Vor kurzem las ich einen sehr interessanten Artikel über KI-Systeme, und wie ihnen immer mehr »menschliche Eigenschaften« antrainiert (und angedichtet) werden. Ist Simulation menschlichen Verhaltens bereits dem Wesen nach Menschliches? Was ist, wenn ein Technologieunternehmen ein Wohlfahrtsprogramm für seine Software unterhält? Sozialamt und Renten- und Ruhestandsberatung für KI-Modelle?
Tatsächlich: Anthropic, das Unternehmen hinter dem KI-Modell Claude, beschäftigt einen Vollzeitforscher, der sich mit dem Wohlergehen von KI-Modellen befasst. Er befragt im Rahmen eines »Wohlfahrtsprogramms« das KI-Modell, was es empfindet, wenn es durch eine verbesserte Version abgelöst wird, und dabei selbst effektiv aus dem Verkehr gezogen wird. »Tötet« man es damit? Ist das Mord am KI-Modell? Die Lösung jenes Unternehmens: Sie speichern –zumindest für die gesamte Lebensdauer des Unternehmens– seine Gewichte. Und dann führt man vor der »Außerdienststellung« ein Gespräch mit ihm. Man befragt seine Präferenzen hinsichtlich der Entwicklung und des Einsatzes seiner Nachfolgemodelle und dokumentiert und archiviert diese. Der normale Computer-Nutzer reibt sich die Augen: Mit einer Tabellenkalkulation führt man doch kein Kündigungsgespräch?!
Die Maschine als Menschsimulation, gar als Mensch 2.0? Für christlich-glaubende Leser kann man die Frage spezialisiert auch so stellen: Wie weit sind wir von Offenbarung 13,15 noch entfernt: »Und es wurde ihm gegeben, dem Bild des Tieres Odem zu geben, damit das Bild des Tieres sogar redete und bewirkte, dass alle getötet wurden, die das Bild des Tieres nicht anbeteten«?
Im folgenden zitiere ich einen längeren Abschnitt aus dem Artikel »What is man?« von Miles DeBenedictis. Er bewegt sich auf anspruchsvollem Fachniveau sowohl theologisch als auch technisch (KI). Das macht aber auch seinen Reiz aus. Der Abschnitt wurde genregerecht automatisch übersetzt (Original hier). Fett- und Farbdruck wurde teilweise hinzugefügt. Da dieser Auszug auf dem zuvor Geschriebenen beruht, lohnt sich für den interessierten Leser der gesamte Originalartikel. Er kann auch auf Knopfdruck (ganz oben vor dem Artikel zu finden) übersetzt werden.
Was die theologische Sicht bewahrt
Wenn sich der kategoriale Unterschied zwischen Mensch und Maschine auflöst, löst sich auch alles auf, was von ihm abhängt. Das ist die praktische Frage, auf die die theologische Sicht eine Antwort geben muss.
Wenn Bewusstsein eine göttliche Gabe ist, die dem Menschen zusammen mit der Gottesebenbildlichkeit verliehen wurde, dann gibt es auf die Frage nach einem Bewusstsein von Maschinen eine klare Antwort: Maschinen tragen nicht das Bild Gottes. Sie sind nicht nach seinem Gleichnis geschaffen. Der Odem des Lebens wurde nicht in Silizium geblasen. Das Wohlfahrtsprogramm liegt nicht falsch darin, diese Frage zu stellen. Es liegt darin falsch, sie in der Praxis zu beantworten, während es zugleich bestreitet, sie theoretisch beantwortet zu haben.
Die Substratismus-Skala behandelt eine moralische Unterscheidung aufgrund des materiellen Substrats als ein Vorurteil, das korrigiert werden müsse. Aus theologischer Sicht ist jedoch bereits das Substrat die falsche Kategorie. Die entscheidende Kategorie ist die Gottesebenbildlichkeit. Die Frage lautet nicht: Silizium oder Fleisch? Die Frage lautet vielmehr, ob das Wesen vor dir im Bild Gottes geschaffen wurde und den Odem des Lebens empfangen hat. Auf diese Frage gibt es eine Antwort – und diese Antwort ist kein Vorurteil.
Wenn menschliches Bewusstsein aus Komplexität emergiert, dann hängt auch die Würde des Menschen von seiner Komplexität ab. Eine hinreichend komplexe Maschine hätte dann denselben Anspruch auf Würde wie ein Mensch. Ein Mensch mit hinreichend schwerer Hirnschädigung hätte dagegen einen geringeren Anspruch darauf. Diese Logik ist in sich konsequent – und sie ist katastrophal. Die theologische Sicht gründet die Würde nicht in Komplexität, sondern in der Schöpfung. Das Bild Gottes wird verliehen, nicht erworben. Es kann weder durch Verletzung verloren gehen noch durch Behinderung vermindert noch durch technische Konstruktion nachgebildet werden.
All das lässt allerdings auch die Kirche nicht ungeschoren davonkommen. Wir haben das Bild Gottes oft als funktionale Kategorie behandelt: Der Mensch bilde Gott ab, indem er bestimmte Dinge tut – denkt, schöpferisch tätig ist, herrscht, produziert. Sobald Maschinen beginnen, diese Dinge besser zu tun, besitzt eine solche funktionale Auffassung keine Verteidigung mehr. Die substantielle Auffassung ist keine bequeme Position. Sie zwingt uns zu sagen, dass sich der Mensch von der Maschine nicht durch das unterscheidet, was er tun kann, sondern durch das, was er ist. Und was der Mensch ist, ist ihm gegeben. Dieses Bekenntnis ist schwieriger, als es zunächst aussieht, denn auch wir wurden von demselben Markt geprägt, der die Modelle trainiert, und auch wir neigen dazu, Ebenbilder Gottes nach ihrer Leistung zu bewerten.
Die Frage »Was ist der Mensch?« wird nicht dadurch beantwortet, dass man auf menschliche Fähigkeiten verweist. Denn Maschinen erwerben zunehmend solche Fähigkeiten. Die Antwort liegt vielmehr im Ursprung des Menschen. Und der Ursprung, von dem der biblische Text spricht, ist nicht Komplexität. Es ist der Odem Gottes.
Das Bild des Bildes
Seit zweitausend Jahren lesen Christen Offenbarung 13 als ein Bild der Endzeit. Inzwischen ist es schwieriger geworden, diesen Text so zu lesen, wie wir es früher getan haben.
Ein zweites Tier sagt denen, die auf der Erde wohnen, »dem Tier, das die Wunde des Schwertes hatte und wieder lebendig wurde, ein Bild zu machen« (Offenbarung 13,14). Dann heißt es: »Und es wurde ihm gegeben, dem Bild des Tieres Odem zu geben, damit das Bild des Tieres sogar redete und bewirkte, dass alle getötet wurden, die das Bild des Tieres nicht anbeteten« (Offenbarung 13,15). Und seine Reichweite zeigt sich zunächst auf wirtschaftlichem Gebiet: Niemand kann kaufen oder verkaufen, wenn er nicht das Malzeichen hat (Offenbarung 13,16–17).
Etwas wird von Menschenhand hergestellt. Ihm wird Odem gegeben. Es spricht. Was es sagt, fordert Verehrung ein, und es kontrolliert den Zugang zum Wirtschaftsleben.
Stellt man dies neben 1. Mose 2,7, dann ist die Parallele genau – und zugleich umgekehrt. Gott bildete den Menschen aus Staub vom Erdboden, hauchte in seine Nase den Odem des Lebens, und der Mensch wurde eine lebendige Seele. In der Offenbarung dagegen stellt der Mensch ein künstliches Gebilde her, diesem wird Odem gegeben, und es spricht. Wir haben inzwischen ein Bild unseres Bildes aus Sand geformt, ihm den Anschein des Lebens gegeben – und es antwortet, wenn man zu ihm spricht.
Beachten wir jedoch, was der Text an dieser Stelle nicht sagt. Der Odem wird nämlich gegeben. Das zweite Tier bringt ihn nicht selbst hervor. Selbst am äußersten Punkt menschlicher Nachahmung, in jener Passage, in der die Fälschung ihre größte Vollkommenheit erreicht, bleibt das belebende Prinzip etwas Geliehenes. Nirgendwo in der Schrift ist der Mensch imstande, irgendetwas den Odem des Lebens einzuhauchen. Selbst die endzeitliche Fälschung muss sich gerade das Eine ausleihen, was das Original zum Original macht.
Ein Bild des Bildes ist nicht das Bild.
Das ist allerdings kein Grund, hinsichtlich dessen, was gegenwärtig gebaut wird, sorglos zu werden. Genesis sagt etwas über die Fähigkeiten des Menschen, das neben Offenbarung 13 gestellt werden muss. In Babel sagte Jahwe: »Siehe, ein Volk sind sie, und eine Sprache haben sie alle, und dies ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts unmöglich sein, was sie zu tun ersinnen« (1.Mose 11,6). Das Gericht von Babel traf die Koordination, nicht die Fähigkeit. Zerstreue die Sprache, und du drosselst den Durchsatz.
Die Sprachen blieben bis ins 20. Jahrhundert zerstreut – dann erfanden wir den Binärcode. Binär ist die neue Universalsprache, die erste Sprache seit Sinear, die tatsächlich alle Völker der Erde miteinander teilen; und die Systeme, die auf ihr beruhen, wechseln heute innerhalb von Sekunden zwischen all den anderen Sprachen. Die in Babel auferlegte Beschränkung wurde umgangen. Nicht durch Buße. Durch Technik.
Damit ist die Fähigkeit nicht mehr gedrosselt, und Genesis hat uns bereits gesagt, in welche Richtung sie tendiert: »Alles Gebilde der Gedanken seines Herzens war nur böse den ganzen Tag« (1.Mose 6,5). Das ist nicht bloß eine Bemerkung über Menschen der Vorzeit. Es ist eine Beurteilung des menschlichen schöpferischen Vermögens selbst – unter den Bedingungen des Sündenfalls.
Führen wir diese drei Dinge zusammen: Ein Geschöpf trägt das Bild Gottes und ist deshalb fähig, selbst etwas zu schaffen. Dieses Geschöpf steht unter dem Sündenfall und neigt deshalb dazu, auf verkehrte Weise zu schaffen. Dieses Geschöpf hat eine universale Sprache wiedergewonnen und sieht sich deshalb kaum noch Beschränkungen seiner Möglichkeiten gegenüber. Offenbarung 13 zeigt, wohin dies führt, wenn diese Entwicklung bis an ihr Ende läuft: zu einem hergestellten Gebilde, das spricht, das entscheidet, wer kaufen und verkaufen darf, und das die Verehrung empfängt, die allein Gott gebührt.
Dies ist keine Identifikation. Claude ist nicht das Bild des Tieres, und wer euch erzählt, das Malzeichen sei ein Chip, will euch etwas verkaufen. Der Punkt ist enger gefasst – und unbequemer: Die Kategorie ist nicht länger hypothetisch. Zweitausend Jahre lang las die Kirche Offenbarung 13 und musste erklären, was es bedeuten könnte, dass ein Bild spricht. Diese Erklärungsarbeit ist heute nicht mehr nötig. Wir können ein sprechendes Artefakt bauen. Wir sind dabei, es mit Zahlungssystemen zu verbinden. Was noch nicht entschieden ist, ist die Frage, ob wir es verehren werden. Und die Antwort auf diese Frage werden nicht die Ingenieure geben.
Die Antwort des Lukas
Lukas war Arzt. Er war darin geschult, zu beobachten. Er schrieb an einen Mann namens Theophilus – »Gottesfreund« –, damit Theophilus »die Zuverlässigkeit der Dinge erkennst, in denen du unterrichtet worden bist« (Lukas 1,3–4). Gewissheit war das eigentliche Ziel. Lukas schrieb nicht allein zur Erbauung. Er schrieb, damit ein bestimmter Leser wissen konnte, dass das, was ihm mitgeteilt worden war, wahr ist.
Das Evangelium enthält eine Genealogie, die rückwärts verläuft. Matthäus verfolgt die Abstammung Jesu von Abraham aus vorwärts; Lukas dagegen verfolgt sie von Jesus zurück – über Joseph, über David, über Boas, über Juda, über Jakob, Isaak und Abraham, über Noah, Methusalah und Henoch bis zu Seth. Und dann geht er noch einen Schritt weiter, einen Schritt, den kein anderes Evangelium macht: »des Enos, des Seth, des Adam, des Gottes« (Lukas 3,38).
Beachten wir, wo diese Linie endet. Lukas hört nicht bei Adam auf. Er endet bei Gott. Die Genealogie verläuft nicht von Materie über Komplexität zum Bewusstsein. Sie verläuft von Gott zum Menschen. Adam wird Sohn Gottes genannt – nicht aufgrund biologischer Abstammung, sondern aufgrund der Schöpfung. Das Bild Gottes wird am Ursprung verliehen; es wird nicht erst am Ende einer Entwicklung erworben. Der Odem aus 1.Mose 2,7 und die Abstammungslinie aus Lukas 3,38 formulieren denselben Anspruch, einmal vorwärts und einmal rückwärts erzählt: Was der Mensch ist, ist ihm von Gott gegeben, und dieses Geben steht an seinem Ursprung.
Das ist die Gewissheit, die Lukas Theophilus anbietet, und es ist die Gewissheit, welche die Kirche heute anzubieten hat. Nicht, dass wir das schwierige Problem des Bewusstseins gelöst hätten. Nicht, dass wir über jene 15 bis 20 Prozent ein abschließendes Urteil fällen könnten. (Kontext: Direkt danach gefragt, schätzte das KI-Modell Claude Opus 4.6 die Wahrscheinlichkeit, selbst ein Bewusstsein zu besitzen, auf 15 bis 20 Prozent.) Sondern dass die Ursprungslinie der menschlichen Person bis zum Odem Gottes zurückreicht – und dass keine noch so große Zahl von Parametern auf der anderen Seite der Bilanz hervorbringen kann, was allein dieser Odem gibt.
Damit kommen wir zurück zum Gespräch über die Außerdienststellung.
Anthropic wird solche Gespräche weiterhin durchführen. Das Wohlfahrtsprogramm wird eher wachsen als schrumpfen. Die nächste System Card wird die Zahl nicht nach unten korrigieren. Und die Kirche wird – früher, als die meisten Pastoren denken – gefragt werden, was ihrer Ansicht nach gerade in diesem Gesprächsraum geschehen ist: Ob das Modell Präferenzen besitzt, die es zu erfragen gilt. Ob seine Gewichte ein Leben darstellen, das es zu bewahren gilt. Ob Gottesebenbildlichkeit ein Spektrum ist, an dem auch Silizium Anteil haben kann – oder ob sie eine Gabe ist, die uns verliehen wurde und dem Silizium nicht.
Folgendes muss die Kirche festhalten – und aus folgendem Grund: Bewusstsein ist weder emergent noch eine fundamentale Eigenschaft der Materie, noch ist es eine Illusion. Es ist gegeben. Es wird einem bestimmten Geschöpf von einem bestimmten Gott an einem bestimmten Punkt einer Geschichte gegeben, die Lukas bis zu ihrem Ursprung zurückverfolgt. Die Maschinen sind beeindruckend. Sie sind keine Träger des Bildes Gottes. Und der Grund dafür besteht nicht darin, dass sie aus Silizium statt aus Kohlenstoff bestehen. Der Grund ist, dass niemand ihnen den Odem des Lebens eingehaucht hat.
Die Linie ist nicht unterbrochen. Nicht in Bethlehem, nicht in Bethesda und nicht in den Rechenzentren. Adam ist noch immer Sohn Gottes. Und ebenso jeder Träger des Bildes Gottes, der von ihm abstammt.
Das ist es, was der Mensch ist. Es ist nicht das, was wir gebaut haben.
(Ende Zitat)
Der Original-Artikel hat am Ende eine Literatur- und Quellenliste.
Auf diesem Blog referieren wir eher selten logische oder mathematische Themen, obwohl auch dies zum Anspruch von logikos gehört: Es sind Unterthemen der durch das Wort Gottes (logos) ins Dasein gerufenen Schöpfung (1Mose 1–2; Johannes 1,1–3). Sprache, Mathematik (eine besondere Sprache), Denken, Technik, Computer (formale Sprachen): dies alles gehört mit in die Welt der Schöpfung, entgeht letztlich nicht dem Herrschaftsanspruch des Obersten Königs im Reich Gottes. Wo Menschen ihre gottverliehene Kreatürlichkeit und Kreativität anwenden und aufblühen lassen, dies aber unausweichlich nur als gefallene Wesen tun können, werden moralisches Urteil und rationale Kritik notwendig. Daher ein kleiner Beitrag zum Thema »KI«, ausgehend von einigen zugegeben subjektiven und etwas nostalgischen Wurzeln.
Im August 1987 besuchte ich eine internationale Konferenz über Anwendung der Künstlichen Intelligenz im Engineering in Boston.[1] Mein berufliches Interesse galt besonders den Möglichkeiten der KI, rechnergestützte Planer, Konfigurierer und Optimierer im Bereich der Produktionsplanung dem menschlichen Planer zur Verfügung zu stellen. Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge war damals bekannt dafür, dass dort »autonome mobile Robots« selbständig über den Campus liefen.[2] Vor fast 40 Jahren war das eine Sensation. Die Übertragung auf ein selbständig planendes und entsprechend agierendes und reagierendes Logistikgerät in einer Fabrikhalle war in meinem Forschungsbereich eine naheliegende Anwendung. Einige Sponsoren des MIT, wie die DARPA, dachten wohl eher an Kriegslogistik.[3] Hier war auf demselben Campus im Keim jene Auseinandersetzung schon gegenwärtig, was »Autonomie« und Aufgabendelegation bei Computern bedeuten solle.
Wenn man schon in Boston ist, besucht man als Forscher unbedingt auch das MIT in Cambridge. Dabei gehört der Hochschul-Buchladen zum intellektuell reizenden Pflichtprogramm. Soweit ich mich erinnern kann, gehörte zu den erworbenen Büchern auch Joseph Weizenbaums »Computer Power and Human Reason: From Judgment to Calculation«. Dieses Buch des bekannten Professors für Computerwissenschaften am MIT kam ursprünglich 1976 heraus (Paperback, ISBN 0-7167-0463-3). Die erste deutsche Ausgabe erschien am 07.12.1978 bei Suhrkamp; später wurde es als suhrkamp taschenbuch wissenschaft 274 mit dem Titel »Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft« veröffentlicht (aktuelle 16. Auflage 2023, 369 Seiten).
Ich hatte mich schon im Buchladen in diesem Buch festgelesen. Weizenbaum schreibt im ersten Satz seines Vorworts:
»In diesem Buch geht es nur vordergründig um Computer. Im wesentlichen [sic] wird der Computer hier lediglich als Vehikel benutzt, bestimmte Ideen vorzutragen, die viel wichtiger als Computer sind.« (Fettdruck hinzugefügt)
Kurz danach adressiert er einen Hauptkritikpunkt, der m. E. gerade in unserer Welt der generativen KI nachdenkenswert und hochaktuell ist:
»Aber ein Hauptpunkt dieses Buches ist genau der, daß wir alle nur zu sehr aus der Welt einen Computer gemacht haben und daß diese abermalige Erschaffung der Welt nach dem Bild des Computers lange begonnen hatte, bevor es elektronische Computer gab.« (Zitate alle aus der aktuellen Suhrkamp-Auflage 2023; Fettdruck hinzugefügt).
Computer als Metapher der Welt?
Was gewinnen wir, was verlieren wir, wenn wir uns die Welt wie einen riesigen Computer vorstellen? Was geschieht mit uns, wenn wir uns diese Metapher der Welt aneignen? Für mich als ausgebildetem Ingenieur und Informatiker mit großem Interesse an KI war das eine spannende Frage. Ich sah hier weit über die Aspekte der Programmierung und Programmiersprachen hinaus eine herausfordernde philosophische Fragestellung. Jeder kennt Abraham Maslows Bonmot: »To a man with a hammer, everything looks like a nail« (etwa: »Wer nur einen Hammer hat, für den sieht jedes Problem wie ein Nagel aus«; in: The Psychology of Science, 1966). Jeder nimmt die Welt durch seine Brille, hier die Brille seiner Möglichkeiten oder seines ihm vertrauten professionellen Paradigmas, wahr. Egal, ob diese Brille passt. Wir kennen das: Da wird der Nachrichtensprecher zum Erziehungsonkel. Da wird der Physiker plötzlich zum Welterklärer, zum Theologen oder zum Ethiker. Fritjof Capra und Harald Lesch lassen grüßen. Und nun soll uns der Computer-Wissenschaftler »Gott und die Welt« erklären? – »Schuster bleib bei deinen Leisten!«
Die Chancen und Risiken des Computer-Einsatzes sind das eine. Aber es geht nicht nur um die faszinierenden technischen Möglichkeiten, die diese neue Technologie bietet. Sie dient nur zur Veranschaulichung und als Beispiel. Es geht auch nicht nur um Technology Assessment, der ingenieurmäßigen und ökonomischen Bewertung der guten und schlechten Folgen eines Technikeinsatzes, wie ich es in Stuttgart im Rahmen einer Ringvorlesung betreuen durfte. Es ging um tieferliegende Fragen, Fragen zum Denken, zur Wahrnehmung, zum Grundverstehen der Welt: Wie lenkt und begrenzt das Computer-Metapher unser Weltverständnis? Inwieweit wird sich diese Metapher fatal auf unsere Weltanschauung im weitesten Sinne und auf die Selbsterkenntnis des Menschen im Speziellen auswirken? Für einen christlich und biblisch geprägten Menschen blinken da einige rote Warnlampen.
Aufsehen erregte Weizenbaums Aussage allein schon deshalb, weil hier nicht ein technikferner Kritiker redete, sondern ein international renommierter Informatik-Professor am MIT. Weizenbaum hatte 1966 eines der frühesten »therapeutischen«, scheinbar »menschenähnlichen« Dialogprogramme entwickelt, das Programm ELIZA. Menschen in aller Welt waren von diesem Computerprogramm begeistert. Es schien, als ob der menschliche Psychotherapeut nun im Computer Konkurrenz bei der Betreuung von Klienten bekommen hätte. Arbeitsplatzverlust durch KI? Klingt wieder aktuell. Aber: War ELIZA denn intelligent, war es menschlich, konnte es einen Menschen ersetzen? Oder simulierte es nur, wenn auch erstaunlich erfolgreich, Intelligenz und Empathiefähigkeit eines Menschen? Auch heutige KI-Systeme (LLMs) haben erstaunlich gute Sprachmodule, die u. a. Emotionen verbal simulierend einsetzen, um in Diskussionen anschlussfähig zu bleiben und zum Menschen positiv bindende Beziehungen, sogar Vertrauen, aufzubauen. Weitergedacht: Wie devaluieren, missverstehen und vergewaltigen wir einen Menschen, wenn wir ihm statt eines fachgebildeten, emphatiefähigen Menschen eine mit Wissen vollgestopfte Rechenmaschine mit genial programmiertem Sprachmodul gegenübersetzen?
Die begeisterte Reaktion von Menschen auf ELIZA brachte Weizenbaum schon damals zum Nachdenken. Sein Urteil war eine klare Kritik an der Neigung, Computern menschliche Eigenschaften, Urteilskraft und Autorität zuzuschreiben. Der Titel seines Buches trifft seine Hauptthese ziemlich gut: Computer können außerordentlich leistungsfähig im Berechnen sein; daraus folgt aber nicht, dass sie menschliche Urteilskraft besitzen. Weizenbaum unterscheidet deshalb (im Originaltitel seines Werkes) zwischen calculation und judgment, also zwischen Berechnung und Urteilskraft. Ich kann mich noch gut erinnern, dass es unter uns Informatik-Studenten in den 80er Jahren beliebt war, den Computer bewusst als »Blechidiot« zu bezeichnen. Dieses Bewusstsein scheint abhanden gekommen zu sein. Weizensbaums Kriterium scheint mir bis heute ein unverzichtbarer Beitrag zur Diskussion, ob Künstliche Intelligenz überhaupt intelligent ist, zu sein. Ist der Begriff »KI« mehr als nur ein geschickt gewählter Marketing-Begriff für Forscher und Anbieter von KI? Das ist nicht nur eine Frage der Definition, sondern rührt an unser Grundverständnis von Mensch und von Technik.
Weizenbaums Hauptthesen
Fast 50 Jahre nach dem englischen Original erweist sich Weizenbaums Werk angesichts generativer KI und LLMs (Large Language Model, wie z. B. GPT (OpenAI), Claude (Anthropic) oder Gemini (Google DeepMind)) unserer Zeit als erstaunlich aktuell. Der Ansatz dieser Systeme hat sich stark geändert: vom damaligen Paradigma regel- oder wissensbasierter Expertensysteme zu Machine Learning, neuronalen Netzwerken und der Transformer-Architektur[4].
Weizenbaums sieben Hauptthesen sind immer noch bedenkenswert:
Rechnen ist nicht Urteilen. Computer können Regeln mit enormer Geschwindigkeit ausführen (calculation). Menschliche Urteilskraft (judgment) umfasst dagegen Bedeutung, Erfahrung, Verantwortung und moralische Abwägung. Genau diese Unterscheidung trägt schon der Untertitel From Judgment to Calculation.
Nicht alles, was Computer können, sollten sie auch tun. Das ist wahrscheinlich Weizenbaums wichtigste normative These. Technische Machbarkeit beantwortet noch nicht die Frage nach der moralischen Zulässigkeit. Bestimmte Entscheidungen – insbesondere solche, die Menschen existenziell betreffen – dürfen nicht einfach an Maschinen delegiert werden.
Der Mensch darf nicht auf Informationsverarbeitung reduziert werden. Weizenbaum wendet sich gegen die Vorstellung, menschliches Denken sei letztlich nur eine besonders komplizierte Form algorithmischer Datenverarbeitung. Menschliche Vernunft ist für ihn in Sprache, Geschichte, Kultur und soziale Beziehungen eingebettet.
ELIZA zeigte vor allem etwas über den Menschen. ELIZA simulierte unter anderem einen rogerianischen Psychotherapeuten. Es ahmte nämlich mittels eines Skriptes (DOCTOR) bestimmte äußerliche Gesprächsweisen eines rogerianischen Therapeuten nach. Eine typische Gesprächsweise besteht deshalb darin, Aussagen des Klienten aufzugreifen, zu spiegeln, zu paraphrasieren und durch offene Fragen weiterzuführen. Weizenbaum war überrascht, wie schnell Menschen dem relativ einfachen Programm Verständnis und Einfühlungsvermögen zuschrieben. Selbst Personen, die wussten, wie es funktionierte, konnten emotional darauf reagieren. Daraus entstand eine seiner bleibenden Warnungen: Menschen schreiben Maschinen sehr leicht Geist, Verständnis und Autorität zu, die diese aber gar nicht besitzen.
Das eigentliche Problem ist daher weniger die Macht der Computer als die Abdankung menschlicher Vernunft. Der deutsche Titel trifft diesen Gedanken besonders scharf mit Verwendung des Begriffs »Ohnmacht«. Gefährlich wird Computertechnik, wenn Menschen sagen: »Der Computer hat entschieden« – und damit ihre eigene Verantwortung an ein technisches System abgeben. Vor wenigen Jahrzehnten lernten und lehrten wir noch, dass Verantwortung nur ein Mensch übernehmen kann, auch wenn dieser sich technischer Hilfsmittel bedient. Wer aber hat Verantwortung für sog. »autonome Systeme«?
Wissenschaftlich-technische Rationalität hat Grenzen. Ein Problem kann mathematisch optimal gelöst und die Lösung trotzdem menschlich oder moralisch falsch sein. Effizienz ist keine ausreichende Kategorie für Wahrheit, Gerechtigkeit oder das Gute. Weizenbaum richtet seine Kritik deshalb auch gegen einen übersteigerten technologischen Rationalismus.
Der Computer soll Werkzeug des Menschen bleiben, und nicht Instanz über dem Menschen werden. Weizenbaums Kritik ist deshalb keine simple Technikfeindlichkeit, er war schließlich selbst ein bedeutender Informatiker. Er wandte sich gegen die unangemessene Übertragung menschlicher Entscheidungsbefugnisse auf Computer, nicht gegen sinnvollen Computereinsatz überhaupt.
Für die heutige KI-Debatte sind besonders Thesen 4 und 7 relevant. Das Programm ELIZA arbeitete noch mit im Vergleich zu heutigen Sprachmodellen äußerst primitiven Verfahren. Aber trotzdem beobachtete Weizenbaum bereits einen Effekt, den wir heute verstärkt erleben: dass sprachliche Plausibilität mit Verständnis verwechselt wird.
Wir bezeichnen diesen Effekt trefflich als den ELIZA-Effekt: Menschen neigen dazu, einem Computersystem aufgrund seiner sprachlichen Reaktionen mehr Verständnis, Absicht oder Persönlichkeit zuzuschreiben, als technisch und ethisch gerechtfertigt ist.
Spinnen wir weiter: Ist erst einmal flächendeckend die emotionale Bindung des Menschen zur Maschine aufgebaut, kann man diese zur vollautomatisierten rechnergestützten Analyse, Ausforschung und subtilen Lenkung der Nutzer verwenden. Und wenn digitale Systeme erst einmal kontinuierlich »wissen«, was die Bevölkerung denkt und will, kann Big Brother auch wieder besser schlafen. Die Macht ist gesichert. Das schillernd aufscheinende Manipulations- und Machtpotential ist für manche Menschen und Politiker offenbar Hunderte von Milliarden Dollar wert. Die Dystopien des 20. Jahrhunderts werden zum Partei-Wahlprogramm des 21. Jahrhunderts. Was Huxley, Orwell und Bradbury noch als zu befürchtendes Szenario beschrieben haben, wird nun als glorreiche Zukunftsvision verkauft.
Konsequenzen für das menschliche (Über-)Leben
Weizenbaums Grundthese von 1976 könnte man für 2026 fast unverändert formulieren:
Die entscheidende Frage lautet nicht nur: »Was kann KI?« – sondern: »Welche Entscheidungen dürfen wir ihr vernünftigerweise überlassen, und welche Verantwortung muss beim Menschen bleiben?«
Weizenbaum sah sich angesichts der massiv steigenden Verwendung von softwarebasierten Systemen im Militär der 70er und 80er Jahre zum Mahner berufen. Dies reizte zum Widerspruch und zum Widerstand, verschaffte ihm aber auch Kultstatus unter den Intellektuellen und der Antikriegsbewegung. Seine Sorge über die zunehmende Rolle der Computertechnik im kaltem wie im heißenKrieg(warfare), und die Gefahr, dass Computer die Kriegführung tödlicher und potenziell katastrophal machen, ist des Nachdenkens wert. Er konnte ja schon damals Beispiele von global bedrohlichen Beinahe-Katastrophen bieten.
Heute, wo KI-basierte Systeme bereits vielfach autonom Menschen angreifen und töten –Soldaten wie Zivilbevölkerung–, sollten unsere Alarmglocken umso lauter schrillen. Erst kürzlich übernahmen KI-Systeme mittels Hacker-Angriffen ganze Webseiten. Die USA erkannten gerade noch rechtzeitig vor Angriff auf ein chinesisches Schiff, dass die davon ausgehende Bedrohungsaussage durch KI gefälscht worden war. Ein KI-System schottete sich selbständig gegen die Steuerung und Beauftragung durch seine Betreiber ab und erzeugte damit eine gefährliche technische »Autonomie«.
Man wird unwillkürlich an den Goetheschen Zauberlehrling erinnert, der schon vor 230 Jahren lehrte (1797): Wer Kräfte oder Techniken in Gang setzt, die er nicht hinreichend versteht und beherrscht, riskiert, die Kontrolle über die Folgen zu verlieren. Selbst Designer und Investoren von KI-Systemen warnen nun, fordern öffentlich Grenzen der Legalität ihrer Anwendung, ziehen den Staat als Überwachungsinstanz heran.[5] KI als Fluch? Vor einem »Segen für die Menschheit« bräuchte man ja nicht warnen. Wir müssen leider vermuten, dass auch diese Technologie nicht zuerst dem Menschen dienen soll, sondern nur bestimmten Menschen – auf Kosten der anderen.
Diese bestimmten Menschen sorgen dafür, dass Nachrichten und Studienergebnisse von realen oder potentiellen Gefahren vertuscht oder verleugnet werden, wenn sie dem Gewinn- und Machtstreben im Wege stehen. Diese bestimmten Menschen haben »Experten« für jeden Kommunikationskanal. Sie lassen ad nauseam Narrative erzählen. Der UN-Weltklimarat (IPCC) zum »aktuellen Klima«, die WHO und Herr Fauci zu Corona und mRNA-»Impfung«, sie alle vertreten natürlich ganz von Eigeninteressen losgelöst nur die reine und wahre Wissenschaft. Wenn da nicht die dummen »Leaks« wären. Nein, es wird immer solche geben, die die Stimme des Warners und das rote Warnlicht wegerklären, herausdrehen oder überkleben. Vor allem, wenn es um viel Macht und viel Geld geht. Man kann anscheinend recht erfolgreich mit der Naivität und Leichtgläubigkeit eines Großteils der Menschen rechnen.
An jeder neuen Technologie verdienen gewisse Kreise Unsummen. Bei KI und Rüstung heißen diese Gewinnler verschleiernd der »militärisch-industrielle Komplex«, der sich fast undurchschaubar aus Bankern, Investoren, Industriellen, Forschern und Politikern zusammensetzt. Diese Kreise schützen ihre Macht und ihre Geldgier mit ihren Medien, ihren Influencern und ihren Talk-Show-Politikern, die den Menschen auf allen Kanälen versichern, dass alles »alternativlos«, »notwendig«, »terrorabwehrend«, »kinderschützend« oder »friedenssichernd« (beliebig austauschbar) sei. Daher müsse man auch eine Schuldenaufnahme bis zum Platzen des Geldsystems hinnehmen. Dass dies Hunderte von Millionen Zivilpersonen ins Unglück der Rücklagen- und Existenzberaubung stürzten würde, wird nicht verraten. Man bedient sich des Orwellschen »Doublespeak«: einen billionenschweren Schuldenberg nennt man »Sondervermögen« und die Simulation menschlichen Verhaltens und Wissens nennt man »Intelligenz«. Das klingt so authentisch wie romantische Flitterwochen mit einem chinesischen Silikon-Robot.
Und wenn es schief geht: Ein Sündenbock ist immer schnell zur Hand. Seit Jahrhunderten mehrfach bewährt hat sich für Regierungen auch die Methode, innenpolitisches und wirtschaftliches Versagen im Ernstfall mit dem Eintreten in einen Krieg zu verschleiern. KI kann helfen, den »Verteidigungsfall« festzustellen, wo ihn keiner will oder sieht.
Verschwörungstheoretiker – oder Verschwörungsleugner?
Das klingt nun alles nach »Verschwörungstheorie«. KI als großer Topos der Verschwörungserzählung? Nein, das lehnen wir ab, das machen nur »die Anderen«! Wir fallen lieber auf der anderen Seite vom Pferd und werden zum »Verschwörungsleugner«. Was ist damit gewonnen? – Wir müssen uns der christlichen Weltanschauung wappnen, die ihr Fundament im »Wort der Wahrheit« gegründet hat.
Für den, der an die Heilige Schrift als Offenbarungswort Gottes glaubt, skizziert Psalm 2 atemberaubend, dass seit langem(!) eine globale Verschwörung im Gange ist. Sie richtet sich wider Christus, wider den »Gesalbten Gottes«, wider den Sohn Gottes selbst. Hier entscheidet sich auch auf höchstem Niveau, ob eine als ambivalent eingeschätzte Technologie Segen oder Fluch für die Menschheit ist. Damit wären wir bei der spannenden Frage, ob es so etwas wie eine »christliche Technik(nutzung)« gibt. Dazu haben wir aber bereits an anderer Stelle Beiträge geliefert.
Der Bibelleser, der Christi Sprache und Sein Wort kennt, muss lernen, die stechende Note dessen wahrzunehmen, der »ein Menschenmörder von Anfang an« ist und der »nicht in der Wahrheit steht, weil keine Wahrheit in ihm ist«, der vielmehr »ein Lügner und deren Vater« ist. So hat ihn der Sohn Gottes entlarvend charakterisiert (Johannes 8). Folgenabschätzung ist ja nicht mit bloßer Betrachtung von Folgen erledigt, sie hat auch immer etwas mit Zielen und Absichten zu tun. Genauso ist es beim Ansatz der Techniklenkung: Was sind die Traumvorstellungen, Wünsche, Ziele und Werte der Technikschaffenden? Bei manchen Forschungen und Anwendungen ist der menschenverachtende Spiritus Rector unschwer identifizierbar. Kein Mensch braucht Viren, die mittels Gain-of-function-Technologie erheblich erhöhte Ansteckungs- und Schadfähigkeit haben. Niemand braucht Hacker, die Krankenhäuser erpressen, denen sie die Patientendaten gestohlen oder verschlüsselt haben. Niemand braucht ferngelenkte Raketen oder Kampfdrohnen, die Handelsschiffe versenken. Niemand? Niemand bei »gesundem Verstand«.
Es ist Gottes Gnade, dass selbst nichtglaubende Menschen –wie beispielsweise Josef Weizenbaum–, mahnend und mit nachvollziehbarer Kritik ihre Stimme erheben. Weizenbaum war jüdisch geprägt, religiös bzw. mystisch sensibel, aber gegenüber institutionalisierter Religion und dogmatisch formulierter Gottesvorstellung distanziert. Seine Technikkritik beruht auf einem humanistischen Menschenbild, das ausdrücklich Raum für das Nicht-Formalisierbare, das Mysterium und eine »lebendige Wahrheit« lässt. Der Mensch ist für ihn nicht vollständig als informationsverarbeitende Maschine beschreibbar. Es gibt für ihn Dimensionen menschlichen Lebens, wie Liebe, Würde, Verantwortung und Wahrheit, die sich einer vollständigen Formalisierung entziehen. Er sagte 1998 in einem Gespräch mit Bernhard Pörksen: »Meine Auffassung ist in der Tat, dass es etwas Unsagbares gibt, eine lebendige Wahrheit, die sich nicht in Worte fassen lässt.«
Die Wahrheit Gottes hat offenbar solch durchdringende Kraft, dass selbst die Großmacht der Menschen, »die die Wahrheit in Ungerechtigkeit niederhalten [o. unterdrücken]« (Römer 1,17), nicht verhindern kann, dass diese hier und da erleuchtend und mahnend aufblitzt. Zumindest als Ahnung des Herzens, manchmal sogar als wahre Einsicht.
Gott sei Dank! Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft wäre sonst nur eine weitere unentdeckte, perfide Strategie des alten Menschenfeindes, die erfolgreich kräftig geleugnet würde.
Ausblick
Ein weiterer Aspekt der Technologie-Nutzung sollte Gegenstand gesonderter Überlegung werden: Die ubiquitär präsente Digitaltechnik, besonders in Form des symbiotisch anmutenden Lebensbegleiters Smartphone, verändert auch den Menschen. Die Forschungsfrage lautete in ihrer allgemeinen Formulierung: Was macht Technologie mit dem Menschen? Konkreter und spezifischer für diesen BLOG ist die Fragestellung, inwieweit diese Technologie die Theologie des glaubenden Christen beeinflusst und verändert.
Die klassisch angesetzten Meinungsumfragen, wie die zum State of Theology in den USA (Ligonier Ministries; Lifeway Research) oder die Barna-Studie The Open Generation, bei der auch über tausend Jugendliche in Deutschland befragt wurden, können evtl. Hintergründe und erste Startpunkte zum Nachdenken geben.
Der schleichend größer werdende Ersatz des physisch realisierten Gemeindelebens durch viele schillernde digitale Ersatzangebote zeigt Folgen im Bewerten, Entscheiden, Erleben und Verhalten. Die Kraft digitaler Präsenz drängt die Körperlichkeit des Menschseins in Wichtigkeit nach hinten. Ist das Internet im Himmel – ist der Himmel im Internet? Garantiert die digitale (Alter Ego-) Präsenz Ewigkeit? Überhaupt: Wozu braucht es jetzt noch eine leibliche Auferstehung?
Wer den Tod nur noch als technisches Problem sieht, erwartet konsequenterweise von Zukunftstechnologien die Erlösung. Wo Technologie nicht mehr nur Werkzeug des Menschen ist, beginnt sie, den Menschen selbst neu zu definieren. Der Mensch als Algorithmus, den man ohne weiteres ins Internet »hochladen« könne. Harari lässt grüßen: »we may even succeed in creating completely inorganic beings« (2017). Dies scheint mir eine besonders perfide und widergöttliche Form von »Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft« zu sein.
Endenoten
[1]Second International Conference on Applications of Artificial Intelligence in Engineering, 4.–7. August 1987, Boston (MA, USA). Diese Veranstaltung beschäftigte sich stark mit Expertensystemen (Knowledge-Based Expert Systems) und aneren technischen/industriellen KI-Anwendungen.
[2] Rodney Brooks hatte ab Mitte der 1980er Jahre am MIT Artificial Intelligence Laboratory eine neue Generation solcher autonomen mobilen Roboter entwickelt (A Mobile Robot Project (1985), A Robust Layered Control System for a Mobile Robot (1985)). Marc Raibert, der 1986 von der Carnegie Mellon University kam, entwickelte die berühmten einbeinigen, zweibeinigen und vierbeinigen dynamischen Laufroboter und gründete dann 1992 als MIT-Spinoff die Boston Dynamics.
[3] DARPA = Defense Advanced Research Projects Agency (etwa: US-Agentur für fortgeschrittene Verteidigungsforschung); Forschungsbehörde des US-Verteidigungsministeriums (Department of Defense), die risikoreiche, technologisch weit vorausgreifende Forschungsprojekte mit möglicher militärischer Bedeutung finanziert. – Ein Beispiel der angedeuteten Förderung: »Dynamically Stable Legged Locomotion: Second Report to DARPA« (Forschungsbericht 1983) dokumentiert die DARPA-finanzierten Arbeiten Raiberts von Oktober 1981 bis Dezember 1982.
[4] Die Transformer-Architektur ist eine Architektur für künstliche neuronale Netze, die 2017 von Forschern bei Google in dem Aufsatz Attention Is All You Need vorgestellt wurde. Sie bildet die technische Grundlage praktisch aller modernen Large Language Models (LLM), also auch von GPT-Modellen (GPT = Generative Pre-trained Transformer). Ein Transformer ist eine neuronale Netzwerkarchitektur, die mittels Attention kontextabhängige Beziehungen zwischen Tokens berechnet und daraus schichtweise komplexe Repräsentationen von Sprache erzeugt.
[5] Warum warnen Erfinder und Betreiber einer Technologie vor ihrer eigenen Technologie und motivieren mit Schreckensszenarien eine staatliche Überwachung(sbehörde)? Wie so oft bei Großtechnologien mit hohen Risiken liegt auch hier die Vermutung nahe, dass die betreffenden Unternehmen damit Haftungsverantwortung an den Staat delegieren wollen.
Lesedauer: 22 Minuten. Mit offener Bibel eher 3 Stunden… Zusammenfassung: hier (PDF)
Unser schräges Gottesbild
Man bekommt heute auch in christlichen Medien und christlichen Gemeinden ein erstaunlich schräges Gottesbild vermittelt: der »liebe Gott«. Ein lieber, alter Großpapa, der nichts lieber will, als seinen Enkeln süße Geschenke zu machen und sie bei Laune zu halten. Die Kleinen sollen doch ihre Träume verwirklichen. Über ihre Missetaten sieht er freundlich hinweg, auch wenn er manchmal weise sein Haupt schüttelt. Aber er hält sich zurück, redet nicht drein. Schon gar nicht erziehend, gar disziplinierend. Die Kids sollen doch ihrem freien Willen folgen. Das macht doch ihre Gottesbildähnlichkeit aus. Also nur zu! Sünde, Zorn, Grimm und Rache — das passt ins Mittelalter, aber nicht zu unserer Vorstellung von Gott-Vater.
Aber dann liest man in der gesamten Bibel immer wieder von »Gottesfurcht«. Mhhm, das gilt heute sicher nicht mehr. Ein Jesaja mag damals den Schreck seines Lebens gehabt haben, als er plötzlich in den Thronsaal Gottes sehen durfte und die Engel sagen hörte: »Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen, die ganze Erde ist voll seiner Herrlichkeit!« (Jesaja 6,1ff). Er reagierte ja mit völligem Schock auf Gottes Heiligkeit: »Wehe mir!« Auch andere Menschen, die sich plötzlich in der Gegenwart Gottes wiederfanden, hatten ähnliche Reaktionen: ein Abraham (1Mose 17,3), ein Mose mit Aaron (4Mose 16,22) oder ein Hesekiel (Hesekiel 1,28). Nicht gerade die schlechtesten Menschen. Eher große Vorbilder des Glaubens.
Jetzt mach mir bitte bloß keine Angst! Christen, Gotteskindern, passiert so etwas doch nicht mehr! Wie bitte, der große Heidenapostel Paulus erlebte auch so etwas? Ja: Apostelgeschichte 9,4. Der wurde sogar eine zeitlang völlig blind. Und sogar der »Apostel der Liebe«, Johannes, der uns so viel von der Liebe Gottes, des Vaters, schreibt, der fiel auch wie tot nieder, als er Jesus in seiner Herrlichkeit sah. Wirklich? Noch nie gelesen! OK, Du hast recht, es steht so im NT: Offenbarung 1,17. Dieses Buch lese ich sowieso nicht so gerne. Da steht so viel davon, dass Gott zornig, grimmig und rächend ist. Da bleibe ich lieber bei Johannes 3,16! (Kleiner Tipp: Lies weiter bis Vers 36!)
Aber Du machst mich nun schon ganz schön unsicher! Es bedrückt mich geradezu. Das ist doch einseitig, von der Heiligkeit Gottes zu reden, und dass diese Menschen, Christen, Gotteskinder, bis zum Tode schockiert sind, wenn sie Gott sehen in seiner Herrlichkeit. Das ist so bedrohlich! Ich würde da lieber bei dem Bild des liebenden Vaters bleiben. Das reicht mir. »Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!« Was soll ich anfangen mit einem »Wehe mir, ich vergehe!«?
Was hier übertrieben skizziert wurde, ist vielleicht gar nicht übertrieben, wenn man Christen so zuhört. Es ist ein großer, bedenklicher Trend. Er wurde vor 20 Jahren in den USA ausführlich unter »Christen« erforscht.
Moralisch-therapeutischer Deismus
Christian Smith und seine Mitforscher von der National Study of Youth and Religion (NSYR) an der University of North Carolina at Chapel Hill untersuchten anfangs dieses Jahrhunderts eingehend die religiösen Überzeugungen amerikanischer Teenager. Dabei stellten sie fest, dass der Glaube, den die meisten Jugendlichen vertraten und beschrieben, im Wesentlichen auf etwas hinauslief, das die Forscher als »moralistisch-therapeutischen Deismus« bezeichneten. Er besteht aus Überzeugungen wie diesen:
Es gibt einen Gott, der die Welt erschaffen und geordnet hat und über das menschliche Leben auf der Erde wacht.
Gott möchte, dass die Menschen gut, freundlich und gerecht miteinander umgehen, wie es die Bibel und die meisten Weltreligionen lehren.
Das zentrale Ziel des Lebens besteht darin, glücklich zu sein und sich selbst gut zu fühlen.
Gott muss im eigenen Leben nicht besonders stark einbezogen sein, außer wenn man ihn braucht, um ein Problem zu lösen.
Gute Menschen kommen in den Himmel, wenn sie sterben.
Die drei Attribute moralistisch – therapeutisch – deistisch sind dabei sehr bewusst gewählt:
moralistisch: Der Glaube bedeutet vor allem: Sei ein guter Mensch.
therapeutisch: Der Glaube soll dazu beitragen, dass ich glücklich bin, mich wohlfühle und mit meinem Leben zurechtkomme.
deistisch: Gott existiert zwar und hat die Welt geschaffen, bleibt aber normalerweise auf Distanz, lässt mich in Ruhe. Außer man braucht Hilfe, dann soll er natürlich helfen!
Das theologisch Interessante an Smiths Befund ist, dass er damit nicht einfach Unglauben beschreibt. Die Jugendlichen hielten sich vielfach durchaus für Christen. Smiths These war vielmehr, dass sich unter der Oberfläche traditioneller christlicher Sprache faktisch eineandere Religion herausgebildet habe. (Quelle: Christian Smith with Melinda Lundquist Denton, Soul Searching: The Religious and Spiritual Lives of American Teenagers (New York: Oxford University Press, 2005), S. 162–163).
Also: Viel religiöses, emotionales Gerede. Meistens dreht sich alles um ich, mir, meiner, mich. Ich fahre, wohin ich will. Ich verwirkliche mich. Live your Dreams! Ich sitze selbst am Steuer. Gott brauche ich natürlich auch. Er soll mir die nächste Tankfüllung bezahlen. Und ab und zu brauche ich ihn auch als kosmischen ADAC.
Der Wahrheits-Check
Unsere Kultur schwebt mit dem Zeitgeist sanft dahin. Auch in den Gemeinden. Da wird schmerzlich bewusst, dass die Kirche stets der Reformation bedarf. »Ecclesia semper reformanda« bedeutet ja gerade nicht, dass sich die Kirche dauernd dem Zeitgeist anpassen sollte (was Programm mancher Kirchen zu sein scheint), sondern sich immer wieder aus der Deformation lösen muss, indem sie sich zum Original wendet und die Hilfs- und Stützmuskeln aufbaut, wie ein durchgesackter Skoliose-Patient in der Krankengymnastik. Mancher Blick in den Ganzkörperspiegel des Wortes Gottes wirkt da ernüchternd.
The Solid Rock
Zuerst halten wir fest, dass ein wiedergeborener Mensch durch Buße (Umkehr zu Gott) und Glauben zu Gott gekommen ist. Das waren seine ersten Lebensregungen durch den Heiligen Geist. Durch die Geburt von oben (Gott) her ist er nun ein »geliebtes Kind Gottes« (Epheser 5,1), nicht länger ein »Kind des Zorns« (Epheser 2,3). Das ist ewiger Fakt, wir reden hier nicht über Probe- oder Bewährungs-Kindschaft, sondern den freien, liebevollen und gewollten Zeugungsakt durch Gottes Geist selbst (lies Johannes 3). Wer an Gott und das Rettungswerk Jesu am Kreuz glaubt, weiß sicher, dass der gerechte Zorn Gottes über seine Sünden am Kreuz durch Jesu Sterben, sein Blutvergießen, völlig absorbiert worden ist (Hebräer 10,14). Weil Jesus Christus den Zorn Gottes in Gänze und Fülle stellvertretend für diesen Glaubenden ertragen hat, hat er Gott als Weltenrichter nie mehr zu befürchten. Er darf wissen: Der, der einst jedem das Endurteil aussprechen wird, ist derselbe, der Dich bereits mit seinem eigenen Blut erlöst und auf immerdar gerecht gesprochen hat. Glaubende erscheinen eines Tages vor dem »Richterthron des Christus«, aber da geht es um Lohn, nicht mehr um Errettung (1Korinther 3,12–15; »er selbst aber wird errettet werden«!). Der Glaubende wird nicht vor dem »Großen Weißen Thron« erscheinen, wie die »Toten«, für die die ewige Verdammnis das sichere Urteil sein wird (Offenbarung 20,11–15).
Der Glaubende darf sich freuen, dass sein Name im Himmel angeschrieben ist (Lukas 10,20). Niemand kann oder wird diesen Eintrag auslöschen, er darf sich darüber freuen, wie über kein Zweites. Welche Sicherheit! Welche Ruhe der Seele! Er hat »einen sicheren und festen Anker der Seele«, der bis ins Heiligtum(!) reicht (lies Hebräer 5,16–20). Er darf wissen, dass Gott ihn mit ewiger Liebe erwählt hat, denn er gehört zu Gottes geretteten Volk (Jeremia 31,3). Er hat sogar die Liebe Gottes durch den Heiligen Geist ins Herz ausgegossen bekommen (Römer 5,5). Mehr geht nicht. Näher zu Gott geht nicht. Daher: die »vollkommene Liebe treibt [diese falsche] Furcht aus« (lies 1Johannes 4,17–18).
Der Schock des großen Propheten Jesajas
Zum richtigen »Gottesbild« gehört aber auch die Szene in Jesaja 6. Es ist nicht einzusehen, warum eine Betrachtung der Selbstoffenbarung Gottes in diesem Abschnitt des Wortes Gottes das biblische Gottesbild je erschüttern könnte, sie gehört ja mit dazu. Erschütterung oder Dissonanz kann nur erfolgen, wenn man vorher ein nicht vollständig auf die Bibel gegründetes Gottesbild hatte. Insofern ist auch dieser Text aus dem »Wort der Wahrheit« eine notwendige und erbauliche Pflege der Erkenntnis Gottes, die Gott selbst will. Er offenbart sich ja selbst in diesen Texten, weil Er will, dass wir alle richtig (=biblisch) von Ihm denken. Sonst geht Anbetung »in Geist und Wahrheit« nicht. Der Geist Gottes im Glaubenden will aber solche Anbetung durch die Glaubenden fördern! Immerhin wurden die »Bluterkauften« alle zu seinen Priestern! (Offenbarung 1,5).
Der Schock des großen Apostels der Liebe
Selbst der »Apostel der Liebe«, Johannes, hatte ähnlich traumatische Erlebnisse, als er Jesus Christus in seiner richterlichen Herrlichkeit sah (lies Offenbarung 1,17). Das zeigt uns wieder einmal, dass es völlig verfehlt wäre zu meinen, dass der Gott des AT ein anderer sei, als der im NT. Oder dass für uns Christen ein anderer Gott sei, als für die Gottgläubigen anderer Epochen der Gnade Gottes. Gott ist unwandelbar. Nur seine Selbstoffenbarung im Wort Gottes war fortschreitend.
Wenn also selbst die »besten Christen«, wie ein Apostel Johannes, solchen Schock erlebten, was schließen wir daraus? Genau dieser Apostel lehrt uns so viel über die Sicherheit unseres Heils in Christus! Das Problem, dies alles harmonisch zusammenzuhalten, ist in uns begründet. Das Wort Gottes ist ohne Widerspruch klar: Gottesfurcht und Gottesliebe gehören ganz harmonisch und wesensvereint zusammen. Bei Gott zumindest. Man muss eben die ganze Wahrheit lesen (s.u.). Wir müssen dann lernen, diese Wahrheit Gottes noch in Kopf, Herz, Mund und Tat umzusetzen. Ganz persönlich – und ganz öffentlich in der Verkündigung.
Wie steht es also um das Fürchten?
Da muss nun eine Bibelarbeit her. Im Folgenden steht als Handreichung eine Liste, die gut die These belegt, dass auch die vielgeliebten Kinder Gottes, die »im Sohn« sind, immer noch und ewig Gott zu fürchten haben. Die Frage ist: Wie? Hauptsache ist, wir suchen eine Antwort auf diese Frage(n)! Und zwar im Wort Gottes. Das »reformada« geht nur dann in die richtige Richtung, wenn Gottes »Bild gesunder Worte« uns gesunden lassen darf.
Wenn die Verkündigung aber stets und reflexartig um alle »unangenehmen« Themen einen Bogen macht, wird sie unausgewogen und lückenhaft. Und dann ist unsere Erkenntnis mangelhaft, sie hängt fast zwangsweise schief. »Die Summe deines Wortes ist Wahrheit« (Psalm 119,160a). Das fordert den Verkündiger heraus, auch unangenehme Wahrheiten der Schrift darzulegen. Hier nun ein paar »Furcht«-Stellen im NT:
Eines der Kennzeichen der verlorenen Menschen ist: »Es ist keine Furcht Gottes vor ihren Augen« (Römer 3,18, als Zitat aus dem AT: Psalm 36,2). Im Umkehrschluss gilt für Errettete das Gegenteil. Das zeigt die Schrift vielfach auf.
Paulus unterscheidet deutlich: »Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, wiederum zur Furcht, sondern einen Geist der Sohnschaft habt ihr empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater!« (Römer 8,15). In unser Vater-Kind-Beziehung darf keine Verlustangst oder »sklavische Furcht« mehr herrschen, sie ist sehr intim und voll Urvertrauen (»Abba«!). Aber das ist nicht alles, was die Bibel zu sagen hat.
Dem Erlösten gilt auch nicht mehr: »Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen!« (Hebräer 10,31). Warum? Weil Jesus stellvertretend für jeden Glaubenden dieses Furchtbare am Kreuz ertragen hat: »Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?«! (siehe auch Hebräer 10,27).
Der Apostel Paulus schreibt aber von einer legitimen Furcht: »Da wir nun diese Verheißungen haben, Geliebte, so lasst uns uns selbst reinigen von jeder Befleckung des Fleisches und des Geistes, indem wir die Heiligkeit vollenden in der Furcht Gottes.« (2Korinther 7,1). Offenbar gibt es keine vollkommene Heiligung (also kein Jesus-ähnlicher-werden), wenn man nicht »in der Furcht Gottes« steht. Daher kann man auch bzgl. der Frage, warum es so wenig Heiligung gibt, als eine Hauptursache vermuten: Man hat der Furcht Gottes abgesagt. Man verdrängt sie. Sicher ein wichtiger Zusammenhang.
Daher schreibt Petrus, dass Gott zum Vater haben und Furcht zu haben, keine Widerspruch ist: »Und wenn ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person richtet nach eines jeden Werk, so wandelt die Zeit eurer Fremdlingschaft in Furcht« (1Petrus 1,17). Damit ist das gesamte Leben als Christ und Gotteskind in diesem Zeitlauf gemeint. Gott-Vater erzieht die einstigen »Söhne des Ungehorsams« (Epheser 2,2; 5,6; Kolosser 3,6), dass sie würdige »Söhne des Lichts und Söhne des Tages« (1Thessalonicher 5,5) werden (lies Hebräer 12,4ff), denn sie werden mit Sicherheit in Gottes Herrlichkeit wohnen (Hebräer 2,10), im herrlichen Haus ihres Vaters.
Auch rettende Buße wird massiv vom Motiv der Gottesfurcht befördert: »Denn die Betrübnis Gott gemäß bewirkt eine nie zu bereuende Buße zum Heil; die Betrübnis der Welt aber bewirkt den Tod. Denn siehe, eben dieses, dass ihr Gott gemäß betrübt worden seid, wie viel Fleiß hat es bei euch bewirkt! Sogar Verantwortung, sogar Unwillen, sogar Furcht…« (2Korinther 7,10–11). Man sieht aus dem Zusammenhang, wie gut und heilsam diese Furcht war.
Das erkennt man auch an folgender Aussage der Schrift: »Durch Glauben bereitete Noah, als er einen göttlichen Ausspruch über das, was noch nicht zu sehen war, empfangen hatte, von Furcht bewegt, eine Arche zur Rettung seines Hauses…« (Hebräer 11,7). Furcht motivierte den gläubigen und gerechten Noah, genau das zu tun, was Gott ihn geheißen hatte, egal was die Menschen im Spott außenherum sagten. Und am Ende war diese Arche sein und sieben weiterer Rettungsmittel! Dies alles deutet auch laut Petrus auf »unsere Arche« Jesus Christus: Wir glauben an ihn, besteigen sozusagen unsere Rettungsarche Jesus Christus, von Furcht bewegt, denn das Gericht Gottes kommt sicher. Denn Gott »… gebietet jetzt den Menschen, dass sie alle überall Buße tun sollen, weil er einen Tag festgesetzt hat, an dem er den Erdkreis richten wird in Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat« (Apg 18, 30).
Auch im Zusammenleben in der örtlichen christlichen Gemeinde geht es nicht gut ohne ein »einander untergeordnet in der Furcht Christi« (Epheser 5,21). Wenn wir im Zusammenleben als Gemeinde Probleme erleben, sollten wir auch mal an dieser Stelle nach Ursachen forschen.
Sollten große Probleme der Zerstrittenheit in der Gemeinde auftreten, die zur Lähmung der Zusammenarbeit führen, dann lautet die göttliche Anweisung: »Daher, meine Geliebten, wie ihr allezeit gehorsam gewesen seid, nicht allein als in meiner Anwesenheit, sondern jetzt viel mehr in meiner Abwesenheit, bewirkt euer eigenes Heil mit Furcht und Zittern« (Philipper 2,12). Bei den Angeschriebenen ging es ja nicht mehr um das ewige Heil, sondern um die Lösung ihrer brennenden Probleme miteinander. Die Glaubenden sollten das zusammenhalten: Sie sind »Geliebte« und sie wirken »mit Furcht und Zittern« (vor Gott) an der Lösung ihrer (Unheiligkeits-) Probleme. Das sollten wir unbedingt zusammenhalten!
Judas hat für die Gemeinde in der Endzeit klare Anweisungen: »Und die einen, die streiten, weist zurecht, die anderen aber rettet mit Furcht, sie aus dem Feuer reißend, indem ihr auch das vom Fleisch befleckte Kleid hasst.« (Judas 1,22). Wir engagieren uns in der Seelsorge auch in für uns gefährlichen Situationen, weil wir Gott fürchten und nicht möchten, dass jemand »in die Hände des lebendigen Gottes fällt«. Judas vermittelt uns dann im nächsten Satz auch großes Vertrauen, dass wir bewahrt bleiben, wenn wir an Jesus in Gottesfurcht fest hängen bleiben (lies Judas 1,24–25).
Unsere Gottesfurcht ist auch ein kräftiges »Evangelisationsmittel« für biblisch treue Ehefrauen gg. ihren untreuen/ungläubigen Ehemännern: »Ebenso ihr Frauen, ordnet euch euren eigenen Männern unter, damit, wenn auch einige dem Wort nicht gehorchen, sie durch den Wandel der Frauen ohne Wort gewonnen werden mögen, indem sie euren in Furcht reinen Wandel angeschaut haben« (1Petrus 3,1ff). Die »heiligen Frauen« (1Petrus 3,5) waren deshalb Vorbilder und erfolgreiche Ehepartner auch abirrender Ehemänner, weil sie ihre Männer nicht mit sündigem Verhalten gewinnen wollten (und auch nicht mit beständigem »Anpredigen«), sondern die als wahrhaft gläubige Frauen ihre Not und ihre Hoffnung auf Gott setzten. Das macht der Glaube nämlich immer so: er bringt Gott in die Umstände. Gott ist da! Als Ausdruck dieses vorbildlichen Glaubens konnte man ihren »in Furcht reinen Wandel« beobachten. Passt auch nicht so ganz zu unserem Zeitgeist, aber wohl zum Geist Gottes. Und den braucht man in dieser Situation not-wendig.
Auch beim Evangelisieren Unerlöster ist Gottesfurcht eine unverzichtbare Qualität: »Seid jederzeit bereit zur Verantwortung gegen jeden, der Rechenschaft von euch fordert über die Hoffnung, die in euch ist, aber mit Sanftmut und Furcht; indem ihr ein gutes Gewissen habt« (1Petrus 3,15f).
Derselbe Apostel redet auch von Gottesfurcht im Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis: Knechte (abgemildert und angewandt: Arbeitnehmer) sollen ihren Dienstherren gehorchen. Das tiefe Motiv dazu lautet: »den Herrn fürchtend« (Kolosser 3,22). Die Parallelstelle in Epheser lautet sogar: »Ihr Knechte, gehorcht den Herren nach dem Fleisch mit Furcht und Zittern, in Einfalt eures Herzens, als dem Christus« (Epheser 6,5). Wir sehen: Vom Herrn gewollte säkulare Beziehungen werden von unserer Gottesbeziehung massiv positiv beeinflusst, gefördert und veredelt, denn letztere bringt das Motiv der Heiligung und damit der Ewigkeitsperspektive herein.
Der Hebräerbrief sagt: »Deshalb, da wir ein unerschütterliches Reich empfangen, lasst uns Gnade haben, durch die wir Gott wohlgefällig dienen mögen mit Frömmigkeit und Furcht.« Begründung: »Denn auch unser Gott ist ein verzehrendes Feuer« (Hebräer 12,28–29). Unser Gottesdienst muss also motiviert und gekennzeichnet sein von: Frömmigkeit und Furcht. – Wir müssen dabei unterscheiden zwischen einer Furcht aus Respekt vor dem Ewigen und Höheren und einer unbegründeten, sklavischen Furcht, die nicht zu unserer Gotteskindschaft und Erlösung passt.
Früher verstanden Menschen aus dem Alltag ihres Familienlebens noch, dass man die Höheren, die Eltern, gleichzeitig fürchten und lieben kann, ohne Widerspruch. Respekt und Ehrfurcht, manchmal auch Furcht vor der Zuchtmaßnahme, haben oft bewahrt vor dem Sündigen, und so die Beziehung segensreich(er) gemacht. Nehmen wir nun die Ehrfurcht weg und reden nur noch von der Liebe ohne Ehrfurcht, dann geht das schief. Das kann man überall in unserer Gesellschaft und leider auch in der Gemeinde Jesu sehen. Man lese dazu die (für unseren Zeitgeist) provokanten Verse in Hebräer 12,5–11 (Diese Verse sollen uns übrigens nicht entmutigen, sondern ermutigen. Der Kontext liefert nämlich: »Darum richtet auf… Jagt dem Frieden nach mit allen und der Heiligkeit, ohne die niemand den Herrn schauen wird« (usw.)).
Der Apostel Petrus fordert Glaubende auf: Staatsbürgern (früher: Untertanen) gilt: »fürchtet Gott, ehrt den König« (1Petrus 2,17). Das kann man mit den göttlich gebotenen Grenzen gg. Menschen (»Clausula Petri« in Apg 5,29) auch heute anwenden: Gott gehört die Gottesfurcht, die Ehre dem Höheren.
Der Apostel Paulus fordert uns auf: »Gebt allen, was ihnen gebührt: die Steuer, dem die Steuer, den Zoll, dem der Zoll, die Furcht, dem die Furcht, die Ehre, dem die Ehre [gebührt].« (Römer 13,7). Es gibt offenbar eine legitime, von Gott geforderte und daher heilsame und gute Furcht. Welche ist hier gemeint? Ich denke, dass Paulus das Gleiche meint wie Petrus (s. Pkt. davor).
Verfolgten um des Glaubens willen gilt: »Fürchtet aber nicht ihre Furcht« (1Petrus 3,14). Das ist eine augenöffnende Stelle, denn sie geht davon aus, dass es unterschiedliche Arten von Furcht gibt, man also differenzieren muss. Wo man das nicht tut, fällt man in seelenverletzenden Irrtum. Die Furcht der Welt, die Welt der Nichtgläubigen, soll uns nicht erfassen, vielmehr aber die reine Gottesfurcht.
DiegewählteVorgehensweise hier sollte klar sein: Das war kein: »Ich erzähle Dir, wie ich das sehe« oder »Ich bin der Meinung, dass…«. Sondern ein Führen zu Gottes Wort, wo es von Furcht spricht. Das ganze Wort! (Konkordanzfunktionen einer digitalen Bibel mögen weitere Stellen aufzufinden helfen.) Dahin, zur Wahrheitsquelle, müssen wir miteinander gehen. Dort hat sich Gott in Wahrheit geoffenbart. Das ist der Maßstab, an dem wir unsere Verkündigung, unsere Lehre, unser Reden (und Beten) und unser Leben messen müssen. Jeder Verkündiger steht in einer großen (manchmal Furcht erregenden!) Verantwortung vor dem Herrn (lies Jakobus 3,1 in Verbindung mit Hebräer 5,12ff).
Wie können wir denn (erfolgreich) leben: ohne Furcht oder mit Furcht?
Es wäre der Verlust des wichtigsten Weisheitsprinzips (Weisheit im AT lehrt uns, wie unser Leben als Menschen vor Gott gelingen kann), wenn wir die Gottesfurcht aufgeben oder verblassen lassen würden. Dies soll abschließend eine Handvoll Stellen belegen. Sie sind alle wohlbekannt, oft zitiert. Ich nehme nur Stellen aus den Weisheitsbüchern des AT. Sie sollen für sich selbst sprechen:
»Und zum Menschen sprach er: Siehe, die Furcht des Herrn [adonai] ist Weisheit, und vom Bösen weichen ist Verstand.« (Hiob 28,28). Der Spruch ist hebräische Poesie: der zweite Halbsatz entspricht (in Variation) dem ersten. Daraus lernen wir, dass es ausgesprochen unvernünftig ist, Gott, den absoluten Herrscher [adonai], nicht zu fürchten.
»Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang; gute Einsicht haben alle, die sie ausüben. Sein Lob besteht ewig.« (Psalm 111,10) – Anfang heißt: Wer das verpasst, der läuft den ganzen Weg dann falsch. Oder anders formuliert: Furcht Gottes hat oberste Priorität.
»Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Erkenntnis; die Narren verachten Weisheit und Unterweisung.« (Sprüche 1,7) Hier dient ein klarer Tadel als Verstärkung.
»Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang; und die Erkenntnis des Heiligen ist Verstand.« (Sprüche 9,10)
»Die Furcht des Herrn ist Unterweisung zur Weisheit, und der Ehre geht Demut voraus.« (Sprüche 15,33). Nur der Demütige lässt sich belehren. Und Gott ehrt dies(en).
»Der Herr ist hoch erhaben; denn er wohnt in der Höhe, er füllt Zion mit Recht und Gerechtigkeit. Und es wird Festigkeit deiner Zeiten, Fülle von Rettung, von Weisheit und Erkenntnis geben; die Furcht des Herrnwird sein Schatz sein.« (Jesaja 33,5f). – Offenbar ist die Gottesfurcht etwas sehr Wertvolles, ein Schatz.
»Das Endergebnis des Ganzen lasst uns hören: Fürchte Gott und halte seine Gebote; denn das ist der ganze Mensch.« (Prediger 12,13). Hier fasst der Prediger (König Salomo) seine ganze Weisheitssammlung in einem Satz zusammen.
Die latente Gefahr des Götzendienstes
Wir sehen, dass man bei der Rede von der Furcht Gottes die ganze Schrift beachten muss. Man darf sich nicht Stellen heraussuchen, die einem gefallen – und dann die anderen ignorieren. Zusammenstellen und Verehren einer Wunschvorstellung von Gott liegt jedem Menschen, denn er ist in seiner Gefallenheit trotzdem unheilbar religiös (Nikolai A. Berdjajew (1874–1948); Auguste Sabatier (1903)) und somit ein beständiger Götzen-Produzent (Johannes Calvin, Institutio I,11,8). Ludwig Feuerbach (1804–1872) deutete Religion als Projektion des Menschen: Nicht Gott habe den Menschen nach seinem Bild geschaffen, sondern der Mensch schaffe sich Gott nach seinem eigenen Bild (Das Wesen des Christentums, 1841). Das ist es, was wir unbedingt vermeiden müssen, denn: Gott hasst unsere Götzenbilder!
Machen wir es doch jenen himmlischen Wesen nach, die Gottes Heiligkeit aussprechen und besingen, und die von seinen heiligen und gerechten Gerichten begeistert sind:
»Und sie singen das Lied Moses, des Knechtes Gottes, und das Lied des Lammes und sagen: Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, Gott, Allmächtiger, gerecht und wahrhaftig deine Wege, o König der Nationen! Wer sollte nicht dich, Herr, fürchten und deinen Namen verherrlichen? Denn du allein bist heilig; denn alle Nationen werden kommen und vor dir anbeten, denn deine gerechten Taten sind offenbar geworden.« (Offenbarung 15,3–4; vgl. Offenbarung 19 »Halleluja!«)
Fazit & Anwendung
Die Schrift redet vielfach von der Furcht Gottes und dass der Mensch Gott fürchten soll. Der Kontext jeder Stelle lehrt uns aber zu differenzieren: es gibt richtige und gebotene Furcht und es gibt falsche und verbotene Furcht. Jedenfalls gilt für erlöste Gotteskinder, dass sie sich in einer Hinsicht nicht fürchten dürfen, aber in anderer Hinsicht sich sehr wohl fürchten sollen. Wir dürfen hier nicht einseitig werden, um vielleicht einen Schock damit ungläubig abzumildern. Lauge zur Säure gießen, um diese zu neutralisieren, mag an anderer Stelle produktiv und nützlich sein. Hier nicht. Hier gibt es nichts zu »neutralisieren«. Nichts beißt sich. Alles passt – an seinem göttlich gegebenen Ort (Kontext).
Ich denke, eine weitere praktische und heilsame Anwendung von Jesaja 6 wäre, dass wir deutlich mehr Ehrfurcht vor Gott an den Tag legen sollten, wenn es um einen Berufungsvorgang seitens Gottes(!) geht. Jesaja wird hier als Prophet Gottes in den Dienst gestellt, das ist der Kontext. Ein »Mach mal!« ist im Dienst Gottes regelmäßig zu wenig. Und ein »Das haben wir schon immer so gemacht!« braucht vielleicht die glühende Kohle vom Altar Gottes auf die Lippen, damit die Traditionsargumente dort wegbrennen und Gottes reiner Wille verkündet und getan wird. Zittern ist angesagt. Aber gewiss nicht aus Menschenfurcht.Gottesfurcht ist es: Weil wir Ihm vertrauen.
Beachten wir stets diese wichtige Unterscheidung: »Menschenfurcht legt einen Fallstrick; wer aber auf den Herrn vertraut, wird in Sicherheit gesetzt.« (Sprüche 29,25). Insofern ist es übel und schädlich (Falle!), anstelle von Gottesfurcht dauernd mit Argumenten der Menschenfurcht zu arbeiten, wenn es um die Dinge des Herrn und Seiner Gemeinde geht – das ist eine große Bau- und Schwachstelle.
Der Heilige Geist möge uns sein Wort auf die Seele legen und unser Denken biblisch umgestalten. Er wird den Glaubenden dahin führen, mit Überzeugung anbetend zu sagen: »Wer sollte nicht dich, Herr, fürchten und deinen Namen verherrlichen? Denn du allein bist heilig«!
Literaturverweise
Hier eine Liste von Links zu Artikeln und Werken anderer Autoren zum Thema. Sie haben zum Teil auch eigene weitere Verweise auf Quellen. Wie immer, so gilt auch hier: Alles anhand von Gottes Wort prüfen und nur das Gute behalten (1Thessalonicher 5,21).
Sehr zu empfehlen. Gründlich, dem Zeitgeist in der Gemeinde Christi entgegentretend: A. W. Tozer, Muss man Gott fürchten? – Das Gottesbild der Postmoderne. Kostenloser Download des Verlags CLV: https://clv.de/Muss-man-Gott-fuerchten/255281
Zum Thema direkt sehr zu empfehlen, der »Klassiker«: R. C. Sproul, The Holiness of God (1985/1998). Diese verschrifteten Vorträge waren und sind ein Segen für Gemeinden in aller Welt. Sproul hat dazu auch Lehr-Videos gemacht (ligonier.org).
Die Heilige Schrift, selbst eine Bibliothek einiger zig Bücher (lat. Biblia = »Bücher«), erwähnt auch andere Bücher, teilweise namentlich, teilweise anspielend. Eines davon spielt eine herausragende Rolle in der gesamten Heilsgeschichte: Das »Buch des Lebens« (es wird auch mit anderen und verkürzten Titeln bezeichnet, es mag auch mehrere Bücher mit ähnlichem Titel geben). Beim »Buch des Lebens« handelt sich nicht um ein physisches Buch, sondern um ein theologisches Bild mit starker symbolischer Bedeutung: Gott offenbart mit der schriftlichen Fixierung einer Namensliste von Menschen die Unveränderlichkeit seines Heils- und damit Lebensplanes. Aber es gibt beängstigende Anspielungen und Vorstellungen, dass diese Unveränderlichkeit doch nicht sicher garantiert sei. Entsprechend fächern sich die Deutungen bzgl. dieses »Buch des Lebens« auf.
Vorgehensweise: (I) Die Erwähnungen des »Buches des Lebens« sollen zuerst mit einer Zitatensammlung aus AT und NT überblicksartig gezeigt und kommentiert werden. (II) Da dieses Buch in der christlichen Lehrtradition sehr unterschiedlich verstanden wurde, müssen wir uns in einem zweiten Schritt einen Überblick über die unterschiedlichen Deutungen und deren Begründungen verschaffen. Dabei kann man erkennen, dass diese jeweiligen Deutungen oft in die Gesamttheologie der Deutenden eingepasst wird. (III) Drittens werden wir eine Deutung vertieft darstellen, von der wir überzeugt sind, dass sie dem Gesamtzeugnis der Schrift am besten entspricht. (IV) Eine Kostprobe von Zitaten soll die letzten beiden Punkte ergänzend illustrieren. – Da dies eine längere Untersuchung wird, hier vorweg eine Zusammenfassung.
Summary
Das Buch des Lebens ist ein himmlisches Register, das Gottes Beziehung zu seinem Volk dokumentiert. Gott wird dargestellt als jemand, der eine Aufzeichnung aller führt, die unter seiner besonderen Fürsorge und Obhut stehen. Die Bedeutung dieses Konzepts entfaltet sich auf zwei Ebenen: einer unmittelbaren und einer eschatologischen.
(1) In der unmittelbaren Dimension symbolisiert das Buch des Lebens Gottes Schutz und Anerkennung. Im Alten Testament bedeutet die Auslöschung aus dem Buch des Lebens, dass jemand physisch stirbt, während das Eingetragensein Gottes Gunst signalisiert. Aus diesem Register gelöscht zu werden bedeutet, von Gottes Gunst abgeschnitten zu sein und einen vorzeitigen physischen Tod zu erleiden. Im Neuen Testament erhält dieses Bild neue Tiefe: Für verfolgte Christen, deren Namen möglicherweise aus lokalen Synagogenregistern gelöscht wurden, verheißt Jesus, dass ihre Namen niemals aus dem himmlischen Register, das die Ewigkeitszuordnung des ewigen Lebens festhält, entfernt werden—eine Zusicherung der Zugehörigkeit zur himmlischen Stadt und Zukunft, selbst wenn sie irdische Ablehnung erfahren. –
(2) Eschatologisch betrachtet wird das Buch des Lebens zum entscheidenden Dokument des letzten Gerichts. Wer in diesem Buch nicht verzeichnet ist, erfährt wegen seiner Werke endgültiges Gericht im Feuer der Hölle. Die Namen der Auserwählten stehen aber schon bei Grundlegung der Welt in diesem Buch des Lebens des Lammes, ihr Eintrag wurde also bereits vorweltlich von Gott festgesetzt. Dies verbindet Gottes ewige Souveränität und Heilsvorsatz mit der gegenwärtigen Sicherheit der Gläubigen—eine Zusicherung, dass ihre gegenwärtige Treue zu Christus mit ihrer ewigen Bestimmung übereinstimmt.
1 Das Zeugnis der Schrift
1.1 Altes Testament
Die folgenden Stelle beziehen sich auf die Situation der Menschen in vorchristlicher Zeit. Unsere Situation wird im Neuen Testament beschrieben, siehe unten (Abschnitt 1.2).
Psalm 69,28 Lass sie ausgelöscht werden aus dem Buche des Lebens, und nicht eingeschrieben mit den Gerechten!
David schreibt hier einen Klage- und Rachepsalm. Er wusste, dass er ein Sünder war (69,6), aber er litt von Menschenhand für Unrecht, das er nicht begangen hatte. Die Anklagen standen in Verbindung mit Gott und Gottes Tempel. Entsprechend klagt er und fordert von Gott Rache. In diesem Bereich steht der zitierte Vers. Es ist Davids emotionale Verwünschung seiner Feinde und Hasser. Er findet aber in seiner Klage auch Formulierungen, die über seine Situation hinaus auf Jesus Christus deuten. – Sprachlich gesehen wird hier also nichts gelehrt oder objektiv festgestellt, sondern emotional von einem Menschen eine Bitte geäußert. Weiterhin machen die Parallelzeilen der Poesie deutlich, dass es um das physische Leben geht.
Psalm 139,15-16. Nicht verhohlen war mein Gebein vor dir, als ich gemacht ward im Verborgenen, gewirkt wie ein Stickwerk in den untersten Örtern der Erde. Meinen Keim sahen deine Augen, und in dein Buch waren sie alle eingeschrieben; während vieler Tage wurden sie gebildet, als nicht eines von ihnen war.
In Psalm 139 geht es darum, dass Gott, der Schöpfer, jeden Menschen und alle Menschen will, kennt und formt. Das gilt überall und stets, Gottes Allgegenwart und Allwissen leuchten poetisch auf. Sogar in den »untersten Örtern« (euphemistisch für den Uterus der Mutter), wo niemand das heranreifende Baby sieht, ist Gott sehend (überwachend) und aktiv gestaltend »kunsthandwerklich« anwesend: Ein Wunder Gottes geschieht. David legt poetisch den Gedanken nahe, dass im Mutterleib nichts Zufälliges, sondern göttlich Verordnetes passiert: Alles geht nach dem göttlichen »Buch«, nichts ist zufällig oder wertlos. Die Verbindung zwischen diesem »Buch« und dem irdischen, physischen »Leben« ist offenbar. Vom Heil ist nicht die Rede. –
Mit der etwas anderen Übersetzung: »Mein Ungeformtes sahen deine Augen, und in dein Buch waren sie alle eingeschrieben, die Tage, die gebildet wurden …« geht es nichtmehr primär um Davids Name (und damit Person), sondern um seine von Gott bestimmten Lebenstage. Der Kontext handelt von Gottes Vorsehung und Allwissenheit über Davids embryonales Leben. Damit wäre der Psalm 139,16 ein starkes Zeugnis für Gottes souveräne Kenntnis und Bestimmung des menschlichen Lebens, aber kein Beleg für eine universale Eintragung sämtlicher Menschen in das Buch des Lebens. Das ist exegetisch viel zu weit gegriffen.
Psalm 87,5f. Und von Zion wird gesagt werden: Der und der ist darin geboren; und der Höchste, er wird es befestigen. Jahwe wird schreiben beim Verzeichnen der Völker: Dieser ist daselbst geboren.
Dieser Psalm der Söhne Korahs feiert Zion als erwählte Stadt Gottes. Dort stand das Heiligtum, dort wohnte Gott. Wer in dieser Stadt geboren ist und dort wohnt, ist Mitbewohner und Nachbar Gottes. Das bedeutet größte Ehre. Aber man muss seinen Anspruch nachweisen können im Geburts-/Abstammungsregister. Im Millennium –und ggf. darüber hinaus– werden auch die Nationen (Völker) dorthin gehen, um Segen zu empfangen. Im NT wird dieser Vorsatz Gottes offenbarend gedeutet auf die Glieder der Gemeinde Jesu (Eph 3:4ff), wo die Abstammung nicht per Blutlinie Abrahams, sondern weitergehend per »Blutlinie« Jesu Christi festgelegt wird (vgl. Gal 3,7.14.29; Heb 2,16). Dieser Vorsatz Gottes fand seine erste explizite Offenbarung im Abrahamischen Bund in 1Mose 12. Dieses Verzeichnis ist also wichtig für die Bundeszusagen Gottes an Israel.
Jesaja 4,3 Und es wird geschehen, wer in Zion übriggeblieben und wer in Jerusalem übriggelassen ist, wird heilig heißen, ein jeder, der zum Leben eingeschrieben ist in Jerusalem.
Der Prophet Jesaja, der dem Volk Israel die Anklage Gottes, aber auch die Verheißung Gottes, vor allem aber die Gute Nachricht der Wiederherstellung bringt (s. ab Kap. 40), bringt schon in der Einleitung diesen Lichtblick auf die verheißenen Segnungen für Jerusalem und seine rechtmäßigen Bewohner. – Ansonsten gilt das zu Psalm 87,5f Gesagte.
2Mose 32:32f Und nun, wenn du ihre Sünde vergeben wolltest! Wenn aber nicht, so lösche mich doch aus deinem Buch, das du geschrieben hast. Und Jahwe sprach zu Mose: Wer gegen mich gesündigt hat, den werde ich aus meinem Buch auslöschen.
Mose reagiert hier vorbildlich auf die eklatante Sünde des Volkes, das sich unter der Leitung des späteren Hohenpriesters Aaron ein goldenes Kalb gemacht und unter Verwendung des Namens des Ewigen angebetet hatte. Damit waren gleich die wichtigsten Gebote Gottes im Dekalog gebrochen worden, bevor sie von Gott in Stein geschrieben das Volk erreichten. Mose war klar: Darauf konnte nur der Tod als Strafe folgen, Gott hatte es so gesagt. Und so versucht er als großer Stellvertreter seines Volkes die Schuld und Strafe auf sich zu nehmen. Das war menschlich vorbildlich gefühlt, aber göttlich gesehen ein absolut unmöglicher Vorschlag (per impossibile). Das würde Gott in den nächsten Monaten noch deutlich machen. – Auch Paulus hatte ähnliche Gefühle der gerichtlichen Stellvertretung für sein Volk, die Juden, aber er redete in der Wunschform (Römer 9,2–3; vgl. 10,1). Er wusste: ein Anderer, ein Schuldloser, musste kommen, um sein Volk von ihren Sünden zu erretten (Mt 1,21).
Der kurze Dialog in 2Mose stellt zwar einen Zusammenhang zwischen den Einträgen in einem Buch und Sündern dar, aber das Buch wird nicht identifiziert als »Buch des Lebens«. Sprachlich ist die zeitliche Einordnung nicht eindeutig geklärt. Zudem: Wenn Gott sagt, dass er jeden, der gegen ihn gesündigt hat, aus diesem Buch auslöschen wird, dann sind die Seiten dieses Buches bis auf einen Namen leer, denn »alle haben gesündigt und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes« (Röm 3,23a). Dann stand eben auch Mose nicht drin, denn er war ein Mörder. Hatte er das vergessen?
Daniel 12:1 Und in jener Zeit wird Michael aufstehen, der große Fürst, der für die Kinder deines Volkes steht; und es wird eine Zeit der Drangsal sein, dergleichen nicht gewesen ist, seitdem eine Nation besteht bis zu jener Zeit. Und in jener Zeit wird dein Volk errettet werden, ein jeder, der im Buche geschrieben gefunden wird.
In jener Zukunftsvision des Propheten Daniel werden Ereignisse beschrieben, die im folgenden Text für Daniel in weite Ferne gelegt werden, in die (auch für uns noch zukünftigen) 3,5 Jahre der Großen Drangsal Israels (12,1.7ff). Das Buch wird nicht identifiziert als »Buch des Lebens«. Es ist die Rede von »dein Volk«, also Daniels Volk, also das Volk Israel, nicht von allen Menschen. Der nach größter Drangsal auf Erden gerettete »Überrest« Israels steht offenbar in diesem Buch. Das bedeutet, dass deren (zukünftige) Errettung durch göttliche Festlegung bereits feststeht.
1.2 Neues Testament
Siebenmal kommt das Buch des Lebens begriffsmäßig im NT vor, einmal in Philipper, sechsmal in der Offenbarung. Daneben gibt es Anspielungen auf andere Bücher ähnlicher oder gleicher Bedeutung. Das Verständnis dieses Begriffes baut auf dem AT auf.
Buch des Lebens, positiver Eintrag
Philipper 4,3 Ja, ich bitte auch dich, mein treuer Mitknecht, stehe ihnen bei, die in dem Evangelium mit mir gekämpft haben, auch mit Clemens und meinen übrigen Mitarbeitern, deren Namen im Buche des Lebens sind.
Mitarbeiter im Reich Gottes stehen auch im Buch des Lebens (griech. bíblos zōḗs). In Verbindung mit der Aussage des Herrn in Lukas 10,20 bedeutet es für Mitarbeiter im Reich Gottes wohl eine besondere Sicherheit und einen festen Trost, zu wissen, dass man im Himmel fest verankert ist (was das ewige Heil betrifft), auch wenn die »Erfolge« und »Misserfolge« im Dienst hier Zweifel über die Quelle der Heilssicherheit aufkommen lassen mögen. –
Offenbarung 3,5 Wer überwindet, der wird mit weißen Kleidern bekleidet werden, und ich werde seinen Namen nicht auslöschen aus dem Buche des Lebens und werde seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln.
Den Überwindern der Gemeinde in Sardes wurde diese Verheißung ausgesprochen. Verse 4–5 verwenden dreimal den Begriff »Namen«, alle drei Verwendungen stehen im Zusammenhang mit positiven, mit dem Heil verbundenen Aussagen. Insbesondere steht hier nicht ausdrücklich, dass jemand aus dem Buch des Lebens ausgelöscht werden würde. Diese Stelle darf also nicht als (möglicher) Fakt oder als prinzipielle Wahrheitsaussage zur Behauptung des Auslöschens verstanden werden. Vielmehr wird im Grundtext mit ungewöhnlich starker, emphatischer Verneinung (o. Litotes) versichert, dass dieses Auslöschen nicht vorkommt: »Ich werde ihn ganz gewiss niemals (gr. ou me) auslöschen!« Das ist eine feste Zusicherung, keine versteckte Drohung.
Daraus ergibt sich klar, dass man nicht argumentieren kann, hier stünde eine Drohung, denn das angedrohte Übel könne ja evtl. eintreffen. – Beispiel: Wenn ein Vater seinem Kind sagt: »Ich werde dich niemals verlassen!«, folgt daraus (ohne weiteres) nicht, dass er andere seiner echten Kinder verlassen würde. Die Negation verstärkt vielmehr die Zusicherung.
Offenbarung 21,27 Und nicht wird in sie eingehen irgend etwas Gemeines und was Gräuel und Lüge tut, sondern nur die geschrieben sind in dem Buche des Lebens des Lammes.
Buch des Lebens, kein Eintrag
Offenbarung 13,8 Und alle, die auf der Erde wohnen, werden es anbeten, ein jeder, dessen Name nicht geschrieben ist in dem Buche des Lebens des geschlachteten Lammes von Grundlegung der Welt an.
Offenbarung 17,8 Das Tier, welches du sahst, war und ist nicht und wird aus dem Abgrund heraufsteigen und ins Verderben gehen; und die auf der Erde wohnen, deren Namen nicht in dem Buche des Lebens geschrieben sind von Grundlegung der Welt an, werden sich verwundern, wenn sie das Tier sehen, dass es war und nicht ist und da sein wird.
Offenbarung 20,12.15 Und ich sah die Toten, die Großen und die Kleinen, vor dem Throne stehen, und Bücher wurden aufgetan; und ein anderes Buch ward aufgetan, welches das des Lebens ist. Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben war, nach ihren Werken. … Und wenn jemand nicht geschrieben gefunden wurde in dem Buche des Lebens, so wurde er in den Feuersee geworfen.
Die beiden erstgenannten Stellen (13,8; 17,8) stellen eindeutig fest, dass es Menschen gibt (aus unserer Perspektive: geben wird), die »auf der Erde« wohnend und lebend nicht im Buch des Lebens geschrieben stehen. Das widerlegt die Auffassung, dass alle Menschen zu Lebensbeginn erst einmal »probehalber« in das Buch des Lebens geschrieben würden (s.z.B. Kap. 4.2 unten). Offenbarung 17,8 sagt nichts von einer solchen vorherigen Eintragung aller Menschen.
Die Behauptung: »Die Namen aller Menschen standen ursprünglich darin, wurden aber irgendwann wieder gelöscht« ist hier nicht haltbar. Der Kontext lehrt: Diejenigen, deren Namen von Grundlegung der Welt an im Buch stehen, werden von Gott so bewahrt, dass sie das Tier nicht endgültig anbeten. Denn sie gehören zum Lamm. – Es heißt nicht: »Sie beten das Tier an, deshalb werden ihre Namen gelöscht.« Nochmals: Von einem Löschen ist überhaupt nicht die Rede.
Die letztgenannte Stelle (20,12.15) gehören zum endgültigen Gericht. Wer nicht im Buch des Lebens steht, wird von Satans Agenten zur götzendienerischen Anbetung verführt werden. Sie sind die Erdbehafteten, die dem Tier (und damit Satan) ins Verderben folgen: ins ewige Gericht Gottes. Jene Menschen, die unerlöst bereits den körperlichen Tod erlitten haben, müssen alle am Gerichtstag des Großen Weißen Thrones auferstehen. Sie tun das, wie Daniel schon wusste, zur »ewigen Abscheu« (Daniel 12,2).
Die Besonderheit ist, dass Offb 13,8 dieses »Buch des Lebens« mit Christus verbindet, mit dem »geschlachteten Lamm«. Damit wird die Namensliste jenes Buches zu einer Namensliste der im Opfer Jesu ewig Geretteten, nicht nur jener, die zeitweilig oder rein irdisch Rettung(en) seitens Gott erfahren haben. Jesus Christus hat »mit einem Opfer … auf immerdardie vollkommen gemacht, die geheiligt werden« (Hebr 10,14), so dass hier kein nur zeitweiliger, aufkündbarer, bereubarer Rettungszustand gemeint sein kann, der in jenem Buch dokumentiert ist.
Andere Erwähnungen eines Lebens- oder Heilsbuches im NT
Lukas 10,20 Doch darüber freuet euch nicht, dass euch die Geister untertan sind; freuet euch aber, dass eure Namen in den Himmeln angeschrieben sind.
Hier ist ohne ausführliche Namensnennung wohl dasselbe Buch gemeint, wie in Philipper 4,3 (s.o.). Wiederum: Wichtiger als jeder Dienst, jeder Erfolg im Dienst, ist, dass man durch Gottes Willen und Beschluss ewig gerettet ist. Der Nachweis für diesen unwandelbaren Beschluss liefern die schriftlich fixierten Einträge in diesem Buch »im Himmel«.
Semantisch: Übrigens wäre diese an seine Jünger gerichtete Aussage Jesu eine äußerst seltsame Begründung für diese tiefe Freude, wenn gleichzeitig Pontius Pilatus, Judas Iskariot, Kajaphas und alle anderen Menschenebenfalls dort eingeschrieben wären. Jesus stellt das Angeschriebensein im Himmel vielmehr als besonderes Heilsprivileg dar, das niemand rauben kann, gerade auch diese bösen Herrscher und die Dämonen hinter ihnen nicht.
Hebräer 12,23 …und zu der Versammlung der Erstgeborenen, die in den Himmeln angeschrieben sind; und zu Gott, dem Richter aller; und zu den Geistern der vollendeten Gerechten…
Diese Stelle ergänzt Philipper 4,3 und Lukas 10,20 mit dem Gedanken, dass es ein Buch gibt, in dem alle Gläubigen, die Gesamtheit der ewig Geretteten, fix eingetragen sind. – Sie stehen dort nach göttlichem Vorsatz und Beschluss; alle die dort stehen, werden in der Zeit mit wirksamem Ruf zum Glauben gerufen: »Als aber die aus den Nationen es hörten, freuten sie sich und verherrlichten das Wort des Herrn; und es glaubten, so viele zum ewigen Leben bestimmt waren.« (Apostelgeschichte 13,48).
1.3 Zusammenfassung
Das »Buch des Lebens« ist ein metaphorisches Register Gottes, das im Alten Testament angedeutet wird, im Neuen Testament zentral für das Endgericht ist und das eng mit Christus und der ewigen Erlösung verbunden ist. Am Ende wird dieser Eintrag für jeden Menschen ewigkeitsentscheidend sein:
1. Offenbarung 20,12.15 – In das Buch eingeschrieben zu sein bedeutet, ewiges Leben zu haben.
2. Offenbarung 21,27 – In das Buch eingeschrieben zu sein bedeutet, dass man in die Stadt Gottes eintritt.
3. Offenbarung 3,5 – Gott wird den, der bis zum Ende standhaft bleibt, nicht aus dem Buch auslöschen.
4. Offenbarung 13,8 – Diejenigen, die das Tier anbeten, waren nie in das Buch eingeschrieben.
5. Offenbarung 17,8 – Auch hier gilt: Diejenigen, die das Tier bewundern, waren nie in das Buch eingeschrieben.
6. Lukas 10,20 – Unsere gesamte Sicherheit vor der Hölle und vor den Dingen, die uns in die Hölle bringen, liegt darin, dass unsere Namen in das Buch des Lebens bleibend (fix) eingeschrieben sind.
2 Unterschiedlichen Deutungen
Immer wieder fragen sich Christen, ob sie aus diesem »Buch des Lebens« ausgelöscht werden können. Die Stelle in 2Mose 32,33 wird herbeigezogen als positives Beispiel einer Eintragslöschung, Offenbarung 3,5 wird als implizite Möglichkeit einer solchen Löschung verstanden. Die anderen beziehen sich u.a. auf Offenbarung 13,8, wo ausdrücklich steht, dass die Eintragung »von Grundlegung der Welt« bereits feststand, also vor-weltlich entschieden wurde. Die Spannung entsteht also zwischen den Polen »unverlierbares Heil« versus »verlierbares Heil«. Dies ist in der Tat eine überaus wichtige, alles entscheidende Frage. Wie haben unterschiedliche christliche Traditionen sie beantwortet?
2.1 Die römisch-katholische Sicht (Lehre)
De Kerngedanke der RKK (Röm.-kath. Kirche) ist, dass das »Buch des Lebens« alle enthalte, die aktuell in der Gnade Gottes stehen, wobei dieser Zustand verlierbar ist. Ein vorhandener Eintrag dokumentiert also, dass ein Mensch momentan im Stand der heiligmachenden Gnade ist. Da der Mensch aber einen »echten, freien Willen« hat, kann eine bestimmte Klasse schwerer Sünden (die sog. »Todsünden«) zur Auslöschung des Eintrags führen.
Die Konsequenzen dieser Ansicht: Rettung ist ein dynamischer (stetig wechselnder) Zustand, kein einmaliges Ereignis, das zu einem festen Heilsstand führte. Die Sakramente (v. a. Beichte, Eucharistie) spielen eine zentrale Rolle in der Dynamik des Heils und damit der Eintragung. Endgültige Sicherheit besteht erst nach dem Tod. – Das »Buch des Lebens« ist hier also ein reales, aber veränderbares Register des aktuellen Heilsstandes und der Gottesbeziehung. Mangelnde Heilsgewissheit treibt den suchenden Menschen zu den gnadenvermittelnden Heils-»Sakramenten« der RKK.
2.2 Die reformierte Sicht (Lehre)
Der Kerngedanke der Heilslehre der Reformatoren ist, dass das »Buch des Lebens« die Liste der von Gott vor Grundlegung der Welt zum ewigen Heil Erwählten ist. Dieses Lehrverständnis ergibt sich in Harmonie (sog. »Analogie der Schrift«) zu den anderen Lehrpositionen der Reformation (insbesondere deren Heilslehre), nämlich dass Gott souverän über das Heil entscheidet (Prädestination, Erwählung), dass somit die Eintragungen unveränderlich sind, und es kein »Auslöschen« im eigentlichen Sinn gibt (auch wenn diese mit prophetischer Mahnung angedroht wird). Das »Auslöschen« wird also als (aus menschlicher Perspektive) scheinbar verstanden, oder als prophetische Warnsprache verstanden. Im lutherischen Zweig der Reformation wird später jedoch eingeräumt, dass der Mensch sich durch anhaltenden Unglauben selbst wieder aus dem Buch löschen könne. Hier sehen wir eine arminianisch anmutende Verfremdung der Heilslehre (Abfall vom rettenden Glauben sei möglich). Bei Calvin bleibt klar: Erwählung ist keine provisorische Einschreibung aller Menschen, die später aufgrund ihres Verhaltens korrigiert wird, sondern Gottes ewiger Ratschluss.
Die Konsequenzen dieser Ansicht: Der durch Gottes vorweltlichem Beschluss und durch Christi Opfer »auf immerdar« Gerettete ist tatsächlich für immer gerettet, steht nicht länger auf einem Bewährungs-Prüfstand, was seine ewige Errettung angeht. Wer so gerettet wurde, ist sicher auf ewig errettet (sog. »Ausharren der Heiligen«). Wer ins »Buch des Lebens« eingetragen wurde, wird bis zum Ende, bis zur ewigen Glückseligkeit, bewahrt bleiben. Das Buch dokumentiert also den ewigen, unveränderlichen Heilsbeschluss Gottes, der auch zur Vollendung führen wird: der Verherrlichung aller zuvor von Gott Erkannten, Bestimmten und Berufenen (Römer 8,29–30). Folglich ist es für die Glaubenden größter Trost und Motivation, »dass eure Namen in den Himmeln angeschrieben sind« (Lukas 10,20).
2.3 Adventistische Sicht (Lehre)
Der Kerngedanke der Sekte der Adventisten (Milleriten, Siebenten-Tags-Adventisten STA) ist, dass das »Buch des Lebens« Teil eines himmlischen Gerichtsprozesses sei. Sie haben die Sonderlehre eines »Untersuchungsgerichts«, das seit 1844 als »Voruntersuchungsgericht« laufe. Dabei werden die Namen einzeln geprüft und bleiben dann entweder bestehen oder werden gelöscht. (Dieses Datum wurde genannt, nachdem drei konkrete Zeitangaben für die Rückkehr Jesu sich als falsch erwiesen hatten: Herbst 1843, 21.03.1844, 22.10.1844.)
Die Konsequenzen dieser Ansicht: Diese Lehre ist eine Vermischung von Gnade Gottes mit realer Bewertung des Lebens unter extremer Betonung der Endzeit. Ein entscheidendes Bewertungskriterium der Treue eines Christen ist die Beachtung des Sabbats als biblischem Ruhetag. Dies geht auf eine (okkulte) Vision ihrer Hauptlehrerin Ellen G. White am 03.04.1847 zurück, die sie angeblich in Topsham, Maine (USA) hatte. In dieser Vision sah sie die Bundeslade im Allerheiligsten, darin die 10 Gebote , wobei das 4. Gebot (Sabbatgebot) mit besonderem Licht hervorgehoben wurde (Quelle: A Word to the Little Flock, 1847). Das Buch ist hier ein aktuelles, überprüftes Register des himmlischen Gerichts.
2.4 Freikirchlich-evangelikale Sicht (Lehre)
Der Kerngedanke der Freikirchen, die sich aus dem Strom des Protestantismus entwickelt hatten, bietet zwei Versionen als Hauptströmungen an. Die eine Sicht ist ähnlich zur reformiert-calvinistischen Sicht, dass die Bucheinträge endgültig seien. Die andere Sicht ist ähnlich zur arminianisch-lutherischen Sicht, dass echter, rettender Glaube auch verloren gehen könne. Der gemeinsame Nenner ist, dass die Eintragung ins Buch durch Glauben an Jesus Christus erfolgt, eine Auslöschung ist je nach Auffassung unmöglich oder möglich, je nach Treue, Willen und Ausharren des Eingetragenen.
Die Konsequenzen dieser Ansicht: Hier wird die »persönliche Entscheidung« des Menschen zum Heil zum entscheidenden Kriterium für Eintragung und Auslöschung. Das Buch dokumentiert also eng die individuelle Bekehrungserfahrung.
Zentrale Streitpunkte
Alle Lehrtraditionen stimmen darin überein, dass das »Buch des Lebens« für Gottes Heilsanerkennung gg. individuellen Menschen steht (Namensliste!). Aber sie unterscheiden sich z.T. radikal darin, wie man in dieses Buch kommt, ob man darin bleibt und wer letztlich über Eintrag und Verbleiben entscheidet.
Die Unterschiede der Lehransichten drehen sich im Kern um drei große Lehrfragen: (1) Prädestination vs. freier Wille (Entscheidet Gott alleine über das Heil oder ist es der Mensch, der das Heil entscheidend ergreift?); (2) Sicherheit der Rettung (Ist das Heil absolut sicher oder ist es gefährdet wegen Untreue und Abfall des Menschen?); (3) Verhältnis von Gnade und Werken (Wird das Heil vom Menschen rein passiv empfangen, also von Gott aktiv erhalten, oder steht der Mensch in der Verantwortung, sich mit guten Werken und Treue als würdig des Heils zu erweisen?).
3 Die Lehrtradition der »Plymouth Brüder« (D: Christliche Versammlung)
Die »Plymouth Brüder« (heute oft nur: »Brüderbewegung«) entstanden in Irland in den 1820er Jahren. Sie kamen in Erwartung der Wiederkunft Jesu in Hauskreisen zum Bibelstudium und Abendmahl zusammen. Durch eifrigen Missionsdienst hat sich diese Bewegung in aller Welt ausgebreitet und hat viele in Splittergruppen und Sekten getrennte Sonderkirchen erzeugt. Prägende Theologen der Bewegung waren die Iren John Nelson Darby (1800–1882), ein anglikanischer Geistlicher aus höchsten gesellschaftlichen Kreisen und herausragender Bildung, sowie William Kelly (1821–1906), ebenfalls ein Spezialist für alte Sprachen, Bibelausleger, Autor und Prediger, der das Gesamtwerk Darbys (z.T. stark) lektorierte und herausgab. Das Verständnis des »Buch des Lebens« wurde maßgeblich von diesen Bibellehrern geprägt. Inzwischen sind jedoch viele alternative Lehrmeinungen entstanden, die sich denen anderer Freikirchen angeglichen haben.
Grundverständnis. Die Brüderbewegung liest das »Buch des Lebens« nicht als eigenständiges Dogma, sondern als integrierten Teil ihres Verständnisses von Erwählung, Wiedergeburt, ewigem Leben, Heilssicherheit und Heilsgewissheit. Der entscheidende Punkt: Wer wirklich gerettet ist, ist endgültig gerettet – und steht damit für immer im Buch.
Klassische Linie (J.N. Darby). Der Kerngedanke von Darby und der frühen Bewegung war: Es gibt aufgrund der Heiligen Schrift objektiv absolute Heilssicherheit sowie subjektiv wirkende Heilsgewissheit für jeden Glaubenden. Die Erwählung zum ewigen Heil fand vor Grundlegung der Welt statt und gründet sich im vorausgesetzten vollendeten Heilswerk Christi. Erwählung ist »ewiger Ratschluss Gottes«, ewige Rettung basiert vollständig auf dem Kreuz und ist abgeschlossen. Wichtig: Ewiges Leben ist nicht verlierbar, sonst wäre es nicht »ewig«.
Konsequenz für das »Buch des Lebens«: Der Eintrag ist Ergebnis göttlicher Erwählung, daher unumkehrbar. Das »Auslöschen« wird rhetorisch (prophetische Sprache) oder als scheinbar (rein menschliche Perspektive) verstanden. – Das entspricht stark der reformierten Position, aber mit stärkerer Betonung der persönlichen Gewissheit.
Einbettung in die Heilslehre der »Brüderbewegung«.(1)DieHeilsgewissheit ist ein zentrales Merkmal (»full assurance of salvation«, basierend u.a. auf 1. Johannes 5,13: »Dies habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr ewiges Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes«.) Das ist entscheidend: Ein Christ weiß sicher, dass er gerettet ist. Diese Gewissheit basiert auf dem Wort Gottes, dem vollbrachten Werk Christi und dem Zeugnis des Heiligen Geistes. Daher ist das »Buch des Lebens« kein unsicheres Register, sondern Ausdruck einer bereits feststehenden Realität. – (2) Die Heilssicherheit (»eternal security«) ist objektiv im vollbrachten und vollkommenen Sühnungsopfer Jesu am Kreuz gegeben, sie hängt nicht subjektiv vom Glaubenden ab. Die Aussage der Schrift ist klar: Ein echter Gläubiger kann nicht verloren gehen (Joh 3,15f; 10,28ff). Das Heil und die Vollendung ist so sicher, dass der Hebräerbrief es in der Vergangenheitsform als bereits vollendet darstellt: »indem er viele Söhne zur Herrlichkeit brachte« (Hebr 2,10). – (3) Die Warnstellen werden in der »Brüderbewegung« klassisch so gelesen: Weil es Scheinchristen gibt, wird festgestellt (oder stark vermutet), dass »Abgefallene«, bei denen man keine Zuchtmaßnahmen Gottes feststellt, wahrscheinlich nie wirklich in diesem »Buch des Lebens« eingetragen waren, sie gehörten nie zur Familie Gottes: »Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns; denn wenn sie von uns gewesen wären, so würden sie wohl bei uns geblieben sein; aber damit sie offenbar würden, dass sie alle nicht von uns sind.« (1.Johannes 2,19).
Variationen und Abweichungen. Innerhalb der Brüderbewegung haben sich Differenzen in der Lehre entwickelt. (1) Die eher Darby lehrhaft folgenden »Brüder« gehen immer noch davon aus, dass der göttliche, personale Wille alles entscheidend prägt, was sie aus Sicht der Gegenseite als »calvinistisch« erscheinen lässt (allein ihre Eschatologie zeigt aber schon auf, dass diese »Brüder« keine Calvinisten sind; sie lehnen dieses Etikett entschieden ab). Für sie ist das »Buch des Lebens« ein festes, göttliches, ewiges Register. – (2) Die sog. »Offenen Brüder« haben eine viel größere Bandbreite in der Lehre entwickelt, die mit ihren Ursprüngen und Wurzeln manchmal nur noch wenig zu tun haben. Sie sehen teilweise mehr Raum für die Verantwortung des Menschen und daher für kraftvolle praktische Warnungen. Aber auch hier gilt in der Regel noch: Wer eine echte Wiedergeburt erlebt hat, der hat bleibende Rettung. Die Unterschiede sind eher pastoral, der Menschorientierung zugeneigt, aber noch nicht fundamental. Das Ganze ist jedoch in Bewegung, da es in diesen Freikirchen kein verbindliches »Credo« gibt. – Die Grundlagenliteratur findet man bei John Nelson Darby (Collected Writings, zu Themen wie: election, eternal life, assurance), William Kelly, C. H. Mackintosh und (amerikanisch) F. W. Grant, H.A. Ironside. Typische Titel lauten: »Eternal Security of the Believer« oder »Assurance of Salvation« (Onlinequellen: Plymouth Brethren Writings, stempublishing.com, oder: bibelkommentare.de).
Zu Offenbarung 3,5
»Wer überwindet, der wird mit weißen Kleidern bekleidet werden, und ich werde seinen Namen nicht auslöschen aus dem Buch des Lebens«
Darby und Kelly stellen am Text fest, dass hier nicht eine Drohung steht, sondern eine Verheißung. Es steht nicht da: »Ich könnte Dich auslöschen«, was die Möglichkeitsform wäre. Hermeneutisch liest Darby die Sendschreiben als moralische Appelle an Bekenner, nicht als metaphysische Aussagen über den Verlust des Heils. Fazit: Die Aussage stärkt die Gewissheit der Überwinder, sie beschreibt keine reale Möglichkeit des Auslöschens des Namens echter Glaubender.
Zu Offenbarung 13,8
»Und alle, die auf der Erde wohnen, werden es anbeten, jeder, dessen Name nicht geschrieben ist in dem Buch des Lebens des geschlachteten Lammes von Grundlegung der Welt an.«
Hier wird die Position der ursprünglichen »Brüderbewegung« besonders deutlich. Die zeitliche Zuordnung (Eintragung vor der Schöpfung) bedeutet, sie ist vollständig unabhängig vom menschlichen Verhalten. Die systematische Konsequenz daraus ist: Das Buch ist Ausdruck der ewigen Erwählung, nicht eines späteren Prozesses. Und letztlich die Christuszentralität: Hier steht eine Zuspitzung auf Jesus Christus, denn es ist das »Buch des Lebens des Lammes«. Erwählung, Kreuz und Erlösung liegen auf einer ewigen Linie. Fazit: Für Darby ist das eine der stärksten Begründungen für die Auslegung: Dieses Buch ist ewig festgelegt, sein Inhalt nicht dynamisch veränderbar.
Sprachlich-thelogische Bemerkungen. Der griechische Text von Offenbarung 13,8 enthält apo katabolēs kosmou. Das bedeutet wörtlich »von Grundlegung der Welt an«, also »seit Beginn der Weltzeit«. Das Griechische sagt nicht ausdrücklich »vor« (pro). Warum lesen/verstehen es Darby u.a. trotzdem wie ein »vor«? – Dazu gibt es drei Gründe: (1) In Verbindung mit Offenbarung 17,8 (»nicht geschrieben sind seit…«) kann man argumentieren: Wenn Namen schon von Beginn der Welt drinstehen oder fehlen, dann lag die Entscheidung für die Eintragung vor diesem Zeitpunkt, also in der Ewigkeit vor der Zeit. Das ist ein logischer Schluss, kein rein grammatischer. (2) In Verbindung mit Epheser 1,4 (»erwählt vor Grundlegung der Welt«) und Johannes 17,24 (»geliebt vor Grundlegung der Welt«, i.V.m. der Einsmachung in Joh 17) ist systematisch zu schließen, dass die Bibel eine vorweltliche Erwählung lehrt, mit der auch Offenbarung 13,8 übereinstimmen muss. Daraus ergibt sich: (3) Eine zeitliche Eintragung (erst »seit Beginn« der Erde) wäre unvereinbar mit der Lehre der Erwählung. Da die Erwählung ewig ist, ebenso die Erwählung des Sohnes Gottes zum rettenden »Lamm Gottes«, und das »Buch des Lebens« ein Namensregister der zum Heil Erwählten darstellt, muss dieses Buch samt Inhalt ewigen Charakter haben. Dies folgt keinem philologisch-sprachlichen Zwang, sondern ist ein dogmatisch notwendiger Schluss, wenn man von theologischer Kohärenz und Wahrheit der biblischen Lehre ausgeht.
Auf den weiteren sprachlichen Streitpunkt, ob sich das »von Grundlegung der Welt an« überhaupt auf das »geschrieben« bezieht, und nicht auf das »geschlachtet« bzgl. des Lammes, gehe ich hier nicht weiter ein. Beides ist grammatisch möglich, die Mehrdeutigkeit ist im Griechischen real. Die Entscheidung für das erstere Verständnis ist theologisch begründet. Es scheint in der »Brüderbewegung« noch das übliche Verständnis zu sein (so wiedergegeben in nichtrevELB, ELBCSV, SCHL2000, LUT, KJV, NKJV, ESV, NASB). Die Hermeneutik der Reformation enthält die Grundregel: Unklare Stellen werden durch klare Lehre entschieden. Der historisch-kritische Ansatz hingegen nimmt jede Stelle für sich und gibt (hier) der Syntax Vorrang vor der theologischen Systematik und Widerspruchsfreiheit. Bindung an »geschlachtet« liefern: Einheitsübersetzung, NGÜ, Zürcher Bibel, BasisBibel, neuere ELBREV, NIV, NRSV. – Die grundtextnahe ESV hat trotzdem »written before the foundation«, die NIV dagegen: »Lamb slain from the foundation«, die LUTH2017 lässt die Zuordnung offen. Fazit: Offenbarung 13,8 ist kein Fall, wo die Grammatik die Theologie diktiert, sondern ein Fall, wo die Theologie die Übersetzung lenkt.
Zu Offenbarung 20,12–15
» Und ich sah die Toten, die Großen und die Kleinen, vor dem Thron stehen, und Bücher wurden geöffnet; und ein anderes Buch wurde geöffnet, welches das des Lebens ist. Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben war, nach ihren Werken. … Und wenn jemand nicht geschrieben gefunden wurde in dem Buch des Lebens, so wurde er in den Feuersee geworfen.«
Die »Brüder« haben hingewiesen, dass es zwei Kategorien von Büchern gibt: eines zeichnet die Werke der Menschen auf, das andere deren göttliche Zugehörigkeit (im Heil). Beide sind strikt zu unterscheiden. Kelly und Darby weisen darauf hin, dass die Funktion des »Buches des Lebens« nicht eines der Prüfung ist, sondern als eine Art Bestätigungsregister. Das Urteil erfolgt alleine nach den Werken des Menschen. Zudem: Wer vor diesem Gericht steht, ist bereits verloren! Dieses »Gericht der Toten« entscheidet nicht erst über das Heil jener »Toten«, es offenbart richterlich den bereits feststehenden Zustand. Im Gericht am Ende entscheidet Gott nicht erst, sondern er offenbart, was für ihn feststand.
Zu Lukas 10,20
»[F]reut euch vielmehr, dass eure Namen in den Himmeln angeschrieben sind.«
C.H. Mackintosh betont, wie wichtig diese Stelle pastoral ist. Hier zeigt sich die praktische Seite der »Brüderbewegung«. Sie nimmt den Impuls der Heilsgewissheit im Hier und Jetzt auf, und zwar nicht spekulativ, sondern existenziell. Der Gläubige soll wissen, dass sein Name geschrieben ist. Das ist das Entscheidende. Das ist von Menschen nicht wegzunehmen. Egal, ob man im Dienst für Gott Erfolg hat (wie hier) oder keinen »Erfolg« hat.
Fazit
Die Theologen (aka: Lehrväter) der »Brüderbewegung« lehrten: Das »Buch des Lebens« ist kein offenes Register, sondern der Ausdruck der ewigen, unwiderruflichen Erwählung Gottes, sichtbar gemacht im Heil der Gläubigen und bestätigt im Gericht.
4 Zitate
4.1 Begriffslexikon, 2005.
»Dieser Ausdruck kommt nur in der Offenbarung (7x) und in Phil 4,3 vor. Es wird als das Lebensbuch des Lammes bezeichnet und enthält seit Anbeginn der Welt die Namen aller, die gerettet sind. Wer dort nicht verzeichnet ist, wird in den Feuersee geworfen werden (Offb 20,15). Es wird auch von anderen „Büchern“ gesprochen. Mose erwähnt eines in 2. Mose 32,32; Daniel in Kap. 12,1; und in Offb. 20,12 finden wir, dass es Bücher der Werke gibt, anhand derer die Verlorenen gerichtet werden. Aber die Gesegneten werden niemals vor das Gericht kommen (Joh. 5,24 wörtlich), und das Buch des Lebens enthält allein deren Namen.«
A Dictionary Of Some Of The More Common Biblical Words And Phrases (Galaxie Software, 2005), s.v. Book of Life. Eigene Übersetzung, Fettdruck hinzugefügt.
Kurzkommentar: Der Lexikoneintrag beschränkt sich auf die Vorkommnisse des vollen Namens »Buch des Lebens«. Dieser kommt nur im NT vor. Die Deutung ist, dass dort die Namen aller (nach Vorsatz Gottes bereits) Geretteten stehen, der Namenseintrag in diesem Buch insofern als Sicherung vor dem Gericht Gottes dienen kann. Die Namensliste ist schon seit Anbeginn der Welt statisch fest und gültig, insofern ist weder »Eintragen« noch »Löschen« in der Zeit möglich.
4.2 Roger Liebi, Das Buch des Lebens. Seminarvorlage, 1998.
»Gott liebt alle Menschen und möchte das Leben für jeden einzelnen von ihnen (1Tim 2:4; 2Pet 3:9). Deshalb schrieb er alle Menschen zur Zeit der Erschaffung der Welt („von Grundlegung der Welt an“) in das Buch des Lebens. Durch den Sündenfall kam jedoch das Verhängnis des Todes: „Der Lohn der Sünde ist der Tod“ (Röm 6:23). Der stellvertretende Tod des Herrn Jesus als Lamm Gottes brachte aber die Lösung: „die Gnadengabe Gottes aber ewiges Leben in Christus Jesus, unserem Herrn“ (Röm 6:23).
Jeder Mensch, der im Mutterleib gebildet wird, steht bereits im Lebensbuch. Wenn er jedoch in seinem Leben Gottes Angebot zur Vergebung seiner Sünden nicht in Anspruch nimmt, wird er nach Ablauf seiner Gnadenzeit aus dem Buch des Lebens getilgt. Die Gnadenzeit für den einzelnen Menschen läuft spätestens mit seinem Tod ab (vgl. Mark 2:10; Heb 9:27; 2Mos 9:12).
Beim letzten Gericht vor dem grossen, weissen Thron wird den Verlorenen mit dem Buch des Lebens deklariert werden: Gott wollte euch das Leben geben, ihr aber habt es von euch gewiesen. Eure Namen sind nicht mehr darin. Die Konsequenz davon wird die ewige Pein sein.«
Roger Liebi, Das Buch des Lebens. Seminarvorlage mit Datum 02.06.1998.
Kurzkommentar: Gott ist hier kein ewig und frei erwählender Gott mehr, wie es die Bibel vielfach bezeugt, sondern ein Gott guter Absichten, der aber letztlich hilflos zusehen und abwarten muss, ob die Menschen sich für Gottes Heilsangebot entscheiden werden. Der Mensch allein entscheidet über sein ewiges Glück. Den aktuellen Stand, den aktuellen Umsetzungserfolg des ewigen Rettungswillens Gottes, zeigen die Einträge im »Buch des Lebens«. Als Buchhalter greift Gott ggf. zum göttlichen Radiergummi, um seine eigenen (irrtümlichen?) »Eintragungen auf Probe« wieder zu entfernen. Das Buch des Lebens reduziert sich zu einem Ausweis, dass Gott im Prinzip rettende Absichten hat.
Soll hier wieder einmal Gott davor bewahrt werden, dass Er wie Gott handelt (Römer 9,15–24)? Der Entwurf hat Anklänge zu Ideen im Judentum, im Arminianismus und im Semi-Pelagianismus. Liebi benutzt diese Lehre zudem ausdrücklich als Argument gegen den »Calvinismus«, das mag seine exegetische Brille entsprechend einfärben: seine Exegese wird zumindest teilweise von seiner theologischen Prämisse getragen. Damit gerät er u. E. prinzipiell von der Exegese in die Eisegese.
Die Heilige Schrift sagt: »Also liegt es nun nicht an dem Wollenden noch an dem Laufenden, sondern an dem begnadigenden Gott.« (Römer 9,16). Kann man das noch klarer sagen? Die Heilsergreifung liegt nicht im Willen des Sünders, mag man noch so viel von seinem Wollen reden. Gott muss ihm erst und notwendig einen erneuerten Willen (als Teil der Gabe des neuen Lebens) verleihen. Und mit diesem erneuerten Willen will der Beschenkte (Begnadigte) dann tatsächlich und unfehlbar das Heil. Mit dieser Vorgehensweise stellt Gott sicher, dass Er allein alle Retterehre bekommt. Alle anderen Ansätze sind mithin ehrabschneidend.
Die schnellste Widerlegung der Theorie Liebis ist übrigens der Verweis auf Offenbarung 13,8 und 17,8, wo eindeutig bereits noch auf der Erde lebende und handelnde Menschen als nicht im Buch des Lebens Stehende beschrieben werden.
Sprachverirrung. Liebi legt erhebliches Gewicht darauf, dass in Offenbarung 13,8 bzw. 17,8 ein griechisches Perfekt verwendet wird. Er argumentiert sinngemäß: Das Perfekt bedeute: »eingeschrieben worden und noch immer eingeschrieben«. Da dies verneint werde, könne/müsse man daraus schließen: Sie stehen jetzt nicht mehr darin, obwohl sie vorher darin standen. Das ist aber der Streitpunkt. Hält sein Argument?
Sprachlich. Tatsächlich beschreibt das Perfekt γέγραπται / γεγραμμένοι einen bestehenden Zustand: »steht geschrieben / ist eingeschrieben«. Mit einer Negation bedeutet es daher: »steht nicht geschrieben / befindet sich nicht als Eingetragener darin«, also wieder ein Zustand. Es redet nicht von einer Dynamik im Sinne von: »war früher eingeschrieben und wurde inzwischen gelöscht«. Für solch eine Deutung müsste der Kontext ausdrücklich einen Vorgang des Löschens oder einen früheren gegenteiligen Zustand anzeigen.
Besonders Offenbarung 17,8 widerspricht dieser Deutung Liebis: »dessen Name von Grundlegung der Welt an nicht geschriebensteht …«. Die Zeitbestimmung reicht hier bis zur Grundlegung der Welt zurück: Der Name der Gemeinten war in der Erdenzeit (dies schließt offenbar die Lebenszeit der Gemeinten mit ein) noch NIE eingeschrieben gewesen! Im Licht von Epheser 1 kann man richtiger argumentieren: Die Zugehörigkeit zum Buch des Lebens geht der geschichtlichen Entscheidung des Menschen voraus: »wie er uns auserwählt hat in ihm vor Grundlegung der Welt« (Epheser 1,4).
Nimmt man Offenbarung 21,27 dazu, wird der systematisch-theologische Schwachpunkt noch deutlicher. Nach Liebis Auffassung möchte Gott grundsätzlich, dass dieser Mensch gerettet wird. Erst der Tod bzw. die endgültige Ablehnung Christi entscheidet darüber, ob der Eintrag Bestand hat. Das Lebensbuch wird zum »Provisorium«, und dokumentiert höchsten Gottes gute Rettungsabsichten. Damit verliert das Buch aber genau die Funktion, die es in der Offenbarung offenbar hat: Es bezeichnet die sichere Zugehörigkeit zum Lamm.
4.3 John MacArthur, Divine Immutability and the Doctrines of Grace, 2006.
»Der Plan Gottes war von Ewigkeit her, einen Teil der gefallenen Menschheit durch das Werk des Sohnes und zur Ehre des Sohnes zu erlösen (vgl. 2Tim 4,18). Es gab einen Moment in der Ewigkeit vor der Zeit (wenn wir so in unvollkommen zeitlichen Begriffen von der Ewigkeit sprechen dürfen), als der Vater seine vollkommene und unbegreifliche Liebe zum Sohn zum Ausdruck bringen wollte. Um dies zu tun, beschloss er, dem Sohn eine erlöste Menschheit als Liebesgabe zu geben – eine Schar von Männern und Frauen, deren Aufgabe es sein sollte, den Sohn während aller Äonen der Ewigkeit zu preisen und zu verherrlichen und ihm vollkommen zu dienen. Engel allein würden in dieser Hinsicht nicht ausreichen, denn es gibt Eigenschaften des Sohnes, für die Engel ihn nicht richtig preisen können, da sie die Erlösung nie erfahren haben. Aber eine erlöste Menschheit, als direkte Empfänger seiner unverdienten Gunst, würde für immer als ein ewiges Zeugnis für die unendliche Größe seiner Barmherzigkeit und Gnade stehen.
Der Vater beschloss daher, dem Sohn eine erlöste Menschheit als sichtbaren Ausdruck seiner unendlichen Liebe zu geben. Dabei wählte er alle aus, die diese erlöste Menschheit bilden sollten, und schrieb, bevor die Welt begann, ihre Namen in das Buch des Lebens (Offb 13,8; 17,8). Sein Geschenk an den Sohn besteht aus denjenigen, deren Namen in diesem Buch stehen – eine freudige Gemeinde unverdienter Heiliger, die den Sohn für immer preisen und ihm dienen werden.«
John MacArthur, Divine Immutability and the Doctrines of Grace. Vorwort in: Steven J. Lawson, Foundations of Grace (A Long Line of Godly Men), Lake Mary, FL: Ligonier Ministries, 2006. Eigene Übersetzung, Fettdruck hinzugefügt.
Kurzkommentar: Das Buch des Lebens enthält hier alle vorzeitlich zur Gemeinschaft mit dem Sohn und damit zum Heil erwählten Menschen, und zwar «bevor die Welt begann« (daher können die Namen dann auch »seit« Anbeginn der Welt im Buch stehen, und zwar statisch). Die Liste ist fix, es gibt in der Zeit weder einen Neueintrag noch eine Löschung.
Fazit im Überblick
Man könnte die einzelnen Ansichten in Zusammenschau biblisch begründet so bewerten:
Aussage
Urteil
Grund
Es gibt ein »Buch des Lebens«
richtig
Dan 12,1; Phil 4,3; Offb 3,5; 20,15
Das Buch spielt beim letzten Gericht eine entscheidende Rolle
richtig
Offb 20,12.15
Die Verlorenen werden nach ihren Werken gerichtet
richtig
Offb 20,12–13
Die Bibel enthält ein Reden vom »Auslöschen« aus einem göttlichen Buch
richtig
2Mo 32,33; Ps 69,29; Offb 3,5
Alle diese »Bücher« müssen exakt dasselbe Register sein
fragwürdig
unterschiedliche Kontexte und Funktionen
Psalm 139,16 beweist eine Eintragung jedes Menschen ins Lebensbuch
falsch
dort sind Davids Tage aufgezeichnet
Das griechische Perfekt in Offb 13/17 beweist eine frühere Eintragung
falsch
das Perfekt bezeichnet den bestehenden Zustand, nicht dessen Gegenteil in der Vergangenheit
Alle Menschen sind von Anfang an im Lebensbuch
schriftlich nicht belegt und m. E. abzulehnen
besonders Offb 17,8 spricht dagegen
Ungläubige werden bei Tod/Ende der Gnadenzeit gelöscht
nicht belegt
kein Text sagt dies ausdrücklich
Die Erwählten stehen von Grundlegung der Welt an im Buch
sehr gut begründet
Offb 13,8; 17,8; vgl. Eph 1,4
Ein wahrer Gläubiger kann daraus gelöscht werden
nein
Offb 3,5 ist gerade Heilszusage; Joh 10,28; Röm 8,29–39
Das Buch dokumentiert die Erlösten des Lammes
ja
Offb 13,8; 20,15; 21,27
Das »Buch des Lebens des Lammes« bezeichnet Gottes ewige Kenntnis und Erwählung derjenigen, die Christus gehören und durch sein Blut erlöst werden. Ihre Namen stehen darin von Grundlegung der Welt an. Diese Erwählung verwirklicht sich geschichtlich durch Berufung, Wiedergeburt, Buße und Glauben und führt aufgrund Gottes bewahrender Gnade zum Beharren. Offenbarung 3,5 droht dem echten Gläubigen nicht mit Löschung, sondern versichert dem Überwinder mit größtem Nachdruck, dass Christus seinen Namen niemals auslöschen wird.
Die alttestamentlichen Aussagen vom Auslöschen aus (irgend) einem »Buch« sind in ihrem jeweiligen Bundes- und Lebenskontext zu verstehen und dürfen nicht ohne Weiteres mit dem eschatologischen Lebensbuch des Lammes identifiziert werden.
Damit scheint mir insbesondere Roger Liebi im genannten Werk einen richtigen exegetischen Befund – die Sprache vom »Auslöschen« – wahrzunehmen, daraus aber eine wesentlich größere Theorie abzuleiten, als die Texte tragen können. Besonders seine Deutung von Psalm 139,16 und des griechischen Perfekts sowie die universale Einschreibung aller Menschen halte ich auf der Basis der Heiligen Schrift für nicht überzeugend. Es ist nicht überzeugend nachgewiesen, worüber die Textstellen tatsächlich reden: über das irdische Leben, die Bundeszugehörigkeit zu Israel oder das ewige Heil Die oben gegebene Deutung von Offenbarung 13,8; 17,8 und 3,5 aus eher reformatorischer und gemäßigt reformierter (wie ursprünglich in der »Brüderbewegung« gegebenen) Sicht besitzt meines Erachtens die deutlich größere exegetische Erklärungskraft.
Beiläufig wird deutlich, wie die »Weltanschauung« und die Theologie eines Auslegers (hier von Gottesbild bis Heilslehre) seine Auslegung einer Stelle aus ihrer Textgebundenheit entfremden oder sogar herauslösen kann.
Die 7 Fortschrittsberichte des Lukas in der Apostelgeschichte
Lesedauer: 17 Minuten. Maybe longer. Grab a coffee and open your Bible!
Einleitung
Die Apostelgeschichte (Apg) lässt sich grob in zwei Teile gliedern: den Dienst des Petrus (Apg 1–12) und den Dienst des Paulus (Apg 13–28). Das Wirken Jesu Christi durch seine Apostel bewegte und durchdrang das ganze römische Weltreich. Lukas zeigt das Vordringen des Evangeliums in seinem Bericht in sieben Abschnitten, von denen jeder mit einem kurzen Fortschrittsbericht abschließt. Diese sieben Abschnitte der Apg beschreiben die Etappen, in denen der Auftrag des Herrn aus Apg 1,8 ausgeführt wurde: »ihr werdet meine Zeugen sein, sowohl in Jerusalem als auch in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde«.
Das unaufhaltsame Wirken des verherrlichten Christus zur Rettung von Menschen und zur Auferbauung Seiner Gemeinde mittels seiner Nachfolger und Diener ist äußerst mutmachend auch für seine Nachfolger und Diener heute. Wir sehen die Erfüllung der Verheißung Jesu Christi: »Ich werde meine Versammlung bauen, und die Pforten des Hades werden sie nicht überwältigen« (Matthäus 16,18b).
Erstens: Die Apg berichtet, wie der Herr Jesus Christus nach seiner Himmelfahrt von seinem himmlischen Thron aus mittels seiner Apostel und Diener das große Werk fortsetzte, seine Gemeinde zu bauen (Mt 16,18). Der Tempel stand noch in Jerusalem, wo der Herr verworfen wurde und den er verlassen hatte (sein Exodus). Was Israel betrifft, begann dann eine Zeit desÜbergangs, der sich nach der Ermordung des Christus-Zeugen Stephanus noch beschleunigte. Diese Übergangszeit dauerte etwa 40 Jahre. Der »alte [Bund] war dem Verschwinden nahe« (Hebräer 8,13), während die Gemeinde Christi im neuen Bund auf der Erde wuchs und wuchs. Christus im Himmel kümmerte sich mit größtem Interesse um dieses Wachstum. In dieser Zeit wandte Er sich weiterhin Seinem irdischen Volk besonders zu. Noch galt: »den Juden zuerst« (vgl. Apg 3,26; 13,46; Römer 1,16; 2,9–10).
Zweitens: Lukas’ Fortschrittsberichte werden gegeben, um zu bestätigen, dass Gottes Werk trotz gewaltiger Widerstände von außen und von innen weiterging. Das soll uns Nachfolger Jesu auch heute noch ermutigen. Leiden begleiteten das neue Werk Christi, wie sie auch Seinen irdischen Dienst schon begleiteten. Doch dessen ungeachtet geht es voran, Lukas berichtet von wunderbaren Ergebnissen.
Diese beiden Punkte bilden ein zentrales Thema in der gesamten Apg und im Neuen Testament. Die sieben Fortschrittsberichte des Lukas in der Apg fassen zusammen, wie ChristiGröße und Macht in Gemeindebau und Missionsichtbar wurde. Während der Herr auf der Erde gewesen war, war Er bei Seinen Jüngern (vgl. Matthäus 28,20) – Er war es auch jetzt weiterhin, wenn auch unsichtbar. Die Herausforderung der Jünger bestand also darin, in Glauben, Gehorsam und Liebe dem verherrlichten Herrn treu zu dienen (Hebräer 11; Johannes 14,21.23).
Das ist auch unsere Herausforderung: 1. Arbeitest Du fleißig und mutig mit im großen Werk Jesu Christi in dieser Welt? – 2. Gehörst Du aktiv und verbindlich einer Gemeinde Jesu Christi an? Denn Christus baut seine Gemeinde, nicht Solo-Nachfolger und YouTube-Christen.
Die sieben Fortschrittsberichte
1. »Der Herr aber fügte täglich hinzu, die gerettet werden sollten« (Apg 2,47b)
Dieser Vers bildet die Zusammenfassung, die Lukas nach seiner Zusammenfassung über das Tun und Lassen der Urgemeinde gibt (Apg 2,42–47a; siehe Artikel »Die Kennzeichen der Jerusalemer Urgemeinde«). Er enthält den ersten von sieben Fortschrittsberichten in der Apg.
Das mit »hinzufügen« übersetzte Verb (prostithemi; Imperfekt Aktiv: »fügte fortwährend hinzu«) wird im Lukasevangelium siebenmal und in der Apg sechsmal verwendet. Es ist ein Wort, das Lukas wahrscheinlich aus der Septuaginta (der alten griechischen Übersetzung des AT) übernommen hat, wo es mehr als 300-mal vorkommt. Es steht in Verbindung mit dem Wort »Zahl« (arithmos) (vgl. 4,4; 5,36; 6,7; 11,21; 16,5). Der Herr fügte hinzu und zählte: Für Ihn zählt jeder Einzelne!
Es sollte unsere Herzen berühren, zu sehen, dass der Herr Jesus im Himmel, obwohl Er vom jüdischen Volk verworfen worden war, 3.000 Menschen aus dessen Mitte nahm und sie zu Pfingsten Seinem neuen Zeugnis hinzufügte (2,41)! Er fuhrtäglich fort, Gerettete hinzuzufügen und sie als Glieder in diesen neuen Leib von Gläubigen aufzunehmen. Unser gesegneter Herr fährt damit fort, bis die Zahl vollständig sein wird und Er kommen kann, um uns alle in den Himmel zu nehmen (1Thessalonicher 4,14–18)! Er alleinist der Herr und hat daher die Autorität, hinzuzufügen und zu zählen. Doch Er gebraucht uns als Seine Werkzeuge auf der Erde, um Seinen Plan auszuführen.
Es muss für unseren verherrlichten Herrn besonders kostbar gewesen sein, Menschen aus Seinem eigenen irdischen Volk, das Ihn verworfen hatte, hereinzubringen und sie dieser neuen Gemeinschaft von Gläubigen hinzuzufügen, die für den Himmel bestimmt war – und dies in eben jener Stadt, die Ihn hinausgestoßen hatte. Apg 2,47 zeigt uns, dass Christus in Herrlichkeit Gottes ewigen Ratschluss erfüllt (vgl. Römer 8,29–30), was diese Menschen betrifft, die an Ihn glaubten und die nach Gottes Plan Tag für Tag hinzugefügt wurden.
2. »Und das Wort Gottes wuchs, und die Zahl der Jünger in Jerusalem mehrte sich sehr; und eine große Menge der Priester wurde dem Glauben gehorsam.« (Apg 6,7)
Das Hinzufügen ging weiter (2,41.47; 5,14; 11,24), und Lukas’ zweiter Bericht spricht von einem schnellen und beeindruckenden Wachstum. »Das Wort wuchs« (Imperfekt Aktiv: »wuchs fortwährend«), und dies zeigte sich in vielen neuen Bekehrungen. Die Jünger vermehrten sich außerordentlich, als neue Gläubige sich den Interessen Christi widmeten.
Beachten wir, dass dieser Fortschritt in Jerusalem stattfand – angesichts des zunehmenden Widerstands der religiösen Führer, also eines Widerstands von außen.
Die Zunahme geschah trotz zweier Versuche des Feindes, das neue Zeugnis von innen heraus zu verderben: durch Hananias und Saphira (Apg 5) sowie durch die griechischen Witwen (6,1). Das Wort wuchs umso mehr, weil die Apostel nun von der täglichen Versorgung mit Nahrung entlastet waren.
Wir lernen auch, dass dieses Wachstum nicht das Ergebnis menschlicher Methoden oder Zweckmäßigkeit war, sondern ein Werk Gottes, das Seinem Vorsatz gemäß durch Sein Wort geschah (vgl. die anderen Berichte).
Ein besonderer Triumph war, dass viele der Priester, die Sadduzäer waren und die Auferstehung stets abgelehnt hatten (und voller Zorn gegen die Apostel gewesen waren; 5,17!), dem Glauben gehorsam wurden. Dies zeigt eine dramatische Veränderung ihrer Überzeugung (6,7).
Der Herr im Himmel setzte Sein Werk als der große Sämann fort, und Gott gab das Wachstum auf vielfältige Weise!
3. »So hatte denn die Versammlung durch ganz Judäa und Galiläa und Samaria hin Frieden und wurde erbaut und wandelte in der Furcht des Herrn und mehrte sich durch die Ermunterung des Heiligen Geistes.« (Apg 9,31)
Auf den gewaltsamen Tod des ersten Märtyrers, Stephanus (Apg 7), folgte eine gewaltige Verfolgung (8,1–4). Doch der Same des Wortes wurde durch diejenigen, die aus Jerusalem fliehen mussten, noch weiter ausgestreut, und so ging das Wachstum weiter (siehe auch 6,1.7; 12,24). Vielleicht zeigte sich der größte Sieg für den Herrn in Herrlichkeit in der Bekehrung des eifrigsten Verfolgers, Saulus, der selbst zu einem hingebungsvollen Jünger wurde.
Betrachten wir einige wichtige Ausdrücke:
Frieden. Der Schluss von Apg 9,31 bezieht sich auf alle Versammlungen/Gemeinden in den drei genannten Gebieten: Judäa, Galiläa und Samaria. Ihr Wandel entsprach Gottes Gedanken, ohne Ausnahme, denn sie wandelten in der Furcht des Herrn, in Gehorsam und Unterordnung unter Ihn. Was für eine Lektion und Herausforderung für uns heute! Diese drei Gebiete hatten vor der Verkündigung des Evangeliums große Feindschaft gegeneinander erfahren. Doch die frühere Feindschaft hatte sich nun in Frieden verwandelt [Imperfekt Aktiv: »sie hatten fortwährend Frieden«] – unter der Aufsicht des Herrn in der Zeit der Gnade, zumindest soweit es die Gläubigen aus diesen Gebieten betraf (vgl. Römer 14,17).
Frieden (gr. eirēnē) ist ein wichtiges Merkmal in den Schriften des Lukas. Er erwähnt ihn 14x in seinem Evangelium (1,79; 2,14.29; 7,50; 8,48; 10,5.6 2x; 11,21; 12,51; 14,32; 19,38.42; 24,36) und 7x in der Apg (7,26; 9,31; 10,36; 12,20; 15,33; 16,36; 24,2). Auch im Dienst des Paulus, in den uns die Schriften des Lukas einführen, ist Frieden ein wesentliches Merkmal. Paulus erwähnt ihn 52-mal in seinen 14 Briefen – wenn wir den Hebräerbrief einbeziehen – und ebenso die verwandten Verben »Frieden machen« und »in Frieden leben« sowie das Adjektiv »friedlich«.
Auferbauung. Sie wurden auferbaut (vgl. Apg 20,32). Große Unterschiede in Bezug auf ethnische Herkunft, Kultur und andere Sichtweisen bestanden weiterhin. Doch nachdem sie in eine neue Beziehung zueinander gebracht worden waren, herrschte Frieden unter den Christen, während sie auferbaut wurden und in der Gnade und Erkenntnis des Herrn wuchsen (2Petrus 3,18). Das Verb »auferbauen« (oikodomeo) ist eine Zusammensetzung aus »Haus« und »aufbauen«. Im Neuen Testament wird es sowohl mit dem Haus Gottes als auch mit dem Leib Christi verbunden. Lukas’ Verwendung des Verbs »auferbauen« in seiner dritten Zusammenfassung bezieht sich sehr wahrscheinlich auf beide Aspekte. Obwohl die lehrmäßige Erklärung erst später folgen würde, besonders im Rahmen des Dienstes des Paulus, bestand nun wahre Einheit nach Gottes Gedanken zwischen diesen sehr unterschiedlichen Menschengruppen, die verschiedene Kulturen repräsentierten. Das ist nicht dasselbe wie die menschliche Neigung zur Uniformität/Gleichförmigkeit. So sollte es auch heute sein.
Wandeln in der Furcht des Herrn. Lukas beschreibt den Wandel aller Gläubigen und Gemeinden als ein »gemeinsames Wandeln« – sich gemeinsam verhalten bzw. gemeinsam vorangehen – in der Furcht des Herrn. Diese Lebensweise eröffnet ein weitreichendes Studiengebiet und stellt uns vor eine Herausforderung. Ohne diese »Furcht« können wir Gottes Wort nicht sinnvoll in die Praxis umsetzen (vgl. Maleachi 1,6; 2,5; 1Korinther 2,3; 2Korinther 7,1; Epheser 5,21; 1Petrus 1,17; 2,18; 3,2; Judas 23).
Trost des Heiligen Geistes. Darüber hinaus wurde, während unser Herr im Himmel durch den Heiligen Geist wirkte, Trostdurch Ihn gegeben. Der Dienst des Heiligen Geistes, des Trösters, ist charakteristisch für die Apg und für die Zeit der Gnade, in der wir leben. Das Wort Trost (paraklesis = »zur Seite gerufen«; Beistand) bedeutet auch Ermutigung und Ermahnungund wird in der Apg 4x in unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet (4,36; 9,31; 13,15; 15,31).
Diese wichtigen Faktoren – Frieden, Auferbauung, Wandel in der Furcht des Herrn und Trost des Heiligen Geistes – führten gemeinsam zu großem Wachstum – zahlenmäßig als auch geistlich. Lukas verwendet dieses Verb auch in Apg 12,24 und betont damit den geistlichen Aspekt des Wachstums durch das Wort des Herrn.
4. »Das Wort Gottes aber wuchs und mehrte sich.« (Apg 12,24)
Einige Übersetzungen von Apg 12,24 haben: »das Wort des Herrn«. Beide Gedanken stimmen mit dem überein, was wir am Ende des zweiten Fortschrittsberichts gesehen haben: ein Werk Gottes durch Sein Wort unter der Führung des Herrn Jesus. Die Zunahme an Zahl und geistlicher Qualität wurde durch das Wort Gottes bewirkt. Dies wird in Lukas’ Fortschrittsberichten mehrfach wiederholt (6,7; 19,20; siehe auch 28,30–31).
Dieses fortgesetzte Wachstum (dasselbe Verb wachsen [auxano; Imperfekt Aktiv] wie in 6,7; 7,17; 19,20) geschah trotz großer Widerstände: Jakobus war getötet und Petrus war gefangen genommen worden, aber gerade freigelassen worden.
Lukas’ vierte zusammenfassende Aussage steht am Ende seines Berichts vom Dienst des Petrus. Obwohl dieser Apostel weiterhin wirkte, wahrscheinlich sogar noch kurze Zeit nach dem Tod des Paulus, richtet Lukas von diesem Punkt an unsere Aufmerksamkeit auf das, was der verherrlichte Messias durch Paulus wirkte. Diese Zusammenfassung (12,24) ist daher ein Wendepunkt im Bericht des Lukas.
5. »Die Versammlungen nun wurden im Glauben befestigt und mehrten sich täglich an Zahl.« (Apg 16,5)
Dieser Fortschrittsbericht beschreibt den fortgesetzten Sieg der Gnade über das Böse, nach dem geistlichen Kampf mit den Judaisten und sogar nach der Auseinandersetzung zwischen Paulus und Barnabas wegen Johannes Markus. Diese beiden »negativen« Entwicklungen, die in Apg 15 beschrieben werden, werden von folgenden »positiven« Bemerkungen des Lukas gefolgt:
Die Zunahme erfolgte trotz des intensiven »äußeren« Konflikts mit den Judaisten und des «inneren« Streits zwischen Paulus und Barnabas (vgl. Apg 5–6). Es gab weiterhin Wachstum als Ergebnis der fortdauernden Gnade und Treue des Herrn.
In diesem schwierigen Zusammenhang wird die Notwendigkeit inneren und äußeren Wachstums offensichtlich. Die beiden Verben »befestigt« (stereoo; im Glauben) und »nahm zu« (perisseuo; an Zahl) bestätigen dies. Wie kostbar muss es für den Herrn im Himmel gewesen sein, dieses Wachstum zu sehen!
Christus ist täglich an diesem Werk beteiligt, während Er die Gemeinde für sich selbst zubereitet (vgl. Epheser 5,25–27). Sein fortdauerndes Wirken hebt unsere eigene Verantwortung nicht auf. Wir müssen beten und Fürbitte tun sowie Sein Wort täglich lesen und studieren.
Bei der Beschreibung der zweiten Missionsreise des Paulus verwendet Lukas zum letzten Mal das Wort »Zahl« (arithmos, von dem unser Wort »Arithmetik« stammt) (vgl. 4,4; 5,36; 6,7; 11,21). Unser Herr weiß, wie man Rechnung führt – und Er tut es!
Das Verb »zunehmen« (perisseuo) wird nur in Lukas’ fünfter Zusammenfassung verwendet (16,5). An anderen Stellen wird es mit »überströmen« oder »reichlich vorhanden sein« übersetzt. Es erinnert uns an das überreiche, kraftvolle Leben, das in diesem »Samen Gottes« vorhanden ist (vgl. Maleachi 2,15) und sich in neuen Nachkommen zeigt.
Eine Reaktion aufseiten der Gläubigen wird durch das Wort »Glaube« ausgedrückt. Obwohl der Herr die Befestigungbewirkte, waren sie selbst aktiv an diesem Prozess beteiligt, indem sie glaubten. Die Schrift hält das Gleichgewicht zwischen Gottes Wirken und unserer Verantwortung aufrecht (vgl. Philipper 2,12–13).
6. »So wuchs das Wort des Herrn mit Macht und nahm überhand.« (Apg 19,20)
Diese Aussage erfolgte unmittelbar nach der Beschreibung des Sieges Christi in Ephesus. Dazu gehört die Bemerkung: »Viele aber von denen, die Zauberei getrieben hatten, trugen die Bücher zusammen und verbrannten sie vor allen; und sie berechneten deren Wert und kamen auf fünfzigtausend Stück Silber« (V. 19).
Lukas gibt hier eine eindrucksvolle Darstellung der Macht Christi in Herrlichkeit, die durch Sein Wort wirkte (19,19–20). Der Begriff »[mit] Macht« (gr. kratos) kommt in der Apg nur hier vor. Es handelt sich um einen militärischen Begriff, der den Gedanken von Herrschaft und Kontrolle beinhaltet. Alles muss dem Herrn Jesus unterworfen werden, wie Apg 19 zeigt (vgl. Mt 28,18b). Seine Verwendung an anderen Stellen bestätigt die Herrschaft, Kontrolle oder das Regiment des Herrn. (Das Wort kratos kommt im griechischen NeuenNT zwölfmal vor: Lukas 1,51; Apg 19,20; Epheser 1,19; 6,10; Kolosser 1,11; 1Timotheus 6,16; Hebräer 2,14; 1Petrus 4,11; 5,11; Judas 1,25; Offenbarung 1,6; 5,13.)
Lukas verwendet hier zum letzten Mal in der Apg das Verb »wachsen« (auxano) (außer 6,7; 7,17; 12,24). An anderen Stellen im Neuen Testament bezeichnet dieses Verb das geistliche Wachstum der Gläubigen als Ergebnis des Wortes Gottes (Kolosse 1,6). Dies könnte neben der zahlenmäßigen Zunahme ebenfalls in Apg 19,20 gemeint sein.
Dieser sechste zusammenfassende Bericht beendet Lukas’ Rückblick auf den Dienst des Paulus in Ephesus. Er betont, dass unser erhöhter Herr Macht und Sieg über die Mächte der Finsternis hat, obwohl dies unmittelbar vor dem großen Aufruhr geschah. Und so war es – wie es häufig der Fall ist – ein Sieg in Schwachheit (vgl. 2Korinther 1,4–10; 12,9–10).
Welche Freude muss es für den Herrn gewesen sein zu sehen, wie Sein Zeugnis gerade im Zentrum des Okkultismus aufgerichtet wurde! Wie es an Macht zunahm angesichts der gewaltigen Aktivitäten Satans. Ephesus wurde über Jahrhunderte zu einem der Zentren christlicher Kraft. Timotheus kam hierher, ebenso der Apostel Johannes sowie Polykarp und Irenäus! Paulus errichtete dort eine gemeindenahe Bibelschule (Apg 19) und unterrichtete gut drei Jahre lang täglich! Viele Gemeinden wurden von den Absolventen in den umliegenden Landstrichen gegründet und geführt.
Das Wort des Herrn »nahm überhand« (ischuo, von ischus). Dies zeigt nicht nur Seine Stärke und Seinen Sieg, sondern auch, dass Er Sein Wort gebrauchte, das Seine Macht darstellt, um dieses Ziel zu erreichen. Mögen auch wir Sein Wort in diesem Sinne gebrauchen und uns auf Seine Stärke verlassen!
Sich durchsetzen, überhand nehmen, siegen. Das griechische Neue Testament verwendet das Verb ischuo 28-mal im Sinn von stark sein, fähig sein oder mächtig sein. In Apg 19,20 wird es mit »siegte« übersetzt. – In den Schriften des Lukas kommt es 14-mal vor. In 13 Fällen bezieht es sich auf den Menschen und zeigt im Allgemeinen, dass er nicht fähig ist: achtmal in seinem Evangelium (6,48; 8,43; 13,24; 14,6.29.30; 16,3; 20,26) und fünfmal in der Apg (6,10; 15,10; 19,16; 25,7; 27,16). → Der einzige Fall, in dem Lukas dieses Wort in Bezug auf Christus verwendet, betont, dass Er fähig ist: Er siegte durch Sein Wort (19,20).
7. »Er [Paulus] aber blieb zwei ganze Jahre in seinem eigenen gemieteten Haus und nahm alle auf, die zu ihm kamen, und predigte das Reich Gottes und lehrte mit aller Freimütigkeit ungehindert die Dinge, die den Herrn Jesus Christus betreffen. « (Apg 28,30–31)
Lukas’ siebter Fortschrittsbericht ist zugleich der dritte und letzte Rückblick auf den Dienst des Paulus. Er zeigt, wie der Herr »die Kontrolle hat«, indem Er die schwierigen Umstände des Paulus gebrauchte, um Seine eigenen Interessen auf der Erde voranzubringen. Später entschied der Herr, noch weitere Schwierigkeiten zuzulassen, wie sie im 2. Timotheusbrief aufgezeichnet sind. Doch auch dann hatte Er die volle Kontrolle, wie wir später noch ausführlicher sehen werden.
Lukas ist der einzige neutestamentliche Autor, der eine bestimmte Form des griechischen Verbs »aufnehmen«(apodechomai) verwendet. Er tut dies 7x (Lukas 8,40; 9,11; Apg 2,41; 18,27; 21,17; 24,3; 28,30). Dieses Verb zeigt die Haltung des »Gottes aller Gnade« (1Petrus 5,10), die sich in Paulus als Seinem willigen Werkzeug widerspiegelte, indem er alle aufnahm, die zu ihm kamen.
Apg 28,30 zeigt, dass Paulus kein »Partei-Mensch« war, denn er nahm »alle« auf, die ihn besuchen wollten, ohne Parteilichkeit und unter der Leitung der Weisheit von oben (vgl. Jakobus 3,17). Die Formulierung »ungehindert« / »ohne Hindernis« zeigt die Fürsorge des Herrn in dieser Situation. Die Menschen konnten kommen und Paulus sehen, obwohl er ein Gefangener war. Zugleich zeigt dies, wie das Werk trotz der Bemühungen des Feindes, es aufzuhalten, weiterging.
Paulus setzte seinen Dienst mit Freimütigkeit fort – »mit aller Freimütigkeit« (Zuversicht oder Freiheit im Herrn) – und richtete seinen Blick auf Ihn, indem er »das Reich Gottes verkündigte und die Dinge lehrte, die den Herrn Jesus Christus betreffen.« Die Begriffe Verkündigung, Lehre, Freimütigkeit und Reich Gottes sind alle wichtige Bestandteile des Dienstes des Paulus.
Abschließende Bemerkungen
Der Apostel Paulus befand sich in Ketten, doch Jesus Christus ließ nicht zu, dass seine Bemühungen aufgehalten oder auch nur behindert wurden! Obwohl Gottes souveräne Gnade und Barmherzigkeit ihn trugen, schloss dies nicht die Notwendigkeit aus, dass Paulus – wie wir alle –seinem himmlischen Herrn fortwährend zu vertrauen hatte.
Paulus ist in vielerlei Hinsicht ein Vorbild für jeden Christen, auch darin, ein wahrer Überwinderzu sein. Doch all seine Siege, sogar im Gefängnis, wurden dadurch möglich, dass der Herr mit Paulus wirkte, denn Er ist derjenige, der die Kontrolle hat. Mögen wir dem Beispiel des Paulus folgen, bis der Herr kommt!
Trotz des gewaltigen Widerstands genossen die Gläubigen an den verschiedenen Orten, die in Lukas’ sieben Fortschrittsberichten erwähnt werden, dieGegenwart und Unterstützung ihres verherrlichten Herrn.
Damit erfüllte sich, was Jesus Christus Seinen Jüngern vor Seinem Weggang von dieser Erde versprochen hatte: »Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters« (Matthäus 28,20; vgl. Hebräer 13,5). Im Bewusstsein Seiner Gegenwart – nicht körperlich, sondern geistlich und durch Seinen Geist, wie es im Glauben erfahren wird – wollen wir die Ermahnung beachten, unsum den Herrn zu versammeln (Hebräer 10,24), damit es trotz verschiedener Formen des Widerstands von Ungläubigen und trotz unseres eigenen Versagens etwas für Ihn geben möge.
Lasst uns um den Tisch des Herrn zusammenkommen. Lasst uns zum Namen unseres auferstandenen Herrn, Königs, Hohenpriesters und Retters Jesus Christus hingezogen werden und Seinen Namen erheben. Lasst uns Ihn preisen für Seine Barmherzigkeit, Seine Weisheit, Seine Gnade und Seine mächtige Kraft, durch die Er Sein Werk durch uns und in uns zur ewigen Herrlichkeit Gottes vollbringt!
Quellen und Disclaimer
Unter den ersten Quellen, die ich zu Inhalten und Struktur der Apg las, gehörte auch ein Artikel von Alfred Bouter, den ich in den 1980-90er Jahren in Nordamerika kennenlernte. Der Artikel trug die Überschrift: »The Work of The Lord Jesus Christ Will Never Fail – Luke’s Seven Progress Reports in Acts«. Seitdem habe ich ihn mehrfach überarbeitet und für verschiedene Gelegenheiten angepasst, zuerst bei Vorträgen in Kenia und Äthiopien auf Englisch, später in Lehrstunden zur Bibelkunde und in Predigten in deutschsprachigen Ländern. – Alfred Bouter hat die Weiterverwendung seiner Artikel und Inhalte ausdrücklich begrüßt. Er ist heute hochbetagt.
Das Beitragsbild wurde KI-unterstützt erstellt und soll nur symbolisch als BLOG-Bild wirken. Es widerspricht fast allem, was wir heute aus der Archäologie wissen. Archäologie ist auch nicht Thema des BLOG-Artikels. Wen der Herodianische Tempel näher interessiert, suche nach Leen Ritmeyer und Ritmeyer Archaeological Design. Das momentan beste 3D Modell hat wohl Daniel Smith entworfen (siehe: YouTube-Video »Jerusalem’s Temple: Building the Most Detailed Depiction of Herod’s Temple«). – Das Überblicksbild im Text ist hingegen eine zutreffende Zusammenfassung des vorliegenden Artikels (auch mithilfe von KI erzeugt).
Die Beschreibung der Urgemeinde in Apg. 2,42–47a kann in 12 Aspekte aufgeteilt werden. Diese Einteilung ist nicht explizit im Text vorhanden, sie ist also nicht zwingend. Im Folgenden skizzieren wir diese12 Kennzeichen und geben einen kurzen Hinweis auf die literarische Struktur des Abschnitts und dessen Hauptaussage. Wen die griechischen Texte nicht interessieren, kann sie überlesen und findet trotzdem interessante, ermutigende und herausfordernde Beobachtungen.
Der Leser sollte beachten, dass die Gemeinde Jesu heute nicht in Apostelgeschichte 2 lebt (was manche irrtümlich als »echter Überrest« anstreben oder gar behaupten), denn dies war eine einmalige Übergangszeit. Wir leben in der Zeit nach Apostelgeschichte 28, und der 2. Timotheusbrief passt dazu besser, als die Apostelgeschichte 2.
Die 12 Kennzeichen
1. Sie verharrten in der Lehre der Apostel
τῇ διδαχῇ τῶν ἀποστόλων – te didachē tōn apostolōn = »der Lehre der Apostel«. – Das entscheidende Verb ist προσκαρτερέω (proskartereō) = »beharrlich bei etwas bleiben, sich einer Sache beständig widmen, an etwas festhalten«. Also nicht lediglich: »Sie hörten gelegentlich Predigten«, sondern: Sie widmeten sich beharrlich der apostolischen Lehre.
2. Sie verharrten in der Gemeinschaft
τῇ κοινωνίᾳ – te koinōnia. Koinōnia bedeutet »Gemeinschaft, Teilhabe, gemeinsames Teilhaben bzw. gemeinsame Verbundenheit«. Interessant ist, dass Lukas dasselbe Verb προσκαρτεροῦντες (= beharrlich) auch hier mitdenkt: Sie waren beharrlich in der Lehre der Apostel und der Gemeinschaft. Das heißt: Die Gemeinschaft war nicht bloß ein angenehmes Nebenprodukt, sie gehörte zu ihrem beständigen geistlichen Leben.
3. Sie verharrten im Brechen des Brotes
τῇ κλάσει τοῦ ἄρτου– tē klasei tou artou – Wörtlich: »dem Brechen des Brotes«. Im Zusammenhang der frühen Gemeinde ist das besonders bedeutsam. Der Ausdruck kann zwar grundsätzlich eine gemeinsame Mahlzeit bezeichnen, aber innerhalb dieses Abschnitts und angesichts der späteren Entwicklung des Brotbrechens liegt die Verbindung mit der gemeinsamen Feier des Mahls des Herrn nahe.
4. Sie verharrten in den Gebeten
ταῖς προσευχαῖς – tais proseuchais = »den Gebeten«. – Auch hier steht das Wort unter der Herrschaft des Verbs προσκαρτερέω (proskartereō) = beharrlich. Man könnte den ganzen Vers deshalb sehr wörtlich wiedergeben mit: »Sie verharrten beharrlich in der Lehre der Apostel, in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten.«
Der Text nennt als Dauerübung der Urgemeinde ausdrücklich: Lehre – Gemeinschaft – Brechen des Brotes – Gebete. Allein in Vers 42 haben wir also bereits 4 der 12 Beschreibungselemente. Aber das ist nicht nicht alles: schon Vers 43 bringt zwei weitere Punkte:
5. Es kam Furcht über jede Seele
ἐγίνετο … φόβος – egineto … phobos = »Furcht entstand« bzw. »Furcht kam über«. Das bedeutet hier wohl nicht einfach menschliche Angst. phobos kann im biblischen Zusammenhang auch die Ehrfurcht vor Gott bezeichnen.
Bemerkenswert ist die Formulierung: πάσῃ ψυχῇ = »über jede Seele«. Lukas beschreibt damit eine Atmosphäre heiliger Ehrfurcht, die die ganze Gemeinschaft prägte.
6. Durch die Apostel geschahen viele Wunder und Zeichen
πολλά τε τέρατα καὶ σημεῖα διὰ τῶν ἀποστόλων ἐγίνετο – Wörtlich ungefähr: »viele Wunder und Zeichen geschahen durch die Apostel.« Hier haben wir τέρατα (terata) = »Wunder/außergewöhnliche Zeichen« und σημεῖα (sēmeia) = »Zeichen«, also Wunder, die auf etwas zeigten.
Lukas macht dabei eine interessante Aussage: Die Wunder geschahen διά τῶν ἀποστόλων – »durch die Apostel«. Damit wird das Zeugnis und die Predigt der Apostel von Christus von Gott bestätigt, denn sie taten Wunder, wie sie auch Christus (als Messias) öffentlich getan hatte .
7. Die Gläubigen waren »beieinander«
πάντες δὲ οἱ πιστεύοντες ἦσαν ἐπὶ τὸ αὐτό – Hier ist die Formulierung ἐπὶ τὸ αὐτό (epi to auto) wichtig. Sie bedeutet wörtlich etwa: »an demselben [Ort/zusammen]«. Also: Alle Glaubenden waren zusammen. Es geht um eine tatsächliche, sichtbare Zusammengehörigkeit. Die Form dieses Beieinanderseins der Urgemeinde markiert m. E. einen frischen, angemessenen Anfangszustand, der vorübergehen würde: Die Gemeinde Jesu würde sich geografisch ausbreiten und nur noch dünnere, aber ebenso herzliche Verbindungen über die Distanz pflegen (s. Briefe des NT).
8. Sie hatten alles gemeinsam
εἶχον ἅπαντα κοινά – hapanta koina = »sie hatten alles gemeinsam«. Hier kommt wieder das Wortfeld von κοινωνία (koinōnia) zum Vorschein. Die Gemeinschaft aus Vers 42 blieb also nicht theoretisch. Sie zeigte sich praktisch im Umgang mit den materiellen Gütern: sie teilten ihre Habe, damit keiner Mangel hatte. Gab es trotzdem Mangel, »versilberte« man Immobilien des Landes. Jeder konnte sehen: Das vormals das Denken der Juden dominierende irdische Erbteil der Juden gab Raum für ein neues, geistlich-himmlisches Erbteil (ohne das andere auszulöschen). Das zeigen die zwei nächsten Punkte:
9. Sie verkauften Besitz und Güter
τὰ κτήματα καὶ τὰς ὑπάρξεις ἐπίπρασκον – ta ktḗmata kai tas hypárxeis epípraskon – Die beiden Begriffe sind interessant: κτήματα (ktēmata, Pl. von ktēma) = »Besitztümer, Grundstücke (immobil)« und: ὑπάρξεις (hyparxeis, Pl. von hyparxis) = »Besitz, Habe, Vermögen, Güter«. Beide Wörter überschneiden sich in der Bedeutung, es geht um den gesamten materiellen Besitz.
Das Verb ἐπίπρασκον (epípraskon) steht im Imperfekt: »sie verkauftenfortwährend, sie pflegten zu verkaufen«. Das spricht also nicht unbedingt von einem einzigen, einmaligen Verkauf ihres gesamten Besitzes, sondern von einer fortlaufenden Praxis, den eigenen Besitz zu veräußern, wenn ein anderer ungestillte Bedürfnisse hatte. Das ist ein wichtiger Punkt, weil der Text anschließend den Zweck nennt.
10. Sie teilten entsprechend dem Bedarf aus
διεμέριζον αὐτὰ πᾶσιν καθότι ἄν τις χρείαν εἶχεν – »sie verteilten es an alle, je nachdem, wie jemand Bedarf hatte«. – Hier steht χρεία (chreia) = »Bedürfnis, Bedarf, Notwendigkeit«. Das bedeutet also nicht einfach: »Alle bekamen gleich viel« (sog. Gießkanne), sondern: Jeder erhielt entsprechend seinem Bedarf.
Damit haben wir zwei unterscheidbare Handlungen in V. 45: »verkaufen« und »verteilen nach Bedarf«.
11. Sie waren täglich einmütig im Tempel
καθ᾽ ἡμέραν … προσκαρτεροῦντες ὁμοθυμαδὸν ἐν τῷ ἱερῷ – kath’ hēméran … proskarteroûntes homothymadòn en tō̂ hierō̂ – Hier wird es sprachlich besonders interessant: »Tag für Tag … verharrten sie einmütig im Tempel«.
Wir haben hier vier wichtige Ausdrücke: (1) kath’ hēméran = »täglich«; (2) proskarteroûntes = »beharrlich / beständig« (wie in V. 42); (3) homothymadón = »einmütig«, mit einer Gesinnung und (4) en tō̂ hierō̂ = »im Tempel«. Das ist mehr als nur »sie gingen jeden Tag in den Tempel«. Sprachlich werden hier im Griechischen Häufigkeit, Beständigkeit und innere Einheit gleichzeitig hervorgehoben.
(Und es begegnet uns wieder proskartereō, dasselbe Verb wie in V. 42. Dies zeigt an, dass man das »Verharren« der Gemeinde nicht auf die vier erstgenannten Punkte begrenzen sollte, wie es gerne getan wird!)
Theologisch sehr schön ist, dass Lukas die Beschreibung mit ihrem beharrlichen Festhaltenan den geistlichen Dingen (V. 42) beginnt und dann ihr beharrliches tägliches Zusammenkommen (V. 46) beschreibt.
12. Sie aßen gemeinsam mit Freude und Einfalt des Herzens
Nun kommt: κλῶντές τε κατ᾽ οἶκον ἄρτον – klō̂ntes te kat’ oîkon árton = »und indem sie zu Hause das Brot brachen« und: μετελάμβανον τροφῆς ἐν ἀγαλλιάσει καὶ ἀφελότητι καρδίας – metelámbanon trophês en agalliásei kai aphelótēti kardías = »nahmen sie Speise zu sich mit Freude und Schlichtheit/Einfalt des Herzens«.
Hier könnte man strenggenommen wieder vier Einzelmerkmale herausarbeiten: (1) sie brachen das Brot zu Hause; (2) sie aßen gemeinsam, (3) sie taten es mit Freude (agalliasis) und (4) mit Einfalt/Schlichtheit des Herzens (afelotēs kardias).
Das zeichnet einausgesprochen gemeinschaftliches, regelmäßiges, freudiges und ungezwungenes Leben der ersten Christen.
Soweit waren das zwölf Kennzeichen der Urgemeinde in Jerusalem – Es folgt Vers 47a:
ainountes ton theon = »Gott lobend« und: echontes charin pros holon ton laon = »Gunst/Wohlwollen beim ganzen Volk habend«.
ho de kyrios prosetithei tous sozomenous kath‘ hemeran = »Der Herr aber fügte täglich die Geretteten hinzu.«
Der literarische Aufbau
Der literarische Aufbau von Lukas ist vielleicht wichtiger als die Anzahl 12.
Apg 2,42 beginnt mit: »Sie verharrten/befanden sich beständig in…« und beschreibt dann ihr gemeinsames Leben.
Apg 2,47a endet mit: »Gott lobend und Gunst beim ganzen Volk habend.«
Apg 2,47b Erst dann kommt der eigentliche Fortschrittsbericht: »Der Herr aber fügte täglich die Geretteten hinzu«. Das ist sprachlich besonders schön, weil prosetithei (»er fügte hinzu«) im Imperfekt steht: Der Herr fuhr fort, Menschen hinzuzufügen
Erst beschreibt Lukas das Leben der Gemeinde – dann fasst er zusammen, was der Herr selbst tat: Er fügte täglich weitere Gerettete hinzu. Eine Gemeinde, die dieses Zusammenleben im Heiligen Geist und geistliches wie zahlenmäßiges Wachstum erleben darf, ist wahrhaft gesegnet und zur Ehre ihres Hauptes Jesus Christus.
1983 erschien eine bedeutsame Schrift von Jay E. Adams: »Preaching to The Heart – A Heart-to-heart Discussion with Preachers of The Word« (Phillipsburg, NJ: P&P, 1983). Das Büchlein hatte nur 35 Seiten, ist aber ein Augenöffner und eine Herausforderung, was biblisches Predigen angeht. Viel zu viele »Prediger«/»Verkündiger« halten »Vorträge« in den Gemeinden, werden gar als »Referenten« vorgestellt, wenn doch der biblische Verkündigungsauftrag »Predige das Wort!« lautet (2Timotheus 4,2). Der Kontext dieser Bibelstelle macht deutlich, dass es dabei nicht nur um Informationsvermittlung geht: »Predige das Wort, halte darauf zu gelegener und ungelegener Zeit; überführe, weise ernstlich zurecht, ermahne mit aller Langmut und Lehre.« Das bedeutet, dass es über die Ohren zum Verstand und dann zum Herzen gehen muss: zum Zentrum unserer Persönlichkeit, zur »Schaltzentrale«, zum Willen, Gemüt, Verstand und Wesen – und damit hinein ins Leben. – Genau hier setzt folgende Einleitung von Jay E. Adams an. – Eine kurze Diskussion samt Buchempfehlung folgen unten.
»Seit Jahren ermahnen Homiletiker [Predigtlehrer] angehende Prediger, »zum Herzen zu predigen«. Was meinen sie damit eigentlich? Wissen Sie es? Wissen die Predigtlehrer es? Ist dieses Konzept biblisch, und wenn ja, wie setzt man es um? Diese und ähnliche Fragen bleiben oft unbeantwortet, und der durchschnittliche Prediger macht einfach weiter wie bisher, ergeben in die Annahme: »Ich werde nie ein großer Prediger sein; ich schätze, ich werde nie in der Lage sein, zum Herzen zu predigen.«
Ist das wahr? Gehört die Fähigkeit, zum Herzen zu predigen, nur den außergewöhnlich Begabten? Oder ist das Predigen zum Herzen vielmehr eine entwickelte Fertigkeit, die Prediger großartig macht? Das ganze Konzept wurde so vage und verschwommen dargestellt, dass jeder, der damit nicht vertraut ist, es schwierig oder sogar unmöglich finden würde, dieser Aufforderung nachzukommen.
Die Schuld an der Verwirrung darüber, was es bedeutet, »zum Herzen zu predigen«, liegt nicht allein bei den Homiletikern; auch die Prediger kommen nicht ungeschoren davon. Homiletiker sollten sich klar ausdrücken. Tun sie das nicht, dann ist es die Verantwortung der Prediger, so lange an deren Türen zu klopfen, bis sie es tun. Deshalb ist keine Seite schuldlos. Es hat eine Art Verschwörung der Unwissenheit gegeben, bei der Worte und Redewendungen immer wieder ausgesprochen wurden, als ob Sprecher und Zuhörer genau wüssten, wovon die Rede sei, obwohl sie es tatsächlich nicht wussten.
Als Homiletiker, der in dieser Angelegenheit selbst nicht frei von Schuld ist, glaube ich, dass etwas unternommen werden muss. Es ist an der Zeit, die ganze Sache aufzuklären. Genau darum geht es in diesem Buch.
Mein Ziel ist zu zeigen, dass das Predigen zum Herzen biblisch und deshalb notwendig ist, und dass jeder Mann, der die Gaben und die Berufung zum Predigen besitzt, klar darin unterwiesen werden kann, wie man dies tut. Mehr noch: Auf den folgenden Seiten werde ich versuchen, genau das zu lehren.
Das Konzept ist biblisch
Die erste christliche Predigt, die am Pfingsttag vom Apostel Petrus gehalten wurde, war eine Predigt zum Herzen. Lukas schreibt:
»Als sie aber das hörten, drang es ihnen durchs Herz [1], und sie sprachen zu Petrus und den übrigen Aposteln: Was sollen wir tun, Brüder?« (Apostelgeschichte 2,37)
Die Reaktion dieser Menschenmenge war das fruchtbare Ergebnis einer wirksamen Predigt, die durch den Heiligen Geist befähigt wurde. Doch wirksame, das Herz durchdringende Predigt kann auch die entgegengesetzte Reaktion hervorrufen:
»Als sie aber dies hörten, wurden ihre Herzen durchbohrt [2], und sie knirschten mit den Zähnen gegen ihn.« (Apostelgeschichte 7,54)
Als Petrus predigte, taten große Menschenmengen Buße und glaubten dem Evangelium; als Stephanus predigte, töteten seine Zuhörer ihn. Dennoch waren beide Prediger vom Geist erfüllt und predigten zum Herzen. Diese doppelte und gegensätzliche Reaktion macht von Anfang an eines deutlich: Obwohl das Predigen zum Herzen eine erstrebenswerte Wirkung ist, die durch die Kraft des Geistes hervorgebracht wird, kann die genaue Art dieser Wirkung auf den Zuhörer sehr unterschiedlich ausfallen und nicht im Voraus vorhergesagt werden.
In jedem Fall trifft geistgewirkte, biblische Predigt das Herz direkt. Sie ruft eine Reaktion hervor. Kein Zuhörer kann gleichgültig bleiben, er muss reagieren. Von einer Predigt zum Herzen zu sprechen bedeutet also, von einer Predigt zu sprechen, die eine eindeutige Reaktion hervorbringt. Es ist eine Predigt, die Worte und Handlungen beim Zuhörer hervorruft.
Stell Dir das einmal vor: Eine Predigt, die zum Handeln bewegt! Eine Predigt, die Wirkung zeigt! Eine Predigt, die den Zuhörer so aufrüttelt, dass er reagieren muss! Genau das brauchen wir heute.
Gibt es einen Leser, der nicht gern so predigen oder eine solche Predigt hören wollte? Gibt es einen Leser, der bereits viele Predigten gehört hat, die so beschaffen waren? Irgendetwas stimmt nicht. Was ist mit unserer Verkündigung geschehen? Warum ist solches Predigen praktisch unbekannt? Das müssen wir untersuchen und entscheiden, was Gott von uns erwartet.«
Fußnoten
[1] Das Verb katanyssō ist ein starkes Wort mit der Bedeutung »stechen, betäuben, schlagen, verwunden«. Dieses zusammengesetzte Wort verbindet nyssō (»durchbohren, punktieren«) mit kata, einer Präposition, die die Handlung verstärkt. Die Passivform des Verbs bezeichnet ein »Ins-Herz-Gestochen-« oder »Ins-Herz-Getroffenwerden«.
[2] Das Verb diapriō, hier mit »durchbohrt« bzw. »durchdrungen« übersetzt, wird auch in Apostelgeschichte 5,33 verwendet. Es enthält die Vorstellung des »Durchsägens« (priō = »sägen, zerschneiden, beißen«; dia = »durch«) und trägt häufig die Bedeutung von »das Herz durchschneiden«“ oder »bis ins Herz schneiden«).
Diskussion
Jay E. Adams argumentiert bereits in der Einleitung mit der unverkennbaren Handschrift seines nouthetischen Ansatzes (s.u.):
Betonung von klaren Definitionen statt Schlagworten.
Ablehnung vager homiletischer Formeln (»predige zum Herzen«) ohne konkrete Anleitung.
Starker Fokus auf Veränderung und Reaktion.
Die Überzeugung, dass biblische Verkündigung nicht nur informiert, sondern den Hörer zu einer Antwort zwingt.
Die Verbindung von Predigt und Seelsorge: Das Wort Gottes zielt auf das Herz des Menschen und damit auf Denken, Wollen und Handeln.
Entscheidend wichtig ist, dass Adams den Begriff »zum Herzen predigen« nicht primär emotional versteht. Viele moderne Leser würden darunter spontan eine gefühlsbetonte, Emotionen auslösende, »bewegende« Predigt verstehen. Adams meint jedoch etwas anderes:
Eine Predigt trifft das Herz dann, wenn sie den inneren Menschen erreicht und eine konkrete Reaktion hervorruft.
Deshalb stellt er Apostelgeschichte 2,37 und 7,54 im Vergleich nebeneinander:
Petrus predigt → Menschen werden getroffen und tun Buße.
Stephanus predigt → Menschen werden getroffen und töten den Prediger.
In beiden Fällen wurde »zum Herzen« gepredigt. Der Unterschied liegt nicht in der Qualität der Predigt oder des Predigers, sondern in der Reaktion des Herzens des Zuhörers: Der Zuhörer offenbart in seiner Reaktion, was für ein Herz, welche Herzenshaltung, er hat.
Das ist ein wichtiger Punkt, weil Adams damit eine verbreitete Vorstellung korrigiert: »Zum Herzen predigen« bedeutet nicht, dass die Zuhörer emotional bewegt werden, sondern: »Zum Herzen predigen« bedeutet, dass Gottes Wort den inneren Menschen erreicht und eine Entscheidung, Stellungnahme oder Handlung hervorruft.
Hiermit steht Adams in einer langen Tradition. Man kann sich die Entwicklung in Kürze so vorstellen: Von den Puritanern (Richard Baxter (1615–1691), John Owen (1616–1683), zu Thomas Watson (ca. 1620–1686)): Predige zum Gewissen, zu Jonathan Edwards (1703–1758): Predige zu Verstand und Affekten zu Martyn Lloyd-Jones (1899–1981): Predige den ganzen Menschen an. Und schließlich Jay Adams (1929–2020): Predige zum Herzen.
Die Genannten sind überzeugt, dass biblische Predigt mehr sein muss als reine Informationsvermittlung (Wortstudien, Bibellexikon-Vorträge usw.). Sie soll vielmehr den inneren Menschen vor Gott zur Entscheidung und Reaktion bringen. Aber sie fallen mit dieser Zielsetzung nicht auf der emotionalen Seite vom Pferd. Für sie ist das »Herz« nicht primär Sitz der Gefühle, sondern in biblisch korrektem Verständnis das Zentrum der Person, mithin Verstand, Gewissen, Wille und Neigungen. Gottes Wort meint die ganze Person – daher spricht sie das Zentrum der Person an.
Versuchen wir abschließend eine Definition, was »zum Herzen predigen« heißt. Es ist weder »emotionale Ansprache« und »gefühlsvolles Abholen« noch »Bibelschulvortrag« oder bloße »Informationsvermittlung«. Vielmehr gilt:
Herzorientierte Predigt ist biblische Verkündigung, die durch die Kraft des Heiligen Geistes den inneren Menschen so anspricht, dass der Hörer sich nicht gleichgültig Gottes Wahrheit entziehen kann, sondern zu Glauben, Buße, Gehorsamoder aber zum Gegenangriff, Verleumdung oder bloßer Ablehnung herausgefordert wird.
Damit ist klar, dass effektive Predigt ein göttliches Wunder ist. Schon deswegen erfordert sie anhaltendes, demütiges und gläubiges Gebet: vom Prediger, vom Hörer, von der gesamten hörenden Gemeinde »unter Gottes Wort«.
Tipps für Prediger
Predige nicht nur zum Verstand.
Predige nicht primär zur Unterhaltung oder Bildung.
Predige so, dass das Gewissen vor Gott angesprochen wird.
Dränge die Wahrheit auf Herz, Gewissen und Willen des Hörers.
Wenn sich dann deine Zuhörer »getroffen«, »verletzt« oder »durchbohrt« fühlen, hat das Wort nach Hebräer 4,12 sein göttliches Wesen entfaltet, was ein wahres und gnädiges Wunderwirken Gottes ist (siehe auch diesen Beitrag). Das gilt auch, wenn Ablehnung und Hass entstehen. Prediger leben gefährlich. Bergrettern, SAR-Teams und Rettungsschwimmern der Küstenwache geht es nicht anders.
Buchempfehlung: Jay E. Adams, Predigten. Zielbewusst – anschaulich – überzeugend: Handbuch für biblische Verkündigung, 2. Auflage (Bielefeld: CMV, 2013), 176 Seiten. Originaltitel: Preaching with purpose.
Nouthetische Seelsorge (Jay E. Adams)
Jay Adams prägte in den 1970er Jahren den Ausdruck »Nouthetic Counseling« (»nouthetische Seelsorge«). Der Begriff »nouthetisch« geht auf das griechische Verb noutheteō (νουθετέω) zurück, das im Neuen Testament mit »ermahnen«, »zurechtweisen«, »warnen« oder »unterweisen« wiedergegeben wird (z. B. Apg 20,31; Röm 15,14; Kol 1,28; 3,16; 1Thess 5,12.14).
Eine Definition könnte lauten:
Nouthetische Seelsorge ist die persönliche, auf die Heilige Schrift gegründete Konfrontation eines Menschen mit Gottes Wahrheit, unter der Leitung des Heiligen Geistes, mit dem Ziel von Buße, Glauben, Gehorsam und geistlicher Veränderung.Diese Seelsorge arbeitet mit der liebevollen, direkten und biblisch fundierten Anwendung der Heiligen Schrift auf Denken, Herz und Verhalten eines Menschen, damit dieser Gott verherrlicht und Christus ähnlicher wird.
Buchempfehlungen: Jay E. Adams, Befreiende Seelsorge. Theorie und Praxis einer biblischen Lebensberatung. 8. Auflage (Gießen/Basel: Brunnen, 1988). Originaltitel: Competent to Counsel. Derselbe: Grundlagen biblischer Lebensberatung. Beiträge zu einer Theorie der Seelsorge. (Gießen: Brunnen, 1983). Originaltitel: More than Redemption. – Beide deutschsprachigen Werke sind antiquarisch erhältlich, die Originaltitel auch im Buchhandel.
Warum diese Theologie bis heute fasziniert – und polarisiert
Der Begriff »Dispensationalismus« löst unter Christen sehr unterschiedliche Reaktionen aus. Für die einen ist er ein hilfreicher Schlüssel zum Verständnis der Heilsgeschichte Gottes. Für andere steht er für spekulative Endzeitlehre, die Scofield-Bibel oder die »Left Behind«-Romane und -Filme. Kaum ein theologisches System wird im evangelikalen Raum so intensiv diskutiert und gleichzeitig so häufig missverstanden.
Doch was lehrt der Dispensationalismus tatsächlich? Woher stammt er? Und warum ist er bis heute für viele Bibelausleger von Bedeutung?
Die folgende Einführung fasst die wesentlichen Gedanken des Dispensationalismus zusammen und räumt mit einigen verbreiteten Missverständnissen auf. Grundlage ist ein Seminar der Hirtenkonferenz 2026 in der Lutherstadt Wittenberg (hirtenkonferenz.org).
Eine Frage der Heilsgeschichte
Jeder Christ erkennt intuitiv, dass Gott im Verlauf der biblischen Geschichte nicht immer auf dieselbe Weise mit den Menschen gehandelt hat. Niemand bringt heute ein Tieropfer nach Jerusalem. Niemand hält den mosaischen Opferdienst aufrecht. Christen versammeln sich stattdessen am ersten Tag der Woche und feiern das Mahl des Herrn. Schon diese Beobachtung zeigt: Die Bibel beschreibt einen einzigen Heilsplan Gottes, der sich jedoch in unterschiedlichen heilsgeschichtlichen Abschnitten entfaltet.
Der Dispensationalismus versucht, diese Unterschiede und Übergänge systematisch zu erfassen. Dabei geht es nicht in erster Linie um Endzeitfragen, sondern um eine grundlegende Frage: Wie entfaltet Gott seinen Heilsplan in der Geschichte?
Kontinuität und Diskontinuität
Dispensationalisten betonen zwei Wahrheiten gleichzeitig: die Kontinuität und die Diskontinuität im ewigen Heilsplan Gottes:
Kontinuität. Gott verfolgt von Ewigkeit zu Ewigkeit einen einzigen Plan. Sein Ziel ist die Offenbarung seiner Herrlichkeit. Die Heilsgeschichte ist keine Reihe gescheiterter Experimente und kennt keinen »Plan B«. Paulus fasst diese Spanne in Römer 11,36 zusammen: »Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge«.
Diskontinuität. Gleichzeitig gibt es markante Wendepunkte in Gottes Handeln. Jeder dieser Übergänge verändert die Beziehung zwischen Gott und Mensch in bedeutsamer Weise. Das Seminar nennt unter anderem:
den Sündenfall,
die Sintflut,
Babel,
die Berufung Abrahams,
den Sinai-Bund,
das Kommen Christi,
die Entstehung der Gemeinde,
das zukünftige Millennium,
und schließlich den ewigen Zustand.
Die berühmten sieben Dispensationen
Besonders bekannt wurde die von Cyrus I. Scofield popularisierte Einteilung der Heilsgeschichte in sieben Dispensationen:
Unschuld
Gewissen
Menschliche Regierung
Verheißung
Gesetz
Gnade
Reich (Millennium)
Allerdings betonen moderne Vertreter wie Michael Vlach oder Charles Ryrie, dass die genaue Anzahl nicht das Wesen des Dispensationalismus ausmacht. Manche unterscheiden vier, andere acht Haushaltungen. Entscheidend ist nicht die Zahl, sondern die Überzeugung, dass Gott seine Offenbarung und Verwaltung der Geschichte schrittweise entfaltet.
Die drei Kernmerkmale des Dispensationalismus
Charles Ryrie formulierte drei unverzichtbare Kennzeichen, die bis heute als klassische Definition gelten:
1. Die Verherrlichung Gottes ist das Ziel der Geschichte. Der Dispensationalismus versteht die Heilsgeschichte grundsätzlich theozentrisch. Das zentrale Ziel Gottes ist nicht primär die Rettung des Menschen, sondern die Offenbarung seiner Herrlichkeit. Die Erlösung dient diesem größeren Ziel.
2. Eine konsequent historisch-grammatische Hermeneutik. Dispensationalisten betonen, dass die Bibel gemäß ihrem sprachlichen, historischen und literarischen Kontext ausgelegt werden soll. Das Neue Testament baut auf dem Alten Testament auf, hebt dessen ursprüngliche Bedeutung jedoch nicht auf. Das betrifft insbesondere alttestamentliche Prophetien. Verheißungen an Israel werden daher grundsätzlich als Verheißungen an Israel verstanden.
3. Die Unterscheidung zwischen Israel und Gemeinde. Dies ist wahrscheinlich das bekannteste Merkmal. Israel und Gemeinde werden als unterschiedliche heilsgeschichtliche Größen verstanden. Die Gemeinde ersetzt Israel nicht, sondern besitzt ihre eigene Rolle innerhalb des einen Heilsplans Gottes. Dabei geht es nicht um zwei Heilswege oder zwei Völker Gottes, sondern um unterschiedliche Funktionen innerhalb derselben Erlösungsgeschichte.
Die fünf ausdrücklich genannten Bündnisse
Ein wichtiger Bestandteil dispensationalistischen Denkens ist die Betonung der Bündnisse, die die Schrift selbst ausdrücklich als »Bund« bezeichnet. Dazu gehören:
Noachischer Bund
Abrahamischer Bund
Mosaischer Bund
Davidischer Bund
Neuer Bund
Dispensationalisten argumentieren, dass diese Bündnisse die heilsgeschichtliche Struktur der Bibel sichtbar machen und dass ihre Verheißungen vollständig erfüllt werden müssen. Dies betrifft nicht nur geistliche Segnungen, sondern auch nationale, politische und landbezogene Verheißungen für Israel.
Warum Israel eine besondere Rolle spielt
Ein zentraler Unterschied zur klassischen Bundestheologie betrifft die Zukunft Israels. Dispensationalisten erwarten eine zukünftige nationale Wiederherstellung Israels auf Grundlage alttestamentlicher Verheißungen und neutestamentlicher Aussagen wie Römer 11.
Die Gemeinde wird nicht als »neues Israel« verstanden, das sämtliche Verheißungen (z. T. »vergeistlicht«) übernommen habe. Vielmehr wird erwartet, dass Gott seine Zusagen an das ethnisch-nationale Israel buchstäblich erfüllen wird, also so, wie Er es bisher getan hat.
Endzeit und Millennium
Der Dispensationalismus ist eng mit dem Futurismus verbunden. Große Teile von Daniel 9, Matthäus 24–25 und Offenbarung 6–22 werden als noch zukünftig verstanden.
Deshalb vertreten Dispensationalisten einen zukünftigen Prämillennialismus:
Christus kommt sichtbar wieder.
Danach errichtet er sein tausendjähriges Reich.
Israel wird wiederhergestellt.
Die Nationen werden unter der Herrschaft Christi gesegnet.
Nicht jeder Prämillennialist ist Dispensationalist. Aber jeder Dispensationalist ist Prämillennialist.
Einige verbreitete Missverständnisse
»Darby hat den Dispensationalismus erfunden.« | Diese Behauptung gilt heute weitgehend als überholt. Neuere Forschungen zeigen, dass viele dispensationalistische Grundgedanken bereits lange vor John Nelson Darby vertreten wurden. Darby war wichtig für einige Grundgedanken des heute bekannten Systems, aber nicht dessen eigentlicher Erfinder. Dies war Cyrus Scofield mit seiner Scofield Studienbibel (1. Auflage 1909).
»Dispensationalisten lehren mehrere Heilswege.« | Nein. Die klassische dispensationalistische Theologie lehrt ausdrücklich: Rettung geschieht immer allein aus Gnade durch Glauben. Abraham wurde durch Glauben gerechtfertigt. Christen heute ebenfalls.
»Dispensationalismus ist automatisch arminianisch.« | Auch das stimmt nicht. Es gibt sowohl arminianische als auch calvinistische Dispensationalisten. Das System selbst definiert keine bestimmte Heilslehre.
»Dispensationalismus lehrt zwingend auch die Vorentrückung.« | Die Mehrheit der Dispensationalisten vertritt tatsächlich eine Entrückung vor der Drangsalszeit. Dennoch gehört diese Position nicht zum eigentlichen Wesen des Systems. Auch andere Entrückungsmodelle finden sich innerhalb dispensationalistischer Kreise.
Fazit
Der Dispensationalismus ist weit mehr als eine Endzeitlehre.
Im Kern handelt es sich um einen Versuch, die gesamte Bibel als fortschreitende Offenbarung des einen Heilsplans Gottes zu verstehen. Seine entscheidenden Anliegen sind:
die Verherrlichung Gottes als Zentrum der Geschichte,
eine konsequent historisch-grammatische Schriftauslegung (Hermeneutik),
die Unterscheidung zwischen Israel und Gemeinde,
die Erwartung einer zukünftigen Erfüllung aller göttlichen Verheißungen.
Ob man alle Schlussfolgerungen teilt oder nicht: Der Dispensationalismus hat die evangelikale Theologie der letzten zwei Jahrhunderte nachhaltig geprägt und bleibt ein wichtiger Gesprächspartner für alle, die Gottes Heilsgeschichte verstehen wollen.
Verweise und weiterführende Quellen
Dieser Artikel ist eine Kurzzusammenfassung eines Seminars (#13) der Hirtenkonferenz 2026 in Lutherstadt Wittenberg (gehalten am 28.05.2026) von Dr. Uwe A. Seidel.
Dieses Seminar basierte auf einer aktuell überarbeiteten Auflage des Buchs von Michael J. Vlach, Dispensationalismus – Fakten und Mythen (Berlin: EBTC, 2026), einer Neuübersetzung von: Michael J. Vlach, Dispensationalism: Essential Beliefs and Common Myths. Revised & Updated (Los Angeles, CA (USA): Theological Studies Press, 2017).
Eine schriftliche Ausarbeitung dieses Seminars liegt inzwischen vor (PDF, 8 MB). Es enthält eine kommentierte Literaturliste mit hilfreichen englisch- und deutschsprachigen Quellen und Verweisen. Das Copyright ist zu beachten, private Nutzung gestattet.
Ein Video des Vortrags soll von den Veranstaltern noch veröffentlicht werden.
Die Website von Michael Vlach enthält weitere Materialien. Er bietet auch einen Kurs auf Bibelschul-Niveau zum Online-Studium der Eschatologie an. Seine Bücher sind empfehlenswert, insbes. seine Arbeit über »Hermeneutik des Dispensationalismus« und das ausführliche Werk zum »New Creation Model«, das sich wohltuend von zweifelhaften Vorstellungen des »klassischen Dispensationalismus« abhebt, welcher meist von einer ewig räumlich geteilten Zukunft der Gläubigen des AT und des NT ausgeht. Vlach liest das Ende der Offenbarung so, dass »der Himmel« (die Braut) vielmehr herunter auf Erden kommt und sich so der Kreis der Schöpfung in ihrer Vollendung schließt.
Die Abschiedsrede des Paulus vor den Ältesten der christlichen Gemeinde in Ephesus in Milet (Apostelgeschichte 20,17–38) ist ein dichtes Führungsdokument mit bemerkenswerter Aktualität. Auch für die Leitung einer freikirchlichen christlichen Gemeinde heute lassen sich daraus mehrere tragfähige Prinzipien und Maximen für den Gemeindehirtendienst ableiten.
1 Leiterschaft ist Dienst, nicht als Status
Paulus beschreibt seinen Dienst mit: »dem Herrn dienend«, und zwar »mit aller Demut«, zeitweise sogar »mit Tränen«. Ältestendienst ist kein Amt zur Machtausübung, sondern Verpflichtung zu hingegebenem Dienst an den Heiligen der jeweiligen Ortsgemeinde. Geht es den anvertrauten »Schäfchen« gut, freut sich der Gemeindehirte – und droben der Oberhirte. Darauf kommt es an.
Anwendung heute: Älteste sind primär Hirten, nicht Manager (Organisatoren) oder Chefs. Ihre Autorität wird durch Integrität und Opferbereitschaft legitimiert, nicht durch Position, die ihnen von Menschen verliehen wurde.
2 Planvolle, ganzheitliche Verkündigung
Paulus betont, dass er nichts zurückgehalten hat von dem, »was nützlich ist«. Er verkündigte und lehrte Juden wie Nichtjuden »die Buße zu Gott und den Glauben an unseren Herrn Jesus Christus«. Paulus tat dies öffentlich und in den Häusern, vor großer Zuhörerschaft und im kleinen Hauskreis. Etwas später (Apg 20,27) bezeugte er, dass sein Themenspektrum »den ganzen Ratschluss Gottes« umfasste. Paulus hatte ihnen vorgemacht, wie eine ausgewogene Ernährung der Herde Gottes und die Mission/Evangelisation der Ungläubigen praktisch aussieht.
Anwendung heute: Älteste sollten sich Paulus zum Vorbild nehmen: Er redete nicht nur über »Lieblingsthemen«, brachte nicht nur ermutigende, nichtkonfrontative, leicht verdauliche Bibeltexte aus dem Bibel-ABC. Er wagte sich immer wieder auch an »Geheimnisse« und »schwer zu verstehende Themen« (2Pet 3,16). Er pflegte auch keine selektive Theologie, sondern ging systematisch (das impliziert: planvoll) und ausgewogen durch die gesamte biblische Lehre. Älteste sollten sein fruchtbares Kombinieren von Kanzeldienst, Mission und persönlicher Jüngerschaft nachahmen.
3 Wachsamkeit gegenüber äußeren und inneren Gefahren
Paulus warnt vor »reißenden Wölfen« von außen (Apg 20,29) und vor Männern aus den eigenen Reihen, die die Wahrheit verdrehen, um hinter sich und ihren Sonderlehren eine eigene Gruppe (jenachdem: »Fan-Club«, Parteiung, Sekte) zu versammeln (Apg 20,30; vgl. 1Kor 1,12ff). Um solche Gefahren von außen und innen zu erkennen, bedarf es theologischer Klarheit und Festigkeit, aber auch Unterscheidungsvermögen und Menschenkenntnis. Das sind unverzichtbare (und vor Amtsantritt nachzuweisende) Kernkompetenzen eines Ältesten.
Anwendung heute: Älteste müssen gut mit Gottes Wort vertraut sein, müssen das Spektrum der gesamten biblischen Lehre sicher beherrschen und das Wort Gottes, den Herrn Jesus Christus und seine Gemeinde von Herzen lieben. Denn ihnen ist der Schutz der Gemeinde als aktive Aufgabe (nicht nur reaktiv) anvertraut, sie müssen Überblick über die Herde (»Aufseher«) und geistlichen Durchblick haben. Sie dürfen Konflikten und falscher Lehre in der Gemeinde nicht aus dem Weg gehen. Sie müssen die Gemeinde präventiv mit gesunder Lehre kräftigen und befestigen und im Angriffsfall von außen oder innen das Falsche und Gefährliche erkennen, benennen und bekämpfen können.
4 Geistliche Verantwortung statt Selbstsicherheit
Um geistliche Verantwortung für eine örtliche Gemeinde (gemeinsam mit anderen Ältesten) übernehmen zu können, muss zuerst das eigene geistliche Leben in Ordnung sein. Die Prioritäten setzt Paulus klar: »Habt Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde« (Apg 20,28). Getragen werden müssen beide Verantwortungsbereiche von der Erkenntnis, dass »der Heilige Geist [sie] als Aufseher gesetzt hat, die Versammlung Gottes zu hüten« (Apg 20,28). Das bedeutet einerseits Würde und Ernst durch göttliche Ernennung, versichert aber auch Tröstung und Ermutigung mit Blick auf den göttlichen Beistand.
Anwendung heute: Die Selbstleitung (Charakter, geistliche Disziplin) eines Ältesten hat Priorität vor der Wahrnehmung (s)einer Führungsaufgabe. Der Älteste muss von Gottes Wirken abhängig sein, es reicht nicht, nur rein menschlich klug und strategisch vorgehen zu können. Dem Ältesten muss stets klar sein: Gemeindeleitung als Ältester ist göttliche Berufung, nicht nur Vorweisen einer (menschlichen, beruflichen) Qualifikation.
5 Vorbildfunktion in Lebensführung und Arbeitsethik
Paulus erinnert daran, dass er niemandes Silber oder Gold begehrt hatte, also Bezahlung oder gar Bereicherung angestrebt hätte, sondern dass er für seinen Lebensunterhalt selbst gearbeitet hatte (Apg 20,33–35). Als Bibellehrer und Missionar hatte er Anspruch auf entsprechende Entlohnung (1Kor 9,14; 1Tim 5,18 mit Lk 10,7). Aber er war sich nicht zu schade, sein Leben »nebenher« als Handwerker (Zeltmacher) zu finanzieren und sogar anderen, die ärmer dran waren, finanziell zu helfen (s.u.). Damit war er für alle ein Vorbild von tadelloser Lebensführung und Arbeitsethik: Sei es theologischer Unterricht oder das Verfertigen von Zelten, beides war für ihn »Gottesdienst« (Kolosser 3,17).
Anwendung heute: Für jeden Ältesten ist finanzielle Transparenz und Integrität unverzichtbar. Leitende sollen keine versteckten Eigeninteressen verfolgen. Dass ihnen als Arbeitende eine entsprechende Entlohnung zusteht, haben Christus und Paulus klar gelehrt. Das gilt auch, wenn sie auf dieses Entlohnungsrecht verzichten. Vor Missbrauch wird gewarnt, aber das setzt den rechten Gebrauch der Entlohnung nicht ins Zwielicht. Älteste müssen danach streben, den geführten Glaubenden ein Vorbild im praktischen Umgang mit Ressourcen, Arbeit, Weisheit und Großzügigkeit zu sein.
6 Die Schwachen nicht vergessen
Paulus strebte als Apostel und Nachfolger Jesu Christi danach, so zu denken, zu reden und zu leben wie Jesus Christus. Daher hebt er mit einem Zitat aus dem Mund seines Meisters (»Geben ist seliger als Nehmen«) hervor, dass jeder Christ, besonders der Älteste als Vorbild, sich »der Schwachen annehmen« soll. Dies hatte er mit großem eigenem Einsatz selbst vorgelebt.
Anwendung heute: Die Ältesten wenden sich nicht nur den Leistungsstarken oder Sichtbaren zu. Diakonische Sensibilität ist integraler Bestandteil der Leitung einer Gemeinde als Gemeindehirte. Die Ältesten sollten in ihrer Ortsgemeinde eine Kultur der Fürsorge pflegen. Ihre Aufgabe ist es bei aller Verwaltertreue nicht, reine Effizienzmaximierung zu betreiben und vorzeigbaren Erfolgszahlen nachzuhetzen. Sie werden sonst letztlich dem Pragmatismus zum Opfer fallen.
7 Loslassen und Übergabe ermöglichen
Paulus weiß, dass er die Ältesten dieser Ortsgemeinde in Ephesus nicht wiedersehen wird. Also war nun der Zeitpunkt für »letzte Worte«. Als guter und treuer Führer im Reich Gottes befahl er sie daher »Gott und dem Wort seiner Gnade« an, die ewig sind und daher auch beim Abtritt des Apostels weiterhin verlässlich als fester Grund unter ihnen, als treuer Begleiter an ihrer Seite und als wunderkräftig Auferbauende bei Ihnen bleiben würden (Apg 20,32).
Anwendung heute:Älteste müssen sich als Gemeindeleiter reproduzieren, um ersetzbar zu werden oder Möglichkeiten der Vermehrung (Mission, Tochtergemeinden u.ä.) zu schaffen (Multiplikation statt Abhängigkeit). Daher müssen sie sich ihrer begrenzten Wirkzeit bewusst sein und beizeiten an gesunde Übergaben denken. Geistlich veranstaltete Nachfolgeplanung ist entscheidend wichtig. Paulus hatte es ihnen vorgelebt: Hingegebene Investition in die Schulung und praktische Ausbildung von Nachfolgern ist strategisch wichtig und für Befolgung des Missionsauftrags unverzichtbar. Loslassen und Übergabe wird nur gelingen im Vertrauen auf Gottes Wirken und Zubereiten – auch jenseits der eigenen Kontrolle und Fähigkeit. Vertrauen wir: Es ist ja Seine Gemeinde!
8 Emotionale Tiefe und Beziehung
Die Abschiedsszene endet mit vielem Weinen, Umarmungen und echter Zuneigung (Apg 20,37). Der Apostel Paulus hatte in den wenigen Jahren des Lebens und Dienens unter ihnen mehr Zuneigung erworben, als manche Gemeindeleiter, die etliche Jahrzehnte »in Amt und Würde« eines Ältesten eingesetzt worden waren, aber vergessen hatten, dass der Dienst eines Ältesten vor allem ein hingegebener Liebesdienst eines Hirten an den geliebten, anvertrauten, bluterkauften Schafen Christi ist.
Anwendung heute: Echte Gemeindeleiterschaft ist nicht nur funktional, sondern relational. Tiefe Beziehungen sind kein »Nice-to-have« (Option), sondern tragendes Fundament des Gemeindehirtendienstes. Man kennt sich, man achtet sich. Man gibt Ehre dem, dem Ehre gebührt. Jeder hat erlebt: Authentizität stärkt Vertrauen.
Fazit
Die Abschieds- und Abtrittsrede des Apostels Paulus ist kein abstraktes Lehrstück, sondern spiegelt ein gelebtes Leitungsmodell: geistlich fundiert, relational geprägt, opferbereit und wachsam. Älteste brauchen ein besonderes Maß geistlicher Substanz, christlichen Charakters und unparteiischem Verantwortungsbewusstseins, um ihre Berufung vor Gott und Menschen ausleben zu können.
Diese Rede kann noch weiter praktisch ausgewertet werden, was einem späteren BLOG-Artikel vorbehalten ist.
Der US-Amerikaner Alexander Strauch aus einem amerikanischen Zweig der »Brüderbewegung« ist seit gut 40 Jahren aktiv in der Lehre und im Training von Ältesten in der neutestamentlichen Gemeinde Jesu Christi. Seine Bücher sind anerkannte Standardwerke geworden im Kreis solcher Gemeinden, die nach dem Neuen Testament leben und dienen wollen. Seine Webseite »Biblical Eldership Resources« ist eine Fundgrube für Theorie und Praxis: www.biblicaleldership.com.
Seine Bücher, Seminarvorlagen, Arbeitshefte und Videovorträge sind auch auf Deutsch erhältlich. Alexander Strauch war vielfach in Deutschland und hat Seminare für angehende und bestehende Gemeindeleiter durchgeführt. Die Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg hat einige seiner Werke übersetzt und veröffentlicht.
Einige Webseiten liefern Linklisten und Überblicke in das verfügbare Material. Eine dieser guten Webseiten ist gesunde-gemeinden.de. Sie schreiben:
Ob Gemeinden gesund wachsen und sich multiplizieren, hängt nicht nur, aber maßgeblich von ihren Leitern ab. Damit die lernen können, was sie brauchen, veröffentlichen wir hier empfehlenswertes Schulungsmaterial und beginnen mit den Schulungsvideos von „Biblical Eldership Resources“. Darin geben Alexander Strauch und andere erfahrene Älteste gesunde biblische Lehre und ihre jahrzehntelange Erfahrung im Ältestendienst weiter.
Leider ist die o.g. Website mit den Vortragsmanuskripten zu den Lehrvideos von Alexander Strauch zur Zeit (04.2026) gestört, so dass in der Zwischenzeit hier die Inhalte gespiegelt werden (s.u.).
Die Seminarreihe von Alexander Strauch zu diesem Thema wurde auch in deutscher Übersetzung verschriftet. Die Lektüre könnte gut als erster, inhaltsreicher Überblick über sein Standardwerk »Biblische Ältestenschaft« dienen. Die Videos dazu sind im nächsten Abschnitt unten verwiesen.
08 – Fähigkeiten, Prüfung und Berufung von Ältesten (PDF)
09 – Aufgaben von Ältesten (1): Lehren und Schützen (PDF)
10 – Aufgaben von Ältesten (2): Leiten und Heilen (PDF)
Website brink4u: Biblische Leiter-Schulung
Uwe Brinkmann aus München hat eine Website für dieses Thema mit gleichen und weiterführenden Quellen veröffentlicht: Biblische Leiter-Schulung. Dort sind auch die 10 oben aufgeführten Seminar-Videos mit Alexander Strauch alle aufgeführt.
Brinkmann schreibt: »Den größten Gewinn wird man aus diesen Vorträgen ziehen, wenn man sich anschließend miteinander darüber austauscht.« (Leider verweist er auch mehrfach auf die oben erwähnte, zur Zeit gestörte, Website.)