Die Frucht des Geistes (Galater 5)

Lesedauer: 2 Minuten.

Der Apostel Paulus setzt die sündigen, todbringenden »Werke des Fleisches« in Kontrast zu der geistbewirkten, lebenbringenden »Frucht des Geistes«. Diese »Frucht des Geistes« entfaltet sich in neun »Geschmacksrichtungen«:

»Die Frucht des Geistes aber ist: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Gütigkeit, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit« (Galater 5,22–23a)

Man kann diese neunfältige Geistesfrucht unterschiedlich strukturieren. Einen Vorschlag zur Einteilung ist in folgende drei Dreiergruppen: (1) Beziehung zu Gott; (2) Beziehung zu anderen; sowie (3) Selbstführung. Alle drei Beziehungs- und Lebensaspekte sind vom Geist Gottes gestiftet und werden von Ihm im Gläubigen fruchtbar geprägt. Im Einzelnen:

1. Gottbezogene Dimension

Hier geht es um die innere Ausrichtung auf Gott. Dies muss die erste Überlegung sein, sie hat oberste Priorität. Denn Gott zu lieben ist das oberste, erste Gebot und bewirkt die größte Erfüllung des glaubenden Menschen.

  • Liebe (agápē) – grundlegende, göttliche Liebe als Quelle
  • Freude (chara) – geistgewirkte Freude unabhängig von Umständen
  • Friede (eirēnē) – innerer Zustand des Versöhntseins mit Gott

Dieser Dreiklang markiert den Grundzustand des glaubenden Herzens vor Gott.

2. Zwischenmenschliche Dimension

Hier geht es um das Verhalten anderen gegenüber. Der Geist Gottes bewirkt im Glaubenden, dass auch dieser zweite Aspekt des göttlichen Liebesgebotes fruchtbar erfüllt werden kann: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (Galater 5,14)

  • Geduld (makrothymía) – Langmut gegenüber Menschen
  • Freundlichkeit (chrēstótēs) – wohlwollendes, mildes Verhalten
  • Güte (agathōsýnē) – aktives, moralisch gutes Handeln

Dieser Dreiklang markiert die soziale Auswirkung des geistlichen Lebens.

3. Selbstbezogene Dimension

Hier geht es um die Verwandlung des geistbewohnten Gläubigen ins Bild Jesu Christi, also um Heiligung in Charakter und Selbstdisziplin.

  • Treue (pístis) – Zuverlässigkeit / Vertrauenswürdigkeit
  • Sanftmut (praýtēs) – kontrollierte Stärke, Demut
  • Selbstbeherrschung (enkráteia) – Kontrolle über eigene Impulse

Dieser finale Dreiklang markiert die innere Stabilität und Charakterfestigkeit des Glaubenden.

Die systematische Logik

Diese Dreiteilung in Dreiergruppen folgt einer Logik, die sich weder explizit noch aus der Textstruktur selbst ergibt (diese ist ja einfach eine geordnete Aufzählung ohne Prioritätsangaben). Ohne dogmatischen Anspruch folgt die obige Einteilung den Aspekten: Sein–Wirken–Charakter. Diese Aspekte markieren die drei Ebenen, in denen Gott Frieden und Wohlstand als einheitliche Realität stiften will und wird:

  • vertikal. Die Grundlage bildet die Gottesbeziehung.
  • horizontal. Darauf aufbauend die Beziehung zum Nächsten als Ausdruck der guten Gottesbeziehung.
  • intrapersonal. Drittens sehen wir eine Stabilisierung auf der intrapersonalen Ebene, indem der geistbewohnte Mensch in sich tiefen inneren Frieden und Heilung erfahren darf, und so Stück um Stück seine alte, sündige Zerrissenheit und Entfremdung verliert.

»Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit eurem Geist, Brüder! Amen.« (Galater 6,18)

Matthäus 24 und die Entrückung der Gemeinde

Lesedauer: 9 Minuten.

»Alle Nicht-Prätribulationisten verorten sowohl die christliche Gemeinde (Kirche) als auch die Entrückung der Gemeinde in Matthäus 24. Dies ist für ihre Position wesentlich, für sie ist keine andere Auslegung möglich. Prätribulationisten hingegen sehen weder die Gemeinde noch die Entrückung in der Endzeitrede Jesu in Matthäus 24.«[1]

Diese Kurzstudie untersucht eine zentrale Streitfrage der Endzeitlehre: Redet Jesus in der Ölbergrede in Matthäus 24 von der Gemeinde und ihrer Entrückung oder nicht?

Die Antwort, vorweggenommen: Weder die Gemeinde noch deren Entrückung sind in dieser Rede Jesu zu finden. Wir nehmen den klassischen prätribulationistischen Standpunkt ein, also die Lehre der Entrückung der Gemeinde vor der Drangsal Jakobs.

Die Bedeutung der Frage

Die o.g. Frage ist theologisch sehr wichtig, denn wenn die Gemeinde und deren Entrückung in Matthäus 24 vorkommen, spräche dies für die Lehre des Posttribulationismus (s. Glossar am Ende des Beitrags), wenn aber nicht, spräche dies für die Position des Prätribulationalismus. Es geht also um die Frage, ob nach Matthäus 24 die christliche Gemeinde vor oder nach der »Drangsal Jakobs« in den Himmel entrückt werden wird. Festgehalten werden muss a priori der biblische Befund, dass von der Entrückung der christlichen Gemeinde in Matthäus 24–25 nicht explizit zu lesen ist, viel mehr aber in 1Thessalonicher 4, 1Korinther 15 und Johannes 14 davon explizit und implizit die Rede ist.

Die Fehldeutungen von Matthäus 24

1. Die kritische (liberale) Position

Diese Sicht behauptet, Matthäus 24 sei größtenteils von der frühen Kirche konstruiert worden, sei also keine treue Wiedergabe der Rede Jesu. Diese Position wird hier klar verworfen.

2. Die präteristische Position

Diese Sicht geht davon aus, dass die in Matthäus 24 vorhergesagten Ereignisse bereits in der heutigen Vergangenheit ihre Erfüllung gefunden hätten (z. B. in der Tempelzerstörung 70 n. Chr.). Problematisch ist hier vor allem, dass dabei die Texte stark »vergeistigt« werden, um sie in Übereinstimmung mit den damaligen historischen Vorgängen zu bringen. – Wir vertreten hingegen die Ansicht, dass diese historischen Vorgänge eine Vorerfüllung der noch größeren und kosmisch/weltweit wirkenden Gerichte Gottes in Zukunft waren.

3. Die »Zeitalter«-Position (amillennial)

Diese Sicht behauptet, dass in Matthäus 24 die gesamte Kirchengeschichte beschrieben sei. Die christliche Gemeinde wird in diesem Text demnach gesehen, in Verbindung mit der theologischen Sicht des Amillenialismus. Diese Deutung passt aber überhaupt nicht zu den auslösenden Fragen der Jünger Jesu, die mit der christlichen Gemeinde nichts zu tun hatten, sondern rein jüdische Anliegen beinhalten (»Sage uns, wann wird das [Zerstörung des Tempels] sein, und was ist das Zeichen deiner Ankunft und der Vollendung des Zeitalters?«, Mt 24,3b). Sie hatten vielleicht die Voraussagen in Sacharja 14 im Gedächtnis.

4. Die Position des Posttribulationismus

Diese Endzeitlehre sieht die Entrückung der Gemeinde nach der Drangsal. Es ist also eine zentrale Gegenposition zur Position, dass die Gemeinde vor der Drangsal Jakobs entrückt wird, dem sog. Prätribulationalismus.

Diese Position wurde vor allem von Robert Gundry vertreten (s. Robert H. Gundry, The Church and the Tribulation. Grand Rapids, MI: Zondervan, 1973). Er behauptet, dass Matthäus 24 die christliche Kirche beschreibe. Er sieht in Matthäus 24,32 die Entrückung der Gemeinde, weil dort von einer »Sammlung« die Rede ist: »alle Nationen … vor ihm versammelt werden, und er wird sie voneinander scheiden, so wie der Hirte die Schafe von den Böcken scheidet«. Dieser These ist entgegenzuhalten:

  • Diese Sammlung entspricht nicht der Entrückung der Gemeinde. Weder eine Auferstehung (der gestorbenen Gläubigen) noch eine Verwandlung (der gläubigen Lebenden) wird erwähnt. Beides sind aber zentrale Elemente der Entrückung.
  • Der Text in Matthäus 24,32 redet vom Erscheinen vor einem Gerichtsthron, der auf der Erde steht, nicht von einem Sammeln der Erretteten im Himmel. Es geht bei diesem irdischen Gericht um die Frage, wer in das dort bald beginnende Millennium eingehen darf (Schafe) und wer nicht (Böcke). Das hat nichts mit der Gemeinde Jesu Christi zu tun.
  • Der Text in Matthäus 24,40–41 formuliert mehrfach: »einer wird genommen und einer gelassen«. Das redet ebenfalls nicht von einer Entrückung in den Himmel, sondern beschreibt ein Gerichtshandeln Gottes. Die »Genommenen« sind hier nämlich jene, die zum Gericht entfernt, also gerade nicht gerettet, werden. Die »Gelassenen« hingegen sind jene, die nicht gerichtet werden und in das Königreich des Millenniums eingehen dürfen. Das ist gerade andersherum, wie es bei der Entrückung der Gemeinde gen Himmel der Fall sein wird.
  • Kontext. Die gesamte Rede behandelt Israel und die Drangsal Jakobs, nicht die christliche Kirche. Die Struktur von Matthäus 24 identifiziert drei Zeitphasen: (1) Allgemeine Zeichen (nicht das Ende) (V. 4–6); (2) Anfang der Wehen (V. 7–8) und (3) Große Drangsal & Wiederkunft (V. 9–31). Es geht also um die Endzeit Israels, nicht um die Gemeinde.

5. Die Position des Midtribulationalismus

Eine etwas modernere Sicht stammt von Marvin Rosenthal (Marvin Rosenthal, The Pre-Wrath Rapture of the Church. Nashville, TN: Thomas Nelson, 1990, sowie revidierte Ausgabe 1994). Er behauptet, dass die Entrückung der Gemeinde während der Drangsal stattfinde, aber noch »vor dem Zorn Gottes«. Er argumentiert hier mit Parallelen, die er mit Offenbarung 6 sieht. Der Text in der Offenbarung macht aber deutlich, dass es bereits vor jener Mitte der Drangsal Jakobs (also dem behaupteten Entrückungszeitpunkt) Siegelgerichte gibt, welche eindeutig Gottes Gericht sind. Das ganze Modell bricht an diesem Irrtum zusammen.

Die Argumente für eine jüdische Deutung von Matthäus 24

Das Hauptargument gegen eine Deutung von Matthäus 24 auf die Gemeinde und ihre Entrückung ist, dass es im Text und Kontext um eine rein jüdische, nicht kirchliche, Fragestellung ging und dass die Antwort Jesu sich auch nur darauf bezieht. Das zeigen folgende Beobachtungen.

1. Die Fragen der Jünger sind rein jüdisch

Die Frage der Jünger in Matthäus 24,3 zielt deutlich auf die Zerstörung des jüdischen Tempels, das Kommen des Messias und das Ende des Zeitalters. Diese Fragen spiegeln jüdisch-messianische Erwartungen wider, nicht solche der christlichen Kirche. Die Jünger verstanden die Gemeinde zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht.

2. Der gesamte Kontext ist israelbezogen

Der vorlaufende Kontext ist mit dem jüdischen Tempel beschäftigt, dem bis heute als »Weltwunder der Antike« eingestuften Tempel im herodianischen Prachtausbau (Matthäus 24,1–2). Wir lesen ferner vom »Gräuel der Verwüstung«, einem klaren Bezug auf die Prophetie Daniels. Wir lesen ferner vom Sabbat (Matthäus 24,20) und von einer Flucht aus Juda. Dies sind alles sehr stark jüdisch markierte Kategorien und Themen.

3. Die Jünger repräsentieren zukünftige jüdische Gläubige

Man kann gültig argumentieren, dass in diesem Evangelium (Matthäus) und konkreten Anlass der Perikope (Ölbergrede) die Jünger Jesu hier nicht für die Kirche stehen, sondern für Gläubige der zukünftigen Drangsalzeit, der »Drangsal Jakobs«. Es geht um die dann Wartenden, um deren innere Haltung der Geduld bis zur Ankunft ihres Messias und um ihr Ausharren in den diesem Ereignis vorauslaufenden Gerichten.

Fazit

Matthäus 24 behandelt Israels Zukunft, die Drangsal Jakobs(!) und das Kommen des Messias. Der Text behandelt weder die christliche Gemeinde noch deren Entrückung. Die Entrückung muss aus anderen neutestamentlichen Texten abgeleitet werden, insbes. aus 1Thessalonicher 4, 1Korinther 15 und Johannes 14, nicht aber aus Matthäus 24.

Matthäus 24 ist eine rein jüdisch-eschatologische Rede über die Drangsal und das Kommen des Messias, in der weder die neutestamentliche Gemeinde noch deren Entrückung vorkommen.

Glossar zentraler Begriffe

Die folgenden Kurzerklärungen dienen dem besseren Verständnis der Begriffe der Endzeitlehre (Terminologie der Eschatologie) und damit des Textes dieses Beitrags.

Prätribulationismus. Lehre, dass die Entrückung der Gemeinde vor Beginn der siebenjährigen Drangsal (Große Trübsal) stattfindet. Unterscheidet strikt zwischen Israel und der Gemeinde.

Midtribulationismus. Auffassung, dass die Entrückung in der Mitte der Drangsal geschieht; oft in Verbindung (oder synonym) mit der Lehre der Vor-dem-Zorn-Entrückung.

Posttribulationismus. Auffassung, dass die Entrückung am Ende der Drangsal gleichzeitig mit der sichtbaren Wiederkunft Christi geschieht.

Vor-dem-Zorn-Entrückung. Modell, nach dem die Entrückung inmitten der 70. Danielswoche, also nach 3,5 Jahren, erfolge, da erst ab dann vom Ausgießen des göttlichen Zorns (sog. »großen Drangsal« samt »Tag des Herrn«) die Rede sein könne. Verbreitet von Marvin Rosenthal (sog. Pre Wrath Rapture, 1990), bei uns weniger bekannt.

Entrückung. Ereignis, bei dem Christus die Gläubigen aus der Welt reißend zu sich nimmt (vgl. 1Thess 4,16–17), verbunden mit Auferstehung aller toten und Verwandlung aller lebenden Gläubigen.

Drangsal, Große Trübsal. Endzeitliche Periode intensiven Gerichts und Leidens, oft mit der 70. Jahrwoche Daniels (Dan 9,27) identifiziert. Da insbesodnere Israel im Fokus steht, auch »Drangsal Jakobs (Israels)« genannt. Manche bezeichnen damit nur die zweiten 3,5 Jahre der 70. Danielswoche ab dem »Gräuel der Verwüstung …an heiligem Ort« (Tempel).

Ölberg-Rede. Endzeitrede Jesu auf dem Ölberg (Matthäus 24–25), die Themen wie Drangsal Jakobs, Wiederkunft Christi und Endgericht behandelt.

Erscheinung (Parousie). Das griech. Wort bedeutet »Ankunft« oder «Gegenwart«, das Ankommen einer hochgestellten Persönlichkeit. Hier in Bezug auf die sichtbare Wiederkehr Christi, wie es in der Schrift vorhergesagt ist.

Auserwählte. Von Gott zur Errettung und zum Heil erwählte Gläubige, sei es aus Israel oder aus der Gemeinde.

Gräuel der Verwüstung. Prophetisches Ereignis (Dan 9,27; Mt 24,15), bei dem der Gottesdienst der Juden ausgesetzt werden wird. Ein »Mensch der Sünde« wird sich in den Tempel setzen und sich als Gott anbeten lassen (2Thess 2,3f). Dies ist Höhepunkt des Abfalls von Gott und damit ein Schlüsselzeichen der Endzeit.

Dispensationalismus. Theologisches System, das die Heilsgeschichte in verschiedene »Haushaltungen« (Dispensationen) einteilt und Israel und Gemeinde klar unterscheidet. Heute weltweit vor allem im von Cyrus I. Scofield (1909; rev. 1917) propagierten Modell von sieben Dispensationen bekannt (Scofield Reference Bible: Unschuld, Gewissen, Regierung, Verheißung, Gesetz, Gnade/Gemeinde, Königreich/Millenium). Es gibt aber auch andere Modelle mit anderen und mit mehr oder weniger vielen Dispensationen.

Prämillennialismus. Lehre, dass Christus vor dem tausendjährigen Reich (Millennium) sichtbar wiederkommt.

Amillennialismus. Auffassung, dass es kein tausendjähriges Reich gibt, das tatsächlich eintausend Jahre währt. Das »Millennium« wird symbolisch verstanden, insofern kann es auch heute bereits existieren und hat keinen vorhersagbaren konkreten Endezeitpunkt.

Präterismus. Deutung, dass viele prophetische Aussagen (z. B. Mt 24) bereits in der Vergangenheit erfüllt wurden (oft mit Verweis auf die Tempelzerstörung 70 n. Chr.).

Tag des Herrn. Zeit göttlichen Eingreifens in Gericht und Heil; in der Endzeit oft mit Gottes Zorn und Gerichtshandeln verbunden. Es ist eine längere Zeitperiode des direkten, souveränen Eingreifens Gottes in Gericht, Reichsaufrichtung und Heil, nicht ein 24-Std.-Tag. Im NT ist der »Tag des Herrn« christologisch zugespitzt, kulminiert im Kommen des Herrn Jesus, des Gesalbten.


Endenoten und Literaturverweis

[1]  Stanley D. Toussaint, Are the Church and the Rapture in Matthew 24?, in: Thomas Ice, Timothy Demy (Hrsg.), When the Trumpet Sounds: Today’s Foremost Authorities Speak Out on End-Time Controversies (Eugene, OR: Harvest House Publishers, 1995, S. 235–250), S. 236.

Gemeinde-nahe Bibelschule?

Lesedauer: 12 Minuten.

Ein Gemeindeglied fragte einen seiner Gemeindeleiter, warum man denn Ältestenkandidaten nicht vorher für ihre Aufgabe ausbilde. Die Einsetzung von einigen Männern der Gemeinde als Älteste war gerade überraschend verkündigt worden, ohne dass diese Männer entsprechende Zurüstung und öffentliche Erprobung für diesen Dienst erfahren hatten. Der Gemeindeleiter antwortete sinngemäß: Wir bilden Älteste nicht aus, weil das nicht in der Bibel steht. 

Eine solche Antwort ist doppelt frappierend. Zum einen veranstaltet die Gemeinde jenes Gemeindeleiters Kinderstunden, Jugendstunden, Jungschar, Junge-Erwachsene-Treffs, Frauenfrühstücke, Sommerfeste usw., für die uns in der Heiligen Schrift wohl auch jede direkte Anweisung fehlt. Die Praxis der Gemeinde stellt die gegebene Begründung also bereits in Frage. Und andererseits wissen Bibelleser, dass von der Ausbildung von Ältesten vor und nach ihrer Einsetzung sehr wohl im NT steht, sowohl im inspirierten Bericht der frühen Kirche, als auch in den Lehrbriefen des Apostels Paulus. Das widerlegt die gegebene Begründung zweitens auch positiv. Diesem Positiven wollen wir hier nachgehen.

Eines ist richtig: Letztlich entscheidet das Wort des Herrn über das, was seine Gemeinde sein und tun soll. Wir wollen daher in einer Kurzskizze eine biblisch basierte Rechtfertigung für Weiterbildung im Glauben und Dienst an und für sich und besonders solche für Ausbildung an einer gemeindeinternen oder gemeindenahen Bibelschule oder anders benannter Ausbildung in Lehre und Praxis des Glaubens versuchen.

Biblische Anweisungen und ein Präzedenzfall

Anweisungen. Eine biblische Rechtfertigung für die Ausbildung von Gläubigen, insbesonders von Verkündigern und Leitern (Ältesten), lässt sich bereits aus einer Reihe von Bibelstellen ableiten: von Matthäus 28,19 (mit der Betonung der Jüngerschaft) über 2.Timotheus 2,2 (mit Betonung der Ausbildung von Leitern) bis hin zu Titus 1,9 (mit der Betonung, dass Älteste dazu befähigt sein müssen, den Glauben zu lehren, zu verkünden und zu verteidigen). Zusätzlich verlangt 1.Timotheus 3,10 eine ausgedehnte und tadellos erfolgreiche »Erprobung« angehender Ältester (wie auch Diakone) in typischen Praxisaufgaben, was nach Vorbild Jesu und der Apostel wohl in engen Jüngerschaftsbeziehungen und in der Gemeinde erfolgen soll: »Lass diese aber auch zuerst erprobt werden, dann lass sie dienen, wenn sie untadelig sind«.

Präzedenzfall. Es gibt eine Passage in der Apostelgeschichte, die auf besonders aufschlussreiche Weise einen biblischen Präzedenzfall für die Ausbildung an gemeindenahen Seminaren und Bibelschulen liefert. Diese Verse, an denen offenbar viele achtlos vorbeigehen, die bei Kapitel 2,42 noch intensiv auf Umsetzung bestanden haben, berichten, wie der Apostel Paulus in der Stadt Ephesus eine theologische Ausbildungsstätte gründete. Ein Kommentator erklärt dazu: »In Ephesus gründete Paulus eine theologische Schule, um zukünftige Führungskräfte für die wachsende Gemeinde in der röm. Provinz Asia auszubilden« (Simon J. Kistemaker, Acts, NTC, S. 684).

Es ist unwahrscheinlich, dass Paulus diese Schule »Bibelschule Ephesus« oder »Asia Bibel Training Center« nannte, aber im Wesentlichen war sie nach unserem Sprachgebrauch genau dieses. Er wusste, dass Ephesus ein strategischer Ort war für die Vorbereitung weiterer Evangelisation und für die Gründung, Vervielfältigung und Stärkung weiterer christlicher Gemeinden in der Provinz Asia. Eine Gemeinde, die weitere Gemeinden gründen will, sollte hier genau hinsehen und am Beispiel des Apostels lernen.

Der Hintergrund des biblischen Berichts ist die dritte Missionsreise des Apostels Paulus (52/53–56 n. Chr.). Nachdem Paulus Antiochia verlassen und die Gemeinden in Südgalatien bereist hatte, begab er sich nach Ephesus. Dort traf er auf etwa ein Dutzend Jünger von Johannes Baptist und führte diese zu Jesus Christus, auf den Johannes stets hingewiesen hatte (s. Apg 19,1–7). Lukas nimmt die Erzählung an dieser Stelle auf und schreibt:

Er ging aber in die Synagoge und sprach freimütig drei Monate lang, indem er sich unterredete und sie von den Dingen des Reiches Gottes überzeugte. Als aber einige sich verhärteten und nicht glaubten und vor der Menge schlecht redeten von dem Weg, trennte er sich von ihnen und sonderte die Jünger ab, indem er sich täglich in der Schule des Tyrannus unterredete. Dies aber geschah zwei Jahre lang, so dass alle, die in Asien wohnten, sowohl Juden als auch Griechen, das Wort des Herrn hörten. (Apg 19,8–10)

Wie Lukas in den Versen 9–10 erklärt, traf sich Paulus zwei Jahre lang jeden Tag mit einer Gruppe von Gläubigen in einer Schule, um ihnen dort biblische Lehre zu vermitteln. Das ist im Wesentlichen das Grundmodell der theologischen Ausbildung an einer gemeindenahen Bibelschule.

Aus diesem kurzen Abschnitt lassen sich drei Merkmale der ersten gemeindenahen Bibelschule ableiten. Und obwohl wir uns davor hüten müssen, einen erzählenden Text aus der Apostelgeschichte als eine normative Vorschrift für die heutige christliche Gemeinde zu missbrauchen, bieten diese Merkmale dennoch hilfreiche Parallelen für diejenigen, die sich heute mit der Ausbildung an einer Bibelschule befassen, sei es als Studierende oder als Lehrende, als Älteste, Evangelisten, Hirten oder Lehrer. Es beginnt mit einer Verpflichtung vor Gott, welche zu einer planvollen Investition führt, die dann zu reichen Früchten für Jesus Christus und seine Gemeinde führt.

Die Verpflichtung: Ein mutiges Bekenntnis zum Evangelium (19,8–9a)

Er ging aber in die Synagoge und sprach freimütig drei Monate lang, indem er sich unterredete und sie von den Dingen des Reiches Gottes überzeugte. 9 Als aber einige sich verhärteten und nicht glaubten und vor der Menge schlecht redeten von dem Weg…

Apostelgeschichte 19,8 beschreibt den Inhalt der Botschaft des Paulus – eine Botschaft, die er zweifellos auch nach seinem Verlassen der Synagoge und der theologischen Unterweisung der Jünger weiter verkündete. Eine Untersuchung von Vers 8 zeigt, dass die Botschaft des Paulus kontinuierlich und anhaltend (»drei Monate lang«), mutig (»freimütig reden« parrhēsiazomai), sorgfältig (»unterredete« dialegomai), voller Überzeugung (»überzeugte« peithō) und christuszentriert (»von den Dingen des Reiches Gottes«) war. In Übereinstimmung mit seinem von Gott gegebenen Auftrag, das Evangelium zu verkünden, verkündete Paulus drei Monate lang treu die Wahrheit der Erlösung in der Synagoge von Ephesus.

Wie es für diejenigen, die der biblischen Wahrheit treu verpflichtet sind, unvermeidlich ist, stieß Paulus auf Feindseligkeit. Seine Botschaft erwies sich als umstritten (V. 9), nicht weil der Apostel streitsüchtig war, sondern weil das Wort Gottes immer polarisiert. Donald Grey Barnhouse kommentierte diesen Vers wie folgt:

Beachten wir die Reaktion, die Paulus auf seine Predigten erhielt. Es ist immer dasselbe: Einige reagieren positiv, aber die große Mehrheit ist verhärtet und ungehorsam in ihrer Einstellung. Paulus schrieb darüber in 1.Korinther 2,14: »Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes kommt, denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt werden muss.« Das ist immer die Reaktion, die ein Prediger des Wortes Gottes erhält. Das ist die Reaktion, die jeder Christ auf sein treues Zeugnis für die Wahrheit Gottes erhält. (Acts, S. 176)

Paulus‘ unerschütterliches Bekenntnis zur Wahrheit angesichts von Feindseligkeiten setzt einen mutigen Präzedenzfall für alle, die heute im Dienst stehen (sei es in einer Kirche oder einem Seminar). Viel zu viele christliche Institutionen sind schnell bereit, ihre Botschaft zu verwässern, um sich der Popularität anzubiedern. Aber die von Gott gegebene Aufgabe eines jeden Gemeindehirten oder Bibelschulprofessors ist es, für die Wahrheit einzustehen, egal wie töricht oder unwillkommen sie der Gesellschaft um uns herum erscheinen mag.

Die Investition: Eine planvolle Konzentration auf die Ausbildung (19,9b–10a)

… trennte er sich von ihnen und sonderte die Jünger ab, indem er sich täglich in der Schule des Tyrannus unterredete. 10 Dies aber geschah zwei Jahre lang…

Da Paulus nicht mehr in der Synagoge der feindlich gewordenen Juden lehren konnte, zog er sich zurück und begann, sich mit den Jüngern in einer nahegelegenen Schule zu treffen (wahrscheinlich einem Hörsaal, der von einem lokalen Philosophen namens Tyrannus genutzt wurde). Everett F. Harrison liefert weitere Aufschlüsse und Überlegungen zur Situation:

Paulus‘ neuer Aufenthaltsort war »die Schule des Tyrannus«. Das griechische Wort dafür ist scholē, was zunächst Freizeit bedeutet, dann Diskussion oder Vorlesung (eine beliebte Freizeitbeschäftigung der Griechen), dann eine Gruppe, die solche Vorlesungen besucht, und schließlich den Ort, an dem solche Unterweisungen erteilt wurden. Eine aufschlussreiche Ergänzung im westlichen Text [Codex Bezae[1]] an dieser Stelle besagt, dass Paulus an diesem Ort täglich von der fünften bis zur zehnten Stunde, d. h. von 11 Uhr bis 16 Uhr, tätig war. Dies war wohl die Siesta-Zeit für die Einwohner. Man vermutet, dass Paulus diesen Saal zu einem symbolischen Preis mieten konnte, weil er zu dieser Tageszeit nicht genutzt wurde. (Acts, S. 291)

Die Tatsache, dass Paulus zwei Jahre lang täglich zusammenkam, zeigt, wie sehr er sich persönlich für die Ausbildung seiner Glaubensbrüder engagierte. Wenn der westliche Text korrekt ist, fanden die theologischen Lehrveranstaltungen des Paulus während der üblichen Mittagsruhe (Siesta) der Stadt statt (was darauf hindeutet, dass schläfrige Bibelschüler eine lange Tradition haben). Der Apostel opferte bereitwillig seine persönliche Ruhezeit, um die Jünger zu unterrichten, wahrscheinlich in Form von (Lehr-) Dialogen.

Es ist interessant zu bedenken, dass Paulus, wenn er sich sechs Tage die Woche fünf Stunden lang mit den Jüngern getroffen hat, in den zwei Jahren insgesamt etwa 3.000 Stunden mit ihnen verbracht hat. Das entspricht heute ungefähr vier Semestern Hochschulstudium.[2]

Bemerkenswert ist auch, dass Paulus sich während dieser Zeit als Zeltmacher finanziell selbst versorgte. F. F. Bruce erklärt:

Wir können uns also vorstellen, wie Paulus den frühen Morgen mit Betreiben seines Handwerks verbrachte (vgl. 20,34; 1Kor 4,12) und dann die nächsten fünf Stunden der noch anstrengenderen Aufgabe des christlichen Lehrgesprächs widmete. Seine Zuhörer müssen von seiner Begeisterung und Energie angesteckt worden sein. (Acts, S. 408)

Eine letzte Bemerkung betrifft den Namen jenes »Tyrannus«, den die meisten Kommentatoren für jenen Dozenten halten, von dem Paulus den Hörsaal gemietet (oder zur Nutzung überlassen bekommen) hatte. Kistemaker weist auf die Bedeutung seines Namens hin: »Wir wissen nichts weiter über Tyrannus, dessen Name ›Tyrann‹ bedeutete. Wahrscheinlich war dies ein Spitzname, den ihm seine Schüler gegeben hatten« (Acts, S. 684). Wenn das stimmt, dann hat auch das Bild des überstrengen Lehrers eine lange Tradition.

Auch hier gibt Paulus den heutigen Bibelschullehrern und Gemeindeältesten wieder ein überzeugendes Beispiel, über das sie nachdenken sollten. Der Apostel brachte große Opfer, um in die nächste Generation christlicher Leiter zu investieren. Es ist unser Vorrecht, dasselbe für diejenigen zu tun, die in unseren Tagen zur Verherrlichung Christi zum christlichen Dienst in Gemeinde und Mission berufen werden oder berufen sind.

Die Wirkung: Ein Beitrag, der Christus in aller Welt ehrt (19,10b)

…so dass alle, die in Asien wohnten, sowohl Juden als auch Griechen, das Wort des Herrn hörten.

Lukas schließt diesen kurzen Abschnitt mit einem Kommentar zu den Wirkungen, die die Ausbildungsstätte des Paulus in Ephesus hatte: »so dass alle, die in Asien wohnten, sowohl Juden als auch Griechen, das Wort des Herrn hörten«. Paulus konzentrierte sich ganz auf die Ausbildung, investierte sich dort. Die Wirkung war geradezu explosiv. Ein Kommentator merkt sogar an, dass »dieser Ort mit seinen täglichen Lehrdialogen über einen Zeitraum von zwei Jahren es Paulus ermöglichte, den bislang umfangreichsten Einfluss auszuüben, der in der Apostelgeschichte insgesamt berichtet wird« (David Peterson, Acts, S. 536).

Das Ergebnis dieser Investition in eine systematische und ausführliche Ausbildung waren ausgebildete Gemeindehirten, Mission und die Gründung weiterer christlicher Gemeinden. Bruce beschreibt die Auswirkungen dieser Investition mit folgenden Worten:

Von da an wurde die Provinz Asien zu einem der wichtigsten Zentren des Christentums. Wahrscheinlich wurden alle sieben in der Offenbarung erwähnten Gemeinden in der Provinz Asia in diesen Jahren gegründet, und noch weitere. Die Gründung der Gemeinden im Lykos-Tal, in Kolossä, Hierapolis und Laodizea, muss in diese Zeit datiert werden: Diese Städte wurden nicht von Paulus persönlich evangelisiert, sondern von seinen Mitarbeitern. (Acts, S. 409)

Und Kistemaker fügt hinzu:

Wir gehen davon aus, dass die von Paulus ausgebildeten Bibelschulstudenten Gemeindehirten in aufstrebenden Gemeinden in Westkleinasien wurden. … Diese Jünger waren maßgeblich daran beteiligt, das Evangelium Christi, also das Wort Gottes, sowohl an die Juden als auch an die Griechen zu verkündigen. (Acts, S. 685)

Die zweijährige Ausbildungsstätte des Paulus hatte durch Gottes Gnade einen unglaublichen Einfluss auf die Verbreitung des Evangeliums und für die Sache Christi. Wie R. C. H. Lenski zu Recht hervorhebt:

Paulus nutzte Ephesus als Ausstrahlungszentrum. Während er in dieser Metropole und diesem politischen Zentrum blieb, streckte er seine Fühler mithilfe seiner Assistenten so weit wie möglich aus. Wie viele er davon beschäftigte, lässt sich nicht abschätzen. Eine Gemeinde nach der anderen wurde gegründet. (Acts, S. 790)

Auch hier liefert uns das Beispiel des Paulus ein überzeugendes Vorbild, über das wir nachdenken sollten. Wenn Bibelschulen ihrer gottgegebenen Verpflichtung treu bleiben und die ihnen anvertraute Investition sorgfältig wahrnehmen, können sie mit Freude beobachten, wie Gott ihre Arbeit segnet, indem Gott sein Wort einsetzt, segensreiche Wirkungen in dieser Welt zu zeitigen.

Disclaimer und Endenoten

Dieser Beitrag wurde angeregt und inhaltlich wesentlich genährt durch mehrere mündliche und schriftliche Beiträge von Dr. Nathan Busenitz, dem Executive Vice President und Dekan der Fakultät am The Master’s Seminary. Er ist außerdem einer der Gemeindehirten von Cornerstone, einer Gemeinschaftsgruppe innerhalb der Grace Community Church (GCC) in Sunvalley, CA (USA) und Hauptprediger der GCC. Siehe insbesondere seinen Vortrag zur Shepherd’s Conference 2025 (5.–7. März 2025), General Session 9: Mobilizing the Master’s Men – Paul’s Strategic Commitment to Pastoral Training (hier).


[1]      Der Codex Bezae, auch Codex Bezae Cantabrigiensis, ist eine Handschrift des Neuen Testaments in griechischer und lateinischer Sprache aus dem 5. Jahrhundert. Der Codex Bezae enthält die vier Evangelien in der Reihenfolge der westlichen Handschriften (Matthäus, Johannes, Lukas, Markus) und einen Teil der Apostelgeschichte. Der Codex wird in der Bibliothek der Universität Cambridge aufbewahrt und hat die Signatur MS Nn.2.41. … Er war der einzige Bibeltext aus dem ersten Jahrtausend, der im 16. Jahrhundert bekannt wurde. Dieser Codex trägt den Namen von Theodor Beza, dem Nachfolger Johannes Calvins, denn er schenkte ihn der Universität Cambridge. Gemäß Beza sei der Codex zuvor im Kloster St. Irenäus bei Lyon gewesen. (überarb. Exzerpt aus: de.wikipedia.org/wiki/Codex_Bezae; siehe auch: Novum Testamentum Graece, NA28 (Apparat zu Apg 19,9))

[2]      In Europa wird im ECTS-Schema unter einer Lehreinheit oft eine Semesterwochenstunde (SWS) verstanden. Das entspricht einer Unterrichtsstunde (45 Min.) pro Woche während der Vorlesungszeit eines Semesters. Im typischen Semester entspricht dies 10–11 Zeitstunden. Führt diese Vorlesungszeit beim Studenten zu einer Arbeitslast (work load) von insges. 25–30 Zeitstunden, erhält er dafür einen ECTS-Credit Point (CP). 30 CPs entsprechen einem Semester, 180 oder 210 CPs entsprechen einem Bachelor-Abschluss, 300 CPS einem Master-Abschluss. Die zwei Jahre in Ephesus könnten also gut 4 Semestern Hochschulstudium von heute entsprechen.

Das Buch des Lebens

Lesedauer: 31 Minuten, Langstudie.

Die Heilige Schrift, selbst eine Bibliothek einiger zig Bücher (lat. Biblia = »Bücher«), erwähnt auch andere Bücher, teilweise namentlich, teilweise anspielend. Eines davon spielt eine herausragende Rolle in der gesamten Heilsgeschichte: Das »Buch des Lebens« (es wird auch mit anderen und verkürzten Titeln bezeichnet, es mag auch mehrere Bücher diesen Titels geben). Beim »Buch des Lebens« handelt sich nicht um ein physisches Buch, sondern um ein theologisches Bild mit starker symbolischer Bedeutung: Gott offenbart mit der schriftlichen Fixierung einer Namensliste von Menschen die Unveränderlichkeit seines Heils- und damit Lebensplanes. Aber es gibt beängstigende Anspielungen und Vorstellungen, dass diese Unveränderlichkeit doch nicht sicher garantiert sei. Entsprechend fächern sich die Deutungen bzgl. dieses »Buch des Lebens« auf.

Vorgehensweise: (I) Die Erwähnungen des »Buches des Lebens« sollen zuerst mit einer Zitatensammlung aus AT und NT überblicksartig gezeigt und kommentiert werden. (II) Da dieses Buch in der christlichen Lehrtradition sehr unterschiedlich verstanden wurde, müssen wir uns in einem zweiten Schritt einen Überblick über die unterschiedlichen Deutungen und deren Begründungen verschaffen. Dabei kann man erkennen, dass diese jeweiligen Deutungen oft in die Gesamttheologie der Deutenden eingepasst wird. (III) Drittens werden wir eine Deutung vertieft darstellen, von der wir überzeugt sind, dass sie dem Gesamtzeugnis der Schrift am besten entspricht. (IV) Eine Kostprobe von Zitaten soll die letzten beiden Punkte ergänzend illustrieren. – Da dies eine längere Untersuchung wird, hier vorweg eine Zusammenfassung.

Summary

Das Buch des Lebens ist ein himmlisches Register, das Gottes Beziehung zu seinem Volk dokumentiert. Gott wird dargestellt als jemand, der eine Aufzeichnung aller führt, die unter seiner besonderen Fürsorge und Obhut stehen. Die Bedeutung dieses Konzepts entfaltet sich auf zwei Ebenen: einer unmittelbaren und einer eschatologischen.

  • (1) In der unmittelbaren Dimension symbolisiert das Buch des Lebens Gottes Schutz und Anerkennung. Im Alten Testament bedeutet die Auslöschung aus dem Buch des Lebens, dass jemand physisch stirbt, während das Eingetragensein Gottes Gunst signalisiert. Aus diesem Register gelöscht zu werden bedeutet, von Gottes Gunst abgeschnitten zu sein und einen vorzeitigen physischen Tod zu erleiden. Im Neuen Testament erhält dieses Bild neue Tiefe: Für verfolgte Christen, deren Namen möglicherweise aus lokalen Synagogenregistern gelöscht wurden, verheißt Jesus, dass ihre Namen niemals aus dem himmlischen Register, das die Ewigkeitszuordnung des ewigen Lebens festhält, entfernt werden—eine Zusicherung der Zugehörigkeit zur himmlischen Stadt und Zukunft, selbst wenn sie irdische Ablehnung erfahren. – 
  • (2) Eschatologisch betrachtet wird das Buch des Lebens zum entscheidenden Dokument des letzten Gerichts. Wer in diesem Buch nicht verzeichnet ist, erfährt wegen seiner Werke endgültiges Gericht im Feuer der Hölle. Die Namen der Auserwählten stehen aber schon bei Grundlegung der Welt in diesem Buch des Lebens des Lammes, ihr Eintrag wurde also bereits vorweltlich von Gott festgesetzt. Dies verbindet Gottes ewige Souveränität und Heilsvorsatz mit der gegenwärtigen Sicherheit der Gläubigen—eine Zusicherung, dass ihre gegenwärtige Treue zu Christus mit ihrer ewigen Bestimmung übereinstimmt.

1 Das Zeugnis der Schrift

1.1 Altes Testament

Die folgenden Stelle beziehen sich auf die Situation der Menschen in vorchristlicher Zeit. Unsere Situation wird im Neuen Testament beschrieben, siehe unten (Abschnitt 1.2).

Psalm 69,28  Lass sie ausgelöscht werden aus dem Buche des Lebens, und nicht eingeschrieben mit den Gerechten!

David schreibt hier einen Klage- und Rachepsalm. Er wusste, dass er ein Sünder war (69,6), aber er litt von Menschenhand für Unrecht, das er nicht begangen hatte. Die Anklagen standen in Verbindung mit Gott und Gottes Tempel. Entsprechend klagt er und fordert von Gott Rache. In diesem Bereich steht der zitierte Vers. Es ist Davids emotionale Verwünschung seiner Feinde und Hasser. Er findet aber in seiner Klage auch Formulierungen, die über seine Situation hinaus auf Jesus Christus deuten. – Sprachlich gesehen wird hier also nichts gelehrt oder objektiv festgestellt, sondern emotional von einem Menschen eine Bitte geäußert. Weiterhin machen die Parallelzeilen der Poesie deutlich, dass es um das physische Leben geht.

Psalm 139,15-16. Nicht verhohlen war mein Gebein vor dir, als ich gemacht ward im Verborgenen, gewirkt wie ein Stickwerk in den untersten Örtern der Erde. Meinen Keim sahen deine Augen, und in dein Buch waren sie alle eingeschrieben; während vieler Tage wurden sie gebildet, als nicht eines von ihnen war.

In Psalm 139 geht es darum, dass Gott, der Schöpfer, jeden Menschen und alle Menschen will, kennt und formt. Das gilt überall und stets, Gottes Allgegenwart und Allwissen leuchten poetisch auf. Sogar in den »untersten Örtern« (euphemistisch für den Uterus der Mutter), wo niemand das heranreifende Baby sieht, ist Gott sehend (überwachend) und aktiv gestaltend »kunsthandwerklich« anwesend: Ein Wunder Gottes geschieht. David legt poetisch den Gedanken nahe, dass im Mutterleib nichts Zufälliges, sondern göttlich Verordnetes passiert: Alles geht nach dem göttlichen »Buch«, nichts ist zufällig oder wertlos. Die Verbindung zwischen diesem »Buch« und dem irdischen, physischen »Leben« ist offenbar: hier stehen alle Menschen, die je gelebt haben. Vom Heil ist nicht die Rede.

Psalm 87,5f.  Und von Zion wird gesagt werden: Der und der ist darin geboren; und der Höchste, er wird es befestigen. Jahwe wird schreiben beim Verzeichnen der Völker: Dieser ist daselbst geboren.

Dieser Psalm der Söhne Korahs feiert Zion als erwählte Stadt Gottes. Dort stand das Heiligtum, dort wohnte Gott. Wer in dieser Stadt geboren ist und dort wohnt, ist Mitbewohner und Nachbar Gottes. Das bedeutet größte Ehre. Aber man muss seinen Anspruch nachweisen können im Geburts-/Abstammungsregister. Im Millennium –und ggf. darüber hinaus– werden auch die Nationen (Völker) dorthin gehen, um Segen zu empfangen. Im NT wird dieser Vorsatz Gottes offenbarend gedeutet auf die Glieder der Gemeinde Jesu (Eph 3:4ff), wo die Abstammung nicht per Blutlinie Abrahams, sondern weitergehend per »Blutlinie« Jesu Christi festgelegt wird (vgl. Gal 3,7.14.29; Heb 2,16). Dieser Vorsatz Gottes fand seine erste explizite Offenbarung im Abrahamischen Bund in 1Mose 12. Dieses Verzeichnis ist also wichtig für die Bundeszusagen Gottes an Israel.

Jesaja 4,3  Und es wird geschehen, wer in Zion übriggeblieben und wer in Jerusalem übriggelassen ist, wird heilig heißen, ein jeder, der zum Leben eingeschrieben ist in Jerusalem.

Der Prophet Jesaja, der dem Volk Israel die Anklage Gottes, aber auch die Verheißung Gottes, vor allem aber die Gute Nachricht der Wiederherstellung bringt (s. ab Kap. 40), bringt schon in der Einleitung diesen Lichtblick auf die verheißenen Segnungen für Jerusalem und seine rechtmäßigen Bewohner. – Ansonsten gilt das zu Psalm 87,5f Gesagte.

2Mose 32:32f  Und nun, wenn du ihre Sünde vergeben wolltest! Wenn aber nicht, so lösche mich doch aus deinem Buch, das du geschrieben hast. Und Jahwe sprach zu Mose: Wer gegen mich gesündigt hat, den werde ich aus meinem Buch auslöschen.

Mose reagiert hier vorbildlich auf die eklatante Sünde des Volkes, das sich unter der Leitung des späteren Hohenpriesters Aaron ein goldenes Kalb gemacht und unter Verwendung des Namens des Ewigen angebetet hatte. Damit waren gleich die wichtigsten Gebote Gottes im Dekalog gebrochen worden, bevor sie von Gott  in Stein geschrieben das Volk erreichten. Mose war klar: Darauf konnte nur der Tod als Strafe folgen, Gott hatte es so gesagt. Und so versucht er als großer Stellvertreter seines Volkes die Schuld und Strafe auf sich zu nehmen. Das war menschlich vorbildlich gefühlt, aber göttlich gesehen ein absolut unmöglicher Vorschlag (per impossibile). Das würde Gott in den nächsten Monaten noch deutlich machen. – Auch Paulus hatte ähnliche Gefühle der gerichtlichen Stellvertretung für sein Volk, die Juden, aber er redete in der Wunschform (Römer 9,2–3; vgl. 10,1). Er wusste: ein Anderer, ein Schuldloser, musste kommen, um sein Volk von ihren Sünden zu erretten (Mt 1,21). 

Der kurze Dialog in 2Mose stellt zwar einen Zusammenhang zwischen den Einträgen in einem Buch und Sündern dar, aber das Buch wird nicht identifiziert als »Buch des Lebens«. Sprachlich ist die zeitliche Einordnung nicht eindeutig geklärt. Zudem: Wenn Gott sagt, dass er jeden, der gegen ihn gesündigt hat, aus diesem Buch auslöschen wird, dann sind die Seiten dieses Buches bis auf einen Namen leer, denn »alle haben gesündigt und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes« (Röm 3,23a). Dann stand eben auch Mose nicht drin, denn er war ein Mörder. Hatte er das vergessen?

Daniel 12:1  Und in jener Zeit wird Michael aufstehen, der große Fürst, der für die Kinder deines Volkes steht; und es wird eine Zeit der Drangsal sein, dergleichen nicht gewesen ist, seitdem eine Nation besteht bis zu jener Zeit. Und in jener Zeit wird dein Volk errettet werden, ein jeder, der im Buche geschrieben gefunden wird.

In jener Zukunftsvision des Propheten Daniel werden Ereignisse beschrieben, die im folgenden Text für Daniel in weite Ferne gelegt werden, in die (auch für uns noch zukünftigen) 3,5 Jahre der Großen Drangsal Israels (12,1.7ff). Das Buch wird nicht identifiziert als »Buch des Lebens«. Es ist die Rede von »dein Volk«, also Daniels Volk, also das Volk Israel, nicht von allen Menschen. Der nach größter Drangsal auf Erden gerettete »Überrest« Israels steht offenbar in diesem Buch. Das bedeutet, dass deren (zukünftige) Errettung durch göttliche Festlegung bereits feststeht.

1.2 Neues Testament

Siebenmal kommt das Buch des Lebens begriffsmäßig im NT vor, einmal in Philipper, sechsmal in der Offenbarung. Daneben gibt es Anspielungen auf andere Bücher ähnlicher oder gleicher Bedeutung. Das Verständnis dieses Begriffes baut auf dem AT auf.

Buch des Lebens, positiver Eintrag

Philipper 4,3 Ja, ich bitte auch dich, mein treuer Mitknecht, stehe ihnen bei, die in dem Evangelium mit mir gekämpft haben, auch mit Clemens und meinen übrigen Mitarbeitern, deren Namen im Buche des Lebens sind.

Mitarbeiter im Reich Gottes stehen auch im Buch des Lebens (griech. bíblos zōs). In Verbindung mit der Aussage des Herrn in Lukas 10,20 bedeutet es für Mitarbeiter im Reich Gottes wohl eine besondere Sicherheit und einen festen Trost, zu wissen, dass man im Himmel fest verankert ist (was das ewige Heil betrifft), auch wenn die »Erfolge« und »Misserfolge« im Dienst hier Zweifel über die Quelle der Heilssicherheit aufkommen lassen mögen. – 

Offenbarung 3,5  Wer überwindet, der wird mit weißen Kleidern bekleidet werden, und ich werde seinen Namen nicht auslöschen aus dem Buche des Lebens und werde seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln.

Den Überwindern der Gemeinde in Sardes wurde diese Verheißung ausgesprochen. Verse 4–5 verwenden dreimal den Begriff »Namen«, alle drei Verwendungen stehen im Zusammenhang mit positiven, mit dem Heil verbundenen Aussagen. Insbesondere steht hier nicht ausdrücklich, dass jemand aus dem Buch des Lebens ausgelöscht werden würde. Diese Stelle darf also nicht als (möglicher) Fakt oder als prinzipielle Wahrheitsaussage zur Behauptung des Auslöschens verstanden werden. Vielmehr wird versichert, dass dieses Auslöschen nicht vorkommt. Daher ergibt sich für die Auslegung die Frage, ob es sich hier (1) um die Sprache einer Gerichtsandrohung handelt, die zwar (gerechte) Straffolgen androht, welche aber im Ratschluss Gottes nicht vorkommen, oder (2) ob man diese Drohung umkehren und als Lehraussage auffassen darf (übliches Argument: Es wäre keine Drohung, wenn das angedrohte Übel nicht eintreffen könnte). 

Offenbarung 21,27  Und nicht wird in sie eingehen irgend etwas Gemeines und was Gräuel und Lüge tut, sondern nur die geschrieben sind in dem Buche des Lebens des Lammes.

Buch des Lebens, kein Eintrag

Offenbarung 13,8  Und alle, die auf der Erde wohnen, werden es anbeten, ein jeder, dessen Name nicht geschrieben ist in dem Buche des Lebens des geschlachteten Lammes von Grundlegung der Welt an.

Offenbarung 17,8  Das Tier, welches du sahst, war und ist nicht und wird aus dem Abgrund heraufsteigen und ins Verderben gehen; und die auf der Erde wohnen, deren Namen nicht in dem Buche des Lebens geschrieben sind von Grundlegung der Welt an, werden sich verwundern, wenn sie das Tier sehen, dass es war und nicht ist und da sein wird.

Offenbarung 20,12.15  Und ich sah die Toten, die Großen und die Kleinen, vor dem Throne stehen, und Bücher wurden aufgetan; und ein anderes Buch ward aufgetan, welches das des Lebens ist. Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben war, nach ihren Werken. … Und wenn jemand nicht geschrieben gefunden wurde in dem Buche des Lebens, so wurde er in den Feuersee geworfen.

Diese drei Stellen gehören zu Szenen des endgültigen Gerichts, auch wenn sie zeitlich getrennt liegen. Wer nicht im Buch des Lebens steht, wird von Satans Agenten zur götzendienerischen Anbetung verführt werden. Sie sind die Erdbehafteten, die dem Tier (und damit Satan) ins Verderben folgen: ins ewige Gericht Gottes. Jene Menschen, die unerlöst bereits den körperlichen Tod erlitten haben, müssen alle am Gerichtstag des Großen Weißen Thrones auferstehen. Sie tun das, wie Daniel schon wusste,  zur »ewigen Abscheu« (Daniel 12,2).

Die Besonderheit ist, dass Offb 13,8 dieses »Buch des Lebens« mit Christus verbindet, mit dem »geschlachteten Lamm«. Damit wird die Namensliste jenes Buches zu einer Namensliste der im Opfer Jesu ewig Geretteten, nicht nur jener, die zeitweilig oder rein irdisch Rettung(en) seitens Gott erfahren haben. Jesus Christus hat »mit einem Opfer … auf immerdardie vollkommen gemacht, die geheiligt werden« (Hebr 10,14), so dass hier kein nur zeitweiliger, aufkündbarer, bereubarer Rettungszustand gemeint sein kann, der in jenem Buch dokumentiert ist.

Andere Erwähnungen eines Lebens- oder Heilsbuches im NT

Lukas 10,20  Doch darüber freuet euch nicht, dass euch die Geister untertan sind; freuet euch aber, dass eure Namen in den Himmeln angeschrieben sind.

Hier ist ohne ausführliche Namensnennung wohl dasselbe Buch gemeint, wie in Philipper 4,3 (s.o.). Wiederum: Wichtiger als jeder Dienst, jeder Erfolg im Dienst, ist, dass man durch Gottes Willen und Beschluss ewig gerettet ist. Der Nachweis für diesen unwandelbaren Beschluss liefern die schriftlich fixierten Einträge in diesem Buch »im Himmel«.

Hebräer 12,23  …und zu der Versammlung der Erstgeborenen, die in den Himmeln angeschrieben sind; und zu Gott, dem Richter aller; und zu den Geistern der vollendeten Gerechten…

Diese Stelle ergänzt Philipper 4,3 und Lukas 10,20 mit dem Gedanken, dass es ein Buch gibt, in dem alle Gläubigen, die Gesamtheit der ewig Geretteten, fix eingetragen sind. – Sie stehen dort nach göttlichem Vorsatz und Beschluss; alle die dort stehen, werden in der Zeit mit wirksamem Ruf zum Glauben gerufen: »Als aber die aus den Nationen es hörten, freuten sie sich und verherrlichten das Wort des Herrn; und es glaubten, so viele zum ewigen Leben bestimmt waren.« (Apostelgeschichte 13,48).

1.3  Zusammenfassung

Das »Buch des Lebens« ist ein metaphorisches Register Gottes, das im Alten Testament angedeutet wird, im Neuen Testament zentral für das Endgericht ist und das eng mit Christus und der ewigen Erlösung verbunden ist. Am Ende wird dieser Eintrag für jeden Menschen ewigkeitsentscheidend sein:

  • 1.    Offenbarung 20,12.15 – In das Buch eingeschrieben zu sein bedeutet, ewiges Leben zu haben.
  • 2.    Offenbarung 21,27 – In das Buch eingeschrieben zu sein bedeutet, dass man in die Stadt Gottes eintritt. 
  • 3.    Offenbarung 3,5 – Gott wird den, der bis zum Ende standhaft bleibt, nicht aus dem Buch auslöschen. 
  • 4.    Offenbarung 13,8 – Diejenigen, die das Tier anbeten, waren nie in das Buch eingeschrieben. 
  • 5.    Offenbarung 17,8 – Auch hier gilt: Diejenigen, die das Tier bewundern, waren nie in das Buch eingeschrieben. 
  • 6.    Lukas 10,20 – Unsere gesamte Sicherheit vor der Hölle und vor den Dingen, die uns in die Hölle bringen, liegt darin, dass unsere Namen in das Buch des Lebens bleibend (fix) eingeschrieben sind.

2 Unterschiedlichen Deutungen

Immer wieder fragen sich Christen, ob sie aus diesem »Buch des Lebens« ausgelöscht werden können. Die Stelle in 2Mose 32,33 wird herbeigezogen als positives Beispiel einer Eintragslöschung, Offenbarung 3,5 wird als implizite Möglichkeit einer solchen Löschung verstanden. Die anderen beziehen sich u.a. auf Offenbarung 13,8, wo ausdrücklich steht, dass die Eintragung »von Grundlegung der Welt« bereits feststand, also vor-weltlich entschieden wurde. Die Spannung entsteht also zwischen den Polen »unverlierbares Heil« versus »verlierbares Heil«. Dies ist in der Tat eine überaus wichtige, alles entscheidende Frage. Wie haben unterschiedliche christliche Traditionen sie beantwortet?

2.1 Die römisch-katholische Sicht (Lehre)

De Kerngedanke der RKK (Röm.-kath. Kirche) ist, dass das »Buch des Lebens« alle enthalte, die aktuell in der Gnade Gottes stehen, wobei dieser Zustand verlierbar ist. Ein vorhandener Eintrag dokumentiert also, dass ein Mensch momentan im Stand der heiligmachenden Gnade ist. Da der Mensch aber einen »echten, freien Willen« hat, kann eine bestimmte Klasse schwerer Sünden (die sog. »Todsünden«) zur Auslöschung des Eintrags führen. 

Die Konsequenzen dieser Ansicht: Rettung ist ein dynamischer (stetig wechselnder) Zustand, kein einmaliges Ereignis, das zu einem festen Heilsstand führte. Die Sakramente (v. a. Beichte, Eucharistie) spielen eine zentrale Rolle in der Dynamik des Heils und damit der Eintragung. Endgültige Sicherheit besteht erst nach dem Tod. – Das »Buch des Lebens« ist hier also ein reales, aber veränderbares Register des aktuellen Heilsstandes und der Gottesbeziehung. Mangelnde Heilsgewissheit treibt den suchenden Menschen zu den gnadenvermittelnden Heils-»Sakramenten« der RKK.

2.2 Die reformierte Sicht (Lehre)

Der Kerngedanke der Heilslehre der Reformatoren ist, dass das »Buch des Lebens« die Liste der von Gott vor Grundlegung der Welt zum ewigen Heil Erwählten ist. Dieses Lehrverständnis ergibt sich in Harmonie (sog. »Analogie der Schrift«) zu den anderen Lehrpositionen der Reformation (insbesondere deren Heilslehre), nämlich dass Gott souverän über das Heil entscheidet (Prädestination, Erwählung), dass somit die Eintragungen unveränderlich sind, und es kein »Auslöschen« im eigentlichen Sinn gibt (auch wenn diese mit prophetischer Mahnung angedroht wird). Das »Auslöschen« wird also als (aus menschlicher Perspektive) scheinbar verstanden, oder als prophetische Warnsprache verstanden. Im lutherischen Zweig der Reformation wird später jedoch eingeräumt, dass der Mensch sich durch anhaltenden Unglauben selbst wieder aus dem Buch löschen könne. Hier sehen wir eine arminianisch anmutende Verfremdung der Heilslehre (Abfall vom rettenden Glauben sei möglich).

Die Konsequenzen dieser Ansicht: Der durch Gottes vorweltlichem Beschluss und durch Christi Opfer »auf immerdar« Gerettete ist tatsächlich für immer gerettet, steht nicht länger auf einem Bewährungs-Prüfstand, was seine ewige Errettung angeht. Wer so gerettet wurde, ist sicher auf ewig errettet (sog. »Ausharren der Heiligen«). Wer ins »Buch des Lebens« eingetragen wurde, wird bis zum Ende, bis zur ewigen Glückseligkeit, bewahrt bleiben. Das Buch dokumentiert also den ewigen, unveränderlichen Heilsbeschluss Gottes, der auch zur Vollendung führen wird: der Verherrlichung aller zuvor von Gott Erkannten, Bestimmten und Berufenen (Römer 8,29–30). Folglich ist es für die Glaubenden größter Trost und Motivation, »dass eure Namen in den Himmeln angeschrieben sind« (Lukas 10,20).

2.3 Adventistische Sicht (Lehre)

Der Kerngedanke der Sekte der Adventisten (Milleriten, Siebenten-Tags-Adventisten STA) ist, dass das »Buch des Lebens« Teil eines himmlischen Gerichtsprozesses sei. Sie haben die Sonderlehre eines »Untersuchungsgerichts«, das seit 1844 als »Voruntersuchungsgericht« laufe. Dabei werden die Namen einzeln geprüft und bleiben dann entweder bestehen oder werden gelöscht. (Dieses Datum wurde genannt, nachdem drei konkrete Zeitangaben für die Rückkehr Jesu sich als falsch erwiesen hatten: Herbst 1843, 21.03.1844, 22.10.1844.)

Die Konsequenzen dieser Ansicht: Diese Lehre ist eine Vermischung von Gnade Gottes mit realer Bewertung des Lebens unter extremer Betonung der Endzeit. Ein entscheidendes Bewertungskriterium der Treue eines Christen ist die Beachtung des Sabbats als biblischem Ruhetag. Dies geht auf eine (okkulte) Vision ihrer Hauptlehrerin Ellen G. White am 03.04.1847 zurück, die sie angeblich in Topsham, Maine (USA) hatte. In dieser Vision sah sie die Bundeslade im Allerheiligsten, darin die 10 Gebote , wobei das 4. Gebot (Sabbatgebot) mit besonderem Licht hervorgehoben wurde (Quelle: A Word to the Little Flock, 1847). Das Buch ist hier ein aktuelles, überprüftes Register des himmlischen Gerichts.

2.4 Freikirchlich-evangelikale Sicht (Lehre)

Der Kerngedanke der Freikirchen, die sich aus dem Strom des Protestantismus entwickelt hatten, bietet zwei Versionen als Hauptströmungen an. Die eine Sicht ist ähnlich zur reformiert-calvinistischen Sicht, dass die Bucheinträge endgültig seien. Die andere Sicht ist ähnlich zur arminianisch-lutherischen Sicht, dass echter, rettender Glaube auch verloren gehen könne. Der gemeinsame Nenner ist, dass die Eintragung ins Buch durch Glauben an Jesus Christus erfolgt, eine Auslöschung ist je nach Auffassung unmöglich oder möglich, je nach Treue, Willen und Ausharren des Eingetragenen.

Die Konsequenzen dieser Ansicht: Hier wird die »persönliche Entscheidung« des Menschen zum Heil zum entscheidenden Kriterium für Eintragung und Auslöschung. Das Buch dokumentiert also eng die individuelle Bekehrungserfahrung.

Zentrale Streitpunkte

Alle Lehrtraditionen stimmen darin überein, dass das »Buch des Lebens« für Gottes Heilsanerkennung gg. individuellen Menschen steht (Namensliste!). Aber sie unterscheiden sich z.T. radikal darin, wie man in dieses Buch kommt, ob man darin bleibt und wer letztlich über Eintrag und Verbleiben entscheidet.

Die Unterschiede der Lehransichten drehen sich im Kern um drei große Lehrfragen: (1) Prädestination vs. freier Wille (Entscheidet Gott alleine über das Heil oder ist es der Mensch, der das Heil entscheidend ergreift?); (2) Sicherheit der Rettung (Ist das Heil absolut sicher oder ist es gefährdet wegen Untreue und Abfall des Menschen?); (3) Verhältnis von Gnade und Werken (Wird das Heil vom Menschen rein passiv empfangen, also von Gott aktiv erhalten, oder steht der Mensch in der Verantwortung, sich mit guten Werken und Treue als würdig des Heils zu erweisen?).

3 Die Lehrtradition der »Plymouth Brüder« (D: Christliche Versammlung)

Die »Plymouth Brüder« (heute oft nur: »Brüderbewegung«) entstanden in Irland in den 1820er Jahren. Sie kamen in Erwartung der Wiederkunft Jesu in Hauskreisen zum Bibelstudium und Abendmahl zusammen. Durch eifrigen Missionsdienst hat sich diese Bewegung in aller Welt ausgebreitet und hat viele in Splittergruppen und Sekten getrennte Sonderkirchen erzeugt. Prägende Theologen der Bewegung waren die Iren John Nelson Darby (1800–1882), ein anglikanischer Geistlicher aus höchsten gesellschaftlichen Kreisen und herausragender Bildung, sowie William Kelly (1821–1906), ebenfalls ein Spezialist für alte Sprachen, Bibelausleger, Autor und Prediger, der das Gesamtwerk Darbys (z.T. stark) lektorierte und herausgab. Das Verständnis des »Buch des Lebens« wurde maßgeblich von diesen Bibellehrern geprägt. Inzwischen sind jedoch viele alternative Lehrmeinungen entstanden, die sich denen anderer Freikirchen angeglichen haben.

Grundverständnis. Die Brüderbewegung liest das »Buch des Lebens« nicht als eigenständiges Dogma, sondern als integrierten Teil ihres Verständnisses von Erwählung, Wiedergeburt, ewigem Leben, Heilssicherheit und Heilsgewissheit. Der entscheidende Punkt: Wer wirklich gerettet ist, ist endgültig gerettet – und steht damit für immer im Buch.

Klassische Linie (J.N. Darby). Der Kerngedanke von Darby und der frühen Bewegung war: Es gibt aufgrund der Heiligen Schrift objektiv absolute Heilssicherheit sowie subjektiv wirkende Heilsgewissheit für jeden Glaubenden. Die Erwählung zum ewigen Heil fand vor Grundlegung der Welt statt und gründet sich im vorausgesetzten vollendeten Heilswerk Christi. Erwählung ist »ewiger Ratschluss Gottes«, ewige Rettung basiert vollständig auf dem Kreuz und ist abgeschlossen. Wichtig: Ewiges Leben ist nicht verlierbar, sonst wäre es nicht »ewig«.

Konsequenz für das »Buch des Lebens«: Der Eintrag ist Ergebnis göttlicher Erwählung, daher unumkehrbar. Das »Auslöschen« wird rhetorisch (prophetische Sprache) oder als scheinbar (rein menschliche Perspektive) verstanden. – Das entspricht stark der reformierten Position, aber mit stärkerer Betonung der persönlichen Gewissheit.

Einbettung in die Heilslehre der »Brüderbewegung«. (1) Die Heilsgewissheit ist ein zentrales Merkmal (»full assurance of salvation«, basierend u.a. auf 1. Johannes 5,13: »Dies habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr ewiges Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes«.) Das ist entscheidend: Ein Christ weiß sicher, dass er gerettet ist. Diese Gewissheit basiert auf dem Wort Gottes, dem vollbrachten Werk Christi und dem Zeugnis des Heiligen Geistes. Daher ist das »Buch des Lebens« kein unsicheres Register, sondern Ausdruck einer bereits feststehenden Realität. – (2) Die Heilssicherheit (»eternal security«) ist objektiv im vollbrachten und vollkommenen Sühnungsopfer Jesu am Kreuz gegeben, sie hängt nicht subjektiv vom Glaubenden ab. Die Aussage der Schrift ist klar: Ein echter Gläubiger kann nicht verloren gehen (Joh 3,15f; 10,28ff). Das Heil und die Vollendung ist so sicher, dass der Hebräerbrief es in der Vergangenheitsform als bereits vollendet darstellt: »indem er viele Söhne zur Herrlichkeit brachte« (Hebr 2,10). – (3) Die Warnstellen werden in der »Brüderbewegung« klassisch so gelesen: Weil es Scheinchristen gibt, wird festgestellt (oder stark vermutet), dass »Abgefallene«, bei denen man keine Zuchtmaßnahmen Gottes feststellt, wahrscheinlich nie wirklich in diesem »Buch des Lebens« eingetragen waren, sie gehörten nie zu Familie Gottes: »Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns; denn wenn sie von uns gewesen wären, so würden sie wohl bei uns geblieben sein; aber damit sie offenbar würden, dass sie alle nicht von uns sind.« (1.Johannes 2,19).

Variationen und Abweichungen. Innerhalb der Brüderbewegung haben sich Differenzen in der Lehre entwickelt. (1) Die eher Darby lehrhaft folgenden »Brüder« gehen immer noch davon aus, dass der göttliche, personale Wille alles entscheidend prägt, was sie aus Sicht der Gegenseite als »calvinistisch« erscheinen lässt (allein ihre Eschatologie zeigt aber schon auf, dass diese »Brüder« keine Calvinisten sind; sie lehnen dieses Etikett vehement ab). Für sie ist das »Buch des Lebens« ein festes, göttliches, ewiges Register. – (2) Die sog. »Offenen Brüder« haben eine viel größere Bandbreite in der Lehre entwickelt, die mit ihren Ursprüngen und Wurzeln manchmal nur wenig noch zu tun haben. Sie sehen teilweise mehr Raum für die Verantwortung des Menschen und daher für kraftvolle praktische Warnungen. Aber auch hier gilt in der Regel noch: Wer eine echte Wiedergeburt erlebt hat, der hat bleibende Rettung. Die Unterschiede sind eher pastoral, noch nicht fundamental. Das Ganze ist jedoch in Bewegung, da es in diesen Freikirchen kein verbindliches »Credo« gibt. – Die Grundlagenliteratur findet man bei John Nelson Darby (Collected Writings, zu Themen wie: election, eternal life, assurance), William Kelly, C. H. Mackintosh und (amerikanisch) F. W. Grant, H.A. Ironside. Typische Titel lauten: »Eternal Security of the Believer« oder »Assurance of Salvation« (Onlinequellen: Plymouth Brethren Writings, stempublishing.com, oder: bibelkommentare.de).

Zu Offenbarung 3,5

»Wer überwindet, der wird mit weißen Kleidern bekleidet werden, und ich werde seinen Namen nicht auslöschen aus dem Buch des Lebens«

Darby und Kelly stellen am Text fest, dass hier nicht eine Drohung steht, sondern eine Verheißung. Es steht nicht da: »Ich könnte Dich auslöschen«, was die Möglichkeitsform wäre. Hermeneutisch liest Darby die Sendschreiben als moralische Appelle an Bekenner, nicht als metaphysische Aussagen über den Verlust des Heils. Fazit: Die Aussage stärkt die Gewissheit der Überwinder, sie beschreibt keine reale Möglichkeit des Auslöschens des Namens echter Glaubender.

Zu Offenbarung 13,8

»Und alle, die auf der Erde wohnen, werden es anbeten, jeder, dessen Name nicht geschrieben ist in dem Buch des Lebens des geschlachteten Lammes von Grundlegung der Welt an.«

Hier wird die Position der ursprünglichen »Brüderbewegung« besonders deutlich. Die zeitliche Zuordnung (Eintragung vor der Schöpfung) bedeutet, sie ist vollständig unabhängig vom menschlichen Verhalten. Die systematische Konsequenz daraus ist: Das Buch ist Ausdruck der ewigen Erwählung, nicht eines späteren Prozesses. Und letztlich die Christuszentralität: Hier steht eine Zuspitzung auf Jesus Christus, denn es ist das »Buch des Lebens des Lammes«. Erwählung, Kreuz und Erlösung liegen auf einer ewigen Linie. Fazit: Für Darby ist das eine der stärksten Begründungen für die Auslegung: Dieses Buch ist ewig festgelegt, sein Inhalt nicht dynamisch veränderbar.

Sprachlich-thelogische Bemerkungen. Der griechische Text von Offenbarung 13,8 enthält apo katabolēs kosmou. Das bedeutet wörtlich »von Grundlegung der Welt an«, also »seit Beginn der Weltzeit«. Das Griechische sagt nicht ausdrücklich »vor« (pro). Warum lesen/verstehen es Darby u.a. trotzdem wie ein »vor«? – Dazu gibt es drei Gründe(1) In Verbindung mit Offenbarung 17,8 (»nicht geschrieben sind seit…«) kann man argumentieren: Wenn Namen schon von Beginn der Welt drinstehen oder fehlen, dann lag die Entscheidung für die Eintragung vor diesem Zeitpunkt, also in der Ewigkeit vor der Zeit. Das ist ein logischer Schluss, kein rein grammatischer. (2) In Verbindung mit Epheser 1,4 (»erwählt vor Grundlegung der Welt«) und Johannes 17,24 (»geliebt vor Grundlegung der Welt«, i.V.m. der Einsmachung in Joh 17) ist systematisch zu schließen, dass die Bibel eine vorweltliche Erwählung lehrt, mit der auch Offenbarung 13,8 übereinstimmen muss. Daraus ergibt sich: (3) Eine zeitliche Eintragung (erst »seit Beginn« der Erde) wäre unvereinbar mit der Lehre der Erwählung. Da die Erwählung ewig ist, ebenso die Erwählung des Sohnes Gottes zum rettenden »Lamm Gottes«, und das »Buch des Lebens« ein Namensregister der zum Heil Erwählten darstellt, muss dieses Buch samt Inhalt ewigen Charakter haben. Dies folgt keinem philologisch-sprachlichen Zwang, sondern ist ein dogmatisch notwendiger Schluss, wenn man von theologischer Kohärenz und Wahrheit der biblischen Lehre ausgeht.

Auf den weiteren sprachlichen Streitpunkt, ob sich das »von Grundlegung der Welt an« überhaupt auf das »geschrieben« bezieht, und nicht auf das »geschlachtet« bzgl. des Lammes, gehe ich hier nicht weiter ein. Beides ist grammatisch möglich, die Mehrdeutigkeit ist im Griechischen real. Die Entscheidung für das erstere Verständnis ist theologisch begründet. Es scheint in der »Brüderbewegung« noch das übliche Verständnis zu sein (so wiedergegeben in nichtrevELB, ELBCSV, SCHL2000, LUT, KJV, NKJV, ESV, NASB). Die Hermeneutik der Reformation enthält die Grundregel: Unklare Stellen werden durch klare Lehre entschieden. Der historisch-kritische Ansatz hingegen nimmt jede Stelle für sich und gibt (hier) der Syntax Vorrang vor der theologischen Systematik und Widerspruchsfreiheit. Bindung an »geschlachtet« liefern: Einheitsübersetzung, NGÜ, Zürcher Bibel, BasisBibel, neuere ELBREV, NIV, NRSV. – Die grundtextnahe ESV hat trotzdem »written before the foundation«, die NIV dagegen: »Lamb slain from the foundation«, die LUTH2017 lässt die Zuordnung offen. Fazit: Offenbarung 13,8 ist kein Fall, wo die Grammatik die Theologie diktiert, sondern ein Fall, wo die Theologie die Übersetzung lenkt.

Zu Offenbarung 20,12–15

» Und ich sah die Toten, die Großen und die Kleinen, vor dem Thron stehen, und Bücher wurden geöffnet; und ein anderes Buch wurde geöffnet, welches das des Lebens ist. Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben war, nach ihren Werken. … Und wenn jemand nicht geschrieben gefunden wurde in dem Buch des Lebens, so wurde er in den Feuersee geworfen.«

Die »Brüder« haben hingewiesen, dass es zwei Kategorien von Büchern gibt: eines zeichnet die Werke der Menschen auf, das andere deren göttliche Zugehörigkeit (im Heil). Beide sind strikt zu unterscheiden. Kelly und Darby weisen darauf hin, dass die Funktion des »Buches des Lebens« nicht eines der Prüfung ist, sondern als eine Art Bestätigungsregister. Das Urteil erfolgt alleine nach den Werken des Menschen. Zudem: Wer vor diesem Gericht steht, ist bereits verloren! Dieses »Gericht der Toten« entscheidet nicht erst über das Heil jener »Toten«, es offenbart richterlich den bereits feststehenden Zustand. Im Gericht am Ende entscheidet Gott nicht erst, sondern er offenbart, was für ihn feststand.

Zu Lukas 10,20

»[F]reut euch vielmehr, dass eure Namen in den Himmeln angeschrieben sind.«

C.H. Mackintosh betont, wie wichtig diese Stelle pastoral ist. Hier zeigt sich die praktische Seite der »Brüderbewegung«. Sie nimmt den Impuls der Heilsgewissheit im Hier und Jetzt auf, und zwar nicht spekulativ, sondern existenziell. Der Gläubige soll wissen, dass sein Name geschrieben ist. Das ist das Entscheidende. Das ist von Menschen nicht wegzunehmen. Egal, ob man im Dienst für Gott Erfolg hat (wie hier) oder keinen »Erfolg« hat.

Fazit

Die Lehrväter der »Brüderbewegung« lehrten: Das »Buch des Lebens« ist kein offenes Register, sondern der Ausdruck der ewigen, unwiderruflichen Erwählung Gottes, sichtbar gemacht im Heil der Gläubigen und bestätigt im Gericht.

4 Zitate

4.1 Begriffslexikon, 2005.

»Dieser Ausdruck kommt nur in der Offenbarung (7x) und in Phil 4,3 vor. Es wird als das Lebensbuch des Lammes bezeichnet und enthält seit Anbeginn der Welt die Namen aller, die gerettet sind. Wer dort nicht verzeichnet ist, wird in den Feuersee geworfen werden (Offb 20,15). Es wird auch von anderen „Büchern“ gesprochen. Mose erwähnt eines in 2. Mose 32,32; Daniel in Kap. 12,1; und in Offb. 20,12 finden wir, dass es Bücher der Werke gibt, anhand derer die Verlorenen gerichtet werden. Aber die Gesegneten werden niemals vor das Gericht kommen (Joh. 5,24 wörtlich), und das Buch des Lebens enthält allein deren Namen.«

A Dictionary Of Some Of The More Common Biblical Words And Phrases (Galaxie Software, 2005), s.v. Book of Life. Eigene Übersetzung, Fettdruck hinzugefügt.

Kurzkommentar: Der Lexikoneintrag beschränkt sich auf die Vorkommnisse des vollen Namens »Buch des Lebens«. Dieser kommt nur im NT vor. Die Deutung ist, dass dort die Namen aller (nach Vorsatz Gottes bereits) Geretteten stehen, der Namenseintrag in diesem Buch insofern als Sicherung vor dem Gericht Gottes dienen kann. Die Namensliste ist schon seit Anbeginn der Welt statisch fest und gültig, insofern ist weder »Eintragen« noch »Löschen« in der Zeit möglich.

4.2 Roger Liebi, Das Buch des Lebens. Seminarvorlage, 1998.

»Gott liebt alle Menschen und möchte das Leben für jeden einzelnen von ihnen (1Tim 2:4; 2Pet 3:9). Deshalb schrieb er alle Menschen zur Zeit der Erschaffung der Welt („von Grundlegung der Welt an“) in das Buch des Lebens. Durch den Sündenfall kam jedoch das Verhängnis des Todes: „Der Lohn der Sünde ist der Tod“ (Röm 6:23). Der stellvertretende Tod des Herrn Jesus als Lamm Gottes brachte aber die Lösung: „die Gnadengabe Gottes aber ewiges Leben in Christus Jesus, unserem Herrn“ (Röm 6:23).

Jeder Mensch, der im Mutterleib gebildet wird, steht bereits im Lebensbuch. Wenn er jedoch in seinem Leben Gottes Angebot zur Vergebung seiner Sünden nicht in Anspruch nimmt, wird er nach Ablauf seiner Gnadenzeit aus dem Buch des Lebens getilgt. Die Gnadenzeit für den einzelnen Menschen läuft spätestens mit seinem Tod ab (vgl. Mark 2:10; Heb 9:27; 2Mos 9:12).

Beim letzten Gericht vor dem grossen, weissen Thron wird den Verlorenen mit dem Buch des Lebens deklariert werden: Gott wollte euch das Leben geben, ihr aber habt es von euch gewiesen. Eure Namen sind nicht mehr darin. Die Konsequenz davon wird die ewige Pein sein.«

Roger Liebi, Das Buch des Lebens. Seminarvorlage mit Datum 02.06.1998.

Kurzkommentar: Gott ist hier kein ewig und frei erwählender Gott mehr, wie es die Bibel vielfach bezeugt, sondern ein Gott guter Absichten, der aber letztlich hilflos zusehen und abwarten muss, ob die Menschen sich für Gottes Heilsangebot entscheiden werden. Der Mensch allein entscheidet über sein ewiges Glück. Den aktuellen Stand, den aktuellen Umsetzungserfolg des ewigen Rettungswillens Gottes, zeigen die Einträge im »Buch des Lebens«. Als Buchhalter greift Gott ggf. zum göttlichen Radiergummi, um seine eigenen (irrtümlichen?) »Eintragungen auf Probe« wieder zu entfernen. Das Buch des Lebens reduziert sich zu einem Ausweis, dass Gott im Prinzip rettende Absichten hat. – Soll hier wieder einmal Gott davor bewahrt werden, dass Er wie Gott handelt (Römer 9,15–24)? Der Entwurf hat Anklänge zu Ideen im Judentum, im Arminianismus und im Semi-Pelagianismus. Die Schrift hingegen sagt: »Also liegt es nun nicht an dem Wollenden noch an dem Laufenden, sondern an dem begnadigenden Gott.« (Römer 9,16).

4.3 John MacArthur, Divine Immutability and the Doctrines of Grace, 2006.

»Der Plan Gottes war von Ewigkeit her, einen Teil der gefallenen Menschheit durch das Werk des Sohnes und zur Ehre des Sohnes zu erlösen (vgl. 2Tim 4,18). Es gab einen Moment in der Ewigkeit vor der Zeit (wenn wir so in unvollkommen zeitlichen Begriffen von der Ewigkeit sprechen dürfen), als der Vater seine vollkommene und unbegreifliche Liebe zum Sohn zum Ausdruck bringen wollte. Um dies zu tun, beschloss er, dem Sohn eine erlöste Menschheit als Liebesgabe zu geben – eine Schar von Männern und Frauen, deren Aufgabe es sein sollte, den Sohn während aller Äonen der Ewigkeit zu preisen und zu verherrlichen und ihm vollkommen zu dienen. Engel allein würden in dieser Hinsicht nicht ausreichen, denn es gibt Eigenschaften des Sohnes, für die Engel ihn nicht richtig preisen können, da sie die Erlösung nie erfahren haben. Aber eine erlöste Menschheit, als direkte Empfänger seiner unverdienten Gunst, würde für immer als ein ewiges Zeugnis für die unendliche Größe seiner Barmherzigkeit und Gnade stehen.

Der Vater beschloss daher, dem Sohn eine erlöste Menschheit als sichtbaren Ausdruck seiner unendlichen Liebe zu geben. Dabei wählte er alle aus, die diese erlöste Menschheit bilden sollten, und schrieb, bevor die Welt begann, ihre Namen in das Buch des Lebens (Offb 13,8; 17,8). Sein Geschenk an den Sohn besteht aus denjenigen, deren Namen in diesem Buch stehen – eine freudige Gemeinde unverdienter Heiliger, die den Sohn für immer preisen und ihm dienen werden.«

John MacArthur, Divine Immutability and the Doctrines of Grace. Vorwort in: Steven J. Lawson, Foundations of Grace (A Long Line of Godly Men), Lake Mary, FL: Ligonier Ministries, 2006. Eigene Übersetzung, Fettdruck hinzugefügt.

Kurzkommentar: Das Buch des Lebens enthält hier alle vorzeitlich zur Gemeinschaft mit dem Sohn und damit zum Heil erwählten Menschen, und zwar «bevor die Welt begann« (daher können die Namen dann auch »seit« Anbeginn der Welt im Buch stehen, und zwar statisch). Die Liste ist fix, es gibt in der Zeit weder einen Neueintrag noch eine Löschung.

Wo stand der Baum der Erkenntnis?

Lesedauer: 18 Minuten.

Zwei Bäume im Garten Eden

Das Buch Genesis (1. Mosebuch im Pentateuch) erwähnt mehrfach Bäume, die der Schöpfer-Gott durch sein Schöpfungswort in den Garten Eden gepflanzt hatte. Zum Beispiel:

»Und Gott sprach: Die Erde lasse Gras hervorsprossen, Kraut, das Samen hervorbringe, Fruchtbäume, die Frucht tragen nach ihrer Art, in der ihr Same sei, auf der Erde! Und es wurde so. Und die Erde brachte Gras hervor, Kraut, das Samen hervorbringt nach seiner Art, und Bäume, die Frucht tragen, in der ihr Same ist nach ihrer Art. Und Gott sah, dass es gut war.« (1. Mose 1,11f)

Viele dieser Bäume hatten samentragende Früchte, von denen  sich die ersten Menschen nach Willen Gottes u. a. ernähren sollten:

»Und Gott sprach: Siehe, ich habe euch alles samenbringende Kraut gegeben, das auf der Fläche der ganzen Erde ist, und jeden Baum, an dem samenbringende Baumfrucht ist: Es soll euch zur Speise sein« (1. Mose 1,29)

Im zweiten Kapitel der Genesis wird dieser Schöpfungsakt Gottes nochmals beschrieben und dabei zwei Bäume besonders hervorgehoben:

»Und Jahwe Gott ließ aus dem Erdboden allerlei Bäume wachsen, lieblich anzusehen und gut zur Speise; und den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens, und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.« (1. Mose 2,9)

Zwei Bäume werden von den anderen Bäumen unterschieden durch besondere Erwähnung, durch Namensgebung und durch eine Ortsangabe für den »Baum des Lebens«. Einer dieser Bäume wird aus der Angebotsfülle an Nahrung ausdrücklich herausgenommen, Gott spricht vielmehr ein klares Speiseverbot gegenüber Adam aus (die »Männin« war zu diesem Zeitpunkt noch nicht gebildet worden, das folgt ab Kapitel 2,18ff):

»Und Jahwe Gott gebot dem Menschen [hebr. adam, dem »Erdling«] und sprach: Von jedem Baum des Gartens darfst du nach Belieben essen; aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, davon sollst du nicht essen; denn an dem Tag, da du davon isst, musst du sterben.« (1. Mose 2,16f)

In der Versuchungsgeschichte in Genesis 3 wird dieses erste und einzige Verbot von der Schlange als großer Mangel an Gottes Güte und Liebe dargestellt (3,1), zudem wird die gute Intention (Absicht) und Wahrheit des göttlichen Verbotes angezweifelt. Wir sehen einen verleumderischen Zentralangriff der Schlange auf das Wesen und die Ehre Gottes. Die Frau behauptet in ihrer Antwort folgendes:

Von der Frucht der Bäume des Gartens essen wir; aber von der Frucht des Baumes, der in der Mitte des Gartens ist, hat Gott gesagt: Davon sollt ihr nicht essen und sie nicht anrühren, damit ihr nicht sterbt.« (1. Mose 3,2f)

Die Versuchung verläuft über einen kurzen Dialog zwischen Schlange und Frau »erfolgreich« (besser: »folgenreich«!) zur Ursünde der Frau und Adams (siehe dazu die detailliertere Studie »Was drei para-Wörter über das Wesen der Sünde lehren«; auf diesem BLOG: logikos.club/?p=2019). Das Calwer Bibellexikon fasst den Ablauf trefflich zusammen:

»Es darf nicht übersehen werden, dass wichtige Beweggründe die ersten Menschen zum Halten des Gebots verpflichteten: 1) die Dankbarkeit gegen Gott, der ihnen ja im selben Augenblick so vieles erlaubt hatte, 2) die Furcht vor Gott, der mit schwerer Strafe die Übertretung bedrohte;  3) das Vertrauen auf Gott, der — nach seiner bisherigen Güte zu schließen — gewiss auch jetzt, bei diesem Verbot, nur ihr eigenes Beste im Auge hatte.

Daher gehen auch die Reden der Schlange darauf aus, gerade diese drei schützenden Wächter des göttlichen Gebots aus dem Herzen der Menschen zu entfernen: die Dankbarkeit, indem Gott durch die sein Verbot verdrehende Frage hingestellt wird als ein Wesen, das nur verbieten kann (V. 1Mos. 3, 1). Als dann die Antwort der Eva zeigt, dass nur die Furcht vor der Strafe sie noch bindet — denn von Dankbarkeit zeigt ihr Wort schon nichts mehr (V. 1Mos. 3, 2 und 1Mos. 3, 3), — geht die Schlange zur bestimmten Leugnung der Wahrhaftigkeit der göttlichen Drohung weiter, benimmt der Eva dadurch auch die Furcht vor Gott (V. 1Mos. 3, 4) und untergräbt zugleich das Vertrauen auf Gott, indem sie das Verbot als Folge eines göttlichen Neides, der den Menschen ihr Glück nicht gönnen will, hinstellt (V. 1Mos. 3, 5.).
Das Mittel der Verführung ist also Verdrehung der Worte Gottes und Lüge, der letzte Keim der Sünde aber ist, dass die Menschen diesen Lügen mehr glauben, als dem Worte Gottes und sich dadurch aus ihrer Kindesstellung zu Gott herauslocken lassen. Nun erst erwachte auch die böse Lust, mit der sie sich selbst weiter betrogen, als ob das Essen vom verbotenen Baum ein besonderer Genuss und die Folge davon ein großer Fortschritt für sie sei. Und aus der bösen Lust erwuchs die böse Tat (V. 1Mos. 3, 6), der freilich die Ernüchterung auf dem Fuße folgte (V. 1Mos. 3, 7).
Der Hergang ist ganz dem Spruch entsprechend, mit dem Jak. 1, 14f die Entstehung jeder Sünde in der nachparadiesischen Zeit beschreibt. Nur wurden die ersten Menschen nicht von ihrer eigenen Lust versucht, sondern diese wurde bei ihnen erst durch Einflüsterungen von Außen geweckt.«
Zeller, P. (Hrsg.). Calwer Bibellexikon: Biblisches Handwörterbuch illustriert, s.v.  Sünde, sündigen. Fettdruck hnzugefügt.

Der Weg des in Sünde gefallenen Menschen verläuft nun von Gott weg, nach Osten, weg vom Berg Gottes (von Eden, wo Gott wohnte), hinaus aus dem Garten Eden auf den Erdboden außerhalb Edens. Die in Genesis folgende Urgeschichte zeichnet den Weg des Menschen »nach Osten«, von Gott weg, nach (NB: Beachte die implizite Tempelstruktur.) Es ist ein Weg, der von Gräbern, dem Tod, markiert ist (1. Mose 5,5ff; Refrain: »und er starb«). Erlösungsgeschichte beginnt erst da, wo Gott selbst als Mensch in diese Welt eintritt und den Weg zurück nach Eden, dem »Paradies Gottes« mit dem »Baum des Lebens«, mit dem Menschen geht (s. Offenbarung 2,7; 22,2.14.19). Dieser Heilsweg Gottes (»Go West!«) soll hier nicht weiter verfolgt werden.

Wir wissen nun, wo der »Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen« ursprünglich erwähnt wird und was über ihn ausgesagt wurde. Aber wo stand er genau?

Der Standort des Baumes der Erkenntnis

Der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, dass es nur vom »Baum des Lebens« ausdrücklich heißt, dass er »in der Mitte des Gartens« (hebr. b tok ha gan) stand (Genesis 2,9). Dies wird für den anderen Baum, den der Erkenntnis, nicht ausdrücklich gesagt. Dieser wird im Bericht mit Namen angegeben, aber ohne ausdrückliche Ortsangabe.

Anders klingt es, wenn wir der Frau in Genesis 3,3 zuhören. Sie sagte zur Schlange:

»… aber von der Frucht des Baumes, der in der Mitte des Gartens ist, hat Gott gesagt: Davon sollt ihr nicht essen und sie nicht anrühren, damit ihr nicht sterbt.« (1. Mose 3,3)

Da muss man genauer hinsehen. Zunächst einmal nennt die Frau nicht ausdrücklich den Namen des Baumes, von dem sie nun spricht. Sie redet von jenem Baum, »der in der Mitte des Gartens ist«. Das wäre nach dem bisherigen Bericht der »Baum des Lebens«. Aus dem Kontext und der Logik der Rede der Frau muss man aber schlussfolgern, dass sie vom verbotenen Baum redet und diesen hier »in der Mitte des Gartens« verortet. Das wirft Fragen auf: Wie ist das zu erklären? Wie ist das zu verstehen?

Da die Frau im selben Satz unsicher und ungenau ist bezüglich des genauen Verbotes Gottes (sie fügt das »nicht anrühren« hinzu!), mögen auch andere Aspekte ihrer Aussage zweifelhaft sein. Zweitens könnte es sein, das sie nicht eine geografische (örtliche) Aussage über den Baum machte, sondern mit der »Mitte« eine subjektiv empfundene Wahrnehmung der Wichtigkeit wiedergab. Die »Mitte« wäre also eher symbolisch als denn geografisch zu verstehen. Diese Unsicherheit bietet Raum für unterschiedliche theologische Deutungen, entsprechend gehen die Auslegungen auseinander.

Unterschiedliche Auslegungen des Textes

Der hebräische Befund von Genesis 2,9 und 3,3

Der masoretische Text von Genesis 2,9 lautet wörtlich etwa: »und den Baum des Lebens inmitten des Gartens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse«. Die Ortsangabe »inmitten des Gartens« (beṯôḵ ha-gān) steht unmittelbar beim »Baum des Lebens«. Es bedeutet je nach Kontext »inmitten«, »in der Mitte«, oder allgemeiner »innerhalb«. Rein syntaktisch, also vom Satzaufbau her, ist der nächstliegende Bezug der Ortsangabe der Baum des Lebens. 

Eine zweite Beobachtung ist auch wichtig: Der Vers ist elliptisch aufgebaut, das heißt, er hat Auslassung(en). Das Hebräische sagt nicht ausdrücklich: »nur der Baum des Lebens stand in der Mitte«. Deshalb gibt es Übersetzungen und Kommentare, die den Satz als zusammenfassende Nennung der zwei Sonderbäume lesen. Man muss aber gezielt zu den ungenauen »Übertragungen« greifen, um folgende falsche Wiedergabe zu finden: »Mitten im Garten ›standen‹ der Baum des Lebens und der Baum, der zur Erkenntnis von Gut und Böse führt.« (Neue Genfer Übersetzung). Das ist Auslegung, nicht treue Wiedergabe des Textes.

Dann folgt Genesis 3,3: »von der Frucht des Baumes, der inmitten des Gartens ist«. Hier steht im Singular (Einzahl): »des Baumes, der«. Im Gespräch mit der Schlange meint die Frau damit offenkundig (nur) den einen Baum, von dem zu essen Gott verboten hatte. Das klingt so, als ob der Baum der Erkenntnis aus ihrer Perspektive ebenfalls als ein Baum »inmitten des Gartens« bezeichnet werden könnte. Man beachte: Die Frau liefert keine sachliche Ortsangabe, sondern ihren persönlichen Eindruck, ihr subjektives Wissen, Bewerten und Denken.

Wohin tragen uns die sprachlichen Überlegungen?

Erstens: Der stärkste unmittelbare Satzbezug in Genesis 2,9 lokalisiert (nur) den Baum des Lebens in der Mitte. Das ist der grammatisch konservativste Befund.

Zweitens: Genesis 3,3 zeigt, dass die Frau den verbotenen Baum ebenfalls mit der Formel »inmitten des Gartens« verortet. Das kann heißen: 1.) der Erkenntnisbaum stand auch dort; 2.) der Erkenntnisbaum stand irgendwie nahe beim Lebensbaum, oder 3.) »inmitten« ist hier funktional-symbolisch gemeint, also als »der zentrale Baum der Erprobung« im Kontext. Der Text selbst entscheidet diese drei Möglichkeiten nicht vollständig.

Drittens: Der eigentliche erzählerische Zug ist vermutlich nicht botanisch-geografisch, sondern theologisch: Beide Bäume sind die beiden Brennpunkte der Erzählung: 1.) Gott gibt dem Menschen das Leben und die Fülle (Genuss), weil der Mensch als Geschöpf das Leben nicht in sich selbst hat. 2.) Das Leben und Gedeihen des Menschen ist nur gesichert in Anerkennung, dass der Lebensgeber auch der Gebieter ist, dem man Gehorsam schuldig ist: Der Schöpfungsakt hatte Menschen »im Bild und Gleichnis Gottes« gezeitigt, aber keine Götter (mit wesenseigener Aseität). Dass die Ortsangabe zwischen Genesis 2,9 und 3,3 »wandert«, ist literarisch auffällig und wahrscheinlich beabsichtigt.

Die Auslegung der patristischen und lateinischen Tradition

In der alten Kirche wird der botanisch-räumliche Aspekt meist rasch vom moralischen und sakramentalen verdrängt. Augustinus betont entschieden: Der verbotene Baum war nicht böse an sich; jede von Gott geschaffene Pflanze im Paradies ist gut. Verboten war der Baum vielmehr deswegen, um den Menschen Gehorsam zu lehren. Der Name »Erkenntnis von Gut und Böse« erklärt sich bei ihm daraus, dass der Mensch nach dem Essen am eigenen Leib den Unterschied zwischen dem Guten des Gehorsams und dem Bösen des Ungehorsams erfahren sollte. Damit verschiebt Augustinus die Frage von »Wo stand der Baum geografisch?« zum theologisch-teleologischen: »Wozu diente das Verbot?« (Was war die gute Absicht Gottes, sein Telos, mit diesem Verbot?). Der Garten bleibt bei ihm real, aber der dogmatische Fokus liegt auf ordo, obedientia (Ordnung, Gehorsam) und dem Ursprung der Sünde. Der Baum ist gut; der Sündenfall liegt im Menschen, der zu seinem eigenen Verderben das geringere Gut (Auge, Lust, Begehren) gegenüber dem höheren Gut (Gehorsam Gott gegenüber) wählt.

Thomas von Aquin übernimmt diese Linie. In der Summa Theologiae nennt er sowohl den Baum des Lebens als auch den Baum der Erkenntnis materielle Bäume. Der Baum der Erkenntnis heiße so »mit Blick auf das spätere Geschehen«, weil der Mensch nach dem Essen durch die Strafe den Unterschied von Gut und Böse erfahre. Auch hier ist die Standortfrage sekundär gegenüber der Lehre von Natur, Gehorsam und Strafe.

Die lateinisch-westliche Linie bei Augustinus und Aquin verlagert die Debatte also stark auf Gehorsam, Willensordnung, Sünde und Strafe und später auf die Lehre von der Erbsünde. Der Erkenntnisbaum wird nicht als metaphysisch »schlechter« Gegenbaum zum Lebensbaum verstanden, sondern als guter Baum, der durch das Verbot zum Ort der Prüfung wird.

Die »herzenserforschend-theologische« Deutung des Textes

Man könnte sich fragen, ob und inwiefern man den Text so deuten könne, dass die Aussage der Frau (»inmitten des Gartens«) eine Verschiebung in ihrer Wahrnehmung der Realität darstellt? Dass die Frau sozusagen den »Verbots-Baum« zum Mittelpunkt ihrer subjektiven Vorstellung von Gott macht, statt dass sie den lebensstiftenden »Baum des Lebens« real (objektiv) als Mitte des Garten Edens wahrnimmt.

Zum Glück berichtet die Schrift von den verborgenen Vorgängen im Denken, Fühlen und Entscheiden (dem »Herz«) der Frau. Sie war ja (wie viele lehren) mit »freiem Willen« und unschuldig geschaffen worden. Solchen Menschen begegnen wir ja seit dem Sündenfall nicht mehr, der menschgewordene »Heilige« natürlich ausgeschlossen. Wir müssen also nicht spekulieren, brauchen keine tiefenpsychologische Deutung, der Text reicht. Sehen wir also, wohin ihr »freier Wille« sie führt. 

Wir sehen Frappierendes: Die Wahrnehmung der Frau verschiebt sich vom Lebens-Mittelpunkt und der Fülle des Segens zur göttlich vorgegebenen Grenze ihres Segensraums. Der verbotene Rand wird mental-seelisch zum Zentrum. Das eigentliche Zentrum, das Leben in Fülle, wird überblendet, ausgeblendet, verblasst. Die Frau verändert das Gebot Gottes, warum wissen wir nicht. Letztlich wird die Frau dadurch anfällig gegenüber der Lüge der Schlange. Wir sehen nicht nur eine sprachliche oder rein mentale, sondern eine kognitiv-theologische Verschiebung: ihr Gottesbild hängt schief. Oder ist es schon auf den Boden gefallen?

Jetzt wird es brandgefährlich! Denn ihre falsche Vorstellung spannt eine Leinwand auf, auf die die Schlange einen angeblichen Mangel projizieren konnte. Wo das Gottesbild schief hängt, entsteht eine Zielscheibe für die tödlichen Pfeile Satans. Die Frau fällt auf diese Gott die Ehre abschneidenden Lügen prompt herein. Der Tod folgt dann aber so »gewiss«, wie es Gott vorher gesagt hatte. Wir lernen: Wenn Gottes Ehre in Konkurrenz zu den »Bedürfnissen« und »Gefühlen« des Menschen tritt, führt die Priorisierung des Menschen todsicher ins Verderben, die Priorisierung Gottes aber zu Leben in Überfluss.

Die These dieses Ansatzes lässt sich so formulieren: »Die Bezeichnung des verbotenen Baumes als »inmitten des Gartens« durch die Frau (Genesis 3,3) lässt sich als Hinweis auf eine beginnende Verschiebung der inneren Orientierung lesen, in der das Verbotene jenen Platz des Lebenszentrums einnimmt, der nach Genesis 2,9 (allein) dem Baum des Lebens zukommt. Im Kern wird das Gottesbild verzerrt und verfälscht, was größtes Unheil auslöst.« Diese These ist exegetisch verantwortbar, ohne den Text zu überdehnen.

Fazit

Bleibt man eng am hebräischen Text, kann man Folgendes festhalten:

  • Der sichere Textbefund liefert in Genesis 2,9 ausdrücklich nur vom Baum des Lebens, dass er »inmitten des Gartens« stand. Das ist die objektive Feststellung.
  • Ebenfalls zu beachten ist, dass in Genesis 3,3 die Frau sagt, dass der verbotene Baum »inmitten des Gartens« sei. Das ist ihre subjektive Darstellung. Sie kommt in einem Satz, der eine Falschaussage über das Gebot Gottes enthält; das weckt Zweifel.
  • Folgerung:
    (1) Die Schrift erlaubt nicht die harte Behauptung: »Im Zentrum des Garten Edens stand sicher nur der Baum des Lebens.« 
    (2) Die Schrift erlaubt nicht die harte Behauptung: »Beide Bäume standen sicher beide im Mittelpunkt des Garten Edens.« 
    Der Text hält die Sache bewusst in einer produktiven Spannung. 
  • Der Ansatz der oben dargestellten »herzenserforschend-theologische« Deutung des Textes als innerer Fehlorientierung der Frau, die zur Gedankensünde und dann zur Tatsünde und zum Anstecken anderer zur Sünde führt, ist textlich und exegetisch verantwortbar. Er müsste mit den einschlägigen Stellen des Neuen Testaments geprüft und ergänzt werden.

Warum die Verführung der Frau auch im NT relevant ist

Eine kurze Übersicht samt Kurzkommentar von Bibelstellen im NT soll erste Hilfen bieten, dieses Ur-Ereignis biblisch zu deuten und seine Relevanz für uns Christen zu erfassen. Auch wenn die Frau die Ur-Sünde beging, so ist doch der Mann an ihrer Seite als Repräsentant der Menschen öffentlich verantwortlich für die Ur-Sünde und alle ihre Folgen. Mann wie Frau brauchen Erlösung und Sühnung (usw.). Gott bereitet alles Heilsnotwendige vor und schenkt es jedem Glaubenden frei, wenn er umkehrt, indem er seine Sünde bekennt und an den Retter-Gott glaubt. Die Errettung »allein aus Glauben«, »allein in Christus« gilt seit »Paradies lost« bis »All the children are in«, wenn die Gnadenzeit zu Ende gekommen sein wird.

2. Korinther 11,3

»Ich fürchte aber, dass etwa, wie die Schlange Eva durch ihre List verführte, so euer Sinn verdorben und abgewandt werde von der Einfalt gegenüber dem Christus.«

Hier wird die NT-Gemeinde gewarnt vor der Verführung durch die »Schlange«, den Satan. Paulus nutzt Eva als Typus für geistliche Gefährdung durch List. Im Kontext geht es um die Verführung durch als Wahrheit getarnte Lehre, der die Christen mangels Unterscheidungsvermögen nicht nur keinen Widerstand bieten, sondern das Falsche sogar »gut ertragen«, ja sogar als »begehrenswert« geradezu willkommen heißen (s. Kontext). Herausforderung: Werden die Männer wieder schweigen, zuschauen, mitmachen?

1. Timotheus  2,13–14

»… denn Adam wurde zuerst gebildet, danach Eva; und Adam wurde nicht betrogen, die Frau aber wurde betrogen und fiel in Übertretung.«

Hier wird die Lehrautorität in der Gemeinde Jesu Christi exklusiv Männern anvertraut und mit dem Ur-Betrugsfall im Garten Eden begründet. Die Frau dient als Präzedenzfall für Verführbarkeit. Da damit eine geschlechterspezifische Begründung für Teile der Gemeindeordnung (Lehre/Autorität) geliefert wird, wütet der aktuelle Zeitgeist vehement gegen diese Anweisung des Apostels. Hilfreich ist an dieser Stelle der Hinweis, dass die hier vorgegebene funktionelle Differenzierung der Geschlechterrollen keine ontologische Wertaussage mit sich bringt. Die Anweisung wird auch nicht mit der Intelligenz oder fachlichen Kompetenz der Geschlechter begründet, es gibt ganz offenbar kluge Frauen und dumme Männer. Gott nimmt sich sein ureigenes Recht heraus, in seiner Gemeinde die Autoritätsstrukturen vorzugeben. Wem das nicht passt, kann seinen eigenen kirchlichen Verein gründen.

Römer 5,12–19

»Darum, so wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod und so der Tod zu allen Menschen durchgedrungen ist, weil sie alle gesündigt haben…  Denn so wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen in die Stellung von Sündern gesetzt worden sind, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen in die Stellung von Gerechten gesetzt werden.« (Römer 5,12.19)

In diesem Text werden zwei Familien kontrastiert, indem deren »Häupter« (Repräsentanten) gegenübergestellt werden. Adam ist das Haupt der Familie aller Menschen, Christus das Haupt der Familie der Erlösten. Der Fokus ist also auf die Repräsentationsfunktion. Daher wird die Frau, Eva, überhaupt nicht namentlich erwähnt, aber im vorausgesetzten Sündenfall mitgedacht. Gegenüber Gott ist Adam für den Sündenfall des Menschen voll verantwortlich. Da er im Gegensatz zu Eva das Gebot Gottes direkt empfangen hatte (die Frau war noch gar nicht erschaffen worden!), war seine Sünde eine »Übertretung« und wog daher schwerer. Adams Sünde wird allen Menschen (seiner Familie) zugerechnet, er riss alle mit in den Tod. Dass alle Menschen »in Adam« sind und daher ohne Christus schuldige Sünder vor Gott, beweisen sie beständig dadurch, dass sie alle sündigen (Römer 3,23; 5,12). Herausforderung: Welcher Familie gehöre ich an? Wer ist mein »Haupt«?

1. Korinther 15,21–22; 45–49

»… denn da ja durch einen Menschen der Tod kam, so auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in dem Adam alle sterben, so werden auch in dem Christus alle lebendig gemacht werden.«

Auch hier arbeitet der Apostel Paulus wieder mit der Adam-Christus-Parallele: zwei Menschenmengen werden über ihre »Häupter« in Kontrast gesetzt. In diesem Zusammenhang wird wieder Adam, nicht Eva, für die Sünde und die Todesfolge verantwortlich gemacht. Eva bleibt im Hintergrund, auch wenn sie »Mutter der Lebendigen« ist. Adam übernimmt die Repräsentationsfunktion.

Offenbarung 12,9; 20,2

»Und es wurde geworfen der große Drache, die alte Schlange, welcher Teufel und Satan genannt wird, der den ganzen Erdkreis verführt, geworfen wurde er auf die Erde, … Und er griff den Drachen, die alte Schlange, die der Teufel und der Satan ist; und er band ihn tausend Jahre und warf ihn in den Abgrund und schloss zu und versiegelte über ihm…«

Diese Stellen in der Offenbarung Jesus Christi identifizieren die Schlange aus dem Garten Eden als Drachen, Teufel und Satan. Auch dies zeigt über die Rückbindung die Wahrheit des Genesisberichts an; wir haben dort keine mythische Erzählung, sondern Gottes (Heils-) Geschichte. Eva wird auch hier nicht genannt, aber über die erwähnte Verführung (20,3) angespielt, also vorausgesetzt.

1. Johannes 2,16f

»… denn alles, was in der Welt ist, die Lust des Fleisches und die Lust der Augen und der Hochmut des Lebens, ist nicht von dem Vater, sondern ist von der Welt. Und die Welt vergeht und ihre Lust; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit.«

Klassisch werden die drei genannten weltlichen Versuchungen als Anspielung auf den Ur-Sündenfall in Genesis 3,6 gedeutet (Sehen – Begehren – Selbstüberhöhung) gedeutet:

»Und die Frau sah, dass der Baum gut zur Speise und dass er eine Lust für die Augen und dass der Baum begehrenswert wäre, um Einsicht zu geben; und sie nahm von seiner Frucht und aß, und sie gab auch ihrem Mann bei ihr, und er aß.«

Die inneren Vorgänge der Frau in der Verführung zur Sünde sind exemplarisch für die dann alle Menschen umfassenden Verführbarkeit zur Tatsünde. Wir lernen, dass der Tatsünde die Herzenssünde vorausgeht. Jesus sagt, dass diese Herzenssünde die schwerere ist und daher bei Gott ebenfalls justiziabel ist (Matthäus 5,21ff). Jakobs markiert die Herzenssünde als Folge einer weltlichen »Begierde«; der Herzenssünde folgt dann als »Vollendung« die Tatsünde (Jakobus 1,15), s.u. Am Fuße dieser schlüpfrigen Rampe wartet der ewige Tod.

Matthäus 4,1–11

»Und der Versucher trat zu ihm [Jesus Christus] hin und sprach: Wenn du Gottes Sohn bist, so sprich, dass diese Steine zu Broten werden. … Wenn du Gottes Sohn bist, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: ›Er wird seinen Engeln deinetwegen befehlen, und sie werden dich auf Händen tragen, damit du nicht etwa deinen Fuß an einen Stein stoßest.‹ … Dies alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.«

Die Versuchung Jesu in der Wüste geschah nach 40 Tagen Fasten und laufenden Angriffen des Diabolos (s. Lukas 4,1–2) und kulminierte in diesen drei Versuchungen: Essen (körperliches Verlangen), Schauwunder (um Ansehen zu erringen) und Abkürzung zum globalen Königtum (also, ohne die Sündenfrage zu klären). Alle drei Aufforderungen zur Tat lag kein Auftrag des Vaters zugrunde, sondern war Aufforderung Satans. Jesus musste schon allein deswegen alle drei Aufforderungen als illegitim zurückweisen. Er tat nur, was der Vater ihm hieß, niemals das, was der Teufel Ihm anbot.

Der Kontrast zwischen der Versuchung Jesu in der Wüste zur Versuchung der Frau im Garten Eden könnte nicht größer sein. Die drei Versuchungsbereiche, die bei der Frau »erfolgreich« zur Sünde führten (und wohl bei Milliarden von Menschen seitdem), will Satan auch beim »Sohn des Menschen« wirksam werden lassen. Und Satan zielt bei Jesus Christus genau dorthin, »wo es weh tut«. Aber im Gegensatz zur Frau (und dem schweigenden Adam) kennt Jesus Christus das Wort Gottes, will nur diesen tun, und zerschießt daher alle Versuchungsangebote Satans mit Gottes Wort (alle mit Zitaten aus Deuteronomium, 5. Mose).

Gott sei Dank! Der Heilige erweist sich vor aller Augen als reines und heiliges Opfer (als »Lamm ohne Fehl und ohne Flecken«; 1. Petrus 1,19) und als heiliger Hoherpriester: »Denn ein solcher Hoherpriester geziemte uns: heilig, unschuldig, unbefleckt, abgesondert von den Sündern« (Hebräer 7,26). Vgl. dazu das dreifache apostolische Zeugnis der Sündlosigkeit Jesu: 2. Korinther 5,21; 1. Petrus 2,22; 1. Johannes 3,5!

Jakobus 1,14–15

»Jeder aber wird versucht, wenn er von seiner eigenen Begierde fortgezogen und gelockt wird. Danach, wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod

Dieser Text beschreibt die Wirkungskette einer Versuchung zur Sünde. Gott versucht auf diese Weise und mit dieser Zielsetzung keinen Menschen, niemanden. Seine Versuchungen sind Erprobungen des Glaubens und dienen der Reifung (1. Petrus 1,3ff). Hier wird vielmehr beschrieben, wie die Sünde im Sünder (im »alten Menschen«) wirkt. Eva dient implizit als Urmodell der Versuchung (s.o.), die Versuchung wirkt indessen in allen unerlösten Menschen, da sie alle »Sklaven der Sünde« sind (Johannes 8,34; Römer 6,16–20). Erst »Wenn nun der Sohn euch frei macht, werdet ihr wirklich frei sein« (Johannes 8,36). Erst ab der Einsmachung des Glaubenden mit Jesu Sterben muss ein glaubender Mensch »der Sünde nicht mehr dienen« (Römer 6,6): Der alte Zwangsablauf ist zerbrochen, die Herrschaft der Sünde beendet: »Also herrsche nicht die Sünde in eurem sterblichen Leib, um seinen Begierden zu gehorchen« (Römer 6,12). Halleluja!

Der Prozess Jesu – Offenbarungseid menschlicher Rechtsprechung

Lesedauer: 8 Minuten.

Mehrere Historiker und Juristen haben den Prozess Jesu sowohl nach jüdischem (halachischem) als auch nach römischem Recht analysiert und dabei vermutliche Verfahrensfehler herausgearbeitet. Einer der bekanntesten Vertreter solcher Analysen ist Walter M. Chandler (1867–1935), ein US-amerikanischer Politiker und Jurist im19./20. Jhdt. mit seinem zweibändigen Werk »The Trial of Jesus from a Lawyer’s Standpoint« (New York, NY: The Federal Book Co., 1908/1925). Diese zwei Bände untersuchen detailliert den jüdischen Prozess (Band 1) und den römischen Prozess (Band 2). Chandler geht vom zuverlässigen Bericht der Evangelien der Heiligen Schrift aus und vergleicht das dort geschilderte Vorgehen mit den damaligen Rechtsnormen, soweit sie ihm bekannt waren.

Natürlich sind die Evangelien keine Gerichtsakten und unsere Quellen bzgl. der damals herrschenden jüdischen und römischen Rechtsprechung mögen teilweise aus späteren Quellen stammen (das rabbinische Recht wird verstanden aus den uns vorliegenden Schriften der Mischna und des Talmud), auch wenn die schriftliche Form des Pentateuch äußerst zuverlässig vorliegt. Der Wahrheitsfindung treten leider oft auch politisches Kalkül und vorwissenschaftliche Voreingenommenheit der Forschenden in den Weg. Von jüdischer Seite wird pro domo Fehlverhalten der Juden meist geleugnet und den Römern zugeschoben (s. z.B. Haim Cohn). Die historisch-kritische Schule der »christlichen« Theologie stellt die Schriften der Evangelien unter Generalverdacht der Fälschung oder Nichthistorizität (s. z.B. Josef Blinzler, Pauls Winter). Aber das überwältigende Analyseergebnis Chandlers ist, dass sowohl die jüdische wie auch die römische Rechtsprechung im »Fall Jesus« zahlreiche unzulässige Verfahrensfehler beging, die zur Tötung eines Unschuldigen, Jesus Christus aus Nazareth, führte. Pointiert zusammengefasst haben wir es hier weder mit einem gerechten Verfahren noch mit einem Justizirrtum zu tun, sondern mit Justizmord. Dabei wollen wir den Begriff »Mord« so verstehen, dass dieser die beabsichtige Tötung eines Menschen aus niedrigen Beweggründen bezeichnet.

Es folgt eine auf 20 Punkte verkürzte Liste der Ergebnisse von Chandler, geordnet nach jüdischem und römischem Gesetz.

Die Verfahrensfehler im jüdischen Prozess 

(A) Unzulässige Zeit und Ort des Verfahrens

1. Nachtverhandlung. Ein Kapitalprozess (also mit Todesstrafe) durften nicht nachts stattfinden (Mischna, Sanhedrin 4,1). Das Evangelium nach Markus bezeugt aber eindeutig eine Nachtszene (Markus 14,53–65).

2. Prozess am Vorabend eines Festes. Ein Kapitalprozess war vor einem Sabbat und vor Feiertagen verboten (Mischna, Sanhedrin 4,1). Der Prozess Jesu fand aber eindeutig direkt vor dem Passahfest statt.

3. Falscher Ort. Der »Oberste Rat« (Sanhedrin), gleichzeitig oberster Gerichtsort, durfte nur im »Lischkat ha-Gasit« (der Tempelhalle) urteilen (Talmud, Sanhedrin 88b). Die wohl entscheidenden Verhandlungen fanden aber im Haus des (alten) Hohepriesters statt, der damals die politische Macht besaß.

(B) Verfahrensstruktur

4. Kein formelles Anklageverfahren. Es gab keine klare, vorher formulierte Anklage. Sie wurde zusammengebastelt und mehrfach verändert wegen mangelnden oder widersprechenden Zeugenaussagen.

5. Fehlende Verteidigung. Das jüdisches Recht verlangte eine entlastende Argumentation zugunsten des Angeklagten (Mischna, Sanhedrin 4,5). Sie fand nicht statt.

6. Urteil am selben Tag. Kapitalurteile mussten auf mindestens zwei Tage verteilt werden, um nicht überhastet Fehler zu begehen (Mischna, Sanhedrin 5,5). Tatsächlich geschahen Verhaftung, Verhandlungen und Exekution innerhalb desselben Tages (nach jüdischer Rechnung).

(C) Beweisrecht

7. Widersprüchliche Zeugen. Das Evangelium nach Markus (Markus 14,56–59) berichtet von widersprüchlichen Zeugen. Nach jüdischem recht war aber eine übereinstimmende Zeugenaussage von 2 oder 3 Zeugen zwingend erforderlich: »auf zweier Zeugen Aussage oder auf dreier Zeugen Aussage hin soll eine Sache bestätigt werden« (5Mose 19,15).

8. Falsche Zeugen zugelassen. Da die Zeugenaussagen inkonsistent und widersprüchlich waren, hätte das Verfahren eingestellt werden müssen. Bei Erweis der Unschuld Jesu hätten die falschen Zeugen harte Strafen zu erwarten (5Mose 19,18).

9. Selbstbelastung als Beweis. Es war im jüdischen Strafrecht unzulässig, vom Angeklagten eine Selbstbelastung zu verlangen (Talmud, Sanhedrin 9b). Im Prozess Jesu wurden jedoch Aussagen von Jesus Christus gegen ihn verlangt und verwendet.

(D) Richterverhalten

10. Vorverurteilung. Richter mussten unparteiisch sein und alleine den Fall nach bewiesenen oder bezeugten Fakten entscheiden. Die Evangelien machen aber mehrfach deutlich, dass die jüdischen Richter bereits vor der Verhandlung feindselig gegen Jesus eingestellt waren.

11. Hoherpriester verhört selbst. Im Fall Jesus war der Ankläger, also Partei, gleichzeitig auch der Richter. Das war verboten.

12. Emotionale Reaktion (Zerreißen der Kleider). Dieses theatralische Zeichen überbordender Emotionalität des Hohepriesters Kajaphas (vgl. Matthäus 26,65) muss als Zeichen von Voreingenommenheit gedeutet werden. (Es lohnt sich die Schilderung in Matthäus 26,57–66 zu verfolgen. Kajaphas begeht einen Rechtsfehler nach dem anderen.)

(E) Urteil und Abstimmung

13. Einstimmiges Schuldspruchproblem. Nach rabbinischer Regel (Mischna, Sanhedrin 17a) durfte ein Todesurteil nicht ergehen, wenn die Mitglieder des Sanhedrin einstimmig eine Verurteilung forderten. Der Angeklagte war in diesem Falle freizusprechen. – Dies erscheint uns befremdlich, da wir andere Rechtsnormen haben (angelsächsisches, römisch geprägtes Recht, das Einmütigkeit einer Jury fordert). Das Argument für diese Regelung der Juden ist auf die Überlegung aufgebaut, dass Einstimmigkeit beweist, dass niemand im Sanhedrin versucht hatte, den Angeklagten zu verstehen, seine Sicht der Dinge zu bewerten und möglicherweise als Anwalt des Angeklagten Entlastendes vorzutragen. Weil es damals keine Verteidiger im modernen Sinne gab, mussten die Richter damals Verteidiger des Angeklagten sein! Chandler schreibt: » Wenn nun das Urteil einstimmig auf Verurteilung lautete, war es offensichtlich, dass der Angeklagte vor Gericht keinen Freund und keinen Verteidiger gehabt hatte. Für die jüdische Mentalität kam dies fast einer Gewalttat durch den Pöbel gleich. Es deutete zumindest auf eine Verschwörung hin. Das Element der Barmherzigkeit, das in jedem hebräischen Urteil enthalten sein musste, fehlte in einem solchen Fall.« (Bd. 1, S. 280, eigene Übersetzung).

14. Fehlende gestaffelte Abstimmung. Die jüngsten Richter mussten zuerst abstimmen (Schutzmechanismus). Hier übernimmt Kajaphas den Anfang und gibt mit seiner Autorität die Richtung vor.

15. Sofortige Vollstreckung. Nach jüdischem Recht muss Raum für eine Überprüfung des Urteils sein. Insbesondere verbot das hebräische Recht übereilte Entscheidungen in Kapitalverbrechen. Dies erforderte Aufschub, der aber nicht gewährt wurde.

Die Verfahrensfehler im römischen Prozess 

(A) Rolle von Pontius Pilatus

16. Strafe trotz Unschuldsfeststellung. Pilatus stellte den Hohenpriestern und der Volksmenge gegenüber klar fest: »Ich finde keine Schuld an diesem Menschen« (Lukas 23,4). Auch Herodes, zu dem Jesus gesandt wurde, fand keine todeswürdige Schuld (vgl. Lukas 23,14; vgl. 23,15.22). Trotzdem urteilte er gegen die römische Strafprozessordnung, dass die mordlüsterne Volksmenge mithilfe der römischen Besatzungsmacht mit Jesus machen konnten, was sie wollten: »Jesus aber übergab er ihrem Willen« (Lukas 23,25b).

17. Politischer Druck der Menge. Eine Volksmenge durfte nicht rechtsprechen, ein Richter nicht unter öffentlichem Druck urteilen. Genau dies geschieht aber im Fall Jesu offenbar.

18. Unklare Anklage. Ursprünglich lautete die Anklage auf Gotteslästerung (z.B. Lukas 22,71). Das war den Römern nicht vermittelbar, sie waren Mehrgottgläubige. Also änderten die Juden ihre Anklage und schoben sie auf die politische Ebene. Sie klagten Jesus des angeblichen Hochverrats (»König der Juden«) an (Lukas 23,2ff; so steht es dann auch auf dem Schild über Jesu Kreuz). Die Haltlosigkeit der Anklage offenbart das lächerliche Nullargument der Anklage vor Pilatus: »Wenn dieser nicht ein Übeltäter wäre, hätten wir ihn dir nicht überliefert.« (Johannes 18,30).

(B) Prozessführung

19. Kompetenzverschiebung. Der Fall war Pilatus so »brenzlig«, dass er ihn Herodes Antipas, der gerade zu Gast in Jerusalem weilte, als scheinbar zuständigem Richter vorlegte (Jesus stammte aus Galiläa, Herodes war für diese Gegend zuständig; Lukas 23,6–12). 

20. Geißelung ohne Urteil. Die Geißelung war in sich bereits eine so schwere Bestrafung, dass manche an ihr starben. Pilatus lies Jesus geißeln, ohne dass er vorher ein Urteil gesprochen hatte: »Dann ließ er ihnen Barabbas frei; Jesus aber ließ er geißeln und überlieferte ihn, damit er gekreuzigt würde« (Matthäus 27,26). Pilatus wurde zum Inbegriff von grausamer Rechtsbeugung zur Sicherung der eigenen Karriere.

Zusammenfassung (Chandler, Bd. 2, S. 157–159.168)

»Die Kreuzigung folgte auf die endgültige Entscheidung des Pilatus und beendete damit den berühmtesten Prozess der Weltgeschichte. Er begann mit der Verhaftung Jesu in Gethsemane um Mitternacht und endete mit seiner Kreuzigung auf Golgatha am Nachmittag desselben Tages. Wie wir gesehen haben, handelte es sich um einen doppelten Prozess, der im Rahmen der Zuständigkeiten der beiden berühmtesten Rechtssysteme der Menschheitsgeschichte geführt wurde. In beiden Verfahren wurde im Wesentlichen die richtige Frage aufgeworfen. 

Vor dem Sanhedrin wurde der Gefangene der Gotteslästerung angeklagt und verurteilt. Betrachtet man Jesus als bloßen Menschen, als einfachen jüdischen Bürger, so war dieses Urteil „rechtlich gesehen im Wesentlichen richtig“; es war jedoch ungerecht und empörend, da die Formen des Strafverfahrens, auf deren Einhaltung jeder jüdische Gefangene Anspruch hatte, völlig missachtet wurden.

Das Verfahren vor Pilatus wurde, wie wir Grund zu der Annahme haben, im Großen und Ganzen unter gebührender Beachtung der Rechtsformen durchgeführt. Doch das Ergebnis war ein richterlicher Mord, denn der Richter übergab Jesus, nachdem er ihn freigesprochen hatte, zur Kreuzigung. „Ich finde keinerlei Schuld an ihm“ lautete das Urteil des Pilatus. Doch dieses gerechte und rechtschaffene Urteil wurde durch Folgendes zunichte gemacht und ausgelöscht: „Und sie drängten mit lauten Stimmen darauf, dass er gekreuzigt werde.“ Und die Stimmen von ihnen und von den Hohenpriestern setzten sich durch. Und Pilatus fällte das Urteil, dass es so geschehen sollte, wie sie verlangten. Wahrhaftig eine schreckliche Verhöhnung der Gerechtigkeit! „Absolvo“ (Freispruch) und „Ibis ad crucem“ (Du wirst ans Kreuz gehen) in einem Atemzug waren die letzten Äußerungen eines römischen Richters, der das römische Recht in dem denkwürdigsten Gerichtsverfahren, das die Menschheit kennt, hätte durchsetzen sollen. …

Dieser letzte Akt des großen Dramas bietet einen erbärmlichen Anblick der römischen Verkommenheit. Ein römischer Statthalter von adeliger Herkunft, mit dem Imperium ausgestattet, mit einer prätorianischen Kohorte unter seinem Befehl und gestützt auf die militärische Macht und die Ressourcen eines Weltreiches, kriecht und duckt sich vor einem Jerusalemer Pöbel.«

Quellen

Beide Bände von Chandler sind in der Internet-Bibliothek archive.org mehrfach vorhanden und können komplett als PDF heruntergeladen werden. Sie sind auch als Nachdruck in verschiedenen Buchformaten sowie als Kindle-eBook erhältlich.

Biblische Ältestenschaft (Alexander Strauch)

13 Minuten Lesezeit.

Alexander Strauch
Biblische Ältestenschaft. Handbuch für schriftgemäße Gemeindeleitung.
Überarb. u. erw. Neuausgabe
(Dillenburg: CVD, 2025), 608 Seiten.

Alexander Strauch ist seit mindestens 30 Jahren bekannter Autor und Seminarleiter zum Thema Biblische Ältestenschaft. Sein gleichnamiges Buch ist Lehrunterlage in vielen Gemeinden und Bibelseminaren. Etliche Studienführer und Kursunterlagen beziehen sich ganz konkret auf die Lektüre in diesem Buch. Es wird seit langem in einigen christlichen Gemeinden und Bibelschulen verwendet. Zuletzt sprach Alexander Strauch 2025 in Deutschland auf einer »Hirtenkonferenz« (EBTC, Wittenberg) zum Thema (Videos auf YouTube).

Nun ist sein Standardwerk 2025 in überarbeiteter und erweiterter Auflage auf Deutsch herausgekommen (CV Dillenburg). Das Wichtigste des umfangreichen Materials fasst Strauch in Kapitel 30 zusammen in Form einer kommentierten Inhaltsangabe mit 53 Punkten. Im Folgenden wird als Kurzfassung der Verlagstext und anschließend »Das Wichtigste« (Kapitel 30) wiedergegeben (Hervorhebungen teilweise hinzugefügt).

Buchbeschreibung (Verlagstext)

»Biblische Ältestenschaft ist seit 30 Jahren das Standardwerk zur biblischen Lehre über Ältestenschaft: der gemeinschaftlichen pastoralen Leitung einer Gemeinde durch eine biblisch qualifizierte, vom Geist eingesetzte Ältestenschaft. Das Buch hat ein weltweites Erwachen zu diesem oft vernachlässigten und missverstandenen Thema bewirkt. Die Neuausgabe wurde umfassend überarbeitet und erweitert. Alle, die solide Bibelexegese lieben, werden dankbar dafür sein. Jede neutestamentliche Stelle zum Thema wird sorgfältig erklärt und interpretiert, sodass die biblischen Autoren selbst zu Wort kommen. Alle Schlüsselfragen werden angesprochen, neueste bibelwissenschaftliche Erkenntnisse werden dabei beachtet. So dient dieses Handbuch als Kommentar, Ressource und Lehrbuch zur Förderung von Ältesten als Hirten. Es wird auch in den kommenden Jahren das Standardwerk sein.«

Das Wichtigste (Kapitel 30)

1. Biblische Ältestenschaft beruht auf der Überzeugung, dass die von Gott eingegebene Heilige Schrift ausreicht, um die Ordnungen und Leitungsstrukturen unserer Gemeinden zu gestalten.

2. Dieses Buch soll dazu beitragen, die biblische Lehre von der Ältestenschaft als Gemeindeleitung wiederherzustellen und klar zu definieren. Dabei handelt es sich um die gemeinschaftliche Leitung durch ein Team von biblisch qualifizierten und vom Heiligen Geist eingesetzten Ältesten. Einleitung.

3. Jesus Christus lehrte seine Jünger die Prinzipien von Demut, Dienstbereitschaft, brüderlicher Gleichheit und Liebe. Jesus lehrte „dienende Führung“ und lehnte das Modell des „starken Mannes„ als Führungsstil ab. Kapitel 1.

4. Jesus Christus gab seiner Gemeinde in den zwölf Aposteln eine Leitung durch mehrere Männer – nicht einen leitenden Apostel, der von elf Assistenten unterstützt wird, sondem zwölf an der Zahl, alle gleichermaßen Apostel und Brüder, die in Harmonie zusammenarbeiten, um die erste christliche Gemeinschaft zu leiten und zu belehren. Kapitel 1.

5. Unter den zwölf Aposteln stechen besonders Petrus, Jakobus und Johannes als Schlüsselfiguren hervor, wobei Petrus·der markanteste Leiter und Wortführer der Gruppe ist. Jesus hatte offensichtlich keine Schwierigkeiten, die Gleichheit der Zwölf zu lehren und gleichzeitig ihre unterschiedlichen Begabungen und Führungsfähigkeiten anzuerkennen. Kapitel 1.

6. Petrus wurde kein besonderer oder exklusiver Titel verliehen, der ihn von den anderen unterschieden hätte. Er besaß keinen kirchlichen oder offiziellen Rang und stand nicht über den anderen elf Aposteln. Sie waren nicht seine Untergebenen. Kapitel 3.

7. Die ersten judenchristlichen Ältesten empfingen und verwalteten Spendengelder für die Gemeinde, halfen bei der Lösung von Konflikten, beurteilten kritische Lehrfragen und schützten die Gemeinde vor Irrlehrern. Kapitel 6.

8. Die Leitung durch ein Gremium von Männern, die die Ältesten (presbyteroi) genannt wurden, war den Juden und den Lesern des griechischen Alten Testaments gut bekannt. Der Ältestenrat war eine der frühesten und grundlegendsten Institutionen in Israel. Älteste waren in erster Linie als Männer mit Erfahrung und Weisheit bekannt. Israels Älteste besaßen erhebliche Autorität in bestimmten zivilen, häuslichen und religiösen Angelegenheiten. Kapitel 6.

9. Der Begriff Ältester (presbyteros) steht für einen Leiter, der von derGemeinschaft respektiert wird und Reife, Erfahrung und Weisheit besitzt. Wenn der Begriff für die Gemeindeleitung verwendet wird, steht er fast immer im Plural: die Ältesten. Das liegt daran, dass die Ältestenstruktur eine gemeinschaftliche Leitung durch ein Gremium von Funktionsträgern ist, nicht die Leitung durch eine Einzelperson. Ein Ältester ist immer Teil eines Gremiums. Kapitel 6.

10. Paulus und Barnabas ernannten ein Team von Ältesten, nicht einen einzelnen Pastor, um jede ihrer neu gegründeten Gemeinden zu leiten (Apg 14,23). Das griechische Wort für ,,wählen“ (cheirotoneo) bedeutet „ernennen“, „einsetzen“ oder „auswählen“. Grammatik und Kontext weisen eindeutig darauf hin, dass Paulus und Barnabas die Auswahl vornahmen, nicht die Gemeinde. Kapitel 7.

11. In einem persönlichen Gespräch ermahnte Paulus die Ältesten in Ephesus, sein Beispiel nachzuahmen: Er forderte von ihnen (1) einen demütigen, sklavenähnlichen Dienst für den Herrn Jesus Christus, (2)  eine gründliche Belehrung über „den ganzen Ratschluss Gottes“, (3) eine völlige Hingabe an die Verkündigung des Evangeliums der Gnade Gottes, (4) harte Arbeit und Selbstversorgung und (5) eine großzügige Versorgung der armen und bedürftigen Mitglieder der Gemeinde (Apg 20,18–21). Kapitel 8, 10.

12. Paulus forderte alle Ältesten auf, sorgfältig auf ihr eigenes geistliches Leben zu achten und die Herde Gottes wachsam vor Irrlehrern zu schützen – die sowohl von außerhalb der Gemeinde als auch von innen auftreten konnten (Apg 20,28). Alle Ältesten werden vom Geist angewiesen, auf die ständige Gefahr durch Wolfe zu achten, die die Schafe fressen wollen. Kapitel 9.

13. Der Heilige Geist Gottes ernennt die Ältesten zu „Aufsehern“, die die ausdrückliche Aufgabe bekleiden, die Gemeinde Gottes zu hüten (Apg 20,28). Kapitel 9.

14. In Anlehnung an das Bild des Hirten bestehen die Aufgaben der Ältesten im Großen und Ganzen darin, (1) die Herde mit reichhaltiger Nahrung aus der von Gott inspirierten Schrift zu ernähren, (2) die Herde vor wolfsähnlichen Irrlehrern zu schützen, (3) die Herde durch die Stürme des Lebens und zu grünen Weiden zu führen und (4) für die praktischen Bedürfnisse der Gemeinde Gottes zu sorgen. Ein wichtiger Grundsatz der biblischen Ältestenschaft ist, dass man sie als Team von Leitern der Gemeinde betrachten sollte, nicht als einen Vereinsvorstand. Kapitel 2, 9, 10.

15. So wie es eine Vielzahl von Ältesten gibt, gibt es auch eine Vielzahl von Aufsehern; tatsachlich werden die Begriffe synonym verwendet (Phil 1,1). Kapitel 11.

16. Das griechische Wort für Aufseher ist episkopos, das allgemein als Bezeichnung für verschiedene Arten von Amtsträgern verwendet wurde. Das Wort beschreibt einen Wächter, einen Vorgesetzten, einen Vormund, einen Beamten mit Machtbefugnissen. Aufseher betont den funktionalen Aspekt der Ältestenschaft, während Ältester den Status und die Würde der Ältesten hervorhebt. Kapitel 11.

17. Die Diakone (diakonoi) sind die offiziellen Assistenten der Aufseher. Sie unterstützen die Aufseher/Ältesten am besten dadurch, dass sie ihnen helfen, sich auf ihre Hauptaufgaben zu konzentrieren: die Herde Gottes zu ernähren, zu führen und zu schützen. Kapitel 11.

18. Laut Neuem Testament gibt es in einer Ortsgemeinde nur zwei anerkannte Gruppen von Funktionsträgern: Aufseher/Älteste und Diakone. Über ihnen gibt es keinen übergeordneten Dienst oder Funktionsträger, weder einen leitenden Pastor noch einen ordinierten Geistlichen oder einen Bischof. Kapitel 11.

19. Das Neue Testament legt großen Wert auf die moralischen und geistlichen Qualifikationen derer, die als Älteste dienen. Das Neue Testament enthalt mehr Anweisungen über die Qualifikationen von Ältesten als über jeden anderen Aspekt des Ältestendienstes. Kapitel 4, 12–13.

20. Ein Ältester muss in ehelicher Treue leben und seine Familie gut führen (1Tim 3,2–5). Kapitel 14, 21.

21. Alle Ältesten müssen die biblischen Qualifikationen für den Dienst erfüllen, unabhängig davon, ob sie der Gemeinde hauptamtlich oder nebenberuflich dienen. Kapitel 4.

22. Nichts ist in den Augen vieler Zeitgenossen anstößiger als die biblische Forderung nach einer ausschließlich männlichen Ältestenschaft (1Tim 2,8–3,13). Eine biblische Ältestenschaft ist jedoch eine rein männliche. Kapitel 5.

23. Sowohl Älteste als auch Diakone müssen öffentlich auf ihre Qualifikation und Eignung für den Dienst geprüft werden (1Tim 3,10). Die ordnungsgemäße Prüfung eines Ältestenkandidaten ist genau der Punkt, an dem viele Gemeinden versagen. Das Verfahren erfordert Zeit und Mühe, und viele Gemeinden meinen, sie seien zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, um sich diese Mühe zu machen. Ein großer Fehler! Kapitel 15, 28.

24. Als das offiziell anerkannte Leitungsgremium der Gemeinde beauftragte „die Ältestenschaft“ Timotheus durch Handauflegung mit der vollzeitlichen Arbeit am Evangelium (1Tim 4,14). Kapitel 15.

25. Obwohl alle Ältesten dasselbe Amt, denselben Titel, dieselbe Verantwortung und Aufgabe haben, gibt es unter ihnen eine reiche Vielfalt an Begabungen, Lebenserfahrung und individueller Lebensführung durch den Herrn. Älteste unterscheiden sich in Bezug auf ihre Verfügbarkeit, ihre rhetorischen Fähigkeiten, ihre Führungsqualitäten, ihre Bibelkenntnisse und ihre Lehrkompetenzen. Kapitel 3, 17.

26. Älteste, die der Gemeinde eine klare Führung gebenbesonders diejenigen, die sich in der Verkündigung und Lehre des Wortes abmühen, verdienen eine doppelte Ehre durch die Gemeinde. Die doppelte Ehre kann sowohl Respekt als auch finanzielle Entschädigung einschließen (1Tim 5,17–18). Kapitel 16–17.

27. Obwohl alle Ältesten in der Lage sein müssen, zu lehren, haben nicht alle die geistliche Gabe des Lehrens oder den gleichen Grad an Befähigung zum Lehren oder zur Verkündigung des Evangeliums. Die Gabe der Lehre gibt es in vielen Stilen und Varianten. Das bedeutet, dass einige Älteste eine wichtigere Rolle im öffentlichen Lehrdienst haben werden. Bemerkenswert ist, dass Paulus diesen Ältesten keinen besonderen Titel zuweist. Kapitel 17.

28. Eine weitere Möglichkeit, wie die Gemeinde ihre Ältesten ehrt, ist der Schutz vor böswilliger Verleumdung und unbegründeten Anschuldigungen (1Tim 5,19). Kapitel 18.

29. Wenn die Anschuldigung gegen einen Ältesten, dass er gesündigt hat, durch Zeugen bestätigt wird, der Älteste sich aber der Zurechtweisung widersetzt und weiter sündigt, dann soll er vor der ganzen Gemeinde zurechtgewiesen werden, damit die anderen sich fürchten (1Tim 5,20). Kapitel 18.

30. Da die Bibel die menschliche Neigung kennt, harten Tatsachen und unangenehmen Konfrontationen aus dem Weg zu gehen, befiehlt sie den Ältesten und der Gemeinde, bei der öffentlichen Zurechtweisung von sündigenden Ältesten mutig und unparteiisch zu handeln (1Tim 5,21). Kapitel 19.

31. Eine Möglichkeit, traumatische Situationen wie die Zurechtweisung von Gemeindeleitern für die Ältesten zu minimieren, besteht darin, die voreilige Ernennung neuer Ältester zu vermeiden: „Die Hände lege niemand schnell auf“ (1Tim 5,22). Die Folge einer zu schnellen, unbedachten Ernennung eines Ältesten könnte bedeuten, dass man mitschuldig ,,an fremden Sünden“ wird, die ein unqualifizierter, ungeeigneter Ältester verursacht. Kapitel 19.i

32. Wenn eine ehrliche, sorgfältige Prüfung des Charakters und des Lebenswandels einer Person geschieht, spricht alles dafür, dass Gründe für eine eventuelle Untauglichkeit aufgedeckt oder gute Führungsqualitäten offenbart werden (1Tim 5,24–25). Kapitel 19.

33. Titus sollte das, was in den Gemeinden mangelte, in Ordnung bringen und an jedem Ort, an dem es eine Zusammenkunft von Christen gab, Älteste einsetzen (Tit 1,5). Titus sollte dies genau so tun, wie Paulus es ihm ,,geboten“ hatte. Kapitel 20.

34. Ein Ältester/Verwalter ist Gottes Verwalter und hat somit eine höchst verantwortungsvolle Position, die sowohl einen vertrauenswürdigen Charakter als auch administrative Kompetenzen erfordert (Tit 1,7). Kapitel 22.

35. Ein Ältester muss sich mit ganzem Herzen für die Wahrheiten des Evangeliums einsetzen (Tit 1,9). Kapitel 23.

36. Alle Ältesten müssen in der Lage sein, andere in gesunder Lehre zu unterweisen, falsche Lehrer zu entlarven und sie mutig zurechtzuweisen (Tit 1,9). Kapitel 23.

37. Die Ältesten sollen die Herde Gottes hüten und die geistliche Aufsicht über die Herde ausüben. Sie sind die Unterhirten des „Oberhirten“ (1Petr 5,4). Kapitel 24.

38. Die Ältesten sollen die Aufsicht für die Gesamtgemeinde in einer Weise ausüben, die Gott gutheißen kann: (1) nicht unter Zwang, sondern freiwillig, (2) nicht aus schändlicher Gewinnsucht, sondern bereitwillig, und (3) nicht, indem sie die Herde beherrschen, sondern indem sie ihr ein Vorbild sind (1Petr 5,2–3). Kapitel 24.

39. Der Tag der Belohnung wird kommen: „Und wenn der Oberhirte offenbar geworden ist, so werdet ihr den unverwelklichen Siegeskranz der Herrlichkeit empfangen.“ Welch eine Zeit des Sieges, der Anerkennung, der Herrlichkeit und der Freude wird das Erscheinen Christi den bescheidenen, unbeachteten Ältesten bringen, die treu die Herde Gottes gehütet haben (1Petr 5,4). Kapitel 24.

40. Die Ältesten sollen das Volk Gottes in einem Geist der Demut leiten, sonst werden sie unweigerlich ihre Autorität missbrauchen und Spaltungen verursachen. Kapitel 24.

41. Da die beiden bekanntesten Apostel die Ältesten – und keine andere Person oder Gruppe – beauftragt haben, die Herde Gottes zu hüten, können wir daraus schließen, dass generell Älteste nach biblischen Maßstäben für die geistliche Aufsicht über die einzelne Herde verantwortlich sind, die Gott ihnen zugewiesen hat Kapitel 9, 24.

42. Manche Leute sagen: „Man kann doch nicht erwarten, dass ein Mann den ganzen Tag arbeitet, eine Familie versorgt und auch noch einer Gemeinde als Ältester dient.“ Aber das ist nicht wahr. Viele Menschen gründen Familien, haben einen Job und engagieren sich in erheblichem Umfang in der Gemeinde, beim Sport, beim Hausbau oder in anderen Bereichen. Das eigentliche Problem liegt nicht in unserer begrenzten Zeit, sondern in falschen Vorstellungen über die Arbeit, das christliche Leben und die Lebensprioritäten. Kapitel 2.

43. In Zeiten schwerer Krankheit soll man die Ältesten der Gemeinde rufen, damit sie für die kranke Person beten und sie mit Öl salben (Jak 5,14–15). Wenn die Krankheit auf Sünde zurückzuführen ist, sollen die Ältesten dem leidenden Gläubigen eine geistliche Begleitung und guten Rat geben. Kapitel 25.

44. Die Ältesten in Thessalonich arbeiteten eifrig, um die neue Gemeinde zu führen, zu korrigieren und zu unterweisen (1Thes 5,12–13). Kapitel 26.

45. Die Gemeinde soll ihre tüchtigen und fleißigen Ältesten anerkennen und ihnen im Geiste der christlichen Liebe mit großer Wertschätzung begegnen (1Thes 5,12–13). Kapitel 26.

46. Die Ältesten und die Gemeinde sollen sich gemeinsam um Frieden bemühen (1Thes 5,13). Kapitel 26.

47. Die Ältesten sind geistliche Wächter und schützen die Gläubigen. Außerdem müssen sie vor Gott Rechenschaft ablegen, ob sie ihrer Verantwortung nachgekommen sind, über die Seelen der Kinder Gottes zu wachen (Hebr 13,17). Kapitel 27.

48. Wenn sich die Mitglieder der Gemeinde weigern, auf die Warnungen der Ältesten vor falschen Lehren und inakzeptablem Verhalten zu hören, „seufzen und stöhnen“ die Leiter darüber. Wer sich weigert, auf die Rufe und Bitten seiner geistlichen Leiter zu hören, verliert die von Gott gegebenen Segnungen des Hirtendienstes. … [In der Tat berauben sie sich wegen ihres Ungehorsams gegenüber den von Gott eingesetzten Leitern des Nutzens deren Dienstes (Hebr 13,17; ELBCSV; korr. gg. dt. Fassung)]. Kapitel 27.

49. Die Ältesten einer Gemeinde und die Gemeinde sind auf eine Weise miteinander verbunden, die manchmal schwer zu beschreiben ist. In der Beziehung zwischen ihnen kann es zu Spannungen und Missverständnissen kommen, die im Neuen Testament nicht im Einzelnen behandelt werden. Als Gottes Verwalter haben die Ältesten die Freiheit, die Beziehung zwischen ihnen und der Gemeinde so zu gestalten, dass sie effektiv zusammenarbeiten und als Einheit gute Entscheidungen treffen können. Kapitel 28.

50. Allein mehrere Älteste zu haben, reicht nicht aus. Die Ältesten müssen ihre Aufgabe, Gottes Herde zu hüten, effektiv erfüllen, oder die Herde wird leiden. Eine gemeinsame geistliche Leitung kann sich in der Theorie gut anhören, die Umsetzung in der Praxis kann aber eine Herausforderung sein. Kapitel 29.

51. Älteste sind Verwalter von Gottes Haus (Tit 1,7). Deshalb müssen sie solide organisatorische Prinzipien und klareKommunikationswege festlegen, sonst wird die Gemeinde leiden. Eine unorganisierte und undisziplinierte Ältestenschaft wird sich mit der Zeit als Hindernis für das Wohlergehen von Gottes Herde und Gottes Haus erweisen. Kapitel 29.

52. Einer der wichtigsten Faktoren bei der Gestaltung einer effektiven Ältestenschaft ist Schulung, Schulung und nochmal Schulung. Die Ausbildung, Begleitung und Forderung künftiger Leiter und Lehrer muss für jede Ältestenschaft Priorität haben. Das Christentum betont die intensive Arbeit der Nachfolge, dazu gehört die Lehre und das vorbildliche Leben, sodass man einem geistlich gereiften Menschen gern nacheifern möchte. Kapitel 29.

53. Gott hat seine Gemeinde mit einer passenden Leitungsstruktur für die Ortsgemeinde ausgestattet – die geistliche Aufsicht durch mehrere biblisch qualifizierte Manner, die vom Heiligen Geist eingesetzt wurden. Die Ältesten arbeiten als wirklich Gleichgestellte zusammen und bringen ihre reiche Vielfalt an individuellen Begabungen und Funktionen in den Dienst ein. In den Worten der Heiligen Schrift bilden sie „die Ältestenschaft“ (vgl. 1Tim 4,14). Dies ist die konsistente Lehre der Heiligen Schrift: Apg 14,23; 15,2–16,4; 20,17–38; 21,18–25; Phil 1,1; 1Thes 5,12–13; 1Tim 3,1–7; 5,17–25; Tit 1,5–9; Hebr 13,17; Jak 5,14–15; 1Petr 5,1–5. Kapitel 28.

Warum bei Gemeindeämtern Erprobung wichtig ist

Lesedauer: 12 Minuten.

Christliche Gemeinden, die bekennen, dass sie sich in Lehre und Praxis an Gottes Wort halten wollen, dieses Wort des Höchsten sogar als oberste Autorität benennen, müssen manchmal beweisen, dass sie dies über das Lippenbekenntnis hinaus auch verbindlich tun. Das gilt natürlich besonders für Bereiche und Fragen, wo der Zeitgeist oder die Tradition gegen den Willen Gottes gerichtet sind. Es gilt aber auch da, wo durch mangelnde Kenntnis des Wortes Gottes Sein Wille gar nicht ausreichend bekannt ist (oft unbewusst, Gefahr eines »Blinden Flecks«). Es gilt auch da, wo besondere Vorlieben, Ängste oder sogar sündige Einstellungen Gottes Wort entgegenstehen.

Eine lebendige, entstehende oder wachsende Ortsgemeinde ist beständig herausgefordert, geeignete Leiterpersonen auszurüsten, einzusetzen und zu unterhalten. Aufgrund der großen geistlichen Verantwortung, die solche geistlichen Führungspersonen haben, ist doppelte Vorsicht walten zu lassen, bevor man jemand in ein solches Amt als Ältester oder Diakon einsetzt. Ältestenämter sind ja keine kündbarem Zweijahres-Jobs (auch wenn in manchen Gemeindearten die Ältesten alle zwei Jahre »gewählt« oder »bestätigt« werden; dies wurde sicher nicht dem NT entnommen), sondern erzeugen in der Regel lebenslange Führungs- und Über- bzw. Unterstellungsverhältnisse. Es gibt Bücherregale voll mit Berichten von Machtmenschen in der Gemeinde, von Korruption, Unsittlichkeit, Geldliebe, Missbrauch usw. und auf der Opferseite von Glaubensaufgabe, Spaltung, Verletzung und »ekklesiogenen Neurosen«.

Schon der reine Hausverstand (in D: »gesunder Menschenverstand«) gebietet, hier bedächtig und sorgsam vorzugehen und nichts zu überhasten, egal wie dringend der Bedarf plötzlich auch zu sein scheint. Ein Sprichwort sagt: »Gott hat die Zeit gemacht, von Eile hat er nichts gesagt.«. Mancher übersteigert dies zu: »Alle Eile ist vom Teufel«. Das kann im Einzelfall stimmen, aber in anderen Fällen auch nicht. Ein guter »Hausverstand« ist sicher notwendig, aber er ist in den Sachen der Gemeinde Gottes nicht hinreichend. Es geht vielmehr zuerst um Gottes Willen, wie er uns schriftlich anvertraut vorliegt. Argumente aus Tradition und Gewohnheit und weltlichem Vorbild sind höchstens zweitrangig. Zwei Punkte sollen dies aufzeigen: unbiblischer Zeitdruck sowie mangelnde Zurüstung, Erprobung und Prüfung von Kandidaten.

Unheilige Eile

Die Ermahnung, bei der Einsetzung von Ältesten und Diakonen nichts überhastet zu tun, sondern ausreichend lange Vorbereitungs- und Bedenkzeit vorzusehen, ist keine Meinung oder Tradition einer bestimmten Gemeindeart oder Lehrschule, sondern universell Gebot des Herrn. Dies gilt auch und besonders, wo der Bedarf groß ist und als Not empfunden wird. Die Heilige Schrift sagt hierzu grundsätzlich:

»Die Hände lege niemand schnell auf,
und habe nicht teil an fremden Sünden
(1Timotheus 5,22).

Das Handauflegen ist eine symbolische Handlung, mit der jemand öffentlich in einen Dienst oder eine bestimmte Aufgabe eingesetzt oder beauftragt wird (vgl. 4Mo 27,18–23; Apg 6,6; 13,1–3; 1Tim 4,14). Alexander Strauch, ein weltweit bekannter Schreiber und Seminarleiter zum Thema biblischer Diakonen- und Ältestendienst aus der amerikanischen »Brüderbewegung« schreibt dazu trefflich:

Die Aufforderung des Paulus lautet wie folgt: Ernenne niemanden »allzu schnell, übereilt, leichtfertig« (284) zum Ältesten. Das ist ein weiser Rat und eine gute Vorbeugungsmaßnahme: Weil es einen großen Bedarf an Hirtenältesten gibt, ist die Versuchung groß, übereilte Ernennungen vorzunehmen. Aber wenn man das tut, schafft man ernsthaftere, langanhaltende Probleme für die Leitung der Gemeinde. Die besten Grundsätze für die Ernennung von Ältesten sind immer noch Zeit, Erprobung, Schulung und Gebet. 

(Biblische Ältestenschaft, 5. Aufl., 2025, S. 334. Die Fn. 284 lautet: »BAUER: s. v. ταχέως, Sp. 1609. Siehe auch Gal 1,6; 2Thes 2,2.«; Fettdruck hinzugefügt)

Das vom Apostel Paulus hier gebrauchte Wort »schnell« lautet im Grundtext ταχέως. Dieses Adverb bedeutet: »schnell, bald, sofort (οὕτως τ. so schnell Gal 1,6); rasch, übereilt, zu schnell.« (Kassühlke, Rudolf ; Newman, Barclay M.: Kleines Wörterbuch zum Neuen Testament: Griechisch-Deutsch).

Nehmen wir einmal an, einer Gemeinde würden überraschend einige Männer der Gemeinde mit guter Lebensführung von der Gemeindeleitung vorgestellt, die nun nach Willen der Ältesten nach ein, zwei Wochen Bedenkzeit für die Gemeinde als neue Älteste dienen sollen. Nehmen wir zusätzlich an, dass diese Kandidaten bzgl. der Ältestenaufgaben weder ausgebildet, noch angeleitet, noch Praxisreife nachgewiesen haben. Dann wird niemand daran zweifeln können, dass genau solche Eile von Gott durch den Apostel Paulus untersagt wurde. Das sollte nicht schwer zu erkennen sein.

Auch wenn die bisherigen Gemeindeleiter längere Zeit um Nachfolger gebeten haben, auch wenn sie manche Kandidaten immer wieder angefragt haben, bis einzelne dann ihr Ja gaben, gibt es bei der dann öffentlichen Erprobung, Bewährung und Diensteinsetzung keinen Grund dafür, dies dann in einer Woche durchzuziehen. Gefragt ist eine verantwortungsvolle Mitbeteiligung der Gemeindeglieder am biblisch vorgegebenen Prozess ohne Zeitdruck. Er hat ja meist jahrzehntelange Konsequenzen für alle nach innen und außen. Es geht nicht um das Einführen bibelfremder, demokratischer Strukturen in die Gemeinde Gottes, sondern um situative Partizipation der Gemeinde (vgl. Apostelgeschichte 6), es geht nicht um demokratische Abstimmung, sondern um geistliche Konsensbildung und Einmütigkeit. Das braucht Zeit. Es ist aber gut angelegte Zeit. Wer hier den Kurzschluss versucht, wird Rauch ernten und später viel in Reparaturaufwand investieren müssen.

Erprobung, Bewährung und öffentliche Prüfung

Christus weist uns ebenfalls –und in ergänzender Sicht– durch den Apostel Paulus an, dass Kandidaten für das Ältesten- oder das Diakone-Amt biblische Qualifikationskriterien erfüllen müssen. Dies ist hier besonders wichtig, da diese Dienste auch öffentlich sind, die Gemeinde und den Namen Christus vor den Außenstehenden repräsentieren. Paulus sagt zusammenfassend:

»Lass diese aber auch zuerst erprobt werden, 
dann lass sie dienen, wenn sie untadelig sind.«
(1Timotheus 3,10).

Alexander Strauch erklärt diese Stelle wie folgt:

Nachdem Paulus die jeweiligen Qualifikationen aufgezählt hat, verlangt er, dass sowohl die Ältesten als auch die Diakone öffentlich geprüft werden, bevor sie in ihren jeweiligen Ämtern dienen: »Auch sie aber sollen zuerst erprobt werden, dann sollen sie dienen, wenn sie untadelig sind« (1Tim 3,10).

(Biblische Ältestenschaft, 5. Aufl., 2025, S. 334.; Hervorhebung hinzugefügt.)

Die Anweisung Gottes in 1Timotheus 3,10 schreibt eine Reihenfolge in der Vorgehensweise vor, was man an den Wörtern »zuerst« und »dann« klar erkennen kann. Das Wörtchen »auch« markiert, dass diese Anweisung nicht nur für Diakon-Kandidaten, sondern auch für die kurz zuvor genannten Ältestenkandidaten gilt. Es ist ein weiterreichender Grundsatz für die Gemeinde. Das »wenn« gibt eine Bedingung an, deren Erfüllung ernsthaft geprüft werden muss.

Erprobung

Nach der von den Gemeindeleitern unter Gebet getroffenen Vorauswahl von Kandidaten, die die biblischen Qualifikationen sicher erfüllen, die selbst dieses Amt anstreben (oregomai; »sich danach ausstrecken«, danach »trachten«, was daran sichtbar wird, dass sie bereits Ältestendienste tun, auch ohne bereits im öffentlichen Amt zu sein; seelsorgerliche Dienste an Erwachsenen, Predigten zur Darstellung oder Verteidigung der biblischen Lehre, Leitung eines Dienstbereiches der Gemeinde zum Beispiel) und begehren (epithymeō; »(innerlich) begehren«, »gelüsten«; 1Timotheus 3,1), müssen diese Kandidaten nun »zuerst erprobt« werden. Das bedeutet nichts anderes, als dass sie »zuerst« im Rahmen ihrer Erprobung (ggf. inkl. Ausbildung) für das vorgesehene Amt tätig werden, nun aber im öffentlich bekannten und geschützten Modus. Selbstverständlich (aber nicht jedem einsichtig) kann eine Erprobung für den Ältestendienst nur in ältestentypischen Aufgaben erfolgen. Das kann unterschiedlich lang dauern, ist aber nicht in einer Woche zu schaffen. Sind die vorgeschlagenen Kandidaten jene, die der Heilige Geist haben will, dann werden diese durch das in ihnen geweckte Begehren bereits im tätigen Ausstrecken nach ältestentypischen Aufgaben sichtbar werden (1Timotheus 3,1). Wenn diese aber bei Ernennung »bei Null« anfangen, ist etwas gründlich schief gelaufen.

Die Erprobung muss natürlich in Begleitung und in einer Jüngerschaftsbeziehung durch die bereits eingesetzten Ältesten geschehen. Es ist das biblische Vorbild, das der Herr Jesus und der Apostel Paulus vorgelegt haben. Selbst bei dem besten Lehrer und »Jüngerschaftsausbilder« (Rabbi) Jesus Christus dauerte das über 3 Jahre. Alle Beteiligten und auch die Gemeinde können dann sehen, wie die Kandidaten in den einschlägigen Aufgaben und Herausforderungen wachsen, fruchtbar sind und sich bewähren. So kann man erkennen, ob die Bereiche, die ihnen anvertraut werden (vor allem in der Erwachsenenarbeit!), anhaltend gesund wachsen und inhaltlich sowie charaktermäßig nach biblischen Maßstäben geleitet werden. Nur so kann man erkennen, ob Gott sie als geistliche Vorbilder und als Leiter verwendet, segnet und im Amt haben will. Und um den Willen Gottes geht es hier, nicht um die Wünsche oder Vorlieben der Gemeinde oder der bisherigen Gemeindeleiter. Zumindest, wenn das Bekenntnis zur Schrift als Norm für alles ein wahrhaftiges ist.

Bewährung und öffentliche Prüfung

Nach einer gewissen Zeit, die natürlich jeweils unterschiedlich lang sein kann, kann man dann hoffentlich die Bewährung zweifelsfrei erkennen, dass Gott sie also in den ihnen jeweils anvertrauten Bereichen des Ältestendienstes in Zusammenarbeit mit den bestehenden Ältesten segnet und sie als geistliche Leiterpersonen bestätigt.

Bewährung kann man besonders gut in Krisensituationen beobachten: Werden sie sich auf Gottes Wort stützen und dabei bleiben? Lieben sie die Geschwister und den Herrn über alles? Oder werden sie traditionell denken, politisch taktieren, ausfällig werden, psychische oder physische Gewalt anwenden? Werden sie sich zurückziehen, statt Stellung zu beziehen und Schutz zu bieten? Werden sie einer Partei oder Sippe verpflichtet sein, oder der Gesamtgemeinde, über allem aber dem Herrn Jesus und Seinem Wort? Werden sie die Gerüchteküche dulden (gar fördern), oder aktiv diese trockenlegen (Sprüche 6,16–19)? Werden sie in Liebe und Langmut nachhaltig den Willen des Herr in der Gemeinde umzusetzen suchen? Kennen sie diesen Willen überhaupt, können sie ihn aus Gottes Wort überzeugend darlegen und verteidigen? Werden sie unter den Herausforderungen einer Krise oder eines Konflikts geistliche Zucht, Gottvertrauen und Hingabe an das Wort beweisen (usw.)? Eine Gemeinde braucht eben nicht nur bei lauem Lüftchen und Sonnenschein rechte Hirten, sondern auch im Sturm und beim nächtlichen Wolfsangriffen (s. Apostelgeschichte 20,28–35). Und zwar verkündigend und lehrend »öffentlich und in den Häusern« (Apostelgeschichte 20,20).

Erst dann, nach diesem einmütigen Erkennen seitens der Gemeinde, darf nach Gottes Willen der Schritt vollzogen werden, sie »dienen zu lassen«, nämlich als offizielle Amtsträger und Diener jener Ortsgemeinde (nochmals: »Amt« bezeichnet einen Dienst, der auf den Rahmen einer definierten, örtlichen Gemeindeherde begrenzt ist). Jeder wird sich dann bereitwillig diesen vom Herrn gebrauchten Führern unterordnen, weil sie sicher sind, dass sie sich geistlich in die richtige Richtung entwickeln, wenn sie dem Vorbild und Glauben dieser Männer (Hebräer 13,7) nachfolgen. Sie werden akzeptiert und geehrt als wahre »Minister« (=Diener) der Gemeinde Jesu. Man wird erfahren, dass sie nicht nur den Titel und die Macht als »Führer« haben wollen, sondern sich hingegeben haben, »über die Seelen zu wachen« (Hebräer 13,17; das ist die Aufgabe eines Hirten als »Aufseher« seiner »Schafherde« am Ort; 1Timotheus 3,1f; Titus 1,7).

Muss ein Kandidat die biblischen Kriterien optimal erfüllen? Muss er ein »perfekter Christ« sein? Natürlich nicht – diesseits des Himmels! Es gibt klare Muss-Kriterien, andere sind wachstümliche Merkmale. Aber es gibt zwei Grenzen, innerhalb man dies ausdeuten darf: (1.) Er darf kein »Neugepflanzter« (Neuling) sein, also jemand, der erst kurze Zeit gläubig ist (1Timotheus 3,6); (2.) Er muss »Vorbild der Herde« sein (1Petrus 5,3); d.h. dass er den meisten an Reife und Glauben so weit voraus ist, so dass sie sich an ihm orientieren können (Hebräer 13,7b). Es geht also um »hervorragende, gläubige Männer«! Denn Führung geht nicht durch »managen« oder »herrschen«, wie über eigenen Besitz, sondern durch Vorbild. Älteste verfügen nicht über die Gemeindeglieder wie über eigenen Besitz. Sie sind vielmehr vom Oberhirten beauftragte Unterhirten, also Verwalter, die Schafe gehören nicht ihnen (1Petrus 5,3; Hebräer 13,17).

Wenn alles unter Gottes Geist und Fürsorge gut läuft, werden sich die neuen Ältesten dann hoffentlich auch in Zukunft weiterentwickeln, wie das von allen Christen erwartet werden darf, aber bei Ältesten vorbildhaft zu sehen sein muss. Ein Ältester, der nicht laufend dazulernen will und reift, kann schwerlich Vorbild sein. Ein Ältester (oder Kandidat), der nicht regelmäßig Fortbildungen besucht und veranstaltet, weist einen nicht geringen Mangel auf. Warum? Weil erstens »Jünger Jesu« sein bedeutet, lebenslang ein »Schüler« zu sein (das ist die Wortbedeutung von mathētēs, »Jünger«). Und weil zweitens der Missionsauftrag des Herrn fordert: »Lehrt sie, alles zu bewahren, was ich euch geboten habe« (Matthäus 28,20).

Älteste genießen ihres Amtes wegen besonderen Schutz in ihrem Dienst, sind zu achten und zu ehren und –in manchen Fällen– auch zu honorieren. Sie unterliegen der besonderen Beurteilung der Gemeinde, da sie diese öffentlich vertreten und leiten (s. 1Timotheus 5,17–22). Dazu wäre vieles mehr zu sagen, sprengte aber den Rahmen dieser kurzen Rückbesinnung.

Diese Vorgehensweise ist weder eine Angelegenheit von Vorlieben oder Meinungen, sondern im biblischen Gebot mit festem Rahmen, Inhalten und Reihenfolge vorgegeben. Darüber hinaus bestehen viele Möglichkeiten der Ausgestaltung, so dass diese Vorgaben in unterschiedlichen Kulturen und Zeiten und Situationen effektiv umgesetzt werden können.

Eine Mahnung, diese göttlich vorgegebene Vorgehensweise zu beachten und zu beschreiten, ist jedenfalls biblisch geboten. Nur so kann Gottes Segen erwartet werden. Und den will hoffentlich niemand vermissen.

Einige hilfreiche Zitate

Alexander Strauch liefert einige Aussagen aus seinem riesigen Erfahrungsschatz, die es wert sind, bedacht zu werden. Die folgende Auwahl stammt aus Kapitel 30 »Das Wichtigste in Kürze«, das eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte seines einschlägigen Standardwerks Biblische Ältestenschaft (2025) ist (alle Hervorhebungen hinzugefügt). Die vollständige Liste ist an anderer Stelle zu finden.

  • »(14) In Anlehnung an das Bild des Hirten bestehen die Aufgaben der Ältesten im Großen und Ganzen darin, (1) die Herde mit reichhaltiger Nahrung aus der von Gott inspirierten Schrift zu ernähren, (2) die Herde vor wolfsähnlichen Irrlehrern zu schützen, (3) die Herde durch die Stürme des Lebens und zu grünen Weiden zu führen und ( 4) für die praktischen Bedürfnisse der Gemeinde Gottes zu sorgen. Ein wichtiger Grundsatz der biblischen Ältestenschaft ist, dass man sie als Team von Leitern der Gemeinde betrachten sollte, nicht als einen Vereinsvorstand.«
  • »(23) Sowohl Älteste als auch Diakone müssen öffentlich auf ihre Qualifikation und Eignung für den Dienst geprüft werden (1 Tim 3,10). Die ordnungsgemäße Prüfung eines Ältestenkandidaten ist genau der Punkt, an dem viele Gemeinden versagen. Das Verfahren erfordert Zeit und Mühe, und viele Gemeinden meinen, sie seien zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, um sich diese Mühe zu machen. Ein großer Fehler!«
  • »(35) Ein Ältester muss sich mit ganzem Herzen für die Wahrheiten des Evangeliums einsetzen (Tit 1,9).«
  • »(36) Alle Ältesten müssen in der Lage sein, andere in gesunder Lehre zu unterweisen, falsche Lehrer zu entlarven und sie mutig zurechtzuweisen (Tit 1,9).«
  • »(51) Älteste sind Verwalter von Gottes Haus (Tit 1,7). Deshalb müssen sie solide organisatorische Prinzipien und Kommunikationswege festlegen, sonst wird die Gemeinde leiden. Eine unorganisierte und undisziplinierte Ältestenschaft wird sich mit der Zeit als Hindernis für das Wohlergehen von Gottes Herde und Gottes Haus erweisen.«
  • »(52) Einer der wichtigsten Faktoren bei der Gestaltung einer effektiven Ältestenschaft ist Schulung, Schulung und nochmal Schulung. Die Ausbildung, Begleitung und Förderung künftiger Leiter und Lehrer muss für jede Ältestenschaft Priorität haben. Das Christentum betont die intensive Arbeit der Nachfolge, dazu gehört die Lehre und das vorbildliche Leben, sodass man einem geistlich gereiften Menschen gern nacheifern möchte.«

Literatur- und Medienhinweise

Alexander Strauch, Biblische Ältestenschaft. Handbuch für schriftgemäße Gemeindeleitung, überarbeitet. u. erw. Neuausgabe (Dillenburg: CVD, 2025), 608 Seiten. – Verlagstext: »Biblische Ältestenschaft ist seit 30 Jahren das Standardwerk zur biblischen Lehre über Ältestenschaft: der gemeinschaftlichen pastoralen Leitung einer Gemeinde durch eine biblisch qualifizierte, vom Geist eingesetzte Ältestenschaft. Das Buch hat ein weltweites Erwachen zu diesem oft vernachlässigten und missverstandenen Thema bewirkt. Die Neuausgabe wurde umfassend überarbeitet und erweitert. Alle, die solide Bibelexegese lieben, werden dankbar dafür sein. Jede neutestamentliche Stelle zum Thema wird sorgfältig erklärt und interpretiert, sodass die biblischen Autoren selbst zu Wort kommen. Alle Schlüsselfragen werden angesprochen, neueste bibelwissenschaftliche Erkenntnisse werden dabei beachtet. So dient dieses Handbuch als Kommentar, Ressource und Lehrbuch zur Förderung von Ältesten als Hirten. Es wird auch in den kommenden Jahren das Standardwerk sein.«

Alexander Strauch, Biblische Ältestenschaft. Studienführer, 3. Aufl. (Dillenburg: CVD, 2025), 192 Seiten. – Verlagstext: »Dieser Studienführer ergänzt und vertieft einzigartig die Lektüre des Hauptbuches. Durch zielgerichtete Fragen (jeweils mit Seitenverweis aufs Buch) können die Gedanken kapitelweise für die eigene Gemeinde und die dortige Leitungspraxis erarbeitet werden. Das kann sowohl in der Gruppe (z. B. im Ältestenteam) geschehen als auch in der persönlichen Stillen Zeit. Für Letzteres wurden die Abschnitte extra in „Stille-Zeit-Portionen“ eingeteilt, die sich in ca. 20 Minuten bearbeiten lassen.«

Hirtenkonferenz 2025 »Ältestenschaft« (EBTC). 10 Vorträge als Video auf YouTube. Augenöffend und seelengewinnend, vom Herrn bewährte Gemeindehirten über dieses hohe Amt reden zu hören!

David A. Harrell, Hirtendienst. 7 biblische Prinzipien für den Dienst als Leiter in Gottes Gemeinde (Berlin: EBTC, 2023).

Jeramie Rinne, Leitung durch Älteste. Wie man Gottes Volk wie Jesus als Hirten leitet (Serie: 9 Merkmale gesunder Gemeinden) (Augustdorf: Betanien, 2022).

Paul David Tripp, Leiten. 12 Prinzipien des Evangeliums für Leiterschaft in der Gemeinde (Berlin: EBTC, 2022).

Für Diakone:
Alexander Strauch, Gottes Gemeinde unterstützen. Paulus Sicht vom Dienst des Diakons (Dillenburg: CVD, 2019), 192 Seiten. – Verlagstext: »Die Ansichten über die Rolle der Diakone sind unter den evangelikalen Christen sehr unterschiedlich. Was lehrt die Schrift eigentlich über Diakone und ihre Rolle in der Gemeinde? Die Ansichten reichen vom Diakon als Gemeindevorstand bis hin zum Ausführenden von Bauvorhaben. Strauch erklärt, dass sein Ziel beim Schreiben dieses Buches darin besteht, den Diakonen und Ältesten von Gemeinden zu ermutigen, kritischer darüber nachzudenken, was sie sagen, was sie tun und was die Schrift tatsächlich über Diakone lehrt. Was auch immer wir über Diakone denken mögen, diese Studie wird uns helfen, die biblischen Fakten über Diakone im Detail zu untersuchen, sodass unser Nachdenken über Gemeindefragen von zuverlässigen Informationen genährt wird. – Dieses Buch bietet die Möglichkeit, eine breitere Übereinstimmung in bibeltreuen Gemeinden darüber herzustellen, was Diakone tun. Bekannt für seine tiefe Liebe zu Gottes Gemeinde und für seine sorgfältige Bibelauslegung, kann Strauchs neue Studie nicht ignoriert werden von denen, die sich dafür einsetzen wollen, einem biblischen Modell von Gemeinde zu folgen.«
Auch dazu gibt es einen Studienführer.

Ursache und Wirkung– Kleiner Exkurs für gründliches Denken in der Heilslehre

Lesedauer: 16 Minuten.

1    Was bezeichnet man als „Ursache“, was als „Wirkung“?

Zuerst ein paar grundlegende Begriffe und ein Überblick über deren semantische Entwicklung.

1. Begriffe: „Ursache“ und „Wirkung“ sind korrelative Begriffe, die zwei unterscheidbare, aber miteinander verbundene Phasen (vorher, nachher) der erlebten Realität in einer Zeitreihe bezeichnen, sodass immer dann, wenn das zeitlich Vorhergehende („Ursache“) aufhört zu existieren, das zeitlich Nachfolgende („Wirkung“) erscheint.

2. Die Vorsokratiker verwendeten den Begriff „Arche“ (gr. archē = Ursprung, Anfang, Grundprinzip, erstes Element), um etwas zu bezeichnen, das vor und zusammen mit anderen Dingen existiert und ohne das andere Dinge nicht existieren würden. Es ist also das Urprinzip, aus dem alles entsteht und durch das alles erklärt werden kann. Für Thales von Milet war es das Wasser, für Anaximenes die Luft, für Heraklit das Feuer, der Wandel. Platon hingegen verwendete „Arche“, um einen Grund zu bezeichnen, warum ein Ding seine wesentlichen Eigenschaften hat, sodass wir es mit einem bestimmten Namen bezeichnen.

3. Aristoteles unterscheidet vier Ursachen (gr. aitía), um zu erklären, warum etwas so ist, wie es ist. Die Frage geht also nach den Ursachen, Gründen oder Prinzipien zur Erklärung einer Sache. Diese lauten (Beispiele folgen weiter unten): 

  • Materialursache/Stoffursache (causa materialis): das, woraus etwas entsteht, geformt oder hervorgebracht wird. 
  • Formursache (causa formalis): das Wesen, das die Natur der Sache ausmacht, die qualitativen Eigenschaften, die sie zu dem machen, was sie ist, sie von anderen Dingen unterscheiden und sie ähnlichen Dingen ähnlich machen. 
  • (Wirkursache oder effiziente Ursache (causa efficiens): der produktive Wirkstoff oder die Kraft, die eine Wirkung hervorbringt. 
  • Zweckursache oder Endursache (causa finalis): der Zweck oder das Ziel einer Sache, um dessentwillen sie bestimmte Eigenschaften besitzt oder von einer Intelligenz hervorgebracht wurde.

Die mittelalterlichen Scholastiker verwendeten und modifizierten diese Prinzipien.

4. Mit dem Aufkommen der Naturwissenschaften in der Renaissance ersetzte „Substanz” die materielle Ursache, und die formale Ursache wurde beiseitegeschoben; „Ursache” wurde hauptsächlich als effiziente Ursache verstanden.

5. Hume, der davon ausging, dass jede Idee aus vorhergehenden Eindrücken oder Empfindungen kopiert wird, führte den Glauben an die „notwendige Verbindung” von Ursache und Wirkung auf die Wiederholung bestimmter Erfahrungen mit einheitlicher Abfolge (konstante Konjunktion) zurück, die im Wahrnehmenden eine gewohnheitsmäßige Erwartung, eine Gewohnheit der Antizipation hervorrufen, durch die der Geist gewohnheitsmäßig von der Wahrnehmung des Vorhergehenden zur Erwartung des Nachfolgenden übergeht.

6. Um die Wissenschaft vor dem Psychologismus Humes zu bewahren, postulierte Immanuel Kant das Prinzip der Kausalität als eine a priori notwendige Kategorie (Form) des Verstandes, die nicht von der Erfahrung abhängig ist, sondern diese konstituiert. Durch diese Form des Verstandes wird empirisches Wissen über die Natur möglich. 

7. J. S. Mill identifizierte die Regelmäßigkeit der Abfolge als das Wesen der Kausalität, wobei „Ursache” als Vorläufer oder das Zusammentreffen von Vorläufern definiert wird, auf die ein Ereignis unveränderlich und bedingungslos folgt.

8. J. H. Poincaré und P. Frank vertreten eine konventionalistische Sichtweise der Kausalität als Definition (oder regulativer Verfahrenskanon) eines Zustands eines Systems.

Einige Quellen dazu: Platon, Phaidon und Timaios; Aristoteles, Metaphysik; D. Hume, Abhandlung über die menschliche Natur, III, und Untersuchung über das menschliche Verständnis; I. Kant, Kritik der reinen Vernunft; J. S. Mill, System der Logik; P. Frank, Philosophy of Science: The Link Between Science and Philosophy (Englewood Cliffs, New Jersey, 1957); J. H. Poincaré, Science and Hypothesis, übers. v. W. J. G. (New York, 1952) und Science and Method, übers. v. F. Maitland (New York, 1952).

Die vier Ursachen nach Aristoteles

Aristoteles hat darüber nachgedacht, wie wir denken und argumentieren, und hat dazu die unserer Sprache und unserem Denken als Menschen eigenen Strukturen erforscht und beschrieben. Er nennt vier unterschiedliche Aspekte dessen, was wir als Ursache bezeichnen. Man muss diese Einteilung nicht übernehmen, sie mag zu wenige, zu viele Aspekte nennen oder teilweise neben der Realität liegen. Trotzdem war sie in zahllosen Diskussionen hilfreich und zeigt sich weiterhin als hilfreich. Man kann damit manchmal vermeiden, dass man aneinander vorbeiredet oder bei der Forschung nach Ursachen Bereiche vernachlässigt, die sich als wichtig erweisen.

Wir wollen hier nun zuerst die vier Ursachen nach Aristoteles anhand eines einfachen Beispiels darstellen und sie dann im nächsten Abschnitt auf ein zentrales Thema der biblischen Lehre (Dogmatik), der Heilslehre, anwenden.

Gegenstand: Ein Bildhauer erstellt eine Marmorstatue, die eine menschähnliche Gestalt darstellt. Jemand sieht sie und fragt nach der Ursache dieser Statue. Mit Hilfe der Einteilung von Aristoteles fragt er sich die folgenden vier Fragen über die Statue (Ding/Sache) und kommt so zu vier Aussagen über die Ursachen der Statue:

  • Stoffursache (causa materialis)
    Frage: Aus welchem Stoff besteht das Ding?
    Antwort: Die Statue besteht aus Marmor. 
    Erkenntnis: Ohne dieses Material gäbe es die Statue nicht physisch greifbar.
    Erkenntnis aus dieser Frage: Der Stoff, aus dem etwas gemacht ist.
  • Formursache (causa formalis)
    Frage: Was ist die Gestalt/Struktur des Dings?
    Antwort: Die Statue hat die Form eines bestimmten Menschen oder Gottes. 
    Erkenntnis: Nicht der rohe Marmor, sondern die Gestalt macht sie zur Statue.
    Erkenntnis aus dieser Frage: Das „Was-sein“ oder die Form des Dings.
  • Wirkursache (causa efficiens)
    Frage: Wer oder was bewirkte die Entstehung?
    Antwort: Der Bildhauer Sowieso
    Erkenntnis: Der Bildhauer, der den Marmor bearbeitet, ist die Wirkursache.
    Erkenntnis aus dieser Frage: Der Auslöser oder Handelnde/Wirkende.
  • Zweckursache (causa finalis
    Frage: Wozu existiert das Ding?
    Antwort: Die Statue wurde vielleicht geschaffen, um einen Gott zu ehren, eine Person zu verewigen oder um einen Platz zu schmücken. 
    Erkenntnis: Ohne dieses Ziel wäre die Statue nie entstanden.
    Erkenntnis aus dieser Frage: Das Ziel oder der Zweck des Dings.

Tabellarische Übersicht (mit Beispiel)

UrsacheFrageBeispiel
StoffursacheWoraus?Marmor
FormursacheWas?Gestalt der Statue
WirkursacheWer?Bildhauer
ZweckursacheWozu?Verehrung / Schmuck

Die Ursachen der Errettung (biblisch-reformatorische Sicht)

Wir beantworten nun die Frage nach den Ursachen des ewigen Heils mit den Antworten, die die Heilige Schrift nach reformatorischer Auslegung liefert.

Dieses Vorgehen bedeutet nicht, dass wir dem biblischen Text eine griechisch-philosophische Zwangsmaske oder Schablone aufsetzen, sondern dass wir mit geschärftem Denken an dieses Wunderwerk herangehen und so den einen oder anderen Streitgedanken erkennen, analysieren und ggf. lösen können. Anders gesagt: Denken wird nicht falsch, nur weil es analytisch von einem Philosophen beschrieben wurde. Vermutlich hat Aristoteles nur entdeckt und beschrieben, was Gott in Sprache und Denken gelegt hat (Ähnliches kann man über Logik und Mathematik sagen). Dem Philosophen wird nicht erlaubt, den Inhalten des gedanklich Bewegten beizutragen.

1. Stoffursache (causa materialis)

Frage: Woraus besteht das, was gerettet wird?

Die Bibel lehrt, dass der Gegenstand (die „Materie“) der Errettung der Mensch selbst ist, so wie er im Sündenfall absolut erlösungsbedürftig geworden war, ein sündiger Mensch mit Leib und Seele, bereits als Sünder geboren, unaufhaltsam sündigend, unfähig, sich selbst zu erretten.

Antwort: Die Stoffursache der Errettung ist nicht etwas Gutes im Menschen, sondern der ganze Mensch als verlorener Sünder, an dem Gott handelt.

Schrifthinweis: „Da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer.“ (Römer 3,10)

Erkenntnis: Der Mensch ist das Objekt der Errettung, nicht deren Quelle.

2. Formursache (causa formalis)

Frage: Was macht die Errettung (strukturmäßig) zu dem, was sie ist?

Die Form der Errettung ist nach der Lehre der Heiligen Schrift und den Reformatoren (nur stichwortartig): die Rechtfertigung allein aus Glauben (Basis), also die dem Sünder zugerechnete Gerechtigkeit Christi (extern) sowie stets in Verbindung damit die Heiligung und Erneuerung (Lebendigkeitsprinzip). – Im Kontrast dazu: Die Errettung geschieht nicht durch eigene Werke, eigene Liebe, eigenen Glauben (als Leistung), sie kommt von außerhalb des Menschen (extra nos).

Antwort: Die formale Ursache der Rechtfertigung ist die zugerechnete Gerechtigkeit Christi (Imputation).

Schrifthinweis: „Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm.“ (2. Korinther 5,21)

Erkenntnis: Christi Gerechtigkeit wird juristisch auf das Konto des Glaubenden gebucht. (Der zitierte Bibelvers wird weiter unten noch näher untersucht.)

3. Wirkursache (causa efficiens)

Frage: Wer bewirkt die Errettung?

Hier ist die biblische Antwort eindeutig: Die alleinige Wirkursache der Errettung ist der dreieinige Gott: (1) Der Vatererwählt aus Gnade (Epheser 1,4–5); (2) Der Sohn erwirbt die Erlösung durch Kreuz und Auferstehung; (3) Der Heilige Geist wendet sie wirksam an (Wiedergeburt, Glaube).

Antwort: Die Wirkursache der ewigen Errettung ist allein der dreieinige Retter-Gott. Der Mensch ist nicht Mitursache, sondern Empfänger.

Schrifthinweis: „Also liegt es nun nicht an dem Wollenden noch an dem Laufenden, sondern an dem begnadigenden Gott.“ (Römer 9,16)

Erkenntnis: Gott allein handelt errettend (Monergismus).

4. Zweckursache (causa finalis)

Frage: Wozu geschieht die Errettung? Was ist ihr Ziel?

Das höchste Ziel der Errettung des Menschen ist die Verherrlichung Gottes: die Offenbarung seiner Liebe, Barmherzigkeit und Gnade und die Offenbarung seiner Gerechtigkeit und Heiligkeit sowie die Gemeinschaft mit seinem Volk. Gott wird von den erlösten Menschen ewig Anbetung bekommen.

Antwort: Das letztliche Ziel der Errettung ist das Lob und die Anbetung Gottes, weil er sich im Heilswerk herrlich als Retter-Gott präsentiert und beweist.

Schrifthinweis: „Zum Lob der Herrlichkeit seiner Gnade.“ (Epheser 1,6) – „Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge; ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen.“ (Römer 11,36).

Erkenntnis: Die Seligkeit des Menschen ist real und herrlich, aber nicht der letzte Zweck des Heilswerkes Gottes. Vielmehr geht es letztlich und exklusiv um Gottes Ehre (Soli Deo Gloria).

Tabellarische Übersicht:

UrsacheIn der Errettung
StoffursacheDer sündige Mensch
FormursacheDie zugerechnete Gerechtigkeit Christi
WirkursacheDer dreieinige Retter-Gott alleine
ZweckursacheDie Verherrlichung Gottes

Das Ergebnis dieses Nachdenkens

Die Anwendung der aristotelischen Ursachen zeigt:

  • Der Mensch trägt nichts bei, was Ursache seiner Errettung wäre.
  • Christus ist nicht nur Mittel, sondern Form der Errettung.
  • Gott ist Urheber, Vollender und Ziel der Errettung.

Die Reformatoren haben dies in den bekannten Exklusiv-Partikeln zusammengefasst: Nach der Grundlegung im sola scriptura (allein die Heilige Schrift) folgen aus der Schrift zwingend: Sola gratia – solus Christus – sola fide – soli Deo gloria (allein aus Gnaden – nur in Christus – nur aus Glauben – allein zur Ehre Gottes).

Irrtum und Wahrheit in der Heilslehre

Man kann die Unterschiede zwischen reformiert-monergistischer versus synergistischer Soteriologie anhand des selben Frageschemas nach den Ursachen des Heils systematisch darstellen. Die theologischen Bruchlinien treten tatsächlich entlang dieser vier Aspekte der Heilsursachen zutage (mit „synergistisch“ seien hier kurzgefasst v. a. die römisch-katholische, die arminianische und allgemein alle semi-pelagianischen Vorstellungen bezeichnet).

1. Stoffursache (causa materialis)

Reformiert (monergistisch)

  • Der Mensch ist geistlich tot (Eph 2,1)
  • Keine rettungsfähige Anlage im Menschen
  • Der Mensch ist passives Objekt der Errettung

 → Materia: der verlorene Sünder ohne rettende Disposition

Synergistisch

  • Der Mensch ist gefallen, aber nicht geistlich tot
  • Verfügt über:
    • freien Willen
    • mitwirkungsfähige Natur
    • Fähigkeit zur Kooperation mit der Gnade

 → Materia: der Sünder mit rettungsfähigem Potential

Kurzform: reformiert: Unfähigkeit ↔︎ synergistisch: geschwächte Fähigkeit

2. Formursache (causa formalis)

Reformiert

  • Zugerechnete Gerechtigkeit Christi allein
  • Rechtfertigung ist:
    • forensisch
    • vollständig
    • außerhalb des Menschen (extra nos)

Glaube ist Mittel, nicht Form.

 → Die Form der Rettung ist Christus für uns

Synergistisch

Je nach Modell:

  • eingegossene Gerechtigkeit (römisch-katholisch)
  • oder:
    • Glaube + Treue
    • Anfangsgnade + fortdauernde Mitwirkung
    • Rechtfertigung als Prozess

 → Die Form ist Christus + innere Erneuerung / Kooperation

Kurzform: reformiert: zugerechnet ↔︎ synergistisch: inhärent / kooperativ

3. Wirkursache (causa efficiens) – der zentrale Streitpunkt

Reformiert

  • Gott allein wirkt:
    • Erwählung
    • Wiedergeburt
    • Glaube
    • Bewahrung

Der Mensch wirkt nicht einmal den Glauben, sondern empfängt ihn.

 → Monergismus

Synergistisch

  • Gott gibt Gnade
  • Mensch:
    • nimmt sie an oder lehnt sie ab
    • kooperiert mit ihr
    • vollendet sie durch Gehorsam

Es gibt also zwei wirkende Ursachen: göttliche Gnade UND menschlicher Wille

 → Synergismus

Kurzform: reformiert: eine Wirkursache ↔︎ synergistisch: zwei Wirkursachen

4. Zweckursache (causa finalis)

Reformiert

  • Oberster Zweck: Gottes Ehre
  • Rettung offenbart:
    • souveräne Gnade
    • erwählende Liebe
    • göttliche Freiheit

Die Seligkeit des Menschen ist sekundär.

Synergistisch

  • Zweck verschiebt sich (oft implizit) zu:
    • menschlicher Entscheidung
    • Fairness
    • universaler Heilswille
    • Verantwortung des Menschen

Gottes Ehre bleibt, aber nicht exklusiv bestimmend.

Kurzform: reformiert: theozentrisch ↔︎ synergistisch: teilweise anthropozentrisch

Tabellarischer Gesamtvergleich

UrsacheReformiert (Monergismus)Synergistisch
StoffursacheGeistlich toter SünderGefallener, aber fähiger Sünder
FormursacheZugerechnete Gerechtigkeit ChristiChristus + innere Mitwirkung
WirkursacheGott alleinGott + Mensch
ZweckursacheGottes Ehre alleinGottes Ehre + menschliche Entscheidung

Tiefere theologische Pointe

Der entscheidende Unterschied ist nicht nur pastoral, sondern metaphysisch:

  • Monergismus bewahrt:
    • Gottes Alleinwirksamkeit
    • Gnade als wirklich unverdient
    • Gewissheit des Heils
  • Synergismus führt zwangsläufig zu:
    • teilweiser Selbstverursachung
    • kontingenter Erlösung
    • Verschiebung des Ruhms in Richtung Mensch

Oder zugespitzt: Wenn der Mensch der letzte Unterschied ist, dann ist die Gnade nicht mehr alleinige Ursache.

Die Heilige Schrift lehrt eindeutig das Zusammenhalten von göttlicher Souveränität und menschlicher Verantwortung

Wir müssen nun noch in Kürze darstellen, warum Christen seit der Reformation wieder trotz Beharren auf dem monergistischen Heilswirken Gottes auch die Verantwortung und die Mittel seitens der zu errettenden Menschen betonen. Hier haben wir eine zentral wichtige Frage, bei der oft Missverständnisse entstehen. Die biblische Theologie betont Gottes souveränes, monergistisches Handeln und zugleich die menschliche Verantwortung und die Verwendung realer Mittel – ohne dabei in Synergismus zu fallen. 

Der Schlüssel liegt in der Unterscheidung von Ursache, Mittel und Ordnung.

1. Grundthese (kurz)

Die reformierte Heilslehre sagt gleichzeitig:

  1. Gott allein ist die Wirkursache der Errettung (Monergismus)
  2. Der Mensch ist wirklich verantwortlich
  3. Gott gebraucht wirkliche Mittel, durch die er handelt

 → Verantwortung und Mittel sind keine Mitursachen, sondern von Gott eingesetzte Instrumente.

2. Ursache ≠ Mittel (entscheidende Unterscheidung)

Reformiert:

  • Ursache (causa efficiens)  → Gott allein bewirkt das Heil
  • Mittel (media) → Wort, Sakramente, Glaube, Buße, Gebet

Der Fehler synergistischer Modelle ist: Mittel zu Ursachen zu machen.

Beispiel:

Ein Stift schreibt einen Text.

  • Ursache des Textes: die schreibende Person
  • Mittel: der Stift

Der Stift ist real beteiligt, aber nicht selbstverursachend.

 → So ist der Glaube wirklich aktiv, aber nicht ursächlich rettend.

3. Warum menschliche Verantwortung real ist

Reformierte Anthropologie

Der Mensch:

  • handelt frei gemäß seiner Natur
  • entscheidet wirklich
  • liebt, glaubt, lehnt ab

Aber:

  • seine Natur ist durch die Sünde gebunden
  • daher kann er ohne Gnade nicht zu Gott kommen

Freiheit ≠ Autonomie

Klassisch reformiert:

Der Mensch tut freiwillig das, wozu Gott ihn wirksam bewegt.

 → Das ist keine Zwangshandlung, sondern innere Erneuerung.

4. Verantwortung ohne Mitverursachung

Reformierte Theologie unterscheidet:

  • ontologische Ursache (wer bewirkt?)
  • moralische Verantwortung (wer handelt?)

 → Der Mensch ist verantwortlich, weil er selbst glaubt oder nicht glaubt, nicht weil er die Gnade verursacht.

Biblische Spannung (bewusst festgehalten)

  • Gott wirkt alles (Phil 2,13)
  • Der Mensch handelt wirklich (Phil 2,12)

 → Nicht entweder/oder, sondern beides, in verschiedener Hinsicht.

5. Warum Mittel notwendig sind

Gott wirkt durch Mittel, nicht trotz ihrer. Reformierte Theologie lehnt daher ab:

  • Mystizismus (Gott wirkt ohne Mittel)
  • Fatalismus (Mittel sind egal)
  • Rationalismus (Mittel wirken automatisch)

Beispiele von Mitteln:

  • Predigt → Glaube (Röm 10,17)
  • Taufe & Abendmahl → Stärkung des Glaubens
  • Gebet → von Gott verordneter Weg des Empfangens
  • Gehorsam → Frucht, nicht Ursache

 → Gott ordnet das Ziel und den Weg zum Ziel.

6. Warum das kein Synergismus ist

FrageReformiertSynergistisch
Wer bewirkt das Heil?Gott alleinGott + Mensch
Hat der Mensch Anteil?Ja, instrumentalJa, kausal
Ist Glaube Ursache?Nein, MittelTeilursache
Ist Verantwortung real?JaJa

 → Der Unterschied ist kausal, nicht praktisch.

7. Pastorale und geistliche Konsequenzen

a. Gewissheit

  • Heil hängt nicht an meiner Leistung
  • Gott vollendet sicher alles, was er beginnt

b. Ernst des Rufes

  • Aufruf zur Buße ist echt
  • Unglaube ist schuldhaft

c. Demut

  • Kein Ruhm im Menschen
  • Alle Ehre Gott allein

8. Reformierte Kurzformel

Gott wirkt das Heil allein,
aber nicht ohne den Menschen;
der Mensch wirkt wirklich,
aber nicht ursächlich.

Als Augustinus von Hippo sagte: „Gott wirkt in uns das Wollen und Vollbringen, ohne unseren Willen aufzuheben“ zitierte er dazu zentral den Bibelvers: Bekehre mich, damit ich mich bekehre, denn du bist der Ewige, mein Gott (Jeremia 31,18b). Wir bitten also Gott, dass er selbst unsere Bekehrung bewirkt. Das trieb den britischen Mönch Pelagius auf die sprichwörtliche Palme. Sein Hauptargument war: Wenn Gott den Menschen erst bekehren muss, dann hat der Mensch keine echte Verantwortung für seine moralischen Entscheidungen. Für ihn sollte es eher heißen: „Hilf mir, mich zu bekehren“ (Synergismus) – aber nicht: „Tu es an meiner Stelle.“ (Monergismus). Pelagius ging also davon aus, der Mensch müsse aus eigener moralischer Freiheit zur Umkehr fähig sein. – Hier scheiden sich die Geister der Monergisten (später: die reformiert Lehrenden) und der Synergisten im Heilsverständnis – bis heute! Die westliche Kirche folgte weitgehend der Linie von Augustinus. Die Lehren des Pelagius wurden auf der Synode von Karthago (418 nChr) und später erneut beim Konzil von Ephesus (431 nChr; 3. ökum. Konzil) verurteilt. – Viele Freikirchen, die aus der Reformation entstanden waren, folgen leider dem synergistischen Gedankengut des Pelagius (wenngleich sie die notwendige Rolle von göttlicher „Gnade“ anerkennen, also eher arminianisch argumentieren und manchmal deswegen als „semi-pelagianisch“ bezeichnet werden) und kommen damit in der Heilslehre den Romanisierungsbestrebungen der Gegenreformation stark entgegen. Im Falle der Kirchen des Lutherischen Weltbundes scheint die dogmatische Gleichschaltung oder Selbstaufgabe als „Lutheraner“ schon fast vollzogen zu sein (Gemeinsame Erklärung).

Noch etwas zur Formursache (causa formalis) der Errettung

In der christlich-reformierten Theologie ist die Formursache (causa formalis) der Errettung eindeutig die zugerechnete Gerechtigkeit Christi.  Die beste und klassischste Bibelstelle dafür ist 2. Korinther 5,21:

„Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, 
damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm.“ 
(2. Korinther 5,21)

Diese Stelle ist paradigmatisch:

1. Sie beschreibt Form, nicht Ursache oder Mittel

  • Es geht nicht darum, wie wir glauben (Mittel),
  • oder wer rettet (Wirkursache),
  • sondern was unsere Gerechtigkeit ist, durch die wir gerecht sind.

 → Wir werden nicht gerecht durch Veränderung in uns, sondern durch etwas, das wir in ihm [Christus] sind.

2. Sie lehrt ausdrücklich Zurechnung (Imputation)

  • Unsere Sünde → Christus zugerechnet
  • Christi Gerechtigkeit → uns zugerechnet

 → Das ist exakt das, was reformierte Theologie mit der forma iustificationis meint. Nicht: „damit wir gerecht gemacht würden, sondern: „damit wir die Gerechtigkeit Gottes würden

3. Sie schließt synergistische Modelle aus

  • Keine Rede von:
    • innerer Mitwirkung
    • eingegossener Gerechtigkeit
    • fortschreitender Rechtfertigung

 → Die Form der Rechtfertigung ist Christus extra nos, nicht etwas in uns.

Klassische reformierte Bestätigung

  • Calvin (Inst. III,11,2): „Christus’ Gerechtigkeit wird uns zugerechnet, als wäre sie die unsere.“
  • Westminster Confession (XI,1): „…nicht indem ihnen Gerechtigkeit eingegossen wird, sondern indem ihre Sünden vergeben und sie als gerecht angenommen werden.“

Weitere wichtige Parallelstellen

BibelstelleAussage
Römer 5,19„so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen in die Stellung von Gerechten gesetzt werden“
Römer 4,5„Dem aber, der… an den glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, wird sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet“
Philipper 3,9„indem ich nicht meine Gerechtigkeit habe, die aus dem Gesetz ist, sondern die, die durch den Glauben an Christus ist – die Gerechtigkeit aus Gott durch den Glauben“
Jesaja 53,11„Durch seine Erkenntnis wird mein gerechter Knecht die Vielen zur Gerechtigkeit weisen [O. den Vielen zur Gerechtigkeit verhelfen, o. die Vielen gerecht machen].“

Fazit: Die Formursache der Errettung ist nicht der Glaube, sondern die zugerechnete Gerechtigkeit Christi. 2. Korinther 5,21 ist die klarste biblische Formulierung dazu.

Gesagt ist nicht gehört | Kommunikation als Stolperfalle

Lesezeit: 24 Minuten.

Fast jeder hat schon einmal die Formel: »Gesagt ist nicht gehört. Gehört ist nicht verstanden. Verstanden ist nicht einverstanden« gehört, die teilweise erweitert und umformuliert wird. Trotz ihrer Kürze ist sie aus Erfahrung und Kommunikationsforschung gut belegt. Damit wird Kommunikation zwischen Menschen nicht als prinzipiell problematisch erklärt, sondern nach Ursachen geforscht, warum Kommunikation auch eine Stolperfalle für Beziehungen sein kann. 

Es ist unvermeidbar, bei dieser Sache über das Wesen der Seele zu reden, denn bei manchen »Stolperfallen« sind stabile psychologische Muster erkennbar. Werden sie erkannt und deren »Teufelskreislauf« unterbrochen, kann Gemeinschaft (communio) wieder durch Kommunikation gestiftet und gepflegt werden. Das gilt für alle menschliche Beziehungen, insbesondere, wo Beziehungen politischer, sozialer oder kirchlicher Art soziale Gruppen formen. 

Die folgenden Überlegungen sind daher sehr allgemein, aber auch für christliche Gemeinden zutreffend, was ihre Wiedergabe auf diesem Blog evtl. erklärlich und nützlich macht. Der überaus störende Mangel einer christlichen Beurteilung und entsprechenden Ergänzung dieser Besinnung ist bewusst gewählt und der Einsicht geschuldet, dass es dazu sehr gutes und ausführliches Material gibt, dessen Konsultation vorrangig und ausdrücklich empfohlen wird.

Das Kommunikationsproblem und seine Deutung

Problemstellung: Warum kommen Aussagen bei manchen Zuhörern völlig anders –insbesondere negativ emotional– an, obwohl objektiv etwas anderes gesagt wurde?

Eine gültige, sachliche Antwort auf dieses Problem muss einiges aus Kommunikationswissenschaft, Sozialpsychologie und Kognitionspsychologie schöpfen, man muss die Sache also systematisch betrachten. Dazu sollen folgende »Highlights« Gedankenanstöße geben.

1. Unterschied zwischen Gesagtem und Verstandenem

Ein Grundprinzip der Kommunikation lautet: »Bedeutung entsteht beim Empfänger, nicht beim Sender.« Damit meint man, dass ein Sprecher (Sender) ein Signal (Worte, Tonfall, Kontext) sendet, dabei benutzt er einen bestimmten Kanal, und dann interpretiert der Empfänger (Zuhörer) dieses Signal anhand von Vereinbarungen (implizit, explizit, Sprache, Code, Grammatik, Syntax), eigener Erfahrungen, Erwartungen, Emotionen, Beziehungseinschätzungen und spontanen Annahmen aus der Situation heraus. Auf diese Weise entsteht die Bedeutung beim Empfänger (Gedanken, Gefühle).

Dieses Phänomen wird häufig mit dem Vier-Seiten-Modell der Kommunikation erklärt, das Friedemann Schulz von Thun entwickelt hat. Kurz gesagt enthält sein Modell vier »Seiten« (Aspekte), die aber meist als »Ebenen« dargestellt werden (s. auch das Ende des Artikels):

  • Sachinhalt – die objektive Information
  • Selbstoffenbarung – was der Sprecher über sich zeigt
  • Beziehungsebene – wie der Sprecher zum Zuhörer steht
  • Appell – wozu der Sprecher den Zuhörer bewegen will

Anhand dieses Modells kann man erklären, warum ein Empfänger eine sachliche Aussage eines Senders als Kritik, Angriff oder Abwertung interpretiert: Der Zuhörer hat z.B. über das Beziehungsohr gehört und damit an der Sache vorbei-gehört. Machen wir ein einfaches Beispiel: Jemand sagt zum Kollegen: »Der Bericht enthält noch zwei Fehler!« (sachliche Aussage). Der Empfänger hört sie aber mit seinem Beziehungsohr so: »Du arbeitest schlampig!«. – Ähnliches gilt auch für anderes »Aneinander-vorbei-Hören« in diesem Schema.

2. Projektion eigener Emotionen

Ein häufiger psychologischer Mechanismus ist die emotionale Projektion. Dies geschieht (meist unbewusst) so: Der Zuhörer erlebt innerlich bereits vorher (und manchmal aus anderen Zusammenhängen heraus) Gefühle, wie beispielsweise Unsicherheit, Angst vor Kritik, Ärger oder Kränkung.

Diese Emotionen werden dann in die Aussage hineingelesen, obwohl sie objektiv nicht enthalten sind. Das Gehirn ergänzt gewissermaßen: »Das hat er/sie bestimmt so gemeint!«

3. Bestätigungsfehler (Confirmation Bias)

Bestimmte Menschen neigen dazu, Informationen so zu interpretieren, dass sie ihre schon vorher bestehenden Erwartungen bestätigen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass sie bestimmte objektiv geäußerten Aussagen »überhören«, wenn diese nicht in ihre Erwartungshaltung passen (s.a. »Kognitive Dissonanzen«). Beispielsweise möge jemand glauben: »Der kritisiert mich ständig« oder »Der ist arrogant«. Der seelische Mechanismus der beständigen Selbstbestätigung wird dann selbst neutrale Aussagen leicht so deuten, dass es eine Bestätigung der eigenen Vorannahmen (Vorurteile) liefert. In der Natur der Sache liegt, dass dies in sachlich oder emotional positive wie auch negative Richtung gehen kann. Entscheidend ist wieder, dass dieses Missverständnis vor allem auf Empfängerseite entsteht. (Vorbeugende Maßnahmen werden weiter unten besprochen.)

4. Negativitätsbias

Der Mensch reagiert besonders stark auf potenziell negative Signale. Dies gilt vor allem bei unerlösten Menschen. Solchem Reagieren kann man einen positiven Sinn abgewinnen (»Misstrauen erhöht im Gegensatz zum Vertrauen die Überlebenschancen«), wenn man es als Überbleibsel einer angenommenen Evolution interpretiert. (Dieser Blog geht davon aus, dass die Grundannahme dieser Erklärung prinzipiell falsch ist.)

Mitnehmen kann man aber, dass es hilft zu verstehen, warum manche Menschen eine Aussage oft vorsichtshalber lieber negativer interpretieren, als sie vom Sender gemeint war. Vorerfahrung spielt natürlich eine vor-prägende Rolle, es kommt sogar zu »selbsterfüllenden Prophezeiungen«: Man erwartet Negatives, verhält sich entsprechend falsch, und erzeugt damit selbst das Eintreffen von Negativem, was wieder den Confirmation Bias verstärkt.

5. Emotionale Aktivierung (Amygdala-Reaktion)

(Vorbem.: Die Amygdala ist ein paariges Kerngebiet des Gehirns und Teil des limbischen Systems, das die Verarbeitung von Emotionen und das Entstehung von Triebverhalten zuständig ist. Sie ist an der Furchtkonditionierung beteiligt und spielt allgemein eine wichtige Rolle bei der emotionalen Bewertung und Wiedererkennung von Situationen sowie der Analyse möglicher Gefahren.)
Wenn eine sachliche Aussage einen emotional empfindlichen Punkt beim Empfänger berührt, kann eine schnell ablaufende Reaktion entstehen: Die Amygdala bewertet die Situation als Bedrohung, Emotionen (Ärger, Angst, Kränkung) werden aktiviert und die kognitive Verarbeitung wird verzerrt (Fehlurteile, Denkfehler). Man spricht hier manchmal von »emotionaler Übersteuerung«. Der Empfänger reagiert dann auf das gefühlte Signal, nicht auf den tatsächlichen Inhalt.

6. Unterschiedliche Bedeutungsräume von Sprache

Hier kommen wir zu einem semantischen Problem: Wörter haben keine festen Bedeutungen, sondern Bedeutungsfelder. Die Deutung (also das Finden der gemeinten Bedeutung seitens des Senders) wird am Kontext entschieden, weil Sprache das Wesen eines Textes hat, also innere Zusammenhänge aufweist. Verwendet beispielsweise jemand das Wort »interessant« in der Aussage: »Das ist aber interessant!«, dann interpretiert dies der eine positiv (»spannend«), der andere neutral, der nächste ironisch (also zB als »total uninteressant«). Die jeweilige Interpretation hängt stark von Kontext und Beziehung ab. Wenn der Sender allerdings unangekündigt Gedankensprünge macht, zerstört er den Text-Charakter seiner Aussage(n) und fördert so entsprechende Fehlinterpretation(en).

7. Kommunikationsrauschen

Kommunikation ist grundsätzlich störanfällig. Störungen können auftreten beim Sender (Codierung, Formulierung, also Grammatik und Semantik; Sicherheitsredundanz), auf dem Übertragungskanal (Nachricht wird fehlerbehaftet oder auf ungeeignetem Medium übermittelt) und beim Empfänger (Interpretation, Grammatik, Semantik, Fehlertoleranz). 

Mögliche Störquellen bei menschlicher Kommunikation sind: Tonfall, Aussprache, Körpersprache (mithin alle nonverbale Kommunikation), Vorwissen (liefert Kontext für die Deutung), Stress, Müdigkeit, kulturelle Unterschiede und weiteres. Beobachtet wird, dass selbst kleine Störsignale Bedeutungen verschieben und somit das Verstehen erschweren oder verunmöglichen können.

Not-FunFact: Am 4. Juni 1996 explodierte die erste Ariane-5-Rakete nur 37 Sekunden nach dem Start. Ursache war die ungeprüfte Übernahme von Software aus dem Ariane 4-Programm, wo eine hochgenaue Fließkommazahl in eine kleine Ganzzahl umgewandelt wurde. Es kam zu einem Ausnahmefehler, das Navigationssystem schaltete ab, falsche Steuerdaten entstanden und Sprengung der Rakete war die einzige sichernde Maßnahme, also Totalverlust! Besonders kritisch sind Fehler in Steuerungsanweisungen; das wissen Softwerker, die Kontrollstrukturen programmieren (Klassiker: Edsger W. Dijkstra, Goto Considered Harmful, 1968), das wissen aber auch Gemeindeglieder mit Blick auf steuernde Vorgaben seitens der Gemeindeleitung.

8. Attributionsfehler

Menschen erklären Verhalten anderer oft durch deren Charaktereigenschaften, nicht durch die vorliegende Situation. Beispielsweise behauptet jemand: »Der und der ist überheblich!«, statt sachlich die Situation miteinzubeziehen: »Vielleicht wollte er nur informieren«. Das nennt man fundamentalen Attributionsfehler.

9. Beziehungsgeschichte

Vorherige Erfahrungen mit einer Person wirken stark auf den Kommunikationsvorgang. Wenn frühere Kommunikation negativ erlebt wurde, interpretiert man spätere Aussagen schneller negativ. Dies ist beim Empfänger sozusagen »eingeschrieben«, entsprechend spricht man von »kommunikativen Skripten«.

Das Kommunikationsproblem und seine Ursachen

Kommunikation ist kein Transport von Bedeutung, sondern ein Interpretationsprozess. Interpretation findet beim Empfänger (Zuhörer) statt, man muss also dort zuerst hinsehen. Man beobachtet dann, dass manche Menschen besonders häufig Aussagen falsch negativ interpretieren. Die Forschung hat gezeigt, dass dies viel mit Selbstwert und Bedrohungswahrnehmung zu tun hat. Anders gesagt: Dass manche Menschen besonders häufig sachliche Aussagen negativ interpretieren, obwohl sie objektiv neutral oder sogar wohlmeinend sind, hat seine Ursache meist in dahinterstehenden, stabilen psychologischen Mustern beim Zuhörer. Dies ist unbestritten Stand der Forschung und Praxis. 

Der bibellesende Christ weiß darüber hinaus viel Genaueres über das Wesen des Menschen und die Auswirkungen seiner Gefallenheit. Die sich von daher aufnötigende Interpretation durch einschlägige Bibelstellen und Lehren soll aber, wie eingangs gesagt, in dieser Betrachtung nicht weiter verfolgt werden, das ist gründlicherer Darstellung wert.

Hier nun einige meist stabile psychologische Muster, wie sie Stand allgemeiner Erkenntnis sind:

1. Niedrige Bedrohungsschwelle des Selbstwerts

Menschen mit einem fragilen Selbstwertgefühl reagieren besonders sensibel auf mögliche Kritik. Die Person (Gedanken,Gefühle) prüft ständig unbewusst: »Werde ich gerade bewertet?«, »Werde ich kritisiert?« oder »Verliere ich gerade Status, Macht, Akzeptanz oder Anerkennung?«. Wenn der Selbstwert eines Menschen wegen seiner niedrigen Bedrohungsschwelle schon durch Geringes als bedroht wahrgenommen wird (das ist natürlich die Interpretation des Empfängers!), wird dieser Mensch eine Aussage schneller als Angriff oder Abwertung interpretieren: «Das war bestimmt gegen mich gerichtet.«

2. Negative Erwartungsschemata

Menschen entwickeln über die Zeit mentale Schemata über andere Personen oder Situationen, diese können auch ausgeprägt negativ sein: »Autoritätspersonen kritisieren mich«, »Kollegen suchen meine Fehler« oder »Andere halten mich für unfähig«. Solche Schemata wirken wie Interpretationsfilter: neue Informationen werden so gedeutet, dass sie ins Schema passen. Psychologisch nennt man das Schema-konsistente Wahrnehmung. Etwas platter: »Schablonen-Denken«, Vorurteile (sehr verbreitet), Bias Confirmation.

3. Hypervigilanz für soziale Signale

Mit »soziale Hypervigilanz« bezeichnet man das Verhalten von Personen, die soziale Hinweise besonders intensiv beobachten: den Tonfall des Senders, dessen GesichtsausdruckWortwahl, sogar seine Redepausen. Der Nachteil, den Personen mit dieser Neigung haben, liegt darin, dass ihr Denken und Fühlen Muster oder Bedeutungen wahrnimmt, die gar nicht vorhanden sind. Eine Verschärfung des Konflikts aufgrund dieser Wahrnehmungsstörung ist zu erwarten, wenn der Sender entsprechend missachtet oder angegriffen wird, statt auf der Beziehungsebene angenommen wird.

4. Frühere negative Erfahrungen

Wer wiederholt negativ nachhängend erlebt hat, kritisiert zu werden, beschämt zu werden oder unfair behandelt zu werden, entwickelt häufig eine Schutzstrategie. Sein Denken und Fühlen arbeitet dann nach dem Prinzip: »Lieber einmal zu viel etwas als Angriff erkennen, als einmal zu wenig.« Diese Schutzstrategie kann zu Überinterpretation und entsprechender Überreaktion führen.

5. Emotionale Grundstimmung

Die aktuelle emotionale Lage eines Empfängers (Zuhörers) beeinflusst stark, ob und wie Aussagen verstanden werden. Bei Stress, Müdigkeit, Frustration oder Überforderung interpretiert das Gehirn Botschaften tendenziell pessimistischer. Die aktuelle Stimmung färbt die Wahrnehmung, man spricht dann vom affect-as-information effect.

6. Unbalancierte Persönlichkeitsmerkmale

Bestimmte Persönlichkeitsdimensionen erhöhen die Wahrscheinlichkeit negativer Interpretation. Zum Beispiel hoher Neurotizismus (erhöhte Empfindlichkeit für Bedrohung, starke, übertriebene emotionale Reaktionen), hohe Kränkbarkeit (schnelle Wahrnehmung von Respektverlust, bei Macht- und Egomenschen häufig) oder hohe soziale Unsicherheit (Angst vor Bewertung).

7. Macht- und Statusdynamik

Auch hierarchische Situationen spielen eine Rolle, auch und besonders in christlichen Kirchen und Freikirchen, die wegen verblassender Geisterfüllung sich mehr und mehr menschlicher Machtstrukturen bedienen, die vom selektiven (politisch opportunen) Umgang mit Gottes Gebot bis zum Machmenschentum reichen. Wenn jemand glaubt, die andere Person hat Macht über mich, oder »ich werde beurteilt«, werden Aussagen eher als implizite Bewertung verstanden, auch wenn sie dies inhaltlich nicht sind (vgl. Vier Ebenen der Kommunikation). Selbst ausgeprochen neutrale Hinweise können dann wie Kritik interpretiert werden und wirken.

8. Sprachliche Minimalreize

Manchmal reicht schon ein kleines sprachliches Signal, beispielweise ein bestimmtes Wort, ein Nebensatz, eine Betonung. Diese werden als »Spitze« (also Angriff) empfunden und wirken dann als Trigger, die eine ganze Interpretation auslösen und leiten. Sagt jemand: »Interessant, dass du das so gemacht hast!«, dann kann das je nach Begleitumständen interpretiert werden als echtes Interesse oder als verdeckte Kritik. Der »Klassiker« ist, dass dann die gesamte Aussage und Botschaft aufgrund der sprachlichen Minimalreize (o. Trigger, die individuell verschieden sein können) abgelehnt oder negativ interpretiert wird.

9. Selbstverstärkende Kommunikationsspiralen

Ein besonders übler Effekt ist die kommunikative Eskalationsspirale. Sie läuft ungefähr so ab: (1.) Person A sagt etwas neutral. (2.) Person B interpretiert es negativ. (3) Person B reagiert defensiv oder gereizt. (4) Person A fühlt sich missverstanden und reagiert ebenfalls gereizt. Damit ist der Kreis geschlossen und es ist eine selbstverstärkende Fehlinterpretation in Gang gesetzt worden.

Ein zentraler Satz aus der Kommunikationspsychologie lautet: »Menschen reagieren selten auf das, was gesagt wurde, sondern auf das, was sie glauben gehört zu haben.« Oder, wie oben bereits angeführt: »Bedeutung einer Nachricht entsteht durch Bewertung und Interpretation beim Empfänger.« Insofern kann ein Sender (Redner) nur Impulse und Auslöser erzeugen, die letztendliche Reaktion beim Empfänger wird aber durch den Empfänger selbst bestimmt. Die emotionale Reaktion auf etwas Gesagtes, selbst wenn es böse oder abfällig wäre, ist und bleibt Verantwortung des Empfangenden (Zuhörers). Er kann wählen, wie er mit dem Gehörten umgeht, daher ist es seine Verantwortung, die er nicht abschieben kann. Die zeitgeistige Schuldumkehr im Rahmen eines Opfer-Täter-Schemas, wie es die links-woke Ideologie für ihre Zwecke manipulativ einsetzt, ist tatsachenfremd und bösartig und Teil einer Dominanzmethode (muss man noch hinzufügen: Sie ist auch abgrundtief unchristlich?). Dieser Grundsatz wird nicht dadurch entkräftigt, dass man mit Recht darauf hinweist, dass Kommunikation immer in sozialen Kontexten und Beziehungen stattfindet und daher immer alle Beteiligten angeht. Dies wird noch deutlicher, wenn weiter unten einfache Standard-Modelle der Kommunikation skizziert werden.

Das Kommunikationsproblem und sein Paradox

Weil relevant, muss man noch kurz ein sehr interessantes, wenn auch leidvolles Phänomen erklären: Warum besonders intelligente oder sprachlich präzise Menschen oft häufiger missverstanden werden. Das wirkt zunächst paradox, ist aber gut erforschte Tatsache.

Hohe kognitive Präzision auf Senderseite erhöht nicht automatisch die Anschlussfähigkeit beim Empfänger. Im Gegenteil, sie kann Missverständnisse sogar begünstigen. Mehrere Mechanismen greifen hier ineinander. Diese sollen in diesem Abschnitt anhand von 9 Aspekten kurz skizziert werden.

1. »Illusion of Transparency« und Fluch des Wissens

Die Forschung von Thomas Gilovich und Nicholas Epley zeigt: Sprecher überschätzen systematisch, wie gut andere ihre Intention verstehen. Sehr präzise Menschen denken oft: »Ich habe es logisch und klar formuliert«, oder: »Die Bedeutung ist eindeutig«. Tatsächlich fehlt beim Zuhörer aber der beim Sprecher vorliegende Wissensstand, Kontext und die impliziten (unausgesprochenen) Annahmen. Das nennt man auch »Curse of Knowledge« (»Fluch des Wissens«). Man kann eben schwer »vergessen«, was man sicher weiß. Der gut gemeinte Vorsatz des Lehrers Professor Dr. Creyin in der Feuerzangenbowle: »Da stellen wir uns mal janz dumm« funktioniert eben nicht immer, weder beim Lehrer (Sender) noch beim Schüler (Empfänger). Das mag sachliche Gründe haben, aber in unserer emotionalisiert-sensiblen Zeit ist dieser Ansatz (oder seine Ankündigung) manchmal schon deshalb unwillkommen, weil mancher Zuhörer sich damit für dumm erklärt hält und »zumacht« (Provokation durch angenommene implizite Bewertung). Ein unschuldiges »Ich muss das erklären« für zum Beispiel eine Aussage oder ein Fremdwort wird auf Empfängerseite dann als Abkanzelung als Dummer empfunden. Dass solche Reaktion viel über den Empfänger und sein Selbstbild (Eigenwert) sagt, ist einigermaßen einsichtig (s.o.).

2. Komplexität überfordert Verarbeitungskapazität

Sprachliche Präzision geht oft mit hoher Dichte und Differenzierung einher. Das erhöht die kognitive Last beim Zuhörer durch (ggf. eine Vielzahl) unbekannte Begriffe, feinere Unterscheidungen, verschachtelte Sätze. Wenn die Verarbeitungskapazität überschritten wird, vereinfacht der Zuhörer das Gesagte (oft unzulässig) und verliert damit evtl. wichtige Bedeutungsnuancen.Das Ergebnis ist eine verzerrte Kurzinterpretation: Das Gehörte ist nicht das Gesagte, beide Seiten fühlen sich unverstanden und möglicherweise frustriert.

3. Unterschiedliche Abstraktionsebenen

Präzise Denker operieren häufig auf einer höheren Abstraktionsebene. Ein Sprecher mag zum Beispiel gut differenzieren zwischen »Kritik am Argument« und »Bewertung der Person«. Der Zuhörer kann dies (warum auch immer, s.o.) nicht, und hört nur die »persönliche Kritik« heraus. Die feine Trennung auf Senderseite wird nicht wahrgenommen oder nicht beibehalten, dem Sprecher werden Aussagen zugesprochen, die dieser (objektiv) nicht gesagt und (subjektiv) nicht beabsichtigt hat, also nicht der Fall sind. Man kann nachvollziehen, dass damit Kommunikations- und Beziehungsprobleme entstehen können.

4. Implizite vs. explizite Bedeutung

Sehr sprachlich versierte Menschen arbeiten oft mit impliziten Prämissen, logischen Verkettungen und nicht ausgesprochenen Zwischenschritten (sie überspringen etwas, das ihnen klar ist, dem Gegenüber aber nicht). Der Zuhörer »füllt die Lücken« mit eigenen Annahmen. Das kann gutgehen oder zur mehr oder weniger fatalen Fehlinterpretation führen. Die Sache könnte sofort beseitigt werden, wenn die empfangende Seite dem Mut hätte, den Empfänger um weitere Erklärung zu bitten. In dieser Frage sollte der Empfänger mit eigenen Worten formulieren, was er bisher verstanden hat und wo die »Lücke« verspürt wird. Das wäre ein Türöffner für gelungene Kommunikation.

5. Fehlende Redundanz

Alltagssprache enthält viel Redundanz (Wiederholung, Umformulierung, Beispiele). Präzise Sprecher vermeiden aber Redundanz oft bewusst, weil sie dies als »unnötig« oder »ungenau« oder »ablenkend« empfinden (sie wollen vlt. dem Vorwurf »Schwafler« entgehen). Jeder Lehrer kennt die Wahrheit: »Wiederholung ist die Mutter der Didaktik« (Johann Amos Comenius (1592–1670) zugeschrieben, aber älter als: Repetitio est mater studiorum). Auch in anderen Kommunikationsanlässen mit stark unterschiedlichem Sprachniveau oder Fachniveau der Kommunikationspartner ist Redundanz hilfreich: Umformulierung hilft bei mangelndem Begriffs- oder Satzverständnis, Beispiele binden die Alltagserfahrung oder den Anwendungsbereich mit ein.

Zu beachten ist: Redundanz ist kein Fehler, sondern ein Mechanismus zum Sichern des Verständnisses. Ohne Redundanz steigt die Wahrscheinlichkeit von Missverständnissen. Eine Konsequenz daraus ist, dass man dem Redner (Sender) mehr Zeit geben muss, was automatisch auch mehr Zeit zum Hören und Verstehen bereitstellt.

6. Pragmatik vs. Logik

Kommunikation folgt nicht nur der Logik, sondern auch der Pragmatik (der. handlungsorientierten, sozialen Bedeutung). Forschung zur Sprachpragmatik (z. B. Herbert H. Clark) zeigt: Menschen interpretieren Aussagen immer auch im Hinblick auf Beziehung, Absicht, Kontext und implizite Signale. Ein logisch präziser Satz kann pragmatisch anders verstanden werden, als sachlich gegeben. Wenn jemand sagt: »Diese Schlussfolgerung ist nicht korrekt!«, so ist dies eine wahrheits-logische Aussage über das Argument (und kann insofern die Wahrheitswerte wahr oder falsch annehmen). Pragmatisch kann das aber verstanden werden als: »Du liegst falsch!« (s. Vier-Ebenen-Modell).

7. Status- und Distanzsignale

Sehr präzise Sprache kann ungewollt intellektuelle Überlegenheit, Distanz und Bewertung signalisieren. Das verändert die Wahrnehmung in die Richtung, dass Inhalte weniger analysiert, dafür aber stärker emotional bewertet werden. Der Hörer, der sich nicht auf gleichem Niveau befindlich einschätzt, kann dies als befremdend und distanzierend bewerten und sogar zur Wahrung des Selbstwertgefühls versuchen, das Gegenüber (Sender) in anderer Sache herabzuwürdigen oder anzugreifen (Stoff und Motiv für manche üble Nachrede).

8. Asymmetrie der Anstrengung

Bei den meisten Lehrkommunikationen (Rede, Lehre, Predigt usw.) gilt wohl, dass der Sprecher viel Zeit zum Denken gehabt hatte (sonst sollte man ihm nicht zuhören, oder?!). Der Zuhörer muss nun aber in Echtzeit (Redetempo) verstehen und »mitkommen«. Das führt zu einer strukturellen Asymmetrie: Auf Senderseite haben wir Präzision, auf der Empfängerseite führt dies nicht automatisch zu Verstehbarkeit.

9. Gemeinsamer Bedeutungsraum fehlt

Kommunikation funktioniert am besten, wenn beide Seiten Kontext(e) teilen (»gemeinsames Verständnis«, »common ground«). Fehlt dieser, gilt: Je präziser die Aussage intern ist, desto größer kann die Lücke nach außen sein.

Aus allem oben Angeführtem könnte man die praktische Konsequenz ziehen: Sehr gute Kommunikatoren sind nicht nur präzise, sondern auch adaptiv, redundant und »anschlussfähig«. Als Maxime formuliert: »Nicht maximale Präzision anstreben, sondern optimale Verständlichkeit.« Dies kann aber nur gelingen, wenn die Kommunikation in beide Richtungen frei fließen kann (Feedback-Kultur), denn nur so kann Anpassung realisiert und gesteuert werden. Und: Die Maxime gilt nicht bei allen Kommunikationsgegenständen.

»Deine Gefühle sind deine Verantwortung!«

Diese manchmal getroffene Aussage hat tatsächlich eine fundierte psychologische Grundlage, kann aber auch verkürzt oder missverständlich verwendet werden. Man muss diese Aussage also sachlich fundiert und in diesem Sinne vorsichtig verwenden. Seriöse Psychologie macht klar: Gefühle entstehen aus dem Zusammenspiel von Ereignis, Bewertung und persönlicher Geschichte. Deshalb kann eine andere Person zwar Gefühle auslösen, aber nicht schuldhaft verursachen. Daraus ergeben sich Konsequenzen für Schuldzuschreibungen (z.B. Täter-Opfer-Umkehr).

Hilfreich ist eine Anzahl einfacher, grundlegender Modelle, die die Forschung und Wissenschaft für den Praxiseinsatz erforscht hat. Einige Modelle folgen nun skizzenhaft.

1. Das kognitiv-emotionale Modell (ABC-Modell)

In der kognitiven Psychologie, besonders bei Albert Ellis und später Aaron T. Beck, wird Emotion so erklärt:

A – Activating Event. Ein Ereignis passiert (z. B. eine Aussage).

B – Belief. Die Person interpretiert und bewertet das Ereignis.

C – Consequence. Gefühle und Reaktionen entstehen.

Zum Beispiel sagt jemand (A): »Dieser Bericht enthält zwei Fehler.« Nun hat B die Freiheit, diesen Auslöser unterschiedlich zu interpretieren und zu bewerten, zum Beispiel B1: »Er hält mich für unfähig.«, woraus die Konsequenz C1: Kränkung, Ärger folgt. Der Empfänger B2 könnte aber anders interpretieren: »Gut, ich kann das korrigieren.«, was zu C2: eine neutrale Reaktion, führt.

Das gleiche Auslöse-Ereignis durch denselben Sender führt also zu verschiedenen Gefühlen, weil die Interpretation und Bewertung des Empfängers unterschiedlich ist. Daraus lässt sich direkt die Kernaussage ableiten: Gefühle entstehen nicht direkt durch das auslösende Ereignis, sondern durch dessen Interpretation auf Seiten des Empfängers.

2. Kognitive Bewertungstheorie der Emotion

Auch die Emotionsforschung (z. B. bei Richard Lazarus) zeigt, dass Emotionen durch zwei unterschiedliche Bewertungen (Interpretationen) auf Empfängerseite entstehen: (1) Die primäre Bewertung (Ist das Ereignis für mich relevant oder bedrohlich?) und (2) Die sekundäre Bewertung (Kann ich damit umgehen?). – Beide Bewertungen sind subjektiv und individuell. Daher reagieren Menschen auf dieselbe Aussage (Auslöser) oft völlig unterschiedlich. Das klärt, wo die Hauptverantwortung für emotionale Reaktionen liegt.

3. Projektion und persönliche Geschichte

Emotionen kommen bei einigermaßen stabilen Personen nicht zufällig, sondern sind konditioniert durch frühere Erfahrungen, Selbstwert, Beziehungsgeschichte, aktuelle Emotionslage und die Erwartungshaltung. Eine Aussage (Auslöser) kann deshalb alte emotionale Muster des Empfängers aktivieren. Das klärt, dass der Sender dann Auslöser ist, aber nicht hauptsächlich verantwortlich.

4. Verantwortung vs. Auslöser

Auch diese Erkenntnis kann hilfreich sein, differenzierter über Kommunikationsprobleme nachzudenken, wie oben schon mehrfach belegt. Psychologisch wird unterschieden zwischen Trigger (Auslöser), also dem äußeren Ereignis, das beim anderen etwas auslöst, und der Responsibility (Verantwortung), also dem Umgang des Empfängers mit der Emotion. Aus dieser Erkenntnis folgt direkt eine präzisere Formulierung des Problems: Andere Menschen können Gefühle auslösen, aber wie wir sie interpretieren und damit umgehen, liegt in unserer Verantwortung.

5. Problem des reinen Täter-Opfer-Schemas

Die oft fast reflexartig anerzogene Behauptung: »Du hast mich verletzt» (in sich selbst ein Angriff) kann problematisch sein, da sie meist komplexe emotionale Prozesse vereinfacht. Die Aussage unterstellt folgende Verantwortungskette: Aussage → Gefühl → Schuld des anderen. Tatsächlich handelt es sich aber meist um diese Kette: Aussage → Interpretation → Emotion. Was ist daraus zu lernen? Zumindest dieses: Wenn Interpretation nicht reflektiert wird, kann leicht ein Schuldnarrativ entstehen. Je nach äußerem (oder innerlich empfundenen) Druck wird das dann als richtig und zutreffend aufgepresst werden.

6. Grenzen: Verantwortung bedeutet nicht völlige Unabhängigkeit

Die Aussage »Deine Gefühle sind deine Verantwortung« darf nicht übertrieben werden, denn Menschen beeinflussen sich emotional stark. Zum Beispiel können bestimmte Handlungen auch objektiv verletzend sein: Demütigung, Beleidigung, Betrug oder soziale Ausgrenzung. Hier wäre es psychologisch falsch zu sagen: »Deine Gefühle sind allein dein Problem!«, denn menschliche Emotionen sind sozial reguliert.
Das alles ruft zu einer differenzierten, ausgewogenen Sichtweise auf.

7. Balance: Verantwortung und Wirkung

Eine differenzierte Sicht berücksichtigt beide Seiten, Sender wie Empfänger, Auslöser wie Bewerter. Der Sprecher (Sender) ist verantwortlich für seine Worte, seine Absicht und seine Rücksicht (dass er etwas sagt, was er sagt, wie er es sagt). Der Zuhörer  (Empfänger) ist verantwortlich für seine Interpretation und Bewertung, seine emotionale Regulation (Selbstbeherrschung) und letztlich seine Reaktion. – Beide Seiten tragen also einen Anteil am Ganzen. Gefühle entstehen im Inneren einer Person, aber sie entstehen oft im Kontext von Beziehungen. Je nach Persönlichkeit überwiegt die Beziehung oder die Sachaussage. Dies ist auch geschlechtsspezifisch unterschiedlich ausgeprägt.

Die wesentlichen Erkenntnisse aus diesen sieben Aspekten sind Folgende:

  • Emotionen entstehen durch Interpretation von Ereignissen.
  • Deshalb sind Gefühle nicht wesentlich von anderen verursacht.
  • Menschen können Emotionen auslösen, aber nicht vollständig kontrollieren.
  • Ein reines Täter-Opfer-Schema vereinfacht unzulässig die komplexen emotionalen Prozesse.
  • Gleichzeitig bleibt soziale Verantwortung für respektvolles Verhalten bestehen.

In einem Satz: Andere Menschen können unsere Gefühle auslösen, aber sie bestimmen nicht allein, wie wir sie erleben oder darauf reagieren; die Hauptverantwortung liegt beim Empfänger selbst, denn er bewertet und interpretiert das, was der Auslöser gesagt hat. Darum haben beide Seiten je ihren Anteil: der Sender an der Wirkung seiner Worte, der Empfänger an der Interpretation und Verarbeitung. Der Sender als Auslöser definiert nicht, welche emotionale Reaktion beim Empfänger entsteht. Das stimmt sogar, wenn es um kritisierende, negativ-emotionale oder ähnliche Aussagen beim Auslöser handelt. Deutlich markieren muss man den Bereich, wo der Auslöser strafrechtlich relevante Beleidigungen oder Verleumdungen äußert (vgl. StGB) .

Das Vier-Seiten-Modell der Kommunikation

Da wir oben mehrfach das Vier-Seiten-Modell der Kommunikation von Friedemann Schulz von Thun zitiert haben, wollen wir es hier nochmals skizzieren und veranschaulichen. Es liefert uns weitere Einblicke über Missverständnisse, Beziehungsebene und Interpretation. Nochmals die vier Seiten, die meist als »Ebenen« bezeichnet werden, wie das in Kommunikationsmodellen üblich ist.

  1. Sachinhalt
  2. Selbstoffenbarung
  3. Beziehung
  4. Appell

Auch damit lässt sich erklären, warum eine sachliche Aussage emotional negativ interpretiert werden kann.

Beispiel: Ein Gemeindeglied einer Freikirche sagt in einer Gemeindeversammlung: »Die angedachte Vorgehensweise ist schriftwidrig, das können wir nicht tun.« Das trifft jeden in der Gemeindeversammlung, aber insbesondere den Leiter, der diese Vorgehensweise durchschreiten will.

Sender: Gehen wir nun die vier Seiten/Ebenen dieser Aussage/Nachricht aus Sender-Perspektive durch:

1. Sachinhalt (Worüber informiere ich?)

Objektive Information: Die angedachte Vorgehensweise ist schriftwidrig. – Das ist rein faktisch und sachlich gemeint: Es ist schriftwidrig (für Christen also nicht gangbar).

2. Selbstoffenbarung (Was zeige ich von mir?)

Der Sprecher gibt – bewusst oder unbewusst – etwas über sich preis: »Ich habe diese Vorgehensweise geprüft«, »Mir ist Gehorsam gegenüber Gottes Wort wichtig.« und »Ich achte genau auf Gottes Willen«. Die mögliche Botschaft: »Ich achte sorgfältig auf Gottes Willen und wünsche dies auch für die gesamte Gemeinde.«

3. Beziehungsebene (Wie sehe ich dich?)

Hier wird es kritisch: Der Empfänger »hört« fast immer etwas über sich auf der Beziehungsebene, zum Beispiel: »Du hast nicht schriftbasiert gearbeitet« (Kompetenzanfrage), »Ich traue dir in dieser Sache nicht« (Vertrauensanfrage), »Ich zweifle Deine Leiterqualität an« (Machtfrage, Autoritätsanfrage), selbst völlig abwegig: »Ich bin dir überlegen« (Machtkampf). Das alles, obwohl es nicht gesagt und (evtl.) nicht beabsichtigt war.

4. Appell (Was möchte ich erreichen?)

Hier wird die Sachaussage als Aufforderung zum Handeln aufgenommen: Was soll ich (Empfänger) tun? Möglicherweise: »Nimm diesen Vorschlag zurück« oder »Bitte korrigiere diese Vorgehensweise« oder »Achte künftig genauer darauf, dass Du als Leiter sachlich richtige Vorschläge machst.«

Empfänger (»Vier Ohren«): Der Zuhörer kann dieselbe Aussage unterschiedlich »hören«. Gehen wir die vier Ohren der Sender-Perspektive anhand des oben skizzierten Falles durch:

1. Sachohr

Dieses Ohr hört sachlich: »Ah, die Vorgehensweise ist nicht biblisch.«

Folge: Liefert eine sachliche Verarbeitung und erzeugt daher kein Problem.

2. Selbstoffenbarungsohr

Dieses Ohr hört eine Selbstoffenbarung des Senders: »Dieses Gemeindeglied legt Wert auf Beachtung der Heiligen Schrift in allem, was wir tun.«

Folge: Wer so hört, reagiert eher neutral bis positiv. Selbstoffenbarung kann beziehungsförderlich sein.

3. Beziehungsohr (häufigste Konfliktquelle)

Dieses Ohr hört eine Beziehungsaussage heraus: »Er hält mich für nicht kompetent, spricht mir meine Autorität als Leiter ab.«

Folge: Emotionen springen auf (auch wenn sie geleugnet und kaschiert werden, sie sind doch dominant): Kränkung, Ärger, Verteidigung, Rache, Gegendruck, Verfälschung der Aussage des Senders, Angriff auf die Integrität des Senders (klassisch).

4. Appellohr

Dieses Ohr hört eine Aufforderung zum Handeln heraus: »Ich soll das sofort nachbessern.«

Folge: Diese Interpretation kann beim kritisierten Empfänger Druck oder ablehnende Gegenreaktion erzeugen.

Schlussbetrachtung: Warum Missverständnisse entstehen

Der Sprecher meint vielleicht Sachinhalt + Appell, aber der Zuhörer hört: Beziehung + Bewertung.  Damit ergibt sich typischerweise eine Eskalation:

  1. Aussage (neutral gemeint)
  2. Interpretation über Beziehungsohr
  3. Emotion (»Ich werde kritisiert«)
  4. Reaktion: »So schlimm ist das doch nicht!«, »Das war so abgesprochen!«

Es entsteht ein Konflikt in der Beziehung, obwohl die Aussage sachlich war.

Verbesserung und Abhilfe kann evtl. geschaffen werden, wenn ganz bewusst diese vier Ebenen getrennt werden. Dazu ein Beispiel aus einer christlichen Gemeinde mit Leitung durch ein Presbyterium (Ältestenrat):

In einer Gemeindversammlung (die erste nach vielen Jahren) wird der Versammlung von einem Gemeindeleiter mitgeteilt: »Wir haben drei Männer, die nun mit uns in der Leitung als Älteste dienen werden. Da das auch eine Sache der Gemeinde ist, geben wir Euch eine Woche Zeit, um das festzumachen.« Einer der Zuhörer erkennt, dass diese Vorgehensweise schriftwidrig ist (1.Timotheus 3,10). Eine günstig formulierte Wortmeldung wäre dann: »Ich habe verstanden, dass wir künftig so und so vorgehen wollen (Sachinhalt konkretisiert). Ich muss offen sagen, dass ich dabei inhaltlich an einen Punkt komme, wo ich einige Aspekte und Aussagen in der Heiligen Schrift sehe, die aus meiner Sicht nicht ohne Weiteres mit dem vorgeschlagenen Vorgehen zusammenpassen (Selbstoffenbarung explizit gemacht). Mir ist wichtig zu sagen: Mir geht es nicht darum, damit die Leiterschaft infrage zu stellen, sondern weil mir die Grundlage unserer Entscheidungen wirklich am Herzen liegt und weil ich möchte, dass wir gemeinsam einen Weg finden, der für uns alle als schriftgemäß richtig und vor Gott verantwortbar ist (Beziehung entschärft). Deshalb würde ich mir wünschen, dass wir diesen Punkt noch einmal gemeinsam ohne Zeitdruck sorgfältig anhand der Bibel prüfen. (Appell klar formuliert).«