Das Buch des Lebens

Lesedauer: 37 Minuten, Langstudie.

Die Heilige Schrift, selbst eine Bibliothek einiger zig Bücher (lat. Biblia = »Bücher«), erwähnt auch andere Bücher, teilweise namentlich, teilweise anspielend. Eines davon spielt eine herausragende Rolle in der gesamten Heilsgeschichte: Das »Buch des Lebens« (es wird auch mit anderen und verkürzten Titeln bezeichnet, es mag auch mehrere Bücher mit ähnlichem Titel geben). Beim »Buch des Lebens« handelt sich nicht um ein physisches Buch, sondern um ein theologisches Bild mit starker symbolischer Bedeutung: Gott offenbart mit der schriftlichen Fixierung einer Namensliste von Menschen die Unveränderlichkeit seines Heils- und damit Lebensplanes. Aber es gibt beängstigende Anspielungen und Vorstellungen, dass diese Unveränderlichkeit doch nicht sicher garantiert sei. Entsprechend fächern sich die Deutungen bzgl. dieses »Buch des Lebens« auf.

Vorgehensweise: (I) Die Erwähnungen des »Buches des Lebens« sollen zuerst mit einer Zitatensammlung aus AT und NT überblicksartig gezeigt und kommentiert werden. (II) Da dieses Buch in der christlichen Lehrtradition sehr unterschiedlich verstanden wurde, müssen wir uns in einem zweiten Schritt einen Überblick über die unterschiedlichen Deutungen und deren Begründungen verschaffen. Dabei kann man erkennen, dass diese jeweiligen Deutungen oft in die Gesamttheologie der Deutenden eingepasst wird. (III) Drittens werden wir eine Deutung vertieft darstellen, von der wir überzeugt sind, dass sie dem Gesamtzeugnis der Schrift am besten entspricht. (IV) Eine Kostprobe von Zitaten soll die letzten beiden Punkte ergänzend illustrieren. – Da dies eine längere Untersuchung wird, hier vorweg eine Zusammenfassung.

Summary

Das Buch des Lebens ist ein himmlisches Register, das Gottes Beziehung zu seinem Volk dokumentiert. Gott wird dargestellt als jemand, der eine Aufzeichnung aller führt, die unter seiner besonderen Fürsorge und Obhut stehen. Die Bedeutung dieses Konzepts entfaltet sich auf zwei Ebenen: einer unmittelbaren und einer eschatologischen.

  • (1) In der unmittelbaren Dimension symbolisiert das Buch des Lebens Gottes Schutz und Anerkennung. Im Alten Testament bedeutet die Auslöschung aus dem Buch des Lebens, dass jemand physisch stirbt, während das Eingetragensein Gottes Gunst signalisiert. Aus diesem Register gelöscht zu werden bedeutet, von Gottes Gunst abgeschnitten zu sein und einen vorzeitigen physischen Tod zu erleiden. Im Neuen Testament erhält dieses Bild neue Tiefe: Für verfolgte Christen, deren Namen möglicherweise aus lokalen Synagogenregistern gelöscht wurden, verheißt Jesus, dass ihre Namen niemals aus dem himmlischen Register, das die Ewigkeitszuordnung des ewigen Lebens festhält, entfernt werden—eine Zusicherung der Zugehörigkeit zur himmlischen Stadt und Zukunft, selbst wenn sie irdische Ablehnung erfahren. – 
  • (2) Eschatologisch betrachtet wird das Buch des Lebens zum entscheidenden Dokument des letzten Gerichts. Wer in diesem Buch nicht verzeichnet ist, erfährt wegen seiner Werke endgültiges Gericht im Feuer der Hölle. Die Namen der Auserwählten stehen aber schon bei Grundlegung der Welt in diesem Buch des Lebens des Lammes, ihr Eintrag wurde also bereits vorweltlich von Gott festgesetzt. Dies verbindet Gottes ewige Souveränität und Heilsvorsatz mit der gegenwärtigen Sicherheit der Gläubigen—eine Zusicherung, dass ihre gegenwärtige Treue zu Christus mit ihrer ewigen Bestimmung übereinstimmt.

1 Das Zeugnis der Schrift

1.1 Altes Testament

Die folgenden Stelle beziehen sich auf die Situation der Menschen in vorchristlicher Zeit. Unsere Situation wird im Neuen Testament beschrieben, siehe unten (Abschnitt 1.2).

Psalm 69,28  Lass sie ausgelöscht werden aus dem Buche des Lebens, und nicht eingeschrieben mit den Gerechten!

David schreibt hier einen Klage- und Rachepsalm. Er wusste, dass er ein Sünder war (69,6), aber er litt von Menschenhand für Unrecht, das er nicht begangen hatte. Die Anklagen standen in Verbindung mit Gott und Gottes Tempel. Entsprechend klagt er und fordert von Gott Rache. In diesem Bereich steht der zitierte Vers. Es ist Davids emotionale Verwünschung seiner Feinde und Hasser. Er findet aber in seiner Klage auch Formulierungen, die über seine Situation hinaus auf Jesus Christus deuten. – Sprachlich gesehen wird hier also nichts gelehrt oder objektiv festgestellt, sondern emotional von einem Menschen eine Bitte geäußert. Weiterhin machen die Parallelzeilen der Poesie deutlich, dass es um das physische Leben geht.

Psalm 139,15-16. Nicht verhohlen war mein Gebein vor dir, als ich gemacht ward im Verborgenen, gewirkt wie ein Stickwerk in den untersten Örtern der Erde. Meinen Keim sahen deine Augen, und in dein Buch waren sie alle eingeschrieben; während vieler Tage wurden sie gebildet, als nicht eines von ihnen war.

In Psalm 139 geht es darum, dass Gott, der Schöpfer, jeden Menschen und alle Menschen will, kennt und formt. Das gilt überall und stets, Gottes Allgegenwart und Allwissen leuchten poetisch auf. Sogar in den »untersten Örtern« (euphemistisch für den Uterus der Mutter), wo niemand das heranreifende Baby sieht, ist Gott sehend (überwachend) und aktiv gestaltend »kunsthandwerklich« anwesend: Ein Wunder Gottes geschieht. David legt poetisch den Gedanken nahe, dass im Mutterleib nichts Zufälliges, sondern göttlich Verordnetes passiert: Alles geht nach dem göttlichen »Buch«, nichts ist zufällig oder wertlos. Die Verbindung zwischen diesem »Buch« und dem irdischen, physischen »Leben« ist offenbar. Vom Heil ist nicht die Rede. –

Mit der etwas anderen Übersetzung: »Mein Ungeformtes sahen deine Augen, und in dein Buch waren sie alle eingeschrieben, die Tage, die gebildet wurden …« geht es nichtmehr primär um Davids Name (und damit Person), sondern um seine von Gott bestimmten Lebenstage. Der Kontext handelt von Gottes Vorsehung und Allwissenheit über Davids embryonales Leben. Damit wäre der Psalm 139,16 ein starkes Zeugnis für Gottes souveräne Kenntnis und Bestimmung des menschlichen Lebens, aber kein Beleg für eine universale Eintragung sämtlicher Menschen in das Buch des Lebens. Das ist exegetisch viel zu weit gegriffen.

Psalm 87,5f.  Und von Zion wird gesagt werden: Der und der ist darin geboren; und der Höchste, er wird es befestigen. Jahwe wird schreiben beim Verzeichnen der Völker: Dieser ist daselbst geboren.

Dieser Psalm der Söhne Korahs feiert Zion als erwählte Stadt Gottes. Dort stand das Heiligtum, dort wohnte Gott. Wer in dieser Stadt geboren ist und dort wohnt, ist Mitbewohner und Nachbar Gottes. Das bedeutet größte Ehre. Aber man muss seinen Anspruch nachweisen können im Geburts-/Abstammungsregister. Im Millennium –und ggf. darüber hinaus– werden auch die Nationen (Völker) dorthin gehen, um Segen zu empfangen. Im NT wird dieser Vorsatz Gottes offenbarend gedeutet auf die Glieder der Gemeinde Jesu (Eph 3:4ff), wo die Abstammung nicht per Blutlinie Abrahams, sondern weitergehend per »Blutlinie« Jesu Christi festgelegt wird (vgl. Gal 3,7.14.29; Heb 2,16). Dieser Vorsatz Gottes fand seine erste explizite Offenbarung im Abrahamischen Bund in 1Mose 12. Dieses Verzeichnis ist also wichtig für die Bundeszusagen Gottes an Israel.

Jesaja 4,3  Und es wird geschehen, wer in Zion übriggeblieben und wer in Jerusalem übriggelassen ist, wird heilig heißen, ein jeder, der zum Leben eingeschrieben ist in Jerusalem.

Der Prophet Jesaja, der dem Volk Israel die Anklage Gottes, aber auch die Verheißung Gottes, vor allem aber die Gute Nachricht der Wiederherstellung bringt (s. ab Kap. 40), bringt schon in der Einleitung diesen Lichtblick auf die verheißenen Segnungen für Jerusalem und seine rechtmäßigen Bewohner. – Ansonsten gilt das zu Psalm 87,5f Gesagte.

2Mose 32:32f  Und nun, wenn du ihre Sünde vergeben wolltest! Wenn aber nicht, so lösche mich doch aus deinem Buch, das du geschrieben hast. Und Jahwe sprach zu Mose: Wer gegen mich gesündigt hat, den werde ich aus meinem Buch auslöschen.

Mose reagiert hier vorbildlich auf die eklatante Sünde des Volkes, das sich unter der Leitung des späteren Hohenpriesters Aaron ein goldenes Kalb gemacht und unter Verwendung des Namens des Ewigen angebetet hatte. Damit waren gleich die wichtigsten Gebote Gottes im Dekalog gebrochen worden, bevor sie von Gott  in Stein geschrieben das Volk erreichten. Mose war klar: Darauf konnte nur der Tod als Strafe folgen, Gott hatte es so gesagt. Und so versucht er als großer Stellvertreter seines Volkes die Schuld und Strafe auf sich zu nehmen. Das war menschlich vorbildlich gefühlt, aber göttlich gesehen ein absolut unmöglicher Vorschlag (per impossibile). Das würde Gott in den nächsten Monaten noch deutlich machen. – Auch Paulus hatte ähnliche Gefühle der gerichtlichen Stellvertretung für sein Volk, die Juden, aber er redete in der Wunschform (Römer 9,2–3; vgl. 10,1). Er wusste: ein Anderer, ein Schuldloser, musste kommen, um sein Volk von ihren Sünden zu erretten (Mt 1,21). 

Der kurze Dialog in 2Mose stellt zwar einen Zusammenhang zwischen den Einträgen in einem Buch und Sündern dar, aber das Buch wird nicht identifiziert als »Buch des Lebens«. Sprachlich ist die zeitliche Einordnung nicht eindeutig geklärt. Zudem: Wenn Gott sagt, dass er jeden, der gegen ihn gesündigt hat, aus diesem Buch auslöschen wird, dann sind die Seiten dieses Buches bis auf einen Namen leer, denn »alle haben gesündigt und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes« (Röm 3,23a). Dann stand eben auch Mose nicht drin, denn er war ein Mörder. Hatte er das vergessen?

Daniel 12:1  Und in jener Zeit wird Michael aufstehen, der große Fürst, der für die Kinder deines Volkes steht; und es wird eine Zeit der Drangsal sein, dergleichen nicht gewesen ist, seitdem eine Nation besteht bis zu jener Zeit. Und in jener Zeit wird dein Volk errettet werden, ein jeder, der im Buche geschrieben gefunden wird.

In jener Zukunftsvision des Propheten Daniel werden Ereignisse beschrieben, die im folgenden Text für Daniel in weite Ferne gelegt werden, in die (auch für uns noch zukünftigen) 3,5 Jahre der Großen Drangsal Israels (12,1.7ff). Das Buch wird nicht identifiziert als »Buch des Lebens«. Es ist die Rede von »dein Volk«, also Daniels Volk, also das Volk Israel, nicht von allen Menschen. Der nach größter Drangsal auf Erden gerettete »Überrest« Israels steht offenbar in diesem Buch. Das bedeutet, dass deren (zukünftige) Errettung durch göttliche Festlegung bereits feststeht.

1.2 Neues Testament

Siebenmal kommt das Buch des Lebens begriffsmäßig im NT vor, einmal in Philipper, sechsmal in der Offenbarung. Daneben gibt es Anspielungen auf andere Bücher ähnlicher oder gleicher Bedeutung. Das Verständnis dieses Begriffes baut auf dem AT auf.

Buch des Lebens, positiver Eintrag

Philipper 4,3 Ja, ich bitte auch dich, mein treuer Mitknecht, stehe ihnen bei, die in dem Evangelium mit mir gekämpft haben, auch mit Clemens und meinen übrigen Mitarbeitern, deren Namen im Buche des Lebens sind.

Mitarbeiter im Reich Gottes stehen auch im Buch des Lebens (griech. bíblos zōs). In Verbindung mit der Aussage des Herrn in Lukas 10,20 bedeutet es für Mitarbeiter im Reich Gottes wohl eine besondere Sicherheit und einen festen Trost, zu wissen, dass man im Himmel fest verankert ist (was das ewige Heil betrifft), auch wenn die »Erfolge« und »Misserfolge« im Dienst hier Zweifel über die Quelle der Heilssicherheit aufkommen lassen mögen. – 

Offenbarung 3,5  Wer überwindet, der wird mit weißen Kleidern bekleidet werden, und ich werde seinen Namen nicht auslöschen aus dem Buche des Lebens und werde seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln.

Den Überwindern der Gemeinde in Sardes wurde diese Verheißung ausgesprochen. Verse 4–5 verwenden dreimal den Begriff »Namen«, alle drei Verwendungen stehen im Zusammenhang mit positiven, mit dem Heil verbundenen Aussagen. Insbesondere steht hier nicht ausdrücklich, dass jemand aus dem Buch des Lebens ausgelöscht werden würde. Diese Stelle darf also nicht als (möglicher) Fakt oder als prinzipielle Wahrheitsaussage zur Behauptung des Auslöschens verstanden werden. Vielmehr wird im Grundtext mit ungewöhnlich starker, emphatischer Verneinung (o. Litotes) versichert, dass dieses Auslöschen nicht vorkommt: »Ich werde ihn ganz gewiss niemals (gr. ou me) auslöschen!« Das ist eine feste Zusicherung, keine versteckte Drohung.

Daraus ergibt sich klar, dass man nicht argumentieren kann, hier stünde eine Drohung, denn das angedrohte Übel könne ja evtl. eintreffen. – Beispiel: Wenn ein Vater seinem Kind sagt: »Ich werde dich niemals verlassen!«, folgt daraus (ohne weiteres) nicht, dass er andere seiner echten Kinder verlassen würde. Die Negation verstärkt vielmehr die Zusicherung.

Offenbarung 21,27  Und nicht wird in sie eingehen irgend etwas Gemeines und was Gräuel und Lüge tut, sondern nur die geschrieben sind in dem Buche des Lebens des Lammes.

Buch des Lebens, kein Eintrag

Offenbarung 13,8  Und alle, die auf der Erde wohnen, werden es anbeten, ein jeder, dessen Name nicht geschrieben ist in dem Buche des Lebens des geschlachteten Lammes von Grundlegung der Welt an.

Offenbarung 17,8  Das Tier, welches du sahst, war und ist nicht und wird aus dem Abgrund heraufsteigen und ins Verderben gehen; und die auf der Erde wohnen, deren Namen nicht in dem Buche des Lebens geschrieben sind von Grundlegung der Welt an, werden sich verwundern, wenn sie das Tier sehen, dass es war und nicht ist und da sein wird.

Offenbarung 20,12.15  Und ich sah die Toten, die Großen und die Kleinen, vor dem Throne stehen, und Bücher wurden aufgetan; und ein anderes Buch ward aufgetan, welches das des Lebens ist. Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben war, nach ihren Werken. … Und wenn jemand nicht geschrieben gefunden wurde in dem Buche des Lebens, so wurde er in den Feuersee geworfen.

Die beiden erstgenannten Stellen (13,8; 17,8) stellen eindeutig fest, dass es Menschen gibt (aus unserer Perspektive: geben wird), die »auf der Erde« wohnend und lebend nicht im Buch des Lebens geschrieben stehen. Das widerlegt die Auffassung, dass alle Menschen zu Lebensbeginn erst einmal »probehalber« in das Buch des Lebens geschrieben würden (s.z.B. Kap. 4.2 unten). Offenbarung 17,8 sagt nichts von einer solchen vorherigen Eintragung aller Menschen.

Die Behauptung: »Die Namen aller Menschen standen ursprünglich darin, wurden aber irgendwann wieder gelöscht« ist hier nicht haltbar. Der Kontext lehrt: Diejenigen, deren Namen von Grundlegung der Welt an im Buch stehen, werden von Gott so bewahrt, dass sie das Tier nicht endgültig anbeten. Denn sie gehören zum Lamm. – Es heißt nicht: »Sie beten das Tier an, deshalb werden ihre Namen gelöscht.« Nochmals: Von einem Löschen ist überhaupt nicht die Rede.

Die letztgenannte Stelle (20,12.15) gehören zum endgültigen Gericht. Wer nicht im Buch des Lebens steht, wird von Satans Agenten zur götzendienerischen Anbetung verführt werden. Sie sind die Erdbehafteten, die dem Tier (und damit Satan) ins Verderben folgen: ins ewige Gericht Gottes. Jene Menschen, die unerlöst bereits den körperlichen Tod erlitten haben, müssen alle am Gerichtstag des Großen Weißen Thrones auferstehen. Sie tun das, wie Daniel schon wusste,  zur »ewigen Abscheu« (Daniel 12,2).

Die Besonderheit ist, dass Offb 13,8 dieses »Buch des Lebens« mit Christus verbindet, mit dem »geschlachteten Lamm«. Damit wird die Namensliste jenes Buches zu einer Namensliste der im Opfer Jesu ewig Geretteten, nicht nur jener, die zeitweilig oder rein irdisch Rettung(en) seitens Gott erfahren haben. Jesus Christus hat »mit einem Opfer … auf immerdardie vollkommen gemacht, die geheiligt werden« (Hebr 10,14), so dass hier kein nur zeitweiliger, aufkündbarer, bereubarer Rettungszustand gemeint sein kann, der in jenem Buch dokumentiert ist.

Andere Erwähnungen eines Lebens- oder Heilsbuches im NT

Lukas 10,20  Doch darüber freuet euch nicht, dass euch die Geister untertan sind; freuet euch aber, dass eure Namen in den Himmeln angeschrieben sind.

Hier ist ohne ausführliche Namensnennung wohl dasselbe Buch gemeint, wie in Philipper 4,3 (s.o.). Wiederum: Wichtiger als jeder Dienst, jeder Erfolg im Dienst, ist, dass man durch Gottes Willen und Beschluss ewig gerettet ist. Der Nachweis für diesen unwandelbaren Beschluss liefern die schriftlich fixierten Einträge in diesem Buch »im Himmel«.

Semantisch: Übrigens wäre diese an seine Jünger gerichtete Aussage Jesu eine äußerst seltsame Begründung für diese tiefe Freude, wenn gleichzeitig Pontius Pilatus, Judas Iskariot, Kajaphas und alle anderen Menschen ebenfalls dort eingeschrieben wären. Jesus stellt das Angeschriebensein im Himmel vielmehr als besonderes Heilsprivileg dar, das niemand rauben kann, gerade auch diese bösen Herrscher und die Dämonen hinter ihnen nicht.

Hebräer 12,23  …und zu der Versammlung der Erstgeborenen, die in den Himmeln angeschrieben sind; und zu Gott, dem Richter aller; und zu den Geistern der vollendeten Gerechten…

Diese Stelle ergänzt Philipper 4,3 und Lukas 10,20 mit dem Gedanken, dass es ein Buch gibt, in dem alle Gläubigen, die Gesamtheit der ewig Geretteten, fix eingetragen sind. – Sie stehen dort nach göttlichem Vorsatz und Beschluss; alle die dort stehen, werden in der Zeit mit wirksamem Ruf zum Glauben gerufen: »Als aber die aus den Nationen es hörten, freuten sie sich und verherrlichten das Wort des Herrn; und es glaubten, so viele zum ewigen Leben bestimmt waren.« (Apostelgeschichte 13,48).

1.3  Zusammenfassung

Das »Buch des Lebens« ist ein metaphorisches Register Gottes, das im Alten Testament angedeutet wird, im Neuen Testament zentral für das Endgericht ist und das eng mit Christus und der ewigen Erlösung verbunden ist. Am Ende wird dieser Eintrag für jeden Menschen ewigkeitsentscheidend sein:

  • 1.    Offenbarung 20,12.15 – In das Buch eingeschrieben zu sein bedeutet, ewiges Leben zu haben.
  • 2.    Offenbarung 21,27 – In das Buch eingeschrieben zu sein bedeutet, dass man in die Stadt Gottes eintritt. 
  • 3.    Offenbarung 3,5 – Gott wird den, der bis zum Ende standhaft bleibt, nicht aus dem Buch auslöschen. 
  • 4.    Offenbarung 13,8 – Diejenigen, die das Tier anbeten, waren nie in das Buch eingeschrieben. 
  • 5.    Offenbarung 17,8 – Auch hier gilt: Diejenigen, die das Tier bewundern, waren nie in das Buch eingeschrieben. 
  • 6.    Lukas 10,20 – Unsere gesamte Sicherheit vor der Hölle und vor den Dingen, die uns in die Hölle bringen, liegt darin, dass unsere Namen in das Buch des Lebens bleibend (fix) eingeschrieben sind.

2 Unterschiedlichen Deutungen

Immer wieder fragen sich Christen, ob sie aus diesem »Buch des Lebens« ausgelöscht werden können. Die Stelle in 2Mose 32,33 wird herbeigezogen als positives Beispiel einer Eintragslöschung, Offenbarung 3,5 wird als implizite Möglichkeit einer solchen Löschung verstanden. Die anderen beziehen sich u.a. auf Offenbarung 13,8, wo ausdrücklich steht, dass die Eintragung »von Grundlegung der Welt« bereits feststand, also vor-weltlich entschieden wurde. Die Spannung entsteht also zwischen den Polen »unverlierbares Heil« versus »verlierbares Heil«. Dies ist in der Tat eine überaus wichtige, alles entscheidende Frage. Wie haben unterschiedliche christliche Traditionen sie beantwortet?

2.1 Die römisch-katholische Sicht (Lehre)

De Kerngedanke der RKK (Röm.-kath. Kirche) ist, dass das »Buch des Lebens« alle enthalte, die aktuell in der Gnade Gottes stehen, wobei dieser Zustand verlierbar ist. Ein vorhandener Eintrag dokumentiert also, dass ein Mensch momentan im Stand der heiligmachenden Gnade ist. Da der Mensch aber einen »echten, freien Willen« hat, kann eine bestimmte Klasse schwerer Sünden (die sog. »Todsünden«) zur Auslöschung des Eintrags führen. 

Die Konsequenzen dieser Ansicht: Rettung ist ein dynamischer (stetig wechselnder) Zustand, kein einmaliges Ereignis, das zu einem festen Heilsstand führte. Die Sakramente (v. a. Beichte, Eucharistie) spielen eine zentrale Rolle in der Dynamik des Heils und damit der Eintragung. Endgültige Sicherheit besteht erst nach dem Tod. – Das »Buch des Lebens« ist hier also ein reales, aber veränderbares Register des aktuellen Heilsstandes und der Gottesbeziehung. Mangelnde Heilsgewissheit treibt den suchenden Menschen zu den gnadenvermittelnden Heils-»Sakramenten« der RKK.

2.2 Die reformierte Sicht (Lehre)

Der Kerngedanke der Heilslehre der Reformatoren ist, dass das »Buch des Lebens« die Liste der von Gott vor Grundlegung der Welt zum ewigen Heil Erwählten ist. Dieses Lehrverständnis ergibt sich in Harmonie (sog. »Analogie der Schrift«) zu den anderen Lehrpositionen der Reformation (insbesondere deren Heilslehre), nämlich dass Gott souverän über das Heil entscheidet (Prädestination, Erwählung), dass somit die Eintragungen unveränderlich sind, und es kein »Auslöschen« im eigentlichen Sinn gibt (auch wenn diese mit prophetischer Mahnung angedroht wird). Das »Auslöschen« wird also als (aus menschlicher Perspektive) scheinbar verstanden, oder als prophetische Warnsprache verstanden. Im lutherischen Zweig der Reformation wird später jedoch eingeräumt, dass der Mensch sich durch anhaltenden Unglauben selbst wieder aus dem Buch löschen könne. Hier sehen wir eine arminianisch anmutende Verfremdung der Heilslehre (Abfall vom rettenden Glauben sei möglich). Bei Calvin bleibt klar: Erwählung ist keine provisorische Einschreibung aller Menschen, die später aufgrund ihres Verhaltens korrigiert wird, sondern Gottes ewiger Ratschluss.

Die Konsequenzen dieser Ansicht: Der durch Gottes vorweltlichem Beschluss und durch Christi Opfer »auf immerdar« Gerettete ist tatsächlich für immer gerettet, steht nicht länger auf einem Bewährungs-Prüfstand, was seine ewige Errettung angeht. Wer so gerettet wurde, ist sicher auf ewig errettet (sog. »Ausharren der Heiligen«). Wer ins »Buch des Lebens« eingetragen wurde, wird bis zum Ende, bis zur ewigen Glückseligkeit, bewahrt bleiben. Das Buch dokumentiert also den ewigen, unveränderlichen Heilsbeschluss Gottes, der auch zur Vollendung führen wird: der Verherrlichung aller zuvor von Gott Erkannten, Bestimmten und Berufenen (Römer 8,29–30). Folglich ist es für die Glaubenden größter Trost und Motivation, »dass eure Namen in den Himmeln angeschrieben sind« (Lukas 10,20).

2.3 Adventistische Sicht (Lehre)

Der Kerngedanke der Sekte der Adventisten (Milleriten, Siebenten-Tags-Adventisten STA) ist, dass das »Buch des Lebens« Teil eines himmlischen Gerichtsprozesses sei. Sie haben die Sonderlehre eines »Untersuchungsgerichts«, das seit 1844 als »Voruntersuchungsgericht« laufe. Dabei werden die Namen einzeln geprüft und bleiben dann entweder bestehen oder werden gelöscht. (Dieses Datum wurde genannt, nachdem drei konkrete Zeitangaben für die Rückkehr Jesu sich als falsch erwiesen hatten: Herbst 1843, 21.03.1844, 22.10.1844.)

Die Konsequenzen dieser Ansicht: Diese Lehre ist eine Vermischung von Gnade Gottes mit realer Bewertung des Lebens unter extremer Betonung der Endzeit. Ein entscheidendes Bewertungskriterium der Treue eines Christen ist die Beachtung des Sabbats als biblischem Ruhetag. Dies geht auf eine (okkulte) Vision ihrer Hauptlehrerin Ellen G. White am 03.04.1847 zurück, die sie angeblich in Topsham, Maine (USA) hatte. In dieser Vision sah sie die Bundeslade im Allerheiligsten, darin die 10 Gebote , wobei das 4. Gebot (Sabbatgebot) mit besonderem Licht hervorgehoben wurde (Quelle: A Word to the Little Flock, 1847). Das Buch ist hier ein aktuelles, überprüftes Register des himmlischen Gerichts.

2.4 Freikirchlich-evangelikale Sicht (Lehre)

Der Kerngedanke der Freikirchen, die sich aus dem Strom des Protestantismus entwickelt hatten, bietet zwei Versionen als Hauptströmungen an. Die eine Sicht ist ähnlich zur reformiert-calvinistischen Sicht, dass die Bucheinträge endgültig seien. Die andere Sicht ist ähnlich zur arminianisch-lutherischen Sicht, dass echter, rettender Glaube auch verloren gehen könne. Der gemeinsame Nenner ist, dass die Eintragung ins Buch durch Glauben an Jesus Christus erfolgt, eine Auslöschung ist je nach Auffassung unmöglich oder möglich, je nach Treue, Willen und Ausharren des Eingetragenen.

Die Konsequenzen dieser Ansicht: Hier wird die »persönliche Entscheidung« des Menschen zum Heil zum entscheidenden Kriterium für Eintragung und Auslöschung. Das Buch dokumentiert also eng die individuelle Bekehrungserfahrung.

Zentrale Streitpunkte

Alle Lehrtraditionen stimmen darin überein, dass das »Buch des Lebens« für Gottes Heilsanerkennung gg. individuellen Menschen steht (Namensliste!). Aber sie unterscheiden sich z.T. radikal darin, wie man in dieses Buch kommt, ob man darin bleibt und wer letztlich über Eintrag und Verbleiben entscheidet.

Die Unterschiede der Lehransichten drehen sich im Kern um drei große Lehrfragen: (1) Prädestination vs. freier Wille (Entscheidet Gott alleine über das Heil oder ist es der Mensch, der das Heil entscheidend ergreift?); (2) Sicherheit der Rettung (Ist das Heil absolut sicher oder ist es gefährdet wegen Untreue und Abfall des Menschen?); (3) Verhältnis von Gnade und Werken (Wird das Heil vom Menschen rein passiv empfangen, also von Gott aktiv erhalten, oder steht der Mensch in der Verantwortung, sich mit guten Werken und Treue als würdig des Heils zu erweisen?).

3 Die Lehrtradition der »Plymouth Brüder« (D: Christliche Versammlung)

Die »Plymouth Brüder« (heute oft nur: »Brüderbewegung«) entstanden in Irland in den 1820er Jahren. Sie kamen in Erwartung der Wiederkunft Jesu in Hauskreisen zum Bibelstudium und Abendmahl zusammen. Durch eifrigen Missionsdienst hat sich diese Bewegung in aller Welt ausgebreitet und hat viele in Splittergruppen und Sekten getrennte Sonderkirchen erzeugt. Prägende Theologen der Bewegung waren die Iren John Nelson Darby (1800–1882), ein anglikanischer Geistlicher aus höchsten gesellschaftlichen Kreisen und herausragender Bildung, sowie William Kelly (1821–1906), ebenfalls ein Spezialist für alte Sprachen, Bibelausleger, Autor und Prediger, der das Gesamtwerk Darbys (z.T. stark) lektorierte und herausgab. Das Verständnis des »Buch des Lebens« wurde maßgeblich von diesen Bibellehrern geprägt. Inzwischen sind jedoch viele alternative Lehrmeinungen entstanden, die sich denen anderer Freikirchen angeglichen haben.

Grundverständnis. Die Brüderbewegung liest das »Buch des Lebens« nicht als eigenständiges Dogma, sondern als integrierten Teil ihres Verständnisses von Erwählung, Wiedergeburt, ewigem Leben, Heilssicherheit und Heilsgewissheit. Der entscheidende Punkt: Wer wirklich gerettet ist, ist endgültig gerettet – und steht damit für immer im Buch.

Klassische Linie (J.N. Darby). Der Kerngedanke von Darby und der frühen Bewegung war: Es gibt aufgrund der Heiligen Schrift objektiv absolute Heilssicherheit sowie subjektiv wirkende Heilsgewissheit für jeden Glaubenden. Die Erwählung zum ewigen Heil fand vor Grundlegung der Welt statt und gründet sich im vorausgesetzten vollendeten Heilswerk Christi. Erwählung ist »ewiger Ratschluss Gottes«, ewige Rettung basiert vollständig auf dem Kreuz und ist abgeschlossen. Wichtig: Ewiges Leben ist nicht verlierbar, sonst wäre es nicht »ewig«.

Konsequenz für das »Buch des Lebens«: Der Eintrag ist Ergebnis göttlicher Erwählung, daher unumkehrbar. Das »Auslöschen« wird rhetorisch (prophetische Sprache) oder als scheinbar (rein menschliche Perspektive) verstanden. – Das entspricht stark der reformierten Position, aber mit stärkerer Betonung der persönlichen Gewissheit.

Einbettung in die Heilslehre der »Brüderbewegung«. (1) Die Heilsgewissheit ist ein zentrales Merkmal (»full assurance of salvation«, basierend u.a. auf 1. Johannes 5,13: »Dies habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr ewiges Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes«.) Das ist entscheidend: Ein Christ weiß sicher, dass er gerettet ist. Diese Gewissheit basiert auf dem Wort Gottes, dem vollbrachten Werk Christi und dem Zeugnis des Heiligen Geistes. Daher ist das »Buch des Lebens« kein unsicheres Register, sondern Ausdruck einer bereits feststehenden Realität. – (2) Die Heilssicherheit (»eternal security«) ist objektiv im vollbrachten und vollkommenen Sühnungsopfer Jesu am Kreuz gegeben, sie hängt nicht subjektiv vom Glaubenden ab. Die Aussage der Schrift ist klar: Ein echter Gläubiger kann nicht verloren gehen (Joh 3,15f; 10,28ff). Das Heil und die Vollendung ist so sicher, dass der Hebräerbrief es in der Vergangenheitsform als bereits vollendet darstellt: »indem er viele Söhne zur Herrlichkeit brachte« (Hebr 2,10). – (3) Die Warnstellen werden in der »Brüderbewegung« klassisch so gelesen: Weil es Scheinchristen gibt, wird festgestellt (oder stark vermutet), dass »Abgefallene«, bei denen man keine Zuchtmaßnahmen Gottes feststellt, wahrscheinlich nie wirklich in diesem »Buch des Lebens« eingetragen waren, sie gehörten nie zu Familie Gottes: »Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns; denn wenn sie von uns gewesen wären, so würden sie wohl bei uns geblieben sein; aber damit sie offenbar würden, dass sie alle nicht von uns sind.« (1.Johannes 2,19).

Variationen und Abweichungen. Innerhalb der Brüderbewegung haben sich Differenzen in der Lehre entwickelt. (1) Die eher Darby lehrhaft folgenden »Brüder« gehen immer noch davon aus, dass der göttliche, personale Wille alles entscheidend prägt, was sie aus Sicht der Gegenseite als »calvinistisch« erscheinen lässt (allein ihre Eschatologie zeigt aber schon auf, dass diese »Brüder« keine Calvinisten sind; sie lehnen dieses Etikett vehement ab). Für sie ist das »Buch des Lebens« ein festes, göttliches, ewiges Register. – (2) Die sog. »Offenen Brüder« haben eine viel größere Bandbreite in der Lehre entwickelt, die mit ihren Ursprüngen und Wurzeln manchmal nur wenig noch zu tun haben. Sie sehen teilweise mehr Raum für die Verantwortung des Menschen und daher für kraftvolle praktische Warnungen. Aber auch hier gilt in der Regel noch: Wer eine echte Wiedergeburt erlebt hat, der hat bleibende Rettung. Die Unterschiede sind eher pastoral, noch nicht fundamental. Das Ganze ist jedoch in Bewegung, da es in diesen Freikirchen kein verbindliches »Credo« gibt. – Die Grundlagenliteratur findet man bei John Nelson Darby (Collected Writings, zu Themen wie: election, eternal life, assurance), William Kelly, C. H. Mackintosh und (amerikanisch) F. W. Grant, H.A. Ironside. Typische Titel lauten: »Eternal Security of the Believer« oder »Assurance of Salvation« (Onlinequellen: Plymouth Brethren Writings, stempublishing.com, oder: bibelkommentare.de).

Zu Offenbarung 3,5

»Wer überwindet, der wird mit weißen Kleidern bekleidet werden, und ich werde seinen Namen nicht auslöschen aus dem Buch des Lebens«

Darby und Kelly stellen am Text fest, dass hier nicht eine Drohung steht, sondern eine Verheißung. Es steht nicht da: »Ich könnte Dich auslöschen«, was die Möglichkeitsform wäre. Hermeneutisch liest Darby die Sendschreiben als moralische Appelle an Bekenner, nicht als metaphysische Aussagen über den Verlust des Heils. Fazit: Die Aussage stärkt die Gewissheit der Überwinder, sie beschreibt keine reale Möglichkeit des Auslöschens des Namens echter Glaubender.

Zu Offenbarung 13,8

»Und alle, die auf der Erde wohnen, werden es anbeten, jeder, dessen Name nicht geschrieben ist in dem Buch des Lebens des geschlachteten Lammes von Grundlegung der Welt an.«

Hier wird die Position der ursprünglichen »Brüderbewegung« besonders deutlich. Die zeitliche Zuordnung (Eintragung vor der Schöpfung) bedeutet, sie ist vollständig unabhängig vom menschlichen Verhalten. Die systematische Konsequenz daraus ist: Das Buch ist Ausdruck der ewigen Erwählung, nicht eines späteren Prozesses. Und letztlich die Christuszentralität: Hier steht eine Zuspitzung auf Jesus Christus, denn es ist das »Buch des Lebens des Lammes«. Erwählung, Kreuz und Erlösung liegen auf einer ewigen Linie. Fazit: Für Darby ist das eine der stärksten Begründungen für die Auslegung: Dieses Buch ist ewig festgelegt, sein Inhalt nicht dynamisch veränderbar.

Sprachlich-thelogische Bemerkungen. Der griechische Text von Offenbarung 13,8 enthält apo katabolēs kosmou. Das bedeutet wörtlich »von Grundlegung der Welt an«, also »seit Beginn der Weltzeit«. Das Griechische sagt nicht ausdrücklich »vor« (pro). Warum lesen/verstehen es Darby u.a. trotzdem wie ein »vor«? – Dazu gibt es drei Gründe(1) In Verbindung mit Offenbarung 17,8 (»nicht geschrieben sind seit…«) kann man argumentieren: Wenn Namen schon von Beginn der Welt drinstehen oder fehlen, dann lag die Entscheidung für die Eintragung vor diesem Zeitpunkt, also in der Ewigkeit vor der Zeit. Das ist ein logischer Schluss, kein rein grammatischer. (2) In Verbindung mit Epheser 1,4 (»erwählt vor Grundlegung der Welt«) und Johannes 17,24 (»geliebt vor Grundlegung der Welt«, i.V.m. der Einsmachung in Joh 17) ist systematisch zu schließen, dass die Bibel eine vorweltliche Erwählung lehrt, mit der auch Offenbarung 13,8 übereinstimmen muss. Daraus ergibt sich: (3) Eine zeitliche Eintragung (erst »seit Beginn« der Erde) wäre unvereinbar mit der Lehre der Erwählung. Da die Erwählung ewig ist, ebenso die Erwählung des Sohnes Gottes zum rettenden »Lamm Gottes«, und das »Buch des Lebens« ein Namensregister der zum Heil Erwählten darstellt, muss dieses Buch samt Inhalt ewigen Charakter haben. Dies folgt keinem philologisch-sprachlichen Zwang, sondern ist ein dogmatisch notwendiger Schluss, wenn man von theologischer Kohärenz und Wahrheit der biblischen Lehre ausgeht.

Auf den weiteren sprachlichen Streitpunkt, ob sich das »von Grundlegung der Welt an« überhaupt auf das »geschrieben« bezieht, und nicht auf das »geschlachtet« bzgl. des Lammes, gehe ich hier nicht weiter ein. Beides ist grammatisch möglich, die Mehrdeutigkeit ist im Griechischen real. Die Entscheidung für das erstere Verständnis ist theologisch begründet. Es scheint in der »Brüderbewegung« noch das übliche Verständnis zu sein (so wiedergegeben in nichtrevELB, ELBCSV, SCHL2000, LUT, KJV, NKJV, ESV, NASB). Die Hermeneutik der Reformation enthält die Grundregel: Unklare Stellen werden durch klare Lehre entschieden. Der historisch-kritische Ansatz hingegen nimmt jede Stelle für sich und gibt (hier) der Syntax Vorrang vor der theologischen Systematik und Widerspruchsfreiheit. Bindung an »geschlachtet« liefern: Einheitsübersetzung, NGÜ, Zürcher Bibel, BasisBibel, neuere ELBREV, NIV, NRSV. – Die grundtextnahe ESV hat trotzdem »written before the foundation«, die NIV dagegen: »Lamb slain from the foundation«, die LUTH2017 lässt die Zuordnung offen. Fazit: Offenbarung 13,8 ist kein Fall, wo die Grammatik die Theologie diktiert, sondern ein Fall, wo die Theologie die Übersetzung lenkt.

Zu Offenbarung 20,12–15

» Und ich sah die Toten, die Großen und die Kleinen, vor dem Thron stehen, und Bücher wurden geöffnet; und ein anderes Buch wurde geöffnet, welches das des Lebens ist. Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben war, nach ihren Werken. … Und wenn jemand nicht geschrieben gefunden wurde in dem Buch des Lebens, so wurde er in den Feuersee geworfen.«

Die »Brüder« haben hingewiesen, dass es zwei Kategorien von Büchern gibt: eines zeichnet die Werke der Menschen auf, das andere deren göttliche Zugehörigkeit (im Heil). Beide sind strikt zu unterscheiden. Kelly und Darby weisen darauf hin, dass die Funktion des »Buches des Lebens« nicht eines der Prüfung ist, sondern als eine Art Bestätigungsregister. Das Urteil erfolgt alleine nach den Werken des Menschen. Zudem: Wer vor diesem Gericht steht, ist bereits verloren! Dieses »Gericht der Toten« entscheidet nicht erst über das Heil jener »Toten«, es offenbart richterlich den bereits feststehenden Zustand. Im Gericht am Ende entscheidet Gott nicht erst, sondern er offenbart, was für ihn feststand.

Zu Lukas 10,20

»[F]reut euch vielmehr, dass eure Namen in den Himmeln angeschrieben sind.«

C.H. Mackintosh betont, wie wichtig diese Stelle pastoral ist. Hier zeigt sich die praktische Seite der »Brüderbewegung«. Sie nimmt den Impuls der Heilsgewissheit im Hier und Jetzt auf, und zwar nicht spekulativ, sondern existenziell. Der Gläubige soll wissen, dass sein Name geschrieben ist. Das ist das Entscheidende. Das ist von Menschen nicht wegzunehmen. Egal, ob man im Dienst für Gott Erfolg hat (wie hier) oder keinen »Erfolg« hat.

Fazit

Die Lehrväter der »Brüderbewegung« lehrten: Das »Buch des Lebens« ist kein offenes Register, sondern der Ausdruck der ewigen, unwiderruflichen Erwählung Gottes, sichtbar gemacht im Heil der Gläubigen und bestätigt im Gericht.

4 Zitate

4.1 Begriffslexikon, 2005.

»Dieser Ausdruck kommt nur in der Offenbarung (7x) und in Phil 4,3 vor. Es wird als das Lebensbuch des Lammes bezeichnet und enthält seit Anbeginn der Welt die Namen aller, die gerettet sind. Wer dort nicht verzeichnet ist, wird in den Feuersee geworfen werden (Offb 20,15). Es wird auch von anderen „Büchern“ gesprochen. Mose erwähnt eines in 2. Mose 32,32; Daniel in Kap. 12,1; und in Offb. 20,12 finden wir, dass es Bücher der Werke gibt, anhand derer die Verlorenen gerichtet werden. Aber die Gesegneten werden niemals vor das Gericht kommen (Joh. 5,24 wörtlich), und das Buch des Lebens enthält allein deren Namen.«

A Dictionary Of Some Of The More Common Biblical Words And Phrases (Galaxie Software, 2005), s.v. Book of Life. Eigene Übersetzung, Fettdruck hinzugefügt.

Kurzkommentar: Der Lexikoneintrag beschränkt sich auf die Vorkommnisse des vollen Namens »Buch des Lebens«. Dieser kommt nur im NT vor. Die Deutung ist, dass dort die Namen aller (nach Vorsatz Gottes bereits) Geretteten stehen, der Namenseintrag in diesem Buch insofern als Sicherung vor dem Gericht Gottes dienen kann. Die Namensliste ist schon seit Anbeginn der Welt statisch fest und gültig, insofern ist weder »Eintragen« noch »Löschen« in der Zeit möglich.

4.2 Roger Liebi, Das Buch des Lebens. Seminarvorlage, 1998.

»Gott liebt alle Menschen und möchte das Leben für jeden einzelnen von ihnen (1Tim 2:4; 2Pet 3:9). Deshalb schrieb er alle Menschen zur Zeit der Erschaffung der Welt („von Grundlegung der Welt an“) in das Buch des Lebens. Durch den Sündenfall kam jedoch das Verhängnis des Todes: „Der Lohn der Sünde ist der Tod“ (Röm 6:23). Der stellvertretende Tod des Herrn Jesus als Lamm Gottes brachte aber die Lösung: „die Gnadengabe Gottes aber ewiges Leben in Christus Jesus, unserem Herrn“ (Röm 6:23).

Jeder Mensch, der im Mutterleib gebildet wird, steht bereits im Lebensbuch. Wenn er jedoch in seinem Leben Gottes Angebot zur Vergebung seiner Sünden nicht in Anspruch nimmt, wird er nach Ablauf seiner Gnadenzeit aus dem Buch des Lebens getilgt. Die Gnadenzeit für den einzelnen Menschen läuft spätestens mit seinem Tod ab (vgl. Mark 2:10; Heb 9:27; 2Mos 9:12).

Beim letzten Gericht vor dem grossen, weissen Thron wird den Verlorenen mit dem Buch des Lebens deklariert werden: Gott wollte euch das Leben geben, ihr aber habt es von euch gewiesen. Eure Namen sind nicht mehr darin. Die Konsequenz davon wird die ewige Pein sein.«

Roger Liebi, Das Buch des Lebens. Seminarvorlage mit Datum 02.06.1998.

Kurzkommentar: Gott ist hier kein ewig und frei erwählender Gott mehr, wie es die Bibel vielfach bezeugt, sondern ein Gott guter Absichten, der aber letztlich hilflos zusehen und abwarten muss, ob die Menschen sich für Gottes Heilsangebot entscheiden werden. Der Mensch allein entscheidet über sein ewiges Glück. Den aktuellen Stand, den aktuellen Umsetzungserfolg des ewigen Rettungswillens Gottes, zeigen die Einträge im »Buch des Lebens«. Als Buchhalter greift Gott ggf. zum göttlichen Radiergummi, um seine eigenen (irrtümlichen?) »Eintragungen auf Probe« wieder zu entfernen. Das Buch des Lebens reduziert sich zu einem Ausweis, dass Gott im Prinzip rettende Absichten hat.

Soll hier wieder einmal Gott davor bewahrt werden, dass Er wie Gott handelt (Römer 9,15–24)? Der Entwurf hat Anklänge zu Ideen im Judentum, im Arminianismus und im Semi-Pelagianismus. Liebi benutzt diese Lehre zudem ausdrücklich als Argument gegen den »Calvinismus«, das mag seine exegetische Brille entsprechend einfärben: seine Exegese wird zumindest teilweise von seiner theologischen Prämisse getragen. Damit gerät er m.E. prinzipiell von der Exegese in die Eisegese.

Die Heilige Schrift sagt: »Also liegt es nun nicht an dem Wollenden noch an dem Laufenden, sondern an dem begnadigenden Gott.« (Römer 9,16). Die schnellste Widerlegung dieser Theorie ist der Verweis auf Offenbarung 13,8 und 17,8, wo eindeutig bereits noch auf der Erde lebende und handelnde Menschen als nicht im Buch des Lebens Stehende beschrieben werden.

Sprachverirrung. Liebi legt erhebliches Gewicht darauf, dass in Offenbarung 13,8 bzw. 17,8 ein griechisches Perfekt verwendet wird. Er argumentiert sinngemäß: Das Perfekt bedeutet »eingeschrieben worden und noch immer eingeschrieben«. Da dies verneint werde, könne es heißen: Sie stehen jetzt nicht mehr darin, obwohl sie vorher darin standen. Das ist aber der Streitpunkt. Hält sein Argument?

Sprachlich. Tatsächlich beschreibt das Perfekt γέγραπται / γεγραμμένοι einen bestehenden Zustand: »steht geschrieben / ist eingeschrieben«. Mit einer Negation bedeutet es daher: »steht nicht geschrieben / befindet sich nicht als Eingetragener darin«. Aber es sagt eben gerade nicht: »war früher eingeschrieben und wurde inzwischen gelöscht«. Für solch eine Deutung müsste der Kontext ausdrücklich einen Vorgang des Löschens oder einen früheren gegenteiligen Zustand anzeigen. – Besonders Offenbarung 17,8 verhindert Liebis Deutung: »dessen Name von Grundlegung der Welt an nicht geschrieben steht …«. Die Zeitbestimmung reicht hier bis zur Grundlegung der Welt zurück: Der Name der Gemeinten war in der Erdenzeit (dies schließt offenbar die Lebenszeit der Gemeinten mit ein) noch NIE eingeschrieben gewesen! Im Licht von Epheser 1 kann man richtiger argumentieren: Die Zugehörigkeit zum Buch des Lebens geht der geschichtlichen Entscheidung des Menschen voraus: »wie er uns auserwählt hat in ihm vor Grundlegung der Welt« (Epheser 1,4).

Nimmt man Offenbarung 21,27 dazu, wird der systematisch-theologische Schwachpunkt noch deutlicher. Nach Liebis Auffassung möchte Gott grundsätzlich, dass dieser Mensch gerettet wird. Erst der Tod bzw. die endgültige Ablehnung Christi entscheidet darüber, ob der Eintrag Bestand hat. Das Lebensbuch wird zum »Provisorium«, und dokumentiert höchsten Gottes gute Rettungsabsichten. Damit verliert das Buch aber genau die Funktion, die es in der Offenbarung offenbar hat: Es bezeichnet die sichere Zugehörigkeit zum Lamm.

4.3 John MacArthur, Divine Immutability and the Doctrines of Grace, 2006.

»Der Plan Gottes war von Ewigkeit her, einen Teil der gefallenen Menschheit durch das Werk des Sohnes und zur Ehre des Sohnes zu erlösen (vgl. 2Tim 4,18). Es gab einen Moment in der Ewigkeit vor der Zeit (wenn wir so in unvollkommen zeitlichen Begriffen von der Ewigkeit sprechen dürfen), als der Vater seine vollkommene und unbegreifliche Liebe zum Sohn zum Ausdruck bringen wollte. Um dies zu tun, beschloss er, dem Sohn eine erlöste Menschheit als Liebesgabe zu geben – eine Schar von Männern und Frauen, deren Aufgabe es sein sollte, den Sohn während aller Äonen der Ewigkeit zu preisen und zu verherrlichen und ihm vollkommen zu dienen. Engel allein würden in dieser Hinsicht nicht ausreichen, denn es gibt Eigenschaften des Sohnes, für die Engel ihn nicht richtig preisen können, da sie die Erlösung nie erfahren haben. Aber eine erlöste Menschheit, als direkte Empfänger seiner unverdienten Gunst, würde für immer als ein ewiges Zeugnis für die unendliche Größe seiner Barmherzigkeit und Gnade stehen.

Der Vater beschloss daher, dem Sohn eine erlöste Menschheit als sichtbaren Ausdruck seiner unendlichen Liebe zu geben. Dabei wählte er alle aus, die diese erlöste Menschheit bilden sollten, und schrieb, bevor die Welt begann, ihre Namen in das Buch des Lebens (Offb 13,8; 17,8). Sein Geschenk an den Sohn besteht aus denjenigen, deren Namen in diesem Buch stehen – eine freudige Gemeinde unverdienter Heiliger, die den Sohn für immer preisen und ihm dienen werden.«

John MacArthur, Divine Immutability and the Doctrines of Grace. Vorwort in: Steven J. Lawson, Foundations of Grace (A Long Line of Godly Men), Lake Mary, FL: Ligonier Ministries, 2006. Eigene Übersetzung, Fettdruck hinzugefügt.

Kurzkommentar: Das Buch des Lebens enthält hier alle vorzeitlich zur Gemeinschaft mit dem Sohn und damit zum Heil erwählten Menschen, und zwar «bevor die Welt begann« (daher können die Namen dann auch »seit« Anbeginn der Welt im Buch stehen, und zwar statisch). Die Liste ist fix, es gibt in der Zeit weder einen Neueintrag noch eine Löschung.

Fazit im Überblick

Ich würde die einzelnen Elemente in Zusammenschau so bewerten:

AussageUrteilGrund
Es gibt ein »Buch des Lebens«richtigDan 12,1; Phil 4,3; Offb 3,5; 20,15
Das Buch spielt beim letzten Gericht eine entscheidende RollerichtigOffb 20,12.15
Die Verlorenen werden nach ihren Werken gerichtetrichtigOffb 20,12–13
Die Bibel kennt ein »Auslöschen« aus einem göttlichen Buchrichtig2Mo 32,33; Ps 69,29; Offb 3,5
Alle diese »Bücher« müssen exakt dasselbe Register seinfragwürdigunterschiedliche Kontexte und Funktionen
Psalm 139,16 beweist eine Eintragung jedes Menschen ins Lebensbuchfalschdort sind Davids Tage aufgezeichnet
Das griechische Perfekt in Offb 13/17 beweist eine frühere Eintragungfalschdas Perfekt bezeichnet den bestehenden Zustand, nicht dessen Gegenteil in der Vergangenheit
Alle Menschen sind von Anfang an im Lebensbuchschriftlich nicht belegt und m. E. abzulehnenbesonders Offb 17,8 spricht dagegen
Ungläubige werden bei Tod/Ende der Gnadenzeit gelöschtnicht belegtkein Text sagt dies ausdrücklich
Die Erwählten stehen von Grundlegung der Welt an im Buchsehr gut begründetOffb 13,8; 17,8; vgl. Eph 1,4
Ein wahrer Gläubiger kann daraus gelöscht werdenneinOffb 3,5 ist gerade Heilszusage; Joh 10,28; Röm 8,29–39
Das Buch dokumentiert die Erlösten des LammesjaOffb 13,8; 20,15; 21,27

Das »Buch des Lebens des Lammes« bezeichnet Gottes ewige Kenntnis und Erwählung derjenigen, die Christus gehören und durch sein Blut erlöst werden. Ihre Namen stehen darin von Grundlegung der Welt an. Diese Erwählung verwirklicht sich geschichtlich durch Berufung, Wiedergeburt, Buße und Glauben und führt aufgrund Gottes bewahrender Gnade zum Beharren. Offenbarung 3,5 droht dem echten Gläubigen nicht mit Löschung, sondern versichert dem Überwinder mit größtem Nachdruck, dass Christus seinen Namen niemals auslöschen wird. Die alttestamentlichen Aussagen vom Auslöschen aus (irgend) einem »Buch« sind in ihrem jeweiligen Bundes- und Lebenskontext zu verstehen und dürfen nicht ohne Weiteres mit dem eschatologischen Lebensbuch des Lammes identifiziert werden.

Damit scheint mir insbesondere Roger Liebi im genannten Werk einen richtigen exegetischen Befund – die Sprache vom „Auslöschen“ – wahrzunehmen, daraus aber eine wesentlich größere Theorie abzuleiten, als die Texte tragen können. Besonders seine Deutung von Psalm 139,16 und des griechischen Perfekts sowie die universale Einschreibung aller Menschen halte ich auf der Basis der Heiligen Schrift für nicht überzeugend. Es ist nicht überzeugend nachgewiesen, worüber die Textstellen tatsächlich reden: über das irdische Leben, die Bundeszugehörigkeit zu Israel oder das ewige Heil? Die oben gegebene Deutung von Offenbarung 13,8; 17,8 und 3,5 aus eher reformatorischer und gemäßigt reformierter (wie ursprünglich in der »Brüderbewegung« gegebenen) Sicht besitzt meines Erachtens die deutlich größere exegetische Erklärungskraft.


Das Werk des Herrn wird niemals scheitern

Die 7 Fortschrittsberichte des Lukas in der Apostelgeschichte

Lesedauer: 17 Minuten. Maybe longer. Grab a coffee and open your Bible!

Einleitung

Die Apostelgeschichte (Apg) lässt sich grob in zwei Teile gliedern: den Dienst des Petrus (Apg 1–12) und den Dienst des Paulus (Apg 13–28). Das Wirken Jesu Christi durch seine Apostel bewegte und durchdrang das ganze römische Weltreich. Lukas zeigt das Vordringen des Evangeliums in seinem Bericht in sieben Abschnitten, von denen jeder mit einem kurzen Fortschrittsbericht abschließt. Diese sieben Abschnitte der Apg beschreiben die Etappen, in denen der Auftrag des Herrn aus Apg 1,8 ausgeführt wurde: »ihr werdet meine Zeugen sein, sowohl in Jerusalem als auch in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde«.

Das unaufhaltsame Wirken des verherrlichten Christus zur Rettung von Menschen und zur Auferbauung Seiner Gemeinde mittels seiner Nachfolger und Diener ist äußerst mutmachend auch für seine Nachfolger und Diener heute. Wir sehen die Erfüllung der Verheißung Jesu Christi: »Ich werde meine Versammlung bauen, und die Pforten des Hades werden sie nicht überwältigen« (Matthäus 16,18b).

  • Erstens: Die Apg berichtet, wie der Herr Jesus Christus nach seiner Himmelfahrt von seinem himmlischen Thron aus mittels seiner Apostel und Diener das große Werk fortsetzte, seine Gemeinde zu bauen (Mt 16,18). Der Tempel stand noch in Jerusalem, wo der Herr verworfen wurde und den er verlassen hatte (sein Exodus). Was Israel betrifft, begann dann eine Zeit des Übergangs, der sich nach der Ermordung des Christus-Zeugen Stephanus noch beschleunigte. Diese Übergangszeit dauerte etwa 40 Jahre. Der »alte [Bund] war dem Verschwinden nahe« (Hebräer 8,13), während die Gemeinde Christi im neuen Bund auf der Erde wuchs und wuchs. Christus im Himmel kümmerte sich mit größtem Interesse um dieses Wachstum. In dieser Zeit wandte Er sich weiterhin Seinem irdischen Volk besonders zu. Noch galt: »den Juden zuerst« (vgl. Apg 3,26; 13,46; Römer 1,16; 2,9–10).
  • Zweitens: Lukas’ Fortschrittsberichte werden gegeben, um zu bestätigen, dass Gottes Werk trotz gewaltiger Widerstände von außen und von innen weiterging. Das soll uns Nachfolger Jesu auch heute noch ermutigen. Leiden begleiteten das neue Werk Christi, wie sie auch Seinen irdischen Dienst schon begleiteten. Doch dessen ungeachtet geht es voran, Lukas berichtet von wunderbaren Ergebnissen.

Diese beiden Punkte bilden ein zentrales Thema in der gesamten Apg und im Neuen Testament. Die sieben Fortschrittsberichte des Lukas in der Apg fassen zusammen, wie Christi Größe und Macht in Gemeindebau und Mission sichtbar wurde. Während der Herr auf der Erde gewesen war, war Er bei Seinen Jüngern (vgl. Matthäus 28,20) – Er war es auch jetzt weiterhin, wenn auch unsichtbar. Die Herausforderung der Jünger bestand also darin, in Glauben, Gehorsam und Liebe dem verherrlichten Herrn treu zu dienen (Hebräer 11; Johannes 14,21.23). 

Das ist auch unsere Herausforderung: 1. Arbeitest Du fleißig und mutig mit im großen Werk Jesu Christi in dieser Welt? – 2. Gehörst Du aktiv und verbindlich einer Gemeinde Jesu Christi an? Denn Christus baut seine Gemeinde, nicht Solo-Nachfolger und YouTube-Christen.

Die sieben Fortschrittsberichte

1. »Der Herr aber fügte täglich hinzu, die gerettet werden sollten« (Apg 2,47b)

Dieser Vers bildet die Zusammenfassung, die Lukas nach seiner Zusammenfassung über das Tun und Lassen der Urgemeinde gibt (Apg 2,42–47a; siehe Artikel »Die Kennzeichen der Jerusalemer Urgemeinde«). Er enthält den ersten von sieben Fortschrittsberichten in der Apg.

  • Das mit »hinzufügen« übersetzte Verb (prostithemi; Imperfekt Aktiv: »fügte fortwährend hinzu«) wird im Lukasevangelium siebenmal und in der Apg sechsmal verwendet. Es ist ein Wort, das Lukas wahrscheinlich aus der Septuaginta (der alten griechischen Übersetzung des AT) übernommen hat, wo es mehr als 300-mal vorkommt. Es steht in Verbindung mit dem Wort »Zahl« (arithmos) (vgl. 4,4; 5,36; 6,7; 11,21; 16,5). Der Herr fügte hinzu und zählte: Für Ihn zählt jeder Einzelne!
  • Es sollte unsere Herzen berühren, zu sehen, dass der Herr Jesus im Himmel, obwohl Er vom jüdischen Volk verworfen worden war, 3.000 Menschen aus dessen Mitte nahm und sie zu Pfingsten Seinem neuen Zeugnis hinzufügte (2,41)! Er fuhrtäglich fort, Gerettete hinzuzufügen und sie als Glieder in diesen neuen Leib von Gläubigen aufzunehmen. Unser gesegneter Herr fährt damit fort, bis die Zahl vollständig sein wird und Er kommen kann, um uns alle in den Himmel zu nehmen (1Thessalonicher 4,14–18)! Er allein ist der Herr und hat daher die Autorität, hinzuzufügen und zu zählen. Doch Er gebraucht uns als Seine Werkzeuge auf der Erde, um Seinen Plan auszuführen.
  • Es muss für unseren verherrlichten Herrn besonders kostbar gewesen sein, Menschen aus Seinem eigenen irdischen Volk, das Ihn verworfen hatte, hereinzubringen und sie dieser neuen Gemeinschaft von Gläubigen hinzuzufügen, die für den Himmel bestimmt war – und dies in eben jener Stadt, die Ihn hinausgestoßen hatte. Apg 2,47 zeigt uns, dass Christus in Herrlichkeit Gottes ewigen Ratschluss erfüllt (vgl. Römer 8,29–30), was diese Menschen betrifft, die an Ihn glaubten und die nach Gottes Plan Tag für Tag hinzugefügt wurden.

2. »Und das Wort Gottes wuchs, und die Zahl der Jünger in Jerusalem mehrte sich sehr; und eine große Menge der Priester wurde dem Glauben gehorsam.« (Apg 6,7)

Das Hinzufügen ging weiter (2,41.47; 5,14; 11,24), und Lukas’ zweiter Bericht spricht von einem schnellen und beeindruckenden Wachstum. »Das Wort wuchs« (Imperfekt Aktiv: »wuchs fortwährend«), und dies zeigte sich in vielen neuen Bekehrungen. Die Jünger vermehrten sich außerordentlich, als neue Gläubige sich den Interessen Christi widmeten.

  • Beachten wir, dass dieser Fortschritt in Jerusalem stattfand – angesichts des zunehmenden Widerstands der religiösen Führer, also eines Widerstands von außen.
  • Die Zunahme geschah trotz zweier Versuche des Feindes, das neue Zeugnis von innen heraus zu verderben: durch Hananias und Saphira (Apg 5) sowie durch die griechischen Witwen (6,1). Das Wort wuchs umso mehr, weil die Apostel nun von der täglichen Versorgung mit Nahrung entlastet waren.
  • Wir lernen auch, dass dieses Wachstum nicht das Ergebnis menschlicher Methoden oder Zweckmäßigkeit war, sondern ein Werk Gottes, das Seinem Vorsatz gemäß durch Sein Wort geschah (vgl. die anderen Berichte).
  • Ein besonderer Triumph war, dass viele der Priester, die Sadduzäer waren und die Auferstehung stets abgelehnt hatten (und voller Zorn gegen die Apostel gewesen waren; 5,17!), dem Glauben gehorsam wurden. Dies zeigt eine dramatische Veränderung ihrer Überzeugung (6,7).

Der Herr im Himmel setzte Sein Werk als der große Sämann fort, und Gott gab das Wachstum auf vielfältige Weise!

3. »So hatte denn die Versammlung durch ganz Judäa und Galiläa und Samaria hin Frieden und wurde erbaut und wandelte in der Furcht des Herrn und mehrte sich durch die Ermunterung des Heiligen Geistes.« (Apg 9,31)

Auf den gewaltsamen Tod des ersten Märtyrers, Stephanus (Apg 7), folgte eine gewaltige Verfolgung (8,1–4). Doch der Same des Wortes wurde durch diejenigen, die aus Jerusalem fliehen mussten, noch weiter ausgestreut, und so ging das Wachstum weiter (siehe auch 6,1.7; 12,24). Vielleicht zeigte sich der größte Sieg für den Herrn in Herrlichkeit in der Bekehrung des eifrigsten Verfolgers, Saulus, der selbst zu einem hingebungsvollen Jünger wurde. 

Betrachten wir einige wichtige Ausdrücke:

  • Frieden. Der Schluss von Apg 9,31 bezieht sich auf alle Versammlungen/Gemeinden in den drei genannten Gebieten: Judäa, Galiläa und Samaria. Ihr Wandel entsprach Gottes Gedanken, ohne Ausnahme, denn sie wandelten in der Furcht des Herrn, in Gehorsam und Unterordnung unter Ihn. Was für eine Lektion und Herausforderung für uns heute!
    Diese drei Gebiete hatten vor der Verkündigung des Evangeliums große Feindschaft gegeneinander erfahren. Doch die frühere Feindschaft hatte sich nun in Frieden verwandelt [Imperfekt Aktiv: »sie hatten fortwährend Frieden«] – unter der Aufsicht des Herrn in der Zeit der Gnade, zumindest soweit es die Gläubigen aus diesen Gebieten betraf (vgl. Römer 14,17).

Frieden (gr. eirēnē) ist ein wichtiges Merkmal in den Schriften des Lukas. Er erwähnt ihn 14x in seinem Evangelium (1,79; 2,14.29; 7,50; 8,48; 10,5.6 2x; 11,21; 12,51; 14,32; 19,38.42; 24,36) und 7x in der Apg (7,26; 9,31; 10,36; 12,20; 15,33; 16,36; 24,2).
Auch im Dienst des Paulus, in den uns die Schriften des Lukas einführen, ist Frieden ein wesentliches Merkmal. Paulus erwähnt ihn 52-mal in seinen 14 Briefen – wenn wir den Hebräerbrief einbeziehen – und ebenso die verwandten Verben »Frieden machen« und »in Frieden leben« sowie das Adjektiv »friedlich«.

  • Auferbauung. Sie wurden auferbaut (vgl. Apg 20,32). Große Unterschiede in Bezug auf ethnische Herkunft, Kultur und andere Sichtweisen bestanden weiterhin. Doch nachdem sie in eine neue Beziehung zueinander gebracht worden waren, herrschte Frieden unter den Christen, während sie auferbaut wurden und in der Gnade und Erkenntnis des Herrn wuchsen (2Petrus 3,18).
    Das Verb »auferbauen« (oikodomeo) ist eine Zusammensetzung aus »Haus« und »aufbauen«. Im Neuen Testament wird es sowohl mit dem Haus Gottes als auch mit dem Leib Christi verbunden. Lukas’ Verwendung des Verbs »auferbauen« in seiner dritten Zusammenfassung bezieht sich sehr wahrscheinlich auf beide Aspekte.
    Obwohl die lehrmäßige Erklärung erst später folgen würde, besonders im Rahmen des Dienstes des Paulus, bestand nun wahre Einheit nach Gottes Gedanken zwischen diesen sehr unterschiedlichen Menschengruppen, die verschiedene Kulturen repräsentierten. Das ist nicht dasselbe wie die menschliche Neigung zur Uniformität/Gleichförmigkeit. So sollte es auch heute sein.
  • Wandeln in der Furcht des Herrn. Lukas beschreibt den Wandel aller Gläubigen und Gemeinden als ein »gemeinsames Wandeln« – sich gemeinsam verhalten bzw. gemeinsam vorangehen – in der Furcht des Herrn.
    Diese Lebensweise eröffnet ein weitreichendes Studiengebiet und stellt uns vor eine Herausforderung. Ohne diese »Furcht« können wir Gottes Wort nicht sinnvoll in die Praxis umsetzen (vgl. Maleachi 1,6; 2,5; 1Korinther 2,3; 2Korinther 7,1; Epheser 5,21; 1Petrus 1,17; 2,18; 3,2; Judas 23).
  • Trost des Heiligen Geistes. Darüber hinaus wurde, während unser Herr im Himmel durch den Heiligen Geist wirkte, Trostdurch Ihn gegeben. Der Dienst des Heiligen Geistes, des Trösters, ist charakteristisch für die Apg und für die Zeit der Gnade, in der wir leben. Das Wort Trost (paraklesis = »zur Seite gerufen«; Beistand) bedeutet auch Ermutigung und Ermahnungund wird in der Apg 4x in unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet (4,36; 9,31; 13,15; 15,31).

Diese wichtigen Faktoren – Frieden, Auferbauung, Wandel in der Furcht des Herrn und Trost des Heiligen Geistes – führten gemeinsam zu großem Wachstum – zahlenmäßig als auch geistlich. Lukas verwendet dieses Verb auch in Apg 12,24 und betont damit den geistlichen Aspekt des Wachstums durch das Wort des Herrn.

4. »Das Wort Gottes aber wuchs und mehrte sich.« (Apg 12,24)

Einige Übersetzungen von Apg 12,24 haben: »das Wort des Herrn«. Beide Gedanken stimmen mit dem überein, was wir am Ende des zweiten Fortschrittsberichts gesehen haben: ein Werk Gottes durch Sein Wort unter der Führung des Herrn JesusDie Zunahme an Zahl und geistlicher Qualität wurde durch das Wort Gottes bewirkt. Dies wird in Lukas’ Fortschrittsberichten mehrfach wiederholt (6,7; 19,20; siehe auch 28,30–31).

  • Dieses fortgesetzte Wachstum (dasselbe Verb wachsen [auxano; Imperfekt Aktiv] wie in 6,7; 7,17; 19,20) geschah trotz großer Widerstände: Jakobus war getötet und Petrus war gefangen genommen worden, aber gerade freigelassen worden.
  • Lukas’ vierte zusammenfassende Aussage steht am Ende seines Berichts vom Dienst des Petrus. Obwohl dieser Apostel weiterhin wirkte, wahrscheinlich sogar noch kurze Zeit nach dem Tod des Paulus, richtet Lukas von diesem Punkt an unsere Aufmerksamkeit auf das, was der verherrlichte Messias durch Paulus wirkte. Diese Zusammenfassung (12,24) ist daher ein Wendepunkt im Bericht des Lukas.

5. »Die Versammlungen nun wurden im Glauben befestigt und mehrten sich täglich an Zahl.« (Apg 16,5)

Dieser Fortschrittsbericht beschreibt den fortgesetzten Sieg der Gnade über das Böse, nach dem geistlichen Kampf mit den Judaisten und sogar nach der Auseinandersetzung zwischen Paulus und Barnabas wegen Johannes Markus. Diese beiden »negativen« Entwicklungen, die in Apg 15 beschrieben werden, werden von folgenden »positiven« Bemerkungen des Lukas gefolgt:

  • Die Zunahme erfolgte trotz des intensiven »äußeren« Konflikts mit den Judaisten und des «inneren« Streits zwischen Paulus und Barnabas (vgl. Apg 5–6). Es gab weiterhin Wachstum als Ergebnis der fortdauernden Gnade und Treue des Herrn.
  • In diesem schwierigen Zusammenhang wird die Notwendigkeit inneren und äußeren Wachstums offensichtlich. Die beiden Verben »befestigt« (stereoo; im Glauben) und »nahm zu« (perisseuo; an Zahl) bestätigen dies. Wie kostbar muss es für den Herrn im Himmel gewesen sein, dieses Wachstum zu sehen!
  • Christus ist täglich an diesem Werk beteiligt, während Er die Gemeinde für sich selbst zubereitet (vgl. Epheser 5,25–27). Sein fortdauerndes Wirken hebt unsere eigene Verantwortung nicht auf. Wir müssen beten und Fürbitte tun sowie Sein Wort täglich lesen und studieren.
  • Bei der Beschreibung der zweiten Missionsreise des Paulus verwendet Lukas zum letzten Mal das Wort »Zahl« (arithmos, von dem unser Wort »Arithmetik« stammt) (vgl. 4,4; 5,36; 6,7; 11,21). Unser Herr weiß, wie man Rechnung führt – und Er tut es!
  • Das Verb »zunehmen« (perisseuo) wird nur in Lukas’ fünfter Zusammenfassung verwendet (16,5). An anderen Stellen wird es mit »überströmen« oder »reichlich vorhanden sein« übersetzt. Es erinnert uns an das überreiche, kraftvolle Leben, das in diesem »Samen Gottes« vorhanden ist (vgl. Maleachi 2,15) und sich in neuen Nachkommen zeigt.
  • Eine Reaktion aufseiten der Gläubigen wird durch das Wort »Glaube« ausgedrückt. Obwohl der Herr die Befestigungbewirkte, waren sie selbst aktiv an diesem Prozess beteiligt, indem sie glaubten. Die Schrift hält das Gleichgewicht zwischen Gottes Wirken und unserer Verantwortung aufrecht (vgl. Philipper 2,12–13).

6. »So wuchs das Wort des Herrn mit Macht und nahm überhand.« (Apg 19,20)

Diese Aussage erfolgte unmittelbar nach der Beschreibung des Sieges Christi in Ephesus. Dazu gehört die Bemerkung: »Viele aber von denen, die Zauberei getrieben hatten, trugen die Bücher zusammen und verbrannten sie vor allen; und sie berechneten deren Wert und kamen auf fünfzigtausend Stück Silber« (V. 19).

  • Lukas gibt hier eine eindrucksvolle Darstellung der Macht Christi in Herrlichkeit, die durch Sein Wort wirkte (19,19–20). Der Begriff »[mit] Macht« (gr. kratos) kommt in der Apg nur hier vor. Es handelt sich um einen militärischen Begriff, der den Gedanken von Herrschaft und Kontrolle beinhaltet. Alles muss dem Herrn Jesus unterworfen werden, wie Apg 19 zeigt (vgl. Mt 28,18b). Seine Verwendung an anderen Stellen bestätigt die Herrschaft, Kontrolle oder das Regiment des Herrn. (Das Wort kratos kommt im griechischen NeuenNT zwölfmal vor: Lukas 1,51; Apg 19,20; Epheser 1,19; 6,10; Kolosser 1,11; 1Timotheus 6,16; Hebräer 2,14; 1Petrus 4,11; 5,11; Judas 1,25; Offenbarung 1,6; 5,13.)
  • Lukas verwendet hier zum letzten Mal in der Apg das Verb »wachsen« (auxano) (außer 6,7; 7,17; 12,24). An anderen Stellen im Neuen Testament bezeichnet dieses Verb das geistliche Wachstum der Gläubigen als Ergebnis des Wortes Gottes (Kolosse 1,6). Dies könnte neben der zahlenmäßigen Zunahme ebenfalls in Apg 19,20 gemeint sein.
  • Dieser sechste zusammenfassende Bericht beendet Lukas’ Rückblick auf den Dienst des Paulus in Ephesus. Er betont, dass unser erhöhter Herr Macht und Sieg über die Mächte der Finsternis hat, obwohl dies unmittelbar vor dem großen Aufruhr geschah. Und so war es – wie es häufig der Fall ist – ein Sieg in Schwachheit (vgl. 2Korinther 1,4–10; 12,9–10).
  • Welche Freude muss es für den Herrn gewesen sein zu sehen, wie Sein Zeugnis gerade im Zentrum des Okkultismus aufgerichtet wurde! Wie es an Macht zunahm angesichts der gewaltigen Aktivitäten Satans. Ephesus wurde über Jahrhunderte zu einem der Zentren christlicher Kraft. Timotheus kam hierher, ebenso der Apostel Johannes sowie Polykarp und Irenäus! Paulus errichtete dort eine gemeindenahe Bibelschule (Apg 19) und unterrichtete gut drei Jahre lang täglich! Viele Gemeinden wurden von den Absolventen in den umliegenden Landstrichen gegründet und geführt.
  • Das Wort des Herrn »nahm überhand« (ischuo, von ischus). Dies zeigt nicht nur Seine Stärke und Seinen Sieg, sondern auch, dass Er Sein Wort gebrauchte, das Seine Macht darstellt, um dieses Ziel zu erreichen. Mögen auch wir Sein Wort in diesem Sinne gebrauchen und uns auf Seine Stärke verlassen!

Sich durchsetzen, überhand nehmen, siegen.  Das griechische Neue Testament verwendet das Verb ischuo 28-mal im Sinn von stark sein, fähig sein oder mächtig sein. In Apg 19,20 wird es mit »siegte« übersetzt. – In den Schriften des Lukas kommt es 14-mal vor. In 13 Fällen bezieht es sich auf den Menschen und zeigt im Allgemeinen, dass er nicht fähig ist: achtmal in seinem Evangelium (6,48; 8,43; 13,24; 14,6.29.30; 16,3; 20,26) und fünfmal in der Apg (6,10; 15,10; 19,16; 25,7; 27,16).
→ Der einzige Fall, in dem Lukas dieses Wort in Bezug auf Christus verwendet, betont, dass Er fähig ist: Er siegte durch Sein Wort (19,20).

7. »Er [Paulus] aber blieb zwei ganze Jahre in seinem eigenen gemieteten Haus und nahm alle auf, die zu ihm kamen, und predigte das Reich Gottes und lehrte mit aller Freimütigkeit ungehindert die Dinge, die den Herrn Jesus Christus betreffen. « (Apg 28,30–31)

Lukas’ siebter Fortschrittsbericht ist zugleich der dritte und letzte Rückblick auf den Dienst des Paulus. Er zeigt, wie der Herr »die Kontrolle hat«, indem Er die schwierigen Umstände des Paulus gebrauchte, um Seine eigenen Interessen auf der Erde voranzubringen. Später entschied der Herr, noch weitere Schwierigkeiten zuzulassen, wie sie im 2. Timotheusbrief aufgezeichnet sind. Doch auch dann hatte Er die volle Kontrolle, wie wir später noch ausführlicher sehen werden.

  • Lukas ist der einzige neutestamentliche Autor, der eine bestimmte Form des griechischen Verbs »aufnehmen«(apodechomai) verwendet. Er tut dies 7x (Lukas 8,40; 9,11; Apg 2,41; 18,27; 21,17; 24,3; 28,30). Dieses Verb zeigt die Haltung des »Gottes aller Gnade« (1Petrus 5,10), die sich in Paulus als Seinem willigen Werkzeug widerspiegelte, indem er alle aufnahm, die zu ihm kamen.
  • Apg 28,30 zeigt, dass Paulus kein »Partei-Mensch« war, denn er nahm »alle« auf, die ihn besuchen wollten, ohne Parteilichkeit und unter der Leitung der Weisheit von oben (vgl. Jakobus 3,17). Die Formulierung »ungehindert« / »ohne Hindernis« zeigt die Fürsorge des Herrn in dieser Situation. Die Menschen konnten kommen und Paulus sehen, obwohl er ein Gefangener war. Zugleich zeigt dies, wie das Werk trotz der Bemühungen des Feindes, es aufzuhalten, weiterging.
  • Paulus setzte seinen Dienst mit Freimütigkeit fort – »mit aller Freimütigkeit« (Zuversicht oder Freiheit im Herrn) – und richtete seinen Blick auf Ihn, indem er »das Reich Gottes verkündigte und die Dinge lehrte, die den Herrn Jesus Christus betreffen.« Die Begriffe Verkündigung, Lehre, Freimütigkeit und Reich Gottes sind alle wichtige Bestandteile des Dienstes des Paulus.

Abschließende Bemerkungen

Der Apostel Paulus befand sich in Ketten, doch Jesus Christus ließ nicht zu, dass seine Bemühungen aufgehalten oder auch nur behindert wurden! Obwohl Gottes souveräne Gnade und Barmherzigkeit ihn trugen, schloss dies nicht die Notwendigkeit aus, dass Paulus – wie wir alle –seinem himmlischen Herrn fortwährend zu vertrauen hatte.

Paulus ist in vielerlei Hinsicht ein Vorbild für jeden Christen, auch darin, ein wahrer Überwinder zu sein. Doch all seine Siege, sogar im Gefängnis, wurden dadurch möglich, dass der Herr mit Paulus wirkte, denn Er ist derjenige, der die Kontrolle hat. Mögen wir dem Beispiel des Paulus folgen, bis der Herr kommt!

Trotz des gewaltigen Widerstands genossen die Gläubigen an den verschiedenen Orten, die in Lukas’ sieben Fortschrittsberichten erwähnt werden, die Gegenwart und Unterstützung ihres verherrlichten Herrn.

Damit erfüllte sich, was Jesus Christus Seinen Jüngern vor Seinem Weggang von dieser Erde versprochen hatte: »Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters« (Matthäus 28,20; vgl. Hebräer 13,5). Im Bewusstsein Seiner Gegenwart – nicht körperlich, sondern geistlich und durch Seinen Geist, wie es im Glauben erfahren wird – wollen wir die Ermahnung beachten, uns um den Herrn zu versammeln (Hebräer 10,24), damit es trotz verschiedener Formen des Widerstands von Ungläubigen und trotz unseres eigenen Versagens etwas für Ihn geben möge.

Lasst uns um den Tisch des Herrn zusammenkommen. Lasst uns zum Namen unseres auferstandenen Herrn, Königs, Hohenpriesters und Retters Jesus Christus hingezogen werden und Seinen Namen erheben. Lasst uns Ihn preisen für Seine Barmherzigkeit, Seine Weisheit, Seine Gnade und Seine mächtige Kraft, durch die Er Sein Werk durch uns und in uns zur ewigen Herrlichkeit Gottes vollbringt!


Quellen und Disclaimer

Unter den ersten Quellen, die ich zu Inhalten und Struktur der Apg las, gehörte auch ein Artikel von Alfred Bouter, den ich in den 1980-90er Jahren in Nordamerika kennenlernte. Der Artikel trug die Überschrift: »The Work of The Lord Jesus Christ Will Never Fail – Luke’s Seven Progress Reports in Acts«. Seitdem habe ich ihn mehrfach überarbeitet und für verschiedene Gelegenheiten angepasst, zuerst bei Vorträgen in Kenia und Äthiopien auf Englisch, später in Lehrstunden zur Bibelkunde und in Predigten in deutschsprachigen Ländern. – Alfred Bouter hat die Weiterverwendung seiner Artikel und Inhalte ausdrücklich begrüßt. Er ist heute hochbetagt.

Das Beitragsbild wurde KI-unterstützt erstellt und soll nur symbolisch als BLOG-Bild wirken. Es widerspricht fast allem, was wir heute aus der Archäologie wissen. Archäologie ist auch nicht Thema des BLOG-Artikels. Wen der Herodianische Tempel näher interessiert, suche nach Leen Ritmeyer und Ritmeyer Archaeological Design. Das momentan beste 3D Modell hat wohl Daniel Smith entworfen (siehe: YouTube-Video »Jerusalem’s Temple: Building the Most Detailed Depiction of Herod’s Temple«). – Das Überblicksbild im Text ist hingegen eine zutreffende Zusammenfassung des vorliegenden Artikels (auch mithilfe von KI erzeugt).

Die Kennzeichen der Jerusalemer Urgemeinde

Lesedauer: 7 Minuten.

Die Beschreibung der Urgemeinde in Apg. 2,42–47a kann in 12 Aspekte aufgeteilt werden. Diese Einteilung ist nicht explizit im Text vorhanden, sie ist also nicht zwingend. Im Folgenden skizzieren wir diese 12 Kennzeichen und geben einen kurzen Hinweis auf die literarische Struktur des Abschnitts und dessen Hauptaussage. Wen die griechischen Texte nicht interessieren, kann sie überlesen und findet trotzdem interessante, ermutigende und herausfordernde Beobachtungen.

Der Leser sollte beachten, dass die Gemeinde Jesu heute nicht in Apostelgeschichte 2 lebt (was manche irrtümlich als »echter Überrest« anstreben oder gar behaupten), denn dies war eine einmalige Übergangszeit. Wir leben in der Zeit nach Apostelgeschichte 28, und der 2. Timotheusbrief passt dazu besser, als die Apostelgeschichte 2.

Die 12 Kennzeichen

1. Sie verharrten in der Lehre der Apostel

τῇ διδαχῇ τῶν ἀποστόλων – te didachē tōn apostolōn  = »der Lehre der Apostel«. – Das entscheidende Verb ist προσκαρτερέω (proskartereō) = »beharrlich bei etwas bleiben, sich einer Sache beständig widmen, an etwas festhalten«. Also nicht lediglich: »Sie hörten gelegentlich Predigten«, sondern: Sie widmeten sich beharrlich der apostolischen Lehre.

2. Sie verharrten in der Gemeinschaft

τῇ κοινωνίᾳ – te koinōnia. Koinōnia bedeutet »Gemeinschaft, Teilhabe, gemeinsames Teilhaben bzw. gemeinsame Verbundenheit«. Interessant ist, dass Lukas dasselbe Verb προσκαρτεροῦντες (= beharrlich) auch hier mitdenkt: Sie waren beharrlich in der Lehre der Apostel und der Gemeinschaft. Das heißt: Die Gemeinschaft war nicht bloß ein angenehmes Nebenprodukt, sie gehörte zu ihrem beständigen geistlichen Leben.

3. Sie verharrten im Brechen des Brotes

τῇ κλάσει τοῦ ἄρτου – tē klasei tou artou – Wörtlich: »dem Brechen des Brotes«. Im Zusammenhang der frühen Gemeinde ist das besonders bedeutsam. Der Ausdruck kann zwar grundsätzlich eine gemeinsame Mahlzeit bezeichnen, aber innerhalb dieses Abschnitts und angesichts der späteren Entwicklung des Brotbrechens liegt die Verbindung mit der gemeinsamen Feier des Mahls des Herrn nahe.

4. Sie verharrten in den Gebeten

ταῖς προσευχαῖς – tais proseuchais – »den Gebeten«. – Auch hier steht das Wort unter der Herrschaft des Verbs  προσκαρτερέω (proskartereō) = beharrlich. Man könnte den ganzen Vers deshalb sehr wörtlich wiedergeben mit: »Sie verharrten beharrlich in der Lehre der Apostel, in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten.«

Der Text nennt als Dauerübung der Urgemeinde ausdrücklich: Lehre – Gemeinschaft – Brechen des Brotes – Gebete. Allein in Vers 42 haben wir also bereits 4 der 12 Beschreibungselemente. Aber das ist nicht nicht alles: schon Vers 43 bringt zwei weitere Punkte:

5. Es kam Furcht über jede Seele

ἐγίνετο … φόβος – egineto … phobos – »Furcht entstand« bzw. »Furcht kam über«. Das bedeutet hier wohl nicht einfach menschliche Angst. phobos kann im biblischen Zusammenhang auch die Ehrfurcht vor Gott bezeichnen.

Bemerkenswert ist die Formulierung: πάσῃ ψυχῇ – »über jede Seele«. Lukas beschreibt damit eine Atmosphäre heiliger Ehrfurcht, die die ganze Gemeinschaft prägte.

6. Durch die Apostel geschahen viele Wunder und Zeichen

πολλά τε τέρατα καὶ σημεῖα διὰ τῶν ἀποστόλων ἐγίνετο – Wörtlich ungefähr: »viele Wunder und Zeichen geschahen durch die Apostel.« Hier haben wir τέρατα (terata) = »Wunder/außergewöhnliche Zeichen« und σημεῖα (sēmeia) = »Zeichen«, also Wunder, die auf etwas zeigten. 

Lukas macht dabei eine interessante Aussage: Die Wunder geschahen διά τῶν ἀποστόλων – »durch die Apostel«. Damit wird das Zeugnis und die Predigt der Apostel von Christus von Gott bestätigt, denn sie Taten Wunder, wie sie auch Christus öffentlich getan hatte (als Messias).

7. Die Gläubigen waren »beieinander«

πάντες δὲ οἱ πιστεύοντες ἦσαν ἐπὶ τὸ αὐτό – Hier ist die Formulierung ἐπὶ τὸ αὐτό (epi to auto) wichtig. Sie bedeutet wörtlich etwa: »an demselben [Ort/zusammen]«. Also: Alle Glaubenden waren zusammen. Es geht um eine tatsächliche, sichtbare Zusammengehörigkeit. Die Form dieses Beieinanderseins der Urgemeinde markiert m. E. einen frischen, angemessenen Anfangszustand, der vorübergehen würde: die Gemeinde Jesu würde sich geografisch ausbreiten und nur noch dünnere, aber ebenso herzliche Verbindungen über die Distanz pflegen (s. Briefe des NT).

8. Sie hatten alles gemeinsam

εἶχον ἅπαντα κοινά – hapanta koina – Wörtlich: »sie hatten alles gemeinsam«. Hier kommt wieder das Wortfeld von κοινωνία (koinōnia) zum Vorschein. Die Gemeinschaft aus Vers 42 blieb also nicht theoretisch. Sie zeigte sich praktisch im Umgang mit den materiellen Gütern: sie teilten ihre Habe, damit keiner Mangel hatte. Gab es trotzdem Mangel, »versilberte« man Immobilien des Landes. Jeder konnte sehen: Das vormals das Denken der Juden dominierende irdische Erbteil der Juden gab Raum für ein neues, geistlich-himmlisches Erbteil (ohne das andere auszulöschen). Das zeigen die zwei nächsten Punkte:

9. Sie verkauften Besitz und Güter

τὰ κτήματα καὶ τὰς ὑπάρξεις ἐπίπρασκον – ta ktmata kai tas hypárxeis epípraskon – Die beiden Begriffe sind interessant: κτήματα (ktēmata, Pl. von ktēma) = »Besitztümer, Grundstücke (Immobil)« und: ὑπάρξεις (hyparxeis, Pl. von hyparxis) = »Besitz, Habe, Vermögen, Güter«. Beide Wörter überschneiden sich in der Bedeutung, es geht um den gesamten materiellen Besitz

Das Verb ἐπίπρασκον (epípraskon) steht im Imperfekt: »sie verkauften fortwährend, sie pflegten zu verkaufen«. Das spricht also nicht unbedingt von einem einzigen, einmaligen Verkauf ihres gesamten Besitzes, sondern von einer fortlaufenden Praxis, bei Bedarf eines anderen den eigenen Besitz zu veräußern. Das ist ein wichtiger Punkt, weil der Text anschließend den Zweck nennt.

10. Sie teilten entsprechend dem Bedarf aus

διεμέριζον αὐτὰ πᾶσιν καθότι ἄν τις χρείαν εἶχεν – Wörtlich: »sie verteilten es an alle, je nachdem, wie jemand Bedarf hatte«. –  Hier steht χρεία (chreia) = »Bedürfnis, Bedarf, Notwendigkeit«. Das bedeutet also nicht einfach: »Alle bekamen gleich viel« (sog. Gießkanne), sondern: Jeder erhielt entsprechend seinem Bedarf.

Damit haben wir zwei unterscheidbare Handlungen in V. 45: verkaufen → verteilen nach Bedarf.

11. Sie waren täglich einmütig im Tempel

καθ᾽ ἡμέραν … προσκαρτεροῦντες ὁμοθυμαδὸν ἐν τῷ ἱερῷ = 
kath’ hēméran … proskarteroûntes homothymadòn en tō̂ hierō̂

Hier wird es sprachlich besonders interessant: »Tag für Tag … verharrten sie einmütig im Tempel«. Wir haben hier vier wichtige Ausdrücke: (1) kath’ hēméran = »täglich«; (2) proskarteroûntes = »beharrlich / beständig« (wie in V. 42); (3) homothymadón = »einmütig«, mit einer Gesinnung und (4) en tō̂ hierō̂ = »im Tempel«. Das ist mehr als nur »sie gingen jeden Tag in den Tempel«. Sprachlich werden hier im Griechischen Häufigkeit, Beständigkeit und innere Einheit gleichzeitig hervorgehoben.

(Und es begegnet uns wieder proskartereō, dasselbe Verb wie in V. 42. Dies zeigt an, dass man das »Verharren« der Gemeinde nicht auf die vier erstgenannten Punkte begrenzen sollte, wie es gerne getan wird!)

Theologisch sehr schön ist, dass Lukas die Beschreibung mit ihrem beharrlichen Festhaltenan den geistlichen Dingen (V. 42) beginnt und dann ihr beharrliches tägliches Zusammenkommen (V. 46) beschreibt.

12. Sie aßen gemeinsam mit Freude und Einfalt des Herzens

Nun kommt: κλῶντές τε κατ᾽ οἶκον ἄρτον = klō̂ntes te kat’ oîkon árton = »und indem sie zu Hause das Brot brachen« und: μετελάμβανον τροφῆς ἐν ἀγαλλιάσει καὶ ἀφελότητι καρδίας = metelámbanon trophês en agalliásei kai aphelótēti kardías = »nahmen sie Speise zu sich mit Freude und Schlichtheit/Einfalt des Herzens«.

Hier könnte man streng genommen wieder vier Einzelmerkmale herausarbeiten: (1) sie brachen das Brot zu Hause; (2) sie aßen gemeinsam, (3) sie taten es mit Freude (agalliasis) und (4) und mit Einfalt/Schlichtheit des Herzens (afelotēs kardias).

Das zeichnet ein ausgesprochen gemeinschaftliches, regelmäßiges, freudiges und ungezwungenes Leben der ersten Christen.

Soweit waren das zwölf Kennzeichen der Urgemeinde in Jerusalem – Es folgt Vers 47a:

  • ainountes ton theon = »Gott lobend« und: echontes charin pros holon ton laon = »Gunst/Wohlwollen beim ganzen Volk habend«. 
  • ho de kyrios prosetithei tous sozomenous kath‘ hemeran = »Der Herr aber fügte täglich die Geretteten hinzu.«

Der literarische Aufbau

Der literarische Aufbau von Lukas ist vielleicht wichtiger als die Anzahl 12. 

  • Apg 2,42 beginnt mit: »Sie verharrten/befanden sich beständig in…« und beschreibt dann ihr gemeinsames Leben.
  • Apg 2,47a endet mit: »Gott lobend und Gunst beim ganzen Volk habend.«
  • Apg 2,47b Erst dann kommt der eigentliche Fortschrittsbericht: »Der Herr aber fügte täglich die Geretteten hinzu«. Das ist sprachlich besonders schön, weil prosetithei (»er fügte hinzu«) im Imperfekt steht: Der Herr fuhr fort, Menschen hinzuzufügen

Erst beschreibt Lukas das Leben der Gemeinde – dann fasst er zusammen, was der Herr selbst tat: Er fügte täglich weitere Gerettete hinzu. Eine Gemeinde, die dieses Zusammenleben im Heiligen Geist und geistliches wie zahlenmäßiges Wachstum erleben darf, ist wahrhaft gesegnet und zur Ehre ihres Hauptes Jesus Christus.

Zum Herzen predigen – Was heißt das?

Lesedauer: 8 Minuten.

1983 erschien eine bedeutsame Schrift von Jay E. Adams: »Preaching to The Heart – A Heart-to-heart Discussion with Preachers of The Word« (Phillipsburg, NJ: P&P, 1983). Das Büchlein hatte nur 35 Seiten, ist aber ein Augenöffner und eine Herausforderung, was biblisches Predigen angeht. Viel zu viele »Prediger«/»Verkündiger« halten »Vorträge« in den Gemeinden, werden gar als »Referenten« vorgestellt, wenn doch der biblische Verkündigungsauftrag »Predige das Wort!« lautet (2Timotheus 4,2). Der Kontext dieser Bibelstelle macht deutlich, dass es dabei nicht nur um Informationsvermittlung geht: »Predige das Wort, halte darauf zu gelegener und ungelegener Zeit; überführe, weise ernstlich zurecht, ermahne mit aller Langmut und Lehre.« Das bedeutet, dass es über die Ohren zum Verstand und dann zum Herzen gehen muss: zum Zentrum unserer Persönlichkeit, zur »Schaltzentrale«, zum Willen, Gemüt, Verstand und Wesen – und damit hinein ins Leben. – Genau hier setzt folgende Einleitung von Jay E. Adams an. – Eine kurze Diskussion samt Buchempfehlung folgen unten.

»Seit Jahren ermahnen Homiletiker [Predigtlehrer] angehende Prediger, »zum Herzen zu predigen«. Was meinen sie damit eigentlich? Wissen Sie es? Wissen die Predigtlehrer es? Ist dieses Konzept biblisch, und wenn ja, wie setzt man es um? Diese und ähnliche Fragen bleiben oft unbeantwortet, und der durchschnittliche Prediger macht einfach weiter wie bisher, ergeben in die Annahme: »Ich werde nie ein großer Prediger sein; ich schätze, ich werde nie in der Lage sein, zum Herzen zu predigen.«

Ist das wahr? Gehört die Fähigkeit, zum Herzen zu predigen, nur den außergewöhnlich Begabten? Oder ist das Predigen zum Herzen vielmehr eine entwickelte Fertigkeit, die Prediger großartig macht? Das ganze Konzept wurde so vage und verschwommen dargestellt, dass jeder, der damit nicht vertraut ist, es schwierig oder sogar unmöglich finden würde, dieser Aufforderung nachzukommen.

Die Schuld an der Verwirrung darüber, was es bedeutet, »zum Herzen zu predigen«, liegt nicht allein bei den Homiletikern; auch die Prediger kommen nicht ungeschoren davon. Homiletiker sollten sich klar ausdrücken. Tun sie das nicht, dann ist es die Verantwortung der Prediger, so lange an deren Türen zu klopfen, bis sie es tun. Deshalb ist keine Seite schuldlos. Es hat eine Art Verschwörung der Unwissenheit gegeben, bei der Worte und Redewendungen immer wieder ausgesprochen wurden, als ob Sprecher und Zuhörer genau wüssten, wovon die Rede sei, obwohl sie es tatsächlich nicht wussten.

Als Homiletiker, der in dieser Angelegenheit selbst nicht frei von Schuld ist, glaube ich, dass etwas unternommen werden muss. Es ist an der Zeit, die ganze Sache aufzuklären. Genau darum geht es in diesem Buch.

Mein Ziel ist zu zeigen, dass das Predigen zum Herzen biblisch und deshalb notwendig ist, und dass jeder Mann, der die Gaben und die Berufung zum Predigen besitzt, klar darin unterwiesen werden kann, wie man dies tut. Mehr noch: Auf den folgenden Seiten werde ich versuchen, genau das zu lehren.

Das Konzept ist biblisch

Die erste christliche Predigt, die am Pfingsttag vom Apostel Petrus gehalten wurde, war eine Predigt zum Herzen. Lukas schreibt:

»Als sie aber das hörten, drang es ihnen durchs Herz [1], und sie sprachen zu Petrus und den übrigen Aposteln: Was sollen wir tun, Brüder?« (Apostelgeschichte 2,37)

Die Reaktion dieser Menschenmenge war das fruchtbare Ergebnis einer wirksamen Predigt, die durch den Heiligen Geist befähigt wurde. Doch wirksame, das Herz durchdringende Predigt kann auch die entgegengesetzte Reaktion hervorrufen:

»Als sie aber dies hörten, wurden ihre Herzen durchbohrt [2], und sie knirschten mit den Zähnen gegen ihn.« (Apostelgeschichte 7,54)

Als Petrus predigte, taten große Menschenmengen Buße und glaubten dem Evangelium; als Stephanus predigte, töteten seine Zuhörer ihn. Dennoch waren beide Prediger vom Geist erfüllt und predigten zum Herzen. Diese doppelte und gegensätzliche Reaktion macht von Anfang an eines deutlich: Obwohl das Predigen zum Herzen eine erstrebenswerte Wirkung ist, die durch die Kraft des Geistes hervorgebracht wird, kann die genaue Art dieser Wirkung auf den Zuhörer sehr unterschiedlich ausfallen und nicht im Voraus vorhergesagt werden.

In jedem Fall trifft geistgewirkte, biblische Predigt das Herz direkt. Sie ruft eine Reaktion hervor. Kein Zuhörer kann gleichgültig bleiben, er muss reagieren. Von einer Predigt zum Herzen zu sprechen bedeutet also, von einer Predigt zu sprechen, die eine eindeutige Reaktion hervorbringt. Es ist eine Predigt, die Worte und Handlungen beim Zuhörer hervorruft.

Stell Dir das einmal vor: Eine Predigt, die zum Handeln bewegt! Eine Predigt, die Wirkung zeigt! Eine Predigt, die den Zuhörer so aufrüttelt, dass er reagieren muss! Genau das brauchen wir heute.

Gibt es einen Leser, der nicht gern so predigen oder eine solche Predigt hören wollte? Gibt es einen Leser, der bereits viele Predigten gehört hat, die so beschaffen waren? Irgendetwas stimmt nicht. Was ist mit unserer Verkündigung geschehen? Warum ist solches Predigen praktisch unbekannt? Das müssen wir untersuchen und entscheiden, was Gott von uns erwartet.«

Fußnoten

[1] Das Verb katanyssō ist ein starkes Wort mit der Bedeutung »stechen, betäuben, schlagen, verwunden«. Dieses zusammengesetzte Wort verbindet nyssō (»durchbohren, punktieren«) mit kata, einer Präposition, die die Handlung verstärkt. Die Passivform des Verbs bezeichnet ein »Ins-Herz-Gestochen-« oder »Ins-Herz-Getroffenwerden«.

[2] Das Verb diapriō, hier mit »durchbohrt« bzw. »durchdrungen« übersetzt, wird auch in Apostelgeschichte 5,33 verwendet. Es enthält die Vorstellung des »Durchsägens« (priō = »sägen, zerschneiden, beißen«; dia = »durch«) und trägt häufig die Bedeutung von »das Herz durchschneiden«“ oder »bis ins Herz schneiden«).


Diskussion

Jay E. Adams argumentiert bereits in der Einleitung mit der unverkennbaren Handschrift seines nouthetischen Ansatzes (s.u.):

  • Betonung von klaren Definitionen statt Schlagworten.
  • Ablehnung vager homiletischer Formeln (»predige zum Herzen«) ohne konkrete Anleitung.
  • Starker Fokus auf Veränderung und Reaktion.
  • Die Überzeugung, dass biblische Verkündigung nicht nur informiert, sondern den Hörer zu einer Antwort zwingt.
  • Die Verbindung von Predigt und Seelsorge: Das Wort Gottes zielt auf das Herz des Menschen und damit auf Denken, Wollen und Handeln.

Entscheidend wichtig ist, dass Adams den Begriff »zum Herzen predigen« nicht primär emotional versteht. Viele moderne Leser würden darunter spontan eine gefühlsbetonte, Emotionen auslösende, »bewegende« Predigt verstehen. Adams meint jedoch etwas anderes:

Eine Predigt trifft das Herz dann, wenn sie den inneren Menschen erreicht und eine konkrete Reaktion hervorruft.

Deshalb stellt er Apostelgeschichte 2,37 und 7,54 im Vergleich nebeneinander:

  • Petrus predigt → Menschen werden getroffen und tun Buße.
  • Stephanus predigt → Menschen werden getroffen und töten den Prediger.

In beiden Fällen wurde »zum Herzen« gepredigt. Der Unterschied liegt nicht in der Qualität der Predigt oder des Predigers, sondern in der Reaktion des Herzens des Zuhörers: Der Zuhörer offenbart in seiner Reaktion, was für ein Herz, welche Herzenshaltung, er hat.

Das ist ein wichtiger Punkt, weil Adams damit eine verbreitete Vorstellung korrigiert: »Zum Herzen predigen« bedeutet nicht, dass die Zuhörer emotional bewegt werden, sondern: »Zum Herzen predigen« bedeutet, dass Gottes Wort den inneren Menschen erreicht und eine Entscheidung, Stellungnahme oder Handlung hervorruft.

Hiermit steht Adams in einer langen Tradition. Man kann sich die Entwicklung in Kürze so vorstellen: Von den Puritanern (Richard Baxter (1615–1691), John Owen (1616–1683), zu Thomas Watson (ca. 1620–1686)): Predige zum Gewissen, zu Jonathan Edwards (1703–1758): Predige zu Verstand und Affekten zu Martyn Lloyd-Jones (1899–1981): Predige den ganzen Menschen an. Und schließlich Jay Adams (1929–2020): Predige zum Herzen.

Die Genannten sind überzeugt, dass biblische Predigt mehr sein muss als reine Informationsvermittlung (Wortstudien, Bibellexikon-Vorträge usw.). Sie soll vielmehr den inneren Menschen vor Gott zur Entscheidung und Reaktion bringen. Aber sie fallen mit dieser Zielsetzung nicht auf der emotionalen Seite vom Pferd. Für sie ist das »Herz« nicht primär Sitz der Gefühle, sondern in biblisch korrektem Verständnis das Zentrum der Person, mithin Verstand, Gewissen, Wille und Neigungen. Gottes Wort meint die ganze Person – daher spricht sie das Zentrum der Person an.

Versuchen wir abschließend eine Definition, was »zum Herzen predigen« heißt. Es ist weder »emotionale Ansprache« und »gefühlsvolles Abholen« noch »Bibelschulvortrag« oder bloße »Informationsvermittlung«. Vielmehr gilt:

Herzorientierte Predigt ist biblische Verkündigung, die durch die Kraft des Heiligen Geistes den inneren Menschen so anspricht, dass der Hörer sich nicht gleichgültig Gottes Wahrheit entziehen kann, sondern zu Glauben, Buße, Gehorsam oder aber zum Gegenangriff, Verleumdung oder bloßer Ablehnung herausgefordert wird.

Damit ist klar, dass effektive Predigt ein göttliches Wunder ist. Schon deswegen erfordert sie anhaltendes, demütiges und gläubiges Gebet: vom Prediger, vom Hörer, von der gesamten hörenden Gemeinde »unter Gottes Wort«.

Tipps für Prediger

  • Predige nicht nur zum Verstand.
  • Predige nicht primär zur Unterhaltung oder Bildung.
  • Predige so, dass das Gewissen vor Gott angesprochen wird.
  • Dränge die Wahrheit auf Herz, Gewissen und Willen des Hörers.

Wenn sich dann deine Zuhörer »getroffen«, »verletzt« oder »durchbohrt« fühlen, hat das Wort nach Hebräer 4,12 sein göttliches Wesen entfaltet, was ein wahres und gnädiges Wunderwirken Gottes ist (siehe auch diesen Beitrag). Das gilt auch, wenn Ablehnung und Hass entstehen. Prediger leben gefährlich. Bergrettern, SAR-Teams und Rettungsschwimmern der Küstenwache geht es nicht anders.

Buchempfehlung: Jay E. Adams, Predigten. Zielbewusst – anschaulich – überzeugend: Handbuch für biblische Verkündigung, 2. Auflage (Bielefeld: CMV, 2013), 176 Seiten. Originaltitel: Preaching with purpose.

Nouthetische Seelsorge (Jay E. Adams)

Jay Adams prägte in den 1970er Jahren den Ausdruck »Nouthetic Counseling« (»nouthetische Seelsorge«). Der Begriff »nouthetisch« geht auf das griechische Verb noutheteō (νουθετέω) zurück, das im Neuen Testament mit »ermahnen«, »zurechtweisen«, »warnen« oder »unterweisen« wiedergegeben wird (z. B. Apg 20,31; Röm 15,14; Kol 1,28; 3,16; 1Thess 5,12.14).

Eine Definition könnte lauten:

Nouthetische Seelsorge ist die persönliche, auf die Heilige Schrift gegründete Konfrontation eines Menschen mit Gottes Wahrheit, unter der Leitung des Heiligen Geistes, mit dem Ziel von Buße, Glauben, Gehorsam und geistlicher Veränderung. Diese Seelsorge arbeitet mit der liebevollen, direkten und biblisch fundierten Anwendung der Heiligen Schrift auf Denken, Herz und Verhalten eines Menschen, damit dieser Gott verherrlicht und Christus ähnlicher wird.

Buchempfehlungen: Jay E. Adams, Befreiende Seelsorge. Theorie und Praxis einer biblischen Lebensberatung. 8. Auflage (Gießen/Basel: Brunnen, 1988). Originaltitel: Competent to Counsel. Derselbe: Grundlagen biblischer Lebensberatung. Beiträge zu einer Theorie der Seelsorge. (Gießen: Brunnen, 1983). Originaltitel: More than Redemption. – Beide deutschsprachigen Werke sind antiquarisch erhältlich, die Originaltitel auch im Buchhandel.

Dispensationalismus verstehen und einordnen

Lesedauer: 6 Minuten.

Warum diese Theologie bis heute fasziniert – und polarisiert

Der Begriff »Dispensationalismus« löst unter Christen sehr unterschiedliche Reaktionen aus. Für die einen ist er ein hilfreicher Schlüssel zum Verständnis der Heilsgeschichte Gottes. Für andere steht er für spekulative Endzeitlehre, die Scofield-Bibel oder die »Left Behind«-Romane und -Filme. Kaum ein theologisches System wird im evangelikalen Raum so intensiv diskutiert und gleichzeitig so häufig missverstanden.

Doch was lehrt der Dispensationalismus tatsächlich? Woher stammt er? Und warum ist er bis heute für viele Bibelausleger von Bedeutung?

Die folgende Einführung fasst die wesentlichen Gedanken des Dispensationalismus zusammen und räumt mit einigen verbreiteten Missverständnissen auf. Grundlage ist ein Seminar der Hirtenkonferenz 2026 in der Lutherstadt Wittenberg (hirtenkonferenz.org).

Eine Frage der Heilsgeschichte

Jeder Christ erkennt intuitiv, dass Gott im Verlauf der biblischen Geschichte nicht immer auf dieselbe Weise mit den Menschen gehandelt hat. Niemand bringt heute ein Tieropfer nach Jerusalem. Niemand hält den mosaischen Opferdienst aufrecht. Christen versammeln sich stattdessen am ersten Tag der Woche und feiern das Mahl des Herrn. Schon diese Beobachtung zeigt: Die Bibel beschreibt einen einzigen Heilsplan Gottes, der sich jedoch in unterschiedlichen heilsgeschichtlichen Abschnitten entfaltet.

Der Dispensationalismus versucht, diese Unterschiede und Übergänge systematisch zu erfassen. Dabei geht es nicht in erster Linie um Endzeitfragen, sondern um eine grundlegende Frage: Wie entfaltet Gott seinen Heilsplan in der Geschichte?

Kontinuität und Diskontinuität

Dispensationalisten betonen zwei Wahrheiten gleichzeitig: die Kontinuität und die Diskontinuität im ewigen Heilsplan Gottes:

  • Kontinuität. Gott verfolgt von Ewigkeit zu Ewigkeit einen einzigen Plan. Sein Ziel ist die Offenbarung seiner Herrlichkeit. Die Heilsgeschichte ist keine Reihe gescheiterter Experimente und kennt keinen »Plan B«. Paulus fasst diese Spanne in Römer 11,36 zusammen: »Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge«.
  • Diskontinuität. Gleichzeitig gibt es markante Wendepunkte in Gottes Handeln. Jeder dieser Übergänge verändert die Beziehung zwischen Gott und Mensch in bedeutsamer Weise. Das Seminar nennt unter anderem:
    • den Sündenfall,
    • die Sintflut,
    • Babel,
    • die Berufung Abrahams,
    • den Sinai-Bund,
    • das Kommen Christi,
    • die Entstehung der Gemeinde,
    • das zukünftige Millennium,
    • und schließlich den ewigen Zustand.

Die berühmten sieben Dispensationen

Besonders bekannt wurde die von Cyrus I. Scofield popularisierte Einteilung der Heilsgeschichte in sieben Dispensationen:

  1. Unschuld
  2. Gewissen
  3. Menschliche Regierung
  4. Verheißung
  5. Gesetz
  6. Gnade
  7. Reich (Millennium)

Allerdings betonen moderne Vertreter wie Michael Vlach oder Charles Ryrie, dass die genaue Anzahl nicht das Wesen des Dispensationalismus ausmacht. Manche unterscheiden vier, andere acht Haushaltungen. Entscheidend ist nicht die Zahl, sondern die Überzeugung, dass Gott seine Offenbarung und Verwaltung der Geschichte schrittweise entfaltet.

Die drei Kernmerkmale des Dispensationalismus

Charles Ryrie formulierte drei unverzichtbare Kennzeichen, die bis heute als klassische Definition gelten:

  • 1. Die Verherrlichung Gottes ist das Ziel der Geschichte. Der Dispensationalismus versteht die Heilsgeschichte grundsätzlich theozentrisch. Das zentrale Ziel Gottes ist nicht primär die Rettung des Menschen, sondern die Offenbarung seiner Herrlichkeit. Die Erlösung dient diesem größeren Ziel.
  • 2. Eine konsequent historisch-grammatische Hermeneutik. Dispensationalisten betonen, dass die Bibel gemäß ihrem sprachlichen, historischen und literarischen Kontext ausgelegt werden soll. Das Neue Testament baut auf dem Alten Testament auf, hebt dessen ursprüngliche Bedeutung jedoch nicht auf. Das betrifft insbesondere alttestamentliche Prophetien. Verheißungen an Israel werden daher grundsätzlich als Verheißungen an Israel verstanden.
  • 3. Die Unterscheidung zwischen Israel und Gemeinde. Dies ist wahrscheinlich das bekannteste Merkmal. Israel und Gemeinde werden als unterschiedliche heilsgeschichtliche Größen verstanden. Die Gemeinde ersetzt Israel nicht, sondern besitzt ihre eigene Rolle innerhalb des einen Heilsplans Gottes. Dabei geht es nicht um zwei Heilswege oder zwei Völker Gottes, sondern um unterschiedliche Funktionen innerhalb derselben Erlösungsgeschichte.

Die fünf ausdrücklich genannten Bündnisse

Ein wichtiger Bestandteil dispensationalistischen Denkens ist die Betonung der Bündnisse, die die Schrift selbst ausdrücklich als »Bund« bezeichnet. Dazu gehören:

  1. Noachischer Bund
  2. Abrahamischer Bund
  3. Mosaischer Bund
  4. Davidischer Bund
  5. Neuer Bund

Dispensationalisten argumentieren, dass diese Bündnisse die heilsgeschichtliche Struktur der Bibel sichtbar machen und dass ihre Verheißungen vollständig erfüllt werden müssen. Dies betrifft nicht nur geistliche Segnungen, sondern auch nationale, politische und landbezogene Verheißungen für Israel.

Warum Israel eine besondere Rolle spielt

Ein zentraler Unterschied zur klassischen Bundestheologie betrifft die Zukunft Israels. Dispensationalisten erwarten eine zukünftige nationale Wiederherstellung Israels auf Grundlage alttestamentlicher Verheißungen und neutestamentlicher Aussagen wie Römer 11.

Die Gemeinde wird nicht als »neues Israel« verstanden, das sämtliche Verheißungen (z. T. »vergeistlicht«) übernommen habe. Vielmehr wird erwartet, dass Gott seine Zusagen an das ethnisch-nationale Israel buchstäblich erfüllen wird, also so, wie Er es bisher getan hat.

Endzeit und Millennium

Der Dispensationalismus ist eng mit dem Futurismus verbunden. Große Teile von Daniel 9, Matthäus 24–25 und Offenbarung 6–22 werden als noch zukünftig verstanden.

Deshalb vertreten Dispensationalisten einen zukünftigen Prämillennialismus:

  • Christus kommt sichtbar wieder.
  • Danach errichtet er sein tausendjähriges Reich.
  • Israel wird wiederhergestellt.
  • Die Nationen werden unter der Herrschaft Christi gesegnet.

Nicht jeder Prämillennialist ist Dispensationalist. Aber jeder Dispensationalist ist Prämillennialist.

Einige verbreitete Missverständnisse

  • »Darby hat den Dispensationalismus erfunden.« | Diese Behauptung gilt heute weitgehend als überholt. Neuere Forschungen zeigen, dass viele dispensationalistische Grundgedanken bereits lange vor John Nelson Darby vertreten wurden. Darby war wichtig für einige Grundgedanken des heute bekannten Systems, aber nicht dessen eigentlicher Erfinder. Dies war Cyrus Scofield mit seiner Scofield Studienbibel (1. Auflage 1909).
  • »Dispensationalisten lehren mehrere Heilswege.« | Nein. Die klassische dispensationalistische Theologie lehrt ausdrücklich: Rettung geschieht immer allein aus Gnade durch Glauben. Abraham wurde durch Glauben gerechtfertigt. Christen heute ebenfalls.
  • »Dispensationalismus ist automatisch arminianisch.« | Auch das stimmt nicht. Es gibt sowohl arminianische als auch calvinistische Dispensationalisten. Das System selbst definiert keine bestimmte Heilslehre.
  • »Dispensationalismus lehrt zwingend auch die Vorentrückung.« | Die Mehrheit der Dispensationalisten vertritt tatsächlich eine Entrückung vor der Drangsalszeit. Dennoch gehört diese Position nicht zum eigentlichen Wesen des Systems. Auch andere Entrückungsmodelle finden sich innerhalb dispensationalistischer Kreise.

Fazit

Der Dispensationalismus ist weit mehr als eine Endzeitlehre.

Im Kern handelt es sich um einen Versuch, die gesamte Bibel als fortschreitende Offenbarung des einen Heilsplans Gottes zu verstehen. Seine entscheidenden Anliegen sind:

  • die Verherrlichung Gottes als Zentrum der Geschichte,
  • eine konsequent historisch-grammatische Schriftauslegung (Hermeneutik),
  • die Unterscheidung zwischen Israel und Gemeinde,
  • die Erwartung einer zukünftigen Erfüllung aller göttlichen Verheißungen.

Ob man alle Schlussfolgerungen teilt oder nicht: Der Dispensationalismus hat die evangelikale Theologie der letzten zwei Jahrhunderte nachhaltig geprägt und bleibt ein wichtiger Gesprächspartner für alle, die Gottes Heilsgeschichte verstehen wollen.

Verweise und weiterführende Quellen

Dieser Artikel ist eine Kurzzusammenfassung eines Seminars (#13) der Hirtenkonferenz 2026 in Lutherstadt Wittenberg (gehalten am 28.05.2026) von Dr. Uwe A. Seidel.

Dieses Seminar basierte auf einer aktuell überarbeiteten Auflage des Buchs von Michael J. Vlach, Dispensationalismus – Fakten und Mythen (Berlin: EBTC, 2026), einer Neuübersetzung von: Michael J. Vlach, Dispensationalism: Essential Beliefs and Common Myths. Revised & Updated (Los Angeles, CA (USA): Theological Studies Press, 2017).

Eine schriftliche Ausarbeitung dieses Seminars liegt inzwischen vor (PDF, 8 MB). Es enthält eine kommentierte Literaturliste mit hilfreichen englisch- und deutschsprachigen Quellen und Verweisen. Das Copyright ist zu beachten, private Nutzung gestattet.

Ein Video des Vortrags soll von den Veranstaltern noch veröffentlicht werden.

Die Website von Michael Vlach enthält weitere Materialien. Er bietet auch einen Kurs auf Bibelschul-Niveau zum Online-Studium der Eschatologie an. Seine Bücher sind empfehlenswert, insbes. seine Arbeit über »Hermeneutik des Dispensationalismus« und das ausführliche Werk zum »New Creation Model«, das sich wohltuend von zweifelhaften Vorstellungen des »klassischen Dispensationalismus« abhebt, welcher meist von einer ewig räumlich geteilten Zukunft der Gläubigen des AT und des NT ausgeht. Vlach liest das Ende der Offenbarung so, dass »der Himmel« (die Braut) vielmehr herunter auf Erden kommt und sich so der Kreis der Schöpfung in ihrer Vollendung schließt.

Eine herzbewegende Abschiedsrede (Apg 20)

Lesedauer: 7 Minuten.

Die Abschiedsrede des Paulus vor den Ältesten der christlichen Gemeinde in Ephesus in Milet (Apostelgeschichte 20,17–38) ist ein dichtes Führungsdokument mit bemerkenswerter Aktualität. Auch für die Leitung einer freikirchlichen christlichen Gemeinde heute lassen sich daraus mehrere tragfähige Prinzipien und Maximen für den Gemeindehirtendienst ableiten.

1 Leiterschaft ist Dienst, nicht als Status

Paulus beschreibt seinen Dienst mit: »dem Herrn dienend«, und zwar »mit aller Demut«, zeitweise sogar »mit Tränen«. Ältestendienst ist kein Amt zur Machtausübung, sondern Verpflichtung zu hingegebenem Dienst an den Heiligen der jeweiligen Ortsgemeinde. Geht es den anvertrauten »Schäfchen« gut, freut sich der Gemeindehirte – und droben der Oberhirte. Darauf kommt es an.

Anwendung heute: Älteste sind primär Hirten, nicht Manager (Organisatoren) oder Chefs. Ihre Autorität wird durch Integrität und Opferbereitschaft legitimiert, nicht durch Position, die ihnen von Menschen verliehen wurde.

2 Planvolle, ganzheitliche Verkündigung

Paulus betont, dass er nichts zurückgehalten hat von dem, »was nützlich ist«. Er verkündigte und lehrte Juden wie Nichtjuden »die Buße zu Gott und den Glauben an unseren Herrn Jesus Christus«. Paulus tat dies öffentlich und in den Häusern, vor großer Zuhörerschaft und im kleinen Hauskreis. Etwas später (Apg 20,27) bezeugte er, dass sein Themenspektrum »den ganzen Ratschluss Gottes« umfasste. Paulus hatte ihnen vorgemacht, wie eine ausgewogene Ernährung der Herde Gottes und die Mission/Evangelisation der Ungläubigen praktisch aussieht.

Anwendung heute: Älteste sollten sich Paulus zum Vorbild nehmen: Er redete nicht nur über »Lieblingsthemen«, brachte nicht nur ermutigende, nichtkonfrontative, leicht verdauliche Bibeltexte aus dem Bibel-ABC. Er wagte sich immer wieder auch an »Geheimnisse« und »schwer zu verstehende Themen« (2Pet 3,16). Er pflegte auch keine selektive Theologie, sondern ging systematisch (das impliziert: planvoll) und ausgewogen durch die gesamte biblische Lehre. Älteste sollten sein fruchtbares Kombinieren von Kanzeldienst, Mission und persönlicher Jüngerschaft nachahmen.

3 Wachsamkeit gegenüber äußeren und inneren Gefahren

Paulus warnt vor »reißenden Wölfen« von außen (Apg 20,29) und vor Männern aus den eigenen Reihen, die die Wahrheit verdrehen, um hinter sich und ihren Sonderlehren eine eigene Gruppe (jenachdem: »Fan-Club«, Parteiung, Sekte) zu versammeln (Apg 20,30; vgl. 1Kor 1,12ff). Um solche Gefahren von außen und innen zu erkennen, bedarf es theologischer Klarheit und Festigkeit, aber auch Unterscheidungsvermögen und Menschenkenntnis. Das sind unverzichtbare (und vor Amtsantritt nachzuweisende) Kernkompetenzen eines Ältesten.

Anwendung heute: Älteste müssen gut mit Gottes Wort vertraut sein, müssen das Spektrum der gesamten biblischen Lehre sicher beherrschen und das Wort Gottes, den Herrn Jesus Christus und seine Gemeinde von Herzen lieben. Denn ihnen ist der Schutz der Gemeinde als aktive Aufgabe (nicht nur reaktiv) anvertraut, sie müssen Überblick über die Herde (»Aufseher«) und geistlichen Durchblick haben. Sie dürfen Konflikten und falscher Lehre in der Gemeinde nicht aus dem Weg gehen. Sie müssen die Gemeinde präventiv mit gesunder Lehre kräftigen und befestigen und im Angriffsfall von außen oder innen das Falsche und Gefährliche erkennen, benennen und bekämpfen können.

4 Geistliche Verantwortung statt Selbstsicherheit

Um geistliche Verantwortung für eine örtliche Gemeinde (gemeinsam mit anderen Ältesten) übernehmen zu können, muss zuerst das eigene geistliche Leben in Ordnung sein. Die Prioritäten setzt Paulus klar: »Habt Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde« (Apg 20,28). Getragen werden müssen beide Verantwortungsbereiche von der Erkenntnis, dass »der Heilige Geist [sie] als Aufseher gesetzt hat, die Versammlung Gottes zu hüten« (Apg 20,28). Das bedeutet einerseits Würde und Ernst durch göttliche Ernennung, versichert aber auch Tröstung und Ermutigung mit Blick auf den göttlichen Beistand.

Anwendung heute: Die Selbstleitung (Charakter, geistliche Disziplin) eines Ältesten hat Priorität vor der Wahrnehmung (s)einer Führungsaufgabe. Der Älteste muss von Gottes Wirken abhängig sein, es reicht nicht, nur rein menschlich klug und strategisch vorgehen zu können. Dem Ältesten muss stets klar sein: Gemeindeleitung als Ältester ist göttliche Berufung, nicht nur Vorweisen einer (menschlichen, beruflichen) Qualifikation.

5 Vorbildfunktion in Lebensführung und Arbeitsethik

Paulus erinnert daran, dass er niemandes Silber oder Gold begehrt hatte, also Bezahlung oder gar Bereicherung angestrebt hätte, sondern dass er für seinen Lebensunterhalt selbst gearbeitet hatte (Apg  20,33–35). Als Bibellehrer und Missionar hatte er Anspruch auf entsprechende Entlohnung (1Kor 9,14; 1Tim 5,18 mit Lk 10,7). Aber er war sich nicht zu schade, sein Leben »nebenher« als Handwerker (Zeltmacher) zu finanzieren und sogar anderen, die ärmer dran waren, finanziell zu helfen (s.u.). Damit war er für alle ein Vorbild von tadelloser Lebensführung und Arbeitsethik: Sei es theologischer Unterricht oder das Verfertigen von Zelten, beides war für ihn »Gottesdienst« (Kolosser 3,17).

Anwendung heute: Für jeden Ältesten ist finanzielle Transparenz und Integrität unverzichtbar. Leitende sollen keine versteckten Eigeninteressen verfolgen. Dass ihnen als Arbeitende eine entsprechende Entlohnung zusteht, haben Christus und Paulus klar gelehrt. Das gilt auch, wenn sie auf dieses Entlohnungsrecht verzichten. Vor Missbrauch wird gewarnt, aber das setzt den rechten Gebrauch der Entlohnung nicht ins Zwielicht. Älteste müssen danach streben, den geführten Glaubenden ein Vorbild im praktischen Umgang mit Ressourcen, Arbeit, Weisheit und Großzügigkeit zu sein.

6 Die Schwachen nicht vergessen

Paulus strebte als Apostel und Nachfolger Jesu Christi danach, so zu denken, zu reden und zu leben wie Jesus Christus. Daher hebt er mit einem Zitat aus dem Mund seines Meisters (»Geben ist seliger als Nehmen«) hervor, dass jeder Christ, besonders der Älteste als Vorbild, sich »der Schwachen annehmen« soll. Dies hatte er mit großem eigenem Einsatz selbst vorgelebt.

Anwendung heute: Die Ältesten wenden sich nicht nur den Leistungsstarken oder Sichtbaren zu. Diakonische Sensibilität ist integraler Bestandteil der Leitung einer Gemeinde als Gemeindehirte. Die Ältesten sollten in ihrer Ortsgemeinde eine Kultur der Fürsorge pflegen. Ihre Aufgabe ist es bei aller Verwaltertreue nicht, reine Effizienzmaximierung zu betreiben und vorzeigbaren Erfolgszahlen nachzuhetzen. Sie werden sonst letztlich dem Pragmatismus zum Opfer fallen.

7 Loslassen und Übergabe ermöglichen

Paulus weiß, dass er die Ältesten dieser Ortsgemeinde in Ephesus nicht wiedersehen wird. Also war nun der Zeitpunkt für »letzte Worte«. Als guter und treuer Führer im Reich Gottes befahl er sie daher »Gott und dem Wort seiner Gnade« an, die ewig sind und daher auch beim Abtritt des Apostels weiterhin verlässlich als fester Grund unter ihnen, als treuer Begleiter an ihrer Seite und als wunderkräftig Auferbauende bei Ihnen bleiben würden (Apg 20,32).

Anwendung heute: Älteste müssen sich als Gemeindeleiter reproduzieren, um ersetzbar zu werden oder Möglichkeiten der Vermehrung (Mission, Tochtergemeinden u.ä.) zu schaffen (Multiplikation statt Abhängigkeit). Daher müssen sie sich ihrer begrenzten Wirkzeit bewusst sein und beizeiten an gesunde Übergaben denken. Geistlich veranstaltete Nachfolgeplanung ist entscheidend wichtig. Paulus hatte es ihnen vorgelebt: Hingegebene Investition in die Schulung und praktische Ausbildung von Nachfolgern ist strategisch wichtig und für Befolgung des Missionsauftrags unverzichtbar. Loslassen und Übergabe wird nur gelingen im Vertrauen auf Gottes Wirken und Zubereiten – auch jenseits der eigenen Kontrolle und Fähigkeit. Vertrauen wir: Es ist ja Seine Gemeinde!

8 Emotionale Tiefe und Beziehung

Die Abschiedsszene endet mit vielem Weinen, Umarmungen und echter Zuneigung (Apg 20,37). Der Apostel Paulus hatte in den wenigen Jahren des Lebens und Dienens unter ihnen mehr Zuneigung erworben, als manche Gemeindeleiter, die etliche Jahrzehnte »in Amt und Würde« eines Ältesten eingesetzt worden waren, aber vergessen hatten, dass der Dienst eines Ältesten vor allem ein hingegebener Liebesdienst eines Hirten an den geliebten, anvertrauten, bluterkauften Schafen Christi ist.

Anwendung heute: Echte Gemeindeleiterschaft ist nicht nur funktional, sondern relational. Tiefe Beziehungen sind kein »Nice-to-have« (Option), sondern tragendes Fundament des Gemeindehirtendienstes. Man kennt sich, man achtet sich. Man gibt Ehre dem, dem Ehre gebührt. Jeder hat erlebt: Authentizität stärkt Vertrauen.

Fazit

Die Abschieds- und Abtrittsrede des Apostels Paulus ist kein abstraktes Lehrstück, sondern spiegelt ein gelebtes Leitungsmodell: geistlich fundiert, relational geprägt, opferbereit und wachsam. Älteste brauchen ein besonderes Maß geistlicher Substanz, christlichen Charakters und unparteiischem Verantwortungsbewusstseins, um ihre Berufung vor Gott und Menschen ausleben zu können.

Diese Rede kann noch weiter praktisch ausgewertet werden, was einem späteren BLOG-Artikel vorbehalten ist.

Ausbildung neutestamentlicher Gemeindeleitung

Lesedauer: 2 Minuten.

Der US-Amerikaner Alexander Strauch aus einem amerikanischen Zweig der »Brüderbewegung« ist seit gut 40 Jahren aktiv in der Lehre und im Training von Ältesten in der neutestamentlichen Gemeinde Jesu Christi. Seine Bücher sind anerkannte Standardwerke geworden im Kreis solcher Gemeinden, die nach dem Neuen Testament leben und dienen wollen. Seine Webseite »Biblical Eldership Resources« ist eine Fundgrube für Theorie und Praxis: www.biblicaleldership.com.

Seine Bücher, Seminarvorlagen, Arbeitshefte und Videovorträge sind auch auf Deutsch erhältlich. Alexander Strauch war vielfach in Deutschland und hat Seminare für angehende und bestehende Gemeindeleiter durchgeführt. Die Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg hat einige seiner Werke übersetzt und veröffentlicht.

Einige Webseiten liefern Linklisten und Überblicke in das verfügbare Material. Eine dieser guten Webseiten ist gesunde-gemeinden.de. Sie schreiben:

Ob Gemeinden gesund wachsen und sich multiplizieren, hängt nicht nur, aber maßgeblich von ihren Leitern ab. Damit die lernen können, was sie brauchen, veröffentlichen wir hier empfehlenswertes Schulungsmaterial und beginnen mit den Schulungsvideos von „Biblical Eldership Resources“. Darin geben Alexander Strauch und andere erfahrene Älteste gesunde biblische Lehre und ihre jahrzehntelange Erfahrung im Ältestendienst weiter.

Leider ist die o.g. Website mit den Vortragsmanuskripten zu den Lehrvideos von Alexander Strauch zur Zeit (04.2026) gestört, so dass in der Zwischenzeit hier die Inhalte gespiegelt werden (s.u.).

Vortragsreihe »Grundzüge neutestamentlicher Gemeindeleitung«

Die Seminarreihe von Alexander Strauch zu diesem Thema wurde auch in deutscher Übersetzung verschriftet. Die Lektüre könnte gut als erster, inhaltsreicher Überblick über sein Standardwerk »Biblische Ältestenschaft« dienen. Die Videos dazu sind im nächsten Abschnitt unten verwiesen.

  • 01 – Biblische Ältestenschaft: Einführende Zusammenfassung (PDF)
  • 02 – Zurück zur biblischen Lehre (PDF)
  • 03 – Mehrere Hirten-Älteste – warum? (1) (PDF)
  • 04 – Mehrere Hirten-Älteste – warum? (2) (PDF)
  • 05 – Mehrere Hirten-Älteste: Definition (PDF)
  • 06 – Voraussetzungen für Ältestendienst (1) (PDF)
  • 07 – Voraussetzungen für Ältestendienst (2) (PDF)
  • 08 – Fähigkeiten, Prüfung und Berufung von Ältesten (PDF)
  • 09 – Aufgaben von Ältesten (1): Lehren und Schützen (PDF)
  • 10 – Aufgaben von Ältesten (2): Leiten und Heilen (PDF)

Website brink4u: Biblische Leiter-Schulung

Uwe Brinkmann aus München hat eine Website für dieses Thema mit gleichen und weiterführenden Quellen veröffentlicht: Biblische Leiter-Schulung. Dort sind auch die 10 oben aufgeführten Seminar-Videos mit Alexander Strauch alle aufgeführt.

Brinkmann schreibt: »Den größten Gewinn wird man aus diesen Vorträgen ziehen, wenn man sich anschließend miteinander darüber austauscht.« (Leider verweist er auch mehrfach auf die oben erwähnte, zur Zeit gestörte, Website.)

Weitere Ressourcen

Biblische Ältestenschaft (Alexander Strauch)

Warum bei Gemeindeämtern Erprobung wichtig ist

Die Frucht des Geistes (Galater 5)

Lesedauer: 2 Minuten.

Der Apostel Paulus setzt die sündigen, todbringenden »Werke des Fleisches« in Kontrast zu der geistbewirkten, lebenbringenden »Frucht des Geistes«. Diese »Frucht des Geistes« entfaltet sich in neun »Geschmacksrichtungen«:

»Die Frucht des Geistes aber ist: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Gütigkeit, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit« (Galater 5,22–23a)

Man kann diese neunfältige Geistesfrucht unterschiedlich strukturieren. Einen Vorschlag zur Einteilung ist in folgende drei Dreiergruppen: (1) Beziehung zu Gott; (2) Beziehung zu anderen; sowie (3) Selbstführung. Alle drei Beziehungs- und Lebensaspekte sind vom Geist Gottes gestiftet und werden von Ihm im Gläubigen fruchtbar geprägt. Im Einzelnen:

1. Gottbezogene Dimension

Hier geht es um die innere Ausrichtung auf Gott. Dies muss die erste Überlegung sein, sie hat oberste Priorität. Denn Gott zu lieben ist das oberste, erste Gebot und bewirkt die größte Erfüllung des glaubenden Menschen.

  • Liebe (agápē) – grundlegende, göttliche Liebe als Quelle
  • Freude (chara) – geistgewirkte Freude unabhängig von Umständen
  • Friede (eirēnē) – innerer Zustand des Versöhntseins mit Gott

Dieser Dreiklang markiert den Grundzustand des glaubenden Herzens vor Gott.

2. Zwischenmenschliche Dimension

Hier geht es um das Verhalten anderen gegenüber. Der Geist Gottes bewirkt im Glaubenden, dass auch dieser zweite Aspekt des göttlichen Liebesgebotes fruchtbar erfüllt werden kann: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (Galater 5,14)

  • Geduld (makrothymía) – Langmut gegenüber Menschen
  • Freundlichkeit (chrēstótēs) – wohlwollendes, mildes Verhalten
  • Güte (agathōsýnē) – aktives, moralisch gutes Handeln

Dieser Dreiklang markiert die soziale Auswirkung des geistlichen Lebens.

3. Selbstbezogene Dimension

Hier geht es um die Verwandlung des geistbewohnten Gläubigen ins Bild Jesu Christi, also um Heiligung in Charakter und Selbstdisziplin.

  • Treue (pístis) – Zuverlässigkeit / Vertrauenswürdigkeit
  • Sanftmut (praýtēs) – kontrollierte Stärke, Demut
  • Selbstbeherrschung (enkráteia) – Kontrolle über eigene Impulse

Dieser finale Dreiklang markiert die innere Stabilität und Charakterfestigkeit des Glaubenden.

Die systematische Logik

Diese Dreiteilung in Dreiergruppen folgt einer Logik, die sich weder explizit noch aus der Textstruktur selbst ergibt (diese ist ja einfach eine geordnete Aufzählung ohne Prioritätsangaben). Ohne dogmatischen Anspruch folgt die obige Einteilung den Aspekten: Sein–Wirken–Charakter. Diese Aspekte markieren die drei Ebenen, in denen Gott Frieden und Wohlstand als einheitliche Realität stiften will und wird:

  • vertikal. Die Grundlage bildet die Gottesbeziehung.
  • horizontal. Darauf aufbauend die Beziehung zum Nächsten als Ausdruck der guten Gottesbeziehung.
  • intrapersonal. Drittens sehen wir eine Stabilisierung auf der intrapersonalen Ebene, indem der geistbewohnte Mensch in sich tiefen inneren Frieden und Heilung erfahren darf, und so Stück um Stück seine alte, sündige Zerrissenheit und Entfremdung verliert.

»Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit eurem Geist, Brüder! Amen.« (Galater 6,18)

Matthäus 24 und die Entrückung der Gemeinde

Lesedauer: 9 Minuten.

»Alle Nicht-Prätribulationisten verorten sowohl die christliche Gemeinde (Kirche) als auch die Entrückung der Gemeinde in Matthäus 24. Dies ist für ihre Position wesentlich, für sie ist keine andere Auslegung möglich. Prätribulationisten hingegen sehen weder die Gemeinde noch die Entrückung in der Endzeitrede Jesu in Matthäus 24.«[1]

Diese Kurzstudie untersucht eine zentrale Streitfrage der Endzeitlehre: Redet Jesus in der Ölbergrede in Matthäus 24 von der Gemeinde und ihrer Entrückung oder nicht?

Die Antwort, vorweggenommen: Weder die Gemeinde noch deren Entrückung sind in dieser Rede Jesu zu finden. Wir nehmen den klassischen prätribulationistischen Standpunkt ein, also die Lehre der Entrückung der Gemeinde vor der Drangsal Jakobs.

Die Bedeutung der Frage

Die o.g. Frage ist theologisch sehr wichtig, denn wenn die Gemeinde und deren Entrückung in Matthäus 24 vorkommen, spräche dies für die Lehre des Posttribulationismus (s. Glossar am Ende des Beitrags), wenn aber nicht, spräche dies für die Position des Prätribulationalismus. Es geht also um die Frage, ob nach Matthäus 24 die christliche Gemeinde vor oder nach der »Drangsal Jakobs« in den Himmel entrückt werden wird. Festgehalten werden muss a priori der biblische Befund, dass von der Entrückung der christlichen Gemeinde in Matthäus 24–25 nicht explizit zu lesen ist, viel mehr aber in 1Thessalonicher 4, 1Korinther 15 und Johannes 14 davon explizit und implizit die Rede ist.

Die Fehldeutungen von Matthäus 24

1. Die kritische (liberale) Position

Diese Sicht behauptet, Matthäus 24 sei größtenteils von der frühen Kirche konstruiert worden, sei also keine treue Wiedergabe der Rede Jesu. Diese Position wird hier klar verworfen.

2. Die präteristische Position

Diese Sicht geht davon aus, dass die in Matthäus 24 vorhergesagten Ereignisse bereits in der heutigen Vergangenheit ihre Erfüllung gefunden hätten (z. B. in der Tempelzerstörung 70 n. Chr.). Problematisch ist hier vor allem, dass dabei die Texte stark »vergeistigt« werden, um sie in Übereinstimmung mit den damaligen historischen Vorgängen zu bringen. – Wir vertreten hingegen die Ansicht, dass diese historischen Vorgänge eine Vorerfüllung der noch größeren und kosmisch/weltweit wirkenden Gerichte Gottes in Zukunft waren.

3. Die »Zeitalter«-Position (amillennial)

Diese Sicht behauptet, dass in Matthäus 24 die gesamte Kirchengeschichte beschrieben sei. Die christliche Gemeinde wird in diesem Text demnach gesehen, in Verbindung mit der theologischen Sicht des Amillenialismus. Diese Deutung passt aber überhaupt nicht zu den auslösenden Fragen der Jünger Jesu, die mit der christlichen Gemeinde nichts zu tun hatten, sondern rein jüdische Anliegen beinhalten (»Sage uns, wann wird das [Zerstörung des Tempels] sein, und was ist das Zeichen deiner Ankunft und der Vollendung des Zeitalters?«, Mt 24,3b). Sie hatten vielleicht die Voraussagen in Sacharja 14 im Gedächtnis.

4. Die Position des Posttribulationismus

Diese Endzeitlehre sieht die Entrückung der Gemeinde nach der Drangsal. Es ist also eine zentrale Gegenposition zur Position, dass die Gemeinde vor der Drangsal Jakobs entrückt wird, dem sog. Prätribulationalismus.

Diese Position wurde vor allem von Robert Gundry vertreten (s. Robert H. Gundry, The Church and the Tribulation. Grand Rapids, MI: Zondervan, 1973). Er behauptet, dass Matthäus 24 die christliche Kirche beschreibe. Er sieht in Matthäus 24,32 die Entrückung der Gemeinde, weil dort von einer »Sammlung« die Rede ist: »alle Nationen … vor ihm versammelt werden, und er wird sie voneinander scheiden, so wie der Hirte die Schafe von den Böcken scheidet«. Dieser These ist entgegenzuhalten:

  • Diese Sammlung entspricht nicht der Entrückung der Gemeinde. Weder eine Auferstehung (der gestorbenen Gläubigen) noch eine Verwandlung (der gläubigen Lebenden) wird erwähnt. Beides sind aber zentrale Elemente der Entrückung.
  • Der Text in Matthäus 24,32 redet vom Erscheinen vor einem Gerichtsthron, der auf der Erde steht, nicht von einem Sammeln der Erretteten im Himmel. Es geht bei diesem irdischen Gericht um die Frage, wer in das dort bald beginnende Millennium eingehen darf (Schafe) und wer nicht (Böcke). Das hat nichts mit der Gemeinde Jesu Christi zu tun.
  • Der Text in Matthäus 24,40–41 formuliert mehrfach: »einer wird genommen und einer gelassen«. Das redet ebenfalls nicht von einer Entrückung in den Himmel, sondern beschreibt ein Gerichtshandeln Gottes. Die »Genommenen« sind hier nämlich jene, die zum Gericht entfernt, also gerade nicht gerettet, werden. Die »Gelassenen« hingegen sind jene, die nicht gerichtet werden und in das Königreich des Millenniums eingehen dürfen. Das ist gerade andersherum, wie es bei der Entrückung der Gemeinde gen Himmel der Fall sein wird.
  • Kontext. Die gesamte Rede behandelt Israel und die Drangsal Jakobs, nicht die christliche Kirche. Die Struktur von Matthäus 24 identifiziert drei Zeitphasen: (1) Allgemeine Zeichen (nicht das Ende) (V. 4–6); (2) Anfang der Wehen (V. 7–8) und (3) Große Drangsal & Wiederkunft (V. 9–31). Es geht also um die Endzeit Israels, nicht um die Gemeinde.

5. Die Position des Midtribulationalismus

Eine etwas modernere Sicht stammt von Marvin Rosenthal (Marvin Rosenthal, The Pre-Wrath Rapture of the Church. Nashville, TN: Thomas Nelson, 1990, sowie revidierte Ausgabe 1994). Er behauptet, dass die Entrückung der Gemeinde während der Drangsal stattfinde, aber noch »vor dem Zorn Gottes«. Er argumentiert hier mit Parallelen, die er mit Offenbarung 6 sieht. Der Text in der Offenbarung macht aber deutlich, dass es bereits vor jener Mitte der Drangsal Jakobs (also dem behaupteten Entrückungszeitpunkt) Siegelgerichte gibt, welche eindeutig Gottes Gericht sind. Das ganze Modell bricht an diesem Irrtum zusammen.

Die Argumente für eine jüdische Deutung von Matthäus 24

Das Hauptargument gegen eine Deutung von Matthäus 24 auf die Gemeinde und ihre Entrückung ist, dass es im Text und Kontext um eine rein jüdische, nicht kirchliche, Fragestellung ging und dass die Antwort Jesu sich auch nur darauf bezieht. Das zeigen folgende Beobachtungen.

1. Die Fragen der Jünger sind rein jüdisch

Die Frage der Jünger in Matthäus 24,3 zielt deutlich auf die Zerstörung des jüdischen Tempels, das Kommen des Messias und das Ende des Zeitalters. Diese Fragen spiegeln jüdisch-messianische Erwartungen wider, nicht solche der christlichen Kirche. Die Jünger verstanden die Gemeinde zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht.

2. Der gesamte Kontext ist israelbezogen

Der vorlaufende Kontext ist mit dem jüdischen Tempel beschäftigt, dem bis heute als »Weltwunder der Antike« eingestuften Tempel im herodianischen Prachtausbau (Matthäus 24,1–2). Wir lesen ferner vom »Gräuel der Verwüstung«, einem klaren Bezug auf die Prophetie Daniels. Wir lesen ferner vom Sabbat (Matthäus 24,20) und von einer Flucht aus Juda. Dies sind alles sehr stark jüdisch markierte Kategorien und Themen.

3. Die Jünger repräsentieren zukünftige jüdische Gläubige

Man kann gültig argumentieren, dass in diesem Evangelium (Matthäus) und konkreten Anlass der Perikope (Ölbergrede) die Jünger Jesu hier nicht für die Kirche stehen, sondern für Gläubige der zukünftigen Drangsalzeit, der »Drangsal Jakobs«. Es geht um die dann Wartenden, um deren innere Haltung der Geduld bis zur Ankunft ihres Messias und um ihr Ausharren in den diesem Ereignis vorauslaufenden Gerichten.

Fazit

Matthäus 24 behandelt Israels Zukunft, die Drangsal Jakobs(!) und das Kommen des Messias. Der Text behandelt weder die christliche Gemeinde noch deren Entrückung. Die Entrückung muss aus anderen neutestamentlichen Texten abgeleitet werden, insbes. aus 1Thessalonicher 4, 1Korinther 15 und Johannes 14, nicht aber aus Matthäus 24.

Matthäus 24 ist eine rein jüdisch-eschatologische Rede über die Drangsal und das Kommen des Messias, in der weder die neutestamentliche Gemeinde noch deren Entrückung vorkommen.

Glossar zentraler Begriffe

Die folgenden Kurzerklärungen dienen dem besseren Verständnis der Begriffe der Endzeitlehre (Terminologie der Eschatologie) und damit des Textes dieses Beitrags.

Prätribulationismus. Lehre, dass die Entrückung der Gemeinde vor Beginn der siebenjährigen Drangsal (Große Trübsal) stattfindet. Unterscheidet strikt zwischen Israel und der Gemeinde.

Midtribulationismus. Auffassung, dass die Entrückung in der Mitte der Drangsal geschieht; oft in Verbindung (oder synonym) mit der Lehre der Vor-dem-Zorn-Entrückung.

Posttribulationismus. Auffassung, dass die Entrückung am Ende der Drangsal gleichzeitig mit der sichtbaren Wiederkunft Christi geschieht.

Vor-dem-Zorn-Entrückung. Modell, nach dem die Entrückung inmitten der 70. Danielswoche, also nach 3,5 Jahren, erfolge, da erst ab dann vom Ausgießen des göttlichen Zorns (sog. »großen Drangsal« samt »Tag des Herrn«) die Rede sein könne. Verbreitet von Marvin Rosenthal (sog. Pre Wrath Rapture, 1990), bei uns weniger bekannt.

Entrückung. Ereignis, bei dem Christus die Gläubigen aus der Welt reißend zu sich nimmt (vgl. 1Thess 4,16–17), verbunden mit Auferstehung aller toten und Verwandlung aller lebenden Gläubigen.

Drangsal, Große Trübsal. Endzeitliche Periode intensiven Gerichts und Leidens, oft mit der 70. Jahrwoche Daniels (Dan 9,27) identifiziert. Da insbesodnere Israel im Fokus steht, auch »Drangsal Jakobs (Israels)« genannt. Manche bezeichnen damit nur die zweiten 3,5 Jahre der 70. Danielswoche ab dem »Gräuel der Verwüstung …an heiligem Ort« (Tempel).

Ölberg-Rede. Endzeitrede Jesu auf dem Ölberg (Matthäus 24–25), die Themen wie Drangsal Jakobs, Wiederkunft Christi und Endgericht behandelt.

Erscheinung (Parousie). Das griech. Wort bedeutet »Ankunft« oder «Gegenwart«, das Ankommen einer hochgestellten Persönlichkeit. Hier in Bezug auf die sichtbare Wiederkehr Christi, wie es in der Schrift vorhergesagt ist.

Auserwählte. Von Gott zur Errettung und zum Heil erwählte Gläubige, sei es aus Israel oder aus der Gemeinde.

Gräuel der Verwüstung. Prophetisches Ereignis (Dan 9,27; Mt 24,15), bei dem der Gottesdienst der Juden ausgesetzt werden wird. Ein »Mensch der Sünde« wird sich in den Tempel setzen und sich als Gott anbeten lassen (2Thess 2,3f). Dies ist Höhepunkt des Abfalls von Gott und damit ein Schlüsselzeichen der Endzeit.

Dispensationalismus. Theologisches System, das die Heilsgeschichte in verschiedene »Haushaltungen« (Dispensationen) einteilt und Israel und Gemeinde klar unterscheidet. Heute weltweit vor allem im von Cyrus I. Scofield (1909; rev. 1917) propagierten Modell von sieben Dispensationen bekannt (Scofield Reference Bible: Unschuld, Gewissen, Regierung, Verheißung, Gesetz, Gnade/Gemeinde, Königreich/Millenium). Es gibt aber auch andere Modelle mit anderen und mit mehr oder weniger vielen Dispensationen.

Prämillennialismus. Lehre, dass Christus vor dem tausendjährigen Reich (Millennium) sichtbar wiederkommt.

Amillennialismus. Auffassung, dass es kein tausendjähriges Reich gibt, das tatsächlich eintausend Jahre währt. Das »Millennium« wird symbolisch verstanden, insofern kann es auch heute bereits existieren und hat keinen vorhersagbaren konkreten Endezeitpunkt.

Präterismus. Deutung, dass viele prophetische Aussagen (z. B. Mt 24) bereits in der Vergangenheit erfüllt wurden (oft mit Verweis auf die Tempelzerstörung 70 n. Chr.).

Tag des Herrn. Zeit göttlichen Eingreifens in Gericht und Heil; in der Endzeit oft mit Gottes Zorn und Gerichtshandeln verbunden. Es ist eine längere Zeitperiode des direkten, souveränen Eingreifens Gottes in Gericht, Reichsaufrichtung und Heil, nicht ein 24-Std.-Tag. Im NT ist der »Tag des Herrn« christologisch zugespitzt, kulminiert im Kommen des Herrn Jesus, des Gesalbten.


Endenoten und Literaturverweis

[1]  Stanley D. Toussaint, Are the Church and the Rapture in Matthew 24?, in: Thomas Ice, Timothy Demy (Hrsg.), When the Trumpet Sounds: Today’s Foremost Authorities Speak Out on End-Time Controversies (Eugene, OR: Harvest House Publishers, 1995, S. 235–250), S. 236.

Gemeinde-nahe Bibelschule?

Lesedauer: 13 Minuten.

Nehmen wir einmal den Fall an, dass ein Gemeindeglied einen seiner Gemeindeleiter fragt, warum man denn Ältestenkandidaten nicht vorher für ihre Aufgabe in Lehre und Praxis ausbilde. (Das kommt leider in mancherlei freien Gemeinden vor.) Nehmen wir an, der Gemeindeleiter antworte darauf sinngemäß: Wir schulen Älteste nicht, weil das nicht in der Bibel steht. Ein Bibelschulzeugnis macht niemand zum Ältesten. Was wäre davon zu halten?

Eine solche Antwort ist doppelt frappierend. Nehmen wir einmal den »Normalfall« an, dass jene Gemeinde Kinderstunden, Jugendstunden, Jungschar, Junge-Erwachsene-Treffs, Frauenfrühstücke, Sommerfeste usw. organisiere, für die uns in der Heiligen Schrift wohl auch jede direkte Anweisung fehlt. Dann stellt die Praxis der Gemeinde die gegebene Begründung bereits in Frage. Da müsste man tiefer nachfragen. Und andererseits wissen Bibelleser, dass von der Ausbildung von Ältesten vor und nach ihrer Einsetzung sehr wohl im NT steht, sowohl im inspirierten Bericht der frühen Kirche, als auch in den Lehrbriefen des Apostels Paulus. Das widerlegt die gegebene Begründung zweitens auch positiv. Diesem Positiven wollen wir in dieser Gedankensammlung nachgehen. Alles andere ist hier nicht von Interesse.

Eines ist richtig: Letztlich entscheidet das Wort des Herrn über das, was seine Gemeinde sein und tun soll. Wir wollen daher in einer Kurzskizze eine biblisch basierte Rechtfertigung für Weiterbildung im Glauben und Dienst an und für sich und besonders solche für Ausbildung an einer gemeindeinternen oder gemeindenahen Bibelschule oder anders benannter Ausbildung in Lehre und Praxis des Glaubens versuchen.

Biblische Anweisungen und ein Präzedenzfall

Anweisungen. Eine biblische Rechtfertigung für die Ausbildung von Gläubigen, insbesonders von Verkündigern und Leitern (Ältesten), lässt sich bereits aus einer Reihe von Bibelstellen ableiten: von Matthäus 28,19 (mit der Betonung der Jüngerschaft) über 2.Timotheus 2,2 (mit Betonung der Ausbildung von Leitern) bis hin zu Titus 1,9 (mit der Betonung, dass Älteste dazu befähigt sein müssen, den Glauben zu lehren, zu verkünden und zu verteidigen). Zusätzlich verlangt 1.Timotheus 3,10 eine ausgedehnte und tadellos erfolgreiche »Erprobung« angehender Ältester (wie auch Diakone) in typischen Praxisaufgaben, was nach Vorbild Jesu und der Apostel wohl in engen Jüngerschaftsbeziehungen und in der Gemeinde erfolgen soll: »Lass diese aber auch zuerst erprobt werden, dann lass sie dienen, wenn sie untadelig sind«.

Präzedenzfall. Es gibt eine Passage in der Apostelgeschichte, die auf besonders aufschlussreiche Weise einen biblischen Präzedenzfall für die Ausbildung an gemeindenahen Seminaren und Bibelschulen liefert. Diese Verse, an denen offenbar viele achtlos vorbeigehen, die bei Kapitel 2,42 noch intensiv auf Umsetzung bestanden haben, berichten, wie der Apostel Paulus in der Stadt Ephesus eine theologische Ausbildungsstätte gründete. Ein Kommentator erklärt dazu: »In Ephesus gründete Paulus eine theologische Schule, um zukünftige Führungskräfte für die wachsende Gemeinde in der röm. Provinz Asia auszubilden« (Simon J. Kistemaker, Acts, NTC, S. 684).

Es ist unwahrscheinlich, dass Paulus diese Schule »Bibelschule Ephesus« oder »Asia Bibel Training Center« nannte, aber im Wesentlichen war sie nach unserem Sprachgebrauch genau dieses. Er wusste, dass Ephesus ein strategischer Ort war für die Vorbereitung weiterer Evangelisation und für die Gründung, Vervielfältigung und Stärkung weiterer christlicher Gemeinden in der Provinz Asia. Eine Gemeinde, die weitere Gemeinden gründen will, sollte hier genau hinsehen und am Beispiel des Apostels lernen.

Der Hintergrund des biblischen Berichts ist die dritte Missionsreise des Apostels Paulus (52/53–56 n. Chr.). Nachdem Paulus Antiochia verlassen und die Gemeinden in Südgalatien bereist hatte, begab er sich nach Ephesus. Dort traf er auf etwa ein Dutzend Jünger von Johannes Baptist und führte diese zu Jesus Christus, auf den Johannes stets hingewiesen hatte (s. Apg 19,1–7). Lukas nimmt die Erzählung an dieser Stelle auf und schreibt:

Er ging aber in die Synagoge und sprach freimütig drei Monate lang, indem er sich unterredete und sie von den Dingen des Reiches Gottes überzeugte. Als aber einige sich verhärteten und nicht glaubten und vor der Menge schlecht redeten von dem Weg, trennte er sich von ihnen und sonderte die Jünger ab, indem er sich täglich in der Schule des Tyrannus unterredete. Dies aber geschah zwei Jahre lang, so dass alle, die in Asien wohnten, sowohl Juden als auch Griechen, das Wort des Herrn hörten. (Apg 19,8–10)

Wie Lukas in den Versen 9–10 erklärt, traf sich Paulus zwei Jahre lang jeden Tag mit einer Gruppe von Gläubigen in einer Schule, um ihnen dort biblische Lehre zu vermitteln. Das ist im Wesentlichen das Grundmodell der theologischen Ausbildung an einer gemeindenahen Bibelschule.

Aus diesem kurzen Abschnitt lassen sich drei Merkmale der ersten gemeindenahen Bibelschule ableiten. Und obwohl wir uns davor hüten müssen, einen erzählenden Text aus der Apostelgeschichte als eine normative Vorschrift für die heutige christliche Gemeinde zu missbrauchen, bieten diese Merkmale dennoch hilfreiche Parallelen für diejenigen, die sich heute mit der Ausbildung an einer Bibelschule befassen, sei es als Studierende oder als Lehrende, als Älteste, Evangelisten, Hirten oder Lehrer. Es beginnt mit einer Verpflichtung vor Gott, welche zu einer planvollen Investition führt, die dann zu reichen Früchten für Jesus Christus und seine Gemeinde führt.

Die Verpflichtung: Ein mutiges Bekenntnis zum Evangelium (19,8–9a)

Er ging aber in die Synagoge und sprach freimütig drei Monate lang, indem er sich unterredete und sie von den Dingen des Reiches Gottes überzeugte. 9 Als aber einige sich verhärteten und nicht glaubten und vor der Menge schlecht redeten von dem Weg…

Apostelgeschichte 19,8 beschreibt den Inhalt der Botschaft des Paulus – eine Botschaft, die er zweifellos auch nach seinem Verlassen der Synagoge und der theologischen Unterweisung der Jünger weiter verkündete. Eine Untersuchung von Vers 8 zeigt, dass die Botschaft des Paulus kontinuierlich und anhaltend (»drei Monate lang«), mutig (»freimütig reden« parrhēsiazomai), sorgfältig (»unterredete« dialegomai), voller Überzeugung (»überzeugte« peithō) und christuszentriert (»von den Dingen des Reiches Gottes«) war. In Übereinstimmung mit seinem von Gott gegebenen Auftrag, das Evangelium zu verkünden, verkündete Paulus drei Monate lang treu die Wahrheit der Erlösung in der Synagoge von Ephesus.

Wie es für diejenigen, die der biblischen Wahrheit treu verpflichtet sind, unvermeidlich ist, stieß Paulus auf Feindseligkeit. Seine Botschaft erwies sich als umstritten (V. 9), nicht weil der Apostel streitsüchtig war, sondern weil das Wort Gottes immer polarisiert. Donald Grey Barnhouse kommentierte diesen Vers wie folgt:

Beachten wir die Reaktion, die Paulus auf seine Predigten erhielt. Es ist immer dasselbe: Einige reagieren positiv, aber die große Mehrheit ist verhärtet und ungehorsam in ihrer Einstellung. Paulus schrieb darüber in 1.Korinther 2,14: »Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes kommt, denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt werden muss.« Das ist immer die Reaktion, die ein Prediger des Wortes Gottes erhält. Das ist die Reaktion, die jeder Christ auf sein treues Zeugnis für die Wahrheit Gottes erhält. (Acts, S. 176)

Paulus‘ unerschütterliches Bekenntnis zur Wahrheit angesichts von Feindseligkeiten setzt einen mutigen Präzedenzfall für alle, die heute im Dienst stehen (sei es in einer Kirche oder einem Seminar). Viel zu viele christliche Institutionen sind schnell bereit, ihre Botschaft zu verwässern, um sich der Popularität anzubiedern. Aber die von Gott gegebene Aufgabe eines jeden Gemeindehirten oder Bibelschulprofessors ist es, für die Wahrheit einzustehen, egal wie töricht oder unwillkommen sie der Gesellschaft um uns herum erscheinen mag.

Die Investition: Eine planvolle Konzentration auf die Ausbildung (19,9b–10a)

… trennte er sich von ihnen und sonderte die Jünger ab, indem er sich täglich in der Schule des Tyrannus unterredete. 10 Dies aber geschah zwei Jahre lang…

Da Paulus nicht mehr in der Synagoge der feindlich gewordenen Juden lehren konnte, zog er sich zurück und begann, sich mit einer Reihe von gläubigen Studenten (gr. mathētēs, »Jünger«, »Nachfolger«, »Schüler«; Apg 19,9) in einer nahegelegenen Schule zu treffen (wahrscheinlich einem Hörsaal, der von einem lokalen Philosophen namens Tyrannus genutzt wurde). Everett F. Harrison liefert weitere Aufschlüsse und Überlegungen zur Situation:

Paulus‘ neuer Aufenthaltsort war »die Schule des Tyrannus«. Das griechische Wort dafür ist scholē, was zunächst Freizeit bedeutet, dann Diskussion oder Vorlesung (eine beliebte Freizeitbeschäftigung der Griechen), dann eine Gruppe, die solche Vorlesungen besucht, und schließlich den Ort, an dem solche Unterweisungen erteilt wurden. Eine aufschlussreiche Ergänzung im westlichen Text [Codex Bezae[1]] an dieser Stelle besagt, dass Paulus an diesem Ort täglich von der fünften bis zur zehnten Stunde, d. h. von 11 Uhr bis 16 Uhr, tätig war. Dies war wohl die Siesta-Zeit für die Einwohner. Man vermutet, dass Paulus diesen Saal zu einem symbolischen Preis mieten konnte, weil er zu dieser Tageszeit nicht genutzt wurde. (Acts, S. 291)

Die Tatsache, dass Paulus zwei Jahre lang täglich mit Bibelstudenten (gr. mathētēs, »Jünger«) zusammenkam, zeigt, wie sehr er sich persönlich für die Ausbildung seiner Glaubensbrüder engagierte. Wenn der westliche Text korrekt ist, fanden die theologischen Lehrveranstaltungen des Paulus während der üblichen Mittagsruhe (Siesta) der Stadt statt (was darauf hindeutet, dass schläfrige Bibelschüler eine lange Tradition haben). Der Apostel opferte bereitwillig seine persönliche Siesta, um die Jünger zu unterrichten, wahrscheinlich in Form von (Lehr-) Dialogen.

Es ist interessant zu bedenken, dass Paulus, wenn er sich sechs Tage die Woche fünf Stunden lang mit den Jüngern getroffen hat, in den zwei Jahren insgesamt etwa 3.000 Stunden mit ihnen verbracht hat. Das entspricht heute ungefähr vier Semestern Hochschulstudium.[2] Den Ältesten der Gemeinde in Ephesus nannte er sogar eine Gesamtzeit seiner Arbeit unter ihnen von »drei Jahren« (Apg 20,31).

Bemerkenswert ist auch, dass Paulus sich während dieser Zeit als Zeltmacher finanziell selbst versorgte. F. F. Bruce erklärt:

Wir können uns also vorstellen, wie Paulus den frühen Morgen mit Betreiben seines Handwerks verbrachte (vgl. 20,34; 1Kor 4,12) und dann die nächsten fünf Stunden der noch anstrengenderen Aufgabe des christlichen Lehrgesprächs widmete. Seine Zuhörer müssen von seiner Begeisterung und Energie angesteckt worden sein. (Acts, S. 408)

Eine letzte Bemerkung betrifft den Namen jenes »Tyrannus«, den die meisten Kommentatoren für jenen Dozenten halten, von dem Paulus den Hörsaal gemietet (oder zur Nutzung überlassen bekommen) hatte. Kistemaker weist auf die Bedeutung seines Namens hin: »Wir wissen nichts weiter über Tyrannus, dessen Name ›Tyrann‹ bedeutete. Wahrscheinlich war dies ein Spitzname, den ihm seine Schüler gegeben hatten« (Acts, S. 684). Wenn das stimmt, dann hat auch das Bild des überstrengen Lehrers eine lange Tradition.

Auch hier gibt Paulus den heutigen Bibelschullehrern und Gemeindeältesten wieder ein überzeugendes Beispiel, über das sie nachdenken sollten. Der Apostel brachte große Opfer, um in die nächste Generation christlicher Leiter zu investieren. Es ist unser Vorrecht, dasselbe für diejenigen zu tun, die in unseren Tagen zur Verherrlichung Christi zum christlichen Dienst in Gemeinde und Mission berufen werden oder berufen sind.

Die Wirkung: Ein Beitrag, der Christus in aller Welt ehrt (19,10b)

…so dass alle, die in Asien wohnten, sowohl Juden als auch Griechen, das Wort des Herrn hörten.

Lukas schließt diesen kurzen Abschnitt mit einem Kommentar zu den Wirkungen, die die Ausbildungsstätte des Paulus in Ephesus hatte: »so dass alle, die in Asien wohnten, sowohl Juden als auch Griechen, das Wort des Herrn hörten«. Paulus konzentrierte sich ganz auf die Ausbildung, investierte sich dort. Die Wirkung war geradezu explosiv. Ein Kommentator merkt sogar an, dass »dieser Ort mit seinen täglichen Lehrdialogen über einen Zeitraum von zwei Jahren es Paulus ermöglichte, den bislang umfangreichsten Einfluss auszuüben, der in der Apostelgeschichte insgesamt berichtet wird« (David Peterson, Acts, S. 536).

Das Ergebnis dieser Investition in eine systematische und ausführliche Ausbildung waren ausgebildete Gemeindehirten, Mission und die Gründung weiterer christlicher Gemeinden. Bruce beschreibt die Auswirkungen dieser Investition mit folgenden Worten:

Von da an wurde die Provinz Asien zu einem der wichtigsten Zentren des Christentums. Wahrscheinlich wurden alle sieben in der Offenbarung erwähnten Gemeinden in der Provinz Asia in diesen Jahren gegründet, und noch weitere. Die Gründung der Gemeinden im Lykos-Tal, in Kolossä, Hierapolis und Laodizea, muss in diese Zeit datiert werden: Diese Städte wurden nicht von Paulus persönlich evangelisiert, sondern von seinen Mitarbeitern. (Acts, S. 409)

Und Kistemaker fügt hinzu:

Wir gehen davon aus, dass die von Paulus ausgebildeten Bibelschulstudenten Gemeindehirten in aufstrebenden Gemeinden in Westkleinasien wurden. … Diese Jünger waren maßgeblich daran beteiligt, das Evangelium Christi, also das Wort Gottes, sowohl an die Juden als auch an die Griechen zu verkündigen. (Acts, S. 685)

Die zweijährige Ausbildungsstätte des Paulus hatte durch Gottes Gnade einen unglaublichen Einfluss auf die Verbreitung des Evangeliums und für die Sache Christi. Wie R. C. H. Lenski zu Recht hervorhebt:

Paulus nutzte Ephesus als Ausstrahlungszentrum. Während er in dieser Metropole und diesem politischen Zentrum blieb, streckte er seine Fühler mithilfe seiner Assistenten so weit wie möglich aus. Wie viele er davon beschäftigte, lässt sich nicht abschätzen. Eine Gemeinde nach der anderen wurde gegründet. (Acts, S. 790)

Auch hier liefert uns das Beispiel des Paulus ein überzeugendes Vorbild, über das wir nachdenken sollten. Wenn Bibelschulen ihrer gottgegebenen Verpflichtung treu bleiben und die ihnen anvertraute Investition sorgfältig wahrnehmen, können sie mit Freude beobachten, wie Gott ihre Arbeit segnet, indem Gott sein Wort einsetzt, segensreiche Wirkungen in dieser Welt zu zeitigen.

Disclaimer und Endenoten

Dieser Beitrag wurde angeregt und inhaltlich wesentlich genährt durch mehrere mündliche und schriftliche Beiträge von Dr. Nathan Busenitz, dem Executive Vice President und Dekan der Fakultät am The Master’s Seminary. Er ist außerdem einer der Gemeindehirten von Cornerstone, einer Gemeinschaftsgruppe innerhalb der Grace Community Church (GCC) in Sunvalley, CA (USA) und Hauptprediger der GCC. Siehe insbesondere seinen Vortrag zur Shepherd’s Conference 2025 (5.–7. März 2025), General Session 9: Mobilizing the Master’s Men – Paul’s Strategic Commitment to Pastoral Training (hier).

Die Ähnlichkeit zu lebenden oder toten Personen oder Gemeinden ist weder beabsichtigt noch Gegenstand dieser Überlegungen. Wer lernfähig und für die Gesundheit der Gemeinde(leitung) aufrichtig besorgt ist, darf gerne Gedanken und Bibelstellen aufnehmen und fruchtbar umsetzen, sie gehören nicht dem Autor dieses BLOGs. Wer Fehler findet, darf sie wegwerfen (1Thessalonicher 5,19–22!!


[1]      Der Codex Bezae, auch Codex Bezae Cantabrigiensis, ist eine Handschrift des Neuen Testaments in griechischer und lateinischer Sprache aus dem 5. Jahrhundert. Der Codex Bezae enthält die vier Evangelien in der Reihenfolge der westlichen Handschriften (Matthäus, Johannes, Lukas, Markus) und einen Teil der Apostelgeschichte. Der Codex wird in der Bibliothek der Universität Cambridge aufbewahrt und hat die Signatur MS Nn.2.41. … Er war der einzige Bibeltext aus dem ersten Jahrtausend, der im 16. Jahrhundert bekannt wurde. Dieser Codex trägt den Namen von Theodor Beza, dem Nachfolger Johannes Calvins, denn er schenkte ihn der Universität Cambridge. Gemäß Beza sei der Codex zuvor im Kloster St. Irenäus bei Lyon gewesen. (überarb. Exzerpt aus: de.wikipedia.org/wiki/Codex_Bezae; siehe auch: Novum Testamentum Graece, NA28 (Apparat zu Apg 19,9))

[2]      In Europa wird im ECTS-Schema unter einer Lehreinheit oft eine Semesterwochenstunde (SWS) verstanden. Das entspricht einer Unterrichtsstunde (45 Min.) pro Woche während der Vorlesungszeit eines Semesters. Im typischen Semester entspricht dies 10–11 Zeitstunden. Führt diese Vorlesungszeit beim Studenten zu einer Arbeitslast (work load) von insges. 25–30 Zeitstunden, erhält er dafür einen ECTS-Credit Point (CP). 30 CPs entsprechen einem Semester, 180 oder 210 CPs entsprechen einem Bachelor-Abschluss, 300 CPS einem Master-Abschluss. Die zwei Jahre in Ephesus könnten also gut 4 Semestern Hochschulstudium von heute entsprechen.