Warum die Gleichsetzung »Öl = Heiliger Geist« exegetisch nicht trägt

Auslegungstraditionen mit starkem Hang zur allegorischen Methode sind immer noch aktiv in verschiedenen Gruppen der Gemeinde Jesu Christi. Als ich vor einiger Zeit auf einem »Bibeltag« einer Freikirche in Tradition der Elberfelder »Brüderbewegung« war, trat ein Ältester auf, der sich als Thema Lektionen aus dem Buch der Richter gesetzt hatte. Gleich zu Anfang sagte er, dass er nicht nur den Bibeltext behandeln wolle. Nein, er wolle nicht »oberflächlich« bleiben, sondern mit uns tiefer in den »geistlichen Sinn« des Bibeltextes abtauchen. Dazu brauche es ein Vokabelheft, in das man beim Lesen der Bibel eintrage, wofür bestimmte Begriffe in der Bibel geistlich stünden, sozusagen ein Übersetzungsbuch für das Erfassen der »geistlichen Bedeutung« eines Bibeltextes. Dann gab er Beispiele, wofür die Sonne, ein Hammer, Wasser, Öl usw. in der Heiligen Schrift geistlich stünden. Dieses geistliche Deutungsbuch versetze den Christen nun in die Lage, inneres, dem normalen Christen verborgenes, tieferes Wissen zu erlangen. Das ist aber die klassische Zumutung eines Esoterikers.

Eine dieser »Übersetzungs«-Codes ist die Formel: »Öl = Heiliger Geist«. Exegetisch bedeutete dies also, dass immer dann, wenn im Text von Öl zu lesen war, tatsächlich auf »geistlicher Tiefenebene« der Heilige Geist gemeint sei. Vielleicht kann sich der »normale« Bibelleser vorstellen, wie schnell man sich mit solchen falschen und falsch-vereinfachenden Auslegungsregeln in Widersprüche und Unsinn verstricken kann. Das Fatale daran ist, dass der diese Regeln Anwendende meint, besonders heilige und tiefe Gedanken zu erfassen, und mithin selten bereit ist, sich korrigieren zu lassen. Esoterisches Denken war schon immer ein Elitedenken.

Wie steht es also mit der Symbolik von Öl in der Heiligen Schrift? Natürlich kann man einige Stellen in der Heiligen Schrift finden, wo die genannte Deutung durchaus richtig ist. Die Bibel verwendet immer wieder typologische und symbolische Sprache. So werden tatsächlich Menschen in Israel in Ämter von Gott eingesetzt durch »Salbung« mit Öl, z.B. Könige, Priester und Propheten. Andere Beispiele mit symbolischen rituellen Handlungen könnten angeführt werden, auch im Neuen Testament. Jeder Christ sollte z.B. die Symbolik von Brot und Kelch (Wein) kennen, wenn es um die »Verkündigung des Todes des Herrn« im Herrenmahl geht. Jesus selbst erläutert: »dies ist mein Leib« und »dies ist mein Blut« (vgl. z.B. Mt 26,26–28) bei der symbolischen Handlung des Essens und Trinkens von diesen physischen, nun aber symbolhaft mit geistlicher Bedeutung aufgeladenen, Dingen. Vor und nach dieser symbolhaften Handlung im Kultus sind dieses Brot und dieser Wein jedoch ganz gewöhnliches Brot bzw. Wein, eine Transsubstantiation in den realen Leib bzw. Blut Christi fand nicht statt, hier irrt die röm.-kath. Kirche gewaltig (letztlich macht sie den Priester zum Zauberer, und Gott durch magische Handlungen verfügbar).

Die Problematik einer pauschalen Gleichsetzung von Typen oder Symbolen mit einem einzigen Deutungsinhalt soll anhand des Gleichnisses von den zehn Jungfrauen in Matthäus 25,1–13 aufgezeigt werden. Dabei wird folgende These verfolgt: Die verbreitete Gleichsetzung des Öls mit dem Heiligen Geist ist beim Gleichnis der zehn Jungfrauen (Matthäus 25,1–13) bibeltheologisch nicht haltbar, da das alttestamentliche und frühjüdische Bildfeld von »Öl« keine einheitliche pneumatologische Bedeutung (auf den Heiligen Geist) kennt und die Bildlogik des Gleichnisses zentrale Eigenschaften des Heiligen Geistes konterkariert (dem entgegensteht, widerspricht). Dazu folgende Überlegungen.

1. Hermeneutischer Ausgangspunkt: Symbole sind kontextabhängig

Biblische Symbole sind polysem, d. h. sie tragen je nach literarischem und situativem Kontext unterschiedliche Bedeutungen. Eine pauschale Fixierung eines Symbols auf einen einzigen theologischen Sachverhalt ist methodisch unzulässig, wenn der Kanon der Heiligen Schrift stabil eine Bedeutungsvielfalt belegt.

Wer also »Öl« grundsätzlich und ausschließlich als Geist-Symbol liest, setzt eine theologische Vorentscheidung (»Brille«) an die Stelle genauer Textbeobachtung. Pointiert gesagt betreibt er Eisegese (»Hineinlegung«) anstelle von Exegese (»Auslegung«).

Wir müssen bei der Auslegung von Symbolen (wie auch der gesamten Schrift) stets den speziellen Kontext der betrachteten Stelle beachten. Daraus folgt: Eine Aussage, dass »Öl« hier oder da als Hinweis auf den Heiligen Geist zu verstehen sei, ist hilfreich und kann zum Bedeutungsspektrum dieses Symbols beitragen, klärt aber mitnichten, was »Öl« an einer anderen Stelle konkret bedeuten mag. (Dies gilt ebenfalls für die beliebten »Wortstudien«, die zwar das Bedeutungsspektrum eines Begriffs aufzeigen können, aber nie die Bedeutung an einer konkreten Stelle abschließend klären.) Das aber ist die spannende Frage, wenn man eine Stelle bzw. eine Perikope wie Matthäus 25,1–13 auslegen will.

2. Alttestamentlicher Befund: Öl ist nicht exklusiv ein Symbol des Geistes Gottes

Im Alten Testament erscheint Öl in mehreren stabilen Bedeutungsfeldern, die keinen direkten Bezug zum Heiligen Geist haben, z.B.:

  • Alltags- und Wirtschaftsgut:
    1Könige 17,12–16 (Öl als lebensnotwendige Ressource in der Hungersnot); 
    Hosea 12,2; Hesekiel 27,17 (Handelsware).
  • Gesundheitspflege, Medizin:
    Amos 6,6; Ruth 3,3; Prediger 9,8, Matthäus 6,17 (Körperpflege);
    Jakobus 5,14 (Medizinische Anwendung; aleiphō statt )
  • Metapher für Wohlstand und Freude:
    Psalm 23,5; 5Mose 8,8.
  • Verderbliches Qualitätsprodukt:
    Prediger 10,1 (Öl des Salbenmischers wird durch Fliegen verdorben).
  • Objekt von Gericht und Mangel:
    Joel 1,10 (Öl versiegt im Gericht).

Schlussfolgerung:
Das alttestamentliche Bildfeld widerlegt jede ontologische Gleichsetzung von Öl und Geist [1]. Am ehesten wird sich die Deutung bei kultischen Zusammenhängen (d.i. betreffs des Gottesdienstes) auf Anwesenheit der Personen der Gottheit richten. So kann man Öl in der kultischen Verwendung als Hinweis auf den Heiligen Geist deuten, siehe 2Mose 27,20 und 3Mose 24,2 (Öl als Brennstoff für den Leuchter im Heiligtum, einzige Lichtquelle für den Dienst im Heiligtum über die Öllampen der Menorah). In Matthäus 25,1–13 dient das Öl als Brennstoff für die »Lampen« (λαμπάδες) der feierlichen nächtlichen Prozession.

Das Problem liegt nicht im Gleichnis, sondern eher in der nachträglichen allegorischen Fixierung des Öls auf die Person des Heiligen Geistes.

3. Salbungstexte: funktionale Nähe, aber keine Identität mit dem Heiligen Geist

In Texten wie 1Samuel 16,13 oder Jesaja 61,1 steht Öl im Kontext von Salbung zur Beauftragung, während zugleich der Geist Gottes als ermächtigende Gegenwart genannt wird. Hier besteht eine theologische Korrelation, aber keine bildinterne Gleichsetzung. Das Öl bzw. dessen rituelle Verwendung wird zum Zeichen göttlicher Beauftragung, mithin wird im Öl die wirksame (autorisierende) göttliche Gegenwart angedeutet.

Trotzdem müssen wir auch hier genau hinschauen. Aus dem Zusammenlaufen von Salbung mit Öl und Hinweis auf göttliche Autorisierung bei diesen Berufungsstellen folgt nicht für alle »Öl-Stellen«, dass »Öl« stets als »der Heilige Geist« zu lesen wäre. Auch hier hilft es, den Kontext zu beachten.

4. Bildlogik kontra Geistlehre Jesu in den Evangelien

Die Handhabung des Öls im Gleichnis von den Zehn Jungfrauen (Vorrat anlegen, verbrauchen, nachkaufen, nicht teilen) steht in –m.E. unüberwindbarem– strukturellem Gegensatz zur neutestamentlichen Lehre vom Heiligen Geist (Pneumatologie). In ähnlicher Zeit im Leben Jesu (Abschiedszeit) redet der Sohn Gottes ausführlich im »Obersaal« mit seinen Jüngern. Dort können wir beobachten, wie Jesus über diese göttliche Person redet (Johannes 14–16). Wir lernen: Der Geist Gottes ist nicht disponibel, nicht käuflich, nicht verwaltbarer Besitz. Er ist keine Sache, sondern eine göttliche Person mit göttlicher Souveränität, damit jeder menschlichen Verfügungsgewalt enthoben, nicht teilbar oder mitteilbar. Er ist auch nicht messbar oder abmessbar. Im Gleichnis wird das Öl jedoch als ökonomisch disponibel behandelt, und zwar durchgehend.  Der Geist Gottes ist aber Beziehungswirklichkeit, nicht menschlich disponierbarer Vorrat.

Man könnte diesen Einwurf evtl. mit Verweis auf die Beschränktheit der Bildebene des Gleichnisses zurückweisen. Und in der Tat: Gleichnisse arbeiten mit Bildern des Alltags, nicht mit systematischer Theologie. Man darf daher keine vollständige Entsprechung zwischen Bildbereich und Sachbereich erwarten. Genauso gilt aber auch, dass eine mangelnde Entsprechung der Rede die Gleichnishaftigkeit und sogar die Verständlichkeit raubt. Der Bildbereich darf den Sachbereich nicht in zentralen Zügen konterkarieren. Dass dies hier strukturell geschieht, deutet folgende Tabelle an:

Unproblematische BildabweichungProblematische Bildabweichung
Öl = Geist, obwohl der Heilige Geist keine Flüssigkeit ist (vgl.: Wind, Feuer u.a.)Öl = käuflich / disponibel, Geist = Gabe Gottes
Lampe = Glaube (metaphorisch)Öl-Vorrat zur Disposition des Menschen vs. Geist als personale Gegenwart Gottes
Licht braucht EnergieGeist ist nicht »Energie-Reservoir«

Man versucht das offensichtliche Nichtpassen zwischen Bild und Sache damit zu verteidigen, dass man die nicht passenden »Details« im Gleichnis zur »Nebensache« erklärt und damit ausblendet. Meist fehlt dabei aber die exegetische Berechtigung für dieses Werten, häufig offenbart es Zirkelschlüsse (man versucht, etwas zu beweisen, und setzt beim Beweis das zu Beweisende bereits voraus; das beweist aber gar nichts).

Besser ist es, wenn wir darüber nachdenken, dass eine Gleichsetzung des Öls mit dem Heiligen Geist (nebst der mangelnden Kohärenz der Bildzuordnung im Gleichnis) vor allem eine theologische Inkohärenz zwischen Gleichnislogik und Jesu Geistverständnis (und wie er über Ihn redet, s. Johannes 14–16 u.a.) erzeugt. Das ist kein leicht zu nehmender Einwurf.

5. Kontext von Mt 24–25: Öl als Hinweis auf das Vermögen zum Ausharren

Vielleicht der offenbarste und klarste Hinweis auf den Kreis, innerhalb dessen wir den Sinn dieses Gleichnisses zu suchen haben, ist der Kontext. Das Gleichnis der Zehn Jungfrauen steht in einer Kette von vier Gleichnissen der Endzeitrede, die das »Warte«-Motiv behandeln. Die gesamte »Endzeitrede« Jesu antwortet auf die Frage der Jünger: »Sage uns, wann wird das sein, und was ist das Zeichen deiner Ankunft und der Vollendung des Zeitalters?« (Matthäus 24,3). Sie beziehen sich dabei auf die frappierende Aussage Jesu Christi über den Herodianischen Tempel, der seinerzeit ein bestauntes Weltwunder war: »Wahrlich, ich sage euch: Hier wird nicht ein Stein auf dem anderen gelassen werden, der nicht abgebrochen werden wird.« (Matthäus 24,2).

Erstaunlicherweise beantwortet Jesus diese Frage nicht mit Angabe eines Kalenderzeitpunkts oder eines kalendarisch verortbaren Ablaufs. Er stellt zwar sicher, dass die Geschichte einem sicheren Zielpunkt (Kulmination, Gerichtstag u.a.) zuläuft, also definitiv ein Ende hat, aber er redet dann nicht über Zeiten und Zeitpunkte, sondern über die innere Haltung derer, die von solchem Ende wissen. Der Herr sagt mehrfach, dass Warten und Ausharren notwendig sein wird. Es wird also bis zu jenem Zeitpunkt eine längere Zeit dauern, als allgemein gewünscht und erwartet. 

Jesu Antwort verschiebt den Schwerpunkt der Frage der Jünger (nach Zeichen (σημεῖον), Zeitpunkt (πότε) und endzeitliche Vollendung (συντέλεια τοῦ αἰῶνος) auf die Schwerpunkte: keine Datierung (24,36), Warnung vor Scheinsicherheit (24,4–5; 24,23–26), richtige Einstellung in der Wartezeit (24,42–51; 25,1–30) sowie eine Gerichtsperspektive (25,31–46). Er erklärt also weder »Zeiten und Zeitpunkte«, also einen zeitlichen Ablauf, sondern ermahnt die Jünger mit einem: »So sollt ihr leben, solange die Wiederkunft mit Bräutigam und Reich sich verzögert!«. Dieses ethische Motiv der Treue hatte der Herr Jesus bereits mehrfach angeschnitten und wird es weiter betonen:

  • »Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden.« (Matthäus 24,13)
  • »Wer ist der treue und kluge Knecht?« (Matthäus 24,45)
  • »Du treuer Knecht … über Wenigem treu.« (Matthäus 25,21)

Im Kontext der »Endzeitrede« (Matthäus 24,3.13.42–51) fungiert das Öl also eher als narrativer Ausdruck für eine die über Zeit gewachsene, nicht delegierbare oder kaufbare Bereitschaft und Treue der Jüngerschaft in der Verzögerung der Wiederkunft Christi (Parousie). Das Öl steht also funktional für das, was treues Ausharren tragfähig macht – nicht für den Heiligen Geist selbst.

Nochmals, in einem Satz: Das Öl ist nicht der Heilige Geist, sondern das, was der Heilige Geist im Leben eines Menschen für den Bräutigam hervorbringen mag – und was man nicht in letzter Minute ersetzen kann.

Wir weiten nun unseren Blick von der Deutung des Öls zur generellen Methodik der Exegese dieser Perikope, die hier wohl zu wenig beachtet wird.

6. Nichtbeachtung des Genres

Gleichnisse im NT (auch bei Matthäus) sind funktionale Erzählungen mit einer Leitabsicht, einer Hauptaussage (selten mit mehreren Hauptgedanken). Sie sind keine System-Allegorien, in denen jedes Detail 1:1 theologisch «aufgelöst«/»gedeutet« werden dürfte oder gar müsste. Jemand hat festgestellt, dass man mit Allegorisieren jeden gewünschten Sachverhalt aus fast jedem beliebigen Text »ableiten« könne. Erfunden wurde diese Deutungsmethode von den Griechen, um als unangenehm empfundene Aussagen in ihren alten Schriften umdeuten zu können. Die Juden in Alexandria übernahmen diese Allegorisierungsmethode von den Griechen mit gleicher Absicht (die Patriarchengeschichte enthält vieles als peinlich und grob Empfundene). Die Christen taten es dann den Juden nach… 

Hier haben wir jedenfalls ein Gleichnis vorliegen: »Dann wird das Reich der Himmel zehn Jungfrauen gleich werden…« (25,1). Ein Gleichnis hat meist nur einen Leitgedanken, einen oft frappierenden Gedanken. Dieser Leitgedanke wird hier ausdrücklich im letzten Satz genannt: »Darum wacht!« (Matthäus25,13). Das ist die Lehre und Redeabsicht dieses Gleichnisses. Es geht also rhetorisch und gattungstheoretisch nicht um Ekklesiologie, sondern um Ermahnung. Das Gleichnis beantwortet nicht das «Wann?« des Kommens des Bräutigams, sondern das »Wie lebt man bis dahin?«.

Die Figuren und Handlungen im Bildbereich »außenherum« dienen der Fokussierung auf Wachsamkeit, nicht aber dem Allegorisieren, mithin auch nicht der Identifikation der Kirche als Braut (von der ja gar nicht die Rede ist!). Also: Ein Allegorisieren eines Gleichnisses ist ein grundsätzlicher Missgriff bei der Auslegung.

7. Gleichnisse bedürfen zum Verständnis Kenntnis des historischen Kontextes

Im antiken jüdischen Hochzeitsritus warteten Brautjungfern (παρθένοι) mit Lampen auf den Bräutigam, um ihn in den nächtlichen Zug zu begleiten, oder sie begleiteten die Braut ins neue, vorbereitete Heim. Alfred Edersheim (The Life and Time of Jesus The Messiah, Grand Rapids, MI (USA): Eerdmans, 1971, Buch V, S. 455ff) deutet darauf hin, dass es insofern eine ungewöhnliche Hochzeit war, als der Bräutigam von weit her (also nicht aus dem gleichen Dorf) kam und irgendwann eintreffend zum Haus der Braut ging. Die Brautjungfern sollten ihn vor dem Dorf begegnen und dann zum Haus der Braut begleiten. Sie warteten natürlich im Dorf, nicht auf der Landstraße draußen, auf die Kunde, dass der Bräutigam sich dem Dorfe nähere. Dass dies geschehen sollte(in selber Nacht) war wohl bekannt, aber die Stunde des Eintreffen nicht. Das Setting ist aus der Erlebniswelt der Jünger ist jedoch plausibel und für Jesu Hörer sofort verständlich. Für uns ist erst einmal eine kulturelle Distanz zu überwinden, da wir anders Hochzeit begehen (siehe Anhang 2 unten).

Die Hauptfigur des Gleichnisses ist erstaunlicherweise nicht die Braut, sondern die unterschiedlich vorbereiteten Wartenden, weil das Gleichnis den Wartezustand der (jüdischen) Jüngerschaft bis zur Wiederkehr (»Ankunft«) des Messias Jesus Christus dramatisiert und die unterschiedlich bereiten Gruppen benennen will. Dies wäre bei der Einzelperson der Braut nicht möglich. Daraus kann man schließen, dass die Wahl der Figuren der Pragmatik der Erzählwelt und der beabsichtigten Lektion (Lehraussage und vor allem die paränetische Ermahnung) folgt, nicht primär einer ekklesiologischen Typologie oder einer bestimmten vorgefassten Eschatologie.

8. Näherer Kontext: Die Endzeitrede

In Matthäus 24–25 richtet Jesus die Endzeitrede an die Jünger. Die Abfolge der Gleichnisse (treuer Knecht, zehn Jungfrauen, anvertraute Talente) fokussiert auf das Verhalten der Wartenden mit Blick auf das unbekannte Ende des Wartens:

  • Matthäus 24,45–51: Treue im Dienst
  • Matthäus 25,1–13: Wachsamkeit im Warten
  • Matthäus 25,14–30: Verantwortung im Umgang mit anvertrauten Gütern

Die Jungfrauen sind im Gleichnis die Wartenden. Wer von ihnen wegen mangelnder Vorsorge nicht genügend Öl hatte, konnte an der Prozession nicht teilnehmen, er verpasst sie. Aber er wird auch von der Hochzeitsfeier selbst ausgeschlossen mit scharfer Ablehnung durch den Bräutigam. Es gibt also am Ende ein Drinnen und ein Draußen für die Eingeladenen: die einen feiern mit, die anderen sind ausgeschlossen. Die Anfrage des Gleichnisses ist also: Wo stehst Du? Das hält die Perspektive konsequent paränetisch (ermahnend). Insofern ist diese Ermahnung übertragbar auf andere Wartesituationen ähnlicher Art. Hier verorten sich dann Übertragungen auf die Gemeinde, die allerdings nicht auf die Zweite Erscheinung Christi als nächstes wartet, sondern auf die Entrückung.

Fazit

Die pauschale Deutung »Öl = Heiliger Geist« ist:

  • bibeltheologisch ungesichert (AT-Befund),
  • bildlogisch inkohärent (Verfügbarkeit des Öls),
  • kontextuell unnötig (die Pointe des Gleichnisses erschließt sich ohne diese Fixierung).

Eine textnahe Deutung versteht das Öl als Symbol für gelebte, über Zeit aufgebaute Bereitschaft und Treue, die die Verzögerung bis zur Erscheinung des Herrn Jesus Christus trägt. Unbenommen bleibt bei dieser Deutung, dass der Heilige Geist ganz sicher diese Bereitschaft des Ausharrens bewirkt und ermöglicht, ohne dass man seine hochgelobte Person deswegen sklavisch vereinfacht in der ganzen Bibel mit dem Symbol gleichsetzen muss.

Vom Grundsatz ausgehend, dass Jesus mit Gleichnissen nicht jede Einzelkomponente allegorisch verstanden haben will, wird dann eine Auslegung nahegelegt, bei der nicht Einzelkomponenten im Bildbereich, sondern der Gesamtgedanke von Wachsamkeit und Beziehung hervorgehoben wird (siehe Gleichnisfazit im letzten Satz durch Christus selbst!).

Anhang 1: Weitere problematische Herangehensweisen

1. Gleichsetzung von Israel mit der christlichen Gemeinde

Die Dogmengeschichte der Christenheit zeigt, dass leider nach wenigen Jahrhunderten bereits die Auffassung Gewicht gewann und viele Kirchenlehrer kennzeichnete, dass die christliche Kirche Israel als Volk Gottes völlig ersetzte habe. Damit wurden dann alle Segnungen, die Israel verheißen wurden, »geistlich« umgedeutet auf die christliche Kirche. Israel hätte damit keine Zukunft (wie biblisch verheißen) mehr, alles ginge in der Gemeinde auf. (Wir vertreten diese Ersatz-Theologie nicht, auch keine Bündnistheologie.)

Aber selbst bei solchen, die aufgrund gleichbleibender Hermeneutik zu anderer Schlussfolgerung geführt werden, werden Bibelstellen, die sich explizit auf Israel beziehen, oft unreflektiert auf die Gemeinde des Neuen Testaments gedeutet. Oftmals wird dies begleitet von der Frage: »Was bedeutet dieser Text jetzt praktisch für mich?« Diese Frage ist wichtig und unverzichtbar, aber sie kommt erst, wenn vorher die Auslegung geklärt wurde, also die Frage: »Was hat der Heilige Geist und der geführte Autor ausgesagt? Was war seine Absicht mit dem, was er schrieb?« Denn jede wahre (=göttlich gemeinte) praktische Anwendung (subjektiv) muss gegründet sein in wahrer Auslegung (was meint die Stelle objektiv), sonst ist sie reine Spekulation, die wahr oder falsch sein kann, jedenfalls aber keine Autorität besitzt. Der biblische Glauben muss stets sagen können: »Es steht geschrieben!«. Pointiert gesagt: »Die Bedeutung/Auslegung der Schrift ist die Schrift!«. Es sind ja nicht die Buchstaben und Wörter, sondern was damit tatsächlich ausgesagt wird, was unser Verständnis ermöglicht, unsere wiedergeborene Seele ergreift und unser erneuertes Herz zum Gehorsam führt.

Konkret: Wenn Jesus Christus etwas über den weiteren Lauf und die Vollendung des Volkes Israel (darauf zielt die Fragestellung der Jünger!) sagt, dürfen wir dies nicht sofort als auf die neutestamentliche Gemeinde Gemünztes deuten. Andererseits gilt: Da die Gemeinde und (das wahre) Israel eine gemeinsame Zukunft mit Ihrem Herrn und Retter haben, sind Berührungspunkte und Tangenten zweifelsfrei vorhanden. Das wird aber nicht hier angesprochen.

2. Überstülpen eines theologischen Systems

Da die »Endzeitrede« Jesu wesenseigen eschatologisch (endzeitlich) gezielt ist, kommt es zum Phänomen, dass das Gleichnis der Zehn Jungfrauen in eine vorher gefasste Eschatologie (Endzeit-Theorie) eingeordnet und dann vom übergeordneten Standpunkt aus systemkonform gedeutet wird. Dies kann man in allerlei Traditionen beobachten, auch bei den »Dispensationalisten«, von denen es allerdings viele unterschiedliche Richtungen gibt. Als Beispiel seien die »Plymouth Brethren« genannt, die in der Endzeitlehre durch die Lehren von J.N. Darby (1800–1880) stark geprägt wurden (Traditioneller Dispensationalismus). Die Ideen, die Darby damals vortrug, sind allerdings auf frühere Quellen zurückzuverfolgen, auch wenn Darby seine Quellen nie offenlegte, eher den Eindruck vermittelte, dass er das selbst (er/ge)funden habe. Der »Dispensationalismus«, den heute allgemein bekannt ist, geht jedoch auf den Amerikaner Cyrus I. Scofield (1843–1921) zurück, der mit der von ihm kommentierten Scofield-Bibel (erste Ausgabe Oxford Press um 1909, erste deutsche Ausgabe ermöglicht durch Gertrud Wasserzug) weite Kreise der Evangelikalen erreicht hat, vor allem in den USA.

Ein anderer Vertreter ist noch lebende Arnold Fruchtenbaum, ein messianischer Jude oder jüdischer Christ, der das Gleichnis in der Struktur des (viel später entstandenen) Dispensationalismus und des Wissens über den formalen Ablauf einer antiken jüdischen Hochzeit (wovon er nur aus frühestens mittelalterlichen rabbinischen Schriften weiß) abbildet. Hier regiert also nicht der Text, sondern das theologische System des Dispensationalismus. Fruchtenbaum weist mit Recht auf die frappierende Abwesenheit der Braut im Gleichnis hin und entlarvt die unbedachte Gleichsetzung »Brautjungfern=Braut« als ungültig (die christliche Gemeinde wird im NT als eine Braut repräsentiert, z. B. Epheser 5; Offenbarung 19; 21). Er schreibt: »The virgins represent neither the Church nor Israel in this parable, but simply serve to illustrate a point…« (»Die Jungfrauen stehen in diesem Gleichnis weder für die Kirche noch für Israel, sondern dienen lediglich der Veranschaulichung eines Punktes…«). Gemeinsam mit anderen Traditionalisten teilt Fruchtenbaum die Ansicht, dass das Gleichnis im kulturellen Kontext jüdischer Hochzeitsrituale steht. Anders als viele konfessionelle oder historisch-kritische Deutungen sieht er jedoch die Jungfrauen nicht als Symbol für die gesamte Gemeinde (»Braut Christi«) oder für alle Gläubigen allgemein, sondern als eine symbolisierte Gruppe innerhalb eines größeren Endzeit-Hochzeits-Schemas; das Öl ist dabei geistliches Bereitsein für den Bräutigam. Dies alles ist Teil seiner dispensationellen Endzeitlehre.

Für Fruchtenbaum löst sich das Problem der fehlenden Braut dadurch, dass er diese in den Himmel verortet, wo sie seit der »Entrückung« (1Thessalonicher 4) auf den Bräutigam wartet, der sie dann gemäß Matthäus 25 zusammen mit den Brautjungfrauen abholen wird. – Man kann das auch so deuten, dass dieses Gleichnis nichts über die Geschichte (Ontologie) der christlichen Gemeinde sagen will, sondern (funktional) etwas über das richtige, nämlich ausharrende, vorbereitete, Warten.

Man kann Fruchtenbaums Verständnis vlt. so zusammenfassen:

  • Die Braut (Gemeinde) ist im Himmel zur Zeit der Trübsal (Drangsal Jakobs),
  • Die Jungfrauen stehen in dieser Zeit auf der Erde und spielen eine begleitende Rolle. Nur diejenigen mit genügend »Öl« (Geist) sind zugelassen zum Hochzeitsfest (dem Hochzeitsmahl des Messias).

Damit knüpft er das Gleichnis nicht nur an die allgemeine Mahnung zur Wachsamkeit, sondern an einen bestimmten Abschnitt der Heilsgeschichte – nämlich die Phase zwischen Entrückung und Hochzeitsfest, wie sie in vielen dispensationalistischen Modellen beschrieben wird.

Für den biblischen Kontext wäre dann auf jeden Fall noch die Einordnung in die Aussagen von Offenbarung 18–22 angesagt: Verurteilung der Hure Babylon, Hochzeit des Lammes im Himmel (also im engen Rahmen), Wiederkehr Christi auf Erden in Kriegsrüstung, Vernichtung der Feinde, Endgericht der Toten, Friedensreich (Millennium) als öffentliche Festzeit von Braut und Bräutigam, Niederschlagung des letzten Aufruhrs, Hölle als ewige Endstation aller Feinde, neuer Himmel, neue Erde, Gott wohnt inmitten der Menschen. Diese Herangehensweise ist für uns, die wir das ganze NT vorliegen haben, durchaus gültig und angesagt (sog. »weiter Kontext«; analogia fidei). Aber es muss uns klar sein, dass die Jünger in situ das noch nicht so verstehen konnten und auch nicht so verstanden haben (siehe Apostelgeschichte 1,6, also vorpfingstlich!).

Im Gegensatz zum systemkonformen Auslegungsansatz wäre der textkonforme Auslegungsansatz, also mit genauer und exklusiver(?) Beachtung des Kontextes, richtiger und sicherer. Über den Ablauf der Geschichte Israels haben einige Propheten des Alten Testaments geredet, am ausführlichsten und konkretesten sicher der Prophet Daniel. Unter Beachtung dieser Vorgaben ordnen manche die Geschehnisse des Gleichnisses der Zehn Jungfrauen in die letzte Danielswoche, die »Große Trübsal« (s. Matthäus 24,21.29), in der die gläubigen Menschen auf ihre Erlösung durch den Bräutigam harren, ein. Auch dort ist das »Ausharren/Warten«-Motiv entscheidend wichtig.

3. Folgen einer kirchlichen Lehrautorität

Wer auf die Autorität der Kirche als Auslegungsnormgeber vertraut, wird auch hier irre: Tomas von Aquin (Catena aurea) sagt, dass unterschiedliche Kirchenväter das Öl als gute WerkeNächstenliebe oder auch als das Wort der Lehre verstanden haben: Hilarius von Poitiers setzt: »Öl = gute Werke; Chrysostomos: »Öl = Nächstenliebe« und Origenes: »Öl = Wort der Lehre«. Man könnte aus dieser Streubreite schließen, dass sie es nicht begriffen hatten. Aber diese Vielfalt war früher kein Problem, in der antiken und frühmittelalterlichen Exegese wurden Bilder häufig mehrdeutig gelesen, ohne dies als störend zu empfinden. Vielleicht hat diese Kirchenväter der Kontext nicht wirklich interessiert. 

Neuzeitlich folgen auch die Mormonen (Latter-Day-Saints) und die Adventisten der Deutung, dass das Öl der Heilige Geist oder Gottes Wort sei. Hier ein unvollständiger Überblick (Tabelle).

InterpretationSchlüsselargumentHauptvertreter
Öl = Heiliger Geist / geistliche FülleÖl als Licht/Salböl → Präsenz Gottes/GeistEvangelikale Kommentare, ERF, Adventisten
Öl = Glauben/Früchte des GlaubensÖl als Ausdruck von Treue/FruchtGotQuestions, Latter-day Saints
Öl = Gute Werke / Nächstenliebe / WortPatristische Vielfalt historischKirchenväter (Hilarius, Chrysostomos, Origenes
Öl = Allgemeine spirituelle Bereitschaft, nicht nur Heiliger GeistKritik an enger Allegorieneuere hermeneutische Beiträge

Anhang 2: Die Etappen einer antiken jüdischen Hochzeit

Weil heute oft der Zugang zu der antiken Tradition des jüdischen Volkes erschwert ist, sei hier kurz geschildert, wie man heute meint, wie eine antike jüdische Hochzeit ablief.

Kurz gesagt: eine Hochzeit war kein kurzer »Schritt zum Traualtar« oder ins »Standesamt«, sondern ein festlicher Prozess mit Warten, Rufen, Prozession, Verheiratung im Familienkreis und einem großem Hochzeitsmahl über sieben Tage

Phase 1: Verlobung (Erusin / Kidduschin)

  • Die Verlobung war formal und rechtlich bindend, vergleichbar mit einem Ehevertrag. Diese Verlobung war nur durch formale Scheidung zu lösen. Der Ehevertrag (Ketubah) wurde häufig schon vor den übrigen Feierlichkeiten unterschrieben.
  • Während dieser Verlobungszeit galt die Braut als rechtlich »angetraut«, lebte aber weiterhin im Elternhaus, bis der Bräutigam kam, um sie zu holen. Sie wusste ungefähr, aber nicht genau, wann der Bräutigam kommt. Es gab keinen Geschlechtsverkehr, vielmehr war dieser mit strenger Strafe und ggf. Auflösung der Verlobung bedroht.

Biblischer Bezug: »…nur der Vater kennt die Stunde« (Matthäus 24,36), weil die Entscheidung über das Hochzeitsdatum in dieser Phase beim Vater des Bräutigams lag. 

Phase 2: Warten auf den Bräutigam

Hier betreten wir den Hintergrund, den Jesus im Gleichnis nutzt:

  • Der Bräutigam bereitet ein Haus bzw. einen Raum für seine Braut vor. Das kostete einige Zeit und Aufwand. Diese Phase konnte bis zu einem Jahr dauern – also eine echte Wartezeit
  • Die Braut und ihr Gefolge bereiten sich auf den nächtlichen Festauszug am Ende der Verlobungszeit vor: Lampen, Kleidung usw. waren rituell/zeremoniell notwendig. Es war damals üblich, für diese Prozession 10 Lampen samt deren Trägerinnen zu verwenden (Edersheim, S. 455). Die Anzahl von zehn war in vielen Bereichen die Mindestzahl, die bei jedem Amtsakt, Segnung oder Zeremonie anwesend sein musste.
  • Die Lampen waren wohl eher Fackeln, die aus einem Ölbrenngefäß mit Docht/Gewebe und einer Stange bestanden, an der das Lampengefäß (Beth Shiqqua; Mischna Kelim 2,8) hochgehoben wurde.
  • Die genaue Ankunft des Bräutigams war zeitlich unsicher – er konnte erst spät am Abend oder mitten in der Nacht erscheinen. 

Diese Ungewissheit erklärt den zentralen Bezug des Gleichnisses: Die Jungfrauen des feierlichen Gefolges mussten ständig mit ihren Lampen bereit sein, weil sie nicht wissen genau konnten, wann der Bräutigam kam. Er kam wohl aus größerer Entfernung angereist. Die Lampen waren selbstverständlich in dieser Wartezeit noch nicht entzündet.

Phase 3: Prozession und Hochzeitsfeier im Familienkreis

Wenn der Bräutigam kam:

  • Rief man seine Ankunft aus, oft mit einem Schofar-Signal oder Rufen. Es war Brauch, dies im Dunkel  der Nacht durchzuführen. Eine Begrüßungsprozession kam ihm entgegen.
  • Man zündete nun die Lampen an und schmückte sie. Es folgte eine Prozession mit Fackeln oder Lampen durch die Straßen, mit Musik und Gesang, die letztlich zum Festort, meist zur Wohnung der Braut, führte. Personen ohne genügend Öl/Fackeln galten als  nicht vorbereitet, und somit als zeremoniell unpassend und daher ausgeschlossen für die Prozession.
  • Danach ging die Prozession zum Haus der Braut (Abholung) und dann mit der Braut zur vorbereiteten neuen Heimstätte für das bald verheiratete Paar, meist in das Haus des Bräutigams oder dessen Eltern.
  • Erst nach dem Eintreffen von Bräutigam und Braut in der neuen Heimstätte begannen die formalen Hochzeitsfeierlichkeiten inklusive Festmahl (Seudat Nissuin) im engeren Rahmen der Familien. 

Phase 4: Öffentliche Präsentation des Brautpaares und anschließende Großfeier

Nach der Zeit der familieninternen Hochzeitsfeier im Haus und Vollzug der Ehe präsentierte sich das Ehepaar feierlich der Öffentlichkeit, vor allem einer meist großen Schar von Geladenen, und feierte mit diesen mehrere Tage lang (vgl. dazu Matthäus 22,1–24; Johannes 2,1–11).

Von dieser Phase ist im Gleichnis nicht die Rede, da in dieser Phase die Zeit des Wartens vorüber ist.

Hier nochmals die im Gleichnis verwendeten Parallelen zur jüdischen Hochzeit:

  • Unbekannter Zeitpunkt: Das Kommen (Parousie) wird angekündigt, aber nicht datiert.
  • Warten mit Lampen: Zeit der Wachsamkeit.
  • Prozession und Feier:  Endgültige Gemeinschaft mit dem Bräutigam (Christus).
  • Nicht Eingelassene, Unvorbereitete:  Warnung vor mangelnder Bereitschaft.

Kernpunkte für das Verständnis

ElementBedeutung im BildbereichBedeutung im Gleichnis
Verlobung / ErusinBindende Vorphase mit WartestatusErwartungshaltung
Warten mit LampenNächtliche Phase der Erwartung; alle schlafen: es dauerte wohl sehr langSymbol für stetige Bereitschaft, zumindest beim Erwachen
Ankunft des BräutigamsBeginn der ProzessionEschatologische Parallele
Prozession & FestÖffentliche Darstellung der Ehe/HochzeitsfeierGemeinschaft mit Bräutigam Christus
Ölmangelunvorbereitet und damit ungeeignet zur TeilnahmeWarnung für die Jünger

Anhang 3: Rabbinische Texte für Hintergrund von Matthäus 25

Einige rabbinische Schriften reden von den Dingen, die Hintergrund des Gleichnisses sind. Die Redaktionszeitpunkte werden mit angegeben, um zeigen, dass diese Schriften um Jahrhunderte nach Christus liegen, also deutend mit Vorsicht zu genießen sind.

  • bShabbat 153a (Babylonischer Talmud, Traktat Schabbat; ca. 5.–6. Jhdt. nChr): Gleichnis vom König, der seine Knechte zum Mahl lädt – ohne Zeitangabe. Es zeigt: „Warten + unbestimmter Zeitpunkt + Vorbereitung“ ist ein sehr jüdisches, ermahnendes Standardmuster (nicht erst christliche Allegorese).
  • Ketubot 7b–8a (Babylonischer Talmud, Hochzeitssegen, Feststruktur; 5.–6. Jhdt. nChr): Hochzeitssegen / Festfreude / mehrtägige Feier
    Für den Ablauf der Hochzeit (Akteure, Feststruktur) ist Ketubot zentral: Dort sind die später so genannten Sheva Berakhot (sieben Segenssprüche) im Zusammenhang von Hochzeit/Feier belegt. Das stützt die Aussage, dass eine Hochzeit kein »kurzer standesamtlicher Moment«, sondern ein Festkomplex ist mit Riten, Struktur und mehrtägigem Festmahl.
  • Jerusalem Talmud Ketubot 1:1 (ca. 350–425 nChr): »Sieben Tage« Festzeit (alte Tradition)
    Der Jerusalemer Talmud führt die »sieben Tage« von Hochzeitsfeiern auf alte Stiftungstradition zurück (»Moses … sieben Tage der Festfreude«).
  • Mishnah Berakhot 2:5 (Mischna-Redaktion: ca. 200 nChr von Rabbi Jehuda ha-Nasi): Bräutigam als zentraler Akteur (rechtlicher/ritualer Status)
    Die Mischna kennt Sonderregelungen für den Bräutigam (z. B. Befreiung von der Schema-Rezitation in der Hochzeitsnacht/den ersten Tagen). Das zeigt, wie stark Hochzeit als sozialer Ausnahmezustand (Pflichten, Ablenkung, Festbetrieb) wahrgenommen wurde. 
  • Ketubot 17a (5.–6. Jhdt. nChr): Hochzeitsprozession als öffentlicher Vorgang
    Ketubot 17a spricht u. a. davon, dass man für »den Einzug der Braut«  (nicht: Bräutigam!) sogar das Thora-Studium unterbricht und dass Hochzeits- und Trauerzug auf der Straße kollidieren können (Prioritätsregeln). Das setzt sehr konkrete Prozessionspraxis voraus

Achtung:  Da viele rabbinische Texte redaktionell deutlich später als Jesus Christus liegen, ist methodisch zu beachten, dass man sie am besten nicht als 1:1-Protokoll eines galiläischen Hochzeitsabends nutzt, sondern als Beleg dafür, welche Motive/Topoi im Judentum als plausibel und didaktisch wirksam galten. Vermutlich weisen sie aber auf Traditionen zurück, die wesentlich älter sind. Priorität in der Auslegung hat der Bibeltext samt seinem Kontext.

Endenoten

[1] Ontologische Gleichsetzung bedeutet, dass zwei Dinge nicht nur als ähnlich oder gleichwertig betrachtet werden, sondern als im Sein identisch oder wesensgleich verstanden. Es geht also nicht um eine bloß sprachliche, funktionale oder metaphorische Gleichsetzung, sondern um eine Aussage darüber, was etwas wirklich ist.

Liebe, Gerechtigkeit und Zorn

Francis Schaeffer forderte uns einmal auf, uns vorzustellen, wir gingen die Straße entlang und träfen auf einen jungen Mann, der auf eine ältere Frau einschlägt. Er schlägt immer wieder auf sie ein, während sie sich an ihre Handtasche klammert, die er ihr entreißen will. Schaeffer fragt: »Was bedeutet es in dieser Situation, meinen Nächsten zu lieben?« Unzweifelhaft bedeutet Nächstenliebe in diesem Fall, die (gerechte) Gewalt anzuwenden, die notwendig ist, um den (bösen) Täter zu überwältigen und die (unschuldige) ältere Frau zu retten (zu lieben). Liebe und Gerechtigkeit, Güte und Heiligkeit, Gnade und Zorn sind keine Gegensätze. Sie ergänzen einander. Letztlich sind sie voneinander abhängig. Liebe ohne Gerechtigkeit ist bloßer Sentimentalismus. Gerechtigkeit ohne Liebe ist blanke Vergeltungssucht. In Gott jedoch gilt: »Güte und Wahrheit sind sich begegnet, Gerechtigkeit und Frieden haben sich geküsst« (Psalm 85,11). Liebe sucht Gerechtigkeit für die Geliebten. Liebe des Guten fordert Hass alles Bösen. Gerechtigkeit schützt, rächt und rechtfertigt die Geliebten. Das Kreuz Christi ist der vollkommene Ausdruck sowohl der Liebe Gottes, der unwürdige Sünder rettet, als auch der Gerechtigkeit Gottes, die fordert, dass ein gerechter Preis für die Erlösung bezahlt wird.

Die Einfachheit Gottes

Zwischen dem, was wir wegen unseres begrenzten und gefallenen Begriffsvermögens vielleicht als »Spannungen« zwischen den verschiedenen Eigenschaften Gottes wahrnehmen, besteht vielmehr eine vollkommene Harmonie. Streng genommen gibt es gar nicht mehrere (separate) Eigenschaften bei Gott, sondern ein einziges, herrliches, göttliches Wesen. Die klassischen Theologen stellten die göttliche Einfachheit häufig an den Anfang ihrer Darlegungen über die Eigenschaften Gottes, weil ein rechtes Verständnis der Einfachheit grundlegend für ein rechtes Verständnis aller Eigenschaften ist. Gott ist einfach. Gott ist Geist, ungeteilt, einzigartig, nicht zusammengesetzt. Er ist Einer – ohne Körper, Teile oder »Seiten«. Wenn wir die Eigenschaften Gottes betrachten, denken wir nicht über verschiedene »Teile« oder »Seiten« Gottes nach. Wir betrachten jede Eigenschaft gesondert aufgrund der Begrenztheit unseres Denkvermögens. »In Gott gibt es nicht viele Eigenschaften, sondern nur eine«, erklärte der englische Puritaner Lewis Bayly (1565–1631) im Sinne des klassischen Theismus, »nämlich das göttliche Wesen selbst, gleichgültig, wie du es nennst.«[1] Gottes attributa divina (göttlichen Eigenschaften) sind untrennbar von seinem essentia Dei (göttlichen Wesen).

Angesichts der wesentlichen Einheit der göttlichen Eigenschaften: Was können wir über das Verhältnis zwischen den von uns als »sanfter« und »härter« empfundenen Ausprägungen seines Wesens sagen – zwischen Liebe und Zorn, zwischen Barmherzigkeit und Gerechtigkeit? Es kann hilfreich sein, diese Frage mit Blick auf die Liebe zu beantworten, also um jene Eigenschaft, um die sich meistens zuerst Diskussion und Kontroversen ranken. »Gott ist Liebe«, hier stimmen Bibel und populäre Meinung meinst überein. Wie sind dann seine Gerechtigkeit und sein Zorn zu verstehen?

Mehr als Liebe

Erstens: Gott ist Liebe – und doch mehr als Liebe. Liebe wird von älteren Theologen als Unterart des Gutseins behandelt. Gottes Gutsein – was Stephen Charnock (1628–1680) [2] die »Leiteigenschaft« nannte – ist die Gattung, zu der Liebe, Gnade, Barmherzigkeit, Freundlichkeit und Geduld als Arten gehören. Diese Klassifikation macht deutlich, dass »Gott ist Liebe« nicht bedeutet, Gott sei Liebe unter Ausschluss seiner übrigen Eigenschaften (1Johannesbrief 4,8). Der Apostel Johannes schreibt nicht: »Liebe ist Gott«. Die biblische Aussage lässt sich nicht umkehren. Die Bibel sagt auch, dass Gott »Licht« ist (1Johannesbrief 1,5) und dass Gott ein »verzehrendes Feuer« ist (Hebräer 12,29). In all diesen Fällen wird dieselbe grammatische Konstruktion verwendet. Der Gott, der Liebe ist, ist nach Johannes auch »treu« und »gerecht« (1Johannesbrief 1,9). »So unendlich wohlwollend Gott auch ist«, sagt J. W. Alexander (ein presbyterianische Theologe des 19. Jahrhunderts), »so ist unendliches Wohlwollen nicht alles an Gott.« Gottes Liebe ist eine gerechte Liebe, und seine Gerechtigkeit ist eine liebende Gerechtigkeit. Wir dürfen nicht zulassen, dass eine Eigenschaft die anderen überwältigt und entkräftet. Charles Spurgeon formulierte es so: »Gott ist … so streng gerecht, als hätte er keine Liebe, und doch so innig liebend, als hätte er keine Gerechtigkeit.«

Liebe definieren

Zweitens muss die Bibel festlegen, was Liebe ist. Nicht selten ist die Liebe Gottes so verstanden worden, dass damit Gottes moralische Eigenschaften geleugnet werden. »Ich glaube an einen Gott der Liebe«, sagt jemand – und schafft damit den Gerichtstag ab und löscht die Feuer der Hölle. Moralische Kategorien werden im Namen der Liebe insgesamt verworfen. »Ein liebender Gott würde niemals …«, so beginnt irgendeine gutgemeinte Behauptung, und dann folgt eine Liste von Lebensstilunterschieden oder moralischen Forderungen, die Gott angeblich niemals stellen würde: Er würde mich nie verurteilen oder wollen, dass ich unglücklich bin, oder mein Verhalten missbilligen oder meine gewählte Identität in Frage stellen. Warum nicht? Weil – so die Behauptung – Gott nur und immer alles und jeden akzeptiere. Das sei Liebe. Gott wird damit durch ein amorphes (gestaltloses) Liebesverständnis neu definiert, losgelöst von Heiligkeit und von der Offenbarung Gottes in der Heiligen Schrift selbst. Wenn die Apostel sagen, Gott sei Liebe, meinen sie, dass er agapē ist, nicht erōscaritas, nicht amor – selbsthingebende, opferbereite Liebe, nicht romantische, erotische oder bloß warmherzig-sentimentale Liebe und auch keine unkritisch-alles-akzeptierende Liebe. Gottes Liebe macht Unterschiede, sie korrigiert Falsches und ist stets gerechte Liebe.

Die Bibel offenbart einen Gott, der sowohl gut als auch gerecht ist. Er ist »barmherzig und gnädig« und doch »hält er keineswegs schuldlos/ungestraft den Schuldigen« (2Mose 34,6–7). »Siehe nun die Güte und die Strenge Gottes«, sagt der Apostel Paulus (Römer 11,22). Wäre Gott nicht gerecht, wäre er nicht gut. Würde er über die Sünde hinwegsehen, das Böse ignorieren, Ungerechtigkeit dulden oder die Unschuldigen der Willkür der Gottlosen überlassen – ungerettet, ungerächt, unverteidigt und am Ende nicht unterschieden von den Bösen, denselben Raum, dasselbe Schicksal, dieselben Belohnungen und Strafen teilend –, dann wäre Gott nicht gut oder freundlich oder gerecht oder heilig. »Seine Liebe ist nicht und kann nicht blind und nachsichtig sein«, sagt Ian Hamilton, »genauso wenig, wie seine Gerechtigkeit und Heiligkeit nicht kalt und willkürlich sein können oder sind.« Also: Liebe erfordert Gerechtigkeit.

Zur Liebe geneigt

Drittens: Gott ist zur Liebe geneigt. Zwar dürfen wir die Liebe nicht alle anderen Eigenschaften Gottes überstrahlen lassen; dennoch können wir sagen, dass Liebe – und mit ihr sein Gutsein insgesamt – in gewissem Sinne »natürlicher« zu Gott gehört als sein Zorn. Er zieht es eher vor zu lieben, als denn strengere Ausdrucksformen seines Wesens zu offenbaren. Wir strapazieren mit solchen Aussagen natürlich die Sprache, weil Gottes Eigenschaften, wie gesagt, eine harmonische Einheit bilden. Liebe und Gerechtigkeit stehen in Gottes Wesen oder Bewusstsein nicht im Widerstreit. Doch die Bibel lehrt häufig, dass Gott an »beständiger Gnade/Güte« (hebr. chesed) Gefallen hat, während sie weniger lehrt, dass er Gefallen daran hat, Zorn zu üben. Micha 7,18 sagt: »Er behält seinen Zorn nicht auf ewig, denn er hat Gefallen an Güte«. »Gott ist eher zur Barmherzigkeit geneigt als zum Zorn«, sagt Thomas Watson (um 1620–1686). »Taten der Strenge werden ihm gleichsam abgerungen«. Die Bibel lehrt, dass »er nicht von Herzen plagt«, wohl aber willig und freudig liebt (Klagelieder 3,33; vgl. 5Mose 7,6–7). Er ist »langsam zum Zorn« und reich an beständiger Gnade (Psalm 103,8; vgl. 2Mose 34,6). Jesaja nennt Gottes Gericht sein »fremdes Werk« (Jesaja 28,21) – das, was Theologen opera aliena Dei (»die fremden Werke Gottes«) nannten.[3] Er ist eher ein zögernder Richter. Gott ist eher zur Liebe geneigt – zur Güte, Gnade und Barmherzigkeit – als zu Zorn, Grimm und Gericht. Der Ausdruck der Liebe offenbart stärker seine Neigung oder die Richtung seines Wesens als der Ausdruck seines Zorns. Ja, Gottes Liebe, so sagt der Puritaner William Gurnall (1616–1679), »setzt alle seine anderen Eigenschaften in Bewegung«.

Unsere Darstellung der Eigenschaften Gottes sollte stets in Demut erfolgen. So viel wir auch gesagt haben – es gibt immer mehr zu sagen. Das Endliche kann das Unendliche nicht umfassend oder erschöpfend erkennen. Dennoch können wir Gott wahrhaft erkennen und dort reden, wo die Bibel redet: Sie offenbart einen Gott, der zugleich Liebe und Licht ist, zugleich gnädig und barmherzig und gerecht verdammend. Am besten kann man dies in der Offenbarung Gottes in seinem Heilswerk auf Golgatha beobachten.

Endenoten, Quellen und Disclaimer

[1]   Lewis Bayly schrieb 1613 das vielbeachtete und in viele Sprachen übersetzte Werk: The Practice of Piety, directing a Christian, how to walk, that he may please God, das auch auf Deutsch herausgegeben wurde (dt. Basel 1628, Lüneburg 1631): »Praxis Pietatis: Das ist: Ubung der Gottseligkeit : Darinn begriffen/ wie ein Christgläubiger Mensch/ in wahrer erkäntnuß Gottes/ und seiner selbsten/ zunemen; sein Leben täglich in der Forcht Gottes anstellen/ mit ruhigem Gewissen zubringen/ unnd nach vollendetem Lauff seliglich beschliessen kan: Sampt beygefügten schönen Geist- und Trostreichen Gebetten ; Erstlich/ in Englischer Sprach uber die dreyssig mal; hernacher Frantzösisch zu unterschiedenen malen außgangen: anjetzo aber … auch in die Teutsche Sprach gebracht« (Basel: Wagner, 1630–1631).

[2]   Stephen Charnock (1628–1680), puritanischer Theologe, war ein englischer puritanischer presbyterianischer Geistlicher, geboren in der Gemeinde St. Katherine Cree in London. Charnocks theologischer Ruhm beruht hauptsächlich auf seinen Discourses upon the Existence and Attributes of God (»Abhandlungen über die Existenz und Eigenschaften Gottes«), einer Reihe von Vorträgen, die er vor den Mitgliedern seiner Gemeinde in Crosby Hall hielt; leider wurden die »Discourses« durch Charnocks Tod im Jahr 1680 unterbrochen. Die Abhandlung ist heute unter dem Titel The Existence and Attributes of God (»Die Existenz und Eigenschaften Gottes«) erhalten, die erstmals 1682 posthum veröffentlicht wurde. (Online PDF auf www.monergism.com)

[3] In der klassischen christlichen Theologie unterscheidet man zwischen den Opera propria Dei (den »Gott eigenen Werken«), die seinem Wesen im engeren Sinn entsprechen, also »Ihm gemäße Werke« sind. Darunter zählt man seine Gnade, Barmherzigkeit, Güte, Liebe und das Errettungswerk, wobei diese alle der moralischen Vollkommenheit Gottes Liebe (»Gott IST Liebe«!) zugeordnet sind. – Die Opera aliena Dei (die »Gott fremden Werke«) sind dann jene Werke Gottes, die Gott nicht um ihrer selbst willen tut, sondern als Antwort auf Sünde und Schuld. Darunter zählt man das Gericht, die Verdammnis, die Zürchtigung, den Zorn, den Grimm u.ä., wobei diese alle der moralischen Vollkommenheit Gottes Licht (»Gott IST Licht«) zugeordnet sind. »Fremd« heißt hier also nicht, das diese Werke un-göttlich oder dem Wesen Gottes widersprüchlich wären, sie sind vielmehr wesensgemäß möglich und notwendig und heilig, aber nicht wesensgemäß bevorzugt. Etwas platt formuliert: Gott richtet wirklich, aber ungern. Gott rettet wirklich, aber gern. Als erste Bibelreferenzen wären Jesaja 28,21, Klagelieder 3,33, Micha 7,18 und Hesekiel 33,11 zu überdenken. – Warum man diese theologische Unterscheidung einführte ist der Beobachtung in der Heiligen Schrift geschuldet, dass einerseits Gott wirklich gerecht ist und wirklich wirksam richtet, sein Gericht(reden) also nicht bloß pädagogisches Symbol, sondern reale göttliche Handlung ist. Andererseits sehen wir in der Heiligen Schrift ebenso, dass Gottes innerste Neigung Gnade ist und nicht der Zorn. Gericht ist bei Gott nicht Selbstzweck oder Ziel in sich selbst, sondern angesichts der Sünde ein absolut notwendiges, aber nicht das bevorzugte, Handeln Gottes. – Auch Martin Luther hat diese Unterscheidung genutzt, um zu zeigen, dass Gott durch das Gesetz (Zorn, Gericht, Verdammung; sog. Opus alienum) wirkt, um damit zum Evangelium (Gnade, Rechtfertigung vor Gott; sog. Opus proprium) zu führen. – Festzuhalten ist dogmatisch (theologisch), dass Gottes Wesen, seine göttlichen Vollkommenheiten, eine Einheit darstellen und dass Gottes Zorn nicht ein Gegenpol zur Liebe, sondern deren notwendige Ausdrucksform gegenüber dem Bösen ist.

Der Beitrag wurde übersetzt, adaptiert und mit Endenoten versehen von grace@logikos.club, basierend auf einem Artikel von Terry L. Johnson: Love, Justice, and Wrath in TableTalk Mai 2022, S. 14–16. Dr. Terry L. Johnson ist leitender Gemeindehirte der Independent Presbyterian Church in Savannah, Georgia (UAS). Er ist Autor der Bücher The Case for Traditional Protestantism und Reformed Worship. (Die Verwendung seines Beitrags hier bedeutet nicht ein Endorsement (Befürwortung) aller seiner Lehren durch logikos.club.)

Die Predigt des Zornes Gottes (Steve Lawson)

Der Genfer Reformator Johannes Calvin sagte, dass Predigen die öffentliche Auslegung der Heiligen Schrift durch den von Gott gesandten Menschen ist, in der Gott selbst in Gericht und Gnade gegenwärtig ist.[1] Ein treuer Dienst auf der Kanzel erfordert die Verkündigung sowohl des Gerichts als auch der Gnade. Das Wort Gottes ist ein scharfes, zweischneidiges Schwert, das das Wachs erweicht, aber den Ton verhärtet, das tröstet und quält, das rettet und verdammt.

Die Verkündigung des göttlichen Zorns dient als schwarzer Hintergrund, der den Diamanten der Barmherzigkeit Gottes heller als zehntausend Sonnen leuchten lässt. Auf dem dunklen Samt des göttlichen Zorns funkelt die strahlende Pracht seiner rettenden Gnade am hellsten. Die Verkündigung des Zorns Gottes zeigt am eindrucksvollsten seine gnädige Barmherzigkeit gegenüber den Sündern.

Wie Wächter auf der Burgmauer, die mit ihren Trompeten vor einer bevorstehenden Katastrophe warnen, müssen Prediger den ganzen Ratschluss Gottes verkünden. Diejenigen, die auf der Kanzel stehen, müssen die gesamte Wahrheit der Heiligen Schrift predigen, die sowohl den souveränen Zorn als auch die höchste Liebe umfasst. Sie können sich nicht aussuchen, was sie predigen wollen. Es geht immer um den ganzen Ratschluss Gottes, mithin um Gnade und Gericht (Apostelgeschichte 20,27). Die Verkündigung des Zorns Gottes ist für einen treuen Prediger niemals eine Frage seines Beliebens – sie ist vielmehr bindender göttlicher Auftrag.

Tragischerweise fehlt in vielen heutigen Kanzeln die Predigt über das bevorstehende Gericht Gottes. Wenn es um den Zorn Gottes geht, sind die meisten Prediger sehr vorsichtig und entschuldigend geworden, manche schweigen darüber ganz. Um die Liebe Gottes zu verherrlichen, so argumentieren viele, müsse der Prediger Gottes Zorn herunterspielen. Tatsache ist aber: Gottes Zorn auszulassen bedeutet, seine erstaunliche Liebe zu verschleiern. Die Verkündigung der göttlichen Rache zurückzuhalten ist letztlich gnadenlos (und zutiefst unverantwortlich), so seltsam das in den Ohren mancher Christen heute auch klingen mag.

Warum ist es so wichtig, über den göttlichen Zorn zu predigen? Erstens verlangt der heilige Charakter Gottes es. Ein wesentlicher Teil der moralischen Vollkommenheit Gottes ist sein Hass auf die Sünde. A. W. Pink behauptet: »Der Zorn Gottes ist die Heiligkeit Gottes, die gegen die Sünde in Aktion tritt.« Gott ist »ein verzehrendes Feuer« (Hebräer 12,29), »ein gerechter Richter, der jeden Tag zürnt« (Psalm 7,11) gegenüber den Gottlosen. Gott hat die »Gottlosigkeit gehasst« (Psalm 45,8) und ist zornig über alles, was seinem vollkommenen Charakter widerspricht. Deshalb wird er die Sünder am Tag des Gerichts »vertilgen« (s. Psalm 5,5–7).

Jeder Prediger muss den Zorn Gottes verkünden oder er wird Gottes Heiligkeit, Liebe und Gerechtigkeit verkleinern. Weil Gott heilig ist, ist er von aller Sünde getrennt und steht jedem Sünder völlig ablehnend gegenüber. Weil Gott Liebe ist, erfreut er sich an Reinheit und muss notwendigerweise alles Unheilige hassen. Weil Gott gerecht ist, muss er die Sünde bestrafen, die seine Heiligkeit verletzt. Das alles gehört harmonisch in Gottes Vollkommenheit zusammen.

Zweitens verlangt es der Dienst der Propheten. Die Propheten der Vergangenheit verkündeten häufig, dass ihre Zuhörer aufgrund ihrer fortwährenden Bosheit den Zorn und Grimm Gottes auf sich zogen (Jeremia 4,4). Im Alten Testament werden mehr als zwanzig Wörter verwendet, um den Zorn Gottes zu beschreiben, und diese Wörter werden in ihren verschiedenen Formen insgesamt 580mal verwendet. Immer wieder beschrieben die Propheten mit lebhaften Bildern den Zorn Gottes, der sich über die Bosheit ergoss. Der letzte der Propheten, Johannes der Täufer, sprach vom »kommenden Zorn« (Matthäus 3,7). Von Mose bis zum Vorläufer Christi gab es eine kontinuierliche Warnung an die Unbußfertigen vor dem göttlichen Zorn, der sie erwartet.

Drittens verlangt es Christi eigene Verkündigung. Ironischerweise hatte Jesus mehr über den göttlichen Zorn zu sagen als jeder andere in der Bibel. Unser Herr sprach mehr über den Zorn Gottes als über die Liebe Gottes. Jesus warnte vor der »Hölle des Feuers« (Matthäus 5,22), dem ewigen »Verderben« (Matthäus 7,13), und der »äußersten Finsternis«, wo »Heulen und Zähneknirschen« sein wird (Matthäus 8,12). Einfach ausgedrückt: Jesus war ein Prediger der Hölle und der Verdammnis. Die Männer auf den Kanzeln täten gut daran, dem Beispiel Christi in ihrer Predigt zu folgen.

Viertens verlangt es die Herrlichkeit des Kreuzes. Christus erlitt den Zorn Gottes für alle, die an Ihn glauben würden. Wenn es keinen göttlichen Zorn gäbe, gäbe es auch keinen Grund für das Kreuz, geschweige denn für die Erlösung verlorener Seelen. Wovon müssten Sünder denn dann erlöst werden? Nur wenn wir die Wirklichkeit des Zorns Gottes gegen diejenigen erkennen, die ein gerechtes Gericht verdienen, erkennen wir, dass »das Wort vom Kreuz« (1. Korinther 1,18) eine überaus herrliche Botschaft ist. Zu viele Prediger rühmen sich heute eines kreuzzentrierten Dienstes, predigen aber selten, wenn überhaupt, vom göttlichen Zorn. Damit verleugnen sie aber das Kreuz im »Wort vom Kreuzes«, ihr »Evangelium« ist fatal lückenhaft.

Fünftens verlangt es die Lehre der Apostel. Diejenigen, die direkt von Christus beauftragt wurden, hatten den Auftrag, alles zu verkünden, was er geboten hatte (Matthäus 28,20). Dazu gehört auch, Gottes gerechten Zorn gegenüber den Sündern zu verkünden. Der Apostel Paulus warnt die Ungläubigen vor dem Gott, der »Zorn auferlegt« (Römer 3,5), und erklärt, dass nur Jesus uns »von dem kommenden Zorn« erretten kann (1. Thessalonicher 1,10). Petrus schreibt über »den Tag des Gerichts und des Verderbens der gottlosen Menschen« (2. Petrus 3,7). Judas spricht von der »Strafe des ewigen Feuers« (Judas 7). Johannes beschreibt den »Zorn des Lammes« (Offenbarung 6,16). Es ist offensichtlich, dass die Verfasser des Neuen Testaments es für absolut notwendig erachtet haben, Gottes Zorn zu predigen.

Prediger dürfen sich nicht davor scheuen, den gerechten Zorn Gottes gegenüber Sündern, die die Hölle verdienen, zu verkünden. Gott hat einen Tag festgelegt, an dem er die Welt in Gerechtigkeit richten wird (Apostelgeschichte 17,31). Dieser Tag rückt immer näher. Wie die Propheten und Apostel und sogar Christus selbst müssen auch wir die Ungläubigen vor diesem kommenden schrecklichen Tag warnen und sie dazu bewegen, zu Christus zu fliehen, der allein mächtig und bereit ist, zu retten.

Du nun, Menschensohn, ich habe dich dem Haus Israel zum Wächter gesetzt: Du sollst das Wort aus meinem Mund hören und sie in meinem Namen warnen. Wenn ich zum Gottlosen spreche: Gottloser, du sollst gewiss sterben!, und du redest nicht, um den Gottlosen vor seinem Weg zu warnen, so wird er, der Gottlose, wegen seiner Ungerechtigkeit sterben; aber sein Blut werde ich von deiner Hand fordern. Wenn du aber den Gottlosen vor seinem Weg warnst, damit er von ihm umkehrt, und er von seinem Weg nicht umkehrt, so wird er wegen seiner Ungerechtigkeit sterben; du aber hast deine Seele errettet. (Hesekiel 33,7–9)

Endenoten, Quellen und Disclaimer

[1]      Siehe z.B. Johannes Calvins Kommentar zu 2. Korinther 2,15–16: »Denn durch unsere Predigt wird der Geruch Christi sowohl den einen zum Tode als den anderen zum Leben. Nicht dass das Evangelium an sich den Tod wirkte, sondern weil es für die Verworfenen zum Anlass des Todes wird; wie die Sonne, die mit ihrem Licht den Augen nützt, den Blinden aber schadet. So ist das Evangelium seiner Natur nach heilsam, doch wegen der Bosheit der Menschen wird es für viele zum Anlass des Verderbens.«. Calvins Kernsatz lautet: »Evangelium per se salutare est; sed reproborum vitio fit eis odor mortis.« (»Das Evangelium ist an sich heilsam; doch durch die Schuld der Verworfenen wird es ihnen zum Geruch des Todes«). Vgl. auch die Institutio Christianae Religionis (IV,1,5; IV,1,9; IV,3,1) mit Calvins Aussagen über die Predigt (sog. Worttheologie). (A. d. Ü.)

Dieser Artikel basiert auf einem Beitrag von Steve Lawson mit dem Titel Preaching the Wrath of God. Er wurde zuerst veröffentlicht in der Zeitschrift Tabletalk, Ausgabe Februar 2014. Link: tabletalkmagazine.com/article/2014/02/preaching-wrath-god/. Copyright (2014), Ligonier Ministries (www.ligonier.org). Übersetzt und adaptiert von grace@logikos.club (2026).


Evangeliums-Knowhow: Der Zustand der Verlorenen

In seinem Brief an die Korinther, den unsere Bibeln als »1. Korintherbrief« führen, erklärt der Apostel Paulus seinen Lesern seine »Dienstphilosophie«, also die Grundlagen, Grundsätze und Motive dafür, wie und warum er seinen Dienst tut. 1 Die Korinther hatten die zentrale Bedeutung des Kreuzes aus den Augen verloren. Um den Konflikt zu bekämpfen, der diese Gemeinde wegen ihrer menschzentrierten Sichtweise erfasst hatte, musste Paulus die Korinther daran erinnern, das Wort vom Kreuz wieder in den Mittelpunkt ihres Dienstes zu stellen.

Paulus weist zunächst auf den Inhalt der Predigt hin, die kreuzzentriert sein und sich auf das Evangelium Jesu Christi konzentrieren sollte. Ohne das Kreuz gibt es kein Evangelium, keine Erlösung, keine Vergebung und kein ewiges Leben für Sünder. Das muss erläutert und begründet werden. Daher erklärt Paulus in 1.Korinther 1,18 zuerst einmal den Zustand des Verlorenen aus Sicht Gottes.

Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit; 
uns aber, die wir errettet werden, ist es Gottes Kraft.
 (1Kor 1,18)

Die Botschaft vom Kreuz ist also objektiv für diejenigen, die verloren gehen, Torheit. Das Wort, das hier mit »Torheit« übersetzt wurde, ist mōria (»Dummheit«, »Absurdität«; vgl. auch 1,21.23; 1, 25 [mōros]; 2,14; 3,19). Ungläubige haben die Botschaft des Evangeliums nicht abgelehnt, weil Christen schlechte Vorbilder für Christus sind (obwohl dies manchmal zutrifft und definitiv als Ausrede herangezogen wird). Vielmehr lehnen Ungläubige das Evangelium deswegen ab, weil sie es im Grunde für idiotisch, töricht, unnötig, nutzlos und fiktiv halten, auch wenn sie das vielleicht aus Höflichkeit nicht so sagen.

Was man über die Unbekehrten denkt, wird ganz bestimmt unsere »Dienstphilosophie« in der Verkündigung der Guten Botschaft (»Evangelium«) bestimmen. Das ist aus naheliegenden Gründen so. Aber die meisten Gemeinden und Kirchen haben ein grundlegendes Missverständnis über den Zustand der Verlorenen. Sie glauben, dass Menschen für Christus gewonnen werden können, indem man an etwas appelliert, das diese ungläubigen Männer, Frauen oder Kinder bereits in sich hätten. Die Länge der Predigt, der Musikstil, die Beleuchtung, die Effekte, die Illustrationen und alles andere im Gottesdienst sollen daher im Wesentlichen davon bestimmt sein, was diejenigen, die verloren sind, am besten anspricht oder gefällt. So jedenfalls denkt mancher gutmeinende Mensch, der den verlorenen Nächsten mit einem Kunden und die Evangeliumsverkündigung mit einer Marketing-Veranstaltung verwechselt. Vielleicht wäre es gut, wenn man unter Evangelisation eher einen SAR-Einsatz (SAR = Search And Rescue) auf Tod und Leben sieht. Da hilft es nicht, Bonbons abzuwerfen.

Es mag durchaus sein, dass die meisten Gemeinden, die nach dieser falschen Dienstphilosophie arbeiten, den aufrichtigen Wunsch haben, Menschen gerettet zu sehen. Sie erkennen aber nicht das Problem, dass Gott uns nicht nur beauftragt hat, eine bestimmte Botschaft (das Wort vom Kreuz) zu predigen, sondern dies auch mit einer bestimmten Methode zu tun. Unser Wunsch im Dienst sollte immer Treue sein, und ein zentraler Schlüssel zur Treue ist es, zu erkennen und zu akzeptieren, was die Bibel über den Zustand der Verlorenen sagt. Und dieses Wort Gottes sagt uns eben ungeschminkt und aus der göttlich richtigen Erkenntnis des »Herzenskenners«, dass diejenigen, die verloren gehen, das Evangelium für Torheit, Unsinn und Dummheit halten. Es gibt mindestens sieben Gründe, warum diejenigen, die verloren gehen, das Evangelium für ausgemachten, persönlich absolut irrelevanten Unsinn halten.

1. Die Verlorenen sind geistlich blind.

Wir sehen diese Realität im gesamten Neuen Testament, wo unser Herr diejenigen, die sich an seiner Predigt stießen, häufig als blind bezeichnete. In Matthäus 15,14 sagte Jesus, dass die Pharisäer – und diejenigen, die diesen religiösen Führern folgten und Christus ablehnten – blind waren. Falsche Religion, sei sie nun organisiert oder tarne sie sich gar als »nichtreligiös« oder »rein rational«, tut nichts anderes als das Leiten von Blinden durch Blinde (die aber oft genug behaupten zu sehen).

In Johannes 3 sagt Jesus zu Nikodemus, dass niemand das Reich Gottes sehen kann, wenn er nicht von neuem geboren ist. Beachten wir hier, dass Ungläubige das Reich Gottes nicht einmal sehen können, wenn sie nicht von neuem geboren sind. Das ist heute offensichtlich, da viele Männer und Frauen völlig in den Reichen dieser Welt gefangen sind. Die Politik ist die Religion vieler Menschen im Westen, die um Macht ringen und nach ihr streben. Sie verehren diese Macht, weil sie nicht sehen können, dass es ein größeres Reich gibt, das alle Menschen auf der Erde vernichten wird, wenn Christus wiederkommt, und dass Jesus der König der Könige und der Herr der Herren ist. Sie sind geistlich blind und leben daher ein Leben, in dem sie jenes geistliche Reich, das unendlich viel wichtiger ist als jede irdische politische Macht, völlig außer Acht lassen. Um ein Mark Twain zugeschriebenes Zitat etwas zu missbrauchen: Es ist leichter, jemand hinters Licht zu führen, als ihn davon zu überzeugen, dass er blind ist (Original: »It’s easier to fool people than to convince them they have been fooled.«). Daher gibt es so wenig Führung und so viel Ver-Führung.

Zweitens sind die Verlorenen geistlich tot.

Auch euchdie ihr tot wart in euren Vergehungen und Sünden, … Denn durch die Gnade seid ihr errettet, mittels des Glaubens; und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es; (Eph 2,1.8)

Paulus erinnert die Gläubigen in Epheser 2,1 daran, dass wir in unseren Übertretungen und Sünden tot waren, bevor wir durch Gnade durch den Glauben gerettet wurden. Die Vorstellung, in unseren Übertretungen und Sünden tot zu sein, steht im Gegensatz zur Position des Christen, der in Christus lebt. Der Gläubige wird durch Christus bestimmt, weil er in Christus ist. Der Ungläubige hingegen wird kennzeichnet, bestimmt und identifiziert durch seine Sündhaftigkeit. In dieser Sündhaftigkeit ist der Ungläubige geistlich tot.

Drittens sind die Verlorenen Sklaven des Teufels.

Ein Knecht des Herrn aber soll … in Sanftmut die Widersacher zurechtweis[en], ob ihnen Gott nicht etwa Buße gebe zur Erkenntnis der Wahrheit und sie wieder nüchtern werden aus dem Fallstrick des Teufels, die von ihm gefangen sind, für seinen Willen. (2Tim 2,24–26)

Die große Lüge Satans, mit der er die Verlorenen oft für die Wahrheit des Evangeliums blind macht, lautet, dass die Gute Nachricht (das Evangelium) ihnen ihre Freiheit nehmen würde. Für ungläubige Menschen bedeutet Freiheit, alle bösen Wünsche ausleben zu können, die man hat. Wenn Christen auf die sündige Natur dieser Neigungen hinweisen, nutzt der Teufel diese Wahrheit, um die Unbekehrten zu täuschen und sie glauben zu machen, dass die Gläubigen versklavt seien, nicht sie selbst.

In 2. Timotheus 2,24–26 sehen wir, dass der Ungläubige nicht tut, was er will, sondern gefangen ist, um den Willen des Teufels zu tun. Natürlich gibt es einen Sinn, in dem Ungläubige Böses tun wollen, weil sie geistlich blind und tot sind, aber sie handeln nicht wie Menschen, die frei sind – selbst wenn sie vorsätzlich sündigen. Sie leben kein Leben in uneingeschränkter Freiheit und Unabhängigkeit, in dem sie freudig dem Guten und Angenehmen nachgehen. Nein, die Lüge des Teufels besteht darin, dass der Sünder in Wirklichkeit frei ist, alles zu tun, was er will, während er in Wirklichkeit den Befehlen des Teufels folgt.

Viertens sind die Verlorenen Sklaven der Sünde.

Jesus antwortete ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: 
Jeder, der die Sünde tut, ist der Sünde Knecht [doulos]. (Joh 8,34)

Jesus sagte in Johannes 8,34, dass Menschen sündigen, weil sie der Sünde versklavt sind. Diejenigen, die ohne Christus sündigen, stehen unter der Herrschaft der Sünde, die das Leben der Verlorenen beherrscht und ihre Entscheidungen, Wünsche und Handlungen bestimmt. Diese Menschen tun also nicht nur den Willen des Teufels, sondern auch den Willen der Sünde. Es ist aber nicht nur Aufgepresstes, sondern der nächste Punkt zeigt, dass dies als unerlöste Sünder auch ihr Wesen, ihr Eigenes, ist.

Fünftens sind die Verlorenen Kinder des Zorns.

… nach dem Fürsten der Gewalt der Luft, des Geistes, der jetzt wirksam ist in den Söhnen des Ungehorsams; unter denen auch wir einst alle unseren Wandel führten in den Begierden unseres Fleisches, indem wir den Willen des Fleisches und der Gedanken taten und von Natur Kinder des Zorns waren wie auch die Übrigen. (Eph 2,2b–3)

Paulus bekräftigt diese Tatsache in Epheser 2,3 über unser Wesen vor der Bekehrung, was auf etwas hinweist, das unausweichlich wahr ist: Wenn jemand von Natur aus etwas ist, dann ist er so, weil er so geboren wurde – und er kann nichts tun, um das zu ändern. Jeder ist zunächst ein »Kind des Zorns«, weil er als Sünder geboren wurde. Ohne Eingriff Gottes, ohne Christus, wird es auch dabei bleiben. Das ist eine furchtbare Perspektive, denn das Ziel aller unerlösten Kinder des Zorns ist die ewige Pein und Strafe im Feuersee.

Es ist daher von entscheidender Bedeutung, das Wesen derer zu verstehen, die verloren gehen. Sie sind keine guten Menschen (auch wenn sie sich als Gutmenschen präsentieren), die leider auch ein paar schlechte Dinge tun. Gottes objektives Urteil ist: Sie sind böse Menschen, die böse Dinge tun. Sie sind geboren, um sich dem Evangelium Jesu Christi zu widersetzen, weil sie es für Torheit halten. Das Evangelium für Torheit zu halten, ist kein erlerntes Verhalten, sondern ein natürliches Verhalten und die Denkweise des natürlichen Menschen in seinem unbekehrten Zustand.

Sechstens sind die Verlorenen unfähig, Gott zu gefallen.

Denn die Gesinnung des Fleisches ist der Tod, die Gesinnung des Geistes aber Leben und Frieden, weil die Gesinnung des Fleisches Feindschaft ist gegen Gott, denn sie ist dem Gesetz Gottes nicht untertan, denn sie vermag es auch nicht. Die aber, die im Fleisch sind, vermögen Gott nicht zu gefallen. (Röm 8,6–8)

Der Ungläubige ist nicht nur unwillig, Gott zu gefallen, sondern er ist auch unfähig, Gott zu gefallen. In Römer 8,6–8 sagt Paulus unverblümt, dass der Ungläubige sich nicht Gottes Gesetz unterwirft und auch kein Interesse daran hat, seine Gebote zu befolgen. Paulus sagt nicht, dass der Ungläubige die Gebote Gottes nicht versteht und aufgrund einer intellektuellen oder körperlichen Unzulänglichkeit nicht gehorchen kann, sondern dass der Unbekehrte keinerlei moralische Fähigkeit besitzt, Gott zu gehorchen und ihm zu gefallen – dies ist die biblische Lehre von der völligen Unfähigkeit des natürlichen Menschen, sich aus frommer Eigeninitiative zu retten oder retten zu lassen.

Siebtens, die Verlorenen hassen Gott.

… euch, die ihr einst entfremdet und Feinde wart nach der Gesinnung in den bösen Werken, … (Kol 1,21)

In Kolosser 1,21 spricht Paulus die Christen in Kolossä an und erinnert sie, wie sie waren, bevor sie Gott kennenlernten. Damit will er seinen Lesern helfen, das Wesen (Natur) des Ungläubigen zu verstehen. Jeder Mensch hasst Gott in seinen innersten Gedanken. Unser aller Denken vor der Neugeburt von oben war gegen Gott gerichtet. Unsere gesamte Lebensausrichtung und Gesinnung gegenüber Gott, seinem Willen und seinen Wegen war feindlich.

Der Hass auf Gott, Christus und das Evangelium ist der Grund, warum unzählige Christen im Laufe der Geschichte verfolgt und gemartert wurden, nur weil sie die Frohe Botschaft vom Kreuz verkündeten. Der Zustand derer, die verloren gehen, ist, dass sie Gott feindlich gesinnt sind, und wenn sie das Evangelium hören, empfinden sie es als idiotisch und töricht – so töricht, dumm und beleidigend, dass viele Menschen, darunter auch Paulus, der die Botschaft vom Kreuz verkündete, dafür getötet wurden.

Resümee

Diese sieben Eigenschaften kennzeichnen den Zustand der Verlorenen. Kein Film, kein Sportereignis, kein Barbecue, kein Komiker, keine Beleuchtung, keine Bühneneffekte, keine Manipulation, keine süßen Worte und keine Tricks können die Herzen derer, die zugrunde gehen, so verändern, dass sie das Evangelium als Weisheit Gottes erkennen. »Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit«, nicht weil es dem Evangelium an rettender Kraft mangelte, sondern weil das sündige Herz des Ungläubigen von Natur aus gegen Christus und seine Botschaft eingestellt ist.

Wenn dies der Zustand des Verlorenen ist, und er ist es, gibt es dann noch Hoffnung für ihn?

Ja, es gibt Hoffnung. Alle, die Christus lieben, gehörten einst zu diesen Verlorenen. Jetzt jedoch wurden sie durch die Kraft des Wortes vom Kreuz und das Evangelium von Jesus Christus gerettet. Das Wort vom Kreuz allein öffnet die Augen der Blinden und erweckt die geistlich Toten zum Leben, befreit die Gefangenen der Sünde und Satans, verwandelt ein Kind des Zorns in ein Kind Gottes, verwandelt ein Herz, das unfähig war, Gott zu gefallen, in ein Herz, das zur Ehre Gottes lebt, und verwandelt einen Menschen, der Gott hasst, in einen Menschen, der Gott liebt.

Preisen wir Gott für die Kraft des Wortes vom Kreuz!

Endenote, Quelle & Disclaimer

[1] Der im Amerikanischen häufig gebrauchte Ausdruck »Philosophy of Ministry“ bezeichnet ein reflektiertes, schriftlich fixiertes Selbstverständnis darüber, wie eine Gemeinde, deren Leitung oder deren Dienstleiter ihren jeweiligen Dienst begreifen, inklusive biblisch-theologischer Prämissen, Zielsetzungen, Methoden, Leitungsverständnis usw. Dabei geht es weniger um akademische Metaphysik oder weltliche Philosophie, als vielmehr um aus der Heiligen Schrift entnommenen normativen Leitprinzipien für die praktische kirchliche Arbeit/Dienst. Im Deutschen könnte man das als »Dienstverständnis«, »Gemeinde/Dienst-Leitbild« oder »Dienstkonzept« bezeichnen.

Der Artikel erschien in ähnlicher Form und Inhalt in The Cripplegate vom 27. Januar 2026 von Robb Brunansky unter dem Titel: »Understanding Gospel Ministry: The Condition of the Perishing« (dt. »Das Evangelium verstehen: Der Zustand der Verlorenen«). Robb Brunansky ist Gemeindehirte in der Desert Hills Bible Church in Glendale, Arizona (USA). Er hat einen M. Div. vom The Master’s Seminary (Sunvalley, CA, USA) und einen Ph.D. für Neues Testament vom The Southern Baptist Theological Seminary. Übersetzt und adaptiert von grace@logikos.club.

Warum die »Gute Nachricht« wahrhaft gut ist (B. Peters, 2008)

In Römer 10,15 zitiert Paulus folgende Worte des Propheten Jesaja:

Wie lieblich sind die Füße derer, welche das Evangelium des Friedens verkündigen, welche das Evangelium des Guten verkündigen!

Das Evangelium heißt hier »Evangelium des Guten«. Paulus nennt das Evangelium ferner:

  • Evangelium Gottes (Römer 1,1; 15,16; 2Korinther 11,7; 1Thessalonicher 2,2.8.9; s. a. 1Petrus 4,17)
  • Evangelium Seines Sohnes (Römer 1,9)
  • Evangelium des Christus (Römer 15,19; 1Korinther 9,12; 2Korinther 9,19; 10,14; Galater 1,7; 1Thessalonicher 3,2; Philipper 1,27)
  • Evangelium der Herrlichkeit Christi (2Korinther 4,4)
  • Evangelium der Herrlichkeit des seligen Gottes (1Timotheus 1,11)
  • Evangelium der Gnade Gottes (Apostelgeschichte 20,24)
  • Evangelium eures Heils (Epheser 1,13)
  • Evangelium des Friedens (Epheser 6,15)

Ausgehend von diesen verschiedenen Bezeichnungen des Evangeliums gibt es acht verschiedene Gründe, warum das Evangelium gut zu nennen ist:

  1. Es kommt von Gott: »das Evangelium Gottes« (Römer 1,1)
  2. Es ist Gottes Kraft zum Heil: »das dem Fleisch unmögliche tat Gott« (Römer 8,3)
  3. Es offenbart Gottes Gnade: »das Evangelium der Gnade Gottes« (Apostelgeschichte 20,24)
  4. Es offenbart Gottes Gerechtigkeit (Römer 1,17)
  5. Es offenbart Gottes Herrlichkeit: »das Evangelium der Herrlichkeit des glückseligen Gottes« (1Timotheus 1,11)
  6. Es zeugt von Gottes Sohn: »das Evangelium über Seinen Sohn« (Römer 1,3)
  7. Durch dasselbe wirkt Gott, der Heilige Geist (1Thessalonicher 1,5)
  8. In ihm bekommt Gott alle Herrlichkeit und Ehre (Römer 11,36).

Alle diese Gründe machen uns deutlich, dass beim Evangelium Gott die Hauptsache ist, nicht der Mensch. Genau das ist es, was das Evangelium zur guten Botschaft macht. Und genau darin liegt die verlorene Glückseligkeit des Menschen: Dass Gott wiederum den Rang bekommt, der Ihm zusteht. Der Mensch ist im Heil nichts, Gott ist alles. Das ist die Wahrheit, die uns frei macht; frei vom Wahn, etwas zu sein, wo wir doch nichts sind (Galater 6,3). Das ist die Wahrheit, die durch die Lüge der Schlange ins Gegenteil verkehrt worden ist: Der Mensch könne sein wie Gott (1Mose 3,5). Am Ende der Tage wird es so sein, dass der Mensch den Platz eingenommen haben wird, der Gott allein zusteht. Das hat Paulus mit folgenden Worten angekündigt:

Lasst euch von niemand auf irgendeine Weise verführen, denn dieser Tag kommt nicht, es sei denn, dass zuerst der Abfall komme und offenbart werde der Mensch der Sünde, der Sohn des Verderbens, der widersteht und sich erhöht über alles, was Gott heißt oder verehrungswürdig ist, so dass er sich in den Tempel Gottes setzt und sich selbst darstellt, dass er Gott sei. (2Thessalonicher 2,3–4)

Das Buch der Offenbarung bestätigt die Ankündigung des Apostels. Die Religion des endzeitlichen Menschen ist die Anbetung des Menschen (Offenbarung 13,4.15.18). Je näher wir diesem Ende kommen, desto heftiger reißt der Zeitgeist an der Gemeinde der Gläubigen, um sie hineinzuziehen in diesen Strom. Um so entschiedener müssen wir daher die Wahrheit hochhalten, dass die Gute Nachricht in nichts anderem besteht, als dass Gott alles ist, Gott alles wirkt und Gott alle Ehre bekommt. Werden diese Wahrheiten abgeschwächt, sind wir in Gefahr, abzufallen. Werden sie unterschlagen, sind wir schon abgefallen, oder, wie Petrus sagt »aus unserer Festigkeit gefallen« und »durch den Irrwahn der Ruchlosen mitfortgerissen« worden (2Petrus 3,17).

Das Evangelium befreit uns für Gott und Seinen unumschränkten Willen. Über die eigentliche Bedeutung des Dienstes von Johannes Calvin sagte ein französischer Biograph:

Die Umwälzung, die der Genfer Reformator durch sein Wirken auf geistlichem Gebiet hervorgerufen hat, wurde bisweilen mit der Revolution verglichen, die Kopernikus zur gleichen Zeit– durch seine astronomischen Entdeckungen im physikalischen Weltbild herbeigeführt hat. Vor Kopernikus glaubte man im allgemeinen, die Sonne drehe sich um die Erde, die im allgemeinen für den Mittelpunkt der Welt gehalten wurde. In seinem berühmten Buche »Über die Umdrehung der Himmelskörper« (De Revolutionibus orbium coelestium libri VI, 1543) hat der gelehrte Astronom nachgewiesen, daß es sich, im Gegensatz zu der bisherigen Ansicht, umgekehrt verhalte und die Erde sich um die Sonne drehe. Das ganze Weltbild wurde dadurch verändert.
In ähnlicher Weise hat der Reformator der Frömmigkeit den herkömmlichen Mittelpunkt weggenommen, der für den damaligen religiösen Menschen die eigene Seele mit ihren Bedürfnissen und Regungen war. Er hat statt dessen dem Glaubensleben seine eigentliche Mitte wiedergegeben, nämlich Gott. (Jean Cadier: Calvin. Der Mann, den Gott bezwungen hat. Zollikon: Evang. Verlag, 1959.)

1 Das Evangelium ist gut, denn es kommt von Gott

Darum heißt es »das Evangelium Gottes« (Römer 1,1).

  1. Schon die bloße Tatsache, dass das Evangelium von Gott kommt, bedeutet, dass es gut ist. Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben, von dem Vater der Lichter (Jakobus 1,17). Alles, was Gott gibt, ist gut, denn Gott ist gut, ja, Gott allein ist gut (Markus 10,18). Außer Ihm gibt es kein wirklich Gutes – d. h. bleibend Gutes und vollkommen Gutes.
  2. »Evangelium Gottes« bedeutet, dass es die Botschaft Gottes ist; in ihm spricht Gott. Wenn es gelehrt und verkündigt wird, ergeht Gottes Stimme, die Macht hat, die Toten zu erwecken (Johannes 5,25), Zedern zu knicken oder Hirschkühe zum Werfen zu bringen (Psalm 29).
  3. Drittens bedeutet es, dass das Evangelium nicht von Menschen ausgedacht, sondern von Gott offenbart worden ist (1Korinther 2,9.10). Damit gehört das Evangelium Gottes auch Gott, und darum dürfen wir es nicht antasten, indem wir es verkürzen (vgl. Apostelgeschichte 20,27) oder verändern (siehe Galater 1,8.9).

2 Das Evangelium ist gut, denn es ist Gottes Kraft zum Heil

Kommt das Evangelium von Gott, dann richtet es auch das aus, was Gott will: Es rettet den Sünder, indem es ihn aus dem Dunkel ins Licht, aus dem Tod ins Leben, aus der Gottesferne zu Gott bringt (1Petrus 3,18). Das aber ist das Höchste, das einem Menschen widerfahren kann. Wer wüsste Höheres und Besseres zu nennen, als zu Gott gebracht zu werden? Das verstehen wir, wenn wir auch verstanden haben, worin unser wirkliches Elend besteht: Wir haben Gott verlassen, wir haben Ihn verloren.

Als wir noch Sünder waren, gab Er Seinen Sohn für uns dahin (Römer 5,5). Der Sünder ist blind, d. h. er erkennt weder seine Not noch den, der allein seine Not wenden kann. Der Sünder ist ein Knecht der Sünde und dazu ein Feind des Lichts, d. h. er will die Wahrheit über Gott und über seinen wahren Zustand nicht hören. Er ist ein Feind Gottes; d. h. er will nicht mit Gott versöhnt werden. Der Sünder ist tot in Seinen Sünden. Das alles zeigt, dass im Menschen weder die erforderliche Erkenntnis noch das Vermögen noch der Wille da ist, gerettet zu werden. Darum muss Gott alles tun zur Errettung des Menschen. Genau das lehrt das Evangelium: Das dem Fleisch Unmögliche tat Gott (Römer 8,3).

Gott tat alles zur Errettung. Das nennen wir die Alleinwirksamkeit Gottes. Er fasste den Rat zum Heil (Epheser 1,4.11). Er sonderte Seinen Sohn aus, das Heil für Sünder zu wirken (Johannes 1,29). Er sandte den Sohn, Seinen Heilsrat zu erfüllen (Galater 4,4). Er erwählte uns in Christus (Epheser 1,4), Er berief uns am Tag unseres Heils, Er rechtfertigte uns, Er verherrlichte uns (Römer 8,30). Von Ihm her geschah es, dass wir nun in Christus Jesus sind, der uns geworden ist zur Weisheit von Gott und zur Gerechtigkeit und Heiligkeit und Erlösung (1Korinther 1,30).

Weil all das wahr ist, kann Paulus sagen: Das Evangelium ist Gottes Kraft zum Heil (Römer 1,16). Gottes Kraft übertrifft alles, darum müssen wir nicht versuchen, etwas zur Wirksamkeit des Evangeliums beitragen zu wollen. Wir können durch unsere menschlichen Versuche, es »anziehender« oder »akzeptabler« und damit »wirksamer« zu machen, nur verderben.

Adolph Zahn, reformierter Pfarrer in Elberfeld im 19. Jahrhundert, fasst mit folgenden Worten das Evangelium zusammen, wie er es von Wichelhausen, Theologieprofessor in Halle, empfing:

Der Mensch ohne Leben und Freiheit vor Gott, tot in Sünden, Gott allein frei und freimachend in souveräner Gnade. Und dies Licht dann über die ganze Schrift ausgegossen und so in der Schrift überall die scharfen und gewaltigen Gegensätze von Gott und Mensch gefunden: Er nicht wie wirund wir in steter Feindschaft gegen ihnDas gibt dann Klarheit für alle Kapitel und eine ebenso einfache wie oft tiefe und wahrhaft geistvolle Schriftauslegung. (Adolph Zahn: Von Gottes Gnade und des Menschen Elend, S. 44).

Wir hörten eben: »Darum muss Gott alles tun…«. Ja, Er muss alles tun, wenn es überhaupt Heil geben soll. Aber war Er genötigt, unser Heil zu beschließen und in der Fülle der Zeit zu wirken? Gewiss nicht. Er schuldete und schuldet dem Menschen nichts.

3 Das Evangelium ist gut, denn es offenbart Gottes Gnade

Darum heißt das Evangelium »das Evangelium der Gnade Gottes« (Apostelgeschichte 20,24). Gnade bedeutet dreierlei:

  1. Alles Heil geht von Gott aus
  2. Alles Heil geschieht durch Gott
  3. Alles Heil ist ganz unverdient. Gott gibt lauter Unwürdigen nur Gutes.

Die beiden ersten Wahrheiten haben wir bereits beleuchtet. Wir wollen jetzt einige Augenblicke bei der dritten Wahrheit verharren: Alles Heil ist ganz unverdient. Gott tut in der Errettung Gutes an Menschen, die nichts davon verdient haben. Im Gegenteil: Gott müsste uns alle verdammen.; Er müsste uns in die äußerste Finsternis werfen. Er müsste uns verstoßen. Er müsste uns für immer aus Seiner Gegenwart verbannen. – Er tut aber genau das Entgegengesetzte: Es gibt keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind (Römer 8,1). Er liebt uns mit der gleichen Liebe, mit der Er Seinen Sohn geliebt hat (Johannes 17,26). Er nimmt uns an als Seine Kinder und nimmt uns auf in Sein Haus (Johannes 14,3). Er wird über Seinen Erwählten ewig leuchten (Offenbarung 22,5).

4 Das Evangelium ist gut, denn es offenbart Gottes Gerechtigkeit

Gottes Liebe relativiert nicht Gottes Licht. Gottes Gnade geschieht nicht auf Kosten der Gerechtigkeit. Gott handelt nicht so, wie wir Menschen, die manchmal Gnade vor Recht ergehen lassen, was gemeinhin als sehr löblich gilt. Nein, Gott lässt Gnade ergehen unter Wahrung vollkommenen Rechts. Das macht Seine Gnade so herrlich, denn das lehrt uns, dass die Gnade Gott sehr viel gekostet hat, Jja, sie hat Ihn alles gekostet, Seinen eingeborenen, Seinen geliebten Sohn.

Paulus sagt: »Gottes Gerechtigkeit wird darin [im Evangelium] offenbart“ (Römer 1,17).

Wir sagen meist, im Evangelium offenbare sich Gottes Liebe, und das stimmt natürlich (Römer 5,7). Aber was Paulus im Römerbrief als Erstes hervorhebt, ist die Gerechtigkeit Gottes, die sich im Evangelium manifestiert. Das ist das Wunder der Errettung und darin liegt die alles überstrahlende Schönheit des Evangeliums, dass es den Gott offenbart, der gerecht bleibt, während Er den Ungerechten rechtfertigt (Römer 3,25.26). Das geschieht dadurch, dass Christus unser Stellvertreter geworden ist (2Korinther 5,21). Er ist in zweifacher Hinsicht unser Stellvertreter: Er hat in Seinem Leben stellvertretend für alle Menschen alles erfüllt, was das Gesetz vom Menschen fordert. Dann hat Er in Seinem Tod alles erlitten, was das Gesetz an Strafen über den Gesetzesbrecher verhängt. So wurde Gottes Gerechtigkeit genüge getan, dass wir sagen können: Gottes Gerechtigkeit müsste uns verdammen, aber Gottes Gnade spricht uns frei.

Gottes Gerechtigkeit wurden im stellvertretenden Tod Seines Sohnes genüge getan, darum kann Gott dem Sünder gnädig sein, ihm die Sünden vergeben und ihm das Leben schenken und dabei doch gerecht bleiben

5 Das Evangelium ist gut, denn es offenbart Gottes Herrlichkeit

Darum heißt es »das Evangelium der Herrlichkeit des glückseligen Gottes« (1Timotheus 1,11).

Was meint Paulus mit dem nur hier und in 1Timotheus 6,15 verwendeten Ausdruck »der glückselige Gott«? Er sagt damit Folgendes: Gott ist in sich vollkommen glückselig; er ruht in vollkommenem Frieden; ihm fehlt nichts. Dennoch hat er einen Sünder, einen Verfolger der Heiligen, einen Feind des Lichts geliebt, gesucht und errettet.

  • Darin zeigt sich erst richtig die Größe der göttlichen Gnade.
  • Darin zeigt sich auch erst richtig die Größe der göttlichen Weisheit; denn wir fragen: Wie bringt Gott es nur fertig, einen Sünder zur Einsicht und zur Umkehr zu bewegen?
  • Darin zeigt sich die unumschränkte Kraft Gottes, der die Sünde und den Tod, Feindschaft und Misstrauen überwindet und ewiges Heil wirkt (Römer 1,16).

Auf diese Weise offenbart das Evangelium die Herrlichkeit Gottes. Was bedeutet »die Herrlichkeit Gottes«? Dieses: Die Gesamtheit Seiner Vollkommenheiten, Seine vollkommene Wahrheit, Weisheit, Macht, Gnade, Liebe, Heiligkeit und Gerechtigkeit. Gott ist Licht (1Johannes 1,5) und Gott ist Liebe (1Johannes 4,16).

6 Das Evangelium ist gut, denn es zeugt von Gottes Sohn

Darum heißt es »das Evangelium über Seinen Sohn« (Römer 1,3). Alles Gute, was Gott sich für den Menschen vorgesetzt hat, hat Er in Seinem Sohn gewirkt. Er ist die Mitte des Evangeliums. Durch Ihn geschieht alles.

  1. Er hat zunächst im und durch den Sohn geredet (Hebräer 1,1). In Ihm haben wir das unschätzbare Gut der vollkommenen und vollständigen Offenbarung aller Heilsgedanken Gottes (Johannes 1,1.9.14).
  2. Sodann hat Er im und durch den Sohn das Heil gewirkt: In Christus erwählt (Epheser 1,4), durch Sein Blut erlöst (Epheser 1,7), durch Seinen stellvertretenden Tod und durch Seine Auferstehung gerechtfertigt (Römer 4,25; 2Korinther 5,21); durch Ihn verherrlicht (Philipper 3,20–21); in Ihm ein ewiges, unvergängliches Erbe (Epheser 1,11).
    Darum predigten den Apostel Christus:
    • wer Er sei: Jesus von Nazareth;
    • was Er sei: wahrer Gott vom wahren Gott (Johannes 1,1–3); wahrer Mensch (Philipper 2,5);
    • wie Er sei: sündlos, rein, heilig (Hebräer 7,26; 1Petrus 1,18–19);
    • was Er getan hat.
  3. Darum heißt das Evangelium »das Evangelium der Herrlichkeit Christi« (2Korinther 4,4). Seine Vollkommenheiten werden im Evangelium kund: Seine Sündlosigkeit, Seine Gerechtigkeit, Seine Gnade, Seine Barmherzigkeit, Sein Liebe zu Gott, Seine Liebe zu den Seinen, Seine Liebe zu den Menschen. Der zweite Mensch ist alles; der erste Mensch ist nichts; der Mensch vom Himmel bleibt, der Mensch, der von der Erde ist, muss weichen (1Korinther 15,45-48).

7 Das Evangelium ist gut, denn durch dasselbe wirkt Gottes Geist

»die Dinge …, die euch jetzt verkündigt worden sind durch die, die euch das Evangelium gepredigt haben durch den vom Himmel gesandten Heiligen Geist« (1Petrus 1,12); »Denn unser Evangelium war nicht bei euch im Wort allein, sondern auch in Kraft und im Heiligen Geist und in großer Gewissheit« (1Thessalonicher 1,5).

Der Vater, der Sohn, der Heilige Geist, der dreieinige Gott, offenbart sich im Evangelium und wirkt durch das Evangelium. Der Vater hat den Heilsrat gefasst und den Sohn dazu bestimmt, ihn auszuführen. Der Sohn hat sich vom Vater senden lassen und hat all Sein Wohlgefallen erfüllt (Johannes 17,3). Das ist der Inhalt des Evangeliums, und wenn dieses gepredigt wird, wirkt Gott, der Heilige Geist. Er begleitet keine andere Botschaft als diese. Darum müssen wir zusehen, dass wir das Evangelium Gottes verkündigen, das Evangelium vom Sohn Gottes, das Evangelium der Gnade Gottes, das Evangelium, das die Apostel verkündigten. Denn ohne das Wirken des Heiligen Geistes gibt es keine Errettung. 

Wenn Gott mit der Sendung des Sohnes und der Niederschrift Seines Werkes aufgehört hätte zu wirken, wäre durch das Evangelium kein Mensch errettet worden. Darum sandten der Vater und der Sohn nach vollbrachtem Werk Seines Sohnes den Heiligen Geist, der Sünder überführt, Widerspenstige willig macht, in toten Herzen Glauben weckt und sie so zum Heiland und zum Heil führt. Wiederum müssen wir erkennen, dass in der Errettung Gott alles wirkt, von Anfang bis zum Schluss. Aber wir müssen auch erkennen, dass er die Mittel bestimmt hat, um diese Errettung zu wirken, und das ist nichts anderes als die Predigt des Evangeliums. Mit der Predigt des Evangeliums wirkt Gottes Geist.

9 Das Evangelium ist gut, denn in ihm bekommt Gott allein alle Ehre

»Denn von ihm
und durch ihn
und für ihn
sind alle Dinge;
ihm sei die Herrlichkeit
in Ewigkeit! Amen«.
(Römer 11,36).

Was Paulus als Ergebnis der im Evangelium gelehrten und durch dessen Kraft gewirkten Errettung bezeichnet –Gott allein alle Ehre–, wird auch als Ergebnis der großen alttestamentlichen Errettung deklariert. Das Buch Exodus (2Mose) endet damit, dass Gottes Herrlichkeit inmitten der Erlösten aufstrahlt und die Wohnung Gottes erfüllt (2Mose 40).

Jonathan Edwards (1703–1758)um wenige Jahre älterer Zeitgenosse George Whitefields, hielt am 8. Juli 1731 in Boston eine Predigt zu 1Korinther 1,29–31 unter dem Titel: »God Glorified in Man’s Dependence« (etwa: »Gott verherrlicht durch die Abhängigkeit des Menschen«). Darin sagte er unter anderem: 

»Es besteht eine absolute und umfassende Abhängigkeit der Erlösten von Gott. Das Wesen und die Gestaltung unserer Erlösung sind derart, dass die Erlösten in jeder Hinsicht direkt, unmittelbar und vollständig von Gott abhängig sind: Sie sind in allem von ihm abhängig und in jeder Hinsicht von ihm abhängig.« [1]

Endenoten

[1] »There is an absolute and universal dependence of the redeemed on God. The nature and contrivance of our redemption is such, that the redeemed are in every thing directly, immediately, and entirely dependent on God: they are dependent on him for all, and are dependent on him every way.« (Quelle: https://www.biblebb.com/files/edwards/JE-dependence.htm [27.12.2025])

Disclaimer: Dieser Vortrag wurde von Benedikt Peters (Arbon, CH) auf der Hirtenkonferenz 2008 gehalten und von grace@logikos.club zusammengefasst.

Die Evangeliumsverdreher (Ian Murray, 2023)

Ich glaube, dass ein großer Teil des gegenwärtigen Arminianismus einfach Unkenntnis der Lehre des Evangeliums ist.
C. H. Spurgeon, Predigten, 11, 29

Als ich zu Christus kam, dachte ich, ich würde alles selbst tun, und obwohl ich den Herrn ernsthaft suchte, hatte ich keine Ahnung davon, dass es der Herr war, der mich suchte. Ich glaube nicht, dass ein Jungbekehrter sich dessen schon bewusst ist. Ich kann mich noch genau an den Tag und die Stunde erinnern, als ich diese Wahrheiten zum ersten Mal in meiner Seele empfing – als sie, wie John Bunyan sagt, wie mit einem heißen Eisen in mein Herz gebrannt wurden, und ich kann mich daran erinnern, wie ich fühlte, dass ich plötzlich von einem Baby zu einem Mann geworden war – dass ich Fortschritte in der biblischen Erkenntnis gemacht hatte, weil ich ein für alle Mal den Schlüssel zur Wahrheit Gottes gefunden hatte.
C. H. Spurgeon, The Early Years [Die frühen Jahre], S. 164.

Für Spurgeon war es offensichtlich, nicht nur durch die Heilige Schrift, sondern auch durch seine eigene Erfahrung, dass ein Mensch – oder ein Kind – gläubig werden kann, ohne etwas anderes zu wissen als die Tatsache, dass der Sohn Gottes seine Sünden in seinem eigenen Leib auf dem Kreuz getragen hat. Was ihn zum Glauben gebracht hat oder was Christus nach Golgatha gebracht hat, mag er dann noch nicht wissen: »Wir wussten nicht, ob Gott uns bekehrt hatte oder wir uns selbst bekehrt hatten.«[1] Sein eigenes Zeugnis zu diesem Punkt lautet: »Ich erinnere mich, dass ich, als ich mich zu Gott bekehrte, durch und durch Arminianer war … Manchmal setzte ich mich hin und dachte: ›Nun, ich habe den Herrn vier Jahre lang gesucht, bevor ich ihn gefunden habe.‹«[2]

In einer weiteren Predigt, die er 28 Jahre nach der zuletzt zitierten hielt, sagt er:

»Ich habe einige gekannt, die bei ihrer ersten Bekehrung das Evangelium nicht sehr klar verstanden hatten, die aber durch die Entdeckung ihrer eigenen Gnadenbedürftigkeit evangelikal geworden waren. Sie konnten das Wort ›Gnade‹ nicht buchstabieren. Sie fingen mit einem ›G‹ an, aber sie machten sehr bald mit einem ›F‹ weiter, bis es so ähnlich wie ›freier Wille‹ geschrieben wurde. Aber nachdem sie ihre Schwäche erkannt haben, nachdem sie in ernste Fehler gefallen waren und Gott sie wiederhergestellt hatte, oder nachdem sie durch eine tiefe Depression des Geistes gegangen waren, haben sie ein neues Lied gesungen. In der Schule der Buße haben sie gelernt, richtig zu buchstabieren. Sie fingen an, das Wort ›frei‹ zu schreiben, aber sie gingen von ›frei‹ nicht zu ›Wille‹, sondern zu ›Gnade‹ über, und da stand es dann in Großbuchstaben da: ›FREIE GNADE‹ … Sie wurden klarer in ihrer Theologie und wahrhaftiger in ihrem Glauben als sie es jemals zuvor gewesen waren.[3]

Wenn wir also erkennen, dass eine falsche Lehre nicht notwendigerweise eine falsche Erfahrung oder den Heilsverlust wahrer Gläubiger bedeutet, kehren wir zu der Frage zurück: Warum hat Spurgeon den Arminianismus so entschieden bekämpft? Wenn Menschen unter einer Predigt, die nicht eindeutig calvinistisch ist, zu Christus gebracht werden können, und wenn sie gläubig sein können, ohne diese Lehren klar zu begreifen, ist dies dann ein Thema, das den Frieden der Kirche jemals stören sollte? Hat der moderne Evangelikalismus evtl. doch recht, wenn er die ganze Angelegenheit in den undefinierten Schwebezustand [limbo; auch »Vorhölle«] verbannt und den Arminianismus als eine Art theologisches Gespenst betrachtet, das vielleicht einmal gelebt hat und gelegentlich noch umhergeistert, über das nachzudenken aber kein vernünftiger Christ je Zeit verschwenden oder streiten sollte? Oder, um eine populäre Einschätzung zu zitieren: Laufen wir nicht Gefahr, Wesentliches mit Unwesentlichem zu verwechseln, wenn wir diese Fragen in den Vordergrund stellen? Hören wir uns also Spurgeons Rechtfertigung seiner Position an. 

Erstens vertrat Spurgeon die Ansicht, dass der Arminianismus nicht nur einige wenige Lehren betreffe, die vom Evangelium getrennt werden könnten, sondern dass er die gesamte Einheit der biblischen Offenbarung angehe und unsere Sicht des Erlösungsplans in fast jedem Punkt beeinträchtige. Er betrachtete als eine Hauptursache des Arminianismus, dass dessen Anhänger den Inhalt des Evangeliums nicht voll kennen würden. Die Irrtümer dieses theologischen Systems hinderten die Menschen daran, die ganze göttliche Einheit der biblischen Wahrheiten zu erfassen und sie in ihren wahren Beziehungen und in ihrer richtigen Reihenfolge wahrzunehmen. Der Arminianismus verkürze die Heilige Schrift und widerspreche jener ganzheitlichen Sichtweise, die für die Ehre Gottes, die Verherrlichung Christi und die Stabilität des Gläubigen notwendig ist. Alles, was die Christen dazu verleite, hinter dieser vollständigen Sicht zurückzubleiben, sei daher eine ernste Angelegenheit, die bekämpft werden müsse: »Ich möchte, dass ihr das Wort Gottes eingehend studiert, bis ihr eine klare Sicht des ganzen zusammenhängenden Musters erhaltet, von der Auserwählung bis zum Ausharren bis ans Ende, und vom endgültigen Ausharren bis zum zweiten Kommen, der Auferstehung und den Herrlichkeiten, die folgen werden, der ewigen Welt.«[4]Spurgeon wurde nicht müde, in seinen Predigten Überblicke über die Weite und die umfassende Größe von Gottes Heilsplan zu geben und über die herrliche Einheit aller Teile dieses Plans zu reden. Im Folgenden ein typisches Beispiel aus einer Predigt über Galater 1,15 mit dem Titel »It Pleased God [Es hat Gott wohlgefallen]«.

»Sie werden, denke ich, in diesen Worten erkennen, dass der göttliche Heilsplan sehr klar dargelegt ist. Er beginnt nämlich mit dem Willen und dem Wohlgefallen Gottes: ›Als es aber Gott … wohlgefiel‹. Das Fundament des Heils wird nicht im Willen des Menschen gelegt. Es beginnt nicht mit dem Gehorsam des Menschen und geht dann weiter zu den Absichten Gottes. Sondern hier ist sein Anfang, hier ist die Quelle, aus der die lebendigen Wasser fließen: ›Es wohlgefiel Gott‹. Auf den souveränen Willen und das Wohlgefallen Gottes folgt der Akt der Trennung [Absonderung], der gemeinhin unter der Bezeichnung Erwählung bekannt ist. Im Text heißt es, dass dieser Akt bereits im Mutterleib stattfand, was uns lehrt, dass er vor unserer Geburt stattfand, als wir noch nichts tun konnten, um ihn zu gewinnen oder zu verdienen. Gott trennte uns vom frühesten Teil und der frühesten Zeit unseres Seins an; und in der Tat, lange vorher, als die Berge und Hügel noch nicht aufgetürmt und die Ozeane noch nicht durch seine schöpferische Macht geformt waren, hatte er uns in seinem ewigen Plan für sich selbst abgesondert. Nach diesem Akt der Absonderung kam dann die eigentliche, wirksame Berufung: ›und durch seine Gnade berufen hat‹. Die Berufung bewirkt nicht die Erwählung, sondern die Erwählung, die dem göttlichen Willen entspringt, bewirkt die Berufung. Die Berufung kommt als Folge der göttlichen Absicht und der göttlichen Absonderung [Erwählung], und Sie werden feststellen, wie dann der Gehorsam der Berufung folgt. 

Der ganze Prozess läuft also so ab: Zuerst der heilige, souveräne Vorsatz Gottes, dann die klare und eindeutige Erwählung oder Trennung, dann die wirksame und unwiderstehliche Berufung und danach der Gehorsam zum Leben und die süßen Früchte des Geistes, die daraus hervorgehen. Viele irren hier, weil sie die Heilige Schrift nicht kennen, wenn sie einen dieser Vorgänge vor den anderen stellen, ohne die Reihenfolge der Schrift anzuerkennen. Diejenigen, die den Willen des Menschen an die erste Stelle setzen, wissen nicht, was sie da sagen und fest behaupten.«[5]

Der Arminianismus macht sich also schuldig, die biblischen Lehren zu verwirren, er behindert ein klares und einleuchtendes Verständnis der Heiligen Schrift. Weil er den ewigen Vorsatz Gottes falsch darstellt oder ignoriert, bringt er den Sinn des gesamten Erlösungsplans durcheinander. In der Tat ist Verwirrung ohne diese grundlegende Wahrheit unvermeidlich: Ohne sie fehlt es an der Einheit des Denkens, und im Allgemeinen haben sie überhaupt keine Vorstellung von einer zusammenhängenden göttlichen Lehre. Es ist fast unmöglich, einen Menschen zu einem Theologen zu machen, wenn man nicht mit diesen Dingen beginnt. Sie können einen jungen Gläubigen jahrelang auf die Universität schicken, aber wenn Sie ihm nicht diesen Grundbauplan des ewigen Bundes zeigen, wird er kaum Fortschritte machen, weil seine Studien keinen inneren Zusammenhang haben. Er sieht nicht, wie eine Wahrheit zur anderen passt und wie alle Wahrheiten miteinander harmonieren müssen. Wenn er einmal eine klare Vorstellung davon bekommen hat, dass die Errettung aus Gnade geschieht, wenn er den Unterschied zwischen dem Bund der Werke und dem Bund der Gnade entdeckt hat, wenn er die Bedeutung der Erwählung als Ausdruck des Vorsatzes Gottes und ihren Zusammenhang mit anderen Lehren, die die Verwirklichung dieses Vorsatzes zeigen, klar verstanden hat, dann ist er auf dem besten Weg, ein einsichtsvoller Gläubiger zu werden. Er wird immer bereit sein, die Hoffnung, die in ihm ist, mit Sanftmut und Furcht zu begründen. Der Beweis ist offenkundig. Nimm irgendeine Grafschaft in ganz England, du wirst einfache Männer beim Heckeschneiden und Schaufeln finden, die eine bessere Kenntnis der biblischen Lehre [divinity] haben als die Hälfte derer, die von unseren Akademien und Bibelschulen kommen, aus dem einfachen und vollständigen Grund, dass diese Männer zuerst in ihrer Jugend das System gelernt haben, dessen Mittelpunkt die Erwählung seitens Gottes ist, und danach gefunden haben, dass sich dies mit ihren eigenen Erfahrungen genau deckte. Sie haben auf diesem guten Fundament einen Tempel der heiligen Erkenntnis errichtet, der sie zu Vätern in der Gemeinde Gottes gemacht hat. Jeder andere Plan funktioniert nicht, liefert nur Holz, Heu und Stoppeln. Stapelt darauf, was ihr wollt, es wird zusammenkrachen. Sie haben keinen Bauplan [system of architecture], ihre Gedanken folgen weder der Vernunft noch der göttlichen Offenbarung. In ihrem undurchdachten, fragmentierten System ist der oberste Stein größer als das Fundament; ein Teil des Bundes steht bei ihnen im Widerstreit zu einem anderen Teil; bei ihnen hat der mystische Leib Christi überhaupt keine Form; sie geben Christus eine Braut, die er nicht kennt und die er nicht erwählt, und setzen ihn in die Welt, um mit jedem verheiratet zu werden, der ihn haben will; er selbst aber soll keine Wahl darin haben. Ihr Plan verdirbt jedes Bild, das in der Schrift in Bezug auf Christus und seine Kirche verwendet wird. Der gute alte Plan der Gnadenlehre ist ein System, das, wenn man es einmal angenommen hat, selten wieder aufgegeben wird. Wenn man es richtig gelernt hat, formt es die Gedanken des Herzens, und es gibt dem Charakter derer, die einmal seine Kraft entdeckt haben, einen heiligen Stempel.«[6]

Es ist oft gesagt worden, dass der Calvinismus keine evangelistische Botschaft habe, wenn es um die Verkündigung des Kreuzes geht – weil er nicht sagen könne, dass Christus für die Sünden aller Menschen aller Zeiten und Orte gestorben sei. Aber das Sühnopfer Christi stand im Mittelpunkt aller Predigten Spurgeons, und er war keineswegs der Meinung, dass ein universales Sühnopfer [eine allgemeine Sühnung] für die Evangelisation notwendig sei, sondern er war der Meinung, dass er, wenn die arminianische Position wahr wäre, keine wirklich geschehene Erlösung predigen könnte, weil dies die Botschaft des Evangeliums in heilloses Durcheinander werfen würde.

Spurgeon war der Meinung, dass nicht nur das Ausmaß des Sühneopfers in Frage gestellt würde, sondern auch dessen Wesen selbst, wenn die Prediger aufhörten, das Kreuz in den Kontext des gesamten Heilsplans zu stellen, oder je vergäßen, dass das vergossene Blut ›das Blut des ewigen Bundes‹ ist. Wenn wir dagegen mit der Heiligen Schrift der Auffassung sind, dass Golgatha die Erfüllung des großen Gnadenplans ist, in dem der Sohn Gottes Stellvertreter und Haupt derer wurde, die der Vater vor Grundlegung der Welt geliebt hat (Epheser 1,4), dann sind sowohl das Wesen als auch das Ausmaß des Sühnopfers geklärt. Dass sein Tod seinem Wesen nach stellvertretend war (Christus trug anstelle der betreffenden Sünder die Strafe für deren Sünden) und dass er stellvertretend für die erlitten wurde, mit denen er durch einen ewigen Bund verbunden war, sind zwei Wahrheiten, die wesentlich miteinander verbunden sind.[7] Diesen Menschen, so erklärt die Schrift, können keine Sünden mehr zur Last gelegt werden. Die Gabe Christi für sie stellt außer Zweifel, dass Gott ihnen mit ihm auch alles frei geben wird (Römer 8,32–33). Das muss auch so sein, denn das Sühnopfer bedeutet nicht nur die Erlösung von den Folgen der Sünde, wie sie die menschliche Natur betroffen haben (Knechtschaft und Verunreinigung durch die Sünde), sondern, was noch wunderbarer ist, von der Sünde selbst, die uns vor Gott schuldig gemacht und verdammt hat. Christus hat das göttliche Verdammungsurteil auf sich genommen, ein Urteil, das keinen Sinn macht, wenn man nicht davon ausgeht, dass es sich um das Urteil handelt, das aufgrund der Sünden von konkreten Personen ergangen war.[8]Durch sein Opfer begegnet er völlig dem Zorn, der eigentlich seinem Volk zusteht, und beseitigt ihn für sein Volk. In seiner Person hat er die Forderungen der Heiligkeit und des Gesetzes Gottes vollständig erfüllt, so dass nun auf Grund der göttlichen Gerechtigkeit die göttliche Gunst für diejenigen gesichert ist, an deren Stelle (also: stellvertretend) der Heiland gelitten hat und gestorben ist. Mit anderen Worten: Das Kreuz hat einen auf Gott ausgerichteten Bezug: Es war ein Sühnewerk, durch das Gott, der Vater, in Frieden gesetzt wird, und auf dieser Grundlage, nämlich dem Gehorsam und dem Blut Christi, fließen nun alle Segnungen des Heils frei und sicher zu Sündern. 

Das ist es, was in Römer 3,21.26 so deutlich gelehrt wird. Robert Haldane schreibt über diese Verse: »Es wird gezeigt, dass Gott nicht nur so barmherzig ist, dass er vergibt, sondern auch, dass er treu und gerecht ist, wenn er dem Sünder seine Sünden vergibt. Der Gerechtigkeit wurde voll Genüge getan und das garantiert die Befreiung des Sünders. Selbst der größte Sünder wird nun durch das Sühneopfer seines Bürgen vollkommen würdig, die die göttlichen Liebe zu empfangen, weil er nun nicht nur als vollkommen unschuldig gesehen wird, sondern auch die Gerechtigkeit Gottes besitzt. »Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm.« [2. Korinther 5,21].[9]

Spurgeon erfreute sich der Herrlichkeit dieser Wahrheit: »Er hat Christus bestraft, warum sollte er zweimal für ein Vergehen bestrafen? Christus ist für alle Sünden seines Volkes gestorben, und wenn du im [Gnaden-]Bund bist, gehörst du zu Christi Volk. Du kannst gar nicht mehr verdammt sein. Du kannst gar nicht mehr für deine Sünden leiden. Da Gott niemals ungerechterweise zweimal die Strafzahlung für eine Schuld verlangen kann, kann er eine Seele, für die Jesus gestorben ist, niemals im Gericht zerstören.»[10]

Der evangelikale Arminianismus predigt ein stellvertretendes Sühnopfer und hält an einer universalen Erlösung fest, aber weil er weiß, dass diese Universalität nicht das universale Heil aller sichert, muss er notwendigerweise die Realwirkung des stellvertretenden Sühnopfers Christi abschwächen und es als etwas Unbestimmtes und Unpersönliches darstellen.[11] Das wäre aber eine Stellvertretung, die niemand wirklich erlöst, sondern die Erlösung aller Menschen nur als Möglichkeit anbietet. In der arminianischen Heilslehre hat das Sühnopfer keine besondere Beziehung zu einzelnen Personen, sie sichert niemandem die Erlösung. Aus demselben Grund hat diese Lehre auch die unvermeidliche Tendenz, die Bedeutung der Sühne zu unterschätzen und die Tatsache zu verdunkeln, dass die Rechtfertigung des Sünders allein aufgrund des Werkes Christi erfolgt.[12] Es ist nicht der Glaube, der das Sühnopfer für uns persönlich wirksam macht, sondern das Sühnopfer selbst hat bereits die Rechtfertigung und die Gerechtigkeit der erwählten Sünder gesichert. Selbst der Glaube, durch den wir diese Segnungen erlangen, ist eine Gabe, deren Urheber und Erwerber Christus ist. 

Auch wenn der Arminianismus das Wesen des Sühnopfers als persönliche Stellvertretung im Gericht [vicarious] nicht leugnet, so besteht doch immer die Gefahr, dass er dies tut, und das ist ein Grund, warum der Arminianismus in mehr als einer Periode der Geschichte zu einem Modernismus geführt hat, der nun die Stellvertretung und die Sühne ganz und gar leugnet. Sobald eine verschwommene und undeutliche Sicht des Sühneopfers in der Gemeinde Gottes akzeptiert wird, ist es mehr als wahrscheinlich, dass die nächste Generation zu der endgültigen Unklarheit eines Mannes wie F. W. Robertson aus Brighton kommt, von dem gesagt wurde: »Robertson glaubte, dass Christus irgendetwas getan hatte, das irgendwie mit der Erlösung zusammenhing.« Wer sich eingehender mit der Beziehung zwischen der Gnaden- und der Sühnelehre befassen möchte, findet in John Owens Werk The Death of Death in the Death of Christ (London: Banner of Truth, 1959) eine ausführliche Untersuchung der einschlägigen Schriftstellen. Spurgeons Position war dieselbe wie die jenes großen Puritaners.[13]

Wir wollten mit der Erwähnung dieser besonderen Lehre im vorliegenden Zusammenhang nur zeigen, dass Spurgeon darin mehr sah als nur einen Streit über das Ausmaß der Erlösung. In einer Predigt über die »Besondere Erlösung« (Particular Redemption) im Jahr 1858 sagte er: »Die Lehre von der Erlösung ist eine der wichtigsten Lehren des Glaubenssystems. Ein Irrtum in diesem Punkt wird unweigerlich zu einem Irrtum im gesamten System unseres Glaubens führen.«[14]

Mehr als zwanzig Jahre später war dies immer noch seine Überzeugung: 

»Die Gnade Gottes kann nicht vereitelt werden, und Jesus Christus ist nicht vergeblich gestorben. Diese beiden Grundsätze liegen meiner Meinung nach aller gesunden Lehre zugrunde. Die Gnade Gottes kann letztendlich nicht vereitelt werden. Ihr ewiges Ziel wird sich erfüllen, ihr Opfer und ihr Siegel werden wirksam sein; die durch die Gnade Auserwählten werden alle sicher zur Herrlichkeit gebracht werden.«[15]

»Die Arminianer sind der Meinung, dass Christus, als er starb, nicht in der Absicht starb, irgendeine bestimmte Person zu retten. Sie lehren ferner, dass der Tod Christi an sich nicht zweifelsfrei die Rettung irgendeines lebenden Menschen sicherstellt … sie sind gezwungen, zu behaupten, dass das Sühnopfer Christi vergeblich wäre, wenn der Wille des Menschen nicht nachgeben und sich freiwillig der Gnade hingeben würde … Wir sagen, dass Christus so gestorben ist, dass er unfehlbar das Heil einer unzählbaren Menge gesichert hat, die durch Christi Tod nicht nur gerettet werden kann, sondern gerettet wurde, gerettet werden muss und unter keinen Umständen nochmals in Gefahr laufen könnte, aus dieser Rettung zu fallen.«[16]

Für Spurgeon führte der Irrtum, Christus sei für alle Menschen gleichermaßen gestorben, zu einer weiteren Entfernung von der Bibel, weil dieser Irrtum die Hörer des Evangeliums über das Wesen des rettenden Glaubens in die Irre führte:

»Ich habe manchmal gedacht, wenn ich Ansprachen von einigen Erweckungspredigern hörte, die immer wieder sagten: ›Glaube, glaube, glaube!‹, dass ich gerne selbst gewusst hätte, was wir glauben sollen, damit wir gerettet werden. Ich fürchte, dass es in dieser Frage sehr viele Unklarheiten und Ungenauigkeiten gibt. Ich habe oft die Behauptung gehört, dass man gerettet wird, wenn man glaubt, dass Jesus Christus für einen gestorben ist. Mein lieber Hörer, lassen Sie sich nicht von einer solchen Vorstellung täuschen. Du magst glauben, dass Jesus Christus für dich gestorben ist, und du magst dabei etwas glauben, was nicht wahr ist; du magst etwas glauben, das dir überhaupt nichts Gutes bringt. Das ist nicht der rettende Glaube. Der Mensch, der den rettenden Glauben hat, gelangt später zu der Überzeugung, dass Christus für ihn gestorben ist, aber das ist nicht das Wesen des rettenden Glaubens. Setzen Sie sich das nicht in den Kopf, sonst wird es Sie ruinieren. Sagen Sie nicht: ›Ich glaube, dass Jesus Christus für mich gestorben ist‹, und haben dann das Gefühl, dass Sie nun gerettet seien. Ich bitte Sie, sich daran zu erinnern, dass der echte Glaube, der die Seele rettet, als Hauptelement das Vertrauen – die absolute Ruhe der ganzen Seele – auf den Herrn Jesus Christus setzt, was meine Errettung angeht, egal, ob er nun besonders oder speziell für mich gestorben ist oder nicht, und wenn ich mich ganz und allein auf ihn verlasse, so bin ich gerettet. Später erkenne ich, dass ich ein besonderes Anrecht am Blut des Erlösers habe. Aber wenn ich meine, das erkannt zu haben, bevor ich an Christus geglaubt habe, dann habe ich die biblische Ordnung der Dinge umgedreht und als Frucht meines Glaubens das genommen, was nur von Rechts wegen zu erlangen ist, von einem Menschen, der bereits absolut auf Christus und Christus allein vertraut, um gerettet zu werden.«[17]

noch prägnanterer Sprache hat auch Charles Hodge aufgezeigt, wie der Arminianismus den Zusammenhalt der gesamten biblischen Offenbarung zerstört. Nachdem Hodge festgestellt hat, dass der entscheidende Unterschied zwischen dem arminianischen und dem augustinischen System die Lehre von Gottes Erwählung eines Teils der gefallenen Menschenfamilie zum ewigen Leben betrifft (mit der daraus folgenden Bereitstellung seines Sohnes für ihre Erlösung und Seines Geistes, um ihre Reue, ihren Glauben und ihr heiliges Leben bis zum Lebensende zu sichern), fährt er fort: Obwohl man sagen kann, dass dies der Wendepunkt zwischen diesen großen Systemen ist, die die Kirche in allen Zeitaltern gespalten haben, so schließt dieser Punkt doch notwendigerweise alle anderen Streitpunkte mit ein: das Wesen der Erbsünde, das Motiv Gottes bei der Bereitstellung der Erlösung, das Wesen und die Absicht des Werkes Christi und das Wesen der göttlichen Gnade oder das Wirken des Heiligen Geistes. So hängen in hohem Maße das gesamte System der biblischen Lehre (Theologie) und notwendigerweise auch das Wesen unseres Glaubens von der Sichtweise in dieser besonderen Frage ab. Es handelt sich also um eine Frage von höchst praktischer Bedeutung. Es ist nicht nur eine Sache müßiger Spekulation.[18]

Ein zweiter Grund, warum Spurgeon den Arminianismus so vehement ablehnte, war, dass er sah, dass der Geist dieses Systems direkt in die Gesetzlichkeit führt.[19] Denn obwohl die evangelischen Arminianer die Erlösung durch Werke leugnen, besteht die Tendenz der von ihnen vertretenen Irrtümer darin, den Taten des Sünders unangemessen hohe Bedeutung zuzuweisen und dabei die Betonung in erster Linie auf den menschlichen Willen und das menschliche Bemühen zu legen. Dies ist die logische Folge eines Systems, das die menschliche Entscheidung als den entscheidenden Faktor bei der Bestimmung der Errettung ansieht und den Glauben als etwas darstellt, das jeder Mensch jederzeit realisieren kann, wenn er es will. Ein moderner Evangelist hat zum Beispiel geschrieben: »Wir kennen Christus nicht durch die fünf physischen Sinne, sondern wir kennen ihn durch den sechsten Sinn, den Gott jedem Menschen gegeben hat, nämlich die Fähigkeit zu glauben«. Wenn Gott allen Menschen diese Fähigkeit gegeben hat, dann muss der Wendepunkt von der menschlichen Reaktion abhängen, da eindeutig nicht alle gerettet sind. Diese Konsequenz wird vom Arminianismus akzeptiert.

Um es mit den Worten eines zeitgenössischen Predigers zu sagen, der auch diese (arminianische) Ansicht vertritt: »Diese Liebe Gottes, die so unermesslich, unmissverständlich und unendlich ist, diese Liebe Gottes, die sich bis zu dem hinbeugt, was ein Mensch ist und kann, kann auch völlig abgelehnt werden. Gott wird sich keinem Menschen gegen dessen Willen aufdrängen…. Aber wenn du diese Liebe wirklich willst, musst du glauben – du musst die Liebe Gottes empfangen, du musst sie annehmen.« Die Betonung hier liegt auf dem »du«. Damit wird unweigerlich der Eindruck erweckt, dass es ausschließlich unser Glaube es ist, der uns rettet – als ob der Glaube die Ursache des Heils wäre. Dies ist aber das genaue Gegenteil von Spurgeons Vorstellung vom Geist der Evangeliumspredigt. »Ich könnte nicht wie ein Arminianer predigen«, sagt er, und im folgenden Abschnitt sagte er auch genau, warum: Der Arminianer hat zum Ziel, den Menschen zum aktiven Handeln zu drängen. Im Gegensatz dazu sollten wir das Handeln des Menschen in dieser Sache ein für alle Mal abtöten. Wir sollten ihm zeigen, dass er verloren und verdorben ist und dass sein Handeln jetzt überhaupt das Werk der Bekehrung ausmacht. Vielmehr muss er nach oben schauen. Die Arminianer versuchen, den Menschen hochzuziehen. Wir versuchen, ihn zu Boden zu bringen und ihm das Gefühl zu vermitteln, dass er in Gottes Hand liegt und dass es seine Aufgabe ist, sich Gott zu unterwerfen und laut zu rufen: ›Herr, rette, oder wir gehen zugrunde!‹ Wir sind der Meinung, dass der Mensch nie so nahe an der Gnade ist, als wenn er anfängt zu fühlen, dass er überhaupt nichts tun kann. Wenn er sagt: ›Ich kann beten, ich kann glauben, ich kann dies tun und ich kann das andere tun!‹, dann sind das Zeichen der Selbstgenügsamkeit und des Hochmuts auf seiner Stirn.[20]

Indem der Arminianismus den Empfang der Liebe und des Heils Gottes von der Erfüllung von Bedingungen auf Seiten des Sünders abhängig macht, statt allein von der Gnade, leistet er einem Irrtum Vorschub, dem nicht genug widersprochen werden kann: »Seht ihr nicht sofort, dass dies Gesetzlichkeit ist«, sagt Spurgeon, »dass dies unser Heil von unserem Werk abhängig macht, dass dies unser ewiges Leben von etwas abhängig macht, das wir tun? Nein, die Lehre von der Rechtfertigung selbst, wie sie von einem Arminianer gepredigt wird, ist doch nichts anderes als die Lehre von der Errettung durch Werke; denn er meint immer, der Glaube sei ein Werk des Geschöpfes und eine Bedingung für seine Annahme. Es ist genauso falsch zu sagen, dass der Mensch durch den Glauben als Werk gerettet wird, wie dass er durch die Taten des Gesetzes gerettet wird. Wir sind gerettet durch den Glauben, den Gott uns als Gabe schenkt. Dieser Glaube ist das erste Zeichen seiner ewigen Gunst uns gegenüber. Es ist nicht der Glaube aus uns heraus (als unser Werk), der uns rettet, sonst sind wir aus Werken gerettet, und keinesfalls allein aus Gnaden.«[21] »Wir haben ihn nicht um den Bund der Gnade gebeten«, erklärt er in einer anderen Predigt, »Wir haben ihn nicht gebeten, uns zu erwählen. Wir haben ihn nicht gebeten, uns zu erlösen. Diese Dinge wurden alle getan, bevor wir geboren wurden. Wir haben ihn nicht gebeten, uns durch seine Gnade zu berufen, denn leider kannten wir den Wert dieses Rufes nicht. Wir waren tot in Übertretungen und Sünden, aber er gab uns umsonst von seiner ungeforderten, aber grenzenlosen Liebe. Die vorauseilende Gnade kam zu uns und übertraf all unser Verlangen, all unser Wollen und all unsere Gebete.»[22] Liebt Gott mich, weil ich ihn liebe? Liebt Gott mich, weil mein Glaube stark ist? Dann muss er mich ja wegen etwas Gutem in mir geliebt haben – aber das entspricht nicht der Evangeliumsbotschaft. Das Evangelium stellt den Herrn so dar, dass er die Unwürdigenliebt und die Gottlosen rechtfertigt. Deshalb muss ich die Vorstellung, dass die (rettende) göttliche Liebe irgendwie von menschlichen Bedingungen abhängte, völlig aus meinem Denken verbannen.«[23] Der Arminianismus wird mit apostolischer Härte verdammt, weil er die Herrlichkeit, die allein der Gnade Gottes zukommt, verdunkelt.[24] Daher ist er ein so schwerwiegender Irrtum, dass es dabei keinen Raum für Kompromisse gibt. Wir können Gemeinschaft mit Brüdern haben, die unter dem Einfluss dieser Irrtümer stehen, aber in der Verkündigung und Lehre der Kirche darf es kein Zaudern oder Unklarheit in dieser Frage geben. Auf einer persönlichen Ebene können wir sagen: Es die umfassende Verkündigung der »Lehren der Gnade«, die dem Gläubigen jenen Frieden gibt, den Horatius Bonars mit folgenden schönen Worten beschreibt:

Meine Liebe ist oft so schwach,
Meine Freude kommt und geht;
Aber der Friede mit Gott bleibt derselbe
– Der Ewige kennt keine Veränderung.
Ich ändere mich, Er bleibt Derselbe,
Der Christus kann niemals sterben;
Seine Liebe, nicht meine, ist meine Ruhestätte,
Seine Wahrheit, nicht meine, bleibt das Band.

Es war dieser Glaube, der Spurgeon in Zeiten von Krankheit und Dunkelheit, die er manchmal durchlebte, stützte. Er offenbarte seine Herzensempfindungen, als er sagte: »Ich werde wohl nie verstehen, was ein Arminianer tut, wenn er in Krankheit, Kummer und Betrübnis gerät.«[25] Dennoch hat der Herausgeber Charles T. Cook diese Worte im Nachdruck der Predigt in der Kelvedon Edition gestrichen.[26] Es passt wohl kaum zu unseren aktuellen Vorstellungen, dass der Arminianismus den Herzensfrieden untergrabe. Aber wo sonst kann der Gläubige in Zeiten der Not ruhen als in der Gewissheit, dass er allein durch die ewige und unveränderliche Gnade Gottes gerettet, bewahrt und zur Herrlichkeit bestimmt ist!

Zum gleichen Thema gibt er auch an anderer Stelle dieses Zeugnis:

»Ich würde viele Lehren freudig aufgeben, wenn ich glaubte, dass sie nur Parteiparolen wären und nur der Aufrechterhaltung einer Sekte dienten; aber diese Lehren der Gnade, diese kostbaren Lehren der Gnade, gegen die so viele streiten, könnte ich nicht aufgeben oder ein Jota von ihnen abschwächen, denn sie sind die Freude und der Jubel meines Herzens. Wenn man voller Gesundheit und Kraft ist und alles gut geht, kann man vielleicht sehr bequem von den einfachen Wahrheiten des Christentums leben; aber in Zeiten, wo der Geist hart bedrängt wird und die Seele sehr niedergeschlagen ist, braucht man Lebensnotwendiges und echte Nahrung [the marrow and the fatness]. In Zeiten innerer Zerrissenheit muss das Heil von Anfang bis Ende ganz aus Gnade bestehen.«[27]


Textquelle und Disclaimer

Der vorstehende Text ist ein Auszug aus Kapitel 3 des Buches »The Forgotten Spurgeon [Der vergessene Spurgeon]« von Iain Murray, das den Titel »Arminianism Against Scripture« [Arminianismus im Widerstreit zur Schrift] trägt.

Textquelle: banneroftruth.org/uk/resources/book-excerpts/2023/the-gospel-isnt-found-in-arminianism/; eigene Übersetzung von grace@logikos.club.

Endenoten

[1]      Sermons, Band 7, S. 85.

[2]      Sermons, Band 4, S. 339.

[3]     Sermons, Band 35, S. 226. Bei meiner Dokumentation von Spurgeons Ansichten zu den Lehren der Gnade werde ich mich nicht auf seine frühen Predigten beschränken.

[4]     Sermons, Band 11, S. 29.

[5]     Sermons, Band 56, S. 230.

[6]     Sermons, Band 6, S. 305.

[7]      Wie Hugh Martin in seinem Werk The Atonement, in Its Relations to the Covenant, the Priesthood, the Intercession of Our Lord, 1887, zeigt, ist der sicherste Weg, einem Einwand gegen die angebliche Ungerechtigkeit eines stellvertretenden Sühneopfers (der Unschuldige stirbt anstelle des Schuldigen) zu begegnen, indem man die Wahrheit der »Bundestreue und Verantwortung Christi und der Bundeseigenschaft derer, deren Sünden er sühnt, indem er an ihrer Stelle und für sie stirbt« (S. 10) darlegt. Die Bundeseigenschaft ist der Grund für seine Stellvertretung, und durch diese Tatsache »wird die Stellvertretung seines Opfers nicht nur ans Licht gebracht, sondern gerechtfertigt. Es ist nicht nur wahr, dass er für uns leidet; es ist auch wahr, dass wir in ihm leiden. Und der zweite Satz rechtfertigt die Wahrheit und Gerechtigkeit des ersten. Er steht stellvertretend für uns, weil er mit uns eins ist – mit uns identifiziert, und wir mit ihm« (S. 43). Das ist die große biblische Wahrheit: Christus war nach dem Willen und der Gabe des Vaters vor seiner Menschwerdung mit seinem Volk verbunden, und deshalb ist er für sie gestorben.

[8]     »So wie die Sünde zu den Personen gehört, so ruht der Zorn auf den Personen, die für die Sünde verantwortlich sind.« John Murray, Monographie über das Sühnopfer, 1962, vgl. denselben Autor, Römerbrief, Bd. 1, 1960, S. 116–121.

[9]     Exposition of Romans (London: Banner of Truth, 1958), S. 154.

[10]   Sermons, Band 5, S. 245.

[11]   Thomas Goodwin stellt in seinem Kommentar zu Epheser 1–2,11, in dem er »die große Liebe, mit der er uns geliebt hat« erklärt, fest: »Dass Gott in seiner Liebe auf Personen eingeht. Gott wirft nicht nur mit Propositionen um sich, indem er sagt: Ich will den lieben, der glaubt, und ihn retten, wie die Arminianer meinen; nein, er wirft mit Personen um sich. Und Christus starb nicht nur für Sätze, sondern für Personen. . . Er hat uns nackt geliebt; er hat uns geliebt, nicht wir ihn. Es war nicht für unseren Glauben, noch für irgendetwas in uns; ›nicht aus Werken‹, sagt der Apostel; nein, auch nicht aus Glauben. Nein, er wirft auf nackte Menschen; er liebt euch, nicht die euren. Daher ist hier der Grund, dass seine Liebe niemals versagt, weil sie auf die Person, einfach als solche, gerichtet ist. Der Bund der Gnade ist ein Bund von Personen, und Gott gibt uns die Person Christi und die Person des Heiligen Geistes…«, Werke von Thomas Goodwin, 1861, Bd. 2, S. 151.

[12]   Charles Hodge sagt in seinem Kommentar zu Römer 3,21–31: »Der Grund der Rechtfertigung ist nicht unser eigenes Verdienst, noch unser Glaube, noch unser evangelischer Gehorsam; nicht das Werk Christi in uns, sondern sein Werk für uns, das heißt sein Gehorsam bis zum Tod, V. 25.« (Römer, Edinburgh: Banner of Truth, 1986, S. 103) Historisch gesehen hat der Arminianismus die Rechtfertigungslehre wiederholt gefährdet, und genau diese Gefahr sahen Calvin und andere Reformatoren voraus, als sie erklärten, dass eine Einigung über die Rechtfertigung unmöglich ist, wenn wir die Lehre nicht im Zusammenhang mit Gottes gnädigem Vorsatz, die Auserwählten zu retten, verstehen: Solange diese Punkte nicht unumstritten sind, werden wir, auch wenn wir immer wieder wie Papageien wiederholen, dass wir durch den Glauben gerechtfertigt sind, niemals die wahre Lehre von der Rechtfertigung vertreten. Es ist keinen Deut besser, heimlich von der alleinigen Grundlage des Heils verführt zu werden, als offen von ihr abgewichen zu sein.« Johannes Calvin, Traktate, Bd. 3, S. 254. Nur wenn die Rechtfertigungslehre inhaltlich ausgehöhlt wurde, können Calvinismus und Arminianismus miteinander verschmolzen werden. »Es ist ganz sicher«, sagt Hieronymus Zanchius, »dass die Lehre von der unentgeltlichen Rechtfertigung durch Christus nur auf die Lehre von der unentgeltlichen Vorherbestimmung in Christus gestützt werden kann, da die letztere die Ursache und Grundlage der ersteren ist«.

[13]   Zu Owens Meinung über die Unmöglichkeit eines Kompromisses mit dem Arminianismus siehe seine Darstellung des Arminianismus, Werke von John Owen, Bd. 10 (London: Banner of Truth, 1967), S. 5–7. Spurgeon hatte die Texte, von denen behauptet wurde, sie lehrten eine universale Erlösung, gründlich studiert, und er scheute sich nicht, sie zu erläutern. Siehe z. B. seine feierliche Warnung vor denen, die »mit ihrem Fleisch die verderben, für die Christus gestorben ist«, Band 12, S. 542.

[14]   Sermons, Band 4, S. 130.

[15]   Sermons, Band 26, S. 252.

[16]   Sermons, Band 4, Seiten 130 und 135.

[17]   Sermons, Band 58, Seiten 583–584.

[18]   Systematic Theologie, Bd. 2, S. 330–331. Die Theologie, die die Familie Hodge ein Jahrhundert lang in Princeton lehrte, war die gleiche wie das System, das Spurgeon seinen Studenten am Pastor’s College einpflanzen wollte. A. A. Hodges Outlines of Theology(Edinburgh: Banner of Truth, 1972) war in der Tat ihr Lehrbuch für systematische Theologie. Bei einem Besuch in England im Jahr 1877 war Dr. Hodge beim jährlichen Picknick des Colleges anwesend, als Spurgeon sagte: »Je länger ich lebe, desto klarer scheint es, dass das System von Johannes Calvin der Vollkommenheit am nächsten kommt«, Pike, Bd. 6, S. 197

[19]   »Der Arminianismus neigt sich zur Gesetzlichkeit; es ist nichts anderes als die Gesetzlichkeit, die an der Wurzel des Arminianismus liegt.« Sermons, Band 6, S. 304.

[20]   Sermons, Band 6, S. 259.

[21]   Sermons, Band 6, S. 304. »Unser Glaube verursacht nicht das Heil, noch unsere Hoffnung, noch unsere Liebe, noch unsere guten Werke; sie sind Dinge, die ihm als sein Ehrenschutz beiliegen. Der Ursprung des Heils liegt allein im souveränen Willen Gottes, des Vaters, in der unendlichen Wirksamkeit des Blutes Jesu, des Sohnes Gottes, und in der göttlichen Einwirkung Gottes, des Heiligen Geistes«, Band 3, S. 357. – »Ich kenne nur eine Antwort auf die Frage: ›Warum haben einige geglaubt?‹, und diese Antwort ist: Weil Gott es wollte.«, Sermons, Band 9, S. 355

[22]   Sermons, Band 14, S. 573.

[23]   Sermons, Band 24, S. 440.

[24]    Siehe Thomas Goodwins tiefgründige Behandlung dieses Themas in seiner Auslegung von Eph. 2,5. »Unsere ganze Errettung aus Gnade«, sagt er, »ist das Größte von allem anderen, von größter Bedeutung für die Gläubigen, um es zu wissen und damit vertraut zu sein. ›Aus Gnade seid ihr gerettet‹, das ist das große Axiom, der große Grundsatz, den er in alle ihre Herzen bringen möchte. Und es geht darum, den Plan Gottes, die Herrlichkeit seiner Gnade zu fördern, so steht es hier, Vers. 7. Das ist die Summe und Substanz des Evangeliums, und es ist die Summe des großen Planes Gottes. Darum werdet ihr finden, dass, wenn ein Mensch von dem Weg und der Straße der freien Gnade zu etwas anderem abweicht, man sagt, dass er sich von Gott abwendet. Gal. 1,6: ›Ich wundere mich, dass ihr so schnell von dem abgewichen seid, der euch berufen hat‹ – weil sie nicht an der Lehre der freien Gnade festhielten – ›zur Gnade Christi, zu einem anderen Evangelium‹. Es war Gottes großer Plan, die Gnade voranzubringen, und deshalb nennt er ihr Abweichen von der Lehre davon eine Vereitelung der Gnade Gottes, Gal. 2,21, was die Menschen tun, indem sie irgendetwas mit ihr vermischen.«, Werke, Band 2, S. 230–231.

[25]   Sermons, Band 4, S. 463.

[26]   C. H. Spurgeon, Sermons of Comfort and Assurance. The Kelvedon Edition, ausgewählt und hrsg. v. Charles T. Cook (Zondervan, 1961), S. 36.

[27]   Sermons, Band 18, S. 621.

Kehret um, glaubt dem Evangelium! (Markus 1,15)

Eine Predigt zum Reformationstag.

Buße und Glauben gehören im Heil zusammen

Als der Herr Jesus Christus seinen Predigtdienst begann, lag ihm eine Botschaft besonders am Herzen. Der Evangelist Markus fasst sie wie folgt kurz zusammen:

Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe gekommen. 
Tut Buße und glaubt an das Evangelium. (Markus 1,15)

Später bekundete Jesus Christus das Ziel seines Dienstes so: »Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder zur Buße.« (Lukas 5,32)

Er sagte unumwunden, klar und nachdrücklich, was auf dem Spiel stand: »Wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle ebenso umkommen.« (Lukas 13,3.5)

Auch die Apostel riefen nach dem Vorbild Jesu zur Umkehr und zum Glauben auf. In der frühen Gemeinde Jesu lesen wir am Anfang viel von Petrus, später dann vor allem von Paulus. Paulus charakterisierte seinen Dienst in seinen Abschiedsworten an die Ältesten der Ephesischen Gemeinde in Milet so:

Wie ich nichts zurückgehalten habe von dem, was nützlich ist, dass ich es euch nicht verkündigt und euch gelehrt hätte, öffentlich und in [den] Häusern, indem ich sowohl Juden als auch Griechen die Buße zu Gott und [den] Glauben an unseren Herrn Jesus [Christus] bezeugte. (Apostelgeschichte 20,20–21)

Umkehr (Buße) und Glaube gehören auch heute noch zur Zentralbotschaft der Christen, der »Guten Nachricht«, dem Evangelium. Sie stehen manchmal zusammen, meist Buße zuerst und dann der Glaube (Markusk 1,15; Apostelgeschichte 19,4; 20,21; Hebräer 6,1).

Buße und Glauben sind Geschenk Gottes und Verantwortung jedes Menschen

Beim Blick auf das Heil fangen wir am besten zuerst bei den großen Taten Gottes an. Warum? Nun, weil die Idee und Initiative zu unserem Heil bei Gott liegt: Er hat vor aller Zeit souverän beschlossen, von Ihm erwählten Menschen das Heil zuzueignen. Als dies geschah, gab es noch keinen einzigen Menschen, weder Raum, Zeit noch Materie. Und zweitens rückt diese Sichtweise –die biblische!– stets den Heiland-Gott in den Mittelpunkt, und so werden wir als Priester Gottes erstens mit Opfern des Lobes für unseren Retter versorgt für unsere Anbetung und zweitens wird unser Verständnis der Heilsgeschichte richtig zentriert: bei Gott nämlich – und nicht bei uns.

Wir wissen bis heute nicht, wer alles zu diesen Erwählten gehört. Aber wir wissen: Es sind alle, die glauben. Und zwar mit rettendem Glauben glauben (davon später mehr). Und dies führt uns zur Seite unserer Verantwortung im Heilswerk Gottes, der sog. Heilsaneignung

Wir wollen uns daher überblicksartig den genannten beiden Rettungsmitteln zuwenden: der Buße und dem Glauben. Das kann man gut zusammenfassen mit dem Schriftwort aus Markus 1,15 –in gutem Lutherdeutsch–: Kehrt um, glaubt dem Evangelium!

Das Ziel dieser kurzen Ausführungen ist, dass wir die wichtigsten Kennzeichen rettender (=biblischer) Buße und Glauben kennen, damit wir die Gute Botschaft richtig verstehen, an uns prüfen und richtig den noch heillos Verlorenen weitergeben können.

Und obwohl diese zwei Dinge nun nacheinander vorzustellen sind, muss uns von Anbeginn klar sein: Buße & Glaube sind zwar unterscheidbare Vorgänge, aber sie sind nicht voneinander trennbar. Das ist wichtig! Warum? Weil man (auch) hier von beiden Seiten vom Pferd fallen kann:

  • Es gibt Prediger, die behaupten, man sei ewig gerettet, wenn man glaube. Buße sei schön, aber nicht gefordert. Als Beweis zitieren Sie z.B. Stellen aus dem Johannes Evangelium, wo praktisch nie von Buße, sondern meist von Glauben die Rede sei. Man behauptet: »Nirgendwo in der Bibel steht, dass man Buße über seine Sünden tun solle. Jesus hat nur gesagt, man solle sich ihm im Glauben zuwenden und Ihm vertrauen, was die Vergebung der Sünden angehe (Johannes 3,16).« – Mit einem Wort: Man brauche nur Glauben, keine Buße. Die Gnade Gottes fordere keine Buße, Umkehr, Nachfolge, Entschiedenheit, Heiligung oder Sündenverzicht. [1]
  • Prediger aus anderem Hintergrund reden hingegen am liebsten nur über Umkehr, Reue und Buße. Am besten erfolge sie täglich, stündlich, um auch bei der überraschenden Wiederkunft Jesu »bereit« und »würdig rein« zu sein. – Bei ihnen kann man sich nie sicher sein, ob man ausreichend Buße getan hat, um von Jesus in den Himmel mitgenommen zu werden. – Das beobachtet man bei Predigern aus Heiligungsbewegungen, die häufig auch insgeheim Wert auf Werksgerechtigkeit legen.

Wir müssen aber –der Predigt Jesu und der Apostel folgend– stets beides beachten, lehren und fordern im Evangelium. Jesus Christus hat befehlsmäßig beides gefordertKehrt um, glaubt dem Evangelium! Das verbindet Buße und Glauben wie die beiden Seiten derselben Münze.

Betrachten wir also zuerst die Buße. Sie hat unser Herr zuerst genannt:

Die rettende Buße

Vor 500 Jahren sah es in der christlichen Kirche übel aus. Die Traditionen und Machtspielchen sowie offene und verdeckte Unmoral hatten die Kirche von innen her verdorben und ausgehöhlt.

Den Augustinermönch Dr. Martin Luther ließ dies nicht kalt. Er wollte darüber ins Gespräch kommen. Am 31. Oktober 1517 schlug er daher 95 Thesen zur Diskussion an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg. Das erregte Aufsehen, Interesse und Widerstand. Jemand, der Dinge der Tradition hinterfragt, hat sofort Gegner am Hals. Der Buchdruck sorgte aber dafür, dass Luthers 95 Thesen blitzschnell (für damalige Zeiten!) überall bekannt und diskutiert wurden.

Wer weiß heute schon noch, mit welcher These Luthers seinen Katalog begann? Wie lautet die erste These?

  • »DA vnser Meister vnd HERR Jhesus Christus spricht/ Thut Busse/ etc. wil er/ das/ das gantze leben seiner Gleubigen auff Erden/ ein stete vnd vnauffhörliche Busse sol sein.« (s. Bildabschnitt oben)

Was wollte er damit sagen? Ist Buße etwas Einmaliges? Oder etwas Beständiges? Lesen wir ein Beispiel aus der Bibel: 1. Thessalonicher 1,2–10

Wir danken Gott allezeit für euch alle, indem wir [euch] erwähnen in unseren Gebeten, unablässig gedenkend eures Werkes des Glaubens und der Bemühung der Liebe und des Ausharrens der Hoffnung auf unseren Herrn Jesus Christus, vor unserem Gott und Vater, wissend, von Gott geliebte Brüder, eure Auserwählung.
Denn unser Evangelium war nicht bei euch im Wort allein, sondern auch in Kraft und im Heiligen Geist und in großer Gewissheit, wie ihr wisst, was wir unter euch waren um euretwillen.
Und ihr seid unsere Nachahmer geworden und [die] des Herrn, indem ihr das Wort aufgenommen habt in vieler Drangsal mit Freude [des] Heiligen Geistes, so dass ihr allen Gläubigen in Mazedonien und in Achaja zu Vorbildern geworden seid.
Denn von euch aus ist das Wort des Herrn erschollen, nicht allein in Mazedonien und in Achaja, sondern an jedem Ort ist euer Glaube an Gott ausgebreitet worden, so dass wir nicht nötig haben, etwas zu sagen.
Denn sie selbst berichten von uns, welchen Eingang wir bei euch hatten und wie ihr euch von den Götzenbildern zu Gott bekehrt habt, um [dem] lebendigen und wahren Gott zu dienen 10 und seinen Sohn aus den Himmeln zu erwarten, den er aus den Toten auferweckt hat – Jesus, der uns errettet von dem kommenden Zorn.

Wir beobachten bei dieser jungen Gemeinde fasst neidisch, wie sich Gottes Geist und Wort in ihrer Mitte mächtig erwiesen hatten. Gehen wir es nochmals als Illustration durch:

  • V 3: Das Markenzeichen echten Christentums war sichtbar: Glaube–Liebe–Hoffnung, nämlich: Werkes des GlaubensBemühung der Liebe und Ausharrens der Hoffnung auf unseren Herrn Jesus Christus.
  • V 4: Sie waren »geliebte Brüder« (übrigens männliche und weibliche Brüder!), also Glaubensgeschwister
  • V 4: An diesen lebendigen Marken- und Echtheitszeichen wurde ihre Auserwählung durch Gott sichtbar
  • V 6: Sie waren Nachahmer geworden, sowohl des Apostels als auch des Herrn Jesus Christus
  • V 7: Sie hatten das Wort Gottes aufgenommen in Zeiten der Drangsal, aber mit Freude des Heiligen Geistes, so dass sie zu Vorbildern für andere Christen geworden waren
  • V 8: Sie evangelisierten, trugen das Wort Gottes weiter, es erklang »an jedem Ort«
  • Rückblick V9–10: Sie hatten sich abgekehrt von den Götzenbildern (falschen Gottesvorstellungen und Riten), Abkehr ist der erste Teil der Umkehr/Buße– und haben sich zu Gott hin bekehrt, das ist der zweite Teil der Umkehr, sie hatten ihr Leben Gott geweihtdienten Gott und erwarteten den Herrn Jesus als Retter.


Versuchen wir also eine erste DefinitionBuße (oder: Umkehr) ist eine Abkehr von den falschen Göttern und eine Hinkehr zu dem wahren Gott.

Weil das griechische Wort für Buße mit »Sinneswandel« übersetzt werden kann, kamen einige auf die falsche Idee, dass es bei der Buße nur um das Denken ginge. Aber bereits das Beispiel der Thessalonicher zeigt überdeutlich, dass ihre Buße, ihre Umkehr, ganz entscheidende Auswirkungen hatte auf ihr Reden/Verkündigen (V 8) und auf ihr Wertesystem oder Lebensziel sowie auf ihre ganze Lebensausrichtung und ihren Dienst (V 9–10).

Die Lehrer der Gemeinde haben daher Wert darauf gelegt, dass Buße keinesfalls nur eine Sache des Denkens sei. Sie erfasse und durchdringe vielmehr den geretteten Menschen ganzheitlich. Sie sagten, dass zum (1.) Denken, Sinnen und Verstehen auch (2.) die Seele und der Wille, und (3.) die Tat, das Leben, der Lebensstil gehören.

Deshalb wird der Mensch nach Annahme des Heils aufgefordert, »der Buße würdige Früchte zu bringen« (Lukas 3,8; vgl. 3,10–14) und »der Buße würdige Werke zu vollbringen« (Apostelgeschichte 26,20).

Rettende Buße ist also etwas, das unser Denken, unsere Gefühle und unser Tun umfasst. Buße ergreift ganzheitlich Geist, Seele und Körper.– Wir könnten es uns als »3H-Formel« merken: Hirn und Herz und Hand. (NB: Diese triadische Begrifflichkeit wurde durch den Schweizer Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi (1746–1827) geprägt. Auf dessen Pädagogik wird hier aber ausdrücklich nicht verwiesen. Die »3H« werden vielmehr wie hier ausgeführt inhaltlich gefüllt.)

Zwei biblische Beispiele noch zu den beiden letzten H‘s, eines bzgl. des Herzens, und eines bzgl. der Hand:

[Herz/Seele]   Und ihr werdet euch an eure bösen Wege erinnern und an eure Handlungen, die nicht gut waren, und werdet Ekel an euch selbst empfinden wegen eurer Ungerechtigkeiten und wegen eurer Gräuel.   … schämt euch und werdet beschämt vor euren Wegen, Haus Israel! (Hesekiel 36,31.32b)
[Hand/Taten] Und ich werde meinen Geist in euer Inneres geben; und ich werde bewirken, dass ihr in meinen Satzungen wandelt und meine Rechte bewahrt und tut. (Hesekiel 36,27)

Ein Mensch, der wahrhaft Buße getan hat, erkennt man also daran,

  • Was und wie er denkt, sinnt, argumentiert
  • Wofür er sich einsetzt, einsteht, was ihm wichtig ist, an seinem veränderten Wertesystem
  • Was er tut, wie er lebt.

Wenn diese Bereiche durch Willensentschluss und Hingabe auf Christus und sein Wort ausgerichtet werden, dann erkennt man, dass die betreffende Person Buße getan hat. Oder besser: dass sie einen Weg der Buße betreten hat und ihn weitergeht (Luther, 1. These).

Die Erkenntnis Luthers, dass Buße kein einmaliger Akt am Anfang des neuen Lebens bleibt, sondern eine andauernde Lebenspraxis ist, haben Bibellehrer so formuliert: »Buße ist eine Gabe, die beständig gibt.«.

Warum ist das biblisch?, mag man fragen. – Weil die Bibel lehrt, dass mit der Gabe des neuen Lebens nicht nur die Gabe der Buße mitgeschenkt wird, sondern auch ein neuer Sinn, ein neues, lebendiges Herz und der Heilige Geist. Daher ist Hirn, Herz und Hand eines Neugeborenen nun so, dass es ihn weg von den Götzen – und hin zu Gott und seinem Sohn führt.

Als die christliche Gemeinde in Ephesus ihre »ersten Liebe verlassen« hatte, musste sie (1.) »Gedenken«, dann (2.) »Buße tun« und schließlich (3.) »die ersten Werke tun«. Buße führt Abgeirrte auf den richtigen Liebes-Weg.

Wie überall, gibt es neben der echten, rettenden Buße auch die Nachahmerprodukte, die nicht retten können. Paulus schriebt den Korinthern von beiden Arten von Buße, und wir sollten uns prüfen, ob wir das verstanden und befolgt haben!

Jetzt freue ich mich, nicht, dass ihr betrübt worden seid, sondern dass ihr zur Buße betrübtworden seid; denn ihr seid Gott gemäß betrübt worden, damit ihr in nichts von uns Schaden erlittet.
Denn die Betrübnis Gott gemäß bewirkt eine nie zu bereuende Buße zum Heil; die Betrübnis der Welt aber bewirkt [den] Tod. (2. Korinther 7,9–10) 

Nur »Reue« über die Folgen der eigenen Sünden zu empfinden, reicht nicht aus. Ein Pharao, ein Saul, ein Judas Iskariot hatten solche Reue. Sie gingen mit ihr in den ewigen Tod. –  Echte Buße führt uns dahin, dass es uns vor unserer eigenen Sünde ekelt, dass wir dringend Reinigung suchen, dass wir vor allem darüber betrübt sind, was unsere Sünden Gott angetan haben! Theatertränen nutzen hier nichts. In Rom auf den Knien eine Treppe hinaufzurutschen oder sein Erbe auf dem Sterbebett der Kirche zu vermachen auch nicht.

Wenn man darüber nachdenkt, wie sehr sich ein bußfertiger Mensch ändert, dann wird deutlich, dass eine echte, anhaltende Buße gar nicht ohne Glauben „funktionieren“ kann. Ohne Glauben tausche ich doch niemals mein altes Leben, meine Lieblingssünden, meine Götter ein gegen etwas, das unsichtbar ist, wie alle Dinge des Glaubens. Wenn mit dem Tod alles aus ist, wenn es keinen Gott gibt, wenn es kein Gericht über alle meine Worte und Taten gibt (usw.): Warum sollte ich das alles aufgeben und mich auf Gott, Jesus und die Gemeinde ausrichten?

Kurz gesagt: Ohne Glauben gibt es keine rettende Buße – und ohne Buße gibt es keinen rettenden Glauben! Buße und Glauben gehören im Heil zusammen wie Kopf und Zahl einer Münze. – So fragen wir nun nach der »anderen Seite« des Heils, dem rettenden Glauben.

Der rettende Glaube

Lesen wir nochmals die Zusammenfassung und das wunderbare Ergebnis des Evangeliums bei der christlichen Gemeinde in Thessaloniki:

 Wir danken Gott allezeit für euch alle, … von Gott geliebte Brüder,
Denn sie selbst berichten von uns, welchen Eingang wir bei euch hatten und wie ihr euch von den Götzenbildern zu Gott bekehrt habt, um [dem] lebendigen und wahren Gott zu dienen 10 und seinen Sohn aus den Himmeln zu erwarten, den er aus den Toten auferweckt hat – Jesus, der uns errettet von dem kommenden Zorn. (1. Thessalonicher 1,2.9–10)

Warum reden wir hier ausdrücklich vom „rettenden Glauben“? Gibt es auch nicht-rettenden Glauben? Ja, den gibt es:

  • Man kann »vergeblich glauben«, aufgrund falscher Vorstellungen (1. Korinther 15,13–14). Die Inhalte, die wir glauben, müssen stimmen, das Glaubensgut
    Daher muss man lehren, auch in der Evangelisation. Es ist erstaunlich, wie viele, die gerne das Evangelium weitergeben wollen, ins Stocken geraten, wenn sie die Frage beantworten sollen: „Was ist das Evangelium?

Wenn es aber keine Auferstehung [der] Toten gibt, [so] ist auch Christus nicht auferweckt; wenn aber Christus nicht auferweckt ist, [so] ist also auch unsere Predigt vergeblich, vergeblich auch euer Glaube. (1. Korinther 15,13–14)

  • Und selbst wenn die Fakten stimmen, der Glaubensinhalt also korrekt biblisch ist, kann der Glaube nicht-rettend sein! Wirklich? Ja, siehe Jakobus 2,19. Zu glauben, dass Gott einer ist, ist Zentralwahrheit über Gott. Wenn Du das glaubst, qualifiziert es zum Dämon, rettet aber ohne weiteres nicht! Dämonen glauben das, aber gehen ewig in den Feuersee.

Du glaubst, dass Gott einer ist, du tust recht; auch die Dämonen glauben und zittern. (Jakobus 2,19)

Es muss etwas Zweites hinzukommen: (#2) Unsere innere Zustimmung, unser Herz, unsere willentliche Hingabe an das, was wir im Glauben im Hirn (#1) erfasst haben.

Reicht das dann endlich: (#1) Hirn und (#2) Herz? – Reichen richtige Information/Glaubensgut und innerliche Zustimmung?

Die Schrift lehrt uns, dass der rettende Glaube (der echte, der biblische) mehr ist. Jakobus lehrt uns, dass ein Glaube ohne Werke tot ist. Jakobus lehrt dabei, genauso wie auch Paulus, das wir alleine mittels des Glaubens gerechtfertigt werden – ohne Werke, sola fide.

Aber der der echte, der biblische, der rettende Glaube bringt immer Früchte, weil er ein lebendiger Glaube ist.

Wenn also jemand sagt: »Ich glaube!«, »Ich bin auch ein Gläubiger!«, dann sollten wir an seinen Früchten, also seinem Reden und seinen Taten und seinem Leben sehen, ob das ein lebendiger Glaube ist, oder nur tote Worte. 

Im Epheserbrief können wir lernen, dass wir nicht aufgrund unserer Werke gerettet werden, sondern von Gott zu Guten Werken gerettet werden, die Er vorher für uns bereitet hat. – Werke sind nicht Vorbedingung des Heils, sondern Folgedes Heils. An den Früchten erkennen wir den lebendigen Baum. Die Bibellehrer haben das ungefähr so gesagt: 
»Wir sind gerettet aus Glauben allein – aber dieser Glaube bleibt nicht allein.« Zum rettenden (=echten) Glauben gehört also auch die praktische Lebenshingabe, ein Leben im Vertrauen auf Jesus Christus, das entsprechende eindeutige Früchte wachsen lassen wird.

Rettender Glaube ist also weder bloßes Kopfwissen, noch bloße warme Emotion, sondern auch neuer Lebenswandel. Rettender Glaube ist aktiv, zeigt sich ganz praktisch. Die alten Bibellehrer haben diese wichtige Erkenntnis anhand von drei Stichworten zusammengefasst:

  • Rettender Glaube braucht Inhalte (notitia) – KenntnisWas glaube ich? Glaubensgut.
    R. C. Sproul hat zu recht gesagt: »Nichts geht ins Herz, wenn es nicht erst durch den Verstand gegangen ist.« Wir glauben keinen Unsinn, keine Unwahrheit. Wir sagen nicht: »Ich weiss es nicht, aber ich glaube es!» Wir glauben dem, was Gott in der Bibel geoffenbart hat.  Sonst glauben wir vergeblich.Konsequenz: Studiere das Wort Gottes. Wir brauchen Glaubenslehre in der Verkündigung.
  • Rettender Glaube braucht innere Zustimmung (assensus) – Kopfwissen alleine reicht nicht, es muss die innere Zustimmung hinzutreten, die Überzeugung, dass das, was ich glaube, das Glaubensgut (notitia), die verbindliche Wahrheit ist, die gilt, die mir gilt.
    Man muss auf den Knieen anerkennen, dass man am Ende seines Lateins ist und von nun an Gottes Wahrheit im Wort Gottes zur ureignen Überzeugung macht. – Konsequenz: Lies die Bibel unter Gebet, sozusagen mit gebeugten Knien.
  • Rettender Glaube braucht auch Vertrauen und Hingabe (fiducia) – Der inneren Überzeugung und Zustimmung muss ein entsprechendes Leben folgen. Man trifft dann Entscheidungen, die Gott gefallen und ewige Früchte tragen. Es ist wahre Klugheit, wenn man ganz praktisch sein Lebenshaus nicht auf Sand baut, sondern auf den Felsen, der ewig steht, nämlich auf das Wort Gottes. – Konsequenz: Trage Sorge, Gute Werke zu tun.

Das Wort ist gewiss; und ich will, dass du auf diesen [Dingen] fest bestehst, damit die, die Gott geglaubt haben, Sorge tragen, gute Werke zu betreiben. Dies ist gut und nützlich für die Menschen. (Titus 3,8)

Fassen wir diesen Punkt zusammen. Auch hier gilt, dass der rettende Glaube uns ganz in Anspruch nimmt, in alle Zimmer unseres Lebenshauses einzieht, vor nichts Halt macht. Die »3H-Formel« gilt auch hier: Hirn+Herz+Hand. Oder für die, die in der Schule Latein hatten: notitia & assensus & fiducia.

Am Ende unserer kurzen Betrachtung der rettenden Buße und des rettenden Glaubens stellen wir noch die Frage: Woher stammen solche Buße und solcher Glaube? – Wenn ich mich schon nicht selbst retten kann, kann ich wenigstens aus mir selbst umkehren und glauben und dann als Belohnung sozusagen das Heil bekommen?

Einige Bemerkungen also noch zur Quelle der Buße und des Glaubens. Die biblische Aussage lautet:

Buße und Glauben sind unsere Verantwortung und Gottes Gnadengabe

Tatsächlich hört man manchmal: Gott bereitet den Heilsweg in Christus. Dann wartet Er, bis jemand von sich umkehrt und glaubt, und dann schenkt er diesem Menschen als Belohnung das ewige Leben. Steht doch so in Johannes 3,16, oder?!

Beim Bibelstudium zu dieser Frage stößt man auf ein Geheimnis, denn zwei Dinge werden klar gelehrt –und zwar ohne Spannung und ohne jeden Widerspruch–, die wir aber leider noch nicht zusammenbringen, wo wir nicht genau wissen, wie sie zusammenhängen:

1. Aussage: Buße und Glauben sind Pflicht jedes Menschen

Gott befiehlt beides. Daher geben wir es auch als Befehl weiter. Es ist die Verantwortung des Menschen, dass er gemäß des Evangeliums Gottes umkehrt und glaubt. Der Apostel präsentierte den Philosophen auf dem Areopag das Evangelium so:

Nachdem nun Gott die Zeiten der Unwissenheit übersehen hat, gebietet er jetzt den Menschen, dass sie alle überall Buße tun sollen, weil er einen Tag festgesetzt hat, an dem er den Erdkreis richten wird in Gerechtigkeit durch einen Mann, den er [dazu] bestimmt hat, und er hat allen [den] Beweis [davon] gegeben, indem er ihn aus [den] Toten auferweckt hat. (Apostelgeschichte 17,30–31)

Wer nun im Gehorsam (Glaubensgehorsam!) zum Heiland-Gott kommt und seine Knie in Buße und Glaubenbeugt, weil er eine gottgemäße Betrübnis über seine Sünden hat, wird im selben Augenblick gerechtfertigt und für die Ewigkeit gerettet!


Aber langsam – Woher kam denn diese rettende Buße und dieser rettende Glaube? – Da sagt die Schrift: von Gott, und zwar: Von Gott allein! – Das führt zur zweiten Beobachtung aus der Schrift:

2. Aussage: Buße und Glauben sind freie Gnadengaben Gottes. 

Gott schenkt in Gnaden beides, die rettende Buße und den rettenden Glauben.

[Buße] Petrus sagte dem Hohen Rat, dass Gott Christi Tod und Auferstehung bewirkte, um »Israel Buße und Vergebung der Sünden zu geben« (Apostelgeschichte 5,31). Als der Geist Gottes auf die Nationen gefallen war, schlossen sie daraus: »Also hat Gott auch den Nationen die Buße gegeben zum Leben« (Apostelgeschichte 11,18). In ähnlicher Weise wies Paulus Timotheus an, seine Widersacher sanftmütig zurechtzuweisen, in der Hoffnung, dass »ihnen Gott […] Buße gebe zur Erkenntnis der Wahrheit« (2. Timotheus 2,25).

[Glauben] In Epheser 2,8–9 erklärt Paulus: »Denn durch die Gnade seid ihr errettet, mittels des Glaubens; und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es; nicht aus Werken, damit niemand sich rühme.« Hier bezieht sich Paulus auf die Gesamtheit der Errettung als Gabe Gottes, die notwendigerweise den Glauben einschließt, durch den der Sünder gerechtfertigt wird. – Lukas charakterisiert die Christen als »die, welche durch die Gnade gläubig geworden waren« (Apostelgeschichte 18,27). Paulus lehrt diesen Gedanken in seinem Brief an die Philipper: »Denn euch ist es im Blick auf Christus geschenkt worden, nicht allein an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden« (Philipper 1,29). Zusammen mit dem Leiden um des Evangeliums willen wird auch der Glaube als Gabe Gottes geschenkt.

So gilt auch hier das Gnadenprinzip: Gott schenkt frei und souverän das, was Er von uns zu Recht fordert, was wir aber nicht erbringen können und wollen. Gäbe es dieses Wirkprinzip Gottes nicht, wäre nie jemand errettet worden.

Zusammenfassung

  • Das Evangelium Gottes fordert von allen Menschen: »Kehrt um (=Tut Buße), glaubt dem Evangelium!
    Daher sind Buße und Glauben Pflicht und Verantwortung jedes Menschen!

    Gott hat geredet im Sohn und in Seinem Wort – Alle haben es zu glauben und es gehorsam zu tun!
  • Die rettende Buße und der rettende Glauben sind keine Früchte des Sünders, der tot in Sünden liegt, sondern Gaben Gottes, die Er in Gnaden frei verschenkt.
    Wie das zusammenhängt, ist geheimnisvoll. Buße und Glauben bleiben jedenfalls Pflicht des Menschen.
  • Buße und Glauben sind die zwei Seiten derselben Medaille.
    Trennt man sie, hat man nur zwei wertlose Schrottteile.
  • Buße und Glauben, die als Anfangsschritte uns ewiges Heil vermitteln, bleiben uns als christlicher Lebensstil(modus vivendi, Lebensweise) zeitlebens erhalten. JMA/RM: »Das Leben des Christen muss sich auszeichnen durch tägliches Bekennen der Sünde, Trauern über die Sünde und Abkehr von der Sünde, ebenso wie durch einen dauerhaften Glauben an die Person Christi und die Verheißungen Gottes.«
  • Der Heilige Geist sorgt in uns, dass wir –so zubereitet –auch aktiv werden,…

…um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen  und seinen Sohn aus den Himmeln zu erwarten, den er aus den Toten auferweckt hat – Jesus, der uns errettet von dem kommenden Zorn. (1. Thessalonicher 1,9b–10)

Man darf hoffen, dass die Ausführungen nicht zu theoretisch waren. Es geht ja um Leben und TodEwiges Leben, ewigen Tod. Und es geht um unseren Dienst als Priester Gottes in Anbetung (Hebräer 13,15; Philipper 2,5) und Evangelisation (Römer 15,16; Philipper 2,9)[2].

Es lohnt sich daher, ja ist überlebenswichtig, dass Gläubige diese Dinge im Wort Gottes studieren und miteinander lernen. Das wäre, im biblischen Sinne »Theologie« zu betreiben. Nicht die akademische Übung ungläubiger Schriftgelehrter, sondern im biblischen Sinne unter Lernenden, Nachfolgern, Jüngern Jesu.  Ein Bibellehrer hat solche biblische Theologie mit folgendem bezaubernden Dreiklang beschrieben:

  • »Das Ziel der Theologie ist die Anbetung Gottes
    Die Körperhaltung der Theologie ist auf den Knien.
    Die Praxis der Theologie ist Buße[3]

Diese wichtige Glaubenslehre von rettender Buße und rettendem Glauben darf man nie zum Streitthema machen. Sie ist vielmehr wichtiges Studienprojekt und wertvoller Schatz für den priesterlichen Dienst als Anbeter Gottes und als in alle Welt ausgesandte Boten des Evangeliums (vgl. 1. Petrus 2,5.9). Als ausrichtendes Schlusswort muss daher die »summa« des Römerbriefs dienen:

Dem aber, der euch zu befestigen vermag nach meinem Evangelium und der Predigt von Jesus Christus, nach der Offenbarung des Geheimnisses, das ewige Zeiten hindurch verschwiegen war, jetzt aber offenbart und durch prophetische Schriften, nach Befehl des ewigen Gottes, zum Glaubensgehorsam an alle Nationen kundgetan worden ist, dem allein weisen Gott, durch Jesus Christus, ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen. (Römer 16,25–27)


Endenoten

[1]            Eine besonders perfide – wenn auch gut gemeinte– Form davon ist die Prozedur der »Vier geistlichen Gesetze«, die Bill Bright, Gründer des Campus Crusade for Christ International, 1952 formulierte und als evangelistisches Traktat veröffentlichte. In dem Traktat stellt Bright die christliche Botschaft der Erlösung anhand von vier geistlichen Gesetzen dar, die nach seinem Verständnis die Beziehung des Menschen zu Gott ähnlich regeln, wie die Naturgesetze das Universum. Die vier Gesetze lauten:

  • 1.         Gott liebt Sie und hat einen wundervollen Plan für Ihr Leben. (Joh 3,16 EU, Joh 10,10 EU)
  • 2.         Der Mensch ist sündig und von Gott getrennt. Deshalb kann er die Liebe und den Plan Gottes für sein Leben nicht erkennen und erfahren. (Röm 3,23 EU)
  • 3.         Jesus Christus ist Gottes einziger Ausweg des Menschen aus der Sünde. Durch ihn können Sie die Liebe Gottes und seinen Plan für Ihr Leben kennenlernen und erfahren. (Röm 5,8 EU, 1 Kor 15,3–6 EU, Joh 14,6 EU)
  • 4.         Wir müssen Jesus Christus persönlich als Erlöser und Herrn aufnehmen, dann können wir die Liebe Gottes und seinen Plan für unser Leben erfahren. (Joh 1,12 EU, Eph 2,8–9 EU, Joh 3,1–8 EU, Offb 3,20 EU)

[2]            Römer 15,15–16 Ich habe euch aber teilweise freimütiger geschrieben, [Brüder,] um euch zu erinnern, wegen der Gnade, die mir von Gott gegeben ist, um ein Diener Christi Jesu zu sein für die Nationen, priesterlich dienend an dem Evangelium Gottes, damit das Opfer der Nationen wohlangenehm werde, geheiligt durch [den] Heiligen Geist.

[3]            Sinclair B. Ferguson, zitiert in: James Montgomery Boice und Philip Graham Ryken, The Doctrines of Grace, Wheaton, IL (Crossway) 2002, S. 179; Deutsch: Die Lehren der Gnade, Oerlinghausen (Betanien) 2009, S. 201. – Vgl.: »Christliche Theologie ist das Studium der göttlichen Offenbarung in der Bibel. Sie hat Gott als ihren immerwährenden Mittelpunkt, Gottes Wort als ihre Quelle und ein gottesfürchtiges Leben als ihr Ziel.« (vgl. Römer 11,36), aus: Biblische Lehre, S. 50.

Bildquelle: Martin Luther: 95 Thesen. Hans Lufft, Wittenberg 1557, Seite 9v. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:95_Thesen.pdf/1&oldid=- (Version vom 15.8.2018). Textauszug (Originalschreibweise): 1. »DA vnser Meister vnd HERR Jhesus Christus spricht / Thut Busse / etc. wil er / das / das gantze leben seiner Gleubigen auff Erden / ein stete vnd vnauffhörliche Busse sol sein. // 2. Vnd kan noch mag solch wort nicht vom Sacrament der Busse / das ist / von der Beicht vnd Gnugthuung / so durch der Priesterampt geübet wird / verstanden werden.«

Sola Scriptura: Das Fundament der Reformation

Artikel von Dr. Robert E. Brunansky (29.10.2025) | Reposted in German with kind permission by Dr. Brunansky (11.11.2025).

Am 31. Oktober 1517 schlug Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Kirche und löste damit die protestantische Reformation aus. Luther wollte keine politische oder spirituelle Revolution anzetteln, sondern eine Diskussion über das theologische Problem der Ablässe anstoßen. 

Der Verkauf von Ablässen in der römisch-katholischen Kirche hatte seinen Ursprung nicht in geistlichen, sondern in zivilrechtlichen Gründen. Im Mittelalter war die Kirche gleichbedeutend mit dem Staat und setzte daher nicht nur theologische, sondern auch zivilrechtliche Normen durch. Ablässe wurden also zunächst für Straftäter eingeführt, um für Vergehen gegen den Staat Buße zu zahlen, wodurch dessen Einnahmen erhöht und die Ausgaben gesenkt wurden. Ursprünglich versprach die Kirche keine geistlichen Vorteile durch den Kauf von Ablässen. 

Da Kirche und Staat jedoch vereint wirkten, verschwand diese Unterscheidung zwischen der zivilen Schuld und Vergebung und der geistlichen Schuld und Vergebung. Die Kirche erkannte, wie effektiv Ablässe bei der Erzielung von Einnahmen für kriminelle Aktivitäten waren, und begann, Ablässe für geistliche Versprechen zu verkaufen. Als Martin Luther neun Jahrhunderte später auftauchte, war der Verkauf von Ablässen für geistliche Vorteile weit verbreitet. Es überrascht nicht, dass Ablässe umso »geistlich vorteilhafter« wurden, je mehr Geld Rom benötigte.

Martin Luther verstand, dass wahre Erlösung durch die Vergebung von Sünden nicht mit vergänglichen Dingen erkauft werden konnte (1Petrus 1,18–19). Luther verurteilte daher zu Recht diesen Ablasshandel und verbreitete das Evangelium von Gottes Gnade. Dies löste einen Sturm der Entrüstung aus, da Rom seine Einnahmequelle nicht verlieren wollte.

Im Mittelpunkt der Reformation stand mit Recht das reine Evangelium. Um das Evangelium deutlich zu erklären, wurden Grundsätze entwickelt – die fünf Solas der Reformation. Das erste war sola gratia, was »allein aus Gnade« bedeutet. Wir empfangen die Erlösung, weil Gott sich frei dafür entschieden hat, sie uns zu schenken. Das zweite war sola fide, was »allein der Glaube« bedeutet. Werke können Sünder vor einem heiligen Gott nicht rechtfertigen, das Heil wird ausschließlich auf der Grundlage des Glaubens geschenkt.

Wie können wir jedoch vor einem Gesetz, das uns gebietet, bestimmte Dinge nur durch den Glauben und niemals durch Werke zu tun (oder nicht zu tun), gerecht stehen? Hier finden wir den Grundsatz von solus Christus, Christus allein. Unsere Erlösung basiert auf seinem Gehorsam, nicht auf unserem. Kein Mensch kann unsere Erlösung retten oder zunichte machen, nur Christus rettet. 

Soli deo gloria folgt dann nach Logik und gemäß der Heiligen Schrift. Wenn die Erlösung allein aus Gnade, allein durch den Glauben und allein in Christus geschieht, dann haben wir keinen Grund, uns zu rühmen. verdient Gott allein alle Ehre für unsere Erlösung (Römer 11,36). Das alles ist logisch konsistent. Aber die Reformatoren schufen damit kein philosophisches System, sondern versuchten nur zu erkennen, was die Heilige Schrift über die Erlösung lehrt. Das Grundprinzip, auf dem diese solasberuhten, war sola scriptura, allein die Heilige Schrift. Die Grundlage für die Argumente der Reformatoren waren nicht menschliche Traditionen, kirchliche Dogmen oder päpstliche Erlasse, sondern die Heilige Schrift selbst. 

Das heißt nicht, dass die Reformatoren bereits in allem Recht hatten. Die Reformatoren selbst waren sich über bestimmte Lehren uneinig, wie zum Beispiel die Taufe, die Natur der göttlichen Erwählung und das Abendmahl. Ihr Grundprinzip war jedoch, dass die Heilige Schrift für alle Fragen die letzte Autorität war. 

Das Prinzip »allein die Heilige Schrift« war damals radikal, aber es war schon immer umstritten. Das Hauptproblem mit »allein die Heilige Schrift« war nicht ihre Notwendigkeit. Alle waren sich einig, dass die Heilige Schrift notwendig war. Das Problem betraf ihre Hinlänglichkeit (Genugsamkeit). Reicht die Schrift, oder brauchen wir die Heilige Schrift plus kirchliche Traditionen, päpstliche Erlasse oder etwas anderes? Reicht es, wenn wir allein (exklusiv) die Heilige Schrift haben, um Gott, die Erlösung und ein gottgefälliges Leben zu kennen? Glauben wir an die Kraft der Heiligen Schrift, das zu tun, was sie verspricht? Und vor allem: Behauptet die Heilige Schrift selbst, für alles, was zum Leben und zur Frömmigkeit notwendig ist, ausreichend zu sein? 

Der Apostel Paulus beantwortete diese Frage seinem Schützling Timotheus (2Timotheus 3,16–17) brieflich aus dem Todestrakt eines römischen Gefängnisses heraus. Für Timotheus war dies eine beängstigende Situation. Wie sollte er ohne die Weisheit des Apostels Paulus wissen, was ferner zu tun war? Paulus gibt Timotheus eine klare Antwort. Timotheus muss sich an die Heilige Schrift halten, die ihn ausreichend für seine von Gott gegebene Aufgabe ausrüsten kann. Timotheus brauchte Paulus nicht notwendigerweise; er brauchte aber Gottes Wort. Hier liegt der springende Punkt: Die Heilige Schrift reicht völlig aus, um uns für alles auszurüsten, wozu Gott uns berufen hat. Die Hinlänglichkeit der Heiligen Schrift allein war das Argument des Paulus‘ gegenüber Timotheus, und es ist auch das Argument des Heiligen Geistes gegenüber uns. Was wir brauchen, um Gott zu gefallen und ihm zu gehorchen, sowohl individuell als auch gemeinschaftlich, ist sein Wort. Um dies zu verdeutlichen, möchte ich drei Wahrheiten über die Heilige Schrift aus diesem Abschnitt betrachten.

Erstens sollten wir die Quelle der Heiligen Schrift verstehen (Vers 16a).

Paulus sagt uns, dass die gesamte Heilige Schrift von Gott inspiriert ist. Gott ist der Verfasser der gesamten Bibel – nicht nur von Teilen davon. Die Heilige Schrift wurde von Gott eingegeben und ist das Werk des Heiligen Geistes. Die Bibel, die wir in unseren Händen halten, ist nicht aus menschlicher Genialität, Meinung, Philosophie oder Kreativität entstanden. Sie ist das Produkt des Geistes des ewigen Gottes.

Allzu leicht lassen wir uns von menschlichen Ideen, Forschungen, Gedanken und Meinungen überzeugen und vernachlässigen oder lehnen Gottes Wort ab. Dabei haben wir den Geist Gottes, der mit der Bibel redet. Die Heilige Schrift steht für sich allein als von Gott gegeben und von Gott eingegeben. Alles andere ist weit abgeschlagen.

Zweitens müssen wir die Nützlichkeit der Schrift verstehen (Vers 16b).

Gott hat uns kein esoterisches, abstraktes Buch der Metaphysik gegeben. Er hat uns ein Wort gegeben, das nützlich, praktisch und hilfreich ist. Keines seiner Worte ist unpraktisch, irrelevant, veraltet oder trivial – von 1Mose 1,1 bis Offenbarung 22,21.

Paulus skizziert vier Dinge, die die Heilige Schrift bewirkt. Zunächst sagt er, dass die Heilige Schrift für die Lehre nützlich sei. Was ein Mensch glaubt, hat einen entscheidenden Einfluss darauf, was er tut und wie er lebt. Menschen, die Irrtümer glauben, empfangen keine Wahrheit. Sie haben dann falsche Lehren, die verurteilen, zur Sünde führen und Zerstörung bringen. Christen hingegen sind im Glauben an die Wahrheit von Irrtümern befreit worden. Die Heilige Schrift ist also nützlich, um ein richtiges Verständnis von Gott, dem Menschen, der Welt, Satan, der Erlösung, dem Gericht und dem Gehorsam zu fördern. 

Außerdem sagt Paulus, dass die Schrift zur Überführung nützlich ist. Gottes Wort zeigt, was wahr ist, und beweist, was falsch ist, wo wir richtig liegen, und wo wir sündigen. Die Verfasser des Neuen Testaments verwenden die Schrift oft auf diese zweischneidige Weise und berufen sich sogar innerhalb der Bibel ständig auf die Bibel! Der dritte Verwendungszweck, den Paulus erwähnt, ist die Zurechtweisung. Die Schrift ist nützlich, um uns zu zeigen, wo unser Verhalten sündig, gottlos oder böse ist, und um dann korrigierend anzuweisen, wie wir unseren Kurs ändern müssen. Abschließend sagt Paulus, dass Gottes Wort nützlich ist für die Unterweisung in der Gerechtigkeit. Wir brauchen erziehende Unterweisung, damit wir nicht nur wissen, was zu tun ist, sondern auch dazu befähigt und willig sind, es konsequent in die Tat umzusetzen.

Für diese Dinge ist die Schrift nützlich. Gottes Wort lehrt uns, Wahrheit von Irrtum zu unterscheiden, Sünde abzulegen und zu gehorchen. Es ist äußerst nützlich und praktisch.

Schließlich müssen wir den Zweck der Schrift betrachten (Vers 17).

Der Zweck der Schrift ist es, uns vollständig zu befähigen, ein gottgefälliges Leben in einer feindseligen Welt zu führen. Die Bibel reicht aus, um uns alles zu lehren, wozu Gott uns berufen hat. Wenn wir in der Schrift verwurzelt sind, werden wir gründlich darin geschult sein, Gottes Willen zu tun.

Es gibt einen Fall, in dem die Schrift der Gemeinde oder den Gläubigen keinen Nutzen bringt, nämlich wenn Menschen sie ablehnen (Hebräer 4,2). Wenn die Schrift als irrelevant, unpraktisch oder machtlos erklärt wird oder erscheint, liegt das Problem nicht bei Gottes Wort. Die Schrift bringt keinen Nutzen, wenn Menschen nicht glauben, was sie lesen. Unglaube ist die einzige Barriere, das uns daran hindert, von der Schrift zu profitieren.

Die »Evangelikalen« sind die Erben der protestantischen Reformation. Es sollte kein Zweifel daran bestehen, dass die Heilige Schrift unsere letzte Autorität in allen Fragen der Lehre und Praxis ist und sein muss. Glauben wir also an das Wort Gottes? Ist unser Hören oder Lesen der Heiligen Schrift mit Glauben verbunden? Glauben wir, dass es uns lehren, überführen, zurechtweisen und unterweisen wird, Gottes Willen zu tun? Oder schauen wir auf die Meinungen und Ideen bloßer Menschen? 

Sola scriptura ist eine wunderbare Grundlage, aber ohne Glauben ist sie nutzlos. Lasst uns in Gottes Wort eintauchen, daran glauben und uns davon verwandeln lassen.

Über Robb Brunansky

Dr. Robert E. Brunansky ist Gemeindehirte und -lehrer in der Desert Hills Bible Church (DHBC) in Glendale, Arizona (USA). Er hat einen M. Div. von The Master’s Seminary in Sun Valley, CA (USA) und einen Ph.D. für Neues Testament vom Southern Baptist Theological Seminary in in Louisville, KY (USA). Robb uns seine Frau Randi sind seit über 20 Jahren verheiratet und haben vier Kinder, zwei Töchter und zwei Söhne.

Quelle und Disclaimer

Copyright 2025 by Robert E. Brunansky. Original (Link):
https://thecripplegate.com/sola-scriptura-the-foundation-of-the-reformation/

Eigene Übersetzung von grace@logikos.club. Erlaubnis für diese Veröffentlichung wurde vom Autor am 11.11.2025 erteilt.

John N. Darby über die „Arminianer“ (Deutsch)

Der anglo-irische Bibellehrer John N. Darby (1800–1882), einer der einflussreichsten Theologen der frühen „Brüderbewegung“ (sog. „Plymouth Brethren“), hatte in seiner Zeit wiederholt mit Vertretern der Denkschule der „Arminianer“ zu tun. Vor allem in der uralten Diskussion über den „freien Willen“ und der Zu- und Aneignung des ewigen Heils gab es zahlreiche Auseinandersetzungen, die größtenteils in seinen Collected Writings und seinen Letters erhalten geblieben sind.

Am 9. Mai 1879 schrieb Darby aus Pau einen Brief in italienischer Sprache an G. Biava, der einen Artikel über den „freien Willen“ verfasst und wohl Darby zur Beurteilung vorgelegt hatte. Darbys Antwort ist in den Letters in englischer Sprache erhalten geblieben. Hier einige Auszüge in eigener Übersetzung ins Deutsche (englisches Original hier):

»LIEBER BRUDER, – Der Artikel über den freien Willen hat mir sehr gefallen; ich finde nicht, dass es viel hinzuzufügen gibt. Alles hängt von der Tiefe der Überzeugung ab, die wir von unserem sündigen Zustand haben; und unsere Sicherheit und Freude hängen ebenfalls davon ab. Verlorensein oder Gerettetsein sind jene beiden Gegensätze, die unserer Stellung (Zustand) in Christus und unserer Stellung (Zustand) im alten Menschen entsprechen. Aber in der Argumentation der Arminianer gibt es einen völlig falschen Grundsatz, nämlich dass unsere Verantwortung von unserer Macht abhänge. Wenn ich jemandem 100.000 Pfund geliehen habe und er alles verschwendet hat, kann er das natürlich nicht zurückzahlen, aber ist seine Verantwortung deswegen beendet? Sicherlich nicht. Die Verantwortung hängt vom Recht desjenigen ab, der ihm das Geld geliehen hat, nicht von der Fähigkeit desjenigen, der das Geld zu Unrecht verschwendet hat. …

Alle Menschen haben seit dem Sündenfall ein Gewissen, das Wissen um Gut und Böse; sie wissen zu unterscheiden, aber das sagt nichts über den Willen aus. Da also das Gesetz Gehorsam verlangt und das Fleisch nicht unterworfen werden kann, ist es tatsächlich unmöglich, das Gesetz anzunehmen – nicht weil Gott ihn daran hindert, wie ich bereits gesagt habe, sondern weil der Mensch es nicht will. Außerdem verbietet das Gesetz die Begierde, aber der gefallene Mensch hat Begierde in seinem Fleisch [sündigen Wesen]; und auf diese Weise erkannte der Apostel die Sünde. Der Mensch muss sein sündiges Wesen verlieren, bevor er bereit ist, dem Gesetz zu gehorchen: Es ist daher notwendig, von neuem geboren zu werden. Nun kann der Mensch sich selbst nicht göttliches und ewiges Leben geben. Warum dann das Gesetz? Damit die Übertretung überhand nehme. Durch das Gesetz wird die Sünde „überaus sündig“; „das Gesetz erwirkt“ den gerechten „Zorn“ Gottes gegen uns, es erwirkt nicht die Furcht Gottes in uns. Das Gesetz gibt kein neues Leben. Alles, was wir haben, ist Feindschaft gegen Gott. Der Mensch im Fleisch kann das Gesetz nicht in sein Herz aufnehmen. …

Kann das Fleisch [unser sündiges Wesen] Christus empfangen – seine Freude am Sohn Gottes finden? Dann wäre es nicht mehr das Fleisch, es hätte den Geist des Vaters selbst. Wenn es im Menschen etwas anderes als Fleisch gibt, dann ist jener Mensch bereits aus Gott geboren, denn was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch. Wenn das Fleisch seine Freude an Christus finden könnte, besäße das Fleisch das Erhabenste, was es auf Erden und im Himmel gibt: es fände seine Freude dort, wo auch der Vater seine Freude findet. Dann wäre es nicht notwendig, aus Gott geboren zu sein, denn das Erhabenste, was jemand jetzt durch Gnade als Christ besitzt, besaß dieser bereits vor dem Empfang des Lebens, als er Christus empfing. Die Gewissheit der Erlösung wäre aber gleichzeitig dahin: Wenn die Erlösung die Frucht meines eigenen Willens wäre, hängte sie von meinem Willen ab. Wenn sie so leicht hervorgebracht werden könnte, könnte man nicht sagen: „Weil ich lebe, werdet auch ihr leben.“ …

Es heißt, der Glaube sei nur die Hand, die die Erlösung empfängt, aber was veranlasst uns, die Hand auszustrecken? Es ist die Gnade, die in uns wirkt.«

Quelle: John N. Darby, Letters, Vol. 2 (1868–1879), Nachdr., Kingston-on-Thames: Stow Hill Bible and Tract Depot, o. J., S. 501–503. Fett- und Farbdruck hinzugefügt. 
Textquelle (englisch) online auch hier: https://www.stempublishing.com/authors/darby/letters/52346I.html

Die pelagische Gefangenschaft der Kirche (R.C. Sproul)

Kurz nach Beginn der Reformation, in den ersten Jahren nachdem Martin Luther die 95 Thesen an die Kirchentür in Wittenberg angeschlagen hatte, veröffentlichte er einige kurze Broschüren zu verschiedenen Themen. Eine der provokantesten trug den Titel »Die babylonische Gefangenschaft der Kirche«. In diesem Buch blickte Luther auf jene Zeit in der Geschichte des Alten Testaments zurück, als Jerusalem von den einfallenden babylonischen Armeen zerstört und die Elite des Volkes in die Gefangenschaft verschleppt wurde. Luther übertrug im 16. Jahrhundert das Bild der historischen babylonischen Gefangenschaft auf seine Zeit und sprach von der neuen babylonischen Gefangenschaft der Kirche. Er bezeichnete Rom (die Römisch-katholische Kirche) als das moderne Babylon, das das Evangelium als Geisel hielt, indem es das biblische Verständnis der Rechtfertigung ablehnte. Man kann sich vorstellen, wie heftig die Kontroverse war und wie polemisch dieser Titel in dieser Zeit war, wenn man sagt, dass die Kirche nicht einfach nur geirrt oder vom Weg abgekommen sei, sondern gefallen sei – dass sie jetzt tatsächlich babylonisch sei, dass sie jetzt in heidnischer Gefangenschaft sei.

Ich habe mich oft gefragt, was Luther wohl sagen würde, wenn er heute leben und in unsere Kultur kommen würde und sich nicht die liberale Kirchengemeinschaften, sondern die evangelikalen Kirchen ansehen würde. Natürlich kann ich diese Frage nicht mit endgültiger Autorität beantworten, aber ich vermute Folgendes: Wenn Martin Luther heute leben und seinen Stift zur Hand nehmen würde, um zu schreiben, würde das Buch, das er in unserer Zeit schreiben würde, den Titel Die pelagische Gefangenschaft der evangelikalen Kirche tragen. Luther sah, dass die Rechtfertigungslehre durch ein viel tieferes theologisches Problem angegriffen wurde. Er schreibt ausführlich darüber in Von der Freiheit eines Christenmenschen. Wenn wir uns die Reformation ansehen und die Soli der Reformation betrachten – sola scriptura • sola fide • sola gratia • solus Christus • soli Deo gloria – war Luther davon überzeugt, dass das eigentliche Thema der Reformation die Frage der Gnade war; und dass der Lehre von sola fide, der Rechtfertigung durch den Glauben allein, die vorherige Verpflichtung zu sola gratia, dem Konzept der Rechtfertigung durch Gnade allein, zugrunde lag.

In der Fleming-Revell-Ausgabe von »The Bondage of the Will« [orig.: De Servo Arbitrio; dtsch.: Vom unfreien Willen, oder: Über den geknechteten Willen, 1525] fügten die Übersetzer J. I. Packer und O. R. Johnston eine etwas provokative historische und theologische Einführung in das Buch selbst ein. So lautet der Schluss dieser Einführung:

Über diese Dinge müssen Protestanten heute nachdenken. Mit welchem Recht können wir uns Kinder der Reformation nennen? Vieles im modernen Protestantismus würde von den Reformatoren der ersten Stunde weder anerkannt noch gutgeheißen werden. Das Buch Vom unfreien Willen zeigt uns ziemlich genau, was sie über die Erlösung der verlorenen Menschheit glaubten. 

Im Lichte dessen sind wir gezwungen zu fragen, ob das protestantische Christentum zwischen Luthers Zeit und unserer Zeit nicht auf tragische Weise sein Geburtsrecht verkauft hat. Ist der Protestantismus heute nicht eher erasmisch als lutherisch geworden? Versuchen wir nicht zu oft, Lehrunterschiede zu minimieren und zu beschönigen, um des Friedens zwischen den Parteien willen? Sind wir unschuldig, was die Gleichgültigkeit gegenüber der Lehre, die Luther Erasmus vorwarf, angeht? Glauben wir immer noch, dass die biblische Lehre wichtig ist? [1]

Historisch gesehen ist es eine einfache Tatsache, dass Luther, Calvin, Zwingli und alle führenden protestantischen Theologen der ersten Epoche der Reformation hier genau auf dem gleichen Standpunkt standen. In anderen Punkten hatten sie ihre Differenzen. Sie waren sich jedoch völlig einig, was die Hilflosigkeit des Menschen in der Sünde und die Souveränität Gottes in der Gnade betraf. Für jeden von ihnen waren diese Lehren das Herzblut des christlichen Glaubens. Ein moderner Herausgeber von Luthers Werken sagt dazu:

Wer dieses Buch aus der Hand legt, ohne erkannt zu haben, dass die evangelische Theologie mit der Lehre von der Unfreiheit des Willens steht oder fällt, hat es vergeblich gelesen. Die Lehre von der freien Rechtfertigung allein durch den Glauben, die während der Reformationszeit zum Zentrum so vieler Kontroversen wurde, wird oft als das Herzstück der Theologie der Reformatoren angesehen, aber das ist nicht richtig. Die Wahrheit ist, dass ihr Denken sich wirklich auf die Behauptung des Paulus konzentrierte, die von Augustinus und anderen aufgegriffen wurde, dass die gesamte Erlösung des Sünders nur durch freie und souveräne Gnade geschieht, und dass die Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben für sie wichtig war, weil sie das Prinzip der souveränen Gnade sicherte. Diese Souveränität der Gnade fand in ihrem Denken auf einer noch tieferen Ebene in der Lehre von der monergistischen [allein von Gott gewirkten] Wiedergeburt Ausdruck. [2]

Das heißt, dass der Glaube, der Christus zur Rechtfertigung annimmt, selbst das freie Geschenk eines souveränen Gottes ist. Das Prinzip des sola fide wird erst dann richtig verstanden, wenn es als im umfassenderen Prinzip des sola gratia verankert betrachtet wird. Was ist die Quelle des Glaubens? Ist es das von Gott gegebene Mittel, durch das die von Gott gegebene Rechtfertigung empfangen wird, oder ist es eine Bedingung der Rechtfertigung, die der Mensch erfüllen muss? Hören Sie den Unterschied? Ich möchte es in einfachen Worten ausdrücken. Ich hörte kürzlich einen Evangelisten sagen: »Wenn Gott tausend Schritte unternimmt, um dich für deine Erlösung zu erreichen, musst du letztendlich immer noch den entscheidenden Schritt tun, um gerettet zu werden.« Denken Sie an die Aussage von Amerikas beliebtestem und führendem Evangelisten des 20. Jahrhunderts, Billy Graham, der mit großer Leidenschaft sagte: »Gott erledigt neunundneunzig Prozent, aber du musst immer noch das letzte Prozent tun.«

Was ist Pelagianismus?

Kommen wir nun kurz auf meinen Titel »Die pelagianische Gefangenschaft der Kirche« zurück. Worüber sprechen wir? Pelagius war ein Mönch, der im fünften Jahrhundert in Großbritannien lebte (um 350–420). Er war ein Zeitgenosse des größten Theologen des ersten Jahrtausends der Kirchengeschichte, wenn nicht aller Zeiten, Aurelius Augustinus (354–430), Bischof von Hippo in Nordafrika. Wir haben vom heiligen Augustinus gehört, von seinen großen theologischen Werken, von seinem »Gottesstaat« (De civitate Dei contra Paganos), von seinen »Bekenntnissen« (Confessiones) und so weiter, die nach wie vor zu den Klassikern der christlichen Literatur gehören.

Augustinus war nicht nur ein herausragender Theologe und ein erstaunlicher Intellektueller, sondern auch ein Mann von tiefer Spiritualität und Gebet. In einem seiner berühmten Gebete machte Augustinus eine scheinbar harmlose und unschuldige Aussage in dem Gebet zu Gott, in dem er sagte: »O Gott, befehle, was du willst, und gewähre, was du befiehlst.« Nun, würde Sie es in Rage versetzen, wenn Sie ein solches Gebet hörten? Jedenfalls versetzte es Pelagius, diesen britischen Mönch, ordentlich in Aufruhr. Er protestierte lautstark und appellierte sogar an Rom, dieses grässliche Gebet aus der Feder des Augustinus zu verbannen. Was war der Grund seiner Empörtheit? Er sagte: »Willst du damit sagen, Augustinus, dass Gott das angeborene Recht hat, seinen Geschöpfen alles zu befehlen, was er will? Niemand wird das bestreiten. Gott hat als Schöpfer von Himmel und Erde von Natur aus das Recht, seinen Geschöpfen Verpflichtungen aufzuerlegen und zu sagen: ‚Du sollst dies tun und du sollst das nicht tun.‘ ‚Befiehl, was du willst‘ – das ist ein vollkommen legitimes Gebet.«

Es ist der zweite Teil des Gebets, den Pelagius verabscheute, als Augustinus sagte: »und gewähre, was du befiehlst.« Er sagte: »Wovon redest du? Wenn Gott gerecht ist, wenn Gott rechtschaffen ist und Gott heilig ist und wenn Gott dem Geschöpf befiehlt, etwas zu tun, dann muss dieses Geschöpf sicherlich die Kraft in sich haben, die moralische Fähigkeit in sich haben, es auszuführen, sonst würde Gott es gar nicht erst verlangen.« Klingt logisch, oder? Pelagius wollte damit sagen, dass moralische Verantwortung immer und überall moralische Fähigkeit oder einfach moralische Befähigung impliziert. Warum sollten wir also beten müssen: »Gott, gib mir die Gabe, das zu tun, was du mir befiehlst«? Pelagius sah in dieser Aussage einen Schatten, der auf die Integrität Gottes selbst geworfen wurde, der die Menschen für etwas verantwortlich machen würde, das sie nicht tun können.

In der anschließenden Debatte machte Augustinus deutlich, dass Gott Adam und Eva bei der Schöpfung nichts befohlen hatte, was sie nicht hätten ausführen können. Aber als die Sünde Einzug hielt und die Menschheit fiel, wurde Gottes Gesetz nicht aufgehoben, noch passte Gott seine heiligen Anforderungen nach unten an, um dem geschwächten, gefallenen Zustand seiner Schöpfung Rechnung zu tragen. Gott bestrafte seine Schöpfung, indem er das Urteil der Erbsünde über sie verhängte, sodass jeder, der nach Adam und Eva in diese Welt geboren wurde, bereits tot in Sünde geboren wurde. Die Erbsünde ist nicht die erste Sünder, sie ist das Ergebnis der ersten Sünde. Sie bezieht sich auf unsere angeborene Verderbtheit, durch die wir in Sünde geboren werden: in Sünde haben uns unsere Mütter empfangen. Wir werden nicht in einem neutralen Zustand der Unschuld geboren, sondern in einem sündigen, gefallenen Zustand. Praktisch jede Kirche im historischen Ökumenischen Rat der Kirchen artikulierte zu irgendeinem Zeitpunkt ihrer Geschichte und in ihrer Bekenntnisentwicklung eine Lehre von der Erbsünde. Denn diese geht so klar aus der biblischen Offenbarung hervor, dass es einer Ablehnung der biblischen Sichtweise vom Menschen bedürfte, um die Erbsünde gänzlich zu leugnen.

Genau darum ging es im Streit zwischen Augustinus und Pelagius im fünften Jahrhundert. Pelagius sagte, dass es so etwas wie Erbsünde nicht gebe. Adams Sünde beträfe Adam, und nur Adam. Es gebe keine Übertragung oder Weitergabe von Schuld, Sündenfall oder Verderbtheit an die Nachkommen Adams und Evas. Jeder Mensch werde in demselben Zustand der Unschuld geboren, in dem Adam erschaffen wurde. Pelagius sagte, dass es für einen Menschen durchaus möglich sei, ein Leben im Gehorsam gegenüber Gott, ein Leben in moralischer Vollkommenheit, zu führen, ohne irgendeine Hilfe von Jesus oder irgendeine Hilfe durch die Gnade Gottes dafür zu benötigen. Pelagius sagte damit, dass die Gnade – und hier liegt der entscheidende Unterschied – die Gerechtigkeit erleichtert.

Was bedeutet aber in diesem Zusammenhang »erleichtern«? Die Gnade hilft, macht es einfacher, macht es leichter. Aber man muss diese Gnade nicht haben, man kann auch ohne Gnade vollkommen sein. Pelagius erklärte weiter, dass es für manche Menschen nicht nur theoretisch möglich sei, ein vollkommenes Leben ohne jegliche Hilfe durch göttliche Gnade zu führen, sondern dass es tatsächlich Menschen gebe, die dies tun. Augustinus reagierte darauf mit einem: »Nein, nein, nein, nein … wir sind von Natur aus bis in die Tiefen und den Kern unseres Seins von der Sünde infiziert – so sehr, dass kein Mensch die moralische Kraft hat, sich der Gnade Gottes zuzuwenden.« Der menschliche Wille hat aufgrund der Erbsünde zwar immer noch die Macht zu wählen, ist aber seinen bösen Wünschen und Neigungen verfallen. Der Zustand der gefallenen Menschheit ist einer, den Augustinus als die Unfähigkeit, nicht zu sündigen, beschreiben würde. Einfach gefasst sagte Augustinus damit, dass der Mensch durch den Sündenfall die moralische Fähigkeit verloren habe, das zu tun, was Gott will, und dass er von seinen eigenen bösen Neigungen gefangen gehalten werde.

Im fünften Jahrhundert verurteilte die Kirche Pelagius als Ketzer. Der Pelagianismus wurde auf dem Konzil von Orange (529, ehemals Arausio genannt, in Südfrankreich) verurteilt und erneut auf dem Konzil von Florenz (1437–1447), dem Konzil von Karthago (418) und ironischerweise auch auf dem Konzil von Trient (1545–1563) im 16. Jahrhundert in den ersten drei Anathemas der Kanones der sechsten Sitzung. Die Kirche hat also den Pelagianismus durchweg in der gesamten Kirchengeschichte rundheraus und entschieden verurteilt – weil der Pelagianismus die Gefallenheit unserer Natur leugnet; er leugnet die Lehre von der Erbsünde.

Nun war das, was man als Semi-Pelagianismus bezeichnet, wie das Präfix „semi“ andeutet, eine Art Mittelweg zwischen dem voll ausgebildeten Augustinianismus und dem voll ausgebildeten Pelagianismus. Der Semi-Pelagianismus besagt Folgendes: Ja, es gab einen Sündenfall; ja, es gibt so etwas wie Erbsünde; ja, die grundlegende Natur des Menschen wurde durch diesen Zustand der Verderbtheit verändert und alle Teile unserer Menschlichkeit wurden durch den Sündenfall erheblich geschwächt, so sehr, dass ohne die Hilfe der göttlichen Gnade niemand erlöst werden kann, sodass die Gnade nicht nur hilfreich, sondern für die Erlösung absolut notwendig ist. Wir sind zwar so tief gesunken, dass wir ohne Gnade nicht gerettet werden können, aber wir sind nicht so tief gesunken, dass wir nicht die Fähigkeit hätten, die Gnade anzunehmen oder abzulehnen, wenn sie uns angeboten wird. Der Wille ist geschwächt, aber nicht versklavt. Im Kern unseres Wesens gibt es eine Insel der Rechtschaffenheit, die vom Sündenfall unberührt bleibt. Ausgehend von dieser kleinen Insel der Rechtschaffenheit, diesem kleinen Stückchen Güte, das in der Seele oder im Willen noch intakt ist, liegt der entscheidende Unterschied zwischen Himmel und Hölle. Es ist diese kleine Insel, die genutzt werden muss, wenn Gott seine tausend Schritte unternimmt, um uns zu erreichen, aber letztendlich ist es der eine Schritt, den wir tun, der darüber entscheidet, ob wir in den Himmel oder in die Hölle kommen – ob wir diese kleine Gerechtigkeit, die im Kern unseres Wesens liegt, ausüben oder nicht. Diese kleine Insel würde Augustinus nicht einmal als Atoll im Südpazifik erkennen. Er sagte, es sei eine Insel der Phantasie (wörtlich.: »mythische Insel«), vielmehr sei der Wille versklavt und der Mensch tot in seinen Sünden und Verfehlungen.

Ironischerweise verurteilte die Kirche den Semi-Pelagianismus genauso vehement, wie den ursprünglichen Pelagianismus. Doch als man im 16. Jahrhundert das katholische Verständnis dessen las, was bei der Erlösung geschieht, wies die Kirche im Grunde genommen das zurück, was Augustinus und auch Aquin gelehrt hatten. Die Kirche kam zu dem Schluss, dass es immer noch diese Freiheit gebe, dass etwas im menschlichen Willen noch intakt sei, und dass der Mensch mit der »vorauslaufenden« Gnade, die Gott ihm anbietet, kooperieren und ihr zustimmen müsse (und könne). Wenn wir diesen Willen ausüben, wenn wir mit den Kräften, die uns noch bleiben, kooperieren, werden wir gerettet. Und so kehrte die Kirche im 16. Jahrhundert zum Semi-Pelagianismus zurück.

Zur Zeit der Reformation waren sich alle Reformatoren in einem Punkt einig: dass der gefallene Mensch unfähig sei, sich den Dingen Gottes zuzuwenden; dass alle Menschen, um gerettet zu werden, völlig, nicht zu neunundneunzig Prozent, sondern zu hundert Prozent von der monergistischen Arbeit der Erneuerung abhängig seien, um zum Glauben zu gelangen, und dass der (rettende) Glaube selbst ein Geschenk Gottes sei. Es ist nicht so, dass uns die Erlösung angeboten wird und wir wiedergeboren werden, wenn wir uns für den Glauben entscheiden. Wir können vielmehr nicht einmal (rettend) glauben, bis Gott in seiner Gnade und Barmherzigkeit zuerst die Neigungen unserer Seelen durch sein souveränes Werk der Erneuerung verändert. Mit anderen Worten: Die Reformatoren waren sich alle einig, dass ein Mensch, der nicht wiedergeboren ist, das Reich Gottes nicht einmal sehen kann, geschweige denn in es eintreten kann (Johannes 3,3.5). Wie Jesus im sechsten Kapitel des Johannesevangeliums sagt: »Niemand kann zu mir kommen, wenn der Vater, der mich gesandt hat, ihn nicht zieht« (6,44). Die notwendige Bedingung für den Glauben und die Erlösung eines jeden Menschen ist seine Erneuerung durch »Geburt von oben«.

Evangelikale und Glaube

Der moderne Evangelikalismus lehrt fast einheitlich und allgemein, dass ein Mensch, um wiedergeboren zu werden, zuerst Glauben ausüben muss. Man muss sich dafür entscheiden, wiedergeboren zu werden. Ist es nicht das, was Sie hören? In einer Umfrage von George Barna[3] äußerten mehr als siebzig Prozent der »bekennenden evangelikalen Christen« in Amerika die Überzeugung, dass der Mensch im Grunde gut ist. Und mehr als achtzig Prozent vertraten die Ansicht, dass Gott denen hilft, die sich selbst helfen. Diese Positionen – oder lassen Sie es mich negativ ausdrücken – keine dieser Positionen ist semi-pelagianisch. Sie sind beide pelagianisch. Zu sagen, dass wir im Grunde gut sind, ist die pelagianische Ansicht. Ich würde davon ausgehen, dass in mindestens dreißig Prozent der Menschen, die diesen Artikel lesen, und wahrscheinlich mehr, wenn wir ihr Denken wirklich eingehend untersuchen, wir Herzen finden würden, die für den Pelagianismus schlagen. Wir sind davon überwältigt. Wir sind davon umgeben. Wir sind darin versunken. Wir hören es jeden Tag. Wir hören es jeden Tag in der säkularen Kultur. Und wir hören es nicht nur jeden Tag in der säkularen Kultur, sondern auch jeden Tag im christlichen Fernsehen und im christlichen Radio.

Im 19. Jahrhundert gab es einen Prediger, der in Amerika sehr populär wurde und ein Buch über Theologie schrieb, das aus seiner eigenen juristischen Ausbildung hervorging und in dem er keinen Hehl aus seinem Pelagianismus machte. Er lehnte nicht nur den Augustinianismus ab, sondern auch den Semi-Pelagianismus, und bezog klar Stellung zum vollen Pelagianismus, indem er ohne Umschweife und ohne jegliche Zweideutigkeit sagte, dass es keinen Sündenfall gab und dass es so etwas wie Erbsünde nicht gebe. Dieser Mann griff die Lehre von der stellvertretenden Sühne Christi heftig an und lehnte darüber hinaus die Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben allein durch die Zurechnung der Gerechtigkeit Christi so laut und deutlich wie möglich ab. Die Grundthese dieses Mannes lautete: Wir brauchen die Zurechnung der Gerechtigkeit Christi nicht, weil wir aus uns selbst heraus die Fähigkeit haben, gerecht zu werden. Sein Name ist Charles Finney, einer der am meisten verehrten Evangelisten Amerikas [4]. Wenn Luther nun Recht hatte mit seiner Aussage, dass »sola fide« der Artikel ist, auf dem die Kirche steht oder fällt, und wenn die Reformatoren sagten, dass die Rechtfertigung durch den Glauben allein eine wesentliche Wahrheit des Christentums ist, die auch argumentierten, dass die stellvertretende Sühne eine wesentliche Wahrheit des Christentums ist; wenn sie mit ihrer Einschätzung, dass diese Lehren wesentliche Wahrheiten des Christentums sind, Recht haben, dann können wir nur zu dem Schluss kommen, dass Charles Finney kein Christ war. Ich habe seine Schriften gelesen und sage: »Ich verstehe nicht, wie ein Christ so etwas schreiben kann.« Und doch ist er in der Ruhmeshalle des evangelikalen Christentums in Amerika. Er ist der Schutzpatron des Evangelikalismus des 20. Jahrhunderts. Und er ist kein Semi-Pelagianer; er vertrat vielmehr ungeschminkt den Pelagianismus.

Die Insel der Rechtschaffenen

Eines ist klar: Man kann rein pelagianisch und trotzdem in der heutigen evangelikalen Bewegung vollkommen willkommen sein. Es ist nicht einfach so, dass das Kamel seine Nase in das Zelt steckt; es kommt nicht nur in das Zelt – es wirft den Besitzer des Zeltes hinaus. Der moderne Evangelikalismus betrachtet die reformierte Theologie, die zu einer Art drittklassigem Bürger des Evangelikalismus geworden ist, heute mit Argwohn. Jetzt sagen Sie: »Moment mal, R. C.! Wir sollten nicht alle mit dem extremen Pelagianismus in einen Topf werfen, denn schließlich sagen Billy Graham und der Rest dieser Leute, dass es einen Sündenfall gab, dass man Gnade braucht, dass es so etwas wie Erbsünde gibt und dass Semi-Pelagianer nicht mit Pelagius‘ oberflächlicher und zuversichtlicher Sichtweise der ungefallenen menschlichen Natur übereinstimmen.« Und das ist wahr, keine Frage. Aber es ist diese Behauptung von einer kleinen Insel der Rechtschaffenheit, auf der der Mensch immer noch die Fähigkeit habe, aus sich selbst heraus sich zu bekehren, zu ändern, sich zu neigen, zu entscheiden, das Angebot der Gnade anzunehmen, das offenbart, warum der Semi-Pelagianismus historisch gesehen nicht Semi-Augustinianismus, sondern Semi-Pelagianismus genannt wird.

Ich habe gehört, wie ein Evangelist zwei Analogien verwendete, um zu beschreiben, was bei unserer Erlösung geschehe. (1) Er sagte, dass die Sünde uns so stark im Würgegriff habe, dass es wie bei einer Person sei, die nicht schwimmen kann und in einem tobenden Meer über Bord gehe. Sie gehe zum dritten Mal unter und nur noch die Fingerspitzen seien über dem Wasser zu sehen. Wenn niemand eingreift, um sie zu retten, habe sie keine Überlebenschance, ihr Tod sei gewiss. Und wenn Gott dieser Person keinen Rettungsring zuwerfe, könne sie unmöglich gerettet werden. Und Gott müsse ihm nicht nur einen Rettungsring in die ungefähre Richtung zuwerfen, in der er sich befindet, sondern dieser Rettungsring müsse ihn genau dort treffen, wo seine Finger noch aus dem Wasser ragten, und ihn so treffen, dass er ihn greifen könne. Er müsse also perfekt geworfen werden. Aber dennoch würde diese Person ertrinken, es sei denn, sie nehme ihre Finger und schließe sie um den Rettungsring. So rette Gott sie. Wenn aber diese winzige menschliche Handlung nicht ausgeführt würde, werde sie mit Sicherheit zugrunde gehen.

(2) Die andere Analogie ist folgende: Ein Mann sei todkrank und liege mit seiner tödlichen Krankheit in seinem Krankenhausbett. Es gebe keine Möglichkeit, ihn zu heilen, es sei denn, jemand von außerhalb käme mit einem Heilmittel, einem Medikament, das diese tödliche Krankheit heilen könne. Und Gott habe dieses Heilmittel und käme in das Krankenzimmer mit diesem rettenden Medikament. Aber der Mann sei so schwach, dass er sich nicht einmal selbst das Medikament geben könne, Gott müsse es selbst auf einen Löffel gießen. Der Mann sei aber so krank, dass er fast im Koma liege. Er könne nicht einmal den Mund öffnen, Gott müsse sich vorbeugen und seinen Mund für ihn öffnen. Gott müsse den Löffel an die Lippen des Mannes bringen. Aber der Mann müsse die Medizin trotzdem schlucken.

Wenn wir schon Analogien verwenden, dann sollten wir auch (biblisch) genau sein. Der Mann geht nicht zum dritten Mal unter, vielmehr liegt er in Leichenstarre tot auf dem Meeresgrund. Dort wart ihr einst, als ihr tot wart in Sünden und Vergehen und dem Lauf dieser Welt gefolgt seid, dem Fürsten der Macht der Luft [vgl. Epheser 2,1–3]. Und Gott hat euch mit Christus lebendig gemacht, als ihr tot wart [vgl. Epheser 2,4–8]. Gott tauchte auf den Meeresgrund und nahm diesen ertrunkenen Leichnam und hauchte ihm den Atem seines Lebens ein und erweckte ihn von den Toten. Und es ist nicht so, dass wir in einem Krankenhausbett an einer bestimmten Krankheit gestorben wären, sondern vielmehr, dass wir bei unserer Geburt tot auf die Welt kamen. Die Bibel sagt, dass wir moralisch tot geboren werden.

Haben wir einen Willen? Ja, natürlich haben wir einen Willen. Calvin sagte, wenn man unter einem freien Willen eine Entscheidungsfähigkeit versteht, durch die man die Macht in sich hat, das zu wählen, was man sich wünscht, dann haben wir alle einen freien Willen. Wenn man unter einem freien Willen die Fähigkeit gefallener Menschen versteht, sich zu beugen und diesen Willen auszuüben, um die Dinge Gottes zu wählen, ohne das vorherige monergistische Werk der Erneuerung, dann, so Calvin, ist der freie Wille ein viel zu großartiger Begriff, um ihn auf einen Menschen anzuwenden.

Die semi-pelagianische Doktrin des freien Willens, die heute in der evangelikalen Welt vorherrscht, ist eine heidnische Sichtweise, die die Gefangenschaft des menschlichen Herzens in der Sünde leugnet. Sie unterschätzt den Würgegriff, den die Sünde auf uns ausübt.

Keiner von uns möchte die Dinge so schlecht sehen, wie sie wirklich sind. Die biblische Lehre von der menschlichen Verderbtheit ist düster. Wir hören den Apostel Paulus nicht sagen: »Wisst ihr, es ist traurig, dass es so etwas wie Sünde in der Welt gibt; niemand ist perfekt. Aber seid guten Mutes. Wir sind im Grunde gut.« Sehen Sie, dass selbst eine oberflächliche Lektüre der Heiligen Schrift dies leugnet?

Nun zurück zu Luther. Was ist die Quelle und der Status des Glaubens? Ist er das von Gott gegebene Mittel, durch das die von Gott gegebene Rechtfertigung empfangen wird? Oder ist er eine Bedingung der Rechtfertigung, die wir erfüllen müssen? Ist Ihr Glaube ein Werk? Ist es das eine Werk, das Gott Ihnen zu tun überlässt? Ich hatte kürzlich eine Diskussion mit einigen Leuten in Grand Rapids, Michigan. Ich sprach über sola gratia, und ein Mann war verärgert.

Er sagte: »Wollen Sie mir sagen, dass es letztendlich Gott ist, der ein Herz souverän erneuert oder nicht?«

Und ich sagte: »Ja!«, und das hat ihn sehr verärgert. Ich sagte: »Lassen Sie mich Folgendes fragen: Sind Sie Christ?«

Er sagte: »Ja.«

Ich sagte: »Haben Sie Freunde, die keine Christen sind?«

Er sagte: »Nun, natürlich.«

Ich sagte: »Warum sind Sie Christ und Ihre Freunde nicht? Ist es, weil Sie rechtschaffener sind als sie?« Er war nicht dumm, darum sagte er nun nicht: »Natürlich, weil ich rechtschaffener bin. Ich habe das Richtige getan und mein Freund nicht.« Er wusste, worauf ich mit dieser Frage hinauswollte.

So sagte er: »Oh nein, nein, nein.«

Ich sagte: »Sagen Sie mir, warum. Ist es, weil Sie klüger sind, als Ihr Freund?«

Er antwortete: »Nein.«

Aber er wollte nicht zugeben, dass der entscheidende Punkt die Gnade Gottes war. Er wollte nicht darauf eingehen. Und nachdem wir fünfzehn Minuten lang darüber diskutiert hatten, sagte er: »Okay! Ich sage es: Ich bin Christ, weil ich das Richtige getan habe, ich habe die richtige Antwort gegeben, und mein Freund nicht«

Worauf vertraute diese Person für ihre Erlösung? Nicht auf ihre Werke im Allgemeinen, sondern auf das eine Werk, das sie vollbracht hatte. Und er war Protestant, ein Evangelikaler. Aber seine Ansicht über die Erlösung unterschied sich nicht von der römisch-katholischen Ansicht.

Gottes Souveränität in der Erlösung

Es geht im Kern um Folgendes: Was entscheidet letztlich das Heil? Ist es Teil von Gottes Geschenk der Erlösung oder ist es unser eigener Beitrag zur Erlösung? Ist unsere Erlösung ganz und gar Gottes Werk oder hängt sie letztlich von etwas ab, das wir selbst tun? Diejenigen, die Letzteres sagen, dass sie letztlich von etwas abhängt, das wir selbst tun, leugnen damit die völlige Hilflosigkeit des Menschen in der Sünde und behaupten damit, dass eine Form des Semi-Pelagianismus doch wahr sei. 

Es ist daher nicht verwunderlich, dass die spätere reformierte Theologie den Arminianismus im Prinzip sowohl als Rückkehr zu Rom verurteilte, weil er den Glauben in ein Verdienstwerk verwandelte, als auch als Verrat an der Reformation, weil er die Souveränität Gottes bei der Errettung von Sündern leugnete, was das tiefste religiöse und theologische Prinzip des Denkens der Reformatoren war. Der Arminianismus war in den Augen der Reformierten in der Tat eine Abkehr vom neutestamentlichen Christentum zugunsten des neutestamentlichen Judentums. Denn sich im Glauben auf sich selbst zu verlassen, ist im Prinzip nichts anders, als sich bei Werken auf sich selbst zu verlassen, und das eine ist genauso unchristlich und antichristlich wie das andere. Angesichts dessen, was Luther zu Erasmus sagt, besteht kein Zweifel daran, dass er dieses Urteil gebilligt hätte.

Und doch ist diese Ansicht heute in bekennenden evangelikalen Kreisen die überwältigende Mehrheit. Und solange der Semi-Pelagianismus, der im Kern einfach eine kaum verhüllte Version des echten Pelagianismus ist, in der Kirche vorherrscht, weiß ich nicht, was passieren wird. Aber ich weiß, was nicht passieren wird: Es wird keine neue Reformation geben. Solange wir uns nicht demütigen und verstehen, dass kein Mensch eine Insel ist und dass kein Mensch eine Insel der Gerechtigkeit hat, dass wir für unsere Erlösung völlig von der reinen Gnade Gottes abhängig sind, werden wir nicht anfangen, uns auf die Gnade zu verlassen und uns an der Größe der Souveränität Gottes zu erfreuen, und wir werden den heidnischen Einfluss des Humanismus nicht los, der den Menschen verherrlicht und in den Mittelpunkt der Religion stellt. Solange wir uns nicht demütigen, wird es keine neue Reformation geben, denn im Mittelpunkt der reformatorischen Lehre steht die zentrale Stellung der Anbetung und Dankbarkeit gegenüber Gott und Gott allein. Soli Deo gloria, Gott allein sei die Ehre.

Anmerkungen

  • [1] J. I. Packer und O. R. Johnston, „Introduction“ zu The Bondage of the Will (Old Tappan, NJ: Fleming Revell, 1957), S. 59–60. Deutsch: Vom unfreien Willen (orig.: De servo arbitrio, 1523). Digitalquelle: https://www.theology.de/downloads/deservoarbitrio.pdf [abgerufen 25.03.2025]. – Siehe auch: Scott Clark, Luther über die Freiheit und Knechtschaft des Willens. 6. November 2017. Digitalquelle: https://www.evangelium21.net/media/781/luther-ueber-die-freiheit-und-knechtschaft-des-willens [abgerufen 25.03.2025] .
  • [2] ders.
  • [3] George Barna (geb. 1954) ist der Gründer von The Barna Group, einem Unternehmen für Marktforschung, das sich auf die Untersuchung der religiösen Überzeugungen und Verhaltensweisen von Amerikanern sowie auf die Schnittstelle zwischen Glauben und Kultur spezialisiert hat.
  • [4] »Charles Grandison Finney (* 29. August 1792 in Warren, Litchfield County, Connecticut; † 16. August1875 in Oberlin, Ohio) war ein US-amerikanischer Jurist, evangelikaler Erweckungsprediger, Hochschullehrer und Rektor des Oberlin Collegiate Institute und wichtiger Vertreter der Heiligungsbewegung und des Oberlin Perfektionismus.« (https://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Grandison_Finney, abgerufen 14.04.2025).