inwieweit die unten abgedruckten Zeilen des Lieds auch nach über 450 Jahren noch relevant sind, mag jeder selbst beurteilen – und als Christ entsprechend handeln. Die Evangelischen hatten es jedenfalls 2009 noch in ihren Liederbüchern (Nr. 145), interessanterweise und passend für den Bußtag: »Dadurch Deudschland zur Busse vermanet« (J. Walter).

1. Wach auf, wach auf, du deutsches Land!
Du hast genug geschlafen,

bedenk, was Gott an dich gewandt,
wozu er dich erschaffen.
Bedenk, was Gott dir hat gesandt
und dir vertraut sein höchstes Pfand,
drum magst du wohl aufwachen!

2. Gott hat dich, Deutschland, hoch geehrt
mit seinem Wort der Gnaden.
Ein großes Licht dir auch beschert
und hat dich lassen laden
zu seinem Reich, welchs ewig ist,
dazu du denn geladen bist,
will heilen deinen Schaden.

3. Gott hat dir Christum, seinen Sohn,
die Wahrheit und das Leben,
sein liebes Evangelium
aus lauter Gnad gegeben;
denn Christus ist allein der Mann,
der für der Welt Sünd gnug getan,
kein Werk hilft sonst daneben.

7. Für solche Gnad und Güte groß
sollst du Gott billig danken.
Nicht laufen aus sei’m Gnaden Schoß
von seinem Wort nicht wanken!
Dich halten wie sein Wort dich lehrt.
Dadurch wird Gottes Reich gemehrt,
geholfen auch den Kranken.

8. Du solltest bringen gute Frucht,
so du rechtgläubig wärest.
In Lieb und Treu, in Scham und Zucht,
wie du solch’s selbst begehrest.
In Gottes Furcht dich halten fein
und suchen Gottes Ehr allein,
dass du niemand beschwerest.

18. Die Wahrheit wird jetzt unterdrückt,
will niemand Wahrheit hören;
die Lüge wird gar fein geschmückt,
man hilft ihr oft mit Schwören;
dadurch wird Gottes Wort veracht’,
die Wahrheit höhnisch auch verlacht,
die Lüge tut man ehren.

22. Wach auf, Deutschland, ’s ist hohe Zeit,
du wirst sonst übereilet,
die Straf dir auf dem Halse leit,
ob sich’s gleich jetzt verweilet.
Fürwahr, die Axt ist angesetzt
und auch zum Hieb sehr scharf gewetzt,
was gilt’s, ob sie dein fehlet.

23. Gott warnet täglich für und für,
das zeugen seine Zeichen,
denn Gottes Straf ist vor der Tür;
Deutschland, lass dich erweichen,
tu rechte Buße in der Zeit,
weil Gott dir noch sein Gnad anbeut
und tut sein Hand dir reichen.

24. Das helfe Gott uns allen gleich,
dass wir von Sünden lassen,
und führe uns zu seinem Reich,
dass wir das Unrecht hassen.
Herr Jesu Christe, hilf uns nu’
und gib uns deinen Geist dazu,
dass wir dein Warnung fassen.

Ein Gebet für unsere Gemeinde (J. Piper)

Eine Bitte an Gott,
eine bestimmte Art von Männern und Frauen zu formen.

O Herr, durch die Wahrheit deines Wortes und die Kraft deines Heiligen Geistes und den Dienst deines Leibes:

Forme Männer und Frauen in …………………………………….. [Ort]

  • denen es egal ist, ob sie viel Geld verdienen, 
  • denen es egal ist, ob sie ein Haus besitzen, 
  • denen es egal ist, ob sie ein neues Auto fahren oder zwei, 
  • die nicht die aktuelle Mode brauchen, 
  • denen es egal ist, ob sie berühmt werden, 
  • die ein Steak oder ausgefallenes Essen nicht vermissen, 
  • die nicht erwarten, dass das Leben bequem und leicht ist, 
  • die ganz ohne die »allabendliche Fernsehkost« leben können, 
  • die ihr Fähnchen nicht nach dem Wind drehen, 
  • die sich von der Missbilligung durch andere nicht lähmen lassen, 
  • die Böses nicht mit Bösem vergelten, 
  • die nicht nachtragend sind, 
  • die nicht klatschsüchtig sind, 
  • die die Wahrheit nicht verdrehen, 
  • die sich nicht brüsten oder angeben, 
  • die nicht jammern oder sich so verhalten, dass sie Mitleid erregen, 
  • die nicht mehr kritisieren als loben, 
  • die nicht in Cliquen herumhängen, 
  • die nicht zu viel essen oder zu wenig Bewegung haben.

Lass sie vielmehr Menschen sein, 

  • die für Gott brennen, 
  • die ganz von Gott hingenommen sind, 
  • die mit dem Heiligen Geist erfüllt sind, 
  • die danach streben, die Höhe und Tiefe der Liebe Christi zu erkennen, 
  • die der Welt gekreuzigt und der Sünde gestorben sind, 
  • die durch das Wort gereinigt sind und ganz für die Gerechtigkeit leben, 
  • die groß darin sind, die Schrift auswendig zu lernen und anzuwenden, 
  • die den Tag des Herrn heilig halten und ihn wirklich als Ruhetag nutzen, 
  • die sich der Sünde bewusst sind und dadurch innerlich zerbrochen sind, 
  • die von den Wundern der freien Gnade überwältigt sind, 
  • die vom Reichtum der Gnade Gottes zu demütigem Schweigen gebracht werden,
  • die im Gebet verharren, 
  • die sich schonungslos selbst verleugnen, 
  • die in der Öffentlichkeit furchtlos bezeugen, dass Christus der Herr ist, 
  • die in der Lage sind, den Irrtum aufzudecken und lehrmäßig für Klarheit sorgen,
  • die hartnäckig für die Wahrheit Partei ergreifen, 
  • die sich leidgeprüften Menschen liebevoll zuwenden, 
  • die mit Leidenschaft Menschen erreichen möchten, die keine Gemeinde haben,
  • die für das Lebensrecht Ungeborener eintreten, weil es um die Babys, die Mütter und Väter sowie um die Ehre Gottes geht, 
  • die in allem Wort halten und auch dem Eheversprechen treu sind, 
  • die mit dem zufrieden sind, was sie haben, und die auf die Verheißungen Gottes vertrauen,
  • die geduldig, freundlich und sanftmütig sind, wenn das Leben hart ist.

Quelle und Disclaimer

Dieses Gebet entstammt dem empfehlenswerten (Andachts-)Buch von John Piper, Taste and See (Desiring God Foundation, 1999, 2005), zitiert nach der deutschen Übersetzung: John Piper, Schmeckt und seht. Gottes Überlegenheit in allen Lebenslagen genießen (1. Auflage, Bielefeld: CLV, 2015), übersetzt von Barbara Reuter, S. 443f.

Die Autorität eines Ältesten

Lesedauer: 13 Minuten.

Die christliche Gemeinde Grace Community Church in Sun Valley, CA (USA) versammelt sich regelmäßig zu Fragestunden (Q&A) für ihre Gemeindeglieder. Die Fragen werden ungeskriptet direkt an Saal-Mikrophonen gestellt. Der Hirten-Lehrer der Gemeinde, einer von ca. 36 Ältesten, steht am Pult und beantwortet sie spontan. Dabei werden oft Fragen gestellt, die auch für Christen anderer Gemeinden interessant sind. Eine der Fragen war: 

Wie viel Autorität hat ein Ältester (Aufseher, Gemeindehirte, Pastor)
im Leben seiner Gemeindeglieder? 

John F. MacArthur (1939–2025) beantwortete diese Frage wie folgt:

»Keine. Gar keine Autorität. Ich habe persönlich keine Autorität in dieser Gemeinde. Meine Erfahrung verleiht mir keine Autorität. Mein Wissen verleiht mir keine Autorität. Meine Ausbildung verleiht mir keine Autorität. Ich habe keine Autorität. 

Meine Position verleiht mir keine Autorität. Mein Titel verleiht mir keine Autorität –deshalb mag ich Titel nicht. Nur das Wort Gottes hat Autorität. Christus ist das Haupt der Gemeinde, und Er übt seine Herrschaft in der Gemeinde durch sein Wort aus. Ich habe keine Autorität.

Ich habe keine Autorität über die Schrift hinaus. Ich darf niemals über das hinausgehen, was geschrieben steht (1.Korinther 4,6). Das zu tun würde, wie Paulus sagt, bedeuten, hochmütig (wörtl.: arrogant) zu sein und sich selbst für überlegen zu halten. Ich habe Ihnen (der Fragerin) nichts zu sagen, was irgendeinen Anspruch an Sie stellt, wenn es nicht aus dem Wort Gottes kommt.

Vermutlich sprechen Sie aus irgendeiner Erfahrung heraus, in der Sie empfanden, dass ein Gemeindehirte (Ältester) Ihnen – oder jemandem, den Sie kennen – gegenüber ungebührliche Autorität ausgeübt hat. 

Wir müssen uns als Gemeindehirten daran erinnern, dass wir – obwohl der Herr uns erhoben und uns diese Art von Verantwortung gegeben hat – keine persönliche Autorität besitzen.

Wenn ich Ihnen sage, was Gott in seinem Wort gesagt hat, dann besitzt dies Autorität, nicht wahr?! Aber ich darf nicht über das hinausgehen, was geschrieben steht. Ich kann Ihnen nicht vorschreiben, wie Sie Ihr Leben zu führen haben. Ich kann Ihnen mit Weisheit dienen, wenn Sie darum bitten; aber vielleicht habe ich nicht mehr Weisheit als sonst jemand.

Bei vielen Fragen würden Sie von meiner geliebten Patricia (seine Ehefrau) mehr Weisheit erhalten als von mir. Sie steht zwar nicht auf der Kanzel, aber sie besitzt geistliche Einsicht und geistliche Weisheit; und wenn Sie Rat oder Weisheit suchen, dann würde ihre Weisheit in vielen Fällen meine übertreffen.

Der Pastor besitzt also in sich selbst keine Autorität. Hören Sie, was Paulus sagt:  Wer ist denn Paulus? Wer ist Apollos? Wer ist Kephas? Wir sind nichts. (vgl. 1Korinther 1,12–13; 3,4–7). Alles ist von Christus, alles ist vom Heiligen Geist, alles ist von der Schrift. Okay?«

Ein paar Nachbetrachtungen

Diese wohltuend klare Stellungnahme eines äußerst bekannten und von Gott reich gesegneten »Führers« in der Gemeinde Gottes regt zum Nachdenken an. In der Frage nach Autorität und Führung in einer christlichen Gemeinde sollte Klarheit herrschen, um biblisch richtig denken, reden und als Gemeinde leben zu können. Eine Reihe solcher Überlegungen aus speziell deutscher Sicht folgt und könnte –in aller noch bestehenden Unreife und Unvollständigkeit – als Input für brüderlichen Austausch dienen. (Nur so als Vorschlag…)

1 Führer-Sehnsucht

Die Deutschen scheinen sich trotz übelster Erfahrungen in ihrer Geschichte immer noch gern und unheilbar nach einem »Führer« zu sehnen, dessen Befehlen sie gehorsamst folgen wollen. Auch Mitglieder von christlichen Kirchen und Gemeinden waren in jenen unseligen Zeiten der Vergangenheit nicht ausgenommen. Leider griffen sie in dieser Sehnsucht voll daneben. Vielfach ist dokumentiert, dass das »Führerprinzip« auch innerhalb der Kirche und den christlichen Gemeinschaften angenommen wurde. Wir lesen sogar von uns heute sehr peinlichen Huldigungsadressen an den damaligen »Führer«. 

Natürlich gab es in Politik und Kirche auch einige Ausnahmepersonen, die entweder zu Märtyrern wurden oder flohen oder in den Untergrund gingen. Das »gute Bekenntnis« über Jesu Christi abzulegen (nämlich, dass Er der König der Könige und Herr der Herren ist; 1Timotheus 6,12–16; Matthäus 27,11; Johannes 18:37) und nicht über irgendeinen anderen »Führer«, kann in solchen Tagen den Bekenner einiges kosten. – Wie sieht es heute aus, in der Gemeinde Jesu Christi?

2 Der Oberste Führer

Schon immer galt und gilt, dass die Oberste Autorität in der Gemeinde Jesu Christi der Sohn Gottes selbst ist. Er übt seine Autorität aus durch sein Wort (die Heilige Schrift), wenn es mittels der Befähigung durch den Heiligen Geist richtig ausgelegt und angewendet wird. Da hapert es leider oft an Bibelkenntnis, Ausbildung und Befähigung (Charisma). Schon Jesaja klagte: »Darum wird mein Volk weggeführt aus Mangel an Erkenntnis« (Jesaja 5,13). Und Hosea fügte hinzu: »Mein Volk wird vertilgt aus Mangel an Erkenntnis« (Hosea 4,6). 

Was ist aber, wenn die verborgene Ursache tiefer als die Erkenntnisfrage liegt, wenn Sünde geduldet wird, die himmlische Berufung nur noch Lippenbekenntnis ist, wenn das irdische »Heil«, die Leidensscheue oder gar die Herrschsucht unter dem Zuckerguss frommer Worte dominieren? Wie sollen wir dann Gottes Willen wissen, gar anstreben? Wie unterscheiden wir, ob der Oberste Führer der Gemeinde seine örtliche Gemeinde(n) leitet, oder ob wir von innovativen Vorschlägen, Gewohnheiten gut gemeinter Traditionen oder bösartigem Macht- und Kontrollverlangen (u. dgl. mehr) geführt werden? Wie unterscheiden wir von Gott eingerichtete Führung von einer menschlich zu Unrecht eingesetzten? Wann sollen wir »im Herrn« gehorchen, wann nicht? Hat der Oberste Herr dazu etwas gesagt? Wissen wir das? Wenden wir es an?

3 Führergehorsam

Die den Hebräern gegebene Anweisung, ihren »Führern« gehorsam zu sein und sich ihnen zu fügen (Hebräer 13,17), wurde immer wieder missbraucht mit einer Deutung, als sei der »Führer« Gottes Stimme und jeder Widerspruch (Ungehorsam) eine Rebellion gegen Gott. Das ist nicht nur in charismatisch verirrten Gemeinden zu sehen, sondern auch besonders in traditionell akzentuierten Gemeinden. Machtmenschen gibt es allerdings überall.

Daher ist es überaus tragisch, dass das »Führergehorsam«-Gebot aus Hebräer 13,17 immer wieder zitiert wird, ohne die beigefügten qualifizierenden Angaben zum Dienst und zum Dienstherrn der gemeinten »Führer« zu nennen: (1.) sie wachen über die Seelen und (2.) sie stehen unter der Autorität und Verantwortung des Oberhirten, sie sind nur örtlich wirksame Unterhirten. Vers 7 desselben Kapitels hatte vorher bereits klargemacht, dass die Führung dieser Führer durch Vorbild sein im Glaubensleben geschieht, Kapitel 11 hatte dies zigfach historisch belegt. Im Umkehrschluss wird klar: Wer sich nicht wie ein Hirte aus Liebe beständig um die Seelen der anvertrauten Schafe (den Gemeindegliedern der örtlichen Gemeinde; vgl. 1.Petrus 5,2–3) kümmert, ist kein vom Herrn autorisierter Führer, mögen auch Menschen (Älteste, Gemeindeglieder) diesen Mann einst als Ältesten benannt oder eingesetzt haben. 

4 Erkennungsproblem: Wer ist »Führer«?

Wir müssen aus leidvoller Vergangenheit bezeugen, dass es auch ein falsches Erkennen, ein falsches Anerkennen und ein folgendes falsches Benennen von »Führern« gibt. Das flehentliche Gebet einer Gemeinde muss sein, sich in dieser Sache nicht täuschen zu lassen, sondern Gottes Willen und Handeln sicher und klar zu erkennen. Dies führt direkt zur Motivation, zuerst den verschrifteten Willen Gottes (in der Heiligen Schrift) intensiv zu studieren, damit der Wille Gottes im Grundsätzlichen erkannt werden kann. Unter einmütigem Gebet wird Gott auch den konkreten Willen bzgl. konkreter Personen offenbaren. Interessanterweise waren diese beiden Aufgaben –Dienst am Wort und Gebet– die Hauptsachen des Dienstes der Apostel und Ältesten der Ur-Gemeinde (vgl. Apostelgeschichte 6,4). Man kann auch heute vom Herrn eingesetzte Älteste an diesen Prioritäten erkennen und ihnen als »Führern« folgen. Aber wie weit?

5 Geltungsbereich: Wann ist zu »gehorchen«?

Wir müssen das biblische Gehorsamsgebot gegenüber religiösen Führern in der örtlichen Gemeinde stets zusammen mit der Angabe des biblisch angegebenen Geltungsbereichs zitieren. Im juristischen Denken schafft diese Angabe Klarheit darüber, welches der Bereich ist, innerhalb dessen eine Norm rechtliche Gültigkeit beansprucht und zur Anwendung kommen darf. Das kann tatbestandlich, sachlich, persönlich und auch räumlich formuliert sein. Wer diese Angabe beim Gehorsamsgebot gg. »Führern« ignoriert oder verschweigt, verabsolutiert das Gebot und schafft damit eine Konkurrenzautorität gegenüber dem Obersten Herrn, biblisch gesprochen also einen Götzen.

Schon früh in der Geschichte der christlichen Kirche (Apostelgeschichte) wurde daher für alle Zeiten klar angegeben, dass das Gehorsamsgebot gegenüber führenden Menschen nie absolut, sondern immer nur begrenzt ist. Nur der Oberste Herr hat oberste Autorität, kann rechtmäßig absoluten Gehorsam fordern. Das zu bekennen ist ein konstituierendes Kennzeichen eines jeden wahren Christen (Römer 10,9). Wo ist also die Grenze unseres biblisch motivierten Gehorsams gegenüber »Führern« erreicht? Auch dazu schweigt die Heilige Schrift nicht.

6 Die »Clausula Petri«

Als die Apostel von den religiösen Autoritäten und Führern ihres Ortes (Jerusalem) hörten: »Wir haben euch streng geboten, in diesem Namen nicht zu lehren« (Apg 5,28), sagten Petrus und die Apostel: »Man muss Gott mehr gehorchen als Menschen.« (Apg 5,29). Dieses Prinzip bricht die Autorität aller örtlichen und überörtlichen Gemeinde-»Führer«, um der Autorität Christi bedingungslos Raum zu schaffen. Die Kirche hat seitdem diese sog. »Clausula Petri« (Petrus-Klausel) als Grenzbestimmung menschlicher Autorität festgehalten. Sie sagt: Staatliche, religiöse, kirchliche, familiäre oder sonstige menschliche Autorität ist nicht absolut, sondern steht unter Gottes höherem Willen.

Der Christ ist grundsätzlich zum Gehorsam verpflichtet gegenüber Obrigkeit (Römer 13,1ff), »Führern« in der Gemeinde (Hebr 13,17), Eltern usw., weil (und nur insofern) dies von Gott verordnete Ordnungs- und Segenseinrichtungen sind (z.B. Römer 13,3–4). Wenn aber menschliche Autorität etwas fordert, das Gott verbietet, oder etwas verbietet, das Gott gebietet, beendet dies die von Gott verliehene Legitimität dieser Autorität. Wer deutsche Spielkarten kennt, weiß: Ober sticht Unter.

6 Biblische Vorbilder

Die Bibel liefert uns manche nachahmenswerte Beispiele aus unterschiedlichsten Zeiten und Hintergründen für die Umsetzung dieses Prinzips: (1.) Die Hebammen in Exodus 1, die sich weigerten, den Befehl des Pharao, alle männlichen Babys zu ermorden, auzuführen. Gott lobt sie dafür. (2.) Daniel und seine Freunde verweigerten die Anbetung des Standbildes (Daniel 3) und Daniel betete trotz königlichem Verbot weiter zu Gott, koste es, was es wolle (Daniel 6). (3.) Die Apostel predigten trotz des Verbots der Obersten des Volkes weiter (s.o.). (4.) Der Apostel Paulus arbeitete ständig weiter als Missionar und Verkündiger des Evangeliums von Jesus Christus, auch wenn dies ihm viel Verfolgung (2.Korinther 11,23ff) und letztlich seinen Kopf kostete (2.Timotheus 4,6f). Zukünftig: (5.) Die Märtyrer jener Tage werden sich weigern, das »Bild des Tieres«, des angeblich »Obersten Führers«, anzubeten (Offenbarung 13,15ff). Das erinnert uns an Daniel und seine Freunde (Nr. 2 oben).

Diese Beispiele kommen aus unterschiedlichsten Zeiten, weil das Prinzip dahinter ein ewiges, göttliches ist. Für uns gilt nichts anderes, egal, woher der kirchliche oder politische Wind aktuell wehen mag.

7 Die »Clausula Petri« und ihre Anwendung

Die Clausula Petri ist kein Freibrief für Anarchismus, Autoritätsbruch oder übersteigerten Individualismus (Autonomie). Es geht nicht um das Durchsetzen persönlicher Vorlieben, sondern um den Schutz eines Gewissens, das sich vor Gott gebunden sieht. Natürlich ist anzustreben, dass dieses geübte Gewissen von Gottes Wort richtig belehrt und geformt wurde, aber dies ist keine einzufordernde Bedingung zur Validierung einer Gewissensnot.

Die Anwendung der Clausula Petri mag zu Leiden wegen repressiver Maßnahmen von Seiten der beleidigten Autorität führen. Der Christ ist aufgerufen, seinen Gewissensgehorsam mit Demut vor Gott zu zeigen, er entzündet nicht einen psychologischen oder gar physischen Machtkampf oder plant eine Racheaktion. Im Wissen um den im Himmel thronenden Obersten Führer reagiert er vielmehr wie sein Meister (Johannes 18,11.36f): Er befiehlt sich im Leiden Gott an, »der gerecht richtet« (1.Petrus 2,23). Der Apostel Petrus wies die Nachfolger Christi an: »Daher sollen auch die, die nach dem Willen Gottes leiden, einem treuen Schöpfer ihre Seelen anbefehlen im Gutestun.« (1.Petrus 4,19).

Solch ein Christ kann seinen Peinigern sogar Gutes tun und wünschen. Daniel verweigerte das Gebetsverbot, aber er diente weiterhin dem Staat (Babylon!), als er das nach seinem Leiden wieder konnte. Die frühen Christen verweigerten dem Kaiser (Cäsar) die göttliche Verehrung und opferten ihm nicht, was oft ihre staatlich verordnete Ermordung als Märtyrer auslöste, aber sie griffen nicht zu den Waffen. Wir wissen: Gott wird sie rächen. Es mag Raum zur Selbstverteidigung geben, wenn massenweise Gläubige umgebracht werden; die Hugenotten (französ. Protestanten) sahen es jedenfalls als ihre Pflicht und ihr Recht an, sich gegen eine tyrannische und gottlose Obrigkeit zu wehren. Katholische Truppen unter dem Herzog von Guise töteten damals massenhaft protestantische Gottesdienstbesucher (Massaker von Vassy, 1562), zehn Jahre später wurden in Frankreich zigtausende von Hugenotten umgebracht (Bartholomäusnacht, 1572). Im Grundsatz gilt aber: Wir üben nicht selbst Rache, sondern geben Gottes Rache Raum (Römer 12,19).

8 Eine frappierende Selbstvergessenheit

Peinlich und geradezu ironisch wird es, wenn Christen, die selbst im Ungehorsam gegenüber den religiösen »Führern« ihrer christlichen Kirche oder Glaubensgemeinschaft neue Gemeinschaften/Gemeinden gegründet haben, dann später von ihren Mitgliedern wiederum entschiedenen Gehorsam gegenüber den in ihren neuen Gemeinschaften wirkenden »Führern« (meist: Ältesten, Pastoren=Gemeindehirten) einfordern. Dabei zitieren sie gerne die oben angeführten, einschlägigen Bibelstellen. In alter Übung wird nur ein Teilsatz zitiert und die qualifizierenden Aussagen im Gesamtsatz weggelassen. Man gibt sich auch keine Mühe zu klären, wer denn in diesem Hebräer-Brief mit »Führer« gemeint gewesen war.

Solche Gehorsamsforderung funktioniert ja nur, wenn der Gehorsamsheischende (d.i.: Gehorsam Einfordernde, auf Unterwerfung Bestehende) auf absolute Geschichtsvergessenheit bei den Gegängelten vertraut, also darauf hofft, dass keiner die selbstverurteilende Qualität der erneuten absoluten Gehorsamsforderung erkennt. Besser wäre es, wenn der Gehorsamsheischende erkennen würde, dass schon damals bei dem historischen (und oft der Gruppe neue Identität verleihenden) Ungehorsam die »Clausula Petri« galt –  und daher nun auch allen folgenden, aktuellen Gehorsamsaufrufen explizit beifügt werden müsste. Mit vollständiger Nennung des Schriftwortes und der Befolgung nach biblischer Vorgabe und Beispiel würde die Autorität Christi in der Gemeinde und im Glaubensleben eines jedes Gemeindegliedes realisiert und dem diotrephischen Machtgehabe manches »Führers« das Zaumzeug angelegt werden. 

Vom Geist Gottes durch Gottes Wort geleitet zu werden führt zu echter Einmütigkeit im Reden und Handeln. Das ist das Gegenteil von Kadavergehorsam. Der wurde von den Jesuiten erfunden, die von den Ordensangehörigen forderten (und fordern), dass sie »wie ein Leichnam, ein Stock oder ein Werkzeug in der Hand des Oberen« zu gehorchen hatten (perinde ac cadaver = gleichsam wie ein Leichnam; Ignatius von Loyola). Bewahre uns Gott vor den gottlosen Grundsätzen jener »Gesellschaft Jesu«!

Das mag der geneigte protestantische Leser einmal gedanklich anhand der Reformation vor 500 Jahren durchspielen, oder der US-Bürger einmal politisch anhand der Gründung der Vereinigten Staaten vor 250 Jahren durchdenken, oder irgendein »Freikirchenchrist« anhand der eigenen Gemeindegeschichte realisieren, deren konstituierender »Ungehorsam« vielleicht erst eine Generation zurückliegt. Vermutlich muss man dazu immer wieder auffordern, denn der »Blinde Fleck« ist bekanntlich bei den Betroffenen immer am stärksten ausgeprägt (Johari-Fenster der Persönlichkeit, 1955). Davon redet die Heilige Schrift ja schon seit Jahrtausenden: »Verirrungen, wer sieht sie ein? Von verborgenen Sünden reinige mich!« (Psalm 19,13); »Arglistig ist das Herz, mehr als alles, und verdorben ist es; wer mag es kennen? Ich, Jahwe, erforsche das Herz und prüfe die Nieren, und zwar um einem jeden zu geben nach seinen Wegen, nach der Frucht seiner Handlungen.« (Jeremia 17,9–10). Ein »blinder Fleck« kann nur kleiner werden, wenn ehrliches Feedback kommt, demütige Selbstreflexion erfolgt und liebevolle Offenheit gelebt wird. Gerade auch und vorbildhaft in der Gemeinde Jesu Christi.

Fazit

Christen leben schon immer in einer Welt, die nicht nur von Christus und Wahrheit, sondern auch von Usurpatoren und Bösen, von Lüge, Halbwahrheiten und Irrtum regiert wird. Daher ergab sich historisch schon immer eine Spannung zwischen legitimer Unterordnung (so, wie sie Gott verordnet hat) und blindem Autoritarismus und entsprechender Untertänigkeit und Unterwerfung. 

Die Reformatoren haben uns darauf hingewiesen, (1.) dass unser Gewissen allein an Gottes Wort gebunden ist, (2.) dass wir alle Lehre(n) an Gottes Wort prüfen müssen und (3.) dass jede menschliche Autorität begrenzt ist (und sein muss). Der Luther zu geschriebene Satz vor dem Reichstag zu Worms steht jedem biblisch denkenden Christen gut an: »Mein Gewissen ist gefangen in Gottes Wort!«.

»Das Wort unseres Gottes besteht in Ewigkeit!« (Jesaja 40,8b mit 1.Petrus 1,25). Amen.

S.D.G.

Quellenangabe und Disclaimer

John MacArthur, How Much Authority Does A Pastor Have In The Lives Of His Congregants?. YouTube-Video, URL: https://youtu.be/cgMhrDjDAnI [abgerufen: 12.05.2026].

Die eingangs gelieferte Übersetzung ist eine direkte Wiedergabe der Q&A (Copyright GTY; Übersetzung durch grace@logikos.club). Die folgenden »Nachbetrachtungen« verantwortet als Urheber allein grace@logikos.club.

Der Prozess Jesu – Offenbarungseid menschlicher Rechtsprechung

Lesedauer: 8 Minuten.

Mehrere Historiker und Juristen haben den Prozess Jesu sowohl nach jüdischem (halachischem) als auch nach römischem Recht analysiert und dabei vermutliche Verfahrensfehler herausgearbeitet. Einer der bekanntesten Vertreter solcher Analysen ist Walter M. Chandler (1867–1935), ein US-amerikanischer Politiker und Jurist im19./20. Jhdt. mit seinem zweibändigen Werk »The Trial of Jesus from a Lawyer’s Standpoint« (New York, NY: The Federal Book Co., 1908/1925). Diese zwei Bände untersuchen detailliert den jüdischen Prozess (Band 1) und den römischen Prozess (Band 2). Chandler geht vom zuverlässigen Bericht der Evangelien der Heiligen Schrift aus und vergleicht das dort geschilderte Vorgehen mit den damaligen Rechtsnormen, soweit sie ihm bekannt waren.

Natürlich sind die Evangelien keine Gerichtsakten und unsere Quellen bzgl. der damals herrschenden jüdischen und römischen Rechtsprechung mögen teilweise aus späteren Quellen stammen (das rabbinische Recht wird verstanden aus den uns vorliegenden Schriften der Mischna und des Talmud), auch wenn die schriftliche Form des Pentateuch äußerst zuverlässig vorliegt. Der Wahrheitsfindung treten leider oft auch politisches Kalkül und vorwissenschaftliche Voreingenommenheit der Forschenden in den Weg. Von jüdischer Seite wird pro domo Fehlverhalten der Juden meist geleugnet und den Römern zugeschoben (s. z.B. Haim Cohn). Die historisch-kritische Schule der »christlichen« Theologie stellt die Schriften der Evangelien unter Generalverdacht der Fälschung oder Nichthistorizität (s. z.B. Josef Blinzler, Pauls Winter). Aber das überwältigende Analyseergebnis Chandlers ist, dass sowohl die jüdische wie auch die römische Rechtsprechung im »Fall Jesus« zahlreiche unzulässige Verfahrensfehler beging, die zur Tötung eines Unschuldigen, Jesus Christus aus Nazareth, führte. Pointiert zusammengefasst haben wir es hier weder mit einem gerechten Verfahren noch mit einem Justizirrtum zu tun, sondern mit Justizmord. Dabei wollen wir den Begriff »Mord« so verstehen, dass dieser die beabsichtige Tötung eines Menschen aus niedrigen Beweggründen bezeichnet.

Es folgt eine auf 20 Punkte verkürzte Liste der Ergebnisse von Chandler, geordnet nach jüdischem und römischem Gesetz.

Die Verfahrensfehler im jüdischen Prozess 

(A) Unzulässige Zeit und Ort des Verfahrens

1. Nachtverhandlung. Ein Kapitalprozess (also mit Todesstrafe) durften nicht nachts stattfinden (Mischna, Sanhedrin 4,1). Das Evangelium nach Markus bezeugt aber eindeutig eine Nachtszene (Markus 14,53–65).

2. Prozess am Vorabend eines Festes. Ein Kapitalprozess war vor einem Sabbat und vor Feiertagen verboten (Mischna, Sanhedrin 4,1). Der Prozess Jesu fand aber eindeutig direkt vor dem Passahfest statt.

3. Falscher Ort. Der »Oberste Rat« (Sanhedrin), gleichzeitig oberster Gerichtsort, durfte nur im »Lischkat ha-Gasit« (der Tempelhalle) urteilen (Talmud, Sanhedrin 88b). Die wohl entscheidenden Verhandlungen fanden aber im Haus des (alten) Hohepriesters statt, der damals die politische Macht besaß.

(B) Verfahrensstruktur

4. Kein formelles Anklageverfahren. Es gab keine klare, vorher formulierte Anklage. Sie wurde zusammengebastelt und mehrfach verändert wegen mangelnden oder widersprechenden Zeugenaussagen.

5. Fehlende Verteidigung. Das jüdisches Recht verlangte eine entlastende Argumentation zugunsten des Angeklagten (Mischna, Sanhedrin 4,5). Sie fand nicht statt.

6. Urteil am selben Tag. Kapitalurteile mussten auf mindestens zwei Tage verteilt werden, um nicht überhastet Fehler zu begehen (Mischna, Sanhedrin 5,5). Tatsächlich geschahen Verhaftung, Verhandlungen und Exekution innerhalb desselben Tages (nach jüdischer Rechnung).

(C) Beweisrecht

7. Widersprüchliche Zeugen. Das Evangelium nach Markus (Markus 14,56–59) berichtet von widersprüchlichen Zeugen. Nach jüdischem recht war aber eine übereinstimmende Zeugenaussage von 2 oder 3 Zeugen zwingend erforderlich: »auf zweier Zeugen Aussage oder auf dreier Zeugen Aussage hin soll eine Sache bestätigt werden« (5Mose 19,15).

8. Falsche Zeugen zugelassen. Da die Zeugenaussagen inkonsistent und widersprüchlich waren, hätte das Verfahren eingestellt werden müssen. Bei Erweis der Unschuld Jesu hätten die falschen Zeugen harte Strafen zu erwarten (5Mose 19,18).

9. Selbstbelastung als Beweis. Es war im jüdischen Strafrecht unzulässig, vom Angeklagten eine Selbstbelastung zu verlangen (Talmud, Sanhedrin 9b). Im Prozess Jesu wurden jedoch Aussagen von Jesus Christus gegen ihn verlangt und verwendet.

(D) Richterverhalten

10. Vorverurteilung. Richter mussten unparteiisch sein und alleine den Fall nach bewiesenen oder bezeugten Fakten entscheiden. Die Evangelien machen aber mehrfach deutlich, dass die jüdischen Richter bereits vor der Verhandlung feindselig gegen Jesus eingestellt waren.

11. Hoherpriester verhört selbst. Im Fall Jesus war der Ankläger, also Partei, gleichzeitig auch der Richter. Das war verboten.

12. Emotionale Reaktion (Zerreißen der Kleider). Dieses theatralische Zeichen überbordender Emotionalität des Hohepriesters Kajaphas (vgl. Matthäus 26,65) muss als Zeichen von Voreingenommenheit gedeutet werden. (Es lohnt sich die Schilderung in Matthäus 26,57–66 zu verfolgen. Kajaphas begeht einen Rechtsfehler nach dem anderen.)

(E) Urteil und Abstimmung

13. Einstimmiges Schuldspruchproblem. Nach rabbinischer Regel (Mischna, Sanhedrin 17a) durfte ein Todesurteil nicht ergehen, wenn die Mitglieder des Sanhedrin einstimmig eine Verurteilung forderten. Der Angeklagte war in diesem Falle freizusprechen. – Dies erscheint uns befremdlich, da wir andere Rechtsnormen haben (angelsächsisches, römisch geprägtes Recht, das Einmütigkeit einer Jury fordert). Das Argument für diese Regelung der Juden ist auf die Überlegung aufgebaut, dass Einstimmigkeit beweist, dass niemand im Sanhedrin versucht hatte, den Angeklagten zu verstehen, seine Sicht der Dinge zu bewerten und möglicherweise als Anwalt des Angeklagten Entlastendes vorzutragen. Weil es damals keine Verteidiger im modernen Sinne gab, mussten die Richter damals Verteidiger des Angeklagten sein! Chandler schreibt: » Wenn nun das Urteil einstimmig auf Verurteilung lautete, war es offensichtlich, dass der Angeklagte vor Gericht keinen Freund und keinen Verteidiger gehabt hatte. Für die jüdische Mentalität kam dies fast einer Gewalttat durch den Pöbel gleich. Es deutete zumindest auf eine Verschwörung hin. Das Element der Barmherzigkeit, das in jedem hebräischen Urteil enthalten sein musste, fehlte in einem solchen Fall.« (Bd. 1, S. 280, eigene Übersetzung).

14. Fehlende gestaffelte Abstimmung. Die jüngsten Richter mussten zuerst abstimmen (Schutzmechanismus). Hier übernimmt Kajaphas den Anfang und gibt mit seiner Autorität die Richtung vor.

15. Sofortige Vollstreckung. Nach jüdischem Recht muss Raum für eine Überprüfung des Urteils sein. Insbesondere verbot das hebräische Recht übereilte Entscheidungen in Kapitalverbrechen. Dies erforderte Aufschub, der aber nicht gewährt wurde.

Die Verfahrensfehler im römischen Prozess 

(A) Rolle von Pontius Pilatus

16. Strafe trotz Unschuldsfeststellung. Pilatus stellte den Hohenpriestern und der Volksmenge gegenüber klar fest: »Ich finde keine Schuld an diesem Menschen« (Lukas 23,4). Auch Herodes, zu dem Jesus gesandt wurde, fand keine todeswürdige Schuld (vgl. Lukas 23,14; vgl. 23,15.22). Trotzdem urteilte er gegen die römische Strafprozessordnung, dass die mordlüsterne Volksmenge mithilfe der römischen Besatzungsmacht mit Jesus machen konnten, was sie wollten: »Jesus aber übergab er ihrem Willen« (Lukas 23,25b).

17. Politischer Druck der Menge. Eine Volksmenge durfte nicht rechtsprechen, ein Richter nicht unter öffentlichem Druck urteilen. Genau dies geschieht aber im Fall Jesu offenbar.

18. Unklare Anklage. Ursprünglich lautete die Anklage auf Gotteslästerung (z.B. Lukas 22,71). Das war den Römern nicht vermittelbar, sie waren Mehrgottgläubige. Also änderten die Juden ihre Anklage und schoben sie auf die politische Ebene. Sie klagten Jesus des angeblichen Hochverrats (»König der Juden«) an (Lukas 23,2ff; so steht es dann auch auf dem Schild über Jesu Kreuz). Die Haltlosigkeit der Anklage offenbart das lächerliche Nullargument der Anklage vor Pilatus: »Wenn dieser nicht ein Übeltäter wäre, hätten wir ihn dir nicht überliefert.« (Johannes 18,30).

(B) Prozessführung

19. Kompetenzverschiebung. Der Fall war Pilatus so »brenzlig«, dass er ihn Herodes Antipas, der gerade zu Gast in Jerusalem weilte, als scheinbar zuständigem Richter vorlegte (Jesus stammte aus Galiläa, Herodes war für diese Gegend zuständig; Lukas 23,6–12). 

20. Geißelung ohne Urteil. Die Geißelung war in sich bereits eine so schwere Bestrafung, dass manche an ihr starben. Pilatus lies Jesus geißeln, ohne dass er vorher ein Urteil gesprochen hatte: »Dann ließ er ihnen Barabbas frei; Jesus aber ließ er geißeln und überlieferte ihn, damit er gekreuzigt würde« (Matthäus 27,26). Pilatus wurde zum Inbegriff von grausamer Rechtsbeugung zur Sicherung der eigenen Karriere.

Zusammenfassung (Chandler, Bd. 2, S. 157–159.168)

»Die Kreuzigung folgte auf die endgültige Entscheidung des Pilatus und beendete damit den berühmtesten Prozess der Weltgeschichte. Er begann mit der Verhaftung Jesu in Gethsemane um Mitternacht und endete mit seiner Kreuzigung auf Golgatha am Nachmittag desselben Tages. Wie wir gesehen haben, handelte es sich um einen doppelten Prozess, der im Rahmen der Zuständigkeiten der beiden berühmtesten Rechtssysteme der Menschheitsgeschichte geführt wurde. In beiden Verfahren wurde im Wesentlichen die richtige Frage aufgeworfen. 

Vor dem Sanhedrin wurde der Gefangene der Gotteslästerung angeklagt und verurteilt. Betrachtet man Jesus als bloßen Menschen, als einfachen jüdischen Bürger, so war dieses Urteil „rechtlich gesehen im Wesentlichen richtig“; es war jedoch ungerecht und empörend, da die Formen des Strafverfahrens, auf deren Einhaltung jeder jüdische Gefangene Anspruch hatte, völlig missachtet wurden.

Das Verfahren vor Pilatus wurde, wie wir Grund zu der Annahme haben, im Großen und Ganzen unter gebührender Beachtung der Rechtsformen durchgeführt. Doch das Ergebnis war ein richterlicher Mord, denn der Richter übergab Jesus, nachdem er ihn freigesprochen hatte, zur Kreuzigung. „Ich finde keinerlei Schuld an ihm“ lautete das Urteil des Pilatus. Doch dieses gerechte und rechtschaffene Urteil wurde durch Folgendes zunichte gemacht und ausgelöscht: „Und sie drängten mit lauten Stimmen darauf, dass er gekreuzigt werde.“ Und die Stimmen von ihnen und von den Hohenpriestern setzten sich durch. Und Pilatus fällte das Urteil, dass es so geschehen sollte, wie sie verlangten. Wahrhaftig eine schreckliche Verhöhnung der Gerechtigkeit! „Absolvo“ (Freispruch) und „Ibis ad crucem“ (Du wirst ans Kreuz gehen) in einem Atemzug waren die letzten Äußerungen eines römischen Richters, der das römische Recht in dem denkwürdigsten Gerichtsverfahren, das die Menschheit kennt, hätte durchsetzen sollen. …

Dieser letzte Akt des großen Dramas bietet einen erbärmlichen Anblick der römischen Verkommenheit. Ein römischer Statthalter von adeliger Herkunft, mit dem Imperium ausgestattet, mit einer prätorianischen Kohorte unter seinem Befehl und gestützt auf die militärische Macht und die Ressourcen eines Weltreiches, kriecht und duckt sich vor einem Jerusalemer Pöbel.«

Quellen

Beide Bände von Chandler sind in der Internet-Bibliothek archive.org mehrfach vorhanden und können komplett als PDF heruntergeladen werden. Sie sind auch als Nachdruck in verschiedenen Buchformaten sowie als Kindle-eBook erhältlich.

Warum die »Gute Nachricht« wahrhaft gut ist (B. Peters, 2008)

In Römer 10,15 zitiert Paulus folgende Worte des Propheten Jesaja:

Wie lieblich sind die Füße derer, welche das Evangelium des Friedens verkündigen, welche das Evangelium des Guten verkündigen!

Das Evangelium heißt hier »Evangelium des Guten«. Paulus nennt das Evangelium ferner:

  • Evangelium Gottes (Römer 1,1; 15,16; 2Korinther 11,7; 1Thessalonicher 2,2.8.9; s. a. 1Petrus 4,17)
  • Evangelium Seines Sohnes (Römer 1,9)
  • Evangelium des Christus (Römer 15,19; 1Korinther 9,12; 2Korinther 9,19; 10,14; Galater 1,7; 1Thessalonicher 3,2; Philipper 1,27)
  • Evangelium der Herrlichkeit Christi (2Korinther 4,4)
  • Evangelium der Herrlichkeit des seligen Gottes (1Timotheus 1,11)
  • Evangelium der Gnade Gottes (Apostelgeschichte 20,24)
  • Evangelium eures Heils (Epheser 1,13)
  • Evangelium des Friedens (Epheser 6,15)

Ausgehend von diesen verschiedenen Bezeichnungen des Evangeliums gibt es acht verschiedene Gründe, warum das Evangelium gut zu nennen ist:

  1. Es kommt von Gott: »das Evangelium Gottes« (Römer 1,1)
  2. Es ist Gottes Kraft zum Heil: »das dem Fleisch unmögliche tat Gott« (Römer 8,3)
  3. Es offenbart Gottes Gnade: »das Evangelium der Gnade Gottes« (Apostelgeschichte 20,24)
  4. Es offenbart Gottes Gerechtigkeit (Römer 1,17)
  5. Es offenbart Gottes Herrlichkeit: »das Evangelium der Herrlichkeit des glückseligen Gottes« (1Timotheus 1,11)
  6. Es zeugt von Gottes Sohn: »das Evangelium über Seinen Sohn« (Römer 1,3)
  7. Durch dasselbe wirkt Gott, der Heilige Geist (1Thessalonicher 1,5)
  8. In ihm bekommt Gott alle Herrlichkeit und Ehre (Römer 11,36).

Alle diese Gründe machen uns deutlich, dass beim Evangelium Gott die Hauptsache ist, nicht der Mensch. Genau das ist es, was das Evangelium zur guten Botschaft macht. Und genau darin liegt die verlorene Glückseligkeit des Menschen: Dass Gott wiederum den Rang bekommt, der Ihm zusteht. Der Mensch ist im Heil nichts, Gott ist alles. Das ist die Wahrheit, die uns frei macht; frei vom Wahn, etwas zu sein, wo wir doch nichts sind (Galater 6,3). Das ist die Wahrheit, die durch die Lüge der Schlange ins Gegenteil verkehrt worden ist: Der Mensch könne sein wie Gott (1Mose 3,5). Am Ende der Tage wird es so sein, dass der Mensch den Platz eingenommen haben wird, der Gott allein zusteht. Das hat Paulus mit folgenden Worten angekündigt:

Lasst euch von niemand auf irgendeine Weise verführen, denn dieser Tag kommt nicht, es sei denn, dass zuerst der Abfall komme und offenbart werde der Mensch der Sünde, der Sohn des Verderbens, der widersteht und sich erhöht über alles, was Gott heißt oder verehrungswürdig ist, so dass er sich in den Tempel Gottes setzt und sich selbst darstellt, dass er Gott sei. (2Thessalonicher 2,3–4)

Das Buch der Offenbarung bestätigt die Ankündigung des Apostels. Die Religion des endzeitlichen Menschen ist die Anbetung des Menschen (Offenbarung 13,4.15.18). Je näher wir diesem Ende kommen, desto heftiger reißt der Zeitgeist an der Gemeinde der Gläubigen, um sie hineinzuziehen in diesen Strom. Um so entschiedener müssen wir daher die Wahrheit hochhalten, dass die Gute Nachricht in nichts anderem besteht, als dass Gott alles ist, Gott alles wirkt und Gott alle Ehre bekommt. Werden diese Wahrheiten abgeschwächt, sind wir in Gefahr, abzufallen. Werden sie unterschlagen, sind wir schon abgefallen, oder, wie Petrus sagt »aus unserer Festigkeit gefallen« und »durch den Irrwahn der Ruchlosen mitfortgerissen« worden (2Petrus 3,17).

Das Evangelium befreit uns für Gott und Seinen unumschränkten Willen. Über die eigentliche Bedeutung des Dienstes von Johannes Calvin sagte ein französischer Biograph:

Die Umwälzung, die der Genfer Reformator durch sein Wirken auf geistlichem Gebiet hervorgerufen hat, wurde bisweilen mit der Revolution verglichen, die Kopernikus –zur gleichen Zeit– durch seine astronomischen Entdeckungen im physikalischen Weltbild herbeigeführt hat. Vor Kopernikus glaubte man im allgemeinen, die Sonne drehe sich um die Erde, die im allgemeinen für den Mittelpunkt der Welt gehalten wurde. In seinem berühmten Buche »Über die Umdrehung der Himmelskörper« (De Revolutionibus orbium coelestium libri VI, 1543) hat der gelehrte Astronom nachgewiesen, daß es sich, im Gegensatz zu der bisherigen Ansicht, umgekehrt verhalte und die Erde sich um die Sonne drehe. Das ganze Weltbild wurde dadurch verändert.
In ähnlicher Weise hat der Reformator der Frömmigkeit den herkömmlichen Mittelpunkt weggenommen, der für den damaligen religiösen Menschen die eigene Seele mit ihren Bedürfnissen und Regungen war. Er hat statt dessen dem Glaubensleben seine eigentliche Mitte wiedergegeben, nämlich Gott. (Jean Cadier: Calvin. Der Mann, den Gott bezwungen hat. Zollikon: Evang. Verlag, 1959.)

1 Das Evangelium ist gut, denn es kommt von Gott

Darum heißt es »das Evangelium Gottes« (Römer 1,1).

  1. Schon die bloße Tatsache, dass das Evangelium von Gott kommt, bedeutet, dass es gut ist. Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben, von dem Vater der Lichter (Jakobus 1,17). Alles, was Gott gibt, ist gut, denn Gott ist gut, ja, Gott allein ist gut (Markus 10,18). Außer Ihm gibt es kein wirklich Gutes – d. h. bleibend Gutes und vollkommen Gutes.
  2. »Evangelium Gottes« bedeutet, dass es die Botschaft Gottes ist; in ihm spricht Gott. Wenn es gelehrt und verkündigt wird, ergeht Gottes Stimme, die Macht hat, die Toten zu erwecken (Johannes 5,25), Zedern zu knicken oder Hirschkühe zum Werfen zu bringen (Psalm 29).
  3. Drittens bedeutet es, dass das Evangelium nicht von Menschen ausgedacht, sondern von Gott offenbart worden ist (1Korinther 2,9.10). Damit gehört das Evangelium Gottes auch Gott, und darum dürfen wir es nicht antasten, indem wir es verkürzen (vgl. Apostelgeschichte 20,27) oder verändern (siehe Galater 1,8.9).

2 Das Evangelium ist gut, denn es ist Gottes Kraft zum Heil

Kommt das Evangelium von Gott, dann richtet es auch das aus, was Gott will: Es rettet den Sünder, indem es ihn aus dem Dunkel ins Licht, aus dem Tod ins Leben, aus der Gottesferne zu Gott bringt (1Petrus 3,18). Das aber ist das Höchste, das einem Menschen widerfahren kann. Wer wüsste Höheres und Besseres zu nennen, als zu Gott gebracht zu werden? Das verstehen wir, wenn wir auch verstanden haben, worin unser wirkliches Elend besteht: Wir haben Gott verlassen, wir haben Ihn verloren.

Als wir noch Sünder waren, gab Er Seinen Sohn für uns dahin (Römer 5,5). Der Sünder ist blind, d. h. er erkennt weder seine Not noch den, der allein seine Not wenden kann. Der Sünder ist ein Knecht der Sünde und dazu ein Feind des Lichts, d. h. er will die Wahrheit über Gott und über seinen wahren Zustand nicht hören. Er ist ein Feind Gottes; d. h. er will nicht mit Gott versöhnt werden. Der Sünder ist tot in Seinen Sünden. Das alles zeigt, dass im Menschen weder die erforderliche Erkenntnis noch das Vermögen noch der Wille da ist, gerettet zu werden. Darum muss Gott alles tun zur Errettung des Menschen. Genau das lehrt das Evangelium: Das dem Fleisch Unmögliche tat Gott (Römer 8,3).

Gott tat alles zur Errettung. Das nennen wir die Alleinwirksamkeit Gottes. Er fasste den Rat zum Heil (Epheser 1,4.11). Er sonderte Seinen Sohn aus, das Heil für Sünder zu wirken (Johannes 1,29). Er sandte den Sohn, Seinen Heilsrat zu erfüllen (Galater 4,4). Er erwählte uns in Christus (Epheser 1,4), Er berief uns am Tag unseres Heils, Er rechtfertigte uns, Er verherrlichte uns (Römer 8,30). Von Ihm her geschah es, dass wir nun in Christus Jesus sind, der uns geworden ist zur Weisheit von Gott und zur Gerechtigkeit und Heiligkeit und Erlösung (1Korinther 1,30).

Weil all das wahr ist, kann Paulus sagen: Das Evangelium ist Gottes Kraft zum Heil (Römer 1,16). Gottes Kraft übertrifft alles, darum müssen wir nicht versuchen, etwas zur Wirksamkeit des Evangeliums beitragen zu wollen. Wir können durch unsere menschlichen Versuche, es »anziehender« oder »akzeptabler« und damit »wirksamer« zu machen, nur verderben.

Adolph Zahn, reformierter Pfarrer in Elberfeld im 19. Jahrhundert, fasst mit folgenden Worten das Evangelium zusammen, wie er es von Wichelhausen, Theologieprofessor in Halle, empfing:

Der Mensch ohne Leben und Freiheit vor Gott, tot in Sünden, Gott allein frei und freimachend in souveräner Gnade. Und dies Licht dann über die ganze Schrift ausgegossen und so in der Schrift überall die scharfen und gewaltigen Gegensätze von Gott und Mensch gefunden: Er nicht wie wir; und wir in steter Feindschaft gegen ihn. Das gibt dann Klarheit für alle Kapitel und eine ebenso einfache wie oft tiefe und wahrhaft geistvolle Schriftauslegung. (Adolph Zahn: Von Gottes Gnade und des Menschen Elend, S. 44).

Wir hörten eben: »Darum muss Gott alles tun…«. Ja, Er muss alles tun, wenn es überhaupt Heil geben soll. Aber war Er genötigt, unser Heil zu beschließen und in der Fülle der Zeit zu wirken? Gewiss nicht. Er schuldete und schuldet dem Menschen nichts.

3 Das Evangelium ist gut, denn es offenbart Gottes Gnade

Darum heißt das Evangelium »das Evangelium der Gnade Gottes« (Apostelgeschichte 20,24). Gnade bedeutet dreierlei:

  1. Alles Heil geht von Gott aus
  2. Alles Heil geschieht durch Gott
  3. Alles Heil ist ganz unverdient. Gott gibt lauter Unwürdigen nur Gutes.

Die beiden ersten Wahrheiten haben wir bereits beleuchtet. Wir wollen jetzt einige Augenblicke bei der dritten Wahrheit verharren: Alles Heil ist ganz unverdient. Gott tut in der Errettung Gutes an Menschen, die nichts davon verdient haben. Im Gegenteil: Gott müsste uns alle verdammen.; Er müsste uns in die äußerste Finsternis werfen. Er müsste uns verstoßen. Er müsste uns für immer aus Seiner Gegenwart verbannen. – Er tut aber genau das Entgegengesetzte: Es gibt keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind (Römer 8,1). Er liebt uns mit der gleichen Liebe, mit der Er Seinen Sohn geliebt hat (Johannes 17,26). Er nimmt uns an als Seine Kinder und nimmt uns auf in Sein Haus (Johannes 14,3). Er wird über Seinen Erwählten ewig leuchten (Offenbarung 22,5).

4 Das Evangelium ist gut, denn es offenbart Gottes Gerechtigkeit

Gottes Liebe relativiert nicht Gottes Licht. Gottes Gnade geschieht nicht auf Kosten der Gerechtigkeit. Gott handelt nicht so, wie wir Menschen, die manchmal Gnade vor Recht ergehen lassen, was gemeinhin als sehr löblich gilt. Nein, Gott lässt Gnade ergehen unter Wahrung vollkommenen Rechts. Das macht Seine Gnade so herrlich, denn das lehrt uns, dass die Gnade Gott sehr viel gekostet hat, Jja, sie hat Ihn alles gekostet, Seinen eingeborenen, Seinen geliebten Sohn.

Paulus sagt: »Gottes Gerechtigkeit wird darin [im Evangelium] offenbart“ (Römer 1,17).

Wir sagen meist, im Evangelium offenbare sich Gottes Liebe, und das stimmt natürlich (Römer 5,7). Aber was Paulus im Römerbrief als Erstes hervorhebt, ist die Gerechtigkeit Gottes, die sich im Evangelium manifestiert. Das ist das Wunder der Errettung und darin liegt die alles überstrahlende Schönheit des Evangeliums, dass es den Gott offenbart, der gerecht bleibt, während Er den Ungerechten rechtfertigt (Römer 3,25.26). Das geschieht dadurch, dass Christus unser Stellvertreter geworden ist (2Korinther 5,21). Er ist in zweifacher Hinsicht unser Stellvertreter: Er hat in Seinem Leben stellvertretend für alle Menschen alles erfüllt, was das Gesetz vom Menschen fordert. Dann hat Er in Seinem Tod alles erlitten, was das Gesetz an Strafen über den Gesetzesbrecher verhängt. So wurde Gottes Gerechtigkeit genüge getan, dass wir sagen können: Gottes Gerechtigkeit müsste uns verdammen, aber Gottes Gnade spricht uns frei.

Gottes Gerechtigkeit wurden im stellvertretenden Tod Seines Sohnes genüge getan, darum kann Gott dem Sünder gnädig sein, ihm die Sünden vergeben und ihm das Leben schenken und dabei doch gerecht bleiben

5 Das Evangelium ist gut, denn es offenbart Gottes Herrlichkeit

Darum heißt es »das Evangelium der Herrlichkeit des glückseligen Gottes« (1Timotheus 1,11).

Was meint Paulus mit dem nur hier und in 1Timotheus 6,15 verwendeten Ausdruck »der glückselige Gott«? Er sagt damit Folgendes: Gott ist in sich vollkommen glückselig; er ruht in vollkommenem Frieden; ihm fehlt nichts. Dennoch hat er einen Sünder, einen Verfolger der Heiligen, einen Feind des Lichts geliebt, gesucht und errettet.

  • Darin zeigt sich erst richtig die Größe der göttlichen Gnade.
  • Darin zeigt sich auch erst richtig die Größe der göttlichen Weisheit; denn wir fragen: Wie bringt Gott es nur fertig, einen Sünder zur Einsicht und zur Umkehr zu bewegen?
  • Darin zeigt sich die unumschränkte Kraft Gottes, der die Sünde und den Tod, Feindschaft und Misstrauen überwindet und ewiges Heil wirkt (Römer 1,16).

Auf diese Weise offenbart das Evangelium die Herrlichkeit Gottes. Was bedeutet »die Herrlichkeit Gottes«? Dieses: Die Gesamtheit Seiner Vollkommenheiten, Seine vollkommene Wahrheit, Weisheit, Macht, Gnade, Liebe, Heiligkeit und Gerechtigkeit. Gott ist Licht (1Johannes 1,5) und Gott ist Liebe (1Johannes 4,16).

6 Das Evangelium ist gut, denn es zeugt von Gottes Sohn

Darum heißt es »das Evangelium über Seinen Sohn« (Römer 1,3). Alles Gute, was Gott sich für den Menschen vorgesetzt hat, hat Er in Seinem Sohn gewirkt. Er ist die Mitte des Evangeliums. Durch Ihn geschieht alles.

  1. Er hat zunächst im und durch den Sohn geredet (Hebräer 1,1). In Ihm haben wir das unschätzbare Gut der vollkommenen und vollständigen Offenbarung aller Heilsgedanken Gottes (Johannes 1,1.9.14).
  2. Sodann hat Er im und durch den Sohn das Heil gewirkt: In Christus erwählt (Epheser 1,4), durch Sein Blut erlöst (Epheser 1,7), durch Seinen stellvertretenden Tod und durch Seine Auferstehung gerechtfertigt (Römer 4,25; 2Korinther 5,21); durch Ihn verherrlicht (Philipper 3,20–21); in Ihm ein ewiges, unvergängliches Erbe (Epheser 1,11).
    Darum predigten den Apostel Christus:
    • wer Er sei: Jesus von Nazareth;
    • was Er sei: wahrer Gott vom wahren Gott (Johannes 1,1–3); wahrer Mensch (Philipper 2,5);
    • wie Er sei: sündlos, rein, heilig (Hebräer 7,26; 1Petrus 1,18–19);
    • was Er getan hat.
  3. Darum heißt das Evangelium »das Evangelium der Herrlichkeit Christi« (2Korinther 4,4). Seine Vollkommenheiten werden im Evangelium kund: Seine Sündlosigkeit, Seine Gerechtigkeit, Seine Gnade, Seine Barmherzigkeit, Sein Liebe zu Gott, Seine Liebe zu den Seinen, Seine Liebe zu den Menschen. Der zweite Mensch ist alles; der erste Mensch ist nichts; der Mensch vom Himmel bleibt, der Mensch, der von der Erde ist, muss weichen (1Korinther 15,45-48).

7 Das Evangelium ist gut, denn durch dasselbe wirkt Gottes Geist

»die Dinge …, die euch jetzt verkündigt worden sind durch die, die euch das Evangelium gepredigt haben durch den vom Himmel gesandten Heiligen Geist« (1Petrus 1,12); »Denn unser Evangelium war nicht bei euch im Wort allein, sondern auch in Kraft und im Heiligen Geist und in großer Gewissheit« (1Thessalonicher 1,5).

Der Vater, der Sohn, der Heilige Geist, der dreieinige Gott, offenbart sich im Evangelium und wirkt durch das Evangelium. Der Vater hat den Heilsrat gefasst und den Sohn dazu bestimmt, ihn auszuführen. Der Sohn hat sich vom Vater senden lassen und hat all Sein Wohlgefallen erfüllt (Johannes 17,3). Das ist der Inhalt des Evangeliums, und wenn dieses gepredigt wird, wirkt Gott, der Heilige Geist. Er begleitet keine andere Botschaft als diese. Darum müssen wir zusehen, dass wir das Evangelium Gottes verkündigen, das Evangelium vom Sohn Gottes, das Evangelium der Gnade Gottes, das Evangelium, das die Apostel verkündigten. Denn ohne das Wirken des Heiligen Geistes gibt es keine Errettung. 

Wenn Gott mit der Sendung des Sohnes und der Niederschrift Seines Werkes aufgehört hätte zu wirken, wäre durch das Evangelium kein Mensch errettet worden. Darum sandten der Vater und der Sohn nach vollbrachtem Werk Seines Sohnes den Heiligen Geist, der Sünder überführt, Widerspenstige willig macht, in toten Herzen Glauben weckt und sie so zum Heiland und zum Heil führt. Wiederum müssen wir erkennen, dass in der Errettung Gott alles wirkt, von Anfang bis zum Schluss. Aber wir müssen auch erkennen, dass er die Mittel bestimmt hat, um diese Errettung zu wirken, und das ist nichts anderes als die Predigt des Evangeliums. Mit der Predigt des Evangeliums wirkt Gottes Geist.

9 Das Evangelium ist gut, denn in ihm bekommt Gott allein alle Ehre

»Denn von ihm
und durch ihn
und für ihn
sind alle Dinge;
ihm sei die Herrlichkeit
in Ewigkeit! Amen«.
(Römer 11,36).

Was Paulus als Ergebnis der im Evangelium gelehrten und durch dessen Kraft gewirkten Errettung bezeichnet –Gott allein alle Ehre–, wird auch als Ergebnis der großen alttestamentlichen Errettung deklariert. Das Buch Exodus (2Mose) endet damit, dass Gottes Herrlichkeit inmitten der Erlösten aufstrahlt und die Wohnung Gottes erfüllt (2Mose 40).

Jonathan Edwards (1703–1758), um wenige Jahre älterer Zeitgenosse George Whitefields, hielt am 8. Juli 1731 in Boston eine Predigt zu 1Korinther 1,29–31 unter dem Titel: »God Glorified in Man’s Dependence« (etwa: »Gott verherrlicht durch die Abhängigkeit des Menschen«). Darin sagte er unter anderem: 

»Es besteht eine absolute und umfassende Abhängigkeit der Erlösten von Gott. Das Wesen und die Gestaltung unserer Erlösung sind derart, dass die Erlösten in jeder Hinsicht direkt, unmittelbar und vollständig von Gott abhängig sind: Sie sind in allem von ihm abhängig und in jeder Hinsicht von ihm abhängig.« [1]

Endenoten

[1] »There is an absolute and universal dependence of the redeemed on God. The nature and contrivance of our redemption is such, that the redeemed are in every thing directly, immediately, and entirely dependent on God: they are dependent on him for all, and are dependent on him every way.« (Quelle: https://www.biblebb.com/files/edwards/JE-dependence.htm [27.12.2025])

Disclaimer: Dieser Vortrag wurde von Benedikt Peters (Arbon, CH) auf der Hirtenkonferenz 2008 gehalten und von grace@logikos.club zusammengefasst.

Thanksgiving | Alles Truthahn – oder was?

In den USA ist der Thanksgiving Day staatlicher Feiertag, der am vierten Donnerstag im November gefeiert wird. Man meint, dieses Fest wurde zuerst 1621 in Plymouth Rock (MA, USA) von ca. 50 aus dem britischen Königreich ausgewanderten Puritanern gemeinsam mit fast hundert einheimischen Wampanoag als dreitägiges Erntedankfest gefeiert. Sie wollten mit dieser Feier und einem Festmahl Gott für alle seine Segnungen danken. Während der Zeit der britischen Kolonien feierten die USA das Erntedankfest dann zu verschiedenen Zeiten und aus unterschiedlichen Gründen. Der erste nationale Erntedankfesttag wurde am 18. Dezember 1777 begangen, nachdem die Amerikaner in Saratoga, New York, eine bedeutende Schlacht gegen die Briten gewonnen hatten. Ähnliche Proklamationen wurden bis 1784 jährlich abgegeben. 

Nach 1784 wurde das nächste Thanksgiving erst am Donnerstag, dem 26. November 1789 gefeiert, direkt im Anschluss an die Ratifizierung der Verfassung der USA. Präsident George Washington gab eine Proklamation heraus, dass die Amerikaner Gott für die Segnungen des Allmächtigen für diese Nation danken sollten. Diese Proklamation ist ein Vorbild, die allen zukünftigen Präsidenten und Staatschefs in allen Ländern gut anstehen würden, vor allem in (ehemals) »christlichen Ländern«. So würde das oft zu hörende »Gott sei Dank!« aus seinem traurigen Schicksal einer sinnentleerten Phrase befreit werden. Hier ist, was Washington am 3. Oktober 1789 schrieb:

Vom Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. 
Eine Proklamation.

In der Erwägung, dass es die Pflicht aller Nationen ist, die Vorsehung des allmächtigen Gottes anzuerkennen, seinem Willen zu gehorchen, für seine Wohltaten dankbar zu sein und demütig um seinen Schutz und seine Gunst zu bitten: Und in Anbetracht dessen, dass beide Häuser des Kongresses mich durch ihren gemeinsamen Ausschuss gebeten haben, „dem Volk der Vereinigten Staaten einen Tag des öffentlichen Dankes und Gebets zu empfehlen, an dem es mit dankbaren Herzen die vielen und besonderen Gnaden des allmächtigen Gottes anerkennt, insbesondere indem es ihm die Möglichkeit gibt, friedlich eine Regierungsform für seine Sicherheit und sein Glück zu etablieren”. 

Daher empfehle und bestimme ich den Donnerstag, den sechsundzwanzigsten Tag des kommenden Novembers, als einen Tag, an dem sich das Volk dieser Staaten dem Dienst an diesem großen und glorreichen Wesen widmen soll, das der wohltätige Urheber alles Guten ist, das war, das ist und das sein wird: Damit wir uns alle vereinen, um Ihm unseren aufrichtigen und demütigen Dank für Seine gütige Fürsorge und seinen Schutz für das Volk dieses Landes zu erweisen, bevor es eine Nation wurde; – für die besonderen und vielfältigen Gnaden und die günstigen Eingriffe seiner Vorsehung im Verlauf und im Ausgang des letzten Krieges; – für das hohe Maß an Ruhe, Einheit und Überfluss, das wir seitdem genießen dürfen; für die friedliche und vernünftige Art und Weise, in der wir Verfassungen für unsere Sicherheit und unser Glück errichten konnten, insbesondere die kürzlich eingeführte nationale Verfassung; für die bürgerliche und religiöse Freiheit, mit der wir gesegnet sind, und die Mittel, die uns zur Verfügung stehen, um nützliches Wissen zu erwerben und zu verbreiten; und allgemein für all die großen und vielfältigen Gnaden, die Er uns gewährt hat. 

Und auch, dass wir uns dann in aller Demut vereinen mögen, um unsere Gebete und Bitten an den großen Herrn und Herrscher der Nationen zu richten und Ihn zu bitten, unsere nationalen und anderen Verfehlungen zu vergeben; – damit wir alle, ob in öffentlichen oder privaten Ämtern, unsere verschiedenen und jeweiligen Pflichten ordnungsgemäß und pünktlich erfüllen können – damit unsere nationale Regierung ein Segen für alle Menschen ist, indem sie stets eine Regierung mit weisen, gerechten und verfassungsmäßigen Gesetzen ist, die umsichtig und treu ausgeführt und befolgt werden – damit alle Herrscher und Nationen (insbesondere diejenigen, die uns Freundlichkeit erwiesen haben) geschützt und geleitet werden und mit guter Regierung, Frieden und Eintracht gesegnet werden – um die Kenntnis und Ausübung wahrer Religion und Tugend sowie die Verbreitung der Wissenschaft unter ihnen und uns zu fördern – und allgemein, um der gesamten Menschheit ein Maß an zeitlichem Wohlstand zu gewähren, das nur Er allein als das Beste erkennt. 

Ausgestellt unter meiner Hand in der Stadt New York am dritten Tag des Monats Oktober im Jahre unseres Herrn 1789.
George Washington

Thanksgiving sollte gemäß dieser Verordnung also nicht nur eine Zeit des allgemeinen Dankes sein, sondern ein Tag, an dem die ganze Nation Gott dankt für seine vielen Segnungen und ihn im gemeinsamen Gebet bittet, dass seine Fürsorge auch fernerhin währe.

Seitdem hat dieser Feiertag eine bewegte Geschichte durchlaufen. Jedes Jahr wird er durch Deklaration des Präsidenten der USA festgelegt. Die meisten Amerikaner feiern ihn als reines Familienfest mit traditionellem Truthahnessen. Die Wirtschaft nutzt diesen Tag für sich und hat ihn als Sport- und Shopping-Event kommerzialisiert. Der Tag nach Thanksgiving-Donnerstag wurde zum berüchtigten »Black Friday«, der den beginnenden Weihnachts-Kommerz ankurbeln soll.

Das Thanksgiving-Essen ist inzwischen relativ einheitlich, mit einigen regionalen Besonderheiten. Als Hauptgericht gibt es seit dem 19. Jahrhundert meist gebratenen Truthahn. Dieser war damals überall zahlreich vorhanden und günstig zu haben. Dazu werden in der Regel Beilagen wie Kartoffelpüree, Süßkartoffeln oder Yamswurzeln geboten. »Cranberry-Sauce, eine süß-säuerliche Würzsauce, ist eines der wenigen Beilagen, die direkt auf das vorkoloniale Neuengland zurückgeführt werden können, da Cranberries in dieser Region heimisch sind. Außerdem wird eine reichhaltige Auswahl an Kuchen wie Kürbiskuchen, Pekannusskuchen, Apfelkuchen und Süßkartoffelkuchen serviert.« (Britannica).

Aber warum nicht zum Wichtigen und Eigentlichen zurückkehren? Dazu bedarf es keiner gesonderten Proklamation des Gründungsvaters und ersten Präsidenten der USA (Amtszeit 1789–1797), zumal dieser seit 1752 als Freimaurer geweiht war, seinen Amtseid auf eine Logen-Bibel geleistet hatte und so –mit vielen seiner Mitstreiter– effektiv für diese sinistre Gegenseite eingespannt war. 

Gemeinsam Gott danken

Wir finden einen Präzedenzfall für eine Proklamation des gemeinsamen Dankes und der Fürbitte in der Heiligen Schrift, wo Paulus uns auffordert, für alle Menschen zu beten und Dank zu sagen, einschließlich aller Herrscher und Regierungsbehörden, damit wir ein friedliches und ruhiges Leben in Frömmigkeit führen könnten (1. Timotheus 2,1–3):

Ich ermahne nun vor allen Dingen, dass Flehen, Gebete, Fürbitten, Danksagungen getan werden für alle Menschen, für Könige und alle, die in Hoheit sind, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und würdigem Ernst. Denn dies ist gut und angenehm vor unserem Heiland-Gott, der will, dass alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

Beim Nachdenken über diesen Text  wird etwas deutlich, das unendlich wichtiger ist als die Gründung der amerikanischen Nation und ihrer Traditionen. Denken wir zum Beispiel über unsere Erlösung in Christus nach und über die vielen Parallelen, die wir in der Heiligen Schrift zu den Realitäten finden, für die die Amerikaner nach Proklamation von George Washington bei der Gründung der amerikanischen Nation dankbar sein sollten.

Hier sind einige Dinge, für die wir dankbar sein sollten, wenn wir über den Segen nachdenken, in einem (noch) friedlichen Land zu leben, und, was noch wichtiger ist, über den Segen, Bürger des himmlischen Landes zu sein (Philipper 3,20; Lukas 10,20).

Erstens sollten Gläubige für Gottes Fürsorge und Schutz dankbar sein, bevor wir zum Glauben an Christus gekommen sind. 

Die Erlösung ist wahrhaftig ein wunderbares Werk Gottes, denn er hat uns gerufen, als wir uns nicht um ihn kümmerten und nicht an ihn dachten. Wir waren gegen ihn rebellisch und waren seine Feinde. Doch denken Sie daran, wie seine Vorsehung in unser Leben eingegriffen hat, um uns dazu zu bringen, das Evangelium zu hören, unsere Sünden zu bereuen und an Jesus Christus zu glauben! Wie können wir uns irgendeinen Teil unserer Erlösung als Verdienst anrechnen, wenn wir doch aus der Heiligen Schrift erkennen, dass jeder Schritt unseres Lebens von Gott gelenkt wurde, sodass sogar die Umstände, in denen wir uns befanden, als wir an das Evangelium glaubten, von seiner Vorsehung und Barmherzigkeit geleitet waren (Titus 3,5)? Gläubige dürfen niemals versäumen, Gott für seine Vorsehung zu danken, mit der Er uns in seiner göttlich vollkommenen Weisheit leitet.

Zweitens sollten Gläubige dankbar sein für den Frieden und die Einheit, die wir seit unserer Erlösung mit Gott genießen (Römer 5,1).

Paulus sagt, dass wir an Christus Glaubenden mit Christus vereint sind und nun in ihm sind, in Einheit mit ihm – und sein Geist wohnt in uns (Römer 7,4; 8,9). Gläubige haben Frieden mit Gott, sind mit Christus vereint und haben Gemeinschaft mit unserem Schöpfer und Erlöser. Es ist ein großes Geheimnis, dass wir eine solche Vertrautheit mit Gott haben dürfen.

Drittens sollten Gläubige dankbar sein für den neuen Bund, der zu unserer Sicherheit und zu unserem Segen geschlossen wurde (vgl. Lukas 22,20; 1. Korinther 11,25; Hebräer 9,15).

Wir leben nicht mehr unter dem alten Bund, in dem Gott hinter dem Vorhang wohnte. Jetzt haben wir den neuen Bund, der auf besseren Verheißungen gegründet ist und nicht durch das Blut von Stieren und Ziegen, sondern durch das Blut des menschgewordenen Sohnes Gottes besiegelt wurde. Dieser Bund wurde zu unserer Sicherheit und zu unserem Segen geschlossen und gibt uns durch Christus unmittelbaren Zugang zu Gott. Der Verfasser des Hebräerbriefes erinnert uns daran, dass wir durch den neuen Bund den Herrn kennenlernen und in den Segen von ewigen Verheißung kommen, die niemals gebrochen werden können, weil Christus sie für uns aufrechterhält (Hebräer 8,11). Die Kindesbeziehung der Glaubenden zu Gott ist ewig gesichert durch diesen »neuen Bund in seinem Blut«.

Viertens sollten Gläubige dankbar sein für die Freiheit, die wir in Christus unter dem neuen Bund haben.

Mit diesem Bund kommt auch wahre Freiheit (Galater 5,1)! Die an Christus Glaubenden sind nicht länger an Vorbilder und Schattenbilder gebunden, die nur andeuteten, was kommen würde! Stattdessen haben wir als gegenwärtigen Besitz die Freiheit, einander durch den Heiligen Geist in Liebe zu dienen. Dieser Geist schenkt uns wahre Freiheit (Galater 5,13). Alle, die Christus nachfolgen, werden »die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen«; und, was die Verknechtung unter die Sünde angeht, gilt nun: »Wenn nun der Sohn euch frei macht, werdet ihr wirklich frei sein.« (Johannes 8,31.36).

Schließlich sollten Gläubige dankbar sein für die unbegrenzten Segnungen, die wir in Christus haben. Paulus sagt uns erneut, dass wir diese Segnungen jetzt (Epheser 1,3) und in Zukunft (Epheser 2,7) haben.

Gott hat die an Christus Gläubigen als heiliges Volk, als sein Eigentumsvolk, eingesetzt. Und unsere Teilhabe an diesem Volk und Bund, mit Gott als unserem Retter, Herrn und König, ist der Grund zur größten Dankbarkeit. Vor über 3.000 Jahren erklang schon ein solcher Aufruf mit vielfachem »Lasst uns!«:

Kommt, lasst uns dem Ewigen zujubeln, 
lasst uns zujauchzen dem Felsen unseres Heils!
Lasst uns ihm entgegengehen mit Lob, 
lasst uns mit Psalmen ihm zujauchzen!
Denn ein großer Gott ist der Ewige, 
und ein großer König über alle Götter…
Kommt, lasst uns anbeten und uns niederbeugen, 
lasst uns niederknien vor dem HERRN, der uns gemacht hat!
Psalm 95,1–3a.6

Und nächstes Jahr? Lasst uns diese Zeit in Familie und christlicher Gemeinde besonders nutzen, um uns miteinander vor Gott über diese wunderbaren Geschenke seiner Gnade dankend zu freuen! – Mit oder ohne Truthahn!

God of Our Fathers

  1. God of our fathers, whose almighty hand
    Leads forth in beauty all the starry band
    Of shining worlds in splendor through the skies,
    Our grateful songs before Thy throne arise.
  2. Thy love divine hath led us in the past,
    In this free land by Thee our lot is cast;
    Be Thou our ruler, guardian, guide and stay,
    Thy Word our law, Thy paths our chosen way.
  3. From war’s alarms, from deadly pestilence,
    Be Thy strong arm our ever sure defense;
    Thy true religion in our hearts increase,
    Thy bounteous goodness nourish us in peace.
  4. Refresh Thy people on their toilsome way,
    Lead us from night to never-ending day;
    Fill all our lives with love and grace divine,
    And glory, laud, and praise be ever Thine.

Daniel C. Roberts, 1876 (vgl. 2. Chronik 20,6; 1. Timotheus 2,1–4)

Verdeutscht in etwa:

Gott unsrer Väter

  1. Gott unsrer Väter, deine starke Hand
    führt all die Sterne durch des Himmels Land;
    Welten erstrahlen herrlich, wunderbar –
    Dank, Lob und Ehre bringen wir dir dar.
  2. Dein treues Lieben führte uns bisher,
    du gabst uns Heimat, Freiheit, Schutz und Ehr.
    Sei Herr und Hüter, Führer allezeit;
    dein Wort sei Richtschnur, deine Wege unsre Seligkeit.
  3. Vor Krieges Schrecken, Seuche, schlimme Not
    schütz uns dein starker Arm, o Herr und Gott.
    Lass wahren Glauben wachsen mehr und mehr;
    schenk Frieden uns aus deiner Güte, Herr.
  4. Stärk du dein Volk auf mühevollem Pfad,
    führ aus Nacht zum Tag, der kein Ende hat.
    Erfüll das Leben ganz mit Lieb und Gnad;
    dir Ruhm und Ehre, Lob in Ewigkeit!

Quellen

Bildquelle: Jennie Augusta Brownscombe (1850-1936: Thanksgiving in Plymouth, Öl auf Leinwand, 1925; im National Museum of Women in the Arts, Washington, D.C. (USA). Das Bild wurde beschnitten. Link: https://nmwa.org/art/collection/thanksgiving-plymouth/

Textquellen: Robert „Robb“ E. Brunansky, A Call For Sincere and Humble Thanks. Post (thecripplegate.com/a-call-for-sincere-and-humble-thanks/) vom 25.11.2025, abgerufen am 25.11.2025 (adaptiert und mit eigener Übersetzung).

o.V., Thanksgiving Day. https://www.britannica.com/topic/Thanksgiving-Day, abgerufen am 25.11.2025 (adaptiert und mit eigener Übersetzung).

Georg Washington. Wikipedia. https://de.wikipedia.org/wiki/George_Washington, abgerufen am 25.11.2025.