Es ist Gottes Ehre, eine Sache zu verbergen; aber der Könige Ehre ist, eine Sache zu erforschen. Sprüche 25,2
Im Umfeld dieses Weisheitspruchs Salomos aus dem Buch der Sprüche geht es um Weisheit im Regieren. »Eine Sache« meint hier allgemein einen Sachverhalt oder eine Angelegenheit, nicht zwingend ein übernatürliches Geheimnis.
Der Vers stellt zwei Aufgaben nebeneinander: Gottes Weisheit übersteigt menschliches Verstehen; ein König dagegen ehrt sein Amt, wenn er sorgfältig nach der Wahrheit sucht und Urteile nicht vorschnell fällt. Das ist keine Aufforderung, jedes Geheimnis zu lüften, sondern ein Lob für verantwortliches Erforschen.
Biblische Beispiele (AT)
Salomos Bitte um Weisheit (1. Könige 3,9): Schon vor Amtsantritt bittet Salomo Gott um ein verständiges Herz, damit er das Volk recht richten und Gut von Böse unterscheiden kann. Menschliches Erforschen und Prüfen erfordert vor allem »Weisheit von oben«.
Salomos Urteil über die beiden Frauen (1. Könige 3,16–28): Salomo hört den Streit an und findet durch kluge Prüfung heraus, wer das Kind wirklich liebt. Das veranschaulicht, wie ein König eine Sache »erforscht«.
Daniels Deutung des Traums Nebukadnezars (Daniel 2,27–30): Daniel erklärt, dass kein Weiser das verborgene Geheimnis aus eigener Kraft offenbaren kann; Gott aber tut es. Das zeigt die Grenze menschlichen Nachforschens.
Die Propheten im AT (1. Petrus 1,10–12): »… eine Errettung, über welche die Propheten [des AT] nachsuchten und nachforschten, die von der Gnade euch gegenüber geweissagt haben, forschend, auf welche oder welcherart Zeit der Geist Christi, der in ihnen war, hindeutete, als er von den Leiden, die auf Christus kommen sollten, und von den Herrlichkeiten danach zuvor zeugte.«
Nachsinnen (Psalm 1,1): Im Weisheitsbuch der Psalmen wird gleich zu Beginn das Geheimnis eines glückseligen Lebens als Mensch daran festgemacht, dass er »über sein Gesetz sinnt Tag und Nacht«.
So gelesen würdigt Sprüche 25,2 kluge und gerechte Untersuchung, erinnert aber zugleich daran, dass der Mensch nicht über Gottes Erkenntnis verfügt.
Das Verborgene Gottes (5. Mose 29,28): »Das Verborgene ist Jahwes, unseres Gottes; aber das Offenbarte ist unser und unserer Kinder in Ewigkeit, damit wir alle Worte dieses Gesetzes tun.«
Dinge, zu wunderbar (Hiob 42,3): »Wer ist es, der den Rat verhüllt ohne Erkenntnis? So habe ich denn beurteilt, was ich nicht verstand, Dinge, zu wunderbar für mich, die ich nicht kannte.«
Gott behält Geheimnisse für sich. Dies ist seine Ehre als Gott, sagt Salomo. Zum ersten übersteigt Seine Erkenntnis und Gestaltungsmacht die des Menschen. Er ist Gott, wir sind Geschöpfe. Er ist ewig, wir sind zeitlich. Er ist transzendent, wir sind irdisch. Zweitens sind wir Menschen seit Genesis 3 gefallene Geschöpfe, deren Sünde (angeborenes, sündiges Wesen) auch das Denken, Erkennen und Urteilen negativ verändert hat (noetische Folgen des Falls). Er ist der Heilige, wir sind Gefallene.
Daher müssen wir eingangs Zweierlei festhalten: Nicht alles ist uns offenbart und nicht alles ist unserem Verstand völlig fassbar. Darum brauchen wir einerseits eine reine Quelle, das ist Gottes Wahrheit und Offenbarung (Johannes 17,17). Andererseits brauchen wir ein erneuertes Denken, das sich beständig durch Gottes Wort und Geist informieren und umformen lässt (Römer 12,1–2). Denn was Gott offenbart hat, das sollen wir zu unserem Nutzen und Vergnügen lesen, studieren, aufnehmen und tun (Psalm 1; 5. Mose 29,28).
Erlöste Menschen dürfen glaubend wissen, dass ihr menschliches Erkennen gegenwärtig begrenzt, aber nicht ohne Hoffnung auf Besserung ist (1. Korinther 13,12). Es ist dem Glaubenden Quelle des Lebens, Klärung des Denkens und Licht für den Lebensweg. Das NT hilft hier mit einigen Aussagen und Beispielen weiter.
Biblische Beispiele (NT)
Eine direkte Entsprechung zu Sprüche 25,2 – also »Ehre der Könige ist es, eine Sache zu erforschen« – gibt es im NT wohl nicht. Aber mehrere Stellen betonen, dass Christusnachfolger, insbesondere deren Vorbilder und Gemeindehirten, Gottes Wahrheit suchen und prüfen sollen:
Jede Predigt ist zu prüfen (Apostelgeschichte 17,10–12a): Die Brüder aber sandten sogleich in der Nacht sowohl Paulus als auch Silas fort nach Beröa, die, als sie angekommen waren, in die Synagoge der Juden gingen. Diese aber waren edler als die in Thessalonich; sie nahmen das Wort mit aller Bereitwilligkeit auf, indem sie täglich die Schriften untersuchten, ob dies sich so verhielte. Viele nun von ihnen glaubten, …
Alles Geoffenbarte ist zu verkündigen (Apostelgeschichte 20,27): … denn ich habe nicht zurückgehalten, euch den ganzen Ratschluss Gottes zu verkündigen.
Schwierige Stellen nicht verdrehen (2. Petrus 3,15b–16):… so wie auch unser geliebter Bruder Paulus nach der ihm gegebenen Weisheit euch geschrieben hat, wie auch in allen Briefen, wenn er in ihnen von diesen Dingen redet, von denen einige schwer zu verstehen sind, die die Unwissenden und Unbefestigten verdrehen, wie auch die übrigen Schriften, zu ihrem eigenen Verderben.
Auch Prophetie ist zu prüfen (1. Thessalonicher 5,21): »Prüft aber alles, das Gute haltet fest.«
Beim Geheimnis Gottes setzt das NT zugleich einen Akzent: Es wird nicht allein durch menschliche Klugheit entschlüsselt, sondern von Gott offenbart (vgl. 1. Petrus 1,12b). So heißt es in 1. Korinther 2,10, Gott habe es »uns aber durch den Geist offenbart«. Paulus nennt sich und andere außerdem »Diener Christi und Verwalter der Geheimnisse Gottes« (1. Korinther 4,1). Paulus nennt »Geheimnis« vor allem Gottes zuvor verborgenen Heilsplan, der in Christus offenbar geworden ist. Eine zentrale Idee davon ist, dass auch Menschen aus den Nationen (Nichtjuden) an den Verheißungen teilhaben. Daneben verwendet er den Begriff für einzelne künftige oder verborgene Wirklichkeiten – etwa die Verwandlung bei der Auferstehung und das bereits wirkende Geheimnis der Gesetzlosigkeit (s. Tabelle unten).
Zusammengenommen. Auch das NT ermutigt zum sorgfältigen Forschen und Prüfen, macht aber deutlich, dass wahre Erkenntnis über Gottes Geheimnisse letztlich auf seiner Offenbarung in der Heiligen Schrift beruht. Wo Gott schweigt, sollten wir nicht spekulierend reden, sondern vielmehr aufgrund des von Ihm selbst Geoffenbarten anbeten.
O Tiefe des Reichtums, sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes! Wie unerforschlich sind seine Gerichte und unergründlich seine Wege! Denn wer hat den Sinn des Herrn erkannt, oder wer ist sein Mitberater gewesen? Oder wer hat ihm zuvor gegeben, und es wird ihm vergolten werden? Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge. Ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen. (Römer 11,33–36)
Anhang: Offenbarte Geheimnisse im NT
Geheimnisse im NT sind Wahrheiten, die im AT verborgen waren, aber im NT durch die von Gott inspirierten Schreiber in den Heiligen Schriften geoffenbart worden sind (Römer 1,2; 16,25–26; 2. Timotheus 3,15 u.a.).
Gottes Heilsplan in Christus
Gottes zuvor verborgene Weisheit, die sich im Heil durch Christus zeigt (1. Korinther 2,7–10); das Geheimnis, das lange verschwiegen war und nun durch die Heiligen Schriften kundgetan wird (Römer 16,25–26).
Die Aufnahme der Nationen
Menschen aus den Nationen (Nicht-Juden) werden in Christus Miterben und Mitteilhaber der Verheißungen, die zuerst an die Juden, genauer an »den Samen Abrahams« (=Christus), gingen. Paulus entfaltet dies als »Geheimnis des Christus« (Epheser 3,3–6); dazu gehört auch »Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit« (Kolosser 1,26–27).
Gottes Ziel für die ganze Schöpfung
Das »Geheimnis seines Willens« ist Gottes ewiger Vorsatz, in der Fülle der Zeiten alles in Christus zusammenzubringen (Epheser 1,9–10).
Israels teilweise Verhärtung.
Paulus nennt es ein Geheimnis, dass Israel zum Teil Verhärtung widerfahren ist, bis die »Vollzahl der Nationen« eingegangen ist; daran schließt sich seine Aussage über Israels Errettung an (Römer 11,25–27).
Christus und die Versammlung
Die Ehe verweist nach Paulus auf das große Geheimnis der Beziehung zwischen Christus und der christlichen Gemeinde (Versammlung) (Epheser 5,31–32).
Auferstehung und Verwandlung
Paulus nennt es ein Geheimnis, dass nicht alle entschlafen werden, aber alle verwandelt werden (1. Korinther 15,51–53).
Das Geheimnis der Gesetzlosigkeit
Eine gottfeindliche Macht ist bereits wirksam, bevor der Gesetzlose offenbar wird (2. Thessalonicher 2,7–8). Hier meint »Geheimnis« ein verborgenes, bereits wirkendes Geschehen.
Das Geheimnis des Glaubens und der Gottseligkeit
In den Pastoralbriefen steht das »Geheimnis des Glaubens« (1. Timotheus 3,9) und das »Geheimnis der Gottseligkeit« im Mittelpunkt einer christlichen Lebens- und Christuslehre (1. Timotheus 3,16).
Die Heilige Schrift, selbst eine Bibliothek einiger zig Bücher (lat. Biblia = »Bücher«), erwähnt auch andere Bücher, teilweise namentlich, teilweise anspielend. Eines davon spielt eine herausragende Rolle in der gesamten Heilsgeschichte: Das »Buch des Lebens« (es wird auch mit anderen und verkürzten Titeln bezeichnet, es mag auch mehrere Bücher mit ähnlichem Titel geben). Beim »Buch des Lebens« handelt sich nicht um ein physisches Buch, sondern um ein theologisches Bild mit starker symbolischer Bedeutung: Gott offenbart mit der schriftlichen Fixierung einer Namensliste von Menschen die Unveränderlichkeit seines Heils- und damit Lebensplanes. Aber es gibt beängstigende Anspielungen und Vorstellungen, dass diese Unveränderlichkeit doch nicht sicher garantiert sei. Entsprechend fächern sich die Deutungen bzgl. dieses »Buch des Lebens« auf.
Vorgehensweise: (I) Die Erwähnungen des »Buches des Lebens« sollen zuerst mit einer Zitatensammlung aus AT und NT überblicksartig gezeigt und kommentiert werden. (II) Da dieses Buch in der christlichen Lehrtradition sehr unterschiedlich verstanden wurde, müssen wir uns in einem zweiten Schritt einen Überblick über die unterschiedlichen Deutungen und deren Begründungen verschaffen. Dabei kann man erkennen, dass diese jeweiligen Deutungen oft in die Gesamttheologie der Deutenden eingepasst wird. (III) Drittens werden wir eine Deutung vertieft darstellen, von der wir überzeugt sind, dass sie dem Gesamtzeugnis der Schrift am besten entspricht. (IV) Eine Kostprobe von Zitaten soll die letzten beiden Punkte ergänzend illustrieren. – Da dies eine längere Untersuchung wird, hier vorweg eine Zusammenfassung.
Summary
Das Buch des Lebens ist ein himmlisches Register, das Gottes Beziehung zu seinem Volk dokumentiert. Gott wird dargestellt als jemand, der eine Aufzeichnung aller führt, die unter seiner besonderen Fürsorge und Obhut stehen. Die Bedeutung dieses Konzepts entfaltet sich auf zwei Ebenen: einer unmittelbaren und einer eschatologischen.
(1) In der unmittelbaren Dimension symbolisiert das Buch des Lebens Gottes Schutz und Anerkennung. Im Alten Testament bedeutet die Auslöschung aus dem Buch des Lebens, dass jemand physisch stirbt, während das Eingetragensein Gottes Gunst signalisiert. Aus diesem Register gelöscht zu werden bedeutet, von Gottes Gunst abgeschnitten zu sein und einen vorzeitigen physischen Tod zu erleiden. Im Neuen Testament erhält dieses Bild neue Tiefe: Für verfolgte Christen, deren Namen möglicherweise aus lokalen Synagogenregistern gelöscht wurden, verheißt Jesus, dass ihre Namen niemals aus dem himmlischen Register, das die Ewigkeitszuordnung des ewigen Lebens festhält, entfernt werden—eine Zusicherung der Zugehörigkeit zur himmlischen Stadt und Zukunft, selbst wenn sie irdische Ablehnung erfahren. –
(2) Eschatologisch betrachtet wird das Buch des Lebens zum entscheidenden Dokument des letzten Gerichts. Wer in diesem Buch nicht verzeichnet ist, erfährt wegen seiner Werke endgültiges Gericht im Feuer der Hölle. Die Namen der Auserwählten stehen aber schon bei Grundlegung der Welt in diesem Buch des Lebens des Lammes, ihr Eintrag wurde also bereits vorweltlich von Gott festgesetzt. Dies verbindet Gottes ewige Souveränität und Heilsvorsatz mit der gegenwärtigen Sicherheit der Gläubigen—eine Zusicherung, dass ihre gegenwärtige Treue zu Christus mit ihrer ewigen Bestimmung übereinstimmt.
1 Das Zeugnis der Schrift
1.1 Altes Testament
Die folgenden Stelle beziehen sich auf die Situation der Menschen in vorchristlicher Zeit. Unsere Situation wird im Neuen Testament beschrieben, siehe unten (Abschnitt 1.2).
Psalm 69,28 Lass sie ausgelöscht werden aus dem Buche des Lebens, und nicht eingeschrieben mit den Gerechten!
David schreibt hier einen Klage- und Rachepsalm. Er wusste, dass er ein Sünder war (69,6), aber er litt von Menschenhand für Unrecht, das er nicht begangen hatte. Die Anklagen standen in Verbindung mit Gott und Gottes Tempel. Entsprechend klagt er und fordert von Gott Rache. In diesem Bereich steht der zitierte Vers. Es ist Davids emotionale Verwünschung seiner Feinde und Hasser. Er findet aber in seiner Klage auch Formulierungen, die über seine Situation hinaus auf Jesus Christus deuten. – Sprachlich gesehen wird hier also nichts gelehrt oder objektiv festgestellt, sondern emotional von einem Menschen eine Bitte geäußert. Weiterhin machen die Parallelzeilen der Poesie deutlich, dass es um das physische Leben geht.
Psalm 139,15-16. Nicht verhohlen war mein Gebein vor dir, als ich gemacht ward im Verborgenen, gewirkt wie ein Stickwerk in den untersten Örtern der Erde. Meinen Keim sahen deine Augen, und in dein Buch waren sie alle eingeschrieben; während vieler Tage wurden sie gebildet, als nicht eines von ihnen war.
In Psalm 139 geht es darum, dass Gott, der Schöpfer, jeden Menschen und alle Menschen will, kennt und formt. Das gilt überall und stets, Gottes Allgegenwart und Allwissen leuchten poetisch auf. Sogar in den »untersten Örtern« (euphemistisch für den Uterus der Mutter), wo niemand das heranreifende Baby sieht, ist Gott sehend (überwachend) und aktiv gestaltend »kunsthandwerklich« anwesend: Ein Wunder Gottes geschieht. David legt poetisch den Gedanken nahe, dass im Mutterleib nichts Zufälliges, sondern göttlich Verordnetes passiert: Alles geht nach dem göttlichen »Buch«, nichts ist zufällig oder wertlos. Die Verbindung zwischen diesem »Buch« und dem irdischen, physischen »Leben« ist offenbar. Vom Heil ist nicht die Rede. –
Mit der etwas anderen Übersetzung: »Mein Ungeformtes sahen deine Augen, und in dein Buch waren sie alle eingeschrieben, die Tage, die gebildet wurden …« geht es nichtmehr primär um Davids Name (und damit Person), sondern um seine von Gott bestimmten Lebenstage. Der Kontext handelt von Gottes Vorsehung und Allwissenheit über Davids embryonales Leben. Damit wäre der Psalm 139,16 ein starkes Zeugnis für Gottes souveräne Kenntnis und Bestimmung des menschlichen Lebens, aber kein Beleg für eine universale Eintragung sämtlicher Menschen in das Buch des Lebens. Das ist exegetisch viel zu weit gegriffen.
Psalm 87,5f. Und von Zion wird gesagt werden: Der und der ist darin geboren; und der Höchste, er wird es befestigen. Jahwe wird schreiben beim Verzeichnen der Völker: Dieser ist daselbst geboren.
Dieser Psalm der Söhne Korahs feiert Zion als erwählte Stadt Gottes. Dort stand das Heiligtum, dort wohnte Gott. Wer in dieser Stadt geboren ist und dort wohnt, ist Mitbewohner und Nachbar Gottes. Das bedeutet größte Ehre. Aber man muss seinen Anspruch nachweisen können im Geburts-/Abstammungsregister. Im Millennium –und ggf. darüber hinaus– werden auch die Nationen (Völker) dorthin gehen, um Segen zu empfangen. Im NT wird dieser Vorsatz Gottes offenbarend gedeutet auf die Glieder der Gemeinde Jesu (Eph 3:4ff), wo die Abstammung nicht per Blutlinie Abrahams, sondern weitergehend per »Blutlinie« Jesu Christi festgelegt wird (vgl. Gal 3,7.14.29; Heb 2,16). Dieser Vorsatz Gottes fand seine erste explizite Offenbarung im Abrahamischen Bund in 1Mose 12. Dieses Verzeichnis ist also wichtig für die Bundeszusagen Gottes an Israel.
Jesaja 4,3 Und es wird geschehen, wer in Zion übriggeblieben und wer in Jerusalem übriggelassen ist, wird heilig heißen, ein jeder, der zum Leben eingeschrieben ist in Jerusalem.
Der Prophet Jesaja, der dem Volk Israel die Anklage Gottes, aber auch die Verheißung Gottes, vor allem aber die Gute Nachricht der Wiederherstellung bringt (s. ab Kap. 40), bringt schon in der Einleitung diesen Lichtblick auf die verheißenen Segnungen für Jerusalem und seine rechtmäßigen Bewohner. – Ansonsten gilt das zu Psalm 87,5f Gesagte.
2Mose 32:32f Und nun, wenn du ihre Sünde vergeben wolltest! Wenn aber nicht, so lösche mich doch aus deinem Buch, das du geschrieben hast. Und Jahwe sprach zu Mose: Wer gegen mich gesündigt hat, den werde ich aus meinem Buch auslöschen.
Mose reagiert hier vorbildlich auf die eklatante Sünde des Volkes, das sich unter der Leitung des späteren Hohenpriesters Aaron ein goldenes Kalb gemacht und unter Verwendung des Namens des Ewigen angebetet hatte. Damit waren gleich die wichtigsten Gebote Gottes im Dekalog gebrochen worden, bevor sie von Gott in Stein geschrieben das Volk erreichten. Mose war klar: Darauf konnte nur der Tod als Strafe folgen, Gott hatte es so gesagt. Und so versucht er als großer Stellvertreter seines Volkes die Schuld und Strafe auf sich zu nehmen. Das war menschlich vorbildlich gefühlt, aber göttlich gesehen ein absolut unmöglicher Vorschlag (per impossibile). Das würde Gott in den nächsten Monaten noch deutlich machen. – Auch Paulus hatte ähnliche Gefühle der gerichtlichen Stellvertretung für sein Volk, die Juden, aber er redete in der Wunschform (Römer 9,2–3; vgl. 10,1). Er wusste: ein Anderer, ein Schuldloser, musste kommen, um sein Volk von ihren Sünden zu erretten (Mt 1,21).
Der kurze Dialog in 2Mose stellt zwar einen Zusammenhang zwischen den Einträgen in einem Buch und Sündern dar, aber das Buch wird nicht identifiziert als »Buch des Lebens«. Sprachlich ist die zeitliche Einordnung nicht eindeutig geklärt. Zudem: Wenn Gott sagt, dass er jeden, der gegen ihn gesündigt hat, aus diesem Buch auslöschen wird, dann sind die Seiten dieses Buches bis auf einen Namen leer, denn »alle haben gesündigt und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes« (Röm 3,23a). Dann stand eben auch Mose nicht drin, denn er war ein Mörder. Hatte er das vergessen?
Daniel 12:1 Und in jener Zeit wird Michael aufstehen, der große Fürst, der für die Kinder deines Volkes steht; und es wird eine Zeit der Drangsal sein, dergleichen nicht gewesen ist, seitdem eine Nation besteht bis zu jener Zeit. Und in jener Zeit wird dein Volk errettet werden, ein jeder, der im Buche geschrieben gefunden wird.
In jener Zukunftsvision des Propheten Daniel werden Ereignisse beschrieben, die im folgenden Text für Daniel in weite Ferne gelegt werden, in die (auch für uns noch zukünftigen) 3,5 Jahre der Großen Drangsal Israels (12,1.7ff). Das Buch wird nicht identifiziert als »Buch des Lebens«. Es ist die Rede von »dein Volk«, also Daniels Volk, also das Volk Israel, nicht von allen Menschen. Der nach größter Drangsal auf Erden gerettete »Überrest« Israels steht offenbar in diesem Buch. Das bedeutet, dass deren (zukünftige) Errettung durch göttliche Festlegung bereits feststeht.
1.2 Neues Testament
Siebenmal kommt das Buch des Lebens begriffsmäßig im NT vor, einmal in Philipper, sechsmal in der Offenbarung. Daneben gibt es Anspielungen auf andere Bücher ähnlicher oder gleicher Bedeutung. Das Verständnis dieses Begriffes baut auf dem AT auf.
Buch des Lebens, positiver Eintrag
Philipper 4,3 Ja, ich bitte auch dich, mein treuer Mitknecht, stehe ihnen bei, die in dem Evangelium mit mir gekämpft haben, auch mit Clemens und meinen übrigen Mitarbeitern, deren Namen im Buche des Lebens sind.
Mitarbeiter im Reich Gottes stehen auch im Buch des Lebens (griech. bíblos zōḗs). In Verbindung mit der Aussage des Herrn in Lukas 10,20 bedeutet es für Mitarbeiter im Reich Gottes wohl eine besondere Sicherheit und einen festen Trost, zu wissen, dass man im Himmel fest verankert ist (was das ewige Heil betrifft), auch wenn die »Erfolge« und »Misserfolge« im Dienst hier Zweifel über die Quelle der Heilssicherheit aufkommen lassen mögen. –
Offenbarung 3,5 Wer überwindet, der wird mit weißen Kleidern bekleidet werden, und ich werde seinen Namen nicht auslöschen aus dem Buche des Lebens und werde seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln.
Den Überwindern der Gemeinde in Sardes wurde diese Verheißung ausgesprochen. Verse 4–5 verwenden dreimal den Begriff »Namen«, alle drei Verwendungen stehen im Zusammenhang mit positiven, mit dem Heil verbundenen Aussagen. Insbesondere steht hier nicht ausdrücklich, dass jemand aus dem Buch des Lebens ausgelöscht werden würde. Diese Stelle darf also nicht als (möglicher) Fakt oder als prinzipielle Wahrheitsaussage zur Behauptung des Auslöschens verstanden werden. Vielmehr wird im Grundtext mit ungewöhnlich starker, emphatischer Verneinung (o. Litotes) versichert, dass dieses Auslöschen nicht vorkommt: »Ich werde ihn ganz gewiss niemals (gr. ou me) auslöschen!« Das ist eine feste Zusicherung, keine versteckte Drohung.
Daraus ergibt sich klar, dass man nicht argumentieren kann, hier stünde eine Drohung, denn das angedrohte Übel könne ja evtl. eintreffen. – Beispiel: Wenn ein Vater seinem Kind sagt: »Ich werde dich niemals verlassen!«, folgt daraus (ohne weiteres) nicht, dass er andere seiner echten Kinder verlassen würde. Die Negation verstärkt vielmehr die Zusicherung.
Offenbarung 21,27 Und nicht wird in sie eingehen irgend etwas Gemeines und was Gräuel und Lüge tut, sondern nur die geschrieben sind in dem Buche des Lebens des Lammes.
Buch des Lebens, kein Eintrag
Offenbarung 13,8 Und alle, die auf der Erde wohnen, werden es anbeten, ein jeder, dessen Name nicht geschrieben ist in dem Buche des Lebens des geschlachteten Lammes von Grundlegung der Welt an.
Offenbarung 17,8 Das Tier, welches du sahst, war und ist nicht und wird aus dem Abgrund heraufsteigen und ins Verderben gehen; und die auf der Erde wohnen, deren Namen nicht in dem Buche des Lebens geschrieben sind von Grundlegung der Welt an, werden sich verwundern, wenn sie das Tier sehen, dass es war und nicht ist und da sein wird.
Offenbarung 20,12.15 Und ich sah die Toten, die Großen und die Kleinen, vor dem Throne stehen, und Bücher wurden aufgetan; und ein anderes Buch ward aufgetan, welches das des Lebens ist. Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben war, nach ihren Werken. … Und wenn jemand nicht geschrieben gefunden wurde in dem Buche des Lebens, so wurde er in den Feuersee geworfen.
Die beiden erstgenannten Stellen (13,8; 17,8) stellen eindeutig fest, dass es Menschen gibt (aus unserer Perspektive: geben wird), die »auf der Erde« wohnend und lebend nicht im Buch des Lebens geschrieben stehen. Das widerlegt die Auffassung, dass alle Menschen zu Lebensbeginn erst einmal »probehalber« in das Buch des Lebens geschrieben würden (s.z.B. Kap. 4.2 unten). Offenbarung 17,8 sagt nichts von einer solchen vorherigen Eintragung aller Menschen.
Die Behauptung: »Die Namen aller Menschen standen ursprünglich darin, wurden aber irgendwann wieder gelöscht« ist hier nicht haltbar. Der Kontext lehrt: Diejenigen, deren Namen von Grundlegung der Welt an im Buch stehen, werden von Gott so bewahrt, dass sie das Tier nicht endgültig anbeten. Denn sie gehören zum Lamm. – Es heißt nicht: »Sie beten das Tier an, deshalb werden ihre Namen gelöscht.« Nochmals: Von einem Löschen ist überhaupt nicht die Rede.
Die letztgenannte Stelle (20,12.15) gehören zum endgültigen Gericht. Wer nicht im Buch des Lebens steht, wird von Satans Agenten zur götzendienerischen Anbetung verführt werden. Sie sind die Erdbehafteten, die dem Tier (und damit Satan) ins Verderben folgen: ins ewige Gericht Gottes. Jene Menschen, die unerlöst bereits den körperlichen Tod erlitten haben, müssen alle am Gerichtstag des Großen Weißen Thrones auferstehen. Sie tun das, wie Daniel schon wusste, zur »ewigen Abscheu« (Daniel 12,2).
Die Besonderheit ist, dass Offb 13,8 dieses »Buch des Lebens« mit Christus verbindet, mit dem »geschlachteten Lamm«. Damit wird die Namensliste jenes Buches zu einer Namensliste der im Opfer Jesu ewig Geretteten, nicht nur jener, die zeitweilig oder rein irdisch Rettung(en) seitens Gott erfahren haben. Jesus Christus hat »mit einem Opfer … auf immerdar die vollkommen gemacht, die geheiligt werden« (Hebr 10,14), so dass hier kein nur zeitweiliger, aufkündbarer, bereubarer Rettungszustand gemeint sein kann, der in jenem Buch dokumentiert ist.
Andere Erwähnungen eines Lebens- oder Heilsbuches im NT
Lukas 10,20 Doch darüber freuet euch nicht, dass euch die Geister untertan sind; freuet euch aber, dass eure Namen in den Himmeln angeschrieben sind.
Hier ist ohne ausführliche Namensnennung wohl dasselbe Buch gemeint, wie in Philipper 4,3 (s.o.). Wiederum: Wichtiger als jeder Dienst, jeder Erfolg im Dienst, ist, dass man durch Gottes Willen und Beschluss ewig gerettet ist. Der Nachweis für diesen unwandelbaren Beschluss liefern die schriftlich fixierten Einträge in diesem Buch »im Himmel«.
Semantisch: Übrigens wäre diese an seine Jünger gerichtete Aussage Jesu eine äußerst seltsame Begründung für diese tiefe Freude, wenn gleichzeitig Pontius Pilatus, Judas Iskariot, Kajaphas und alle anderen Menschenebenfalls dort eingeschrieben wären. Jesus stellt das Angeschriebensein im Himmel vielmehr als besonderes Heilsprivileg dar, das niemand rauben kann, gerade auch diese bösen Herrscher und die Dämonen hinter ihnen nicht.
Hebräer 12,23 …und zu der Versammlung der Erstgeborenen, die in den Himmeln angeschrieben sind; und zu Gott, dem Richter aller; und zu den Geistern der vollendeten Gerechten…
Diese Stelle ergänzt Philipper 4,3 und Lukas 10,20 mit dem Gedanken, dass es ein Buch gibt, in dem alle Gläubigen, die Gesamtheit der ewig Geretteten, fix eingetragen sind. – Sie stehen dort nach göttlichem Vorsatz und Beschluss; alle die dort stehen, werden in der Zeit mit wirksamem Ruf zum Glauben gerufen: »Als aber die aus den Nationen es hörten, freuten sie sich und verherrlichten das Wort des Herrn; und es glaubten, so viele zum ewigen Leben bestimmt waren.« (Apostelgeschichte 13,48).
1.3 Zusammenfassung
Das »Buch des Lebens« ist ein metaphorisches Register Gottes, das im Alten Testament angedeutet wird, im Neuen Testament zentral für das Endgericht ist und das eng mit Christus und der ewigen Erlösung verbunden ist. Am Ende wird dieser Eintrag für jeden Menschen ewigkeitsentscheidend sein:
Offenbarung 20,12.15 – In das Buch eingeschrieben zu sein bedeutet, ewiges Leben zu haben.
Offenbarung 21,27 – In das Buch eingeschrieben zu sein bedeutet, dass man in die Stadt Gottes eintritt.
Offenbarung 3,5 – Gott wird den, der bis zum Ende standhaft bleibt, nicht aus dem Buch auslöschen.
Offenbarung 13,8 – Diejenigen, die das Tier anbeten, waren nie in das Buch eingeschrieben.
Offenbarung 17,8 – Auch hier gilt: Diejenigen, die das Tier bewundern, waren nie in das Buch eingeschrieben.
Lukas 10,20 – Unsere gesamte Sicherheit vor der Hölle und vor den Dingen, die uns in die Hölle bringen, liegt darin, dass unsere Namen in das Buch des Lebens bleibend (fix) eingeschrieben sind.
2 Unterschiedliche Deutungen
Immer wieder fragen sich Christen, ob sie aus diesem »Buch des Lebens« ausgelöscht werden können. Die Stelle in 2Mose 32,33 wird herbeigezogen als positives Beispiel einer Eintragslöschung, Offenbarung 3,5 wird als implizite Möglichkeit einer solchen Löschung verstanden. Die anderen beziehen sich u.a. auf Offenbarung 13,8, wo ausdrücklich steht, dass die Eintragung »von Grundlegung der Welt« bereits feststand, also vor-weltlich entschieden wurde. Die Spannung entsteht also zwischen den Polen »unverlierbares Heil« versus »verlierbares Heil«. Dies ist in der Tat eine überaus wichtige, alles entscheidende Frage. Wie haben unterschiedliche christliche Traditionen sie beantwortet?
2.1 Die römisch-katholische Sicht (Lehre)
Der Kerngedanke der Röm.-kath. Kirche (RKK) ist, dass das »Buch des Lebens« alle enthalte, die aktuell in der Gnade Gottes stehen, wobei dieser Zustand verlierbar sei. Ein vorhandener Eintrag dokumentiere also, dass ein Mensch momentan im Stand der heilig machenden Gnade ist. Da der Mensch aber einen »echten, freien Willen« hat, kann eine bestimmte Klasse schwerer Sünden (die sog. »Todsünden«) zur Auslöschung des Eintrags führen.
Die Konsequenzen dieser Ansicht: Rettung ist ein dynamischer (stetig wechselnder) Zustand, kein einmaliges Ereignis, das zu einem festen Heilsstand führte. Die Sakramente (v. a. Beichte, Eucharistie) spielen eine zentrale Rolle in der Dynamik des Heils und damit der Eintragung. Endgültige Sicherheit besteht erst nach dem Tod. – Das »Buch des Lebens« ist hier also ein reales, aber veränderbares Register des aktuellen Heilsstandes und der Gottesbeziehung. Mangelnde Heilsgewissheit treibt den suchenden Menschen zu den gnadenvermittelnden Heils-»Sakramenten« der RKK.
2.2 Die reformierte Sicht (Lehre)
Der Kerngedanke der Heilslehre der Reformatoren ist, dass das »Buch des Lebens« die Liste der von Gott vor Grundlegung der Welt zum ewigen Heil Erwählten ist. Dieses Lehrverständnis ergibt sich in Harmonie (sog. »Analogie der Schrift«) zu den anderen Lehrpositionen der Reformation (insbesondere deren Heilslehre), nämlich dass Gott souverän über das Heil entscheidet (Prädestination, Erwählung), dass somit die Eintragungen unveränderlich sind und es kein »Auslöschen« im eigentlichen Sinn gibt (auch wenn diese mit prophetischer Mahnung angedroht wird). Das »Auslöschen« wird also so verstanden, dass es sich aus menschlicher Sichtweise als real zu Befürchtendes darstelle, oder es wird als prophetische Warnsprache verstanden. Im lutherischen Zweig der Reformation wird später eingeräumt, dass der Mensch sich durch anhaltenden Unglauben selbst wieder aus diesem Buch löschen könne. Hier sehen wir eine arminianisch anmutende Verfremdung der Heilslehre (Abfall vom rettenden Glauben sei möglich). Beim Reformator JohannesCalvin bleibt klar: Erwählung ist keine provisorische (und/oder »gutgemeinte«) Einschreibung aller Menschen, die später aufgrund ihres Verhaltens korrigiert wird, sondern Gottes ewiger Ratschluss.
Die Konsequenzen der reformierten Ansicht: Der durch Gottes vorweltlichen Beschluss und durch das Opfer Christi »auf immerdar« Gerettete ist tatsächlich für immer gerettet. Er steht nicht länger auf einem Bewährungs-Prüfstand, was seine ewige Errettung angeht. Wer so gerettet wurde, ist sicher und auf ewig errettet (sog. »Ausharren der Heiligen«). Wer ins »Buch des Lebens« eingetragen wurde, wird bis zum Ende, bis zur ewigen Glückseligkeit, bewahrt bleiben. Das Buch dokumentiert also den ewigen, unveränderlichen Heilsbeschluss Gottes, der auch zur Vollendung führen wird: der Verherrlichung aller zuvor von Gott Erkannten, Bestimmten und Berufenen (Römer 8,29–30). Folglich ist es für die Glaubenden größter Trost und kräftigste Motivation, »dass eure Namen in den Himmeln angeschrieben sind« (Lukas 10,20).
2.3 Adventistische Sicht (Lehre)
Der Kerngedanke der Sekte der Adventisten (Milleriten, Siebenten-Tags-Adventisten, STA) ist, dass das »Buch des Lebens« Teil eines himmlischen Gerichtsprozesses sei. Sie haben die Sonderlehre eines »Untersuchungsgerichts«, das seit 1844 als »Voruntersuchungsgericht« laufe. Dabei werden die Namen einzeln geprüft und bleiben dann entweder bestehen oder werden gelöscht. (Dieses Datum wurde genannt, nachdem drei konkrete Zeitangaben für die Rückkehr Jesu sich offenbar als falsch erwiesen hatten: Herbst 1843, 21.03.1844, 22.10.1844.)
Die Konsequenzen dieser Ansicht: Diese Lehre ist eine Vermischung von Gottes Gnade mit realer Bewertung des Lebens unter extremer Betonung der Endzeit. Ein entscheidendes Bewertungskriterium der Treue eines Christen ist die Beachtung des Sabbats als biblischem Ruhetag. Dies geht auf eine (okkulte) Vision ihrer Hauptlehrerin Ellen G. White am 03.04.1847 zurück, die sie angeblich in Topsham, Maine (USA) hatte. In dieser Vision sah sie angeblich die Bundeslade im Allerheiligsten, darin die 10 Gebote, wobei das vierte Gebot (Sabbatgebot) mit besonderem Licht hervorgehoben wurde (Quelle: A Word to the Little Flock, 1847). Das Buch ist hier ein aktuelles, überprüftes Register des himmlischen Gerichts.
2.4 Freikirchlich-evangelikale Sicht (Lehre)
In den Freikirchen, die aus dem Strom des Protestantismus (Reformation) entstanden waren, finden wir heute zwei einander widersprechende Sichten. Die eine Sicht ähnelt der reformiert-calvinistischen Sicht, dass also die Bucheinträge endgültig und damit ewig sicher sind.
Die andere Sicht ähnelt der arminianisch-lutherischen Sicht, dass echter, rettender Glaube auch wieder verloren gehen könne. Der gemeinsame Nenner ist, dass die Eintragung ins Buch durch Glauben an Jesus Christus erfolgt, eine Auslöschung ist je nach Auffassung unmöglich oder möglich, je nach Treue, Willen und Ausharren der eingetragenen Person. Hier wird also die »persönliche Entscheidung« zum Heil zum entscheidenden Kriterium für Eintragung und Auslöschung. Das Buch dokumentiert die Bekehrungserfahrung von Menschen. Gott spielt nur den himmlischen Sekretär, der die Willensentscheidungen der Menschen zum Heil protokolliert und die Bucheinträge aktuell hält.
Zentrale Streitpunkte
Alle Lehrtraditionen stimmen darin überein, dass das »Buch des Lebens« dafür steht, dass Gott das Heil einzelner, konkreter Menschen (Namensliste!) darin dokumentiert. Aber sie unterscheiden sich z.T. radikal darin, wie man in dieses Buch kommt, ob man darin bleibt und wer letztlich über Eintrag und Verbleiben entscheidet.
Die Unterschiede der Lehransichten drehen sich im Kern um drei große Lehrfragen: (1)Prädestination vs. freier Wille. Entscheidet Gott alleine über das Heil oder ist es der Mensch, der das Heil entscheidend ergreift?; (2)Sicherheit der Rettung. Ist das Heil absolut sicher oder ist es gefährdet wegen Untreue und Abfall des Menschen?; (3)Verhältnis von Gnade und Werken. Wird das Heil vom Menschen rein passiv von Gott empfangen (Gnadengeschenk), oder steht der Mensch in der Verantwortung, sich mit guten Werken und Treue des Heils würdig zu erweisen (Verdienst durch Werke)?
3 Die Lehrtradition der »Plymouth Brüder« (D: Christliche Versammlung)
Die »Plymouth Brüder« (heute oft nur: »Brüderbewegung«) entstanden in Irland in den 1820er Jahren. Gläubige aus unterschiedlichen kirchlichen Hintergründen kamen in Erwartung der Wiederkunft Jesu in Hauskreisen zum Bibelstudium und Abendmahl zusammen. Durch eifrigen Missionsdienst breitete sich diese Bewegung in aller Welt aus und erzeugte im Lauf der Zeit etliche Splittergruppen und Sonderkirchen. Prägende Theologen in der Anfangszeit dieser Bewegung waren die Iren John Nelson Darby (1800–1882), ein anglikanischer Geistlicher aus höchsten gesellschaftlichen Kreisen und mit hervorragender klassischer Bildung, sowie William Kelly (1821–1906), ebenfalls ein Spezialist für alte Sprachen, Bibelausleger, Autor und Prediger, der das Gesamtwerk Darbys (z.T. stark lektoriert) herausgab (»Collected Writings«). Das Verständnis vom »Buch des Lebens« wurde maßgeblich von diesen Bibellehrern geprägt. Inzwischen sind jedoch viele alternative Lehrmeinungen entstanden, die sich denen anderer Kirchen und Freikirchen angeglichen haben.
Grundverständnis. Die Brüderbewegung liest das »Buch des Lebens« nicht als eigenständiges Dogma, sondern als integrierten Teil ihres Verständnisses von Erwählung, Wiedergeburt, ewigem Leben, Heilssicherheit und Heilsgewissheit. Der entscheidende Punkt: Wer wirklich gerettet ist, ist endgültig gerettet – und steht damit für immer im Buch.
Klassische Linie (J.N. Darby). Der Kerngedanke von Darby und der frühen Bewegung war: Es gibt aufgrund der Heiligen Schrift objektiv absolute Heilssicherheit sowie subjektiv wirkende Heilsgewissheit für jeden Glaubenden. Die Erwählung zum ewigen Heil fand vor Grundlegung der Welt statt und gründet sich im vorausgesetzten, vollendeten Heilswerk Christi. Erwählung ist »ewiger Ratschluss Gottes«, ewige Rettung basiert vollständig auf dem Kreuz und ist abgeschlossen. Wichtig: Ewiges Leben ist nicht verlierbar, sonst wäre es nicht »ewig«.
Konsequenz für das »Buch des Lebens«: Der Eintrag ist Ergebnis göttlicher Erwählung, daher unumkehrbar. Das »Auslöschen« wird rhetorisch (prophetische Sprache) oder als scheinbar (rein menschliche Perspektive) verstanden. – Das entspricht stark der reformierten Position, aber mit stärkerer Betonung der persönlichen Gewissheit.
Einbettung in die Heilslehre der »Brüderbewegung«.(1)DieHeilsgewissheit ist ein zentrales Merkmal (»full assurance of salvation«, basierend u.a. auf 1. Johannes 5,13: »Dies habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr ewiges Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes«.) Das ist entscheidend: Ein Christ weiß sicher, dass er gerettet ist. Diese Gewissheit basiert auf dem Wort Gottes, dem vollbrachten Werk Christi und dem Zeugnis des Heiligen Geistes. Daher ist das »Buch des Lebens« kein unsicheres Register, sondern Ausdruck einer bereits feststehenden Realität. – (2) Die Heilssicherheit (»eternal security«) ist objektiv im vollbrachten und vollkommenen Sühnungsopfer Jesu am Kreuz gegeben, sie hängt nicht subjektiv vom Glaubenden ab. Die Aussage der Schrift ist klar: Ein echter Gläubiger kann nicht verloren gehen (Joh 3,15f; 10,28ff). Das Heil und die Vollendung ist so sicher, dass der Hebräerbrief es in der Vergangenheitsform als bereits vollendet darstellt: »indem er viele Söhne zur Herrlichkeit brachte« (Heb 2,10). – (3) Die Warnstellen werden in der »Brüderbewegung« klassisch so gelesen: Weil es Scheinchristen gibt, wird festgestellt (oder stark vermutet), dass »Abgefallene«, bei denen man keine Zuchtmaßnahmen Gottes feststellt, wahrscheinlich nie wirklich in diesem »Buch des Lebens« eingetragen waren, sie gehörten nie zur Familie Gottes: »Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns; denn wenn sie von uns gewesen wären, so würden sie wohl bei uns geblieben sein; aber damit sie offenbar würden, dass sie alle nicht von uns sind.« (1Joh 2,19).
Variationen und Abweichungen. Innerhalb der Brüderbewegung haben sich Differenzen in der Lehre entwickelt. (1) Die eher Darby lehrhaft folgenden »Brüder« gehen immer noch davon aus, dass der göttliche, personale Wille alles entscheidend prägt, was sie aus Sicht der Gegenseite als »calvinistisch« erscheinen lässt (allein ihre Eschatologie zeigt aber schon auf, dass diese »Brüder« keine Calvinisten sind; sie lehnen dieses Etikett entschieden ab). Für sie ist das »Buch des Lebens« ein festes, göttliches, ewiges Register. – (2) Die sog. »Offenen Brüder« haben eine viel größere Bandbreite in der Lehre entwickelt, die mit ihren Ursprüngen und Wurzeln manchmal nur noch wenig zu tun haben. Sie sehen teilweise mehr Raum für die Verantwortung des Menschen und daher für kraftvolle praktische Warnungen. Aber auch hier gilt in der Regel noch: Wer eine echte Wiedergeburt erlebt hat, der hat bleibende Rettung. Die Unterschiede sind eher pastoral, der Menschorientierung zugeneigt, aber noch nicht fundamental. Das Ganze ist jedoch in Bewegung, da es in diesen Freikirchen kein verbindliches »Credo« gibt. – Die Grundlagenliteratur findet man bei John Nelson Darby (Collected Writings, zu Themen wie: election, eternal life, assurance), William Kelly, C. H. Mackintosh und (amerikanisch) F. W. Grant, H.A. Ironside. Typische Titel lauten: »Eternal Security of the Believer« oder »Assurance of Salvation« (Onlinequellen: Plymouth Brethren Writings, stempublishing.com, oder: bibelkommentare.de).
Zu Offenbarung 3,5
»Wer überwindet, der wird mit weißen Kleidern bekleidet werden, und ich werde seinen Namen nicht auslöschen aus dem Buch des Lebens«
Darby und Kelly stellen am Text fest, dass hier nicht eine Drohung steht, sondern eine Verheißung. Es steht nicht da: »Ich könnte Dich auslöschen«, was die Möglichkeitsform wäre. Darby liest die Sendschreiben als moralische Appelle an Bekenner, nicht als metaphysische Aussagen über den Verlust des Heils. Fazit: Die Aussage in Offenbarung 3,8 will die Gewissheit der Überwinder stärken; sie beschreibt nicht, dass das Auslöschen des Namens eines Glaubenden aus diesem Buch real möglich ist.
Zu Offenbarung 13,8
»Und alle, die auf der Erde wohnen, werden es anbeten, jeder, dessen Name nicht geschrieben ist in dem Buch des Lebens des geschlachteten Lammes von Grundlegung der Welt an.«
Hier wird die Position der ursprünglichen »Brüderbewegung« besonders deutlich. Die zeitliche Zuordnung der Eintragung vor dem Schöpfungsakt bedeutet, dass sie vollständig unabhängig vom menschlichen Verhalten ist. Daraus folgt: Dieses Buch ist Ausdruck der ewigen Erwählung, nicht eines späteren Bewertungs- oder Bewährungsprozesses. Und letztlich scheint hier auf, dass ihr Denken Christusim Mittelpunkt hält. Sie erkennen im Buchtitel die Zuspitzung auf Jesus Christus: »Buch des Lebens des Lammes«. Erwählung, Kreuz und Erlösung liegen für sie also auf einer einzigen, ewigen Linie. – Für Darby ist damit klar: Dieses Buch ist ewig festgelegt, sein Inhalt ist nicht dynamisch veränderbar.
Sprachlich-theologische Bemerkungen. Der griechische Text von Offenbarung 13,8 enthält apo katabolēs kosmou; das bedeutet wörtlich: »von Grundlegung der Welt an«, also »seit Beginn der Weltzeit«. Das Griechische sagt nicht ausdrücklich »vor« (pro). Warum lesen/verstehen es Darby u.a. trotzdem wie ein »vor«? – Dazu gibt es drei Gründe:
(1) In Verbindung mit Offenbarung 17,8 (»nicht geschrieben sind seit…«) kann man argumentieren: Wenn Namen schon von Beginn der Welt drinstehen oder fehlen, dann lag die Entscheidung für die Eintragung offensichtlich vor diesem Zeitpunkt, also in der Ewigkeit vor der Zeit/Schöpfung. Das ist ein logischer Schluss, kein rein grammatischer.
(2) In Verbindung mit Epheser 1,4 (»erwählt vor Grundlegung der Welt«) und Johannes 17,24 (»geliebt vor Grundlegung der Welt«, i.V.m. der Einsmachung in Joh 17) ist systematisch zu schließen, dass die Bibel eine vorweltliche Erwählung lehrt, mit der auch Offenbarung 13,8 übereinstimmen muss. Daraus ergibt sich:
(3) Eine zeitliche Eintragung (erst »seit Beginn« der Erde) wäre unvereinbar mit der Lehre der Erwählung. Da diese Erwählung ewig ist, wie auch die Erwählung des Sohnes Gottes zum rettenden »Lamm Gottes«, und da das »Buch des Lebens« ein Namensregister der zum Heil Erwählten darstellt, muss dieses Buch samt Inhalt ebenfalls ewigen Charakter haben. Dies folgt keinem philologisch-sprachlichen Zwang, sondern ist ein dogmatisch notwendiger Schluss, wenn man von theologischer Kohärenz und Wahrheit der biblischen Lehre ausgeht.
Auf den weiteren sprachlichen Streitpunkt, ob sich das »von Grundlegung der Welt an« überhaupt auf das »geschrieben« bezieht, und nicht auf das »geschlachtet« bzgl. des Lammes, gehe ich hier nicht weiter ein. Beides ist grammatisch möglich, die Mehrdeutigkeit ist im Griechischen real vorhanden. Die Entscheidung für das erstere Verständnis ist theologisch begründet. Es scheint in der »Brüderbewegung« noch das übliche Verständnis zu sein (so wiedergegeben in nichtrevELB, ELBCSV, SCHL2000, LUT, KJV, NKJV, ESV, NASB). Die Hermeneutik der Reformation enthält die Grundregel: Unklare Stellen werden durch klare Lehre entschieden. Der historisch-kritische Ansatz hingegen nimmt jede Stelle für sich und gibt (hier) der Syntax Vorrang vor der theologischen Systematik und Widerspruchsfreiheit. Bindung an »geschlachtet« liefern: Einheitsübersetzung, NGÜ, Zürcher Bibel, BasisBibel, neuere ELBREV, NIV, NRSV. – Die grundtextnahe ESV hat trotzdem »written before the foundation«, die NIV dagegen: »Lamb slain from the foundation«, die LUTH2017 lässt die Zuordnung offen. Fazit: Offenbarung 13,8 ist kein Fall, wo die Grammatik die Theologie diktiert, sondern ein Fall, wo die Theologie die Übersetzung lenkt.
Zu Offenbarung 20,12–15
» Und ich sah die Toten, die Großen und die Kleinen, vor dem Thron stehen, und Bücher wurden geöffnet; und ein anderes Buch wurde geöffnet, welches das des Lebens ist. Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben war, nach ihren Werken. … Und wenn jemand nicht geschrieben gefunden wurde in dem Buch des Lebens, so wurde er in den Feuersee geworfen.«
Die »Brüder« der »Brüderbewegung« haben hingewiesen, dass es zwei Kategorien von Büchern gibt: eines zeichnet die Werke der Menschen auf, das andere deren göttliche Zugehörigkeit (im Heil). Beide sind strikt zu unterscheiden. Kelly und Darby weisen darauf hin, dass die Funktion des »Buches des Lebens« nicht eines der Prüfung ist, sondern als eine Art Bestätigungsregister. Das Urteil erfolge alleine nach den Werken des Menschen. Zudem: Wer vor diesem Gericht steht, ist bereits verloren! Dieses »Gericht der Toten« entscheidet nicht erst über das Heil jener »Toten«, es offenbart richterlich den bereits feststehenden Zustand. Im Gericht am Ende entscheidet Gott nicht erst, sondern er offenbart, was für ihn bereits feststand.
Zu Lukas 10,20
»[F]reut euch vielmehr, dass eure Namen in den Himmeln angeschrieben sind.«
C.H. Mackintosh (aus der »Brüderbewegung«) betont, wie wichtig diese Stelle pastoral ist. Hier zeigt sich die praktische Seite der »Brüderbewegung«. Sie nimmt den Impuls der Heilsgewissheit im Hier und Jetzt auf, und zwar nicht spekulativ, sondern existenziell. Der Gläubige soll wissen, dass sein Name dort eingeschrieben ist. Das ist das Entscheidende. Das ist von Menschen nicht wegzunehmen. Egal, ob man im Dienst für Gott Erfolg hat (wie hier) oder keinen »Erfolg« hat.
Fazit
Die Theologen (aka: Lehrväter) der »Brüderbewegung« lehrten: Das »Buch des Lebens« ist kein offenes Register, sondern der Ausdruck der ewigen, unwiderruflichen Erwählung Gottes, sichtbar gemacht im Heil der Gläubigen und bestätigt im Gericht. Manche meinen: Wer heute anders lehrt, sollte zugeben, dass er das theologische Erbe und Fundament der »Brüderbewegung« aufgegeben hat.
4 Zitate
4.1 Begriffslexikon, 2005.
»Dieser Ausdruck kommt nur in der Offenbarung (7x) und in Phil 4,3 vor. Es wird als das Lebensbuch des Lammes bezeichnet und enthält seit Anbeginn der Welt die Namen aller, die gerettet sind. Wer dort nicht verzeichnet ist, wird in den Feuersee geworfen werden (Offb 20,15). Es wird auch von anderen „Büchern“ gesprochen. Mose erwähnt eines in 2. Mose 32,32; Daniel in Kap. 12,1; und in Offb. 20,12 finden wir, dass es Bücher der Werke gibt, anhand derer die Verlorenen gerichtet werden. Aber die Gesegneten werden niemals vor das Gericht kommen (Joh. 5,24 wörtlich), und das Buch des Lebens enthält allein deren Namen.«
A Dictionary Of Some Of The More Common Biblical Words And Phrases (Galaxie Software, 2005), s.v. Book of Life. Eigene Übersetzung, Fettdruck hinzugefügt.
Kurzkommentar: Der Lexikoneintrag beschränkt sich auf die Vorkommnisse des vollen Namens »Buch des Lebens«. Dieser kommt nur im NT vor. Die Deutung ist, dass dort die Namen aller (nach Vorsatz Gottes bereits) Geretteten stehen, der Namenseintrag in diesem Buch insofern als Sicherung vor dem Gericht Gottes dienen kann. Die Namensliste ist schon seit Anbeginn der Welt statisch fest und gültig, insofern ist weder »Eintragen« noch »Löschen« in der Zeit möglich.
4.2 Roger Liebi, Das Buch des Lebens. Seminarvorlage, 1998.
»Gott liebt alle Menschen und möchte das Leben für jeden einzelnen von ihnen (1Tim 2:4; 2Pet 3:9). Deshalb schrieb er alle Menschen zur Zeit der Erschaffung der Welt („von Grundlegung der Welt an“) in das Buch des Lebens. Durch den Sündenfall kam jedoch das Verhängnis des Todes: „Der Lohn der Sünde ist der Tod“ (Röm 6:23). Der stellvertretende Tod des Herrn Jesus als Lamm Gottes brachte aber die Lösung: „die Gnadengabe Gottes aber ewiges Leben in Christus Jesus, unserem Herrn“ (Röm 6:23).
Jeder Mensch, der im Mutterleib gebildet wird, steht bereits im Lebensbuch. Wenn er jedoch in seinem Leben Gottes Angebot zur Vergebung seiner Sünden nicht in Anspruch nimmt, wird er nach Ablauf seiner Gnadenzeit aus dem Buch des Lebens getilgt. Die Gnadenzeit für den einzelnen Menschen läuft spätestens mit seinem Tod ab (vgl. Mark 2:10; Heb 9:27; 2Mos 9:12).
Beim letzten Gericht vor dem grossen, weissen Thron wird den Verlorenen mit dem Buch des Lebens deklariert werden: Gott wollte euch das Leben geben, ihr aber habt es von euch gewiesen. Eure Namen sind nicht mehr darin. Die Konsequenz davon wird die ewige Pein sein.«
Roger Liebi, Das Buch des Lebens. Seminarvorlage mit Datum 02.06.1998.
Kurzkommentar: Gott ist hier kein ewig und frei erwählender Gott mehr, wie es die Bibel vielfach bezeugt, sondern ein Gott guter Absichten, der aber letztlich hilflos zusehen und abwarten muss, ob die Menschen sich für Gottes Heilsangebot entscheiden werden. Der Mensch allein entscheidet über sein ewiges Glück. Den aktuellen Stand, den aktuellen Umsetzungserfolg des ewigen Rettungswillens Gottes, zeigen die Einträge im »Buch des Lebens«. Als Buchhalter greift Gott ggf. zum göttlichen Radiergummi, um seine eigenen (irrtümlichen?) »Eintragungen auf Probe« wieder zu entfernen. Das Buch des Lebens reduziert sich zu einem Ausweis, dass Gott im Prinzip rettende Absichten habe.
Kommentar: Soll hier wieder einmal Gott davor bewahrt werden, dass Er wie Gott handelt (vgl. Röm 9,15–24)? Liebis Entwurf hat Anklänge zu Ideen im Judentum, im Arminianismus und im Semi-Pelagianismus. Liebi benutzt diese Lehre zudem ausdrücklich als Argument gegen den »Calvinismus«, das mag seine exegetische Brille entsprechend eingefärbt haben: seine Exegese wird zumindest teilweise von seiner theologischen Prämisse getragen. Damit gerät er u. E. prinzipiell von der Exegese (Auslegung) in die Eisegese (Hineinlegung).
Die Heilige Schrift sagt: »Also liegt es nun nicht an dem Wollenden noch an dem Laufenden, sondern an dem begnadigenden Gott.« (Römer 9,16). Kann man das noch klarer sagen? Die Heilsergreifung liegt nicht im Willen des Sünders, mag man noch so viel von seinem Wollen reden. Gott muss ihm erst und notwendig einen erneuerten Willen (als Teil der Gabe des neuen Lebens) verleihen. Und mit diesem erneuerten Willen will der Beschenkte (Begnadigte) dann tatsächlich und unfehlbar das Heil. Mit dieser Vorgehensweise stellt Gott sicher, dass Er allein alle Retterehre bekommt. Alle anderen Ansätze sind mithin ehrabschneidend.
Die schnellste Widerlegung der Lehrauffassung Liebis ist übrigens der Verweis auf Offenbarung 13,8 und 17,8, wo eindeutig auf der Erde lebende und handelnde Menschen beschrieben werden, aber bezeugt wird, dass diese nicht im Buch des Lebens stehen.
Sprachverirrung. Liebi legt erhebliches Gewicht darauf, dass in Offenbarung 13,8 bzw. 17,8 ein griechisches Perfekt verwendet wird. Er argumentiert sinngemäß: Das Perfekt bedeute: »eingeschrieben worden und noch immer eingeschrieben sein«. Da im Satz dies verneint werde, könne/müsse man daraus schließen: Sie stehen jetzt nicht mehr darin, obwohl sie vorher darin standen. Das ist aber der Streitpunkt. Hält sein Argument?
Sprachlich. Tatsächlich beschreibt das Perfekt γέγραπται / γεγραμμένοι einen bestehenden Zustand: »steht geschrieben / ist eingeschrieben«. Mit einer Negation bedeutet es daher: »steht nicht geschrieben / befindet sich nicht als Eingetragener darin«, also wieder ein Zustand. Es redet nicht von einer Dynamik im Sinne von: »war früher eingeschrieben und wurde inzwischen gelöscht«. Für solch eine Deutung müsste der Kontext ausdrücklich einen Vorgang des Löschens oder einen früheren gegenteiligen Zustand anzeigen. Liebis Deutung ist weder sprachlich noch logisch richtig.
Liebi schrieb: »Deshalb schrieb er alle Menschen zur Zeit der Erschaffung der Welt („von Grundlegung der Welt an“) in das Buch des Lebens.« (Fettdruck hinzugefügt). Offenbarung 17,8 widerspricht dieser Behauptung Liebis. Dort steht gegenteilig: »dessen Name von Grundlegung der Welt an nicht geschriebensteht …«. Die Zeitbestimmung reicht hier bis zur Grundlegung der Welt zurück: Der Name der Gemeinten war in der Erdenzeit (dies schließt offenbar die Lebenszeit der Gemeinten mit ein) noch nie eingeschrieben gewesen! – Im Licht von Epheser 1 kann man richtiger argumentieren: Die Zugehörigkeit zum Buch des Lebens geht der Entscheidung des Menschen in Raum und Zeit voraus, denn es steht geschrieben: »wie er uns auserwählt hat in ihm vor Grundlegung der Welt« (Eph 1,4).
Nimmt man Offenbarung 21,27 dazu, wird der systematisch-theologische Schwachpunkt noch deutlicher. Nach Liebis Auffassung möchte Gott grundsätzlich, dass (auch) dieser Mensch gerettet wird. Erst der Tod bzw. die endgültige Ablehnung Christi entscheide darüber, ob der Eintrag Bestand hat. Das Lebensbuch wird mithin zum »Provisorium« und dokumentiert höchsten Gottes gute Rettungsabsichten. Damit verliert das Buch aber genau die Funktion, die es in der Offenbarung offenbar hat: Dort bezeichnet es die sichere Zugehörigkeit zum Lamm.
4.3 John MacArthur, Divine Immutability and the Doctrines of Grace, 2006.
»Der Plan Gottes war von Ewigkeit her, einen Teil der gefallenen Menschheit durch das Werk des Sohnes und zur Ehre des Sohnes zu erlösen (vgl. 2Tim 4,18). Es gab einen Moment in der Ewigkeit vor der Zeit (wenn wir so in unvollkommen zeitlichen Begriffen von der Ewigkeit sprechen dürfen), als der Vater seine vollkommene und unbegreifliche Liebe zum Sohn zum Ausdruck bringen wollte. Um dies zu tun, beschloss er, dem Sohn eine erlöste Menschheit als Liebesgabe zu geben – eine Schar von Männern und Frauen, deren Aufgabe es sein sollte, den Sohn während aller Äonen der Ewigkeit zu preisen und zu verherrlichen und ihm vollkommen zu dienen. Engel allein würden in dieser Hinsicht nicht ausreichen, denn es gibt Eigenschaften des Sohnes, für die Engel ihn nicht richtig preisen können, da sie die Erlösung nie erfahren haben. Aber eine erlöste Menschheit, als direkte Empfänger seiner unverdienten Gunst, würde für immer als ein ewiges Zeugnis für die unendliche Größe seiner Barmherzigkeit und Gnade stehen.
Der Vater beschloss daher, dem Sohn eine erlöste Menschheit als sichtbaren Ausdruck seiner unendlichen Liebe zu geben. Dabei wählte er alle aus, die diese erlöste Menschheit bilden sollten, und schrieb, bevor die Welt begann, ihre Namen in das Buch des Lebens (Offb 13,8; 17,8). Sein Geschenk an den Sohn besteht aus denjenigen, deren Namen in diesem Buch stehen – eine freudige Gemeinde unverdient Heiliger, die den Sohn für immer preisen und ihm dienen werden.«
John MacArthur, Divine Immutability and the Doctrines of Grace. Vorwort in: Steven J. Lawson, Foundations of Grace (A Long Line of Godly Men), Lake Mary, FL: Ligonier Ministries, 2006. Eigene Übersetzung, Fettdruck hinzugefügt.
Kurzkommentar: Das Buch des Lebens enthält hier alle vorzeitlich zur Gemeinschaft mit dem Sohn und damit zum Heil erwählten Menschen, und zwar «bevor die Welt begann« (daher können die Namen dann auch »seit« Anbeginn der Welt im Buch stehen, und zwar statisch). Die Liste ist fix, es gibt in der Zeit weder einen Neueintrag noch eine Löschung.
Fazit im Überblick
Man könnte die einzelnen Ansichten in Zusammenschau biblisch begründet so bewerten:
Aussage
Urteil
Grund
Es gibt ein »Buch des Lebens«
richtig
Dan 12,1; Phil 4,3; Offb 3,5; 20,15
Das Buch spielt beim letzten Gericht eine entscheidende Rolle
richtig
Offb 20,12.15
Die Verlorenen werden nach ihren Werken gerichtet
richtig
Offb 20,12–13
Die Bibel enthält ein Reden vom »Auslöschen« aus einem göttlichen Buch
richtig
2Mo 32,33; Ps 69,29; Offb 3,5
Alle diese »Bücher« müssen exakt dasselbe Register sein
fragwürdig
unterschiedliche Kontexte und Funktionen
Psalm 139,16 beweist eine Eintragung jedes Menschen ins Lebensbuch
falsch
dort sind Davids Tage aufgezeichnet
Das griechische Perfekt in Offb 13/17 beweist eine frühere Eintragung
falsch
das Perfekt bezeichnet den bestehenden Zustand, nicht dessen Gegenteil in der Vergangenheit
Alle Menschen sind von Anfang an im Lebensbuch
schriftlich nicht belegt und m. E. abzulehnen
besonders Offb 17,8 spricht dagegen
Ungläubige werden bei Tod/Ende der Gnadenzeit gelöscht
nicht belegt
kein Text sagt dies ausdrücklich
Die Erwählten stehen von Grundlegung der Welt an im Buch
sehr gut begründet
Offb 13,8; 17,8; vgl. Eph 1,4
Ein wahrer Gläubiger kann daraus gelöscht werden
nein
Offb 3,5 ist gerade Heilszusage; Joh 10,28; Röm 8,29–39
Das Buch dokumentiert die Erlösten des Lammes
ja
Offb 13,8; 20,15; 21,27
Das »Buch des Lebens des Lammes« bezeichnet Gottes ewige Kenntnis und Erwählung derjenigen, die Christus gehören und durch sein Blut erlöst wurden. Ihre Namen stehen darin von Grundlegung der Welt an. Diese Erwählung verwirklicht sich geschichtlich durch Berufung, Wiedergeburt, Buße und Glauben und führt aufgrund Gottes bewahrender Gnade zum Beharren. Offenbarung 3,5 droht dem echten Gläubigen nicht mit Löschung, sondern versichert dem Überwinder mit größtem Nachdruck, dass Christus seinen Namen niemals auslöschen wird.
Die alttestamentlichen Aussagen vom Auslöschen aus (irgend) einem »Buch« sind in ihrem jeweiligen Bundes- und Lebenskontext zu verstehen und dürfen nicht ohne Weiteres mit dem eschatologischen Lebensbuch des Lammes gleichgesetzt (identifiziert) werden.
Damit scheint mir insbesondere Roger Liebi im genannten Werk einen richtigen exegetischen Befund – die Sprache vom »Auslöschen« – wahrzunehmen, daraus aber eine wesentlich größere Theorie abzuleiten, als die Bibeltexte tragen oder meinen können. Besonders seine Deutung von Psalm 139,16 und des griechischen Perfekts sowie die universale Einschreibung aller Menschen überzeugt angesichts des Textes und der Lehre der Heiligen Schrift nicht. Er weist nicht überzeugend nach, worüber die angezogenen Textstellen tatsächlich reden: ob über das irdische Leben, die Bundeszugehörigkeit zu Israel oder das ewige Heil.
Die oben gegebene Deutung von Offenbarung 13,8; 17,8 und 3,5 aus eher reformatorischer und gemäßigt reformierter (wie ursprünglich in der »Brüderbewegung« gegebenen) Sicht besitzt u.E. nach die deutlich größere exegetische Erklärungskraft.
Beiläufig wird deutlich, wie die »Weltanschauung«, die kirchliche Positionierung und das religiöse Umfeld eines Auslegers seine Auslegung einer Bibelstelle aus ihrer Textgebundenheit entfremden oder sogar herauslösen kann. Wir stehen alle in Gefahr, unsere persönlichen Wünsche und Vorstellungen in einen Bibeltext hineinzulesen, anstatt uns von diesem »Wort der Wahrheit« informieren, überzeugen und prägen zu lassen.
Die 7 Fortschrittsberichte des Lukas in der Apostelgeschichte
Lesedauer: 17 Minuten. Maybe longer. Grab a coffee and open your Bible!
Einleitung
Die Apostelgeschichte (Apg) lässt sich grob in zwei Teile gliedern: den Dienst des Petrus (Apg 1–12) und den Dienst des Paulus (Apg 13–28). Das Wirken Jesu Christi durch seine Apostel bewegte und durchdrang das ganze römische Weltreich. Lukas zeigt das Vordringen des Evangeliums in seinem Bericht in sieben Abschnitten, von denen jeder mit einem kurzen Fortschrittsbericht abschließt. Diese sieben Abschnitte der Apg beschreiben die Etappen, in denen der Auftrag des Herrn aus Apg 1,8 ausgeführt wurde: »ihr werdet meine Zeugen sein, sowohl in Jerusalem als auch in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde«.
Das unaufhaltsame Wirken des verherrlichten Christus zur Rettung von Menschen und zur Auferbauung Seiner Gemeinde mittels seiner Nachfolger und Diener ist äußerst mutmachend auch für seine Nachfolger und Diener heute. Wir sehen die Erfüllung der Verheißung Jesu Christi: »Ich werde meine Versammlung bauen, und die Pforten des Hades werden sie nicht überwältigen« (Matthäus 16,18b).
Erstens: Die Apg berichtet, wie der Herr Jesus Christus nach seiner Himmelfahrt von seinem himmlischen Thron aus mittels seiner Apostel und Diener das große Werk fortsetzte, seine Gemeinde zu bauen (Mt 16,18). Der Tempel stand noch in Jerusalem, wo der Herr verworfen wurde und den er verlassen hatte (sein Exodus). Was Israel betrifft, begann dann eine Zeit desÜbergangs, der sich nach der Ermordung des Christus-Zeugen Stephanus noch beschleunigte. Diese Übergangszeit dauerte etwa 40 Jahre. Der »alte [Bund] war dem Verschwinden nahe« (Hebräer 8,13), während die Gemeinde Christi im neuen Bund auf der Erde wuchs und wuchs. Christus im Himmel kümmerte sich mit größtem Interesse um dieses Wachstum. In dieser Zeit wandte Er sich weiterhin Seinem irdischen Volk besonders zu. Noch galt: »den Juden zuerst« (vgl. Apg 3,26; 13,46; Römer 1,16; 2,9–10).
Zweitens: Lukas’ Fortschrittsberichte werden gegeben, um zu bestätigen, dass Gottes Werk trotz gewaltiger Widerstände von außen und von innen weiterging. Das soll uns Nachfolger Jesu auch heute noch ermutigen. Leiden begleiteten das neue Werk Christi, wie sie auch Seinen irdischen Dienst schon begleiteten. Doch dessen ungeachtet geht es voran, Lukas berichtet von wunderbaren Ergebnissen.
Diese beiden Punkte bilden ein zentrales Thema in der gesamten Apg und im Neuen Testament. Die sieben Fortschrittsberichte des Lukas in der Apg fassen zusammen, wie ChristiGröße und Macht in Gemeindebau und Missionsichtbar wurde. Während der Herr auf der Erde gewesen war, war Er bei Seinen Jüngern (vgl. Matthäus 28,20) – Er war es auch jetzt weiterhin, wenn auch unsichtbar. Die Herausforderung der Jünger bestand also darin, in Glauben, Gehorsam und Liebe dem verherrlichten Herrn treu zu dienen (Hebräer 11; Johannes 14,21.23).
Das ist auch unsere Herausforderung: 1. Arbeitest Du fleißig und mutig mit im großen Werk Jesu Christi in dieser Welt? – 2. Gehörst Du aktiv und verbindlich einer Gemeinde Jesu Christi an? Denn Christus baut seine Gemeinde, nicht Solo-Nachfolger und YouTube-Christen.
Die sieben Fortschrittsberichte
1. »Der Herr aber fügte täglich hinzu, die gerettet werden sollten« (Apg 2,47b)
Dieser Vers bildet die Zusammenfassung, die Lukas nach seiner Zusammenfassung über das Tun und Lassen der Urgemeinde gibt (Apg 2,42–47a; siehe Artikel »Die Kennzeichen der Jerusalemer Urgemeinde«). Er enthält den ersten von sieben Fortschrittsberichten in der Apg.
Das mit »hinzufügen« übersetzte Verb (prostithemi; Imperfekt Aktiv: »fügte fortwährend hinzu«) wird im Lukasevangelium siebenmal und in der Apg sechsmal verwendet. Es ist ein Wort, das Lukas wahrscheinlich aus der Septuaginta (der alten griechischen Übersetzung des AT) übernommen hat, wo es mehr als 300-mal vorkommt. Es steht in Verbindung mit dem Wort »Zahl« (arithmos) (vgl. 4,4; 5,36; 6,7; 11,21; 16,5). Der Herr fügte hinzu und zählte: Für Ihn zählt jeder Einzelne!
Es sollte unsere Herzen berühren, zu sehen, dass der Herr Jesus im Himmel, obwohl Er vom jüdischen Volk verworfen worden war, 3.000 Menschen aus dessen Mitte nahm und sie zu Pfingsten Seinem neuen Zeugnis hinzufügte (2,41)! Er fuhrtäglich fort, Gerettete hinzuzufügen und sie als Glieder in diesen neuen Leib von Gläubigen aufzunehmen. Unser gesegneter Herr fährt damit fort, bis die Zahl vollständig sein wird und Er kommen kann, um uns alle in den Himmel zu nehmen (1Thessalonicher 4,14–18)! Er alleinist der Herr und hat daher die Autorität, hinzuzufügen und zu zählen. Doch Er gebraucht uns als Seine Werkzeuge auf der Erde, um Seinen Plan auszuführen.
Es muss für unseren verherrlichten Herrn besonders kostbar gewesen sein, Menschen aus Seinem eigenen irdischen Volk, das Ihn verworfen hatte, hereinzubringen und sie dieser neuen Gemeinschaft von Gläubigen hinzuzufügen, die für den Himmel bestimmt war – und dies in eben jener Stadt, die Ihn hinausgestoßen hatte. Apg 2,47 zeigt uns, dass Christus in Herrlichkeit Gottes ewigen Ratschluss erfüllt (vgl. Römer 8,29–30), was diese Menschen betrifft, die an Ihn glaubten und die nach Gottes Plan Tag für Tag hinzugefügt wurden.
2. »Und das Wort Gottes wuchs, und die Zahl der Jünger in Jerusalem mehrte sich sehr; und eine große Menge der Priester wurde dem Glauben gehorsam.« (Apg 6,7)
Das Hinzufügen ging weiter (2,41.47; 5,14; 11,24), und Lukas’ zweiter Bericht spricht von einem schnellen und beeindruckenden Wachstum. »Das Wort wuchs« (Imperfekt Aktiv: »wuchs fortwährend«), und dies zeigte sich in vielen neuen Bekehrungen. Die Jünger vermehrten sich außerordentlich, als neue Gläubige sich den Interessen Christi widmeten.
Beachten wir, dass dieser Fortschritt in Jerusalem stattfand – angesichts des zunehmenden Widerstands der religiösen Führer, also eines Widerstands von außen.
Die Zunahme geschah trotz zweier Versuche des Feindes, das neue Zeugnis von innen heraus zu verderben: durch Hananias und Saphira (Apg 5) sowie durch die griechischen Witwen (6,1). Das Wort wuchs umso mehr, weil die Apostel nun von der täglichen Versorgung mit Nahrung entlastet waren.
Wir lernen auch, dass dieses Wachstum nicht das Ergebnis menschlicher Methoden oder Zweckmäßigkeit war, sondern ein Werk Gottes, das Seinem Vorsatz gemäß durch Sein Wort geschah (vgl. die anderen Berichte).
Ein besonderer Triumph war, dass viele der Priester, die Sadduzäer waren und die Auferstehung stets abgelehnt hatten (und voller Zorn gegen die Apostel gewesen waren; 5,17!), dem Glauben gehorsam wurden. Dies zeigt eine dramatische Veränderung ihrer Überzeugung (6,7).
Der Herr im Himmel setzte Sein Werk als der große Sämann fort, und Gott gab das Wachstum auf vielfältige Weise!
3. »So hatte denn die Versammlung durch ganz Judäa und Galiläa und Samaria hin Frieden und wurde erbaut und wandelte in der Furcht des Herrn und mehrte sich durch die Ermunterung des Heiligen Geistes.« (Apg 9,31)
Auf den gewaltsamen Tod des ersten Märtyrers, Stephanus (Apg 7), folgte eine gewaltige Verfolgung (8,1–4). Doch der Same des Wortes wurde durch diejenigen, die aus Jerusalem fliehen mussten, noch weiter ausgestreut, und so ging das Wachstum weiter (siehe auch 6,1.7; 12,24). Vielleicht zeigte sich der größte Sieg für den Herrn in Herrlichkeit in der Bekehrung des eifrigsten Verfolgers, Saulus, der selbst zu einem hingebungsvollen Jünger wurde.
Betrachten wir einige wichtige Ausdrücke:
Frieden. Der Schluss von Apg 9,31 bezieht sich auf alle Versammlungen/Gemeinden in den drei genannten Gebieten: Judäa, Galiläa und Samaria. Ihr Wandel entsprach Gottes Gedanken, ohne Ausnahme, denn sie wandelten in der Furcht des Herrn, in Gehorsam und Unterordnung unter Ihn. Was für eine Lektion und Herausforderung für uns heute! Diese drei Gebiete hatten vor der Verkündigung des Evangeliums große Feindschaft gegeneinander erfahren. Doch die frühere Feindschaft hatte sich nun in Frieden verwandelt [Imperfekt Aktiv: »sie hatten fortwährend Frieden«] – unter der Aufsicht des Herrn in der Zeit der Gnade, zumindest soweit es die Gläubigen aus diesen Gebieten betraf (vgl. Römer 14,17).
Frieden (gr. eirēnē) ist ein wichtiges Merkmal in den Schriften des Lukas. Er erwähnt ihn 14x in seinem Evangelium (1,79; 2,14.29; 7,50; 8,48; 10,5.6 2x; 11,21; 12,51; 14,32; 19,38.42; 24,36) und 7x in der Apg (7,26; 9,31; 10,36; 12,20; 15,33; 16,36; 24,2). Auch im Dienst des Paulus, in den uns die Schriften des Lukas einführen, ist Frieden ein wesentliches Merkmal. Paulus erwähnt ihn 52-mal in seinen 14 Briefen – wenn wir den Hebräerbrief einbeziehen – und ebenso die verwandten Verben »Frieden machen« und »in Frieden leben« sowie das Adjektiv »friedlich«.
Auferbauung. Sie wurden auferbaut (vgl. Apg 20,32). Große Unterschiede in Bezug auf ethnische Herkunft, Kultur und andere Sichtweisen bestanden weiterhin. Doch nachdem sie in eine neue Beziehung zueinander gebracht worden waren, herrschte Frieden unter den Christen, während sie auferbaut wurden und in der Gnade und Erkenntnis des Herrn wuchsen (2Petrus 3,18). Das Verb »auferbauen« (oikodomeo) ist eine Zusammensetzung aus »Haus« und »aufbauen«. Im Neuen Testament wird es sowohl mit dem Haus Gottes als auch mit dem Leib Christi verbunden. Lukas’ Verwendung des Verbs »auferbauen« in seiner dritten Zusammenfassung bezieht sich sehr wahrscheinlich auf beide Aspekte. Obwohl die lehrmäßige Erklärung erst später folgen würde, besonders im Rahmen des Dienstes des Paulus, bestand nun wahre Einheit nach Gottes Gedanken zwischen diesen sehr unterschiedlichen Menschengruppen, die verschiedene Kulturen repräsentierten. Das ist nicht dasselbe wie die menschliche Neigung zur Uniformität/Gleichförmigkeit. So sollte es auch heute sein.
Wandeln in der Furcht des Herrn. Lukas beschreibt den Wandel aller Gläubigen und Gemeinden als ein »gemeinsames Wandeln« – sich gemeinsam verhalten bzw. gemeinsam vorangehen – in der Furcht des Herrn. Diese Lebensweise eröffnet ein weitreichendes Studiengebiet und stellt uns vor eine Herausforderung. Ohne diese »Furcht« können wir Gottes Wort nicht sinnvoll in die Praxis umsetzen (vgl. Maleachi 1,6; 2,5; 1Korinther 2,3; 2Korinther 7,1; Epheser 5,21; 1Petrus 1,17; 2,18; 3,2; Judas 23).
Trost des Heiligen Geistes. Darüber hinaus wurde, während unser Herr im Himmel durch den Heiligen Geist wirkte, Trostdurch Ihn gegeben. Der Dienst des Heiligen Geistes, des Trösters, ist charakteristisch für die Apg und für die Zeit der Gnade, in der wir leben. Das Wort Trost (paraklesis = »zur Seite gerufen«; Beistand) bedeutet auch Ermutigung und Ermahnungund wird in der Apg 4x in unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet (4,36; 9,31; 13,15; 15,31).
Diese wichtigen Faktoren – Frieden, Auferbauung, Wandel in der Furcht des Herrn und Trost des Heiligen Geistes – führten gemeinsam zu großem Wachstum – zahlenmäßig als auch geistlich. Lukas verwendet dieses Verb auch in Apg 12,24 und betont damit den geistlichen Aspekt des Wachstums durch das Wort des Herrn.
4. »Das Wort Gottes aber wuchs und mehrte sich.« (Apg 12,24)
Einige Übersetzungen von Apg 12,24 haben: »das Wort des Herrn«. Beide Gedanken stimmen mit dem überein, was wir am Ende des zweiten Fortschrittsberichts gesehen haben: ein Werk Gottes durch Sein Wort unter der Führung des Herrn Jesus. Die Zunahme an Zahl und geistlicher Qualität wurde durch das Wort Gottes bewirkt. Dies wird in Lukas’ Fortschrittsberichten mehrfach wiederholt (6,7; 19,20; siehe auch 28,30–31).
Dieses fortgesetzte Wachstum (dasselbe Verb wachsen [auxano; Imperfekt Aktiv] wie in 6,7; 7,17; 19,20) geschah trotz großer Widerstände: Jakobus war getötet und Petrus war gefangen genommen worden, aber gerade freigelassen worden.
Lukas’ vierte zusammenfassende Aussage steht am Ende seines Berichts vom Dienst des Petrus. Obwohl dieser Apostel weiterhin wirkte, wahrscheinlich sogar noch kurze Zeit nach dem Tod des Paulus, richtet Lukas von diesem Punkt an unsere Aufmerksamkeit auf das, was der verherrlichte Messias durch Paulus wirkte. Diese Zusammenfassung (12,24) ist daher ein Wendepunkt im Bericht des Lukas.
5. »Die Versammlungen nun wurden im Glauben befestigt und mehrten sich täglich an Zahl.« (Apg 16,5)
Dieser Fortschrittsbericht beschreibt den fortgesetzten Sieg der Gnade über das Böse, nach dem geistlichen Kampf mit den Judaisten und sogar nach der Auseinandersetzung zwischen Paulus und Barnabas wegen Johannes Markus. Diese beiden »negativen« Entwicklungen, die in Apg 15 beschrieben werden, werden von folgenden »positiven« Bemerkungen des Lukas gefolgt:
Die Zunahme erfolgte trotz des intensiven »äußeren« Konflikts mit den Judaisten und des «inneren« Streits zwischen Paulus und Barnabas (vgl. Apg 5–6). Es gab weiterhin Wachstum als Ergebnis der fortdauernden Gnade und Treue des Herrn.
In diesem schwierigen Zusammenhang wird die Notwendigkeit inneren und äußeren Wachstums offensichtlich. Die beiden Verben »befestigt« (stereoo; im Glauben) und »nahm zu« (perisseuo; an Zahl) bestätigen dies. Wie kostbar muss es für den Herrn im Himmel gewesen sein, dieses Wachstum zu sehen!
Christus ist täglich an diesem Werk beteiligt, während Er die Gemeinde für sich selbst zubereitet (vgl. Epheser 5,25–27). Sein fortdauerndes Wirken hebt unsere eigene Verantwortung nicht auf. Wir müssen beten und Fürbitte tun sowie Sein Wort täglich lesen und studieren.
Bei der Beschreibung der zweiten Missionsreise des Paulus verwendet Lukas zum letzten Mal das Wort »Zahl« (arithmos, von dem unser Wort »Arithmetik« stammt) (vgl. 4,4; 5,36; 6,7; 11,21). Unser Herr weiß, wie man Rechnung führt – und Er tut es!
Das Verb »zunehmen« (perisseuo) wird nur in Lukas’ fünfter Zusammenfassung verwendet (16,5). An anderen Stellen wird es mit »überströmen« oder »reichlich vorhanden sein« übersetzt. Es erinnert uns an das überreiche, kraftvolle Leben, das in diesem »Samen Gottes« vorhanden ist (vgl. Maleachi 2,15) und sich in neuen Nachkommen zeigt.
Eine Reaktion aufseiten der Gläubigen wird durch das Wort »Glaube« ausgedrückt. Obwohl der Herr die Befestigungbewirkte, waren sie selbst aktiv an diesem Prozess beteiligt, indem sie glaubten. Die Schrift hält das Gleichgewicht zwischen Gottes Wirken und unserer Verantwortung aufrecht (vgl. Philipper 2,12–13).
6. »So wuchs das Wort des Herrn mit Macht und nahm überhand.« (Apg 19,20)
Diese Aussage erfolgte unmittelbar nach der Beschreibung des Sieges Christi in Ephesus. Dazu gehört die Bemerkung: »Viele aber von denen, die Zauberei getrieben hatten, trugen die Bücher zusammen und verbrannten sie vor allen; und sie berechneten deren Wert und kamen auf fünfzigtausend Stück Silber« (V. 19).
Lukas gibt hier eine eindrucksvolle Darstellung der Macht Christi in Herrlichkeit, die durch Sein Wort wirkte (19,19–20). Der Begriff »[mit] Macht« (gr. kratos) kommt in der Apg nur hier vor. Es handelt sich um einen militärischen Begriff, der den Gedanken von Herrschaft und Kontrolle beinhaltet. Alles muss dem Herrn Jesus unterworfen werden, wie Apg 19 zeigt (vgl. Mt 28,18b). Seine Verwendung an anderen Stellen bestätigt die Herrschaft, Kontrolle oder das Regiment des Herrn. (Das Wort kratos kommt im griechischen NeuenNT zwölfmal vor: Lukas 1,51; Apg 19,20; Epheser 1,19; 6,10; Kolosser 1,11; 1Timotheus 6,16; Hebräer 2,14; 1Petrus 4,11; 5,11; Judas 1,25; Offenbarung 1,6; 5,13.)
Lukas verwendet hier zum letzten Mal in der Apg das Verb »wachsen« (auxano) (außer 6,7; 7,17; 12,24). An anderen Stellen im Neuen Testament bezeichnet dieses Verb das geistliche Wachstum der Gläubigen als Ergebnis des Wortes Gottes (Kolosse 1,6). Dies könnte neben der zahlenmäßigen Zunahme ebenfalls in Apg 19,20 gemeint sein.
Dieser sechste zusammenfassende Bericht beendet Lukas’ Rückblick auf den Dienst des Paulus in Ephesus. Er betont, dass unser erhöhter Herr Macht und Sieg über die Mächte der Finsternis hat, obwohl dies unmittelbar vor dem großen Aufruhr geschah. Und so war es – wie es häufig der Fall ist – ein Sieg in Schwachheit (vgl. 2Korinther 1,4–10; 12,9–10).
Welche Freude muss es für den Herrn gewesen sein zu sehen, wie Sein Zeugnis gerade im Zentrum des Okkultismus aufgerichtet wurde! Wie es an Macht zunahm angesichts der gewaltigen Aktivitäten Satans. Ephesus wurde über Jahrhunderte zu einem der Zentren christlicher Kraft. Timotheus kam hierher, ebenso der Apostel Johannes sowie Polykarp und Irenäus! Paulus errichtete dort eine gemeindenahe Bibelschule (Apg 19) und unterrichtete gut drei Jahre lang täglich! Viele Gemeinden wurden von den Absolventen in den umliegenden Landstrichen gegründet und geführt.
Das Wort des Herrn »nahm überhand« (ischuo, von ischus). Dies zeigt nicht nur Seine Stärke und Seinen Sieg, sondern auch, dass Er Sein Wort gebrauchte, das Seine Macht darstellt, um dieses Ziel zu erreichen. Mögen auch wir Sein Wort in diesem Sinne gebrauchen und uns auf Seine Stärke verlassen!
Sich durchsetzen, überhand nehmen, siegen. Das griechische Neue Testament verwendet das Verb ischuo 28-mal im Sinn von stark sein, fähig sein oder mächtig sein. In Apg 19,20 wird es mit »siegte« übersetzt. – In den Schriften des Lukas kommt es 14-mal vor. In 13 Fällen bezieht es sich auf den Menschen und zeigt im Allgemeinen, dass er nicht fähig ist: achtmal in seinem Evangelium (6,48; 8,43; 13,24; 14,6.29.30; 16,3; 20,26) und fünfmal in der Apg (6,10; 15,10; 19,16; 25,7; 27,16). → Der einzige Fall, in dem Lukas dieses Wort in Bezug auf Christus verwendet, betont, dass Er fähig ist: Er siegte durch Sein Wort (19,20).
7. »Er [Paulus] aber blieb zwei ganze Jahre in seinem eigenen gemieteten Haus und nahm alle auf, die zu ihm kamen, und predigte das Reich Gottes und lehrte mit aller Freimütigkeit ungehindert die Dinge, die den Herrn Jesus Christus betreffen. « (Apg 28,30–31)
Lukas’ siebter Fortschrittsbericht ist zugleich der dritte und letzte Rückblick auf den Dienst des Paulus. Er zeigt, wie der Herr »die Kontrolle hat«, indem Er die schwierigen Umstände des Paulus gebrauchte, um Seine eigenen Interessen auf der Erde voranzubringen. Später entschied der Herr, noch weitere Schwierigkeiten zuzulassen, wie sie im 2. Timotheusbrief aufgezeichnet sind. Doch auch dann hatte Er die volle Kontrolle, wie wir später noch ausführlicher sehen werden.
Lukas ist der einzige neutestamentliche Autor, der eine bestimmte Form des griechischen Verbs »aufnehmen«(apodechomai) verwendet. Er tut dies 7x (Lukas 8,40; 9,11; Apg 2,41; 18,27; 21,17; 24,3; 28,30). Dieses Verb zeigt die Haltung des »Gottes aller Gnade« (1Petrus 5,10), die sich in Paulus als Seinem willigen Werkzeug widerspiegelte, indem er alle aufnahm, die zu ihm kamen.
Apg 28,30 zeigt, dass Paulus kein »Partei-Mensch« war, denn er nahm »alle« auf, die ihn besuchen wollten, ohne Parteilichkeit und unter der Leitung der Weisheit von oben (vgl. Jakobus 3,17). Die Formulierung »ungehindert« / »ohne Hindernis« zeigt die Fürsorge des Herrn in dieser Situation. Die Menschen konnten kommen und Paulus sehen, obwohl er ein Gefangener war. Zugleich zeigt dies, wie das Werk trotz der Bemühungen des Feindes, es aufzuhalten, weiterging.
Paulus setzte seinen Dienst mit Freimütigkeit fort – »mit aller Freimütigkeit« (Zuversicht oder Freiheit im Herrn) – und richtete seinen Blick auf Ihn, indem er »das Reich Gottes verkündigte und die Dinge lehrte, die den Herrn Jesus Christus betreffen.« Die Begriffe Verkündigung, Lehre, Freimütigkeit und Reich Gottes sind alle wichtige Bestandteile des Dienstes des Paulus.
Abschließende Bemerkungen
Der Apostel Paulus befand sich in Ketten, doch Jesus Christus ließ nicht zu, dass seine Bemühungen aufgehalten oder auch nur behindert wurden! Obwohl Gottes souveräne Gnade und Barmherzigkeit ihn trugen, schloss dies nicht die Notwendigkeit aus, dass Paulus – wie wir alle –seinem himmlischen Herrn fortwährend zu vertrauen hatte.
Paulus ist in vielerlei Hinsicht ein Vorbild für jeden Christen, auch darin, ein wahrer Überwinderzu sein. Doch all seine Siege, sogar im Gefängnis, wurden dadurch möglich, dass der Herr mit Paulus wirkte, denn Er ist derjenige, der die Kontrolle hat. Mögen wir dem Beispiel des Paulus folgen, bis der Herr kommt!
Trotz des gewaltigen Widerstands genossen die Gläubigen an den verschiedenen Orten, die in Lukas’ sieben Fortschrittsberichten erwähnt werden, dieGegenwart und Unterstützung ihres verherrlichten Herrn.
Damit erfüllte sich, was Jesus Christus Seinen Jüngern vor Seinem Weggang von dieser Erde versprochen hatte: »Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters« (Matthäus 28,20; vgl. Hebräer 13,5). Im Bewusstsein Seiner Gegenwart – nicht körperlich, sondern geistlich und durch Seinen Geist, wie es im Glauben erfahren wird – wollen wir die Ermahnung beachten, unsum den Herrn zu versammeln (Hebräer 10,24), damit es trotz verschiedener Formen des Widerstands von Ungläubigen und trotz unseres eigenen Versagens etwas für Ihn geben möge.
Lasst uns um den Tisch des Herrn zusammenkommen. Lasst uns zum Namen unseres auferstandenen Herrn, Königs, Hohenpriesters und Retters Jesus Christus hingezogen werden und Seinen Namen erheben. Lasst uns Ihn preisen für Seine Barmherzigkeit, Seine Weisheit, Seine Gnade und Seine mächtige Kraft, durch die Er Sein Werk durch uns und in uns zur ewigen Herrlichkeit Gottes vollbringt!
Quellen und Disclaimer
Unter den ersten Quellen, die ich zu Inhalten und Struktur der Apg las, gehörte auch ein Artikel von Alfred Bouter, den ich in den 1980-90er Jahren in Nordamerika kennenlernte. Der Artikel trug die Überschrift: »The Work of The Lord Jesus Christ Will Never Fail – Luke’s Seven Progress Reports in Acts«. Seitdem habe ich ihn mehrfach überarbeitet und für verschiedene Gelegenheiten angepasst, zuerst bei Vorträgen in Kenia und Äthiopien auf Englisch, später in Lehrstunden zur Bibelkunde und in Predigten in deutschsprachigen Ländern. – Alfred Bouter hat die Weiterverwendung seiner Artikel und Inhalte ausdrücklich begrüßt. Er ist heute hochbetagt.
Das Beitragsbild wurde KI-unterstützt erstellt und soll nur symbolisch als BLOG-Bild wirken. Es widerspricht fast allem, was wir heute aus der Archäologie wissen. Archäologie ist auch nicht Thema des BLOG-Artikels. Wen der Herodianische Tempel näher interessiert, suche nach Leen Ritmeyer und Ritmeyer Archaeological Design. Das momentan beste 3D Modell hat wohl Daniel Smith entworfen (siehe: YouTube-Video »Jerusalem’s Temple: Building the Most Detailed Depiction of Herod’s Temple«). – Das Überblicksbild im Text ist hingegen eine zutreffende Zusammenfassung des vorliegenden Artikels (auch mithilfe von KI erzeugt).
Die Beschreibung der Urgemeinde in Apg. 2,42–47a kann in 12 Aspekte aufgeteilt werden. Diese Einteilung ist nicht explizit im Text vorhanden, sie ist also nicht zwingend. Im Folgenden skizzieren wir diese12 Kennzeichen und geben einen kurzen Hinweis auf die literarische Struktur des Abschnitts und dessen Hauptaussage. Wen die griechischen Texte nicht interessieren, kann sie überlesen und findet trotzdem interessante, ermutigende und herausfordernde Beobachtungen.
Der Leser sollte beachten, dass die Gemeinde Jesu heute nicht in Apostelgeschichte 2 lebt (was manche irrtümlich als »echter Überrest« anstreben oder gar behaupten), denn dies war eine einmalige Übergangszeit. Wir leben in der Zeit nach Apostelgeschichte 28, und der 2. Timotheusbrief passt dazu besser, als die Apostelgeschichte 2.
Die 12 Kennzeichen
1. Sie verharrten in der Lehre der Apostel
τῇ διδαχῇ τῶν ἀποστόλων – te didachē tōn apostolōn = »der Lehre der Apostel«. – Das entscheidende Verb ist προσκαρτερέω (proskartereō) = »beharrlich bei etwas bleiben, sich einer Sache beständig widmen, an etwas festhalten«. Also nicht lediglich: »Sie hörten gelegentlich Predigten«, sondern: Sie widmeten sich beharrlich der apostolischen Lehre.
2. Sie verharrten in der Gemeinschaft
τῇ κοινωνίᾳ – te koinōnia. Koinōnia bedeutet »Gemeinschaft, Teilhabe, gemeinsames Teilhaben bzw. gemeinsame Verbundenheit«. Interessant ist, dass Lukas dasselbe Verb προσκαρτεροῦντες (= beharrlich) auch hier mitdenkt: Sie waren beharrlich in der Lehre der Apostel und der Gemeinschaft. Das heißt: Die Gemeinschaft war nicht bloß ein angenehmes Nebenprodukt, sie gehörte zu ihrem beständigen geistlichen Leben.
3. Sie verharrten im Brechen des Brotes
τῇ κλάσει τοῦ ἄρτου– tē klasei tou artou – Wörtlich: »dem Brechen des Brotes«. Im Zusammenhang der frühen Gemeinde ist das besonders bedeutsam. Der Ausdruck kann zwar grundsätzlich eine gemeinsame Mahlzeit bezeichnen, aber innerhalb dieses Abschnitts und angesichts der späteren Entwicklung des Brotbrechens liegt die Verbindung mit der gemeinsamen Feier des Mahls des Herrn nahe.
4. Sie verharrten in den Gebeten
ταῖς προσευχαῖς – tais proseuchais = »den Gebeten«. – Auch hier steht das Wort unter der Herrschaft des Verbs προσκαρτερέω (proskartereō) = beharrlich. Man könnte den ganzen Vers deshalb sehr wörtlich wiedergeben mit: »Sie verharrten beharrlich in der Lehre der Apostel, in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten.«
Der Text nennt als Dauerübung der Urgemeinde ausdrücklich: Lehre – Gemeinschaft – Brechen des Brotes – Gebete. Allein in Vers 42 haben wir also bereits 4 der 12 Beschreibungselemente. Aber das ist nicht nicht alles: schon Vers 43 bringt zwei weitere Punkte:
5. Es kam Furcht über jede Seele
ἐγίνετο … φόβος – egineto … phobos = »Furcht entstand« bzw. »Furcht kam über«. Das bedeutet hier wohl nicht einfach menschliche Angst. phobos kann im biblischen Zusammenhang auch die Ehrfurcht vor Gott bezeichnen.
Bemerkenswert ist die Formulierung: πάσῃ ψυχῇ = »über jede Seele«. Lukas beschreibt damit eine Atmosphäre heiliger Ehrfurcht, die die ganze Gemeinschaft prägte.
6. Durch die Apostel geschahen viele Wunder und Zeichen
πολλά τε τέρατα καὶ σημεῖα διὰ τῶν ἀποστόλων ἐγίνετο – Wörtlich ungefähr: »viele Wunder und Zeichen geschahen durch die Apostel.« Hier haben wir τέρατα (terata) = »Wunder/außergewöhnliche Zeichen« und σημεῖα (sēmeia) = »Zeichen«, also Wunder, die auf etwas zeigten.
Lukas macht dabei eine interessante Aussage: Die Wunder geschahen διά τῶν ἀποστόλων – »durch die Apostel«. Damit wird das Zeugnis und die Predigt der Apostel von Christus von Gott bestätigt, denn sie taten Wunder, wie sie auch Christus (als Messias) öffentlich getan hatte .
7. Die Gläubigen waren »beieinander«
πάντες δὲ οἱ πιστεύοντες ἦσαν ἐπὶ τὸ αὐτό – Hier ist die Formulierung ἐπὶ τὸ αὐτό (epi to auto) wichtig. Sie bedeutet wörtlich etwa: »an demselben [Ort/zusammen]«. Also: Alle Glaubenden waren zusammen. Es geht um eine tatsächliche, sichtbare Zusammengehörigkeit. Die Form dieses Beieinanderseins der Urgemeinde markiert m. E. einen frischen, angemessenen Anfangszustand, der vorübergehen würde: Die Gemeinde Jesu würde sich geografisch ausbreiten und nur noch dünnere, aber ebenso herzliche Verbindungen über die Distanz pflegen (s. Briefe des NT).
8. Sie hatten alles gemeinsam
εἶχον ἅπαντα κοινά – hapanta koina = »sie hatten alles gemeinsam«. Hier kommt wieder das Wortfeld von κοινωνία (koinōnia) zum Vorschein. Die Gemeinschaft aus Vers 42 blieb also nicht theoretisch. Sie zeigte sich praktisch im Umgang mit den materiellen Gütern: sie teilten ihre Habe, damit keiner Mangel hatte. Gab es trotzdem Mangel, »versilberte« man Immobilien des Landes. Jeder konnte sehen: Das vormals das Denken der Juden dominierende irdische Erbteil der Juden gab Raum für ein neues, geistlich-himmlisches Erbteil (ohne das andere auszulöschen). Das zeigen die zwei nächsten Punkte:
9. Sie verkauften Besitz und Güter
τὰ κτήματα καὶ τὰς ὑπάρξεις ἐπίπρασκον – ta ktḗmata kai tas hypárxeis epípraskon – Die beiden Begriffe sind interessant: κτήματα (ktēmata, Pl. von ktēma) = »Besitztümer, Grundstücke (immobil)« und: ὑπάρξεις (hyparxeis, Pl. von hyparxis) = »Besitz, Habe, Vermögen, Güter«. Beide Wörter überschneiden sich in der Bedeutung, es geht um den gesamten materiellen Besitz.
Das Verb ἐπίπρασκον (epípraskon) steht im Imperfekt: »sie verkauftenfortwährend, sie pflegten zu verkaufen«. Das spricht also nicht unbedingt von einem einzigen, einmaligen Verkauf ihres gesamten Besitzes, sondern von einer fortlaufenden Praxis, den eigenen Besitz zu veräußern, wenn ein anderer ungestillte Bedürfnisse hatte. Das ist ein wichtiger Punkt, weil der Text anschließend den Zweck nennt.
10. Sie teilten entsprechend dem Bedarf aus
διεμέριζον αὐτὰ πᾶσιν καθότι ἄν τις χρείαν εἶχεν – »sie verteilten es an alle, je nachdem, wie jemand Bedarf hatte«. – Hier steht χρεία (chreia) = »Bedürfnis, Bedarf, Notwendigkeit«. Das bedeutet also nicht einfach: »Alle bekamen gleich viel« (sog. Gießkanne), sondern: Jeder erhielt entsprechend seinem Bedarf.
Damit haben wir zwei unterscheidbare Handlungen in V. 45: »verkaufen« und »verteilen nach Bedarf«.
11. Sie waren täglich einmütig im Tempel
καθ᾽ ἡμέραν … προσκαρτεροῦντες ὁμοθυμαδὸν ἐν τῷ ἱερῷ – kath’ hēméran … proskarteroûntes homothymadòn en tō̂ hierō̂ – Hier wird es sprachlich besonders interessant: »Tag für Tag … verharrten sie einmütig im Tempel«.
Wir haben hier vier wichtige Ausdrücke: (1) kath’ hēméran = »täglich«; (2) proskarteroûntes = »beharrlich / beständig« (wie in V. 42); (3) homothymadón = »einmütig«, mit einer Gesinnung und (4) en tō̂ hierō̂ = »im Tempel«. Das ist mehr als nur »sie gingen jeden Tag in den Tempel«. Sprachlich werden hier im Griechischen Häufigkeit, Beständigkeit und innere Einheit gleichzeitig hervorgehoben.
(Und es begegnet uns wieder proskartereō, dasselbe Verb wie in V. 42. Dies zeigt an, dass man das »Verharren« der Gemeinde nicht auf die vier erstgenannten Punkte begrenzen sollte, wie es gerne getan wird!)
Theologisch sehr schön ist, dass Lukas die Beschreibung mit ihrem beharrlichen Festhaltenan den geistlichen Dingen (V. 42) beginnt und dann ihr beharrliches tägliches Zusammenkommen (V. 46) beschreibt.
12. Sie aßen gemeinsam mit Freude und Einfalt des Herzens
Nun kommt: κλῶντές τε κατ᾽ οἶκον ἄρτον – klō̂ntes te kat’ oîkon árton = »und indem sie zu Hause das Brot brachen« und: μετελάμβανον τροφῆς ἐν ἀγαλλιάσει καὶ ἀφελότητι καρδίας – metelámbanon trophês en agalliásei kai aphelótēti kardías = »nahmen sie Speise zu sich mit Freude und Schlichtheit/Einfalt des Herzens«.
Hier könnte man strenggenommen wieder vier Einzelmerkmale herausarbeiten: (1) sie brachen das Brot zu Hause; (2) sie aßen gemeinsam, (3) sie taten es mit Freude (agalliasis) und (4) mit Einfalt/Schlichtheit des Herzens (afelotēs kardias).
Das zeichnet einausgesprochen gemeinschaftliches, regelmäßiges, freudiges und ungezwungenes Leben der ersten Christen.
Soweit waren das zwölf Kennzeichen der Urgemeinde in Jerusalem – Es folgt Vers 47a:
ainountes ton theon = »Gott lobend« und: echontes charin pros holon ton laon = »Gunst/Wohlwollen beim ganzen Volk habend«.
ho de kyrios prosetithei tous sozomenous kath‘ hemeran = »Der Herr aber fügte täglich die Geretteten hinzu.«
Der literarische Aufbau
Der literarische Aufbau von Lukas ist vielleicht wichtiger als die Anzahl 12.
Apg 2,42 beginnt mit: »Sie verharrten/befanden sich beständig in…« und beschreibt dann ihr gemeinsames Leben.
Apg 2,47a endet mit: »Gott lobend und Gunst beim ganzen Volk habend.«
Apg 2,47b Erst dann kommt der eigentliche Fortschrittsbericht: »Der Herr aber fügte täglich die Geretteten hinzu«. Das ist sprachlich besonders schön, weil prosetithei (»er fügte hinzu«) im Imperfekt steht: Der Herr fuhr fort, Menschen hinzuzufügen
Erst beschreibt Lukas das Leben der Gemeinde – dann fasst er zusammen, was der Herr selbst tat: Er fügte täglich weitere Gerettete hinzu. Eine Gemeinde, die dieses Zusammenleben im Heiligen Geist und geistliches wie zahlenmäßiges Wachstum erleben darf, ist wahrhaft gesegnet und zur Ehre ihres Hauptes Jesus Christus.
Warum diese Theologie bis heute fasziniert – und polarisiert
Der Begriff »Dispensationalismus« löst unter Christen sehr unterschiedliche Reaktionen aus. Für die einen ist er ein hilfreicher Schlüssel zum Verständnis der Heilsgeschichte Gottes. Für andere steht er für spekulative Endzeitlehre, die Scofield-Bibel oder die »Left Behind«-Romane und -Filme. Kaum ein theologisches System wird im evangelikalen Raum so intensiv diskutiert und gleichzeitig so häufig missverstanden.
Doch was lehrt der Dispensationalismus tatsächlich? Woher stammt er? Und warum ist er bis heute für viele Bibelausleger von Bedeutung?
Die folgende Einführung fasst die wesentlichen Gedanken des Dispensationalismus zusammen und räumt mit einigen verbreiteten Missverständnissen auf. Grundlage ist ein Seminar der Hirtenkonferenz 2026 in der Lutherstadt Wittenberg (hirtenkonferenz.org).
Eine Frage der Heilsgeschichte
Jeder Christ erkennt intuitiv, dass Gott im Verlauf der biblischen Geschichte nicht immer auf dieselbe Weise mit den Menschen gehandelt hat. Niemand bringt heute ein Tieropfer nach Jerusalem. Niemand hält den mosaischen Opferdienst aufrecht. Christen versammeln sich stattdessen am ersten Tag der Woche und feiern das Mahl des Herrn. Schon diese Beobachtung zeigt: Die Bibel beschreibt einen einzigen Heilsplan Gottes, der sich jedoch in unterschiedlichen heilsgeschichtlichen Abschnitten entfaltet.
Der Dispensationalismus versucht, diese Unterschiede und Übergänge systematisch zu erfassen. Dabei geht es nicht in erster Linie um Endzeitfragen, sondern um eine grundlegende Frage: Wie entfaltet Gott seinen Heilsplan in der Geschichte?
Kontinuität und Diskontinuität
Dispensationalisten betonen zwei Wahrheiten gleichzeitig: die Kontinuität und die Diskontinuität im ewigen Heilsplan Gottes:
Kontinuität. Gott verfolgt von Ewigkeit zu Ewigkeit einen einzigen Plan. Sein Ziel ist die Offenbarung seiner Herrlichkeit. Die Heilsgeschichte ist keine Reihe gescheiterter Experimente und kennt keinen »Plan B«. Paulus fasst diese Spanne in Römer 11,36 zusammen: »Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge«.
Diskontinuität. Gleichzeitig gibt es markante Wendepunkte in Gottes Handeln. Jeder dieser Übergänge verändert die Beziehung zwischen Gott und Mensch in bedeutsamer Weise. Das Seminar nennt unter anderem:
den Sündenfall,
die Sintflut,
Babel,
die Berufung Abrahams,
den Sinai-Bund,
das Kommen Christi,
die Entstehung der Gemeinde,
das zukünftige Millennium,
und schließlich den ewigen Zustand.
Die berühmten sieben Dispensationen
Besonders bekannt wurde die von Cyrus I. Scofield popularisierte Einteilung der Heilsgeschichte in sieben Dispensationen:
Unschuld
Gewissen
Menschliche Regierung
Verheißung
Gesetz
Gnade
Reich (Millennium)
Allerdings betonen moderne Vertreter wie Michael Vlach oder Charles Ryrie, dass die genaue Anzahl nicht das Wesen des Dispensationalismus ausmacht. Manche unterscheiden vier, andere acht Haushaltungen. Entscheidend ist nicht die Zahl, sondern die Überzeugung, dass Gott seine Offenbarung und Verwaltung der Geschichte schrittweise entfaltet.
Die drei Kernmerkmale des Dispensationalismus
Charles Ryrie formulierte drei unverzichtbare Kennzeichen, die bis heute als klassische Definition gelten:
1. Die Verherrlichung Gottes ist das Ziel der Geschichte. Der Dispensationalismus versteht die Heilsgeschichte grundsätzlich theozentrisch. Das zentrale Ziel Gottes ist nicht primär die Rettung des Menschen, sondern die Offenbarung seiner Herrlichkeit. Die Erlösung dient diesem größeren Ziel.
2. Eine konsequent historisch-grammatische Hermeneutik. Dispensationalisten betonen, dass die Bibel gemäß ihrem sprachlichen, historischen und literarischen Kontext ausgelegt werden soll. Das Neue Testament baut auf dem Alten Testament auf, hebt dessen ursprüngliche Bedeutung jedoch nicht auf. Das betrifft insbesondere alttestamentliche Prophetien. Verheißungen an Israel werden daher grundsätzlich als Verheißungen an Israel verstanden.
3. Die Unterscheidung zwischen Israel und Gemeinde. Dies ist wahrscheinlich das bekannteste Merkmal. Israel und Gemeinde werden als unterschiedliche heilsgeschichtliche Größen verstanden. Die Gemeinde ersetzt Israel nicht, sondern besitzt ihre eigene Rolle innerhalb des einen Heilsplans Gottes. Dabei geht es nicht um zwei Heilswege oder zwei Völker Gottes, sondern um unterschiedliche Funktionen innerhalb derselben Erlösungsgeschichte.
Die fünf ausdrücklich genannten Bündnisse
Ein wichtiger Bestandteil dispensationalistischen Denkens ist die Betonung der Bündnisse, die die Schrift selbst ausdrücklich als »Bund« bezeichnet. Dazu gehören:
Noachischer Bund
Abrahamischer Bund
Mosaischer Bund
Davidischer Bund
Neuer Bund
Dispensationalisten argumentieren, dass diese Bündnisse die heilsgeschichtliche Struktur der Bibel sichtbar machen und dass ihre Verheißungen vollständig erfüllt werden müssen. Dies betrifft nicht nur geistliche Segnungen, sondern auch nationale, politische und landbezogene Verheißungen für Israel.
Warum Israel eine besondere Rolle spielt
Ein zentraler Unterschied zur klassischen Bundestheologie betrifft die Zukunft Israels. Dispensationalisten erwarten eine zukünftige nationale Wiederherstellung Israels auf Grundlage alttestamentlicher Verheißungen und neutestamentlicher Aussagen wie Römer 11.
Die Gemeinde wird nicht als »neues Israel« verstanden, das sämtliche Verheißungen (z. T. »vergeistlicht«) übernommen habe. Vielmehr wird erwartet, dass Gott seine Zusagen an das ethnisch-nationale Israel buchstäblich erfüllen wird, also so, wie Er es bisher getan hat.
Endzeit und Millennium
Der Dispensationalismus ist eng mit dem Futurismus verbunden. Große Teile von Daniel 9, Matthäus 24–25 und Offenbarung 6–22 werden als noch zukünftig verstanden.
Deshalb vertreten Dispensationalisten einen zukünftigen Prämillennialismus:
Christus kommt sichtbar wieder.
Danach errichtet er sein tausendjähriges Reich.
Israel wird wiederhergestellt.
Die Nationen werden unter der Herrschaft Christi gesegnet.
Nicht jeder Prämillennialist ist Dispensationalist. Aber jeder Dispensationalist ist Prämillennialist.
Einige verbreitete Missverständnisse
»Darby hat den Dispensationalismus erfunden.« | Diese Behauptung gilt heute weitgehend als überholt. Neuere Forschungen zeigen, dass viele dispensationalistische Grundgedanken bereits lange vor John Nelson Darby vertreten wurden. Darby war wichtig für einige Grundgedanken des heute bekannten Systems, aber nicht dessen eigentlicher Erfinder. Dies war Cyrus Scofield mit seiner Scofield Studienbibel (1. Auflage 1909).
»Dispensationalisten lehren mehrere Heilswege.« | Nein. Die klassische dispensationalistische Theologie lehrt ausdrücklich: Rettung geschieht immer allein aus Gnade durch Glauben. Abraham wurde durch Glauben gerechtfertigt. Christen heute ebenfalls.
»Dispensationalismus ist automatisch arminianisch.« | Auch das stimmt nicht. Es gibt sowohl arminianische als auch calvinistische Dispensationalisten. Das System selbst definiert keine bestimmte Heilslehre.
»Dispensationalismus lehrt zwingend auch die Vorentrückung.« | Die Mehrheit der Dispensationalisten vertritt tatsächlich eine Entrückung vor der Drangsalszeit. Dennoch gehört diese Position nicht zum eigentlichen Wesen des Systems. Auch andere Entrückungsmodelle finden sich innerhalb dispensationalistischer Kreise.
Fazit
Der Dispensationalismus ist weit mehr als eine Endzeitlehre.
Im Kern handelt es sich um einen Versuch, die gesamte Bibel als fortschreitende Offenbarung des einen Heilsplans Gottes zu verstehen. Seine entscheidenden Anliegen sind:
die Verherrlichung Gottes als Zentrum der Geschichte,
eine konsequent historisch-grammatische Schriftauslegung (Hermeneutik),
die Unterscheidung zwischen Israel und Gemeinde,
die Erwartung einer zukünftigen Erfüllung aller göttlichen Verheißungen.
Ob man alle Schlussfolgerungen teilt oder nicht: Der Dispensationalismus hat die evangelikale Theologie der letzten zwei Jahrhunderte nachhaltig geprägt und bleibt ein wichtiger Gesprächspartner für alle, die Gottes Heilsgeschichte verstehen wollen.
Verweise und weiterführende Quellen
Dieser Artikel ist eine Kurzzusammenfassung eines Seminars (#13) der Hirtenkonferenz 2026 in Lutherstadt Wittenberg (gehalten am 28.05.2026) von Dr. Uwe A. Seidel.
Dieses Seminar basierte auf einer aktuell überarbeiteten Auflage des Buchs von Michael J. Vlach, Dispensationalismus – Fakten und Mythen (Berlin: EBTC, 2026), einer Neuübersetzung von: Michael J. Vlach, Dispensationalism: Essential Beliefs and Common Myths. Revised & Updated (Los Angeles, CA (USA): Theological Studies Press, 2017).
Eine schriftliche Ausarbeitung dieses Seminars liegt inzwischen vor (PDF, 8 MB). Es enthält eine kommentierte Literaturliste mit hilfreichen englisch- und deutschsprachigen Quellen und Verweisen. Das Copyright ist zu beachten, private Nutzung gestattet.
Ein Video des Vortrags soll von den Veranstaltern noch veröffentlicht werden.
Die Website von Michael Vlach enthält weitere Materialien. Er bietet auch einen Kurs auf Bibelschul-Niveau zum Online-Studium der Eschatologie an. Seine Bücher sind empfehlenswert, insbes. seine Arbeit über »Hermeneutik des Dispensationalismus« und das ausführliche Werk zum »New Creation Model«, das sich wohltuend von zweifelhaften Vorstellungen des »klassischen Dispensationalismus« abhebt, welcher meist von einer ewig räumlich geteilten Zukunft der Gläubigen des AT und des NT ausgeht. Vlach liest das Ende der Offenbarung so, dass »der Himmel« (die Braut) vielmehr herunter auf Erden kommt und sich so der Kreis der Schöpfung in ihrer Vollendung schließt.
Die Abschiedsrede des Paulus vor den Ältesten der christlichen Gemeinde in Ephesus in Milet (Apostelgeschichte 20,17–38) ist ein dichtes Führungsdokument mit bemerkenswerter Aktualität. Auch für die Leitung einer freikirchlichen christlichen Gemeinde heute lassen sich daraus mehrere tragfähige Prinzipien und Maximen für den Gemeindehirtendienst ableiten.
1 Leiterschaft ist Dienst, nicht als Status
Paulus beschreibt seinen Dienst mit: »dem Herrn dienend«, und zwar »mit aller Demut«, zeitweise sogar »mit Tränen«. Ältestendienst ist kein Amt zur Machtausübung, sondern Verpflichtung zu hingegebenem Dienst an den Heiligen der jeweiligen Ortsgemeinde. Geht es den anvertrauten »Schäfchen« gut, freut sich der Gemeindehirte – und droben der Oberhirte. Darauf kommt es an.
Anwendung heute: Älteste sind primär Hirten, nicht Manager (Organisatoren) oder Chefs. Ihre Autorität wird durch Integrität und Opferbereitschaft legitimiert, nicht durch Position, die ihnen von Menschen verliehen wurde.
2 Planvolle, ganzheitliche Verkündigung
Paulus betont, dass er nichts zurückgehalten hat von dem, »was nützlich ist«. Er verkündigte und lehrte Juden wie Nichtjuden »die Buße zu Gott und den Glauben an unseren Herrn Jesus Christus«. Paulus tat dies öffentlich und in den Häusern, vor großer Zuhörerschaft und im kleinen Hauskreis. Etwas später (Apg 20,27) bezeugte er, dass sein Themenspektrum »den ganzen Ratschluss Gottes« umfasste. Paulus hatte ihnen vorgemacht, wie eine ausgewogene Ernährung der Herde Gottes und die Mission/Evangelisation der Ungläubigen praktisch aussieht.
Anwendung heute: Älteste sollten sich Paulus zum Vorbild nehmen: Er redete nicht nur über »Lieblingsthemen«, brachte nicht nur ermutigende, nichtkonfrontative, leicht verdauliche Bibeltexte aus dem Bibel-ABC. Er wagte sich immer wieder auch an »Geheimnisse« und »schwer zu verstehende Themen« (2Pet 3,16). Er pflegte auch keine selektive Theologie, sondern ging systematisch (das impliziert: planvoll) und ausgewogen durch die gesamte biblische Lehre. Älteste sollten sein fruchtbares Kombinieren von Kanzeldienst, Mission und persönlicher Jüngerschaft nachahmen.
3 Wachsamkeit gegenüber äußeren und inneren Gefahren
Paulus warnt vor »reißenden Wölfen« von außen (Apg 20,29) und vor Männern aus den eigenen Reihen, die die Wahrheit verdrehen, um hinter sich und ihren Sonderlehren eine eigene Gruppe (jenachdem: »Fan-Club«, Parteiung, Sekte) zu versammeln (Apg 20,30; vgl. 1Kor 1,12ff). Um solche Gefahren von außen und innen zu erkennen, bedarf es theologischer Klarheit und Festigkeit, aber auch Unterscheidungsvermögen und Menschenkenntnis. Das sind unverzichtbare (und vor Amtsantritt nachzuweisende) Kernkompetenzen eines Ältesten.
Anwendung heute: Älteste müssen gut mit Gottes Wort vertraut sein, müssen das Spektrum der gesamten biblischen Lehre sicher beherrschen und das Wort Gottes, den Herrn Jesus Christus und seine Gemeinde von Herzen lieben. Denn ihnen ist der Schutz der Gemeinde als aktive Aufgabe (nicht nur reaktiv) anvertraut, sie müssen Überblick über die Herde (»Aufseher«) und geistlichen Durchblick haben. Sie dürfen Konflikten und falscher Lehre in der Gemeinde nicht aus dem Weg gehen. Sie müssen die Gemeinde präventiv mit gesunder Lehre kräftigen und befestigen und im Angriffsfall von außen oder innen das Falsche und Gefährliche erkennen, benennen und bekämpfen können.
4 Geistliche Verantwortung statt Selbstsicherheit
Um geistliche Verantwortung für eine örtliche Gemeinde (gemeinsam mit anderen Ältesten) übernehmen zu können, muss zuerst das eigene geistliche Leben in Ordnung sein. Die Prioritäten setzt Paulus klar: »Habt Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde« (Apg 20,28). Getragen werden müssen beide Verantwortungsbereiche von der Erkenntnis, dass »der Heilige Geist [sie] als Aufseher gesetzt hat, die Versammlung Gottes zu hüten« (Apg 20,28). Das bedeutet einerseits Würde und Ernst durch göttliche Ernennung, versichert aber auch Tröstung und Ermutigung mit Blick auf den göttlichen Beistand.
Anwendung heute: Die Selbstleitung (Charakter, geistliche Disziplin) eines Ältesten hat Priorität vor der Wahrnehmung (s)einer Führungsaufgabe. Der Älteste muss von Gottes Wirken abhängig sein, es reicht nicht, nur rein menschlich klug und strategisch vorgehen zu können. Dem Ältesten muss stets klar sein: Gemeindeleitung als Ältester ist göttliche Berufung, nicht nur Vorweisen einer (menschlichen, beruflichen) Qualifikation.
5 Vorbildfunktion in Lebensführung und Arbeitsethik
Paulus erinnert daran, dass er niemandes Silber oder Gold begehrt hatte, also Bezahlung oder gar Bereicherung angestrebt hätte, sondern dass er für seinen Lebensunterhalt selbst gearbeitet hatte (Apg 20,33–35). Als Bibellehrer und Missionar hatte er Anspruch auf entsprechende Entlohnung (1Kor 9,14; 1Tim 5,18 mit Lk 10,7). Aber er war sich nicht zu schade, sein Leben »nebenher« als Handwerker (Zeltmacher) zu finanzieren und sogar anderen, die ärmer dran waren, finanziell zu helfen (s.u.). Damit war er für alle ein Vorbild von tadelloser Lebensführung und Arbeitsethik: Sei es theologischer Unterricht oder das Verfertigen von Zelten, beides war für ihn »Gottesdienst« (Kolosser 3,17).
Anwendung heute: Für jeden Ältesten ist finanzielle Transparenz und Integrität unverzichtbar. Leitende sollen keine versteckten Eigeninteressen verfolgen. Dass ihnen als Arbeitende eine entsprechende Entlohnung zusteht, haben Christus und Paulus klar gelehrt. Das gilt auch, wenn sie auf dieses Entlohnungsrecht verzichten. Vor Missbrauch wird gewarnt, aber das setzt den rechten Gebrauch der Entlohnung nicht ins Zwielicht. Älteste müssen danach streben, den geführten Glaubenden ein Vorbild im praktischen Umgang mit Ressourcen, Arbeit, Weisheit und Großzügigkeit zu sein.
6 Die Schwachen nicht vergessen
Paulus strebte als Apostel und Nachfolger Jesu Christi danach, so zu denken, zu reden und zu leben wie Jesus Christus. Daher hebt er mit einem Zitat aus dem Mund seines Meisters (»Geben ist seliger als Nehmen«) hervor, dass jeder Christ, besonders der Älteste als Vorbild, sich »der Schwachen annehmen« soll. Dies hatte er mit großem eigenem Einsatz selbst vorgelebt.
Anwendung heute: Die Ältesten wenden sich nicht nur den Leistungsstarken oder Sichtbaren zu. Diakonische Sensibilität ist integraler Bestandteil der Leitung einer Gemeinde als Gemeindehirte. Die Ältesten sollten in ihrer Ortsgemeinde eine Kultur der Fürsorge pflegen. Ihre Aufgabe ist es bei aller Verwaltertreue nicht, reine Effizienzmaximierung zu betreiben und vorzeigbaren Erfolgszahlen nachzuhetzen. Sie werden sonst letztlich dem Pragmatismus zum Opfer fallen.
7 Loslassen und Übergabe ermöglichen
Paulus weiß, dass er die Ältesten dieser Ortsgemeinde in Ephesus nicht wiedersehen wird. Also war nun der Zeitpunkt für »letzte Worte«. Als guter und treuer Führer im Reich Gottes befahl er sie daher »Gott und dem Wort seiner Gnade« an, die ewig sind und daher auch beim Abtritt des Apostels weiterhin verlässlich als fester Grund unter ihnen, als treuer Begleiter an ihrer Seite und als wunderkräftig Auferbauende bei Ihnen bleiben würden (Apg 20,32).
Anwendung heute:Älteste müssen sich als Gemeindeleiter reproduzieren, um ersetzbar zu werden oder Möglichkeiten der Vermehrung (Mission, Tochtergemeinden u.ä.) zu schaffen (Multiplikation statt Abhängigkeit). Daher müssen sie sich ihrer begrenzten Wirkzeit bewusst sein und beizeiten an gesunde Übergaben denken. Geistlich veranstaltete Nachfolgeplanung ist entscheidend wichtig. Paulus hatte es ihnen vorgelebt: Hingegebene Investition in die Schulung und praktische Ausbildung von Nachfolgern ist strategisch wichtig und für Befolgung des Missionsauftrags unverzichtbar. Loslassen und Übergabe wird nur gelingen im Vertrauen auf Gottes Wirken und Zubereiten – auch jenseits der eigenen Kontrolle und Fähigkeit. Vertrauen wir: Es ist ja Seine Gemeinde!
8 Emotionale Tiefe und Beziehung
Die Abschiedsszene endet mit vielem Weinen, Umarmungen und echter Zuneigung (Apg 20,37). Der Apostel Paulus hatte in den wenigen Jahren des Lebens und Dienens unter ihnen mehr Zuneigung erworben, als manche Gemeindeleiter, die etliche Jahrzehnte »in Amt und Würde« eines Ältesten eingesetzt worden waren, aber vergessen hatten, dass der Dienst eines Ältesten vor allem ein hingegebener Liebesdienst eines Hirten an den geliebten, anvertrauten, bluterkauften Schafen Christi ist.
Anwendung heute: Echte Gemeindeleiterschaft ist nicht nur funktional, sondern relational. Tiefe Beziehungen sind kein »Nice-to-have« (Option), sondern tragendes Fundament des Gemeindehirtendienstes. Man kennt sich, man achtet sich. Man gibt Ehre dem, dem Ehre gebührt. Jeder hat erlebt: Authentizität stärkt Vertrauen.
Fazit
Die Abschieds- und Abtrittsrede des Apostels Paulus ist kein abstraktes Lehrstück, sondern spiegelt ein gelebtes Leitungsmodell: geistlich fundiert, relational geprägt, opferbereit und wachsam. Älteste brauchen ein besonderes Maß geistlicher Substanz, christlichen Charakters und unparteiischem Verantwortungsbewusstseins, um ihre Berufung vor Gott und Menschen ausleben zu können.
Diese Rede kann noch weiter praktisch ausgewertet werden, was einem späteren BLOG-Artikel vorbehalten ist.
Der US-Amerikaner Alexander Strauch aus einem amerikanischen Zweig der »Brüderbewegung« ist seit gut 40 Jahren aktiv in der Lehre und im Training von Ältesten in der neutestamentlichen Gemeinde Jesu Christi. Seine Bücher sind anerkannte Standardwerke geworden im Kreis solcher Gemeinden, die nach dem Neuen Testament leben und dienen wollen. Seine Webseite »Biblical Eldership Resources« ist eine Fundgrube für Theorie und Praxis: www.biblicaleldership.com.
Seine Bücher, Seminarvorlagen, Arbeitshefte und Videovorträge sind auch auf Deutsch erhältlich. Alexander Strauch war vielfach in Deutschland und hat Seminare für angehende und bestehende Gemeindeleiter durchgeführt. Die Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg hat einige seiner Werke übersetzt und veröffentlicht.
Einige Webseiten liefern Linklisten und Überblicke in das verfügbare Material. Eine dieser guten Webseiten ist gesunde-gemeinden.de. Sie schreiben:
Ob Gemeinden gesund wachsen und sich multiplizieren, hängt nicht nur, aber maßgeblich von ihren Leitern ab. Damit die lernen können, was sie brauchen, veröffentlichen wir hier empfehlenswertes Schulungsmaterial und beginnen mit den Schulungsvideos von „Biblical Eldership Resources“. Darin geben Alexander Strauch und andere erfahrene Älteste gesunde biblische Lehre und ihre jahrzehntelange Erfahrung im Ältestendienst weiter.
Leider ist die o.g. Website mit den Vortragsmanuskripten zu den Lehrvideos von Alexander Strauch zur Zeit (04.2026) gestört, so dass in der Zwischenzeit hier die Inhalte gespiegelt werden (s.u.).
Die Seminarreihe von Alexander Strauch zu diesem Thema wurde auch in deutscher Übersetzung verschriftet. Die Lektüre könnte gut als erster, inhaltsreicher Überblick über sein Standardwerk »Biblische Ältestenschaft« dienen. Die Videos dazu sind im nächsten Abschnitt unten verwiesen.
08 – Fähigkeiten, Prüfung und Berufung von Ältesten (PDF)
09 – Aufgaben von Ältesten (1): Lehren und Schützen (PDF)
10 – Aufgaben von Ältesten (2): Leiten und Heilen (PDF)
Website brink4u: Biblische Leiter-Schulung
Uwe Brinkmann aus München hat eine Website für dieses Thema mit gleichen und weiterführenden Quellen veröffentlicht: Biblische Leiter-Schulung. Dort sind auch die 10 oben aufgeführten Seminar-Videos mit Alexander Strauch alle aufgeführt.
Brinkmann schreibt: »Den größten Gewinn wird man aus diesen Vorträgen ziehen, wenn man sich anschließend miteinander darüber austauscht.« (Leider verweist er auch mehrfach auf die oben erwähnte, zur Zeit gestörte, Website.)
»Alle Nicht-Prätribulationisten verorten sowohl die christliche Gemeinde (Kirche) als auch die Entrückung der Gemeinde in Matthäus 24. Dies ist für ihre Position wesentlich, für sie ist keine andere Auslegung möglich. Prätribulationisten hingegen sehen weder die Gemeinde noch die Entrückung in der Endzeitrede Jesu in Matthäus 24.«[1]
Diese Kurzstudie untersucht eine zentrale Streitfrage der Endzeitlehre: Redet Jesus in der Ölbergrede in Matthäus 24 von der Gemeinde und ihrer Entrückung oder nicht?
Die Antwort, vorweggenommen: Weder die Gemeinde noch deren Entrückung sind in dieser Rede Jesu zu finden. Wir nehmen den klassischen prätribulationistischen Standpunkt ein, also die Lehre der Entrückung der Gemeinde vor der Drangsal Jakobs.
Die Bedeutung der Frage
Die o.g. Frage ist theologisch sehr wichtig, denn wenn die Gemeinde und deren Entrückung in Matthäus 24 vorkommen, spräche dies für die Lehre des Posttribulationismus (s. Glossar am Ende des Beitrags), wenn aber nicht, spräche dies für die Position des Prätribulationalismus. Es geht also um die Frage, ob nach Matthäus 24 die christliche Gemeinde vor oder nach der »Drangsal Jakobs« in den Himmel entrückt werden wird. Festgehalten werden muss a priori der biblische Befund, dass von der Entrückung der christlichen Gemeinde in Matthäus 24–25 nicht explizit zu lesen ist, viel mehr aber in 1Thessalonicher 4, 1Korinther 15 und Johannes 14 davon explizit und implizit die Rede ist.
Die Fehldeutungen von Matthäus 24
1. Die kritische (liberale) Position
Diese Sicht behauptet, Matthäus 24 sei größtenteils von der frühen Kirche konstruiert worden, sei also keine treue Wiedergabe der Rede Jesu. Diese Position wird hier klar verworfen.
2. Die präteristische Position
Diese Sicht geht davon aus, dass die in Matthäus 24 vorhergesagten Ereignisse bereits in der heutigen Vergangenheit ihre Erfüllung gefunden hätten (z. B. in der Tempelzerstörung 70 n. Chr.). Problematisch ist hier vor allem, dass dabei die Texte stark »vergeistigt« werden, um sie in Übereinstimmung mit den damaligen historischen Vorgängen zu bringen. – Wir vertreten hingegen die Ansicht, dass diese historischen Vorgänge eine Vorerfüllung der noch größeren und kosmisch/weltweit wirkenden Gerichte Gottes in Zukunft waren.
3. Die »Zeitalter«-Position (amillennial)
Diese Sicht behauptet, dass in Matthäus 24 die gesamte Kirchengeschichte beschrieben sei. Die christliche Gemeinde wird in diesem Text demnach gesehen, in Verbindung mit der theologischen Sicht des Amillenialismus. Diese Deutung passt aber überhaupt nicht zu den auslösenden Fragen der Jünger Jesu, die mit der christlichen Gemeinde nichts zu tun hatten, sondern rein jüdische Anliegen beinhalten (»Sage uns, wann wird das [Zerstörung des Tempels] sein, und was ist das Zeichen deiner Ankunft und der Vollendung des Zeitalters?«, Mt 24,3b). Sie hatten vielleicht die Voraussagen in Sacharja 14 im Gedächtnis.
4. Die Position des Posttribulationismus
Diese Endzeitlehre sieht die Entrückung der Gemeinde nach der Drangsal. Es ist also eine zentrale Gegenposition zur Position, dass die Gemeinde vor der Drangsal Jakobs entrückt wird, dem sog. Prätribulationalismus.
Diese Position wurde vor allem von Robert Gundry vertreten (s. Robert H. Gundry, The Church and the Tribulation. Grand Rapids, MI: Zondervan, 1973). Er behauptet, dass Matthäus 24 die christliche Kirche beschreibe. Er sieht in Matthäus 24,32 die Entrückung der Gemeinde, weil dort von einer »Sammlung« die Rede ist: »alle Nationen … vor ihm versammelt werden, und er wird sie voneinander scheiden, so wie der Hirte die Schafe von den Böcken scheidet«. Dieser These ist entgegenzuhalten:
Diese Sammlung entspricht nicht der Entrückung der Gemeinde. Weder eine Auferstehung (der gestorbenen Gläubigen) noch eine Verwandlung (der gläubigen Lebenden) wird erwähnt. Beides sind aber zentrale Elemente der Entrückung.
Der Text in Matthäus 24,32 redet vom Erscheinen vor einem Gerichtsthron, der auf der Erde steht, nicht von einem Sammeln der Erretteten im Himmel. Es geht bei diesem irdischen Gericht um die Frage, wer in das dort bald beginnende Millennium eingehen darf (Schafe) und wer nicht (Böcke). Das hat nichts mit der Gemeinde Jesu Christi zu tun.
Der Text in Matthäus 24,40–41 formuliert mehrfach: »einer wird genommen und einer gelassen«. Das redet ebenfalls nicht von einer Entrückung in den Himmel, sondern beschreibt ein Gerichtshandeln Gottes. Die »Genommenen« sind hier nämlich jene, die zum Gericht entfernt, also gerade nicht gerettet, werden. Die »Gelassenen« hingegen sind jene, die nicht gerichtet werden und in das Königreich des Millenniums eingehen dürfen. Das ist gerade andersherum, wie es bei der Entrückung der Gemeinde gen Himmel der Fall sein wird.
Kontext. Die gesamte Rede behandelt Israel und die Drangsal Jakobs, nicht die christliche Kirche. Die Struktur von Matthäus 24 identifiziert drei Zeitphasen: (1) Allgemeine Zeichen (nicht das Ende) (V. 4–6); (2) Anfang der Wehen (V. 7–8) und (3) Große Drangsal & Wiederkunft (V. 9–31). Es geht also um die Endzeit Israels, nicht um die Gemeinde.
5. Die Position des Midtribulationalismus
Eine etwas modernere Sicht stammt von Marvin Rosenthal (Marvin Rosenthal, The Pre-Wrath Rapture of the Church. Nashville, TN: Thomas Nelson, 1990, sowie revidierte Ausgabe 1994). Er behauptet, dass die Entrückung der Gemeinde während der Drangsal stattfinde, aber noch »vor dem Zorn Gottes«. Er argumentiert hier mit Parallelen, die er mit Offenbarung 6 sieht. Der Text in der Offenbarung macht aber deutlich, dass es bereits vor jener Mitte der Drangsal Jakobs (also dem behaupteten Entrückungszeitpunkt) Siegelgerichte gibt, welche eindeutig Gottes Gericht sind. Das ganze Modell bricht an diesem Irrtum zusammen.
Die Argumente für eine jüdische Deutung von Matthäus 24
Das Hauptargument gegen eine Deutung von Matthäus 24 auf die Gemeinde und ihre Entrückung ist, dass es im Text und Kontext um eine rein jüdische, nicht kirchliche, Fragestellung ging und dass die Antwort Jesu sich auch nur darauf bezieht. Das zeigen folgende Beobachtungen.
1. Die Fragen der Jünger sind rein jüdisch
Die Frage der Jünger in Matthäus 24,3 zielt deutlich auf die Zerstörung des jüdischen Tempels, das Kommen des Messias und das Ende des Zeitalters. Diese Fragen spiegeln jüdisch-messianische Erwartungen wider, nicht solche der christlichen Kirche. Die Jünger verstanden die Gemeinde zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht.
2. Der gesamte Kontext ist israelbezogen
Der vorlaufende Kontext ist mit dem jüdischen Tempel beschäftigt, dem bis heute als »Weltwunder der Antike« eingestuften Tempel im herodianischen Prachtausbau (Matthäus 24,1–2). Wir lesen ferner vom »Gräuel der Verwüstung«, einem klaren Bezug auf die Prophetie Daniels. Wir lesen ferner vom Sabbat (Matthäus 24,20) und von einer Flucht aus Juda. Dies sind alles sehr stark jüdisch markierte Kategorien und Themen.
3. Die Jünger repräsentieren zukünftige jüdische Gläubige
Man kann gültig argumentieren, dass in diesem Evangelium (Matthäus) und konkreten Anlass der Perikope (Ölbergrede) die Jünger Jesu hier nicht für die Kirche stehen, sondern für Gläubige der zukünftigen Drangsalzeit, der »Drangsal Jakobs«. Es geht um die dann Wartenden, um deren innere Haltung der Geduld bis zur Ankunft ihres Messias und um ihr Ausharren in den diesem Ereignis vorauslaufenden Gerichten.
Fazit
Matthäus 24 behandelt Israels Zukunft, die Drangsal Jakobs(!) und das Kommen des Messias. Der Text behandelt weder die christliche Gemeinde noch deren Entrückung. Die Entrückung muss aus anderen neutestamentlichen Texten abgeleitet werden, insbes. aus 1Thessalonicher 4, 1Korinther 15 und Johannes 14, nicht aber aus Matthäus 24.
Matthäus 24 ist eine rein jüdisch-eschatologische Rede über die Drangsal und das Kommen des Messias, in der weder die neutestamentliche Gemeinde noch deren Entrückung vorkommen.
Glossar zentraler Begriffe
Die folgenden Kurzerklärungen dienen dem besseren Verständnis der Begriffe der Endzeitlehre (Terminologie der Eschatologie) und damit des Textes dieses Beitrags.
Prätribulationismus. Lehre, dass die Entrückung der Gemeinde vor Beginn der siebenjährigen Drangsal (Große Trübsal) stattfindet. Unterscheidet strikt zwischen Israel und der Gemeinde.
Midtribulationismus. Auffassung, dass die Entrückung in der Mitte der Drangsal geschieht; oft in Verbindung (oder synonym) mit der Lehre der Vor-dem-Zorn-Entrückung.
Posttribulationismus. Auffassung, dass die Entrückung am Ende der Drangsal gleichzeitig mit der sichtbaren Wiederkunft Christi geschieht.
Vor-dem-Zorn-Entrückung. Modell, nach dem die Entrückung inmitten der 70. Danielswoche, also nach 3,5 Jahren, erfolge, da erst ab dann vom Ausgießen des göttlichen Zorns (sog. »großen Drangsal« samt »Tag des Herrn«) die Rede sein könne. Verbreitet von Marvin Rosenthal (sog. Pre Wrath Rapture, 1990), bei uns weniger bekannt.
Entrückung. Ereignis, bei dem Christus die Gläubigen aus der Welt reißend zu sich nimmt (vgl. 1Thess 4,16–17), verbunden mit Auferstehung aller toten und Verwandlung aller lebenden Gläubigen.
Drangsal, Große Trübsal. Endzeitliche Periode intensiven Gerichts und Leidens, oft mit der 70. Jahrwoche Daniels (Dan 9,27) identifiziert. Da insbesodnere Israel im Fokus steht, auch »Drangsal Jakobs (Israels)« genannt. Manche bezeichnen damit nur die zweiten 3,5 Jahre der 70. Danielswoche ab dem »Gräuel der Verwüstung …an heiligem Ort« (Tempel).
Ölberg-Rede. Endzeitrede Jesu auf dem Ölberg (Matthäus 24–25), die Themen wie Drangsal Jakobs, Wiederkunft Christi und Endgericht behandelt.
Erscheinung (Parousie). Das griech. Wort bedeutet »Ankunft« oder «Gegenwart«, das Ankommen einer hochgestellten Persönlichkeit. Hier in Bezug auf die sichtbare Wiederkehr Christi, wie es in der Schrift vorhergesagt ist.
Auserwählte. Von Gott zur Errettung und zum Heil erwählte Gläubige, sei es aus Israel oder aus der Gemeinde.
Gräuel der Verwüstung. Prophetisches Ereignis (Dan 9,27; Mt 24,15), bei dem der Gottesdienst der Juden ausgesetzt werden wird. Ein »Mensch der Sünde« wird sich in den Tempel setzen und sich als Gott anbeten lassen (2Thess 2,3f). Dies ist Höhepunkt des Abfalls von Gott und damit ein Schlüsselzeichen der Endzeit.
Dispensationalismus. Theologisches System, das die Heilsgeschichte in verschiedene »Haushaltungen« (Dispensationen) einteilt und Israel und Gemeinde klar unterscheidet. Heute weltweit vor allem im von Cyrus I. Scofield (1909; rev. 1917) propagierten Modell von sieben Dispensationen bekannt (Scofield Reference Bible: Unschuld, Gewissen, Regierung, Verheißung, Gesetz, Gnade/Gemeinde, Königreich/Millenium). Es gibt aber auch andere Modelle mit anderen und mit mehr oder weniger vielen Dispensationen.
Prämillennialismus. Lehre, dass Christus vor dem tausendjährigen Reich (Millennium) sichtbar wiederkommt.
Amillennialismus. Auffassung, dass es kein tausendjähriges Reich gibt, das tatsächlich eintausend Jahre währt. Das »Millennium« wird symbolisch verstanden, insofern kann es auch heute bereits existieren und hat keinen vorhersagbaren konkreten Endezeitpunkt.
Präterismus. Deutung, dass viele prophetische Aussagen (z. B. Mt 24) bereits in der Vergangenheit erfüllt wurden (oft mit Verweis auf die Tempelzerstörung 70 n. Chr.).
Tag des Herrn. Zeit göttlichen Eingreifens in Gericht und Heil; in der Endzeit oft mit Gottes Zorn und Gerichtshandeln verbunden. Es ist eine längere Zeitperiode des direkten, souveränen Eingreifens Gottes in Gericht, Reichsaufrichtung und Heil, nicht ein 24-Std.-Tag. Im NT ist der »Tag des Herrn« christologisch zugespitzt, kulminiert im Kommen des Herrn Jesus, des Gesalbten.
Endenoten und Literaturverweis
[1] Stanley D. Toussaint, Are the Church and the Rapture in Matthew 24?, in: Thomas Ice, Timothy Demy (Hrsg.), When the Trumpet Sounds: Today’s Foremost Authorities Speak Out on End-Time Controversies (Eugene, OR: Harvest House Publishers, 1995, S. 235–250), S. 236.
Nehmen wir einmal den Fall an, dass ein Gemeindeglied einen seiner Gemeindeleiter fragt, warum man denn Ältestenkandidaten nicht vorher für ihre Aufgabe in Lehre und Praxis ausbilde. (Das kommt leider in mancherlei freien Gemeinden vor.) Nehmen wir an, der Gemeindeleiter antworte darauf sinngemäß: Wir schulen Älteste nicht, weil das nicht in der Bibel steht. Ein Bibelschulzeugnis macht niemand zum Ältesten.Was wäre davon zu halten?
Eine solche Antwort ist doppelt frappierend. Nehmen wir einmal den »Normalfall« an, dass jene Gemeinde Kinderstunden, Jugendstunden, Jungschar, Junge-Erwachsene-Treffs, Frauenfrühstücke, Sommerfeste usw. organisiere, für die uns in der Heiligen Schrift wohl auch jede direkte Anweisung fehlt. Dann stellt die Praxis der Gemeinde die gegebene Begründung bereits in Frage. Da müsste man tiefer nachfragen. Und andererseits wissen Bibelleser, dass von der Ausbildung von Ältesten vor und nach ihrer Einsetzung sehr wohl im NT steht, sowohl im inspirierten Bericht der frühen Kirche, als auch in den Lehrbriefen des Apostels Paulus. Das widerlegt die gegebene Begründung zweitens auch positiv. Diesem Positiven wollen wir in dieser Gedankensammlung nachgehen. Alles andere ist hier nicht von Interesse.
Eines ist richtig: Letztlich entscheidet das Wort des Herrn über das, was seine Gemeinde sein und tun soll. Wir wollen daher in einer Kurzskizze eine biblisch basierte Rechtfertigung für Weiterbildung im Glauben und Dienst an und für sich und besonders solche für Ausbildung an einer gemeindeinternen oder gemeindenahen Bibelschule oder anders benannter Ausbildung in Lehre und Praxis des Glaubens versuchen.
Biblische Anweisungen und ein Präzedenzfall
Anweisungen. Eine biblische Rechtfertigung für die Ausbildung von Gläubigen, insbesonders von Verkündigern und Leitern (Ältesten), lässt sich bereits aus einer Reihe von Bibelstellen ableiten: von Matthäus 28,19 (mit der Betonung der Jüngerschaft) über 2.Timotheus 2,2 (mit Betonung der Ausbildung von Leitern) bis hin zu Titus 1,9 (mit der Betonung, dass Älteste dazu befähigt sein müssen, den Glauben zu lehren, zu verkünden und zu verteidigen). Zusätzlich verlangt 1.Timotheus 3,10 eine ausgedehnte und tadellos erfolgreiche »Erprobung« angehender Ältester (wie auch Diakone) in typischen Praxisaufgaben, was nach Vorbild Jesu und der Apostel wohl in engen Jüngerschaftsbeziehungen und in der Gemeinde erfolgen soll: »Lass diese aber auch zuerst erprobt werden, dann lass sie dienen, wenn sie untadelig sind«.
Präzedenzfall. Es gibt eine Passage in der Apostelgeschichte, die auf besonders aufschlussreiche Weise einen biblischen Präzedenzfall für die Ausbildung an gemeindenahen Seminaren und Bibelschulen liefert. Diese Verse, an denen offenbar viele achtlos vorbeigehen, die bei Kapitel 2,42 noch intensiv auf Umsetzung bestanden haben, berichten, wie der Apostel Paulus in der Stadt Ephesus eine theologische Ausbildungsstätte gründete. Ein Kommentator erklärt dazu: »In Ephesus gründete Paulus eine theologische Schule, um zukünftige Führungskräfte für die wachsende Gemeinde in der röm. Provinz Asia auszubilden« (Simon J. Kistemaker, Acts, NTC, S. 684).
Es ist unwahrscheinlich, dass Paulus diese Schule »Bibelschule Ephesus« oder »Asia Bibel Training Center« nannte, aber im Wesentlichen war sie nach unserem Sprachgebrauch genau dieses. Er wusste, dass Ephesus ein strategischer Ort war für die Vorbereitung weiterer Evangelisation und für die Gründung, Vervielfältigung und Stärkung weiterer christlicher Gemeinden in der Provinz Asia. Eine Gemeinde, die weitere Gemeinden gründen will, sollte hier genau hinsehen und am Beispiel des Apostels lernen.
Der Hintergrund des biblischen Berichts ist die dritte Missionsreise des Apostels Paulus (52/53–56 n. Chr.). Nachdem Paulus Antiochia verlassen und die Gemeinden in Südgalatien bereist hatte, begab er sich nach Ephesus. Dort traf er auf etwa ein Dutzend Jünger von Johannes Baptist und führte diese zu Jesus Christus, auf den Johannes stets hingewiesen hatte (s. Apg 19,1–7). Lukas nimmt die Erzählung an dieser Stelle auf und schreibt:
Er ging aber in die Synagoge und sprach freimütig drei Monate lang, indem er sich unterredete und sie von den Dingen des Reiches Gottes überzeugte. Als aber einige sich verhärteten und nicht glaubten und vor der Menge schlecht redeten von dem Weg, trennte er sich von ihnen und sonderte die Jünger ab, indem er sich täglich in der Schule des Tyrannus unterredete. Dies aber geschah zwei Jahre lang, so dass alle, die in Asien wohnten, sowohl Juden als auch Griechen, das Wort des Herrn hörten. (Apg 19,8–10)
Wie Lukas in den Versen 9–10 erklärt, traf sich Paulus zwei Jahre lang jeden Tag mit einer Gruppe von Gläubigen in einer Schule, um ihnen dort biblische Lehre zu vermitteln. Das ist im Wesentlichen das Grundmodell der theologischen Ausbildung an einer gemeindenahen Bibelschule.
Aus diesem kurzen Abschnitt lassen sich drei Merkmale der ersten gemeindenahen Bibelschule ableiten. Und obwohl wir uns davor hüten müssen, einen erzählenden Text aus der Apostelgeschichte als eine normative Vorschrift für die heutige christliche Gemeinde zu missbrauchen, bieten diese Merkmale dennoch hilfreiche Parallelen für diejenigen, die sich heute mit der Ausbildung an einer Bibelschule befassen, sei es als Studierende oder als Lehrende, als Älteste, Evangelisten, Hirten oder Lehrer. Es beginnt mit einer Verpflichtung vor Gott, welche zu einer planvollen Investition führt, die dann zu reichen Früchten für Jesus Christus und seine Gemeinde führt.
Die Verpflichtung: Ein mutiges Bekenntnis zum Evangelium (19,8–9a)
8 Er ging aber in die Synagoge und sprach freimütig drei Monate lang, indem er sich unterredete und sie von den Dingen des Reiches Gottes überzeugte. 9 Als aber einige sich verhärteten und nicht glaubten und vor der Menge schlecht redeten von dem Weg…
Apostelgeschichte 19,8 beschreibt den Inhalt der Botschaft des Paulus – eine Botschaft, die er zweifellos auch nach seinem Verlassen der Synagoge und der theologischen Unterweisung der Jünger weiter verkündete. Eine Untersuchung von Vers 8 zeigt, dass die Botschaft des Paulus kontinuierlich und anhaltend (»drei Monate lang«), mutig (»freimütig reden« parrhēsiazomai), sorgfältig (»unterredete« dialegomai), voller Überzeugung (»überzeugte« peithō) und christuszentriert (»von den Dingen des Reiches Gottes«) war. In Übereinstimmung mit seinem von Gott gegebenen Auftrag, das Evangelium zu verkünden, verkündete Paulus drei Monate lang treu die Wahrheit der Erlösung in der Synagoge von Ephesus.
Wie es für diejenigen, die der biblischen Wahrheit treu verpflichtet sind, unvermeidlich ist, stieß Paulus auf Feindseligkeit. Seine Botschaft erwies sich als umstritten (V. 9), nicht weil der Apostel streitsüchtig war, sondern weil das Wort Gottes immer polarisiert. Donald Grey Barnhouse kommentierte diesen Vers wie folgt:
Beachten wir die Reaktion, die Paulus auf seine Predigten erhielt. Es ist immer dasselbe: Einige reagieren positiv, aber die große Mehrheit ist verhärtet und ungehorsam in ihrer Einstellung. Paulus schrieb darüber in 1.Korinther 2,14: »Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes kommt, denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt werden muss.« Das ist immer die Reaktion, die ein Prediger des Wortes Gottes erhält. Das ist die Reaktion, die jeder Christ auf sein treues Zeugnis für die Wahrheit Gottes erhält. (Acts, S. 176)
Paulus‘ unerschütterliches Bekenntnis zur Wahrheit angesichts von Feindseligkeiten setzt einen mutigen Präzedenzfall für alle, die heute im Dienst stehen (sei es in einer Kirche oder einem Seminar). Viel zu viele christliche Institutionen sind schnell bereit, ihre Botschaft zu verwässern, um sich der Popularität anzubiedern. Aber die von Gott gegebene Aufgabe eines jeden Gemeindehirten oder Bibelschulprofessors ist es, für die Wahrheit einzustehen, egal wie töricht oder unwillkommen sie der Gesellschaft um uns herum erscheinen mag.
Die Investition: Eine planvolle Konzentration auf die Ausbildung (19,9b–10a)
… trennte er sich von ihnen und sonderte die Jünger ab, indem er sich täglich in der Schule des Tyrannus unterredete. 10 Dies aber geschah zwei Jahre lang…
Da Paulus nicht mehr in der Synagoge der feindlich gewordenen Juden lehren konnte, zog er sich zurück und begann, sich mit einer Reihe von gläubigen Studenten (gr. mathētēs, »Jünger«, »Nachfolger«, »Schüler«; Apg 19,9) in einer nahegelegenen Schule zu treffen (wahrscheinlich einem Hörsaal, der von einem lokalen Philosophen namens Tyrannus genutzt wurde). Everett F. Harrison liefert weitere Aufschlüsse und Überlegungen zur Situation:
Paulus‘ neuer Aufenthaltsort war »die Schule des Tyrannus«. Das griechische Wort dafür ist scholē, was zunächst Freizeit bedeutet, dann Diskussion oder Vorlesung (eine beliebte Freizeitbeschäftigung der Griechen), dann eine Gruppe, die solche Vorlesungen besucht, und schließlich den Ort, an dem solche Unterweisungen erteilt wurden. Eine aufschlussreiche Ergänzung im westlichen Text [Codex Bezae[1]] an dieser Stelle besagt, dass Paulus an diesem Ort täglich von der fünften bis zur zehnten Stunde, d. h. von 11 Uhr bis 16 Uhr, tätig war. Dies war wohl die Siesta-Zeit für die Einwohner. Man vermutet, dass Paulus diesen Saal zu einem symbolischen Preis mieten konnte, weil er zu dieser Tageszeit nicht genutzt wurde. (Acts, S. 291)
Die Tatsache, dass Paulus zwei Jahre lang täglich mit Bibelstudenten (gr. mathētēs, »Jünger«) zusammenkam, zeigt, wie sehr er sich persönlich für die Ausbildung seiner Glaubensbrüder engagierte. Wenn der westliche Text korrekt ist, fanden die theologischen Lehrveranstaltungen des Paulus während der üblichen Mittagsruhe (Siesta) der Stadt statt (was darauf hindeutet, dass schläfrige Bibelschüler eine lange Tradition haben). Der Apostel opferte bereitwillig seine persönliche Siesta, um die Jünger zu unterrichten, wahrscheinlich in Form von (Lehr-) Dialogen.
Es ist interessant zu bedenken, dass Paulus, wenn er sich sechs Tage die Woche fünf Stunden lang mit den Jüngern getroffen hat, in den zwei Jahren insgesamt etwa 3.000 Stunden mit ihnen verbracht hat. Das entspricht heute ungefähr vier Semestern Hochschulstudium.[2] Den Ältesten der Gemeinde in Ephesus nannte er sogar eine Gesamtzeit seiner Arbeit unter ihnen von »drei Jahren« (Apg 20,31).
Bemerkenswert ist auch, dass Paulus sich während dieser Zeit als Zeltmacher finanziell selbst versorgte. F. F. Bruce erklärt:
Wir können uns also vorstellen, wie Paulus den frühen Morgen mit Betreiben seines Handwerks verbrachte (vgl. 20,34; 1Kor 4,12) und dann die nächsten fünf Stunden der noch anstrengenderen Aufgabe des christlichen Lehrgesprächs widmete. Seine Zuhörer müssen von seiner Begeisterung und Energie angesteckt worden sein. (Acts, S. 408)
Eine letzte Bemerkung betrifft den Namen jenes »Tyrannus«, den die meisten Kommentatoren für jenen Dozenten halten, von dem Paulus den Hörsaal gemietet (oder zur Nutzung überlassen bekommen) hatte. Kistemaker weist auf die Bedeutung seines Namens hin: »Wir wissen nichts weiter über Tyrannus, dessen Name ›Tyrann‹ bedeutete. Wahrscheinlich war dies ein Spitzname, den ihm seine Schüler gegeben hatten« (Acts, S. 684). Wenn das stimmt, dann hat auch das Bild des überstrengen Lehrers eine lange Tradition.
Auch hier gibt Paulus den heutigen Bibelschullehrern und Gemeindeältesten wieder ein überzeugendes Beispiel, über das sie nachdenken sollten. Der Apostel brachte große Opfer, um in die nächste Generation christlicher Leiter zu investieren. Es ist unser Vorrecht, dasselbe für diejenigen zu tun, die in unseren Tagen zur Verherrlichung Christi zum christlichen Dienst in Gemeinde und Mission berufen werden oder berufen sind.
Die Wirkung: Ein Beitrag, der Christus in aller Welt ehrt (19,10b)
…so dass alle, die in Asien wohnten, sowohl Juden als auch Griechen, das Wort des Herrn hörten.
Lukas schließt diesen kurzen Abschnitt mit einem Kommentar zu den Wirkungen, die die Ausbildungsstätte des Paulus in Ephesus hatte: »so dass alle, die in Asien wohnten, sowohl Juden als auch Griechen, das Wort des Herrn hörten«. Paulus konzentrierte sich ganz auf die Ausbildung, investierte sich dort. Die Wirkung war geradezu explosiv. Ein Kommentator merkt sogar an, dass »dieser Ort mit seinen täglichen Lehrdialogen über einen Zeitraum von zwei Jahren es Paulus ermöglichte, den bislang umfangreichsten Einfluss auszuüben, der in der Apostelgeschichte insgesamt berichtet wird« (David Peterson, Acts, S. 536).
Das Ergebnis dieser Investition in eine systematische und ausführliche Ausbildung waren ausgebildete Gemeindehirten, Mission und die Gründung weiterer christlicher Gemeinden. Bruce beschreibt die Auswirkungen dieser Investition mit folgenden Worten:
Von da an wurde die Provinz Asien zu einem der wichtigsten Zentren des Christentums. Wahrscheinlich wurden alle sieben in der Offenbarung erwähnten Gemeinden in der Provinz Asia in diesen Jahren gegründet, und noch weitere. Die Gründung der Gemeinden im Lykos-Tal, in Kolossä, Hierapolis und Laodizea, muss in diese Zeit datiert werden: Diese Städte wurden nicht von Paulus persönlich evangelisiert, sondern von seinen Mitarbeitern. (Acts, S. 409)
Und Kistemaker fügt hinzu:
Wir gehen davon aus, dass die von Paulus ausgebildeten Bibelschulstudenten Gemeindehirten in aufstrebenden Gemeinden in Westkleinasien wurden. … Diese Jünger waren maßgeblich daran beteiligt, das Evangelium Christi, also das Wort Gottes, sowohl an die Juden als auch an die Griechen zu verkündigen. (Acts, S. 685)
Die zweijährige Ausbildungsstätte des Paulus hatte durch Gottes Gnade einen unglaublichen Einfluss auf die Verbreitung des Evangeliums und für die Sache Christi. Wie R. C. H. Lenski zu Recht hervorhebt:
Paulus nutzte Ephesus als Ausstrahlungszentrum. Während er in dieser Metropole und diesem politischen Zentrum blieb, streckte er seine Fühler mithilfe seiner Assistenten so weit wie möglich aus. Wie viele er davon beschäftigte, lässt sich nicht abschätzen. Eine Gemeinde nach der anderen wurde gegründet. (Acts, S. 790)
Auch hier liefert uns das Beispiel des Paulus ein überzeugendes Vorbild, über das wir nachdenken sollten. Wenn Bibelschulen ihrer gottgegebenen Verpflichtungtreu bleiben und die ihnen anvertraute Investition sorgfältig wahrnehmen, können sie mit Freude beobachten, wie Gott ihre Arbeit segnet, indem Gott sein Wort einsetzt, segensreiche Wirkungen in dieser Welt zu zeitigen.
Disclaimer und Endenoten
Dieser Beitrag wurde angeregt und inhaltlich wesentlich genährt durch mehrere mündliche und schriftliche Beiträge von Dr. Nathan Busenitz, dem Executive Vice President und Dekan der Fakultät am The Master’s Seminary. Er ist außerdem einer der Gemeindehirten von Cornerstone, einer Gemeinschaftsgruppe innerhalb der Grace Community Church (GCC) in Sunvalley, CA (USA) und Hauptprediger der GCC. Siehe insbesondere seinen Vortrag zur Shepherd’s Conference 2025 (5.–7. März 2025), General Session 9: Mobilizing the Master’s Men – Paul’s Strategic Commitment to Pastoral Training (hier).
Die Ähnlichkeit zu lebenden oder toten Personen oder Gemeinden ist weder beabsichtigt noch Gegenstand dieser Überlegungen. Wer lernfähig und für die Gesundheit der Gemeinde(leitung) aufrichtig besorgt ist, darf gerne Gedanken und Bibelstellen aufnehmen und fruchtbar umsetzen, sie gehören nicht dem Autor dieses BLOGs. Wer Fehler findet, darf sie wegwerfen (1Thessalonicher 5,19–22!!
[1] Der Codex Bezae, auch Codex Bezae Cantabrigiensis, ist eine Handschrift des Neuen Testaments in griechischer und lateinischer Sprache aus dem 5. Jahrhundert. Der Codex Bezae enthält die vier Evangelien in der Reihenfolge der westlichen Handschriften (Matthäus, Johannes, Lukas, Markus) und einen Teil der Apostelgeschichte. Der Codex wird in der Bibliothek der Universität Cambridge aufbewahrt und hat die Signatur MS Nn.2.41. … Er war der einzige Bibeltext aus dem ersten Jahrtausend, der im 16. Jahrhundert bekannt wurde. Dieser Codex trägt den Namen von Theodor Beza, dem Nachfolger Johannes Calvins, denn er schenkte ihn der Universität Cambridge. Gemäß Beza sei der Codex zuvor im Kloster St. Irenäus bei Lyon gewesen. (überarb. Exzerpt aus: de.wikipedia.org/wiki/Codex_Bezae; siehe auch: Novum Testamentum Graece, NA28 (Apparat zu Apg 19,9))
[2] In Europa wird im ECTS-Schema unter einer Lehreinheit oft eine Semesterwochenstunde (SWS) verstanden. Das entspricht einer Unterrichtsstunde (45 Min.) pro Woche während der Vorlesungszeit eines Semesters. Im typischen Semester entspricht dies 10–11 Zeitstunden. Führt diese Vorlesungszeit beim Studenten zu einer Arbeitslast (work load) von insges. 25–30 Zeitstunden, erhält er dafür einen ECTS-Credit Point (CP). 30 CPs entsprechen einem Semester, 180 oder 210 CPs entsprechen einem Bachelor-Abschluss, 300 CPS einem Master-Abschluss. Die zwei Jahre in Ephesus könnten also gut 4 Semestern Hochschulstudium von heute entsprechen.
Das Buch Genesis (1. Mosebuch im Pentateuch) erwähnt mehrfach Bäume, die der Schöpfer-Gott durch sein Schöpfungswort in den Garten Eden gepflanzt hatte. Zum Beispiel:
»Und Gott sprach: Die Erde lasse Gras hervorsprossen, Kraut, das Samen hervorbringe, Fruchtbäume, die Frucht tragen nach ihrer Art, in der ihr Same sei, auf der Erde! Und es wurde so. Und die Erde brachte Gras hervor, Kraut, das Samen hervorbringt nach seiner Art, und Bäume, die Frucht tragen, in der ihr Same ist nach ihrer Art. Und Gott sah, dass es gut war.« (1. Mose 1,11f)
Viele dieser Bäume hatten samentragende Früchte, von denen sich die ersten Menschen nach Willen Gottes u. a. ernähren sollten:
»Und Gott sprach: Siehe, ich habe euch alles samenbringende Kraut gegeben, das auf der Fläche der ganzen Erde ist, und jeden Baum, an dem samenbringende Baumfrucht ist: Es soll euch zur Speise sein« (1. Mose 1,29)
Im zweiten Kapitel der Genesis wird dieser Schöpfungsakt Gottes nochmals beschrieben und dabei zwei Bäume besonders hervorgehoben:
»Und Jahwe Gott ließ aus dem Erdboden allerlei Bäume wachsen, lieblich anzusehen und gut zur Speise; und den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens, und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.« (1. Mose 2,9)
Zwei Bäume werden von den anderen Bäumen unterschieden durch besondere Erwähnung, durch Namensgebung und durch eine Ortsangabe für den »Baum des Lebens«. Einer dieser Bäume wird aus der Angebotsfülle an Nahrung ausdrücklich herausgenommen, Gott spricht vielmehr ein klares Speiseverbot gegenüber Adam aus (die »Männin« war zu diesem Zeitpunkt noch nicht gebildet worden, das folgt ab Kapitel 2,18ff):
»Und Jahwe Gott gebot dem Menschen [hebr. adam, dem »Erdling«] und sprach: Von jedem Baum des Gartens darfst du nach Belieben essen; aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, davon sollst du nicht essen; denn an dem Tag, da du davon isst, musst du sterben.« (1. Mose 2,16f)
In der Versuchungsgeschichte in Genesis 3 wird dieses erste und einzige Verbot von der Schlange als großer Mangel an Gottes Güte und Liebe dargestellt (3,1), zudem wird die gute Intention (Absicht) und Wahrheit des göttlichen Verbotes angezweifelt. Wir sehen einen verleumderischen Zentralangriff der Schlange auf das Wesen und die Ehre Gottes. Die Frau behauptet in ihrer Antwort folgendes:
Von der Frucht der Bäume des Gartens essen wir; aber von der Frucht des Baumes, der in der Mitte des Gartens ist, hat Gott gesagt: Davon sollt ihr nicht essen und sie nicht anrühren, damit ihr nicht sterbt.« (1. Mose 3,2f)
Die Versuchung verläuft über einen kurzen Dialog zwischen Schlange und Frau »erfolgreich« (besser: »folgenreich«!) zur Ursünde der Frau und Adams (siehe dazu die detailliertere Studie »Was drei para-Wörter über das Wesen der Sünde lehren«; auf diesem BLOG: logikos.club/?p=2019). Das Calwer Bibellexikon fasst den Ablauf trefflich zusammen:
»Es darf nicht übersehen werden, dass wichtige Beweggründe die ersten Menschen zum Halten des Gebots verpflichteten: 1) die Dankbarkeit gegen Gott, der ihnen ja im selben Augenblick so vieles erlaubt hatte, 2) die Furcht vor Gott, der mit schwerer Strafe die Übertretung bedrohte; 3) das Vertrauen auf Gott, der — nach seiner bisherigen Güte zu schließen — gewiss auch jetzt, bei diesem Verbot, nur ihr eigenes Beste im Auge hatte.
Daher gehen auch die Reden der Schlange darauf aus, gerade diese drei schützenden Wächter des göttlichen Gebots aus dem Herzen der Menschen zu entfernen: die Dankbarkeit, indem Gott durch die sein Verbot verdrehende Frage hingestellt wird als ein Wesen, das nur verbieten kann (V. 1Mos. 3, 1). Als dann die Antwort der Eva zeigt, dass nur die Furcht vor der Strafe sie noch bindet — denn von Dankbarkeit zeigt ihr Wort schon nichts mehr (V. 1Mos. 3, 2 und 1Mos. 3, 3), — geht die Schlange zur bestimmten Leugnung der Wahrhaftigkeit der göttlichen Drohung weiter, benimmt der Eva dadurch auch die Furcht vor Gott (V. 1Mos. 3, 4) und untergräbt zugleich das Vertrauen auf Gott, indem sie das Verbot als Folge eines göttlichen Neides, der den Menschen ihr Glück nicht gönnen will, hinstellt (V. 1Mos. 3, 5.). Das Mittel der Verführung ist also Verdrehung der Worte Gottes und Lüge, der letzte Keim der Sünde aber ist, dass die Menschen diesen Lügen mehr glauben, als dem Worte Gottes und sich dadurch aus ihrer Kindesstellung zu Gott herauslocken lassen. Nun erst erwachte auch die böse Lust, mit der sie sich selbst weiter betrogen, als ob das Essen vom verbotenen Baum ein besonderer Genuss und die Folge davon ein großer Fortschritt für sie sei. Und aus der bösen Lust erwuchs die böse Tat (V. 1Mos. 3, 6), der freilich die Ernüchterung auf dem Fuße folgte (V. 1Mos. 3, 7). Der Hergang ist ganz dem Spruch entsprechend, mit dem Jak. 1, 14f die Entstehung jeder Sünde in der nachparadiesischen Zeit beschreibt. Nur wurden die ersten Menschen nicht von ihrer eigenen Lust versucht, sondern diese wurde bei ihnen erst durch Einflüsterungen von Außen geweckt.« Zeller, P. (Hrsg.). Calwer Bibellexikon: Biblisches Handwörterbuch illustriert, s.v. Sünde, sündigen. Fettdruck hnzugefügt.
Der Weg des in Sünde gefallenen Menschen verläuft nun von Gott weg, nach Osten, weg vom Berg Gottes (von Eden, wo Gott wohnte), hinaus aus dem Garten Eden auf den Erdboden außerhalb Edens. Die in Genesis folgende Urgeschichte zeichnet den Weg des Menschen »nach Osten«, von Gott weg, nach (NB: Beachte die implizite Tempelstruktur.) Es ist ein Weg, der von Gräbern, dem Tod, markiert ist (1. Mose 5,5ff; Refrain: »und er starb«). Erlösungsgeschichte beginnt erst da, wo Gott selbst als Mensch in diese Welt eintritt und den Weg zurück nach Eden, dem »Paradies Gottes« mit dem »Baum des Lebens«, mit dem Menschen geht (s. Offenbarung 2,7; 22,2.14.19). Dieser Heilsweg Gottes (»Go West!«) soll hier nicht weiter verfolgt werden.
Wir wissen nun, wo der »Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen« ursprünglich erwähnt wird und was über ihn ausgesagt wurde. Aber wo stand er genau?
Der Standort des Baumes der Erkenntnis
Der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, dass es nur vom »Baum des Lebens« ausdrücklich heißt, dass er »in der Mitte des Gartens« (hebr. b tok ha gan) stand (Genesis 2,9). Dies wird für den anderen Baum, den der Erkenntnis, nicht ausdrücklichgesagt. Dieser wird im Bericht mit Namen angegeben, aber ohne ausdrückliche Ortsangabe.
Anders klingt es, wenn wir der Frau in Genesis 3,3 zuhören. Sie sagte zur Schlange:
»… aber von der Frucht des Baumes, der in der Mitte des Gartens ist, hat Gott gesagt: Davon sollt ihr nicht essen und sie nicht anrühren, damit ihr nicht sterbt.« (1. Mose 3,3)
Da muss man genauer hinsehen. Zunächst einmal nennt die Frau nicht ausdrücklich den Namen des Baumes, von dem sie nun spricht. Sie redet von jenem Baum, »der in der Mitte des Gartens ist«. Das wäre nach dem bisherigen Bericht der »Baum des Lebens«. Aus dem Kontext und der Logik der Rede der Frau muss man aber schlussfolgern, dass sie vom verbotenen Baum redet und diesen hier »in der Mitte des Gartens« verortet. Das wirft Fragen auf: Wie ist das zu erklären? Wie ist das zu verstehen?
Da die Frau im selben Satz unsicher und ungenau ist bezüglich des genauen Verbotes Gottes (sie fügt das »nicht anrühren« hinzu!), mögen auch andere Aspekte ihrer Aussage zweifelhaft sein. Zweitens könnte es sein, das sie nicht eine geografische (örtliche) Aussage über den Baum machte, sondern mit der »Mitte« eine subjektiv empfundene Wahrnehmung der Wichtigkeit wiedergab. Die »Mitte« wäre also eher symbolisch als denn geografisch zu verstehen. Diese Unsicherheit bietet Raum für unterschiedliche theologische Deutungen, entsprechend gehen die Auslegungen auseinander.
Unterschiedliche Auslegungen des Textes
Der hebräische Befund von Genesis 2,9 und 3,3
Der masoretische Text von Genesis 2,9 lautet wörtlich etwa: »und den Baum des Lebens inmitten des Gartens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse«. Die Ortsangabe »inmitten des Gartens« (beṯôḵ ha-gān) steht unmittelbar beim »Baum des Lebens«. Es bedeutet je nach Kontext »inmitten«, »in der Mitte«, oder allgemeiner »innerhalb«. Rein syntaktisch, also vom Satzaufbau her, ist der nächstliegende Bezug der Ortsangabe der Baum des Lebens.
Eine zweite Beobachtung ist auch wichtig: Der Vers ist elliptischaufgebaut, das heißt, er hat Auslassung(en). Das Hebräische sagt nicht ausdrücklich: »nur der Baum des Lebens stand in der Mitte«. Deshalb gibt es Übersetzungen und Kommentare, die den Satz als zusammenfassende Nennung der zwei Sonderbäume lesen. Man muss aber gezielt zu den ungenauen »Übertragungen« greifen, um folgende falsche Wiedergabe zu finden: »Mitten im Garten ›standen‹ der Baum des Lebens und der Baum, der zur Erkenntnis von Gut und Böse führt.« (Neue Genfer Übersetzung). Das ist Auslegung, nicht treue Wiedergabe des Textes.
Dann folgt Genesis 3,3: »von der Frucht des Baumes, der inmitten des Gartens ist«. Hier steht im Singular (Einzahl): »des Baumes, der«. Im Gespräch mit der Schlange meint die Frau damit offenkundig (nur) den einen Baum, von dem zu essen Gott verboten hatte. Das klingt so, als ob der Baum der Erkenntnisaus ihrer Perspektive ebenfalls als ein Baum »inmitten des Gartens« bezeichnet werden könnte. Man beachte: Die Frau liefert keine sachliche Ortsangabe, sondern ihren persönlichen Eindruck, ihr subjektives Wissen, Bewerten und Denken.
Wohin tragen uns die sprachlichen Überlegungen?
Erstens: Der stärkste unmittelbare Satzbezug in Genesis 2,9 lokalisiert (nur) den Baum des Lebens in der Mitte. Das ist der grammatisch konservativste Befund.
Zweitens: Genesis 3,3 zeigt, dass die Frau den verbotenen Baum ebenfalls mit der Formel »inmitten des Gartens« verortet. Das kann heißen: 1.) der Erkenntnisbaum stand auch dort; 2.) der Erkenntnisbaum stand irgendwie nahe beim Lebensbaum, oder 3.) »inmitten« ist hier funktional-symbolisch gemeint, also als »der zentrale Baum der Erprobung« im Kontext. Der Text selbst entscheidet diese drei Möglichkeiten nicht vollständig.
Drittens: Der eigentliche erzählerische Zug ist vermutlich nicht botanisch-geografisch, sondern theologisch: Beide Bäume sind die beiden Brennpunkte der Erzählung: 1.) Gott gibt dem Menschen das Leben und die Fülle (Genuss), weil der Mensch als Geschöpf das Leben nicht in sich selbst hat. 2.) Das Leben und Gedeihen des Menschen ist nur gesichert in Anerkennung, dass der Lebensgeber auch der Gebieter ist, dem man Gehorsam schuldig ist: Der Schöpfungsakt hatte Menschen »im Bild und Gleichnis Gottes« gezeitigt, aber keine Götter (mit wesenseigener Aseität). Dass die Ortsangabe zwischen Genesis 2,9 und 3,3 »wandert«, ist literarisch auffällig und wahrscheinlich beabsichtigt.
Die Auslegung der patristischen und lateinischen Tradition
In der alten Kirche wird der botanisch-räumliche Aspekt meist rasch vom moralischen und sakramentalen verdrängt. Augustinus betont entschieden: Der verbotene Baum war nicht böse an sich; jede von Gott geschaffene Pflanze im Paradies ist gut. Verboten war der Baum vielmehr deswegen, um den Menschen Gehorsam zu lehren. Der Name »Erkenntnis von Gut und Böse« erklärt sich bei ihm daraus, dass der Mensch nach dem Essen am eigenen Leib den Unterschied zwischen dem Guten des Gehorsams und dem Bösen des Ungehorsams erfahren sollte. Damit verschiebt Augustinus die Frage von »Wo stand der Baum geografisch?« zum theologisch-teleologischen: »Wozu diente das Verbot?« (Was war die gute Absicht Gottes, sein Telos, mit diesem Verbot?). Der Garten bleibt bei ihm real, aber der dogmatische Fokus liegt auf ordo, obedientia (Ordnung, Gehorsam) und dem Ursprung der Sünde. Der Baum ist gut; der Sündenfall liegt im Menschen, der zu seinem eigenen Verderben das geringere Gut (Auge, Lust, Begehren) gegenüber dem höheren Gut (Gehorsam Gott gegenüber) wählt.
Thomas von Aquin übernimmt diese Linie. In der Summa Theologiae nennt er sowohl den Baum des Lebens als auch den Baum der Erkenntnis materielle Bäume. Der Baum der Erkenntnis heiße so »mit Blick auf das spätere Geschehen«, weil der Mensch nach dem Essen durch die Strafe den Unterschied von Gut und Böse erfahre. Auch hier ist die Standortfrage sekundär gegenüber der Lehre von Natur, Gehorsam und Strafe.
Die lateinisch-westliche Linie bei Augustinus und Aquin verlagert die Debatte also stark auf Gehorsam, Willensordnung, Sünde und Strafe und später auf die Lehre von der Erbsünde. Der Erkenntnisbaum wird nicht als metaphysisch »schlechter« Gegenbaum zum Lebensbaum verstanden, sondern als guter Baum, der durch das Verbot zum Ort der Prüfung wird.
Die »herzenserforschend-theologische« Deutung des Textes
Man könnte sich fragen, ob und inwiefern man den Text so deuten könne, dass die Aussage der Frau (»inmitten des Gartens«) eine Verschiebung in ihrer Wahrnehmung der Realität darstellt? Dass die Frau sozusagen den »Verbots-Baum« zum Mittelpunkt ihrer subjektiven Vorstellung von Gott macht, statt dass sie den lebensstiftenden »Baum des Lebens« real (objektiv) als Mitte des Garten Edens wahrnimmt.
Zum Glück berichtet die Schrift von den verborgenen Vorgängen im Denken, Fühlen und Entscheiden (dem »Herz«) der Frau. Sie war ja (wie viele lehren) mit »freiem Willen« und unschuldig geschaffen worden. Solchen Menschen begegnen wir ja seit dem Sündenfall nicht mehr, der menschgewordene »Heilige« natürlich ausgeschlossen. Wir müssen also nicht spekulieren, brauchen keine tiefenpsychologische Deutung, der Text reicht. Sehen wir also, wohin ihr »freier Wille« sie führt.
Wir sehen Frappierendes: Die Wahrnehmung der Frau verschiebt sich vom Lebens-Mittelpunkt und der Fülle des Segens zur göttlich vorgegebenen Grenze ihres Segensraums. Der verbotene Rand wird mental-seelisch zum Zentrum. Das eigentliche Zentrum, das Leben in Fülle, wird überblendet, ausgeblendet, verblasst. Die Frau verändert das Gebot Gottes, warum wissen wir nicht. Letztlich wird die Frau dadurch anfällig gegenüber der Lüge der Schlange. Wir sehen nicht nur eine sprachliche oder rein mentale, sondern eine kognitiv-theologische Verschiebung: ihr Gottesbild hängt schief. Oder ist es schon auf den Boden gefallen?
Jetzt wird es brandgefährlich! Denn ihre falsche Vorstellung spannt eine Leinwand auf, auf die die Schlange einen angeblichen Mangel projizieren konnte. Wo das Gottesbild schief hängt, entsteht eine Zielscheibe für die tödlichen Pfeile Satans. Die Frau fällt auf diese Gott die Ehre abschneidenden Lügen prompt herein. Der Tod folgt dann aber so »gewiss«, wie es Gott vorher gesagt hatte. Wir lernen: Wenn Gottes Ehre in Konkurrenz zu den »Bedürfnissen« und »Gefühlen« des Menschen tritt, führt die Priorisierung des Menschen todsicher ins Verderben, die Priorisierung Gottes aber zu Leben in Überfluss.
Die These dieses Ansatzes lässt sich so formulieren: »Die Bezeichnung des verbotenen Baumes als »inmitten des Gartens« durch die Frau (Genesis 3,3) lässt sich als Hinweis auf eine beginnende Verschiebung der inneren Orientierung lesen, in der das Verbotene jenen Platz des Lebenszentrums einnimmt, der nach Genesis 2,9 (allein) dem Baum des Lebens zukommt. Im Kern wird das Gottesbild verzerrt und verfälscht, was größtes Unheil auslöst.« Diese These ist exegetisch verantwortbar, ohne den Text zu überdehnen.
Fazit
Bleibt man eng am hebräischen Text, kann man Folgendes festhalten:
Der sichere Textbefund liefert in Genesis 2,9ausdrücklichnur vom Baum des Lebens, dass er »inmitten des Gartens« stand. Das ist die objektive Feststellung.
Ebenfalls zu beachten ist, dass in Genesis 3,3 die Frau sagt, dass der verbotene Baum »inmitten des Gartens« sei. Das ist ihre subjektive Darstellung. Sie kommt in einem Satz, der eine Falschaussage über das Gebot Gottes enthält; das weckt Zweifel.
Folgerung: (1) Die Schrift erlaubt nicht die harte Behauptung: »Im Zentrum des Garten Edens stand sichernur der Baum des Lebens.« (2) Die Schrift erlaubt nicht die harte Behauptung: »Beide Bäume standen sicher beide im Mittelpunkt des Garten Edens.« Der Text hält die Sache bewusst in einer produktiven Spannung.
Der Ansatz der oben dargestellten »herzenserforschend-theologische« Deutungdes Textes als innerer Fehlorientierung der Frau, die zur Gedankensünde und dann zur Tatsünde und zum Anstecken anderer zur Sünde führt, ist textlich und exegetisch verantwortbar.Er müsste mit den einschlägigen Stellen des Neuen Testaments geprüft und ergänzt werden.
Warum die Verführung der Frau auch im NT relevant ist
Eine kurze Übersicht samt Kurzkommentar von Bibelstellen im NT soll erste Hilfen bieten, dieses Ur-Ereignis biblisch zu deuten und seine Relevanz für uns Christen zu erfassen. Auch wenn die Frau die Ur-Sünde beging, so ist doch der Mann an ihrer Seite als Repräsentant der Menschen öffentlich verantwortlich für die Ur-Sünde und alle ihre Folgen. Mann wie Frau brauchen Erlösung und Sühnung (usw.). Gott bereitet alles Heilsnotwendige vor und schenkt es jedem Glaubenden frei, wenn er umkehrt, indem er seine Sünde bekennt und an den Retter-Gott glaubt. Die Errettung »allein aus Glauben«, »allein in Christus« gilt seit »Paradies lost« bis »All the children are in«, wenn die Gnadenzeit zu Ende gekommen sein wird.
2. Korinther 11,3
»Ich fürchte aber, dass etwa, wie die Schlange Eva durch ihre List verführte, so euer Sinn verdorben und abgewandt werde von der Einfalt gegenüber dem Christus.«
Hier wird die NT-Gemeinde gewarnt vor der Verführung durch die »Schlange«, den Satan. Paulus nutzt Eva als Typus für geistliche Gefährdungdurch List. Im Kontext geht es um die Verführung durch als Wahrheit getarnte Lehre, der die Christen mangels Unterscheidungsvermögen nicht nur keinen Widerstand bieten, sondern das Falsche sogar »gut ertragen«, ja sogar als »begehrenswert« geradezu willkommen heißen (s. Kontext). Herausforderung: Werden die Männer wieder schweigen, zuschauen, mitmachen?
1. Timotheus 2,13–14
»… denn Adam wurde zuerst gebildet, danach Eva; und Adam wurde nicht betrogen, die Frau aber wurde betrogen und fiel in Übertretung.«
Hier wird die Lehrautorität in der Gemeinde Jesu Christi exklusiv Männern anvertraut und mit dem Ur-Betrugsfall im Garten Eden begründet. Die Frau dient als Präzedenzfall für Verführbarkeit. Da damit eine geschlechterspezifische Begründung für Teile der Gemeindeordnung (Lehre/Autorität) geliefert wird, wütet der aktuelle Zeitgeist vehement gegen diese Anweisung des Apostels. Hilfreich ist an dieser Stelle der Hinweis, dass die hier vorgegebene funktionelle Differenzierung der Geschlechterrollen keine ontologische Wertaussage mit sich bringt. Die Anweisung wird auch nicht mit der Intelligenz oder fachlichen Kompetenz der Geschlechter begründet, es gibt ganz offenbar kluge Frauen und dumme Männer. Gott nimmt sich sein ureigenes Recht heraus, in seinerGemeinde die Autoritätsstrukturen vorzugeben. Wem das nicht passt, kann seinen eigenen kirchlichen Verein gründen.
Römer 5,12–19
»Darum, so wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod und so der Tod zu allen Menschen durchgedrungen ist, weil sie alle gesündigt haben… Denn so wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen in die Stellung von Sündern gesetzt worden sind, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen in die Stellung von Gerechten gesetzt werden.« (Römer 5,12.19)
In diesem Text werden zwei Familien kontrastiert, indem deren »Häupter« (Repräsentanten) gegenübergestellt werden. Adam ist das Haupt der Familie aller Menschen, Christus das Haupt der Familie der Erlösten. Der Fokus ist also auf die Repräsentationsfunktion. Daher wird die Frau, Eva, überhaupt nicht namentlich erwähnt, aber im vorausgesetzten Sündenfall mitgedacht. Gegenüber Gott ist Adam für den Sündenfall des Menschen voll verantwortlich. Da er im Gegensatz zu Eva das Gebot Gottes direkt empfangen hatte (die Frau war noch gar nicht erschaffen worden!), war seine Sünde eine »Übertretung« und wog daher schwerer. Adams Sünde wird allen Menschen (seiner Familie) zugerechnet, er riss alle mit in den Tod. Dass alle Menschen »in Adam« sind und daher ohne Christus schuldige Sünder vor Gott, beweisen sie beständig dadurch, dass sie alle sündigen (Römer 3,23; 5,12). Herausforderung: Welcher Familie gehöre ich an? Wer ist mein »Haupt«?
1. Korinther 15,21–22; 45–49
»… denn da ja durch einen Menschen der Tod kam, so auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in dem Adam alle sterben, so werden auch in dem Christus alle lebendig gemacht werden.«
Auch hier arbeitet der Apostel Paulus wieder mit der Adam-Christus-Parallele: zwei Menschenmengen werden über ihre »Häupter« in Kontrast gesetzt. In diesem Zusammenhang wird wieder Adam, nicht Eva, für die Sünde und die Todesfolge verantwortlich gemacht. Eva bleibt im Hintergrund, auch wenn sie »Mutter der Lebendigen« ist. Adam übernimmt die Repräsentationsfunktion.
Offenbarung 12,9; 20,2
»Und es wurde geworfen der große Drache, die alte Schlange, welcher Teufel und Satan genannt wird, der den ganzen Erdkreis verführt, geworfen wurde er auf die Erde, … Und er griff den Drachen, die alte Schlange, die der Teufel und der Satan ist; und er band ihn tausend Jahre und warf ihn in den Abgrund und schloss zu und versiegelte über ihm…«
Diese Stellen in der Offenbarung Jesus Christi identifizieren die Schlange aus dem Garten Eden als Drachen, Teufel und Satan. Auch dies zeigt über die Rückbindung die Wahrheit des Genesisberichts an; wir haben dort keine mythische Erzählung, sondern Gottes (Heils-) Geschichte. Eva wird auch hier nicht genannt, aber über die erwähnte Verführung (20,3) angespielt, also vorausgesetzt.
1. Johannes 2,16f
»… denn alles, was in der Welt ist, die Lust des Fleisches und die Lust der Augen und der Hochmut des Lebens, ist nicht von dem Vater, sondern ist von der Welt. Und die Welt vergeht und ihre Lust; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit.«
Klassisch werden die drei genannten weltlichen Versuchungen als Anspielung auf den Ur-Sündenfall in Genesis 3,6 gedeutet (Sehen – Begehren – Selbstüberhöhung) gedeutet:
»Und die Frau sah, dass der Baum gut zur Speise und dass er eine Lust für die Augen und dass der Baum begehrenswert wäre, um Einsicht zu geben; und sie nahm von seiner Frucht und aß, und sie gab auch ihrem Mann bei ihr, und er aß.«
Die inneren Vorgänge der Frau in der Verführung zur Sünde sind exemplarisch für die dann alle Menschen umfassenden Verführbarkeit zur Tatsünde. Wir lernen, dass der Tatsünde die Herzenssünde vorausgeht. Jesus sagt, dass diese Herzenssünde die schwerere ist und daher bei Gott ebenfalls justiziabel ist (Matthäus 5,21ff). Jakobs markiert die Herzenssünde als Folge einer weltlichen »Begierde«; der Herzenssünde folgt dann als »Vollendung« die Tatsünde (Jakobus 1,15), s.u. Am Fuße dieser schlüpfrigen Rampe wartet der ewige Tod.
Matthäus 4,1–11
»Und der Versucher trat zu ihm [Jesus Christus] hin und sprach: Wenn du Gottes Sohn bist, so sprich, dass diese Steine zu Broten werden. … Wenn du Gottes Sohn bist, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: ›Er wird seinen Engeln deinetwegen befehlen, und sie werden dich auf Händen tragen, damit du nicht etwa deinen Fuß an einen Stein stoßest.‹ … Dies alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.«
Die Versuchung Jesu in der Wüste geschah nach 40 Tagen Fasten und laufenden Angriffen des Diabolos (s. Lukas 4,1–2) und kulminierte in diesen drei Versuchungen: Essen (körperliches Verlangen), Schauwunder (um Ansehen zu erringen) und Abkürzung zum globalen Königtum (also, ohne die Sündenfrage zu klären). Alle drei Aufforderungen zur Tat lag kein Auftrag des Vaters zugrunde, sondern war Aufforderung Satans. Jesus musste schon allein deswegen alle drei Aufforderungen als illegitim zurückweisen. Er tat nur, was der Vater ihm hieß, niemals das, was der Teufel Ihm anbot.
Der Kontrast zwischen der Versuchung Jesu in der Wüste zur Versuchung der Frau im Garten Eden könnte nicht größer sein. Die drei Versuchungsbereiche, die bei der Frau »erfolgreich« zur Sünde führten (und wohl bei Milliarden von Menschen seitdem), will Satan auch beim »Sohn des Menschen« wirksam werden lassen. Und Satan zielt bei Jesus Christus genau dorthin, »wo es weh tut«. Aber im Gegensatz zur Frau (und dem schweigenden Adam) kennt Jesus Christus das Wort Gottes, will nur diesen tun, und zerschießt daher alle Versuchungsangebote Satans mit Gottes Wort (alle mit Zitaten aus Deuteronomium, 5. Mose).
Gott sei Dank! Der Heilige erweist sich vor aller Augen als reines und heiliges Opfer (als »Lamm ohne Fehl und ohne Flecken«; 1. Petrus 1,19) und als heiliger Hoherpriester: »Denn ein solcher Hoherpriester geziemte uns: heilig, unschuldig, unbefleckt, abgesondert von den Sündern« (Hebräer 7,26). Vgl. dazu das dreifache apostolische Zeugnis der Sündlosigkeit Jesu: 2. Korinther 5,21; 1. Petrus 2,22; 1. Johannes 3,5!
Jakobus 1,14–15
»Jeder aber wird versucht, wenn er von seiner eigenen Begierde fortgezogen und gelockt wird. Danach, wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod.«
Dieser Text beschreibt die Wirkungskette einer Versuchung zur Sünde. Gott versucht auf diese Weise und mit dieser Zielsetzung keinen Menschen, niemanden. Seine Versuchungen sind Erprobungen des Glaubens und dienen der Reifung (1. Petrus 1,3ff). Hier wird vielmehr beschrieben, wie die Sünde im Sünder (im »alten Menschen«) wirkt. Eva dient implizit als Urmodell der Versuchung (s.o.), die Versuchung wirkt indessen in allen unerlösten Menschen, da sie alle »Sklaven der Sünde« sind (Johannes 8,34; Römer 6,16–20). Erst »Wenn nun der Sohn euch frei macht, werdet ihr wirklich frei sein« (Johannes 8,36). Erst ab der Einsmachung des Glaubenden mit Jesu Sterben muss ein glaubender Mensch »der Sünde nicht mehr dienen« (Römer 6,6): Der alte Zwangsablauf ist zerbrochen, die Herrschaft der Sünde beendet: »Also herrsche nicht die Sünde in eurem sterblichen Leib, um seinen Begierden zu gehorchen« (Römer 6,12). Halleluja!