Ursache und Wirkung– Kleiner Exkurs für gründliches Denken in der Heilslehre

Lesedauer: 16 Minuten.

1    Was bezeichnet man als „Ursache“, was als „Wirkung“?

Zuerst ein paar grundlegende Begriffe und ein Überblick über deren semantische Entwicklung.

1. Begriffe: „Ursache“ und „Wirkung“ sind korrelative Begriffe, die zwei unterscheidbare, aber miteinander verbundene Phasen (vorher, nachher) der erlebten Realität in einer Zeitreihe bezeichnen, sodass immer dann, wenn das zeitlich Vorhergehende („Ursache“) aufhört zu existieren, das zeitlich Nachfolgende („Wirkung“) erscheint.

2. Die Vorsokratiker verwendeten den Begriff „Arche“ (gr. archē = Ursprung, Anfang, Grundprinzip, erstes Element), um etwas zu bezeichnen, das vor und zusammen mit anderen Dingen existiert und ohne das andere Dinge nicht existieren würden. Es ist also das Urprinzip, aus dem alles entsteht und durch das alles erklärt werden kann. Für Thales von Milet war es das Wasser, für Anaximenes die Luft, für Heraklit das Feuer, der Wandel. Platon hingegen verwendete „Arche“, um einen Grund zu bezeichnen, warum ein Ding seine wesentlichen Eigenschaften hat, sodass wir es mit einem bestimmten Namen bezeichnen.

3. Aristoteles unterscheidet vier Ursachen (gr. aitía), um zu erklären, warum etwas so ist, wie es ist. Die Frage geht also nach den Ursachen, Gründen oder Prinzipien zur Erklärung einer Sache. Diese lauten (Beispiele folgen weiter unten): 

  • Materialursache/Stoffursache (causa materialis): das, woraus etwas entsteht, geformt oder hervorgebracht wird. 
  • Formursache (causa formalis): das Wesen, das die Natur der Sache ausmacht, die qualitativen Eigenschaften, die sie zu dem machen, was sie ist, sie von anderen Dingen unterscheiden und sie ähnlichen Dingen ähnlich machen. 
  • (Wirkursache oder effiziente Ursache (causa efficiens): der produktive Wirkstoff oder die Kraft, die eine Wirkung hervorbringt. 
  • Zweckursache oder Endursache (causa finalis): der Zweck oder das Ziel einer Sache, um dessentwillen sie bestimmte Eigenschaften besitzt oder von einer Intelligenz hervorgebracht wurde.

Die mittelalterlichen Scholastiker verwendeten und modifizierten diese Prinzipien.

4. Mit dem Aufkommen der Naturwissenschaften in der Renaissance ersetzte „Substanz” die materielle Ursache, und die formale Ursache wurde beiseitegeschoben; „Ursache” wurde hauptsächlich als effiziente Ursache verstanden.

5. Hume, der davon ausging, dass jede Idee aus vorhergehenden Eindrücken oder Empfindungen kopiert wird, führte den Glauben an die „notwendige Verbindung” von Ursache und Wirkung auf die Wiederholung bestimmter Erfahrungen mit einheitlicher Abfolge (konstante Konjunktion) zurück, die im Wahrnehmenden eine gewohnheitsmäßige Erwartung, eine Gewohnheit der Antizipation hervorrufen, durch die der Geist gewohnheitsmäßig von der Wahrnehmung des Vorhergehenden zur Erwartung des Nachfolgenden übergeht.

6. Um die Wissenschaft vor dem Psychologismus Humes zu bewahren, postulierte Immanuel Kant das Prinzip der Kausalität als eine a priori notwendige Kategorie (Form) des Verstandes, die nicht von der Erfahrung abhängig ist, sondern diese konstituiert. Durch diese Form des Verstandes wird empirisches Wissen über die Natur möglich. 

7. J. S. Mill identifizierte die Regelmäßigkeit der Abfolge als das Wesen der Kausalität, wobei „Ursache” als Vorläufer oder das Zusammentreffen von Vorläufern definiert wird, auf die ein Ereignis unveränderlich und bedingungslos folgt.

8. J. H. Poincaré und P. Frank vertreten eine konventionalistische Sichtweise der Kausalität als Definition (oder regulativer Verfahrenskanon) eines Zustands eines Systems.

Einige Quellen dazu: Platon, Phaidon und Timaios; Aristoteles, Metaphysik; D. Hume, Abhandlung über die menschliche Natur, III, und Untersuchung über das menschliche Verständnis; I. Kant, Kritik der reinen Vernunft; J. S. Mill, System der Logik; P. Frank, Philosophy of Science: The Link Between Science and Philosophy (Englewood Cliffs, New Jersey, 1957); J. H. Poincaré, Science and Hypothesis, übers. v. W. J. G. (New York, 1952) und Science and Method, übers. v. F. Maitland (New York, 1952).

Die vier Ursachen nach Aristoteles

Aristoteles hat darüber nachgedacht, wie wir denken und argumentieren, und hat dazu die unserer Sprache und unserem Denken als Menschen eigenen Strukturen erforscht und beschrieben. Er nennt vier unterschiedliche Aspekte dessen, was wir als Ursache bezeichnen. Man muss diese Einteilung nicht übernehmen, sie mag zu wenige, zu viele Aspekte nennen oder teilweise neben der Realität liegen. Trotzdem war sie in zahllosen Diskussionen hilfreich und zeigt sich weiterhin als hilfreich. Man kann damit manchmal vermeiden, dass man aneinander vorbeiredet oder bei der Forschung nach Ursachen Bereiche vernachlässigt, die sich als wichtig erweisen.

Wir wollen hier nun zuerst die vier Ursachen nach Aristoteles anhand eines einfachen Beispiels darstellen und sie dann im nächsten Abschnitt auf ein zentrales Thema der biblischen Lehre (Dogmatik), der Heilslehre, anwenden.

Gegenstand: Ein Bildhauer erstellt eine Marmorstatue, die eine menschähnliche Gestalt darstellt. Jemand sieht sie und fragt nach der Ursache dieser Statue. Mit Hilfe der Einteilung von Aristoteles fragt er sich die folgenden vier Fragen über die Statue (Ding/Sache) und kommt so zu vier Aussagen über die Ursachen der Statue:

  • Stoffursache (causa materialis)
    Frage: Aus welchem Stoff besteht das Ding?
    Antwort: Die Statue besteht aus Marmor. 
    Erkenntnis: Ohne dieses Material gäbe es die Statue nicht physisch greifbar.
    Erkenntnis aus dieser Frage: Der Stoff, aus dem etwas gemacht ist.
  • Formursache (causa formalis)
    Frage: Was ist die Gestalt/Struktur des Dings?
    Antwort: Die Statue hat die Form eines bestimmten Menschen oder Gottes. 
    Erkenntnis: Nicht der rohe Marmor, sondern die Gestalt macht sie zur Statue.
    Erkenntnis aus dieser Frage: Das „Was-sein“ oder die Form des Dings.
  • Wirkursache (causa efficiens)
    Frage: Wer oder was bewirkte die Entstehung?
    Antwort: Der Bildhauer Sowieso
    Erkenntnis: Der Bildhauer, der den Marmor bearbeitet, ist die Wirkursache.
    Erkenntnis aus dieser Frage: Der Auslöser oder Handelnde/Wirkende.
  • Zweckursache (causa finalis
    Frage: Wozu existiert das Ding?
    Antwort: Die Statue wurde vielleicht geschaffen, um einen Gott zu ehren, eine Person zu verewigen oder um einen Platz zu schmücken. 
    Erkenntnis: Ohne dieses Ziel wäre die Statue nie entstanden.
    Erkenntnis aus dieser Frage: Das Ziel oder der Zweck des Dings.

Tabellarische Übersicht (mit Beispiel)

UrsacheFrageBeispiel
StoffursacheWoraus?Marmor
FormursacheWas?Gestalt der Statue
WirkursacheWer?Bildhauer
ZweckursacheWozu?Verehrung / Schmuck

Die Ursachen der Errettung (biblisch-reformatorische Sicht)

Wir beantworten nun die Frage nach den Ursachen des ewigen Heils mit den Antworten, die die Heilige Schrift nach reformatorischer Auslegung liefert.

Dieses Vorgehen bedeutet nicht, dass wir dem biblischen Text eine griechisch-philosophische Zwangsmaske oder Schablone aufsetzen, sondern dass wir mit geschärftem Denken an dieses Wunderwerk herangehen und so den einen oder anderen Streitgedanken erkennen, analysieren und ggf. lösen können. Anders gesagt: Denken wird nicht falsch, nur weil es analytisch von einem Philosophen beschrieben wurde. Vermutlich hat Aristoteles nur entdeckt und beschrieben, was Gott in Sprache und Denken gelegt hat (Ähnliches kann man über Logik und Mathematik sagen). Dem Philosophen wird nicht erlaubt, den Inhalten des gedanklich Bewegten beizutragen.

1. Stoffursache (causa materialis)

Frage: Woraus besteht das, was gerettet wird?

Die Bibel lehrt, dass der Gegenstand (die „Materie“) der Errettung der Mensch selbst ist, so wie er im Sündenfall absolut erlösungsbedürftig geworden war, ein sündiger Mensch mit Leib und Seele, bereits als Sünder geboren, unaufhaltsam sündigend, unfähig, sich selbst zu erretten.

Antwort: Die Stoffursache der Errettung ist nicht etwas Gutes im Menschen, sondern der ganze Mensch als verlorener Sünder, an dem Gott handelt.

Schrifthinweis: „Da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer.“ (Römer 3,10)

Erkenntnis: Der Mensch ist das Objekt der Errettung, nicht deren Quelle.

2. Formursache (causa formalis)

Frage: Was macht die Errettung (strukturmäßig) zu dem, was sie ist?

Die Form der Errettung ist nach der Lehre der Heiligen Schrift und den Reformatoren (nur stichwortartig): die Rechtfertigung allein aus Glauben (Basis), also die dem Sünder zugerechnete Gerechtigkeit Christi (extern) sowie stets in Verbindung damit die Heiligung und Erneuerung (Lebendigkeitsprinzip). – Im Kontrast dazu: Die Errettung geschieht nicht durch eigene Werke, eigene Liebe, eigenen Glauben (als Leistung), sie kommt von außerhalb des Menschen (extra nos).

Antwort: Die formale Ursache der Rechtfertigung ist die zugerechnete Gerechtigkeit Christi (Imputation).

Schrifthinweis: „Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm.“ (2. Korinther 5,21)

Erkenntnis: Christi Gerechtigkeit wird juristisch auf das Konto des Glaubenden gebucht. (Der zitierte Bibelvers wird weiter unten noch näher untersucht.)

3. Wirkursache (causa efficiens)

Frage: Wer bewirkt die Errettung?

Hier ist die biblische Antwort eindeutig: Die alleinige Wirkursache der Errettung ist der dreieinige Gott: (1) Der Vatererwählt aus Gnade (Epheser 1,4–5); (2) Der Sohn erwirbt die Erlösung durch Kreuz und Auferstehung; (3) Der Heilige Geist wendet sie wirksam an (Wiedergeburt, Glaube).

Antwort: Die Wirkursache der ewigen Errettung ist allein der dreieinige Retter-Gott. Der Mensch ist nicht Mitursache, sondern Empfänger.

Schrifthinweis: „Also liegt es nun nicht an dem Wollenden noch an dem Laufenden, sondern an dem begnadigenden Gott.“ (Römer 9,16)

Erkenntnis: Gott allein handelt errettend (Monergismus).

4. Zweckursache (causa finalis)

Frage: Wozu geschieht die Errettung? Was ist ihr Ziel?

Das höchste Ziel der Errettung des Menschen ist die Verherrlichung Gottes: die Offenbarung seiner Liebe, Barmherzigkeit und Gnade und die Offenbarung seiner Gerechtigkeit und Heiligkeit sowie die Gemeinschaft mit seinem Volk. Gott wird von den erlösten Menschen ewig Anbetung bekommen.

Antwort: Das letztliche Ziel der Errettung ist das Lob und die Anbetung Gottes, weil er sich im Heilswerk herrlich als Retter-Gott präsentiert und beweist.

Schrifthinweis: „Zum Lob der Herrlichkeit seiner Gnade.“ (Epheser 1,6) – „Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge; ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen.“ (Römer 11,36).

Erkenntnis: Die Seligkeit des Menschen ist real und herrlich, aber nicht der letzte Zweck des Heilswerkes Gottes. Vielmehr geht es letztlich und exklusiv um Gottes Ehre (Soli Deo Gloria).

Tabellarische Übersicht:

UrsacheIn der Errettung
StoffursacheDer sündige Mensch
FormursacheDie zugerechnete Gerechtigkeit Christi
WirkursacheDer dreieinige Retter-Gott alleine
ZweckursacheDie Verherrlichung Gottes

Das Ergebnis dieses Nachdenkens

Die Anwendung der aristotelischen Ursachen zeigt:

  • Der Mensch trägt nichts bei, was Ursache seiner Errettung wäre.
  • Christus ist nicht nur Mittel, sondern Form der Errettung.
  • Gott ist Urheber, Vollender und Ziel der Errettung.

Die Reformatoren haben dies in den bekannten Exklusiv-Partikeln zusammengefasst: Nach der Grundlegung im sola scriptura (allein die Heilige Schrift) folgen aus der Schrift zwingend: Sola gratia – solus Christus – sola fide – soli Deo gloria (allein aus Gnaden – nur in Christus – nur aus Glauben – allein zur Ehre Gottes).

Irrtum und Wahrheit in der Heilslehre

Man kann die Unterschiede zwischen reformiert-monergistischer versus synergistischer Soteriologie anhand des selben Frageschemas nach den Ursachen des Heils systematisch darstellen. Die theologischen Bruchlinien treten tatsächlich entlang dieser vier Aspekte der Heilsursachen zutage (mit „synergistisch“ seien hier kurzgefasst v. a. die römisch-katholische, die arminianische und allgemein alle semi-pelagianischen Vorstellungen bezeichnet).

1. Stoffursache (causa materialis)

Reformiert (monergistisch)

  • Der Mensch ist geistlich tot (Eph 2,1)
  • Keine rettungsfähige Anlage im Menschen
  • Der Mensch ist passives Objekt der Errettung

 → Materia: der verlorene Sünder ohne rettende Disposition

Synergistisch

  • Der Mensch ist gefallen, aber nicht geistlich tot
  • Verfügt über:
    • freien Willen
    • mitwirkungsfähige Natur
    • Fähigkeit zur Kooperation mit der Gnade

 → Materia: der Sünder mit rettungsfähigem Potential

Kurzform: reformiert: Unfähigkeit ↔︎ synergistisch: geschwächte Fähigkeit

2. Formursache (causa formalis)

Reformiert

  • Zugerechnete Gerechtigkeit Christi allein
  • Rechtfertigung ist:
    • forensisch
    • vollständig
    • außerhalb des Menschen (extra nos)

Glaube ist Mittel, nicht Form.

 → Die Form der Rettung ist Christus für uns

Synergistisch

Je nach Modell:

  • eingegossene Gerechtigkeit (römisch-katholisch)
  • oder:
    • Glaube + Treue
    • Anfangsgnade + fortdauernde Mitwirkung
    • Rechtfertigung als Prozess

 → Die Form ist Christus + innere Erneuerung / Kooperation

Kurzform: reformiert: zugerechnet ↔︎ synergistisch: inhärent / kooperativ

3. Wirkursache (causa efficiens) – der zentrale Streitpunkt

Reformiert

  • Gott allein wirkt:
    • Erwählung
    • Wiedergeburt
    • Glaube
    • Bewahrung

Der Mensch wirkt nicht einmal den Glauben, sondern empfängt ihn.

 → Monergismus

Synergistisch

  • Gott gibt Gnade
  • Mensch:
    • nimmt sie an oder lehnt sie ab
    • kooperiert mit ihr
    • vollendet sie durch Gehorsam

Es gibt also zwei wirkende Ursachen: göttliche Gnade UND menschlicher Wille

 → Synergismus

Kurzform: reformiert: eine Wirkursache ↔︎ synergistisch: zwei Wirkursachen

4. Zweckursache (causa finalis)

Reformiert

  • Oberster Zweck: Gottes Ehre
  • Rettung offenbart:
    • souveräne Gnade
    • erwählende Liebe
    • göttliche Freiheit

Die Seligkeit des Menschen ist sekundär.

Synergistisch

  • Zweck verschiebt sich (oft implizit) zu:
    • menschlicher Entscheidung
    • Fairness
    • universaler Heilswille
    • Verantwortung des Menschen

Gottes Ehre bleibt, aber nicht exklusiv bestimmend.

Kurzform: reformiert: theozentrisch ↔︎ synergistisch: teilweise anthropozentrisch

Tabellarischer Gesamtvergleich

UrsacheReformiert (Monergismus)Synergistisch
StoffursacheGeistlich toter SünderGefallener, aber fähiger Sünder
FormursacheZugerechnete Gerechtigkeit ChristiChristus + innere Mitwirkung
WirkursacheGott alleinGott + Mensch
ZweckursacheGottes Ehre alleinGottes Ehre + menschliche Entscheidung

Tiefere theologische Pointe

Der entscheidende Unterschied ist nicht nur pastoral, sondern metaphysisch:

  • Monergismus bewahrt:
    • Gottes Alleinwirksamkeit
    • Gnade als wirklich unverdient
    • Gewissheit des Heils
  • Synergismus führt zwangsläufig zu:
    • teilweiser Selbstverursachung
    • kontingenter Erlösung
    • Verschiebung des Ruhms in Richtung Mensch

Oder zugespitzt: Wenn der Mensch der letzte Unterschied ist, dann ist die Gnade nicht mehr alleinige Ursache.

Die Heilige Schrift lehrt eindeutig das Zusammenhalten von göttlicher Souveränität und menschlicher Verantwortung

Wir müssen nun noch in Kürze darstellen, warum Christen seit der Reformation wieder trotz Beharren auf dem monergistischen Heilswirken Gottes auch die Verantwortung und die Mittel seitens der zu errettenden Menschen betonen. Hier haben wir eine zentral wichtige Frage, bei der oft Missverständnisse entstehen. Die biblische Theologie betont Gottes souveränes, monergistisches Handeln und zugleich die menschliche Verantwortung und die Verwendung realer Mittel – ohne dabei in Synergismus zu fallen. 

Der Schlüssel liegt in der Unterscheidung von Ursache, Mittel und Ordnung.

1. Grundthese (kurz)

Die reformierte Heilslehre sagt gleichzeitig:

  1. Gott allein ist die Wirkursache der Errettung (Monergismus)
  2. Der Mensch ist wirklich verantwortlich
  3. Gott gebraucht wirkliche Mittel, durch die er handelt

 → Verantwortung und Mittel sind keine Mitursachen, sondern von Gott eingesetzte Instrumente.

2. Ursache ≠ Mittel (entscheidende Unterscheidung)

Reformiert:

  • Ursache (causa efficiens)  → Gott allein bewirkt das Heil
  • Mittel (media) → Wort, Sakramente, Glaube, Buße, Gebet

Der Fehler synergistischer Modelle ist: Mittel zu Ursachen zu machen.

Beispiel:

Ein Stift schreibt einen Text.

  • Ursache des Textes: die schreibende Person
  • Mittel: der Stift

Der Stift ist real beteiligt, aber nicht selbstverursachend.

 → So ist der Glaube wirklich aktiv, aber nicht ursächlich rettend.

3. Warum menschliche Verantwortung real ist

Reformierte Anthropologie

Der Mensch:

  • handelt frei gemäß seiner Natur
  • entscheidet wirklich
  • liebt, glaubt, lehnt ab

Aber:

  • seine Natur ist durch die Sünde gebunden
  • daher kann er ohne Gnade nicht zu Gott kommen

Freiheit ≠ Autonomie

Klassisch reformiert:

Der Mensch tut freiwillig das, wozu Gott ihn wirksam bewegt.

 → Das ist keine Zwangshandlung, sondern innere Erneuerung.

4. Verantwortung ohne Mitverursachung

Reformierte Theologie unterscheidet:

  • ontologische Ursache (wer bewirkt?)
  • moralische Verantwortung (wer handelt?)

 → Der Mensch ist verantwortlich, weil er selbst glaubt oder nicht glaubt, nicht weil er die Gnade verursacht.

Biblische Spannung (bewusst festgehalten)

  • Gott wirkt alles (Phil 2,13)
  • Der Mensch handelt wirklich (Phil 2,12)

 → Nicht entweder/oder, sondern beides, in verschiedener Hinsicht.

5. Warum Mittel notwendig sind

Gott wirkt durch Mittel, nicht trotz ihrer. Reformierte Theologie lehnt daher ab:

  • Mystizismus (Gott wirkt ohne Mittel)
  • Fatalismus (Mittel sind egal)
  • Rationalismus (Mittel wirken automatisch)

Beispiele von Mitteln:

  • Predigt → Glaube (Röm 10,17)
  • Taufe & Abendmahl → Stärkung des Glaubens
  • Gebet → von Gott verordneter Weg des Empfangens
  • Gehorsam → Frucht, nicht Ursache

 → Gott ordnet das Ziel und den Weg zum Ziel.

6. Warum das kein Synergismus ist

FrageReformiertSynergistisch
Wer bewirkt das Heil?Gott alleinGott + Mensch
Hat der Mensch Anteil?Ja, instrumentalJa, kausal
Ist Glaube Ursache?Nein, MittelTeilursache
Ist Verantwortung real?JaJa

 → Der Unterschied ist kausal, nicht praktisch.

7. Pastorale und geistliche Konsequenzen

a. Gewissheit

  • Heil hängt nicht an meiner Leistung
  • Gott vollendet sicher alles, was er beginnt

b. Ernst des Rufes

  • Aufruf zur Buße ist echt
  • Unglaube ist schuldhaft

c. Demut

  • Kein Ruhm im Menschen
  • Alle Ehre Gott allein

8. Reformierte Kurzformel

Gott wirkt das Heil allein,
aber nicht ohne den Menschen;
der Mensch wirkt wirklich,
aber nicht ursächlich.

Als Augustinus von Hippo sagte: „Gott wirkt in uns das Wollen und Vollbringen, ohne unseren Willen aufzuheben“ zitierte er dazu zentral den Bibelvers: Bekehre mich, damit ich mich bekehre, denn du bist der Ewige, mein Gott (Jeremia 31,18b). Wir bitten also Gott, dass er selbst unsere Bekehrung bewirkt. Das trieb den britischen Mönch Pelagius auf die sprichwörtliche Palme. Sein Hauptargument war: Wenn Gott den Menschen erst bekehren muss, dann hat der Mensch keine echte Verantwortung für seine moralischen Entscheidungen. Für ihn sollte es eher heißen: „Hilf mir, mich zu bekehren“ (Synergismus) – aber nicht: „Tu es an meiner Stelle.“ (Monergismus). Pelagius ging also davon aus, der Mensch müsse aus eigener moralischer Freiheit zur Umkehr fähig sein. – Hier scheiden sich die Geister der Monergisten (später: die reformiert Lehrenden) und der Synergisten im Heilsverständnis – bis heute! Die westliche Kirche folgte weitgehend der Linie von Augustinus. Die Lehren des Pelagius wurden auf der Synode von Karthago (418 nChr) und später erneut beim Konzil von Ephesus (431 nChr; 3. ökum. Konzil) verurteilt. – Viele Freikirchen, die aus der Reformation entstanden waren, folgen leider dem synergistischen Gedankengut des Pelagius (wenngleich sie die notwendige Rolle von göttlicher „Gnade“ anerkennen, also eher arminianisch argumentieren und manchmal deswegen als „semi-pelagianisch“ bezeichnet werden) und kommen damit in der Heilslehre den Romanisierungsbestrebungen der Gegenreformation stark entgegen. Im Falle der Kirchen des Lutherischen Weltbundes scheint die dogmatische Gleichschaltung oder Selbstaufgabe als „Lutheraner“ schon fast vollzogen zu sein (Gemeinsame Erklärung).

Noch etwas zur Formursache (causa formalis) der Errettung

In der christlich-reformierten Theologie ist die Formursache (causa formalis) der Errettung eindeutig die zugerechnete Gerechtigkeit Christi.  Die beste und klassischste Bibelstelle dafür ist 2. Korinther 5,21:

„Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, 
damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm.“ 
(2. Korinther 5,21)

Diese Stelle ist paradigmatisch:

1. Sie beschreibt Form, nicht Ursache oder Mittel

  • Es geht nicht darum, wie wir glauben (Mittel),
  • oder wer rettet (Wirkursache),
  • sondern was unsere Gerechtigkeit ist, durch die wir gerecht sind.

 → Wir werden nicht gerecht durch Veränderung in uns, sondern durch etwas, das wir in ihm [Christus] sind.

2. Sie lehrt ausdrücklich Zurechnung (Imputation)

  • Unsere Sünde → Christus zugerechnet
  • Christi Gerechtigkeit → uns zugerechnet

 → Das ist exakt das, was reformierte Theologie mit der forma iustificationis meint. Nicht: „damit wir gerecht gemacht würden, sondern: „damit wir die Gerechtigkeit Gottes würden

3. Sie schließt synergistische Modelle aus

  • Keine Rede von:
    • innerer Mitwirkung
    • eingegossener Gerechtigkeit
    • fortschreitender Rechtfertigung

 → Die Form der Rechtfertigung ist Christus extra nos, nicht etwas in uns.

Klassische reformierte Bestätigung

  • Calvin (Inst. III,11,2): „Christus’ Gerechtigkeit wird uns zugerechnet, als wäre sie die unsere.“
  • Westminster Confession (XI,1): „…nicht indem ihnen Gerechtigkeit eingegossen wird, sondern indem ihre Sünden vergeben und sie als gerecht angenommen werden.“

Weitere wichtige Parallelstellen

BibelstelleAussage
Römer 5,19„so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen in die Stellung von Gerechten gesetzt werden“
Römer 4,5„Dem aber, der… an den glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, wird sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet“
Philipper 3,9„indem ich nicht meine Gerechtigkeit habe, die aus dem Gesetz ist, sondern die, die durch den Glauben an Christus ist – die Gerechtigkeit aus Gott durch den Glauben“
Jesaja 53,11„Durch seine Erkenntnis wird mein gerechter Knecht die Vielen zur Gerechtigkeit weisen [O. den Vielen zur Gerechtigkeit verhelfen, o. die Vielen gerecht machen].“

Fazit: Die Formursache der Errettung ist nicht der Glaube, sondern die zugerechnete Gerechtigkeit Christi. 2. Korinther 5,21 ist die klarste biblische Formulierung dazu.

Gesagt ist nicht gehört | Kommunikation als Stolperfalle

Lesezeit: 24 Minuten.

Fast jeder hat schon einmal die Formel: »Gesagt ist nicht gehört. Gehört ist nicht verstanden. Verstanden ist nicht einverstanden« gehört, die teilweise erweitert und umformuliert wird. Trotz ihrer Kürze ist sie aus Erfahrung und Kommunikationsforschung gut belegt. Damit wird Kommunikation zwischen Menschen nicht als prinzipiell problematisch erklärt, sondern nach Ursachen geforscht, warum Kommunikation auch eine Stolperfalle für Beziehungen sein kann. 

Es ist unvermeidbar, bei dieser Sache über das Wesen der Seele zu reden, denn bei manchen »Stolperfallen« sind stabile psychologische Muster erkennbar. Werden sie erkannt und deren »Teufelskreislauf« unterbrochen, kann Gemeinschaft (communio) wieder durch Kommunikation gestiftet und gepflegt werden. Das gilt für alle menschliche Beziehungen, insbesondere, wo Beziehungen politischer, sozialer oder kirchlicher Art soziale Gruppen formen. 

Die folgenden Überlegungen sind daher sehr allgemein, aber auch für christliche Gemeinden zutreffend, was ihre Wiedergabe auf diesem Blog evtl. erklärlich und nützlich macht. Der überaus störende Mangel einer christlichen Beurteilung und entsprechenden Ergänzung dieser Besinnung ist bewusst gewählt und der Einsicht geschuldet, dass es dazu sehr gutes und ausführliches Material gibt, dessen Konsultation vorrangig und ausdrücklich empfohlen wird.

Das Kommunikationsproblem und seine Deutung

Problemstellung: Warum kommen Aussagen bei manchen Zuhörern völlig anders –insbesondere negativ emotional– an, obwohl objektiv etwas anderes gesagt wurde?

Eine gültige, sachliche Antwort auf dieses Problem muss einiges aus Kommunikationswissenschaft, Sozialpsychologie und Kognitionspsychologie schöpfen, man muss die Sache also systematisch betrachten. Dazu sollen folgende »Highlights« Gedankenanstöße geben.

1. Unterschied zwischen Gesagtem und Verstandenem

Ein Grundprinzip der Kommunikation lautet: »Bedeutung entsteht beim Empfänger, nicht beim Sender.« Damit meint man, dass ein Sprecher (Sender) ein Signal (Worte, Tonfall, Kontext) sendet, dabei benutzt er einen bestimmten Kanal, und dann interpretiert der Empfänger (Zuhörer) dieses Signal anhand von Vereinbarungen (implizit, explizit, Sprache, Code, Grammatik, Syntax), eigener Erfahrungen, Erwartungen, Emotionen, Beziehungseinschätzungen und spontanen Annahmen aus der Situation heraus. Auf diese Weise entsteht die Bedeutung beim Empfänger (Gedanken, Gefühle).

Dieses Phänomen wird häufig mit dem Vier-Seiten-Modell der Kommunikation erklärt, das Friedemann Schulz von Thun entwickelt hat. Kurz gesagt enthält sein Modell vier »Seiten« (Aspekte), die aber meist als »Ebenen« dargestellt werden (s. auch das Ende des Artikels):

  • Sachinhalt – die objektive Information
  • Selbstoffenbarung – was der Sprecher über sich zeigt
  • Beziehungsebene – wie der Sprecher zum Zuhörer steht
  • Appell – wozu der Sprecher den Zuhörer bewegen will

Anhand dieses Modells kann man erklären, warum ein Empfänger eine sachliche Aussage eines Senders als Kritik, Angriff oder Abwertung interpretiert: Der Zuhörer hat z.B. über das Beziehungsohr gehört und damit an der Sache vorbei-gehört. Machen wir ein einfaches Beispiel: Jemand sagt zum Kollegen: »Der Bericht enthält noch zwei Fehler!« (sachliche Aussage). Der Empfänger hört sie aber mit seinem Beziehungsohr so: »Du arbeitest schlampig!«. – Ähnliches gilt auch für anderes »Aneinander-vorbei-Hören« in diesem Schema.

2. Projektion eigener Emotionen

Ein häufiger psychologischer Mechanismus ist die emotionale Projektion. Dies geschieht (meist unbewusst) so: Der Zuhörer erlebt innerlich bereits vorher (und manchmal aus anderen Zusammenhängen heraus) Gefühle, wie beispielsweise Unsicherheit, Angst vor Kritik, Ärger oder Kränkung.

Diese Emotionen werden dann in die Aussage hineingelesen, obwohl sie objektiv nicht enthalten sind. Das Gehirn ergänzt gewissermaßen: »Das hat er/sie bestimmt so gemeint!«

3. Bestätigungsfehler (Confirmation Bias)

Bestimmte Menschen neigen dazu, Informationen so zu interpretieren, dass sie ihre schon vorher bestehenden Erwartungen bestätigen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass sie bestimmte objektiv geäußerten Aussagen »überhören«, wenn diese nicht in ihre Erwartungshaltung passen (s.a. »Kognitive Dissonanzen«). Beispielsweise möge jemand glauben: »Der kritisiert mich ständig« oder »Der ist arrogant«. Der seelische Mechanismus der beständigen Selbstbestätigung wird dann selbst neutrale Aussagen leicht so deuten, dass es eine Bestätigung der eigenen Vorannahmen (Vorurteile) liefert. In der Natur der Sache liegt, dass dies in sachlich oder emotional positive wie auch negative Richtung gehen kann. Entscheidend ist wieder, dass dieses Missverständnis vor allem auf Empfängerseite entsteht. (Vorbeugende Maßnahmen werden weiter unten besprochen.)

4. Negativitätsbias

Der Mensch reagiert besonders stark auf potenziell negative Signale. Dies gilt vor allem bei unerlösten Menschen. Solchem Reagieren kann man einen positiven Sinn abgewinnen (»Misstrauen erhöht im Gegensatz zum Vertrauen die Überlebenschancen«), wenn man es als Überbleibsel einer angenommenen Evolution interpretiert. (Dieser Blog geht davon aus, dass die Grundannahme dieser Erklärung prinzipiell falsch ist.)

Mitnehmen kann man aber, dass es hilft zu verstehen, warum manche Menschen eine Aussage oft vorsichtshalber lieber negativer interpretieren, als sie vom Sender gemeint war. Vorerfahrung spielt natürlich eine vor-prägende Rolle, es kommt sogar zu »selbsterfüllenden Prophezeiungen«: Man erwartet Negatives, verhält sich entsprechend falsch, und erzeugt damit selbst das Eintreffen von Negativem, was wieder den Confirmation Bias verstärkt.

5. Emotionale Aktivierung (Amygdala-Reaktion)

(Vorbem.: Die Amygdala ist ein paariges Kerngebiet des Gehirns und Teil des limbischen Systems, das die Verarbeitung von Emotionen und das Entstehung von Triebverhalten zuständig ist. Sie ist an der Furchtkonditionierung beteiligt und spielt allgemein eine wichtige Rolle bei der emotionalen Bewertung und Wiedererkennung von Situationen sowie der Analyse möglicher Gefahren.)
Wenn eine sachliche Aussage einen emotional empfindlichen Punkt beim Empfänger berührt, kann eine schnell ablaufende Reaktion entstehen: Die Amygdala bewertet die Situation als Bedrohung, Emotionen (Ärger, Angst, Kränkung) werden aktiviert und die kognitive Verarbeitung wird verzerrt (Fehlurteile, Denkfehler). Man spricht hier manchmal von »emotionaler Übersteuerung«. Der Empfänger reagiert dann auf das gefühlte Signal, nicht auf den tatsächlichen Inhalt.

6. Unterschiedliche Bedeutungsräume von Sprache

Hier kommen wir zu einem semantischen Problem: Wörter haben keine festen Bedeutungen, sondern Bedeutungsfelder. Die Deutung (also das Finden der gemeinten Bedeutung seitens des Senders) wird am Kontext entschieden, weil Sprache das Wesen eines Textes hat, also innere Zusammenhänge aufweist. Verwendet beispielsweise jemand das Wort »interessant« in der Aussage: »Das ist aber interessant!«, dann interpretiert dies der eine positiv (»spannend«), der andere neutral, der nächste ironisch (also zB als »total uninteressant«). Die jeweilige Interpretation hängt stark von Kontext und Beziehung ab. Wenn der Sender allerdings unangekündigt Gedankensprünge macht, zerstört er den Text-Charakter seiner Aussage(n) und fördert so entsprechende Fehlinterpretation(en).

7. Kommunikationsrauschen

Kommunikation ist grundsätzlich störanfällig. Störungen können auftreten beim Sender (Codierung, Formulierung, also Grammatik und Semantik; Sicherheitsredundanz), auf dem Übertragungskanal (Nachricht wird fehlerbehaftet oder auf ungeeignetem Medium übermittelt) und beim Empfänger (Interpretation, Grammatik, Semantik, Fehlertoleranz). 

Mögliche Störquellen bei menschlicher Kommunikation sind: Tonfall, Aussprache, Körpersprache (mithin alle nonverbale Kommunikation), Vorwissen (liefert Kontext für die Deutung), Stress, Müdigkeit, kulturelle Unterschiede und weiteres. Beobachtet wird, dass selbst kleine Störsignale Bedeutungen verschieben und somit das Verstehen erschweren oder verunmöglichen können.

Not-FunFact: Am 4. Juni 1996 explodierte die erste Ariane-5-Rakete nur 37 Sekunden nach dem Start. Ursache war die ungeprüfte Übernahme von Software aus dem Ariane 4-Programm, wo eine hochgenaue Fließkommazahl in eine kleine Ganzzahl umgewandelt wurde. Es kam zu einem Ausnahmefehler, das Navigationssystem schaltete ab, falsche Steuerdaten entstanden und Sprengung der Rakete war die einzige sichernde Maßnahme, also Totalverlust! Besonders kritisch sind Fehler in Steuerungsanweisungen; das wissen Softwerker, die Kontrollstrukturen programmieren (Klassiker: Edsger W. Dijkstra, Goto Considered Harmful, 1968), das wissen aber auch Gemeindeglieder mit Blick auf steuernde Vorgaben seitens der Gemeindeleitung.

8. Attributionsfehler

Menschen erklären Verhalten anderer oft durch deren Charaktereigenschaften, nicht durch die vorliegende Situation. Beispielsweise behauptet jemand: »Der und der ist überheblich!«, statt sachlich die Situation miteinzubeziehen: »Vielleicht wollte er nur informieren«. Das nennt man fundamentalen Attributionsfehler.

9. Beziehungsgeschichte

Vorherige Erfahrungen mit einer Person wirken stark auf den Kommunikationsvorgang. Wenn frühere Kommunikation negativ erlebt wurde, interpretiert man spätere Aussagen schneller negativ. Dies ist beim Empfänger sozusagen »eingeschrieben«, entsprechend spricht man von »kommunikativen Skripten«.

Das Kommunikationsproblem und seine Ursachen

Kommunikation ist kein Transport von Bedeutung, sondern ein Interpretationsprozess. Interpretation findet beim Empfänger (Zuhörer) statt, man muss also dort zuerst hinsehen. Man beobachtet dann, dass manche Menschen besonders häufig Aussagen falsch negativ interpretieren. Die Forschung hat gezeigt, dass dies viel mit Selbstwert und Bedrohungswahrnehmung zu tun hat. Anders gesagt: Dass manche Menschen besonders häufig sachliche Aussagen negativ interpretieren, obwohl sie objektiv neutral oder sogar wohlmeinend sind, hat seine Ursache meist in dahinterstehenden, stabilen psychologischen Mustern beim Zuhörer. Dies ist unbestritten Stand der Forschung und Praxis. 

Der bibellesende Christ weiß darüber hinaus viel Genaueres über das Wesen des Menschen und die Auswirkungen seiner Gefallenheit. Die sich von daher aufnötigende Interpretation durch einschlägige Bibelstellen und Lehren soll aber, wie eingangs gesagt, in dieser Betrachtung nicht weiter verfolgt werden, das ist gründlicherer Darstellung wert.

Hier nun einige meist stabile psychologische Muster, wie sie Stand allgemeiner Erkenntnis sind:

1. Niedrige Bedrohungsschwelle des Selbstwerts

Menschen mit einem fragilen Selbstwertgefühl reagieren besonders sensibel auf mögliche Kritik. Die Person (Gedanken,Gefühle) prüft ständig unbewusst: »Werde ich gerade bewertet?«, »Werde ich kritisiert?« oder »Verliere ich gerade Status, Macht, Akzeptanz oder Anerkennung?«. Wenn der Selbstwert eines Menschen wegen seiner niedrigen Bedrohungsschwelle schon durch Geringes als bedroht wahrgenommen wird (das ist natürlich die Interpretation des Empfängers!), wird dieser Mensch eine Aussage schneller als Angriff oder Abwertung interpretieren: «Das war bestimmt gegen mich gerichtet.«

2. Negative Erwartungsschemata

Menschen entwickeln über die Zeit mentale Schemata über andere Personen oder Situationen, diese können auch ausgeprägt negativ sein: »Autoritätspersonen kritisieren mich«, »Kollegen suchen meine Fehler« oder »Andere halten mich für unfähig«. Solche Schemata wirken wie Interpretationsfilter: neue Informationen werden so gedeutet, dass sie ins Schema passen. Psychologisch nennt man das Schema-konsistente Wahrnehmung. Etwas platter: »Schablonen-Denken«, Vorurteile (sehr verbreitet), Bias Confirmation.

3. Hypervigilanz für soziale Signale

Mit »soziale Hypervigilanz« bezeichnet man das Verhalten von Personen, die soziale Hinweise besonders intensiv beobachten: den Tonfall des Senders, dessen GesichtsausdruckWortwahl, sogar seine Redepausen. Der Nachteil, den Personen mit dieser Neigung haben, liegt darin, dass ihr Denken und Fühlen Muster oder Bedeutungen wahrnimmt, die gar nicht vorhanden sind. Eine Verschärfung des Konflikts aufgrund dieser Wahrnehmungsstörung ist zu erwarten, wenn der Sender entsprechend missachtet oder angegriffen wird, statt auf der Beziehungsebene angenommen wird.

4. Frühere negative Erfahrungen

Wer wiederholt negativ nachhängend erlebt hat, kritisiert zu werden, beschämt zu werden oder unfair behandelt zu werden, entwickelt häufig eine Schutzstrategie. Sein Denken und Fühlen arbeitet dann nach dem Prinzip: »Lieber einmal zu viel etwas als Angriff erkennen, als einmal zu wenig.« Diese Schutzstrategie kann zu Überinterpretation und entsprechender Überreaktion führen.

5. Emotionale Grundstimmung

Die aktuelle emotionale Lage eines Empfängers (Zuhörers) beeinflusst stark, ob und wie Aussagen verstanden werden. Bei Stress, Müdigkeit, Frustration oder Überforderung interpretiert das Gehirn Botschaften tendenziell pessimistischer. Die aktuelle Stimmung färbt die Wahrnehmung, man spricht dann vom affect-as-information effect.

6. Unbalancierte Persönlichkeitsmerkmale

Bestimmte Persönlichkeitsdimensionen erhöhen die Wahrscheinlichkeit negativer Interpretation. Zum Beispiel hoher Neurotizismus (erhöhte Empfindlichkeit für Bedrohung, starke, übertriebene emotionale Reaktionen), hohe Kränkbarkeit (schnelle Wahrnehmung von Respektverlust, bei Macht- und Egomenschen häufig) oder hohe soziale Unsicherheit (Angst vor Bewertung).

7. Macht- und Statusdynamik

Auch hierarchische Situationen spielen eine Rolle, auch und besonders in christlichen Kirchen und Freikirchen, die wegen verblassender Geisterfüllung sich mehr und mehr menschlicher Machtstrukturen bedienen, die vom selektiven (politisch opportunen) Umgang mit Gottes Gebot bis zum Machmenschentum reichen. Wenn jemand glaubt, die andere Person hat Macht über mich, oder »ich werde beurteilt«, werden Aussagen eher als implizite Bewertung verstanden, auch wenn sie dies inhaltlich nicht sind (vgl. Vier Ebenen der Kommunikation). Selbst ausgeprochen neutrale Hinweise können dann wie Kritik interpretiert werden und wirken.

8. Sprachliche Minimalreize

Manchmal reicht schon ein kleines sprachliches Signal, beispielweise ein bestimmtes Wort, ein Nebensatz, eine Betonung. Diese werden als »Spitze« (also Angriff) empfunden und wirken dann als Trigger, die eine ganze Interpretation auslösen und leiten. Sagt jemand: »Interessant, dass du das so gemacht hast!«, dann kann das je nach Begleitumständen interpretiert werden als echtes Interesse oder als verdeckte Kritik. Der »Klassiker« ist, dass dann die gesamte Aussage und Botschaft aufgrund der sprachlichen Minimalreize (o. Trigger, die individuell verschieden sein können) abgelehnt oder negativ interpretiert wird.

9. Selbstverstärkende Kommunikationsspiralen

Ein besonders übler Effekt ist die kommunikative Eskalationsspirale. Sie läuft ungefähr so ab: (1.) Person A sagt etwas neutral. (2.) Person B interpretiert es negativ. (3) Person B reagiert defensiv oder gereizt. (4) Person A fühlt sich missverstanden und reagiert ebenfalls gereizt. Damit ist der Kreis geschlossen und es ist eine selbstverstärkende Fehlinterpretation in Gang gesetzt worden.

Ein zentraler Satz aus der Kommunikationspsychologie lautet: »Menschen reagieren selten auf das, was gesagt wurde, sondern auf das, was sie glauben gehört zu haben.« Oder, wie oben bereits angeführt: »Bedeutung einer Nachricht entsteht durch Bewertung und Interpretation beim Empfänger.« Insofern kann ein Sender (Redner) nur Impulse und Auslöser erzeugen, die letztendliche Reaktion beim Empfänger wird aber durch den Empfänger selbst bestimmt. Die emotionale Reaktion auf etwas Gesagtes, selbst wenn es böse oder abfällig wäre, ist und bleibt Verantwortung des Empfangenden (Zuhörers). Er kann wählen, wie er mit dem Gehörten umgeht, daher ist es seine Verantwortung, die er nicht abschieben kann. Die zeitgeistige Schuldumkehr im Rahmen eines Opfer-Täter-Schemas, wie es die links-woke Ideologie für ihre Zwecke manipulativ einsetzt, ist tatsachenfremd und bösartig und Teil einer Dominanzmethode (muss man noch hinzufügen: Sie ist auch abgrundtief unchristlich?). Dieser Grundsatz wird nicht dadurch entkräftigt, dass man mit Recht darauf hinweist, dass Kommunikation immer in sozialen Kontexten und Beziehungen stattfindet und daher immer alle Beteiligten angeht. Dies wird noch deutlicher, wenn weiter unten einfache Standard-Modelle der Kommunikation skizziert werden.

Das Kommunikationsproblem und sein Paradox

Weil relevant, muss man noch kurz ein sehr interessantes, wenn auch leidvolles Phänomen erklären: Warum besonders intelligente oder sprachlich präzise Menschen oft häufiger missverstanden werden. Das wirkt zunächst paradox, ist aber gut erforschte Tatsache.

Hohe kognitive Präzision auf Senderseite erhöht nicht automatisch die Anschlussfähigkeit beim Empfänger. Im Gegenteil, sie kann Missverständnisse sogar begünstigen. Mehrere Mechanismen greifen hier ineinander. Diese sollen in diesem Abschnitt anhand von 9 Aspekten kurz skizziert werden.

1. »Illusion of Transparency« und Fluch des Wissens

Die Forschung von Thomas Gilovich und Nicholas Epley zeigt: Sprecher überschätzen systematisch, wie gut andere ihre Intention verstehen. Sehr präzise Menschen denken oft: »Ich habe es logisch und klar formuliert«, oder: »Die Bedeutung ist eindeutig«. Tatsächlich fehlt beim Zuhörer aber der beim Sprecher vorliegende Wissensstand, Kontext und die impliziten (unausgesprochenen) Annahmen. Das nennt man auch »Curse of Knowledge« (»Fluch des Wissens«). Man kann eben schwer »vergessen«, was man sicher weiß. Der gut gemeinte Vorsatz des Lehrers Professor Dr. Creyin in der Feuerzangenbowle: »Da stellen wir uns mal janz dumm« funktioniert eben nicht immer, weder beim Lehrer (Sender) noch beim Schüler (Empfänger). Das mag sachliche Gründe haben, aber in unserer emotionalisiert-sensiblen Zeit ist dieser Ansatz (oder seine Ankündigung) manchmal schon deshalb unwillkommen, weil mancher Zuhörer sich damit für dumm erklärt hält und »zumacht« (Provokation durch angenommene implizite Bewertung). Ein unschuldiges »Ich muss das erklären« für zum Beispiel eine Aussage oder ein Fremdwort wird auf Empfängerseite dann als Abkanzelung als Dummer empfunden. Dass solche Reaktion viel über den Empfänger und sein Selbstbild (Eigenwert) sagt, ist einigermaßen einsichtig (s.o.).

2. Komplexität überfordert Verarbeitungskapazität

Sprachliche Präzision geht oft mit hoher Dichte und Differenzierung einher. Das erhöht die kognitive Last beim Zuhörer durch (ggf. eine Vielzahl) unbekannte Begriffe, feinere Unterscheidungen, verschachtelte Sätze. Wenn die Verarbeitungskapazität überschritten wird, vereinfacht der Zuhörer das Gesagte (oft unzulässig) und verliert damit evtl. wichtige Bedeutungsnuancen.Das Ergebnis ist eine verzerrte Kurzinterpretation: Das Gehörte ist nicht das Gesagte, beide Seiten fühlen sich unverstanden und möglicherweise frustriert.

3. Unterschiedliche Abstraktionsebenen

Präzise Denker operieren häufig auf einer höheren Abstraktionsebene. Ein Sprecher mag zum Beispiel gut differenzieren zwischen »Kritik am Argument« und »Bewertung der Person«. Der Zuhörer kann dies (warum auch immer, s.o.) nicht, und hört nur die »persönliche Kritik« heraus. Die feine Trennung auf Senderseite wird nicht wahrgenommen oder nicht beibehalten, dem Sprecher werden Aussagen zugesprochen, die dieser (objektiv) nicht gesagt und (subjektiv) nicht beabsichtigt hat, also nicht der Fall sind. Man kann nachvollziehen, dass damit Kommunikations- und Beziehungsprobleme entstehen können.

4. Implizite vs. explizite Bedeutung

Sehr sprachlich versierte Menschen arbeiten oft mit impliziten Prämissen, logischen Verkettungen und nicht ausgesprochenen Zwischenschritten (sie überspringen etwas, das ihnen klar ist, dem Gegenüber aber nicht). Der Zuhörer »füllt die Lücken« mit eigenen Annahmen. Das kann gutgehen oder zur mehr oder weniger fatalen Fehlinterpretation führen. Die Sache könnte sofort beseitigt werden, wenn die empfangende Seite dem Mut hätte, den Empfänger um weitere Erklärung zu bitten. In dieser Frage sollte der Empfänger mit eigenen Worten formulieren, was er bisher verstanden hat und wo die »Lücke« verspürt wird. Das wäre ein Türöffner für gelungene Kommunikation.

5. Fehlende Redundanz

Alltagssprache enthält viel Redundanz (Wiederholung, Umformulierung, Beispiele). Präzise Sprecher vermeiden aber Redundanz oft bewusst, weil sie dies als »unnötig« oder »ungenau« oder »ablenkend« empfinden (sie wollen vlt. dem Vorwurf »Schwafler« entgehen). Jeder Lehrer kennt die Wahrheit: »Wiederholung ist die Mutter der Didaktik« (Johann Amos Comenius (1592–1670) zugeschrieben, aber älter als: Repetitio est mater studiorum). Auch in anderen Kommunikationsanlässen mit stark unterschiedlichem Sprachniveau oder Fachniveau der Kommunikationspartner ist Redundanz hilfreich: Umformulierung hilft bei mangelndem Begriffs- oder Satzverständnis, Beispiele binden die Alltagserfahrung oder den Anwendungsbereich mit ein.

Zu beachten ist: Redundanz ist kein Fehler, sondern ein Mechanismus zum Sichern des Verständnisses. Ohne Redundanz steigt die Wahrscheinlichkeit von Missverständnissen. Eine Konsequenz daraus ist, dass man dem Redner (Sender) mehr Zeit geben muss, was automatisch auch mehr Zeit zum Hören und Verstehen bereitstellt.

6. Pragmatik vs. Logik

Kommunikation folgt nicht nur der Logik, sondern auch der Pragmatik (der. handlungsorientierten, sozialen Bedeutung). Forschung zur Sprachpragmatik (z. B. Herbert H. Clark) zeigt: Menschen interpretieren Aussagen immer auch im Hinblick auf Beziehung, Absicht, Kontext und implizite Signale. Ein logisch präziser Satz kann pragmatisch anders verstanden werden, als sachlich gegeben. Wenn jemand sagt: »Diese Schlussfolgerung ist nicht korrekt!«, so ist dies eine wahrheits-logische Aussage über das Argument (und kann insofern die Wahrheitswerte wahr oder falsch annehmen). Pragmatisch kann das aber verstanden werden als: »Du liegst falsch!« (s. Vier-Ebenen-Modell).

7. Status- und Distanzsignale

Sehr präzise Sprache kann ungewollt intellektuelle Überlegenheit, Distanz und Bewertung signalisieren. Das verändert die Wahrnehmung in die Richtung, dass Inhalte weniger analysiert, dafür aber stärker emotional bewertet werden. Der Hörer, der sich nicht auf gleichem Niveau befindlich einschätzt, kann dies als befremdend und distanzierend bewerten und sogar zur Wahrung des Selbstwertgefühls versuchen, das Gegenüber (Sender) in anderer Sache herabzuwürdigen oder anzugreifen (Stoff und Motiv für manche üble Nachrede).

8. Asymmetrie der Anstrengung

Bei den meisten Lehrkommunikationen (Rede, Lehre, Predigt usw.) gilt wohl, dass der Sprecher viel Zeit zum Denken gehabt hatte (sonst sollte man ihm nicht zuhören, oder?!). Der Zuhörer muss nun aber in Echtzeit (Redetempo) verstehen und »mitkommen«. Das führt zu einer strukturellen Asymmetrie: Auf Senderseite haben wir Präzision, auf der Empfängerseite führt dies nicht automatisch zu Verstehbarkeit.

9. Gemeinsamer Bedeutungsraum fehlt

Kommunikation funktioniert am besten, wenn beide Seiten Kontext(e) teilen (»gemeinsames Verständnis«, »common ground«). Fehlt dieser, gilt: Je präziser die Aussage intern ist, desto größer kann die Lücke nach außen sein.

Aus allem oben Angeführtem könnte man die praktische Konsequenz ziehen: Sehr gute Kommunikatoren sind nicht nur präzise, sondern auch adaptiv, redundant und »anschlussfähig«. Als Maxime formuliert: »Nicht maximale Präzision anstreben, sondern optimale Verständlichkeit.« Dies kann aber nur gelingen, wenn die Kommunikation in beide Richtungen frei fließen kann (Feedback-Kultur), denn nur so kann Anpassung realisiert und gesteuert werden. Und: Die Maxime gilt nicht bei allen Kommunikationsgegenständen.

»Deine Gefühle sind deine Verantwortung!«

Diese manchmal getroffene Aussage hat tatsächlich eine fundierte psychologische Grundlage, kann aber auch verkürzt oder missverständlich verwendet werden. Man muss diese Aussage also sachlich fundiert und in diesem Sinne vorsichtig verwenden. Seriöse Psychologie macht klar: Gefühle entstehen aus dem Zusammenspiel von Ereignis, Bewertung und persönlicher Geschichte. Deshalb kann eine andere Person zwar Gefühle auslösen, aber nicht schuldhaft verursachen. Daraus ergeben sich Konsequenzen für Schuldzuschreibungen (z.B. Täter-Opfer-Umkehr).

Hilfreich ist eine Anzahl einfacher, grundlegender Modelle, die die Forschung und Wissenschaft für den Praxiseinsatz erforscht hat. Einige Modelle folgen nun skizzenhaft.

1. Das kognitiv-emotionale Modell (ABC-Modell)

In der kognitiven Psychologie, besonders bei Albert Ellis und später Aaron T. Beck, wird Emotion so erklärt:

A – Activating Event. Ein Ereignis passiert (z. B. eine Aussage).

B – Belief. Die Person interpretiert und bewertet das Ereignis.

C – Consequence. Gefühle und Reaktionen entstehen.

Zum Beispiel sagt jemand (A): »Dieser Bericht enthält zwei Fehler.« Nun hat B die Freiheit, diesen Auslöser unterschiedlich zu interpretieren und zu bewerten, zum Beispiel B1: »Er hält mich für unfähig.«, woraus die Konsequenz C1: Kränkung, Ärger folgt. Der Empfänger B2 könnte aber anders interpretieren: »Gut, ich kann das korrigieren.«, was zu C2: eine neutrale Reaktion, führt.

Das gleiche Auslöse-Ereignis durch denselben Sender führt also zu verschiedenen Gefühlen, weil die Interpretation und Bewertung des Empfängers unterschiedlich ist. Daraus lässt sich direkt die Kernaussage ableiten: Gefühle entstehen nicht direkt durch das auslösende Ereignis, sondern durch dessen Interpretation auf Seiten des Empfängers.

2. Kognitive Bewertungstheorie der Emotion

Auch die Emotionsforschung (z. B. bei Richard Lazarus) zeigt, dass Emotionen durch zwei unterschiedliche Bewertungen (Interpretationen) auf Empfängerseite entstehen: (1) Die primäre Bewertung (Ist das Ereignis für mich relevant oder bedrohlich?) und (2) Die sekundäre Bewertung (Kann ich damit umgehen?). – Beide Bewertungen sind subjektiv und individuell. Daher reagieren Menschen auf dieselbe Aussage (Auslöser) oft völlig unterschiedlich. Das klärt, wo die Hauptverantwortung für emotionale Reaktionen liegt.

3. Projektion und persönliche Geschichte

Emotionen kommen bei einigermaßen stabilen Personen nicht zufällig, sondern sind konditioniert durch frühere Erfahrungen, Selbstwert, Beziehungsgeschichte, aktuelle Emotionslage und die Erwartungshaltung. Eine Aussage (Auslöser) kann deshalb alte emotionale Muster des Empfängers aktivieren. Das klärt, dass der Sender dann Auslöser ist, aber nicht hauptsächlich verantwortlich.

4. Verantwortung vs. Auslöser

Auch diese Erkenntnis kann hilfreich sein, differenzierter über Kommunikationsprobleme nachzudenken, wie oben schon mehrfach belegt. Psychologisch wird unterschieden zwischen Trigger (Auslöser), also dem äußeren Ereignis, das beim anderen etwas auslöst, und der Responsibility (Verantwortung), also dem Umgang des Empfängers mit der Emotion. Aus dieser Erkenntnis folgt direkt eine präzisere Formulierung des Problems: Andere Menschen können Gefühle auslösen, aber wie wir sie interpretieren und damit umgehen, liegt in unserer Verantwortung.

5. Problem des reinen Täter-Opfer-Schemas

Die oft fast reflexartig anerzogene Behauptung: »Du hast mich verletzt» (in sich selbst ein Angriff) kann problematisch sein, da sie meist komplexe emotionale Prozesse vereinfacht. Die Aussage unterstellt folgende Verantwortungskette: Aussage → Gefühl → Schuld des anderen. Tatsächlich handelt es sich aber meist um diese Kette: Aussage → Interpretation → Emotion. Was ist daraus zu lernen? Zumindest dieses: Wenn Interpretation nicht reflektiert wird, kann leicht ein Schuldnarrativ entstehen. Je nach äußerem (oder innerlich empfundenen) Druck wird das dann als richtig und zutreffend aufgepresst werden.

6. Grenzen: Verantwortung bedeutet nicht völlige Unabhängigkeit

Die Aussage »Deine Gefühle sind deine Verantwortung« darf nicht übertrieben werden, denn Menschen beeinflussen sich emotional stark. Zum Beispiel können bestimmte Handlungen auch objektiv verletzend sein: Demütigung, Beleidigung, Betrug oder soziale Ausgrenzung. Hier wäre es psychologisch falsch zu sagen: »Deine Gefühle sind allein dein Problem!«, denn menschliche Emotionen sind sozial reguliert.
Das alles ruft zu einer differenzierten, ausgewogenen Sichtweise auf.

7. Balance: Verantwortung und Wirkung

Eine differenzierte Sicht berücksichtigt beide Seiten, Sender wie Empfänger, Auslöser wie Bewerter. Der Sprecher (Sender) ist verantwortlich für seine Worte, seine Absicht und seine Rücksicht (dass er etwas sagt, was er sagt, wie er es sagt). Der Zuhörer  (Empfänger) ist verantwortlich für seine Interpretation und Bewertung, seine emotionale Regulation (Selbstbeherrschung) und letztlich seine Reaktion. – Beide Seiten tragen also einen Anteil am Ganzen. Gefühle entstehen im Inneren einer Person, aber sie entstehen oft im Kontext von Beziehungen. Je nach Persönlichkeit überwiegt die Beziehung oder die Sachaussage. Dies ist auch geschlechtsspezifisch unterschiedlich ausgeprägt.

Die wesentlichen Erkenntnisse aus diesen sieben Aspekten sind Folgende:

  • Emotionen entstehen durch Interpretation von Ereignissen.
  • Deshalb sind Gefühle nicht wesentlich von anderen verursacht.
  • Menschen können Emotionen auslösen, aber nicht vollständig kontrollieren.
  • Ein reines Täter-Opfer-Schema vereinfacht unzulässig die komplexen emotionalen Prozesse.
  • Gleichzeitig bleibt soziale Verantwortung für respektvolles Verhalten bestehen.

In einem Satz: Andere Menschen können unsere Gefühle auslösen, aber sie bestimmen nicht allein, wie wir sie erleben oder darauf reagieren; die Hauptverantwortung liegt beim Empfänger selbst, denn er bewertet und interpretiert das, was der Auslöser gesagt hat. Darum haben beide Seiten je ihren Anteil: der Sender an der Wirkung seiner Worte, der Empfänger an der Interpretation und Verarbeitung. Der Sender als Auslöser definiert nicht, welche emotionale Reaktion beim Empfänger entsteht. Das stimmt sogar, wenn es um kritisierende, negativ-emotionale oder ähnliche Aussagen beim Auslöser handelt. Deutlich markieren muss man den Bereich, wo der Auslöser strafrechtlich relevante Beleidigungen oder Verleumdungen äußert (vgl. StGB) .

Das Vier-Seiten-Modell der Kommunikation

Da wir oben mehrfach das Vier-Seiten-Modell der Kommunikation von Friedemann Schulz von Thun zitiert haben, wollen wir es hier nochmals skizzieren und veranschaulichen. Es liefert uns weitere Einblicke über Missverständnisse, Beziehungsebene und Interpretation. Nochmals die vier Seiten, die meist als »Ebenen« bezeichnet werden, wie das in Kommunikationsmodellen üblich ist.

  1. Sachinhalt
  2. Selbstoffenbarung
  3. Beziehung
  4. Appell

Auch damit lässt sich erklären, warum eine sachliche Aussage emotional negativ interpretiert werden kann.

Beispiel: Ein Gemeindeglied einer Freikirche sagt in einer Gemeindeversammlung: »Die angedachte Vorgehensweise ist schriftwidrig, das können wir nicht tun.« Das trifft jeden in der Gemeindeversammlung, aber insbesondere den Leiter, der diese Vorgehensweise durchschreiten will.

Sender: Gehen wir nun die vier Seiten/Ebenen dieser Aussage/Nachricht aus Sender-Perspektive durch:

1. Sachinhalt (Worüber informiere ich?)

Objektive Information: Die angedachte Vorgehensweise ist schriftwidrig. – Das ist rein faktisch und sachlich gemeint: Es ist schriftwidrig (für Christen also nicht gangbar).

2. Selbstoffenbarung (Was zeige ich von mir?)

Der Sprecher gibt – bewusst oder unbewusst – etwas über sich preis: »Ich habe diese Vorgehensweise geprüft«, »Mir ist Gehorsam gegenüber Gottes Wort wichtig.« und »Ich achte genau auf Gottes Willen«. Die mögliche Botschaft: »Ich achte sorgfältig auf Gottes Willen und wünsche dies auch für die gesamte Gemeinde.«

3. Beziehungsebene (Wie sehe ich dich?)

Hier wird es kritisch: Der Empfänger »hört« fast immer etwas über sich auf der Beziehungsebene, zum Beispiel: »Du hast nicht schriftbasiert gearbeitet« (Kompetenzanfrage), »Ich traue dir in dieser Sache nicht« (Vertrauensanfrage), »Ich zweifle Deine Leiterqualität an« (Machtfrage, Autoritätsanfrage), selbst völlig abwegig: »Ich bin dir überlegen« (Machtkampf). Das alles, obwohl es nicht gesagt und (evtl.) nicht beabsichtigt war.

4. Appell (Was möchte ich erreichen?)

Hier wird die Sachaussage als Aufforderung zum Handeln aufgenommen: Was soll ich (Empfänger) tun? Möglicherweise: »Nimm diesen Vorschlag zurück« oder »Bitte korrigiere diese Vorgehensweise« oder »Achte künftig genauer darauf, dass Du als Leiter sachlich richtige Vorschläge machst.«

Empfänger (»Vier Ohren«): Der Zuhörer kann dieselbe Aussage unterschiedlich »hören«. Gehen wir die vier Ohren der Sender-Perspektive anhand des oben skizzierten Falles durch:

1. Sachohr

Dieses Ohr hört sachlich: »Ah, die Vorgehensweise ist nicht biblisch.«

Folge: Liefert eine sachliche Verarbeitung und erzeugt daher kein Problem.

2. Selbstoffenbarungsohr

Dieses Ohr hört eine Selbstoffenbarung des Senders: »Dieses Gemeindeglied legt Wert auf Beachtung der Heiligen Schrift in allem, was wir tun.«

Folge: Wer so hört, reagiert eher neutral bis positiv. Selbstoffenbarung kann beziehungsförderlich sein.

3. Beziehungsohr (häufigste Konfliktquelle)

Dieses Ohr hört eine Beziehungsaussage heraus: »Er hält mich für nicht kompetent, spricht mir meine Autorität als Leiter ab.«

Folge: Emotionen springen auf (auch wenn sie geleugnet und kaschiert werden, sie sind doch dominant): Kränkung, Ärger, Verteidigung, Rache, Gegendruck, Verfälschung der Aussage des Senders, Angriff auf die Integrität des Senders (klassisch).

4. Appellohr

Dieses Ohr hört eine Aufforderung zum Handeln heraus: »Ich soll das sofort nachbessern.«

Folge: Diese Interpretation kann beim kritisierten Empfänger Druck oder ablehnende Gegenreaktion erzeugen.

Schlussbetrachtung: Warum Missverständnisse entstehen

Der Sprecher meint vielleicht Sachinhalt + Appell, aber der Zuhörer hört: Beziehung + Bewertung.  Damit ergibt sich typischerweise eine Eskalation:

  1. Aussage (neutral gemeint)
  2. Interpretation über Beziehungsohr
  3. Emotion (»Ich werde kritisiert«)
  4. Reaktion: »So schlimm ist das doch nicht!«, »Das war so abgesprochen!«

Es entsteht ein Konflikt in der Beziehung, obwohl die Aussage sachlich war.

Verbesserung und Abhilfe kann evtl. geschaffen werden, wenn ganz bewusst diese vier Ebenen getrennt werden. Dazu ein Beispiel aus einer christlichen Gemeinde mit Leitung durch ein Presbyterium (Ältestenrat):

In einer Gemeindversammlung (die erste nach vielen Jahren) wird der Versammlung von einem Gemeindeleiter mitgeteilt: »Wir haben drei Männer, die nun mit uns in der Leitung als Älteste dienen werden. Da das auch eine Sache der Gemeinde ist, geben wir Euch eine Woche Zeit, um das festzumachen.« Einer der Zuhörer erkennt, dass diese Vorgehensweise schriftwidrig ist (1.Timotheus 3,10). Eine günstig formulierte Wortmeldung wäre dann: »Ich habe verstanden, dass wir künftig so und so vorgehen wollen (Sachinhalt konkretisiert). Ich muss offen sagen, dass ich dabei inhaltlich an einen Punkt komme, wo ich einige Aspekte und Aussagen in der Heiligen Schrift sehe, die aus meiner Sicht nicht ohne Weiteres mit dem vorgeschlagenen Vorgehen zusammenpassen (Selbstoffenbarung explizit gemacht). Mir ist wichtig zu sagen: Mir geht es nicht darum, damit die Leiterschaft infrage zu stellen, sondern weil mir die Grundlage unserer Entscheidungen wirklich am Herzen liegt und weil ich möchte, dass wir gemeinsam einen Weg finden, der für uns alle als schriftgemäß richtig und vor Gott verantwortbar ist (Beziehung entschärft). Deshalb würde ich mir wünschen, dass wir diesen Punkt noch einmal gemeinsam ohne Zeitdruck sorgfältig anhand der Bibel prüfen. (Appell klar formuliert).«

Von Gefühlen getäuscht (Burk Parsons)

Als Gott uns nach seinem Ebenbild schuf, gab er uns die Fähigkeit zu fühlen und zu denken. Unsere Fähigkeit, Gefühle, Wünsche und Emotionen zu haben, stammt von Gott, daher sind unsere Gefühle, Wünsche und Emotionen bedeutsam für unser Menschsein. Gleichzeitig hat Gott uns auch mit der Fähigkeit zu denken, zu beurteilen und zu entscheiden gesegnet.

Ein Problem entsteht jedoch, wenn wir Denken und Fühlen verwechseln. Viele Menschen scheinen heute den Unterschied zwischen Denken und Fühlen nicht zu verstehen. Darüber hinaus sind viele im Unklaren, wie sie im Leben die richtigen Entscheidungen treffen und die richtigen Schlüsse ziehen können. In früheren Generationen wurde gesagt: „Tu, was recht ist!“ Seit Jahrzehnten jedoch fordert unsere Kultur die Menschen auf: „Tu, was sich gut anfühlt!“ Den Menschen wird dabei vermittelt, dass wahre Freiheit darin bestünde, das zu tun, was sich richtig anfühlt. Anstatt dessen sollten sie gelernt haben, dass wahre Freiheit die Fähigkeit ist, das zu tun, was wir als richtig erkennen.

Es überrascht nicht, dass viele Menschen in unserer Zeit ihre Identität, Sexualität und ihr Geschlecht aufgrund bloßen Fühlens in Frage stellen. Dies sollte uns zutiefst traurig stimmen und uns dazu veranlassen, allen Menschen mit Mitgefühl und Fürsorge das Evangelium zu verkünden. Menschen, die auf solche Weise verwirrt sind, müssen die Gnade Gottes in der Guten Nachricht von Jesus Christus erkennen lernen.

Wenn Ungläubige die Wahrheit über Gott gegen eine Lüge eintauschen, werden sie natürlich das, was sie wissen, gegen das eintauschen, was sie fühlen. Sie werden ihr Wissen über das, was sie für wahr und richtig halten, gegen ihre niedrigsten Gefühle eintauschen, von denen sie erhoffen, dass diese ihnen den besten Genuss bereiten. Am Ende werden Menschen, die von Christus getrennt sind, das tun, was ihnen die angenehmsten Gefühle hervorruft. Der Zeitgeist ermutigt sie darin mit dem verrückten Rat, dass sie ihre Gefühle nicht mit der Realität in Einklang bringen müssten, sondern die Realität mit ihren Gefühlen.

Selbst wir Christen können manchmal von unseren Gefühlen getäuscht werden. Wir können in tiefe Unzufriedenheit, Einsamkeit, Verzweiflung oder Scham verfallen und das Gefühl haben, nicht wirklich gerettet zu sein. Dies kann besonders dann geschehen, wenn wir uns von unserer Sünde erdrückt fühlen und wenn unser Feind uns anklagt. Wir müssen uns dann daran erinnern, dass unsere Gefühle manchmal die größten Lügner sind. Wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Gefühle das, was wir [aus Gottes Wort] als wahr und recht erkannt haben, außer Kraft setzen. Wir müssen unseren Gefühlen das Evangelium predigen und den Herrn bitten, uns zu helfen, nie zu vergessen, dass wir in Christus sind. Wir dürfen niemals zulassen, dass sich unsere Lehre unseren Gefühlen beugt, sondern müssen vielmehr mit Sorgfalt darauf achten, dass unsere Gefühle der biblischen Wahrheit entsprechen.

Ein Beitrag von Burk Parsons in Tabletalk Vol. 48, Nr. 6 (Juni 2024), S. 2. Dr. Burk Parsons ist Herausgeber des Magazins Tabletalk und leitender Pastor der Saint Andrew’s Chapel in Sanford, Florida (USA). Eigene Adaptierung und Übertragung ins Deutsche.

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Christliche Technik – Gibt es so etwas? (2001)

Ein Vortrag von Prof. Dr.-Ing. Uwe A. Seidel in Böblingen am 17.3.2001[1]

Der Ausdruck »christliche Technik« erscheint manchem Zeitgenossen als Widerspruch. Kann Technik überhaupt christlich sein? Technologien sind doch wohl wertfrei, allenfalls ambivalent, können also gute und schlechte Werte tragen.

Begriffsklärung

Der Begriff der Technik ist jedem Ingenieur geläufig. In einer bekannten Richtlinie des VDI (RL 3780[2]) werden mit „Technik“ einerseits Geräte und Sachsysteme bezeichnet, andererseits auch das menschliche Handeln zum Entstehen solcher Sachsysteme und das Handeln unter Verwendung dieser Sachsysteme. Was aber könnte »christliche Technik« genannt werden? Vielleicht kann man darunter eine Technik verstehen, wenn

  1. die Planer, Gestalter und Erzeuger von Technik Christen sind,
  2. die Benutzer Christen sind, sie also für Christen betrieben wird,
  3. diese Technik mit christlichen Wertvorstellungen verträglich ist, oder
  4. die Technik christlichen Zielen dient.

Diese vier Definitionen fügen sich sinnvoll aneinander, wenn man »christliche Technik« teleologisch versteht, also vom Ziel oder Ende her, das erreicht werden will. Während also die Technik selbst noch kein Maßstab für Christlichkeit ist, ließe sich vom Ziel her, auf das eine Technik hinführt, entscheiden, ob sie christlich ist oder nicht. Zum Beispiel könnte jemand das Telefon verwenden, um üble Nachrede zu verbreiten oder aber, um seelsorgerliche Gespräche zu führen. Der technisch Handelnde muss gefragt werden: Welches Ziel verfolgst Du? Worauf sollte alles hinauslaufen? Darum lautet eine mögliche Definition, die wir hier als Arbeitsdefinition verwenden wollen:

Technik ist dann christlich, wenn ihr Einsatz christlichen Werten entspricht, christlich vertretbare Ziele anstrebt und Christen sie mit dieser Kenntnis entwerfen, gestalten und einsetzen.

Um urteilen zu können, benötigt man abgestufte Werte für gut und böse, wahr und unwahr. Woher kommen diese, wer setzt die Normen? Gott tut es. Er setzt als letzte Autorität Gebote und Verbote. Darüber hinaus verpackt er seine Aussagen meistens in Geschichte. Ein großer Teil der Bibel (ca. 40 %) ist Erzählung und Lebensbeschreibung – von einzelnen Menschen, von Völkern und ihrer Geschichte. Dabei sollten die Werte des Gesetzes Gottes (5. Mose 4f) von einer Generation zur anderen weitergegeben werden. Das Neue Testament beginnt mit vier Porträts, die zusammen die Lebensbeschreibung Jesu ergeben. Auch die Apostelgeschichte ist historisch und geistliche Erzählung der Ausbreitung des Christentums. Und dann kommen Lehrbriefe, die teilweise zwar recht abstrakt über Lehre und christliche Normen sprechen, aber auch wieder sehr persönliche Briefe sind, die in geschichtlich relevante Situationen sehr praktisch hineinsprechen. Im Folgenden sollen einige Bibeltexte zum Nachdenken über christliche Technik vorgelegt werden.

Das Ebenbild

Am Anfang beschreibt das erste Buch Mose, die »Genesis«, den Menschen als Geschöpf Gottes, hineingesetzt in eine Schöpfung. Diese Glaubensaussagen setzen Ereignisse voraus, die niemand beobachtet hat. Woher verstehen wir dann aber, dass Gott die Welt gemacht hat?

Erstens durch die Schöpfung selbst; an ihr sehen wir Gottes unendliche Kraft und Weisheit (Römer 1,20). Zweitensdurch den Glauben, dass Gott sprach und es dann da war (Hebräer 11,3). Das kann man weder naturwissenschaftlich durch Wiederholung im Versuch beweisen noch juristisch, etwa durch Zeugen. Aber es gibt manche Hinweise, nämlich Forschungsaussagen von Biologen und Paläontologen. Die Genesis erklärt also: Der Mensch ist zuerst einmal nicht selber Gott. Die Renaissance hat das Gegenteil behauptet. Sie redete den Menschen ein, sie könnten durch Ausnutzung der Technik Götter werden, nach dem Motto: »Es gibt keinen Gott außer dir – du musst zu dir selbst finden.« Davon muss ein christliches Weltbild Abstand nehmen.

Aber was ist dann der Mensch? Er ist »Ebenbild« Gottes und dessen Stellvertreter auf Erden. Der Ausdruck »zum Bilde Gottes und in seinem Gleichnis« (1. Mose 1,27) beinhaltet zwei Aspekte: eine gewisse Ähnlichkeit mit Gott und eine repräsentative Aufgabenstellung von ihm. So hat der Mensch moralische Ähnlichkeit mit Gott und weiß ausnahmslos von Gut und Böse. Er ist zudem ein vernunftbegabtes, kreatives Wesen. Forscher beobachten die Natur und versuchen zu verstehen, was Gott gemacht hat und wie es »funktioniert«, Ingenieure versuchen dies dann in technischen Systemen umzusetzen. Das ist besonders im Bereich der Bionik und Biotechnik beeindruckend belegt: Das Fliegen hat man sich von den Vögeln und Insekten abgeschaut. Von der Haifischhaut profitieren Flugzeuge, Skiflieger und Schwimmer, denn eine entsprechend rauhe Außenhaut besitzt geringe Reibungswiderstände als eine glatte Haut. Seit man erforschte, warum die Lotusblüten nie schmutzig werden, gibt es Fassaden, Bekleidungsstoffe und Werkzeuge, von denen Wasser oder Schmutz abperlt. So lernen die kleinen, kreatürlichen »Kreativen« von ihrem ganz großen Schöpfer.

Aber »Bild« meint auch Repräsentation. Wir vertreten Gott in seiner irdischen Schöpfung. So sind wir Menschen Verwalter, aber nicht Eigentümer der Dinge. Das heißt, wir sind in Verantwortung gesetzt. Dies begrenzt und orientiert unseren Umgang mit Gottes Gaben in Natur, Kultur und Technik. Damit, dass alle Menschen aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen und nicht durch blinden Zufall da sind, wird ihnen allen ohne Unterschied auch Würde zugesprochen. Alle Menschen sind von Würde und Wert, weil sie von Gott gewollt sind und nicht, wie Jacques Monod sagt, von den Göttern der Evolution, »Zufall und Notwendigkeit«, abstammen. Zusammen mit der göttlich verliehenen Würde als Bilder Gottes möchte Gott auch eine Beziehung zu uns aufbauen und durch Kommunikation pflegen. Er selbst möchte mit den Menschen kommunizieren und will, dass sie es miteinander tun. Deswegen hat er ihnen »Geist« und differenzierte Sprachfähigkeit gegeben, im Gegensatz zu Tieren.

Diese Erklärungen sind für die Praxis bedeutsam. Technologie, die die Gemeinschaft der Menschen oder ihre Kommunikationsfähigkeit untergräbt oder hindert, ist mit christlichen Werten unvereinbar. Technologie, die Menschen minderwertig macht und versklavt, darf nicht eingesetzt werden. Hier besteht eine riesige Herausforderung für Christen, nämlich mit den technischen Möglichkeiten richtig umzugehen, sowie die entsprechende Bildung zu fördern.

Der Kulturauftrag

Gott erteilte dem Menschen den sog. Kulturauftrag: »Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, ihn zu bebauen und ihn zu bewahren« (1. Mose 2,15). Damit setzt Gott den Menschen in Verantwortung zu sich, dem Schöpfer. Der Mensch ist von der Natur und dem Mitmenschen abhängig; denn die Natur hat er sich nicht selbst gemacht, sondern er wird in diese göttliche Schöpfung hinein »gesetzt«. Adam kam hinzu, nachdem fünfeinhalb Tage lang schon einiges geschehen war, auf das er keinen Einfluss und von dem er nichts beobachtet hatte. Erst recht nicht war er Gottes Berater. Diesen kategorialen Unterschied zwischen dem Schöpfergott und allen geschaffenen Wesen und Dingen zu bedenken, wird schon Hiob aufgefordert: »Wo warst du, als ich die Erde gründete? Tu es kund, wenn du Einsicht besitzt!« (Hiob 38,4).

Die Grenze

Wir sind also in Vorgegebenes hineingeboren und darauf angewiesen. Dazu zählt auch, dass Gott den Menschen zur Gemeinschaft mit seinesgleichen verpflichtet, indem er Adam mit Eva verbindet. Auch ist der Mensch endlich, denn indem er in den Garten Eden gesetzt wird, sind ihm zugleich Grenzen gesetzt. Offensichtlich war Eden ein umzäunter Garten (Garten als intelligent gestaltete Natur), jedenfalls bestand eine deutliche Markierung. Diese trug geistig-moralische Bedeutung, nämlich sinngemäß: »Ich gebe dir Grenzen, um dir zu zeigen, dass du Verwalter bist, aber kein souveräner Herrscher. Denn der Schöpfer bin ich. Aber dich setze ich als mein Bild, meinen Repräsentanten, ein, um alles zu gestalten, zu verwalten und zu bewahren.«

Die Grenze zeigt Gott auch mit dem »du sollst…« und »du sollst nicht…« auf. Er erteilt Gebote. Fast 100 % aller Baumfrüchte durfte gegessen werden, nur von einem Baum sollte nicht gegessen werden. Dieser stand im Mittelpunkt des Gartens (1. Mose 3,3). Die Grenze war, richtig verstanden, nicht dazu da, um den Menschen zu ärgern, ihm Gottes Segen zu schmälern oder irgendwie Glück zu verhindern. Vielmehr sollte dem Menschen stets bewusst sein, dass über ihm der steht, der absolute Grenzen setzen kann. Das Misstrauen zu Gott als dem Grenzenzieher hat dann die Schlange gesät. Wir kennen den Ausgang der Geschichte. Sie ist unser aller Geschichte. Aber mit den Grenzen, die Gott gezogen hat, hat er einen Segensraum aufgerichtet. Wer diesen durch »Übertretung« verlässt, tritt ins Elend (Römer 5,14).

Wenn man mit diesem Wissen um die Gebote Gottes an das Thema »Christliche Technik« herangeht, sieht man, dass Gott uns durch diese Eingrenzung einen Entfaltungsraum gibt. Der Zeitgeist behauptet dagegen: »Du brauchst genau die Dinge, die Gott dir verbietet.« Doch im Glauben antworten wir: »Nein, wir brauchen sie nicht.« Denn durch die Gebote werden wir zu Menschen, die sich unter Gottes Segen entfalten können. In technologischen und anderen Bereichen gibt es viele verbotene Früchte. Jesus Christus hat viel von Sünde, Hölle und Verderben als von Realitäten gesprochen. Ein Christ lässt sich das sagen und macht auch andere Menschen darauf aufmerksam, dass etwas Schlimmes auf sie wartet. Dies zu tun ist etwas sehr Positives; denn wer andere nicht vor einer Gefahr warnt, macht sich schuldig. Wer über Gebote und Grenzen spricht, muss auch über Sünde und ewiges Gericht sprechen. Damit macht er klar, dass ein bestimmtes Verhalten oder ein bestimmter Umgang zur Belohnung oder Bestrafung führen, zum ultimativen Segen oder zum ewigen Fluch. Im Gegensatz zu Gott sind dem Menschen also Grenzen gesetzt, vor deren Übertretung Gott ernsthaft warnt.

Der Gescheiterte

Wer über den Zusammenhang von Technik und Christ spricht, muss auch über das Geschehnis des Sündenfalls reden. Der Mensch ist nicht mehr so gut, wie er aus Gottes Hand hervorgekommen ist. Nach meiner Überzeugung ist der Sündenfallbericht (1. Mose 3) genauso wie der Schöpfungsbericht historischer Fakt und kein Mythos. Er ist historisch und heilsgeschichtlich Wahrheit.

Was ist daraus zu lernen? Daraus ist vor allem zu lernen, dass menschliches Handeln misslingen kann, sowohl willentlich als auch versehentlich. Vielleicht lässt sich auch urteilen anhand von Ziel und Motivation. Doch immer besteht die Möglichkeit, dass auch ein Ingenieur mit bestem Willen handelt und trotzdem schuldig wird. Die Wirklichkeit des Bösen, die Erfahrung des Scheiterns und der Zerstörung von Beziehungen, ist genauso gegenwärtig wie bei Eva die Schlange. Vermutlich stand Adam neben Eva, und damit erhebt sich der Vorwurf: »Adam, warum warst du so still?« Sein Schweigen war verantwortungslos und verhängnisvoll, ebenso wie das vieler anderer Männer in entscheidenden Momenten der Weltgeschichte. Dazu ein Beispiel: Eine Frau namens Sarah sagt ihrem Mann: »Du, ich kann dir kein Kind gebären. Da du aber einen Erben brauchst, geh doch zu meiner Magd Hagar ein!« Darauf schweigt Abraham und tut es (1. Mose 16,2). Wer heute nach Nahost schaut, weiß, welche Folgen das Schweigen dieses Mannes hatte – die jahrtausendalte Fortsetzung des bitteren Bruderstreits zwischen Ismael und Isaak.

Seit dem Sündenfall lebt der Mensch mit der Erfahrung des Scheiterns und der (Ohn-) Macht des Zerstörerischen in seiner Hand. Er kann sich aus dieser verfahrenen Situation nicht selber herausziehen. Aber Gott hat Vorsorge getroffen, dass es weitergehen kann, was jedoch mit Schmerzen verbunden ist. Er legt dem Mann die Mühsal der Arbeit auf, den Schweiß, die Disteln und Dornen, und der Frau die Mühsal der Schwangerschaft und Geburt sowie den Versuch, den Mann zu kontrollieren (1. Mose 3,16), was entsprechende Beziehungsstörungen der Eheleute entstehen lässt. Auch bekleidet Gott das erste Menschenpaar mit Tierfellen, wofür einige unschuldige Tiere sterben mussten. Von daher will christliches Handeln kein romantisch verbrämtes Zurück in das Paradies und dieses mit menschlichen – gar technologischen – Mitteln erobern. Sondern der Christ weiß, dass der Weg in die Gemeinschaft mit Gott über einen sehr mühseligen und schmerzhaften Weg führt. Auch Gottes Wort an die Schlange drückt größten Schmerz aus: »Und ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zermalmen, und du wirst ihm die Ferse zermalmen.« (1. Mose 3,15). Diese göttliche Verfügung der Hoffnung auf eine Welt ohne den Bösen und das Böse ist letztlich durch das Sterben von Jesus Christus Wirklichkeit geworden. Jetzt ist der Weg zur neuen Schöpfung frei. Christen wissen: Gott wird die heile Welt heraufführen. Jesus kündigt an: »Siehe, ich mache alles neu!« (Offenbarung 21,5).

Der Heilsbedürftige

Wir Menschen sind unfähig, eine heile Welt selbst zu realisieren, sondern sind darin vollständig auf Gott angewiesen. Wir stecken in großer Not und sind überaus heilsbedürftig. Darum können wir heilfroh sein, dass uns die frohe Botschaft eröffnet wird: Gott bietet Vergebung an. Wer zum Beispiel im beruflichen Umgang mit der Technik Fehler gemacht hat, kann darüber mit Gott sprechen. Gott gibt in seiner Liebe dem Erlösung suchenden Menschen Vergebung. Jedem, der es will, wird die Möglichkeit der Versöhnung zugesprochen. Wer diese annimmt, dem sichert Gott das Heil zu. Zwar soll nach gemachten Fehlern das Bestmögliche getan werden, um herauszukommen, aber Jesus Christus gibt das Einzige, was wirklich rettet. Er trägt nicht nur den Titel »Heiland« (d. i. »Retter«), sondern ist es wesenhaft. In ihm neigt sich Gottherzlich zu den Gefallenen herab. Das nennen wir »Erbarmen«, oder mit Martin Luther trefflich »Barmherzigkeit«.

An dem, der dieses Heilsangebot annimmt, arbeitet Gott heilsam und heiligend weiter. Ein Christ weiß, dass Gott sein gutes Werk in ihm angefangen hat und es auch vollenden wird (Philipper 1,6). Er weiß, dass Gott alles, was passiert, so verwendet, wie es »zum Guten mitwirkt« (Römer 8,28). Dieses Gute ist die Einprägung des Charakters Jesu im Christen, dergestalt, dass dieser dem Sohn Gottes »gleichförmig« wird. Einprägen ist mit Druck verbunden, ähnlich wie es des Druckes bedarf, wenn man auf einer Münze etwas einprägt. Wenn also Christen auch druckvolle Situationen erleben, ändert das nichts an der Sicherheit ihres Heils, sondern es soll ihr Wesen positiv, d. h. christusoffenbarend, verändern.

Die Ewigkeitsperspektive

Als Christ weiß ich also, wo ich ankommen werde. Wüsste ich dieses nicht, bliebe mir nichts übrig, als Technologie so einzusetzen, dass die Entwicklung irgendwie in Richtung Garten Eden zurückläuft. Dieser Weg zurück wurde aber vom Mensch verwirkt und von Gott versperrt. Wenn dieses begrenzte Erdenleben mein einziges Leben wäre, wäre es das einzige »Paradies«, das ich erleben würde. Es ist verständlich, wenn Menschen ohne Gott und Glauben in ihr Leben alles Mögliche hineinzustecken versuchen. Und so wachsen am stärksten eben die Vergnügungsanbieter und die Entertainment-Industrie. In diesen spielt Musik und Technologie eine große Rolle, um die seelische Leere der Gottesentfremdung irgendwie aufzufüllen. Das war ein beliebter Technologieeinsatz schon bei denen, die »vom Angesicht Gottes wegliefen« (s. 1. Mose 4,16.21.22). Auch heute finden Menschen ihre Idole (d. i. »Abgötter«) oft unter Musikern. Das Schöne beim Glauben an Jesus Christus ist also: In Heilssicherheit weiß ich, wohin es einmal gehen wird, und darum muss ich die Technik nicht dazu einsetzen, um mir ein ersehntes »Paradies« zu erringen. Denn der Glaube befreit von Sorge um mich selbst, so dass ich mich zukunftsorientiert dem Dienst für Gott und am Nächsten zuwenden kann. Auch so kann man einmal Technik beurteilen: Sie soll nicht mir dienen, sondern Verstärkungsfaktor sein, dass ich anderen besser dienen kann. Hat Jesus Christus im Gebot der Nächstenliebe nicht genau dieses verlangt?

Wenn der erlöste Mensch also Christus ähnlicher wird, geht er auch ethisch verantwortlicher mit den Dingen um. Denn Jesus Christus wäre mit unserer Technik nicht negativ umgegangen; in ihm will Gott uns ja den idealen Menschen zeigen. Wenn sich sein Wesen in uns ausprägt, wird auch unser Technikeinsatz christlicher. Und weil Gott die Zukunft eröffnet, erwartet der christliche Glaube die Vervollkommnung und damit auch den wirklich perfekten Technikeinsatz weder vom Menschen noch hier auf der Erde, sondern von Gott und in der von ihm geschaffenen Zukunft. Nun ist zwar jeder Ingenieur vom »Bazillus der Technik-Faszination« infiziert. Sonst würde keiner ein solches Studium beginnen. Trotzdem erwartet ein Ingenieur, der zuerst und vor allem Christ ist, das Vollkommene nur von Gott, nicht von Menschen, noch von Anwendungen der Technologie.

Christen wissen auch vom Leben nach dem Tod. Diese Glaubensaussage hilft zu verstehen, was menschliches Leben hier soll. »So lehre uns denn zählen unsere Tage, damit wir ein weises Herz erlangen!« (Psalm 90,12). Wenn ich mein Leben vom Ende her beurteile, also mit Ewigkeitsperspektive (die mir nur die Offenbarung Gottes in der Bibel geben kann), dann gibt es in manchen Dingen einen anderen Wert, als es Politik, Zeitgeist oder Werbung zu vermitteln suchen. Auch brauche ich dann nicht jede Modeströmung mitzumachen, jede aktuelle Mode ist morgen sowieso schon wieder veraltet.

Von daher unterscheiden Christen zwischen einem »Schon jetzt« und einem »Noch nicht«. Durch den Glauben an Christus leben sie in diesem Spannungsfeld. Von dieser Ewigkeitsperspektive her kann ich zum Beispiel Erfüllungsaufschub ertragen, dass ich jetzt nicht alles erfüllt bekomme, wie ich es mir vorstelle. Durch das Wissen um die zukünftige Herrlichkeit kann ich auch etwas erleiden. »Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, nachdem ihr eine kurze Zeit gelitten habt, er selbst wird euch vollkommen machen, befestigen, kräftigen, gründen« (1. Petrus 5,10). Dieses Leiden kann bezüglich des Glaubens geschehen, aber auch einfach darin bestehen, dass ich wie alle Menschen den Ereignissen dieser Welt ausgesetzt bin, den Katastrophen und Unfällen, den Wettereinflüssen oder Ernährungsbedingungen.

Ebenso kann die Entwicklung der Gentechnik, nachdem jetzt das menschliche Genom entschlüsselt worden ist, weiteres Leiden nach sich ziehen. Auch Christen werden vielleicht unter kommenden Verhältnissen leiden müssen. Aber sie können es, weil sie wissen: Es gibt ein »Schon jetzt«. Darin besteht die Sinnerfüllung.

Allerdings können Christen auch gerade an der Sinnerfüllungsfrage leiden, wenn etwas misslingt. Das Wissen jedoch, was am Ende der Tage durch Gott kommen wird, trägt hindurch.

Dass Christen mit diesem Ewigkeitsblick und Erfüllungsaufschub leben können, daran ändert sich nichts, wenn viele dieses nur als Ideologie bezeichnen. Der Glaube wird allerdings auf Belastbarkeit erprobt, wenn diese Fähigkeit, Spannung zu ertragen, von »geschäftstüchtigen« Arbeitgebern zum Eigennutz missbraucht wird. Es kann vorkommen, dass solch einer beschließt: Diesen Christen gebe ich weniger Lohn und mute ihnen trotzdem mehr Überstunden zu.

Die christliche Grundnorm

Christen erwarten von der »Technik« lediglich, dass das Menschenmögliche getan wird. Dadurch ist der Blick geschärft für manche Vertröstungen der Welt, die im Grunde nur Ausreden für Passivität sind. Wenn Gottes Auftrag an Menschen lautet, in der Welt, in die uns Gott gesetzt hat, als Techniker, Ingenieur oder Architekt zu arbeiten, dann erkennen Gläubige ihre Verantwortung. Sie sollen sich nicht zurückziehen und alle technischen Neuerungen bekämpfen, sollen sich weder passiv hinter Klostermauern zurückziehen noch aktiv in die falsche Richtung, also falsche Ziele verfolgend, arbeiten.

Christen können sich für Passivität in der Welt nicht entschuldigen. Sie sind befähigt, mit dieser noch nicht endgültigen Wirklichkeit umzugehen und im Glauben aktiv zu arbeiten, auch technisch, und nicht angesichts des Scheitern-Könnens zu verzweifeln.

Doch welches ist die Norm? Was lehrte Jesus? Für was steht er? Seine Zeitgenossen haben das zu erforschen versucht. Verschiedene religiöse und politische Gruppen haben Beauftragte zu Jesus gesandt und ihm Fragen gestellt, vorrangig Fangfragen. Entscheidend war die Frage nach der Maxime: »Welche oberste Norm soll unser Handeln kennzeichnen?« Jesus antwortete darauf: »Das erste [Gebot] ist: ›Höre, Israel: Der Herr, unser Gott, ist ein Herr; und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und aus deiner ganzen Seele und aus deinem ganzen Verstand und aus deiner ganzen Kraft‹« (Markus 12,29f). Das Wort »Herz« bezeichnet das Zentrum der Persönlichkeit, von dem aus alles andere gesteuert wird: die intellektuelle Fähigkeit, den Willen, die Liebesfähigkeit u. a. Alle Lebensmodi (o. Fakultäten des Lebens) hängen von der Grundeinstellung des Herzens ab: Ist das Herz klar, sind es auch die daraus folgenden Handlungen. Jesus sagte: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen«, also nicht oberflächlich, nicht rituell, nicht aufgesetzt oder manchmal, sondern stets mit allem. Gott ist nie oberflächlich, er geht stets gezielt zur Schaltzentrale, hinunter zur Wurzel (also radikal), greift immersiv zum »Herzen« des Menschen.

Was hat das mit Technik zu tun? Das Gebot, Gott zu lieben, hat Jesus Christus oft wiederholt, und darum sollte es auch für Christen die oberste ethische Norm sein. Darauf folgt das zweite Gebot, das der Liebe zum Nächsten: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (Markus 12,31a). In beiden Geboten ist laut Jesus Christus der ganze Dekalog, das, was Gott vom Menschen will, zusammengefasst. Ich bezeichne dies als »christliche Grundnorm«. Die Christen haben sich immer daran orientiert. Aus dem Gebot der Nächstenliebe lässt sich Weiteres ableiten, zum Beispiel, dass die Bedürftigkeit meines Nächsten vor meiner eigenen Vorrang hat. Welch ein Anspruch!

Darüber hinaus zeigt Jesu Gebot der Feindesliebe, dass dem anderen zumindest ein Recht zusteht, anders zu sein. Dieses kleine Stückchen Liebe, den anderen anders sein zu lassen, auch wenn er eine ganz andere Kultur in unsere Gesellschaft bringt, sollten Christen zeigen.

Was das im verantwortlichen Umgang mit Technik zu bedeuten hat, ist nicht schwer zu folgern. Denn zum Teil leben wir davon, dass wir anderen bestimmte Techniken vorenthalten, so in der Kriegstechnologie und der zivilen Technologie. Auch ist logisch, dass Reiche die besseren Technologien besitzen. Ist nicht im Wirtschaftlichen überall das Geld entscheidend? Wer viel Geld hat (oder erzeugen kann), bekommt alles, wer wenig hat, kriegt nichts. Ist das alles mit dem Liebesgebot in Übereinstimmung zu bringen? Nur wenige Christen haben Gegenzeichen im Bereich der Wirtschaft und Gesellschaft gesetzt, etwa durch Streben nach Gerechtigkeit und Wohltätigkeit. Manche Unternehmer versuchen, die Verantwortung, die ihre Angestellten tragen, zu honorieren und zu fördern, indem sie sie zu Mitunternehmern machen, sei es durch organisierte Mitsprache oder indirekt durch Kapitalbeteiligungen. Es gibt einige interessante Modelle, wie man diese Grundnormen in kreativer Art umsetzen kann, Mitarbeiter zu führen sowie Nutzen und Risiko miteinander zu tragen.

Zusammenfassung

Fassen wir unsere Betrachtung in Form einiger Leitaussagen zusammen, über die man ins Gespräch kommen sollte:

  • Der Mensch wurde im Bild und Gleichnis Gottes erschaffen, hat mithin unveräußerliche Würde und Wert.
  • Der Mensch ist Mitmensch. Er darf mit jemandem in Beziehung treten, der genauso ein Recht auf Fehler und Schwachheiten wie er selbst hat. Er ist mit Begabungen, demselben Wert, aber auch mit denselben Schwachheiten versehen, er ist Sünder.
  • Der Mensch ist Teilhaber. Er muss darauf achten, dass die Teilhabe gerecht geschieht.
  • Christen können unterscheiden zwischen dem, was jetzt möglich ist, und dem, was erst unter der Herrschaft Jesu Christi möglich sein wird. Sie dürfen nicht das Recht des Relativen verachten, indem sie denen Schwierigkeiten machen, die keine perfekten Lösungen erreichen.
  • Christen akzeptieren, dass es verschiedene berechtigte Ansprüche gibt, dass manche ihr Leben eben anders leben, auch als Ingenieure. Christliche Technik fragt danach, was moralisch vertretbar ist oder nicht.
  • Dabei bindet sich der Christ an Gottes Wort, an die Lehre Jesu Christi. Dieser hat sich in verschiedenen Fragen der Lebensführung immer auf die Genesis bezogen. Er geht also immer auf die Ursprünge zurück, wo er als Schöpfer gehandelt hat.
  • Somit und letztlich ist Jesus das immer verpflichtende Vorbild für christliche Ethik, auch und gerade im Erschaffen, Gestalten, Einsetzen und Nutzen von Technik.

Christliche Technik – Gibt es so etwas?

Nein, an sich nicht. Schon eher von einer »christlichen Technikfolgenabschätzung«, einer Bewertung von Technik anhand christlicher Werte, Maximen und Normen. Es ist zu beurteilen, welche Werte und Ziele beim Erschaffen und Betreiben gesetzt werden und wirksam sind. Von »christlicher« Technik kann man nur reden, wenn sie wertverträglich mit christlichen Werten ist. Dazu bedarf es der Ausrichtung an dem, was Jesus Christus gesagt hat und in der Bibel schriftlich aufzeichnen ließ. Das wird auch den Blick für den Unterschied zwischen dem, was ist, und dem, was noch nicht ist, schärfen und die Geduld mit dem Unvollkommenen im anderen und in mir selbst fördern. Gelebtes Christsein macht genügsam beim Entzug und im Verzicht und geduldig im Leiden.

Jesus fordert im Blick auf die Ewigkeit auf: »Wenn aber dein rechtes Auge dir Anstoß gibt, so reiß es aus und wirf es von dir…« (Matthäus 5,29). Er rät in dieser Bildsprache also zu entschiedener Vorgehensweise: Weg mit dem, das dich auf deinem Weg zur Ewigkeit, zu Gott hin, hindert, selbst wenn es ein geliebter, faszinierender Technikeinsatz ist! Technik hingegen mit Ewigkeitsperspektive einzusetzen, mag an ein gutes Ziel führen. Ein Ingenieur oder Techniker, der Christ ist, muss sich immer fragen, ob er einmal vor Jesus stehend ähnlich dem Knecht des bekannten Gleichnisses (vgl. Matthäus 25,14–30; Lukas 19,16–27) sagen kann: »Herr, ich habe gehandelt, auch unter verstärkendem Einsatz der Technik, um das, was ich von dir bekommen habe, zu vermehren.« Er muss fragen, ob dann Jesus wohl antworten wird: »Wohl, du guter und treuer Knecht! Über weniges warst du treu, über vieles werde ich dich setzen; geh ein in die Freude deines Herrn!« und den Betreffenden dann in größere Verantwortung setzt. Die hier genannten Leitlinien können eine praktische Hilfe für die Realisierung verantwortlicher, »christlicher Technik« sein.


[1]     Vortrag von Prof. Dr.-Ing. Uwe A. Seidel beim DCTB-Regionaltreffen in Böblingen am 17.3.2001. Verkürzte Wiedergabe (s. Das Fundamentum, Nr. 5/2001, DCTB e.V.), Überarbeitung vom Vortragenden autorisiert. – Angesichts der Entwicklungen der letzten beiden Jahrzehnte (Big Data, automatisierte Überwachung und Predictive Profiling, AI, Transhumanismus, Homo deus etc. nebst Zivilreligion, Carbonkult u.a.) erweisen sich die hier skizzierten Überlegungen weiter als äußerst relevant.

[2]     o. V.: Technikbewertung – Begriffe und Grundlage (Technology assessment – Concepts and foundation), VDI 3780. Erscheinungsdatum 2000-09.

Ad impossibilia nemo obligatur – Zu Unmöglichem ist niemand verpflichtet (?)

Beim Studium der Heiligen Schrift biegt man immer wieder einmal quietschend in Sackgassen falscher Vorannahmen und Denkvoraussetzungen (Presuppositionen), Interpretationsgrundsätzen (Hermeneutik) und Denkweisen (Logik) ab. Dies gilt besonders betreffs der Lehren der Schrift, die uns im Wort beschrieben, aber unserer normalen Erfahrung und „Logik  nicht vertraut, rätselhaft oder unserem menschlich-fleischlichen Denken und Empfinden sogar zuwider sind.

Heilslehre (Soteriologie) – „Logisch“ und/oder biblisch?

Dazu ein fast „klassisches  Beispiel aus der Heilslehre (Soteriologie). Peter Streitenberger schreibt –wie einige lange vor ihm– in seinem Buch Die Fünf Punkte des Calvinismus – Eine Antwort (CMD, 2007) Folgendes: »Es ist ein Fehlschluss menschlicher Logik und in sich widersprüchlich, zu unterstellen, dass das, was Gott dem sündigen Menschen eindeutig und immer wieder befiehlt, eigentlich unmöglich wäre.« (S. 26). Er kritisiert damit Theologen, die er wohl im Widerspruch zu seiner eigenen arminianischen Heilsauffassung sieht. Dank der Vernetztheit der Heilslehre mit anderen Wahrheiten der Schrift verursacht er damit allerdings auch Kollateralschäden an anderer Stelle.

Streitenberger wendet sich in der Vorrede seines Buchs noch gegen die „menschliche Logik, was ihn jedoch im Hauptteil nicht davon abhält, selbst Argumente der Logik anstelle von Aussagen der Heiligen Schrift einzusetzen, siehe Zitat. Dies ist klassische Selbstzerstörung eines vermeintlichen Arguments. Der Irrtum hier ist sogar doppelt, denn (1) beurteilt Streitenberger hier etwas als »Fehlschluss menschlicher Logik und in sich widersprüchlich«, was (2) in der Heiligen Schrift schon an anderer Stelle eindeutig und affirmativ vorkommt. Zum Ersten: Wenn es logisch (richtig) wäre, dann wäre es nicht widersprüchlich und wenn es widersprüchlich wäre, dann wäre es logisch nicht richtig. Was also meint er konkret? Kann man das auch klar sagen?

Streitenbergers Argument lautet: Wenn Gott dem Menschen etwas gebietet, dann bedeute dies, dass der Mensch auch in der Lage sei, dieses Gebot(ene) zu halten. Ein göttlich verordnetes Sollen sei mithin unmoralisch, wenn es das Können/Vermögen des Menschen überschreite. Daher beurteilt er die Aussage als falsch, dass der Mensch etwas, was ihm göttlich geboten ist (z. B. die Buße oder der rettende Glaube; Mk 1,15; Apg 17,30), nicht aus sich selbst heraus tun bzw. erbringen könne. Hier irrt Streitenberger, denn Römer 8,6-7 bezeugt diese Unfähigkeit und Unwilligkeit ausdrücklich: »Denn die Gesinnung des Fleisches ist der Tod, die Gesinnung des Geistes aber Leben und Frieden, weil die Gesinnung des Fleisches Feindschaft ist gegen Gott, denn sie ist dem Gesetz Gottes nicht untertan, denn sie vermag es auch nicht«. Noch klarer kann man wesenhaftes Unvermögen bei gleichzeitigem Verpflichtetsein kaum ausdrücken. Andere Stellen wären dem hinzuzufügen.

Streitenbergers Argument kann auch daran als fehlerhaft erkannt werden, dass uns in der Schrift anhand des Gesetzes das Gegenteil gelehrt wird. Gott hatte eindeutig und unter klarer, scharfer Androhung der ewigen Todesstrafe geboten, dass das Gebot Gottes zu halten sei (z. B. 5. Mose 28,15ff). Er meint es also absolut ernst. Aber er lässt ebenfalls als Wahrheit aufschreiben, dass (außer Jesus Christus) kein Mensch das Gesetz gehalten hat noch je hätte halten können (z. B. Apg 15,10; Römer 3,20–23; 5,20–21). Damit ist gezeigt, dass Gott sehr wohl vom Menschen etwas absolut verlangt (nämlich die Perfektion; z. B. Matthäus 5,48; Jakobus 2,10–11; Römer 3,10), was kein Mensch aus sich heraus zu erbringen vermag. Dieses Beispiel zeigt schon, dass das Argument Streitenbergers (das er mit manchem vor und mit ihm teilt) nicht aus dem Wort der Wahrheit stammen kann, denn dieses Wort ist durchgehend widerspruchsfrei.

Das falsche Argument ist ein alter Hut – aus falschen Quellen gefischt

Dem Kenner der Kirchengeschichte ist nicht verborgen, dass diese Art der Argumentation schon in der Denktradition der „Arminianer” (frühes 16 Jhdt.) oder auch später in der amerikanischen „New Haven-Theology” nach Nathaniel W. Taylor (frühes 19. Jhdt.) auftaucht. Berüchtigt ist auch der angebliche „Erweckungsprediger“ Charles Grandison Finney (1792–1875) und das Bibelseminar in Oberlin (OH, USA, gegr. 1833), dessen zweiter Präsident er war, die die selben falschen Behauptungen vertraten und verbreiteten (jeder könne völlig frei und aus eigenen Kräften das Heil erwerben und absolute Heiligung erreichen).

Die Behauptung »Sollen impliziert Können« ist jedoch als weltlich-heidnisches Rechtsprinzip um einiges älter. Als Grundsatz taucht sie schon in den Digesten (lat. digesta = Geordnetes; didaktische Zusammenstellung von Rechtssätzen) des römischen Rechts auf. Sinnverwandte Prinzipien und Rechtsgrundsätze lauten: »Ad impossibilia nemo obligatur/tenetur« (»Zu Unmöglichem ist niemand verpflichtet«; vgl. BGB § 275 Abs. 2-3); »Lex cogit neminem ad impossibilia« (»Das Gesetz zwingt niemand zu Unmöglichem«); »Ultra posse nemo obligatur« (»Über sein Können hinaus wird niemand verpflichtet«).

Der ungläubige Philosoph Immanuel Kant (1724–1804) schreibt Ähnliches in seiner Critik der praktischen Vernunft (1788): »Denn, da sie [die reine Vernunft] gebietet, dass solche [Handlungen nach sittlicher Vorschrift] geschehen sollen, so müssen sie auch geschehen können.« (A807, B835). Autonomie ist damit bei Kant Bedingung dafür, dass Moral möglich ist. Autonomie in diesem Sinne ist die Freiheit, nach einem selbst bestimmten Willen zu handeln. Die Absolutsetzung der Autonomie müssen wir aber als Vergottung des Menschen als ethischem Wesen sehen. Kant selbst sagte: »Gott ist also keine ausser mir befindliche Substanz sondern blos ein moralisch Verhältnis in Mir.« ([sic!] Akademie-Ausgabe XXI, S. 149). Damit wird aber die widergöttliche Denkbasis und Denkrichtung schon bloßgelegt. Wo ist Kantsche Philosophie, wo biblische Wahrheit im Argument von Streitenberger?

Dieses im menschlichen Recht gerechterweise oft anzuwendende Prinzip ist aber weder kausale noch logische Implikation: Das Sollen garantiert niemals das Können. Und der Bibelleser weiß zudem sicher: Wenn Gott etwas als Sollen (oder Sein) fordert, ist es stets »heilig, gerecht und gut« (Römer 7,12)!

Es gibt bessere Erklärungen, biblische nämlich

Einige Bibellehrer haben den biblischen Sachverhalt besser ergriffen und mit Begriffen und Metaphern der Bibel erklärt (Schuld, Erlösung, Zurechnung usw.): Nehmen wir an, ein Mensch bekäme für eine gewisse Zeit eine größere Geldsumme anvertraut. Er nimmt hocherfreut die große Summe an, verprasst aber das ganze Geld in Saus und Braus. Zur vereinbarten Zeit kommt der Geber wieder zu ihm und fordert sein Geld zurück. Der Mensch kann aber nichts zurückgeben, ganz einfach deswegen, weil er nichts mehr hat. Außerdem will er gar nichts zurückgeben und streitet jede Forderung ab. Es ist aber völlig klar, dass er die geliehene Summe zurückzahlen muss, denn es war geliehenes Vermögen, es gehört einem anderen. Das faktische Unvermögen liefert hier nicht die Freistellung aus der moralischen Schuld, sondern begründet und vertieft diese zusätzlich. Anders gesagt: Die Forderung des Gläubigers besteht weiter und ist völlig rechtens, auch wenn dem Schuldner die Erfüllung der Forderung faktisch unmöglich ist.

To the Point: Die Forderung nach Rückzahlung der Schuld bedeutet eben nicht, dass diese dem Schuldner faktisch möglich sei. Trotz der Unfähigkeit des Schuldners ist die Forderung des Eigentümers juristisch unanfechtbar und gerecht. – Nun, dies gilt übertragen auch im diskutierten Kontext der biblischen Heilslehre mit Blick auf das menschliche Elend, die Gerechtigkeit Gottes und die Notwendigkeit eines freien Gnadengeschenks vonseiten des Heiland-Gottes. (Das Metapher der Schuld und des Schuldners ist direkt biblisch.)

Ein wesentlicher Denkfehler scheint mir zu sein, dass man die Situation des Sünders, die zu seiner faktischen Unfähigkeit und Unwilligkeit zur Umkehr geführt hat, moralfrei beurteilt, während doch die Heilige Schrift lehrt, dass die Unfähigkeit und Unwilligkeit des in Sünde gefallenen Menschen eine selbstverschuldete ist. Buße und Glauben oder anderen Aktivitäten des Herzens (Willen, Entscheidungen) oder der Hand (Werke) sind nach göttlichem Zeugnis einem Menschen innerlich erst möglich, wenn er diese vorher von außen her empfangen hat. Münchhausen funktioniert auch hier nicht.

Mit Empfang der göttlichen Rettungsgaben ändert sich alles: Es ist alles »aus Gott«, aber durch die freie Gabe Gottes sind im beschenkten Menschen nun Fähigkeit, Wille und gute Tat vorhanden und sein eigen: Es ist dann seine Fähigkeit (Vermögen), sein Wille (Motivation) und seine Tat (Vollbringen). Solange aber das Herz geistlich tot und in der Sklaverei der Sünde verkettet ist, gilt ohne göttliche „Operation am Herzen” (Hesekiel 11,19; 36,26) weiter: »Ihr wollt nicht zu mir kommen, damit ihr Leben habt«, und: »Ihr seid aus dem Vater, dem Teufel, und die Begierden eures Vaters wollt ihr tun« (Johannes 5,40; 8,44). Der ganze Vorgang wird in den Texten von den Segnungen des Neuen Bundes beeindruckend für Israel vorschattend beschrieben (s. z.B. Hesekiel 36,25–36) und im Johannesevangelium vom Sohn Gottes ausgelegt und auf den Glaubenden des NT angewandt. Im Heil kommt es danach nicht zuerst auf die Fähigkeit des Sünders an, sondern auf die Fähigkeit des rettenden Gottes. Er fordert – aber er gibt auch das, was er fordert. Glauben wir das? Dann werden und können wir zugreifen und dann sind wir ewig gerettet.

Gott aber sei Dank, dass ihr Sklaven der Sünde wart, aber von Herzen gehorsam geworden seid dem Bild der Lehre, dem ihr übergeben worden seid! Freigemacht aber von der Sünde, seid ihr Sklaven der Gerechtigkeit geworden.

Römer 6,17-18 (ELB03)


Bekehre mich, damit ich mich bekehre, denn du bist der Jahwe, mein Gott.

Jeremia 31,18b

Enthält die Heilige Schrift „Paradoxa“? Was meinen wir damit?

Viele gebrauchen die Wörter „Paradoxon“ oder „paradox“, um Widersprüchliches zu bezeichnen. Das kann gefährlich werden, wenn man nicht angibt, was man mit diesem Wort meint. Für den einen bedeutet es Unsinn, für den anderen (logisch) Widersprüchliches. Entweder, weil es (beweisbar) so ist, oder aber, weil es dem Redenden so scheint. Letzteres ist ein großer Unterschied, der vor allem dann, wenn wir über die Heilige Schrift und die Lehre des Wortes Gottes reden, bedeutsam ist.

Was ist ein Paradoxon?

Der Duden liefert folgende Kurzdefinition:

»scheinbar unsinnige, falsche Behauptung, Aussage, die aber bei genauerer Analyse auf eine höhere Wahrheit hinweist«

https://www.duden.de/rechtschreibung/Paradoxon [08.08.2020] Fettdruck hinzugefügt

Wikipedia bietet eine etwas ausführlichere Worterklärung:

»Ein Paradoxon (sächlich; Plural Paradoxa; auch das Paradox oder die Paradoxie, Plural Paradoxe bzw. Paradoxien; vom altgriechischen Adjektiv παράδοξος parádoxos „wider Erwarten, wider die gewöhnliche Meinung, unerwartet, unglaublich“) ist ein Befund, eine Aussage oder Erscheinung, die dem allgemein Erwarteten, der herrschenden Meinung oder Ähnlichem auf unerwartete Weise zuwiderläuft oder beim üblichen Verständnis der betroffenen Gegenstände bzw. Begriffe zu einem Widerspruch führt. Die Analyse von Paradoxien kann zu einem tieferen Verständnis der betreffenden Gegenstände bzw. Begriffe oder Situationen führen, was den Widerspruch im besten Fall auflöst.«

https://de.wikipedia.org/wiki/Paradoxon [08.08.2020] Fettschrift im letzten Satz hinzugefügt.

James Anderson widmet sich in einem über 300-seitigen Buch dem Thema der Paradoxa in der christlichen Theologie. Er schreibt einleitend zum Begriff:

… es ist gleichbedeutend mit einem scheinbaren Widerspruch. Ein „Paradoxon“ ist also eine Reihe von Behauptungen, die zusammengenommen logisch widersprüchlich zu sein scheinen. Man beachte, dass nach dieser Definition Paradoxie nicht logische Inkonsistenz an sich bedeutet, sondern lediglich den Anschein von logischer Inkonsistenz.

James Anderson, Paradox in Christian Theology: An Analysis of Its Presence, Character, and Epistemic Status, Reihe: Paternoster Theological Monographs (Paternoster, 2007), S. 5–6. Übersetzt von Grace@logikos.club.

Phil Johnson, Bibellehrer und Pastor an der Grace Community Church in Sun Valley, CA, erklärt Vorkommnisse oxymoroner Sprache (die auf Paradoxa hinweist) im Predigttext von Galater 2,20 wie folgt:

»Unsere Sprache ist voller Oxymora. Wir lieben die Gegenüberstellung von Wörtern und Ideen, die normalerweise nicht zusammenpassen, weil sie die eigentliche Pointe vielleicht noch deutlicher hervortreten lassen, und das ist es, was Paulus hier tut. Er spielt mit Ideen, nicht nur mit Worten, sondern mit Ideen, und tatsächlich lassen sich viele Wahrheiten im christlichen Leben am besten in Oxymora, in paradoxer Sprache, ausdrücken, und in unserem Text verwendet Paulus ein Trio von Paradoxen, um die Realität und die Fülle unserer Erlösung in Christus zusammenzufassen. Schaut sie euch an. Er sagt: „Ich bin gekreuzigt und lebe doch. Doch nicht ich, sondern Christus. Und das Leben, das ich im Fleisch lebe, ist geistlich und wird durch den Glauben angetrieben.“ Ich möchte diese drei Paradoxa einzeln betrachten und versuchen, einige der Wahrheiten über unsere Erlösung auszupacken, die Paulus in dieser unglaublich reichen Aussage zusammengefasst hat.«

Phil Johnson, A Trio of Paradoxes (www.sermonaudio.com/sermon/49172032184), Mitschrift einer Predigt über Galater 2,20. Fettdruck hinzugefügt. Übersetzt von Grace@logikos.club.

Der oben schon zitierte James Anderson weiter:

»Indem ich für das Paradoxe plädiere, möchte ich nicht den Eindruck erwecken, dass ich einen Freibrief dafür gebe, nicht philosophisch zu denken, nicht tiefgründig über diese Lehren nachzudenken. Ganz im Gegenteil. … Ich vertrete den Standpunkt, dass wir über jede dieser Lehren so intensiv wie möglich nachdenken, sie so gut wie möglich auf der Grundlage der uns zur Verfügung stehenden biblischen Daten durchdringen, aber wir erkennen auch an, dass es Grenzen geben wird, und dass diese Grenzen eigentlich etwas Positives sind und nicht ein Ausdruck eines inhärenten Problems in den Lehren oder im Prozess der theologischen Reflexion. … Ich denke, wir können Fortschritte machen, beträchtliche Fortschritte, um diese Lehren zu verstehen und einige der … anfänglichen Schwierigkeiten, die wir mit ihnen haben, zu lösen, aber gleichzeitig erkennen wir, dass wir immer nur begrenzt weit kommen werden, und wenn wir an die Grenzen unserer Fähigkeit stoßen, sie auf bestimmte Weise zu formulieren oder bestimmte Schwierigkeiten in ihnen zu lösen, sollten wir uns darüber nicht zu sehr Sorgen machen. Wir sollten sicher nicht sagen: „Okay, wir müssen zugeben, dass Christen letztlich Irrationalisten sind.“ Nein. Das brauchen wir überhaupt nicht zu sagen. … Es ist eine biblisch eingeschränkte Rationalität. Es ist ein Mittelweg zwischen dem Rationalismus, für den ich denke, dass [Gordon H.] Clark ein Vertreter war, und dem Irrationalismus, für den, um ein Beispiel zu nehmen, ich denke, der neo-orthodoxe Karl Barth ein Beispiel wäre, wo man sagt, dass es tatsächlich Widersprüche gibt. Ich denke also, es geht darum, einen biblischen Mittelweg zwischen diesen beiden Extremen zu finden: einer Überbewertung des menschlichen Intellekts und vielleicht einer Unterbewertung des Intellekts, unserer Fähigkeit, die Dinge Gottes zu erkennen

Dr. James Anderson (extracted from James Anderson’s interview on the Reformed Forum radio program in 2010). Quelle: http://theoparadox.blogspot.com Fettdruck hinzugefügt. Übersetzt von Grace@logikos.club.

In seinem o. g. Buch widmet sich Anderson den beiden Fragen:

  • (1) Sind irgendwelche zentralen christlichen Lehren grundlegend paradoxal?
  • (2) Kann man vernünftiger Weise eine paradoxe Lehre glauben?

Er beantwortet im ersten Teil seines Buches (a. a. O.) die erste Frage bejahend mit Untersuchungen der Lehre von der Trinität und der Inkarnation. Im zweiten Teil des Buches beschäftigt er sich mit der zweiten Frage und stellt fest, dass ein Christ, der solche Lehren glaubt und bekennt, deswegen nicht irrational ist. Häufig handelt sich um scheinbare Widersprüche, die durch nicht-offenbare Äquivokation entstehen oder ihre Ursache in unserer menschlich begrenzten Fähigkeit des Wissens, Begreifens, Erlebens und Formulierens haben. Ein Konflikt unserer Glaubensinhalte mit der üblichen (menschlichen) Logik ist nicht notwendigerweise ein Kennzeichen von Falschheit oder Irrationalismus. Wir können weiterhin auch über paradoxale Glaubensinhalte vernünftig reden und diese als Wahrheit bekennen. Vernunft und Rationalismus sind nicht dasselbe. Göttliche Offenbarung und gelehrte Schlussfolgerungen ebensowenig.

Ist die Bibel paradox?

Ob das stimmt, kommt darauf an, was der Begriff „paradox“ in dieser Aussage bedeuten soll. Will man im formalen und objektiven Sinn sagen, die Bibel sei „widersprüchlich“ oder „antinomisch“? Oder will man eher unscharf „paradox“ als ein Synonym für „absonderlich, absurd, abwegig, befremdend, befremdlich, bizarr, blödsinnig, hirnrissig, komisch, kurios, merkwürdig, seltsam, sonderbar, unsinnig, verquer, verwunderlich“ (usw.) verwenden? Oder will jemand damit nur subjektiv und selbstreflektierend ausdrücken, dass ihm die Bibel „schwer verständlich“ oder „seiner Erfahrungswelt fremd“ ist?

Falls man an die göttliche Inspiration und mithin Fehler- und Irrtumsfreiheit der biblischen Originalschriften glaubt, sträuben sich die Haare, wenn der Heiligen Schrift objektiv Eigenschaften zugeschrieben werden, die der Eigenschaft der Wahrheit fremd, fern oder gegensätzlich sind. Der Sohn Gottes sagte: »Dein Wort ist Wahrheit« (Johannes 17,17). Damit ist die Sache für einen glaubenden Christen hinreichend geklärt. Diese Feststellung ist mitnichten eine intellektuell-verkopfte, rein theoretische Sache. Sie hat vielmehr direkten Zusammenhang mit der Praxis des Christenlebens, der Heiligung und dem Ziel der Nachfolge, nämlich so zu werden wie Christus, denn der Sohn Gottes sagte einen Halbsatz vorher zum Vater: »Heilige sie durch die Wahrheit

Wie ist das also mit der Bibel? Dürfen wir Unsinn oder Widersprüchliches als Wahrheit bezeichnen? Vielleicht mit dem Hinweis, dass Gottes Gedanken über unseren Gedanken stehen (Jesaja 55,8)? Sollen wir als Christen das Nachdenken und Forschen in der Schrift aufgeben (oder gar nicht erst anfangen), weil seine Gerichte sowieso „unerforschlich“ und Seine Wege für immer „unergründlich“ sind (Römer 11,33)? Sollen wir aufgeben, die Lehre der Schrift zu erforschen, zu erfassen, zu beschreiben, zu tun und zu lehren, weil „nichts Genaues weiß man nicht“? War Esras Herz falsch gepolt (Esra 7,10)? War Paulus‘ Aufforderung im Prinzip fehlleitend (2Timotheus 2,15)?

Manche reden im Anblick des Unbegreiflichen (besser meist: des von ihnen Unbegriffenen) so. Da liest man im Glaubensbekenntnis eines christlichen Missionswerks folgendes:

»Wir sind uns bewusst, dass hinsichtlich der Errettung verschiedene Anschauungen existieren (Unverlierbarkeit des Heils; Verlierbarkeit des Heils; komplementärer Standpunkt: die Bibel lehrt beide Aussagenreihen).«

https://www.efa-mission.de/ueber-uns/unsere-ueberzeugung/ abger. am 04.06.2020; Fettdruck hinzugefügt

Solch eine Behauptung erhebt zumindest zwei Fragen: (1) Kann eine (durchaus sehr wichtige) Aussage oder Lehre der Heiligen Schrift, die Lehre der Heilssicherheit, sowohl wahr als auch nicht-wahr (A ∧ ¬A) sein, und dies zur selben Zeit und im selben Sinn? (2) Kann man diese Annahme als Komplementarität der Lehraussagen der Bibel bezeichnen? Darüber hinaus wären natürlich die verwendeten Begriffe, wie „Errettung“, „Heil“ usw. zu klären.

Ad (1): Lehrt die Bibel Widersprüche? Verstößt das Buch, das die Wahrheit selbst ist, gegen den Grundsatz der Nichtwidersprüchlichkeit? Wäre es so, dann enthielte sie Unsinn, oder ließe zumindest Sinn und Unsinn, Wahrheit und Unwahrheit nicht mehr unterscheiden. Wer das Prinzip der Nichtwidersprüchlichkeit aufgibt, kann nichts Sinnvolles mehr mitteilen. Denn wenn eine Sache und ihr Gegenteil gleichzeitig und im selben Sinn gelten sollen, dann wäre alles beliebig. Dann wären wir am Ende sinnvoller Kommunikation und mithin am Ende alles sinnvollen (!) Gedankenaustausches. Das wäre das Ende aller Offenbarung. Und das schreiben wir der Heiligen Schrift zu? Und damit dem Autor der Heiligen Schrift? Und damit der Absicht oder dem Mitteilungsvermögen Gottes (s. 1Korinther 2,12–16)? Nein, das wäre das Ende alles Verstehens, Forschens und Begreifens. Ja, es gibt Geheimnisse in der Schrift, aber auch über diese wird wahr und widerspruchsfrei geredet. »Das Geheimnis des HERRN ist für die, die ihn fürchten« (Psalm 25,14a). Wer das nicht einsieht, muss sich mit dem Grundsatz der Nichtwidersprüchlichkeit einmal beschäftigen. Sonst haben unsere Aussagen die selbe Qualität wie die Sagan’sche Behauptung, alles sei aus dem Nichts entstanden (und dabei zitierte er nicht glaubend Hebräer 11,3!) oder (von anderer Klasse) wie Pinocchios Mitteilung: »Meine Nase wächst gerade!«

Ad (2): Sind Widersprüche komplementär? Unter „komplementär“ wird »jemanden oder etwas ergänzend« verstanden (von fr. complémentaire →ergänzend; complément →“Ergänzung“ von lat. complēmentum). Wie kann sich aber etwas ergänzen, das in gegenseitigem Widerspruch steht? Widersprüche schließen einander aus, sie ergänzen sich nicht. Man kann ja lachen, wenn Goldie Horn in einem Film sagt: »Es war keine Lüge, sondern eine schrittweise Anhäufung von Halbwahrheiten.« Sprechen wir aber über biblische Beispiele: Der Vater der Lüge (Johannes 8,44) will Menschen über heidnische Philosophien und Religionen den Gedanken einpflanzen, dass Gegensätze wie Licht und Finsternis sich einander nicht ausschließen, sondern komplementär ergänzen und/oder bedingen. Wenn das Licht nicht alleine sein könne, sondern das Gegenteil als „Ergänzung“ (Komplement) brauche, dann kann sich der Vertreter der Finsternis in unseren Gedanken als Ergänzung neben Gott platzieren. Zweites Beispiel: Satan hat Interesse, dass die Menschen nicht überzeugt sind, dass ein Schöpfergott ist. Also verkündet der Urlügner über eine seiner Religionen, dass die Schöpfung durch das bipolare Spiel zweier entgegengesetzter, komplementärer Urkräfte, dem männlichen Yang und dem weiblichen Yin, entstanden sei. Würde dieses Prinzip hier gelten, dann könnte man weiter behaupten, dass Gott nicht ohne Satan als „Gegenspieler“ sein könne, dass dieser Zustand vielmehr komplementär und harmonisch sei. Den selben kategorialen Fehler macht man nun auch, wenn man das Gerettetsein und das Nicht-Gerettetsein nicht als einander ausschließend und als absolute Gegensätze erkennt, sondern diese kategorialen Gegensätze als einander komplementär erklärt. Nein, Widersprüche sind Widersprüche. Sie ergänzen nichts zu einem Ganzen. Sie sind im Wort der Wahrheit nicht enthalten. Frage: Schmecken wir die teuflischen Geschmacksnoten im sonst so orthodoxen Kuchen nicht mehr?

Fazit: Erstens ist sehr zu bedauern, wenn offenbarer Unsinn Eingang in das Glaubensbekenntnis eines christlichen Missionswerks findet. Sehr schön ist ja, dass »andere Anschauungen« bekannt sind und toleriert werden. Anstößig bleibt aber: Wer Widersprüchlichkeit der Bibel zuschreibt, zumal in einer Zentrallehre, die Gottes wunderbares Heilandwesen und Rettungswerk zur Darstellung bringen soll (und wird), vergreift sich hier (wohl unwissentlich) an der Grundlage des Glaubens selbst. Und er verunehrt (wohl nichtwollend) den Gott, der der Erfinder aller Sprache ist, und der als das Wesen mit dem höchsten Verstand auch Schöpfer unseres Sinnes, unseres Verstandes und damit unserer Denkfähigkeit ist. Logik, Einsicht und Verstand sind nicht Feinde des Menschen, sondern wunderbare Gaben des Schöpfers an uns Menschen. Man kann diese Gaben missbrauchen, wie jede Gabe Gottes. Aber die Lösung heißt dann nicht, den Verstand zu verteufeln und Logik fromm zu verachten. Das hat man nicht nur den Pietisten immer wieder sagen müssen. Dazu gehört: Wer den Unterschied zwischen Widerspruch und Ergänzung (Komplementarität) nicht beachtet, der kann schwerlich erwarten, dass er mit diesen Wörtern Wahres oder Klares mitteilen kann. Wo die Begriffe ungeklärt sind, ist das Gesagte nicht das Gemeinte. Am bedenklichsten ist, wenn man solche Verwirrung als „Aussagereihen“ der Lehre des Wortes Gottes zuschreibt.

Wieder einmal wird demonstriert, dass nur die Wahrheit wahr ist. Falsche Ansichten, seien sie auf Unreife, Missverständnisse oder Ablehnung der Wahrheit (o. a.) zurückzuführen, verheddern sich früher oder später in Widersprüche. Wenngleich dies sehr bedauerlich ist, so ist es doch hilfreich zu sehen, dass Abweichung von der Wahrheit der Schrift oft auch Abweichung von klarer, vernünftiger (logikos!) Rede begleitet ist. Unwahrheit und Lüge kosten einen Preis: sie sind manchmal süß, glitzernd und verführerisch, aber nie mit der Wahrheit und Realität in Übereinstimmung, vielmehr führen sie zwingend in Scheinwelten, leiten auf Irrwege und lassen am Ende das Ziel verpassen.

Vielleicht wäre es gut, wenn man das Klare sagt, und dort schweigt, wo man (noch) nicht reden kann. Wir sind ja alle Lernende und Staunende. Der Rückzug auf den Wortlaut der Schrift bleibt uns nach allem Forschen immer möglich, denn: »Dein Wort ist Wahrheit

Leseempfehlungen

Bibel. Der Sohn Gottes hat schon durch seinen Apostel Johannes klar sagen lassen: »Dies habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr ewiges Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes.« (1.Johannes 5:13 ELB03). Das ist die Wahrheit – ohne jeden Widerspruch.

Heilslehre. John MacArthur, Richard Mayhue (Hrsg.): Biblische Lehre: Eine systematische Zusammenfassung biblischer Wahrheit. Dieses Buch gibt gut belegt die biblisch richtige Antwort auf die Frage der Heilssicherheit an.

Logik. R. C. Sproul: Not a Chance: God, Science, And The Revolt Against Reason. Expanded edition. Baker Books, 2014. | Sproul geht auf das Gesetz der Widerspruchsfreiheit ein, diskutiert in diesem Buch jedoch auch die Begriffe Geheimnis, Widerspruch (Antinomie) und Paradoxon. Der direkte Anwendungsbereich sind Behauptungen von Wissenschaftlern über Zufall und dass »Etwas aus Nichts entstanden ist«.

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