Bin ich für meine Gemeinde nützlich?

Lesedauer: 6 Minuten.

Viele Christen verstehen Gemeinde unbewusst als einen Ort, an dem sie empfangen: Predigt hören, Gemeinschaft erleben, geistlich auftanken. Doch Paulus zeichnet in 1Korinther 12 ein ganz anderes Bild: Die örtliche Gemeinde ist kein Zuschauerraum – sie ist ein lebendiger Körper. Und jeder, der zu Christus gehört, ist ein Teil davon. Jeder Gläubige hat eine Aufgabe. Jeder ist Teil des Leibes. Du bist nicht zufällig da. Du wirst gebraucht. Die entscheidende Frage lautet daher nicht: »Was bekomme ich?«, sondern: »Bin ich für meine Gemeinde nützlich?«.

Kontext und Einleitung (12,1)

In 1Korinther 12,1 beginnt Paulus die Beantwortung einer weiteren jener Fragen, die ihm die christliche Gemeinde in Korinth gestellt hatten: »Was aber die geistlichen Gaben betrifft, Brüder, so will ich nicht, dass ihr unwissend seid«. Seine Antwort ist recht ausführlich und erstreckt sich über drei Kapitel: in Kapitel 12 geht es um die Einheit und Vielfalt der Gaben des Geistes, in Kapitel 13 um die Liebe als Antrieb zur Gabenausübung und in Kapitel 14 abschließend ganz praktisch um den ordentlichen Einsatz der Geistesgaben im Wortgottesdienst. Dann erst wendet er sich einer weiteren Frage zu (Auferstehung).

Paulus zeigt in diesen drei Kapiteln, dass die Gaben des Geistes Gottes vom Geist Gottes geprägt sind, was sie in Kontrast setzte zu den offenbar in Korinth ebenfalls gepflegten heidnischen »Geistmanifestationen«. Seinem Mitarbeiter Timotheus hatte er einmal erklärt: »Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Furchtsamkeit gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit (Selbstbeherrschung)« (2Timotheus 1,7). Das kann man gut als Überschrift über 1Korinther 12–14 setzen.

Die Gabengeschenke des Geistes Gottes an die Glieder der Gemeinde sind zwar Geschenke, sie bringen aber eine lebenswichtige geistliche Verpflichtung mit sich: Sie sind kein Selbstzweck, sondern dazu da, die Gemeinde, den »Leib«, aufzuerbauen. Wir lernen: Christliches Glaubensleben ist immer gemeinschaftsbezogen. Paulus stellt in 1Korinther 12,7 fest, dass jeder eine geistliche Gabe hat und dass diese für den Dienst an den anderen bestimmt ist. Die zentrale Herausforderung für jeden lautet also: Was machst du damit?

Die einzigartige Quelle der Geistesgaben (12,2–3)

Die Gottesdienste in Korinth waren offenbar eine Mischung von Echtem und Gefälschtem, wenngleich alles »religiös« und vertraut vorkam. Paulus macht deutlich, dass Gottes Gaben nur im Zusammenspiel mit geistlicher Reife und Ablehnung der alten heidnischen Vorstellungen funktionieren. Nicht jede »geistliche Erfahrung« kommt von Gott. Es gibt auch falsche Geister und Gewohnheiten, die im Heidentum entweder zu Passivität (Weltverleugnung, Askese) oder im Gegenteil zu unkontrollierter Ekstase (Entrücktsein) verleiten. Unterscheidungsvermögen tut da not! Der Heilige Geist befähigt den Glaubenden zu einem bewusstem, planvollen (vernünftigen), zielgerichtetem Dienst. Paulus hilft: Echtes Wirken des Geistes ist immer verantwortungsbewusst und christusverherrlichend.

Die Einheit und Vielfalt der Geistesgaben (12,4–6)

Paulus betont eindrücklich dreifach: Es gibt verschiedene Gaben und verschiedene Dienste und verschiedene Wirkungen. Dies konkretisiert er ab Vers 8–10 mit einer ersten Liste solcher Gaben. Aber Quelle, Dienstherr und wunderbar wirksam Machender aller Gaben ist stets er eine Gott. Gottes Geist entscheidet souverän, welches Glied am Körper der Gemeinde ein Christ wird und wie er für dieses Gliedsein und Funktionieren geistliche ausgerüstet wird (Vers 11).

In Verbindung mit 1Petrus 4,10 verstehen wir, dass jeder wiedergeborene, und daher vom Heiligen Geist bewohnte, Glaubende eine geistliche Gabe empfangen hat. Das Metapher eines menschlichen Körpers ab Vers 12 ist eindrücklich: Wir erkennen zwar viele unterschiedliche Glieder am Körper, aber sie gehören im Geben und Nehmen und Funktionieren zu einem Körper. Wenn alle »funktionieren« in ihrer besonderen Fähigkeit, ist der Mensch gesund und zu großen Taten fähig und bereit. Anders gesagt: Der Leib, die Gemeinde, lebt. Wir lernen: Niemand ist überflüssig. Niemand ist optional. Es gibt im Leib der Gemeinde keine »rudimentären Organe«. Und es gibt keine Glieder, die getrennt vom Leib überleben könnten.

Der Nutzen der Geistesgaben für die Gemeinde (12,7)

Die große praktische Schlussfolgerung lautet: »Einem jeden wird die Offenbarung des Geistes zum Nutzen gegeben« (12,7). Das bedeutet: Deine Gabe gehört nicht dir, sie ist für andere gedacht. Sie hat eine konkrete Funktion, die Gott festgelegt hat. Daher ist Untätigkeit geistlich gesehen keine neutrale Option. Der Nutzen wird konkret angegeben: dass die Gemeinde Gottes auferbaut werde. Jeder ist für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Gemeinde mit verantwortlich. Sei es negativ oder positiv.

Negativ. Wenn du deine Gabe nicht nutzt, sind die Folgen: Du wächst geistlich weniger, anderen fehlt dein Beitrag, die Gemeinde wird geschwächt. Es ist wie in einem Körper, wo ein Körperteil ausfällt. Egal ob das wegen Verletzung, Krampf, Lähmung oder Bequemlichkeit geschieht, die Folge ist immer: Der ganze Körper leidet. – Wir lernen: Passivität schadet mehr, als wir denken.

Positiv. Wenn du (wie alle) deine Gabe nutzt, hat das hingegen viele gute Auswirkungen: (1) Du segnest andere, so wie sie Dich segnen; Geben und Empfangen gehören im Organismus zusammen. (2) Eine aktive Gemeinde wirkt auch nach außen überzeugend, sie hat ein starkes Zeugnis. (3) Aus der Erprobung im Dienst wachsen Leiter heraus, die wieder anderen helfen, ihre Gaben zu erkennen und zu trainieren. (4) Es entsteht eine echte, christliche, herzensverbindende Gemeinschaft im Glauben und Dienen. – Wir lernen: Gemeinde funktioniert nicht durch wenige Aktive (»Professionelle«), sondern durch viele Beteiligte, solange jeder (nur) das tut, wozu er von Gott gesetzt wurde.

Auf manche christliche Gemeinde passt das sarkastische Lob: »Sie leben nach dem olympischen Ideal: Keiner macht, was er soll. Jeder macht, was er will. Aber alle machen mit!«.

Folgen wir aber den Anweisungen des Wortes Gottes ist das Ergebnis ein funktionierender, gesunder geistlicher Leib. Die Ordnung der Gemeinde ist wie die eines lebendigen Organismus‘. Es geht nicht zu wie in einer würdigen Schlossbibliothek mit allerlei beeindruckenden Folianten aus längst verflossenen Tagen, wo alles »an seinem Platz« steht. Das biblische Bild ist ein junger, gesunder Körper, dessen Glieder lebendig zusammenhängen, einander dienen und miteinander den Leib gesund halten, so dass er zielgerichtet, koordiniert und lebendig das Werk Gottes tun kann. Wir lernen: Wenn jeder an seinem Platz im Leib dient, entsteht Einheit, wächst Kraft und wird die Gemeinde außenwirksam.

Call-to-Action

Jeder wiedergeborene Christ muss sich fragen: Bin ich für meine Gemeinde nützlich?

Praxistipp: Nimm dir Zeit für folgende drei Schritte:

  1. Bete: »Herr, welche Gabe hast du mir gegeben?«
  2. Sprich mit deiner Gemeindeleitung oder reifen Christen darüber
  3. Handle: Fang an zu dienen, zunächst im Kleinen. Jeder gabenspezifische Dienst später baut auf die eingeübte Einstellung eines Dieners auf, sonst wird sie unwirksam oder gar gefährlich.

Bedenke: Gottes Plan für deine Gemeinde funktioniert nicht ohne dich. Gott hat dich nicht nur gerettet, er hat dich auch beauftragt. Deine Gemeinde braucht nicht nur deine Anwesenheit, sondern deinen Beitrag.

Im Brief an die Gemeinde in Ephesus fasst Paulus das alles wunderbar zusammen:

»…die Wahrheit festhaltend in Liebe, lasst uns in allem heranwachsen zu ihm hin, der das Haupt ist, der Christus, aus dem der ganze Leib, wohl zusammengefügt und verbunden durch jedes Gelenk der Darreichung, nach der Wirksamkeit in dem Maß jedes einzelnen Teiles, für sich das Wachstum des Leibes bewirkt zu seiner Selbstauferbauung in Liebe.« (Epheser 4,15–16)

Gesagt ist nicht gehört | Kommunikation als Stolperfalle

Lesezeit: 24 Minuten.

Fast jeder hat schon einmal die Formel: »Gesagt ist nicht gehört. Gehört ist nicht verstanden. Verstanden ist nicht einverstanden« gehört, die teilweise erweitert und umformuliert wird. Trotz ihrer Kürze ist sie aus Erfahrung und Kommunikationsforschung gut belegt. Damit wird Kommunikation zwischen Menschen nicht als prinzipiell problematisch erklärt, sondern nach Ursachen geforscht, warum Kommunikation auch eine Stolperfalle für Beziehungen sein kann. 

Es ist unvermeidbar, bei dieser Sache über das Wesen der Seele zu reden, denn bei manchen »Stolperfallen« sind stabile psychologische Muster erkennbar. Werden sie erkannt und deren »Teufelskreislauf« unterbrochen, kann Gemeinschaft (communio) wieder durch Kommunikation gestiftet und gepflegt werden. Das gilt für alle menschliche Beziehungen, insbesondere, wo Beziehungen politischer, sozialer oder kirchlicher Art soziale Gruppen formen. 

Die folgenden Überlegungen sind daher sehr allgemein, aber auch für christliche Gemeinden zutreffend, was ihre Wiedergabe auf diesem Blog evtl. erklärlich und nützlich macht. Der überaus störende Mangel einer christlichen Beurteilung und entsprechenden Ergänzung dieser Besinnung ist bewusst gewählt und der Einsicht geschuldet, dass es dazu sehr gutes und ausführliches Material gibt, dessen Konsultation vorrangig und ausdrücklich empfohlen wird.

Das Kommunikationsproblem und seine Deutung

Problemstellung: Warum kommen Aussagen bei manchen Zuhörern völlig anders –insbesondere negativ emotional– an, obwohl objektiv etwas anderes gesagt wurde?

Eine gültige, sachliche Antwort auf dieses Problem muss einiges aus Kommunikationswissenschaft, Sozialpsychologie und Kognitionspsychologie schöpfen, man muss die Sache also systematisch betrachten. Dazu sollen folgende »Highlights« Gedankenanstöße geben.

1. Unterschied zwischen Gesagtem und Verstandenem

Ein Grundprinzip der Kommunikation lautet: »Bedeutung entsteht beim Empfänger, nicht beim Sender.« Damit meint man, dass ein Sprecher (Sender) ein Signal (Worte, Tonfall, Kontext) sendet, dabei benutzt er einen bestimmten Kanal, und dann interpretiert der Empfänger (Zuhörer) dieses Signal anhand von Vereinbarungen (implizit, explizit, Sprache, Code, Grammatik, Syntax), eigener Erfahrungen, Erwartungen, Emotionen, Beziehungseinschätzungen und spontanen Annahmen aus der Situation heraus. Auf diese Weise entsteht die Bedeutung beim Empfänger (Gedanken, Gefühle).

Dieses Phänomen wird häufig mit dem Vier-Seiten-Modell der Kommunikation erklärt, das Friedemann Schulz von Thun entwickelt hat. Kurz gesagt enthält sein Modell vier »Seiten« (Aspekte), die aber meist als »Ebenen« dargestellt werden (s. auch das Ende des Artikels):

  • Sachinhalt – die objektive Information
  • Selbstoffenbarung – was der Sprecher über sich zeigt
  • Beziehungsebene – wie der Sprecher zum Zuhörer steht
  • Appell – wozu der Sprecher den Zuhörer bewegen will

Anhand dieses Modells kann man erklären, warum ein Empfänger eine sachliche Aussage eines Senders als Kritik, Angriff oder Abwertung interpretiert: Der Zuhörer hat z.B. über das Beziehungsohr gehört und damit an der Sache vorbei-gehört. Machen wir ein einfaches Beispiel: Jemand sagt zum Kollegen: »Der Bericht enthält noch zwei Fehler!« (sachliche Aussage). Der Empfänger hört sie aber mit seinem Beziehungsohr so: »Du arbeitest schlampig!«. – Ähnliches gilt auch für anderes »Aneinander-vorbei-Hören« in diesem Schema.

2. Projektion eigener Emotionen

Ein häufiger psychologischer Mechanismus ist die emotionale Projektion. Dies geschieht (meist unbewusst) so: Der Zuhörer erlebt innerlich bereits vorher (und manchmal aus anderen Zusammenhängen heraus) Gefühle, wie beispielsweise Unsicherheit, Angst vor Kritik, Ärger oder Kränkung.

Diese Emotionen werden dann in die Aussage hineingelesen, obwohl sie objektiv nicht enthalten sind. Das Gehirn ergänzt gewissermaßen: »Das hat er/sie bestimmt so gemeint!«

3. Bestätigungsfehler (Confirmation Bias)

Bestimmte Menschen neigen dazu, Informationen so zu interpretieren, dass sie ihre schon vorher bestehenden Erwartungen bestätigen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass sie bestimmte objektiv geäußerten Aussagen »überhören«, wenn diese nicht in ihre Erwartungshaltung passen (s.a. »Kognitive Dissonanzen«). Beispielsweise möge jemand glauben: »Der kritisiert mich ständig« oder »Der ist arrogant«. Der seelische Mechanismus der beständigen Selbstbestätigung wird dann selbst neutrale Aussagen leicht so deuten, dass es eine Bestätigung der eigenen Vorannahmen (Vorurteile) liefert. In der Natur der Sache liegt, dass dies in sachlich oder emotional positive wie auch negative Richtung gehen kann. Entscheidend ist wieder, dass dieses Missverständnis vor allem auf Empfängerseite entsteht. (Vorbeugende Maßnahmen werden weiter unten besprochen.)

4. Negativitätsbias

Der Mensch reagiert besonders stark auf potenziell negative Signale. Dies gilt vor allem bei unerlösten Menschen. Solchem Reagieren kann man einen positiven Sinn abgewinnen (»Misstrauen erhöht im Gegensatz zum Vertrauen die Überlebenschancen«), wenn man es als Überbleibsel einer angenommenen Evolution interpretiert. (Dieser Blog geht davon aus, dass die Grundannahme dieser Erklärung prinzipiell falsch ist.)

Mitnehmen kann man aber, dass es hilft zu verstehen, warum manche Menschen eine Aussage oft vorsichtshalber lieber negativer interpretieren, als sie vom Sender gemeint war. Vorerfahrung spielt natürlich eine vor-prägende Rolle, es kommt sogar zu »selbsterfüllenden Prophezeiungen«: Man erwartet Negatives, verhält sich entsprechend falsch, und erzeugt damit selbst das Eintreffen von Negativem, was wieder den Confirmation Bias verstärkt.

5. Emotionale Aktivierung (Amygdala-Reaktion)

(Vorbem.: Die Amygdala ist ein paariges Kerngebiet des Gehirns und Teil des limbischen Systems, das die Verarbeitung von Emotionen und das Entstehung von Triebverhalten zuständig ist. Sie ist an der Furchtkonditionierung beteiligt und spielt allgemein eine wichtige Rolle bei der emotionalen Bewertung und Wiedererkennung von Situationen sowie der Analyse möglicher Gefahren.)
Wenn eine sachliche Aussage einen emotional empfindlichen Punkt beim Empfänger berührt, kann eine schnell ablaufende Reaktion entstehen: Die Amygdala bewertet die Situation als Bedrohung, Emotionen (Ärger, Angst, Kränkung) werden aktiviert und die kognitive Verarbeitung wird verzerrt (Fehlurteile, Denkfehler). Man spricht hier manchmal von »emotionaler Übersteuerung«. Der Empfänger reagiert dann auf das gefühlte Signal, nicht auf den tatsächlichen Inhalt.

6. Unterschiedliche Bedeutungsräume von Sprache

Hier kommen wir zu einem semantischen Problem: Wörter haben keine festen Bedeutungen, sondern Bedeutungsfelder. Die Deutung (also das Finden der gemeinten Bedeutung seitens des Senders) wird am Kontext entschieden, weil Sprache das Wesen eines Textes hat, also innere Zusammenhänge aufweist. Verwendet beispielsweise jemand das Wort »interessant« in der Aussage: »Das ist aber interessant!«, dann interpretiert dies der eine positiv (»spannend«), der andere neutral, der nächste ironisch (also zB als »total uninteressant«). Die jeweilige Interpretation hängt stark von Kontext und Beziehung ab. Wenn der Sender allerdings unangekündigt Gedankensprünge macht, zerstört er den Text-Charakter seiner Aussage(n) und fördert so entsprechende Fehlinterpretation(en).

7. Kommunikationsrauschen

Kommunikation ist grundsätzlich störanfällig. Störungen können auftreten beim Sender (Codierung, Formulierung, also Grammatik und Semantik; Sicherheitsredundanz), auf dem Übertragungskanal (Nachricht wird fehlerbehaftet oder auf ungeeignetem Medium übermittelt) und beim Empfänger (Interpretation, Grammatik, Semantik, Fehlertoleranz). 

Mögliche Störquellen bei menschlicher Kommunikation sind: Tonfall, Aussprache, Körpersprache (mithin alle nonverbale Kommunikation), Vorwissen (liefert Kontext für die Deutung), Stress, Müdigkeit, kulturelle Unterschiede und weiteres. Beobachtet wird, dass selbst kleine Störsignale Bedeutungen verschieben und somit das Verstehen erschweren oder verunmöglichen können.

Not-FunFact: Am 4. Juni 1996 explodierte die erste Ariane-5-Rakete nur 37 Sekunden nach dem Start. Ursache war die ungeprüfte Übernahme von Software aus dem Ariane 4-Programm, wo eine hochgenaue Fließkommazahl in eine kleine Ganzzahl umgewandelt wurde. Es kam zu einem Ausnahmefehler, das Navigationssystem schaltete ab, falsche Steuerdaten entstanden und Sprengung der Rakete war die einzige sichernde Maßnahme, also Totalverlust! Besonders kritisch sind Fehler in Steuerungsanweisungen; das wissen Softwerker, die Kontrollstrukturen programmieren (Klassiker: Edsger W. Dijkstra, Goto Considered Harmful, 1968), das wissen aber auch Gemeindeglieder mit Blick auf steuernde Vorgaben seitens der Gemeindeleitung.

8. Attributionsfehler

Menschen erklären Verhalten anderer oft durch deren Charaktereigenschaften, nicht durch die vorliegende Situation. Beispielsweise behauptet jemand: »Der und der ist überheblich!«, statt sachlich die Situation miteinzubeziehen: »Vielleicht wollte er nur informieren«. Das nennt man fundamentalen Attributionsfehler.

9. Beziehungsgeschichte

Vorherige Erfahrungen mit einer Person wirken stark auf den Kommunikationsvorgang. Wenn frühere Kommunikation negativ erlebt wurde, interpretiert man spätere Aussagen schneller negativ. Dies ist beim Empfänger sozusagen »eingeschrieben«, entsprechend spricht man von »kommunikativen Skripten«.

Das Kommunikationsproblem und seine Ursachen

Kommunikation ist kein Transport von Bedeutung, sondern ein Interpretationsprozess. Interpretation findet beim Empfänger (Zuhörer) statt, man muss also dort zuerst hinsehen. Man beobachtet dann, dass manche Menschen besonders häufig Aussagen falsch negativ interpretieren. Die Forschung hat gezeigt, dass dies viel mit Selbstwert und Bedrohungswahrnehmung zu tun hat. Anders gesagt: Dass manche Menschen besonders häufig sachliche Aussagen negativ interpretieren, obwohl sie objektiv neutral oder sogar wohlmeinend sind, hat seine Ursache meist in dahinterstehenden, stabilen psychologischen Mustern beim Zuhörer. Dies ist unbestritten Stand der Forschung und Praxis. 

Der bibellesende Christ weiß darüber hinaus viel Genaueres über das Wesen des Menschen und die Auswirkungen seiner Gefallenheit. Die sich von daher aufnötigende Interpretation durch einschlägige Bibelstellen und Lehren soll aber, wie eingangs gesagt, in dieser Betrachtung nicht weiter verfolgt werden, das ist gründlicherer Darstellung wert.

Hier nun einige meist stabile psychologische Muster, wie sie Stand allgemeiner Erkenntnis sind:

1. Niedrige Bedrohungsschwelle des Selbstwerts

Menschen mit einem fragilen Selbstwertgefühl reagieren besonders sensibel auf mögliche Kritik. Die Person (Gedanken,Gefühle) prüft ständig unbewusst: »Werde ich gerade bewertet?«, »Werde ich kritisiert?« oder »Verliere ich gerade Status, Macht, Akzeptanz oder Anerkennung?«. Wenn der Selbstwert eines Menschen wegen seiner niedrigen Bedrohungsschwelle schon durch Geringes als bedroht wahrgenommen wird (das ist natürlich die Interpretation des Empfängers!), wird dieser Mensch eine Aussage schneller als Angriff oder Abwertung interpretieren: «Das war bestimmt gegen mich gerichtet.«

2. Negative Erwartungsschemata

Menschen entwickeln über die Zeit mentale Schemata über andere Personen oder Situationen, diese können auch ausgeprägt negativ sein: »Autoritätspersonen kritisieren mich«, »Kollegen suchen meine Fehler« oder »Andere halten mich für unfähig«. Solche Schemata wirken wie Interpretationsfilter: neue Informationen werden so gedeutet, dass sie ins Schema passen. Psychologisch nennt man das Schema-konsistente Wahrnehmung. Etwas platter: »Schablonen-Denken«, Vorurteile (sehr verbreitet), Bias Confirmation.

3. Hypervigilanz für soziale Signale

Mit »soziale Hypervigilanz« bezeichnet man das Verhalten von Personen, die soziale Hinweise besonders intensiv beobachten: den Tonfall des Senders, dessen GesichtsausdruckWortwahl, sogar seine Redepausen. Der Nachteil, den Personen mit dieser Neigung haben, liegt darin, dass ihr Denken und Fühlen Muster oder Bedeutungen wahrnimmt, die gar nicht vorhanden sind. Eine Verschärfung des Konflikts aufgrund dieser Wahrnehmungsstörung ist zu erwarten, wenn der Sender entsprechend missachtet oder angegriffen wird, statt auf der Beziehungsebene angenommen wird.

4. Frühere negative Erfahrungen

Wer wiederholt negativ nachhängend erlebt hat, kritisiert zu werden, beschämt zu werden oder unfair behandelt zu werden, entwickelt häufig eine Schutzstrategie. Sein Denken und Fühlen arbeitet dann nach dem Prinzip: »Lieber einmal zu viel etwas als Angriff erkennen, als einmal zu wenig.« Diese Schutzstrategie kann zu Überinterpretation und entsprechender Überreaktion führen.

5. Emotionale Grundstimmung

Die aktuelle emotionale Lage eines Empfängers (Zuhörers) beeinflusst stark, ob und wie Aussagen verstanden werden. Bei Stress, Müdigkeit, Frustration oder Überforderung interpretiert das Gehirn Botschaften tendenziell pessimistischer. Die aktuelle Stimmung färbt die Wahrnehmung, man spricht dann vom affect-as-information effect.

6. Unbalancierte Persönlichkeitsmerkmale

Bestimmte Persönlichkeitsdimensionen erhöhen die Wahrscheinlichkeit negativer Interpretation. Zum Beispiel hoher Neurotizismus (erhöhte Empfindlichkeit für Bedrohung, starke, übertriebene emotionale Reaktionen), hohe Kränkbarkeit (schnelle Wahrnehmung von Respektverlust, bei Macht- und Egomenschen häufig) oder hohe soziale Unsicherheit (Angst vor Bewertung).

7. Macht- und Statusdynamik

Auch hierarchische Situationen spielen eine Rolle, auch und besonders in christlichen Kirchen und Freikirchen, die wegen verblassender Geisterfüllung sich mehr und mehr menschlicher Machtstrukturen bedienen, die vom selektiven (politisch opportunen) Umgang mit Gottes Gebot bis zum Machmenschentum reichen. Wenn jemand glaubt, die andere Person hat Macht über mich, oder »ich werde beurteilt«, werden Aussagen eher als implizite Bewertung verstanden, auch wenn sie dies inhaltlich nicht sind (vgl. Vier Ebenen der Kommunikation). Selbst ausgeprochen neutrale Hinweise können dann wie Kritik interpretiert werden und wirken.

8. Sprachliche Minimalreize

Manchmal reicht schon ein kleines sprachliches Signal, beispielweise ein bestimmtes Wort, ein Nebensatz, eine Betonung. Diese werden als »Spitze« (also Angriff) empfunden und wirken dann als Trigger, die eine ganze Interpretation auslösen und leiten. Sagt jemand: »Interessant, dass du das so gemacht hast!«, dann kann das je nach Begleitumständen interpretiert werden als echtes Interesse oder als verdeckte Kritik. Der »Klassiker« ist, dass dann die gesamte Aussage und Botschaft aufgrund der sprachlichen Minimalreize (o. Trigger, die individuell verschieden sein können) abgelehnt oder negativ interpretiert wird.

9. Selbstverstärkende Kommunikationsspiralen

Ein besonders übler Effekt ist die kommunikative Eskalationsspirale. Sie läuft ungefähr so ab: (1.) Person A sagt etwas neutral. (2.) Person B interpretiert es negativ. (3) Person B reagiert defensiv oder gereizt. (4) Person A fühlt sich missverstanden und reagiert ebenfalls gereizt. Damit ist der Kreis geschlossen und es ist eine selbstverstärkende Fehlinterpretation in Gang gesetzt worden.

Ein zentraler Satz aus der Kommunikationspsychologie lautet: »Menschen reagieren selten auf das, was gesagt wurde, sondern auf das, was sie glauben gehört zu haben.« Oder, wie oben bereits angeführt: »Bedeutung einer Nachricht entsteht durch Bewertung und Interpretation beim Empfänger.« Insofern kann ein Sender (Redner) nur Impulse und Auslöser erzeugen, die letztendliche Reaktion beim Empfänger wird aber durch den Empfänger selbst bestimmt. Die emotionale Reaktion auf etwas Gesagtes, selbst wenn es böse oder abfällig wäre, ist und bleibt Verantwortung des Empfangenden (Zuhörers). Er kann wählen, wie er mit dem Gehörten umgeht, daher ist es seine Verantwortung, die er nicht abschieben kann. Die zeitgeistige Schuldumkehr im Rahmen eines Opfer-Täter-Schemas, wie es die links-woke Ideologie für ihre Zwecke manipulativ einsetzt, ist tatsachenfremd und bösartig und Teil einer Dominanzmethode (muss man noch hinzufügen: Sie ist auch abgrundtief unchristlich?). Dieser Grundsatz wird nicht dadurch entkräftigt, dass man mit Recht darauf hinweist, dass Kommunikation immer in sozialen Kontexten und Beziehungen stattfindet und daher immer alle Beteiligten angeht. Dies wird noch deutlicher, wenn weiter unten einfache Standard-Modelle der Kommunikation skizziert werden.

Das Kommunikationsproblem und sein Paradox

Weil relevant, muss man noch kurz ein sehr interessantes, wenn auch leidvolles Phänomen erklären: Warum besonders intelligente oder sprachlich präzise Menschen oft häufiger missverstanden werden. Das wirkt zunächst paradox, ist aber gut erforschte Tatsache.

Hohe kognitive Präzision auf Senderseite erhöht nicht automatisch die Anschlussfähigkeit beim Empfänger. Im Gegenteil, sie kann Missverständnisse sogar begünstigen. Mehrere Mechanismen greifen hier ineinander. Diese sollen in diesem Abschnitt anhand von 9 Aspekten kurz skizziert werden.

1. »Illusion of Transparency« und Fluch des Wissens

Die Forschung von Thomas Gilovich und Nicholas Epley zeigt: Sprecher überschätzen systematisch, wie gut andere ihre Intention verstehen. Sehr präzise Menschen denken oft: »Ich habe es logisch und klar formuliert«, oder: »Die Bedeutung ist eindeutig«. Tatsächlich fehlt beim Zuhörer aber der beim Sprecher vorliegende Wissensstand, Kontext und die impliziten (unausgesprochenen) Annahmen. Das nennt man auch »Curse of Knowledge« (»Fluch des Wissens«). Man kann eben schwer »vergessen«, was man sicher weiß. Der gut gemeinte Vorsatz des Lehrers Professor Dr. Creyin in der Feuerzangenbowle: »Da stellen wir uns mal janz dumm« funktioniert eben nicht immer, weder beim Lehrer (Sender) noch beim Schüler (Empfänger). Das mag sachliche Gründe haben, aber in unserer emotionalisiert-sensiblen Zeit ist dieser Ansatz (oder seine Ankündigung) manchmal schon deshalb unwillkommen, weil mancher Zuhörer sich damit für dumm erklärt hält und »zumacht« (Provokation durch angenommene implizite Bewertung). Ein unschuldiges »Ich muss das erklären« für zum Beispiel eine Aussage oder ein Fremdwort wird auf Empfängerseite dann als Abkanzelung als Dummer empfunden. Dass solche Reaktion viel über den Empfänger und sein Selbstbild (Eigenwert) sagt, ist einigermaßen einsichtig (s.o.).

2. Komplexität überfordert Verarbeitungskapazität

Sprachliche Präzision geht oft mit hoher Dichte und Differenzierung einher. Das erhöht die kognitive Last beim Zuhörer durch (ggf. eine Vielzahl) unbekannte Begriffe, feinere Unterscheidungen, verschachtelte Sätze. Wenn die Verarbeitungskapazität überschritten wird, vereinfacht der Zuhörer das Gesagte (oft unzulässig) und verliert damit evtl. wichtige Bedeutungsnuancen.Das Ergebnis ist eine verzerrte Kurzinterpretation: Das Gehörte ist nicht das Gesagte, beide Seiten fühlen sich unverstanden und möglicherweise frustriert.

3. Unterschiedliche Abstraktionsebenen

Präzise Denker operieren häufig auf einer höheren Abstraktionsebene. Ein Sprecher mag zum Beispiel gut differenzieren zwischen »Kritik am Argument« und »Bewertung der Person«. Der Zuhörer kann dies (warum auch immer, s.o.) nicht, und hört nur die »persönliche Kritik« heraus. Die feine Trennung auf Senderseite wird nicht wahrgenommen oder nicht beibehalten, dem Sprecher werden Aussagen zugesprochen, die dieser (objektiv) nicht gesagt und (subjektiv) nicht beabsichtigt hat, also nicht der Fall sind. Man kann nachvollziehen, dass damit Kommunikations- und Beziehungsprobleme entstehen können.

4. Implizite vs. explizite Bedeutung

Sehr sprachlich versierte Menschen arbeiten oft mit impliziten Prämissen, logischen Verkettungen und nicht ausgesprochenen Zwischenschritten (sie überspringen etwas, das ihnen klar ist, dem Gegenüber aber nicht). Der Zuhörer »füllt die Lücken« mit eigenen Annahmen. Das kann gutgehen oder zur mehr oder weniger fatalen Fehlinterpretation führen. Die Sache könnte sofort beseitigt werden, wenn die empfangende Seite dem Mut hätte, den Empfänger um weitere Erklärung zu bitten. In dieser Frage sollte der Empfänger mit eigenen Worten formulieren, was er bisher verstanden hat und wo die »Lücke« verspürt wird. Das wäre ein Türöffner für gelungene Kommunikation.

5. Fehlende Redundanz

Alltagssprache enthält viel Redundanz (Wiederholung, Umformulierung, Beispiele). Präzise Sprecher vermeiden aber Redundanz oft bewusst, weil sie dies als »unnötig« oder »ungenau« oder »ablenkend« empfinden (sie wollen vlt. dem Vorwurf »Schwafler« entgehen). Jeder Lehrer kennt die Wahrheit: »Wiederholung ist die Mutter der Didaktik« (Johann Amos Comenius (1592–1670) zugeschrieben, aber älter als: Repetitio est mater studiorum). Auch in anderen Kommunikationsanlässen mit stark unterschiedlichem Sprachniveau oder Fachniveau der Kommunikationspartner ist Redundanz hilfreich: Umformulierung hilft bei mangelndem Begriffs- oder Satzverständnis, Beispiele binden die Alltagserfahrung oder den Anwendungsbereich mit ein.

Zu beachten ist: Redundanz ist kein Fehler, sondern ein Mechanismus zum Sichern des Verständnisses. Ohne Redundanz steigt die Wahrscheinlichkeit von Missverständnissen. Eine Konsequenz daraus ist, dass man dem Redner (Sender) mehr Zeit geben muss, was automatisch auch mehr Zeit zum Hören und Verstehen bereitstellt.

6. Pragmatik vs. Logik

Kommunikation folgt nicht nur der Logik, sondern auch der Pragmatik (der. handlungsorientierten, sozialen Bedeutung). Forschung zur Sprachpragmatik (z. B. Herbert H. Clark) zeigt: Menschen interpretieren Aussagen immer auch im Hinblick auf Beziehung, Absicht, Kontext und implizite Signale. Ein logisch präziser Satz kann pragmatisch anders verstanden werden, als sachlich gegeben. Wenn jemand sagt: »Diese Schlussfolgerung ist nicht korrekt!«, so ist dies eine wahrheits-logische Aussage über das Argument (und kann insofern die Wahrheitswerte wahr oder falsch annehmen). Pragmatisch kann das aber verstanden werden als: »Du liegst falsch!« (s. Vier-Ebenen-Modell).

7. Status- und Distanzsignale

Sehr präzise Sprache kann ungewollt intellektuelle Überlegenheit, Distanz und Bewertung signalisieren. Das verändert die Wahrnehmung in die Richtung, dass Inhalte weniger analysiert, dafür aber stärker emotional bewertet werden. Der Hörer, der sich nicht auf gleichem Niveau befindlich einschätzt, kann dies als befremdend und distanzierend bewerten und sogar zur Wahrung des Selbstwertgefühls versuchen, das Gegenüber (Sender) in anderer Sache herabzuwürdigen oder anzugreifen (Stoff und Motiv für manche üble Nachrede).

8. Asymmetrie der Anstrengung

Bei den meisten Lehrkommunikationen (Rede, Lehre, Predigt usw.) gilt wohl, dass der Sprecher viel Zeit zum Denken gehabt hatte (sonst sollte man ihm nicht zuhören, oder?!). Der Zuhörer muss nun aber in Echtzeit (Redetempo) verstehen und »mitkommen«. Das führt zu einer strukturellen Asymmetrie: Auf Senderseite haben wir Präzision, auf der Empfängerseite führt dies nicht automatisch zu Verstehbarkeit.

9. Gemeinsamer Bedeutungsraum fehlt

Kommunikation funktioniert am besten, wenn beide Seiten Kontext(e) teilen (»gemeinsames Verständnis«, »common ground«). Fehlt dieser, gilt: Je präziser die Aussage intern ist, desto größer kann die Lücke nach außen sein.

Aus allem oben Angeführtem könnte man die praktische Konsequenz ziehen: Sehr gute Kommunikatoren sind nicht nur präzise, sondern auch adaptiv, redundant und »anschlussfähig«. Als Maxime formuliert: »Nicht maximale Präzision anstreben, sondern optimale Verständlichkeit.« Dies kann aber nur gelingen, wenn die Kommunikation in beide Richtungen frei fließen kann (Feedback-Kultur), denn nur so kann Anpassung realisiert und gesteuert werden. Und: Die Maxime gilt nicht bei allen Kommunikationsgegenständen.

»Deine Gefühle sind deine Verantwortung!«

Diese manchmal getroffene Aussage hat tatsächlich eine fundierte psychologische Grundlage, kann aber auch verkürzt oder missverständlich verwendet werden. Man muss diese Aussage also sachlich fundiert und in diesem Sinne vorsichtig verwenden. Seriöse Psychologie macht klar: Gefühle entstehen aus dem Zusammenspiel von Ereignis, Bewertung und persönlicher Geschichte. Deshalb kann eine andere Person zwar Gefühle auslösen, aber nicht schuldhaft verursachen. Daraus ergeben sich Konsequenzen für Schuldzuschreibungen (z.B. Täter-Opfer-Umkehr).

Hilfreich ist eine Anzahl einfacher, grundlegender Modelle, die die Forschung und Wissenschaft für den Praxiseinsatz erforscht hat. Einige Modelle folgen nun skizzenhaft.

1. Das kognitiv-emotionale Modell (ABC-Modell)

In der kognitiven Psychologie, besonders bei Albert Ellis und später Aaron T. Beck, wird Emotion so erklärt:

A – Activating Event. Ein Ereignis passiert (z. B. eine Aussage).

B – Belief. Die Person interpretiert und bewertet das Ereignis.

C – Consequence. Gefühle und Reaktionen entstehen.

Zum Beispiel sagt jemand (A): »Dieser Bericht enthält zwei Fehler.« Nun hat B die Freiheit, diesen Auslöser unterschiedlich zu interpretieren und zu bewerten, zum Beispiel B1: »Er hält mich für unfähig.«, woraus die Konsequenz C1: Kränkung, Ärger folgt. Der Empfänger B2 könnte aber anders interpretieren: »Gut, ich kann das korrigieren.«, was zu C2: eine neutrale Reaktion, führt.

Das gleiche Auslöse-Ereignis durch denselben Sender führt also zu verschiedenen Gefühlen, weil die Interpretation und Bewertung des Empfängers unterschiedlich ist. Daraus lässt sich direkt die Kernaussage ableiten: Gefühle entstehen nicht direkt durch das auslösende Ereignis, sondern durch dessen Interpretation auf Seiten des Empfängers.

2. Kognitive Bewertungstheorie der Emotion

Auch die Emotionsforschung (z. B. bei Richard Lazarus) zeigt, dass Emotionen durch zwei unterschiedliche Bewertungen (Interpretationen) auf Empfängerseite entstehen: (1) Die primäre Bewertung (Ist das Ereignis für mich relevant oder bedrohlich?) und (2) Die sekundäre Bewertung (Kann ich damit umgehen?). – Beide Bewertungen sind subjektiv und individuell. Daher reagieren Menschen auf dieselbe Aussage (Auslöser) oft völlig unterschiedlich. Das klärt, wo die Hauptverantwortung für emotionale Reaktionen liegt.

3. Projektion und persönliche Geschichte

Emotionen kommen bei einigermaßen stabilen Personen nicht zufällig, sondern sind konditioniert durch frühere Erfahrungen, Selbstwert, Beziehungsgeschichte, aktuelle Emotionslage und die Erwartungshaltung. Eine Aussage (Auslöser) kann deshalb alte emotionale Muster des Empfängers aktivieren. Das klärt, dass der Sender dann Auslöser ist, aber nicht hauptsächlich verantwortlich.

4. Verantwortung vs. Auslöser

Auch diese Erkenntnis kann hilfreich sein, differenzierter über Kommunikationsprobleme nachzudenken, wie oben schon mehrfach belegt. Psychologisch wird unterschieden zwischen Trigger (Auslöser), also dem äußeren Ereignis, das beim anderen etwas auslöst, und der Responsibility (Verantwortung), also dem Umgang des Empfängers mit der Emotion. Aus dieser Erkenntnis folgt direkt eine präzisere Formulierung des Problems: Andere Menschen können Gefühle auslösen, aber wie wir sie interpretieren und damit umgehen, liegt in unserer Verantwortung.

5. Problem des reinen Täter-Opfer-Schemas

Die oft fast reflexartig anerzogene Behauptung: »Du hast mich verletzt» (in sich selbst ein Angriff) kann problematisch sein, da sie meist komplexe emotionale Prozesse vereinfacht. Die Aussage unterstellt folgende Verantwortungskette: Aussage → Gefühl → Schuld des anderen. Tatsächlich handelt es sich aber meist um diese Kette: Aussage → Interpretation → Emotion. Was ist daraus zu lernen? Zumindest dieses: Wenn Interpretation nicht reflektiert wird, kann leicht ein Schuldnarrativ entstehen. Je nach äußerem (oder innerlich empfundenen) Druck wird das dann als richtig und zutreffend aufgepresst werden.

6. Grenzen: Verantwortung bedeutet nicht völlige Unabhängigkeit

Die Aussage »Deine Gefühle sind deine Verantwortung« darf nicht übertrieben werden, denn Menschen beeinflussen sich emotional stark. Zum Beispiel können bestimmte Handlungen auch objektiv verletzend sein: Demütigung, Beleidigung, Betrug oder soziale Ausgrenzung. Hier wäre es psychologisch falsch zu sagen: »Deine Gefühle sind allein dein Problem!«, denn menschliche Emotionen sind sozial reguliert.
Das alles ruft zu einer differenzierten, ausgewogenen Sichtweise auf.

7. Balance: Verantwortung und Wirkung

Eine differenzierte Sicht berücksichtigt beide Seiten, Sender wie Empfänger, Auslöser wie Bewerter. Der Sprecher (Sender) ist verantwortlich für seine Worte, seine Absicht und seine Rücksicht (dass er etwas sagt, was er sagt, wie er es sagt). Der Zuhörer  (Empfänger) ist verantwortlich für seine Interpretation und Bewertung, seine emotionale Regulation (Selbstbeherrschung) und letztlich seine Reaktion. – Beide Seiten tragen also einen Anteil am Ganzen. Gefühle entstehen im Inneren einer Person, aber sie entstehen oft im Kontext von Beziehungen. Je nach Persönlichkeit überwiegt die Beziehung oder die Sachaussage. Dies ist auch geschlechtsspezifisch unterschiedlich ausgeprägt.

Die wesentlichen Erkenntnisse aus diesen sieben Aspekten sind Folgende:

  • Emotionen entstehen durch Interpretation von Ereignissen.
  • Deshalb sind Gefühle nicht wesentlich von anderen verursacht.
  • Menschen können Emotionen auslösen, aber nicht vollständig kontrollieren.
  • Ein reines Täter-Opfer-Schema vereinfacht unzulässig die komplexen emotionalen Prozesse.
  • Gleichzeitig bleibt soziale Verantwortung für respektvolles Verhalten bestehen.

In einem Satz: Andere Menschen können unsere Gefühle auslösen, aber sie bestimmen nicht allein, wie wir sie erleben oder darauf reagieren; die Hauptverantwortung liegt beim Empfänger selbst, denn er bewertet und interpretiert das, was der Auslöser gesagt hat. Darum haben beide Seiten je ihren Anteil: der Sender an der Wirkung seiner Worte, der Empfänger an der Interpretation und Verarbeitung. Der Sender als Auslöser definiert nicht, welche emotionale Reaktion beim Empfänger entsteht. Das stimmt sogar, wenn es um kritisierende, negativ-emotionale oder ähnliche Aussagen beim Auslöser handelt. Deutlich markieren muss man den Bereich, wo der Auslöser strafrechtlich relevante Beleidigungen oder Verleumdungen äußert (vgl. StGB) .

Das Vier-Seiten-Modell der Kommunikation

Da wir oben mehrfach das Vier-Seiten-Modell der Kommunikation von Friedemann Schulz von Thun zitiert haben, wollen wir es hier nochmals skizzieren und veranschaulichen. Es liefert uns weitere Einblicke über Missverständnisse, Beziehungsebene und Interpretation. Nochmals die vier Seiten, die meist als »Ebenen« bezeichnet werden, wie das in Kommunikationsmodellen üblich ist.

  1. Sachinhalt
  2. Selbstoffenbarung
  3. Beziehung
  4. Appell

Auch damit lässt sich erklären, warum eine sachliche Aussage emotional negativ interpretiert werden kann.

Beispiel: Ein Gemeindeglied einer Freikirche sagt in einer Gemeindeversammlung: »Die angedachte Vorgehensweise ist schriftwidrig, das können wir nicht tun.« Das trifft jeden in der Gemeindeversammlung, aber insbesondere den Leiter, der diese Vorgehensweise durchschreiten will.

Sender: Gehen wir nun die vier Seiten/Ebenen dieser Aussage/Nachricht aus Sender-Perspektive durch:

1. Sachinhalt (Worüber informiere ich?)

Objektive Information: Die angedachte Vorgehensweise ist schriftwidrig. – Das ist rein faktisch und sachlich gemeint: Es ist schriftwidrig (für Christen also nicht gangbar).

2. Selbstoffenbarung (Was zeige ich von mir?)

Der Sprecher gibt – bewusst oder unbewusst – etwas über sich preis: »Ich habe diese Vorgehensweise geprüft«, »Mir ist Gehorsam gegenüber Gottes Wort wichtig.« und »Ich achte genau auf Gottes Willen«. Die mögliche Botschaft: »Ich achte sorgfältig auf Gottes Willen und wünsche dies auch für die gesamte Gemeinde.«

3. Beziehungsebene (Wie sehe ich dich?)

Hier wird es kritisch: Der Empfänger »hört« fast immer etwas über sich auf der Beziehungsebene, zum Beispiel: »Du hast nicht schriftbasiert gearbeitet« (Kompetenzanfrage), »Ich traue dir in dieser Sache nicht« (Vertrauensanfrage), »Ich zweifle Deine Leiterqualität an« (Machtfrage, Autoritätsanfrage), selbst völlig abwegig: »Ich bin dir überlegen« (Machtkampf). Das alles, obwohl es nicht gesagt und (evtl.) nicht beabsichtigt war.

4. Appell (Was möchte ich erreichen?)

Hier wird die Sachaussage als Aufforderung zum Handeln aufgenommen: Was soll ich (Empfänger) tun? Möglicherweise: »Nimm diesen Vorschlag zurück« oder »Bitte korrigiere diese Vorgehensweise« oder »Achte künftig genauer darauf, dass Du als Leiter sachlich richtige Vorschläge machst.«

Empfänger (»Vier Ohren«): Der Zuhörer kann dieselbe Aussage unterschiedlich »hören«. Gehen wir die vier Ohren der Sender-Perspektive anhand des oben skizzierten Falles durch:

1. Sachohr

Dieses Ohr hört sachlich: »Ah, die Vorgehensweise ist nicht biblisch.«

Folge: Liefert eine sachliche Verarbeitung und erzeugt daher kein Problem.

2. Selbstoffenbarungsohr

Dieses Ohr hört eine Selbstoffenbarung des Senders: »Dieses Gemeindeglied legt Wert auf Beachtung der Heiligen Schrift in allem, was wir tun.«

Folge: Wer so hört, reagiert eher neutral bis positiv. Selbstoffenbarung kann beziehungsförderlich sein.

3. Beziehungsohr (häufigste Konfliktquelle)

Dieses Ohr hört eine Beziehungsaussage heraus: »Er hält mich für nicht kompetent, spricht mir meine Autorität als Leiter ab.«

Folge: Emotionen springen auf (auch wenn sie geleugnet und kaschiert werden, sie sind doch dominant): Kränkung, Ärger, Verteidigung, Rache, Gegendruck, Verfälschung der Aussage des Senders, Angriff auf die Integrität des Senders (klassisch).

4. Appellohr

Dieses Ohr hört eine Aufforderung zum Handeln heraus: »Ich soll das sofort nachbessern.«

Folge: Diese Interpretation kann beim kritisierten Empfänger Druck oder ablehnende Gegenreaktion erzeugen.

Schlussbetrachtung: Warum Missverständnisse entstehen

Der Sprecher meint vielleicht Sachinhalt + Appell, aber der Zuhörer hört: Beziehung + Bewertung.  Damit ergibt sich typischerweise eine Eskalation:

  1. Aussage (neutral gemeint)
  2. Interpretation über Beziehungsohr
  3. Emotion (»Ich werde kritisiert«)
  4. Reaktion: »So schlimm ist das doch nicht!«, »Das war so abgesprochen!«

Es entsteht ein Konflikt in der Beziehung, obwohl die Aussage sachlich war.

Verbesserung und Abhilfe kann evtl. geschaffen werden, wenn ganz bewusst diese vier Ebenen getrennt werden. Dazu ein Beispiel aus einer christlichen Gemeinde mit Leitung durch ein Presbyterium (Ältestenrat):

In einer Gemeindversammlung (die erste nach vielen Jahren) wird der Versammlung von einem Gemeindeleiter mitgeteilt: »Wir haben drei Männer, die nun mit uns in der Leitung als Älteste dienen werden. Da das auch eine Sache der Gemeinde ist, geben wir Euch eine Woche Zeit, um das festzumachen.« Einer der Zuhörer erkennt, dass diese Vorgehensweise schriftwidrig ist (1.Timotheus 3,10). Eine günstig formulierte Wortmeldung wäre dann: »Ich habe verstanden, dass wir künftig so und so vorgehen wollen (Sachinhalt konkretisiert). Ich muss offen sagen, dass ich dabei inhaltlich an einen Punkt komme, wo ich einige Aspekte und Aussagen in der Heiligen Schrift sehe, die aus meiner Sicht nicht ohne Weiteres mit dem vorgeschlagenen Vorgehen zusammenpassen (Selbstoffenbarung explizit gemacht). Mir ist wichtig zu sagen: Mir geht es nicht darum, damit die Leiterschaft infrage zu stellen, sondern weil mir die Grundlage unserer Entscheidungen wirklich am Herzen liegt und weil ich möchte, dass wir gemeinsam einen Weg finden, der für uns alle als schriftgemäß richtig und vor Gott verantwortbar ist (Beziehung entschärft). Deshalb würde ich mir wünschen, dass wir diesen Punkt noch einmal gemeinsam ohne Zeitdruck sorgfältig anhand der Bibel prüfen. (Appell klar formuliert).«

Warum die »Gute Nachricht« wahrhaft gut ist (B. Peters, 2008)

In Römer 10,15 zitiert Paulus folgende Worte des Propheten Jesaja:

Wie lieblich sind die Füße derer, welche das Evangelium des Friedens verkündigen, welche das Evangelium des Guten verkündigen!

Das Evangelium heißt hier »Evangelium des Guten«. Paulus nennt das Evangelium ferner:

  • Evangelium Gottes (Römer 1,1; 15,16; 2Korinther 11,7; 1Thessalonicher 2,2.8.9; s. a. 1Petrus 4,17)
  • Evangelium Seines Sohnes (Römer 1,9)
  • Evangelium des Christus (Römer 15,19; 1Korinther 9,12; 2Korinther 9,19; 10,14; Galater 1,7; 1Thessalonicher 3,2; Philipper 1,27)
  • Evangelium der Herrlichkeit Christi (2Korinther 4,4)
  • Evangelium der Herrlichkeit des seligen Gottes (1Timotheus 1,11)
  • Evangelium der Gnade Gottes (Apostelgeschichte 20,24)
  • Evangelium eures Heils (Epheser 1,13)
  • Evangelium des Friedens (Epheser 6,15)

Ausgehend von diesen verschiedenen Bezeichnungen des Evangeliums gibt es acht verschiedene Gründe, warum das Evangelium gut zu nennen ist:

  1. Es kommt von Gott: »das Evangelium Gottes« (Römer 1,1)
  2. Es ist Gottes Kraft zum Heil: »das dem Fleisch unmögliche tat Gott« (Römer 8,3)
  3. Es offenbart Gottes Gnade: »das Evangelium der Gnade Gottes« (Apostelgeschichte 20,24)
  4. Es offenbart Gottes Gerechtigkeit (Römer 1,17)
  5. Es offenbart Gottes Herrlichkeit: »das Evangelium der Herrlichkeit des glückseligen Gottes« (1Timotheus 1,11)
  6. Es zeugt von Gottes Sohn: »das Evangelium über Seinen Sohn« (Römer 1,3)
  7. Durch dasselbe wirkt Gott, der Heilige Geist (1Thessalonicher 1,5)
  8. In ihm bekommt Gott alle Herrlichkeit und Ehre (Römer 11,36).

Alle diese Gründe machen uns deutlich, dass beim Evangelium Gott die Hauptsache ist, nicht der Mensch. Genau das ist es, was das Evangelium zur guten Botschaft macht. Und genau darin liegt die verlorene Glückseligkeit des Menschen: Dass Gott wiederum den Rang bekommt, der Ihm zusteht. Der Mensch ist im Heil nichts, Gott ist alles. Das ist die Wahrheit, die uns frei macht; frei vom Wahn, etwas zu sein, wo wir doch nichts sind (Galater 6,3). Das ist die Wahrheit, die durch die Lüge der Schlange ins Gegenteil verkehrt worden ist: Der Mensch könne sein wie Gott (1Mose 3,5). Am Ende der Tage wird es so sein, dass der Mensch den Platz eingenommen haben wird, der Gott allein zusteht. Das hat Paulus mit folgenden Worten angekündigt:

Lasst euch von niemand auf irgendeine Weise verführen, denn dieser Tag kommt nicht, es sei denn, dass zuerst der Abfall komme und offenbart werde der Mensch der Sünde, der Sohn des Verderbens, der widersteht und sich erhöht über alles, was Gott heißt oder verehrungswürdig ist, so dass er sich in den Tempel Gottes setzt und sich selbst darstellt, dass er Gott sei. (2Thessalonicher 2,3–4)

Das Buch der Offenbarung bestätigt die Ankündigung des Apostels. Die Religion des endzeitlichen Menschen ist die Anbetung des Menschen (Offenbarung 13,4.15.18). Je näher wir diesem Ende kommen, desto heftiger reißt der Zeitgeist an der Gemeinde der Gläubigen, um sie hineinzuziehen in diesen Strom. Um so entschiedener müssen wir daher die Wahrheit hochhalten, dass die Gute Nachricht in nichts anderem besteht, als dass Gott alles ist, Gott alles wirkt und Gott alle Ehre bekommt. Werden diese Wahrheiten abgeschwächt, sind wir in Gefahr, abzufallen. Werden sie unterschlagen, sind wir schon abgefallen, oder, wie Petrus sagt »aus unserer Festigkeit gefallen« und »durch den Irrwahn der Ruchlosen mitfortgerissen« worden (2Petrus 3,17).

Das Evangelium befreit uns für Gott und Seinen unumschränkten Willen. Über die eigentliche Bedeutung des Dienstes von Johannes Calvin sagte ein französischer Biograph:

Die Umwälzung, die der Genfer Reformator durch sein Wirken auf geistlichem Gebiet hervorgerufen hat, wurde bisweilen mit der Revolution verglichen, die Kopernikus zur gleichen Zeit– durch seine astronomischen Entdeckungen im physikalischen Weltbild herbeigeführt hat. Vor Kopernikus glaubte man im allgemeinen, die Sonne drehe sich um die Erde, die im allgemeinen für den Mittelpunkt der Welt gehalten wurde. In seinem berühmten Buche »Über die Umdrehung der Himmelskörper« (De Revolutionibus orbium coelestium libri VI, 1543) hat der gelehrte Astronom nachgewiesen, daß es sich, im Gegensatz zu der bisherigen Ansicht, umgekehrt verhalte und die Erde sich um die Sonne drehe. Das ganze Weltbild wurde dadurch verändert.
In ähnlicher Weise hat der Reformator der Frömmigkeit den herkömmlichen Mittelpunkt weggenommen, der für den damaligen religiösen Menschen die eigene Seele mit ihren Bedürfnissen und Regungen war. Er hat statt dessen dem Glaubensleben seine eigentliche Mitte wiedergegeben, nämlich Gott. (Jean Cadier: Calvin. Der Mann, den Gott bezwungen hat. Zollikon: Evang. Verlag, 1959.)

1 Das Evangelium ist gut, denn es kommt von Gott

Darum heißt es »das Evangelium Gottes« (Römer 1,1).

  1. Schon die bloße Tatsache, dass das Evangelium von Gott kommt, bedeutet, dass es gut ist. Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben, von dem Vater der Lichter (Jakobus 1,17). Alles, was Gott gibt, ist gut, denn Gott ist gut, ja, Gott allein ist gut (Markus 10,18). Außer Ihm gibt es kein wirklich Gutes – d. h. bleibend Gutes und vollkommen Gutes.
  2. »Evangelium Gottes« bedeutet, dass es die Botschaft Gottes ist; in ihm spricht Gott. Wenn es gelehrt und verkündigt wird, ergeht Gottes Stimme, die Macht hat, die Toten zu erwecken (Johannes 5,25), Zedern zu knicken oder Hirschkühe zum Werfen zu bringen (Psalm 29).
  3. Drittens bedeutet es, dass das Evangelium nicht von Menschen ausgedacht, sondern von Gott offenbart worden ist (1Korinther 2,9.10). Damit gehört das Evangelium Gottes auch Gott, und darum dürfen wir es nicht antasten, indem wir es verkürzen (vgl. Apostelgeschichte 20,27) oder verändern (siehe Galater 1,8.9).

2 Das Evangelium ist gut, denn es ist Gottes Kraft zum Heil

Kommt das Evangelium von Gott, dann richtet es auch das aus, was Gott will: Es rettet den Sünder, indem es ihn aus dem Dunkel ins Licht, aus dem Tod ins Leben, aus der Gottesferne zu Gott bringt (1Petrus 3,18). Das aber ist das Höchste, das einem Menschen widerfahren kann. Wer wüsste Höheres und Besseres zu nennen, als zu Gott gebracht zu werden? Das verstehen wir, wenn wir auch verstanden haben, worin unser wirkliches Elend besteht: Wir haben Gott verlassen, wir haben Ihn verloren.

Als wir noch Sünder waren, gab Er Seinen Sohn für uns dahin (Römer 5,5). Der Sünder ist blind, d. h. er erkennt weder seine Not noch den, der allein seine Not wenden kann. Der Sünder ist ein Knecht der Sünde und dazu ein Feind des Lichts, d. h. er will die Wahrheit über Gott und über seinen wahren Zustand nicht hören. Er ist ein Feind Gottes; d. h. er will nicht mit Gott versöhnt werden. Der Sünder ist tot in Seinen Sünden. Das alles zeigt, dass im Menschen weder die erforderliche Erkenntnis noch das Vermögen noch der Wille da ist, gerettet zu werden. Darum muss Gott alles tun zur Errettung des Menschen. Genau das lehrt das Evangelium: Das dem Fleisch Unmögliche tat Gott (Römer 8,3).

Gott tat alles zur Errettung. Das nennen wir die Alleinwirksamkeit Gottes. Er fasste den Rat zum Heil (Epheser 1,4.11). Er sonderte Seinen Sohn aus, das Heil für Sünder zu wirken (Johannes 1,29). Er sandte den Sohn, Seinen Heilsrat zu erfüllen (Galater 4,4). Er erwählte uns in Christus (Epheser 1,4), Er berief uns am Tag unseres Heils, Er rechtfertigte uns, Er verherrlichte uns (Römer 8,30). Von Ihm her geschah es, dass wir nun in Christus Jesus sind, der uns geworden ist zur Weisheit von Gott und zur Gerechtigkeit und Heiligkeit und Erlösung (1Korinther 1,30).

Weil all das wahr ist, kann Paulus sagen: Das Evangelium ist Gottes Kraft zum Heil (Römer 1,16). Gottes Kraft übertrifft alles, darum müssen wir nicht versuchen, etwas zur Wirksamkeit des Evangeliums beitragen zu wollen. Wir können durch unsere menschlichen Versuche, es »anziehender« oder »akzeptabler« und damit »wirksamer« zu machen, nur verderben.

Adolph Zahn, reformierter Pfarrer in Elberfeld im 19. Jahrhundert, fasst mit folgenden Worten das Evangelium zusammen, wie er es von Wichelhausen, Theologieprofessor in Halle, empfing:

Der Mensch ohne Leben und Freiheit vor Gott, tot in Sünden, Gott allein frei und freimachend in souveräner Gnade. Und dies Licht dann über die ganze Schrift ausgegossen und so in der Schrift überall die scharfen und gewaltigen Gegensätze von Gott und Mensch gefunden: Er nicht wie wirund wir in steter Feindschaft gegen ihnDas gibt dann Klarheit für alle Kapitel und eine ebenso einfache wie oft tiefe und wahrhaft geistvolle Schriftauslegung. (Adolph Zahn: Von Gottes Gnade und des Menschen Elend, S. 44).

Wir hörten eben: »Darum muss Gott alles tun…«. Ja, Er muss alles tun, wenn es überhaupt Heil geben soll. Aber war Er genötigt, unser Heil zu beschließen und in der Fülle der Zeit zu wirken? Gewiss nicht. Er schuldete und schuldet dem Menschen nichts.

3 Das Evangelium ist gut, denn es offenbart Gottes Gnade

Darum heißt das Evangelium »das Evangelium der Gnade Gottes« (Apostelgeschichte 20,24). Gnade bedeutet dreierlei:

  1. Alles Heil geht von Gott aus
  2. Alles Heil geschieht durch Gott
  3. Alles Heil ist ganz unverdient. Gott gibt lauter Unwürdigen nur Gutes.

Die beiden ersten Wahrheiten haben wir bereits beleuchtet. Wir wollen jetzt einige Augenblicke bei der dritten Wahrheit verharren: Alles Heil ist ganz unverdient. Gott tut in der Errettung Gutes an Menschen, die nichts davon verdient haben. Im Gegenteil: Gott müsste uns alle verdammen.; Er müsste uns in die äußerste Finsternis werfen. Er müsste uns verstoßen. Er müsste uns für immer aus Seiner Gegenwart verbannen. – Er tut aber genau das Entgegengesetzte: Es gibt keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind (Römer 8,1). Er liebt uns mit der gleichen Liebe, mit der Er Seinen Sohn geliebt hat (Johannes 17,26). Er nimmt uns an als Seine Kinder und nimmt uns auf in Sein Haus (Johannes 14,3). Er wird über Seinen Erwählten ewig leuchten (Offenbarung 22,5).

4 Das Evangelium ist gut, denn es offenbart Gottes Gerechtigkeit

Gottes Liebe relativiert nicht Gottes Licht. Gottes Gnade geschieht nicht auf Kosten der Gerechtigkeit. Gott handelt nicht so, wie wir Menschen, die manchmal Gnade vor Recht ergehen lassen, was gemeinhin als sehr löblich gilt. Nein, Gott lässt Gnade ergehen unter Wahrung vollkommenen Rechts. Das macht Seine Gnade so herrlich, denn das lehrt uns, dass die Gnade Gott sehr viel gekostet hat, Jja, sie hat Ihn alles gekostet, Seinen eingeborenen, Seinen geliebten Sohn.

Paulus sagt: »Gottes Gerechtigkeit wird darin [im Evangelium] offenbart“ (Römer 1,17).

Wir sagen meist, im Evangelium offenbare sich Gottes Liebe, und das stimmt natürlich (Römer 5,7). Aber was Paulus im Römerbrief als Erstes hervorhebt, ist die Gerechtigkeit Gottes, die sich im Evangelium manifestiert. Das ist das Wunder der Errettung und darin liegt die alles überstrahlende Schönheit des Evangeliums, dass es den Gott offenbart, der gerecht bleibt, während Er den Ungerechten rechtfertigt (Römer 3,25.26). Das geschieht dadurch, dass Christus unser Stellvertreter geworden ist (2Korinther 5,21). Er ist in zweifacher Hinsicht unser Stellvertreter: Er hat in Seinem Leben stellvertretend für alle Menschen alles erfüllt, was das Gesetz vom Menschen fordert. Dann hat Er in Seinem Tod alles erlitten, was das Gesetz an Strafen über den Gesetzesbrecher verhängt. So wurde Gottes Gerechtigkeit genüge getan, dass wir sagen können: Gottes Gerechtigkeit müsste uns verdammen, aber Gottes Gnade spricht uns frei.

Gottes Gerechtigkeit wurden im stellvertretenden Tod Seines Sohnes genüge getan, darum kann Gott dem Sünder gnädig sein, ihm die Sünden vergeben und ihm das Leben schenken und dabei doch gerecht bleiben

5 Das Evangelium ist gut, denn es offenbart Gottes Herrlichkeit

Darum heißt es »das Evangelium der Herrlichkeit des glückseligen Gottes« (1Timotheus 1,11).

Was meint Paulus mit dem nur hier und in 1Timotheus 6,15 verwendeten Ausdruck »der glückselige Gott«? Er sagt damit Folgendes: Gott ist in sich vollkommen glückselig; er ruht in vollkommenem Frieden; ihm fehlt nichts. Dennoch hat er einen Sünder, einen Verfolger der Heiligen, einen Feind des Lichts geliebt, gesucht und errettet.

  • Darin zeigt sich erst richtig die Größe der göttlichen Gnade.
  • Darin zeigt sich auch erst richtig die Größe der göttlichen Weisheit; denn wir fragen: Wie bringt Gott es nur fertig, einen Sünder zur Einsicht und zur Umkehr zu bewegen?
  • Darin zeigt sich die unumschränkte Kraft Gottes, der die Sünde und den Tod, Feindschaft und Misstrauen überwindet und ewiges Heil wirkt (Römer 1,16).

Auf diese Weise offenbart das Evangelium die Herrlichkeit Gottes. Was bedeutet »die Herrlichkeit Gottes«? Dieses: Die Gesamtheit Seiner Vollkommenheiten, Seine vollkommene Wahrheit, Weisheit, Macht, Gnade, Liebe, Heiligkeit und Gerechtigkeit. Gott ist Licht (1Johannes 1,5) und Gott ist Liebe (1Johannes 4,16).

6 Das Evangelium ist gut, denn es zeugt von Gottes Sohn

Darum heißt es »das Evangelium über Seinen Sohn« (Römer 1,3). Alles Gute, was Gott sich für den Menschen vorgesetzt hat, hat Er in Seinem Sohn gewirkt. Er ist die Mitte des Evangeliums. Durch Ihn geschieht alles.

  1. Er hat zunächst im und durch den Sohn geredet (Hebräer 1,1). In Ihm haben wir das unschätzbare Gut der vollkommenen und vollständigen Offenbarung aller Heilsgedanken Gottes (Johannes 1,1.9.14).
  2. Sodann hat Er im und durch den Sohn das Heil gewirkt: In Christus erwählt (Epheser 1,4), durch Sein Blut erlöst (Epheser 1,7), durch Seinen stellvertretenden Tod und durch Seine Auferstehung gerechtfertigt (Römer 4,25; 2Korinther 5,21); durch Ihn verherrlicht (Philipper 3,20–21); in Ihm ein ewiges, unvergängliches Erbe (Epheser 1,11).
    Darum predigten den Apostel Christus:
    • wer Er sei: Jesus von Nazareth;
    • was Er sei: wahrer Gott vom wahren Gott (Johannes 1,1–3); wahrer Mensch (Philipper 2,5);
    • wie Er sei: sündlos, rein, heilig (Hebräer 7,26; 1Petrus 1,18–19);
    • was Er getan hat.
  3. Darum heißt das Evangelium »das Evangelium der Herrlichkeit Christi« (2Korinther 4,4). Seine Vollkommenheiten werden im Evangelium kund: Seine Sündlosigkeit, Seine Gerechtigkeit, Seine Gnade, Seine Barmherzigkeit, Sein Liebe zu Gott, Seine Liebe zu den Seinen, Seine Liebe zu den Menschen. Der zweite Mensch ist alles; der erste Mensch ist nichts; der Mensch vom Himmel bleibt, der Mensch, der von der Erde ist, muss weichen (1Korinther 15,45-48).

7 Das Evangelium ist gut, denn durch dasselbe wirkt Gottes Geist

»die Dinge …, die euch jetzt verkündigt worden sind durch die, die euch das Evangelium gepredigt haben durch den vom Himmel gesandten Heiligen Geist« (1Petrus 1,12); »Denn unser Evangelium war nicht bei euch im Wort allein, sondern auch in Kraft und im Heiligen Geist und in großer Gewissheit« (1Thessalonicher 1,5).

Der Vater, der Sohn, der Heilige Geist, der dreieinige Gott, offenbart sich im Evangelium und wirkt durch das Evangelium. Der Vater hat den Heilsrat gefasst und den Sohn dazu bestimmt, ihn auszuführen. Der Sohn hat sich vom Vater senden lassen und hat all Sein Wohlgefallen erfüllt (Johannes 17,3). Das ist der Inhalt des Evangeliums, und wenn dieses gepredigt wird, wirkt Gott, der Heilige Geist. Er begleitet keine andere Botschaft als diese. Darum müssen wir zusehen, dass wir das Evangelium Gottes verkündigen, das Evangelium vom Sohn Gottes, das Evangelium der Gnade Gottes, das Evangelium, das die Apostel verkündigten. Denn ohne das Wirken des Heiligen Geistes gibt es keine Errettung. 

Wenn Gott mit der Sendung des Sohnes und der Niederschrift Seines Werkes aufgehört hätte zu wirken, wäre durch das Evangelium kein Mensch errettet worden. Darum sandten der Vater und der Sohn nach vollbrachtem Werk Seines Sohnes den Heiligen Geist, der Sünder überführt, Widerspenstige willig macht, in toten Herzen Glauben weckt und sie so zum Heiland und zum Heil führt. Wiederum müssen wir erkennen, dass in der Errettung Gott alles wirkt, von Anfang bis zum Schluss. Aber wir müssen auch erkennen, dass er die Mittel bestimmt hat, um diese Errettung zu wirken, und das ist nichts anderes als die Predigt des Evangeliums. Mit der Predigt des Evangeliums wirkt Gottes Geist.

9 Das Evangelium ist gut, denn in ihm bekommt Gott allein alle Ehre

»Denn von ihm
und durch ihn
und für ihn
sind alle Dinge;
ihm sei die Herrlichkeit
in Ewigkeit! Amen«.
(Römer 11,36).

Was Paulus als Ergebnis der im Evangelium gelehrten und durch dessen Kraft gewirkten Errettung bezeichnet –Gott allein alle Ehre–, wird auch als Ergebnis der großen alttestamentlichen Errettung deklariert. Das Buch Exodus (2Mose) endet damit, dass Gottes Herrlichkeit inmitten der Erlösten aufstrahlt und die Wohnung Gottes erfüllt (2Mose 40).

Jonathan Edwards (1703–1758)um wenige Jahre älterer Zeitgenosse George Whitefields, hielt am 8. Juli 1731 in Boston eine Predigt zu 1Korinther 1,29–31 unter dem Titel: »God Glorified in Man’s Dependence« (etwa: »Gott verherrlicht durch die Abhängigkeit des Menschen«). Darin sagte er unter anderem: 

»Es besteht eine absolute und umfassende Abhängigkeit der Erlösten von Gott. Das Wesen und die Gestaltung unserer Erlösung sind derart, dass die Erlösten in jeder Hinsicht direkt, unmittelbar und vollständig von Gott abhängig sind: Sie sind in allem von ihm abhängig und in jeder Hinsicht von ihm abhängig.« [1]

Endenoten

[1] »There is an absolute and universal dependence of the redeemed on God. The nature and contrivance of our redemption is such, that the redeemed are in every thing directly, immediately, and entirely dependent on God: they are dependent on him for all, and are dependent on him every way.« (Quelle: https://www.biblebb.com/files/edwards/JE-dependence.htm [27.12.2025])

Disclaimer: Dieser Vortrag wurde von Benedikt Peters (Arbon, CH) auf der Hirtenkonferenz 2008 gehalten und von grace@logikos.club zusammengefasst.

John MacArthur ist heimgegangen (1939–2025)

John Fullerton MacArthur, Jr. (* 19. Juni 1939; † 14. Juli 2025 in Los Angeles)

Mit Trauer und Hoffnung geben die Ältesten der Grace Community Church bekannt, dass Pastor John MacArthur nach 56 Jahren treuer Dienste nun zu Gott heimgegangen ist. Letzte Woche erkrankte Pastor John unerwartet an einer Lungenentzündung, und der Herr hat ihn am Montag, dem 14. Juli, zu sich gerufen. Dr. MacArthur wurde 86 Jahre alt.

Er hinterlässt seine Frau Patricia, mit der er 61 Jahre verheiratet war, vier Kinder, fünfzehn Enkelkinder und neun Urenkelkinder.

Für Millionen von Menschen, die durch den Mediendienst von Grace to You erreicht wurden, war Pastor John ein Prediger des Wortes Gottes. Für Zehntausende von Studenten war er der geliebte Präsident und Kanzler von The Master’s University. Für Tausende von Absolventen des The Master’s Seminary war er ein Verfechter der biblischen Auslegung. Für zahlreiche Gemeinden und Gemeindehirten im Ausland war er durch die The Master’s Academy International ein Verfechter der Wahrheit. Für seine Gemeinde war er unser lieber Pastor – ein furchtloser Führer in schwierigen Zeiten. Für seine Familie war er ein geliebter Ehemann, Vater, Großvater und Urgroßvater.

Im Mittelpunkt des Dienstes von Dr. MacArthur stand die unerschütterliche Verpflichtung, Gottes Wahrheit zu verkünden. Pastor John predigte das Wort zu jeder Zeit, ob gelegen oder ungelegen. Selbst in den letzten Jahren, obwohl er mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte, hielt er daran fest, zu lehren, zu führen und in die Dienste zu investieren, die der Herr ihm anvertraut hatte. Pastor John war ein Vorbild für wahre Standhaftigkeit gegenüber seinem Herrn Jesus, denn er glaubte, dass das Leben Christus ist und das Sterben Gewinn. Nachdem er den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet und den Glauben bewahrt hatte, wurde Pastor John von seinem himmlischen Meister heimgerufen. Sein Glaube ist nun Wirklichkeit geworden; er ist bei seinem Herrn und hat die Worte gehört: „Wohl, du guter und treuer Sklave!“ (Mt 25,21).

Bitte betet mit uns für Pastor Johns Frau Patricia und seine Familie in dieser Zeit der Trauer, die mit ewiger Freude vermischt ist. Auch wenn unsere Herzen beschwert sind wegen dieses Verlustes, trauern wir nicht „wie die Übrigen, die keine Hoffnung haben“ (1Thess 4,13). Denn diejenigen, die in Christus sterben, gehören ihm, und er verliert keinen einzigen. Das ist die Hoffnung, die Pastor John in seiner letzten Predigtreihe über die Offenbarung verkündet hat: „Das würdige Lamm wird kommen und diese sündige Welt überwinden und für immer regieren. Und wir werden mit ihm regieren. Herrlichkeit über Herrlichkeit über Herrlichkeit. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich sage mit dem Apostel Johannes: ‚Ja, komm, Herr Jesus!‘“

Textquelle

https://gracechurch.org/news/posts/4230 (abgerufen 15.07.2025); eig. Übers. von grace@logikos.club. Bildquelle: © gracechurch.org, 2025. Alle Rechte beim Urheber.

Weitere Nachrufe

Nachruf seitens R. Albert Mohler Jr., Präsident des The Southern Baptist Theological Seminary SBTS in Louisville, KY (USA): A lion of the pulpit, now in Christ’s presence – The relentless expository passion of John F. MacArthur, Jr., 1939-2025 (hier).

Nachruf seitens des Vorstandes des Europäischen Bibel Trainings Centrums (EBTC), das unter der Leitung von John MacArthur 2001 in Berlin gegründet wurde: John MacArthur 1939 – 2025 (hier).

Ein Einwand gegen Gottes Souveränität, der sie beweist (Mike Riccardi)

In Römer 9 erörtert Paulus Gottes absolute Freiheit in seinen Heilsplänen. Er verwendet das Beispiel der Zwillinge Jakob und Esau und erklärt, dass Gottes Entscheidung für Jakob und gegen Esau nichts mit den beiden zu tun hatte. Vielmehr wählte Gott, „damit [sein] Vorsatz nach seiner Wahl bestehen bleibe“ (Römer 9,11b). Diese Wahl wurde „nicht aufgrund von Werken, sondern aufgrund dessen getroffen, der berufen hat“ (Römer 9,12a). Er fährt fort, dass die Erlösung „nicht von dem abhängt, der will oder der läuft, sondern von Gott, der Erbarmen hat“ (Römer 9,16), und untermauert diese Behauptung dann mit dem Hinweis, dass Gott das Herz des Pharaos verhärtet habe, um seine Macht zu demonstrieren und seinen Namen durch die folgenden Ereignisse zu verkünden (Römer 9,17; vgl. 2. Mose 9,16). Paulus fasst seinen Standpunkt dann zusammen, indem er erklärt: „So denn, wen er will, begnadigt er, und wen er will, verhärtet er.“ (Römer 9,18).

Dann nimmt Paulus einen Einwand vorweg: „Du wirst nun zu mir sagen: Warum tadelt er denn noch? Denn wer hat seinem Willen widerstanden?“ (Römer 9,19).

Zunächst wollen wir den Einwand selbst verstehen. Der imaginäre (oder vielleicht nicht so imaginäre) Gesprächspartner des Paulus hat alles verstanden, was Paulus bis zu diesem Punkt über Gott gesagt hat:

  • Er versteht, dass die Erlösung ganz und gar ein Werk der Gnade Gottes ist und gar nichts davon dem Menschen zu verdanken ist.
  • Er versteht auch, dass es Gottes Wille, nicht der Wille des Menschen, ist, der für die Erlösung bestimmend und entscheidend ist (siehe auch Römer 9,16; vgl. Johannes 1,13). Er stellt eine rhetorische Frage, um genau diesen Punkt zu unterstreichen: „Wer widersetzt sich seinem Willen?“ Die Antwort auf diese rhetorische Frage lautet: „Niemand widersetzt sich Gottes Willen!“ „Aber unser Gott ist in den Himmeln; alles, was ihm wohlgefällt, tut er“ (Psalm 115,3). Er spricht: „all mein Wohlgefallen werde ich tun“ (Jesaja 46,10), und „kein Vorhaben [kann ihm] verwehrt werden“ (Hiob 42,2).
  • Er versteht auch, dass Gott den Menschen stets verantwortlich hält, ihn zur Rechenschaft zieht: „Warum tadelt er denn noch?“ (Römer 9,19b).

Die Frage ist also: „Da niemand Gottes Willen widerstehen kann [, sondern diesem völlig ausgeliefert ist], wie kann es dann von Gott gerecht („fair“) sein, dass er immer noch tadelt?“.

Den Einwand verstehen

Dieser Einwand ist für jeden Christen sehr hilfreich, um das Wesen der Souveränität Gottes in der Errettung besser zu verstehen. Denn wie auch immer wir zu den Lehren der Gnade stehen mögen, so müssen unsere Schlussfolgerungen jedenfalls dergestalt sein, dass der Einwand von Römer 9,19 Sinn macht.

Tatsache ist: Dieser Einwand macht nur dann Sinn, wenn drei Dinge wahr sind: (1) Der Mensch muss Buße tun und gerettet werden, wie es Gott befohlen hat. (2) Dem Menschen fehlt die moralische Fähigkeit, Buße zu tun und gerettet zu werden, und: (3) Gott macht den Menschen weiterhin dafür verantwortlich, Buße zu tun und gerettet zu werden, und wird ihn bestrafen, wenn er diesem Befehl nicht folgt.

Philosophisch gesehen macht dieser Einwand nur dann Sinn, wenn „Sollen“ nicht gleichbedeutend mit „Können/Vermögen“ ist – das heißt, wenn ein Befehl nicht unbedingt (implizit) bedeutet, dass der Angesprochene auch in der Lage ist, das zu tun, was ihm befohlen ist. Theologisch gesehen ergibt dieser Einwand nur dann Sinn, wenn die Lehren von der totalen Verdorbenheit des Menschen, der bedingungslosen Erwählung durch Gott und der unwiderstehlichen Gnade im Heil wahr sind.

Es ist für den natürlichen Verstand abstoßend, wenn wir für etwas zur Rechenschaft gezogen werden, das wir nicht fähig sind zu tuninsbesondere, wenn wir festhalten, dass es ein liebender Gott ist, der das verlangt. Und so entwickelten verschiedene Denkschulen alternative Auffassungen von Gottes Souveränität, um Gott vor dem zu bewahren, was sie für ungerecht („unfair“) halten. Keine dieser Alternativen macht jedoch den Einwand in Römer 9,19 verständlich. Betrachten wir kurz drei dieser Alternativen.

Universalismus

Eine dieser alternativen Vorstellungen ist der Universalismus (alle Menschen werden ohne Unterschied gerettet). Gott hat etwas von den Menschen gefordert, das sie nicht in der Lage sind zu erbringen, also kehrt er ihre Sünden unter den Teppich – schließlich sind Kinder Kinder, oder? – und lässt sie vom Haken. Abgesehen davon, dass diese Position offensichtlich im Widerspruch zur Bibel ist, würde sie bedeuten, dass Gott die Menschheit „immer noch tadelt“. Niemand kann seinem Willen widerstehen, also findet er einfach keine Fehler an ihnen. [Anm. d. Üb.: Gott wendet also das Heilswerk auf alle an, ohne diese zu fragen und ohne etwas von irgendjemand zu erwarten und ohne die Ursache des Tadels zu beseitigen.]

Bedingte Erwählung auf der Grundlage vorhergesehenen Glaubens

Eine andere Alternative besteht darin, zu leugnen, dass Gottes Erwählung bedingungslos ist, und stattdessen zu behaupten, dass sie vom Glauben abhängig sei, den Gott in einer bestimmten Person vorausgesehen hat. Anders gesagt: Gott hat Menschen erwählt, weil er im Voraus sah, dass diese ihn eines Tages erwählen würden. Da es für unseren natürlichen Verstand unfair ist, dass Menschen zur Rechenschaft gezogen werden, weil sie etwas nicht getan haben, das sie gar nicht tun können, behauptet diese theologische Position, dass wir vielmehr in der Lage seien, etwas zu tun – nämlich zu glauben –, wobei dieser Glaube dann zur Folge habe, dass Gott uns Gnade gewähre.

Aber wenn diese Ansicht richtig wäre, hätte Paulus‘ imaginärer Gegenredner in Römer 9,19 sicher nicht seinen Einwand gegen Gottes Erwählung erhoben. Es wäre ja kein Rätsel, warum jene, die nicht glauben, „immer noch getadelt werden“. Sie hatten einfach aus freien Stücken nicht den Glauben gefasst, der notwendig ist, um zum Heil erwählt zu werden. (Also geschah Ihnen mit der Nichterwählung völlige Gerechtigkeit – kein Einspruch nötig.)

Unbedingt freier Wille

Eine weitere Alternative, die der vorherigen ähnelt, besteht darin, zu behaupten, dass Gott zwar („absolut“) souverän ist, sich aber in seiner Souveränität dafür entschieden habe, dem Menschen (auch) eine gewisse Art von Souveränität in Form eines völlig freien Willens zu gewähren. Gott gebiete Buße und Glauben, und er werde diejenigen tadeln, die dann nicht Buße tun und glauben. Nach dieser Ansicht tun diejenigen, die nicht Buße tun und glauben, dies, weil sie den freien Willen haben, Gott anzunehmen oder abzulehnen. Gott habe sein Bestes getan und würde jeden retten, wenn er dies könnte, aber er hat die endgültige Entscheidung über die Erlösung völlig dem (freien Willen des) Menschen überlassen. Mit anderen Worten, sie können durchaus mit ihrem freien Willen „seinem Willen widerstehen“.

Auch bei dieser Ansicht ergibt sich, dass der Einwand in Römer 9,19 keinen Sinn ergibt. Es wäre kein Geheimnis, warum Gott diejenigen tadeln würde, die ihn ablehnen. Doch der Gesprächspartner des Paulus behauptet (durch seine rhetorische Frage), dass sich niemand dem Willen Gottes widersetzt.

Die geniale Gnade

Wenn wir also den Einwand, den Paulus in Römer 9,19 rhetorisch erhebt, verstehen wollen, können wir Gottes Souveränität und die Unfähigkeit des Menschen (zu Buße und Glauben) nicht durch eine Berufung auf die bedingte Erwählung seitens Gottes oder den völlig freien Willen des Menschen erklären. Der Einwand von Römer 9,19 ergibt nur dann einen Sinn, wenn die Lehren von der totalen Verderbtheit des Menschen, der bedingungslosen Erwählung seitens Gottes und der unwiderstehlichen Gnade im Heilswirken Gottes biblisch wahr sind.

Aber wie kann das gerecht (o. „fair“) sein? Wie kann Gott dem Menschen etwas ihm Unmögliches befehlen und ihn dennoch zur Rechenschaft für das Nichtbefolgen ziehen? Wie kann er Menschen befehlen, (mittels Buße und Glauben) wiedergeboren zu werden, wenn doch die Rettung und Wiedergeburt vollständig „an dem begnadigenden Gott“ liegt (Römer 9,16; vgl. Johannes 1,12)? Nun, Paulus‘ Antwort ist, den Fragesteller scharf zu tadeln, der versucht, die Gerechtigkeit Gottes in Frage zu stellen: „Wer bist du denn, o Mensch, der du das Wort nimmst gegen Gott?“ (Römer 9,20). Wenn jemand unterfängt, so Gottes Charakter zu kritisieren, hat er ein völlig verbogenes Verständnis davon, was Gerechtigkeit ist („Ist etwa Ungerechtigkeit bei Gott? Das sei ferne!“; Römer 9,14; vgl. 3,5b–6), und sollte sich besser schnell die Hand vor den Mund halten.

Aber es gibt eine Möglichkeit, diese Frage aus dem aufrichtigen Wunsch heraus zu stellen, Gott besser zu verstehen und ihn dafür anzubeten, wie er sich offenbart hat. Und wenn die Frage in diesem Geist gestellt wird, glaube ich, dass es eine klare Antwort gibt. Und die lautet: Gott schenkt seinem Volk das, was er von ihm verlangt.

Das ist das Geniale an der Gnade Gottes: Indem Gott von jedem Menschen etwas fordert, das für diesen unmöglich ist, zeigt er unübersehbar, wie wirklich hilflos und unvermögend der Mensch in Bezug auf seinen geistlichen Zustand ist. Und weil er etwas vom Menschen fordert, das nur Gott selbst vollbringen kann, stellt er unübersehbar seine eigene Fähigkeit und die Fülle seiner Herrlichkeit zur Schau. Wie Paulus dann weiter erklärt, tut er dies, „damit er kundtäte den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen der Begnadigung, die er zuvor zur Herrlichkeit bereitet hat“ (Römer 9,23).

Indem Gott gewährt, was er verlangt, zeigt er sich als das A und O, der alles in Allem ist. Er weist dem Menschen die ihm angemessene Position zu: Er ist ein armer Bettler, der völlig auf das angewiesen ist, was er aus Gottes Hand empfängt. Dann schenkt er uns als unser Wohltäter das, was er von uns verlangt, und gewinnt so unsere Zuneigung, sodass wir ihn als überaus liebenswert, überaus würdig und überaus wunderbar begreifen und ergreifen.

Quellen

Der Artikel wurde adaptiert von: Michael Riccardi: An Objection to God‘s Sovereignty that Proves It, The Cripplegate (March 16, 2012), https://thecripplegate.com/an-objection-to-gods-sovereignty-that-proves-it [abgerufen 30.08.2024]. Eigene Übersetzung (grace@logikos.club).

John F. MacArthur und Richard Mayhue, Biblische Lehre: Eine systematische Zusammenfassung biblischer Wahrheit. EBTC, 3. Aufl. 2023, geb., 1.360 Seiten | ISBN: 978-3947196500. Insbes. Kap. VII Die Errettung und Abschnitt 2 Der Plan der Errettung (S. 648–678).

Concursus Dei – Die Souveränität Gottes und die Verantwortung des Menschen (auf logikos.club).

John F. MacArthur, Göttliche Unveränderlichkeit und die Lehren der Gnade (Orig.: Divine Immutability and the Doctrines of Grace, Übersetzung ins Deutsche auf logikos.club).

Was jeder Christ über Israel und die Palästinenser wissen sollte – 14 Thesen (W. J. Ouweneel)

Willem J. Ouweneel (Oktober 2023)

Durch den Krieg in Israel ist die Debatte über den palästinensisch-israelischen Konflikt wieder stark aufgeflammt. Progressive Abgeordnete setzen sich für Palästina ein und Theologen wenden sich mit einem Manifest gegen die ihrer Meinung nach böse Politik Israels. Und auf der anderen Seite verweisen Christen auf die biblischen Landverheißungen für das Volk Israel. Die aktuelle Debatte ist ein guter Zeitpunkt, um die Frage anhand von 14 Thesen zu klären.

[1] Das Wort »Palästinenser« bedeutet Bewohner Palästinas, gleich welcher Herkunft. Bis in die 1950er Jahre wurden daher auch die jüdischen Bewohner Palästinas als »Palästinenser« bezeichnet. Die heutigen »Araber« (innerhalb und außerhalb Palästinas) haben dagegen kaum ethnische und wenig historische Bindungen; sie haben nur eines gemeinsam: die arabische Sprache. Folglich hat es nie ein »palästinensisches Volk« als eigenständige ethnische Identität gegeben.

[2] Arabisch sprechende Menschen (Muslime wie Christen) haben jedoch seit vielen Jahrhunderten in Palästina gelebt, ebenso wie Juden, und zuweilen sogar mehr als Araber. Es ist daher falsch zu behaupten, das Land Palästina gehöre den arabischen Palästinensern (insbesondere den Muslimen).

[3] Folglich hat es in all den Jahrhunderten nie so etwas wie einen »palästinensischen Staat« gegeben; es gab nur palästinensische Juden und palästinensische Araber unter der Herrschaft der Mamelucken (bis 1517), unter türkischer Herrschaft (bis 1920), unter britischer Herrschaft (bis 1948) und unter jordanischer Herrschaft (bis 1967). Außerdem besaßen die »Palästinenser« im Gazastreifen die ägyptische und die auf den Golanhöhen die syrische Staatsangehörigkeit. Es ist historisch gesehen Unsinn zu behaupten, die Israelis hätten die Gründung eines palästinensischen Staates immer »blockiert«.

[4] Es ist ebenfalls historisch gesehen Unsinn, dass die Israelis 1967 angeblich »palästinensisches Gebiet« besetzt hätten. Was sie taten, war –im Wesentlichen zur Selbstverteidigung–, das ehemals türkische/ehemals britische/ehemals jordanische Gebiet zu besetzen, in dem traditionell sowohl palästinensische Juden als auch palästinensische Araber gelebt hatten. Allerdings gab es in diesem Gebiet Landbesitz von Arabern und die Israelis mussten diesen Landbesitz respektieren, ebenso wie die Araber den von Juden erworbenen Landbesitz respektieren mussten.

[5] Es ist historisch gesehen Unsinn zu behaupten, dass die Israelis stets die Gründung eines palästinensischen Staates »blockiert« hätten. Nach dem Beschluss der Vereinten Nationen (am 29.11.1947) hätten nicht nur die Juden, sondern auch die Araber in den ihnen zugewiesenen Gebieten sofort einen eigenen Staat gründen können, so wie es die Juden dann auch taten (Mai 1948). Unter großem Druck der umliegenden arabischen Länder (die dachten, der Staat Israel würde bald zerstört werden), taten sie dies nicht, was viele bis heute bedauern.

[6] Im Jahr 1948 verließen viele Araber das Gebiet, das seit Mai den Staat Israel bildete. Die Juden hatten hier und da ihren Anteil daran, indem sie sie verängstigten, aber es waren mindestens ebenso sehr die umliegenden Länder, die die arabischen Palästinenser verängstigten; außerdem sagten sie den arabischen Palästinensern, dass ihre Abreise nur von kurzer Dauer sein würde, da sie nach der Niederlage des Staates Israel in ihre Heimat zurückkehren könnten. Dies erwies sich als großer Fehler. Es stimmt nicht, dass die Mehrheit der arabischen Palästinenser eine Zwei-Staaten-Lösung befürworten würde.

[7] Übrigens: Während Hunderttausende von Arabern aus dem neu gegründeten Staat Israel flohen (und bis heute in Flüchtlingslagern untergebracht sind), wurden auch Hunderttausende von Juden aus den umliegenden arabischen Ländern vertrieben (und fanden im neuen Staat Israel eine neue und freie Heimat).

[8] Den Arabern im Staat Israel geht es, obwohl sie dort de facto Bürger zweiter Klasse sind, sowohl wirtschaftlich als auch politisch weitaus besser als den Palästinensern in den genannten Flüchtlingslagern (und im Übrigen sogar besser als den Arabern in den Nachbarländern).

[9] Es stimmt nicht, dass der Großteil der arabischen Palästinenser die Zwei-Staaten-Lösung befürworten würde; oder sie befürworten sie bestenfalls insofern, als es sich um eine vorübergehende Zwischenlösung handelt. Die konsequentesten Muslime (wie sie z.B. von der Hamas, der Hisbollah, dem Islamischen Dschihad und den Machthabern im Iran vertreten werden) wollen nichts anderes als die Zerstörung des Staates Israel (wenn nicht gar des israelischen Volkes). Konsequente wie auch gemäßigtere arabische Muslime haben den Staat Israel daher nie grundsätzlich anerkannt. Die tiefsten Probleme in und um den Staat Israel sind nicht historischer, politischer oder völkerrechtlicher Natur, sondern religiöser Natur.

[10] Die internationale Gemeinschaft wirft Israel »Kolonialismus« und »Imperialismus« vor. Dies ist eine absurde Verdrehung der Geschichte. Es war Israel, das 1947 einer Teilung des Landes und einem internationalen Status für Jerusalem zugestimmt hatte. Es waren die Araber, die, anstatt dem zuzustimmen, immer wieder Krieg gegen Israel geführt haben. Das einzige Mal, als es ihnen gelang, die Altstadt von Jerusalem zu erobern (1948/49), vertrieben sie sofort alle Juden.

[11] Die Stadt Jerusalem kommt im Koran überhaupt nicht vor; es wird lediglich die »äußerste« oder »am weitesten entfernte« Moschee erwähnt, die spätere muslimische Generationen in Jerusalem ansiedelten (al-Aqsa-Moschee bedeutet »äußerste« oder »entfernteste« Moschee). Den Muslimen wurde also nie ein (messianisches) Reich des Friedens und der Gerechtigkeit rund um Jerusalem versprochen, wie es Israel versprochen wurde (ein Versprechen Gottes, das immer noch in Kraft ist). [Muslime wollen vielmehr ein weltweites Kalifat mit geltender Scharia.]

[12] Die Siedlungspolitik Israels ist oft heftig kritisiert worden. Diese Siedlungen (a) existieren jedoch nur in der so genannten C-Zone, die (seit den Osloer Verträgen 1993–1995) die Zone ist, in der Israel (mit dem damaligen Einverständnis der Palästinenser!) die volle zivile und militärische Kontrolle hat; und (b): die fraglichen Gebiete sind nicht von »den« Palästinensern gestohlen, sondern ehrlich von den arabischen Palästinensern gekauft worden (ob das in der Praxis immer so sauber gemacht wurde, lasse ich jetzt mal dahingestellt). Eine politische oder völkerrechtliche Lösung des israelisch-palästinensischen Problems ist daher nicht denkbar. Man wartet also auf das Kommen des Messias.

[13] Das tiefste Problem in und um den Staat Israel ist nicht historischer, politischer oder völkerrechtlicher Natur, sondern religiöser Natur. Seit der Eroberung Palästinas im siebten Jahrhundert ist es für konsequente Muslime unvorstellbar, dass dort ein jüdischer Staat existieren könnte. Was »Allahs Land« [dar al-islam] geworden ist, kann nie wieder an Juden [oder andere »Ungläubige«] abgegeben werden [der Rest der Welt heißt bei den Muslimen dar al-harab = Haus des Krieges]. Umgekehrt ist es für konsequente Juden undenkbar, an einem anderen Ort als dem von Gott den Vätern verheißenen Land zu leben.

[14] Die religiöse Tiefendimension des jüdisch-palästinensischen Konflikts zeigte sich unmittelbar am 7. Oktober 2023, als Hamas-Mitglieder 1.400 Juden unter dem eindringlichen Ruf »Allahu akbar« misshandelten, vergewaltigten und ermordeten, was in diesem Fall so viel bedeutete wie: »Unser Gott Allah ist größer als der Gott Israels!« Nichts könnte deutlicher verdeutlichen, dass es hier zutiefst um einen Kampf in den himmlischen Örtern ging und geht (vgl. Epheser 6,12): einen Kampf zwischen den »Göttern« dieser Welt und dem Gott Israels.

Fazit. Eine politische oder völkerrechtliche Lösung des israelisch-palästinensischen Problems ist daher nicht denkbar. Die arabisch-muslimische Welt wird grundsätzlich niemals in der Lage und bereit sein, einen Staat Israel anzuerkennen, und die Israelis werden niemals in der Lage und bereit sein, ihre Siedlungspolitik aufzugeben oder die Hunderttausende von Flüchtlingen in arabischen Lagern zurückzunehmen. Man wartet also auf das Kommen des Messias und – von Jerusalem aus – auf die Errichtung seines Weltreichs des Friedens und der Gerechtigkeit. Wie ein arabischer Taxifahrer in Jerusalem einmal zu mir sagte: Nur Jesus kann das Problem lösen.

Autor: Prof. Dr. Willem J. Ouweneel (*1944) hat einen Doktortitel in Biologie, Philosophie und Theologie. Der Autor von über 200 Büchern und international gefragte Referent ist emeritierter Professor für Systematische Theologie (Fakultät für evangelische Theologie in Leuven, Belgien). Seine Homepage: http://www.willemouweneel.nl/.
Textquelle: Willem J. Ouweneel, Wat iedere christen zou moeten weten over Israël en de Palestijnen (Link: cvandaag.nl – 23. Oktober 2023). Übersetzt mithilfe von DEEPL; These 14 aus dem u.g. Buch entnommen.
Vertiefung: Eine Vertiefung und Erläuterung der »14 Thesen« erfolgte in einem längeren Interview, das auf YouTube angesehen werden kann (Direktlink). – Auch in einem Buch werden die 14 Thesen ausführlicher dargestellt: Wat iedere christen moet weten over Israël en de Palestijnen – In twintig stellingen. (Driebergen (NL): Aspekt, 04.11.2023); ISBN 9789464870954, 72 Seiten, auch als Kindle-eBook. Deutsche Ausgabe: Was jeder Christ über Israel und die Palästinenser wissen muss – In zwanzig Sätzen [sic!]. (Dribergen (NL): Aspekt, 2024); Taschenbuch, 102 Seiten, ISBN 978-9464871258.

Ergänzungen

Maximilian Felsch, Die Beziehungen zwischen Israelis und Palästinensern. Bundeszentrale für politische Bildung (28.05.2018); Link.

UN-Teilungsplan für Palästina 1947(Deine tägliche Dosis Politik). Bundeszentrale für politische Bildung (29.11.2023); Link. Zitat daraus: »GB hatte Palästina bereits geteilt: in Britisch-Palästina für die jüdische [Bevölkerung] und Transjordanien [ab 1950 Jordanien, s. Karte unten] für die arabische Bevölkerung

Der kleine Anteil für die jüdische Bevölkerung wurde ihr dann nicht gegeben, sondern nochmals geteilt für die arabische (43%) und die jüdische (56%) Bevölkerung. Dieser Teilungsplan für zwei unabhängige Staaten wurde am 29. November 1947 in der UN-Resolution 181 (II) mehrheitlich verabschiedet. Die jüdische Bevölkerung gründete entsprechend dieser Resolution einen souveränen Staat, die arabischsprechende Bevölkerung tat dies jedoch nicht, sondern versuchte, mit kriegerischen Mitteln und die Teilungs-Resolution missachtend alles für sich zu erobern. Dieser »Alles-oder-nichts«-Ansatz scheiterte bis heute, bleibt aber politisches Programm: »From the river to the sea« (von der PLO 1960 bis Hamas in ihrem Grundsatzprogramm 2017).

Bildquelle: https://www.geoplan-reisen.de/arabien-orient/jordanien/

Wer Dank opfert, der preiset mich (Andacht)

Wer Lob [o. Dank] opfert, verherrlicht mich,
und wer seinen Weg einrichtet,
ihn werde ich das Heil Gottes sehen lassen.

Psalm 50,23

Wenn wir als Kinder etwas geschenkt bekamen, wurden wir immer wieder von den Eltern gefragt: „Und wie sagt man?“ – Ja, und dann erwarteten sie, dass wir artig „Danke!“ sagten. Wenn wir etwas haben wollten, dann hieß es manchmal: „Und wie heißt das Zauberwort?“ Dann wussten wir, dass wir das entscheidende Wörtlein „Bitte!“ vergessen hatten. Bitten und Danken – das wollten uns unsere Eltern schon ganz früh beibringen. Dafür bin ich ihnen heute noch dankbar.

Manche Leute können nicht danken. Sie nehmen alles als selbstverständlich hin: Selbstverständlich sind sie zu beschenken und zu bedienen! Und so verarmen sie immer weiter. Wenn wir jemandem danken, dann realisieren wir, dass wir etwas empfangen haben, dass ein anderer uns etwas gegeben hat. Im Danken anerkennen wir, dass wir Empfangende sind und dass es einen Geber gibt, dem wir Dank schulden. Danken macht froh! 

Das hat auch die Psychologie entdeckt. Ein amerikanischer Forscher[1] bat Menschen in einer Studie darum, jeden Abend drei Dinge aufzuschreiben, für die sie dankbar sein konnten. Sechs Monate später waren diese Personen nachweislich fröhlicher und weniger gestresst und niedergeschlagen als die der Kontrollgruppe. Bibelleser wissen dies schon lange! Hoffentlich! Wenn wir im Abendgebet nicht mindestens drei Sachen anführen können, für die wir Gott dankbar sind, dann kranken wir. Dankbarkeit kann man erlernen.

Meine Eltern wussten aus Gottes Wort auch, dass Undankbarkeit Sünde gegen Gott ist. Im Römerbrief Kapitel 1 erklärt der Apostel Paulus, dass die Menschen im Gericht Gottes „ohne Entschuldigung [sind/seien], weil sie, Gott kennend, ihn weder als Gott verherrlichten noch ihm Dank darbrachten“ (1:20-21). Gott hat als Schöpfer jedem Menschen das Leben und viele weitere Zusatzgaben geschenkt, also höchste Gaben. Er hat zudem jedem Glaubenden als Retter die Errettung und ewiges Leben geschenkt. Das ist unfassbar viel und wertvoll.

Gegenüber diesem Gott je undankbar zu sein, kann sich kein Glaubender und keine Gemeinde Gottes vorstellen, denn sie kennen die große Gabe(n) Gottes! Schon vor über 3.000 Jahren rief der Levit Asaph, ein Chorleiter unter David (1. Chronik 15,17ff; 16,7–36), das Volk Gottes auf, Gott Lob und Dank zu bringen. Er erklärt ihnen, dass sie Gott mit all ihren Opfertieren nicht reicher machen könnten, weil Gott sowieso „alles Getier des Waldes, das Vieh auf tausend Bergen“ (Psalm 50,10) gehört. Dann ruft er ihnen zu: „Opfere Gott Lob!“ (Psalm 50,14). Im Schlussvers dieses Psalms erklärt er, warum. Da steht: „Wer Lob opfert, verherrlicht mich“ (50,23a). Das ist das Thema dieser Besinnung.

Gemeinsam Dank opfern in der christlichen Gemeinde

Der Schreiber des Hebräerbriefes fordert 1.000 Jahre nach dem Chorleiter Asaph die Christusglaubenden auf: „Durch ihn [das ist Christus, s. V. 12] nun lasst uns Gott stets ein Opfer des Lobes darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen.“ (Hebräer 13,15). Eine gesunde, vom Geist Gottes bewegte Gemeinde ist davon gekennzeichnet, dass sie beständig („stets“) Gott Lob- und Dankopfer bringt, Ihn also durch ihr gemeinsames Gebet und Lied erhebt und verherrlichtEs möge keine Woche vergehen, ohne dass die Gemeinde sich versammelt zum Namen Jesu und durch Jesus Gott Opfer des Lobes darbringt. Und genau das wollen Glaubende als reich Beschenkte doch! Wir brennen darauf, miteinander Gott zu erheben im Lied und Gebet. Unser Herz ist voller Dankbarkeit. Und so erheben wir den Herrn miteinander. Und gehen nach dem Gottesdienst beglückt hinaus, weil unsere Seelen im Lob Gottes fröhlich geworden sind.

Gerettetsein macht dankbar

Asaph schrieb im Psalm 50 in genialer Kürze und Trefflichkeit auf, wie wir zu Anbetern Gottes wurden, siehe Vers 15: „Rufe mich an am Tag der Bedrängnis: Ich will dich erretten, und du wirst mich verherrlichen!“ Drei Dinge sind es, die er hier sagt: (1) Du erkennst, dass Du in einer großen Not, einem „Tag der Bedrängnis“, steckst. Du wendest Dich im Glauben an Gott und rufst zu Ihm in der Not. Das ist das Beste, was Du tun kannst. Und dann folgt (2): Gott sagt: „Ich will dich erretten!“ Er will es! Glaubst Du dies? Ja, wir werden aus manch großer Not gerettet, vor allem aus der größten Not des Menschen: dass Gottes Zorn wegen unserer Sünden über uns schwebt und das ewige Verderben auf uns wartet. Viele von uns haben daher zum Herrn gerufen und Er hat uns gerettet. Aber wie sieht es dann mit dem Punkt (3) aus: „Und du wirst mich verherrlichen“?

Das ist das Ziel aller Bedrängnisse, die wir hier auf Erden erleben: Wir sollen unsere Not erkennen, zugeben und Gott um Rettung anrufen – und dann nicht stehenbleiben, sondern im Glauben Gott aus ganzem Herzen danken und Ihn im Lob erheben.

Wer weiß, von was er gerettet wurde, kann nicht anders, als den Retter anzubeten

Vor ca. 300 Jahren (1726) schrieb Johann Sebastian Bach eine Kirchenmusik für den 14. Sonntag nach Trinitatis (22.09.1726), und zwar die Kantate „Wer Dank opfert, der preist mich“ (BWV 17). Zur Lesung an jenem Sonntag im Kirchenjahr gehörte die Begebenheit in Lukas 17,11–19, die Heilung der 10 Aussätzigen. Der Herr Jesus hatte alle 10 geheilt, aber nur einer war zurückgekommen:

Einer aber von ihnen, als er sah, dass er geheilt war, kehrte zurück und verherrlichte Gott mit lauter Stimme; und er fiel aufs Angesicht zu seinen Füßen und dankte ihm; und er war ein Samariter. 
Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die zehn gereinigt worden? Wo sind aber die neun? Sind keine gefunden worden, die zurückkehrten, um Gott Ehre zu geben, außer diesem Fremden? Und er sprach zu ihm: Steh auf und geh hin; dein Glaube hat dich gerettet.“ (Lukas 17,15-19). 

Diese 10 Männer hatten alle Aussatz, vielleicht Lepra. Aussatz ist eine schlimme Krankheit. Aussätzige waren gesellschaftsunfähigin beständiger Quarantäne, da ihre Krankheit ansteckend und tödlich war. Ihr Leib verfaulte nach und nach, der Tod kam in Raten, aber er kam sicher. Sie mussten „Unrein, unrein!“ ausrufen, wenn andere Menschen ihnen begegneten, damit diese einen großen Bogen um sie machen konnten. „Social distancing“ gab es auch damals schon! Es gab keine Medizin dagegen. Ihr Fall war hoffnungslos

Aber dann kam der Herr Jesus Christus und heilte die Zehn. Von dieser Seuche geheilt zu werden, war das größte Glück. Aber nur einer kommt zurück. Warum nur einer? Und dann auch noch ein von den Juden verachteter Samaritaner? Vers 19 deutet es an: Er hatte Glauben. Es ging nämlich nicht nur um diese schreckliche äußerliche Krankheit, es ging um die viel schrecklichere innere Krankheit jedes Menschen: die Sünde. Auch die macht gesellschaftsunfähig, ist ansteckend und bringt uns Stück um Stück unausweichlich in den ewigen Tod.

Der Herr Jesus reinigte diese 10 Aussätzigen und so wurden sie geheilt. Einer von Ihnen geht zum Retter zurück. Wir lesen: Er „verherrlichte Gott mit lauter Stimme“, „er fiel aufs Angesicht zu seinen [Jesu] Füßen und dankte ihm“. Der Herr Jesus sagt, was das bedeutete: Er hatte Gott Ehre gegeben, Ihn auf den Knien verehrt, d. h.: angebetet. Ein von der Sünde Geretteter kann gar nicht anders, als vor seinem Retter auf die Knie zu fallen und ihm Lobpreis, Dank und Anbetung zu bringen. Es ist unsere ewige Pflicht und unserer äußerstes Vergnügen, dies als Glaubende und Gerettete miteinander tun zu dürfen!

Im zweiten Teil der erwähnten Bachschen Kantate für den gemeinsamen Gottesdienst singt der Tenor von allen Streichern unterstützt eine dreiteilige Aria mit folgendem Text:

Welch Übermaß der Güte / Schenkst du mir!
Doch was gibt mein Gemüte / Dir dafür?
Herr, ich weiß sonst nichts zu bringen, 
Als dir Dank und Lob zu singen.

Nie soll der Dank, das Lob und die Verherrlichung Gottes in den Häusern und Versammlungsstätten der an Christus Glaubenden verarmen oder verstummen! Nie soll er an zweite oder dritte Stelle zurückgedrängt werden! Lasst uns mit frisch gereinigten und wohl gestimmten Herzen miteinander Gott dieses Opfer unserer Lippen geben, das Er verdient hat (Hebräer 13,15; vgl. Hosea 14,(2)3; Psalm 107,1.8.15.21f.31f; 116,17).

Durch ihn nun lasst uns Gott stets ein Opfer des Lobes darbringen,
das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. (Hebräer 13,15)

Ihm danken wir, Ihn erheben wir! Mit Blick auf den Herrn Jesus, unseren großen Herrn und Retter, lasst uns miteinander wie Paulus beten:

Gott sei Dank für seine unaussprechliche Gabe! (2. Korinther 9,15).

Das muss man besingen!

Ach, wer kann Dich würdig loben,
Großer Gott von Ewigkeit!
Was auf Erden und was droben,
Zeugt von Deiner Gütigkeit.
Du, Du bist des Lobes wert;
Selig, wer Dich preist und ehrt!

Wer kann Deine Lieb‘ ergründen,
Deine Gnade, Deine Huld!
Gabst den Sohn für unsre Sünden,
Sprachst uns frei von aller Schuld.
Du, Du bist des Lobes wert;
Selig, wer Dich preist und ehrt!

Wer kann Deine Größe nennen
Und Dein Wundertun verstehn!
Wer kann, wie Du bist, Dich kennen
Und in Deine Tiefen sehn!
Ja, Du bist des Lobes wert;
Selig, wer Dich preist und ehrt!

(Autor unbekannt)


[1] Martin E. P. Seligman (*1942) lehrt an der University of Pennsylvania, Philadelphia. Seine Forschungsschwerpunkte sind Depression, Optimismus, Positive Psychologie. Vgl. auch: Harvard Health Publishing (Harvard Medical School): Giving thanks can make you happier (14. August 2021) [20.12.0223].

Schlafen und Leben | Eine kurze Besinnung zur Theologie des Schlafens

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, müssen alle Lebewesen schlafen. Manchen sieht man es nicht an: Fische schließen im Schlaf keine Augenlider, Zugvögel fliegen im Schlaf weiter: Mauersegler ununterbrochen bis 300 Tage, in denen sie jedoch wiederholt zehnsekundige Tiefschlafphasen durchlaufen. Delfine, Enten und Flamingos „schlafen“ nur mit einer Gehirnhälfte, die andere bleibt währenddessen wach. Andere Tiere hingegen scheinen immer zu schlafen: Der Koala schläft bis zu 22 Stunden pro Tag, das ist mehr als doppelt so viel, wie das sprichwörtliche Faultier im Urwald. Konkurrenz als Schlafweltmeister bietet der Siebenschläfer, der große Teile des Herbstes, den Winter und sogar den Frühling verschläft.

Wir Menschen brauchen unverzichtbar und in der Regel täglich Schlaf: Rund ein Drittel unserer Lebenszeit schlafen wir. Tun wir das eine Weile nicht, geschehen seltsame Dinge in unserem Körper, unserer Seele, unserem Geist – üble, gefährliche, krankmachende Dinge. Schlafentzug ist unmenschlich, ist Misshandlung und wird tatsächlich als Teil von Folter- und Brain Washing-Methoden (Mind Control, Mentizid, psychologische Manipulation) angewandt. Aber auch in der Burn-Out-Kultur der Erfolgssüchtigen und Gestressten führt dies immer wieder zu entsprechenden tragischen Folgen. (Dass man es aus Faulheit mit dem Schlafen und Schlummern auch übertreiben kann, soll hier nicht vertieft werden; siehe dazu Sprüche Salomons 6,6–11; 10,4–5; 23,19–21; 24,32-34.)

Ausreichender Schlaf gehört also zum gesunden Menschsein, wie Essen und Trinken, Arbeiten und Bewegen. Der Körper fährt im Schlaf hormongesteuert (und dies wiederum naturlichtgesteuert) Reparaturarbeiten, Erregerbekämpfung und Energiespeicherung hoch, damit in der folgenden Wach- und Aktivzeit wieder genügend Kraft, Motivation und Energie vorhanden sind. Vereinfacht gesagt kann man beobachten: Wer zu wenig schläft, begeht mehr Unfälle, fällt häufiger falsche Entscheidungen (daher: „Erst einmal drüber schlafen!“), bekommt eher Infektionen und sogar Krebs. Präsident Bill Clinton sagte einmal, dass jeder größere Fehler, den er machte, mit Schlafmangel einherging. Das sollte uns ausreichend warnen und zum Nachdenken bringen.

Schlaf und Glaube

Unser regelmäßig wiederkehrendes Schlafbegehren erinnert uns daran, dass wir begrenzte Kräfte haben – im Körper, in der Seele, im Geist. Es erinnert uns täglich, dass wir Geschöpfe sind, begrenzte Wesen – und nicht Gott. So zu tun, zu leben oder anzustreben, als brauche man (fast) keinen Schlaf, ist damit ein weiterer zum Scheitern verdammter Versuch der Selbstvergottung, »zu sein wie Gott« (vgl. 1Mose 3,5). Denn der Schöpfer-Gott hat nie Bedarf für Schlummer oder Schlaf, er ist nie müde, er ermüdet niemals, er lebt aus sich selbst, versehen mit unbegrenzter Kraft und unerschöpflicher Energie:

Weißt du es nicht? Oder hast du es nicht gehört? Ein ewiger Gott ist Jahwe, der Schöpfer der Enden der Erde; er ermüdet nicht und ermattet nicht, unergründlich ist sein Verstand. (Jesaja 40,28)

Daher darf der Glaubende sich mit Ruhe und Entspanntheit niederlegen, seine Augen schließen und alle (noch) ungelösten Probleme an Den abgeben, der sowieso beständig über ihm wacht:

Siehe, der Hüter Israels, er schlummert nicht und schläft nicht. (Psalm 121,4)

Der Glaubende hat eine einfache, biblische, praktisch wirksame »Theologie des Schlafens«:

Ich legte mich nieder und schlief. Ich erwachte, denn Jahwe stützt mich. (Psalm 3,6)

In Frieden werde ich sowohl mich niederlegen als auch schlafen; 
denn du, Jahwe, allein lässt mich in Sicherheit wohnen. (Psalm 4,9)

Bei allem Fleiß am Tag, aller Arbeit und allem Mühen, weiß der Glaubende, dass Arbeit nicht alles ist, dass Erfolg mit Abmühen nicht beliebig vermehrbar ist, sondern dass es vielmehr um den Segen des Herrn geht:

Vergeblich ist es für euch, dass ihr früh aufsteht, spät aufbleibt, das Brot der Mühsal esst; so gibt er seinem Geliebten im Schlaf. (Psalm 127,2)

Schlaf und Zweifel

Besonders gefährliche Wirkungen erzeugt Schlafmangel in unserem Denken, Fühlen und Glauben. In einem Kapitel über Zweifel (dort speziell an der Auferstehung Jesu, Johannes 20,24–31) nennt D. A. Carson mehrere Ursachen für Zweifel. Als fünfte Ursache nennt er Schlafentzug:

»Zweifel können auch durch Schlafentzug begünstigt werden. Wer beständig mit seiner Gesundheit Raubbau betreibt, verfällt früher oder später immer mehr in Zynismus – und die Grenze zwischen Zynismus und Zweifel ist sehr schmal. Natürlich benötigt jeder Mensch eine unterschiedliche Menge Schlaf. Manche kommen mit ein wenig Müdigkeit besser zurecht als andere. Wenn Sie jedoch zu den Menschen gehören, die bei Schlafmangel böse, zynisch oder sogar voller Zweifel werden, dann sind Sie moralisch verpflichtet, sich um den nötigen Schlaf zu bemühen. Wir sind ganzheitliche, komplizierte Wesen: Unser körperlicher Zustand ist an unser geistliches Wohlbefinden, an unsere geistige Einstellung, an unsere Beziehungen zu anderen, einschließlich unserer Beziehung zu Gott, gebunden. Manchmal ist das Gottseligste, was man überhaupt tun kann, gut zu schlafen – nicht, um die ganze Nacht zu beten, sondern um zu schlafen. Ich bestreite bestimmt nicht, dass es Gelegenheiten gibt, wo man eine Nacht hindurch betet. Ich möchte nur betonen, dass es zu den guten geistlichen Disziplinen gehört, seinem Körper jene Menge Schlaf zu geben, die er braucht.«

D. A. Carson, Scandalous: The Cross and Resurrection of Jesus (Wheaton, IL: Crossway, 2010), S. 147. (eig. Übers. von grace@logikos.club, 2023; Fettdruck hinzugefügt)

Jeder Mensch braucht für seine ganzheitliche Gesundheit von Körper, Seele und Geist genügend Schlaf – und er braucht diesen offenbar auch für ein gesundes Glaubensleben. Schlafen ist daher (wie bei so vielen Dingen des Glaubens) zugleich moralische Pflicht und süßes Gnadengeschenk Gottes.

Daher, um Gottes Willen: Schlafen Sie gut!

Wie erstelle ich eine Predigt – Ein Kurzleitfaden

Dieser Kurzleitfaden führt in einer Schritt-für-Schritt-Vorgehensweise durch die gesamte Vorbereitung einer exegetischen Predigt (Auslegungspredigt). Er soll Gemeindehirten und Bibellehrer mit den grundlegenden Schritten der Exegese (Auslegung) und Predigtausarbeitung vertraut machen. Wenn hier auch hauptsächlich Grundlagen vermittelt werden, kann selbst der erfahrene Exeget und Prediger damit in seinem wichtigen Dienst ermuntert und an hilfreiche Prinzipien und Wahrheiten seines Dienstes erinnert werden.

Der Prozess der Predigterstellung wird hier in vier Hauptphasen unterteilt: 1. Präparieren, 2. Präzisieren, 3. Produzieren und 4. Präsentieren. Jede Phase ist in spezifische Schritte unterteilt, die den gesamten Prozess durchschreiten:

Phase 1: Präparieren
Schritt 1: Überlegungen zum Prediger selbst: Bin ich bereit zu predigen?
Schritt 2: Überlegungen zum Predigtzweck: Warum predige ich? Warum Auslegungspredigt?
Schritt 3: Überlegungen zum Predigttyp: Welche Art von Predigt werde ich halten?
Schritt 4: Überlegungen zu den Predigtzuhörern: Wer ist meine Zielgruppe?
Schritt 5: Überlegungen zum Predigtziel: Was beabsichtigte ich mit meiner Predigt?
Schritt 6: Überlegungen zur Passage: Über welchen Text werde ich predigen?

Phase 2: Präzisieren
Schritt 7: Erforschung: Was sagt der Text (Teil 1)?
Schritt 8: Erforschung: Was sagt der Text (Teil 2)?
Schritt 9: Erläuterung: Was bedeutet der Text?
Schritt 10: Ermahnung: Wie ist der Text heute anwendbar?

Phase 3: Produzieren
Schritt 11: Fokus (Teil 1)
Schritt 12: Fokus (Teil 2)
Schritt 13: Fluss (Teil 1)
Schritt 14: Fluss (Teil 2)
Schritt 15: Feinschliff

Phase 4: Präsentieren
Zum Ende und Weiterführendes

Quellen

Kurzleitfaden als PDF (610 kB). Übersetzt von Uwe A. Seidel.

Hinweis im Originaldokument mit dem Titel Sermon Builder: »Diese Datei darf unter den folgenden Bedingungen frei kopiert, ausgedruckt und weitergegeben werden: 1. Solange die Dankverweise, das Copyright und/oder die Quellenangaben intakt bleiben. 2. Sie nehmen keine Änderungen am Text vor. 3. Er darf nicht verkauft, sondern nur für die Förderung Ihres Dienstes oder Zeugnisses verwendet werden. Weitere Informationen über die Shepherds‘ Fellowship und wie man ihr beitreten kann, finden Sie unter: www.gracechurch.org/sfellowship/«. Diese Shepherd’s Fellowship existiert inzwischen in dieser Form nicht mehr, sondern wird in anderer Form weiterverfolgt. Von der Grace Community Church in Sunvalley (Los Angeles, CA, USA) wird jährlich eine mehrtägige Shepherd’s Conferenceveranstaltet (https://www.shepherdsconference.org), die Vorträge und Medien der Konferenz sind auf einer Website verfügbar (https://www.shepherdsconference.org/media). (A.d.Ü.)

Was glauben eigentlich die Amerikaner?

Alle zwei Jahre befragt eine Partnerschaft zwischen Ligonier Ministries und LifeWay Research in einer repräsentativen Umfrage erwachsene amerikanische Bürger zu ihren Überzeugungen über Gott, Errettung, Ethik, die Bibel usw. Auch 2022 wurde diese Umfrage zum »Stand der Theologie« in den USA durchgeführt (Stichprobenumfang: 3.000+). Die Ergebnisse und Auswertungen sind auf der Website thestateoftheology.com einzusehen. Teilweise wurden die Antworten der amerikanischen Gesamtstichprobe mit jenen der Untergruppe der „Evangelikalen“ statistisch verglichen. (Welche Kriterien für die Klasse »evangelikal« angewandt wurden, ist auf der Website nachlesbar.)

Zusammenfassende Auswertung

Die Umfrage zum Stand der Theologie 2022 (The State of Theology 2022) zeigt, dass die Amerikaner zunehmend den göttlichen Ursprung und die vollständige Richtigkeit der Bibel ablehnen. Da sie meinen, dass es keinen dauerhaften Maßstab für die absolute Wahrheit gibt, an dem sie sich orientieren können, halten die Erwachsenen in den USA auch zunehmend an unbiblischen Anschauungen in Bezug auf die menschliche Sexualität fest. Im evangelikalen Bereich werden Grundlehren, wie die Gottheit und Exklusivität Jesu Christi oder die Inspiration und Autorität der Bibel, zunehmend abgelehnt. Es gibt zwar positive Trends, wie die Ansichten der Evangelikalen zu Abtreibung und außerehelichem Geschlechtsverkehr, doch ist gleichzeitig auch eine Widersprüchlichkeit in ihrer Ethik zu beobachten, da immer mehr Evangelikale in den Bereichen Homosexualität und Geschlechtsidentität (Gender) eine unbiblische, säkular-ideologische Weltanschauung übernehmen.

Diese Ergebnisse machen deutlich, dass die Gemeinde Jesus Christi (Kirche) sich mehr in der Apologetik und Bibellehre engagieren muss. Ungläubigen wird durch eine gut begründete Darstellung und Verteidigung des christlichen Glaubens geholfen, die Inhalte des christlichen Glaubens richtig zu verstehen. Und den Glaubenden helfen Apologetik und Glaubenslehre, wieder mehr Klarheit und Überzeugung darüber zu gewinnen, was sie glauben, und warum sie das glauben, was sie bekennen. Das Volk Gottes muss vermehrt dem Missionsbefehl Christi gehorchen, indem es den ganzen Ratschluss Gottes in der biblischen Evangelisation und Jüngerschaft weitergibt. Die Not ist groß, aber die Macht und die Verheißungen Gottes können die Gemeinde Jesu Christi dazu befähigen, einer verführten und verfinsterten Welt göttliche Wahrheit und göttliches Licht zu bringen.

Geht nun hin und macht alle Nationen zu Jüngern und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu bewahren, was ich euch geboten habe.

Matthäus 28, 19-20 (ELBCSV)

Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast und wovon du völlig überzeugt bist, da du weißt, von wem du gelernt hast, und weil du von Kind auf die heiligen Schriften kennst, die imstande sind, dich weise zu machen zur Errettung durch den Glauben, der in Christus Jesus ist. Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werk völlig geschickt.

2. Timotheus 3,14-17 (ELBCSV)

Quellen

USA: The State of Theology 2022 – Key Findings.

UK: The State of Theology UK 2018 (by ComRes). Das Vereinigte Königreich ist ein Missionsland geworden: Ein Drittel aller Erwachsenen gab als Antwort auf einfache Fragen des christlichen Glaubens zu: »Ich weiß es nicht!«. Sogar die sog. »Evangelikalen« (ca. 2 Mio.) dort haben teilweise irrige Ansichten über Jesus Christus und den Heiligen Geist.