Ursache und Wirkung– Kleiner Exkurs für gründliches Denken in der Heilslehre

1    Was bezeichnet man als „Ursache“, was als „Wirkung“?

Zuerst ein paar grundlegende Begriffe und ein Überblick über deren semantische Entwicklung.

1. Begriffe: „Ursache“ und „Wirkung“ sind korrelative Begriffe, die zwei unterscheidbare, aber miteinander verbundene Phasen (vorher, nachher) der erlebten Realität in einer Zeitreihe bezeichnen, sodass immer dann, wenn das zeitlich Vorhergehende („Ursache“) aufhört zu existieren, das zeitlich Nachfolgende („Wirkung“) erscheint.

2. Die Vorsokratiker verwendeten den Begriff „Arche“ (gr. archē = Ursprung, Anfang, Grundprinzip, erstes Element), um etwas zu bezeichnen, das vor und zusammen mit anderen Dingen existiert und ohne das andere Dinge nicht existieren würden. Es ist also das Urprinzip, aus dem alles entsteht und durch das alles erklärt werden kann. Für Thales von Milet war es das Wasser, für Anaximenes die Luft, für Heraklit das Feuer, der Wandel. Platon hingegen verwendete „Arche“, um einen Grund zu bezeichnen, warum ein Ding seine wesentlichen Eigenschaften hat, sodass wir es mit einem bestimmten Namen bezeichnen.

3. Aristoteles unterscheidet vier Ursachen (gr. aitía), um zu erklären, warum etwas so ist, wie es ist. Die Frage geht also nach den Ursachen, Gründen oder Prinzipien zur Erklärung einer Sache. Diese lauten (Beispiele folgen weiter unten): 

  • Materialursache/Stoffursache (causa materialis): das, woraus etwas entsteht, geformt oder hervorgebracht wird. 
  • Formursache (causa formalis): das Wesen, das die Natur der Sache ausmacht, die qualitativen Eigenschaften, die sie zu dem machen, was sie ist, sie von anderen Dingen unterscheiden und sie ähnlichen Dingen ähnlich machen. 
  • (Wirkursache oder effiziente Ursache (causa efficiens): der produktive Wirkstoff oder die Kraft, die eine Wirkung hervorbringt. 
  • Zweckursache oder Endursache (causa finalis): der Zweck oder das Ziel einer Sache, um dessentwillen sie bestimmte Eigenschaften besitzt oder von einer Intelligenz hervorgebracht wurde.

Die mittelalterlichen Scholastiker verwendeten und modifizierten diese Prinzipien.

4. Mit dem Aufkommen der Naturwissenschaften in der Renaissance ersetzte „Substanz” die materielle Ursache, und die formale Ursache wurde beiseitegeschoben; „Ursache” wurde hauptsächlich als effiziente Ursache verstanden.

5. Hume, der davon ausging, dass jede Idee aus vorhergehenden Eindrücken oder Empfindungen kopiert wird, führte den Glauben an die „notwendige Verbindung” von Ursache und Wirkung auf die Wiederholung bestimmter Erfahrungen mit einheitlicher Abfolge (konstante Konjunktion) zurück, die im Wahrnehmenden eine gewohnheitsmäßige Erwartung, eine Gewohnheit der Antizipation hervorrufen, durch die der Geist gewohnheitsmäßig von der Wahrnehmung des Vorhergehenden zur Erwartung des Nachfolgenden übergeht.

6. Um die Wissenschaft vor dem Psychologismus Humes zu bewahren, postulierte Immanuel Kant das Prinzip der Kausalität als eine a priori notwendige Kategorie (Form) des Verstandes, die nicht von der Erfahrung abhängig ist, sondern diese konstituiert. Durch diese Form des Verstandes wird empirisches Wissen über die Natur möglich. 

7. J. S. Mill identifizierte die Regelmäßigkeit der Abfolge als das Wesen der Kausalität, wobei „Ursache” als Vorläufer oder das Zusammentreffen von Vorläufern definiert wird, auf die ein Ereignis unveränderlich und bedingungslos folgt.

8. J. H. Poincaré und P. Frank vertreten eine konventionalistische Sichtweise der Kausalität als Definition (oder regulativer Verfahrenskanon) eines Zustands eines Systems.

Einige Quellen dazu: Platon, Phaidon und Timaios; Aristoteles, Metaphysik; D. Hume, Abhandlung über die menschliche Natur, III, und Untersuchung über das menschliche Verständnis; I. Kant, Kritik der reinen Vernunft; J. S. Mill, System der Logik; P. Frank, Philosophy of Science: The Link Between Science and Philosophy (Englewood Cliffs, New Jersey, 1957); J. H. Poincaré, Science and Hypothesis, übers. v. W. J. G. (New York, 1952) und Science and Method, übers. v. F. Maitland (New York, 1952).

Die vier Ursachen nach Aristoteles

Aristoteles hat darüber nachgedacht, wie wir denken und argumentieren, und hat dazu die unserer Sprache und unserem Denken als Menschen eigenen Strukturen erforscht und beschrieben. Er nennt vier unterschiedliche Aspekte dessen, was wir als Ursache bezeichnen. Man muss diese Einteilung nicht übernehmen, sie mag zu wenige, zu viele Aspekte nennen oder teilweise neben der Realität liegen. Trotzdem war sie in zahllosen Diskussionen hilfreich und zeigt sich weiterhin als hilfreich. Man kann damit manchmal vermeiden, dass man aneinander vorbeiredet oder bei der Forschung nach Ursachen Bereiche vernachlässigt, die sich als wichtig erweisen.

Wir wollen hier nun zuerst die vier Ursachen nach Aristoteles anhand eines einfachen Beispiels darstellen und sie dann im nächsten Abschnitt auf ein zentrales Thema der biblischen Lehre (Dogmatik), der Heilslehre, anwenden.

Gegenstand: Ein Bildhauer erstellt eine Marmorstatue, die eine menschähnliche Gestalt darstellt. Jemand sieht sie und fragt nach der Ursache dieser Statue. Mit Hilfe der Einteilung von Aristoteles fragt er sich die folgenden vier Fragen über die Statue (Ding/Sache) und kommt so zu vier Aussagen über die Ursachen der Statue:

  • Stoffursache (causa materialis)
    Frage: Als welchem Stoff besteht das Ding?
    Antwort: Die Statue besteht aus Marmor. 
    Erkenntnis: Ohne dieses Material gäbe es die Statue nicht physisch greifbar.
    Erkenntnis aus dieser Frage: Der Stoff, aus dem etwas gemacht ist.
  • Formursache (causa formalis)
    Frage: Was ist die Gestalt/Struktur des Dings?
    Antwort: Die Statue hat die Form eines bestimmten Menschen oder Gottes. 
    Erkenntnis: Nicht der rohe Marmor, sondern die Gestalt macht sie zur Statue.
    Erkenntnis aus dieser Frage: Das „Was-sein“ oder die Form des Dings.
  • Wirkursache (causa efficiens)
    Frage: Wer oder was bewirkte die Entstehung?
    Antwort: Der Bildhauer Sowieso
    Erkenntnis: Der Bildhauer, der den Marmor bearbeitet, ist die Wirkursache.
    Erkenntnis aus dieser Frage: Der Auslöser oder Handelnde/Wirkende.
  • Zweckursache (causa finalis
    Frage: Wozu existiert das Ding?
    Antwort: Die Statue wurde vielleicht geschaffen, um einen Gott zu ehren, eine Person zu verewigen oder um einen Platz zu schmücken. 
    Erkenntnis: Ohne dieses Ziel wäre die Statue nie entstanden.
    Erkenntnis aus dieser Frage: Das Ziel oder der Zweck des Dings.

Tabellarische Übersicht (mit Beispiel)

UrsacheFrageBeispiel
StoffursacheWoraus?Marmor
FormursacheWas?Gestalt der Statue
WirkursacheWer?Bildhauer
ZweckursacheWozu?Verehrung / Schmuck

Die Ursachen der Errettung (biblisch-reformatorische Sicht)

Wir beantworten nun die Frage nach den Ursachen des ewigen Heils mit den Antworten, die die Heilige Schrift nach reformatorischer Auslegung liefert.

Dieses Vorgehen bedeutet nicht, dass wir dem biblischen Text eine griechisch-philosophische Zwangsmaske oder Schablone aufsetzen, sondern dass wir mit geschärftem Denken an dieses Wunderwerk herangehen und so den einen oder anderen Streitgedanken erkennen, analysieren und ggf. lösen können. Anders gesagt: Denken wird nicht falsch, nur weil es analytisch von einem Philosophen beschrieben wurde. Vermutlich hat Aristoteles nur entdeckt und beschrieben, was Gott in Sprache und Denken gelegt hat (Ähnliches kann man über Logik und Mathematik sagen). Dem Philosophen wird nicht erlaubt, den Inhalten des gedanklich Bewegten beizutragen.

1. Stoffursache (causa materialis)

Frage: Woraus besteht das, was gerettet wird?

Die Bibel lehrt, dass der Gegenstand (die „Materie“) der Errettung der Mensch selbst ist, so wie er im Sündenfall absolut erlösungsbedürftig geworden war, ein sündiger Mensch mit Leib und Seele, bereits als Sünder geboren, unaufhaltsam sündigend, unfähig, sich selbst zu erretten.

Antwort: Die Stoffursache der Errettung ist nicht etwas Gutes im Menschen, sondern der ganze Mensch als verlorener Sünder, an dem Gott handelt.

Schrifthinweis: „Da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer.“ (Römer 3,10)

Erkenntnis: Der Mensch ist das Objekt der Errettung, nicht deren Quelle.

2. Formursache (causa formalis)

Frage: Was macht die Errettung (strukturmäßig) zu dem, was sie ist?

Die Form der Errettung ist nach der Lehre der Heiligen Schrift und den Reformatoren (nur stichwortartig): die Rechtfertigung allein aus Glauben (Basis), also die dem Sünder zugerechnete Gerechtigkeit Christi (extern) sowie stets in Verbindung damit die Heiligung und Erneuerung (Lebendigkeitsprinzip). – Im Kontrast dazu: Die Errettung geschieht nicht durch eigene Werke, eigene Liebe, eigenen Glauben (als Leistung), sie kommt von außerhalb des Menschen (extra nos).

Antwort: Die formale Ursache der Rechtfertigung ist die zugerechnete Gerechtigkeit Christi (Imputation).

Schrifthinweis: „Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm.“ (2. Korinther 5,21)

Erkenntnis: Christi Gerechtigkeit wird juristisch auf das Konto des Glaubenden gebucht. (Der zitierte Bibelvers wird weiter unten noch näher untersucht.)

3. Wirkursache (causa efficiens)

Frage: Wer bewirkt die Errettung?

Hier ist die biblische Antwort eindeutig: Die alleinige Wirkursache der Errettung ist der dreieinige Gott: (1) Der Vatererwählt aus Gnade (Epheser 1,4–5); (2) Der Sohn erwirbt die Erlösung durch Kreuz und Auferstehung; (3) Der Heilige Geist wendet sie wirksam an (Wiedergeburt, Glaube).

Antwort: Die Wirkursache der ewigen Errettung ist allein der dreieinige Retter-Gott. Der Mensch ist nicht Mitursache, sondern Empfänger.

Schrifthinweis: „Also liegt es nun nicht an dem Wollenden noch an dem Laufenden, sondern an dem begnadigenden Gott.“ (Römer 9,16)

Erkenntnis: Gott allein handelt errettend (Monergismus).

4. Zweckursache (causa finalis)

Frage: Wozu geschieht die Errettung? Was ist ihr Ziel?

Das höchste Ziel der Errettung des Menschen ist die Verherrlichung Gottes: die Offenbarung seiner Liebe, Barmherzigkeit und Gnade und die Offenbarung seiner Gerechtigkeit und Heiligkeit sowie die Gemeinschaft mit seinem Volk. Gott wird von den erlösten Menschen ewig Anbetung bekommen.

Antwort: Das letztliche Ziel der Errettung ist das Lob und die Anbetung Gottes, weil er sich im Heilswerk herrlich als Retter-Gott präsentiert und beweist.

Schrifthinweis: „Zum Lob der Herrlichkeit seiner Gnade.“ (Epheser 1,6) – „Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge; ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen.“ (Römer 11,36).

Erkenntnis: Die Seligkeit des Menschen ist real und herrlich, aber nicht der letzte Zweck des Heilswerkes Gottes. Vielmehr geht es letztlich und exklusiv um Gottes Ehre (Soli Deo Gloria).

Tabellarische Übersicht:

UrsacheIn der Errettung
StoffursacheDer sündige Mensch
FormursacheDie zugerechnete Gerechtigkeit Christi
WirkursacheDer dreieinige Retter-Gott alleine
ZweckursacheDie Verherrlichung Gottes

Das Ergebnis dieses Nachdenkens

Die Anwendung der aristotelischen Ursachen zeigt:

  • Der Mensch trägt nichts bei, was Ursache seiner Errettung wäre.
  • Christus ist nicht nur Mittel, sondern Form der Errettung.
  • Gott ist Urheber, Vollender und Ziel der Errettung.

Die Reformatoren haben dies in den bekannten Exklusiv-Partikeln zusammengefasst: Nach der Grundlegung im sola scriptura (allein die Heilige Schrift) folgen aus der Schrift zwingend: Sola gratia – solus Christus – sola fide – soli Deo gloria (allein aus Gnaden – nur in Christus – nur aus Glauben – allein zur Ehre Gottes).

Irrtum und Wahrheit in der Heilslehre

Man kann die Unterschiede zwischen reformiert-monergistischer versus synergistischer Soteriologie anhand des selben Frageschemas nach den Ursachen des Heils systematisch darstellen. Die theologischen Bruchlinien treten tatsächlich entlang dieser vier Aspekte der Heilsursachen zutage (mit „synergistisch“ seien hier kurzgefasst v. a. die römisch-katholische, die arminianische und allgemein alle semi-pelagianischen Vorstellungen bezeichnet).

1. Stoffursache (causa materialis)

Reformiert (monergistisch)

  • Der Mensch ist geistlich tot (Eph 2,1)
  • Keine rettungsfähige Anlage im Menschen
  • Der Mensch ist passives Objekt der Errettung

 → Materia: der verlorene Sünder ohne rettende Disposition

Synergistisch

  • Der Mensch ist gefallen, aber nicht geistlich tot
  • Verfügt über:
    • freien Willen
    • mitwirkungsfähige Natur
    • Fähigkeit zur Kooperation mit der Gnade

 → Materia: der Sünder mit rettungsfähigem Potential

Kurzform: reformiert: Unfähigkeit ↔︎ synergistisch: geschwächte Fähigkeit

2. Formursache (causa formalis)

Reformiert

  • Zugerechnete Gerechtigkeit Christi allein
  • Rechtfertigung ist:
    • forensisch
    • vollständig
    • außerhalb des Menschen (extra nos)

Glaube ist Mittel, nicht Form.

 → Die Form der Rettung ist Christus für uns

Synergistisch

Je nach Modell:

  • eingegossene Gerechtigkeit (römisch-katholisch)
  • oder:
    • Glaube + Treue
    • Anfangsgnade + fortdauernde Mitwirkung
    • Rechtfertigung als Prozess

 → Die Form ist Christus + innere Erneuerung / Kooperation

Kurzform: reformiert: zugerechnet ↔︎ synergistisch: inhärent / kooperativ

3. Wirkursache (causa efficiens) – der zentrale Streitpunkt

Reformiert

  • Gott allein wirkt:
    • Erwählung
    • Wiedergeburt
    • Glaube
    • Bewahrung

Der Mensch wirkt nicht einmal den Glauben, sondern empfängt ihn.

 → Monergismus

Synergistisch

  • Gott gibt Gnade
  • Mensch:
    • nimmt sie an oder lehnt sie ab
    • kooperiert mit ihr
    • vollendet sie durch Gehorsam

Es gibt also zwei wirkende Ursachen: göttliche Gnade UND menschlicher Wille

 → Synergismus

Kurzform: reformiert: eine Wirkursache ↔︎ synergistisch: zwei Wirkursachen

4. Zweckursache (causa finalis)

Reformiert

  • Oberster Zweck: Gottes Ehre
  • Rettung offenbart:
    • souveräne Gnade
    • erwählende Liebe
    • göttliche Freiheit

Die Seligkeit des Menschen ist sekundär.

Synergistisch

  • Zweck verschiebt sich (oft implizit) zu:
    • menschlicher Entscheidung
    • Fairness
    • universaler Heilswille
    • Verantwortung des Menschen

Gottes Ehre bleibt, aber nicht exklusiv bestimmend.

Kurzform: reformiert: theozentrisch ↔︎ synergistisch: teilweise anthropozentrisch

Tabellarischer Gesamtvergleich

UrsacheReformiert (Monergismus)Synergistisch
StoffursacheGeistlich toter SünderGefallener, aber fähiger Sünder
FormursacheZugerechnete Gerechtigkeit ChristiChristus + innere Mitwirkung
WirkursacheGott alleinGott + Mensch
ZweckursacheGottes Ehre alleinGottes Ehre + menschliche Entscheidung

Tiefere theologische Pointe

Der entscheidende Unterschied ist nicht nur pastoral, sondern metaphysisch:

  • Monergismus bewahrt:
    • Gottes Alleinwirksamkeit
    • Gnade als wirklich unverdient
    • Gewissheit des Heils
  • Synergismus führt zwangsläufig zu:
    • teilweiser Selbstverursachung
    • kontingenter Erlösung
    • Verschiebung des Ruhms in Richtung Mensch

Oder zugespitzt: Wenn der Mensch der letzte Unterschied ist, dann ist die Gnade nicht mehr alleinige Ursache.

Die Heilige Schrift lehrt eindeutig das Zusammenhalten von göttlicher Souveränität und menschlicher Verantwortung

Wir müssen nun noch in Kürze darstellen, warum Christen seit der Reformation wieder trotz Beharren auf dem monergistischen Heilswirken Gottes auch die Verantwortung und die Mittel seitens der zu errettenden Menschen betonen. Hier haben wir eine zentral wichtige Frage, bei der oft Missverständnisse entstehen. Die biblische Theologie betont Gottes souveränes, monergistisches Handeln und zugleich die menschliche Verantwortung und die Verwendung realer Mittel – ohne dabei in Synergismus zu fallen. 

Der Schlüssel liegt in der Unterscheidung von Ursache, Mittel und Ordnung.

1. Grundthese (kurz)

Die reformierte Heilslehre sagt gleichzeitig:

  1. Gott allein ist die Wirkursache der Errettung (Monergismus)
  2. Der Mensch ist wirklich verantwortlich
  3. Gott gebraucht wirkliche Mittel, durch die er handelt

 → Verantwortung und Mittel sind keine Mitursachen, sondern von Gott eingesetzte Instrumente.

2. Ursache ≠ Mittel (entscheidende Unterscheidung)

Reformiert:

  • Ursache (causa efficiens)  → Gott allein bewirkt das Heil
  • Mittel (media) → Wort, Sakramente, Glaube, Buße, Gebet

Der Fehler synergistischer Modelle ist: Mittel zu Ursachen zu machen.

Beispiel:

Ein Stift schreibt einen Text.

  • Ursache des Textes: die schreibende Person
  • Mittel: der Stift

Der Stift ist real beteiligt, aber nicht selbstverursachend.

 → So ist der Glaube wirklich aktiv, aber nicht ursächlich rettend.

3. Warum menschliche Verantwortung real ist

Reformierte Anthropologie

Der Mensch:

  • handelt frei gemäß seiner Natur
  • entscheidet wirklich
  • liebt, glaubt, lehnt ab

Aber:

  • seine Natur ist durch die Sünde gebunden
  • daher kann er ohne Gnade nicht zu Gott kommen

Freiheit ≠ Autonomie

Klassisch reformiert:

Der Mensch tut freiwillig das, wozu Gott ihn wirksam bewegt.

 → Das ist keine Zwangshandlung, sondern innere Erneuerung.

4. Verantwortung ohne Mitverursachung

Reformierte Theologie unterscheidet:

  • ontologische Ursache (wer bewirkt?)
  • moralische Verantwortung (wer handelt?)

 → Der Mensch ist verantwortlich, weil er selbst glaubt oder nicht glaubt, nicht weil er die Gnade verursacht.

Biblische Spannung (bewusst festgehalten)

  • Gott wirkt alles (Phil 2,13)
  • Der Mensch handelt wirklich (Phil 2,12)

 → Nicht entweder/oder, sondern beides, in verschiedener Hinsicht.

5. Warum Mittel notwendig sind

Gott wirkt durch Mittel, nicht trotz ihrer. Reformierte Theologie lehnt daher ab:

  • Mystizismus (Gott wirkt ohne Mittel)
  • Fatalismus (Mittel sind egal)
  • Rationalismus (Mittel wirken automatisch)

Beispiele von Mitteln:

  • Predigt → Glaube (Röm 10,17)
  • Taufe & Abendmahl → Stärkung des Glaubens
  • Gebet → von Gott verordneter Weg des Empfangens
  • Gehorsam → Frucht, nicht Ursache

 → Gott ordnet das Ziel und den Weg zum Ziel.

6. Warum das kein Synergismus ist

FrageReformiertSynergistisch
Wer bewirkt das Heil?Gott alleinGott + Mensch
Hat der Mensch Anteil?Ja, instrumentalJa, kausal
Ist Glaube Ursache?Nein, MittelTeilursache
Ist Verantwortung real?JaJa

 → Der Unterschied ist kausal, nicht praktisch.

7. Pastorale und geistliche Konsequenzen

a. Gewissheit

  • Heil hängt nicht an meiner Leistung
  • Gott vollendet sicher alles, was er beginnt

b. Ernst des Rufes

  • Aufruf zur Buße ist echt
  • Unglaube ist schuldhaft

c. Demut

  • Kein Ruhm im Menschen
  • Alle Ehre Gott allein

8. Reformierte Kurzformel

Gott wirkt das Heil allein,
aber nicht ohne den Menschen;
der Mensch wirkt wirklich,
aber nicht ursächlich.

Als Augustinus von Hippo sagte: „Gott wirkt in uns das Wollen und Vollbringen, ohne unseren Willen aufzuheben“ zitierte er dazu zentral den Bibelvers: Bekehre mich, damit ich mich bekehre, denn du bist der Ewige, mein Gott (Jeremia 31,18b). Wir bitten also Gott, dass er selbst unsere Bekehrung bewirkt. Das trieb den britischen Mönch Pelagius auf die sprichwörtliche Palme. Sein Hauptargument war: Wenn Gott den Menschen erst bekehren muss, dann hat der Mensch keine echte Verantwortung für seine moralischen Entscheidungen. Für ihn sollte es eher heißen: „Hilf mir, mich zu bekehren“ (Synergismus) – aber nicht: „Tu es an meiner Stelle.“ (Monergismus). Pelagius ging also davon aus, der Mensch müsse aus eigener moralischer Freiheit zur Umkehr fähig sein. – Hier scheiden sich die Geister der Monergisten (später: die reformiert Lehrenden) und der Synergisten im Heilsverständnis – bis heute! Die westliche Kirche folgte weitgehend der Linie von Augustinus. Die Lehren des Pelagius wurden auf der Synode von Karthago (418 nChr) und später erneut beim Konzil von Ephesus (431 nChr; 3. ökum. Konzil) verurteilt. – Viele Freikirchen, die aus der Reformation entstanden waren, folgen leider dem synergistischen Gedankengut des Pelagius (wenngleich sie die notwendige Rolle von göttlicher „Gnade“ anerkennen, also eher arminianisch argumentieren und manchmal deswegen als „semi-pelagianisch“ bezeichnet werden) und kommen damit in der Heilslehre den Romanisierungsbestrebungen der Gegenreformation stark entgegen. Im Falle der Kirchen des Lutherischen Weltbundes scheint die dogmatische Gleichschaltung oder Selbstaufgabe als „Lutheraner“ schon fast vollzogen zu sein (Gemeinsame Erklärung).

Noch etwas zur Formursache (causa formalis) der Errettung

In der christlich-reformierten Theologie ist die Formursache (causa formalis) der Errettung eindeutig die zugerechnete Gerechtigkeit Christi.  Die beste und klassischste Bibelstelle dafür ist 2. Korinther 5,21:

„Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, 
damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm.“ 
(2. Korinther 5,21)

Diese Stelle ist paradigmatisch:

1. Sie beschreibt Form, nicht Ursache oder Mittel

  • Es geht nicht darum, wie wir glauben (Mittel),
  • oder wer rettet (Wirkursache),
  • sondern was unsere Gerechtigkeit ist, durch die wir gerecht sind.

 → Wir werden nicht gerecht durch Veränderung in uns, sondern durch etwas, das wir in ihm [Christus] sind.

2. Sie lehrt ausdrücklich Zurechnung (Imputation)

  • Unsere Sünde → Christus zugerechnet
  • Christi Gerechtigkeit → uns zugerechnet

 → Das ist exakt das, was reformierte Theologie mit der forma iustificationis meint. Nicht: „damit wir gerecht gemacht würden, sondern: „damit wir die Gerechtigkeit Gottes würden

3. Sie schließt synergistische Modelle aus

  • Keine Rede von:
    • innerer Mitwirkung
    • eingegossener Gerechtigkeit
    • fortschreitender Rechtfertigung

 → Die Form der Rechtfertigung ist Christus extra nos, nicht etwas in uns.

Klassische reformierte Bestätigung

  • Calvin (Inst. III,11,2): „Christus’ Gerechtigkeit wird uns zugerechnet, als wäre sie die unsere.“
  • Westminster Confession (XI,1): „…nicht indem ihnen Gerechtigkeit eingegossen wird, sondern indem ihre Sünden vergeben und sie als gerecht angenommen werden.“

Weitere wichtige Parallelstellen

BibelstelleAussage
Römer 5,19„so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen in die Stellung von Gerechten gesetzt werden“
Römer 4,5„Dem aber, der… an den glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, wird sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet“
Philipper 3,9„indem ich nicht meine Gerechtigkeit habe, die aus dem Gesetz ist, sondern die, die durch den Glauben an Christus ist – die Gerechtigkeit aus Gott durch den Glauben“
Jesaja 53,11„Durch seine Erkenntnis wird mein gerechter Knecht die Vielen zur Gerechtigkeit weisen [O. den Vielen zur Gerechtigkeit verhelfen, o. die Vielen gerecht machen].“

Fazit: Die Formursache der Errettung ist nicht der Glaube, sondern die zugerechnete Gerechtigkeit Christi. 2. Korinther 5,21 ist die klarste biblische Formulierung dazu.

Warum die Gleichsetzung »Öl = Heiliger Geist« exegetisch nicht trägt

Auslegungstraditionen mit starkem Hang zur allegorischen Methode sind immer noch aktiv in verschiedenen Gruppen der Gemeinde Jesu Christi. Als ich vor einiger Zeit auf einem »Bibeltag« einer Freikirche in Tradition der Elberfelder »Brüderbewegung« war, trat ein Ältester auf, der sich als Thema Lektionen aus dem Buch der Richter gesetzt hatte. Gleich zu Anfang sagte er, dass er nicht nur den Bibeltext behandeln wolle. Nein, er wolle nicht »oberflächlich« bleiben, sondern mit uns tiefer in den »geistlichen Sinn« des Bibeltextes abtauchen. Dazu brauche es ein Vokabelheft, in das man beim Lesen der Bibel eintrage, wofür bestimmte Begriffe in der Bibel geistlich stünden, sozusagen ein Übersetzungsbuch für das Erfassen der »geistlichen Bedeutung« eines Bibeltextes. Dann gab er Beispiele, wofür die Sonne, ein Hammer, Wasser, Öl usw. in der Heiligen Schrift geistlich stünden. Dieses geistliche Deutungsbuch versetze den Christen nun in die Lage, inneres, dem normalen Christen verborgenes, tieferes Wissen zu erlangen. Das ist aber die klassische Zumutung eines Esoterikers.

Eine dieser »Übersetzungs«-Codes ist die Formel: »Öl = Heiliger Geist«. Exegetisch bedeutete dies also, dass immer dann, wenn im Text von Öl zu lesen war, tatsächlich auf »geistlicher Tiefenebene« der Heilige Geist gemeint sei. Vielleicht kann sich der »normale« Bibelleser vorstellen, wie schnell man sich mit solchen falschen und falsch-vereinfachenden Auslegungsregeln in Widersprüche und Unsinn verstricken kann. Das Fatale daran ist, dass der diese Regeln Anwendende meint, besonders heilige und tiefe Gedanken zu erfassen, und mithin selten bereit ist, sich korrigieren zu lassen. Esoterisches Denken war schon immer ein Elitedenken.

Wie steht es also mit der Symbolik von Öl in der Heiligen Schrift? Natürlich kann man einige Stellen in der Heiligen Schrift finden, wo die genannte Deutung durchaus richtig ist. Die Bibel verwendet immer wieder typologische und symbolische Sprache. So werden tatsächlich Menschen in Israel in Ämter von Gott eingesetzt durch »Salbung« mit Öl, z.B. Könige, Priester und Propheten. Andere Beispiele mit symbolischen rituellen Handlungen könnten angeführt werden, auch im Neuen Testament. Jeder Christ sollte z.B. die Symbolik von Brot und Kelch (Wein) kennen, wenn es um die »Verkündigung des Todes des Herrn« im Herrenmahl geht. Jesus selbst erläutert: »dies ist mein Leib« und »dies ist mein Blut« (vgl. z.B. Mt 26,26–28) bei der symbolischen Handlung des Essens und Trinkens von diesen physischen, nun aber symbolhaft mit geistlicher Bedeutung aufgeladenen, Dingen. Vor und nach dieser symbolhaften Handlung im Kultus sind dieses Brot und dieser Wein jedoch ganz gewöhnliches Brot bzw. Wein, eine Transsubstantiation in den realen Leib bzw. Blut Christi fand nicht statt, hier irrt die röm.-kath. Kirche gewaltig (letztlich macht sie den Priester zum Zauberer, und Gott durch magische Handlungen verfügbar).

Die Problematik einer pauschalen Gleichsetzung von Typen oder Symbolen mit einem einzigen Deutungsinhalt soll anhand des Gleichnisses von den zehn Jungfrauen in Matthäus 25,1–13 aufgezeigt werden. Dabei wird folgende These verfolgt: Die verbreitete Gleichsetzung des Öls mit dem Heiligen Geist ist beim Gleichnis der zehn Jungfrauen (Matthäus 25,1–13) bibeltheologisch nicht haltbar, da das alttestamentliche und frühjüdische Bildfeld von »Öl« keine einheitliche pneumatologische Bedeutung (auf den Heiligen Geist) kennt und die Bildlogik des Gleichnisses zentrale Eigenschaften des Heiligen Geistes konterkariert (dem entgegensteht, widerspricht). Dazu folgende Überlegungen.

1. Hermeneutischer Ausgangspunkt: Symbole sind kontextabhängig

Biblische Symbole sind polysem, d. h. sie tragen je nach literarischem und situativem Kontext unterschiedliche Bedeutungen. Eine pauschale Fixierung eines Symbols auf einen einzigen theologischen Sachverhalt ist methodisch unzulässig, wenn der Kanon der Heiligen Schrift stabil eine Bedeutungsvielfalt belegt.

Wer also »Öl« grundsätzlich und ausschließlich als Geist-Symbol liest, setzt eine theologische Vorentscheidung (»Brille«) an die Stelle genauer Textbeobachtung. Pointiert gesagt betreibt er Eisegese (»Hineinlegung«) anstelle von Exegese (»Auslegung«).

Wir müssen bei der Auslegung von Symbolen (wie auch der gesamten Schrift) stets den speziellen Kontext der betrachteten Stelle beachten. Daraus folgt: Eine Aussage, dass »Öl« hier oder da als Hinweis auf den Heiligen Geist zu verstehen sei, ist hilfreich und kann zum Bedeutungsspektrum dieses Symbols beitragen, klärt aber mitnichten, was »Öl« an einer anderen Stelle konkret bedeuten mag. (Dies gilt ebenfalls für die beliebten »Wortstudien«, die zwar das Bedeutungsspektrum eines Begriffs aufzeigen können, aber nie die Bedeutung an einer konkreten Stelle abschließend klären.) Das aber ist die spannende Frage, wenn man eine Stelle bzw. eine Perikope wie Matthäus 25,1–13 auslegen will.

2. Alttestamentlicher Befund: Öl ist nicht exklusiv ein Symbol des Geistes Gottes

Im Alten Testament erscheint Öl in mehreren stabilen Bedeutungsfeldern, die keinen direkten Bezug zum Heiligen Geist haben, z.B.:

  • Alltags- und Wirtschaftsgut:
    1Könige 17,12–16 (Öl als lebensnotwendige Ressource in der Hungersnot); 
    Hosea 12,2; Hesekiel 27,17 (Handelsware).
  • Gesundheitspflege, Medizin:
    Amos 6,6; Ruth 3,3; Prediger 9,8, Matthäus 6,17 (Körperpflege);
    Jakobus 5,14 (Medizinische Anwendung; aleiphō statt )
  • Metapher für Wohlstand und Freude:
    Psalm 23,5; 5Mose 8,8.
  • Verderbliches Qualitätsprodukt:
    Prediger 10,1 (Öl des Salbenmischers wird durch Fliegen verdorben).
  • Objekt von Gericht und Mangel:
    Joel 1,10 (Öl versiegt im Gericht).

Schlussfolgerung:
Das alttestamentliche Bildfeld widerlegt jede ontologische Gleichsetzung von Öl und Geist [1]. Am ehesten wird sich die Deutung bei kultischen Zusammenhängen (d.i. betreffs des Gottesdienstes) auf Anwesenheit der Personen der Gottheit richten. So kann man Öl in der kultischen Verwendung als Hinweis auf den Heiligen Geist deuten, siehe 2Mose 27,20 und 3Mose 24,2 (Öl als Brennstoff für den Leuchter im Heiligtum, einzige Lichtquelle für den Dienst im Heiligtum über die Öllampen der Menorah). In Matthäus 25,1–13 dient das Öl als Brennstoff für die »Lampen« (λαμπάδες) der feierlichen nächtlichen Prozession.

Das Problem liegt nicht im Gleichnis, sondern eher in der nachträglichen allegorischen Fixierung des Öls auf die Person des Heiligen Geistes.

3. Salbungstexte: funktionale Nähe, aber keine Identität mit dem Heiligen Geist

In Texten wie 1Samuel 16,13 oder Jesaja 61,1 steht Öl im Kontext von Salbung zur Beauftragung, während zugleich der Geist Gottes als ermächtigende Gegenwart genannt wird. Hier besteht eine theologische Korrelation, aber keine bildinterne Gleichsetzung. Das Öl bzw. dessen rituelle Verwendung wird zum Zeichen göttlicher Beauftragung, mithin wird im Öl die wirksame (autorisierende) göttliche Gegenwart angedeutet.

Trotzdem müssen wir auch hier genau hinschauen. Aus dem Zusammenlaufen von Salbung mit Öl und Hinweis auf göttliche Autorisierung bei diesen Berufungsstellen folgt nicht für alle »Öl-Stellen«, dass »Öl« stets als »der Heilige Geist« zu lesen wäre. Auch hier hilft es, den Kontext zu beachten.

4. Bildlogik kontra Geistlehre Jesu in den Evangelien

Die Handhabung des Öls im Gleichnis von den Zehn Jungfrauen (Vorrat anlegen, verbrauchen, nachkaufen, nicht teilen) steht in –m.E. unüberwindbarem– strukturellem Gegensatz zur neutestamentlichen Lehre vom Heiligen Geist (Pneumatologie). In ähnlicher Zeit im Leben Jesu (Abschiedszeit) redet der Sohn Gottes ausführlich im »Obersaal« mit seinen Jüngern. Dort können wir beobachten, wie Jesus über diese göttliche Person redet (Johannes 14–16). Wir lernen: Der Geist Gottes ist nicht disponibel, nicht käuflich, nicht verwaltbarer Besitz. Er ist keine Sache, sondern eine göttliche Person mit göttlicher Souveränität, damit jeder menschlichen Verfügungsgewalt enthoben, nicht teilbar oder mitteilbar. Er ist auch nicht messbar oder abmessbar. Im Gleichnis wird das Öl jedoch als ökonomisch disponibel behandelt, und zwar durchgehend.  Der Geist Gottes ist aber Beziehungswirklichkeit, nicht menschlich disponierbarer Vorrat.

Man könnte diesen Einwurf evtl. mit Verweis auf die Beschränktheit der Bildebene des Gleichnisses zurückweisen. Und in der Tat: Gleichnisse arbeiten mit Bildern des Alltags, nicht mit systematischer Theologie. Man darf daher keine vollständige Entsprechung zwischen Bildbereich und Sachbereich erwarten. Genauso gilt aber auch, dass eine mangelnde Entsprechung der Rede die Gleichnishaftigkeit und sogar die Verständlichkeit raubt. Der Bildbereich darf den Sachbereich nicht in zentralen Zügen konterkarieren. Dass dies hier strukturell geschieht, deutet folgende Tabelle an:

Unproblematische BildabweichungProblematische Bildabweichung
Öl = Geist, obwohl der Heilige Geist keine Flüssigkeit ist (vgl.: Wind, Feuer u.a.)Öl = käuflich / disponibel, Geist = Gabe Gottes
Lampe = Glaube (metaphorisch)Öl-Vorrat zur Disposition des Menschen vs. Geist als personale Gegenwart Gottes
Licht braucht EnergieGeist ist nicht »Energie-Reservoir«

Man versucht das offensichtliche Nichtpassen zwischen Bild und Sache damit zu verteidigen, dass man die nicht passenden »Details« im Gleichnis zur »Nebensache« erklärt und damit ausblendet. Meist fehlt dabei aber die exegetische Berechtigung für dieses Werten, häufig offenbart es Zirkelschlüsse (man versucht, etwas zu beweisen, und setzt beim Beweis das zu Beweisende bereits voraus; das beweist aber gar nichts).

Besser ist es, wenn wir darüber nachdenken, dass eine Gleichsetzung des Öls mit dem Heiligen Geist (nebst der mangelnden Kohärenz der Bildzuordnung im Gleichnis) vor allem eine theologische Inkohärenz zwischen Gleichnislogik und Jesu Geistverständnis (und wie er über Ihn redet, s. Johannes 14–16 u.a.) erzeugt. Das ist kein leicht zu nehmender Einwurf.

5. Kontext von Mt 24–25: Öl als Hinweis auf das Vermögen zum Ausharren

Vielleicht der offenbarste und klarste Hinweis auf den Kreis, innerhalb dessen wir den Sinn dieses Gleichnisses zu suchen haben, ist der Kontext. Das Gleichnis der Zehn Jungfrauen steht in einer Kette von vier Gleichnissen der Endzeitrede, die das »Warte«-Motiv behandeln. Die gesamte »Endzeitrede« Jesu antwortet auf die Frage der Jünger: »Sage uns, wann wird das sein, und was ist das Zeichen deiner Ankunft und der Vollendung des Zeitalters?« (Matthäus 24,3). Sie beziehen sich dabei auf die frappierende Aussage Jesu Christi über den Herodianischen Tempel, der seinerzeit ein bestauntes Weltwunder war: »Wahrlich, ich sage euch: Hier wird nicht ein Stein auf dem anderen gelassen werden, der nicht abgebrochen werden wird.« (Matthäus 24,2).

Erstaunlicherweise beantwortet Jesus diese Frage nicht mit Angabe eines Kalenderzeitpunkts oder eines kalendarisch verortbaren Ablaufs. Er stellt zwar sicher, dass die Geschichte einem sicheren Zielpunkt (Kulmination, Gerichtstag u.a.) zuläuft, also definitiv ein Ende hat, aber er redet dann nicht über Zeiten und Zeitpunkte, sondern über die innere Haltung derer, die von solchem Ende wissen. Der Herr sagt mehrfach, dass Warten und Ausharren notwendig sein wird. Es wird also bis zu jenem Zeitpunkt eine längere Zeit dauern, als allgemein gewünscht und erwartet. 

Jesu Antwort verschiebt den Schwerpunkt der Frage der Jünger (nach Zeichen (σημεῖον), Zeitpunkt (πότε) und endzeitliche Vollendung (συντέλεια τοῦ αἰῶνος) auf die Schwerpunkte: keine Datierung (24,36), Warnung vor Scheinsicherheit (24,4–5; 24,23–26), richtige Einstellung in der Wartezeit (24,42–51; 25,1–30) sowie eine Gerichtsperspektive (25,31–46). Er erklärt also weder »Zeiten und Zeitpunkte«, also einen zeitlichen Ablauf, sondern ermahnt die Jünger mit einem: »So sollt ihr leben, solange die Wiederkunft mit Bräutigam und Reich sich verzögert!«. Dieses ethische Motiv der Treue hatte der Herr Jesus bereits mehrfach angeschnitten und wird es weiter betonen:

  • »Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden.« (Matthäus 24,13)
  • »Wer ist der treue und kluge Knecht?« (Matthäus 24,45)
  • »Du treuer Knecht … über Wenigem treu.« (Matthäus 25,21)

Im Kontext der »Endzeitrede« (Matthäus 24,3.13.42–51) fungiert das Öl also eher als narrativer Ausdruck für eine die über Zeit gewachsene, nicht delegierbare oder kaufbare Bereitschaft und Treue der Jüngerschaft in der Verzögerung der Wiederkunft Christi (Parousie). Das Öl steht also funktional für das, was treues Ausharren tragfähig macht – nicht für den Heiligen Geist selbst.

Nochmals, in einem Satz: Das Öl ist nicht der Heilige Geist, sondern das, was der Heilige Geist im Leben eines Menschen für den Bräutigam hervorbringen mag – und was man nicht in letzter Minute ersetzen kann.

Wir weiten nun unseren Blick von der Deutung des Öls zur generellen Methodik der Exegese dieser Perikope, die hier wohl zu wenig beachtet wird.

6. Nichtbeachtung des Genres

Gleichnisse im NT (auch bei Matthäus) sind funktionale Erzählungen mit einer Leitabsicht, einer Hauptaussage (selten mit mehreren Hauptgedanken). Sie sind keine System-Allegorien, in denen jedes Detail 1:1 theologisch «aufgelöst«/»gedeutet« werden dürfte oder gar müsste. Jemand hat festgestellt, dass man mit Allegorisieren jeden gewünschten Sachverhalt aus fast jedem beliebigen Text »ableiten« könne. Erfunden wurde diese Deutungsmethode von den Griechen, um als unangenehm empfundene Aussagen in ihren alten Schriften umdeuten zu können. Die Juden in Alexandria übernahmen diese Allegorisierungsmethode von den Griechen mit gleicher Absicht (die Patriarchengeschichte enthält vieles als peinlich und grob Empfundene). Die Christen taten es dann den Juden nach… 

Hier haben wir jedenfalls ein Gleichnis vorliegen: »Dann wird das Reich der Himmel zehn Jungfrauen gleich werden…« (25,1). Ein Gleichnis hat meist nur einen Leitgedanken, einen oft frappierenden Gedanken. Dieser Leitgedanke wird hier ausdrücklich im letzten Satz genannt: »Darum wacht!« (Matthäus25,13). Das ist die Lehre und Redeabsicht dieses Gleichnisses. Es geht also rhetorisch und gattungstheoretisch nicht um Ekklesiologie, sondern um Ermahnung. Das Gleichnis beantwortet nicht das «Wann?« des Kommens des Bräutigams, sondern das »Wie lebt man bis dahin?«.

Die Figuren und Handlungen im Bildbereich »außenherum« dienen der Fokussierung auf Wachsamkeit, nicht aber dem Allegorisieren, mithin auch nicht der Identifikation der Kirche als Braut (von der ja gar nicht die Rede ist!). Also: Ein Allegorisieren eines Gleichnisses ist ein grundsätzlicher Missgriff bei der Auslegung.

7. Gleichnisse bedürfen zum Verständnis Kenntnis des historischen Kontextes

Im antiken jüdischen Hochzeitsritus warteten Brautjungfern (παρθένοι) mit Lampen auf den Bräutigam, um ihn in den nächtlichen Zug zu begleiten, oder sie begleiteten die Braut ins neue, vorbereitete Heim. Alfred Edersheim (The Life and Time of Jesus The Messiah, Grand Rapids, MI (USA): Eerdmans, 1971, Buch V, S. 455ff) deutet darauf hin, dass es insofern eine ungewöhnliche Hochzeit war, als der Bräutigam von weit her (also nicht aus dem gleichen Dorf) kam und irgendwann eintreffend zum Haus der Braut ging. Die Brautjungfern sollten ihn vor dem Dorf begegnen und dann zum Haus der Braut begleiten. Sie warteten natürlich im Dorf, nicht auf der Landstraße draußen, auf die Kunde, dass der Bräutigam sich dem Dorfe nähere. Dass dies geschehen sollte(in selber Nacht) war wohl bekannt, aber die Stunde des Eintreffen nicht. Das Setting ist aus der Erlebniswelt der Jünger ist jedoch plausibel und für Jesu Hörer sofort verständlich. Für uns ist erst einmal eine kulturelle Distanz zu überwinden, da wir anders Hochzeit begehen (siehe Anhang 2 unten).

Die Hauptfigur des Gleichnisses ist erstaunlicherweise nicht die Braut, sondern die unterschiedlich vorbereiteten Wartenden, weil das Gleichnis den Wartezustand der (jüdischen) Jüngerschaft bis zur Wiederkehr (»Ankunft«) des Messias Jesus Christus dramatisiert und die unterschiedlich bereiten Gruppen benennen will. Dies wäre bei der Einzelperson der Braut nicht möglich. Daraus kann man schließen, dass die Wahl der Figuren der Pragmatik der Erzählwelt und der beabsichtigten Lektion (Lehraussage und vor allem die paränetische Ermahnung) folgt, nicht primär einer ekklesiologischen Typologie oder einer bestimmten vorgefassten Eschatologie.

8. Näherer Kontext: Die Endzeitrede

In Matthäus 24–25 richtet Jesus die Endzeitrede an die Jünger. Die Abfolge der Gleichnisse (treuer Knecht, zehn Jungfrauen, anvertraute Talente) fokussiert auf das Verhalten der Wartenden mit Blick auf das unbekannte Ende des Wartens:

  • Matthäus 24,45–51: Treue im Dienst
  • Matthäus 25,1–13: Wachsamkeit im Warten
  • Matthäus 25,14–30: Verantwortung im Umgang mit anvertrauten Gütern

Die Jungfrauen sind im Gleichnis die Wartenden. Wer von ihnen wegen mangelnder Vorsorge nicht genügend Öl hatte, konnte an der Prozession nicht teilnehmen, er verpasst sie. Aber er wird auch von der Hochzeitsfeier selbst ausgeschlossen mit scharfer Ablehnung durch den Bräutigam. Es gibt also am Ende ein Drinnen und ein Draußen für die Eingeladenen: die einen feiern mit, die anderen sind ausgeschlossen. Die Anfrage des Gleichnisses ist also: Wo stehst Du? Das hält die Perspektive konsequent paränetisch (ermahnend). Insofern ist diese Ermahnung übertragbar auf andere Wartesituationen ähnlicher Art. Hier verorten sich dann Übertragungen auf die Gemeinde, die allerdings nicht auf die Zweite Erscheinung Christi als nächstes wartet, sondern auf die Entrückung.

Fazit

Die pauschale Deutung »Öl = Heiliger Geist« ist:

  • bibeltheologisch ungesichert (AT-Befund),
  • bildlogisch inkohärent (Verfügbarkeit des Öls),
  • kontextuell unnötig (die Pointe des Gleichnisses erschließt sich ohne diese Fixierung).

Eine textnahe Deutung versteht das Öl als Symbol für gelebte, über Zeit aufgebaute Bereitschaft und Treue, die die Verzögerung bis zur Erscheinung des Herrn Jesus Christus trägt. Unbenommen bleibt bei dieser Deutung, dass der Heilige Geist ganz sicher diese Bereitschaft des Ausharrens bewirkt und ermöglicht, ohne dass man seine hochgelobte Person deswegen sklavisch vereinfacht in der ganzen Bibel mit dem Symbol gleichsetzen muss.

Vom Grundsatz ausgehend, dass Jesus mit Gleichnissen nicht jede Einzelkomponente allegorisch verstanden haben will, wird dann eine Auslegung nahegelegt, bei der nicht Einzelkomponenten im Bildbereich, sondern der Gesamtgedanke von Wachsamkeit und Beziehung hervorgehoben wird (siehe Gleichnisfazit im letzten Satz durch Christus selbst!).

Anhang 1: Weitere problematische Herangehensweisen

1. Gleichsetzung von Israel mit der christlichen Gemeinde

Die Dogmengeschichte der Christenheit zeigt, dass leider nach wenigen Jahrhunderten bereits die Auffassung Gewicht gewann und viele Kirchenlehrer kennzeichnete, dass die christliche Kirche Israel als Volk Gottes völlig ersetzte habe. Damit wurden dann alle Segnungen, die Israel verheißen wurden, »geistlich« umgedeutet auf die christliche Kirche. Israel hätte damit keine Zukunft (wie biblisch verheißen) mehr, alles ginge in der Gemeinde auf. (Wir vertreten diese Ersatz-Theologie nicht, auch keine Bündnistheologie.)

Aber selbst bei solchen, die aufgrund gleichbleibender Hermeneutik zu anderer Schlussfolgerung geführt werden, werden Bibelstellen, die sich explizit auf Israel beziehen, oft unreflektiert auf die Gemeinde des Neuen Testaments gedeutet. Oftmals wird dies begleitet von der Frage: »Was bedeutet dieser Text jetzt praktisch für mich?« Diese Frage ist wichtig und unverzichtbar, aber sie kommt erst, wenn vorher die Auslegung geklärt wurde, also die Frage: »Was hat der Heilige Geist und der geführte Autor ausgesagt? Was war seine Absicht mit dem, was er schrieb?« Denn jede wahre (=göttlich gemeinte) praktische Anwendung (subjektiv) muss gegründet sein in wahrer Auslegung (was meint die Stelle objektiv), sonst ist sie reine Spekulation, die wahr oder falsch sein kann, jedenfalls aber keine Autorität besitzt. Der biblische Glauben muss stets sagen können: »Es steht geschrieben!«. Pointiert gesagt: »Die Bedeutung/Auslegung der Schrift ist die Schrift!«. Es sind ja nicht die Buchstaben und Wörter, sondern was damit tatsächlich ausgesagt wird, was unser Verständnis ermöglicht, unsere wiedergeborene Seele ergreift und unser erneuertes Herz zum Gehorsam führt.

Konkret: Wenn Jesus Christus etwas über den weiteren Lauf und die Vollendung des Volkes Israel (darauf zielt die Fragestellung der Jünger!) sagt, dürfen wir dies nicht sofort als auf die neutestamentliche Gemeinde Gemünztes deuten. Andererseits gilt: Da die Gemeinde und (das wahre) Israel eine gemeinsame Zukunft mit Ihrem Herrn und Retter haben, sind Berührungspunkte und Tangenten zweifelsfrei vorhanden. Das wird aber nicht hier angesprochen.

2. Überstülpen eines theologischen Systems

Da die »Endzeitrede« Jesu wesenseigen eschatologisch (endzeitlich) gezielt ist, kommt es zum Phänomen, dass das Gleichnis der Zehn Jungfrauen in eine vorher gefasste Eschatologie (Endzeit-Theorie) eingeordnet und dann vom übergeordneten Standpunkt aus systemkonform gedeutet wird. Dies kann man in allerlei Traditionen beobachten, auch bei den »Dispensationalisten«, von denen es allerdings viele unterschiedliche Richtungen gibt. Als Beispiel seien die »Plymouth Brethren« genannt, die in der Endzeitlehre durch die Lehren von J.N. Darby (1800–1880) stark geprägt wurden (Traditioneller Dispensationalismus). Die Ideen, die Darby damals vortrug, sind allerdings auf frühere Quellen zurückzuverfolgen, auch wenn Darby seine Quellen nie offenlegte, eher den Eindruck vermittelte, dass er das selbst (er/ge)funden habe. Der »Dispensationalismus«, den heute allgemein bekannt ist, geht jedoch auf den Amerikaner Cyrus I. Scofield (1843–1921) zurück, der mit der von ihm kommentierten Scofield-Bibel (erste Ausgabe Oxford Press um 1909, erste deutsche Ausgabe ermöglicht durch Gertrud Wasserzug) weite Kreise der Evangelikalen erreicht hat, vor allem in den USA.

Ein anderer Vertreter ist noch lebende Arnold Fruchtenbaum, ein messianischer Jude oder jüdischer Christ, der das Gleichnis in der Struktur des (viel später entstandenen) Dispensationalismus und des Wissens über den formalen Ablauf einer antiken jüdischen Hochzeit (wovon er nur aus frühestens mittelalterlichen rabbinischen Schriften weiß) abbildet. Hier regiert also nicht der Text, sondern das theologische System des Dispensationalismus. Fruchtenbaum weist mit Recht auf die frappierende Abwesenheit der Braut im Gleichnis hin und entlarvt die unbedachte Gleichsetzung »Brautjungfern=Braut« als ungültig (die christliche Gemeinde wird im NT als eine Braut repräsentiert, z. B. Epheser 5; Offenbarung 19; 21). Er schreibt: »The virgins represent neither the Church nor Israel in this parable, but simply serve to illustrate a point…« (»Die Jungfrauen stehen in diesem Gleichnis weder für die Kirche noch für Israel, sondern dienen lediglich der Veranschaulichung eines Punktes…«). Gemeinsam mit anderen Traditionalisten teilt Fruchtenbaum die Ansicht, dass das Gleichnis im kulturellen Kontext jüdischer Hochzeitsrituale steht. Anders als viele konfessionelle oder historisch-kritische Deutungen sieht er jedoch die Jungfrauen nicht als Symbol für die gesamte Gemeinde (»Braut Christi«) oder für alle Gläubigen allgemein, sondern als eine symbolisierte Gruppe innerhalb eines größeren Endzeit-Hochzeits-Schemas; das Öl ist dabei geistliches Bereitsein für den Bräutigam. Dies alles ist Teil seiner dispensationellen Endzeitlehre.

Für Fruchtenbaum löst sich das Problem der fehlenden Braut dadurch, dass er diese in den Himmel verortet, wo sie seit der »Entrückung« (1Thessalonicher 4) auf den Bräutigam wartet, der sie dann gemäß Matthäus 25 zusammen mit den Brautjungfrauen abholen wird. – Man kann das auch so deuten, dass dieses Gleichnis nichts über die Geschichte (Ontologie) der christlichen Gemeinde sagen will, sondern (funktional) etwas über das richtige, nämlich ausharrende, vorbereitete, Warten.

Man kann Fruchtenbaums Verständnis vlt. so zusammenfassen:

  • Die Braut (Gemeinde) ist im Himmel zur Zeit der Trübsal (Drangsal Jakobs),
  • Die Jungfrauen stehen in dieser Zeit auf der Erde und spielen eine begleitende Rolle. Nur diejenigen mit genügend »Öl« (Geist) sind zugelassen zum Hochzeitsfest (dem Hochzeitsmahl des Messias).

Damit knüpft er das Gleichnis nicht nur an die allgemeine Mahnung zur Wachsamkeit, sondern an einen bestimmten Abschnitt der Heilsgeschichte – nämlich die Phase zwischen Entrückung und Hochzeitsfest, wie sie in vielen dispensationalistischen Modellen beschrieben wird.

Für den biblischen Kontext wäre dann auf jeden Fall noch die Einordnung in die Aussagen von Offenbarung 18–22 angesagt: Verurteilung der Hure Babylon, Hochzeit des Lammes im Himmel (also im engen Rahmen), Wiederkehr Christi auf Erden in Kriegsrüstung, Vernichtung der Feinde, Endgericht der Toten, Friedensreich (Millennium) als öffentliche Festzeit von Braut und Bräutigam, Niederschlagung des letzten Aufruhrs, Hölle als ewige Endstation aller Feinde, neuer Himmel, neue Erde, Gott wohnt inmitten der Menschen. Diese Herangehensweise ist für uns, die wir das ganze NT vorliegen haben, durchaus gültig und angesagt (sog. »weiter Kontext«; analogia fidei). Aber es muss uns klar sein, dass die Jünger in situ das noch nicht so verstehen konnten und auch nicht so verstanden haben (siehe Apostelgeschichte 1,6, also vorpfingstlich!).

Im Gegensatz zum systemkonformen Auslegungsansatz wäre der textkonforme Auslegungsansatz, also mit genauer und exklusiver(?) Beachtung des Kontextes, richtiger und sicherer. Über den Ablauf der Geschichte Israels haben einige Propheten des Alten Testaments geredet, am ausführlichsten und konkretesten sicher der Prophet Daniel. Unter Beachtung dieser Vorgaben ordnen manche die Geschehnisse des Gleichnisses der Zehn Jungfrauen in die letzte Danielswoche, die »Große Trübsal« (s. Matthäus 24,21.29), in der die gläubigen Menschen auf ihre Erlösung durch den Bräutigam harren, ein. Auch dort ist das »Ausharren/Warten«-Motiv entscheidend wichtig.

3. Folgen einer kirchlichen Lehrautorität

Wer auf die Autorität der Kirche als Auslegungsnormgeber vertraut, wird auch hier irre: Tomas von Aquin (Catena aurea) sagt, dass unterschiedliche Kirchenväter das Öl als gute WerkeNächstenliebe oder auch als das Wort der Lehre verstanden haben: Hilarius von Poitiers setzt: »Öl = gute Werke; Chrysostomos: »Öl = Nächstenliebe« und Origenes: »Öl = Wort der Lehre«. Man könnte aus dieser Streubreite schließen, dass sie es nicht begriffen hatten. Aber diese Vielfalt war früher kein Problem, in der antiken und frühmittelalterlichen Exegese wurden Bilder häufig mehrdeutig gelesen, ohne dies als störend zu empfinden. Vielleicht hat diese Kirchenväter der Kontext nicht wirklich interessiert. 

Neuzeitlich folgen auch die Mormonen (Latter-Day-Saints) und die Adventisten der Deutung, dass das Öl der Heilige Geist oder Gottes Wort sei. Hier ein unvollständiger Überblick (Tabelle).

InterpretationSchlüsselargumentHauptvertreter
Öl = Heiliger Geist / geistliche FülleÖl als Licht/Salböl → Präsenz Gottes/GeistEvangelikale Kommentare, ERF, Adventisten
Öl = Glauben/Früchte des GlaubensÖl als Ausdruck von Treue/FruchtGotQuestions, Latter-day Saints
Öl = Gute Werke / Nächstenliebe / WortPatristische Vielfalt historischKirchenväter (Hilarius, Chrysostomos, Origenes
Öl = Allgemeine spirituelle Bereitschaft, nicht nur Heiliger GeistKritik an enger Allegorieneuere hermeneutische Beiträge

Anhang 2: Die Etappen einer antiken jüdischen Hochzeit

Weil heute oft der Zugang zu der antiken Tradition des jüdischen Volkes erschwert ist, sei hier kurz geschildert, wie man heute meint, wie eine antike jüdische Hochzeit ablief.

Kurz gesagt: eine Hochzeit war kein kurzer »Schritt zum Traualtar« oder ins »Standesamt«, sondern ein festlicher Prozess mit Warten, Rufen, Prozession, Verheiratung im Familienkreis und einem großem Hochzeitsmahl über sieben Tage

Phase 1: Verlobung (Erusin / Kidduschin)

  • Die Verlobung war formal und rechtlich bindend, vergleichbar mit einem Ehevertrag. Diese Verlobung war nur durch formale Scheidung zu lösen. Der Ehevertrag (Ketubah) wurde häufig schon vor den übrigen Feierlichkeiten unterschrieben.
  • Während dieser Verlobungszeit galt die Braut als rechtlich »angetraut«, lebte aber weiterhin im Elternhaus, bis der Bräutigam kam, um sie zu holen. Sie wusste ungefähr, aber nicht genau, wann der Bräutigam kommt. Es gab keinen Geschlechtsverkehr, vielmehr war dieser mit strenger Strafe und ggf. Auflösung der Verlobung bedroht.

Biblischer Bezug: »…nur der Vater kennt die Stunde« (Matthäus 24,36), weil die Entscheidung über das Hochzeitsdatum in dieser Phase beim Vater des Bräutigams lag. 

Phase 2: Warten auf den Bräutigam

Hier betreten wir den Hintergrund, den Jesus im Gleichnis nutzt:

  • Der Bräutigam bereitet ein Haus bzw. einen Raum für seine Braut vor. Das kostete einige Zeit und Aufwand. Diese Phase konnte bis zu einem Jahr dauern – also eine echte Wartezeit
  • Die Braut und ihr Gefolge bereiten sich auf den nächtlichen Festauszug am Ende der Verlobungszeit vor: Lampen, Kleidung usw. waren rituell/zeremoniell notwendig. Es war damals üblich, für diese Prozession 10 Lampen samt deren Trägerinnen zu verwenden (Edersheim, S. 455). Die Anzahl von zehn war in vielen Bereichen die Mindestzahl, die bei jedem Amtsakt, Segnung oder Zeremonie anwesend sein musste.
  • Die Lampen waren wohl eher Fackeln, die aus einem Ölbrenngefäß mit Docht/Gewebe und einer Stange bestanden, an der das Lampengefäß (Beth Shiqqua; Mischna Kelim 2,8) hochgehoben wurde.
  • Die genaue Ankunft des Bräutigams war zeitlich unsicher – er konnte erst spät am Abend oder mitten in der Nacht erscheinen. 

Diese Ungewissheit erklärt den zentralen Bezug des Gleichnisses: Die Jungfrauen des feierlichen Gefolges mussten ständig mit ihren Lampen bereit sein, weil sie nicht wissen genau konnten, wann der Bräutigam kam. Er kam wohl aus größerer Entfernung angereist. Die Lampen waren selbstverständlich in dieser Wartezeit noch nicht entzündet.

Phase 3: Prozession und Hochzeitsfeier im Familienkreis

Wenn der Bräutigam kam:

  • Rief man seine Ankunft aus, oft mit einem Schofar-Signal oder Rufen. Es war Brauch, dies im Dunkel  der Nacht durchzuführen. Eine Begrüßungsprozession kam ihm entgegen.
  • Man zündete nun die Lampen an und schmückte sie. Es folgte eine Prozession mit Fackeln oder Lampen durch die Straßen, mit Musik und Gesang, die letztlich zum Festort, meist zur Wohnung der Braut, führte. Personen ohne genügend Öl/Fackeln galten als  nicht vorbereitet, und somit als zeremoniell unpassend und daher ausgeschlossen für die Prozession.
  • Danach ging die Prozession zum Haus der Braut (Abholung) und dann mit der Braut zur vorbereiteten neuen Heimstätte für das bald verheiratete Paar, meist in das Haus des Bräutigams oder dessen Eltern.
  • Erst nach dem Eintreffen von Bräutigam und Braut in der neuen Heimstätte begannen die formalen Hochzeitsfeierlichkeiten inklusive Festmahl (Seudat Nissuin) im engeren Rahmen der Familien. 

Phase 4: Öffentliche Präsentation des Brautpaares und anschließende Großfeier

Nach der Zeit der familieninternen Hochzeitsfeier im Haus und Vollzug der Ehe präsentierte sich das Ehepaar feierlich der Öffentlichkeit, vor allem einer meist großen Schar von Geladenen, und feierte mit diesen mehrere Tage lang (vgl. dazu Matthäus 22,1–24; Johannes 2,1–11).

Von dieser Phase ist im Gleichnis nicht die Rede, da in dieser Phase die Zeit des Wartens vorüber ist.

Hier nochmals die im Gleichnis verwendeten Parallelen zur jüdischen Hochzeit:

  • Unbekannter Zeitpunkt: Das Kommen (Parousie) wird angekündigt, aber nicht datiert.
  • Warten mit Lampen: Zeit der Wachsamkeit.
  • Prozession und Feier:  Endgültige Gemeinschaft mit dem Bräutigam (Christus).
  • Nicht Eingelassene, Unvorbereitete:  Warnung vor mangelnder Bereitschaft.

Kernpunkte für das Verständnis

ElementBedeutung im BildbereichBedeutung im Gleichnis
Verlobung / ErusinBindende Vorphase mit WartestatusErwartungshaltung
Warten mit LampenNächtliche Phase der Erwartung; alle schlafen: es dauerte wohl sehr langSymbol für stetige Bereitschaft, zumindest beim Erwachen
Ankunft des BräutigamsBeginn der ProzessionEschatologische Parallele
Prozession & FestÖffentliche Darstellung der Ehe/HochzeitsfeierGemeinschaft mit Bräutigam Christus
Ölmangelunvorbereitet und damit ungeeignet zur TeilnahmeWarnung für die Jünger

Anhang 3: Rabbinische Texte für Hintergrund von Matthäus 25

Einige rabbinische Schriften reden von den Dingen, die Hintergrund des Gleichnisses sind. Die Redaktionszeitpunkte werden mit angegeben, um zeigen, dass diese Schriften um Jahrhunderte nach Christus liegen, also deutend mit Vorsicht zu genießen sind.

  • bShabbat 153a (Babylonischer Talmud, Traktat Schabbat; ca. 5.–6. Jhdt. nChr): Gleichnis vom König, der seine Knechte zum Mahl lädt – ohne Zeitangabe. Es zeigt: „Warten + unbestimmter Zeitpunkt + Vorbereitung“ ist ein sehr jüdisches, ermahnendes Standardmuster (nicht erst christliche Allegorese).
  • Ketubot 7b–8a (Babylonischer Talmud, Hochzeitssegen, Feststruktur; 5.–6. Jhdt. nChr): Hochzeitssegen / Festfreude / mehrtägige Feier
    Für den Ablauf der Hochzeit (Akteure, Feststruktur) ist Ketubot zentral: Dort sind die später so genannten Sheva Berakhot (sieben Segenssprüche) im Zusammenhang von Hochzeit/Feier belegt. Das stützt die Aussage, dass eine Hochzeit kein »kurzer standesamtlicher Moment«, sondern ein Festkomplex ist mit Riten, Struktur und mehrtägigem Festmahl.
  • Jerusalem Talmud Ketubot 1:1 (ca. 350–425 nChr): »Sieben Tage« Festzeit (alte Tradition)
    Der Jerusalemer Talmud führt die »sieben Tage« von Hochzeitsfeiern auf alte Stiftungstradition zurück (»Moses … sieben Tage der Festfreude«).
  • Mishnah Berakhot 2:5 (Mischna-Redaktion: ca. 200 nChr von Rabbi Jehuda ha-Nasi): Bräutigam als zentraler Akteur (rechtlicher/ritualer Status)
    Die Mischna kennt Sonderregelungen für den Bräutigam (z. B. Befreiung von der Schema-Rezitation in der Hochzeitsnacht/den ersten Tagen). Das zeigt, wie stark Hochzeit als sozialer Ausnahmezustand (Pflichten, Ablenkung, Festbetrieb) wahrgenommen wurde. 
  • Ketubot 17a (5.–6. Jhdt. nChr): Hochzeitsprozession als öffentlicher Vorgang
    Ketubot 17a spricht u. a. davon, dass man für »den Einzug der Braut«  (nicht: Bräutigam!) sogar das Thora-Studium unterbricht und dass Hochzeits- und Trauerzug auf der Straße kollidieren können (Prioritätsregeln). Das setzt sehr konkrete Prozessionspraxis voraus

Achtung:  Da viele rabbinische Texte redaktionell deutlich später als Jesus Christus liegen, ist methodisch zu beachten, dass man sie am besten nicht als 1:1-Protokoll eines galiläischen Hochzeitsabends nutzt, sondern als Beleg dafür, welche Motive/Topoi im Judentum als plausibel und didaktisch wirksam galten. Vermutlich weisen sie aber auf Traditionen zurück, die wesentlich älter sind. Priorität in der Auslegung hat der Bibeltext samt seinem Kontext.

Endenoten

[1] Ontologische Gleichsetzung bedeutet, dass zwei Dinge nicht nur als ähnlich oder gleichwertig betrachtet werden, sondern als im Sein identisch oder wesensgleich verstanden. Es geht also nicht um eine bloß sprachliche, funktionale oder metaphorische Gleichsetzung, sondern um eine Aussage darüber, was etwas wirklich ist.

Der »Jüngste Tag« und das »Jüngste Gericht«

Beim Lesen der Schriften und Predigten der Reformatoren oder auch in deren Tradition stehender reformatorischer Autoren kommen immer wieder die Begriffe »Der Jüngste Tag« und »Das Jüngste Gericht« vor. Diese Begriffe sind theologische Eigenbegriffe geworden, die sich vom heutigen Sprachgebrauch des Deutschen schwerlich erschließen lassen, sogar eher missdeutig sind. Sie scheinen nahezulegen, dass das gesamte Gericht am Ende der Menschheitsgeschichte an einem bestimmten Tag stattfinden werde.

Wir fragen uns: (1) sprachgeschichtlich: Woher kommen diese Begriffe, (2) semantisch: Was bedeuteten sie ursprünglich und (3) theologisch: Läuft wirklich nach biblischer Offenbarung am Ende alles an einem Tag des Gerichts zusammen?

Sprachgeschichtlich: Woher kommen diese Begriffe?

Die beiden deutschen Begriffe »Jüngster Tag« und »Jüngstes Gericht« sind mittelalterliche Lehn- und Übersetzungsbildungen, die in der lateinischen kirchlichen Überlieferung des Christentums entstanden und dann im Althoch-/Mittelhochdeutschen ins Deutsche übertragen wurden.

Die entsprechenden kirchenlateinischen Begriffe sind insbesondere:

  • dies iūdicii = »Tag des Gerichts«
  • iūdicium ultimum = »letztes/endgültiges Gericht«
  • dies novissimus / dies ultimus = »der letzte Tag«

Diese Ausdrücke wurden von Kirchenvätern wie Augustinus, Hieronymus und anderen gebraucht und in liturgischen Texten verwendet. Man findet die verdeutschten Begriffe bereits im mittelalterlichen Bibeldeutsch (so beim Benediktinermönch Otfried von Weissenburg (800–870), Autor des Evangelienbuches, oder beim St. Gallener Notker Labeo (950/60–1022), Bibelübersetzer und Fachterminiologe).

Semantisch: Was bedeutet der Begriff »jüngst« ursprünglich?

Im älteren Deutsch bedeutete »jüngst« nicht »am jüngsten«, also »kürzlich«, sondern vielmehr »zuletzt, am Ende«.

Der »jüngste Tag« bezeichnet also den »zuletzt kommenden Tag« und damit das (meist eschatologisch verstandene) Ende der Zeit und damit der Menschheitsgeschichte. – Entsprechend bezeichnet das »jüngste Gericht« das »letzte Gericht«, mithin das Endgericht über die Menschen, das am Ende der Zeit stattfinden soll.

Beide Begriffe bezeichnen also einen endzeitlichen (eschatologischen) Moment, in dem Christus als Weltenrichter die Toten und Lebenden richtet.

Dass der menschgewordene Sohn Gottes, Jesus Christus, dieser Weltenrichter ist, offenbarte er selbst: »Denn der Vater richtet auch niemand, sondern das ganze Gericht hat er dem Sohn gegeben, damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, ehrt den Vater nicht, der ihn gesandt hat.« (Johannes 5,22–23).

Im Niceno-Constantinopolitanums (381), das heute in Ost- und Westkirche des Christentums die Standardform des »Großen Glaubensbekenntnisses« ist, bekennt der Christ ebenfalls zeitlich undifferenziert: »Et iterum ventūrus est cum glōriā, iudicāre vivos et mortuos, cuius regni non erit finis.« (»Und er wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten, und seines Reiches wird kein Ende sein.«).

Ob dieses Gericht tatsächlich an genau einem, nämlich dem »jüngsten«, Tag stattfindet, ist im nächsten Abschnitt zu untersuchen.

Theologisch: Läuft am Ende alles an einem Tag des Gerichts zusammen?

Das Neue Testament differenziert die alttestamentliche Erwartung eines Endgerichttages (meist »Tag Jahwes«, yôm YHWH, genannt: Amos 5,18–20; Jesaja 13,6–13; Joel 1,15; 2,1–11; 3,4; 4,14; Zefania 1,14–18 u.a.) in mindestens drei endzeitliche Gerichtsszenen, die auch zeitlich zu unterscheiden sind:

  • Gericht der Glaubenden, Bēma-Gericht, Preisgericht. Auch für alle geretteten Glaubenden gilt, dass sie Rechenschaft für sich, also für all ihr Sein, Reden und Wirken, ablegen müssen. Der Apostel Paulus schreibt dazu u.a.: »Denn wir müssen alle vor dem Richterstuhl des Christus offenbar werden, damit jeder empfange, was er in dem Leib getan hat, nach dem er gehandelt hat, es sei Gutes oder Böses.« (2. Korinther 5,10), und: »Denn wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden. … So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben« (Römer 14,10b.12; s. a.: 1Kor 4,3–5; 1Kor 3,12–15 mit der Prüfung der Werke der Gläubigen; Galater 6,7–10). – Dieses Gericht führt ggf. zu Belohnungen für Gutes und Wertvolles im Wirken für Gott, alternativ zu Verlust solcher Belohnung, mitnichten aber zur ewigen Verdammnis: die hier vor dem Richterstuhl/thron Christi Stehenden sind alle ewig gerettet (1Kor 3,15). Das »Gericht der Glaubenden« ist kein »Verdammungsgericht«!
    Zeitlich ist dieser Gerichtstermin (Offenbarungstermin) zwischen der Sammlung aller Gläubigen durch die erste große Phase der Ersten Auferstehung und der Hochzeit des Lammes einzuordnen. Das Offenbarwerden eines jeden Gläubigen wird das Verständnis und die Wertschätzung des Gläubigen bzgl. der Retterliebe Christi aufs Stärkste entfachen und die »Braut« in feinste Hochzeits-Leinwand kleiden. Dies bildet die ideale Vorbereitung auf die himmlische Hochzeit mit dem Retter (vgl. Offb 19,7–8).
  • Gericht der Lebenden, Gericht der Völker, Böcke-Schafe-Gericht. Jesus, der Gesalbte, kündigt dieses Gericht in seiner »Endzeitrede« (Matthäus 25,31–46) an und beschreibt Beteiligte und Urteilskriterien. Betroffene: Es geht bei diesem Gericht um »alle Nationen/Völker« (πάντα τὰ ἔθνη; Mt 25,32); damit sind universal alle Menschen auf der Erde gemeint. Heute, in der »Zeit der Gnade/Gemeinde«, Lebende werden diesem Gerichtstermin nicht unterworfen sein: Diese Glaubenden haben anstelle dessen bereits den zuvor geschehenen Gerichtstermin erlebt (s.o.). Kriterium: Der Richtspruch geschieht im Hinblick darauf, wie diese Menschen sich gegenüber den Geringsten der »Brüder« des König-Richters Jesu Christi verhalten haben; selbst die kleinste Liebestat gegenüber dem Geringen wird großartig belohnt werden, da der richtende König dies als Akt an ihm selbst rechnet (Mt 25,40). Die Bezeichnung »Brüder« wird von manchen (meist ersatztheologisch) gedeutet auf alle Christen, oder rein humanistisch auf »alle bedürftigen Menschen«, kontextuell richtiger sind damit jedoch Juden gemeint, also jene Menschen, die wie Jesus Christus jüdischer Abstammung sind. Folgen: Es gibt nur zwei Urteile: (1) Die auf der Linken, die Böcke, werden verflucht, ins ewige Feuer geworfen und erleiden ewige Pein (Mt 25,41–46); (2) Die auf der Rechten, die Schafe, werden gesegnet und ins Erbe des Reiches Gottes auf Erden gesetzt, erhalten das ewige Leben (Mt 25,34–40.46).
    Zeitlich ist dieser Gerichtstermin (direkt) an den Beginn des Milleniums, der tausendjährigen Königsherrschaft Christi, zu setzen (Mt 25,31; vgl. Offb 20,4–6). Die Märtyrer der Großen Drangsalszeit (Offb 20,4) werden im Rahmen der nächsten Phase der »Ersten Auferstehung« auferstehen und ins Millennium eingehen. Zusätzlich werden die »Schafe« dieses Gerichtstermins ebenfalls in dieses irdische Reich Christi eingehen. Da ihr Urteilsspruch den Empfang des »ewigen Lebens« beinhaltet, ist davon auszugehen, dass sie nicht nur die zeitlichen Segnungen des irdischen Reiches Christi erleben werden, sondern als Besitzer des ewigen Lebens für immer zu den Gesegneten und Erlösten gehören werden. Ihr Dienst ist ein priesterlicher.
    NB: Man muss aufgrund anderer Stellen davon ausgehen, dass parallel dazu ein Gericht an Israel ausgeübt wird, vielleicht realisiert durch die »Große Drangsal«, am Ende derer der kommende Messias das Wunder der Wiedergeburt, der Buße und des Glaubens einem »Überrest« der Israeliten geben wird (vgl. Sacharja 12,8–13,1ff; Hesekiel 20,34ff). Oder das Gericht Israels erfolgt zu Beginn des Millennium durch Christus und die 12 Apostel als Beisitzern (Mt 19,28). Mit dieser Reinigung im Gericht erleben sie dann auch als Nation eine »Wiedergeburt« (Mt 19,28).
  • Gericht der Toten, Gericht am »Großen weißen Thron«. Dieses Gericht ist nach der prophetischen Entfaltung der Endzeit in der Offenbarung (Apokalypse) das letzte große Gericht. Betroffene: Hier treten nur »die Toten« auf (Offb 20,12.13), also alle Menschen, die körperlich bereits gestorben waren (erster Tod), jetzt aber auferstehen müssen zum Erscheinen vor diesem Gericht, um ihr letztendliches Urteil zu erhalten: »Und das Meer gab die Toten, die in ihm waren, und der Tod und der Hades gaben die Toten, die in ihnen waren« (Offb 20,13); das umfasst alle Toten zu jenem Zeitpunkt. Es gibt kein Versteck mehr für die Angeklagten, das Verbrennen/Zerstreuen/Vernichten des verstorbenen Körpers hilft überhaupt nichts. Kriterium: Es werden »Bücher« geöffnet, die alle Werke/Taten eines jeden Angeklagten aufgezeichnet enthalten. Aufgrund dieser Beweislage wird das Urteil gerecht gesprochen (Offb 20,12.13). Die soziale Stellung zählt nicht, nur die Taten (Offb 20,12). Als Gegenprobe wird zudem nachgesehen, ob einer der Angeklagten im »Buch des Lebens« geschrieben steht, was letztlich das Entscheidende ist. (Auch die Glaubenden haben viele Eintragungen in diesem Werkebuch – aber alle getilgt durch die Sühnetat Christi.) Vom Kontext her muss man davon ausgehen, dass dieser Check im Lebensbuch bei den Angeklagten ausnahmslos Fehlanzeigen liefern wird, denn die ewige Pein (»Feuersee«) und der ewige Tod ist ihr Urteil (Offb 20,15).
    Zeitlich: Dieses Gericht findet eine gewisse kurze Zeit nach dem Millennium statt (Offb 20,7).

Warum sollten wir das »Schafe-Böcke-Gericht« und das »Gericht am Großen Weißen Thron« unterscheiden?

Zu den biblischen Gründen, das »Schafe-Böcke-Gericht« und das »Gericht am Großen Weißen Thron« zu unterscheiden und nicht zu einem »Jüngsten Gericht« zusammenzuwerfen, gehören zusammenfassend folgende neun:

  1. Der Zeitpunkt des Schafe-Böcke-Gerichts steht im Zusammenhang mit der Wiederkunft Christi (s. Mt 25,31-32). Jesus der Gesalbte kommt in Herrlichkeit mit seinen Engeln, setzt sich als König der Könige und Weltenrichter auf seinen glorreichen Thron und alle Nationen/Völker werden vor ihm versammelt. Das Gericht am Großen Weißen Thron findet nach der Wiederkunft Christi (Offb 19) und der tausendjährigen Herrschaft Christi mit den Heiligen (Offb 20,4–7) statt: Erst nachdem die tausend Jahre vollendet sind (20,7), findet das Gericht am Großen Weißen Thron statt (20,11–15).
  2. Der Zweck des Schafe-Böcke-Gerichts ist es, zu sehen, wer das Reich (Millennium) »erben« wird (Mt 25,34) und wer nicht (Mt 25,41). Der Zweck des Gerichts am Großen Weißen Thron ist es, richterlich nach Beweislage (»Bücher«, Taten) zu erweisen und zu urteilen, dass die dort Angeklagten (die »Toten«) alle gerechtermaßen auf ewig in den Feuersee geworfen werden (Offb 20,15).
  3. Die Angeklagten im Schafe-Böcke-Gericht sind sowohl Gläubige als auch Ungläubige (Schafe und Böcke/Ziegen; Mt 25,32). Die Angeklagten im Gericht am Großen Weißen Thron scheinen Ungläubige zu sein. Obwohl der Text in Offenbarung 20,11–15 die Anwesenheit von Gläubigen bei diesem Gericht nicht ausschließt, werden Gläubige bei diesem Gericht überhaupt nicht erwähnt. Aber Ungläubige, die beim Gericht am Großen Weißen Thron zum Feuersee verurteilt werden, werden erwähnt (Offb 20,15).
  4. Die Rechtsgrundlage (Kriterien) für das Urteil beim Schafe-Böcke-Gericht ist, wie die Nationen die »Brüder« Christi behandelt haben (Mt 25,40). Die Grundlage für das Gericht am Großen Weißen Thron sind (alle) deren Werke (Offb 20,13).
  5. Die Angeklagten des Schafe-Böcke-Gerichts scheinen solche Menschen zu sein, die zum Zeitpunkt der Wiederkunft Jesu Christi leben. Es wird keine gemeinsame Auferstehung der erlösten und unerlösten Toten erwähnt. Das Gericht am Großen Weißen Thron besagt, dass es für die Toten ist, die speziell für dieses Gericht auferstehen (Offb 20,13). Das Meer und der Hades geben ihre Toten für dieses Gericht heraus.
  6. Das Schafe-Böcke-Gericht erwähnt keinen »Großen Weißen Thron«, während das Gericht am Großen Weißen Thron dies ausdrücklich tut (Offb 20,11). 
  7. Das Schafe-Böcke-Gericht erwähnt kein »Buch des Lebens«, während das Gericht am Großen Weißen Thron dies tut (Offb 20,12).
  8. Das Schafe-Böcke-Gericht deutet nicht darauf hin, dass der Tod und der Hades in den Feuersee geworfen werden, während dies beim Gericht am Großen Weißen Thron der Fall ist (20,14).
  9. Die Tatsache, dass es zwei Auferstehungen gibt, die durch tausend Jahre voneinander getrennt sind (s. Offb 20,4b–5), deutet stark darauf hin, dass es zwei Gerichte geben wird, die durch tausend Jahre voneinander getrennt sind.
Die drei Gerichtstermine (Quelle: Benedikt Peters (2008).

Disclaimer und Quellen

J. MacArthur & R. Mayhue, Biblische Lehre: Eine systematische Zusammenfassung biblischer Wahrheit. 3. Aufl. Berlin: EBTC, 2023, ISBN: 978-3947196500.

Michael J. Vlach, Why the Sheep/Goat Judgment and Great White Throne Judgment Are not the Same Event, Blogeintrag, 23.06.2011, https://mikevlach.blogspot.com/2011/06/why-sheepgoat-judgment-and-great-while.html (12.01.2026). Vlachs grundlegende und weiterführende Beiträge und Monographien sind zum Verständnis des »Dispensationalismus« und dessen aktuellen Formen m.E. unverzichtbar.

Michael J. Vlach, Dispensationalismus. Fakten und Mythen. 1. Aufl. Berlin: EBTC, 2020. (Die überarbeitete 2. Auflage kommt 2026 heraus.)

Benedikt Peters, Geöffnete Siegel. Auslegung zur Offenbarung. Überarb. Neuauflage (Bielefeld: CLV, 2008). Tabellarische Übersicht auf S. 195. Link zur PDF des Buches auf der Verlagsseite des CLV.

Die Fluchrolle in Sacharja 5,3 | Beobachtungen im Text

Beim Studieren des Propheten Sacharja begegnet man einer Stelle, die recht unterschiedlich in den deutschen Übersetzungen wiedergegeben wird. Das macht neugierig. Im Folgenden ein paar Hinweise, welche Probleme im Text und/oder Textverständnis vorliegen und wie es zu den Übersetzungsvarianten kommt.

Textvarianten

Varianten mit Bezug auf die zwei Seiten der Fluchrolle

ELBCSV: Und er sprach zu mir: Dies ist der Fluch, der über die Fläche des ganzen Landes ausgeht; denn jeder, der stiehlt, wird entsprechend dem, was auf dieser Seite der Rolle geschrieben ist, weggefegt werden; und jeder, der falsch schwört, wird entsprechend dem, was auf jener Seite der Rolle geschrieben ist, weggefegt werden.

SCHL2000: Und er sprach zu mir: Das ist der Fluch, der über die Fläche der ganzen Erde ausgeht; denn jeder Dieb wird weggefegt werden gemäß dem, was auf dieser Seite [der Rolle] steht, und jeder, der falsch schwört, wird weggefegt werden gemäß dem, was auf jener Seite [der Rolle] steht.

Menge: Denn jeder, der stiehlt, wird ausgetilgt, wie auf der einen Seite der Rolle geschrieben steht, und jeder, der falsch schwört, wie auf der anderen Seite.

Gute Nachricht Bibel: Jeder, der stiehlt, wird verschwinden, so wie auf der einen Seite der Schriftrolle geschrieben steht, und jeder, der falsch schwört, so wie auf der anderen Seite.

NeÜ (Vanheiden): Denn jeder, der stiehlt, wird verschwinden, wie es auf der einen Seite steht, und jeder, der falsch schwört, wie auf der anderen Seite.

Varianten ohne Bezug auf die zwei Seiten der Fluchrolle

ELB2006: Und er sprach zu mir: Dies ist der Fluch, der ausgeht über die Fläche des ganzen Landes. Denn jeder, der stiehlt, ist bisher – wie lange nun schon! – ungestraft geblieben, und jeder, der falsch schwört, ist bisher – wie lange nun schon! – ungestraft geblieben. (plus Anmerkung, dass dies ein rekonstruierter Text ist).

Luther 2017: Dies ist der Fluch, der ausgeht über das ganze Land; denn wer stiehlt, der soll nach diesem Fluch ausgerottet werden, und wer falsch schwört, der soll nach diesem Fluch ausgerottet werden.

Einheitsübersetzung 2016: Das ist der Fluch, der über die ganze Erde ausgeht: Jeder Dieb wird von nun an wie dort beseitigt, und jeder, der falsch schwört, wird von nun an wie dort beseitigt.

Züricher 2007: Das ist der Fluch, der ausgeht über die ganze Erde; denn jeder Dieb wird wie dort beseitigt, und jeder, der falsch schwört, wird wie dort beseitigt.

Erklärung der Unterschiede

Text. Der hebräische Text ist textkritisch schwierig und führt daher zu sehr unterschiedlichen deutschen (und anderssprachigen) Übersetzungen. Schon der Masoretische Text (sonst Referenz zum AT) ist unklar. Der Text wirkt grammatisch unklar, evtl. verdorben oder verschoben. Ein wichtiges hebr. Verb (niqqāh) ist zweideutig, kann »unschuldig sein«, »frei ausgehen«, aber auch »ausgerottet werden« und »verschwinden« bedeuten, also genau das Gegenteil. Das alles verlangt nach Orientierung von anderer Stelle aus.

LXX. Also schaut man nach, wie die Juden es in der LXX-Übersetzung (jüd. Übersetzung des AT aus dem Hebräischen ins Griechische um etwa 250 v.Chr.) verstanden und übersetzt haben. Der griech. Text lautet übersetzt so: „Denn jeder Dieb wird von hier wie jener ausgerottet werden, und jeder, der falsch schwört, wird von hier wie jener ausgerottet werden“. Das passt auch zum engeren Kontext, wo die Fluchrolle Strafe und Tilgung bringt, nicht Freispruch.  Daher folgen heute viele einer Wiedergabe entsprechend der LXX.

Enger Kontext: (1) Sacharja sieht: »Ich sah, und siehe, eine fliegende Schriftrolle!  Und er sprach zu mir: Was siehst du?  Ich sagte: Ich sehe eine fliegende Schriftrolle, zwanzig Ellen lang und zehn Ellen breit.« Das ist also eine Rolle mit Schrift, die als Fluch über das Land ausgeht.  In der Antike waren solche Fluchrollen oft beidseitig beschrieben, s.u. –  (2) Der Text in Sacharja 5,3b lautet im Masoretischen Text: »Denn jeder, der stiehlt, von hier, wie sie, wird [niqqāh]; und jeder, der schwört, von hier, wie sie, wird [niqqāh].«, wobei das Wort [niqqāh] eben doppeldeutig ist, s.o. Das klingt verwirrend, weil zweimal das »von hier» steht, aber kein klares Bezugswort dasteht (z.B. »der Seite«, »der Rolle«). Und dann ist auch das »wie sie« nicht klar: Wer oder was ist hier gemeint?

Die »Zwei-Seiten (der Rolle)«-Deutung. Man versteht es so, dass von den zwei Seiten der Schriftrolle geredet wird, »wie sie [beschrieben ist]«. Das ist kein fremder Gedanke; z. B. in Hesekiel 2,9–10 heißt es ausdrücklich: »Und ich sah: Und siehe, eine Hand war gegen mich ausgestreckt; und siehe, darin war eine Buchrolle. Und er breitete sie vor mir aus, und sie war auf der Vorder- und auf der Rückseite beschrieben; und Klagen und Seufzer und Wehe waren darauf geschrieben.« Hier ist also ein Anknüpfungspunkt für die Vorstellung, dass von »zwei Seiten der Rolle« die Rede ist. Entsprechend kann man umschreiben: »Dies ist der Fluch, der ausgeht über das ganze Land:  denn jeder, der stiehlt, wird beseitigt, nach dem, was auf der einen Seite der Rolle geschrieben steht, und jeder, der falsch schwört, wird beseitigt, nach dem, was auf der anderen Seite steht.« – Das passt auch thematisch gut: Die erste Seite richtet sich gegen Diebstahl (zweite Tafel des Dekalogs), die zweite Seite gegen Meineid (erste Tafel des Dekalogs, da der Name des Herrn dabei missbraucht wird). Diese Parallele zu den beiden Tafeln des Gesetzes ist naheliegend und wird oft in Predigten entsprechend hervorgehoben. Werden mit den beiden genannten Geboten synekdotisch jeweils ihre Klasse (i.S. der Zweiteilung des Dekalogs nach gottgewandten Geboten (Tafel 1) und menschgewandten Geboten (Tafel 2)) angesprochen, dann ist damit letztlich der gesamte Dekalog gemeint.

Sprachliche Grundlage. Tatsächlich kann der hebr. Ausdruck »beidseitig« bedeuten. Es fehlt aber das verbindende »und«, was ungewöhnlich ist, aber evtl. hat man das eben auch so gut verstanden (stilistische Kürze) und/oder es liegt einen Fehler im Manuskript/Abschrift vor.

Sprachliche Kritik. Diese Deutung auf die beiden Seiten der ausgebreiteten Rolle steht nicht explizit (wörtlich, ausdrücklich) im Text, sondern ist eine interpretatorische Glättung, die sich auf Parallelen in 2Mose 32,15 und Hesekiel 2,10 stützt. Kontextlogisch passt sie aber hervorragend.

Fazit

Die Idee, dass Sacharja 5,3 von den zwei Seiten der Fluchrolle spricht, ist sprachlich und symbolisch gut begründet, aber nicht eindeutig/ausdrücklich im überlieferten hebräischen Text gegeben. Sie ist eine interpretative Lösung des schwierigen Doppel-„מִזֶּה“ (»von hier«)– angelehnt an Parallelen wie 2Mose 32,15 und Hesekiel 2,10 – und wurde besonders von modernen Übersetzungen aufgegriffen, um dem Vers einen klaren, verständlichen Sinn zu geben. Grundlehren der Schrift werden von den Varianten nicht berührt.

Zwei Kommentare zum »Zweiseiten«-Verständnis

»5,3–4 Auf der Buchrolle stand der Fluch über jeden Dieb und jeden, der falsch schwört. Als Teil dieses Fluches würde das Haus eines jeden, der gestohlen oder falsch geschworen hat, zerstört werden, sowohl das Gebälk als auch die Steine. Vielleicht hat diese Vision mit dem weltweiten Gericht zu tun, das der Errichtung des Reiches Christi vorausgeht. Mit Sünden gegen den Menschen (Diebstahl) und Sünden gegen Gott (Meineid) wird man sich zu jener Zeit beschäftigen. (Diese beiden können auch die zwei Tafeln des Gesetzes symbolisieren.)«
(MacDonald, William ; Eichler, C. ; Grabe, H. ; Reimer, M. ; Wagner, A. ; Passig, S. ; Passig, E.(Übers.): Kommentar zum Alten Testament. 2. Auflage. Bielefeld : Christliche Literatur-Verbreitung, 2010)

»3 Die Botschaft und Bedeutung der Schriftrolle werden offenbart. Diejenigen, die beharrlich den Bund brachen (2. Mose 20), würden den Fluch (die Strafe) für Ungehorsam und Untreue erfahren (5. Mose 27,26). Da die Schriftrolle offenbar wie die beiden Gesetzestafeln (2. Mose 32,15) auf beiden Seiten beschriftet war, muss die eine Seite den Fluch gegen diejenigen enthalten haben, die das dritte Gebot des Gesetzes übertreten hatten, während die andere Seite den Fluch gegen diejenigen enthielt, die das achte Gebot gebrochen hatten. Der Dieb brach das achte Gebot, und wer falsch schwor, verstieß gegen das dritte Gebot. Aus Vers 4 geht klar hervor, dass es sich um das dritte Gebot handelte und nicht um das neunte. Wir haben hier eine Form der Synekdoche, bei der die Art für die Gattung steht (vgl. Bullinger, S. 625–629). Mit anderen Worten, diese beiden repräsentativen Sünden – vielleicht waren Diebstahl und Meineid zu dieser Zeit die häufigsten – stehen für alle Arten von Sünde. Der Punkt ist, dass Israel sich schuldig gemacht hatte, das gesamte Gesetz gebrochen zu haben.«
(Barker, Kenneth L.: Zechariah. In: Gaebelein, F. E. (Hrsg.): The Expositor’s Bible Commentary: Daniel and the Minor Prophets. Bd. 7. Grand Rapids, MI: Zondervan Publishing House, 1986, S. 632–633; eigene Übersetzung von grace@logikos.club)

Welche Gefahren entstehen, wenn wir im Verkündigungsdienst KI nutzen?

»Wir aber werden im Gebet und im Dienst des Wortes verharren« 
(Apostelgeschichte 6:4)

Kaum eine Gabe Gottes kommt ohne Gefahr. Feuer wärmt und zerstört. Sprache segnet und verflucht. Reichtum kann Gutes tun und zugleich Götzen dienen. Und nun schenkt uns Gottes Vorsehung ein neues Werkzeug: Künstliche Intelligenz (KI) – ein Werkzeug, das Texte schreibt, Bibelstellen analysiert und Ratschläge formuliert, ohne jemals zu beten. Die Frage ist also nicht, ob Prediger und Gemeindehirten KI benutzen werden, sondern ob sie die geistlichen Gefahren erkennen, die im Gebrauch von KI liegen.

Die Gefahren sind zahlreich – und sie sind nicht in erster Linie technisch, sondern geistlich. Davon wollen wir in diesem Artikel reden.

1. Die Gefahr des verdrängten Herzens

Die erste und tiefste Gefahr ist, dass ein Gemeindehirte von einer Maschine zu empfangen sucht, was er eigentlich von Gott empfangen soll. Echte Verkündigung wächst im Verborgenen – auf den Knien, nicht auf der Tastatur. Paulus sagt: »Denn ich habe es weder von einem Menschen empfangen noch erlernt, sondern durch Offenbarung Jesu Christi« (Galater 1,12).

Ein Verkündiger, der zu schnell zu KI greift, um Ideen, Gliederungen oder Beispiele zu finden, läuft Gefahr, dass sein Herz erkaltet. Das kann dann schreckliche Folgen haben. Denn die Wahrheit Gottes wird nicht durch Informationsdarbietung zur Flamme, sondern durch Ringen im Gebet und durch Gottes Geist, dessen Wort zu durchbohrten Herzen führt (Apostelgeschichte 2,37).

KI kann helfen, Einsicht vorzutäuschen, aber sie kann nicht vor der Heiligkeit Gottes zittern. Sie kann über Gnade sprechen, aber sie hat nie Gnade erlebt. Und so kann ein Prediger beginnen, fremde Worte mit geliehener Leidenschaft zu sprechen – Worte, die der Geist Gottes nie in ihm entzündet hat. Die Lippen mögen sich bewegen, Rhetorik mag aufblitzen und Anekdoten gut unterhalten, doch das Herz brennt nicht mehr dabei. Wer soll dabei warm werden? Wer soll dabei entzündet werden? (Lukas 24,32).

2. Die Gefahr einer hohlen Autorität

Predigen heißt nicht: Informationen vermitteln. Es heißt: göttliche Wahrheit mit Autorität zu bezeugen, um bei den Zuhörern Lebensveränderung auszulösen. Der Apostel Paulus wies Titus an: »Dieses rede und ermahne und überführe mit aller Machtvollkommenheit [a.ü.: mit allem Nachdruck]« (Titus 2,15a). Der Apostel Petrus lehrt: »Wenn jemand redet, so rede er als Aussprüche Gottes; wenn jemand dient, so sei es als aus der Kraft, die Gott darreicht, damit in allem Gott verherrlicht werde durch Jesus Christus« (1.Petrus 4,11). Die Autorität des Predigers ist also nicht zuerst intellektuell, sondern geistlich. Ihre Quelle ist nicht KI, sondern Gott selbst in Seinem Wort.

Wer seine Predigten zunehmend von einer Maschine schreiben lässt, steht vor seiner Gemeinde als Handwerker der Worte – nicht als Botschafter Gottes. Ton und Inhalt mögen eindrucksvoll sein, aber das geistliche Gewicht fehlt. Denn hinter den Worten steht keine persönliche Begegnung mit Christus. Die Zuhörer merken es vielleicht nicht sofort, aber mit der Zeit verliert die Predigt ihren Geschmack – das »So spricht der HErr« wird zu einem »So sagt chatGPT«.

3. Die Gefahr der schleichenden Täuschung

Ein Gemeindehirte könnte sagen: »Ich benutze KI doch nur als Hilfsmittel!« Vielleicht. Doch jedes Werkzeug prägt seinen Benutzer in dem, was er wahrnimmt, was er tut und wie er es tut. Unsere Werkzeuge prägen unsere Kultur.[1]Wenn wir uns daran gewöhnen, Maschinen das Denken zu überlassen, verlieren wir leicht das wache geistliche Unterscheidungsvermögen, das uns befähigt, Wahrheit von Täuschung zu unterscheiden (1.Könige 3,9; 1.Korinther 12:10; Hebräer 5,12–14).

Die Schlange im Garten brauchte keine neue Lüge zu erfinden – sie musste nur Gottes Wort leicht verdrehen. Ebenso muss KI nicht offensichtlich irren, um zu täuschen. Es genügt, wenn sie die Übung des geistlichen Prüfens schwächt. Denn wahres Erkennen kommt nicht aus Rechenleistung, sondern aus Erneuerung des Sinnes (Römer 12,2).

Die erste Aufgabe des Predigers ist nicht, schöne Sätze zu produzieren, sondern Wahrheit zu erkennen. Und diese Erkenntnis wächst nicht durch Maschinen, sondern durch Heiligung – durch den Heiligen Geist, der mittels der Heiligen Schrift lehrt, überführt, zurechtweist und praktisch unterweist (2.Timotheus 3,16–17).

4. Die Gefahr einer menschenzentrierten Dienstauffassung

Eine weitere Gefahr liegt im schleichenden Übergang von Gottvertrauen zu Effizienzvertrauen. KI verspricht Zeitersparnis, Stil und Relevanz. Aber Reich-Gottes-Arbeit ist nie effizient. Der Same wächst verborgen. Der Wind des Geistes weht, wo er will.

Wenn ein Gemeindehirte anfängt, Erfolg in Reichweite und Ästhetik zu messen, verliert er leicht das Ziel aus den Augen: Buße und Glaube. Paulus sagte: »[M]eine Rede und meine Predigt war nicht in überredenden Worten der Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht auf Menschenweisheit beruhe, sondern auf Gottes Kraft« (1.Korinther 2,4).

Diese Kraft entsteht nicht durch Algorithmen, sondern durch Schwachheit, die Gott sucht. Ein Computer kann nicht sterben oder auferstehen, ist nicht vom Heiligen Geist bewohnt und beseelt – und darum kann er auch keine Auferstehungskraft vermitteln. Konservennahrung kann man rasch zusammenstellen und »fast« verabreichen – aber sie ist fürs Pflanzen, Reifen und Ernten völlig ungeeignet.

5. Die Gefahr eines verkümmerten Gebetslebens

Wo Technik blüht, verdorrt oft das Gebet. Wenn man in dreißig Sekunden bekommt, was früher drei Stunden Gebet und Arbeit kostete, erscheint Beten plötzlich ineffizient. Aber Beten war nie effizient – es ist Ausdruck der Abhängigkeit.

Jesus hätte Steine in Brot verwandeln können, doch Er wählte den Hunger – um dem Vater gehorsam zu bleiben. Ebenso muss ein Gemeindehirte bereit sein, Mühe und Langsamkeit zu ertragen, damit sein Herz hungrig nach Gott bleibt.

Jede Predigt, die ohne Gebet entsteht, ist ein Haus auf Sand. Worte mögen stehen, bis der Sturm kommt – dann fällt das Ganze in sich zusammen. KI kann Gliederungen liefern, aber nur der Geist kann Salbung schenken. Und die Salbung des Heiligen Geistes zerbricht Herzen – nicht clevere oder philosophisch anspruchsvolle Formulierungen.

6. Die Gefahr, die Stimme des Hirten zu verlieren

Ein Gemeindehirte (Ältester) ist nicht nur Lehrer, sondern auch Hirte (Epheser 4,11). Er muss sein Volk kennen – ihre Schmerzen, Versuchungen, Freuden. KI kann Daten auswerten, aber sie kann keine Tränen sehen. Sie kann Statistiken lesen, aber keine Herzen tragen. Sie kann Unmengen von theologischen Artikeln und Predigten lesen, wird aber kein Tröpfchen Heiligen Geist haben.

Die Stimme des Hirten hat Autorität, weil sie Wahrheit in Liebe vermittelt (Epheser 4,15). Und Liebe lässt sich nicht automatisieren. Wenn Prediger ihre Worte auslagern, wird ihre Stimme irgendwann fremd. Und Jesus sagt: »[D]ie Schafe folgen ihm, weil sie seine Stimme kennen. Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen« (Johannes 10,4–5). KI kann die Stimme eines guten Hirten nur nachäffen, sogar täuschend ähnlich (was die Schlange im Garten Eden auch konnte), aber nicht aus der Wahrheit im Herzen erzeugen.

7. Die Gefahr, das Kreuz zu vergessen

Am Ende liegt unter allen Gefahren diese: KI kann nicht bluten. Sie kann keine Last tragen. Sie kann kein Kreuz aufnehmen. Wahre Verkündigung fließt aus den Wunden des Gekreuzigten – durch die Wunden seiner Diener. »Daher wirkt der Tod in uns, das Leben aber in euch« (2.Korinther 4,12).

Wenn ein Gemeindehirte oder Prediger sich zu sehr auf KI verlässt, trennt er die Botschaft vom Kreuz von der Lebensweise des Kreuzes. Das Evangelium mag noch auf seinen Lippen liegen, aber nicht mehr in seinem Leben. Und wo das Kreuz nicht mehr Form und Inhalt unseres Lebens und Predigens prägt, verliert das Evangelium seine überzeugende Kraft (1.Thessalonicher 1,5–10; 2.Korinther 5,11).

8. Ein nachahmenswertes Vorbild

Esra hat uns ein nachahmenswertes Vorbild für alle Verkündiger hinterlassen: »Denn Esra hatte sein Herz darauf gerichtet, das Gesetz Jahwes zu erforschen und zu tun und in Israel Satzung und Recht zu lehren.« (Esra 7,10). Verkündigung fängt mit der rechten Herzenseinstellung an, geht zum Wort Gottes, um es intensiv (im Detail) und extensiv (in Gänze) zu studieren (vgl. Psalm 1,2), es dann aufs eigene Denken und Tun fruchtbringend anzuwenden und schließlich entsprechend gereift (»ergriffen«) und »begriffen« es lehrend auf die Herzen des Volkes Gottes zu legen als »Wort des Herrn«.

Darum, liebe Mitbrüder im Verkündigungsdienst:
Lasst uns die Werkzeuge unserer Zeit nicht verachten – aber lasst uns sie mit heiliger Wachsamkeit gebrauchen. Nutze sie, wenn du musst, aber gib ihnen nicht dein Herz.

Tausche niemals die Flamme göttlicher Offenbarung gegen das Flimmern digitaler Inspiration. Wenn der Geist Gottes einen Menschen erfüllt, wird sogar seine Schwachheit zur Stärke (1.Korinther 2,3–5). Aber wenn ein Mensch auf eine Maschine vertraut, wird selbst seine Stärke hohl.

Besser ein zitternder Prediger mit Bibel und Gebet – als eine gefällig-elegante Predigt ohne Seele.

Quellen & Disclaimer

Dieser Artikel wurde u.a. angeregt durch einen (englischsprachigen) Interview-Beitrag mit John Piper: Should I Use AI to Help Me Write Sermons? (24.02.2025). Onlinequelle: https://www.desiringgod.org/interviews/should-i-use-ai-to-help-me-write-sermons [10.10.2025].

Lesenswert auch der (englischsprachige) Artikel von Abner Chou, Präsident von The Master’s University and Seminary: Biblical Wisdom on Artificial Intelligence (28.10.2023). Onlinequelle: https://www.math3ma.institute/journal/jan2025-chou [10.10.2025].


[1]            Der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan (1911–1980) schrieb sinngemäß: »We shape our tools and thereafter our tools shape us.« (»Wir formen unsere Werkzeuge, und danach formen unsere Werkzeuge uns.«). Neil Postman (1931–2003), ein Schüler McLuhans, hat den Gedanken weitergeführt: »Every technology carries with it a philosophy, a bias, a way of being in the world.« (»Jede Technologie bringt eine Philosophie mit sich, eine Tendenz, eine bestimmte Art, in der Welt zu sein.«). Beide beobachteten, dass insbesondere neue, gehypte Technologien die Tendenz haben, die eigentliche Botschaft in den Hintergrund zu drängen und sich dafür selbst in den Vordergrund zu stellen: Das Medium selbst wird zur Botschaft (McLuhan, The Medium Is the Massage, 1967; das Buch wurde absichtlich mit diesem Druckfehler im Titel verkauft!).

Die erste Gemeinde-Bibelschule (Nathan Busenitz)

Eine biblische Rechtfertigung für Bibelschulen und die Ausbildung an einer gemeindenahen Bibelschule lässt sich aus einer Reihe von Bibelstellen ableiten: von Matthäus 28,19 (mit der Betonung der Jüngerschaft) über 2. Timotheus 2,2 (mit Betonung der Ausbildung von Leitern) bis hin zu Titus 1,9 (mit der Betonung, dass Älteste dazu befähigt sein müssen, den Glauben zu lehren, zu verkünden und zu verteidigen).

Es gibt jedoch eine kurze Passage in der Apostelgeschichte, die auf besonders aufschlussreiche Weise einen biblischen Präzedenzfall für die Ausbildung an einer gemeindenahen Bibelschule liefert. Diese Verse, die auf den ersten Blick nicht besonders bedeutend erscheinen mögen, zeigen, wie der Apostel Paulus in der Stadt Ephesus eine theologische Ausbildungsstätte gründet. Ein Kommentator erklärt dazu: »In Ephesus gründete Paulus eine theologische Schule, um zukünftige Führungskräfte für die wachsende Kirche in der Provinz Asien auszubilden« (Simon J. Kistemaker, Acts, NTC, 684).

Es ist unwahrscheinlich, dass Paulus diese Schule »Bibelschule Ephesus« [oder »Christliches Bibel Training Center Asia« ;-)] nannte, aber im Wesentlichen war sie genau dieses.

Der Hintergrund des biblischen Berichts ist die dritte Missionsreise des Paulus (52/53–56 n. Chr.). Nachdem Paulus Antiochia verlassen und die Gemeinden in Südgalatien bereist hatte, begab er sich nach Ephesus. Dort traf er auf etwa ein Dutzend Jünger Johannes des Täufers und führte sie zu Jesus Christus, auf den Johannes hingewiesen hatte (Apg 19,1–7). Lukas nimmt die Erzählung an dieser Stelle auf und schreibt:

Er ging aber in die Synagoge und sprach freimütig drei Monate lang, indem er sich unterredete und sie von den Dingen des Reiches Gottes überzeugte. Als aber einige sich verhärteten und nicht glaubten und vor der Menge schlecht redeten von dem Weg, trennte er sich von ihnen und sonderte die Jünger ab, indem er sich täglich in der Schule des Tyrannus unterredete. Dies aber geschah zwei Jahre lang, so dass alle, die in Asien wohnten, sowohl Juden als auch Griechen, das Wort des Herrn hörten. – Apg 19,8–10 (ELBCSV)

Wie Lukas in den Versen 9–10 erklärt, traf sich Paulus zwei Jahre lang jeden Tag mit einer Gruppe von Gläubigen in einer Schule, um sich mit ihnen über Themen der Theologie zu unterreden. Das ist im Wesentlichen das Grundmodell der theologischen Ausbildung an einer Bibelschule.

Aus diesem kurzen Abschnitt lassen sich drei Merkmale der ersten gemeindenahen Bibelschule ableiten. Und obwohl wir uns davor hüten müssen, einen erzählenden Text aus der Apostelgeschichte als eine normative Vorschrift für die heutige christliche Gemeinde zu missbrauchen, bieten diese Merkmale dennoch hilfreiche Parallelen für diejenigen, die sich heute mit der Ausbildung an einer Bibelschule befassen, sei es als Studierende oder als Lehrende.

Die Verpflichtung: Ein mutiges Bekenntnis zum Evangelium (Apg 19,8–9a)

Er ging aber in die Synagoge und sprach freimütig drei Monate lang, indem er sich unterredete und sie von den Dingen des Reiches Gottes überzeugte. 9 Als aber einige sich verhärteten und nicht glaubten und vor der Menge schlecht redeten von dem Weg…

Apostelgeschichte 19,8 beschreibt den Inhalt der Botschaft des Paulus – eine Botschaft, die er zweifellos auch nach seinem Verlassen der Synagoge und der theologischen Unterweisung der Jünger weiter verkündete. Eine Untersuchung von Vers 8 zeigt, dass die Botschaft des Paulus kontinuierlich und anhaltend (»drei Monate lang«), mutig (»freimütig reden« parrhēsiazomai), sorgfältig (»unterredete« dialegomai), voller Überzeugung („»überzeugte« peithō) und christuszentriert (»von den Dingen des Reiches Gottes«) war. In Übereinstimmung mit seinem von Gott gegebenen Auftrag, das Evangelium zu verkünden, verkündete Paulus drei Monate lang treu die Wahrheit der Erlösung in der Synagoge von Ephesus.

Wie es für diejenigen, die der biblischen Wahrheit treu verpflichtet sind, unvermeidlich ist, stieß Paulus auf Feindseligkeit. Seine Botschaft erwies sich als umstritten (V. 9), nicht weil der Apostel streitsüchtig war, sondern weil das Wort Gottes immer polarisiert. Donald Grey Barnhouse kommentierte diesen Vers wie folgt:

Beachten Sie die Reaktion, die Paulus auf seine Predigten erhielt. Es ist immer dasselbe: Einige reagieren positiv, aber die große Mehrheit ist verhärtet und ungehorsam in ihrer Einstellung. Paulus schrieb darüber in 1. Korinther 2,14: „Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes kommt, denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt werden muss.“ Das ist immer die Reaktion, die jeder Prediger des Wortes Gottes erhält. Das ist die Reaktion, die jeder Christ auf sein treues Zeugnis für die Wahrheit Gottes erhält. (Acts,S. 176)

Dass Paulus sich auch angesichts von Feindseligkeiten unerschütterlich zur Wahrheit bekannte, setzt einen mutigen Präzedenzfall für alle, die heute im Dienst stehen (sei es in einer Gemeinde oder einer Bibelschule). Viel zu viele christliche Institutionen sind schnell bereit, ihre Botschaft zu verwässern, um sich dem Mainstream anzubiedern. Aber die von Gott gegebene Aufgabe eines jeden Gemeindehirten oder Bibelschullehrers ist es, für die Wahrheit einzustehen, egal wie töricht oder unwillkommen sie der Gesellschaft um ihn herum erscheinen mag.

Die Investition: Eine planvolle Konzentration auf die Ausbildung (Apg 19,9b–10a)

… trennte er sich von ihnen und sonderte die Jünger ab, indem er sich täglich in der Schule des Tyrannus unterredete. 10 Dies aber geschah zwei Jahre lang…

Da Paulus nicht mehr in der Synagoge lehren konnte, zog er sich zurück und begann, sich mit den Jüngern in einer nahegelegenen Schule zu treffen (wahrscheinlich einem Hörsaal, der von einem lokalen Philosophen namens Tyrannus genutzt wurde). Everett F. Harrison gibt weitere Aufschlüsse über die Situation:

Paulus‘ neuer Aufenthaltsort war »die Schule des Tyrannus«. Das griechische Wort dafür ist scholē, was zunächst Freizeit bedeutet, dann Diskussion oder Vorlesung (eine beliebte Freizeitbeschäftigung der Griechen), dann eine Gruppe, die solche Vorlesungen besucht, und schließlich den Ort, an dem solche Unterweisungen erteilt wurden. Eine aufschlussreiche Ergänzung im westlichen Text [Codex Bezae[1]] an dieser Stelle besagt, dass Paulus an diesem Ort täglich von der fünften bis zur zehnten Stunde, d. h. von 11 Uhr bis 16 Uhr, tätig war. Dies war die Siesta-Zeit für die Einwohner. Es wird vermutet, dass Paulus den Saal zu einem symbolischen Preis mieten konnte, weil er zu dieser Tageszeit nicht genutzt wurde. (Acts, S. 291)

Die Tatsache, dass Paulus zwei Jahre lang täglich zusammenkam, zeigt, wie sehr er sich persönlich für die Ausbildung seiner Glaubensbrüder engagierte. Wenn der westliche Text korrekt ist, fanden die theologischen Lehrveranstaltungen des Paulus während der üblichen Mittagsruhe (Siesta) der Stadt statt (was darauf hindeutet, dass schläfrige Bibelschüler eine lange Tradition haben). Der Apostel opferte bereitwillig seine persönliche Ruhezeit, um die Jünger zu unterrichten, wahrscheinlich in Form von (Lehr-) Dialogen.

Es ist interessant zu bedenken, dass Paulus, wenn er sich sechs Tage die Woche fünf Stunden lang mit den Jüngern getroffen hat, mit ihnen in den zwei Jahren insgesamt etwa 3.000 Stunden verbracht hat. Das entspricht heute ungefähr 200 Vorlesungseinheiten (in Europa heute: Credit Points, Kreditpunkte; ein Bachelor-Studium umfasst 210 Credit Points; A.d.Ü.).

Bemerkenswert ist auch, dass Paulus sich während dieser Zeit als Zeltmacher finanziell selbst versorgte. F. F. Bruce erklärt:

Wir können uns also vorstellen, wie Paulus den frühen Morgen mit Betreiben seines Handwerks verbrachte (vgl. 20,34; 1Kor 4,12), und dann die nächsten fünf Stunden der noch anstrengenderen Aufgabe des christlichen Lehrgesprächs widmete. Seine Zuhörer müssen von seiner Begeisterung und Energie angesteckt worden sein. (Acts, S. 408)

Eine letzte Bemerkung betrifft den Namen jenes »Tyrannus«, den die meisten Kommentatoren für den Dozenten halten, von dem Paulus den Hörsaal gemietet (oder zur Nutzung überlassen bekommen) hatte. Kistemaker weist auf die Bedeutung seines Namens hin: »Wir wissen nichts weiter über Tyrannus, dessen Name Tyrann bedeutete. Wahrscheinlich war dies ein Spitzname, den ihm seine Schüler gegeben hatten« (Acts, S. 684). Wenn das stimmt, dann hat auch das Vorbild des strengen Bibellehrers eine lange Geschichte.

Auch hier gibt Paulus den heutigen Bibelschullehrern wieder ein überzeugendes Beispiel, über das sie nachdenken sollten. Der Apostel brachte große Opfer, um die nächste Generation christlicher Leiter auszubilden. Es ist unser Vorrecht, dasselbe für diejenigen zu tun, die in unseren Tagen zur Verherrlichung Christi zum christlichen Dienst berufen sind.

Die Wirkung: Ein Beitrag, der Christus in aller Welt ehrt (Apg 19,10b)

…so dass alle, die in Asien wohnten, sowohl Juden als auch Griechen, das Wort des Herrn hörten.

Lukas schließt diesen kurzen Abschnitt mit einem Kommentar zu der Wirkung, die die Ausbildungsstätte des Paulus in Ephesus hatte: »so dass alle, die in [der röm. Provinz] Asien wohnten, sowohl Juden als auch Griechen, das Wort des Herrn hörten«. Paulus konzentrierte sich ganz auf die Ausbildung und die Ergebnisse waren geradezu explosiv. Ein Kommentator merkt sogar an, dass »dieser Ort mit seinen täglichen Lehrdialogen über einen Zeitraum von zwei Jahren es Paulus ermöglichte, den bislang umfangreichsten Einfluss auszuüben, der in der Apostelgeschichte berichtet wird« (David Peterson, Acts, S. 536).

Als Ergebnis dieser Ausbildungsstätte wurden Gemeindehirten ausgebildet und christliche Gemeinden gegründet. Bruce beschreibt die Auswirkungen mit folgenden Worten:

Von da an wurde die Provinz Asien zu einem der wichtigsten Zentren des Christentums. Wahrscheinlich wurden alle sieben in der Apokalypse [Offenbarung] erwähnten Kirchen Asiens in diesen Jahren gegründet, und noch weitere. Die Gründung der Kirchen im Lykos-Tal, in Kolossä, Hierapolis und Laodizea muss in diese Zeit datiert werden: Diese Städte wurden nicht von Paulus persönlich evangelisiert, sondern von seinen Mitarbeitern. (Acts, S. 409)

Und Kistemaker fügt hinzu:

Wir gehen davon aus, dass die von Paulus ausgebildeten Bibelschulstudenten Gemeindehirten in aufstrebenden Gemeinden in Westkleinasien wurden. … Diese Jünger waren maßgeblich daran beteiligt, das Evangelium Christi, also das Wort Gottes, sowohl an die Juden als auch an die Griechen [Nichtjuden] zu verkündigen. (Acts, S. 685)

Die zweijährige Ausbildungsstätte des Paulus hatte durch Gottes Gnade einen unglaublichen Einfluss auf die Verbreitung des Evangeliums und die Sache Christi. Wie R. C. H. Lenski zu Recht hervorhebt:

Paulus nutzte Ephesus als Ausstrahlungszentrum. Während er in dieser Metropole und diesem politischen Zentrum blieb, streckte er seine Fühler mithilfe seiner Assistenten so weit wie möglich aus. Wie viele er davon beschäftigte, lässt sich nicht abschätzen. Eine Gemeinde nach der anderen wurde gegründet. (Acts, S. 790)

Auch hier liefert uns das Beispiel des Paulus ein überzeugendes Vorbild, über das wir nachdenken sollten. Wenn Bibelschulen ihrer gottgegebenen Verpflichtung treu bleiben und die ihnen anvertraute Investition sorgfältig wahrnehmen, können sie mit Freude beobachten, wie Gott ihre Arbeit segnet, indem Gott sein Wort einsetzt, segensreiche Wirkungen in dieser Welt zu zeitigen.

Nathan Busenitz

Dr. Nathan Busenitz ist Executive Vice President und Dekan der Fakultät am The Master’s Seminary. Er ist außerdem einer der Gemeindehirten von Cornerstone, einer Gemeinschaftsgruppe innerhalb der Grace Community Church in Sunvalley, CA (USA).


Endenoten

[1]      Der Codex Bezae, auch Codex Bezae Cantabrigiensis, ist eine Handschrift des Neuen Testaments in griechischer und lateinischer Sprache aus dem 5. Jahrhundert. … Der Codex Bezae enthält die vier Evangelien in der Reihenfolge der westlichen Handschriften (Matthäus, Johannes, Lukas, Markus) und einen Teil der Apostelgeschichte. … Der Codex wird in der Bibliothek der Universität Cambridge aufbewahrt und hat die Signatur MS Nn.2.41. … Er war der einzige Bibeltext aus dem ersten Jahrtausend, der im 16. Jahrhundert bekannt wurde. Der Kodex ist benannt nach Theodor Beza, dem Nachfolger Johannes Calvins. Beza schenkte diesen Codex der Universität Cambridge. Gemäß Beza sei der Codex zuvor im Kloster St. Irenäus bei Lyon gewesen. (überarb. Exzerpt aus: de.wikipedia.org/wiki/Codex_Bezae)

Disclaimer

Dieser Beitrag von Nathan Busenitz im Blog des The Master’s Seminary vom 26. März 2015 wurde von Dr. Busenitz stark erweitert vorgetragen auf der Shepherd’s Conference 2025 (5.–7. März 2025 in Sunvalley, CA, USA) unter dem Titel: General Session 9: Mobilizing the Master’s Men – Paul’s Strategic Commitment to Pastoral Training (hier). – Der Kurzbeitrag hier wurde übersetzt und leicht überarbeitet von grace@logikos.club.

Von Gefühlen getäuscht (Burk Parsons)

Als Gott uns nach seinem Ebenbild schuf, gab er uns die Fähigkeit zu fühlen und zu denken. Unsere Fähigkeit, Gefühle, Wünsche und Emotionen zu haben, stammt von Gott, daher sind unsere Gefühle, Wünsche und Emotionen bedeutsam für unser Menschsein. Gleichzeitig hat Gott uns auch mit der Fähigkeit zu denken, zu beurteilen und zu entscheiden gesegnet.

Ein Problem entsteht jedoch, wenn wir Denken und Fühlen verwechseln. Viele Menschen scheinen heute den Unterschied zwischen Denken und Fühlen nicht zu verstehen. Darüber hinaus sind viele im Unklaren, wie sie im Leben die richtigen Entscheidungen treffen und die richtigen Schlüsse ziehen können. In früheren Generationen wurde gesagt: „Tu, was recht ist!“ Seit Jahrzehnten jedoch fordert unsere Kultur die Menschen auf: „Tu, was sich gut anfühlt!“ Den Menschen wird dabei vermittelt, dass wahre Freiheit darin bestünde, das zu tun, was sich richtig anfühlt. Anstatt dessen sollten sie gelernt haben, dass wahre Freiheit die Fähigkeit ist, das zu tun, was wir als richtig erkennen.

Es überrascht nicht, dass viele Menschen in unserer Zeit ihre Identität, Sexualität und ihr Geschlecht aufgrund bloßen Fühlens in Frage stellen. Dies sollte uns zutiefst traurig stimmen und uns dazu veranlassen, allen Menschen mit Mitgefühl und Fürsorge das Evangelium zu verkünden. Menschen, die auf solche Weise verwirrt sind, müssen die Gnade Gottes in der Guten Nachricht von Jesus Christus erkennen lernen.

Wenn Ungläubige die Wahrheit über Gott gegen eine Lüge eintauschen, werden sie natürlich das, was sie wissen, gegen das eintauschen, was sie fühlen. Sie werden ihr Wissen über das, was sie für wahr und richtig halten, gegen ihre niedrigsten Gefühle eintauschen, von denen sie erhoffen, dass diese ihnen den besten Genuss bereiten. Am Ende werden Menschen, die von Christus getrennt sind, das tun, was ihnen die angenehmsten Gefühle hervorruft. Der Zeitgeist ermutigt sie darin mit dem verrückten Rat, dass sie ihre Gefühle nicht mit der Realität in Einklang bringen müssten, sondern die Realität mit ihren Gefühlen.

Selbst wir Christen können manchmal von unseren Gefühlen getäuscht werden. Wir können in tiefe Unzufriedenheit, Einsamkeit, Verzweiflung oder Scham verfallen und das Gefühl haben, nicht wirklich gerettet zu sein. Dies kann besonders dann geschehen, wenn wir uns von unserer Sünde erdrückt fühlen und wenn unser Feind uns anklagt. Wir müssen uns dann daran erinnern, dass unsere Gefühle manchmal die größten Lügner sind. Wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Gefühle das, was wir [aus Gottes Wort] als wahr und recht erkannt haben, außer Kraft setzen. Wir müssen unseren Gefühlen das Evangelium predigen und den Herrn bitten, uns zu helfen, nie zu vergessen, dass wir in Christus sind. Wir dürfen niemals zulassen, dass sich unsere Lehre unseren Gefühlen beugt, sondern müssen vielmehr mit Sorgfalt darauf achten, dass unsere Gefühle der biblischen Wahrheit entsprechen.

Ein Beitrag von Burk Parsons in Tabletalk Vol. 48, Nr. 6 (Juni 2024), S. 2. Dr. Burk Parsons ist Herausgeber des Magazins Tabletalk und leitender Pastor der Saint Andrew’s Chapel in Sanford, Florida (USA). Eigene Adaptierung und Übertragung ins Deutsche.

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Was drei para-Wörter über das Wesen der Sünde lehren

Über das Wesen der Sünde muss viel und bibelgründlich nachgedacht werden, sonst begreift man weder den mieslichen Stand des gefallenen Menschen, noch die Größe des Opfers des menschgewordenen Sohnes Gottes, noch die Genialität und den Gnadenreichtum der Erlösung.

Einen hilfreichen Blick auf das Wesen der Sünde liefert der Apostel Paulus in seinem Brief an die christliche Gemeinde in Rom. Er gebraucht dort im fünften Kapitel drei Wörter mit der griech. Vorsilbe para:

»14Aber der Tod herrschte von Adam bis auf Mose, selbst über die, die nicht gesündigt hatten in der Gleichheit der Übertretung [παράβασις parabasis] Adams, der ein Vorbild des Zukünftigen ist.
15Ist nicht aber wie die Übertretung so auch die Gnadengabe? Denn wenn durch die Übertretung [παράπτωμα paraptōma] des einen die vielen gestorben sind, so ist viel mehr die Gnade Gottes und die Gabe in Gnade, die durch den einen Menschen, Jesus Christus, ist, zu den vielen überströmend geworden.
19Denn so wie durch den Ungehorsam [παρακοή parakoē] des einen Menschen die vielen in die Stellung von Sündern gesetzt worden sind, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen in die Stellung von Gerechten gesetzt werden.«

Römer 5,14.15.19 (ELBCSV 2003)

Sünde war dem Geschöpf (hier: dem Menschen) nur möglich, weil es ihm geschöpflich möglich war, aus seinem früheren Stand herauszufallen. Nur Gott Selbst ist im Wesen unwandelbar und vollkommen. Der Mensch war gut (sogar »sehr gut«; 1.Mose 1,31) erschaffen worden, aber nicht unveränderlich gut geschaffen worden. Die Möglichkeit zur Veränderung in beide Richtungen war also durch seine Wandelbarkeit möglich, mithin auch das Fallen aus der ursprünglichen Unschuld.

Zum Fallen bedarf es des Anstoßes, einer herabziehenden Kraft und einer dieser Kraft unterliegenden Schwäche. Der Mensch fiel durch den Anstoß, den der Mensch am (einzigen!) Gebot Gottes nahm, und wodurch er den Segensraum, den Gott ihm in Verbindung mit dem einzigen Verbot errichtet hatte, verließ. Dergestalt sich selbst des Haltes entledigt habend, wirkte als Zweitursache für den Fall die verführerische Kraft der Schlange, in der der Satan, der Ur-Lügner und Ur-Menschenmörder (Johannes 8,44), wirksam war.

Folglich bezeichnet die Bibel Sünde mit Begriffen wie »das Ziel verfehlen, fehlschießen, von der Bahn abirren« (Hebr.) oder »Herauslaufen aus einer bisher eingehalten Bahn« (Griech.). Andere griech. Schreiber und die LXX verwenden auch den Begriff »aus der Melodie fallend, falsch singend« (πλημμέλεια), also Sünde/Schuld als »Misston«.

»Das Hinausgehen, das Abweichen aus dem Worte oder Gebote Gottes und der daraus folgende Bruch mit Gott ist der Sünde Anfang, und im Beharren auf diesem Weg vollendet sich die Sünde.« (Eduard Böhl, Dogmatik [Bonn/Hamburg, 2004], S. 208).

Paulus betont in der lehrhaften Interpretation des historischen Sündenfalls in Römer 5 dieses »Hinausgehen« mit einem Dreiklang von para-Wörtern.

  • παράβασις parabasis – von para = (hin-)über/daneben und baino = gehen/(ein-)treten, also Übertretung, Überschreiten einer gezogenen Linie, meist im juristischen Sinn: Gesetz, Statuten, Vertragsbestimmung nicht einhalten; der biblische Gebrauch folgt dem juristischen Sinn (vgl. Römer 2,23; 4,15; Galater 3,19; 1.Timotheus 2,14; Hebräer 2,2; 9,15)
  • παράπτωμα paraptōma – von para = (hin-)über/daneben und pipto = fallen, also Fehltritt, ein Fallen aus der rechten Bahn. Stets als Sünde verstanden, daher meist wiedergegeben mit: Übertretung, aber auch mit: Verfehlung, Fehltritt, Fall, Sünde, Vergehung (Römer 4,25; 5,15.16.17.18.20; 11,11.12; 2.Korinther 5,19; Galater 6,1; Epheser 1,7; 2,1.5; Kolosser 2,13).
  • παρακοή parakoē – von para = (hin-)über/daneben und akouo = hören, also danebenhören, weghören, sich weigern zu hören: Ungehorsam (2.Korinther 10,6; Hebräer 2,2). Im AT parallel mit der »Weigerung, auf meine Worte zu hören« (Jeremia 11,10; 35,17).

Der Apostel verweist auf die historischen Tatsachen der Schöpfungsgeschichte und des »Sünden-Falls«, dem Geschehnis der Ur-Sünde. In 1.Mose 3 werden die einzelnen Schritte des Fallens in die Sünde deutlich markiert. Paulus macht in Römer 5,12 deutlich, dass dies der Ausgangspunkt für das Verstehen der Sünde ist. Folgen wir also in groben Zügen dem Geschehen dort, um Paulus in Römer 5 (und wo er sonst Schöpfung und Sündenfall heranzieht) besser zu verstehen.

Die Verführungsmacht des Bösen demonstriert an der Ur-Sünde

Die Verführung des als Schlange auftretenden Satans beginnt mit dem taktisch listigen ersten Schritt, die Frau des ersten Paares anzusprechen, also unter Umgehung Adams, der für das Paar verantwortlich war und der das Gebot Gottes höchstpersönlich empfangen hatte, bevor Eva erschaffen worden war (2.Mose 2,16–17). Es sollte uns nicht verwundern, dass Satan dabei die Hauptschaft des Mannes und mithin die Schöpfungsordnung Gottes missachtet, aber es sollte uns demütigen, dass wir Menschen in Adam und Eva diese Übertretung (parabasis) der Ordnung Gottes ohne Widerspruch hinnehmen.

Der zweite Schritt ist eine listige Frage, in der der Keim der Verführung durch Lüge insofern schon enthalten ist, als das Gebot Gottes in verfälschter Weise zitiert und in eine bewusste Infragestellung gegossen wird: »Hat Gott wirklich gesagt: Ihr sollt nicht essen von jedem Baum des Gartens?« (1.Mose 3,1). Das Gebot Gottes war ja in Hauptsache positiv formuliert worden: »Von jedem Baum des Gartens darfst du nach Belieben essen« (1.Mose 2,16), bevor ein einzelner (!) Baum ausgenommen und zum verbotenen Baum erklärt wurde: »aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, davon sollst du nicht essen; denn an dem Tag, da du davon isst, wirst du gewisslich sterben« (1.Mose 2,17; ELB1905, vgl. SCHL2000). Bei Satan liegt der Schwerpunkt auf dem Verbot, das wie ein Verbot für alle Bäume klingt: »nicht essen von jedem Baum des Gartens«. Dies ist eine Testfrage, ob Eva das Gebot Gottes exakt kennt und verführerische Verdrehungen in der Formulierung samt der unterschwelligen Anklage (Gott sei restriktiv, anstelle im Überfluss segnend) sofort erkennt. Dafür aber muss man das ganze Gegenteil von „Danebenhören“ tun: Man muss der Stimme Gottes aufmerken zuhören und dieses Wort Gottes im Herzen glaubend aufnehmen (vgl. 1.Mose 22,18; 1.Samuel 15,22; 2.Könige 18,12; Sprüche 2,1–8; 15,31–33; 28,9; Kolosser 1,23; Hebräer 2,1–3; Offenbarung 2,7.11.17.29; 3,6.13.22; 13,9).

Der dritte Schritt wird getan, indem Eva überhaupt der Schlange zuhört und sich nicht abrupt abwendet. Denn gegenüber den Worten der Schlange ist parakoē (Weghören, Ungehorsam) Pflicht. Mit der Entscheidung, wem man das Ohr leiht, trifft man Vorentscheidungen.

Der vierte Schritt ist, dass Eva die Worte und den Gedanken Satans aufnimmt und antwortet. Nun ist der Dialog mit dem Satan begonnen. Welchen sinnvollen Grund könnte es je geben, mit dem obersten Feind Gottes und der Menschen Gedanken auszutauschen? Zumal in ihrer Antwort deutlich wird, dass sie die Fakten nicht klar parat hat: Eva kennt das (bisher einzige!) Gebot Gottes nicht exakt, nur so ungefähr: »Von der Frucht der Bäume des Gartens essen wir; aber von der Frucht des Baumes, der in der Mitte des Gartens ist, hat Gott gesagt: Davon sollt ihr nicht essen und sie nicht anrühren, damit ihr nicht sterbt.« (1.Mose 3,2–4). Sie vergisst zwei entscheidende Wörter des göttlichen Segens- und Gebotsspruches: »nach Belieben« und »gewisslich«. Wenn Gott redet, ist „Danebenhören“ gefährlich. Denn mit dem ersten Wort betonte Gott den Überfluss und die freie Verfügbarkeit seines Segens, und mit dem zweiten Wort betonte Er die Ernsthaftigkeit der Sanktion/Strafe bei Übertretung. Gott schenkt im Überfluss, aber nur im von Ihm gesetzten Rahmen; wird dieser überschritten, ist absolut sicher mit den angekündigten Folgen zu rechnen. Und ob dieser »verbotene Baum« wirklich »in der Mitte des Gartens« stand, oder nun listig zum Zentrum der Diskussion gemacht wird, wissen wir nicht. – Evas Antwort schaltet jedenfalls für Satan das Signal auf »Grün«, um seine Verführung nun noch offener und noch direkter fortzusetzen.

Der fünfte Schritt ist ein offener Angriff der Schlange auf Gottes moralisches Wesen von Licht/Wahrheit und Liebe: »Ihr werdet durchaus nicht sterben, sondern Gott weiß, dass an dem Tag, da ihr davon esst, eure Augen aufgetan werden und ihr sein werdet wie Gott, erkennend Gutes und Böses.« (1.Mose 3,4-5). Mit frechem »durchaus nicht« wird Gottes Wahrheit geleugnet, mit dem Rest wird Gottes Liebe in Frage gestellt, werden Gott schlechte Motive unterstellt: »Gott enthält euch etwas Wunderbares vor. Habt den Mut, es euch einfach zu nehmen!«. Und wie bei fast jeder Verführung wird nicht nur durch offenes Reden Wesentliches verleugnet, sondern auch durch Umdeutungen und Verschweigen. »Sein wie Gott« ist dem Geschöpf prinzipiell unmöglich: Der Schöpfer wird immer höher als sein Geschöpf sein. Was geschöpfliche Realität des Menschseins war, ist das Gleichnishafte und Bildhafte des Menschen gegenüber Gott. Diese unter allen Geschöpfen einzigartige Wesenszuweisung befähigt den Menschen zum Gegenüber Gottes. Sie ist Befähigung zu größten göttlichen Segnungen, macht den Menschen aber nicht zu Gott. Niemals wird ein Mensch über den Weg eigener und autonom verschaffter Erkenntnis des Guten und Bösen so werden können »wie Gott«[1]. Die Schöpfungsordnung war eine klare: Gott setzte souverän das Gebot ein und legte die Strafe fest, der Mensch stand unter dem Gebot. Dies war unumkehrbar, offensichtlich und nicht in Frage zu stellen. Leider war diese Täuschung und Verführung des Menschen schon beim ersten Versuch im Garten Eden erfolgreich, und so verwendet Satan sie seitdem immer wieder – und mit großem Erfolg. Um sich selbst drehend und um sich selbst tanzend verbohrt und erniedrigt sich der narzistische und sich zum Gott erklärende Mensch in immer hoffnungslosere Tiefen der Gottesfinsternis.

Der sechste Schritt offenbart, dass der Biss der Schlange das Gift ihrer Lüge erfolgreich Eva injiziert hat. Die Verführung durchdringt lähmend die Schaltzentrale ihres Seins: ihren Geist, ihre Seele, ihr Herz. Man kann diesen inneren Prozess des selbstständigen Denkens, Empfindens und Bilden einer persönlichen Entscheidung am Wort »sah« und an den wertenden Wörtern »gut«, »eine Lust« sowie »begehrenswert« verfolgen. Wir müssen rückblickend feststellen, dass hiermit der »Sündenfall« bereits geschehen ist, denn jede Sünde beginnt im Denken und Begehren, im Herzen (der Persönlichkeitsmitte), sagt der Sohn Gottes (Matthäus 5,22.28; 15,19–20). Die Lust zur Sünde hat die Augen verblendet, die klare Linie, die Gott gezogen hatte, ist ausgeblendet. Das Übertreten (parabasis) ist bei Eva im Denken, im Herzen, im Zentrum also, getan, ihr Fallen im nächsten Schritt ist unausweichlich (Jakobus 1,15).

Der siebte Schritt: Nicht jeder Gedanke, nicht jedes Begehren, nicht jedes Entscheiden führt heute den Glaubenden zwingend auch zur bösen Tat, da Gottes Gnade oft zurückhält. Aber hier im Garten Eden beobachten wir, dass den sündigen Gedanken, Gefühlen, Bewertungen, Entscheidungen Evas – ihrem Übertreten im Herzen – nun auch konsequent die sündigen Taten folgen, und Eva andere (ja: alle anderen!) in die sündige Tat mit hineinzieht, hinein in den großen Fall (paraptōma). Rätselnd fragen wir: Hat hier beim ersten Paar nur Eine gedacht?! Waren da nicht Zwei?! Warum hört man von Adam nichts? Männer: Schweigen zur Unzeit kann große Schuld ermöglichen und zu größtem Übel führen.

»Und die Frau sah, dass der Baum gut zur Speise und dass er eine Lust für die Augen und dass der Baum begehrenswert wäre, um Einsicht zu geben; und sie nahm von seiner Frucht und , und sie gab auch ihrem Mann bei ihr, und er aß.«

1. Mose/Genesis 3,6 (ELBCSV 2003)

Und so sehen wir, wie die Sünde »funktioniert«, und wie selbst das erste und beste Menschenpaar miteinander in die Sünde »fällt«. Wie sollen wir Gefallenen, mit jenem Sünderwesen bereits Geborenen, es je besser machen können? Das ist unmöglich.

Der reformierte deutsche Theologe Eduard Böhl (1836–1903) lieferte in seiner Dogmatik eine scharfsinnige Analyse des »Sündenfalls«:

»Der Mensch leiht sein Ohr dem Verführer; er weicht, angelockt durch die Worte des Satans und Gott misstrauend, aus der anfänglich guten, vom Gebot vorgezeichneten Richtung. Also zunächst sündigt der Mensch wider die Gebote der ersten Tafel. Nachdem die nunmehr haltlose Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde (vgl. Jak 1,14.15); der Bruch mit Gott vollzieht sich mit der bösen Tat, und der Übertretung der Gebote der zweiten Tafel ist Tür und Tor geöffnet. … Die Sünde ist also nach dieser Darstellung nicht anfänglich in der Selbstsucht und noch weniger in der concupiscentia, der sinnlichen Begierde, zu suchen! … Die Zweige tragen nicht die Wurzel, sondern die Wurzel trägt die Zweige. Erfassen wir die Sünde bei ihrer Wurzel, wie sie bei Adam erscheint, so müssen wir sagen: Sünde ist das Abweichen von dem lebendigen Gott und dessen Wort aus mutwilligem Ungehorsam und Mißtrauen gegen Gott. Soweit geht die negative Beschreibung. Die positive, das Vorige ergänzende Beschreibung lautet: Sünde ist die Übergabe des Menschen (Adams) an den Teufel, um dessen Willen zu tun, anstatt zu verharren bei dem Worte und Gebote, das aus Gottes Mund gegangen.«

Eduard Böhl, Dogmatik [Bonn/Hamburg, 2004]. S. 208–209.

Damit ist auch eine Antwort auf die Frage: Woher kommt die Sünde? Woher kommt das Böse? gegeben. Es ist keine Sache oder eine Person, die Ursache und Motiv des Bösen ist. Es ist vielmehr ein Mangel, ein Fehlen des Guten, welches unausweichbar ins Böse und in die Sünde führt. Wer Gott und Sein Wort aufgibt, erwirbt damit einen so schweren Mangel, dass das Fallen in Sünde mit Todesfolge unausweichlich ist. Dies ist in der Schrift gut beobachtbar: Zuerst bei Satan und später bei dem ersten Menschenpaar in deren aktiver Rebellion gegen die Ordnungen und Gebote des Schöpfer-Gottes. Wer das Licht verstößt, dem bleibt nur die Finsternis und die Leere des auf sich selbst geworfenen und damit vom Leben abgeschnittenen Geschöpfs.

Rettung aus der Finsternis der Verführung

Für Gott ist die Lage der Verführten und Gefallenen nicht hoffnungslos. Sein Wesen und sein Name ist ja »Retter-Gott« – Jesus. Daher gibt Er dem ersten Menschenpaar in 1.Mose 3,15 einen Hoffnungsfunken, der der erste Zeuge von der kommenden »Sonne der Gerechtigkeit« ist, die aufgehen wird »mit Heilung in ihren Flügeln« (Maleachi 3,20). Vor 2.000 Jahren kam dieser Heiland-Gott im menschgewordenen Sohn Jesus Christus auf unsere Erde, »um seinem Volk Erkenntnis des Heils zu geben in Vergebung ihrer Sünden, durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, in der uns besucht hat der Aufgang aus der Höhe, um denen zu leuchten, die in Finsternis und Todesschatten sitzen, um unsere Füße auf den Weg des Friedens zu richten.« (Lukas 1,77-79). Und dieser dort begonnene Weg steht für jeden Glaubenden auch heute noch offen. Er führt den Glaubenden in lichte Höhen, die zu erfassen uns noch nicht völlig möglich ist (1.Korinther 2,9; Epheser 3,14–21).

Wo Gottes Licht und Leben in einem Menschen Raum greift, wird dieser hell und heil. Im Anschauen Gottes weichen alle Schatten und der Mensch hat seinen Lebensraum wieder da, wo Gott ihn segnen kann:

Denn bei dir ist der Quell des Lebens, in deinem Licht werden wir das Licht sehen.

Psalm 36,10 (ELBCSV 2003)

Dies aber ist das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.

Johannes 17,3 (ELBCSV 2003)

[Jesus Christus spricht:] Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben. … Ich bin als Licht in die Welt gekommen, damit jeder, der an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe.

Johannes 8,12; 12,46 (ELBCSV 2003)

Vor dem Herrn …, um seine Wege zu bereiten, um seinem Volk Erkenntnis des Heils zu geben in Vergebung ihrer Sünden, durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, in der uns besucht hat der Aufgang aus [der] Höhe, um denen zu leuchten, die in Finsternis und Todesschatten sitzen, um unsere Füße auf den Weg des Friedens zu richten.

Lukas 1,76b-79 (ELBCSV 2003)

Denn der Gott, der sprach: Aus Finsternis leuchte Licht, ist es, der in unsere Herzen geleuchtet hat zum Lichtglanz der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi.

1.Korintherbrief 4,6 (ELBCSV 2003)

Denn einst wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht in dem Herrn.

Epheserbrief 5,8a (ELBCSV 2003)

Anerkennung. Auf die drei para-Wörter, und damit der auslösenden Idee dieser Kurzstudie, wurde ich in einem Gespräch mit dem Bibellehrer Dr. Benedikt Peters (Arbon, CH) aufmerksam gemacht.

[1] Anhang: Das Erkenntnisvermögen des Menschen

Die Philosophen haben um »objektive« Erkenntnis gerungen, indem sie versuchten, das Erkenntnis-Subjekt (den Erkenntnissuchenden) so weit wie möglich vom Erkenntnis-Objekt (dem Gegenstand des Erkennens) zu entfernen. Erkenntnisse sollten insofern allgemeingültig sein, als eine quasi-göttliche Perspektive eingenommen wird. Man bemüht sich also um eine Ort-Losigkeit und Beziehungslosigkeit des Erkenntnis-Subjekts. Alle individuellen Bezüge seien als »Vorurteil« zu vermeiden.

Biblische Erkenntnis geschieht beim Menschen jedoch weder autonom noch abstrakt, sondern stets in Beziehung zu Gott und dessen Wahrheitsbekundung (Offenbarung). »Objektive Erkenntnis« ist insofern nur dort möglich, wo sich das Erkenntnis-Subjekt nicht als Quelle, sondern als Empfänger der göttlichen Offenbarung (per def. Wahrheit) und als Teilhaber einer Beziehung zum Schöpfer versteht.

»Aus biblischer Sicht stellt sich gerade der philosophische Versuch, einen autonomen, unbedingten Standpunkt einzunehmen, als ›Sündenfall‹ schlechthin dar: Der Mensch tritt aus dem Umsorgt-Sein durch Gott, der für ihn bestimmt, was gut ist (1Mo 2,18), heraus. Er will sein wie Gott (3,5), d.h.: er will ›Gutes und Böses erkennen‹. Gemeint ist nicht eine Erweiterung der kognitiven Erkenntnisfähigkeit, sondern das Eintreten in eine Eigenmächtigkeit…, in der der einzelne Mensch sich selbst Gesetz ist, d.h. selbst bestimmt, womit er Umgang hat und womit nicht, was er tut und was nicht. Dieses Sich-Herauslösen aus der geschöpflichen Beziehung zu Gott und die Beanspruchung einer auto-nomen, göttlichen, unbedingten Position steht in schärfstem Kontrast zu der gemessen an bibl. Maßstäben allein möglichen Erkenntnishaltung.«

»Luther bestimmt den ›natürlichen‹ Menschen als ein auf sich selbst bezogenes Wesen (homo incurvatus in se…). Rein anthropologisch steht der Mensch damit immer in der Gefahr, die Welt nach seinen Begriffen zu ›erklären‹, sie aber nicht zu verstehen, sich seinen Reim auf sie zu machen, ohne ihr wirklich zu begegnen. … Aus geistlicher Sicht kann diesem Drang zu erkenntnistheoretischer Verabsolutierung letztlich wirkungsvoll nicht durch einen Pluralismus miteinander wetteifernder Erkenntnisansprüche begegnet werden, sondern nur durch die Wiedereingliederung des Menschen als Erkenntnis-Subjekt in die ihn allein bewahrende und tragende Relation zu Gott. Im Gegenüber zu Gott erfährt der Mensch die eigene Endlichkeit, wird er demütig und identifiziert die Verabsolutierung der eigenen Begriffe und Vorstellungen über Wirklichkeit als eine gegen Gott gerichtete Hybris

»Dem natürlichen Menschen ist freilich die Beziehung der Demut gegenüber Gott und der Offenheit gegenüber der Welt selbst nicht erreichbar. Bedingung der Möglichkeit eigener Welt- und Gotteserkenntnis ist darum die unser Erkennen freisetzende, uns zuvor erkennende und damit das Scheitern unserer erkenntnistheoretischen Autonomieansprüche aufdeckende Liebe Gottes (Gal 4,9; 1Kor 8,3).«

Aber damals freilich, als ihr Gott nicht kanntet, dientet ihr denen, die von Natur nicht Götter sind; jetzt aber, da ihr Gott erkannt habt, vielmehr aber von Gott erkannt worden seid, wie wendet ihr euch wieder um zu den schwachen und armseligen Elementen, denen ihr wieder von neuem dienen wollt?

Galater 4,8-9 (Fettdruck hinzugefügt)

Wenn jemand meint, etwas erkannt zu haben, so hat er noch nicht erkannt, wie man erkennen soll; wenn aber jemand Gott liebt, der ist von ihm erkannt –

1.Korinther 8,2-3

Quelle: Die Gedanken und Zitate dieses Kapitels stammen von: H. Hempelmann, Erkennen, Erkenntnis, in: Das große Bibellexikon, 1. Taschenbuchauflage (Wuppertal, Gießen: Brockhaus, Brunnen, 1996), Sp. 490–491 (Bd. 2). Fett- und Farbdruck hinzugefügt.

Rezension: Pardon, ich bin Christ (Clive S. Lewis)

C.S. Lewis
Pardon, ich bin Christ
Fontis Verlag, 2023. Brosch., 240 Seiten |
ISBN 978-3-03848-088-4

Herausgeber des Buchs ist die Fontis Media GmbH in Lüdenscheid, ein Tochterunternehmen des schweizerischen Fontis Verlags in Basel (CH) (Website).

Zum Autor. »Der Oxforder Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Clive Staple (C.S.) Lewis (1898–1963) ist bis heute einer der weltweit am meisten gelesenen christlichen Autoren. Das liegt auch daran, dass der Glaube, über den er schrieb, für ihn selbst der Endpunkt einer spirituellen Suche war, die ihn erst mit Anfang 30 zu Christus führte. Lewis kannte die Weltanschauungen, gegen die er das Christentum zu verteidigen versuchte, sehr genau, weil er sie zuvor selbst vertreten hatte: Sein Glaubensweg vom Atheismus über Pantheismus und Theismus bis zum Christentum zeigt in exemplarischer Weise, was es heißt, sich als moderner Mensch auf die Frage nach Gott einzulassen.« (adaptiert von fontis-shop.de; 28.02.2024) – Gleich eine Kritik an dieser ovationslastigen Beschreibung des Weges Lewis‘: Kein »moderner Mensch« muss oder sollte m.E. diese Um- und Irrwege gehen, um zum lebendigen Glauben an Jesus Christus zu kommen. Man muss sich für das Christsein auch nicht entschuldigen (deutscher Titel). Man ist als Glaubender bereits ent–schuldigt.

Rezension des Inhalts. Dieses Buch ist eine Neuübersetzung des Originals »Mere Christianity« (1952, Geoffrey Bles), das aus einer Sammlung mehrerer Radioansprache-Reihen von C.S. Lewis bei der BBC in den Jahren 1941–1944 entstanden war. Laut Verlagswerbung ist es ein »großartiges Buch, ein Plädoyer für den Glauben, das durch seine Klarheit und Präzision besticht und zu einer echten Auseinandersetzung mit den christlichen Grundfragen herausfordert«, »eines der besten apologetischen Bücher, das je geschrieben wurde«. Es wurde seitdem in mehr als 30 Sprachen übersetzt.

Ich hatte es als junger Erwachsener gelesen. Es war für uns damals ein Musterbeispiel für Apologetik, sofern man darunter »die Verteidigung des christlichen Glaubens mit Mitteln der Vernunft« versteht, und wurde als »(Vor-) Evangelium für Intellektuelle« gepriesen. Nun musste ich es in Vorbereitung eines Gesprächs nochmals in Auszügen lesen (2024). Ich war geschockt. Was für ein Mischmasch von Wahrheit, Spekulation und Irrtum. Ich würde inzwischen keinem mehr raten, das Buch zu lesen. Es gibt Besseres. Konkret sei hier (nur) eine Handvoll Gründe genannt:

(1) Lewis ist Evolutionist, wobei er wohl der Theorie einer »theistischen Evolution« (ein Oxymoron) anhängt. Menschen waren, meint Lewis, tatsächlich früher mal Pflanzen und dann Tiere. Was ist an einer Leugnung der Schöpfung –und damit von Christus als Schöpfer– eigentlich »christlich«? Lewis offenbart sich hier nicht als denkender Christ, sondern als Opfer der damals herrschenden ungläubigen Weltsicht vieler Intellektueller.

(2) Lewis glaubt an das »Biogenetische Grundgesetz« Ernst Haeckels, nach dem (auch) Menschen angeblich in ihrer Ontogenese ihre Phylogenese rekapitulierten, sozusagen in der Embryonalentwicklung im Schnellgang die Evolutionsstufen durchlaufen würden. Das war alles schon zur Zeit Lewis‘ wissenschaftlich als Irrtum (evtl. Betrug) angefochten bzw. bekannt geworden.

(3) Dass Menschen im Glauben zu »neuen Menschen« werden, versteht Lewis als nächste Evolutionsstufe des Menschen, wenngleich »ohne (klassische) Evolution«. Die Ideologie der Evolutionstheorie, gepaart mit der Ideologie des Progressivismus (Fortschrittsglaube) »feiert hier fröhliche Urständ (Auferstehung)«! Was daran ist »christlich«?

(4) Lewis schreibt, dass diese neuen Menschen »Götter« werden würden, und schrammt damit haarscharf an 2Petrus 1,4 vorbei. Gott kann man nicht werden, man ist es, ewig, unwandelbar. Nur Menschen sind Werdende, Wandelbare. Das zeigt der Sündenfall (zum Übel), dem eine ähnlichlautende Versprechung Satans zugrunde lag, und das wird das Neue Leben in Christus zeigen (zur Glückseligkeit; 1Johannes 3,2).

(5) Lewis hängt einem unbiblischen Verständnis vom »freien Willen« an. Er meint, dass wirkliche Freiheit wesenseigen die Wahl zum Bösen in sich schlösse (S. 66). Auch wenn er das vom Menschen sagt, ist es falsch. Wirkliche Freiheit kommt erst dann, wenn wir nicht mehr »unter(!) der Sünde« (Römer 3,9; 7,23) und »der Sünde Sklave(!)« (Johannes 8,34) sind, wie es seit dem Sündenfall allgemeine Realität ist, ausgenommen Jesus Christus. Das freiste Wesen ist Gott. Er kann(!) nicht sündigen, kann nichts Sündiges/Böses wollen oder tun. Irgendwo fehlt Lewis biblische Gotteserkenntnis, und daher stolpert auch seine Menschenerkenntnis. Wo dem so ist, muss auch Unverständnis über die Erlösung herrschen.

(6) Lewis offenbart große Schwammigkeit und Irrtum, wo es um das Herzstück des Christentums geht, um die Erlösung/Errettung. Mich schockiert, dass er hier von einer »Theorie« schreibt (S. 72f), wo er von (biblischer!) »Theologie« schreiben sollte, denn immerhin hat sich Gott noch nie so klar und deutlich geoffenbart, wie in seinem Heilswerk als dreieiniger Heiland-Gott! Genau dieses ist doch der Kern der christlichen Guten Nachricht! »Daher, wenn jemand in Christus ist, da ist eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Alles aber von dem Gott, der uns mit sich selbst versöhnt hat durch Christus und uns den Dienst der Versöhnung gegeben hat: Nämlich dass Gott in Christus war, die Welt mit sich selbst versöhnend, ihnen ihre Übertretungen nicht zurechnend, und er hat in uns das Wort der Versöhnung niedergelegt.« (2Korinther 5,17–19) – Billig und schwammig formuliert er: »dass der Tod Christi uns irgendwie[sic!] mit Gott ins Reine gebracht…hat«. Dieses »Irgendwie« ist aber der springende Punkt, den man als Christ kennen und schriftbasiert verkündigen können sollte. Fast lästerlich schreibt er davon, dass das Erlösungswerk »funktioniert«. Maschinen funktioneren. Hier aber starb der menschgewordene Sohn Gottes! »Er, der doch seines eigenen Sohnes nicht geschont, sondern ihn für uns alle hingegeben hat« (Römer 8,32). »Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm« (2Korinther 5,21). Trinitarisch: »…wie viel mehr wird das Blut des Christus, der durch den ewigen Geist sich selbst ohne Flecken Gott geopfert hat…« (Hebräer 9,14).

(7) Am Ende ein generelles Wort zur Methodik Lewis’. Gläubig werden, Glaubensgehorsam ausleben, Heiligung, Evangelisation (usw.) sind Werke des Heiligen Geistes, in die er den Menschen ganz mit hineinnimmt. Für die biblische Apologetik gilt: »Seid jederzeit bereit zur Verantwortung [apologia] gegen jeden, der Rechenschaft [logos] von euch fordert über die Hoffnung, die in euch ist, aber mit Sanftmut und Furcht; indem ihr ein gutes Gewissen habt, damit, worin sie gegen euch als Übeltäter reden, die zuschanden werden, die euren guten Wandel in Christus verleumden.« (1Petrus 3,15f). Was sollen wir also reden in der Darstellung des christlichen Glaubens, im Aufruf zur Umkehr und zum Glauben? Das Wort logos in eben zitierter Stelle gibt schon den Hinweis: »Also ist der Glaube aus der Verkündigung, die Verkündigung aber DURCH GOTTES WORT.« (Römer 10,17). Da steht nichts von Evolutionstheorie, Biogenetischem Grundgesetz, Multiversum-Phantasien, Erlösungs-Ideen u.dgl.

Warum ist das entscheidend wichtig? Weil es alles, was zur Rettung und zum Glauben zwingend nötig ist, nur mit und von dem Heiligen Geist gibt. Der aber arbeitet nur mit »geistlichen Mitteln«. Beachten wir Christen: »Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, um die Dinge zu KENNEN, die uns von Gott geschenkt sind; die wir auch VERKÜNDIGEN, nicht in Worten, gelehrt durch menschliche Weisheit, sondern in Worten, gelehrt durch den Geist, mitteilend geistliche Dinge durch geistliche Mittel.« (1Korinther 2,12f).

Es ist also als geistliche Eklipse zu bedauern, wenn ein Rezensent sein Lob über dieses Buch Lewis’ begründet mit: »Weil seine Argumentation ohne Berufung auf die biblische Authorität [sic!] auskommt«. Ohne Autorität des Ewigen, des einzigen Heilandes, und ohne ein authentisches Wort (das zuverlässig von IHM stammt), gibt es schlechthin keine »Frohe Botschaft«, sondern nur intellektuelles, »christliches«(?) Geplänkel, dessen Argumentation –bereits vom Zahn der Zeit durchlöchert– keine tragfähige Basis bieten kann.

Letztlich haben wir hier das angesprochen, was diesem bejubelten Werk m.E. stark mangelt, wo es m.E. methodisch in die Irre führt. Mag der »Intellektuelle« sich der scharfen (?) Gedanken erfreuen und sich in mancher Fragestellung Lewis’ wiederfinden, das Evangelium ist es nicht. Vertrauen wir lieber der »Torheit der Predigt«: »Denn weil ja in der Weisheit Gottes die Welt durch die Weisheit Gott nicht erkannte, so gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt die Glaubenden zu erretten; … denn das Törichte Gottes ist weiser als die Menschen, und das Schwache Gottes ist stärker als die Menschen« (1Korinther 1,21.25)!

Pardon nicht akzeptiert. Weil es um die Ewigkeit geht.

Christliche Technik – Gibt es so etwas? (2001)

Ein Vortrag von Prof. Dr.-Ing. Uwe A. Seidel in Böblingen am 17.3.2001[1]

Der Ausdruck »christliche Technik« erscheint manchem Zeitgenossen als Widerspruch. Kann Technik überhaupt christlich sein? Technologien sind doch wohl wertfrei, allenfalls ambivalent, können also gute und schlechte Werte tragen.

Begriffsklärung

Der Begriff der Technik ist jedem Ingenieur geläufig. In einer bekannten Richtlinie des VDI (RL 3780[2]) werden mit „Technik“ einerseits Geräte und Sachsysteme bezeichnet, andererseits auch das menschliche Handeln zum Entstehen solcher Sachsysteme und das Handeln unter Verwendung dieser Sachsysteme. Was aber könnte »christliche Technik« genannt werden? Vielleicht kann man darunter eine Technik verstehen, wenn

  1. die Planer, Gestalter und Erzeuger von Technik Christen sind,
  2. die Benutzer Christen sind, sie also für Christen betrieben wird,
  3. diese Technik mit christlichen Wertvorstellungen verträglich ist, oder
  4. die Technik christlichen Zielen dient.

Diese vier Definitionen fügen sich sinnvoll aneinander, wenn man »christliche Technik« teleologisch versteht, also vom Ziel oder Ende her, das erreicht werden will. Während also die Technik selbst noch kein Maßstab für Christlichkeit ist, ließe sich vom Ziel her, auf das eine Technik hinführt, entscheiden, ob sie christlich ist oder nicht. Zum Beispiel könnte jemand das Telefon verwenden, um üble Nachrede zu verbreiten oder aber, um seelsorgerliche Gespräche zu führen. Der technisch Handelnde muss gefragt werden: Welches Ziel verfolgst Du? Worauf sollte alles hinauslaufen? Darum lautet eine mögliche Definition, die wir hier als Arbeitsdefinition verwenden wollen:

Technik ist dann christlich, wenn ihr Einsatz christlichen Werten entspricht, christlich vertretbare Ziele anstrebt und Christen sie mit dieser Kenntnis entwerfen, gestalten und einsetzen.

Um urteilen zu können, benötigt man abgestufte Werte für gut und böse, wahr und unwahr. Woher kommen diese, wer setzt die Normen? Gott tut es. Er setzt als letzte Autorität Gebote und Verbote. Darüber hinaus verpackt er seine Aussagen meistens in Geschichte. Ein großer Teil der Bibel (ca. 40 %) ist Erzählung und Lebensbeschreibung – von einzelnen Menschen, von Völkern und ihrer Geschichte. Dabei sollten die Werte des Gesetzes Gottes (5. Mose 4f) von einer Generation zur anderen weitergegeben werden. Das Neue Testament beginnt mit vier Porträts, die zusammen die Lebensbeschreibung Jesu ergeben. Auch die Apostelgeschichte ist historisch und geistliche Erzählung der Ausbreitung des Christentums. Und dann kommen Lehrbriefe, die teilweise zwar recht abstrakt über Lehre und christliche Normen sprechen, aber auch wieder sehr persönliche Briefe sind, die in geschichtlich relevante Situationen sehr praktisch hineinsprechen. Im Folgenden sollen einige Bibeltexte zum Nachdenken über christliche Technik vorgelegt werden.

Das Ebenbild

Am Anfang beschreibt das erste Buch Mose, die »Genesis«, den Menschen als Geschöpf Gottes, hineingesetzt in eine Schöpfung. Diese Glaubensaussagen setzen Ereignisse voraus, die niemand beobachtet hat. Woher verstehen wir dann aber, dass Gott die Welt gemacht hat?

Erstens durch die Schöpfung selbst; an ihr sehen wir Gottes unendliche Kraft und Weisheit (Römer 1,20). Zweitensdurch den Glauben, dass Gott sprach und es dann da war (Hebräer 11,3). Das kann man weder naturwissenschaftlich durch Wiederholung im Versuch beweisen noch juristisch, etwa durch Zeugen. Aber es gibt manche Hinweise, nämlich Forschungsaussagen von Biologen und Paläontologen. Die Genesis erklärt also: Der Mensch ist zuerst einmal nicht selber Gott. Die Renaissance hat das Gegenteil behauptet. Sie redete den Menschen ein, sie könnten durch Ausnutzung der Technik Götter werden, nach dem Motto: »Es gibt keinen Gott außer dir – du musst zu dir selbst finden.« Davon muss ein christliches Weltbild Abstand nehmen.

Aber was ist dann der Mensch? Er ist »Ebenbild« Gottes und dessen Stellvertreter auf Erden. Der Ausdruck »zum Bilde Gottes und in seinem Gleichnis« (1. Mose 1,27) beinhaltet zwei Aspekte: eine gewisse Ähnlichkeit mit Gott und eine repräsentative Aufgabenstellung von ihm. So hat der Mensch moralische Ähnlichkeit mit Gott und weiß ausnahmslos von Gut und Böse. Er ist zudem ein vernunftbegabtes, kreatives Wesen. Forscher beobachten die Natur und versuchen zu verstehen, was Gott gemacht hat und wie es »funktioniert«, Ingenieure versuchen dies dann in technischen Systemen umzusetzen. Das ist besonders im Bereich der Bionik und Biotechnik beeindruckend belegt: Das Fliegen hat man sich von den Vögeln und Insekten abgeschaut. Von der Haifischhaut profitieren Flugzeuge, Skiflieger und Schwimmer, denn eine entsprechend rauhe Außenhaut besitzt geringe Reibungswiderstände als eine glatte Haut. Seit man erforschte, warum die Lotusblüten nie schmutzig werden, gibt es Fassaden, Bekleidungsstoffe und Werkzeuge, von denen Wasser oder Schmutz abperlt. So lernen die kleinen, kreatürlichen »Kreativen« von ihrem ganz großen Schöpfer.

Aber »Bild« meint auch Repräsentation. Wir vertreten Gott in seiner irdischen Schöpfung. So sind wir Menschen Verwalter, aber nicht Eigentümer der Dinge. Das heißt, wir sind in Verantwortung gesetzt. Dies begrenzt und orientiert unseren Umgang mit Gottes Gaben in Natur, Kultur und Technik. Damit, dass alle Menschen aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen und nicht durch blinden Zufall da sind, wird ihnen allen ohne Unterschied auch Würde zugesprochen. Alle Menschen sind von Würde und Wert, weil sie von Gott gewollt sind und nicht, wie Jacques Monod sagt, von den Göttern der Evolution, »Zufall und Notwendigkeit«, abstammen. Zusammen mit der göttlich verliehenen Würde als Bilder Gottes möchte Gott auch eine Beziehung zu uns aufbauen und durch Kommunikation pflegen. Er selbst möchte mit den Menschen kommunizieren und will, dass sie es miteinander tun. Deswegen hat er ihnen »Geist« und differenzierte Sprachfähigkeit gegeben, im Gegensatz zu Tieren.

Diese Erklärungen sind für die Praxis bedeutsam. Technologie, die die Gemeinschaft der Menschen oder ihre Kommunikationsfähigkeit untergräbt oder hindert, ist mit christlichen Werten unvereinbar. Technologie, die Menschen minderwertig macht und versklavt, darf nicht eingesetzt werden. Hier besteht eine riesige Herausforderung für Christen, nämlich mit den technischen Möglichkeiten richtig umzugehen, sowie die entsprechende Bildung zu fördern.

Der Kulturauftrag

Gott erteilte dem Menschen den sog. Kulturauftrag: »Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, ihn zu bebauen und ihn zu bewahren« (1. Mose 2,15). Damit setzt Gott den Menschen in Verantwortung zu sich, dem Schöpfer. Der Mensch ist von der Natur und dem Mitmenschen abhängig; denn die Natur hat er sich nicht selbst gemacht, sondern er wird in diese göttliche Schöpfung hinein »gesetzt«. Adam kam hinzu, nachdem fünfeinhalb Tage lang schon einiges geschehen war, auf das er keinen Einfluss und von dem er nichts beobachtet hatte. Erst recht nicht war er Gottes Berater. Diesen kategorialen Unterschied zwischen dem Schöpfergott und allen geschaffenen Wesen und Dingen zu bedenken, wird schon Hiob aufgefordert: »Wo warst du, als ich die Erde gründete? Tu es kund, wenn du Einsicht besitzt!« (Hiob 38,4).

Die Grenze

Wir sind also in Vorgegebenes hineingeboren und darauf angewiesen. Dazu zählt auch, dass Gott den Menschen zur Gemeinschaft mit seinesgleichen verpflichtet, indem er Adam mit Eva verbindet. Auch ist der Mensch endlich, denn indem er in den Garten Eden gesetzt wird, sind ihm zugleich Grenzen gesetzt. Offensichtlich war Eden ein umzäunter Garten (Garten als intelligent gestaltete Natur), jedenfalls bestand eine deutliche Markierung. Diese trug geistig-moralische Bedeutung, nämlich sinngemäß: »Ich gebe dir Grenzen, um dir zu zeigen, dass du Verwalter bist, aber kein souveräner Herrscher. Denn der Schöpfer bin ich. Aber dich setze ich als mein Bild, meinen Repräsentanten, ein, um alles zu gestalten, zu verwalten und zu bewahren.«

Die Grenze zeigt Gott auch mit dem »du sollst…« und »du sollst nicht…« auf. Er erteilt Gebote. Fast 100 % aller Baumfrüchte durfte gegessen werden, nur von einem Baum sollte nicht gegessen werden. Dieser stand im Mittelpunkt des Gartens (1. Mose 3,3). Die Grenze war, richtig verstanden, nicht dazu da, um den Menschen zu ärgern, ihm Gottes Segen zu schmälern oder irgendwie Glück zu verhindern. Vielmehr sollte dem Menschen stets bewusst sein, dass über ihm der steht, der absolute Grenzen setzen kann. Das Misstrauen zu Gott als dem Grenzenzieher hat dann die Schlange gesät. Wir kennen den Ausgang der Geschichte. Sie ist unser aller Geschichte. Aber mit den Grenzen, die Gott gezogen hat, hat er einen Segensraum aufgerichtet. Wer diesen durch »Übertretung« verlässt, tritt ins Elend (Römer 5,14).

Wenn man mit diesem Wissen um die Gebote Gottes an das Thema »Christliche Technik« herangeht, sieht man, dass Gott uns durch diese Eingrenzung einen Entfaltungsraum gibt. Der Zeitgeist behauptet dagegen: »Du brauchst genau die Dinge, die Gott dir verbietet.« Doch im Glauben antworten wir: »Nein, wir brauchen sie nicht.« Denn durch die Gebote werden wir zu Menschen, die sich unter Gottes Segen entfalten können. In technologischen und anderen Bereichen gibt es viele verbotene Früchte. Jesus Christus hat viel von Sünde, Hölle und Verderben als von Realitäten gesprochen. Ein Christ lässt sich das sagen und macht auch andere Menschen darauf aufmerksam, dass etwas Schlimmes auf sie wartet. Dies zu tun ist etwas sehr Positives; denn wer andere nicht vor einer Gefahr warnt, macht sich schuldig. Wer über Gebote und Grenzen spricht, muss auch über Sünde und ewiges Gericht sprechen. Damit macht er klar, dass ein bestimmtes Verhalten oder ein bestimmter Umgang zur Belohnung oder Bestrafung führen, zum ultimativen Segen oder zum ewigen Fluch. Im Gegensatz zu Gott sind dem Menschen also Grenzen gesetzt, vor deren Übertretung Gott ernsthaft warnt.

Der Gescheiterte

Wer über den Zusammenhang von Technik und Christ spricht, muss auch über das Geschehnis des Sündenfalls reden. Der Mensch ist nicht mehr so gut, wie er aus Gottes Hand hervorgekommen ist. Nach meiner Überzeugung ist der Sündenfallbericht (1. Mose 3) genauso wie der Schöpfungsbericht historischer Fakt und kein Mythos. Er ist historisch und heilsgeschichtlich Wahrheit.

Was ist daraus zu lernen? Daraus ist vor allem zu lernen, dass menschliches Handeln misslingen kann, sowohl willentlich als auch versehentlich. Vielleicht lässt sich auch urteilen anhand von Ziel und Motivation. Doch immer besteht die Möglichkeit, dass auch ein Ingenieur mit bestem Willen handelt und trotzdem schuldig wird. Die Wirklichkeit des Bösen, die Erfahrung des Scheiterns und der Zerstörung von Beziehungen, ist genauso gegenwärtig wie bei Eva die Schlange. Vermutlich stand Adam neben Eva, und damit erhebt sich der Vorwurf: »Adam, warum warst du so still?« Sein Schweigen war verantwortungslos und verhängnisvoll, ebenso wie das vieler anderer Männer in entscheidenden Momenten der Weltgeschichte. Dazu ein Beispiel: Eine Frau namens Sarah sagt ihrem Mann: »Du, ich kann dir kein Kind gebären. Da du aber einen Erben brauchst, geh doch zu meiner Magd Hagar ein!« Darauf schweigt Abraham und tut es (1. Mose 16,2). Wer heute nach Nahost schaut, weiß, welche Folgen das Schweigen dieses Mannes hatte – die jahrtausendalte Fortsetzung des bitteren Bruderstreits zwischen Ismael und Isaak.

Seit dem Sündenfall lebt der Mensch mit der Erfahrung des Scheiterns und der (Ohn-) Macht des Zerstörerischen in seiner Hand. Er kann sich aus dieser verfahrenen Situation nicht selber herausziehen. Aber Gott hat Vorsorge getroffen, dass es weitergehen kann, was jedoch mit Schmerzen verbunden ist. Er legt dem Mann die Mühsal der Arbeit auf, den Schweiß, die Disteln und Dornen, und der Frau die Mühsal der Schwangerschaft und Geburt sowie den Versuch, den Mann zu kontrollieren (1. Mose 3,16), was entsprechende Beziehungsstörungen der Eheleute entstehen lässt. Auch bekleidet Gott das erste Menschenpaar mit Tierfellen, wofür einige unschuldige Tiere sterben mussten. Von daher will christliches Handeln kein romantisch verbrämtes Zurück in das Paradies und dieses mit menschlichen – gar technologischen – Mitteln erobern. Sondern der Christ weiß, dass der Weg in die Gemeinschaft mit Gott über einen sehr mühseligen und schmerzhaften Weg führt. Auch Gottes Wort an die Schlange drückt größten Schmerz aus: »Und ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zermalmen, und du wirst ihm die Ferse zermalmen.« (1. Mose 3,15). Diese göttliche Verfügung der Hoffnung auf eine Welt ohne den Bösen und das Böse ist letztlich durch das Sterben von Jesus Christus Wirklichkeit geworden. Jetzt ist der Weg zur neuen Schöpfung frei. Christen wissen: Gott wird die heile Welt heraufführen. Jesus kündigt an: »Siehe, ich mache alles neu!« (Offenbarung 21,5).

Der Heilsbedürftige

Wir Menschen sind unfähig, eine heile Welt selbst zu realisieren, sondern sind darin vollständig auf Gott angewiesen. Wir stecken in großer Not und sind überaus heilsbedürftig. Darum können wir heilfroh sein, dass uns die frohe Botschaft eröffnet wird: Gott bietet Vergebung an. Wer zum Beispiel im beruflichen Umgang mit der Technik Fehler gemacht hat, kann darüber mit Gott sprechen. Gott gibt in seiner Liebe dem Erlösung suchenden Menschen Vergebung. Jedem, der es will, wird die Möglichkeit der Versöhnung zugesprochen. Wer diese annimmt, dem sichert Gott das Heil zu. Zwar soll nach gemachten Fehlern das Bestmögliche getan werden, um herauszukommen, aber Jesus Christus gibt das Einzige, was wirklich rettet. Er trägt nicht nur den Titel »Heiland« (d. i. »Retter«), sondern ist es wesenhaft. In ihm neigt sich Gottherzlich zu den Gefallenen herab. Das nennen wir »Erbarmen«, oder mit Martin Luther trefflich »Barmherzigkeit«.

An dem, der dieses Heilsangebot annimmt, arbeitet Gott heilsam und heiligend weiter. Ein Christ weiß, dass Gott sein gutes Werk in ihm angefangen hat und es auch vollenden wird (Philipper 1,6). Er weiß, dass Gott alles, was passiert, so verwendet, wie es »zum Guten mitwirkt« (Römer 8,28). Dieses Gute ist die Einprägung des Charakters Jesu im Christen, dergestalt, dass dieser dem Sohn Gottes »gleichförmig« wird. Einprägen ist mit Druck verbunden, ähnlich wie es des Druckes bedarf, wenn man auf einer Münze etwas einprägt. Wenn also Christen auch druckvolle Situationen erleben, ändert das nichts an der Sicherheit ihres Heils, sondern es soll ihr Wesen positiv, d. h. christusoffenbarend, verändern.

Die Ewigkeitsperspektive

Als Christ weiß ich also, wo ich ankommen werde. Wüsste ich dieses nicht, bliebe mir nichts übrig, als Technologie so einzusetzen, dass die Entwicklung irgendwie in Richtung Garten Eden zurückläuft. Dieser Weg zurück wurde aber vom Mensch verwirkt und von Gott versperrt. Wenn dieses begrenzte Erdenleben mein einziges Leben wäre, wäre es das einzige »Paradies«, das ich erleben würde. Es ist verständlich, wenn Menschen ohne Gott und Glauben in ihr Leben alles Mögliche hineinzustecken versuchen. Und so wachsen am stärksten eben die Vergnügungsanbieter und die Entertainment-Industrie. In diesen spielt Musik und Technologie eine große Rolle, um die seelische Leere der Gottesentfremdung irgendwie aufzufüllen. Das war ein beliebter Technologieeinsatz schon bei denen, die »vom Angesicht Gottes wegliefen« (s. 1. Mose 4,16.21.22). Auch heute finden Menschen ihre Idole (d. i. »Abgötter«) oft unter Musikern. Das Schöne beim Glauben an Jesus Christus ist also: In Heilssicherheit weiß ich, wohin es einmal gehen wird, und darum muss ich die Technik nicht dazu einsetzen, um mir ein ersehntes »Paradies« zu erringen. Denn der Glaube befreit von Sorge um mich selbst, so dass ich mich zukunftsorientiert dem Dienst für Gott und am Nächsten zuwenden kann. Auch so kann man einmal Technik beurteilen: Sie soll nicht mir dienen, sondern Verstärkungsfaktor sein, dass ich anderen besser dienen kann. Hat Jesus Christus im Gebot der Nächstenliebe nicht genau dieses verlangt?

Wenn der erlöste Mensch also Christus ähnlicher wird, geht er auch ethisch verantwortlicher mit den Dingen um. Denn Jesus Christus wäre mit unserer Technik nicht negativ umgegangen; in ihm will Gott uns ja den idealen Menschen zeigen. Wenn sich sein Wesen in uns ausprägt, wird auch unser Technikeinsatz christlicher. Und weil Gott die Zukunft eröffnet, erwartet der christliche Glaube die Vervollkommnung und damit auch den wirklich perfekten Technikeinsatz weder vom Menschen noch hier auf der Erde, sondern von Gott und in der von ihm geschaffenen Zukunft. Nun ist zwar jeder Ingenieur vom »Bazillus der Technik-Faszination« infiziert. Sonst würde keiner ein solches Studium beginnen. Trotzdem erwartet ein Ingenieur, der zuerst und vor allem Christ ist, das Vollkommene nur von Gott, nicht von Menschen, noch von Anwendungen der Technologie.

Christen wissen auch vom Leben nach dem Tod. Diese Glaubensaussage hilft zu verstehen, was menschliches Leben hier soll. »So lehre uns denn zählen unsere Tage, damit wir ein weises Herz erlangen!« (Psalm 90,12). Wenn ich mein Leben vom Ende her beurteile, also mit Ewigkeitsperspektive (die mir nur die Offenbarung Gottes in der Bibel geben kann), dann gibt es in manchen Dingen einen anderen Wert, als es Politik, Zeitgeist oder Werbung zu vermitteln suchen. Auch brauche ich dann nicht jede Modeströmung mitzumachen, jede aktuelle Mode ist morgen sowieso schon wieder veraltet.

Von daher unterscheiden Christen zwischen einem »Schon jetzt« und einem »Noch nicht«. Durch den Glauben an Christus leben sie in diesem Spannungsfeld. Von dieser Ewigkeitsperspektive her kann ich zum Beispiel Erfüllungsaufschub ertragen, dass ich jetzt nicht alles erfüllt bekomme, wie ich es mir vorstelle. Durch das Wissen um die zukünftige Herrlichkeit kann ich auch etwas erleiden. »Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, nachdem ihr eine kurze Zeit gelitten habt, er selbst wird euch vollkommen machen, befestigen, kräftigen, gründen« (1. Petrus 5,10). Dieses Leiden kann bezüglich des Glaubens geschehen, aber auch einfach darin bestehen, dass ich wie alle Menschen den Ereignissen dieser Welt ausgesetzt bin, den Katastrophen und Unfällen, den Wettereinflüssen oder Ernährungsbedingungen.

Ebenso kann die Entwicklung der Gentechnik, nachdem jetzt das menschliche Genom entschlüsselt worden ist, weiteres Leiden nach sich ziehen. Auch Christen werden vielleicht unter kommenden Verhältnissen leiden müssen. Aber sie können es, weil sie wissen: Es gibt ein »Schon jetzt«. Darin besteht die Sinnerfüllung.

Allerdings können Christen auch gerade an der Sinnerfüllungsfrage leiden, wenn etwas misslingt. Das Wissen jedoch, was am Ende der Tage durch Gott kommen wird, trägt hindurch.

Dass Christen mit diesem Ewigkeitsblick und Erfüllungsaufschub leben können, daran ändert sich nichts, wenn viele dieses nur als Ideologie bezeichnen. Der Glaube wird allerdings auf Belastbarkeit erprobt, wenn diese Fähigkeit, Spannung zu ertragen, von »geschäftstüchtigen« Arbeitgebern zum Eigennutz missbraucht wird. Es kann vorkommen, dass solch einer beschließt: Diesen Christen gebe ich weniger Lohn und mute ihnen trotzdem mehr Überstunden zu.

Die christliche Grundnorm

Christen erwarten von der »Technik« lediglich, dass das Menschenmögliche getan wird. Dadurch ist der Blick geschärft für manche Vertröstungen der Welt, die im Grunde nur Ausreden für Passivität sind. Wenn Gottes Auftrag an Menschen lautet, in der Welt, in die uns Gott gesetzt hat, als Techniker, Ingenieur oder Architekt zu arbeiten, dann erkennen Gläubige ihre Verantwortung. Sie sollen sich nicht zurückziehen und alle technischen Neuerungen bekämpfen, sollen sich weder passiv hinter Klostermauern zurückziehen noch aktiv in die falsche Richtung, also falsche Ziele verfolgend, arbeiten.

Christen können sich für Passivität in der Welt nicht entschuldigen. Sie sind befähigt, mit dieser noch nicht endgültigen Wirklichkeit umzugehen und im Glauben aktiv zu arbeiten, auch technisch, und nicht angesichts des Scheitern-Könnens zu verzweifeln.

Doch welches ist die Norm? Was lehrte Jesus? Für was steht er? Seine Zeitgenossen haben das zu erforschen versucht. Verschiedene religiöse und politische Gruppen haben Beauftragte zu Jesus gesandt und ihm Fragen gestellt, vorrangig Fangfragen. Entscheidend war die Frage nach der Maxime: »Welche oberste Norm soll unser Handeln kennzeichnen?« Jesus antwortete darauf: »Das erste [Gebot] ist: ›Höre, Israel: Der Herr, unser Gott, ist ein Herr; und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und aus deiner ganzen Seele und aus deinem ganzen Verstand und aus deiner ganzen Kraft‹« (Markus 12,29f). Das Wort »Herz« bezeichnet das Zentrum der Persönlichkeit, von dem aus alles andere gesteuert wird: die intellektuelle Fähigkeit, den Willen, die Liebesfähigkeit u. a. Alle Lebensmodi (o. Fakultäten des Lebens) hängen von der Grundeinstellung des Herzens ab: Ist das Herz klar, sind es auch die daraus folgenden Handlungen. Jesus sagte: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen«, also nicht oberflächlich, nicht rituell, nicht aufgesetzt oder manchmal, sondern stets mit allem. Gott ist nie oberflächlich, er geht stets gezielt zur Schaltzentrale, hinunter zur Wurzel (also radikal), greift immersiv zum »Herzen« des Menschen.

Was hat das mit Technik zu tun? Das Gebot, Gott zu lieben, hat Jesus Christus oft wiederholt, und darum sollte es auch für Christen die oberste ethische Norm sein. Darauf folgt das zweite Gebot, das der Liebe zum Nächsten: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (Markus 12,31a). In beiden Geboten ist laut Jesus Christus der ganze Dekalog, das, was Gott vom Menschen will, zusammengefasst. Ich bezeichne dies als »christliche Grundnorm«. Die Christen haben sich immer daran orientiert. Aus dem Gebot der Nächstenliebe lässt sich Weiteres ableiten, zum Beispiel, dass die Bedürftigkeit meines Nächsten vor meiner eigenen Vorrang hat. Welch ein Anspruch!

Darüber hinaus zeigt Jesu Gebot der Feindesliebe, dass dem anderen zumindest ein Recht zusteht, anders zu sein. Dieses kleine Stückchen Liebe, den anderen anders sein zu lassen, auch wenn er eine ganz andere Kultur in unsere Gesellschaft bringt, sollten Christen zeigen.

Was das im verantwortlichen Umgang mit Technik zu bedeuten hat, ist nicht schwer zu folgern. Denn zum Teil leben wir davon, dass wir anderen bestimmte Techniken vorenthalten, so in der Kriegstechnologie und der zivilen Technologie. Auch ist logisch, dass Reiche die besseren Technologien besitzen. Ist nicht im Wirtschaftlichen überall das Geld entscheidend? Wer viel Geld hat (oder erzeugen kann), bekommt alles, wer wenig hat, kriegt nichts. Ist das alles mit dem Liebesgebot in Übereinstimmung zu bringen? Nur wenige Christen haben Gegenzeichen im Bereich der Wirtschaft und Gesellschaft gesetzt, etwa durch Streben nach Gerechtigkeit und Wohltätigkeit. Manche Unternehmer versuchen, die Verantwortung, die ihre Angestellten tragen, zu honorieren und zu fördern, indem sie sie zu Mitunternehmern machen, sei es durch organisierte Mitsprache oder indirekt durch Kapitalbeteiligungen. Es gibt einige interessante Modelle, wie man diese Grundnormen in kreativer Art umsetzen kann, Mitarbeiter zu führen sowie Nutzen und Risiko miteinander zu tragen.

Zusammenfassung

Fassen wir unsere Betrachtung in Form einiger Leitaussagen zusammen, über die man ins Gespräch kommen sollte:

  • Der Mensch wurde im Bild und Gleichnis Gottes erschaffen, hat mithin unveräußerliche Würde und Wert.
  • Der Mensch ist Mitmensch. Er darf mit jemandem in Beziehung treten, der genauso ein Recht auf Fehler und Schwachheiten wie er selbst hat. Er ist mit Begabungen, demselben Wert, aber auch mit denselben Schwachheiten versehen, er ist Sünder.
  • Der Mensch ist Teilhaber. Er muss darauf achten, dass die Teilhabe gerecht geschieht.
  • Christen können unterscheiden zwischen dem, was jetzt möglich ist, und dem, was erst unter der Herrschaft Jesu Christi möglich sein wird. Sie dürfen nicht das Recht des Relativen verachten, indem sie denen Schwierigkeiten machen, die keine perfekten Lösungen erreichen.
  • Christen akzeptieren, dass es verschiedene berechtigte Ansprüche gibt, dass manche ihr Leben eben anders leben, auch als Ingenieure. Christliche Technik fragt danach, was moralisch vertretbar ist oder nicht.
  • Dabei bindet sich der Christ an Gottes Wort, an die Lehre Jesu Christi. Dieser hat sich in verschiedenen Fragen der Lebensführung immer auf die Genesis bezogen. Er geht also immer auf die Ursprünge zurück, wo er als Schöpfer gehandelt hat.
  • Somit und letztlich ist Jesus das immer verpflichtende Vorbild für christliche Ethik, auch und gerade im Erschaffen, Gestalten, Einsetzen und Nutzen von Technik.

Christliche Technik – Gibt es so etwas?

Nein, an sich nicht. Schon eher von einer »christlichen Technikfolgenabschätzung«, einer Bewertung von Technik anhand christlicher Werte, Maximen und Normen. Es ist zu beurteilen, welche Werte und Ziele beim Erschaffen und Betreiben gesetzt werden und wirksam sind. Von »christlicher« Technik kann man nur reden, wenn sie wertverträglich mit christlichen Werten ist. Dazu bedarf es der Ausrichtung an dem, was Jesus Christus gesagt hat und in der Bibel schriftlich aufzeichnen ließ. Das wird auch den Blick für den Unterschied zwischen dem, was ist, und dem, was noch nicht ist, schärfen und die Geduld mit dem Unvollkommenen im anderen und in mir selbst fördern. Gelebtes Christsein macht genügsam beim Entzug und im Verzicht und geduldig im Leiden.

Jesus fordert im Blick auf die Ewigkeit auf: »Wenn aber dein rechtes Auge dir Anstoß gibt, so reiß es aus und wirf es von dir…« (Matthäus 5,29). Er rät in dieser Bildsprache also zu entschiedener Vorgehensweise: Weg mit dem, das dich auf deinem Weg zur Ewigkeit, zu Gott hin, hindert, selbst wenn es ein geliebter, faszinierender Technikeinsatz ist! Technik hingegen mit Ewigkeitsperspektive einzusetzen, mag an ein gutes Ziel führen. Ein Ingenieur oder Techniker, der Christ ist, muss sich immer fragen, ob er einmal vor Jesus stehend ähnlich dem Knecht des bekannten Gleichnisses (vgl. Matthäus 25,14–30; Lukas 19,16–27) sagen kann: »Herr, ich habe gehandelt, auch unter verstärkendem Einsatz der Technik, um das, was ich von dir bekommen habe, zu vermehren.« Er muss fragen, ob dann Jesus wohl antworten wird: »Wohl, du guter und treuer Knecht! Über weniges warst du treu, über vieles werde ich dich setzen; geh ein in die Freude deines Herrn!« und den Betreffenden dann in größere Verantwortung setzt. Die hier genannten Leitlinien können eine praktische Hilfe für die Realisierung verantwortlicher, »christlicher Technik« sein.


[1]     Vortrag von Prof. Dr.-Ing. Uwe A. Seidel beim DCTB-Regionaltreffen in Böblingen am 17.3.2001. Verkürzte Wiedergabe (s. Das Fundamentum, Nr. 5/2001, DCTB e.V.), Überarbeitung vom Vortragenden autorisiert. – Angesichts der Entwicklungen der letzten beiden Jahrzehnte (Big Data, automatisierte Überwachung und Predictive Profiling, AI, Transhumanismus, Homo deus etc. nebst Zivilreligion, Carbonkult u.a.) erweisen sich die hier skizzierten Überlegungen weiter als äußerst relevant.

[2]     o. V.: Technikbewertung – Begriffe und Grundlage (Technology assessment – Concepts and foundation), VDI 3780. Erscheinungsdatum 2000-09.