Matthäus 24 und die Entrückung der Gemeinde

Lesedauer: 9 Minuten.

»Alle Nicht-Prätribulationisten verorten sowohl die christliche Gemeinde (Kirche) als auch die Entrückung der Gemeinde in Matthäus 24. Dies ist für ihre Position wesentlich, für sie ist keine andere Auslegung möglich. Prätribulationisten hingegen sehen weder die Gemeinde noch die Entrückung in der Endzeitrede Jesu in Matthäus 24.«[1]

Diese Kurzstudie untersucht eine zentrale Streitfrage der Endzeitlehre: Redet Jesus in der Ölbergrede in Matthäus 24 von der Gemeinde und ihrer Entrückung oder nicht?

Die Antwort, vorweggenommen: Weder die Gemeinde noch deren Entrückung sind in dieser Rede Jesu zu finden. Wir nehmen den klassischen prätribulationistischen Standpunkt ein, also die Lehre der Entrückung der Gemeinde vor der Drangsal Jakobs.

Die Bedeutung der Frage

Die o.g. Frage ist theologisch sehr wichtig, denn wenn die Gemeinde und deren Entrückung in Matthäus 24 vorkommen, spräche dies für die Lehre des Posttribulationismus (s. Glossar am Ende des Beitrags), wenn aber nicht, spräche dies für die Position des Prätribulationalismus. Es geht also um die Frage, ob nach Matthäus 24 die christliche Gemeinde vor oder nach der »Drangsal Jakobs« in den Himmel entrückt werden wird. Festgehalten werden muss a priori der biblische Befund, dass von der Entrückung der christlichen Gemeinde in Matthäus 24–25 nicht explizit zu lesen ist, viel mehr aber in 1Thessalonicher 4, 1Korinther 15 und Johannes 14 davon explizit und implizit die Rede ist.

Die Fehldeutungen von Matthäus 24

1. Die kritische (liberale) Position

Diese Sicht behauptet, Matthäus 24 sei größtenteils von der frühen Kirche konstruiert worden, sei also keine treue Wiedergabe der Rede Jesu. Diese Position wird hier klar verworfen.

2. Die präteristische Position

Diese Sicht geht davon aus, dass die in Matthäus 24 vorhergesagten Ereignisse bereits in der heutigen Vergangenheit ihre Erfüllung gefunden hätten (z. B. in der Tempelzerstörung 70 n. Chr.). Problematisch ist hier vor allem, dass dabei die Texte stark »vergeistigt« werden, um sie in Übereinstimmung mit den damaligen historischen Vorgängen zu bringen. – Wir vertreten hingegen die Ansicht, dass diese historischen Vorgänge eine Vorerfüllung der noch größeren und kosmisch/weltweit wirkenden Gerichte Gottes in Zukunft waren.

3. Die »Zeitalter«-Position (amillennial)

Diese Sicht behauptet, dass in Matthäus 24 die gesamte Kirchengeschichte beschrieben sei. Die christliche Gemeinde wird in diesem Text demnach gesehen, in Verbindung mit der theologischen Sicht des Amillenialismus. Diese Deutung passt aber überhaupt nicht zu den auslösenden Fragen der Jünger Jesu, die mit der christlichen Gemeinde nichts zu tun hatten, sondern rein jüdische Anliegen beinhalten (»Sage uns, wann wird das [Zerstörung des Tempels] sein, und was ist das Zeichen deiner Ankunft und der Vollendung des Zeitalters?«, Mt 24,3b). Sie hatten vielleicht die Voraussagen in Sacharja 14 im Gedächtnis.

4. Die Position des Posttribulationismus

Diese Endzeitlehre sieht die Entrückung der Gemeinde nach der Drangsal. Es ist also eine zentrale Gegenposition zur Position, dass die Gemeinde vor der Drangsal Jakobs entrückt wird, dem sog. Prätribulationalismus.

Diese Position wurde vor allem von Robert Gundry vertreten (s. Robert H. Gundry, The Church and the Tribulation. Grand Rapids, MI: Zondervan, 1973). Er behauptet, dass Matthäus 24 die christliche Kirche beschreibe. Er sieht in Matthäus 24,32 die Entrückung der Gemeinde, weil dort von einer »Sammlung« die Rede ist: »alle Nationen … vor ihm versammelt werden, und er wird sie voneinander scheiden, so wie der Hirte die Schafe von den Böcken scheidet«. Dieser These ist entgegenzuhalten:

  • Diese Sammlung entspricht nicht der Entrückung der Gemeinde. Weder eine Auferstehung (der gestorbenen Gläubigen) noch eine Verwandlung (der gläubigen Lebenden) wird erwähnt. Beides sind aber zentrale Elemente der Entrückung.
  • Der Text in Matthäus 24,32 redet vom Erscheinen vor einem Gerichtsthron, der auf der Erde steht, nicht von einem Sammeln der Erretteten im Himmel. Es geht bei diesem irdischen Gericht um die Frage, wer in das dort bald beginnende Millennium eingehen darf (Schafe) und wer nicht (Böcke). Das hat nichts mit der Gemeinde Jesu Christi zu tun.
  • Der Text in Matthäus 24,40–41 formuliert mehrfach: »einer wird genommen und einer gelassen«. Das redet ebenfalls nicht von einer Entrückung in den Himmel, sondern beschreibt ein Gerichtshandeln Gottes. Die »Genommenen« sind hier nämlich jene, die zum Gericht entfernt, also gerade nicht gerettet, werden. Die »Gelassenen« hingegen sind jene, die nicht gerichtet werden und in das Königreich des Millenniums eingehen dürfen. Das ist gerade andersherum, wie es bei der Entrückung der Gemeinde gen Himmel der Fall sein wird.
  • Kontext. Die gesamte Rede behandelt Israel und die Drangsal Jakobs, nicht die christliche Kirche. Die Struktur von Matthäus 24 identifiziert drei Zeitphasen: (1) Allgemeine Zeichen (nicht das Ende) (V. 4–6); (2) Anfang der Wehen (V. 7–8) und (3) Große Drangsal & Wiederkunft (V. 9–31). Es geht also um die Endzeit Israels, nicht um die Gemeinde.

5. Die Position des Midtribulationalismus

Eine etwas modernere Sicht stammt von Marvin Rosenthal (Marvin Rosenthal, The Pre-Wrath Rapture of the Church. Nashville, TN: Thomas Nelson, 1990, sowie revidierte Ausgabe 1994). Er behauptet, dass die Entrückung der Gemeinde während der Drangsal stattfinde, aber noch »vor dem Zorn Gottes«. Er argumentiert hier mit Parallelen, die er mit Offenbarung 6 sieht. Der Text in der Offenbarung macht aber deutlich, dass es bereits vor jener Mitte der Drangsal Jakobs (also dem behaupteten Entrückungszeitpunkt) Siegelgerichte gibt, welche eindeutig Gottes Gericht sind. Das ganze Modell bricht an diesem Irrtum zusammen.

Die Argumente für eine jüdische Deutung von Matthäus 24

Das Hauptargument gegen eine Deutung von Matthäus 24 auf die Gemeinde und ihre Entrückung ist, dass es im Text und Kontext um eine rein jüdische, nicht kirchliche, Fragestellung ging und dass die Antwort Jesu sich auch nur darauf bezieht. Das zeigen folgende Beobachtungen.

1. Die Fragen der Jünger sind rein jüdisch

Die Frage der Jünger in Matthäus 24,3 zielt deutlich auf die Zerstörung des jüdischen Tempels, das Kommen des Messias und das Ende des Zeitalters. Diese Fragen spiegeln jüdisch-messianische Erwartungen wider, nicht solche der christlichen Kirche. Die Jünger verstanden die Gemeinde zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht.

2. Der gesamte Kontext ist israelbezogen

Der vorlaufende Kontext ist mit dem jüdischen Tempel beschäftigt, dem bis heute als »Weltwunder der Antike« eingestuften Tempel im herodianischen Prachtausbau (Matthäus 24,1–2). Wir lesen ferner vom »Gräuel der Verwüstung«, einem klaren Bezug auf die Prophetie Daniels. Wir lesen ferner vom Sabbat (Matthäus 24,20) und von einer Flucht aus Juda. Dies sind alles sehr stark jüdisch markierte Kategorien und Themen.

3. Die Jünger repräsentieren zukünftige jüdische Gläubige

Man kann gültig argumentieren, dass in diesem Evangelium (Matthäus) und konkreten Anlass der Perikope (Ölbergrede) die Jünger Jesu hier nicht für die Kirche stehen, sondern für Gläubige der zukünftigen Drangsalzeit, der »Drangsal Jakobs«. Es geht um die dann Wartenden, um deren innere Haltung der Geduld bis zur Ankunft ihres Messias und um ihr Ausharren in den diesem Ereignis vorauslaufenden Gerichten.

Fazit

Matthäus 24 behandelt Israels Zukunft, die Drangsal Jakobs(!) und das Kommen des Messias. Der Text behandelt weder die christliche Gemeinde noch deren Entrückung. Die Entrückung muss aus anderen neutestamentlichen Texten abgeleitet werden, insbes. aus 1Thessalonicher 4, 1Korinther 15 und Johannes 14, nicht aber aus Matthäus 24.

Matthäus 24 ist eine rein jüdisch-eschatologische Rede über die Drangsal und das Kommen des Messias, in der weder die neutestamentliche Gemeinde noch deren Entrückung vorkommen.

Glossar zentraler Begriffe

Die folgenden Kurzerklärungen dienen dem besseren Verständnis der Begriffe der Endzeitlehre (Terminologie der Eschatologie) und damit des Textes dieses Beitrags.

Prätribulationismus. Lehre, dass die Entrückung der Gemeinde vor Beginn der siebenjährigen Drangsal (Große Trübsal) stattfindet. Unterscheidet strikt zwischen Israel und der Gemeinde.

Midtribulationismus. Auffassung, dass die Entrückung in der Mitte der Drangsal geschieht; oft in Verbindung (oder synonym) mit der Lehre der Vor-dem-Zorn-Entrückung.

Posttribulationismus. Auffassung, dass die Entrückung am Ende der Drangsal gleichzeitig mit der sichtbaren Wiederkunft Christi geschieht.

Vor-dem-Zorn-Entrückung. Modell, nach dem die Entrückung inmitten der 70. Danielswoche, also nach 3,5 Jahren, erfolge, da erst ab dann vom Ausgießen des göttlichen Zorns (sog. »großen Drangsal« samt »Tag des Herrn«) die Rede sein könne. Verbreitet von Marvin Rosenthal (sog. Pre Wrath Rapture, 1990), bei uns weniger bekannt.

Entrückung. Ereignis, bei dem Christus die Gläubigen aus der Welt reißend zu sich nimmt (vgl. 1Thess 4,16–17), verbunden mit Auferstehung aller toten und Verwandlung aller lebenden Gläubigen.

Drangsal, Große Trübsal. Endzeitliche Periode intensiven Gerichts und Leidens, oft mit der 70. Jahrwoche Daniels (Dan 9,27) identifiziert. Da insbesodnere Israel im Fokus steht, auch »Drangsal Jakobs (Israels)« genannt. Manche bezeichnen damit nur die zweiten 3,5 Jahre der 70. Danielswoche ab dem »Gräuel der Verwüstung …an heiligem Ort« (Tempel).

Ölberg-Rede. Endzeitrede Jesu auf dem Ölberg (Matthäus 24–25), die Themen wie Drangsal Jakobs, Wiederkunft Christi und Endgericht behandelt.

Erscheinung (Parousie). Das griech. Wort bedeutet »Ankunft« oder «Gegenwart«, das Ankommen einer hochgestellten Persönlichkeit. Hier in Bezug auf die sichtbare Wiederkehr Christi, wie es in der Schrift vorhergesagt ist.

Auserwählte. Von Gott zur Errettung und zum Heil erwählte Gläubige, sei es aus Israel oder aus der Gemeinde.

Gräuel der Verwüstung. Prophetisches Ereignis (Dan 9,27; Mt 24,15), bei dem der Gottesdienst der Juden ausgesetzt werden wird. Ein »Mensch der Sünde« wird sich in den Tempel setzen und sich als Gott anbeten lassen (2Thess 2,3f). Dies ist Höhepunkt des Abfalls von Gott und damit ein Schlüsselzeichen der Endzeit.

Dispensationalismus. Theologisches System, das die Heilsgeschichte in verschiedene »Haushaltungen« (Dispensationen) einteilt und Israel und Gemeinde klar unterscheidet. Heute weltweit vor allem im von Cyrus I. Scofield (1909; rev. 1917) propagierten Modell von sieben Dispensationen bekannt (Scofield Reference Bible: Unschuld, Gewissen, Regierung, Verheißung, Gesetz, Gnade/Gemeinde, Königreich/Millenium). Es gibt aber auch andere Modelle mit anderen und mit mehr oder weniger vielen Dispensationen.

Prämillennialismus. Lehre, dass Christus vor dem tausendjährigen Reich (Millennium) sichtbar wiederkommt.

Amillennialismus. Auffassung, dass es kein tausendjähriges Reich gibt, das tatsächlich eintausend Jahre währt. Das »Millennium« wird symbolisch verstanden, insofern kann es auch heute bereits existieren und hat keinen vorhersagbaren konkreten Endezeitpunkt.

Präterismus. Deutung, dass viele prophetische Aussagen (z. B. Mt 24) bereits in der Vergangenheit erfüllt wurden (oft mit Verweis auf die Tempelzerstörung 70 n. Chr.).

Tag des Herrn. Zeit göttlichen Eingreifens in Gericht und Heil; in der Endzeit oft mit Gottes Zorn und Gerichtshandeln verbunden. Es ist eine längere Zeitperiode des direkten, souveränen Eingreifens Gottes in Gericht, Reichsaufrichtung und Heil, nicht ein 24-Std.-Tag. Im NT ist der »Tag des Herrn« christologisch zugespitzt, kulminiert im Kommen des Herrn Jesus, des Gesalbten.


Endenoten und Literaturverweis

[1]  Stanley D. Toussaint, Are the Church and the Rapture in Matthew 24?, in: Thomas Ice, Timothy Demy (Hrsg.), When the Trumpet Sounds: Today’s Foremost Authorities Speak Out on End-Time Controversies (Eugene, OR: Harvest House Publishers, 1995, S. 235–250), S. 236.

Das Buch des Lebens

Lesedauer: 31 Minuten, Langstudie.

Die Heilige Schrift, selbst eine Bibliothek einiger zig Bücher (lat. Biblia = »Bücher«), erwähnt auch andere Bücher, teilweise namentlich, teilweise anspielend. Eines davon spielt eine herausragende Rolle in der gesamten Heilsgeschichte: Das »Buch des Lebens« (es wird auch mit anderen und verkürzten Titeln bezeichnet, es mag auch mehrere Bücher diesen Titels geben). Beim »Buch des Lebens« handelt sich nicht um ein physisches Buch, sondern um ein theologisches Bild mit starker symbolischer Bedeutung: Gott offenbart mit der schriftlichen Fixierung einer Namensliste von Menschen die Unveränderlichkeit seines Heils- und damit Lebensplanes. Aber es gibt beängstigende Anspielungen und Vorstellungen, dass diese Unveränderlichkeit doch nicht sicher garantiert sei. Entsprechend fächern sich die Deutungen bzgl. dieses »Buch des Lebens« auf.

Vorgehensweise: (I) Die Erwähnungen des »Buches des Lebens« sollen zuerst mit einer Zitatensammlung aus AT und NT überblicksartig gezeigt und kommentiert werden. (II) Da dieses Buch in der christlichen Lehrtradition sehr unterschiedlich verstanden wurde, müssen wir uns in einem zweiten Schritt einen Überblick über die unterschiedlichen Deutungen und deren Begründungen verschaffen. Dabei kann man erkennen, dass diese jeweiligen Deutungen oft in die Gesamttheologie der Deutenden eingepasst wird. (III) Drittens werden wir eine Deutung vertieft darstellen, von der wir überzeugt sind, dass sie dem Gesamtzeugnis der Schrift am besten entspricht. (IV) Eine Kostprobe von Zitaten soll die letzten beiden Punkte ergänzend illustrieren. – Da dies eine längere Untersuchung wird, hier vorweg eine Zusammenfassung.

Summary

Das Buch des Lebens ist ein himmlisches Register, das Gottes Beziehung zu seinem Volk dokumentiert. Gott wird dargestellt als jemand, der eine Aufzeichnung aller führt, die unter seiner besonderen Fürsorge und Obhut stehen. Die Bedeutung dieses Konzepts entfaltet sich auf zwei Ebenen: einer unmittelbaren und einer eschatologischen.

  • (1) In der unmittelbaren Dimension symbolisiert das Buch des Lebens Gottes Schutz und Anerkennung. Im Alten Testament bedeutet die Auslöschung aus dem Buch des Lebens, dass jemand physisch stirbt, während das Eingetragensein Gottes Gunst signalisiert. Aus diesem Register gelöscht zu werden bedeutet, von Gottes Gunst abgeschnitten zu sein und einen vorzeitigen physischen Tod zu erleiden. Im Neuen Testament erhält dieses Bild neue Tiefe: Für verfolgte Christen, deren Namen möglicherweise aus lokalen Synagogenregistern gelöscht wurden, verheißt Jesus, dass ihre Namen niemals aus dem himmlischen Register, das die Ewigkeitszuordnung des ewigen Lebens festhält, entfernt werden—eine Zusicherung der Zugehörigkeit zur himmlischen Stadt und Zukunft, selbst wenn sie irdische Ablehnung erfahren. – 
  • (2) Eschatologisch betrachtet wird das Buch des Lebens zum entscheidenden Dokument des letzten Gerichts. Wer in diesem Buch nicht verzeichnet ist, erfährt wegen seiner Werke endgültiges Gericht im Feuer der Hölle. Die Namen der Auserwählten stehen aber schon bei Grundlegung der Welt in diesem Buch des Lebens des Lammes, ihr Eintrag wurde also bereits vorweltlich von Gott festgesetzt. Dies verbindet Gottes ewige Souveränität und Heilsvorsatz mit der gegenwärtigen Sicherheit der Gläubigen—eine Zusicherung, dass ihre gegenwärtige Treue zu Christus mit ihrer ewigen Bestimmung übereinstimmt.

1 Das Zeugnis der Schrift

1.1 Altes Testament

Die folgenden Stelle beziehen sich auf die Situation der Menschen in vorchristlicher Zeit. Unsere Situation wird im Neuen Testament beschrieben, siehe unten (Abschnitt 1.2).

Psalm 69,28  Lass sie ausgelöscht werden aus dem Buche des Lebens, und nicht eingeschrieben mit den Gerechten!

David schreibt hier einen Klage- und Rachepsalm. Er wusste, dass er ein Sünder war (69,6), aber er litt von Menschenhand für Unrecht, das er nicht begangen hatte. Die Anklagen standen in Verbindung mit Gott und Gottes Tempel. Entsprechend klagt er und fordert von Gott Rache. In diesem Bereich steht der zitierte Vers. Es ist Davids emotionale Verwünschung seiner Feinde und Hasser. Er findet aber in seiner Klage auch Formulierungen, die über seine Situation hinaus auf Jesus Christus deuten. – Sprachlich gesehen wird hier also nichts gelehrt oder objektiv festgestellt, sondern emotional von einem Menschen eine Bitte geäußert. Weiterhin machen die Parallelzeilen der Poesie deutlich, dass es um das physische Leben geht.

Psalm 139,15-16. Nicht verhohlen war mein Gebein vor dir, als ich gemacht ward im Verborgenen, gewirkt wie ein Stickwerk in den untersten Örtern der Erde. Meinen Keim sahen deine Augen, und in dein Buch waren sie alle eingeschrieben; während vieler Tage wurden sie gebildet, als nicht eines von ihnen war.

In Psalm 139 geht es darum, dass Gott, der Schöpfer, jeden Menschen und alle Menschen will, kennt und formt. Das gilt überall und stets, Gottes Allgegenwart und Allwissen leuchten poetisch auf. Sogar in den »untersten Örtern« (euphemistisch für den Uterus der Mutter), wo niemand das heranreifende Baby sieht, ist Gott sehend (überwachend) und aktiv gestaltend »kunsthandwerklich« anwesend: Ein Wunder Gottes geschieht. David legt poetisch den Gedanken nahe, dass im Mutterleib nichts Zufälliges, sondern göttlich Verordnetes passiert: Alles geht nach dem göttlichen »Buch«, nichts ist zufällig oder wertlos. Die Verbindung zwischen diesem »Buch« und dem irdischen, physischen »Leben« ist offenbar: hier stehen alle Menschen, die je gelebt haben. Vom Heil ist nicht die Rede.

Psalm 87,5f.  Und von Zion wird gesagt werden: Der und der ist darin geboren; und der Höchste, er wird es befestigen. Jahwe wird schreiben beim Verzeichnen der Völker: Dieser ist daselbst geboren.

Dieser Psalm der Söhne Korahs feiert Zion als erwählte Stadt Gottes. Dort stand das Heiligtum, dort wohnte Gott. Wer in dieser Stadt geboren ist und dort wohnt, ist Mitbewohner und Nachbar Gottes. Das bedeutet größte Ehre. Aber man muss seinen Anspruch nachweisen können im Geburts-/Abstammungsregister. Im Millennium –und ggf. darüber hinaus– werden auch die Nationen (Völker) dorthin gehen, um Segen zu empfangen. Im NT wird dieser Vorsatz Gottes offenbarend gedeutet auf die Glieder der Gemeinde Jesu (Eph 3:4ff), wo die Abstammung nicht per Blutlinie Abrahams, sondern weitergehend per »Blutlinie« Jesu Christi festgelegt wird (vgl. Gal 3,7.14.29; Heb 2,16). Dieser Vorsatz Gottes fand seine erste explizite Offenbarung im Abrahamischen Bund in 1Mose 12. Dieses Verzeichnis ist also wichtig für die Bundeszusagen Gottes an Israel.

Jesaja 4,3  Und es wird geschehen, wer in Zion übriggeblieben und wer in Jerusalem übriggelassen ist, wird heilig heißen, ein jeder, der zum Leben eingeschrieben ist in Jerusalem.

Der Prophet Jesaja, der dem Volk Israel die Anklage Gottes, aber auch die Verheißung Gottes, vor allem aber die Gute Nachricht der Wiederherstellung bringt (s. ab Kap. 40), bringt schon in der Einleitung diesen Lichtblick auf die verheißenen Segnungen für Jerusalem und seine rechtmäßigen Bewohner. – Ansonsten gilt das zu Psalm 87,5f Gesagte.

2Mose 32:32f  Und nun, wenn du ihre Sünde vergeben wolltest! Wenn aber nicht, so lösche mich doch aus deinem Buch, das du geschrieben hast. Und Jahwe sprach zu Mose: Wer gegen mich gesündigt hat, den werde ich aus meinem Buch auslöschen.

Mose reagiert hier vorbildlich auf die eklatante Sünde des Volkes, das sich unter der Leitung des späteren Hohenpriesters Aaron ein goldenes Kalb gemacht und unter Verwendung des Namens des Ewigen angebetet hatte. Damit waren gleich die wichtigsten Gebote Gottes im Dekalog gebrochen worden, bevor sie von Gott  in Stein geschrieben das Volk erreichten. Mose war klar: Darauf konnte nur der Tod als Strafe folgen, Gott hatte es so gesagt. Und so versucht er als großer Stellvertreter seines Volkes die Schuld und Strafe auf sich zu nehmen. Das war menschlich vorbildlich gefühlt, aber göttlich gesehen ein absolut unmöglicher Vorschlag (per impossibile). Das würde Gott in den nächsten Monaten noch deutlich machen. – Auch Paulus hatte ähnliche Gefühle der gerichtlichen Stellvertretung für sein Volk, die Juden, aber er redete in der Wunschform (Römer 9,2–3; vgl. 10,1). Er wusste: ein Anderer, ein Schuldloser, musste kommen, um sein Volk von ihren Sünden zu erretten (Mt 1,21). 

Der kurze Dialog in 2Mose stellt zwar einen Zusammenhang zwischen den Einträgen in einem Buch und Sündern dar, aber das Buch wird nicht identifiziert als »Buch des Lebens«. Sprachlich ist die zeitliche Einordnung nicht eindeutig geklärt. Zudem: Wenn Gott sagt, dass er jeden, der gegen ihn gesündigt hat, aus diesem Buch auslöschen wird, dann sind die Seiten dieses Buches bis auf einen Namen leer, denn »alle haben gesündigt und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes« (Röm 3,23a). Dann stand eben auch Mose nicht drin, denn er war ein Mörder. Hatte er das vergessen?

Daniel 12:1  Und in jener Zeit wird Michael aufstehen, der große Fürst, der für die Kinder deines Volkes steht; und es wird eine Zeit der Drangsal sein, dergleichen nicht gewesen ist, seitdem eine Nation besteht bis zu jener Zeit. Und in jener Zeit wird dein Volk errettet werden, ein jeder, der im Buche geschrieben gefunden wird.

In jener Zukunftsvision des Propheten Daniel werden Ereignisse beschrieben, die im folgenden Text für Daniel in weite Ferne gelegt werden, in die (auch für uns noch zukünftigen) 3,5 Jahre der Großen Drangsal Israels (12,1.7ff). Das Buch wird nicht identifiziert als »Buch des Lebens«. Es ist die Rede von »dein Volk«, also Daniels Volk, also das Volk Israel, nicht von allen Menschen. Der nach größter Drangsal auf Erden gerettete »Überrest« Israels steht offenbar in diesem Buch. Das bedeutet, dass deren (zukünftige) Errettung durch göttliche Festlegung bereits feststeht.

1.2 Neues Testament

Siebenmal kommt das Buch des Lebens begriffsmäßig im NT vor, einmal in Philipper, sechsmal in der Offenbarung. Daneben gibt es Anspielungen auf andere Bücher ähnlicher oder gleicher Bedeutung. Das Verständnis dieses Begriffes baut auf dem AT auf.

Buch des Lebens, positiver Eintrag

Philipper 4,3 Ja, ich bitte auch dich, mein treuer Mitknecht, stehe ihnen bei, die in dem Evangelium mit mir gekämpft haben, auch mit Clemens und meinen übrigen Mitarbeitern, deren Namen im Buche des Lebens sind.

Mitarbeiter im Reich Gottes stehen auch im Buch des Lebens (griech. bíblos zōs). In Verbindung mit der Aussage des Herrn in Lukas 10,20 bedeutet es für Mitarbeiter im Reich Gottes wohl eine besondere Sicherheit und einen festen Trost, zu wissen, dass man im Himmel fest verankert ist (was das ewige Heil betrifft), auch wenn die »Erfolge« und »Misserfolge« im Dienst hier Zweifel über die Quelle der Heilssicherheit aufkommen lassen mögen. – 

Offenbarung 3,5  Wer überwindet, der wird mit weißen Kleidern bekleidet werden, und ich werde seinen Namen nicht auslöschen aus dem Buche des Lebens und werde seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln.

Den Überwindern der Gemeinde in Sardes wurde diese Verheißung ausgesprochen. Verse 4–5 verwenden dreimal den Begriff »Namen«, alle drei Verwendungen stehen im Zusammenhang mit positiven, mit dem Heil verbundenen Aussagen. Insbesondere steht hier nicht ausdrücklich, dass jemand aus dem Buch des Lebens ausgelöscht werden würde. Diese Stelle darf also nicht als (möglicher) Fakt oder als prinzipielle Wahrheitsaussage zur Behauptung des Auslöschens verstanden werden. Vielmehr wird versichert, dass dieses Auslöschen nicht vorkommt. Daher ergibt sich für die Auslegung die Frage, ob es sich hier (1) um die Sprache einer Gerichtsandrohung handelt, die zwar (gerechte) Straffolgen androht, welche aber im Ratschluss Gottes nicht vorkommen, oder (2) ob man diese Drohung umkehren und als Lehraussage auffassen darf (übliches Argument: Es wäre keine Drohung, wenn das angedrohte Übel nicht eintreffen könnte). 

Offenbarung 21,27  Und nicht wird in sie eingehen irgend etwas Gemeines und was Gräuel und Lüge tut, sondern nur die geschrieben sind in dem Buche des Lebens des Lammes.

Buch des Lebens, kein Eintrag

Offenbarung 13,8  Und alle, die auf der Erde wohnen, werden es anbeten, ein jeder, dessen Name nicht geschrieben ist in dem Buche des Lebens des geschlachteten Lammes von Grundlegung der Welt an.

Offenbarung 17,8  Das Tier, welches du sahst, war und ist nicht und wird aus dem Abgrund heraufsteigen und ins Verderben gehen; und die auf der Erde wohnen, deren Namen nicht in dem Buche des Lebens geschrieben sind von Grundlegung der Welt an, werden sich verwundern, wenn sie das Tier sehen, dass es war und nicht ist und da sein wird.

Offenbarung 20,12.15  Und ich sah die Toten, die Großen und die Kleinen, vor dem Throne stehen, und Bücher wurden aufgetan; und ein anderes Buch ward aufgetan, welches das des Lebens ist. Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben war, nach ihren Werken. … Und wenn jemand nicht geschrieben gefunden wurde in dem Buche des Lebens, so wurde er in den Feuersee geworfen.

Diese drei Stellen gehören zu Szenen des endgültigen Gerichts, auch wenn sie zeitlich getrennt liegen. Wer nicht im Buch des Lebens steht, wird von Satans Agenten zur götzendienerischen Anbetung verführt werden. Sie sind die Erdbehafteten, die dem Tier (und damit Satan) ins Verderben folgen: ins ewige Gericht Gottes. Jene Menschen, die unerlöst bereits den körperlichen Tod erlitten haben, müssen alle am Gerichtstag des Großen Weißen Thrones auferstehen. Sie tun das, wie Daniel schon wusste,  zur »ewigen Abscheu« (Daniel 12,2).

Die Besonderheit ist, dass Offb 13,8 dieses »Buch des Lebens« mit Christus verbindet, mit dem »geschlachteten Lamm«. Damit wird die Namensliste jenes Buches zu einer Namensliste der im Opfer Jesu ewig Geretteten, nicht nur jener, die zeitweilig oder rein irdisch Rettung(en) seitens Gott erfahren haben. Jesus Christus hat »mit einem Opfer … auf immerdardie vollkommen gemacht, die geheiligt werden« (Hebr 10,14), so dass hier kein nur zeitweiliger, aufkündbarer, bereubarer Rettungszustand gemeint sein kann, der in jenem Buch dokumentiert ist.

Andere Erwähnungen eines Lebens- oder Heilsbuches im NT

Lukas 10,20  Doch darüber freuet euch nicht, dass euch die Geister untertan sind; freuet euch aber, dass eure Namen in den Himmeln angeschrieben sind.

Hier ist ohne ausführliche Namensnennung wohl dasselbe Buch gemeint, wie in Philipper 4,3 (s.o.). Wiederum: Wichtiger als jeder Dienst, jeder Erfolg im Dienst, ist, dass man durch Gottes Willen und Beschluss ewig gerettet ist. Der Nachweis für diesen unwandelbaren Beschluss liefern die schriftlich fixierten Einträge in diesem Buch »im Himmel«.

Hebräer 12,23  …und zu der Versammlung der Erstgeborenen, die in den Himmeln angeschrieben sind; und zu Gott, dem Richter aller; und zu den Geistern der vollendeten Gerechten…

Diese Stelle ergänzt Philipper 4,3 und Lukas 10,20 mit dem Gedanken, dass es ein Buch gibt, in dem alle Gläubigen, die Gesamtheit der ewig Geretteten, fix eingetragen sind. – Sie stehen dort nach göttlichem Vorsatz und Beschluss; alle die dort stehen, werden in der Zeit mit wirksamem Ruf zum Glauben gerufen: »Als aber die aus den Nationen es hörten, freuten sie sich und verherrlichten das Wort des Herrn; und es glaubten, so viele zum ewigen Leben bestimmt waren.« (Apostelgeschichte 13,48).

1.3  Zusammenfassung

Das »Buch des Lebens« ist ein metaphorisches Register Gottes, das im Alten Testament angedeutet wird, im Neuen Testament zentral für das Endgericht ist und das eng mit Christus und der ewigen Erlösung verbunden ist. Am Ende wird dieser Eintrag für jeden Menschen ewigkeitsentscheidend sein:

  • 1.    Offenbarung 20,12.15 – In das Buch eingeschrieben zu sein bedeutet, ewiges Leben zu haben.
  • 2.    Offenbarung 21,27 – In das Buch eingeschrieben zu sein bedeutet, dass man in die Stadt Gottes eintritt. 
  • 3.    Offenbarung 3,5 – Gott wird den, der bis zum Ende standhaft bleibt, nicht aus dem Buch auslöschen. 
  • 4.    Offenbarung 13,8 – Diejenigen, die das Tier anbeten, waren nie in das Buch eingeschrieben. 
  • 5.    Offenbarung 17,8 – Auch hier gilt: Diejenigen, die das Tier bewundern, waren nie in das Buch eingeschrieben. 
  • 6.    Lukas 10,20 – Unsere gesamte Sicherheit vor der Hölle und vor den Dingen, die uns in die Hölle bringen, liegt darin, dass unsere Namen in das Buch des Lebens bleibend (fix) eingeschrieben sind.

2 Unterschiedlichen Deutungen

Immer wieder fragen sich Christen, ob sie aus diesem »Buch des Lebens« ausgelöscht werden können. Die Stelle in 2Mose 32,33 wird herbeigezogen als positives Beispiel einer Eintragslöschung, Offenbarung 3,5 wird als implizite Möglichkeit einer solchen Löschung verstanden. Die anderen beziehen sich u.a. auf Offenbarung 13,8, wo ausdrücklich steht, dass die Eintragung »von Grundlegung der Welt« bereits feststand, also vor-weltlich entschieden wurde. Die Spannung entsteht also zwischen den Polen »unverlierbares Heil« versus »verlierbares Heil«. Dies ist in der Tat eine überaus wichtige, alles entscheidende Frage. Wie haben unterschiedliche christliche Traditionen sie beantwortet?

2.1 Die römisch-katholische Sicht (Lehre)

De Kerngedanke der RKK (Röm.-kath. Kirche) ist, dass das »Buch des Lebens« alle enthalte, die aktuell in der Gnade Gottes stehen, wobei dieser Zustand verlierbar ist. Ein vorhandener Eintrag dokumentiert also, dass ein Mensch momentan im Stand der heiligmachenden Gnade ist. Da der Mensch aber einen »echten, freien Willen« hat, kann eine bestimmte Klasse schwerer Sünden (die sog. »Todsünden«) zur Auslöschung des Eintrags führen. 

Die Konsequenzen dieser Ansicht: Rettung ist ein dynamischer (stetig wechselnder) Zustand, kein einmaliges Ereignis, das zu einem festen Heilsstand führte. Die Sakramente (v. a. Beichte, Eucharistie) spielen eine zentrale Rolle in der Dynamik des Heils und damit der Eintragung. Endgültige Sicherheit besteht erst nach dem Tod. – Das »Buch des Lebens« ist hier also ein reales, aber veränderbares Register des aktuellen Heilsstandes und der Gottesbeziehung. Mangelnde Heilsgewissheit treibt den suchenden Menschen zu den gnadenvermittelnden Heils-»Sakramenten« der RKK.

2.2 Die reformierte Sicht (Lehre)

Der Kerngedanke der Heilslehre der Reformatoren ist, dass das »Buch des Lebens« die Liste der von Gott vor Grundlegung der Welt zum ewigen Heil Erwählten ist. Dieses Lehrverständnis ergibt sich in Harmonie (sog. »Analogie der Schrift«) zu den anderen Lehrpositionen der Reformation (insbesondere deren Heilslehre), nämlich dass Gott souverän über das Heil entscheidet (Prädestination, Erwählung), dass somit die Eintragungen unveränderlich sind, und es kein »Auslöschen« im eigentlichen Sinn gibt (auch wenn diese mit prophetischer Mahnung angedroht wird). Das »Auslöschen« wird also als (aus menschlicher Perspektive) scheinbar verstanden, oder als prophetische Warnsprache verstanden. Im lutherischen Zweig der Reformation wird später jedoch eingeräumt, dass der Mensch sich durch anhaltenden Unglauben selbst wieder aus dem Buch löschen könne. Hier sehen wir eine arminianisch anmutende Verfremdung der Heilslehre (Abfall vom rettenden Glauben sei möglich).

Die Konsequenzen dieser Ansicht: Der durch Gottes vorweltlichem Beschluss und durch Christi Opfer »auf immerdar« Gerettete ist tatsächlich für immer gerettet, steht nicht länger auf einem Bewährungs-Prüfstand, was seine ewige Errettung angeht. Wer so gerettet wurde, ist sicher auf ewig errettet (sog. »Ausharren der Heiligen«). Wer ins »Buch des Lebens« eingetragen wurde, wird bis zum Ende, bis zur ewigen Glückseligkeit, bewahrt bleiben. Das Buch dokumentiert also den ewigen, unveränderlichen Heilsbeschluss Gottes, der auch zur Vollendung führen wird: der Verherrlichung aller zuvor von Gott Erkannten, Bestimmten und Berufenen (Römer 8,29–30). Folglich ist es für die Glaubenden größter Trost und Motivation, »dass eure Namen in den Himmeln angeschrieben sind« (Lukas 10,20).

2.3 Adventistische Sicht (Lehre)

Der Kerngedanke der Sekte der Adventisten (Milleriten, Siebenten-Tags-Adventisten STA) ist, dass das »Buch des Lebens« Teil eines himmlischen Gerichtsprozesses sei. Sie haben die Sonderlehre eines »Untersuchungsgerichts«, das seit 1844 als »Voruntersuchungsgericht« laufe. Dabei werden die Namen einzeln geprüft und bleiben dann entweder bestehen oder werden gelöscht. (Dieses Datum wurde genannt, nachdem drei konkrete Zeitangaben für die Rückkehr Jesu sich als falsch erwiesen hatten: Herbst 1843, 21.03.1844, 22.10.1844.)

Die Konsequenzen dieser Ansicht: Diese Lehre ist eine Vermischung von Gnade Gottes mit realer Bewertung des Lebens unter extremer Betonung der Endzeit. Ein entscheidendes Bewertungskriterium der Treue eines Christen ist die Beachtung des Sabbats als biblischem Ruhetag. Dies geht auf eine (okkulte) Vision ihrer Hauptlehrerin Ellen G. White am 03.04.1847 zurück, die sie angeblich in Topsham, Maine (USA) hatte. In dieser Vision sah sie die Bundeslade im Allerheiligsten, darin die 10 Gebote , wobei das 4. Gebot (Sabbatgebot) mit besonderem Licht hervorgehoben wurde (Quelle: A Word to the Little Flock, 1847). Das Buch ist hier ein aktuelles, überprüftes Register des himmlischen Gerichts.

2.4 Freikirchlich-evangelikale Sicht (Lehre)

Der Kerngedanke der Freikirchen, die sich aus dem Strom des Protestantismus entwickelt hatten, bietet zwei Versionen als Hauptströmungen an. Die eine Sicht ist ähnlich zur reformiert-calvinistischen Sicht, dass die Bucheinträge endgültig seien. Die andere Sicht ist ähnlich zur arminianisch-lutherischen Sicht, dass echter, rettender Glaube auch verloren gehen könne. Der gemeinsame Nenner ist, dass die Eintragung ins Buch durch Glauben an Jesus Christus erfolgt, eine Auslöschung ist je nach Auffassung unmöglich oder möglich, je nach Treue, Willen und Ausharren des Eingetragenen.

Die Konsequenzen dieser Ansicht: Hier wird die »persönliche Entscheidung« des Menschen zum Heil zum entscheidenden Kriterium für Eintragung und Auslöschung. Das Buch dokumentiert also eng die individuelle Bekehrungserfahrung.

Zentrale Streitpunkte

Alle Lehrtraditionen stimmen darin überein, dass das »Buch des Lebens« für Gottes Heilsanerkennung gg. individuellen Menschen steht (Namensliste!). Aber sie unterscheiden sich z.T. radikal darin, wie man in dieses Buch kommt, ob man darin bleibt und wer letztlich über Eintrag und Verbleiben entscheidet.

Die Unterschiede der Lehransichten drehen sich im Kern um drei große Lehrfragen: (1) Prädestination vs. freier Wille (Entscheidet Gott alleine über das Heil oder ist es der Mensch, der das Heil entscheidend ergreift?); (2) Sicherheit der Rettung (Ist das Heil absolut sicher oder ist es gefährdet wegen Untreue und Abfall des Menschen?); (3) Verhältnis von Gnade und Werken (Wird das Heil vom Menschen rein passiv empfangen, also von Gott aktiv erhalten, oder steht der Mensch in der Verantwortung, sich mit guten Werken und Treue als würdig des Heils zu erweisen?).

3 Die Lehrtradition der »Plymouth Brüder« (D: Christliche Versammlung)

Die »Plymouth Brüder« (heute oft nur: »Brüderbewegung«) entstanden in Irland in den 1820er Jahren. Sie kamen in Erwartung der Wiederkunft Jesu in Hauskreisen zum Bibelstudium und Abendmahl zusammen. Durch eifrigen Missionsdienst hat sich diese Bewegung in aller Welt ausgebreitet und hat viele in Splittergruppen und Sekten getrennte Sonderkirchen erzeugt. Prägende Theologen der Bewegung waren die Iren John Nelson Darby (1800–1882), ein anglikanischer Geistlicher aus höchsten gesellschaftlichen Kreisen und herausragender Bildung, sowie William Kelly (1821–1906), ebenfalls ein Spezialist für alte Sprachen, Bibelausleger, Autor und Prediger, der das Gesamtwerk Darbys (z.T. stark) lektorierte und herausgab. Das Verständnis des »Buch des Lebens« wurde maßgeblich von diesen Bibellehrern geprägt. Inzwischen sind jedoch viele alternative Lehrmeinungen entstanden, die sich denen anderer Freikirchen angeglichen haben.

Grundverständnis. Die Brüderbewegung liest das »Buch des Lebens« nicht als eigenständiges Dogma, sondern als integrierten Teil ihres Verständnisses von Erwählung, Wiedergeburt, ewigem Leben, Heilssicherheit und Heilsgewissheit. Der entscheidende Punkt: Wer wirklich gerettet ist, ist endgültig gerettet – und steht damit für immer im Buch.

Klassische Linie (J.N. Darby). Der Kerngedanke von Darby und der frühen Bewegung war: Es gibt aufgrund der Heiligen Schrift objektiv absolute Heilssicherheit sowie subjektiv wirkende Heilsgewissheit für jeden Glaubenden. Die Erwählung zum ewigen Heil fand vor Grundlegung der Welt statt und gründet sich im vorausgesetzten vollendeten Heilswerk Christi. Erwählung ist »ewiger Ratschluss Gottes«, ewige Rettung basiert vollständig auf dem Kreuz und ist abgeschlossen. Wichtig: Ewiges Leben ist nicht verlierbar, sonst wäre es nicht »ewig«.

Konsequenz für das »Buch des Lebens«: Der Eintrag ist Ergebnis göttlicher Erwählung, daher unumkehrbar. Das »Auslöschen« wird rhetorisch (prophetische Sprache) oder als scheinbar (rein menschliche Perspektive) verstanden. – Das entspricht stark der reformierten Position, aber mit stärkerer Betonung der persönlichen Gewissheit.

Einbettung in die Heilslehre der »Brüderbewegung«. (1) Die Heilsgewissheit ist ein zentrales Merkmal (»full assurance of salvation«, basierend u.a. auf 1. Johannes 5,13: »Dies habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr ewiges Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes«.) Das ist entscheidend: Ein Christ weiß sicher, dass er gerettet ist. Diese Gewissheit basiert auf dem Wort Gottes, dem vollbrachten Werk Christi und dem Zeugnis des Heiligen Geistes. Daher ist das »Buch des Lebens« kein unsicheres Register, sondern Ausdruck einer bereits feststehenden Realität. – (2) Die Heilssicherheit (»eternal security«) ist objektiv im vollbrachten und vollkommenen Sühnungsopfer Jesu am Kreuz gegeben, sie hängt nicht subjektiv vom Glaubenden ab. Die Aussage der Schrift ist klar: Ein echter Gläubiger kann nicht verloren gehen (Joh 3,15f; 10,28ff). Das Heil und die Vollendung ist so sicher, dass der Hebräerbrief es in der Vergangenheitsform als bereits vollendet darstellt: »indem er viele Söhne zur Herrlichkeit brachte« (Hebr 2,10). – (3) Die Warnstellen werden in der »Brüderbewegung« klassisch so gelesen: Weil es Scheinchristen gibt, wird festgestellt (oder stark vermutet), dass »Abgefallene«, bei denen man keine Zuchtmaßnahmen Gottes feststellt, wahrscheinlich nie wirklich in diesem »Buch des Lebens« eingetragen waren, sie gehörten nie zu Familie Gottes: »Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns; denn wenn sie von uns gewesen wären, so würden sie wohl bei uns geblieben sein; aber damit sie offenbar würden, dass sie alle nicht von uns sind.« (1.Johannes 2,19).

Variationen und Abweichungen. Innerhalb der Brüderbewegung haben sich Differenzen in der Lehre entwickelt. (1) Die eher Darby lehrhaft folgenden »Brüder« gehen immer noch davon aus, dass der göttliche, personale Wille alles entscheidend prägt, was sie aus Sicht der Gegenseite als »calvinistisch« erscheinen lässt (allein ihre Eschatologie zeigt aber schon auf, dass diese »Brüder« keine Calvinisten sind; sie lehnen dieses Etikett vehement ab). Für sie ist das »Buch des Lebens« ein festes, göttliches, ewiges Register. – (2) Die sog. »Offenen Brüder« haben eine viel größere Bandbreite in der Lehre entwickelt, die mit ihren Ursprüngen und Wurzeln manchmal nur wenig noch zu tun haben. Sie sehen teilweise mehr Raum für die Verantwortung des Menschen und daher für kraftvolle praktische Warnungen. Aber auch hier gilt in der Regel noch: Wer eine echte Wiedergeburt erlebt hat, der hat bleibende Rettung. Die Unterschiede sind eher pastoral, noch nicht fundamental. Das Ganze ist jedoch in Bewegung, da es in diesen Freikirchen kein verbindliches »Credo« gibt. – Die Grundlagenliteratur findet man bei John Nelson Darby (Collected Writings, zu Themen wie: election, eternal life, assurance), William Kelly, C. H. Mackintosh und (amerikanisch) F. W. Grant, H.A. Ironside. Typische Titel lauten: »Eternal Security of the Believer« oder »Assurance of Salvation« (Onlinequellen: Plymouth Brethren Writings, stempublishing.com, oder: bibelkommentare.de).

Zu Offenbarung 3,5

»Wer überwindet, der wird mit weißen Kleidern bekleidet werden, und ich werde seinen Namen nicht auslöschen aus dem Buch des Lebens«

Darby und Kelly stellen am Text fest, dass hier nicht eine Drohung steht, sondern eine Verheißung. Es steht nicht da: »Ich könnte Dich auslöschen«, was die Möglichkeitsform wäre. Hermeneutisch liest Darby die Sendschreiben als moralische Appelle an Bekenner, nicht als metaphysische Aussagen über den Verlust des Heils. Fazit: Die Aussage stärkt die Gewissheit der Überwinder, sie beschreibt keine reale Möglichkeit des Auslöschens des Namens echter Glaubender.

Zu Offenbarung 13,8

»Und alle, die auf der Erde wohnen, werden es anbeten, jeder, dessen Name nicht geschrieben ist in dem Buch des Lebens des geschlachteten Lammes von Grundlegung der Welt an.«

Hier wird die Position der ursprünglichen »Brüderbewegung« besonders deutlich. Die zeitliche Zuordnung (Eintragung vor der Schöpfung) bedeutet, sie ist vollständig unabhängig vom menschlichen Verhalten. Die systematische Konsequenz daraus ist: Das Buch ist Ausdruck der ewigen Erwählung, nicht eines späteren Prozesses. Und letztlich die Christuszentralität: Hier steht eine Zuspitzung auf Jesus Christus, denn es ist das »Buch des Lebens des Lammes«. Erwählung, Kreuz und Erlösung liegen auf einer ewigen Linie. Fazit: Für Darby ist das eine der stärksten Begründungen für die Auslegung: Dieses Buch ist ewig festgelegt, sein Inhalt nicht dynamisch veränderbar.

Sprachlich-thelogische Bemerkungen. Der griechische Text von Offenbarung 13,8 enthält apo katabolēs kosmou. Das bedeutet wörtlich »von Grundlegung der Welt an«, also »seit Beginn der Weltzeit«. Das Griechische sagt nicht ausdrücklich »vor« (pro). Warum lesen/verstehen es Darby u.a. trotzdem wie ein »vor«? – Dazu gibt es drei Gründe(1) In Verbindung mit Offenbarung 17,8 (»nicht geschrieben sind seit…«) kann man argumentieren: Wenn Namen schon von Beginn der Welt drinstehen oder fehlen, dann lag die Entscheidung für die Eintragung vor diesem Zeitpunkt, also in der Ewigkeit vor der Zeit. Das ist ein logischer Schluss, kein rein grammatischer. (2) In Verbindung mit Epheser 1,4 (»erwählt vor Grundlegung der Welt«) und Johannes 17,24 (»geliebt vor Grundlegung der Welt«, i.V.m. der Einsmachung in Joh 17) ist systematisch zu schließen, dass die Bibel eine vorweltliche Erwählung lehrt, mit der auch Offenbarung 13,8 übereinstimmen muss. Daraus ergibt sich: (3) Eine zeitliche Eintragung (erst »seit Beginn« der Erde) wäre unvereinbar mit der Lehre der Erwählung. Da die Erwählung ewig ist, ebenso die Erwählung des Sohnes Gottes zum rettenden »Lamm Gottes«, und das »Buch des Lebens« ein Namensregister der zum Heil Erwählten darstellt, muss dieses Buch samt Inhalt ewigen Charakter haben. Dies folgt keinem philologisch-sprachlichen Zwang, sondern ist ein dogmatisch notwendiger Schluss, wenn man von theologischer Kohärenz und Wahrheit der biblischen Lehre ausgeht.

Auf den weiteren sprachlichen Streitpunkt, ob sich das »von Grundlegung der Welt an« überhaupt auf das »geschrieben« bezieht, und nicht auf das »geschlachtet« bzgl. des Lammes, gehe ich hier nicht weiter ein. Beides ist grammatisch möglich, die Mehrdeutigkeit ist im Griechischen real. Die Entscheidung für das erstere Verständnis ist theologisch begründet. Es scheint in der »Brüderbewegung« noch das übliche Verständnis zu sein (so wiedergegeben in nichtrevELB, ELBCSV, SCHL2000, LUT, KJV, NKJV, ESV, NASB). Die Hermeneutik der Reformation enthält die Grundregel: Unklare Stellen werden durch klare Lehre entschieden. Der historisch-kritische Ansatz hingegen nimmt jede Stelle für sich und gibt (hier) der Syntax Vorrang vor der theologischen Systematik und Widerspruchsfreiheit. Bindung an »geschlachtet« liefern: Einheitsübersetzung, NGÜ, Zürcher Bibel, BasisBibel, neuere ELBREV, NIV, NRSV. – Die grundtextnahe ESV hat trotzdem »written before the foundation«, die NIV dagegen: »Lamb slain from the foundation«, die LUTH2017 lässt die Zuordnung offen. Fazit: Offenbarung 13,8 ist kein Fall, wo die Grammatik die Theologie diktiert, sondern ein Fall, wo die Theologie die Übersetzung lenkt.

Zu Offenbarung 20,12–15

» Und ich sah die Toten, die Großen und die Kleinen, vor dem Thron stehen, und Bücher wurden geöffnet; und ein anderes Buch wurde geöffnet, welches das des Lebens ist. Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben war, nach ihren Werken. … Und wenn jemand nicht geschrieben gefunden wurde in dem Buch des Lebens, so wurde er in den Feuersee geworfen.«

Die »Brüder« haben hingewiesen, dass es zwei Kategorien von Büchern gibt: eines zeichnet die Werke der Menschen auf, das andere deren göttliche Zugehörigkeit (im Heil). Beide sind strikt zu unterscheiden. Kelly und Darby weisen darauf hin, dass die Funktion des »Buches des Lebens« nicht eines der Prüfung ist, sondern als eine Art Bestätigungsregister. Das Urteil erfolgt alleine nach den Werken des Menschen. Zudem: Wer vor diesem Gericht steht, ist bereits verloren! Dieses »Gericht der Toten« entscheidet nicht erst über das Heil jener »Toten«, es offenbart richterlich den bereits feststehenden Zustand. Im Gericht am Ende entscheidet Gott nicht erst, sondern er offenbart, was für ihn feststand.

Zu Lukas 10,20

»[F]reut euch vielmehr, dass eure Namen in den Himmeln angeschrieben sind.«

C.H. Mackintosh betont, wie wichtig diese Stelle pastoral ist. Hier zeigt sich die praktische Seite der »Brüderbewegung«. Sie nimmt den Impuls der Heilsgewissheit im Hier und Jetzt auf, und zwar nicht spekulativ, sondern existenziell. Der Gläubige soll wissen, dass sein Name geschrieben ist. Das ist das Entscheidende. Das ist von Menschen nicht wegzunehmen. Egal, ob man im Dienst für Gott Erfolg hat (wie hier) oder keinen »Erfolg« hat.

Fazit

Die Lehrväter der »Brüderbewegung« lehrten: Das »Buch des Lebens« ist kein offenes Register, sondern der Ausdruck der ewigen, unwiderruflichen Erwählung Gottes, sichtbar gemacht im Heil der Gläubigen und bestätigt im Gericht.

4 Zitate

4.1 Begriffslexikon, 2005.

»Dieser Ausdruck kommt nur in der Offenbarung (7x) und in Phil 4,3 vor. Es wird als das Lebensbuch des Lammes bezeichnet und enthält seit Anbeginn der Welt die Namen aller, die gerettet sind. Wer dort nicht verzeichnet ist, wird in den Feuersee geworfen werden (Offb 20,15). Es wird auch von anderen „Büchern“ gesprochen. Mose erwähnt eines in 2. Mose 32,32; Daniel in Kap. 12,1; und in Offb. 20,12 finden wir, dass es Bücher der Werke gibt, anhand derer die Verlorenen gerichtet werden. Aber die Gesegneten werden niemals vor das Gericht kommen (Joh. 5,24 wörtlich), und das Buch des Lebens enthält allein deren Namen.«

A Dictionary Of Some Of The More Common Biblical Words And Phrases (Galaxie Software, 2005), s.v. Book of Life. Eigene Übersetzung, Fettdruck hinzugefügt.

Kurzkommentar: Der Lexikoneintrag beschränkt sich auf die Vorkommnisse des vollen Namens »Buch des Lebens«. Dieser kommt nur im NT vor. Die Deutung ist, dass dort die Namen aller (nach Vorsatz Gottes bereits) Geretteten stehen, der Namenseintrag in diesem Buch insofern als Sicherung vor dem Gericht Gottes dienen kann. Die Namensliste ist schon seit Anbeginn der Welt statisch fest und gültig, insofern ist weder »Eintragen« noch »Löschen« in der Zeit möglich.

4.2 Roger Liebi, Das Buch des Lebens. Seminarvorlage, 1998.

»Gott liebt alle Menschen und möchte das Leben für jeden einzelnen von ihnen (1Tim 2:4; 2Pet 3:9). Deshalb schrieb er alle Menschen zur Zeit der Erschaffung der Welt („von Grundlegung der Welt an“) in das Buch des Lebens. Durch den Sündenfall kam jedoch das Verhängnis des Todes: „Der Lohn der Sünde ist der Tod“ (Röm 6:23). Der stellvertretende Tod des Herrn Jesus als Lamm Gottes brachte aber die Lösung: „die Gnadengabe Gottes aber ewiges Leben in Christus Jesus, unserem Herrn“ (Röm 6:23).

Jeder Mensch, der im Mutterleib gebildet wird, steht bereits im Lebensbuch. Wenn er jedoch in seinem Leben Gottes Angebot zur Vergebung seiner Sünden nicht in Anspruch nimmt, wird er nach Ablauf seiner Gnadenzeit aus dem Buch des Lebens getilgt. Die Gnadenzeit für den einzelnen Menschen läuft spätestens mit seinem Tod ab (vgl. Mark 2:10; Heb 9:27; 2Mos 9:12).

Beim letzten Gericht vor dem grossen, weissen Thron wird den Verlorenen mit dem Buch des Lebens deklariert werden: Gott wollte euch das Leben geben, ihr aber habt es von euch gewiesen. Eure Namen sind nicht mehr darin. Die Konsequenz davon wird die ewige Pein sein.«

Roger Liebi, Das Buch des Lebens. Seminarvorlage mit Datum 02.06.1998.

Kurzkommentar: Gott ist hier kein ewig und frei erwählender Gott mehr, wie es die Bibel vielfach bezeugt, sondern ein Gott guter Absichten, der aber letztlich hilflos zusehen und abwarten muss, ob die Menschen sich für Gottes Heilsangebot entscheiden werden. Der Mensch allein entscheidet über sein ewiges Glück. Den aktuellen Stand, den aktuellen Umsetzungserfolg des ewigen Rettungswillens Gottes, zeigen die Einträge im »Buch des Lebens«. Als Buchhalter greift Gott ggf. zum göttlichen Radiergummi, um seine eigenen (irrtümlichen?) »Eintragungen auf Probe« wieder zu entfernen. Das Buch des Lebens reduziert sich zu einem Ausweis, dass Gott im Prinzip rettende Absichten hat. – Soll hier wieder einmal Gott davor bewahrt werden, dass Er wie Gott handelt (Römer 9,15–24)? Der Entwurf hat Anklänge zu Ideen im Judentum, im Arminianismus und im Semi-Pelagianismus. Die Schrift hingegen sagt: »Also liegt es nun nicht an dem Wollenden noch an dem Laufenden, sondern an dem begnadigenden Gott.« (Römer 9,16).

4.3 John MacArthur, Divine Immutability and the Doctrines of Grace, 2006.

»Der Plan Gottes war von Ewigkeit her, einen Teil der gefallenen Menschheit durch das Werk des Sohnes und zur Ehre des Sohnes zu erlösen (vgl. 2Tim 4,18). Es gab einen Moment in der Ewigkeit vor der Zeit (wenn wir so in unvollkommen zeitlichen Begriffen von der Ewigkeit sprechen dürfen), als der Vater seine vollkommene und unbegreifliche Liebe zum Sohn zum Ausdruck bringen wollte. Um dies zu tun, beschloss er, dem Sohn eine erlöste Menschheit als Liebesgabe zu geben – eine Schar von Männern und Frauen, deren Aufgabe es sein sollte, den Sohn während aller Äonen der Ewigkeit zu preisen und zu verherrlichen und ihm vollkommen zu dienen. Engel allein würden in dieser Hinsicht nicht ausreichen, denn es gibt Eigenschaften des Sohnes, für die Engel ihn nicht richtig preisen können, da sie die Erlösung nie erfahren haben. Aber eine erlöste Menschheit, als direkte Empfänger seiner unverdienten Gunst, würde für immer als ein ewiges Zeugnis für die unendliche Größe seiner Barmherzigkeit und Gnade stehen.

Der Vater beschloss daher, dem Sohn eine erlöste Menschheit als sichtbaren Ausdruck seiner unendlichen Liebe zu geben. Dabei wählte er alle aus, die diese erlöste Menschheit bilden sollten, und schrieb, bevor die Welt begann, ihre Namen in das Buch des Lebens (Offb 13,8; 17,8). Sein Geschenk an den Sohn besteht aus denjenigen, deren Namen in diesem Buch stehen – eine freudige Gemeinde unverdienter Heiliger, die den Sohn für immer preisen und ihm dienen werden.«

John MacArthur, Divine Immutability and the Doctrines of Grace. Vorwort in: Steven J. Lawson, Foundations of Grace (A Long Line of Godly Men), Lake Mary, FL: Ligonier Ministries, 2006. Eigene Übersetzung, Fettdruck hinzugefügt.

Kurzkommentar: Das Buch des Lebens enthält hier alle vorzeitlich zur Gemeinschaft mit dem Sohn und damit zum Heil erwählten Menschen, und zwar «bevor die Welt begann« (daher können die Namen dann auch »seit« Anbeginn der Welt im Buch stehen, und zwar statisch). Die Liste ist fix, es gibt in der Zeit weder einen Neueintrag noch eine Löschung.

Wo stand der Baum der Erkenntnis?

Lesedauer: 18 Minuten.

Zwei Bäume im Garten Eden

Das Buch Genesis (1. Mosebuch im Pentateuch) erwähnt mehrfach Bäume, die der Schöpfer-Gott durch sein Schöpfungswort in den Garten Eden gepflanzt hatte. Zum Beispiel:

»Und Gott sprach: Die Erde lasse Gras hervorsprossen, Kraut, das Samen hervorbringe, Fruchtbäume, die Frucht tragen nach ihrer Art, in der ihr Same sei, auf der Erde! Und es wurde so. Und die Erde brachte Gras hervor, Kraut, das Samen hervorbringt nach seiner Art, und Bäume, die Frucht tragen, in der ihr Same ist nach ihrer Art. Und Gott sah, dass es gut war.« (1. Mose 1,11f)

Viele dieser Bäume hatten samentragende Früchte, von denen  sich die ersten Menschen nach Willen Gottes u. a. ernähren sollten:

»Und Gott sprach: Siehe, ich habe euch alles samenbringende Kraut gegeben, das auf der Fläche der ganzen Erde ist, und jeden Baum, an dem samenbringende Baumfrucht ist: Es soll euch zur Speise sein« (1. Mose 1,29)

Im zweiten Kapitel der Genesis wird dieser Schöpfungsakt Gottes nochmals beschrieben und dabei zwei Bäume besonders hervorgehoben:

»Und Jahwe Gott ließ aus dem Erdboden allerlei Bäume wachsen, lieblich anzusehen und gut zur Speise; und den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens, und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.« (1. Mose 2,9)

Zwei Bäume werden von den anderen Bäumen unterschieden durch besondere Erwähnung, durch Namensgebung und durch eine Ortsangabe für den »Baum des Lebens«. Einer dieser Bäume wird aus der Angebotsfülle an Nahrung ausdrücklich herausgenommen, Gott spricht vielmehr ein klares Speiseverbot gegenüber Adam aus (die »Männin« war zu diesem Zeitpunkt noch nicht gebildet worden, das folgt ab Kapitel 2,18ff):

»Und Jahwe Gott gebot dem Menschen [hebr. adam, dem »Erdling«] und sprach: Von jedem Baum des Gartens darfst du nach Belieben essen; aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, davon sollst du nicht essen; denn an dem Tag, da du davon isst, musst du sterben.« (1. Mose 2,16f)

In der Versuchungsgeschichte in Genesis 3 wird dieses erste und einzige Verbot von der Schlange als großer Mangel an Gottes Güte und Liebe dargestellt (3,1), zudem wird die gute Intention (Absicht) und Wahrheit des göttlichen Verbotes angezweifelt. Wir sehen einen verleumderischen Zentralangriff der Schlange auf das Wesen und die Ehre Gottes. Die Frau behauptet in ihrer Antwort folgendes:

Von der Frucht der Bäume des Gartens essen wir; aber von der Frucht des Baumes, der in der Mitte des Gartens ist, hat Gott gesagt: Davon sollt ihr nicht essen und sie nicht anrühren, damit ihr nicht sterbt.« (1. Mose 3,2f)

Die Versuchung verläuft über einen kurzen Dialog zwischen Schlange und Frau »erfolgreich« (besser: »folgenreich«!) zur Ursünde der Frau und Adams (siehe dazu die detailliertere Studie »Was drei para-Wörter über das Wesen der Sünde lehren«; auf diesem BLOG: logikos.club/?p=2019). Das Calwer Bibellexikon fasst den Ablauf trefflich zusammen:

»Es darf nicht übersehen werden, dass wichtige Beweggründe die ersten Menschen zum Halten des Gebots verpflichteten: 1) die Dankbarkeit gegen Gott, der ihnen ja im selben Augenblick so vieles erlaubt hatte, 2) die Furcht vor Gott, der mit schwerer Strafe die Übertretung bedrohte;  3) das Vertrauen auf Gott, der — nach seiner bisherigen Güte zu schließen — gewiss auch jetzt, bei diesem Verbot, nur ihr eigenes Beste im Auge hatte.

Daher gehen auch die Reden der Schlange darauf aus, gerade diese drei schützenden Wächter des göttlichen Gebots aus dem Herzen der Menschen zu entfernen: die Dankbarkeit, indem Gott durch die sein Verbot verdrehende Frage hingestellt wird als ein Wesen, das nur verbieten kann (V. 1Mos. 3, 1). Als dann die Antwort der Eva zeigt, dass nur die Furcht vor der Strafe sie noch bindet — denn von Dankbarkeit zeigt ihr Wort schon nichts mehr (V. 1Mos. 3, 2 und 1Mos. 3, 3), — geht die Schlange zur bestimmten Leugnung der Wahrhaftigkeit der göttlichen Drohung weiter, benimmt der Eva dadurch auch die Furcht vor Gott (V. 1Mos. 3, 4) und untergräbt zugleich das Vertrauen auf Gott, indem sie das Verbot als Folge eines göttlichen Neides, der den Menschen ihr Glück nicht gönnen will, hinstellt (V. 1Mos. 3, 5.).
Das Mittel der Verführung ist also Verdrehung der Worte Gottes und Lüge, der letzte Keim der Sünde aber ist, dass die Menschen diesen Lügen mehr glauben, als dem Worte Gottes und sich dadurch aus ihrer Kindesstellung zu Gott herauslocken lassen. Nun erst erwachte auch die böse Lust, mit der sie sich selbst weiter betrogen, als ob das Essen vom verbotenen Baum ein besonderer Genuss und die Folge davon ein großer Fortschritt für sie sei. Und aus der bösen Lust erwuchs die böse Tat (V. 1Mos. 3, 6), der freilich die Ernüchterung auf dem Fuße folgte (V. 1Mos. 3, 7).
Der Hergang ist ganz dem Spruch entsprechend, mit dem Jak. 1, 14f die Entstehung jeder Sünde in der nachparadiesischen Zeit beschreibt. Nur wurden die ersten Menschen nicht von ihrer eigenen Lust versucht, sondern diese wurde bei ihnen erst durch Einflüsterungen von Außen geweckt.«
Zeller, P. (Hrsg.). Calwer Bibellexikon: Biblisches Handwörterbuch illustriert, s.v.  Sünde, sündigen. Fettdruck hnzugefügt.

Der Weg des in Sünde gefallenen Menschen verläuft nun von Gott weg, nach Osten, weg vom Berg Gottes (von Eden, wo Gott wohnte), hinaus aus dem Garten Eden auf den Erdboden außerhalb Edens. Die in Genesis folgende Urgeschichte zeichnet den Weg des Menschen »nach Osten«, von Gott weg, nach (NB: Beachte die implizite Tempelstruktur.) Es ist ein Weg, der von Gräbern, dem Tod, markiert ist (1. Mose 5,5ff; Refrain: »und er starb«). Erlösungsgeschichte beginnt erst da, wo Gott selbst als Mensch in diese Welt eintritt und den Weg zurück nach Eden, dem »Paradies Gottes« mit dem »Baum des Lebens«, mit dem Menschen geht (s. Offenbarung 2,7; 22,2.14.19). Dieser Heilsweg Gottes (»Go West!«) soll hier nicht weiter verfolgt werden.

Wir wissen nun, wo der »Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen« ursprünglich erwähnt wird und was über ihn ausgesagt wurde. Aber wo stand er genau?

Der Standort des Baumes der Erkenntnis

Der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, dass es nur vom »Baum des Lebens« ausdrücklich heißt, dass er »in der Mitte des Gartens« (hebr. b tok ha gan) stand (Genesis 2,9). Dies wird für den anderen Baum, den der Erkenntnis, nicht ausdrücklich gesagt. Dieser wird im Bericht mit Namen angegeben, aber ohne ausdrückliche Ortsangabe.

Anders klingt es, wenn wir der Frau in Genesis 3,3 zuhören. Sie sagte zur Schlange:

»… aber von der Frucht des Baumes, der in der Mitte des Gartens ist, hat Gott gesagt: Davon sollt ihr nicht essen und sie nicht anrühren, damit ihr nicht sterbt.« (1. Mose 3,3)

Da muss man genauer hinsehen. Zunächst einmal nennt die Frau nicht ausdrücklich den Namen des Baumes, von dem sie nun spricht. Sie redet von jenem Baum, »der in der Mitte des Gartens ist«. Das wäre nach dem bisherigen Bericht der »Baum des Lebens«. Aus dem Kontext und der Logik der Rede der Frau muss man aber schlussfolgern, dass sie vom verbotenen Baum redet und diesen hier »in der Mitte des Gartens« verortet. Das wirft Fragen auf: Wie ist das zu erklären? Wie ist das zu verstehen?

Da die Frau im selben Satz unsicher und ungenau ist bezüglich des genauen Verbotes Gottes (sie fügt das »nicht anrühren« hinzu!), mögen auch andere Aspekte ihrer Aussage zweifelhaft sein. Zweitens könnte es sein, das sie nicht eine geografische (örtliche) Aussage über den Baum machte, sondern mit der »Mitte« eine subjektiv empfundene Wahrnehmung der Wichtigkeit wiedergab. Die »Mitte« wäre also eher symbolisch als denn geografisch zu verstehen. Diese Unsicherheit bietet Raum für unterschiedliche theologische Deutungen, entsprechend gehen die Auslegungen auseinander.

Unterschiedliche Auslegungen des Textes

Der hebräische Befund von Genesis 2,9 und 3,3

Der masoretische Text von Genesis 2,9 lautet wörtlich etwa: »und den Baum des Lebens inmitten des Gartens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse«. Die Ortsangabe »inmitten des Gartens« (beṯôḵ ha-gān) steht unmittelbar beim »Baum des Lebens«. Es bedeutet je nach Kontext »inmitten«, »in der Mitte«, oder allgemeiner »innerhalb«. Rein syntaktisch, also vom Satzaufbau her, ist der nächstliegende Bezug der Ortsangabe der Baum des Lebens. 

Eine zweite Beobachtung ist auch wichtig: Der Vers ist elliptisch aufgebaut, das heißt, er hat Auslassung(en). Das Hebräische sagt nicht ausdrücklich: »nur der Baum des Lebens stand in der Mitte«. Deshalb gibt es Übersetzungen und Kommentare, die den Satz als zusammenfassende Nennung der zwei Sonderbäume lesen. Man muss aber gezielt zu den ungenauen »Übertragungen« greifen, um folgende falsche Wiedergabe zu finden: »Mitten im Garten ›standen‹ der Baum des Lebens und der Baum, der zur Erkenntnis von Gut und Böse führt.« (Neue Genfer Übersetzung). Das ist Auslegung, nicht treue Wiedergabe des Textes.

Dann folgt Genesis 3,3: »von der Frucht des Baumes, der inmitten des Gartens ist«. Hier steht im Singular (Einzahl): »des Baumes, der«. Im Gespräch mit der Schlange meint die Frau damit offenkundig (nur) den einen Baum, von dem zu essen Gott verboten hatte. Das klingt so, als ob der Baum der Erkenntnis aus ihrer Perspektive ebenfalls als ein Baum »inmitten des Gartens« bezeichnet werden könnte. Man beachte: Die Frau liefert keine sachliche Ortsangabe, sondern ihren persönlichen Eindruck, ihr subjektives Wissen, Bewerten und Denken.

Wohin tragen uns die sprachlichen Überlegungen?

Erstens: Der stärkste unmittelbare Satzbezug in Genesis 2,9 lokalisiert (nur) den Baum des Lebens in der Mitte. Das ist der grammatisch konservativste Befund.

Zweitens: Genesis 3,3 zeigt, dass die Frau den verbotenen Baum ebenfalls mit der Formel »inmitten des Gartens« verortet. Das kann heißen: 1.) der Erkenntnisbaum stand auch dort; 2.) der Erkenntnisbaum stand irgendwie nahe beim Lebensbaum, oder 3.) »inmitten« ist hier funktional-symbolisch gemeint, also als »der zentrale Baum der Erprobung« im Kontext. Der Text selbst entscheidet diese drei Möglichkeiten nicht vollständig.

Drittens: Der eigentliche erzählerische Zug ist vermutlich nicht botanisch-geografisch, sondern theologisch: Beide Bäume sind die beiden Brennpunkte der Erzählung: 1.) Gott gibt dem Menschen das Leben und die Fülle (Genuss), weil der Mensch als Geschöpf das Leben nicht in sich selbst hat. 2.) Das Leben und Gedeihen des Menschen ist nur gesichert in Anerkennung, dass der Lebensgeber auch der Gebieter ist, dem man Gehorsam schuldig ist: Der Schöpfungsakt hatte Menschen »im Bild und Gleichnis Gottes« gezeitigt, aber keine Götter (mit wesenseigener Aseität). Dass die Ortsangabe zwischen Genesis 2,9 und 3,3 »wandert«, ist literarisch auffällig und wahrscheinlich beabsichtigt.

Die Auslegung der patristischen und lateinischen Tradition

In der alten Kirche wird der botanisch-räumliche Aspekt meist rasch vom moralischen und sakramentalen verdrängt. Augustinus betont entschieden: Der verbotene Baum war nicht böse an sich; jede von Gott geschaffene Pflanze im Paradies ist gut. Verboten war der Baum vielmehr deswegen, um den Menschen Gehorsam zu lehren. Der Name »Erkenntnis von Gut und Böse« erklärt sich bei ihm daraus, dass der Mensch nach dem Essen am eigenen Leib den Unterschied zwischen dem Guten des Gehorsams und dem Bösen des Ungehorsams erfahren sollte. Damit verschiebt Augustinus die Frage von »Wo stand der Baum geografisch?« zum theologisch-teleologischen: »Wozu diente das Verbot?« (Was war die gute Absicht Gottes, sein Telos, mit diesem Verbot?). Der Garten bleibt bei ihm real, aber der dogmatische Fokus liegt auf ordo, obedientia (Ordnung, Gehorsam) und dem Ursprung der Sünde. Der Baum ist gut; der Sündenfall liegt im Menschen, der zu seinem eigenen Verderben das geringere Gut (Auge, Lust, Begehren) gegenüber dem höheren Gut (Gehorsam Gott gegenüber) wählt.

Thomas von Aquin übernimmt diese Linie. In der Summa Theologiae nennt er sowohl den Baum des Lebens als auch den Baum der Erkenntnis materielle Bäume. Der Baum der Erkenntnis heiße so »mit Blick auf das spätere Geschehen«, weil der Mensch nach dem Essen durch die Strafe den Unterschied von Gut und Böse erfahre. Auch hier ist die Standortfrage sekundär gegenüber der Lehre von Natur, Gehorsam und Strafe.

Die lateinisch-westliche Linie bei Augustinus und Aquin verlagert die Debatte also stark auf Gehorsam, Willensordnung, Sünde und Strafe und später auf die Lehre von der Erbsünde. Der Erkenntnisbaum wird nicht als metaphysisch »schlechter« Gegenbaum zum Lebensbaum verstanden, sondern als guter Baum, der durch das Verbot zum Ort der Prüfung wird.

Die »herzenserforschend-theologische« Deutung des Textes

Man könnte sich fragen, ob und inwiefern man den Text so deuten könne, dass die Aussage der Frau (»inmitten des Gartens«) eine Verschiebung in ihrer Wahrnehmung der Realität darstellt? Dass die Frau sozusagen den »Verbots-Baum« zum Mittelpunkt ihrer subjektiven Vorstellung von Gott macht, statt dass sie den lebensstiftenden »Baum des Lebens« real (objektiv) als Mitte des Garten Edens wahrnimmt.

Zum Glück berichtet die Schrift von den verborgenen Vorgängen im Denken, Fühlen und Entscheiden (dem »Herz«) der Frau. Sie war ja (wie viele lehren) mit »freiem Willen« und unschuldig geschaffen worden. Solchen Menschen begegnen wir ja seit dem Sündenfall nicht mehr, der menschgewordene »Heilige« natürlich ausgeschlossen. Wir müssen also nicht spekulieren, brauchen keine tiefenpsychologische Deutung, der Text reicht. Sehen wir also, wohin ihr »freier Wille« sie führt. 

Wir sehen Frappierendes: Die Wahrnehmung der Frau verschiebt sich vom Lebens-Mittelpunkt und der Fülle des Segens zur göttlich vorgegebenen Grenze ihres Segensraums. Der verbotene Rand wird mental-seelisch zum Zentrum. Das eigentliche Zentrum, das Leben in Fülle, wird überblendet, ausgeblendet, verblasst. Die Frau verändert das Gebot Gottes, warum wissen wir nicht. Letztlich wird die Frau dadurch anfällig gegenüber der Lüge der Schlange. Wir sehen nicht nur eine sprachliche oder rein mentale, sondern eine kognitiv-theologische Verschiebung: ihr Gottesbild hängt schief. Oder ist es schon auf den Boden gefallen?

Jetzt wird es brandgefährlich! Denn ihre falsche Vorstellung spannt eine Leinwand auf, auf die die Schlange einen angeblichen Mangel projizieren konnte. Wo das Gottesbild schief hängt, entsteht eine Zielscheibe für die tödlichen Pfeile Satans. Die Frau fällt auf diese Gott die Ehre abschneidenden Lügen prompt herein. Der Tod folgt dann aber so »gewiss«, wie es Gott vorher gesagt hatte. Wir lernen: Wenn Gottes Ehre in Konkurrenz zu den »Bedürfnissen« und »Gefühlen« des Menschen tritt, führt die Priorisierung des Menschen todsicher ins Verderben, die Priorisierung Gottes aber zu Leben in Überfluss.

Die These dieses Ansatzes lässt sich so formulieren: »Die Bezeichnung des verbotenen Baumes als »inmitten des Gartens« durch die Frau (Genesis 3,3) lässt sich als Hinweis auf eine beginnende Verschiebung der inneren Orientierung lesen, in der das Verbotene jenen Platz des Lebenszentrums einnimmt, der nach Genesis 2,9 (allein) dem Baum des Lebens zukommt. Im Kern wird das Gottesbild verzerrt und verfälscht, was größtes Unheil auslöst.« Diese These ist exegetisch verantwortbar, ohne den Text zu überdehnen.

Fazit

Bleibt man eng am hebräischen Text, kann man Folgendes festhalten:

  • Der sichere Textbefund liefert in Genesis 2,9 ausdrücklich nur vom Baum des Lebens, dass er »inmitten des Gartens« stand. Das ist die objektive Feststellung.
  • Ebenfalls zu beachten ist, dass in Genesis 3,3 die Frau sagt, dass der verbotene Baum »inmitten des Gartens« sei. Das ist ihre subjektive Darstellung. Sie kommt in einem Satz, der eine Falschaussage über das Gebot Gottes enthält; das weckt Zweifel.
  • Folgerung:
    (1) Die Schrift erlaubt nicht die harte Behauptung: »Im Zentrum des Garten Edens stand sicher nur der Baum des Lebens.« 
    (2) Die Schrift erlaubt nicht die harte Behauptung: »Beide Bäume standen sicher beide im Mittelpunkt des Garten Edens.« 
    Der Text hält die Sache bewusst in einer produktiven Spannung. 
  • Der Ansatz der oben dargestellten »herzenserforschend-theologische« Deutung des Textes als innerer Fehlorientierung der Frau, die zur Gedankensünde und dann zur Tatsünde und zum Anstecken anderer zur Sünde führt, ist textlich und exegetisch verantwortbar. Er müsste mit den einschlägigen Stellen des Neuen Testaments geprüft und ergänzt werden.

Warum die Verführung der Frau auch im NT relevant ist

Eine kurze Übersicht samt Kurzkommentar von Bibelstellen im NT soll erste Hilfen bieten, dieses Ur-Ereignis biblisch zu deuten und seine Relevanz für uns Christen zu erfassen. Auch wenn die Frau die Ur-Sünde beging, so ist doch der Mann an ihrer Seite als Repräsentant der Menschen öffentlich verantwortlich für die Ur-Sünde und alle ihre Folgen. Mann wie Frau brauchen Erlösung und Sühnung (usw.). Gott bereitet alles Heilsnotwendige vor und schenkt es jedem Glaubenden frei, wenn er umkehrt, indem er seine Sünde bekennt und an den Retter-Gott glaubt. Die Errettung »allein aus Glauben«, »allein in Christus« gilt seit »Paradies lost« bis »All the children are in«, wenn die Gnadenzeit zu Ende gekommen sein wird.

2. Korinther 11,3

»Ich fürchte aber, dass etwa, wie die Schlange Eva durch ihre List verführte, so euer Sinn verdorben und abgewandt werde von der Einfalt gegenüber dem Christus.«

Hier wird die NT-Gemeinde gewarnt vor der Verführung durch die »Schlange«, den Satan. Paulus nutzt Eva als Typus für geistliche Gefährdung durch List. Im Kontext geht es um die Verführung durch als Wahrheit getarnte Lehre, der die Christen mangels Unterscheidungsvermögen nicht nur keinen Widerstand bieten, sondern das Falsche sogar »gut ertragen«, ja sogar als »begehrenswert« geradezu willkommen heißen (s. Kontext). Herausforderung: Werden die Männer wieder schweigen, zuschauen, mitmachen?

1. Timotheus  2,13–14

»… denn Adam wurde zuerst gebildet, danach Eva; und Adam wurde nicht betrogen, die Frau aber wurde betrogen und fiel in Übertretung.«

Hier wird die Lehrautorität in der Gemeinde Jesu Christi exklusiv Männern anvertraut und mit dem Ur-Betrugsfall im Garten Eden begründet. Die Frau dient als Präzedenzfall für Verführbarkeit. Da damit eine geschlechterspezifische Begründung für Teile der Gemeindeordnung (Lehre/Autorität) geliefert wird, wütet der aktuelle Zeitgeist vehement gegen diese Anweisung des Apostels. Hilfreich ist an dieser Stelle der Hinweis, dass die hier vorgegebene funktionelle Differenzierung der Geschlechterrollen keine ontologische Wertaussage mit sich bringt. Die Anweisung wird auch nicht mit der Intelligenz oder fachlichen Kompetenz der Geschlechter begründet, es gibt ganz offenbar kluge Frauen und dumme Männer. Gott nimmt sich sein ureigenes Recht heraus, in seiner Gemeinde die Autoritätsstrukturen vorzugeben. Wem das nicht passt, kann seinen eigenen kirchlichen Verein gründen.

Römer 5,12–19

»Darum, so wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod und so der Tod zu allen Menschen durchgedrungen ist, weil sie alle gesündigt haben…  Denn so wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen in die Stellung von Sündern gesetzt worden sind, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen in die Stellung von Gerechten gesetzt werden.« (Römer 5,12.19)

In diesem Text werden zwei Familien kontrastiert, indem deren »Häupter« (Repräsentanten) gegenübergestellt werden. Adam ist das Haupt der Familie aller Menschen, Christus das Haupt der Familie der Erlösten. Der Fokus ist also auf die Repräsentationsfunktion. Daher wird die Frau, Eva, überhaupt nicht namentlich erwähnt, aber im vorausgesetzten Sündenfall mitgedacht. Gegenüber Gott ist Adam für den Sündenfall des Menschen voll verantwortlich. Da er im Gegensatz zu Eva das Gebot Gottes direkt empfangen hatte (die Frau war noch gar nicht erschaffen worden!), war seine Sünde eine »Übertretung« und wog daher schwerer. Adams Sünde wird allen Menschen (seiner Familie) zugerechnet, er riss alle mit in den Tod. Dass alle Menschen »in Adam« sind und daher ohne Christus schuldige Sünder vor Gott, beweisen sie beständig dadurch, dass sie alle sündigen (Römer 3,23; 5,12). Herausforderung: Welcher Familie gehöre ich an? Wer ist mein »Haupt«?

1. Korinther 15,21–22; 45–49

»… denn da ja durch einen Menschen der Tod kam, so auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in dem Adam alle sterben, so werden auch in dem Christus alle lebendig gemacht werden.«

Auch hier arbeitet der Apostel Paulus wieder mit der Adam-Christus-Parallele: zwei Menschenmengen werden über ihre »Häupter« in Kontrast gesetzt. In diesem Zusammenhang wird wieder Adam, nicht Eva, für die Sünde und die Todesfolge verantwortlich gemacht. Eva bleibt im Hintergrund, auch wenn sie »Mutter der Lebendigen« ist. Adam übernimmt die Repräsentationsfunktion.

Offenbarung 12,9; 20,2

»Und es wurde geworfen der große Drache, die alte Schlange, welcher Teufel und Satan genannt wird, der den ganzen Erdkreis verführt, geworfen wurde er auf die Erde, … Und er griff den Drachen, die alte Schlange, die der Teufel und der Satan ist; und er band ihn tausend Jahre und warf ihn in den Abgrund und schloss zu und versiegelte über ihm…«

Diese Stellen in der Offenbarung Jesus Christi identifizieren die Schlange aus dem Garten Eden als Drachen, Teufel und Satan. Auch dies zeigt über die Rückbindung die Wahrheit des Genesisberichts an; wir haben dort keine mythische Erzählung, sondern Gottes (Heils-) Geschichte. Eva wird auch hier nicht genannt, aber über die erwähnte Verführung (20,3) angespielt, also vorausgesetzt.

1. Johannes 2,16f

»… denn alles, was in der Welt ist, die Lust des Fleisches und die Lust der Augen und der Hochmut des Lebens, ist nicht von dem Vater, sondern ist von der Welt. Und die Welt vergeht und ihre Lust; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit.«

Klassisch werden die drei genannten weltlichen Versuchungen als Anspielung auf den Ur-Sündenfall in Genesis 3,6 gedeutet (Sehen – Begehren – Selbstüberhöhung) gedeutet:

»Und die Frau sah, dass der Baum gut zur Speise und dass er eine Lust für die Augen und dass der Baum begehrenswert wäre, um Einsicht zu geben; und sie nahm von seiner Frucht und aß, und sie gab auch ihrem Mann bei ihr, und er aß.«

Die inneren Vorgänge der Frau in der Verführung zur Sünde sind exemplarisch für die dann alle Menschen umfassenden Verführbarkeit zur Tatsünde. Wir lernen, dass der Tatsünde die Herzenssünde vorausgeht. Jesus sagt, dass diese Herzenssünde die schwerere ist und daher bei Gott ebenfalls justiziabel ist (Matthäus 5,21ff). Jakobs markiert die Herzenssünde als Folge einer weltlichen »Begierde«; der Herzenssünde folgt dann als »Vollendung« die Tatsünde (Jakobus 1,15), s.u. Am Fuße dieser schlüpfrigen Rampe wartet der ewige Tod.

Matthäus 4,1–11

»Und der Versucher trat zu ihm [Jesus Christus] hin und sprach: Wenn du Gottes Sohn bist, so sprich, dass diese Steine zu Broten werden. … Wenn du Gottes Sohn bist, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: ›Er wird seinen Engeln deinetwegen befehlen, und sie werden dich auf Händen tragen, damit du nicht etwa deinen Fuß an einen Stein stoßest.‹ … Dies alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.«

Die Versuchung Jesu in der Wüste geschah nach 40 Tagen Fasten und laufenden Angriffen des Diabolos (s. Lukas 4,1–2) und kulminierte in diesen drei Versuchungen: Essen (körperliches Verlangen), Schauwunder (um Ansehen zu erringen) und Abkürzung zum globalen Königtum (also, ohne die Sündenfrage zu klären). Alle drei Aufforderungen zur Tat lag kein Auftrag des Vaters zugrunde, sondern war Aufforderung Satans. Jesus musste schon allein deswegen alle drei Aufforderungen als illegitim zurückweisen. Er tat nur, was der Vater ihm hieß, niemals das, was der Teufel Ihm anbot.

Der Kontrast zwischen der Versuchung Jesu in der Wüste zur Versuchung der Frau im Garten Eden könnte nicht größer sein. Die drei Versuchungsbereiche, die bei der Frau »erfolgreich« zur Sünde führten (und wohl bei Milliarden von Menschen seitdem), will Satan auch beim »Sohn des Menschen« wirksam werden lassen. Und Satan zielt bei Jesus Christus genau dorthin, »wo es weh tut«. Aber im Gegensatz zur Frau (und dem schweigenden Adam) kennt Jesus Christus das Wort Gottes, will nur diesen tun, und zerschießt daher alle Versuchungsangebote Satans mit Gottes Wort (alle mit Zitaten aus Deuteronomium, 5. Mose).

Gott sei Dank! Der Heilige erweist sich vor aller Augen als reines und heiliges Opfer (als »Lamm ohne Fehl und ohne Flecken«; 1. Petrus 1,19) und als heiliger Hoherpriester: »Denn ein solcher Hoherpriester geziemte uns: heilig, unschuldig, unbefleckt, abgesondert von den Sündern« (Hebräer 7,26). Vgl. dazu das dreifache apostolische Zeugnis der Sündlosigkeit Jesu: 2. Korinther 5,21; 1. Petrus 2,22; 1. Johannes 3,5!

Jakobus 1,14–15

»Jeder aber wird versucht, wenn er von seiner eigenen Begierde fortgezogen und gelockt wird. Danach, wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod

Dieser Text beschreibt die Wirkungskette einer Versuchung zur Sünde. Gott versucht auf diese Weise und mit dieser Zielsetzung keinen Menschen, niemanden. Seine Versuchungen sind Erprobungen des Glaubens und dienen der Reifung (1. Petrus 1,3ff). Hier wird vielmehr beschrieben, wie die Sünde im Sünder (im »alten Menschen«) wirkt. Eva dient implizit als Urmodell der Versuchung (s.o.), die Versuchung wirkt indessen in allen unerlösten Menschen, da sie alle »Sklaven der Sünde« sind (Johannes 8,34; Römer 6,16–20). Erst »Wenn nun der Sohn euch frei macht, werdet ihr wirklich frei sein« (Johannes 8,36). Erst ab der Einsmachung des Glaubenden mit Jesu Sterben muss ein glaubender Mensch »der Sünde nicht mehr dienen« (Römer 6,6): Der alte Zwangsablauf ist zerbrochen, die Herrschaft der Sünde beendet: »Also herrsche nicht die Sünde in eurem sterblichen Leib, um seinen Begierden zu gehorchen« (Römer 6,12). Halleluja!

Erwählung ist Liebesakt

Lesedauer: 11 Minuten.

Im Folgenden soll die These »Heilsgeschichte ist Liebesgeschichte« etwas vertieft werden, indem der biblisch durchgehende Zusammenhang zwischen Erwählung und Liebe etwas strukturierter belegt wird. Dies könnte als Startpunkt für eigene Untersuchungen dienen, welche ausdrücklich empfohlen werden. Das Thema ist einfach viel zu grundlegend, herzbefestigend und herzerwärmend, als dass man an ihm interesselos vorbeigehen dürfte. 

Die Akzentsetzungen der Erwählung aus Liebe liegen im Alten und Neuen Testament etwas unterschiedlich, weil die Liebes- und Heilsgeschichte sich im AT eher um Israel dreht, wohingegen sie sich im NT allen Menschen zuwendet. Zudem ist die Selbstoffenbarung Gottes und seiner Werke und Absichten fortschreitend. Wir kommen ohne AT oder ohne NT nicht aus, sie sind beide Glaubensgrundlage des Christen.

Altes Testament (AT)

Im AT geschieht Erwählung aus Gottes Liebe vor allem kollektiv: das Volk Israel betreffend. Aber die Bündnisse und die Propheten reden bereits vorausdeutend davon, dass diese Liebe mit allen Folgen erst durch »den Samen Abrahams« möglich sein wird, durch Jesus Christus, dem Messias. Eines Tages »wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen mit Heilung in ihren Flügeln« (Maleachi 3,20; vgl. Jesaja 58,8 u.a.).

5. Mose 7,7–8

»Nicht weil ihr mehr wäret als alle Völker, hat Jahwe sich euch zugeneigt und euch erwählt; denn ihr seid das geringste unter allen Völkern; sondern wegen der Liebe Jahwes zu euch und weil er den Eid hielt, den er euren Vätern geschworen hat…«

Kernaussage. Die Erwählung Israels wird ausdrücklich mit Gottes Liebe begründet, nicht mit Israels Glanz, Schönheit, Leistung oder Größe.

5. Mose 10,15

»Jedoch deinen Vätern hat Jahwe sich zugeneigt, sie zu lieben; und er hat euch, ihre Nachkommen nach ihnen, aus allen Völkern erwählt, wie es an diesem Tag ist.«

Kernaussage. Zuerst kommt von Gottes Seite eine Entscheidung, Israel (die Vorväter) zu lieben. Daraus folgt (kausal) die Erwählung.

Maleachi 1,2–3

»Ich habe euch geliebt, spricht Jahwe; aber ihr sprecht: ›Worin hast du uns geliebt?‹ – War nicht Esau der Bruder Jakobs?, spricht Jahwe. Und ich habe Jakob geliebt, Esau aber habe ich gehasst…«

Kernaussage. Liebe und Erwählung (Wahl zwischen den beiden Zwillingen, entgegen dem Normalfall der Bevorzugung des Erstgeborenen!) wird sehr speziell und ausgesprochen selektiv formuliert. Daher greift Paulus dieses Beispiel auch in Römer 9:10ff auf als Illustration seiner Darlegung der souveränen Erwählung durch Gott.

Jesaja 43,1.4

»Und nun, so spricht Jahwe, der dich geschaffen hat, Jakob, und der dich gebildet hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. … Weil du teuer, wertvoll bist in meinen Augen und ich dich lieb habe, so werde ich Menschen hingeben an deiner statt und Völkerschaften anstatt deines Lebens.«

Kernaussage. Die Erwählung bedeutet stets ein Vorziehen der Erwählten vor anderen. Sie ist ein Besitzergreifen: »Du bist mein« (Bund). Sie schließt das notwendige Heilshandeln an den Erwählten mit ein: »dich habe ich erlöst«. Erwählung ist hier Ausdruck der treuen Bundesliebe Gottes.

Jeremia 31,3

»Von ferne her ist mir der HERR erschienen: Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt; darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Gnade.« (SCHL2000).

Kernaussage. Dies ist sicher die Schlüsselstelle zum Liebeserwählen Gottes. Sie ist eingebettet in der Verheißung des »Neuen Bundes«, dem Nachfolger des erfolglosen Alten Bundes (Mosaischer Bund, Sinai-Bund). Die »ewige Liebe« dauert nicht nur zeitlich lange, sondern ist wesensartig ursprünglich, unerschöpflich und bundestreu (mithin an Gottes Treue gebunden und daher sicher). Diese Liebe wird aktiv gg. den Geliebten: »zu mir gezogen«. Dies ist funktional sehr nahe zu dem, was im NT später als »effektive Berufung« beschrieben wird.

Die logische Struktur des Verses führt von der Liebe zum Ziehen zur Heilsbeziehung. Das entspricht dem, was das NT später detaillierter lehrt: Die ewige Liebe führt zur Erwählung, zur effektiven Berufung (im Evangelium) und zum ewigen Heil, der Verherrlichung (Römer 8,29ff). Jeremia 31,3 macht bereits klar: Liebe ist ontologisch primär zu verstehen. Erwählung ist letztlich Ausdruck der ewigen, wirksamen Liebe Gottes, die das Heil initiiert, trägt und erneuert. – Wen wundert das heute noch, da Gott doch geoffenbart hat: »Gott ist Liebe« (1Johannes 4,16)? Der Geliebte, der ewig von Gott Erwählte, betet Ihn dafür an!

Zusammenfassung: Die theologische Linie im AT

Die Erwählung wird im AT meist korporativ, also für das Volk Israel, gemeint. Aber spätestens in 1Mose 12 wird auch die individuelle Erwählung im Abrahamsbund Leitmotiv der Wiederherstellung, die sich bis in die Ewigkeit nach der Zeit erstreckt. Sonst gilt: Erwählung ist Gottes Wahl Israels in einer Bundesbeziehung. Grundlage und Initiative ist allein der freien, souveränen Liebe Gottes zuzuschreiben. Das Ziel dieser Bundesliebe ist letztlich das vollkommene Heilwerden der Geliebten. Dies gilt zunächst nur Israel, konnte aber im AT nur bei Einzelnen Wirklichkeit werden. Das Heilwerden der (dann) gläubigen Nation Israel ist noch ausstehend, aber durch Gottes Bundes- und Liebestreue sicher.

2. Neues Testament (NT)

Im NT geschieht die Erwählung (Auserwählung) ausdrücklich »in Christus«, denn außerhalb seines Sohnes erwählt Gott-Vater niemand. Das ist nicht Zufall, sondern Seine Absicht, die sich von Ewigkeit zu Ewigkeit durchzieht. Die Auserwählung ist personalisiert, daher werden immer wieder Namen, ein Marker für Persönlichkeit und Individuum, erwähnt. Aber alle Einzelnamen ergeben zusammen auch eine Namensliste, die Gott in einem Buch festgeschrieben und festgelegt hat (s. Studie zum »Buch des Lebens«, i.V.).

Epheser 1,3–5

»Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christus, wie er uns auserwählt hat in ihm vor Grundlegung der Welt, dass wir heilig und untadelig seien vor ihm in Liebe; … nach dem Wohlgefallen seines Willens…«

Kernaussage. Hier werden Liebe und Auserwählung direkt verbunden. Die Liebe ist Auslöser und Vollendung der Liebe Gottes zu »uns«, also jenen »in Christus«. Diese Auserwählung ist eine ewige, sie stand bei Beginn der Schöpfung und der Zeit also bereits fest (die Liste der auserwählten Personen steht daher seit Beginn der Schöpfung bereits im »Buch des Lebens«).

2. Thessalonicher 2,13–14

»Wir aber sind schuldig, Gott allezeit für euch zu danken, vom Herrn geliebte Brüder, dass Gott euch von Anfang erwählt hat zur Errettung in Heiligung des Geistes und im Glauben an die Wahrheit, wozu er euch berufen hat durch unser Evangelium, zur Erlangung der Herrlichkeit unseres Herrn Jesus Christus.«

Kernaussage. Hier wird von Paulus eine Parallelstruktur aufgebaut zwischen »vom Herrn geliebt« und »von Anfang erwählt zur Errettung«. Das Ziel jener Liebe und Erwählung ist, dass die Erwählten die » Herrlichkeit unseres Herrn Jesus Christus« erlangen. Nichts weniger ist das Liebesziel Gottes, dass die Erwählten so herrlich werden wie sein Sohn. Das bedeutet nicht, dass sie zu Göttern werden (das ist analytisch Unsinn, reine Begriffsverwirrung), sondern Jesus, dem menschgewordenen Gottessohn, im Wesen gleich werden, mithin »Teilhaber der göttlichen Natur« werden (2Petrus 1,4). Was das bedeutet, ist schwerlich zu umfassen: Wir werden lieben, reden, denken, urteilen, wollen… wie Jesus Christus! Gigantisch.

Römer 8,29–30

»Denn welche er zuvor erkannt hat, die hat er auch zuvor bestimmt, dem Bild seines Sohnes gleichförmig [zu]sein], damit er [der] Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Welche er aber zuvor bestimmt hat, diese hat er auch berufen; und welche er berufen hat, diese hat er auch gerechtfertigt; welche er aber gerechtfertigt hat, diese hat er auch verherrlicht.«

Kernaussage. Das »Zuvorerkennen« (proginōskō) wird nach biblisch-hebräischem Denken als liebendes Erwählen, als Etablieren einer beständigen Lebensbeziehung in Liebe verstanden. Es geht nicht um Information (schon gar nicht um eine »Prognose«!), sondern um Beziehung, also um Heil, Leben und Fruchtbarkeit. Alles andere macht keinen Sinn.

Römer 9,13 (zitiert Maleachi)

»wie geschrieben steht: ›Jakob habe ich geliebt, aber Esau habe ich gehasst.‹«

Kernaussage. Paulus illustriert und belegt seine Lehraussagen zur liebenden Erwählung der Geretteten mit dem beispielgebenden souveränen Handeln Gottes am Zwillingspaar Jakob und Esau (s.o.). Paulus geht es im Kontext des Zitats jedoch weder um die irdische Geschichte jener zwei Personen noch um jene ihrer Nachkommen und Völker, sondern um das ewige Heil, wie Verse 9,22–24, deutlich machen. Es geht ihm (auch) um »uns, die er auch berufen hat, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Nationen

Kolosser 3,12

»Zieht nun an, als Auserwählte Gottes, als Heilige und Geliebte…«

Kernaussage. Paulus macht deutlich: Wer ein »Auserwählter« ist, ist damit auch ein »Heiliger« und ein »Geliebter«. Das ist alles untrennbar die neue Identität (=was jemand wahrhaft ist) jedes Erlösten.

Zusammenfassung: Die theologische Linie im NT

Im NT wird die Erwählung offenbart und gelehrt als christologisch (nur »in Christus«), meist (aber nicht immer) auf das ewige Heil bezogen und individuell zugespitzt. Die Liebe Gottes ist Initiator, Beweggrund und stabiler Verbindungsgarant und damit ein Erkennungszeichen der wirklich von Gott vor aller Zeit und für alle Ewigkeit Erwählten.

Das Verhältnis von Liebe und Erwählung

1. Grund der Erwählung ist Gottes freier Liebeswille

Es ist Gottes »Wohlgefallen«, also sein ureigener, vollkommener Wille, ob und wo er seine Liebe Menschen frei (=unverdient, nicht als Reaktion) schenkt und diese Menschen zur Lebens- und Liebesbeziehung mit sich auserwählt (vgl. 5Mose 7,8; Epheser 1,4–5). Erwählung ist damit niemals verdienstbasiert (»Lohn«), sondern exklusiv gnadenhaft und von ewiger Liebe motiviert. (Durch die Gnadengabe der Liebe Gottes erzeugt der Heilige Geist im Erwählten angemessene Gegenliebe; damit ist der «Kreis der Liebe« geschlossen, Römer 5,5b.)

2. Die Erwählung zum ewigen Heil ist Ausdruck der Liebe Gottes

Das AT wie das NT (s. z.B. Jesaja 43; 2Thess 2,13) offenbaren uns das liebende Herz Gottes und wie dieses »Herz« den dreieinigen Retter-Gott zu rettendem Handeln bewegt. Gottes Liebe ist konkret und sichtbar geworden in Jesus Christus. Das Kreuz Jesu war dafür weder der Anfangspunkt noch der Schlusspunkt, aber der Wendepunkt: Keiner kann nun noch an Gottes Heiligkeit und Liebe ernsthaft zweifeln.

3. Erwählung aus Liebe ist nicht universalistisch zu verstehen

Man meint, dass der Ausdruck »Auserwählung« sprachlich genügend klar wäre, um das Wortwesentliche zu erfassen, dass der Auserwählungsakt nämlich wesenseigen Nichterwählte zurücklässt; sonst wäre es keine Wahl, keine Auswahl (s. z.B. Maleachi 1, Römer 9). Neben der »allgemeinen Liebe«, die Gott zu allen Menschen und zu allen seinen Geschöpfen hat, gibt es auch eine »spezielle Liebe« Gottes, die er nur zu den von Ihm frei Erwählten hat, von denen er (exklusiv) auch will, »dass [sie] heilig und untadelig vor ihm seien in Liebe« (Epheser 1,4). Gottes spezielle Liebe ist differenziert wirksam, nach Gottes freiem Liebeserwählen.

4. In Christus wird die Spannung neu gerahmt

Da uns Gott sein vorweltlich und konkret (namentlich) gefasstes Auserwählungsergebnis vorenthalten hat, bleibt für die Nachfolger Jesu bis zur Vollendung des Heilsratschlusses Gottes Unklarheit über die Identität jener, die Auserwählte sind. Für die gegenwärtige Zeit (»Gnadenzeit«!) wird den Jüngern Jesu vom Heiland und Gottessohn Jesus Christus befehlsweise aufgetragen, alle Menschen zur Buße (Umkehr) und zum Glauben an Jesus Christus aufzurufen. Der »Erfolg« dieser Mission ist göttlich gesichert, was ein großer Trost und eine große Motivation für jeden Boten Jesu ist (s. z.B. Apostelgeschichte 18,10). Am Ende singt der Himmel dem Lamm Gottes zu: »Du bist geschlachtet worden und hast für Gott erkauft, durch dein Blut, aus jedem Stamm und jeder Sprache und jedem Volk und jeder Nation« (Offenbarung 5,9).

Das Evangelium Gottes ist kein »Angebot« Gottes, sondern sein göttlicher Befehl, wie der Apostel Paulus predigte: »Nachdem nun Gott die Zeiten der Unwissenheit übersehen hat, gebietet er jetzt den Menschen, dass sie alle überall Buße tun sollen, weil er einen Tag festgesetzt hat, an dem er den Erdkreis richten wird in Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat« (Apostelgeschichte 17,30–31).

Wenn nun jemand auf die Predigt des Evangeliums »mit [seinem] Mund Jesus als Herrn bekennt und in [seinem] Herzen glaubt, dass Gott ihn aus den Toten auferweckt hat, [er] errettet werden« wird. »Denn mit dem Herzen wird geglaubt zur Gerechtigkeit, mit dem Mund aber wird bekannt zum Heil« (Römer 10,9–10). Man muss es vor Gott und Mensch aussprechen, und die Worte müssen natürlich aufrichtig und authentisch sein.

Solange »Gnadenzeit« währt, werden alle Menschen zu Jesus Christus als Herrn und Retter gerufen. Welche Menschenmenge sich letztendlich ergibt von solchen, die entsprechend kommen, glauben und errettet werden, wird sich uns erst nach der Gnadenzeit zuverlässig und fehlerfrei offenbaren. Auserwählung spielt also für unsere Mission keine entscheidende Rolle. Es gilt der »Missionsbefehl« Jesu bis zu dessen Aufhebung wegen Zielerreichung!

Warnung. Wer allerdings hartnäckig das Evangelium und den Retter Jesus Christus ablehnt, muss damit rechnen, dass ihm das Wort vom Heil nicht länger angeboten wird. »Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht!« (Hebräer 3,7 u.a.). Die ablehnenden Juden mussten vom Apostel Paulus hören: »Zu euch musste notwendigerweise das Wort Gottes zuerst geredet werden; weil ihr es aber von euch stoßt und euch selbst des ewigen Lebens nicht für würdig erachtet, siehe, so wenden wir uns zu den Nationen.« (Apostelgeschichte 13,46). Das lenkt und begrenzt die Mission auf Menschen, die hören und glauben wollen.

Weiterführende Studien

Weiterführendes liefert u.a. die detailliertere Studie »Auserwählung – Fragen über Fragen« auf diesem BLOG (Link: https://logikos.club/?p=2131).

Die unaufhebbare Spannung

Lesedauer: 4 Minuten.

Eine theologische Positionsbestimmung nach John MacArthur

Manche Redner und Autoren verbreiten unwissend, andere verleumdend, Unwahres über die Lehrpositionen des heimgegangenen Bibellehrers und Gemeindehirten John F. MacArthur. Man bezeichnete ihn als »Calvinist«, was im deutschsprachigen Raum zu einem bloßen Schimpfwort geworden ist, das mit Calvin wenig zu tun hat, noch weniger mit John MacArthur. MacArthur lehrte und praktizierte beispielsweise die Gläubigentaufe und lehrte die Dispensationen der Bibel im Sinne einer prätribulationistischen und prämillennialistischen Sicht der Zukunft. Kein »Calvinist« (Anhänger reformierten Glaubens im Sinne des Genfer Reformators) würde diese Punkte annehmen. Der Streit entflammt vielmehr eingeengt im Bereich der Heilslehre, wo sowohl menschliche Verantwortung als auch göttliche Souveränität von der Heiligen Schrift gelehrt werden. Anhand eines öffentlichen Beitrags von MacArthur (2010 Shepherd’s Conference) wollen wir ihn selbst reden lassen zu dem, was er tatsächlich lehrte und wie er bewusst seine Deutung der Schrift im Bereich der Soteriologie (Heilslehre) nicht von einem theologischen System einengen ließ.

Das Problem

Es geht um die Frage nach dem Verhältnis von göttlicher Souveränität und menschlicher Verantwortung. Diese gehört zu den zentralen Streitpunkten christlicher Theologie. Besonders im Kontext des »Calvinismus« wird immer wieder ein Spannungsverhältnis zum Evangelium behauptet: Wenn Gott souverän erwählt, welchen Sinn hat dann der universelle Aufruf zum Glauben? John MacArthur begegnet dieser Frage mit einer klaren These: Die Spannung ist real – und sie darf nicht aufgelöst werden.

MacArthurs Lehrposition

Im Zentrum seiner Argumentation stehen zwei grundlegende Aussagen der Bibel. Zum einen handelt Gott souverän in der Erwählung; die Rettung des Menschen ist letztlich nicht das Ergebnis menschlicher Entscheidung, sondern göttlichen Handelns. Zum anderen richtet sich das Evangelium ohne Einschränkung an alle Menschen. Jeder wird aufgerufen, zu glauben, umzukehren und Christus anzunehmen. Diese doppelte Aussage bildet für MacArthur keinen logischen Widerspruch, sondern eine theologische Spannung, die bewusst bestehen bleibt.

Gerade an diesem Punkt setzt seine Kritik an gängigen Lösungsversuchen an. Theologische Modelle, die die Spannung zugunsten einer Seite auflösen, geraten seiner Auffassung nach zwangsläufig in Schieflage. Wird die menschliche Entscheidungsfreiheit stark betont, verliert die göttliche Souveränität an Gewicht. Wird hingegen die Erwählung absolut gesetzt, droht der universelle Ruf des Evangeliums praktisch bedeutungslos zu werden. In beiden Fällen wird versucht, ein in sich geschlossenes, widerspruchsfreies System zu schaffen – jedoch um den Preis, dass zentrale biblische Aussagen abgeschwächt oder neu interpretiert werden.

MacArthur lehnt diese Systematisierung ausdrücklich ab. Für ihn liegt die Aufgabe der Theologie nicht darin, die Spannung zu beseitigen, sondern darin, beide Seiten gleichermaßen festzuhalten. Die Bibel selbst präsentiere Gottes souveränes Handeln und die Verantwortung des Menschen als gleichzeitig gültige Wahrheiten. Ihre Verbindung entzieht sich jedoch einer vollständigen rationalen Durchdringung. Die Spannung ist daher nicht Ausdruck eines Mangels, sondern ein Hinweis auf die Begrenztheit menschlicher Erkenntnis angesichts göttlicher Wirklichkeit.

Diese Sicht hat unmittelbare praktische Konsequenzen. Die Verkündigung des Evangeliums darf nicht eingeschränkt werden – weder durch spekulative Überlegungen über Erwählung noch durch den Versuch, den Adressatenkreis einzugrenzen. Christen sind aufgerufen, das Evangelium unterschiedslos allen Menschen zu predigen. Gleichzeitig bleibt das Wirken Gottes souverän und letztlich verborgen. Die Verantwortung des Menschen und die Wirksamkeit göttlicher Gnade stehen nebeneinander, ohne dass das eine im anderen aufgeht.

MacArthurs Position läuft damit auf eine bewusste Akzeptanz theologischer Spannung hinaus. Er trifft eine klare Absage an eine systematische Glättung anhand eines Lehrsystems. Wahrheit wird nicht durch ihre vollständige Auflösung in ein widerspruchsfreies System bestätigt, sondern durch die Treue zum biblischen Zeugnis in seiner ganzen Breite. Die Spannung zwischen biblischer Erwählungslehre (durch souveräne Wahl Gottes) und Predigt des Evangeliums mit allen gebotenen Imperativen (die den Menschen in Verantwortung setzen) ist daher kein Problem, das es zu beheben gilt, sondern ein konstitutives Merkmal der christlichen Lehre selbst.

Im Ergebnis formuliert MacArthur eine klare Warnung: Wer versucht, die Spannung aufzulösen, riskiert, das Gleichgewicht der biblischen Aussagen zu verlieren. Wer die Spannung zwischen göttlicher Souveränität und menschlicher Verantwortung einseitig auflöst, hat nicht Klarheit gewonnen – sondern biblische Substanz verloren. Theologische Klarheit entsteht nicht durch Vereinfachung, sondern durch das Aushalten dessen, was sich nicht vollständig harmonisieren lässt. Die verbleibende Spannung ist kein Defizit der Lehre, sondern Ausdruck ihres Gegenstandes: eines Gottes, dessen Handeln sich der vollständigen rationalen Durchdringung entzieht. Gerade darin zeigt sich für ihn die Ernsthaftigkeit theologischer Arbeit – und zugleich ihre Grenze.

Solche Spannung sieht MacArtur auch bei anderen »spannungsvolle Themen« der Theologie (Lehre von Jesus Christus als Mensch und Gott, der Heiligen Schrift als menschliches und göttliches Buch, usw.) als gegeben.

Quellen

John MacArthur, MacArthur: The tension between Calvinism and the Gospel. YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=rHeAPdzQUNI (Exzerpt, 7:53 Dauer).

Shepherds Conference 2010, General Session 5, Q&A mit John MacArthur (Audio, ab Minute 3).

Ein Beispiel für eine üble Verleumdung, in der praktisch jeder Halbsatz nachweislich falsch ist: »Der Calvinismus ist eine Philosophie, die wahre Gläubige an ihrer Erlösung zweifeln lässt und Ungläubige völlig davon abhält, mehr über den Gott der Liebe und Gnade zu erfahren. Hören Sie sich den prominentesten Vertreter der reformierten Theologie an. Beachten Sie, dass John MacArthur die Heilige Schrift keineswegs auslegt, sie wörtlich nimmt oder die Schlüsselbegriffe in ihrem Kontext betrachtet. Er wirft lediglich einen Haufen Wortwirrwarr mit autoritärem, zornigem Ton in den Raum, um Sie zu manipulieren.« (facebook-Eintrag von Daniel Hulse vom 12.07.2022 zum oben zitierten Beitrag von MacArthur 2010!)

Heilsgeschichte ist Liebesgeschichte

Lesedauer: 7 Minuten.

»Ist Erwählung nicht unfair? Gott muss doch alle gleich behandeln, wenn er gerecht ist!« Das hört man in manchen Gesprächen in Gemeinden und in Seminaren zur Heilslehre in der Bibelschule. Die Konzepte (oder Kriterien) von Fairness und Gerechtigkeit werden bemüht, um die biblische Lehre der Erwählung zu verstehen – oder eben, anzugreifen. Dazu gibt es eine schnelle und eine ausführliche Antwort.

Hier die schnelle: 1. Fairness ist kein Begriff der Bibel. 2. Gerechtigkeit ist ein Begriff der Bibel. Aber diese Gerechtigkeit ist nicht ein externer Maßstab, der über Gott stünde und daher an Ihn angelegt werden könnte. Es ist andersherum: Weil Gott im Wesen absolut gerecht ist, normieren (bestimmen, definieren) alle seine Worte und Taten, was gerecht ist. Damit erweisen sich die Fragestellung und die darauf folgende Unterstellung als unsinnig.

Das ist ausbaufähig: Die Bibel behandelt den Aspekt der Gerechtigkeit Gottes und wo sie sichtbar wird, ausführlich. Das sollte man gründlich studieren, wenn man mit dem Begriff »gerecht« vor Gott hantiert. Zuallererst wird man verstehen, dass alles Heil ein freier Gnadenakt Gottes ist. Auf Gnadenakte gibt es keinen Rechtsanspruch, auch keinen »moralischen Anspruch« aufgrund irgendeines Verdienstes. Da werden gedanklich Dinge zusammengeworfen, die im Wesen völlig getrennt sind. Verdienst (oder: Lohn) ist immer Gegengabe für Geleistetes. Gnade ist stets freies Geschenk. Gibt Gott einem Menschen dessen gerechten Lohn, wird es schockierend finster und final aussichtslos: »Der Lohn der Sünde ist der Tod« (Römer 6,23a). Man sollte zurückschrecken, von Gott Gerechtigkeit für die eigenen oder die fremden Sünden von Menschen zu fordern. Es ist die Forderung nach sofortigem, ewigen Tod, also Übergang an den Ort der gerechten Bestrafung und dem gerechten Zorn Gottes. Jesus bezeichnet diesen Ort »Hölle« (s. z.B. Bergpredigt; Mt 5,22.29.30; 10,28; 23,15), es ist der »Feuersee« (Offb 20,15 u.a.). Aber auch die Forderung: »Du musst mir (gerechtermaßen) vergeben!« ist bösartige und unsinnige Anmaßung. Gott schuldet –auch im Heil– niemand irgend etwas. Der einzig rettende Weg ist die demütige, gläubige Bitte um Gottes Barmherzigkeit, Gnade, Vergebung der Sünden, verbunden mit der Lebensübergabe, dem Ende aller Rebellion gegen Gottes Willen. »O Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig!« (Lukas 18,13) führt zur Gerechterklärung vor Gott.

Hier die zweite, tiefergehende Antwort: Die Bibel redet oft in Vorbildern und in direkten Lehrtexten davon, dass die Heilsgeschichte eine Liebesgeschichte ist, und zwar in allen Beziehungen. Gott ist Liebe. Und weil dem so ist, scheint sie aktiv und attraktiv durch all sein Handeln im Heil: Gott-Vater schenkt seinem Sohn als Liebesgeschenk eine Braut aus noch unerlösten Menschen, die mit dem menschgewordenen Gottessohn die Ewigkeiten durchschreiten soll. Wie soll das gehen? Ein vorzeitlicher Ratschluss Gottes hat schon die einvernehmliche, perfekte Lösung festgelegt: Gott-Sohn, der Bräutigam, übernimmt aus Liebe zu Seinem Vater und zu seiner erwählten Braut deren gesamte Schuld und gibt ihr neues, ewiges Leben. Er teilt sein eigenes Leben mit ihr! Liebesschwur wird Lebensgarantie. Und Gott, der Heilige Geist, der Geist der Liebe (Römer 5,5; 15,30), wirkt aktiv in der Zeit und in alle Ewigkeit mit allen göttlichen und in allen menschlichen Beteiligten an der Verwirklichung und Sicherung dieses allergrößten Liebeswerkes.

Paulus schreibt unnachahmlich klar und praktisch über diese Liebesgeschichte im Brief an die Epheser:

»Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch der Christus die Versammlung geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat, damit er sie heiligte, sie reinigend durch die Waschung mit Wasser durch das Wort, damit er die Versammlung sich selbst verherrlicht darstellte, die nicht Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen habe, sondern dass sie heilig und untadelig sei.« (Epheser 5,25–27)

John Piper schrieb vor einigen Jahren dazu:

»Ein Mann liebt seine eigene Frau auf eine andere Weise, als er andere Frauen liebt. Und Christus liebt seine Braut, die Gemeinde, auf eine andere Weise, als er die anderen Menschen liebt: Er hat ›sich selbst für sie hingegeben‹. In meiner Predigtarbeit war dies eine der wirksamsten Methoden, meinen Gemeindemitgliedern zu helfen, die Kostbarkeit der fest bestimmten Sühne (org.: definite atonement) als Ausdruck von Gottes auserwählender Liebe zu ihnen zu spüren.

Ich frage sie: Wie wäre es für eine Ehefrau, wenn sie denken müsste, dass ihr Ehemann sie nur so liebt, wie er alle anderen Frauen auch liebt? Das wäre entmutigend. Nein, Er hat sie erwählt, Er hat um sie geworben. Er ergriff die Initiative, weil er sie unter allen anderen Frauen für sich auserwählt hatte. Er hat eine ganz besondere Liebe für sie, eine große Liebe, eine einzigartige Liebe, eine exklusive Liebe. Sie ist sein geliebter Schatz, wie keine andere Frau es ist. Und so sind auch Gottes Auserwählte sein geliebtes und mit Blut erkauftes Volk, wie kein anderes.«

John Piper, My Glory I Will Not Give to Another, in: David Gibson und Jonathan Gibson (Hrsg.), From Heaven He Came and Sought Her: Definite Atonement in Biblical, Historical, Theological, and Pastoral Perspective (Wheaton, IL: Crossway, 2013), S. 640. Fettdruck hinzugefügt. Eigene Übersetzung.

Ist wegen solcher Erwählung aus Liebe Gott oder ein Bräutigam ungerecht? Weil Er sich seine Braut aus ekligen, schuldigen Todeskandidaten frei erwählt, um sie völlig neu und strahlend zu machen? Man spürt, dass dies ein völliger Missgriff in den Begriffen ist, ein grandioses Unverständnis darüber, was im Heilswerk Gottes von Ewigkeit zu Ewigkeit abläuft: Der Vater will Kinder, der Sohn eine Braut für die Ewigkeit. Familie der Liebe, Familie Gottes. – Gottes Idee. Gottes Tat. Gottes Verherrlichung (Römer 11,36).

Jeder, der »dabei sein« will, »dazu gehören« will, der alle Wohltaten und die unbegrenzte, ewige Liebe Gottes im Vater und im Sohn erfahren will, darf –solange noch »Gnadenzeit« ist– sofort den Weg zu Gott beschreiten, den Er einladend im Evangelium vorgegeben hat. Jeder! Wer kommt, den wird Er nicht hinausstoßen! Gott liebt den Menschen so sehr, dass er jedem Menschen sogar befiehlt, umzukehren und an das Evangelium über seinen Sohn Jesus Christus zu glauben. Wie bitte? Man muss dem Menschen sein höchstes Glück befehlen?! Ja, denn er wird es von selbst nie wollen (1Korinther 2,14 u.a). Im Befehlsruf unseres Heiland-Gottes laufen für jeden Menschen höchste Verantwortung und größtes Glück zusammen. Wer vor dem Kreuz Jesu in Buße und Glauben niederkniet, kann das Wunder der Liebe und Heiligkeit Gottes, das dort in Jesus Christus wirksam geschah, anbetend bewundern: »Es ist vollbracht!«

Alles beginnt im Liebeswillen Gottes: »Alles, was mir der Vater gibt, wird zu mir kommen, und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen; denn ich bin vom Himmel herabgekommen, nicht um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat. Dies aber ist der Wille dessen, der mich gesandt hat, dass ich von allem, was er mir gegeben hat, nichts verliere, sondern es auferwecke am letzten Tag. Denn dies ist der Wille meines Vaters, dass jeder, der den Sohn sieht und an ihn glaubt, ewiges Leben habe; und ich werde ihn auferwecken am letzten Tag.« (Johannes 6,37–40). Alles wird vollendet im Liebeswillen Gottes.

Es ist vollbracht!
Jacques Erné (1826–1883), vor 1883.

Es ist vollbracht,
das große Werk, das schwere.
Gott ist gerecht, Ihm ward nun Seine Ehre
durch Seinen Sohn, der laut verkündet hat:
»Es ist vollbracht!«

Es ist vollbracht!
Was Gottes Liebe wollte,

was für den Sünder, den verlornen, sollte
zur Rettung und zum ew’gen Heile sein,
das ist vollbracht.

»Es ist vollbracht!«
durchtönt’s die Ewigkeiten
zu Gottes Lob, zu der Erlösten Freuden;
sie danken Gott, sie beten Jesus an,
dass Er’s vollbracht.

The Church’s One Foundation
Chris Rice, The Living Room Sessions, 2001

The church’s one foundation 
Is Jesus Christ her Lord; 
She is his new creation 
By water and the Word. 
From heaven he came and sought her 
To be his holy bride; 
With his own blood he bought her, 
And for her life he died.


Elect from every nation, 
Yet one o’er all the earth; 
Her charter of salvation: 
One Lord, one faith, one birth. 
One holy name she blesses, 
Partakes one holy food, 
And to one hope she presses, 
With every grace endued.

Warum die Gleichsetzung »Öl = Heiliger Geist« exegetisch nicht trägt

Auslegungstraditionen mit starkem Hang zur allegorischen Methode sind immer noch aktiv in verschiedenen Gruppen der Gemeinde Jesu Christi. Als ich vor einiger Zeit auf einem »Bibeltag« einer Freikirche in Tradition der Elberfelder »Brüderbewegung« war, trat ein Ältester auf, der sich als Thema Lektionen aus dem Buch der Richter gesetzt hatte. Gleich zu Anfang sagte er, dass er nicht nur den Bibeltext behandeln wolle. Nein, er wolle nicht »oberflächlich« bleiben, sondern mit uns tiefer in den »geistlichen Sinn« des Bibeltextes abtauchen. Dazu brauche es ein Vokabelheft, in das man beim Lesen der Bibel eintrage, wofür bestimmte Begriffe in der Bibel geistlich stünden, sozusagen ein Übersetzungsbuch für das Erfassen der »geistlichen Bedeutung« eines Bibeltextes. Dann gab er Beispiele, wofür die Sonne, ein Hammer, Wasser, Öl usw. in der Heiligen Schrift geistlich stünden. Dieses geistliche Deutungsbuch versetze den Christen nun in die Lage, inneres, dem normalen Christen verborgenes, tieferes Wissen zu erlangen. Das ist aber die klassische Zumutung eines Esoterikers.

Eine dieser »Übersetzungs«-Codes ist die Formel: »Öl = Heiliger Geist«. Exegetisch bedeutete dies also, dass immer dann, wenn im Text von Öl zu lesen war, tatsächlich auf »geistlicher Tiefenebene« der Heilige Geist gemeint sei. Vielleicht kann sich der »normale« Bibelleser vorstellen, wie schnell man sich mit solchen falschen und falsch-vereinfachenden Auslegungsregeln in Widersprüche und Unsinn verstricken kann. Das Fatale daran ist, dass der diese Regeln Anwendende meint, besonders heilige und tiefe Gedanken zu erfassen, und mithin selten bereit ist, sich korrigieren zu lassen. Esoterisches Denken war schon immer ein Elitedenken.

Wie steht es also mit der Symbolik von Öl in der Heiligen Schrift? Natürlich kann man einige Stellen in der Heiligen Schrift finden, wo die genannte Deutung durchaus richtig ist. Die Bibel verwendet immer wieder typologische und symbolische Sprache. So werden tatsächlich Menschen in Israel in Ämter von Gott eingesetzt durch »Salbung« mit Öl, z.B. Könige, Priester und Propheten. Andere Beispiele mit symbolischen rituellen Handlungen könnten angeführt werden, auch im Neuen Testament. Jeder Christ sollte z.B. die Symbolik von Brot und Kelch (Wein) kennen, wenn es um die »Verkündigung des Todes des Herrn« im Herrenmahl geht. Jesus selbst erläutert: »dies ist mein Leib« und »dies ist mein Blut« (vgl. z.B. Mt 26,26–28) bei der symbolischen Handlung des Essens und Trinkens von diesen physischen, nun aber symbolhaft mit geistlicher Bedeutung aufgeladenen, Dingen. Vor und nach dieser symbolhaften Handlung im Kultus sind dieses Brot und dieser Wein jedoch ganz gewöhnliches Brot bzw. Wein, eine Transsubstantiation in den realen Leib bzw. Blut Christi fand nicht statt, hier irrt die röm.-kath. Kirche gewaltig (letztlich macht sie den Priester zum Zauberer, und Gott durch magische Handlungen verfügbar).

Die Problematik einer pauschalen Gleichsetzung von Typen oder Symbolen mit einem einzigen Deutungsinhalt soll anhand des Gleichnisses von den zehn Jungfrauen in Matthäus 25,1–13 aufgezeigt werden. Dabei wird folgende These verfolgt: Die verbreitete Gleichsetzung des Öls mit dem Heiligen Geist ist beim Gleichnis der zehn Jungfrauen (Matthäus 25,1–13) bibeltheologisch nicht haltbar, da das alttestamentliche und frühjüdische Bildfeld von »Öl« keine einheitliche pneumatologische Bedeutung (auf den Heiligen Geist) kennt und die Bildlogik des Gleichnisses zentrale Eigenschaften des Heiligen Geistes konterkariert (dem entgegensteht, widerspricht). Dazu folgende Überlegungen.

1. Hermeneutischer Ausgangspunkt: Symbole sind kontextabhängig

Biblische Symbole sind polysem, d. h. sie tragen je nach literarischem und situativem Kontext unterschiedliche Bedeutungen. Eine pauschale Fixierung eines Symbols auf einen einzigen theologischen Sachverhalt ist methodisch unzulässig, wenn der Kanon der Heiligen Schrift stabil eine Bedeutungsvielfalt belegt.

Wer also »Öl« grundsätzlich und ausschließlich als Geist-Symbol liest, setzt eine theologische Vorentscheidung (»Brille«) an die Stelle genauer Textbeobachtung. Pointiert gesagt betreibt er Eisegese (»Hineinlegung«) anstelle von Exegese (»Auslegung«).

Wir müssen bei der Auslegung von Symbolen (wie auch der gesamten Schrift) stets den speziellen Kontext der betrachteten Stelle beachten. Daraus folgt: Eine Aussage, dass »Öl« hier oder da als Hinweis auf den Heiligen Geist zu verstehen sei, ist hilfreich und kann zum Bedeutungsspektrum dieses Symbols beitragen, klärt aber mitnichten, was »Öl« an einer anderen Stelle konkret bedeuten mag. (Dies gilt ebenfalls für die beliebten »Wortstudien«, die zwar das Bedeutungsspektrum eines Begriffs aufzeigen können, aber nie die Bedeutung an einer konkreten Stelle abschließend klären.) Das aber ist die spannende Frage, wenn man eine Stelle bzw. eine Perikope wie Matthäus 25,1–13 auslegen will.

2. Alttestamentlicher Befund: Öl ist nicht exklusiv ein Symbol des Geistes Gottes

Im Alten Testament erscheint Öl in mehreren stabilen Bedeutungsfeldern, die keinen direkten Bezug zum Heiligen Geist haben, z.B.:

  • Alltags- und Wirtschaftsgut:
    1Könige 17,12–16 (Öl als lebensnotwendige Ressource in der Hungersnot); 
    Hosea 12,2; Hesekiel 27,17 (Handelsware).
  • Gesundheitspflege, Medizin:
    Amos 6,6; Ruth 3,3; Prediger 9,8, Matthäus 6,17 (Körperpflege);
    Jakobus 5,14 (Medizinische Anwendung; aleiphō statt )
  • Metapher für Wohlstand und Freude:
    Psalm 23,5; 5Mose 8,8.
  • Verderbliches Qualitätsprodukt:
    Prediger 10,1 (Öl des Salbenmischers wird durch Fliegen verdorben).
  • Objekt von Gericht und Mangel:
    Joel 1,10 (Öl versiegt im Gericht).

Schlussfolgerung:
Das alttestamentliche Bildfeld widerlegt jede ontologische Gleichsetzung von Öl und Geist [1]. Am ehesten wird sich die Deutung bei kultischen Zusammenhängen (d.i. betreffs des Gottesdienstes) auf Anwesenheit der Personen der Gottheit richten. So kann man Öl in der kultischen Verwendung als Hinweis auf den Heiligen Geist deuten, siehe 2Mose 27,20 und 3Mose 24,2 (Öl als Brennstoff für den Leuchter im Heiligtum, einzige Lichtquelle für den Dienst im Heiligtum über die Öllampen der Menorah). In Matthäus 25,1–13 dient das Öl als Brennstoff für die »Lampen« (λαμπάδες) der feierlichen nächtlichen Prozession.

Das Problem liegt nicht im Gleichnis, sondern eher in der nachträglichen allegorischen Fixierung des Öls auf die Person des Heiligen Geistes.

3. Salbungstexte: funktionale Nähe, aber keine Identität mit dem Heiligen Geist

In Texten wie 1Samuel 16,13 oder Jesaja 61,1 steht Öl im Kontext von Salbung zur Beauftragung, während zugleich der Geist Gottes als ermächtigende Gegenwart genannt wird. Hier besteht eine theologische Korrelation, aber keine bildinterne Gleichsetzung. Das Öl bzw. dessen rituelle Verwendung wird zum Zeichen göttlicher Beauftragung, mithin wird im Öl die wirksame (autorisierende) göttliche Gegenwart angedeutet.

Trotzdem müssen wir auch hier genau hinschauen. Aus dem Zusammenlaufen von Salbung mit Öl und Hinweis auf göttliche Autorisierung bei diesen Berufungsstellen folgt nicht für alle »Öl-Stellen«, dass »Öl« stets als »der Heilige Geist« zu lesen wäre. Auch hier hilft es, den Kontext zu beachten.

4. Bildlogik kontra Geistlehre Jesu in den Evangelien

Die Handhabung des Öls im Gleichnis von den Zehn Jungfrauen (Vorrat anlegen, verbrauchen, nachkaufen, nicht teilen) steht in –m.E. unüberwindbarem– strukturellem Gegensatz zur neutestamentlichen Lehre vom Heiligen Geist (Pneumatologie). In ähnlicher Zeit im Leben Jesu (Abschiedszeit) redet der Sohn Gottes ausführlich im »Obersaal« mit seinen Jüngern. Dort können wir beobachten, wie Jesus über diese göttliche Person redet (Johannes 14–16). Wir lernen: Der Geist Gottes ist nicht disponibel, nicht käuflich, nicht verwaltbarer Besitz. Er ist keine Sache, sondern eine göttliche Person mit göttlicher Souveränität, damit jeder menschlichen Verfügungsgewalt enthoben, nicht teilbar oder mitteilbar. Er ist auch nicht messbar oder abmessbar. Im Gleichnis wird das Öl jedoch als ökonomisch disponibel behandelt, und zwar durchgehend.  Der Geist Gottes ist aber Beziehungswirklichkeit, nicht menschlich disponierbarer Vorrat.

Man könnte diesen Einwurf evtl. mit Verweis auf die Beschränktheit der Bildebene des Gleichnisses zurückweisen. Und in der Tat: Gleichnisse arbeiten mit Bildern des Alltags, nicht mit systematischer Theologie. Man darf daher keine vollständige Entsprechung zwischen Bildbereich und Sachbereich erwarten. Genauso gilt aber auch, dass eine mangelnde Entsprechung der Rede die Gleichnishaftigkeit und sogar die Verständlichkeit raubt. Der Bildbereich darf den Sachbereich nicht in zentralen Zügen konterkarieren. Dass dies hier strukturell geschieht, deutet folgende Tabelle an:

Unproblematische BildabweichungProblematische Bildabweichung
Öl = Geist, obwohl der Heilige Geist keine Flüssigkeit ist (vgl.: Wind, Feuer u.a.)Öl = käuflich / disponibel, Geist = Gabe Gottes
Lampe = Glaube (metaphorisch)Öl-Vorrat zur Disposition des Menschen vs. Geist als personale Gegenwart Gottes
Licht braucht EnergieGeist ist nicht »Energie-Reservoir«

Man versucht das offensichtliche Nichtpassen zwischen Bild und Sache damit zu verteidigen, dass man die nicht passenden »Details« im Gleichnis zur »Nebensache« erklärt und damit ausblendet. Meist fehlt dabei aber die exegetische Berechtigung für dieses Werten, häufig offenbart es Zirkelschlüsse (man versucht, etwas zu beweisen, und setzt beim Beweis das zu Beweisende bereits voraus; das beweist aber gar nichts).

Besser ist es, wenn wir darüber nachdenken, dass eine Gleichsetzung des Öls mit dem Heiligen Geist (nebst der mangelnden Kohärenz der Bildzuordnung im Gleichnis) vor allem eine theologische Inkohärenz zwischen Gleichnislogik und Jesu Geistverständnis (und wie er über Ihn redet, s. Johannes 14–16 u.a.) erzeugt. Das ist kein leicht zu nehmender Einwurf.

5. Kontext von Mt 24–25: Öl als Hinweis auf das Vermögen zum Ausharren

Vielleicht der offenbarste und klarste Hinweis auf den Kreis, innerhalb dessen wir den Sinn dieses Gleichnisses zu suchen haben, ist der Kontext. Das Gleichnis der Zehn Jungfrauen steht in einer Kette von vier Gleichnissen der Endzeitrede, die das »Warte«-Motiv behandeln. Die gesamte »Endzeitrede« Jesu antwortet auf die Frage der Jünger: »Sage uns, wann wird das sein, und was ist das Zeichen deiner Ankunft und der Vollendung des Zeitalters?« (Matthäus 24,3). Sie beziehen sich dabei auf die frappierende Aussage Jesu Christi über den Herodianischen Tempel, der seinerzeit ein bestauntes Weltwunder war: »Wahrlich, ich sage euch: Hier wird nicht ein Stein auf dem anderen gelassen werden, der nicht abgebrochen werden wird.« (Matthäus 24,2).

Erstaunlicherweise beantwortet Jesus diese Frage nicht mit Angabe eines Kalenderzeitpunkts oder eines kalendarisch verortbaren Ablaufs. Er stellt zwar sicher, dass die Geschichte einem sicheren Zielpunkt (Kulmination, Gerichtstag u.a.) zuläuft, also definitiv ein Ende hat, aber er redet dann nicht über Zeiten und Zeitpunkte, sondern über die innere Haltung derer, die von solchem Ende wissen. Der Herr sagt mehrfach, dass Warten und Ausharren notwendig sein wird. Es wird also bis zu jenem Zeitpunkt eine längere Zeit dauern, als allgemein gewünscht und erwartet. 

Jesu Antwort verschiebt den Schwerpunkt der Frage der Jünger (nach Zeichen (σημεῖον), Zeitpunkt (πότε) und endzeitliche Vollendung (συντέλεια τοῦ αἰῶνος) auf die Schwerpunkte: keine Datierung (24,36), Warnung vor Scheinsicherheit (24,4–5; 24,23–26), richtige Einstellung in der Wartezeit (24,42–51; 25,1–30) sowie eine Gerichtsperspektive (25,31–46). Er erklärt also weder »Zeiten und Zeitpunkte«, also einen zeitlichen Ablauf, sondern ermahnt die Jünger mit einem: »So sollt ihr leben, solange die Wiederkunft mit Bräutigam und Reich sich verzögert!«. Dieses ethische Motiv der Treue hatte der Herr Jesus bereits mehrfach angeschnitten und wird es weiter betonen:

  • »Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden.« (Matthäus 24,13)
  • »Wer ist der treue und kluge Knecht?« (Matthäus 24,45)
  • »Du treuer Knecht … über Wenigem treu.« (Matthäus 25,21)

Im Kontext der »Endzeitrede« (Matthäus 24,3.13.42–51) fungiert das Öl also eher als narrativer Ausdruck für eine die über Zeit gewachsene, nicht delegierbare oder kaufbare Bereitschaft und Treue der Jüngerschaft in der Verzögerung der Wiederkunft Christi (Parousie). Das Öl steht also funktional für das, was treues Ausharren tragfähig macht – nicht für den Heiligen Geist selbst.

Nochmals, in einem Satz: Das Öl ist nicht der Heilige Geist, sondern das, was der Heilige Geist im Leben eines Menschen für den Bräutigam hervorbringen mag – und was man nicht in letzter Minute ersetzen kann.

Wir weiten nun unseren Blick von der Deutung des Öls zur generellen Methodik der Exegese dieser Perikope, die hier wohl zu wenig beachtet wird.

6. Nichtbeachtung des Genres

Gleichnisse im NT (auch bei Matthäus) sind funktionale Erzählungen mit einer Leitabsicht, einer Hauptaussage (selten mit mehreren Hauptgedanken). Sie sind keine System-Allegorien, in denen jedes Detail 1:1 theologisch «aufgelöst«/»gedeutet« werden dürfte oder gar müsste. Jemand hat festgestellt, dass man mit Allegorisieren jeden gewünschten Sachverhalt aus fast jedem beliebigen Text »ableiten« könne. Erfunden wurde diese Deutungsmethode von den Griechen, um als unangenehm empfundene Aussagen in ihren alten Schriften umdeuten zu können. Die Juden in Alexandria übernahmen diese Allegorisierungsmethode von den Griechen mit gleicher Absicht (die Patriarchengeschichte enthält vieles als peinlich und grob Empfundene). Die Christen taten es dann den Juden nach… 

Hier haben wir jedenfalls ein Gleichnis vorliegen: »Dann wird das Reich der Himmel zehn Jungfrauen gleich werden…« (25,1). Ein Gleichnis hat meist nur einen Leitgedanken, einen oft frappierenden Gedanken. Dieser Leitgedanke wird hier ausdrücklich im letzten Satz genannt: »Darum wacht!« (Matthäus25,13). Das ist die Lehre und Redeabsicht dieses Gleichnisses. Es geht also rhetorisch und gattungstheoretisch nicht um Ekklesiologie, sondern um Ermahnung. Das Gleichnis beantwortet nicht das «Wann?« des Kommens des Bräutigams, sondern das »Wie lebt man bis dahin?«.

Die Figuren und Handlungen im Bildbereich »außenherum« dienen der Fokussierung auf Wachsamkeit, nicht aber dem Allegorisieren, mithin auch nicht der Identifikation der Kirche als Braut (von der ja gar nicht die Rede ist!). Also: Ein Allegorisieren eines Gleichnisses ist ein grundsätzlicher Missgriff bei der Auslegung.

7. Gleichnisse bedürfen zum Verständnis Kenntnis des historischen Kontextes

Im antiken jüdischen Hochzeitsritus warteten Brautjungfern (παρθένοι) mit Lampen auf den Bräutigam, um ihn in den nächtlichen Zug zu begleiten, oder sie begleiteten die Braut ins neue, vorbereitete Heim. Alfred Edersheim (The Life and Time of Jesus The Messiah, Grand Rapids, MI (USA): Eerdmans, 1971, Buch V, S. 455ff) deutet darauf hin, dass es insofern eine ungewöhnliche Hochzeit war, als der Bräutigam von weit her (also nicht aus dem gleichen Dorf) kam und irgendwann eintreffend zum Haus der Braut ging. Die Brautjungfern sollten ihn vor dem Dorf begegnen und dann zum Haus der Braut begleiten. Sie warteten natürlich im Dorf, nicht auf der Landstraße draußen, auf die Kunde, dass der Bräutigam sich dem Dorfe nähere. Dass dies geschehen sollte(in selber Nacht) war wohl bekannt, aber die Stunde des Eintreffen nicht. Das Setting ist aus der Erlebniswelt der Jünger ist jedoch plausibel und für Jesu Hörer sofort verständlich. Für uns ist erst einmal eine kulturelle Distanz zu überwinden, da wir anders Hochzeit begehen (siehe Anhang 2 unten).

Die Hauptfigur des Gleichnisses ist erstaunlicherweise nicht die Braut, sondern die unterschiedlich vorbereiteten Wartenden, weil das Gleichnis den Wartezustand der (jüdischen) Jüngerschaft bis zur Wiederkehr (»Ankunft«) des Messias Jesus Christus dramatisiert und die unterschiedlich bereiten Gruppen benennen will. Dies wäre bei der Einzelperson der Braut nicht möglich. Daraus kann man schließen, dass die Wahl der Figuren der Pragmatik der Erzählwelt und der beabsichtigten Lektion (Lehraussage und vor allem die paränetische Ermahnung) folgt, nicht primär einer ekklesiologischen Typologie oder einer bestimmten vorgefassten Eschatologie.

8. Näherer Kontext: Die Endzeitrede

In Matthäus 24–25 richtet Jesus die Endzeitrede an die Jünger. Die Abfolge der Gleichnisse (treuer Knecht, zehn Jungfrauen, anvertraute Talente) fokussiert auf das Verhalten der Wartenden mit Blick auf das unbekannte Ende des Wartens:

  • Matthäus 24,45–51: Treue im Dienst
  • Matthäus 25,1–13: Wachsamkeit im Warten
  • Matthäus 25,14–30: Verantwortung im Umgang mit anvertrauten Gütern

Die Jungfrauen sind im Gleichnis die Wartenden. Wer von ihnen wegen mangelnder Vorsorge nicht genügend Öl hatte, konnte an der Prozession nicht teilnehmen, er verpasst sie. Aber er wird auch von der Hochzeitsfeier selbst ausgeschlossen mit scharfer Ablehnung durch den Bräutigam. Es gibt also am Ende ein Drinnen und ein Draußen für die Eingeladenen: die einen feiern mit, die anderen sind ausgeschlossen. Die Anfrage des Gleichnisses ist also: Wo stehst Du? Das hält die Perspektive konsequent paränetisch (ermahnend). Insofern ist diese Ermahnung übertragbar auf andere Wartesituationen ähnlicher Art. Hier verorten sich dann Übertragungen auf die Gemeinde, die allerdings nicht auf die Zweite Erscheinung Christi als nächstes wartet, sondern auf die Entrückung.

Fazit

Die pauschale Deutung »Öl = Heiliger Geist« ist:

  • bibeltheologisch ungesichert (AT-Befund),
  • bildlogisch inkohärent (Verfügbarkeit des Öls),
  • kontextuell unnötig (die Pointe des Gleichnisses erschließt sich ohne diese Fixierung).

Eine textnahe Deutung versteht das Öl als Symbol für gelebte, über Zeit aufgebaute Bereitschaft und Treue, die die Verzögerung bis zur Erscheinung des Herrn Jesus Christus trägt. Unbenommen bleibt bei dieser Deutung, dass der Heilige Geist ganz sicher diese Bereitschaft des Ausharrens bewirkt und ermöglicht, ohne dass man seine hochgelobte Person deswegen sklavisch vereinfacht in der ganzen Bibel mit dem Symbol gleichsetzen muss.

Vom Grundsatz ausgehend, dass Jesus mit Gleichnissen nicht jede Einzelkomponente allegorisch verstanden haben will, wird dann eine Auslegung nahegelegt, bei der nicht Einzelkomponenten im Bildbereich, sondern der Gesamtgedanke von Wachsamkeit und Beziehung hervorgehoben wird (siehe Gleichnisfazit im letzten Satz durch Christus selbst!).

Anhang 1: Weitere problematische Herangehensweisen

1. Gleichsetzung von Israel mit der christlichen Gemeinde

Die Dogmengeschichte der Christenheit zeigt, dass leider nach wenigen Jahrhunderten bereits die Auffassung Gewicht gewann und viele Kirchenlehrer kennzeichnete, dass die christliche Kirche Israel als Volk Gottes völlig ersetzte habe. Damit wurden dann alle Segnungen, die Israel verheißen wurden, »geistlich« umgedeutet auf die christliche Kirche. Israel hätte damit keine Zukunft (wie biblisch verheißen) mehr, alles ginge in der Gemeinde auf. (Wir vertreten diese Ersatz-Theologie nicht, auch keine Bündnistheologie.)

Aber selbst bei solchen, die aufgrund gleichbleibender Hermeneutik zu anderer Schlussfolgerung geführt werden, werden Bibelstellen, die sich explizit auf Israel beziehen, oft unreflektiert auf die Gemeinde des Neuen Testaments gedeutet. Oftmals wird dies begleitet von der Frage: »Was bedeutet dieser Text jetzt praktisch für mich?« Diese Frage ist wichtig und unverzichtbar, aber sie kommt erst, wenn vorher die Auslegung geklärt wurde, also die Frage: »Was hat der Heilige Geist und der geführte Autor ausgesagt? Was war seine Absicht mit dem, was er schrieb?« Denn jede wahre (=göttlich gemeinte) praktische Anwendung (subjektiv) muss gegründet sein in wahrer Auslegung (was meint die Stelle objektiv), sonst ist sie reine Spekulation, die wahr oder falsch sein kann, jedenfalls aber keine Autorität besitzt. Der biblische Glauben muss stets sagen können: »Es steht geschrieben!«. Pointiert gesagt: »Die Bedeutung/Auslegung der Schrift ist die Schrift!«. Es sind ja nicht die Buchstaben und Wörter, sondern was damit tatsächlich ausgesagt wird, was unser Verständnis ermöglicht, unsere wiedergeborene Seele ergreift und unser erneuertes Herz zum Gehorsam führt.

Konkret: Wenn Jesus Christus etwas über den weiteren Lauf und die Vollendung des Volkes Israel (darauf zielt die Fragestellung der Jünger!) sagt, dürfen wir dies nicht sofort als auf die neutestamentliche Gemeinde Gemünztes deuten. Andererseits gilt: Da die Gemeinde und (das wahre) Israel eine gemeinsame Zukunft mit Ihrem Herrn und Retter haben, sind Berührungspunkte und Tangenten zweifelsfrei vorhanden. Das wird aber nicht hier angesprochen.

2. Überstülpen eines theologischen Systems

Da die »Endzeitrede« Jesu wesenseigen eschatologisch (endzeitlich) gezielt ist, kommt es zum Phänomen, dass das Gleichnis der Zehn Jungfrauen in eine vorher gefasste Eschatologie (Endzeit-Theorie) eingeordnet und dann vom übergeordneten Standpunkt aus systemkonform gedeutet wird. Dies kann man in allerlei Traditionen beobachten, auch bei den »Dispensationalisten«, von denen es allerdings viele unterschiedliche Richtungen gibt. Als Beispiel seien die »Plymouth Brethren« genannt, die in der Endzeitlehre durch die Lehren von J.N. Darby (1800–1880) stark geprägt wurden (Traditioneller Dispensationalismus). Die Ideen, die Darby damals vortrug, sind allerdings auf frühere Quellen zurückzuverfolgen, auch wenn Darby seine Quellen nie offenlegte, eher den Eindruck vermittelte, dass er das selbst (er/ge)funden habe. Der »Dispensationalismus«, den heute allgemein bekannt ist, geht jedoch auf den Amerikaner Cyrus I. Scofield (1843–1921) zurück, der mit der von ihm kommentierten Scofield-Bibel (erste Ausgabe Oxford Press um 1909, erste deutsche Ausgabe ermöglicht durch Gertrud Wasserzug) weite Kreise der Evangelikalen erreicht hat, vor allem in den USA.

Ein anderer Vertreter ist noch lebende Arnold Fruchtenbaum, ein messianischer Jude oder jüdischer Christ, der das Gleichnis in der Struktur des (viel später entstandenen) Dispensationalismus und des Wissens über den formalen Ablauf einer antiken jüdischen Hochzeit (wovon er nur aus frühestens mittelalterlichen rabbinischen Schriften weiß) abbildet. Hier regiert also nicht der Text, sondern das theologische System des Dispensationalismus. Fruchtenbaum weist mit Recht auf die frappierende Abwesenheit der Braut im Gleichnis hin und entlarvt die unbedachte Gleichsetzung »Brautjungfern=Braut« als ungültig (die christliche Gemeinde wird im NT als eine Braut repräsentiert, z. B. Epheser 5; Offenbarung 19; 21). Er schreibt: »The virgins represent neither the Church nor Israel in this parable, but simply serve to illustrate a point…« (»Die Jungfrauen stehen in diesem Gleichnis weder für die Kirche noch für Israel, sondern dienen lediglich der Veranschaulichung eines Punktes…«). Gemeinsam mit anderen Traditionalisten teilt Fruchtenbaum die Ansicht, dass das Gleichnis im kulturellen Kontext jüdischer Hochzeitsrituale steht. Anders als viele konfessionelle oder historisch-kritische Deutungen sieht er jedoch die Jungfrauen nicht als Symbol für die gesamte Gemeinde (»Braut Christi«) oder für alle Gläubigen allgemein, sondern als eine symbolisierte Gruppe innerhalb eines größeren Endzeit-Hochzeits-Schemas; das Öl ist dabei geistliches Bereitsein für den Bräutigam. Dies alles ist Teil seiner dispensationellen Endzeitlehre.

Für Fruchtenbaum löst sich das Problem der fehlenden Braut dadurch, dass er diese in den Himmel verortet, wo sie seit der »Entrückung« (1Thessalonicher 4) auf den Bräutigam wartet, der sie dann gemäß Matthäus 25 zusammen mit den Brautjungfrauen abholen wird. – Man kann das auch so deuten, dass dieses Gleichnis nichts über die Geschichte (Ontologie) der christlichen Gemeinde sagen will, sondern (funktional) etwas über das richtige, nämlich ausharrende, vorbereitete, Warten.

Man kann Fruchtenbaums Verständnis vlt. so zusammenfassen:

  • Die Braut (Gemeinde) ist im Himmel zur Zeit der Trübsal (Drangsal Jakobs),
  • Die Jungfrauen stehen in dieser Zeit auf der Erde und spielen eine begleitende Rolle. Nur diejenigen mit genügend »Öl« (Geist) sind zugelassen zum Hochzeitsfest (dem Hochzeitsmahl des Messias).

Damit knüpft er das Gleichnis nicht nur an die allgemeine Mahnung zur Wachsamkeit, sondern an einen bestimmten Abschnitt der Heilsgeschichte – nämlich die Phase zwischen Entrückung und Hochzeitsfest, wie sie in vielen dispensationalistischen Modellen beschrieben wird.

Für den biblischen Kontext wäre dann auf jeden Fall noch die Einordnung in die Aussagen von Offenbarung 18–22 angesagt: Verurteilung der Hure Babylon, Hochzeit des Lammes im Himmel (also im engen Rahmen), Wiederkehr Christi auf Erden in Kriegsrüstung, Vernichtung der Feinde, Endgericht der Toten, Friedensreich (Millennium) als öffentliche Festzeit von Braut und Bräutigam, Niederschlagung des letzten Aufruhrs, Hölle als ewige Endstation aller Feinde, neuer Himmel, neue Erde, Gott wohnt inmitten der Menschen. Diese Herangehensweise ist für uns, die wir das ganze NT vorliegen haben, durchaus gültig und angesagt (sog. »weiter Kontext«; analogia fidei). Aber es muss uns klar sein, dass die Jünger in situ das noch nicht so verstehen konnten und auch nicht so verstanden haben (siehe Apostelgeschichte 1,6, also vorpfingstlich!).

Im Gegensatz zum systemkonformen Auslegungsansatz wäre der textkonforme Auslegungsansatz, also mit genauer und exklusiver(?) Beachtung des Kontextes, richtiger und sicherer. Über den Ablauf der Geschichte Israels haben einige Propheten des Alten Testaments geredet, am ausführlichsten und konkretesten sicher der Prophet Daniel. Unter Beachtung dieser Vorgaben ordnen manche die Geschehnisse des Gleichnisses der Zehn Jungfrauen in die letzte Danielswoche, die »Große Trübsal« (s. Matthäus 24,21.29), in der die gläubigen Menschen auf ihre Erlösung durch den Bräutigam harren, ein. Auch dort ist das »Ausharren/Warten«-Motiv entscheidend wichtig.

3. Folgen einer kirchlichen Lehrautorität

Wer auf die Autorität der Kirche als Auslegungsnormgeber vertraut, wird auch hier irre: Tomas von Aquin (Catena aurea) sagt, dass unterschiedliche Kirchenväter das Öl als gute WerkeNächstenliebe oder auch als das Wort der Lehre verstanden haben: Hilarius von Poitiers setzt: »Öl = gute Werke; Chrysostomos: »Öl = Nächstenliebe« und Origenes: »Öl = Wort der Lehre«. Man könnte aus dieser Streubreite schließen, dass sie es nicht begriffen hatten. Aber diese Vielfalt war früher kein Problem, in der antiken und frühmittelalterlichen Exegese wurden Bilder häufig mehrdeutig gelesen, ohne dies als störend zu empfinden. Vielleicht hat diese Kirchenväter der Kontext nicht wirklich interessiert. 

Neuzeitlich folgen auch die Mormonen (Latter-Day-Saints) und die Adventisten der Deutung, dass das Öl der Heilige Geist oder Gottes Wort sei. Hier ein unvollständiger Überblick (Tabelle).

InterpretationSchlüsselargumentHauptvertreter
Öl = Heiliger Geist / geistliche FülleÖl als Licht/Salböl → Präsenz Gottes/GeistEvangelikale Kommentare, ERF, Adventisten
Öl = Glauben/Früchte des GlaubensÖl als Ausdruck von Treue/FruchtGotQuestions, Latter-day Saints
Öl = Gute Werke / Nächstenliebe / WortPatristische Vielfalt historischKirchenväter (Hilarius, Chrysostomos, Origenes
Öl = Allgemeine spirituelle Bereitschaft, nicht nur Heiliger GeistKritik an enger Allegorieneuere hermeneutische Beiträge

Anhang 2: Die Etappen einer antiken jüdischen Hochzeit

Weil heute oft der Zugang zu der antiken Tradition des jüdischen Volkes erschwert ist, sei hier kurz geschildert, wie man heute meint, wie eine antike jüdische Hochzeit ablief.

Kurz gesagt: eine Hochzeit war kein kurzer »Schritt zum Traualtar« oder ins »Standesamt«, sondern ein festlicher Prozess mit Warten, Rufen, Prozession, Verheiratung im Familienkreis und einem großem Hochzeitsmahl über sieben Tage

Phase 1: Verlobung (Erusin / Kidduschin)

  • Die Verlobung war formal und rechtlich bindend, vergleichbar mit einem Ehevertrag. Diese Verlobung war nur durch formale Scheidung zu lösen. Der Ehevertrag (Ketubah) wurde häufig schon vor den übrigen Feierlichkeiten unterschrieben.
  • Während dieser Verlobungszeit galt die Braut als rechtlich »angetraut«, lebte aber weiterhin im Elternhaus, bis der Bräutigam kam, um sie zu holen. Sie wusste ungefähr, aber nicht genau, wann der Bräutigam kommt. Es gab keinen Geschlechtsverkehr, vielmehr war dieser mit strenger Strafe und ggf. Auflösung der Verlobung bedroht.

Biblischer Bezug: »…nur der Vater kennt die Stunde« (Matthäus 24,36), weil die Entscheidung über das Hochzeitsdatum in dieser Phase beim Vater des Bräutigams lag. 

Phase 2: Warten auf den Bräutigam

Hier betreten wir den Hintergrund, den Jesus im Gleichnis nutzt:

  • Der Bräutigam bereitet ein Haus bzw. einen Raum für seine Braut vor. Das kostete einige Zeit und Aufwand. Diese Phase konnte bis zu einem Jahr dauern – also eine echte Wartezeit
  • Die Braut und ihr Gefolge bereiten sich auf den nächtlichen Festauszug am Ende der Verlobungszeit vor: Lampen, Kleidung usw. waren rituell/zeremoniell notwendig. Es war damals üblich, für diese Prozession 10 Lampen samt deren Trägerinnen zu verwenden (Edersheim, S. 455). Die Anzahl von zehn war in vielen Bereichen die Mindestzahl, die bei jedem Amtsakt, Segnung oder Zeremonie anwesend sein musste.
  • Die Lampen waren wohl eher Fackeln, die aus einem Ölbrenngefäß mit Docht/Gewebe und einer Stange bestanden, an der das Lampengefäß (Beth Shiqqua; Mischna Kelim 2,8) hochgehoben wurde.
  • Die genaue Ankunft des Bräutigams war zeitlich unsicher – er konnte erst spät am Abend oder mitten in der Nacht erscheinen. 

Diese Ungewissheit erklärt den zentralen Bezug des Gleichnisses: Die Jungfrauen des feierlichen Gefolges mussten ständig mit ihren Lampen bereit sein, weil sie nicht wissen genau konnten, wann der Bräutigam kam. Er kam wohl aus größerer Entfernung angereist. Die Lampen waren selbstverständlich in dieser Wartezeit noch nicht entzündet.

Phase 3: Prozession und Hochzeitsfeier im Familienkreis

Wenn der Bräutigam kam:

  • Rief man seine Ankunft aus, oft mit einem Schofar-Signal oder Rufen. Es war Brauch, dies im Dunkel  der Nacht durchzuführen. Eine Begrüßungsprozession kam ihm entgegen.
  • Man zündete nun die Lampen an und schmückte sie. Es folgte eine Prozession mit Fackeln oder Lampen durch die Straßen, mit Musik und Gesang, die letztlich zum Festort, meist zur Wohnung der Braut, führte. Personen ohne genügend Öl/Fackeln galten als  nicht vorbereitet, und somit als zeremoniell unpassend und daher ausgeschlossen für die Prozession.
  • Danach ging die Prozession zum Haus der Braut (Abholung) und dann mit der Braut zur vorbereiteten neuen Heimstätte für das bald verheiratete Paar, meist in das Haus des Bräutigams oder dessen Eltern.
  • Erst nach dem Eintreffen von Bräutigam und Braut in der neuen Heimstätte begannen die formalen Hochzeitsfeierlichkeiten inklusive Festmahl (Seudat Nissuin) im engeren Rahmen der Familien. 

Phase 4: Öffentliche Präsentation des Brautpaares und anschließende Großfeier

Nach der Zeit der familieninternen Hochzeitsfeier im Haus und Vollzug der Ehe präsentierte sich das Ehepaar feierlich der Öffentlichkeit, vor allem einer meist großen Schar von Geladenen, und feierte mit diesen mehrere Tage lang (vgl. dazu Matthäus 22,1–24; Johannes 2,1–11).

Von dieser Phase ist im Gleichnis nicht die Rede, da in dieser Phase die Zeit des Wartens vorüber ist.

Hier nochmals die im Gleichnis verwendeten Parallelen zur jüdischen Hochzeit:

  • Unbekannter Zeitpunkt: Das Kommen (Parousie) wird angekündigt, aber nicht datiert.
  • Warten mit Lampen: Zeit der Wachsamkeit.
  • Prozession und Feier:  Endgültige Gemeinschaft mit dem Bräutigam (Christus).
  • Nicht Eingelassene, Unvorbereitete:  Warnung vor mangelnder Bereitschaft.

Kernpunkte für das Verständnis

ElementBedeutung im BildbereichBedeutung im Gleichnis
Verlobung / ErusinBindende Vorphase mit WartestatusErwartungshaltung
Warten mit LampenNächtliche Phase der Erwartung; alle schlafen: es dauerte wohl sehr langSymbol für stetige Bereitschaft, zumindest beim Erwachen
Ankunft des BräutigamsBeginn der ProzessionEschatologische Parallele
Prozession & FestÖffentliche Darstellung der Ehe/HochzeitsfeierGemeinschaft mit Bräutigam Christus
Ölmangelunvorbereitet und damit ungeeignet zur TeilnahmeWarnung für die Jünger

Anhang 3: Rabbinische Texte für Hintergrund von Matthäus 25

Einige rabbinische Schriften reden von den Dingen, die Hintergrund des Gleichnisses sind. Die Redaktionszeitpunkte werden mit angegeben, um zeigen, dass diese Schriften um Jahrhunderte nach Christus liegen, also deutend mit Vorsicht zu genießen sind.

  • bShabbat 153a (Babylonischer Talmud, Traktat Schabbat; ca. 5.–6. Jhdt. nChr): Gleichnis vom König, der seine Knechte zum Mahl lädt – ohne Zeitangabe. Es zeigt: „Warten + unbestimmter Zeitpunkt + Vorbereitung“ ist ein sehr jüdisches, ermahnendes Standardmuster (nicht erst christliche Allegorese).
  • Ketubot 7b–8a (Babylonischer Talmud, Hochzeitssegen, Feststruktur; 5.–6. Jhdt. nChr): Hochzeitssegen / Festfreude / mehrtägige Feier
    Für den Ablauf der Hochzeit (Akteure, Feststruktur) ist Ketubot zentral: Dort sind die später so genannten Sheva Berakhot (sieben Segenssprüche) im Zusammenhang von Hochzeit/Feier belegt. Das stützt die Aussage, dass eine Hochzeit kein »kurzer standesamtlicher Moment«, sondern ein Festkomplex ist mit Riten, Struktur und mehrtägigem Festmahl.
  • Jerusalem Talmud Ketubot 1:1 (ca. 350–425 nChr): »Sieben Tage« Festzeit (alte Tradition)
    Der Jerusalemer Talmud führt die »sieben Tage« von Hochzeitsfeiern auf alte Stiftungstradition zurück (»Moses … sieben Tage der Festfreude«).
  • Mishnah Berakhot 2:5 (Mischna-Redaktion: ca. 200 nChr von Rabbi Jehuda ha-Nasi): Bräutigam als zentraler Akteur (rechtlicher/ritualer Status)
    Die Mischna kennt Sonderregelungen für den Bräutigam (z. B. Befreiung von der Schema-Rezitation in der Hochzeitsnacht/den ersten Tagen). Das zeigt, wie stark Hochzeit als sozialer Ausnahmezustand (Pflichten, Ablenkung, Festbetrieb) wahrgenommen wurde. 
  • Ketubot 17a (5.–6. Jhdt. nChr): Hochzeitsprozession als öffentlicher Vorgang
    Ketubot 17a spricht u. a. davon, dass man für »den Einzug der Braut«  (nicht: Bräutigam!) sogar das Thora-Studium unterbricht und dass Hochzeits- und Trauerzug auf der Straße kollidieren können (Prioritätsregeln). Das setzt sehr konkrete Prozessionspraxis voraus

Achtung:  Da viele rabbinische Texte redaktionell deutlich später als Jesus Christus liegen, ist methodisch zu beachten, dass man sie am besten nicht als 1:1-Protokoll eines galiläischen Hochzeitsabends nutzt, sondern als Beleg dafür, welche Motive/Topoi im Judentum als plausibel und didaktisch wirksam galten. Vermutlich weisen sie aber auf Traditionen zurück, die wesentlich älter sind. Priorität in der Auslegung hat der Bibeltext samt seinem Kontext.

Endenoten

[1] Ontologische Gleichsetzung bedeutet, dass zwei Dinge nicht nur als ähnlich oder gleichwertig betrachtet werden, sondern als im Sein identisch oder wesensgleich verstanden. Es geht also nicht um eine bloß sprachliche, funktionale oder metaphorische Gleichsetzung, sondern um eine Aussage darüber, was etwas wirklich ist.

Liebe, Gerechtigkeit und Zorn

Francis Schaeffer forderte uns einmal auf, uns vorzustellen, wir gingen die Straße entlang und träfen auf einen jungen Mann, der auf eine ältere Frau einschlägt. Er schlägt immer wieder auf sie ein, während sie sich an ihre Handtasche klammert, die er ihr entreißen will. Schaeffer fragt: »Was bedeutet es in dieser Situation, meinen Nächsten zu lieben?« Unzweifelhaft bedeutet Nächstenliebe in diesem Fall, die (gerechte) Gewalt anzuwenden, die notwendig ist, um den (bösen) Täter zu überwältigen und die (unschuldige) ältere Frau zu retten (zu lieben). Liebe und Gerechtigkeit, Güte und Heiligkeit, Gnade und Zorn sind keine Gegensätze. Sie ergänzen einander. Letztlich sind sie voneinander abhängig. Liebe ohne Gerechtigkeit ist bloßer Sentimentalismus. Gerechtigkeit ohne Liebe ist blanke Vergeltungssucht. In Gott jedoch gilt: »Güte und Wahrheit sind sich begegnet, Gerechtigkeit und Frieden haben sich geküsst« (Psalm 85,11). Liebe sucht Gerechtigkeit für die Geliebten. Liebe des Guten fordert Hass alles Bösen. Gerechtigkeit schützt, rächt und rechtfertigt die Geliebten. Das Kreuz Christi ist der vollkommene Ausdruck sowohl der Liebe Gottes, der unwürdige Sünder rettet, als auch der Gerechtigkeit Gottes, die fordert, dass ein gerechter Preis für die Erlösung bezahlt wird.

Die Einfachheit Gottes

Zwischen dem, was wir wegen unseres begrenzten und gefallenen Begriffsvermögens vielleicht als »Spannungen« zwischen den verschiedenen Eigenschaften Gottes wahrnehmen, besteht vielmehr eine vollkommene Harmonie. Streng genommen gibt es gar nicht mehrere (separate) Eigenschaften bei Gott, sondern ein einziges, herrliches, göttliches Wesen. Die klassischen Theologen stellten die göttliche Einfachheit häufig an den Anfang ihrer Darlegungen über die Eigenschaften Gottes, weil ein rechtes Verständnis der Einfachheit grundlegend für ein rechtes Verständnis aller Eigenschaften ist. Gott ist einfach. Gott ist Geist, ungeteilt, einzigartig, nicht zusammengesetzt. Er ist Einer – ohne Körper, Teile oder »Seiten«. Wenn wir die Eigenschaften Gottes betrachten, denken wir nicht über verschiedene »Teile« oder »Seiten« Gottes nach. Wir betrachten jede Eigenschaft gesondert aufgrund der Begrenztheit unseres Denkvermögens. »In Gott gibt es nicht viele Eigenschaften, sondern nur eine«, erklärte der englische Puritaner Lewis Bayly (1565–1631) im Sinne des klassischen Theismus, »nämlich das göttliche Wesen selbst, gleichgültig, wie du es nennst.«[1] Gottes attributa divina (göttlichen Eigenschaften) sind untrennbar von seinem essentia Dei (göttlichen Wesen).

Angesichts der wesentlichen Einheit der göttlichen Eigenschaften: Was können wir über das Verhältnis zwischen den von uns als »sanfter« und »härter« empfundenen Ausprägungen seines Wesens sagen – zwischen Liebe und Zorn, zwischen Barmherzigkeit und Gerechtigkeit? Es kann hilfreich sein, diese Frage mit Blick auf die Liebe zu beantworten, also um jene Eigenschaft, um die sich meistens zuerst Diskussion und Kontroversen ranken. »Gott ist Liebe«, hier stimmen Bibel und populäre Meinung meinst überein. Wie sind dann seine Gerechtigkeit und sein Zorn zu verstehen?

Mehr als Liebe

Erstens: Gott ist Liebe – und doch mehr als Liebe. Liebe wird von älteren Theologen als Unterart des Gutseins behandelt. Gottes Gutsein – was Stephen Charnock (1628–1680) [2] die »Leiteigenschaft« nannte – ist die Gattung, zu der Liebe, Gnade, Barmherzigkeit, Freundlichkeit und Geduld als Arten gehören. Diese Klassifikation macht deutlich, dass »Gott ist Liebe« nicht bedeutet, Gott sei Liebe unter Ausschluss seiner übrigen Eigenschaften (1Johannesbrief 4,8). Der Apostel Johannes schreibt nicht: »Liebe ist Gott«. Die biblische Aussage lässt sich nicht umkehren. Die Bibel sagt auch, dass Gott »Licht« ist (1Johannesbrief 1,5) und dass Gott ein »verzehrendes Feuer« ist (Hebräer 12,29). In all diesen Fällen wird dieselbe grammatische Konstruktion verwendet. Der Gott, der Liebe ist, ist nach Johannes auch »treu« und »gerecht« (1Johannesbrief 1,9). »So unendlich wohlwollend Gott auch ist«, sagt J. W. Alexander (ein presbyterianische Theologe des 19. Jahrhunderts), »so ist unendliches Wohlwollen nicht alles an Gott.« Gottes Liebe ist eine gerechte Liebe, und seine Gerechtigkeit ist eine liebende Gerechtigkeit. Wir dürfen nicht zulassen, dass eine Eigenschaft die anderen überwältigt und entkräftet. Charles Spurgeon formulierte es so: »Gott ist … so streng gerecht, als hätte er keine Liebe, und doch so innig liebend, als hätte er keine Gerechtigkeit.«

Liebe definieren

Zweitens muss die Bibel festlegen, was Liebe ist. Nicht selten ist die Liebe Gottes so verstanden worden, dass damit Gottes moralische Eigenschaften geleugnet werden. »Ich glaube an einen Gott der Liebe«, sagt jemand – und schafft damit den Gerichtstag ab und löscht die Feuer der Hölle. Moralische Kategorien werden im Namen der Liebe insgesamt verworfen. »Ein liebender Gott würde niemals …«, so beginnt irgendeine gutgemeinte Behauptung, und dann folgt eine Liste von Lebensstilunterschieden oder moralischen Forderungen, die Gott angeblich niemals stellen würde: Er würde mich nie verurteilen oder wollen, dass ich unglücklich bin, oder mein Verhalten missbilligen oder meine gewählte Identität in Frage stellen. Warum nicht? Weil – so die Behauptung – Gott nur und immer alles und jeden akzeptiere. Das sei Liebe. Gott wird damit durch ein amorphes (gestaltloses) Liebesverständnis neu definiert, losgelöst von Heiligkeit und von der Offenbarung Gottes in der Heiligen Schrift selbst. Wenn die Apostel sagen, Gott sei Liebe, meinen sie, dass er agapē ist, nicht erōscaritas, nicht amor – selbsthingebende, opferbereite Liebe, nicht romantische, erotische oder bloß warmherzig-sentimentale Liebe und auch keine unkritisch-alles-akzeptierende Liebe. Gottes Liebe macht Unterschiede, sie korrigiert Falsches und ist stets gerechte Liebe.

Die Bibel offenbart einen Gott, der sowohl gut als auch gerecht ist. Er ist »barmherzig und gnädig« und doch »hält er keineswegs schuldlos/ungestraft den Schuldigen« (2Mose 34,6–7). »Siehe nun die Güte und die Strenge Gottes«, sagt der Apostel Paulus (Römer 11,22). Wäre Gott nicht gerecht, wäre er nicht gut. Würde er über die Sünde hinwegsehen, das Böse ignorieren, Ungerechtigkeit dulden oder die Unschuldigen der Willkür der Gottlosen überlassen – ungerettet, ungerächt, unverteidigt und am Ende nicht unterschieden von den Bösen, denselben Raum, dasselbe Schicksal, dieselben Belohnungen und Strafen teilend –, dann wäre Gott nicht gut oder freundlich oder gerecht oder heilig. »Seine Liebe ist nicht und kann nicht blind und nachsichtig sein«, sagt Ian Hamilton, »genauso wenig, wie seine Gerechtigkeit und Heiligkeit nicht kalt und willkürlich sein können oder sind.« Also: Liebe erfordert Gerechtigkeit.

Zur Liebe geneigt

Drittens: Gott ist zur Liebe geneigt. Zwar dürfen wir die Liebe nicht alle anderen Eigenschaften Gottes überstrahlen lassen; dennoch können wir sagen, dass Liebe – und mit ihr sein Gutsein insgesamt – in gewissem Sinne »natürlicher« zu Gott gehört als sein Zorn. Er zieht es eher vor zu lieben, als denn strengere Ausdrucksformen seines Wesens zu offenbaren. Wir strapazieren mit solchen Aussagen natürlich die Sprache, weil Gottes Eigenschaften, wie gesagt, eine harmonische Einheit bilden. Liebe und Gerechtigkeit stehen in Gottes Wesen oder Bewusstsein nicht im Widerstreit. Doch die Bibel lehrt häufig, dass Gott an »beständiger Gnade/Güte« (hebr. chesed) Gefallen hat, während sie weniger lehrt, dass er Gefallen daran hat, Zorn zu üben. Micha 7,18 sagt: »Er behält seinen Zorn nicht auf ewig, denn er hat Gefallen an Güte«. »Gott ist eher zur Barmherzigkeit geneigt als zum Zorn«, sagt Thomas Watson (um 1620–1686). »Taten der Strenge werden ihm gleichsam abgerungen«. Die Bibel lehrt, dass »er nicht von Herzen plagt«, wohl aber willig und freudig liebt (Klagelieder 3,33; vgl. 5Mose 7,6–7). Er ist »langsam zum Zorn« und reich an beständiger Gnade (Psalm 103,8; vgl. 2Mose 34,6). Jesaja nennt Gottes Gericht sein »fremdes Werk« (Jesaja 28,21) – das, was Theologen opera aliena Dei (»die fremden Werke Gottes«) nannten.[3] Er ist eher ein zögernder Richter. Gott ist eher zur Liebe geneigt – zur Güte, Gnade und Barmherzigkeit – als zu Zorn, Grimm und Gericht. Der Ausdruck der Liebe offenbart stärker seine Neigung oder die Richtung seines Wesens als der Ausdruck seines Zorns. Ja, Gottes Liebe, so sagt der Puritaner William Gurnall (1616–1679), »setzt alle seine anderen Eigenschaften in Bewegung«.

Unsere Darstellung der Eigenschaften Gottes sollte stets in Demut erfolgen. So viel wir auch gesagt haben – es gibt immer mehr zu sagen. Das Endliche kann das Unendliche nicht umfassend oder erschöpfend erkennen. Dennoch können wir Gott wahrhaft erkennen und dort reden, wo die Bibel redet: Sie offenbart einen Gott, der zugleich Liebe und Licht ist, zugleich gnädig und barmherzig und gerecht verdammend. Am besten kann man dies in der Offenbarung Gottes in seinem Heilswerk auf Golgatha beobachten.

Endenoten, Quellen und Disclaimer

[1]   Lewis Bayly schrieb 1613 das vielbeachtete und in viele Sprachen übersetzte Werk: The Practice of Piety, directing a Christian, how to walk, that he may please God, das auch auf Deutsch herausgegeben wurde (dt. Basel 1628, Lüneburg 1631): »Praxis Pietatis: Das ist: Ubung der Gottseligkeit : Darinn begriffen/ wie ein Christgläubiger Mensch/ in wahrer erkäntnuß Gottes/ und seiner selbsten/ zunemen; sein Leben täglich in der Forcht Gottes anstellen/ mit ruhigem Gewissen zubringen/ unnd nach vollendetem Lauff seliglich beschliessen kan: Sampt beygefügten schönen Geist- und Trostreichen Gebetten ; Erstlich/ in Englischer Sprach uber die dreyssig mal; hernacher Frantzösisch zu unterschiedenen malen außgangen: anjetzo aber … auch in die Teutsche Sprach gebracht« (Basel: Wagner, 1630–1631).

[2]   Stephen Charnock (1628–1680), puritanischer Theologe, war ein englischer puritanischer presbyterianischer Geistlicher, geboren in der Gemeinde St. Katherine Cree in London. Charnocks theologischer Ruhm beruht hauptsächlich auf seinen Discourses upon the Existence and Attributes of God (»Abhandlungen über die Existenz und Eigenschaften Gottes«), einer Reihe von Vorträgen, die er vor den Mitgliedern seiner Gemeinde in Crosby Hall hielt; leider wurden die »Discourses« durch Charnocks Tod im Jahr 1680 unterbrochen. Die Abhandlung ist heute unter dem Titel The Existence and Attributes of God (»Die Existenz und Eigenschaften Gottes«) erhalten, die erstmals 1682 posthum veröffentlicht wurde. (Online PDF auf www.monergism.com)

[3] In der klassischen christlichen Theologie unterscheidet man zwischen den Opera propria Dei (den »Gott eigenen Werken«), die seinem Wesen im engeren Sinn entsprechen, also »Ihm gemäße Werke« sind. Darunter zählt man seine Gnade, Barmherzigkeit, Güte, Liebe und das Errettungswerk, wobei diese alle der moralischen Vollkommenheit Gottes Liebe (»Gott IST Liebe«!) zugeordnet sind. – Die Opera aliena Dei (die »Gott fremden Werke«) sind dann jene Werke Gottes, die Gott nicht um ihrer selbst willen tut, sondern als Antwort auf Sünde und Schuld. Darunter zählt man das Gericht, die Verdammnis, die Zürchtigung, den Zorn, den Grimm u.ä., wobei diese alle der moralischen Vollkommenheit Gottes Licht (»Gott IST Licht«) zugeordnet sind. »Fremd« heißt hier also nicht, das diese Werke un-göttlich oder dem Wesen Gottes widersprüchlich wären, sie sind vielmehr wesensgemäß möglich und notwendig und heilig, aber nicht wesensgemäß bevorzugt. Etwas platt formuliert: Gott richtet wirklich, aber ungern. Gott rettet wirklich, aber gern. Als erste Bibelreferenzen wären Jesaja 28,21, Klagelieder 3,33, Micha 7,18 und Hesekiel 33,11 zu überdenken. – Warum man diese theologische Unterscheidung einführte ist der Beobachtung in der Heiligen Schrift geschuldet, dass einerseits Gott wirklich gerecht ist und wirklich wirksam richtet, sein Gericht(reden) also nicht bloß pädagogisches Symbol, sondern reale göttliche Handlung ist. Andererseits sehen wir in der Heiligen Schrift ebenso, dass Gottes innerste Neigung Gnade ist und nicht der Zorn. Gericht ist bei Gott nicht Selbstzweck oder Ziel in sich selbst, sondern angesichts der Sünde ein absolut notwendiges, aber nicht das bevorzugte, Handeln Gottes. – Auch Martin Luther hat diese Unterscheidung genutzt, um zu zeigen, dass Gott durch das Gesetz (Zorn, Gericht, Verdammung; sog. Opus alienum) wirkt, um damit zum Evangelium (Gnade, Rechtfertigung vor Gott; sog. Opus proprium) zu führen. – Festzuhalten ist dogmatisch (theologisch), dass Gottes Wesen, seine göttlichen Vollkommenheiten, eine Einheit darstellen und dass Gottes Zorn nicht ein Gegenpol zur Liebe, sondern deren notwendige Ausdrucksform gegenüber dem Bösen ist.

Der Beitrag wurde übersetzt, adaptiert und mit Endenoten versehen von grace@logikos.club, basierend auf einem Artikel von Terry L. Johnson: Love, Justice, and Wrath in TableTalk Mai 2022, S. 14–16. Dr. Terry L. Johnson ist leitender Gemeindehirte der Independent Presbyterian Church in Savannah, Georgia (UAS). Er ist Autor der Bücher The Case for Traditional Protestantism und Reformed Worship. (Die Verwendung seines Beitrags hier bedeutet nicht ein Endorsement (Befürwortung) aller seiner Lehren durch logikos.club.)

Die Predigt des Zornes Gottes (Steve Lawson)

Der Genfer Reformator Johannes Calvin sagte, dass Predigen die öffentliche Auslegung der Heiligen Schrift durch den von Gott gesandten Menschen ist, in der Gott selbst in Gericht und Gnade gegenwärtig ist.[1] Ein treuer Dienst auf der Kanzel erfordert die Verkündigung sowohl des Gerichts als auch der Gnade. Das Wort Gottes ist ein scharfes, zweischneidiges Schwert, das das Wachs erweicht, aber den Ton verhärtet, das tröstet und quält, das rettet und verdammt.

Die Verkündigung des göttlichen Zorns dient als schwarzer Hintergrund, der den Diamanten der Barmherzigkeit Gottes heller als zehntausend Sonnen leuchten lässt. Auf dem dunklen Samt des göttlichen Zorns funkelt die strahlende Pracht seiner rettenden Gnade am hellsten. Die Verkündigung des Zorns Gottes zeigt am eindrucksvollsten seine gnädige Barmherzigkeit gegenüber den Sündern.

Wie Wächter auf der Burgmauer, die mit ihren Trompeten vor einer bevorstehenden Katastrophe warnen, müssen Prediger den ganzen Ratschluss Gottes verkünden. Diejenigen, die auf der Kanzel stehen, müssen die gesamte Wahrheit der Heiligen Schrift predigen, die sowohl den souveränen Zorn als auch die höchste Liebe umfasst. Sie können sich nicht aussuchen, was sie predigen wollen. Es geht immer um den ganzen Ratschluss Gottes, mithin um Gnade und Gericht (Apostelgeschichte 20,27). Die Verkündigung des Zorns Gottes ist für einen treuen Prediger niemals eine Frage seines Beliebens – sie ist vielmehr bindender göttlicher Auftrag.

Tragischerweise fehlt in vielen heutigen Kanzeln die Predigt über das bevorstehende Gericht Gottes. Wenn es um den Zorn Gottes geht, sind die meisten Prediger sehr vorsichtig und entschuldigend geworden, manche schweigen darüber ganz. Um die Liebe Gottes zu verherrlichen, so argumentieren viele, müsse der Prediger Gottes Zorn herunterspielen. Tatsache ist aber: Gottes Zorn auszulassen bedeutet, seine erstaunliche Liebe zu verschleiern. Die Verkündigung der göttlichen Rache zurückzuhalten ist letztlich gnadenlos (und zutiefst unverantwortlich), so seltsam das in den Ohren mancher Christen heute auch klingen mag.

Warum ist es so wichtig, über den göttlichen Zorn zu predigen? Erstens verlangt der heilige Charakter Gottes es. Ein wesentlicher Teil der moralischen Vollkommenheit Gottes ist sein Hass auf die Sünde. A. W. Pink behauptet: »Der Zorn Gottes ist die Heiligkeit Gottes, die gegen die Sünde in Aktion tritt.« Gott ist »ein verzehrendes Feuer« (Hebräer 12,29), »ein gerechter Richter, der jeden Tag zürnt« (Psalm 7,11) gegenüber den Gottlosen. Gott hat die »Gottlosigkeit gehasst« (Psalm 45,8) und ist zornig über alles, was seinem vollkommenen Charakter widerspricht. Deshalb wird er die Sünder am Tag des Gerichts »vertilgen« (s. Psalm 5,5–7).

Jeder Prediger muss den Zorn Gottes verkünden oder er wird Gottes Heiligkeit, Liebe und Gerechtigkeit verkleinern. Weil Gott heilig ist, ist er von aller Sünde getrennt und steht jedem Sünder völlig ablehnend gegenüber. Weil Gott Liebe ist, erfreut er sich an Reinheit und muss notwendigerweise alles Unheilige hassen. Weil Gott gerecht ist, muss er die Sünde bestrafen, die seine Heiligkeit verletzt. Das alles gehört harmonisch in Gottes Vollkommenheit zusammen.

Zweitens verlangt es der Dienst der Propheten. Die Propheten der Vergangenheit verkündeten häufig, dass ihre Zuhörer aufgrund ihrer fortwährenden Bosheit den Zorn und Grimm Gottes auf sich zogen (Jeremia 4,4). Im Alten Testament werden mehr als zwanzig Wörter verwendet, um den Zorn Gottes zu beschreiben, und diese Wörter werden in ihren verschiedenen Formen insgesamt 580mal verwendet. Immer wieder beschrieben die Propheten mit lebhaften Bildern den Zorn Gottes, der sich über die Bosheit ergoss. Der letzte der Propheten, Johannes der Täufer, sprach vom »kommenden Zorn« (Matthäus 3,7). Von Mose bis zum Vorläufer Christi gab es eine kontinuierliche Warnung an die Unbußfertigen vor dem göttlichen Zorn, der sie erwartet.

Drittens verlangt es Christi eigene Verkündigung. Ironischerweise hatte Jesus mehr über den göttlichen Zorn zu sagen als jeder andere in der Bibel. Unser Herr sprach mehr über den Zorn Gottes als über die Liebe Gottes. Jesus warnte vor der »Hölle des Feuers« (Matthäus 5,22), dem ewigen »Verderben« (Matthäus 7,13), und der »äußersten Finsternis«, wo »Heulen und Zähneknirschen« sein wird (Matthäus 8,12). Einfach ausgedrückt: Jesus war ein Prediger der Hölle und der Verdammnis. Die Männer auf den Kanzeln täten gut daran, dem Beispiel Christi in ihrer Predigt zu folgen.

Viertens verlangt es die Herrlichkeit des Kreuzes. Christus erlitt den Zorn Gottes für alle, die an Ihn glauben würden. Wenn es keinen göttlichen Zorn gäbe, gäbe es auch keinen Grund für das Kreuz, geschweige denn für die Erlösung verlorener Seelen. Wovon müssten Sünder denn dann erlöst werden? Nur wenn wir die Wirklichkeit des Zorns Gottes gegen diejenigen erkennen, die ein gerechtes Gericht verdienen, erkennen wir, dass »das Wort vom Kreuz« (1. Korinther 1,18) eine überaus herrliche Botschaft ist. Zu viele Prediger rühmen sich heute eines kreuzzentrierten Dienstes, predigen aber selten, wenn überhaupt, vom göttlichen Zorn. Damit verleugnen sie aber das Kreuz im »Wort vom Kreuzes«, ihr »Evangelium« ist fatal lückenhaft.

Fünftens verlangt es die Lehre der Apostel. Diejenigen, die direkt von Christus beauftragt wurden, hatten den Auftrag, alles zu verkünden, was er geboten hatte (Matthäus 28,20). Dazu gehört auch, Gottes gerechten Zorn gegenüber den Sündern zu verkünden. Der Apostel Paulus warnt die Ungläubigen vor dem Gott, der »Zorn auferlegt« (Römer 3,5), und erklärt, dass nur Jesus uns »von dem kommenden Zorn« erretten kann (1. Thessalonicher 1,10). Petrus schreibt über »den Tag des Gerichts und des Verderbens der gottlosen Menschen« (2. Petrus 3,7). Judas spricht von der »Strafe des ewigen Feuers« (Judas 7). Johannes beschreibt den »Zorn des Lammes« (Offenbarung 6,16). Es ist offensichtlich, dass die Verfasser des Neuen Testaments es für absolut notwendig erachtet haben, Gottes Zorn zu predigen.

Prediger dürfen sich nicht davor scheuen, den gerechten Zorn Gottes gegenüber Sündern, die die Hölle verdienen, zu verkünden. Gott hat einen Tag festgelegt, an dem er die Welt in Gerechtigkeit richten wird (Apostelgeschichte 17,31). Dieser Tag rückt immer näher. Wie die Propheten und Apostel und sogar Christus selbst müssen auch wir die Ungläubigen vor diesem kommenden schrecklichen Tag warnen und sie dazu bewegen, zu Christus zu fliehen, der allein mächtig und bereit ist, zu retten.

Du nun, Menschensohn, ich habe dich dem Haus Israel zum Wächter gesetzt: Du sollst das Wort aus meinem Mund hören und sie in meinem Namen warnen. Wenn ich zum Gottlosen spreche: Gottloser, du sollst gewiss sterben!, und du redest nicht, um den Gottlosen vor seinem Weg zu warnen, so wird er, der Gottlose, wegen seiner Ungerechtigkeit sterben; aber sein Blut werde ich von deiner Hand fordern. Wenn du aber den Gottlosen vor seinem Weg warnst, damit er von ihm umkehrt, und er von seinem Weg nicht umkehrt, so wird er wegen seiner Ungerechtigkeit sterben; du aber hast deine Seele errettet. (Hesekiel 33,7–9)

Endenoten, Quellen und Disclaimer

[1]      Siehe z.B. Johannes Calvins Kommentar zu 2. Korinther 2,15–16: »Denn durch unsere Predigt wird der Geruch Christi sowohl den einen zum Tode als den anderen zum Leben. Nicht dass das Evangelium an sich den Tod wirkte, sondern weil es für die Verworfenen zum Anlass des Todes wird; wie die Sonne, die mit ihrem Licht den Augen nützt, den Blinden aber schadet. So ist das Evangelium seiner Natur nach heilsam, doch wegen der Bosheit der Menschen wird es für viele zum Anlass des Verderbens.«. Calvins Kernsatz lautet: »Evangelium per se salutare est; sed reproborum vitio fit eis odor mortis.« (»Das Evangelium ist an sich heilsam; doch durch die Schuld der Verworfenen wird es ihnen zum Geruch des Todes«). Vgl. auch die Institutio Christianae Religionis (IV,1,5; IV,1,9; IV,3,1) mit Calvins Aussagen über die Predigt (sog. Worttheologie). (A. d. Ü.)

Dieser Artikel basiert auf einem Beitrag von Steve Lawson mit dem Titel Preaching the Wrath of God. Er wurde zuerst veröffentlicht in der Zeitschrift Tabletalk, Ausgabe Februar 2014. Link: tabletalkmagazine.com/article/2014/02/preaching-wrath-god/. Copyright (2014), Ligonier Ministries (www.ligonier.org). Übersetzt und adaptiert von grace@logikos.club (2026).


Evangeliums-Knowhow: Der Zustand der Verlorenen

In seinem Brief an die Korinther, den unsere Bibeln als »1. Korintherbrief« führen, erklärt der Apostel Paulus seinen Lesern seine »Dienstphilosophie«, also die Grundlagen, Grundsätze und Motive dafür, wie und warum er seinen Dienst tut. 1 Die Korinther hatten die zentrale Bedeutung des Kreuzes aus den Augen verloren. Um den Konflikt zu bekämpfen, der diese Gemeinde wegen ihrer menschzentrierten Sichtweise erfasst hatte, musste Paulus die Korinther daran erinnern, das Wort vom Kreuz wieder in den Mittelpunkt ihres Dienstes zu stellen.

Paulus weist zunächst auf den Inhalt der Predigt hin, die kreuzzentriert sein und sich auf das Evangelium Jesu Christi konzentrieren sollte. Ohne das Kreuz gibt es kein Evangelium, keine Erlösung, keine Vergebung und kein ewiges Leben für Sünder. Das muss erläutert und begründet werden. Daher erklärt Paulus in 1.Korinther 1,18 zuerst einmal den Zustand des Verlorenen aus Sicht Gottes.

Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit; 
uns aber, die wir errettet werden, ist es Gottes Kraft.
 (1. Korinther 1,18)

Die Botschaft vom Kreuz ist also objektiv für diejenigen, die verloren gehen, Torheit. Das Wort, das hier mit »Torheit« übersetzt wurde, ist mōria (»Dummheit«, »Absurdität«; vgl. auch 1,21.23; 1, 25 [mōros]; 2,14; 3,19). Ungläubige haben die Botschaft des Evangeliums nicht abgelehnt, weil Christen schlechte Vorbilder für Christus sind (obwohl dies manchmal zutrifft und definitiv als Ausrede herangezogen wird). Vielmehr lehnen Ungläubige das Evangelium deswegen ab, weil sie es im Grunde für idiotisch, töricht, unnötig, nutzlos und fiktiv halten, auch wenn sie das vielleicht aus Höflichkeit nicht so sagen.

Was man über die Unbekehrten denkt, wird ganz bestimmt unsere »Dienstphilosophie« in der Verkündigung der Guten Botschaft (»Evangelium«) bestimmen. Das ist aus naheliegenden Gründen so. Aber die meisten Gemeinden und Kirchen haben ein grundlegendes Missverständnis über den Zustand der Verlorenen. Sie glauben, dass Menschen für Christus gewonnen werden können, indem man an etwas appelliert, das diese ungläubigen Männer, Frauen oder Kinder bereits in sich hätten. Die Länge der Predigt, der Musikstil, die Beleuchtung, die Effekte, die Illustrationen und alles andere im Gottesdienst sollen daher im Wesentlichen davon bestimmt sein, was diejenigen, die verloren sind, am besten anspricht oder gefällt. So jedenfalls denkt mancher gutmeinende Mensch, der den verlorenen Nächsten mit einem Kunden und die Evangeliumsverkündigung mit einer Marketing-Veranstaltung verwechselt. Vielleicht wäre es gut, wenn man unter Evangelisation eher einen SAR-Einsatz (SAR = Search And Rescue) auf Tod und Leben sieht. Da hilft es nicht, Bonbons abzuwerfen.

Es mag durchaus sein, dass die meisten Gemeinden, die nach dieser falschen Dienstphilosophie arbeiten, den aufrichtigen Wunsch haben, Menschen gerettet zu sehen. Sie erkennen aber nicht das Problem, dass Gott uns nicht nur beauftragt hat, eine bestimmte Botschaft (nämlich das Wort vom Kreuz) zu predigen, sondern dies auch mit einer bestimmten Methode zu tun. Unser Wunsch im Dienst sollte immer Treue sein (wie sollte man sonst Segen erwarten?), und ein zentraler Schlüssel zur Treue ist es, zu erkennen und zu akzeptieren, was die Bibel über den Zustand der Verlorenen sagt. Und dieses Wort Gottes sagt uns eben ungeschminkt und aus der göttlich richtigen Erkenntnis des »Herzenskenners«, dass diejenigen, die verloren gehen, das Evangelium für Torheit, Unsinn und Dummheit halten. Es gibt mindestens sieben Gründe, warum diejenigen, die verloren gehen, das Evangelium für ausgemachten, persönlich absolut irrelevanten Unsinn halten.

Erstens: Die Verlorenen sind geistlich blind.

Wir sehen diese Realität im gesamten Neuen Testament, wo unser Herr diejenigen, die sich an seiner Predigt stießen, häufig als blind bezeichnete. In Matthäus 15,14 sagte Jesus, dass die Pharisäer – und diejenigen, die diesen religiösen Führern folgten und Christus ablehnten – blind waren. Falsche Religion, sei sie nun organisiert oder tarne sie sich gar als »nichtreligiös« oder »rein rational«, ist nichts anderes als das Leiten von Blinden durch Blinde (die aber oft genug behaupten zu sehen).

In Johannes 3 sagt Jesus zu Nikodemus, dass niemand das Reich Gottes sehen kann, wenn er nicht von neuem geboren ist. Beachten wir hier, dass Ungläubige das Reich Gottes nicht einmal sehen können, wenn sie nicht von neuem geboren sind. Das ist heute offensichtlich, da viele Männer und Frauen völlig in den Reichen dieser Welt gefangen sind. Die Politik ist die Religion vieler Menschen im Westen, die um Macht ringen und nach ihr streben. Sie verehren diese Macht, weil sie nicht sehen können, dass es ein größeres Reich gibt, das alle Machtmenschen der Erde zur Seite schieben wird, wenn Christus wiederkommt, und dass nur Jesus Christus der König der Könige und der Herr der Herren ist. Sie sind geistlich blind und leben daher ein Leben, in dem sie jenes geistliche Reich, das unendlich viel wichtiger ist als jede irdische politische Macht, völlig außer Acht lassen. Um ein Mark Twain zugeschriebenes Zitat etwas zu missbrauchen: Es ist leichter, jemand hinters Licht zu führen, als ihn davon zu überzeugen, dass er blind ist (Original: »It’s easier to fool people than to convince them they have been fooled.«). Daher gibt es so wenig Führung und so viel Ver-Führung.

Zweitens: Die Verlorenen sind geistlich tot.

Auch euchdie ihr tot wart in euren Vergehungen und Sünden, … Denn durch die Gnade seid ihr errettet, mittels des Glaubens; und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es … (Epheser 2,1.8)

Paulus erinnert die Gläubigen in Epheser 2,1 daran, dass wir in unseren Übertretungen und Sünden tot waren, bevor wir durch Gnade durch den Glauben gerettet wurden. Die Vorstellung, in unseren Übertretungen und Sünden tot zu sein, steht im Gegensatz zur Position des Christen, der in Christus lebt. Der Gläubige wird durch Christus bestimmt, weil er in Christus ist. Der Ungläubige hingegen wird kennzeichnet, bestimmt und identifiziert durch seine Sündhaftigkeit. In dieser Sündhaftigkeit ist der Ungläubige geistlich tot, zu keiner geistlichen Regung willig und fähig.

Drittens sind die Verlorenen Sklaven des Teufels.

Ein Knecht des Herrn aber soll … in Sanftmut die Widersacher zurechtweis[en], ob ihnen Gott nicht etwa Buße gebe zur Erkenntnis der Wahrheit und sie wieder nüchtern werden aus dem Fallstrick des Teufels, die von ihm gefangen sind, für seinen Willen. (2. Timotheus 2,24–26)

Die große Lüge Satans, mit der er die Verlorenen oft für die Wahrheit des Evangeliums blind macht, lautet, dass die Gute Nachricht (das Evangelium) ihnen ihre Freiheit nehmen würde. Für ungläubige Menschen bedeutet Freiheit, alle Wünsche ausleben zu können, die man hat, seien es »gute« oder böse. Wenn Christen auf die sündige Natur dieser Neigungen hinweisen, nutzt der Teufel diese Wahrheit, um die Unbekehrten zu täuschen und sie glaubend zu machen, dass die Gläubigen versklavt seien, nicht sie selbst.

In 2. Timotheus 2,24–26 sehen wir, dass der Ungläubige nicht tut, was er will, sondern gefangen ist, um den Willen des Teufels zu tun. Natürlich gibt es einen Sinn, in dem Ungläubige Böses tun wollen, weil sie geistlich blind und tot sind, aber sie handeln nicht wie Menschen, die frei sind – selbst wenn sie vorsätzlich, also mit ganzem Willen, sündigen. Sie leben kein Leben in uneingeschränkter Freiheit und Unabhängigkeit, in dem sie freudig dem Guten und Angenehmen nachgehen. Nein, die Lüge des Teufels besteht darin, dass der Sünder frei sei, alles zu tun, was er will, während er in Wirklichkeit den Befehlen des Teufels und den Begierden seines gefallenen Wesens folgt.

Viertens sind die Verlorenen Sklaven der Sünde.

Jesus antwortete ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: 
Jeder, der die Sünde tut, ist der Sünde Knecht [doulos]. (Johannes 8,34)

Jesus sagte in Johannes 8,34, dass Menschen sündigen, weil sie der Sünde versklavt sind. Diejenigen, die ohne Christus sündigen, stehen unter der Herrschaft der Sünde, die das Leben der Verlorenen beherrscht und ihre Entscheidungen, Wünsche und Handlungen bestimmt. Diese Menschen tun also nicht nur den Willen des Teufels, sondern auch den Willen der Sünde. Es ist aber nicht nur Aufgepresstes, sondern der nächste Punkt zeigt, dass dies als unerlöste Sünder auch ihr Wesen, ihr Eigenes, ist.

Fünftens sind die Verlorenen Kinder des Zorns.

… nach dem Fürsten der Gewalt der Luft, des Geistes, der jetzt wirksam ist in den Söhnen des Ungehorsams; unter denen auch wir einst alle unseren Wandel führten in den Begierden unseres Fleisches, indem wir den Willen des Fleisches und der Gedanken taten und von Natur Kinder des Zorns waren wie auch die Übrigen. (Epheser 2,2b–3)

Paulus bekräftigt diese Tatsache in Epheser 2,3 über unser Wesen vor der Bekehrung, was auf etwas hinweist, das unausweichlich wahr ist: Wenn jemand von Natur aus etwas ist, dann ist er so, weil er so geboren wurde – und er kann nichts tun, um das zu ändern. Jeder ist zunächst ein »Kind des Zorns«, weil er als Sünder geboren wurde. Ohne Eingriff Gottes, ohne Christus, wird es auch dabei bleiben. Das ist eine furchtbare Perspektive, denn das Ziel aller unerlösten Kinder des Zorns ist die ewige Pein und Strafe im Feuersee.

Es ist daher von entscheidender Bedeutung, das Wesen derer zu verstehen, die verloren gehen. Sie sind keine guten Menschen (auch wenn sie sich als Gutmenschen präsentieren), die leider auch ein paar schlechte Dinge tun. Gottes objektives Urteil ist: Sie sind böse Menschen, die böse Dinge tun. Sie sind geboren, um sich dem Evangelium Jesu Christi zu widersetzen, weil sie es für Torheit halten. Das Evangelium für Torheit zu halten, ist kein erlerntes Verhalten, sondern ein natürliches Verhalten und die Denkweise des natürlichen Menschen in seinem unbekehrten Zustand.

Sechstens sind die Verlorenen unfähig, Gott zu gefallen.

Denn die Gesinnung des Fleisches ist der Tod, die Gesinnung des Geistes aber Leben und Frieden, weil die Gesinnung des Fleisches Feindschaft ist gegen Gott, denn sie ist dem Gesetz Gottes nicht untertan, denn sie vermag es auch nicht. Die aber, die im Fleisch sind, vermögen Gott nicht zu gefallen. (Römer 8,6–8)

Der Ungläubige ist nicht nur unwillig, Gott zu gefallen, sondern er ist auch unfähig, Gott zu gefallen. In Römer 8,6–8 sagt Paulus unverblümt, dass der Ungläubige sich nicht Gottes Gesetz unterwirft und auch kein Interesse daran hat, seine Gebote zu befolgen. Paulus sagt nicht, dass der Ungläubige die Gebote Gottes nicht versteht und aufgrund einer intellektuellen oder körperlichen Unzulänglichkeit nicht gehorchen kann, sondern dass der Unbekehrte keinerlei moralische Fähigkeit besitzt, Gott zu gehorchen und ihm zu gefallen – dies ist die biblische Lehre von der völligen Unfähigkeit des natürlichen Menschen, sich aus frommer Eigeninitiative zu retten oder retten zu lassen.

Siebtens, die Verlorenen hassen Gott.

… euch, die ihr einst entfremdet und Feinde wart nach der Gesinnung in den bösen Werken, … (Kolosser 1,21)

In Kolosser 1,21 spricht Paulus die Christen in Kolossä an und erinnert sie, wie sie waren, bevor sie Gott kennenlernten. Damit will er seinen Lesern helfen, das Wesen (Natur) des Ungläubigen zu verstehen. Jeder Mensch hasst Gott in seinen innersten Gedanken. Unser aller Denken vor der Neugeburt von oben war gegen Gott gerichtet. Unsere gesamte Lebensausrichtung und Gesinnung gegenüber Gott, seinem Willen und seinen Wegen war feindlich.

Der Hass auf Gott, Christus und das Evangelium ist der Grund, warum unzählige Christen im Laufe der Geschichte verfolgt und gemartert wurden, nur weil sie die Frohe Botschaft vom Kreuz verkündeten. Der Zustand derer, die verloren gehen, ist, dass sie Gott feindlich gesinnt sind, und wenn sie das Evangelium hören, empfinden sie es als idiotisch und töricht – so töricht, dumm und beleidigend, dass viele Menschen, darunter auch Paulus, der die Botschaft vom Kreuz verkündete, dafür getötet wurden.

Resümee

Diese sieben Eigenschaften kennzeichnen den Zustand der Verlorenen. Kein Film, kein Sportereignis, kein Barbecue, kein Komiker, keine Beleuchtung, keine Bühneneffekte, keine Manipulation, keine süßen Worte und keine Tricks können die Herzen derer, die zugrunde gehen, so verändern, dass sie das Evangelium als Weisheit Gottes erkennen. »Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit«, nicht weil es dem Evangelium an rettender Kraft und Wahrheit mangelte, sondern weil das sündige Herz des Ungläubigen von Natur aus gegen Christus und seine Botschaft eingestellt ist.

Wenn dies der Zustand des Verlorenen ist, und er ist es, gibt es dann noch Hoffnung für ihn?

Ja, es gibt Hoffnung. Alle, die Christus lieben, gehörten einst zu diesen Verlorenen. Sie wurden jedoch durch die Kraft des Wortes vom Kreuz und das Evangelium von Jesus Christus gerettet. Das Wort vom Kreuz allein öffnet die Augen der Blinden und erweckt die geistlich Toten zum Leben, befreit die Gefangenen der Sünde und Satans, verwandelt ein Kind des Zorns in ein Kind Gottes, verwandelt ein Herz, das unfähig war, Gott zu gefallen, in ein Herz, das zur Ehre Gottes lebt, und verwandelt einen Menschen, der Gott hasst, in einen Menschen, der Gott liebt.

Preisen wir Gott für die Kraft des Wortes vom Kreuz!

Endenote, Quelle & Disclaimer

[1] Der im Amerikanischen häufig gebrauchte Ausdruck »Philosophy of Ministry“ bezeichnet ein reflektiertes, schriftlich fixiertes Selbstverständnis darüber, wie eine Gemeinde, deren Leitung oder deren Dienstleiter ihren jeweiligen Dienst begreifen, inklusive biblisch-theologischer Prämissen, Zielsetzungen, Methoden, Leitungsverständnis usw. Dabei geht es weniger um akademische Metaphysik oder weltliche Philosophie, als vielmehr um aus der Heiligen Schrift entnommenen normativen Leitprinzipien für die praktische kirchliche Arbeit/Dienst. Im Deutschen könnte man das als »Dienstverständnis«, »Gemeinde/Dienst-Leitbild« oder »Dienstkonzept« bezeichnen.

Der Artikel erschien in ähnlicher Form und Inhalt in The Cripplegate vom 27. Januar 2026 von Robb Brunansky unter dem Titel: »Understanding Gospel Ministry: The Condition of the Perishing« (dt. »Das Evangelium verstehen: Der Zustand der Verlorenen«). Robb Brunansky ist Gemeindehirte in der Desert Hills Bible Church in Glendale, Arizona (USA). Er hat einen M. Div. vom The Master’s Seminary (Sunvalley, CA, USA) und einen Ph.D. für Neues Testament vom The Southern Baptist Theological Seminary. Übersetzt und adaptiert von grace@logikos.club.