Bin ich für meine Gemeinde nützlich?

Lesedauer: 6 Minuten.

Viele Christen verstehen Gemeinde unbewusst als einen Ort, an dem sie empfangen: Predigt hören, Gemeinschaft erleben, geistlich auftanken. Doch Paulus zeichnet in 1Korinther 12 ein ganz anderes Bild: Die örtliche Gemeinde ist kein Zuschauerraum – sie ist ein lebendiger Körper. Und jeder, der zu Christus gehört, ist ein Teil davon. Jeder Gläubige hat eine Aufgabe. Jeder ist Teil des Leibes. Du bist nicht zufällig da. Du wirst gebraucht. Die entscheidende Frage lautet daher nicht: »Was bekomme ich?«, sondern: »Bin ich für meine Gemeinde nützlich?«.

Kontext und Einleitung (12,1)

In 1Korinther 12,1 beginnt Paulus die Beantwortung einer weiteren jener Fragen, die ihm die christliche Gemeinde in Korinth gestellt hatten: »Was aber die geistlichen Gaben betrifft, Brüder, so will ich nicht, dass ihr unwissend seid«. Seine Antwort ist recht ausführlich und erstreckt sich über drei Kapitel: in Kapitel 12 geht es um die Einheit und Vielfalt der Gaben des Geistes, in Kapitel 13 um die Liebe als Antrieb zur Gabenausübung und in Kapitel 14 abschließend ganz praktisch um den ordentlichen Einsatz der Geistesgaben im Wortgottesdienst. Dann erst wendet er sich einer weiteren Frage zu (Auferstehung).

Paulus zeigt in diesen drei Kapiteln, dass die Gaben des Geistes Gottes vom Geist Gottes geprägt sind, was sie in Kontrast setzte zu den offenbar in Korinth ebenfalls gepflegten heidnischen »Geistmanifestationen«. Seinem Mitarbeiter Timotheus hatte er einmal erklärt: »Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Furchtsamkeit gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit (Selbstbeherrschung)« (2Timotheus 1,7). Das kann man gut als Überschrift über 1Korinther 12–14 setzen.

Die Gabengeschenke des Geistes Gottes an die Glieder der Gemeinde sind zwar Geschenke, sie bringen aber eine lebenswichtige geistliche Verpflichtung mit sich: Sie sind kein Selbstzweck, sondern dazu da, die Gemeinde, den »Leib«, aufzuerbauen. Wir lernen: Christliches Glaubensleben ist immer gemeinschaftsbezogen. Paulus stellt in 1Korinther 12,7 fest, dass jeder eine geistliche Gabe hat und dass diese für den Dienst an den anderen bestimmt ist. Die zentrale Herausforderung für jeden lautet also: Was machst du damit?

Die einzigartige Quelle der Geistesgaben (12,2–3)

Die Gottesdienste in Korinth waren offenbar eine Mischung von Echtem und Gefälschtem, wenngleich alles »religiös« und vertraut vorkam. Paulus macht deutlich, dass Gottes Gaben nur im Zusammenspiel mit geistlicher Reife und Ablehnung der alten heidnischen Vorstellungen funktionieren. Nicht jede »geistliche Erfahrung« kommt von Gott. Es gibt auch falsche Geister und Gewohnheiten, die im Heidentum entweder zu Passivität (Weltverleugnung, Askese) oder im Gegenteil zu unkontrollierter Ekstase (Entrücktsein) verleiten. Unterscheidungsvermögen tut da not! Der Heilige Geist befähigt den Glaubenden zu einem bewusstem, planvollen (vernünftigen), zielgerichtetem Dienst. Paulus hilft: Echtes Wirken des Geistes ist immer verantwortungsbewusst und christusverherrlichend.

Die Einheit und Vielfalt der Geistesgaben (12,4–6)

Paulus betont eindrücklich dreifach: Es gibt verschiedene Gaben und verschiedene Dienste und verschiedene Wirkungen. Dies konkretisiert er ab Vers 8–10 mit einer ersten Liste solcher Gaben. Aber Quelle, Dienstherr und wunderbar wirksam Machender aller Gaben ist stets er eine Gott. Gottes Geist entscheidet souverän, welches Glied am Körper der Gemeinde ein Christ wird und wie er für dieses Gliedsein und Funktionieren geistliche ausgerüstet wird (Vers 11).

In Verbindung mit 1Petrus 4,10 verstehen wir, dass jeder wiedergeborene, und daher vom Heiligen Geist bewohnte, Glaubende eine geistliche Gabe empfangen hat. Das Metapher eines menschlichen Körpers ab Vers 12 ist eindrücklich: Wir erkennen zwar viele unterschiedliche Glieder am Körper, aber sie gehören im Geben und Nehmen und Funktionieren zu einem Körper. Wenn alle »funktionieren« in ihrer besonderen Fähigkeit, ist der Mensch gesund und zu großen Taten fähig und bereit. Anders gesagt: Der Leib, die Gemeinde, lebt. Wir lernen: Niemand ist überflüssig. Niemand ist optional. Es gibt im Leib der Gemeinde keine »rudimentären Organe«. Und es gibt keine Glieder, die getrennt vom Leib überleben könnten.

Der Nutzen der Geistesgaben für die Gemeinde (12,7)

Die große praktische Schlussfolgerung lautet: »Einem jeden wird die Offenbarung des Geistes zum Nutzen gegeben« (12,7). Das bedeutet: Deine Gabe gehört nicht dir, sie ist für andere gedacht. Sie hat eine konkrete Funktion, die Gott festgelegt hat. Daher ist Untätigkeit geistlich gesehen keine neutrale Option. Der Nutzen wird konkret angegeben: dass die Gemeinde Gottes auferbaut werde. Jeder ist für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Gemeinde mit verantwortlich. Sei es negativ oder positiv.

Negativ. Wenn du deine Gabe nicht nutzt, sind die Folgen: Du wächst geistlich weniger, anderen fehlt dein Beitrag, die Gemeinde wird geschwächt. Es ist wie in einem Körper, wo ein Körperteil ausfällt. Egal ob das wegen Verletzung, Krampf, Lähmung oder Bequemlichkeit geschieht, die Folge ist immer: Der ganze Körper leidet. – Wir lernen: Passivität schadet mehr, als wir denken.

Positiv. Wenn du (wie alle) deine Gabe nutzt, hat das hingegen viele gute Auswirkungen: (1) Du segnest andere, so wie sie Dich segnen; Geben und Empfangen gehören im Organismus zusammen. (2) Eine aktive Gemeinde wirkt auch nach außen überzeugend, sie hat ein starkes Zeugnis. (3) Aus der Erprobung im Dienst wachsen Leiter heraus, die wieder anderen helfen, ihre Gaben zu erkennen und zu trainieren. (4) Es entsteht eine echte, christliche, herzensverbindende Gemeinschaft im Glauben und Dienen. – Wir lernen: Gemeinde funktioniert nicht durch wenige Aktive (»Professionelle«), sondern durch viele Beteiligte, solange jeder (nur) das tut, wozu er von Gott gesetzt wurde.

Auf manche christliche Gemeinde passt das sarkastische Lob: »Sie leben nach dem olympischen Ideal: Keiner macht, was er soll. Jeder macht, was er will. Aber alle machen mit!«.

Folgen wir aber den Anweisungen des Wortes Gottes ist das Ergebnis ein funktionierender, gesunder geistlicher Leib. Die Ordnung der Gemeinde ist wie die eines lebendigen Organismus‘. Es geht nicht zu wie in einer würdigen Schlossbibliothek mit allerlei beeindruckenden Folianten aus längst verflossenen Tagen, wo alles »an seinem Platz« steht. Das biblische Bild ist ein junger, gesunder Körper, dessen Glieder lebendig zusammenhängen, einander dienen und miteinander den Leib gesund halten, so dass er zielgerichtet, koordiniert und lebendig das Werk Gottes tun kann. Wir lernen: Wenn jeder an seinem Platz im Leib dient, entsteht Einheit, wächst Kraft und wird die Gemeinde außenwirksam.

Call-to-Action

Jeder wiedergeborene Christ muss sich fragen: Bin ich für meine Gemeinde nützlich?

Praxistipp: Nimm dir Zeit für folgende drei Schritte:

  1. Bete: »Herr, welche Gabe hast du mir gegeben?«
  2. Sprich mit deiner Gemeindeleitung oder reifen Christen darüber
  3. Handle: Fang an zu dienen, zunächst im Kleinen. Jeder gabenspezifische Dienst später baut auf die eingeübte Einstellung eines Dieners auf, sonst wird sie unwirksam oder gar gefährlich.

Bedenke: Gottes Plan für deine Gemeinde funktioniert nicht ohne dich. Gott hat dich nicht nur gerettet, er hat dich auch beauftragt. Deine Gemeinde braucht nicht nur deine Anwesenheit, sondern deinen Beitrag.

Im Brief an die Gemeinde in Ephesus fasst Paulus das alles wunderbar zusammen:

»…die Wahrheit festhaltend in Liebe, lasst uns in allem heranwachsen zu ihm hin, der das Haupt ist, der Christus, aus dem der ganze Leib, wohl zusammengefügt und verbunden durch jedes Gelenk der Darreichung, nach der Wirksamkeit in dem Maß jedes einzelnen Teiles, für sich das Wachstum des Leibes bewirkt zu seiner Selbstauferbauung in Liebe.« (Epheser 4,15–16)

Gemeinde-nahe Bibelschule?

Lesedauer: 12 Minuten.

Ein Gemeindeglied fragte einen seiner Gemeindeleiter, warum man denn Ältestenkandidaten nicht vorher für ihre Aufgabe ausbilde. Die Einsetzung von einigen Männern der Gemeinde als Älteste war gerade überraschend verkündigt worden, ohne dass diese Männer entsprechende Zurüstung und öffentliche Erprobung für diesen Dienst erfahren hatten. Der Gemeindeleiter antwortete sinngemäß: Wir bilden Älteste nicht aus, weil das nicht in der Bibel steht. 

Eine solche Antwort ist doppelt frappierend. Zum einen veranstaltet die Gemeinde jenes Gemeindeleiters Kinderstunden, Jugendstunden, Jungschar, Junge-Erwachsene-Treffs, Frauenfrühstücke, Sommerfeste usw., für die uns in der Heiligen Schrift wohl auch jede direkte Anweisung fehlt. Die Praxis der Gemeinde stellt die gegebene Begründung also bereits in Frage. Und andererseits wissen Bibelleser, dass von der Ausbildung von Ältesten vor und nach ihrer Einsetzung sehr wohl im NT steht, sowohl im inspirierten Bericht der frühen Kirche, als auch in den Lehrbriefen des Apostels Paulus. Das widerlegt die gegebene Begründung zweitens auch positiv. Diesem Positiven wollen wir hier nachgehen.

Eines ist richtig: Letztlich entscheidet das Wort des Herrn über das, was seine Gemeinde sein und tun soll. Wir wollen daher in einer Kurzskizze eine biblisch basierte Rechtfertigung für Weiterbildung im Glauben und Dienst an und für sich und besonders solche für Ausbildung an einer gemeindeinternen oder gemeindenahen Bibelschule oder anders benannter Ausbildung in Lehre und Praxis des Glaubens versuchen.

Biblische Anweisungen und ein Präzedenzfall

Anweisungen. Eine biblische Rechtfertigung für die Ausbildung von Gläubigen, insbesonders von Verkündigern und Leitern (Ältesten), lässt sich bereits aus einer Reihe von Bibelstellen ableiten: von Matthäus 28,19 (mit der Betonung der Jüngerschaft) über 2.Timotheus 2,2 (mit Betonung der Ausbildung von Leitern) bis hin zu Titus 1,9 (mit der Betonung, dass Älteste dazu befähigt sein müssen, den Glauben zu lehren, zu verkünden und zu verteidigen). Zusätzlich verlangt 1.Timotheus 3,10 eine ausgedehnte und tadellos erfolgreiche »Erprobung« angehender Ältester (wie auch Diakone) in typischen Praxisaufgaben, was nach Vorbild Jesu und der Apostel wohl in engen Jüngerschaftsbeziehungen und in der Gemeinde erfolgen soll: »Lass diese aber auch zuerst erprobt werden, dann lass sie dienen, wenn sie untadelig sind«.

Präzedenzfall. Es gibt eine Passage in der Apostelgeschichte, die auf besonders aufschlussreiche Weise einen biblischen Präzedenzfall für die Ausbildung an gemeindenahen Seminaren und Bibelschulen liefert. Diese Verse, an denen offenbar viele achtlos vorbeigehen, die bei Kapitel 2,42 noch intensiv auf Umsetzung bestanden haben, berichten, wie der Apostel Paulus in der Stadt Ephesus eine theologische Ausbildungsstätte gründete. Ein Kommentator erklärt dazu: »In Ephesus gründete Paulus eine theologische Schule, um zukünftige Führungskräfte für die wachsende Gemeinde in der röm. Provinz Asia auszubilden« (Simon J. Kistemaker, Acts, NTC, S. 684).

Es ist unwahrscheinlich, dass Paulus diese Schule »Bibelschule Ephesus« oder »Asia Bibel Training Center« nannte, aber im Wesentlichen war sie nach unserem Sprachgebrauch genau dieses. Er wusste, dass Ephesus ein strategischer Ort war für die Vorbereitung weiterer Evangelisation und für die Gründung, Vervielfältigung und Stärkung weiterer christlicher Gemeinden in der Provinz Asia. Eine Gemeinde, die weitere Gemeinden gründen will, sollte hier genau hinsehen und am Beispiel des Apostels lernen.

Der Hintergrund des biblischen Berichts ist die dritte Missionsreise des Apostels Paulus (52/53–56 n. Chr.). Nachdem Paulus Antiochia verlassen und die Gemeinden in Südgalatien bereist hatte, begab er sich nach Ephesus. Dort traf er auf etwa ein Dutzend Jünger von Johannes Baptist und führte diese zu Jesus Christus, auf den Johannes stets hingewiesen hatte (s. Apg 19,1–7). Lukas nimmt die Erzählung an dieser Stelle auf und schreibt:

Er ging aber in die Synagoge und sprach freimütig drei Monate lang, indem er sich unterredete und sie von den Dingen des Reiches Gottes überzeugte. Als aber einige sich verhärteten und nicht glaubten und vor der Menge schlecht redeten von dem Weg, trennte er sich von ihnen und sonderte die Jünger ab, indem er sich täglich in der Schule des Tyrannus unterredete. Dies aber geschah zwei Jahre lang, so dass alle, die in Asien wohnten, sowohl Juden als auch Griechen, das Wort des Herrn hörten. (Apg 19,8–10)

Wie Lukas in den Versen 9–10 erklärt, traf sich Paulus zwei Jahre lang jeden Tag mit einer Gruppe von Gläubigen in einer Schule, um ihnen dort biblische Lehre zu vermitteln. Das ist im Wesentlichen das Grundmodell der theologischen Ausbildung an einer gemeindenahen Bibelschule.

Aus diesem kurzen Abschnitt lassen sich drei Merkmale der ersten gemeindenahen Bibelschule ableiten. Und obwohl wir uns davor hüten müssen, einen erzählenden Text aus der Apostelgeschichte als eine normative Vorschrift für die heutige christliche Gemeinde zu missbrauchen, bieten diese Merkmale dennoch hilfreiche Parallelen für diejenigen, die sich heute mit der Ausbildung an einer Bibelschule befassen, sei es als Studierende oder als Lehrende, als Älteste, Evangelisten, Hirten oder Lehrer. Es beginnt mit einer Verpflichtung vor Gott, welche zu einer planvollen Investition führt, die dann zu reichen Früchten für Jesus Christus und seine Gemeinde führt.

Die Verpflichtung: Ein mutiges Bekenntnis zum Evangelium (19,8–9a)

Er ging aber in die Synagoge und sprach freimütig drei Monate lang, indem er sich unterredete und sie von den Dingen des Reiches Gottes überzeugte. 9 Als aber einige sich verhärteten und nicht glaubten und vor der Menge schlecht redeten von dem Weg…

Apostelgeschichte 19,8 beschreibt den Inhalt der Botschaft des Paulus – eine Botschaft, die er zweifellos auch nach seinem Verlassen der Synagoge und der theologischen Unterweisung der Jünger weiter verkündete. Eine Untersuchung von Vers 8 zeigt, dass die Botschaft des Paulus kontinuierlich und anhaltend (»drei Monate lang«), mutig (»freimütig reden« parrhēsiazomai), sorgfältig (»unterredete« dialegomai), voller Überzeugung (»überzeugte« peithō) und christuszentriert (»von den Dingen des Reiches Gottes«) war. In Übereinstimmung mit seinem von Gott gegebenen Auftrag, das Evangelium zu verkünden, verkündete Paulus drei Monate lang treu die Wahrheit der Erlösung in der Synagoge von Ephesus.

Wie es für diejenigen, die der biblischen Wahrheit treu verpflichtet sind, unvermeidlich ist, stieß Paulus auf Feindseligkeit. Seine Botschaft erwies sich als umstritten (V. 9), nicht weil der Apostel streitsüchtig war, sondern weil das Wort Gottes immer polarisiert. Donald Grey Barnhouse kommentierte diesen Vers wie folgt:

Beachten wir die Reaktion, die Paulus auf seine Predigten erhielt. Es ist immer dasselbe: Einige reagieren positiv, aber die große Mehrheit ist verhärtet und ungehorsam in ihrer Einstellung. Paulus schrieb darüber in 1.Korinther 2,14: »Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes kommt, denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt werden muss.« Das ist immer die Reaktion, die ein Prediger des Wortes Gottes erhält. Das ist die Reaktion, die jeder Christ auf sein treues Zeugnis für die Wahrheit Gottes erhält. (Acts, S. 176)

Paulus‘ unerschütterliches Bekenntnis zur Wahrheit angesichts von Feindseligkeiten setzt einen mutigen Präzedenzfall für alle, die heute im Dienst stehen (sei es in einer Kirche oder einem Seminar). Viel zu viele christliche Institutionen sind schnell bereit, ihre Botschaft zu verwässern, um sich der Popularität anzubiedern. Aber die von Gott gegebene Aufgabe eines jeden Gemeindehirten oder Bibelschulprofessors ist es, für die Wahrheit einzustehen, egal wie töricht oder unwillkommen sie der Gesellschaft um uns herum erscheinen mag.

Die Investition: Eine planvolle Konzentration auf die Ausbildung (19,9b–10a)

… trennte er sich von ihnen und sonderte die Jünger ab, indem er sich täglich in der Schule des Tyrannus unterredete. 10 Dies aber geschah zwei Jahre lang…

Da Paulus nicht mehr in der Synagoge der feindlich gewordenen Juden lehren konnte, zog er sich zurück und begann, sich mit den Jüngern in einer nahegelegenen Schule zu treffen (wahrscheinlich einem Hörsaal, der von einem lokalen Philosophen namens Tyrannus genutzt wurde). Everett F. Harrison liefert weitere Aufschlüsse und Überlegungen zur Situation:

Paulus‘ neuer Aufenthaltsort war »die Schule des Tyrannus«. Das griechische Wort dafür ist scholē, was zunächst Freizeit bedeutet, dann Diskussion oder Vorlesung (eine beliebte Freizeitbeschäftigung der Griechen), dann eine Gruppe, die solche Vorlesungen besucht, und schließlich den Ort, an dem solche Unterweisungen erteilt wurden. Eine aufschlussreiche Ergänzung im westlichen Text [Codex Bezae[1]] an dieser Stelle besagt, dass Paulus an diesem Ort täglich von der fünften bis zur zehnten Stunde, d. h. von 11 Uhr bis 16 Uhr, tätig war. Dies war wohl die Siesta-Zeit für die Einwohner. Man vermutet, dass Paulus diesen Saal zu einem symbolischen Preis mieten konnte, weil er zu dieser Tageszeit nicht genutzt wurde. (Acts, S. 291)

Die Tatsache, dass Paulus zwei Jahre lang täglich zusammenkam, zeigt, wie sehr er sich persönlich für die Ausbildung seiner Glaubensbrüder engagierte. Wenn der westliche Text korrekt ist, fanden die theologischen Lehrveranstaltungen des Paulus während der üblichen Mittagsruhe (Siesta) der Stadt statt (was darauf hindeutet, dass schläfrige Bibelschüler eine lange Tradition haben). Der Apostel opferte bereitwillig seine persönliche Ruhezeit, um die Jünger zu unterrichten, wahrscheinlich in Form von (Lehr-) Dialogen.

Es ist interessant zu bedenken, dass Paulus, wenn er sich sechs Tage die Woche fünf Stunden lang mit den Jüngern getroffen hat, in den zwei Jahren insgesamt etwa 3.000 Stunden mit ihnen verbracht hat. Das entspricht heute ungefähr vier Semestern Hochschulstudium.[2]

Bemerkenswert ist auch, dass Paulus sich während dieser Zeit als Zeltmacher finanziell selbst versorgte. F. F. Bruce erklärt:

Wir können uns also vorstellen, wie Paulus den frühen Morgen mit Betreiben seines Handwerks verbrachte (vgl. 20,34; 1Kor 4,12) und dann die nächsten fünf Stunden der noch anstrengenderen Aufgabe des christlichen Lehrgesprächs widmete. Seine Zuhörer müssen von seiner Begeisterung und Energie angesteckt worden sein. (Acts, S. 408)

Eine letzte Bemerkung betrifft den Namen jenes »Tyrannus«, den die meisten Kommentatoren für jenen Dozenten halten, von dem Paulus den Hörsaal gemietet (oder zur Nutzung überlassen bekommen) hatte. Kistemaker weist auf die Bedeutung seines Namens hin: »Wir wissen nichts weiter über Tyrannus, dessen Name ›Tyrann‹ bedeutete. Wahrscheinlich war dies ein Spitzname, den ihm seine Schüler gegeben hatten« (Acts, S. 684). Wenn das stimmt, dann hat auch das Bild des überstrengen Lehrers eine lange Tradition.

Auch hier gibt Paulus den heutigen Bibelschullehrern und Gemeindeältesten wieder ein überzeugendes Beispiel, über das sie nachdenken sollten. Der Apostel brachte große Opfer, um in die nächste Generation christlicher Leiter zu investieren. Es ist unser Vorrecht, dasselbe für diejenigen zu tun, die in unseren Tagen zur Verherrlichung Christi zum christlichen Dienst in Gemeinde und Mission berufen werden oder berufen sind.

Die Wirkung: Ein Beitrag, der Christus in aller Welt ehrt (19,10b)

…so dass alle, die in Asien wohnten, sowohl Juden als auch Griechen, das Wort des Herrn hörten.

Lukas schließt diesen kurzen Abschnitt mit einem Kommentar zu den Wirkungen, die die Ausbildungsstätte des Paulus in Ephesus hatte: »so dass alle, die in Asien wohnten, sowohl Juden als auch Griechen, das Wort des Herrn hörten«. Paulus konzentrierte sich ganz auf die Ausbildung, investierte sich dort. Die Wirkung war geradezu explosiv. Ein Kommentator merkt sogar an, dass »dieser Ort mit seinen täglichen Lehrdialogen über einen Zeitraum von zwei Jahren es Paulus ermöglichte, den bislang umfangreichsten Einfluss auszuüben, der in der Apostelgeschichte insgesamt berichtet wird« (David Peterson, Acts, S. 536).

Das Ergebnis dieser Investition in eine systematische und ausführliche Ausbildung waren ausgebildete Gemeindehirten, Mission und die Gründung weiterer christlicher Gemeinden. Bruce beschreibt die Auswirkungen dieser Investition mit folgenden Worten:

Von da an wurde die Provinz Asien zu einem der wichtigsten Zentren des Christentums. Wahrscheinlich wurden alle sieben in der Offenbarung erwähnten Gemeinden in der Provinz Asia in diesen Jahren gegründet, und noch weitere. Die Gründung der Gemeinden im Lykos-Tal, in Kolossä, Hierapolis und Laodizea, muss in diese Zeit datiert werden: Diese Städte wurden nicht von Paulus persönlich evangelisiert, sondern von seinen Mitarbeitern. (Acts, S. 409)

Und Kistemaker fügt hinzu:

Wir gehen davon aus, dass die von Paulus ausgebildeten Bibelschulstudenten Gemeindehirten in aufstrebenden Gemeinden in Westkleinasien wurden. … Diese Jünger waren maßgeblich daran beteiligt, das Evangelium Christi, also das Wort Gottes, sowohl an die Juden als auch an die Griechen zu verkündigen. (Acts, S. 685)

Die zweijährige Ausbildungsstätte des Paulus hatte durch Gottes Gnade einen unglaublichen Einfluss auf die Verbreitung des Evangeliums und für die Sache Christi. Wie R. C. H. Lenski zu Recht hervorhebt:

Paulus nutzte Ephesus als Ausstrahlungszentrum. Während er in dieser Metropole und diesem politischen Zentrum blieb, streckte er seine Fühler mithilfe seiner Assistenten so weit wie möglich aus. Wie viele er davon beschäftigte, lässt sich nicht abschätzen. Eine Gemeinde nach der anderen wurde gegründet. (Acts, S. 790)

Auch hier liefert uns das Beispiel des Paulus ein überzeugendes Vorbild, über das wir nachdenken sollten. Wenn Bibelschulen ihrer gottgegebenen Verpflichtung treu bleiben und die ihnen anvertraute Investition sorgfältig wahrnehmen, können sie mit Freude beobachten, wie Gott ihre Arbeit segnet, indem Gott sein Wort einsetzt, segensreiche Wirkungen in dieser Welt zu zeitigen.

Disclaimer und Endenoten

Dieser Beitrag wurde angeregt und inhaltlich wesentlich genährt durch mehrere mündliche und schriftliche Beiträge von Dr. Nathan Busenitz, dem Executive Vice President und Dekan der Fakultät am The Master’s Seminary. Er ist außerdem einer der Gemeindehirten von Cornerstone, einer Gemeinschaftsgruppe innerhalb der Grace Community Church (GCC) in Sunvalley, CA (USA) und Hauptprediger der GCC. Siehe insbesondere seinen Vortrag zur Shepherd’s Conference 2025 (5.–7. März 2025), General Session 9: Mobilizing the Master’s Men – Paul’s Strategic Commitment to Pastoral Training (hier).


[1]      Der Codex Bezae, auch Codex Bezae Cantabrigiensis, ist eine Handschrift des Neuen Testaments in griechischer und lateinischer Sprache aus dem 5. Jahrhundert. Der Codex Bezae enthält die vier Evangelien in der Reihenfolge der westlichen Handschriften (Matthäus, Johannes, Lukas, Markus) und einen Teil der Apostelgeschichte. Der Codex wird in der Bibliothek der Universität Cambridge aufbewahrt und hat die Signatur MS Nn.2.41. … Er war der einzige Bibeltext aus dem ersten Jahrtausend, der im 16. Jahrhundert bekannt wurde. Dieser Codex trägt den Namen von Theodor Beza, dem Nachfolger Johannes Calvins, denn er schenkte ihn der Universität Cambridge. Gemäß Beza sei der Codex zuvor im Kloster St. Irenäus bei Lyon gewesen. (überarb. Exzerpt aus: de.wikipedia.org/wiki/Codex_Bezae; siehe auch: Novum Testamentum Graece, NA28 (Apparat zu Apg 19,9))

[2]      In Europa wird im ECTS-Schema unter einer Lehreinheit oft eine Semesterwochenstunde (SWS) verstanden. Das entspricht einer Unterrichtsstunde (45 Min.) pro Woche während der Vorlesungszeit eines Semesters. Im typischen Semester entspricht dies 10–11 Zeitstunden. Führt diese Vorlesungszeit beim Studenten zu einer Arbeitslast (work load) von insges. 25–30 Zeitstunden, erhält er dafür einen ECTS-Credit Point (CP). 30 CPs entsprechen einem Semester, 180 oder 210 CPs entsprechen einem Bachelor-Abschluss, 300 CPS einem Master-Abschluss. Die zwei Jahre in Ephesus könnten also gut 4 Semestern Hochschulstudium von heute entsprechen.

Bewährung im Dienst – Fünf Menschentypen und die Frage nach unserer Treue

Lesedauer: 7 Minuten.

Textgrundlage: 2. Timotheusbrief + 3. Johannesbrief

Was entscheidet eigentlich darüber, ob ein Christ im Glauben treu bleibt – oder mit der Zeit abweicht? Diese Frage ist alles andere als theoretisch. Sie stellt sich mitten im Leben, oft leise, manchmal unter Druck, manchmal schleichend über Jahre hinweg. Sie wird am Ende dieses Lebens vor Jesus Christus, dem gerechten Richter, geklärt und von Ihm belohnt oder bestraft werden.

Unsere Frage steht im Zentrum des Zweiten Timotheusbriefs, dem letzten erhaltenen Schreiben des Apostels Paulus. Er verfasste ihn unter extremen Umständen: in römischer Gefangenschaft, vermutlich kurz vor seinem gewaltsamen Tod als Märtyrer. Viele Weggefährten hatten sich bereits von ihm abgewandt, die äußere Situation war von Unsicherheit und Bedrohung geprägt. Doch Paulus verliert sich nicht in Klagen über seine Lage. Stattdessen richtet er den Blick auf das, was wirklich zählt: die Treue im Glauben und im Dienst.

Auffällig ist dabei seine Vorgehensweise. Paulus bleibt nicht bei allgemeinen Aussagen stehen, sondern nennt konkrete Personen (namentlich!). An ihnen zeigt er, wie sich Treue oder Untreue im Leben tatsächlich ausprägt. Diese Namen sind keine beiläufigen Randnotizen, sondern bewusst gewählte Beispiele, die das Anliegen seines Briefes veranschaulichen und zuspitzen.

1. Die Rückzieher – Abfall aus Angst (2Tim 1)

Im ersten Kapitel begegnen uns Phygelus und Hermogenes. Über sie wird nur knapp berichtet, dass sie sich von Paulus abgewandt haben. Doch gerade diese Kürze macht die Aussage eindrücklich. Offenbar gehörten sie zuvor zum Kreis derer, die Paulus verbunden waren. Als die Situation jedoch gefährlich wurde, zogen sie sich zurück. Im Hintergrund steht die zunehmende Verfolgung von Christen, insbesondere nach dem Brand Roms unter Nero. Wer sich zu Paulus bekannte, setzte sich selbst einem Risiko aus.

Hier wird sichtbar, wie schnell Angst den Glauben prägen kann. Treue zeigt sich nicht in Zeiten der Ruhe, sondern gerade dann, wenn sie etwas kostet. Das positive Beispiel liefert im Kontrast Onesiphorus, der Paulus gerade in dieser Lage aufsucht und sich dessen Ketten nicht schämt.

Treue zeigt sich nicht bei Schönwetter, sondern im Sturm, unter Druck.

Die Frage, die sich daraus ergibt, ist sehr konkret: Wo beginne ich mich zurückzuziehen, wenn Nachfolge und Treue zum Herrn und seinem Wort unbequem wird?

2. Die Verdreher – Zerstörung durch falsche Lehre (2Tim 2)

Im zweiten Kapitel verschiebt sich der Fokus von der Angst zur Lehre. Hier nennt Paulus Hymenäus und Philetus. Ihr Problem liegt nicht im Rückzug, sondern in der Verfälschung zentraler Glaubensinhalte. Sie behaupteten, die Auferstehung sei bereits geschehen, und untergruben damit eine grundlegende Hoffnungswwahrheit des christlichen Glaubens.

Paulus beschreibt die Wirkung ihrer Lehre mit einem drastischen Bild: Sie frisst um sich wie Krebs. Damit macht er deutlich, dass falsche Lehre nicht passiv und nicht neutral bleibt. Sie wirkt aktiv zerstörerisch, oft anfangs unauffällig, aber nachhaltig, nämlich tödlich.

Lehre ist nicht Nebensache, gar Hobby der Theologen – sie hat Konsequenzen für den Glauben.

Wo die Wahrheit der Schrift relativiert oder angepasst wird, sei es aus Unglauben oder Tradition, wird nicht nur diskutiert und tradiert (Traditionelles weitergegeben), sondern der Glaube selbst wird beschädigt.

Die entscheidende Frage lautet daher: Woran messe ich das, was ich glaube – an der Heiligen Schrift oder an dem, was mir plausibel erscheint?

3. Die Widersteher – bewusste Opposition gegen Wahrheit (2Tim 3)

Im dritten Kapitel greift Paulus auf zwei Gestalten aus der alttestamentlichen Überlieferung zurück: Jannes und Jambres, die Mose widerstanden. Sie stehen exemplarisch für Menschen, die sich bewusst gegen Gottes Wahrheit stellen.

Hier geht es nicht mehr nur um Irrtum oder Schwäche, sondern um eine entschiedene innere Haltung: Wahrheit wird nicht angenommen, sondern aktiv bekämpft oder durch Nachahmung verfälscht. Paulus spricht von einer verdorbenen Gesinnung – damit wird deutlich, dass das Problem tiefer liegt als einzelne falsche Aussagen.

Zugleich enthält der Text eine wichtige, tröstliche Perspektive: Täuschung hat kein dauerhaftes Fundament – die Wahrheit wird sich durchsetzen.

Das ist eine nüchterne, aber tröstliche Einsicht. Sie bewahrt davor, sich von scheinbarer Stärke oder Einfluss täuschen zu lassen. Gottes Wahrheit ist Gottes Wahrheit. Sie wird bestehen bleiben, sie wird am Ende siegen.

Eine Frage bleibt angesichts dessen herausfordernd persönlich: Habe ich ein Herz, das sich der Wahrheit beugt – oder eines, das ihr ausweicht?

4. Die Abgewichenen und Angreifer – Weltliebe und Feindschaft (2Tim 4)

Im vierten Kapitel wird die Darstellung erneut persönlicher. Paulus nennt Demas, einen ehemaligen Mitarbeiter, der ihn verlassen hat, »weil er die jetzige Welt liebgewonnen hat«. Hier wird ein schleichender Prozess sichtbar. Es ist kein plötzlicher Bruch, sondern eine Veränderung der inneren Ausrichtung. Andere Dinge gewinnen an Gewicht und die Bindung an Christus tritt in den Hintergrund. Am Ende gehen die Füße dahin, wo das Herz schon lange war.

Daneben steht Alexander der Schmied, der Paulus aktiv widersteht und ihm Schaden zufügt. Diese beiden Beispiele zeigen zwei unterschiedliche Formen der Abkehr: die stille, innere Entfernung und den offenen, äußeren Angriff.

Abkehr beginnt im Herzen – entweder leise oder offen sichtbar.

Beide Wege führen letztlich weg von der Treue. Deshalb ist die Frage entscheidend: Wo ziehen mich andere Dinge weg von Christus, und wie gehe ich mit Widerstand um?

Der Machtmensch – Zerstörung von innen (3Joh 9–10)

Ergänzt wird dieses Bild durch eine weitere Figur aus dem Dritten Johannesbrief: Diotrephes. Anders als die zuvor genannten Personen ist er nicht durch Abfall oder Irrlehre gekennzeichnet, sondern durch sein Verhalten innerhalb der Gemeinde. Er sucht den ersten Platz, lehnt andere biblische Autorität ab, redet schlecht über andere und grenzt Menschen aus. Fromme (?) Selbstverwirklichung, Rufmord, Cancel-Kultur, Parteilichkeit, Widerstand – er bedient sich des ganzen Spektrums der Machtpolitik. Damit wird eine weitere, oft unterschätzte Gefahr sichtbar: nicht von außen, sondern aus der Mitte der Gemeinde heraus.

Wo Leitung zur Selbstbehauptung wird, wird Gemeinde beschädigt.

Leitung ist im Neuen Testament als Dienst gedacht. Der Hebräerbrief definiert den Dienst von »Führern« mit »sie wachen über eure Seelen«, sind also von Herzen Hirten ihrer Schafe. Wo Leitung aber zur Bühne der Selbstverwirklichung wird, entsteht geistlicher Schaden – oft subtil, aber tiefgreifend. Die Täuschungskraft ist real, wenn dieses Diotrephes-Verhalten mit frommen Worten ummantelt wird. 

Die persönliche Anfrage lautet: Will ich mich durchsetzen – oder bin ich bereit, anderen zu dienen?

Zusammenfassung und Abschlussgedanke

Wenn man diese Personen nebeneinanderstellt, entsteht ein buntes und vielschichtiges Bild. Es zeigt, dass die Gefährdung des Glaubens aus unterschiedlichen Richtungen kommen kann, von innen wie von außen: durch Angst, durch falsche Lehre, durch bewussten Widerstand, durch Weltliebe oder durch Machtstreben.

Die größten Gefahren entstehen nicht nur von außen und extern, sondern auch von innen und intern. Der Apostel Paulus hatte das schon in seiner Abschiedsrede in Milet deutlich angekündigt (Apostelgeschichte 20,28ff).

Damit wird die eigentliche Absicht im Vermächtnis-Brief des Apostels Paulus deutlich. Er schreibt nicht, um historische Informationen festzuhalten, sondern um seine Leser zu prüfen und zu formen, ihnen das Wichtigste aufzuerlegen: Bleibe treu beim Wort Gottes, egal wie und egal wo, predige es allenthalben, stehe im Glauben fest dazu. In Milet hatte er den Gemeindeleitern gesagt: Habt zuerst Acht auf euch selbst, aber auch auf die ganze Herde der Gläubigen. Denn sie ist bluterkauftes Eigentum Jesu.

Die skizzierten Männer werden für alle Ewigkeit namentlich bekannt sein. Jemand sagte einmal sarkastisch: »Niemand ist unnütz, er kann immer noch als schlechtes Vorbild dienen!« Wie tragisch! Es geht aber nicht um das Kaleidoskop realer Endzeitversager, sondern um deren Spiegelfunktion. Die entscheidende Frage lautet: Wo stehe ich? Das Spektrum jener erwähnten Männer lehrt uns die richtigen Prioritäten für die Endzeit: am Evangelium festhalten, sich nicht schämen, in der Wahrheit bleiben, schwierige Umstände ertragen lernen und nicht sich selbst, sondern Christus dienen.

Treue ist keine Frage der Begabung, sondern der Herzenshaltung. Das »Endzeit-Motto« lautet nicht: »Sei perfekt!«, sondern: »Sei treu!« Wem treu sein? Dem Wort Gottes!

Am Ende seines Lebens fasst Paulus seinen Dienst- und Lebensweg mit den bekannten Worten zusammen: »Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe den Glauben bewahrt« (2Timotheus 4,7). Er redet nicht von spektakulären Erfolgen, sondern von tiefster Gewissheit und Frieden. Sein Lebensfazit wäre für jeden Grabstein eine Zierde. Aber Paulus schaut über das Grab hinaus: »Fortan liegt mir bereit die Krone der Gerechtigkeit, die der Herr, der gerechte Richter, mir zur Vergeltung geben wird an jenem Tag«. Sein Lebensfazit windet den schönsten Siegeskranz für Jesu Gegenwart. 

SDG.

Harte Worte sind lieblose Worte!?

Lesedauer: 22 Minuten.

Menschen, die in der Verkündigung einer christlichen Gemeinde aktiv sind, zum Beispiel predigen, lehren, Andacht oder Jugendstunde halten, sind in der Regel recht unterschiedlich. Das betrifft ihr Anliegen, ihre Inhalte, ihre Sprache, ihre Redeweise und manche andere formale und inhaltliche Aspekte mehr. Vielfalt in der Verkündigung kann der Vielzahl der Bedürfnisse der Hörer manchmal entgegenkommen. Aber wie bei jedem »Dienst des Wortes« sind Vielfalt und Kreativität kein Ziel an sich, vielmehr sind bestimmte Grenzen und Zielsetzungen zu beachten, die Gottes Wort vorgibt. 

Dies geht jeden Christen an. Aber insbesondere für den Prediger ist es ein wichtiges praktisches Thema, Teil der Homiletik, der biblischen Lehre von der Verkündigung. Prediger müssen wissen, wie sie reden sollen, nicht nur, was sie reden sollen. Sie werden diesbezüglich angesprochen werden. Viele einschlägige Beispiele und personenbezogene Studien liegen dem Homiletikstudenten vor.

Unsere Fragestellung ist jedoch konkreter und eingeschränkter: Sind harte Worte per se (in sich, wesenseigen) lieblose Worte? Dabei wird implizit angenommen, dass lieblose Worte stets christlich verbotene Worte seien, denn »Gott ist Liebe!«. Wir verstehen hier unter »Worte« Aussprüche, also ganze Sätze, aber untersuchen dabei auch den Gebrauch der »Wörter«. Wir wollen nun als Hilfe für diese Überlegungen ein Fallbeispiel skizzieren. Es soll die Fragestellung illustrieren und ein Diskussionsobjekt bieten. Erschöpfende Bearbeitung der Thematik ist nicht angezielt und in diesem Rahmen auch nicht realisierbar. Nach Diskussion des Fallbeispiels sollen die Ergebnisse aber in größeren Rahmen gesetzt werden, um den Anwendungsbereich zu vergrößern.

Fallbeispiel: Ein christlicher Prediger bekam folgendes Feedback: »Ich habe oft das Gefühl, dass in der Art der Kommunikation die Liebe fehlt. Die Tonart und abfällige Worte (wie »irre«, »pervers«, »absurd« – Menschen gegenüber) haben nichts mit liebevollem Umgang zu tun.« Die Person bezog sich dabei auf Verkündigungsereignisse, die sie hörend miterlebt hatte. Sie meinte nicht Momente, wo aktuelle Zuhörer auf diese Weise direkt angesprochen oder beurteilt (abgeurteilt) wurden. Es ging wohl darum, dass andere Menschen und Ideen, die im Verlauf einer Predigt im Text der Bibel selbst erwähnt oder in der Kirchen- oder Weltgeschichte real auftraten, vom Prediger so bezeichnet wurden. Die reklamierten »lieblosen« Attribute bezogen sich zum Beispiel wertend auf widergöttliche Ordnungen, Prinzipien oder Praktiken, die Menschen vertreten, propagieren oder auch demonstrativ ausleben. Zuhörer waren nicht gemeint. Diese Unterscheidung ist wesentlich, wie wir weiter unten noch zeigen werden.

Ein christlicher Verkündiger und Nachfolger Jesu wird von dieser Fragestellung zurecht zum Nachdenken und zur Diskussionen herausgefordert: Wie hat es Jesus Christus damit gehalten, wie die Apostel Jesu? Ein Ältester beantwortete diese Frage damit, dass Jesus nie grobe Worte über Dritte (nicht Anwesende) gesagt habe. Er habe immer nur die Betreffenden direkt ins Gesicht angesprochen, zuweilen auch mit harten Worten.

Wer die Schrift gelesen hat, weiß, dass dies nicht stimmt. Man sollte diese Fragestellung also nochmals gründlich anhand der Heiligen Schrift untersuchen. Vielleicht hilft die Beantwortung der folgenden Fragenliste als Leitfaden:

  • Hat Jesus überhaupt harte Worte ausgesprochen oder ist das immer Sünde?
  • Hat Jesus harte Worte Menschen direkt ins Gesicht gesagt?
  • Hat Jesus zu anderen über Nichtanwesende mit harten Worten geredet?
  • Hat Jesus stets zwischen Sache und Person getrennt, also die Sünde hart bezeichnet, aber den Sünder ohne verbale Konfrontation stehen gelassen?

Wie redete Jesus?

Um zu beurteilen und zu beobachten, wie man als Christ leben soll, ist die Beobachtung Christi zu seiner irdischen Lebenszeit anhand der Schrift unumgänglich und normativ (d.h., er definiert, was christlich ist). Dazu gehört sein Leben wie sein Reden, besonders, falls er ausdrücklich über das vorliegende Thema direkt redete.

Die Evangelien zeigen, dass Jesus nicht nur Menschen direkt konfrontiert, sondern gelegentlich auch über bestimmte Gruppen oder Personen in deren Abwesenheit spricht und dabei durchaus scharfe, teilweise drastische Spracheverwendet. Allerdings ist diese Sprache fast immer funktional (prophetische Kritik, Warnung, Entlarvung von Heuchelei), nicht bloß menschlich abwertend im modernen Sinn. Hier sind die wichtigsten Kategorien mit Beispielen:

Über die Pharisäer und Schriftgelehrten (auch in ihrer Abwesenheit)

Besonders deutlich ist das in den Synoptikern:, wo Jesus über die religiösen Führer redet:

  • »Blinde Führer« (Mt 15,14; Mt 23,16)
  • »Heuchler« (ποκριταί) – sehr häufig (z. B. Mt 23)
  • »Schlangen, Otterngezücht« (Mt 23,33)
  • »Übertünchte Gräber« (Mt 23,27)

Diese Formulierungen tauchen zwar oft in direkter Rede auf, aber auch in lehrhaften Kontexten gegenüber den Jüngern, wo Jesus über diese Gruppen beispielsweise spricht: »Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer« (Mt 16,6). Sauerteig ist hier ein Bild für verderblichen Einfluss; das ist indirekt, aber klar und deutlich negativ.

Über Herodes Antipas, einem politischen Herrscher

Ein besonders markantes Beispiel steht in Lk 13,32, Hier nennt Jesus den Herrscher Herodes Antipas einen »Fuchs«: »Geht hin und sagt diesem Fuchs…«. »Fuchs« (griech. alōpēx) steht hier für List, moralische Fragwürdigkeit und Schwäche — eine abwertende, aber präzise Charakterisierung, geäußert gegenüber Dritten. (NB.: Paulus hatte später im Römerbrief nicht vor, Jesus dafür zu kritisieren (Röm 13,1ff; vgl. Tit 3,1).)

Über »diese Generation«

Jesus spricht wiederholt generalisierend über seine Zeitgenossen:

  • ein »böses und ehebrecherisches Geschlecht« (Mt 12,39; 16,4)
  • eine »ungläubige und verkehrte Generation« (Mt 17,17)

Dies ist keine neutrale Diagnose, sondern eine prophetische Anklageformel, ähnlich wie bei den alttestamentlichen Propheten. Christus hat gezeigt, dass solche Redeweise  tadellos zur christlichen Rede gehören kann.

Über falsche Lehrer / religiöse Führer allgemein

Auch ohne konkrete Namensnennung:

  • »blinde Blindenführer« (Mt 15,14)
  • Warnung vor »Wölfen im Schafspelz« (Mt 7,15)

Das sind metaphorisch scharfe Bilder, die klar negativ konnotiert sind.

Über einzelne Jünger (auch indirekt)

Ein Grenzfall:

  • Zu den Jüngern über den ungläubigen Zustand (Mt 17,17)
  • Zu Simon Peter direkt: »Geh hinter mich, Satan!« (Mk 8,33)

Letzteres ist direkt, aber zeigt, dass Jesus auch im engeren Kreis drastische Sprache verwendet, wenn es um Fehlorientierung in Zentralfragen geht.

Einordnung: Ton und Funktion

Wichtig für die Bewertung sind folgende Beobachtungen und Überlegungen:

  • Die Sprache ist oft prophetisch zugespitzt (vgl. Jeremia, Jesaja).
  • Das Ziel ist meist die Aufdeckung von Heuchelei, die Warnung vor Fehlleitung und der Aufruf zur Umkehr.
  • Sie richtet sich vor allem gegen die religiöse Elite, die Machtträger und Führer und gegen kollektive Verstocktheit.
  • Der Herr Jesus Christus leistete sich nie ein triviales »Lästern« über Einzelpersonen oder eine persönliche Beleidigung ohne inhaltlichen Bezug.

Fazit

Jesus spricht durchaus auch zu Anwesenden über Nichtanwesende, auch mit teilweise deftigen, scharf zugespitzten Begriffen (z. B. »Fuchs«, »Otterngezücht«, »böses Geschlecht«). Seine Sprache ist stets heilig und passend, dabei kontextgebunden, theologisch aufgeladen und zielgerichtet (Umkehr, Entlarvung). Man erkennt Unterschiede, je nachdem, ob Jesus seelsorgerlich mit einem bußbereiten Sünder redet oder über sündig verhärtete Menschen, die sich als Heilige, Gerechte und Gute darstellen, aber Sünde praktizieren und Falsches lehren. – Wir sollten in unserer Rede nicht gröber aber auch nicht »heiliger« oder »lieber« als Jesus sein wollen.

Heilige Wortwahl

Nachdem die Frage, ob Jesus harte Worte verwendet hatte, mit Ja beantwortet werden muss, können wir noch allgemeiner die Heilige Schrift befragen, ob sie irgendwo sonst Menschen mit Attributen der Art: »irre«, »pervers« oder »absurd« bezeichnet. Weiter gefragt: Ist dies in Ordnung (nach biblischen Maßstäben) oder ist das ein nicht hinnehmbarer Mangel an Liebe? (Weitergefragt: Kann man das überhaupt beantworten?)

Auch hier kommt aus der Heilige Schrift eine klare Antwort: Die Bibel verwendet teilweise sehr scharfe, auch abwertend klingende Begriffe für Menschen oder ihr Verhalten. Sie tut dies aber nie im Sinne einer beliebigen Beschimpfung, sondern fast immer als moralisch-theologische Diagnose. Gleichzeitig setzt sie klare Grenzen für Sprache, die nur aus der Verachtung oder verletzender Gesinnung entsteht. Das wollen wir im Folgenden noch fallweise belegen.

Gibt es Begriffe wie »irre«, »Narr« oder »Tor« in der Bibel?

Diese Begriffe treten häufig, aber differenziert auf:

  • Im AT: »Der Tor spricht in seinem Herzen: Es gibt keinen Gott« (Ps 14,1)
  • Im Neuen Testament warnt Jesus ausdrücklich: »Wer zu seinem Bruder sagt: ‚Du Narr!‘, wird dem Feuer der Hölle verfallen« (Mt 5,22). Hier steht griechisch μωρός (moros), also »töricht, geistlich blind«.
    (NB: »moron« ist in der englischen Umgangssprache ein abwertendes Nomen, das einen sehr dummen Menschen bezeichnet; am gängigsten übersetzt ins Deutsche mit: »Idiot, Trottel, Depp, Schwachkopf oder Vollidiot«.)

Stellt man beide Stellen nebeneinander, so scheint Jesus das leichtfertige Beschimpfen als »Narr« zu verbieten, aber er verwendet dieses Wort in Lehrzusammenhängen selbst:

  • »Du Narr!« (Lk 12,20 – Gleichnis)
  • »Ihr unverständigen (ἀνόητοι) und trägen Herzens!« (Lk 24,25)

Es passt also manchmal, aber nicht immer. Der Unterschied nach Herzenshaltung und Kontext ist zu beachten. Aber man kann nicht behaupten, Jesus hätte diese Begriffe nicht verwendet, sie seien verboten. Nein, sie sind beim trefflichen Gebrauch christlich.

Gibt es Begriffe wie »pervers«, »verkehrt« oder »verdorben« in der Bibel?

Diese Begriffe kommen ebenfalls in der Heiligen Schrift vor. Man muss aber beachten, dass die Bedeutung dieser Begriffe einem Wandel unterzogen war: Wir verstehen darunter teilweise etwas anderes, als die Schreiber der Heiligen Schrift damals:

  • »verdrehte und verkehrte Generation» (Phil 2,15; vgl. Mt 17,17); griech. diastrephō bedeutet: »verdreht, moralisch verzogen, korrupt«

Vielleicht ist dies ein Zitat aus den Abschiedspredigten des Mose:

  • »ein verkehrtes und verdrehtes Geschlecht« (5Mose 32,5)

Das meint nicht primär »sexuell pervers«, sondern moralisch verdreht, vom rechten Weg abgewichen. Wo die Heilige Schrift die Umkehrung (das Auf-den-Kopf-Stellen) der von Gott vorgegebenen Schöpfungsordnung anklagt, verwendet sie folglich trefflich das Wort »pervers«. Dieses Fremdwort kommt aus dem Lateinischen pervertere = »umdrehen, verdrehen, umstürzen« und bedeutet in seinem Partizip perversus: »umgekehrt, verdreht, verkehrt«. Damit bezeichnet man die Tatsache, dass eine zielgerichtete Struktur oder Ordnung bewusst oder faktisch gegen ihren eigenen Sinn verwendet wird. Das »verdrehte [skolios] und verkehrte [diastrephō] Geschlecht« (Php 2,15) ist in der Tat eine »perverse Generation«! Im Römerbrief passt dann sogar die neuerdings stärker sexuelle Konnotation des Begriffs dazu (aber nicht immer!). Wer beispielsweise über Römer 1 predigt, wäre mit den oben genannten Begriffen voll in sicherem Fahrwasser.

Gibt es Begriffe wie »absurd« oder »sinnlos« in der Bibel?

Auch hier gilt: Es gibt sie nicht als direktes Schimpfwort für Personen, aber im Sinne von:

  • Prediger: »Nichtigkeit«, »Windhauch« (hebr. hevel)
  • Paulus: Der Apostel spricht von »nichtigen Gedanken« (Röm 1,21) und »törichten Spekulationen«.

Der Fokus liegt meist auf Denken und Verhalten, nicht zuerst auf dem Wert der Person.

Weitere sehr robuste und starke Wortwahl

Die beispielhaft genannten Wörter, die angeblich unchristliche Lieblosigkeit belegen sollen, sind also in der Schrift enthalten und bei Jesus Christus anzutreffen. Aber man sollte den Blick weiten, wenn man den Wortgebrauch der Schrift untersucht. Man findet, dass die Schrift sogar noch deutlich härtere Wörter verwendet:

  • »Otterngezücht« (Mt 23,33)
  • »Hunde« (Mt 7,6; Phil 3,2)
  • »Wölfe« (Mt 7,15)

Das sind extrem scharfe Metaphern, die sich fast immer gegen religiöse Verführer oder zerstörerisches Verhalten richten, also meist in prophetischem (predigendem) Kontext

Beantworten wir nun aufgrund dieser Untersuchung die Grundfrage:

Ist solche robuste, harte Sprache für Christen in Ordnung?

Der Herr Jesus lehrt in der »Bergpredigt« (Mt 5,22): Beschimpfung aus verächtlichem Herzen ist zu verurteilen, egal mit welchen Worten sie ausgesprochen wird. 

Unsere Wortwahl ist vor Gott (und Mensch, s.u.) justiziabel: »Von jedem unnützen Wort, das die Menschen reden werden, werden sie Rechenschaft geben am Tag des Gerichts; denn aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt werden, und aus deinen Worten wirst du verurteilt werden« (Mt 12,36–37).

Der Christ weiß zudem um Jesu Befehl durch Paulus: »Kein faules Wort komme aus eurem Mund« (Eph 4,29), vielmehr: »Euer Wort sei allezeit in Gnade, mit Salz gewürzt, so dass ihr wisst, wie ihr jedem Einzelnen antworten sollt« (Kol 4,6). Der Begriff »mit Salz gewürzt« deutet bestimmt nicht auf eine süßlich-schleimige oder rein auf Nettigkeit bedachte Wortwahl. Die Anspielung mit »Salz« mag eher daraufhin deuten, dass unsere Rede nichts Verderbliches enthalten soll. 

Der Grundsatz kann damit versuchsweise so formuliert werden: Sprache darf nicht aus Verachtung, Hass oder Überheblichkeit kommen. Da dies ein Herzenskriterium formuliert, entzieht es sich unserem direkten Zugriff und Urteil, Gott allein ist der »Herzenskenner« (Lk 16,15; Apg 1,24; 15,8). Unser Urteil muss daher mit Vorsicht getroffen und mit Vorbehalt versehen sein. Nach dem Frucht-Baum-Metapher gilt aber grundsätzlich: »Aus der Fülle des Herzens redet der Mund« (Mt 12,34b). Custodi cor tuum! (Spr 4,23).

Es ist Raum für scharf gesagte Wahrheit

Die Bibel erlaubt und nutzt diagnostische Sprache (d.h., sie benennt Sünde klar). Sie nutzt auch deutlich warnende Sprache (und schützt damit andere). Und sie scheut auch nicht vor prophetischer Zuspitzung zurück. Der Prediger heute darf und muss manchmal die angemessen scharfe Sprache des Propheten verwenden. Wir sehen das an Jesus in seinen Worten gegen die Heuchelei und Heuchler, aber auch bei Paulus gegenüber falschen Lehrern (z.B. Gal 5,12, sehr scharf!).

Anders gesagt: Da das Wort Gottes das »Schwert des Geistes« (Eph 6,17) ist, das »schärfer als jedes zweischneidige Schwert und durchdringend bis zur Scheidung von Seele und Geist« ist (Heb 4,12–13), ist zu erwarten, dass seine (rechtmäßige) Anwendung zu »Spitzen«, »Schnitten«, »Verletzungen« und »Durchbohrungen« (Apg 5,33, 7:54) führt. Dies ist nicht ein Unfall, sondern der Betriebsfall. Der zeitgeistige Vorwurf »Du hast mich verletzt!« im Klischee der Opfer-Täter-Umkehr konstatiert also im betreffenden Fall kein Übel, sondern den zu begrüßenden chirurgischen Eingriff oder militärischen Angriff gegen das Übel (2Kor 11,4; Hebr 4,12; Eph 6,17).

Der entscheidende Unterschied

Die Bibel unterscheidet nicht einfach zwischen »netter« und »lieblos-harter« Wortwahl, sondern sagt deutlich, dass eine Beschimpfung aus Stolz, Hass oder Geringschätzung der Person unzulässig ist, wohingegen harte Worte völlig am Platz sind, um der Wahrheit, der Verantwortung oder dem Ziel einer Umkehr (Buße) zu dienen.

Anders gesagt: Die Bibel erlaubt scharfe moralische Urteile über Menschen, aber sie verbietet entwürdigende Herabsetzung der Person. Wir dürfen Sünde benennen, aber in der Regel Menschen, deren Herzen wir nicht kennen, nicht verächtlich machen.

Geht es um die Beurteilung von Lehren und Ideen, darf robuste Sprache verwendet werden, die auch die Grenzen zu Spott, Ironie, Polemik und Satire überschreiten darf. Die Bibel macht das oftmals vor.

Die Ethik der Sprache

Wenn wir vom anfangs geschilderten Fall zurücktreten und die Thematik grundsätzlicher betrachten, landen wir beim Thema der Sprachethik. Was lehrt die Schrift dazu? Mit Blick auf den Rahmen der begonnenen Diskussion soll Folgendes gesagt werden, das natürlich (an anderer Stelle) noch der Ergänzung bedarf.

Die Bibel hat eine kohärente Sprachethik, die sich aus mehreren Textschichten ergibt. Man kann dies nach vier zusammenhängenden Aspekten betrachten: Quelle  Inhalt  Form  Ziel.

1. Quelle der Rede: Das Herz als Ursprung

Den zentralen Gedanken liefert der Sohn Gottes: »Wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund« (Mt 12,34). Sprache ist also kein neutrales Werkzeug, sondern Ausdruck innerer Disposition. Das Reden offenbart (in der Regel) den verborgenen Herzenszustand. So lesen wir: »Aus dem Herzen kommen … Lästerungen« (Mt 15,19) und in Jakobus 3 wird die Zunge (metonymisch: das Reden) als »Feuer« bezeichnet, das große zerstörerische Wirkung entfalten kann und die den ganzen Menschen prägt. Die Konsequenz daraus ist: Das Problem unzulässig harter Worte sind nicht primär die »harten Worte«, sondern das harte Herz hinter den Worten.

2. Inhalt der Rede: Wahrheit oder Nettigkeit?

Das Diktat der »Nettigkeit« führt in die Irre. (Nettigkeit ist ein Verhalten, das darauf abzielt, anderen durch freundliche, konfliktarme und angenehme Interaktion das Gefühl von Wohlbefinden zu geben, ohne notwendigerweise auf Wahrheit oder tiefere Verantwortung ausgerichtet zu sein.) Die Bibel fordert nicht rigoros »Nettigkeit«, sondern zu allererst Wahrhaftigkeit:

  • »die Wahrheit festhaltend in Liebe, lasst uns in allem heranwachsen zu ihm hin, der das Haupt ist, der Christus« (Eph 4,15)
  • »Legt die Lüge ab und redet Wahrheit« (Eph 4,25)
  • »Liebe freut sich an der Wahrheit« (1Kor 13,6)

Wahrheit muss »festgehalten« werden. Wie dies »in Liebe« geschieht, hat der Christus vollkommen vorgemacht. Daran hat der Christ sich zu orientieren, nicht an selbstgemachten oder traditionellen Normen, wenn diese die Wahrheit unterdrücken (Scham-Kultur, Lügen-Kultur, Heuchelei, Betrug usw.). Das bedeutet, dass Sünde benannt werden darf und muss, und dass falsche Lehre scharf kritisiert werden darf und muss. Daraus folgt ggf. eine nicht-schonende, »nicht-nette« Sprachwahl:

  • Jesus redet von »Heuchler«, »blinde Führer«
  • Paulus redet oft mit deutlicher Polemik gegen Irrlehrer (z. B.: »ich wollte, dass sie sich selbst kastrierten« in einem scharfen Wortspiel in Gal 5,12)
  • Paulus kritisierte Fehlverhalten mit drastischen Worten (z.B.: »Wenn ihr aber einander beißt und fresst«; Gal 5,15)
  • Paulus bezeichnet die widergöttlichen Ideen und Lebensstile in Römer 1–3 sachlich mit »Gottlosigkeit« und »Ungerechtigkeit« (was für das Rechtsgefühl der Römer ein Nogo war). Aber dann bezeichnet er die Verbreiter falscher Ideen in robuster Sprache als »Toren« (Röm 1,22; mataioō, »Idioten«), die ihre »Torheiten« mit unverständigen (asynetos) Herzen verbreiteten. (vgl. seine Liste in Röm 1,28–32).

Und die Gefühle? Entscheiden nicht diese letztendlich (gelesen als »entscheidend«!) über richtig und falsch? Sie sind doch so authentisch und direkt? Hier haben wir das biblische Menschenbild zu beachten, sonst antworten wir »aus dem Bauch«, also falsch. Pointiertes Zitat dazu: »Ich weiß, dass es nicht so gut (will sagen: total falsch) war, aber es fühlte sich so gut an, also habe ich es getan!« (Assoziationen mit 1Mo 3 wären hier ganz erhellend). Der Geist des Menschen ist es, der mit dem Geist Gottes in Verbindung (Kommunikation) tritt (treten soll). Es läuft über das Wort, nicht das Gefühl. Alles andere folgt, aber innerhalb des »geistlichen Rahmens« des Wortes Gottes (logikos!). Die Gefühle (viele verstehen hier Seele oder Herz darunter, was teilweise problematisch ist) stehen beim Christen unter der Zucht des Geistes, des »erneuerten Sinnes« (Röm 12,2). Analoges gilt für den Körper. Vertauscht oder verdreht (ja: »pervertiert«!) man diese Ordnung des Schöpfers, die Er in der Erlösung wiederhergestellt hat, läuft es schief. Schöpfungslogisch! Erlösungslogisch!

Also: Wahrheit kann verletzend klingen, aber sie ist deswegen nicht automatisch falsch oder lieblos. Gefühle als Reaktion auf eine Ansprache oder ein Urteil liegen immer noch im Verantwortungsbereich des Fühlenden, nicht des Redenden. Ob ich mich provozieren lasse oder nicht, ist meine persönliche Entscheidung. Der Redner ist Auslöser, aber nicht Verantwortlicher der Gefühle der Zuhörer, und damit auch nicht deren Schuldner. Das kann man alleine mit Durchdenken des ABC-Modells erkennen: Derselbe Auslöser (zB Aussage eines Redners) kann von unterschiedlichen Empfängern (Hörern) ganz unterschiedlich bewertet und verstanden werden, was dann zu völlig unterschiedlichen Gefühlsreaktionen bei den Empfängern führen kann. Es gib keine direkte Ursache-Wirkungs-Kette, die Schuld zeitigte. Damit wird nicht geleugnet, sondern anerkannt, dass Kommunikation in sozialen Geflechten erfolgt, nicht im luftleeren Raum. Die sozialen Geflechte eignen aber nicht eine Täter-Opfer-Umkehr. Nochmals: Wie ich gefühlsmäßig reagiere, ist vor allem meine Verantwortung. (Für Belege möge man die Verkündigungs-Episoden in Apg 2,37 mit Apg 5,33; 7,54 vergleichen.)

3. Form der Rede: Wie gesprochen wird

Hier müssen wir differenzieren. Die Bibel setzt klare Kriterien für erlaubte Redeformen und verbotene Formen der Rede. 

Verbotene Formen werden immer wieder in der Schrift erwähnt:

  • »faules / verderbliches Wort« (Eph 4,29)
  • »Lästerung, Zorn, Geschrei« (Eph 4,31)
  • »Zunge voll tödlichen Giftes« (Jak 3,8)

Damit ist destruktive, abwertende, eskalierende Rede nur im Krisenfall erlaubt, ansonsten soll Sprache klären, nicht zerstören. Aber es gibt klare Ausnahmen, wo Schärfe und zerstörerische Härte nicht aus dem sündigen Fleisch, sondern dem Geist Gottes stammt:

  • » Denn obwohl wir im Fleisch wandeln, kämpfen wir nicht nach dem Fleisch; denn die Waffen unseres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern göttlich mächtig zur Zerstörung von Festungen, indem wir Vernunftschlüsse zerstören und jede Höhe, die sich erhebt gegen die Erkenntnis Gottes, und jeden Gedanken gefangen nehmenunter den Gehorsam des Christus und bereit stehen, allen Ungehorsam zu strafen, wenn euer Gehorsam erfüllt sein wird.« (2Kor 11,3–6)

Die gebotenen Formen kann man umreißen mit folgenden Beispielen:

  • »sanftmütig« (2Tim 2,25) – Jesu harte Rede kam von jemand, der ohne Widerspruch sagen konnte: »ich bin sanftmütig und von Herzen demütig« (Mt 11,29).
  • »mit Gnade, mit Salz gewürzt« (Kol 4,6) – »Salz« deutet auf wahr, klar, pointiert, nicht weichgespült, Korruption bekämpfend (erhaltende Wirkung!).
  • »zur Erbauung« (Eph 4,29); dieses Beispiel leitet zum letzten Aspekt:

4. Ziel der Rede: Wozu wird gesprochen?

Jeder muss sich die Frage vorlegen, warum er was (Inhalt), wann (Zeitpunkt), warum (Motivation) und wozu (Zielsetzung) spricht. Ziel darf nie sein, sich über andere zu erheben, den anderen grundlos zu verletzen oder bloßzustellen oder einfach Frust abzuladen.

Biblisch zulässige Ziele sind hingegen: Auferbauung (Eph 4,29; s.o.), Korrektur (2Tim 2,25), Warnung (Jesus gegenüber religiösen Führern, Paulus gegenüber Irrlehre) und Aufruf zur Umkehr. Dabei ist auch prophetische Sprache erlaubt und manchmal geboten, die oft absichtlich scharf ist, um die Gewissen aufzurütteln. 

Jesu teilweise drastische Rede richtete sich gegen verfestigte Heuchelei, gegen geistlichen Machtmissbrauch und für den Schutz anderer. Wenn er von Otterngezücht, blinden Führern und Fuchs (für einen Herrscher, Herodes Antipas) sprach, war das keine impulsive Beleidigung, sondern eine gezielte, wahrheitsorientierte Entlarvung. In der Bergpredigt macht Jesus klar: Nicht die Schärfe ist das Problem, sondern die Verachtung (Herzenshaltung).

Zusammenfassung

Die biblische Sprach-Ethik lässt sich so zusammenfassen:

  • Wahrheit ist Pflicht, auch wenn sie hart ist.
  • Liebe ist Maßstab, auch wenn sie korrigiert.
  • Die Würde der Person bleibt unantastbar, auch wenn Verhalten scharf verurteilt wird. Der Herr wird jede Person gerecht richten, anhand deren Worte, Taten und Herz (Motive).
  • Die Absicht (Intention, Zielsetzung) entscheidet: Aufbau oder Zerstörung?

Praxistipp: Bevor ich etwas Hartes sage, sollte ich überdenken:

  • Ist es wahr?
  • Ist es notwendig?
  • Dient es dem Gegenüber oder nur meinem Ärger?
  • Spreche ich aus Liebe oder Überlegenheit?
  • Würde Jesus diese Schärfe in dieser Situation einsetzen?

Das alles kostet Zeit. Das mahnt uns, nicht schnell in Rede oder Gegenrede zu sein.

»Daher, meine geliebten Brüder, sei jeder Mensch schnell zum Hören, 
langsam zum Reden, langsam zum Zorn.
« (Jakobus 1,19)

Der Grenzfall: Die Straftat

Ein öffentlich justiziabler Sprachgebrauch liegt (in der BRD) vor, wenn damit Personen beleidigt oder verleumdet werden. Ideen oder Aussagen kann man nicht beleidigen. Reine Sachkritik (Ideen, Meinungen, Konzepte) ist grundsätzlich erlaubt, auch scharf formulierte. Zu sagen: »Diese Theorie ist Unsinn!» oder »Das ist absurd!« oder »Diese Argumentation ist falsch/gefährlich!« ist keine Beleidigung, da keine konkrete Person herabgesetzt wird, sondern eine Sache bewertet wird. Die Meinungsfreiheit (Art. 5 GG) schützt ausdrücklich auch überspitzte, emotionale und harte Kritik, aber sie endet dort, wo die Menschenwürde oder persönliche Ehre verletzt wird. Unzulässige Schmähkritik liegt vor, wenn nicht mehr die Auseinandersetzung in der Sache, sondern die Diffamierung der Person im Vordergrund steht. Ideen darf man jederzeit radikal kritisieren, Personen hingegen darf man nicht herabwürdigen.

Hier verlassen wir die biblischen direkt gegebenen Vorgaben und sehen uns die verbindlichen Rechtsnormen der BRD an, denen alle Christen in der BRD unterliegen und biblisch verhaftet sind. Folgende drei Straftatbestände kennt das Strafgesetzbuch, die hier gemäß ihrer Schwere geordnet aufgeführt werden.

Beleidigung (§ 185 StGB)

Beleidigung ist die Kundgabe der Missachtung oder Nichtachtung gegenüber einer anderen Person. Das kann geschehen durch Worte (»Idiot«, »pervers« u.a.), durch Gesten oder Schriftworte (auch online). Entscheidend ist nicht primär, ob die Aussage wahr ist, sondern ob sie die Ehre verletzt, denn auch wahre Aussagen können eine Beleidigung sein, wenn sie mit herabsetzender Absicht getätigt werden. – Strafmaße sind Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu 1 Jahr (bei Tätlichkeit auch bis 2 Jahre).

Üble Nachrede (§ 186 StGB)

Üble Nachrede ist die Behauptung oder Verbreitung einer Tatsache über jemanden, die geeignet ist, ihn verächtlich zu machen oder herabzuwürdigen, und wenn die Wahrheit der behaupteten Tatsache nicht bewiesen werden kann. Ist die getätigte Behauptung »nicht erweislich wahr«, ist es üble Nachrede, sonst nicht. Es könnte dann aber z.B. noch Beleidigung sein. – Strafmaße sind Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu 1 Jahr (bei öffentlicher Verbreitung auch bis zu 2 Jahre). Meist höher als bei Beleidigung, da Lüge verbreitet wird.

Verleumdung (§ 187 StGB)

Verleumdung ist eine bewusst falsche Tatsachenbehauptung mit dem Ziel oder Effekt der Ehrschädigung. Hier ist wesentliches Merkmal, dass der Täter weiß, dass seine behauptete Tatsache unwahr ist. Ist die Aussage hingegen wahr, ist es keine Verleumdung, sondern ggf. ein anderer Straftatbestand. Weiß der Täter, dass seine Aussage falsch ist, ist sie strafbar. – Strafmaße sind Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu 3 Jahre (bei öffentlicher Verbreitung auch bis zu 5 Jahre).

Der springende Punkt (nach StGB)

Das deutsche Strafrecht schützt die persönliche Ehre, nicht nur die faktische Wahrheit. Deshalb gilt: Wahrheit allein reicht nicht, entscheidend sind auch Form, Kontext und Zweck der Aussage. Die Schwere und damit das Strafmaß steigt von Beleidigung zur üblen Nachrede zur Verleumdung. Eine öffentliche Verbreitung (v. a. online) wirkt immer stark strafverschärfend.

Zulässig sind stets sachliche, wahre Kritik, Berichterstattung oder berechtigte Warnung. Strafbar hingegen sind reine Herabwürdigungen, unnötige Bloßstellung und andere »Pranger«-artige Aussagen ohne gerechten Anlass. Dabei kann auch bei wahrer Behauptung eine Strafbarkeit vorliegen. Mit Wahrheit kann man beleidigen – aber nicht verleumden.

Bewertung

Interessanterweise liegen die Rechtsnormen der Bibel und des StGB sehr nahe beieinander, was die Trennung von Person und Sache angeht und was den Freiheitsgrad in der Rede diesbezüglich angeht.

Der zentrale Unterschied ist darin zu erkennen, dass die Bibel einen inneren Maßstab (Herz) anlegt, und das Herz, die Motivation, die Absicht und die geistliche Verantwortung des Einzelnen, also subjektiv, anspricht. Denn Jesus prüft so. Nur Er. Entscheidend ist der Tatbestand, ob die Rede aus Liebe oder aus Verachtung kommt, und ob das Angegriffene biblisch nachweisbar Sünde ist oder nicht. Das Strafrecht hingegen beschränkt sich auf einen äußeren Maßstab (Tat, Wort) und prüft die Form der Aussage, den Kontext und die Wirkung nach außen. Entscheidend ist hier, ob die Ehre eines Menschen objektiv verletzt wurde.

Überspitzt gesagt regelt das Strafrecht das Minimum an respektvoller Kommunikation, wohingegen die Bibel ein Maximum an verantwortlicher Kommunikation fordert. Was strafbar ist, ist fast immer auch biblisch problematisch. Was biblisch problematisch ist, ist oft noch nicht strafbar.

(Dieser Entwurf wird ggf. fortgeführt und mit Verweisen zu vertiefendem Lesematerial versehen werden.)

Bildquelle: Generiert mit KI und manuell nachbearbeitet.

Biblische Ältestenschaft (Alexander Strauch)

13 Minuten Lesezeit.

Alexander Strauch
Biblische Ältestenschaft. Handbuch für schriftgemäße Gemeindeleitung.
Überarb. u. erw. Neuausgabe
(Dillenburg: CVD, 2025), 608 Seiten.

Alexander Strauch ist seit mindestens 30 Jahren bekannter Autor und Seminarleiter zum Thema Biblische Ältestenschaft. Sein gleichnamiges Buch ist Lehrunterlage in vielen Gemeinden und Bibelseminaren. Etliche Studienführer und Kursunterlagen beziehen sich ganz konkret auf die Lektüre in diesem Buch. Es wird seit langem in einigen christlichen Gemeinden und Bibelschulen verwendet. Zuletzt sprach Alexander Strauch 2025 in Deutschland auf einer »Hirtenkonferenz« (EBTC, Wittenberg) zum Thema (Videos auf YouTube).

Nun ist sein Standardwerk 2025 in überarbeiteter und erweiterter Auflage auf Deutsch herausgekommen (CV Dillenburg). Das Wichtigste des umfangreichen Materials fasst Strauch in Kapitel 30 zusammen in Form einer kommentierten Inhaltsangabe mit 53 Punkten. Im Folgenden wird als Kurzfassung der Verlagstext und anschließend »Das Wichtigste« (Kapitel 30) wiedergegeben (Hervorhebungen teilweise hinzugefügt).

Buchbeschreibung (Verlagstext)

»Biblische Ältestenschaft ist seit 30 Jahren das Standardwerk zur biblischen Lehre über Ältestenschaft: der gemeinschaftlichen pastoralen Leitung einer Gemeinde durch eine biblisch qualifizierte, vom Geist eingesetzte Ältestenschaft. Das Buch hat ein weltweites Erwachen zu diesem oft vernachlässigten und missverstandenen Thema bewirkt. Die Neuausgabe wurde umfassend überarbeitet und erweitert. Alle, die solide Bibelexegese lieben, werden dankbar dafür sein. Jede neutestamentliche Stelle zum Thema wird sorgfältig erklärt und interpretiert, sodass die biblischen Autoren selbst zu Wort kommen. Alle Schlüsselfragen werden angesprochen, neueste bibelwissenschaftliche Erkenntnisse werden dabei beachtet. So dient dieses Handbuch als Kommentar, Ressource und Lehrbuch zur Förderung von Ältesten als Hirten. Es wird auch in den kommenden Jahren das Standardwerk sein.«

Das Wichtigste (Kapitel 30)

1. Biblische Ältestenschaft beruht auf der Überzeugung, dass die von Gott eingegebene Heilige Schrift ausreicht, um die Ordnungen und Leitungsstrukturen unserer Gemeinden zu gestalten.

2. Dieses Buch soll dazu beitragen, die biblische Lehre von der Ältestenschaft als Gemeindeleitung wiederherzustellen und klar zu definieren. Dabei handelt es sich um die gemeinschaftliche Leitung durch ein Team von biblisch qualifizierten und vom Heiligen Geist eingesetzten Ältesten. Einleitung.

3. Jesus Christus lehrte seine Jünger die Prinzipien von Demut, Dienstbereitschaft, brüderlicher Gleichheit und Liebe. Jesus lehrte „dienende Führung“ und lehnte das Modell des „starken Mannes„ als Führungsstil ab. Kapitel 1.

4. Jesus Christus gab seiner Gemeinde in den zwölf Aposteln eine Leitung durch mehrere Männer – nicht einen leitenden Apostel, der von elf Assistenten unterstützt wird, sondem zwölf an der Zahl, alle gleichermaßen Apostel und Brüder, die in Harmonie zusammenarbeiten, um die erste christliche Gemeinschaft zu leiten und zu belehren. Kapitel 1.

5. Unter den zwölf Aposteln stechen besonders Petrus, Jakobus und Johannes als Schlüsselfiguren hervor, wobei Petrus·der markanteste Leiter und Wortführer der Gruppe ist. Jesus hatte offensichtlich keine Schwierigkeiten, die Gleichheit der Zwölf zu lehren und gleichzeitig ihre unterschiedlichen Begabungen und Führungsfähigkeiten anzuerkennen. Kapitel 1.

6. Petrus wurde kein besonderer oder exklusiver Titel verliehen, der ihn von den anderen unterschieden hätte. Er besaß keinen kirchlichen oder offiziellen Rang und stand nicht über den anderen elf Aposteln. Sie waren nicht seine Untergebenen. Kapitel 3.

7. Die ersten judenchristlichen Ältesten empfingen und verwalteten Spendengelder für die Gemeinde, halfen bei der Lösung von Konflikten, beurteilten kritische Lehrfragen und schützten die Gemeinde vor Irrlehrern. Kapitel 6.

8. Die Leitung durch ein Gremium von Männern, die die Ältesten (presbyteroi) genannt wurden, war den Juden und den Lesern des griechischen Alten Testaments gut bekannt. Der Ältestenrat war eine der frühesten und grundlegendsten Institutionen in Israel. Älteste waren in erster Linie als Männer mit Erfahrung und Weisheit bekannt. Israels Älteste besaßen erhebliche Autorität in bestimmten zivilen, häuslichen und religiösen Angelegenheiten. Kapitel 6.

9. Der Begriff Ältester (presbyteros) steht für einen Leiter, der von derGemeinschaft respektiert wird und Reife, Erfahrung und Weisheit besitzt. Wenn der Begriff für die Gemeindeleitung verwendet wird, steht er fast immer im Plural: die Ältesten. Das liegt daran, dass die Ältestenstruktur eine gemeinschaftliche Leitung durch ein Gremium von Funktionsträgern ist, nicht die Leitung durch eine Einzelperson. Ein Ältester ist immer Teil eines Gremiums. Kapitel 6.

10. Paulus und Barnabas ernannten ein Team von Ältesten, nicht einen einzelnen Pastor, um jede ihrer neu gegründeten Gemeinden zu leiten (Apg 14,23). Das griechische Wort für ,,wählen“ (cheirotoneo) bedeutet „ernennen“, „einsetzen“ oder „auswählen“. Grammatik und Kontext weisen eindeutig darauf hin, dass Paulus und Barnabas die Auswahl vornahmen, nicht die Gemeinde. Kapitel 7.

11. In einem persönlichen Gespräch ermahnte Paulus die Ältesten in Ephesus, sein Beispiel nachzuahmen: Er forderte von ihnen (1) einen demütigen, sklavenähnlichen Dienst für den Herrn Jesus Christus, (2)  eine gründliche Belehrung über „den ganzen Ratschluss Gottes“, (3) eine völlige Hingabe an die Verkündigung des Evangeliums der Gnade Gottes, (4) harte Arbeit und Selbstversorgung und (5) eine großzügige Versorgung der armen und bedürftigen Mitglieder der Gemeinde (Apg 20,18–21). Kapitel 8, 10.

12. Paulus forderte alle Ältesten auf, sorgfältig auf ihr eigenes geistliches Leben zu achten und die Herde Gottes wachsam vor Irrlehrern zu schützen – die sowohl von außerhalb der Gemeinde als auch von innen auftreten konnten (Apg 20,28). Alle Ältesten werden vom Geist angewiesen, auf die ständige Gefahr durch Wolfe zu achten, die die Schafe fressen wollen. Kapitel 9.

13. Der Heilige Geist Gottes ernennt die Ältesten zu „Aufsehern“, die die ausdrückliche Aufgabe bekleiden, die Gemeinde Gottes zu hüten (Apg 20,28). Kapitel 9.

14. In Anlehnung an das Bild des Hirten bestehen die Aufgaben der Ältesten im Großen und Ganzen darin, (1) die Herde mit reichhaltiger Nahrung aus der von Gott inspirierten Schrift zu ernähren, (2) die Herde vor wolfsähnlichen Irrlehrern zu schützen, (3) die Herde durch die Stürme des Lebens und zu grünen Weiden zu führen und (4) für die praktischen Bedürfnisse der Gemeinde Gottes zu sorgen. Ein wichtiger Grundsatz der biblischen Ältestenschaft ist, dass man sie als Team von Leitern der Gemeinde betrachten sollte, nicht als einen Vereinsvorstand. Kapitel 2, 9, 10.

15. So wie es eine Vielzahl von Ältesten gibt, gibt es auch eine Vielzahl von Aufsehern; tatsachlich werden die Begriffe synonym verwendet (Phil 1,1). Kapitel 11.

16. Das griechische Wort für Aufseher ist episkopos, das allgemein als Bezeichnung für verschiedene Arten von Amtsträgern verwendet wurde. Das Wort beschreibt einen Wächter, einen Vorgesetzten, einen Vormund, einen Beamten mit Machtbefugnissen. Aufseher betont den funktionalen Aspekt der Ältestenschaft, während Ältester den Status und die Würde der Ältesten hervorhebt. Kapitel 11.

17. Die Diakone (diakonoi) sind die offiziellen Assistenten der Aufseher. Sie unterstützen die Aufseher/Ältesten am besten dadurch, dass sie ihnen helfen, sich auf ihre Hauptaufgaben zu konzentrieren: die Herde Gottes zu ernähren, zu führen und zu schützen. Kapitel 11.

18. Laut Neuem Testament gibt es in einer Ortsgemeinde nur zwei anerkannte Gruppen von Funktionsträgern: Aufseher/Älteste und Diakone. Über ihnen gibt es keinen übergeordneten Dienst oder Funktionsträger, weder einen leitenden Pastor noch einen ordinierten Geistlichen oder einen Bischof. Kapitel 11.

19. Das Neue Testament legt großen Wert auf die moralischen und geistlichen Qualifikationen derer, die als Älteste dienen. Das Neue Testament enthalt mehr Anweisungen über die Qualifikationen von Ältesten als über jeden anderen Aspekt des Ältestendienstes. Kapitel 4, 12–13.

20. Ein Ältester muss in ehelicher Treue leben und seine Familie gut führen (1Tim 3,2–5). Kapitel 14, 21.

21. Alle Ältesten müssen die biblischen Qualifikationen für den Dienst erfüllen, unabhängig davon, ob sie der Gemeinde hauptamtlich oder nebenberuflich dienen. Kapitel 4.

22. Nichts ist in den Augen vieler Zeitgenossen anstößiger als die biblische Forderung nach einer ausschließlich männlichen Ältestenschaft (1Tim 2,8–3,13). Eine biblische Ältestenschaft ist jedoch eine rein männliche. Kapitel 5.

23. Sowohl Älteste als auch Diakone müssen öffentlich auf ihre Qualifikation und Eignung für den Dienst geprüft werden (1Tim 3,10). Die ordnungsgemäße Prüfung eines Ältestenkandidaten ist genau der Punkt, an dem viele Gemeinden versagen. Das Verfahren erfordert Zeit und Mühe, und viele Gemeinden meinen, sie seien zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, um sich diese Mühe zu machen. Ein großer Fehler! Kapitel 15, 28.

24. Als das offiziell anerkannte Leitungsgremium der Gemeinde beauftragte „die Ältestenschaft“ Timotheus durch Handauflegung mit der vollzeitlichen Arbeit am Evangelium (1Tim 4,14). Kapitel 15.

25. Obwohl alle Ältesten dasselbe Amt, denselben Titel, dieselbe Verantwortung und Aufgabe haben, gibt es unter ihnen eine reiche Vielfalt an Begabungen, Lebenserfahrung und individueller Lebensführung durch den Herrn. Älteste unterscheiden sich in Bezug auf ihre Verfügbarkeit, ihre rhetorischen Fähigkeiten, ihre Führungsqualitäten, ihre Bibelkenntnisse und ihre Lehrkompetenzen. Kapitel 3, 17.

26. Älteste, die der Gemeinde eine klare Führung gebenbesonders diejenigen, die sich in der Verkündigung und Lehre des Wortes abmühen, verdienen eine doppelte Ehre durch die Gemeinde. Die doppelte Ehre kann sowohl Respekt als auch finanzielle Entschädigung einschließen (1Tim 5,17–18). Kapitel 16–17.

27. Obwohl alle Ältesten in der Lage sein müssen, zu lehren, haben nicht alle die geistliche Gabe des Lehrens oder den gleichen Grad an Befähigung zum Lehren oder zur Verkündigung des Evangeliums. Die Gabe der Lehre gibt es in vielen Stilen und Varianten. Das bedeutet, dass einige Älteste eine wichtigere Rolle im öffentlichen Lehrdienst haben werden. Bemerkenswert ist, dass Paulus diesen Ältesten keinen besonderen Titel zuweist. Kapitel 17.

28. Eine weitere Möglichkeit, wie die Gemeinde ihre Ältesten ehrt, ist der Schutz vor böswilliger Verleumdung und unbegründeten Anschuldigungen (1Tim 5,19). Kapitel 18.

29. Wenn die Anschuldigung gegen einen Ältesten, dass er gesündigt hat, durch Zeugen bestätigt wird, der Älteste sich aber der Zurechtweisung widersetzt und weiter sündigt, dann soll er vor der ganzen Gemeinde zurechtgewiesen werden, damit die anderen sich fürchten (1Tim 5,20). Kapitel 18.

30. Da die Bibel die menschliche Neigung kennt, harten Tatsachen und unangenehmen Konfrontationen aus dem Weg zu gehen, befiehlt sie den Ältesten und der Gemeinde, bei der öffentlichen Zurechtweisung von sündigenden Ältesten mutig und unparteiisch zu handeln (1Tim 5,21). Kapitel 19.

31. Eine Möglichkeit, traumatische Situationen wie die Zurechtweisung von Gemeindeleitern für die Ältesten zu minimieren, besteht darin, die voreilige Ernennung neuer Ältester zu vermeiden: „Die Hände lege niemand schnell auf“ (1Tim 5,22). Die Folge einer zu schnellen, unbedachten Ernennung eines Ältesten könnte bedeuten, dass man mitschuldig ,,an fremden Sünden“ wird, die ein unqualifizierter, ungeeigneter Ältester verursacht. Kapitel 19.i

32. Wenn eine ehrliche, sorgfältige Prüfung des Charakters und des Lebenswandels einer Person geschieht, spricht alles dafür, dass Gründe für eine eventuelle Untauglichkeit aufgedeckt oder gute Führungsqualitäten offenbart werden (1Tim 5,24–25). Kapitel 19.

33. Titus sollte das, was in den Gemeinden mangelte, in Ordnung bringen und an jedem Ort, an dem es eine Zusammenkunft von Christen gab, Älteste einsetzen (Tit 1,5). Titus sollte dies genau so tun, wie Paulus es ihm ,,geboten“ hatte. Kapitel 20.

34. Ein Ältester/Verwalter ist Gottes Verwalter und hat somit eine höchst verantwortungsvolle Position, die sowohl einen vertrauenswürdigen Charakter als auch administrative Kompetenzen erfordert (Tit 1,7). Kapitel 22.

35. Ein Ältester muss sich mit ganzem Herzen für die Wahrheiten des Evangeliums einsetzen (Tit 1,9). Kapitel 23.

36. Alle Ältesten müssen in der Lage sein, andere in gesunder Lehre zu unterweisen, falsche Lehrer zu entlarven und sie mutig zurechtzuweisen (Tit 1,9). Kapitel 23.

37. Die Ältesten sollen die Herde Gottes hüten und die geistliche Aufsicht über die Herde ausüben. Sie sind die Unterhirten des „Oberhirten“ (1Petr 5,4). Kapitel 24.

38. Die Ältesten sollen die Aufsicht für die Gesamtgemeinde in einer Weise ausüben, die Gott gutheißen kann: (1) nicht unter Zwang, sondern freiwillig, (2) nicht aus schändlicher Gewinnsucht, sondern bereitwillig, und (3) nicht, indem sie die Herde beherrschen, sondern indem sie ihr ein Vorbild sind (1Petr 5,2–3). Kapitel 24.

39. Der Tag der Belohnung wird kommen: „Und wenn der Oberhirte offenbar geworden ist, so werdet ihr den unverwelklichen Siegeskranz der Herrlichkeit empfangen.“ Welch eine Zeit des Sieges, der Anerkennung, der Herrlichkeit und der Freude wird das Erscheinen Christi den bescheidenen, unbeachteten Ältesten bringen, die treu die Herde Gottes gehütet haben (1Petr 5,4). Kapitel 24.

40. Die Ältesten sollen das Volk Gottes in einem Geist der Demut leiten, sonst werden sie unweigerlich ihre Autorität missbrauchen und Spaltungen verursachen. Kapitel 24.

41. Da die beiden bekanntesten Apostel die Ältesten – und keine andere Person oder Gruppe – beauftragt haben, die Herde Gottes zu hüten, können wir daraus schließen, dass generell Älteste nach biblischen Maßstäben für die geistliche Aufsicht über die einzelne Herde verantwortlich sind, die Gott ihnen zugewiesen hat Kapitel 9, 24.

42. Manche Leute sagen: „Man kann doch nicht erwarten, dass ein Mann den ganzen Tag arbeitet, eine Familie versorgt und auch noch einer Gemeinde als Ältester dient.“ Aber das ist nicht wahr. Viele Menschen gründen Familien, haben einen Job und engagieren sich in erheblichem Umfang in der Gemeinde, beim Sport, beim Hausbau oder in anderen Bereichen. Das eigentliche Problem liegt nicht in unserer begrenzten Zeit, sondern in falschen Vorstellungen über die Arbeit, das christliche Leben und die Lebensprioritäten. Kapitel 2.

43. In Zeiten schwerer Krankheit soll man die Ältesten der Gemeinde rufen, damit sie für die kranke Person beten und sie mit Öl salben (Jak 5,14–15). Wenn die Krankheit auf Sünde zurückzuführen ist, sollen die Ältesten dem leidenden Gläubigen eine geistliche Begleitung und guten Rat geben. Kapitel 25.

44. Die Ältesten in Thessalonich arbeiteten eifrig, um die neue Gemeinde zu führen, zu korrigieren und zu unterweisen (1Thes 5,12–13). Kapitel 26.

45. Die Gemeinde soll ihre tüchtigen und fleißigen Ältesten anerkennen und ihnen im Geiste der christlichen Liebe mit großer Wertschätzung begegnen (1Thes 5,12–13). Kapitel 26.

46. Die Ältesten und die Gemeinde sollen sich gemeinsam um Frieden bemühen (1Thes 5,13). Kapitel 26.

47. Die Ältesten sind geistliche Wächter und schützen die Gläubigen. Außerdem müssen sie vor Gott Rechenschaft ablegen, ob sie ihrer Verantwortung nachgekommen sind, über die Seelen der Kinder Gottes zu wachen (Hebr 13,17). Kapitel 27.

48. Wenn sich die Mitglieder der Gemeinde weigern, auf die Warnungen der Ältesten vor falschen Lehren und inakzeptablem Verhalten zu hören, „seufzen und stöhnen“ die Leiter darüber. Wer sich weigert, auf die Rufe und Bitten seiner geistlichen Leiter zu hören, verliert die von Gott gegebenen Segnungen des Hirtendienstes. … [In der Tat berauben sie sich wegen ihres Ungehorsams gegenüber den von Gott eingesetzten Leitern des Nutzens deren Dienstes (Hebr 13,17; ELBCSV; korr. gg. dt. Fassung)]. Kapitel 27.

49. Die Ältesten einer Gemeinde und die Gemeinde sind auf eine Weise miteinander verbunden, die manchmal schwer zu beschreiben ist. In der Beziehung zwischen ihnen kann es zu Spannungen und Missverständnissen kommen, die im Neuen Testament nicht im Einzelnen behandelt werden. Als Gottes Verwalter haben die Ältesten die Freiheit, die Beziehung zwischen ihnen und der Gemeinde so zu gestalten, dass sie effektiv zusammenarbeiten und als Einheit gute Entscheidungen treffen können. Kapitel 28.

50. Allein mehrere Älteste zu haben, reicht nicht aus. Die Ältesten müssen ihre Aufgabe, Gottes Herde zu hüten, effektiv erfüllen, oder die Herde wird leiden. Eine gemeinsame geistliche Leitung kann sich in der Theorie gut anhören, die Umsetzung in der Praxis kann aber eine Herausforderung sein. Kapitel 29.

51. Älteste sind Verwalter von Gottes Haus (Tit 1,7). Deshalb müssen sie solide organisatorische Prinzipien und klareKommunikationswege festlegen, sonst wird die Gemeinde leiden. Eine unorganisierte und undisziplinierte Ältestenschaft wird sich mit der Zeit als Hindernis für das Wohlergehen von Gottes Herde und Gottes Haus erweisen. Kapitel 29.

52. Einer der wichtigsten Faktoren bei der Gestaltung einer effektiven Ältestenschaft ist Schulung, Schulung und nochmal Schulung. Die Ausbildung, Begleitung und Forderung künftiger Leiter und Lehrer muss für jede Ältestenschaft Priorität haben. Das Christentum betont die intensive Arbeit der Nachfolge, dazu gehört die Lehre und das vorbildliche Leben, sodass man einem geistlich gereiften Menschen gern nacheifern möchte. Kapitel 29.

53. Gott hat seine Gemeinde mit einer passenden Leitungsstruktur für die Ortsgemeinde ausgestattet – die geistliche Aufsicht durch mehrere biblisch qualifizierte Manner, die vom Heiligen Geist eingesetzt wurden. Die Ältesten arbeiten als wirklich Gleichgestellte zusammen und bringen ihre reiche Vielfalt an individuellen Begabungen und Funktionen in den Dienst ein. In den Worten der Heiligen Schrift bilden sie „die Ältestenschaft“ (vgl. 1Tim 4,14). Dies ist die konsistente Lehre der Heiligen Schrift: Apg 14,23; 15,2–16,4; 20,17–38; 21,18–25; Phil 1,1; 1Thes 5,12–13; 1Tim 3,1–7; 5,17–25; Tit 1,5–9; Hebr 13,17; Jak 5,14–15; 1Petr 5,1–5. Kapitel 28.

Warum bei Gemeindeämtern Erprobung wichtig ist

Lesedauer: 12 Minuten.

Christliche Gemeinden, die bekennen, dass sie sich in Lehre und Praxis an Gottes Wort halten wollen, dieses Wort des Höchsten sogar als oberste Autorität benennen, müssen manchmal beweisen, dass sie dies über das Lippenbekenntnis hinaus auch verbindlich tun. Das gilt natürlich besonders für Bereiche und Fragen, wo der Zeitgeist oder die Tradition gegen den Willen Gottes gerichtet sind. Es gilt aber auch da, wo durch mangelnde Kenntnis des Wortes Gottes Sein Wille gar nicht ausreichend bekannt ist (oft unbewusst, Gefahr eines »Blinden Flecks«). Es gilt auch da, wo besondere Vorlieben, Ängste oder sogar sündige Einstellungen Gottes Wort entgegenstehen.

Eine lebendige, entstehende oder wachsende Ortsgemeinde ist beständig herausgefordert, geeignete Leiterpersonen auszurüsten, einzusetzen und zu unterhalten. Aufgrund der großen geistlichen Verantwortung, die solche geistlichen Führungspersonen haben, ist doppelte Vorsicht walten zu lassen, bevor man jemand in ein solches Amt als Ältester oder Diakon einsetzt. Ältestenämter sind ja keine kündbarem Zweijahres-Jobs (auch wenn in manchen Gemeindearten die Ältesten alle zwei Jahre »gewählt« oder »bestätigt« werden; dies wurde sicher nicht dem NT entnommen), sondern erzeugen in der Regel lebenslange Führungs- und Über- bzw. Unterstellungsverhältnisse. Es gibt Bücherregale voll mit Berichten von Machtmenschen in der Gemeinde, von Korruption, Unsittlichkeit, Geldliebe, Missbrauch usw. und auf der Opferseite von Glaubensaufgabe, Spaltung, Verletzung und »ekklesiogenen Neurosen«.

Schon der reine Hausverstand (in D: »gesunder Menschenverstand«) gebietet, hier bedächtig und sorgsam vorzugehen und nichts zu überhasten, egal wie dringend der Bedarf plötzlich auch zu sein scheint. Ein Sprichwort sagt: »Gott hat die Zeit gemacht, von Eile hat er nichts gesagt.«. Mancher übersteigert dies zu: »Alle Eile ist vom Teufel«. Das kann im Einzelfall stimmen, aber in anderen Fällen auch nicht. Ein guter »Hausverstand« ist sicher notwendig, aber er ist in den Sachen der Gemeinde Gottes nicht hinreichend. Es geht vielmehr zuerst um Gottes Willen, wie er uns schriftlich anvertraut vorliegt. Argumente aus Tradition und Gewohnheit und weltlichem Vorbild sind höchstens zweitrangig. Zwei Punkte sollen dies aufzeigen: unbiblischer Zeitdruck sowie mangelnde Zurüstung, Erprobung und Prüfung von Kandidaten.

Unheilige Eile

Die Ermahnung, bei der Einsetzung von Ältesten und Diakonen nichts überhastet zu tun, sondern ausreichend lange Vorbereitungs- und Bedenkzeit vorzusehen, ist keine Meinung oder Tradition einer bestimmten Gemeindeart oder Lehrschule, sondern universell Gebot des Herrn. Dies gilt auch und besonders, wo der Bedarf groß ist und als Not empfunden wird. Die Heilige Schrift sagt hierzu grundsätzlich:

»Die Hände lege niemand schnell auf,
und habe nicht teil an fremden Sünden
(1Timotheus 5,22).

Das Handauflegen ist eine symbolische Handlung, mit der jemand öffentlich in einen Dienst oder eine bestimmte Aufgabe eingesetzt oder beauftragt wird (vgl. 4Mo 27,18–23; Apg 6,6; 13,1–3; 1Tim 4,14). Alexander Strauch, ein weltweit bekannter Schreiber und Seminarleiter zum Thema biblischer Diakonen- und Ältestendienst aus der amerikanischen »Brüderbewegung« schreibt dazu trefflich:

Die Aufforderung des Paulus lautet wie folgt: Ernenne niemanden »allzu schnell, übereilt, leichtfertig« (284) zum Ältesten. Das ist ein weiser Rat und eine gute Vorbeugungsmaßnahme: Weil es einen großen Bedarf an Hirtenältesten gibt, ist die Versuchung groß, übereilte Ernennungen vorzunehmen. Aber wenn man das tut, schafft man ernsthaftere, langanhaltende Probleme für die Leitung der Gemeinde. Die besten Grundsätze für die Ernennung von Ältesten sind immer noch Zeit, Erprobung, Schulung und Gebet. 

(Biblische Ältestenschaft, 5. Aufl., 2025, S. 334. Die Fn. 284 lautet: »BAUER: s. v. ταχέως, Sp. 1609. Siehe auch Gal 1,6; 2Thes 2,2.«; Fettdruck hinzugefügt)

Das vom Apostel Paulus hier gebrauchte Wort »schnell« lautet im Grundtext ταχέως. Dieses Adverb bedeutet: »schnell, bald, sofort (οὕτως τ. so schnell Gal 1,6); rasch, übereilt, zu schnell.« (Kassühlke, Rudolf ; Newman, Barclay M.: Kleines Wörterbuch zum Neuen Testament: Griechisch-Deutsch).

Nehmen wir einmal an, einer Gemeinde würden überraschend einige Männer der Gemeinde mit guter Lebensführung von der Gemeindeleitung vorgestellt, die nun nach Willen der Ältesten nach ein, zwei Wochen Bedenkzeit für die Gemeinde als neue Älteste dienen sollen. Nehmen wir zusätzlich an, dass diese Kandidaten bzgl. der Ältestenaufgaben weder ausgebildet, noch angeleitet, noch Praxisreife nachgewiesen haben. Dann wird niemand daran zweifeln können, dass genau solche Eile von Gott durch den Apostel Paulus untersagt wurde. Das sollte nicht schwer zu erkennen sein.

Auch wenn die bisherigen Gemeindeleiter längere Zeit um Nachfolger gebeten haben, auch wenn sie manche Kandidaten immer wieder angefragt haben, bis einzelne dann ihr Ja gaben, gibt es bei der dann öffentlichen Erprobung, Bewährung und Diensteinsetzung keinen Grund dafür, dies dann in einer Woche durchzuziehen. Gefragt ist eine verantwortungsvolle Mitbeteiligung der Gemeindeglieder am biblisch vorgegebenen Prozess ohne Zeitdruck. Er hat ja meist jahrzehntelange Konsequenzen für alle nach innen und außen. Es geht nicht um das Einführen bibelfremder, demokratischer Strukturen in die Gemeinde Gottes, sondern um situative Partizipation der Gemeinde (vgl. Apostelgeschichte 6), es geht nicht um demokratische Abstimmung, sondern um geistliche Konsensbildung und Einmütigkeit. Das braucht Zeit. Es ist aber gut angelegte Zeit. Wer hier den Kurzschluss versucht, wird Rauch ernten und später viel in Reparaturaufwand investieren müssen.

Erprobung, Bewährung und öffentliche Prüfung

Christus weist uns ebenfalls –und in ergänzender Sicht– durch den Apostel Paulus an, dass Kandidaten für das Ältesten- oder das Diakone-Amt biblische Qualifikationskriterien erfüllen müssen. Dies ist hier besonders wichtig, da diese Dienste auch öffentlich sind, die Gemeinde und den Namen Christus vor den Außenstehenden repräsentieren. Paulus sagt zusammenfassend:

»Lass diese aber auch zuerst erprobt werden, 
dann lass sie dienen, wenn sie untadelig sind.«
(1Timotheus 3,10).

Alexander Strauch erklärt diese Stelle wie folgt:

Nachdem Paulus die jeweiligen Qualifikationen aufgezählt hat, verlangt er, dass sowohl die Ältesten als auch die Diakone öffentlich geprüft werden, bevor sie in ihren jeweiligen Ämtern dienen: »Auch sie aber sollen zuerst erprobt werden, dann sollen sie dienen, wenn sie untadelig sind« (1Tim 3,10).

(Biblische Ältestenschaft, 5. Aufl., 2025, S. 334.; Hervorhebung hinzugefügt.)

Die Anweisung Gottes in 1Timotheus 3,10 schreibt eine Reihenfolge in der Vorgehensweise vor, was man an den Wörtern »zuerst« und »dann« klar erkennen kann. Das Wörtchen »auch« markiert, dass diese Anweisung nicht nur für Diakon-Kandidaten, sondern auch für die kurz zuvor genannten Ältestenkandidaten gilt. Es ist ein weiterreichender Grundsatz für die Gemeinde. Das »wenn« gibt eine Bedingung an, deren Erfüllung ernsthaft geprüft werden muss.

Erprobung

Nach der von den Gemeindeleitern unter Gebet getroffenen Vorauswahl von Kandidaten, die die biblischen Qualifikationen sicher erfüllen, die selbst dieses Amt anstreben (oregomai; »sich danach ausstrecken«, danach »trachten«, was daran sichtbar wird, dass sie bereits Ältestendienste tun, auch ohne bereits im öffentlichen Amt zu sein; seelsorgerliche Dienste an Erwachsenen, Predigten zur Darstellung oder Verteidigung der biblischen Lehre, Leitung eines Dienstbereiches der Gemeinde zum Beispiel) und begehren (epithymeō; »(innerlich) begehren«, »gelüsten«; 1Timotheus 3,1), müssen diese Kandidaten nun »zuerst erprobt« werden. Das bedeutet nichts anderes, als dass sie »zuerst« im Rahmen ihrer Erprobung (ggf. inkl. Ausbildung) für das vorgesehene Amt tätig werden, nun aber im öffentlich bekannten und geschützten Modus. Selbstverständlich (aber nicht jedem einsichtig) kann eine Erprobung für den Ältestendienst nur in ältestentypischen Aufgaben erfolgen. Das kann unterschiedlich lang dauern, ist aber nicht in einer Woche zu schaffen. Sind die vorgeschlagenen Kandidaten jene, die der Heilige Geist haben will, dann werden diese durch das in ihnen geweckte Begehren bereits im tätigen Ausstrecken nach ältestentypischen Aufgaben sichtbar werden (1Timotheus 3,1). Wenn diese aber bei Ernennung »bei Null« anfangen, ist etwas gründlich schief gelaufen.

Die Erprobung muss natürlich in Begleitung und in einer Jüngerschaftsbeziehung durch die bereits eingesetzten Ältesten geschehen. Es ist das biblische Vorbild, das der Herr Jesus und der Apostel Paulus vorgelegt haben. Selbst bei dem besten Lehrer und »Jüngerschaftsausbilder« (Rabbi) Jesus Christus dauerte das über 3 Jahre. Alle Beteiligten und auch die Gemeinde können dann sehen, wie die Kandidaten in den einschlägigen Aufgaben und Herausforderungen wachsen, fruchtbar sind und sich bewähren. So kann man erkennen, ob die Bereiche, die ihnen anvertraut werden (vor allem in der Erwachsenenarbeit!), anhaltend gesund wachsen und inhaltlich sowie charaktermäßig nach biblischen Maßstäben geleitet werden. Nur so kann man erkennen, ob Gott sie als geistliche Vorbilder und als Leiter verwendet, segnet und im Amt haben will. Und um den Willen Gottes geht es hier, nicht um die Wünsche oder Vorlieben der Gemeinde oder der bisherigen Gemeindeleiter. Zumindest, wenn das Bekenntnis zur Schrift als Norm für alles ein wahrhaftiges ist.

Bewährung und öffentliche Prüfung

Nach einer gewissen Zeit, die natürlich jeweils unterschiedlich lang sein kann, kann man dann hoffentlich die Bewährung zweifelsfrei erkennen, dass Gott sie also in den ihnen jeweils anvertrauten Bereichen des Ältestendienstes in Zusammenarbeit mit den bestehenden Ältesten segnet und sie als geistliche Leiterpersonen bestätigt.

Bewährung kann man besonders gut in Krisensituationen beobachten: Werden sie sich auf Gottes Wort stützen und dabei bleiben? Lieben sie die Geschwister und den Herrn über alles? Oder werden sie traditionell denken, politisch taktieren, ausfällig werden, psychische oder physische Gewalt anwenden? Werden sie sich zurückziehen, statt Stellung zu beziehen und Schutz zu bieten? Werden sie einer Partei oder Sippe verpflichtet sein, oder der Gesamtgemeinde, über allem aber dem Herrn Jesus und Seinem Wort? Werden sie die Gerüchteküche dulden (gar fördern), oder aktiv diese trockenlegen (Sprüche 6,16–19)? Werden sie in Liebe und Langmut nachhaltig den Willen des Herr in der Gemeinde umzusetzen suchen? Kennen sie diesen Willen überhaupt, können sie ihn aus Gottes Wort überzeugend darlegen und verteidigen? Werden sie unter den Herausforderungen einer Krise oder eines Konflikts geistliche Zucht, Gottvertrauen und Hingabe an das Wort beweisen (usw.)? Eine Gemeinde braucht eben nicht nur bei lauem Lüftchen und Sonnenschein rechte Hirten, sondern auch im Sturm und beim nächtlichen Wolfsangriffen (s. Apostelgeschichte 20,28–35). Und zwar verkündigend und lehrend »öffentlich und in den Häusern« (Apostelgeschichte 20,20).

Erst dann, nach diesem einmütigen Erkennen seitens der Gemeinde, darf nach Gottes Willen der Schritt vollzogen werden, sie »dienen zu lassen«, nämlich als offizielle Amtsträger und Diener jener Ortsgemeinde (nochmals: »Amt« bezeichnet einen Dienst, der auf den Rahmen einer definierten, örtlichen Gemeindeherde begrenzt ist). Jeder wird sich dann bereitwillig diesen vom Herrn gebrauchten Führern unterordnen, weil sie sicher sind, dass sie sich geistlich in die richtige Richtung entwickeln, wenn sie dem Vorbild und Glauben dieser Männer (Hebräer 13,7) nachfolgen. Sie werden akzeptiert und geehrt als wahre »Minister« (=Diener) der Gemeinde Jesu. Man wird erfahren, dass sie nicht nur den Titel und die Macht als »Führer« haben wollen, sondern sich hingegeben haben, »über die Seelen zu wachen« (Hebräer 13,17; das ist die Aufgabe eines Hirten als »Aufseher« seiner »Schafherde« am Ort; 1Timotheus 3,1f; Titus 1,7).

Muss ein Kandidat die biblischen Kriterien optimal erfüllen? Muss er ein »perfekter Christ« sein? Natürlich nicht – diesseits des Himmels! Es gibt klare Muss-Kriterien, andere sind wachstümliche Merkmale. Aber es gibt zwei Grenzen, innerhalb man dies ausdeuten darf: (1.) Er darf kein »Neugepflanzter« (Neuling) sein, also jemand, der erst kurze Zeit gläubig ist (1Timotheus 3,6); (2.) Er muss »Vorbild der Herde« sein (1Petrus 5,3); d.h. dass er den meisten an Reife und Glauben so weit voraus ist, so dass sie sich an ihm orientieren können (Hebräer 13,7b). Es geht also um »hervorragende, gläubige Männer«! Denn Führung geht nicht durch »managen« oder »herrschen«, wie über eigenen Besitz, sondern durch Vorbild. Älteste verfügen nicht über die Gemeindeglieder wie über eigenen Besitz. Sie sind vielmehr vom Oberhirten beauftragte Unterhirten, also Verwalter, die Schafe gehören nicht ihnen (1Petrus 5,3; Hebräer 13,17).

Wenn alles unter Gottes Geist und Fürsorge gut läuft, werden sich die neuen Ältesten dann hoffentlich auch in Zukunft weiterentwickeln, wie das von allen Christen erwartet werden darf, aber bei Ältesten vorbildhaft zu sehen sein muss. Ein Ältester, der nicht laufend dazulernen will und reift, kann schwerlich Vorbild sein. Ein Ältester (oder Kandidat), der nicht regelmäßig Fortbildungen besucht und veranstaltet, weist einen nicht geringen Mangel auf. Warum? Weil erstens »Jünger Jesu« sein bedeutet, lebenslang ein »Schüler« zu sein (das ist die Wortbedeutung von mathētēs, »Jünger«). Und weil zweitens der Missionsauftrag des Herrn fordert: »Lehrt sie, alles zu bewahren, was ich euch geboten habe« (Matthäus 28,20).

Älteste genießen ihres Amtes wegen besonderen Schutz in ihrem Dienst, sind zu achten und zu ehren und –in manchen Fällen– auch zu honorieren. Sie unterliegen der besonderen Beurteilung der Gemeinde, da sie diese öffentlich vertreten und leiten (s. 1Timotheus 5,17–22). Dazu wäre vieles mehr zu sagen, sprengte aber den Rahmen dieser kurzen Rückbesinnung.

Diese Vorgehensweise ist weder eine Angelegenheit von Vorlieben oder Meinungen, sondern im biblischen Gebot mit festem Rahmen, Inhalten und Reihenfolge vorgegeben. Darüber hinaus bestehen viele Möglichkeiten der Ausgestaltung, so dass diese Vorgaben in unterschiedlichen Kulturen und Zeiten und Situationen effektiv umgesetzt werden können.

Eine Mahnung, diese göttlich vorgegebene Vorgehensweise zu beachten und zu beschreiten, ist jedenfalls biblisch geboten. Nur so kann Gottes Segen erwartet werden. Und den will hoffentlich niemand vermissen.

Einige hilfreiche Zitate

Alexander Strauch liefert einige Aussagen aus seinem riesigen Erfahrungsschatz, die es wert sind, bedacht zu werden. Die folgende Auwahl stammt aus Kapitel 30 »Das Wichtigste in Kürze«, das eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte seines einschlägigen Standardwerks Biblische Ältestenschaft (2025) ist (alle Hervorhebungen hinzugefügt). Die vollständige Liste ist an anderer Stelle zu finden.

  • »(14) In Anlehnung an das Bild des Hirten bestehen die Aufgaben der Ältesten im Großen und Ganzen darin, (1) die Herde mit reichhaltiger Nahrung aus der von Gott inspirierten Schrift zu ernähren, (2) die Herde vor wolfsähnlichen Irrlehrern zu schützen, (3) die Herde durch die Stürme des Lebens und zu grünen Weiden zu führen und ( 4) für die praktischen Bedürfnisse der Gemeinde Gottes zu sorgen. Ein wichtiger Grundsatz der biblischen Ältestenschaft ist, dass man sie als Team von Leitern der Gemeinde betrachten sollte, nicht als einen Vereinsvorstand.«
  • »(23) Sowohl Älteste als auch Diakone müssen öffentlich auf ihre Qualifikation und Eignung für den Dienst geprüft werden (1 Tim 3,10). Die ordnungsgemäße Prüfung eines Ältestenkandidaten ist genau der Punkt, an dem viele Gemeinden versagen. Das Verfahren erfordert Zeit und Mühe, und viele Gemeinden meinen, sie seien zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, um sich diese Mühe zu machen. Ein großer Fehler!«
  • »(35) Ein Ältester muss sich mit ganzem Herzen für die Wahrheiten des Evangeliums einsetzen (Tit 1,9).«
  • »(36) Alle Ältesten müssen in der Lage sein, andere in gesunder Lehre zu unterweisen, falsche Lehrer zu entlarven und sie mutig zurechtzuweisen (Tit 1,9).«
  • »(51) Älteste sind Verwalter von Gottes Haus (Tit 1,7). Deshalb müssen sie solide organisatorische Prinzipien und Kommunikationswege festlegen, sonst wird die Gemeinde leiden. Eine unorganisierte und undisziplinierte Ältestenschaft wird sich mit der Zeit als Hindernis für das Wohlergehen von Gottes Herde und Gottes Haus erweisen.«
  • »(52) Einer der wichtigsten Faktoren bei der Gestaltung einer effektiven Ältestenschaft ist Schulung, Schulung und nochmal Schulung. Die Ausbildung, Begleitung und Förderung künftiger Leiter und Lehrer muss für jede Ältestenschaft Priorität haben. Das Christentum betont die intensive Arbeit der Nachfolge, dazu gehört die Lehre und das vorbildliche Leben, sodass man einem geistlich gereiften Menschen gern nacheifern möchte.«

Literatur- und Medienhinweise

Alexander Strauch, Biblische Ältestenschaft. Handbuch für schriftgemäße Gemeindeleitung, überarbeitet. u. erw. Neuausgabe (Dillenburg: CVD, 2025), 608 Seiten. – Verlagstext: »Biblische Ältestenschaft ist seit 30 Jahren das Standardwerk zur biblischen Lehre über Ältestenschaft: der gemeinschaftlichen pastoralen Leitung einer Gemeinde durch eine biblisch qualifizierte, vom Geist eingesetzte Ältestenschaft. Das Buch hat ein weltweites Erwachen zu diesem oft vernachlässigten und missverstandenen Thema bewirkt. Die Neuausgabe wurde umfassend überarbeitet und erweitert. Alle, die solide Bibelexegese lieben, werden dankbar dafür sein. Jede neutestamentliche Stelle zum Thema wird sorgfältig erklärt und interpretiert, sodass die biblischen Autoren selbst zu Wort kommen. Alle Schlüsselfragen werden angesprochen, neueste bibelwissenschaftliche Erkenntnisse werden dabei beachtet. So dient dieses Handbuch als Kommentar, Ressource und Lehrbuch zur Förderung von Ältesten als Hirten. Es wird auch in den kommenden Jahren das Standardwerk sein.«

Alexander Strauch, Biblische Ältestenschaft. Studienführer, 3. Aufl. (Dillenburg: CVD, 2025), 192 Seiten. – Verlagstext: »Dieser Studienführer ergänzt und vertieft einzigartig die Lektüre des Hauptbuches. Durch zielgerichtete Fragen (jeweils mit Seitenverweis aufs Buch) können die Gedanken kapitelweise für die eigene Gemeinde und die dortige Leitungspraxis erarbeitet werden. Das kann sowohl in der Gruppe (z. B. im Ältestenteam) geschehen als auch in der persönlichen Stillen Zeit. Für Letzteres wurden die Abschnitte extra in „Stille-Zeit-Portionen“ eingeteilt, die sich in ca. 20 Minuten bearbeiten lassen.«

Hirtenkonferenz 2025 »Ältestenschaft« (EBTC). 10 Vorträge als Video auf YouTube. Augenöffend und seelengewinnend, vom Herrn bewährte Gemeindehirten über dieses hohe Amt reden zu hören!

David A. Harrell, Hirtendienst. 7 biblische Prinzipien für den Dienst als Leiter in Gottes Gemeinde (Berlin: EBTC, 2023).

Jeramie Rinne, Leitung durch Älteste. Wie man Gottes Volk wie Jesus als Hirten leitet (Serie: 9 Merkmale gesunder Gemeinden) (Augustdorf: Betanien, 2022).

Paul David Tripp, Leiten. 12 Prinzipien des Evangeliums für Leiterschaft in der Gemeinde (Berlin: EBTC, 2022).

Für Diakone:
Alexander Strauch, Gottes Gemeinde unterstützen. Paulus Sicht vom Dienst des Diakons (Dillenburg: CVD, 2019), 192 Seiten. – Verlagstext: »Die Ansichten über die Rolle der Diakone sind unter den evangelikalen Christen sehr unterschiedlich. Was lehrt die Schrift eigentlich über Diakone und ihre Rolle in der Gemeinde? Die Ansichten reichen vom Diakon als Gemeindevorstand bis hin zum Ausführenden von Bauvorhaben. Strauch erklärt, dass sein Ziel beim Schreiben dieses Buches darin besteht, den Diakonen und Ältesten von Gemeinden zu ermutigen, kritischer darüber nachzudenken, was sie sagen, was sie tun und was die Schrift tatsächlich über Diakone lehrt. Was auch immer wir über Diakone denken mögen, diese Studie wird uns helfen, die biblischen Fakten über Diakone im Detail zu untersuchen, sodass unser Nachdenken über Gemeindefragen von zuverlässigen Informationen genährt wird. – Dieses Buch bietet die Möglichkeit, eine breitere Übereinstimmung in bibeltreuen Gemeinden darüber herzustellen, was Diakone tun. Bekannt für seine tiefe Liebe zu Gottes Gemeinde und für seine sorgfältige Bibelauslegung, kann Strauchs neue Studie nicht ignoriert werden von denen, die sich dafür einsetzen wollen, einem biblischen Modell von Gemeinde zu folgen.«
Auch dazu gibt es einen Studienführer.

2026: Ein Jahr der Heiligung durch Gottes Wort

Das neue Jahr steht vor der Tür, und ich hoffe, dass wir uns für 2026 vorgenommen haben, uns in Gottes Wort zu vertiefen. In der gesamten Kirchengeschichte haben Christen, die der Heiligen Schrift mächtig waren, systematisch Jahr für Jahr in der Heiligen Schrift gelesen. Ein neues Jahr ist eine großartige Gelegenheit für einen Neuanfang, und deshalb sollten wir uns (wieder) fest und planvoll vornehmen, fleißig, regelmäßig und diszipliniert in der Bibel zu lesen.

Zunächst sollten wir zwei falsche Beweggründe für das Lesen des Wortes Gottes bedenken. Wir dürfen die Bibel nicht einfach nur lesen, um Informationen anzuhäufen. Es gibt Millionen von unerweckten Menschen in Bibelstudien, Kirchen, Universitäten und Seminaren, die Gott nicht kennen und die durch ihr Studium nicht im Geringsten verändert worden sind. Wir sollten die Bibel auch nicht einfach als eine weitere Aufgabe auf unserer täglichen Aufgabenliste lesen. 

Wenn wir über das Bibelstudium und das Bibellesen im Jahr 2026 nachdenken, müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass wir zwar jeden Tag die Lektüre abhaken, aber keinen Nutzen aus unserer Zeit im Wort Gottes ziehen können. Deshalb müssen wir an die Bibel herangehen, nicht als ob wir etwas für Gott tun, indem wir sein Wort lesen, sondern als Menschen, die danach hungern, dass er etwas in uns tut. Das Ziel des Bibellesens ist Heiligung, Verwandlung und Wachstum in der Heiligkeit.

Die Worte Jesu in Johannes 17,17 helfen, diese Wahrheiten in unserem Bewusstsein zu festigen. Hier betete Jesus: »Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit«. Dies ist eine wunderbare Bitte, die Jesus an den Vater richtet. Er bittet den Vater, alle Gläubigen in der Wahrheit zu heiligen, welche er mit dem Wort Gottes gleichsetzt. Es gibt drei Dinge, über die wir nachdenken sollten, wenn wir diese Bitte unseres Herrn betrachten.

1  Zunächst sollten wir über die Wichtigkeit der Heiligung nachdenken

Auf der grundlegendsten Ebene bedeutet Heiligung, abgetrennt und heilig gemacht zu werden. Zum Beispiel sollte der Sabbat im Alten Testament heilig sein. Auch Menschen konnten heilig sein, wie wir in Jeremia 1,5 lesen: »Bevor ich dich im Mutterleib bildete, habe ich dich erkannt, und bevor du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt: Zum Propheten an die Nationen habe ich dich bestellt«. Das Wort »geheiligt« hat die Bedeutung von „abgesondert sein“. Jeremia war für den Dienst an Gott als Prophet für die Völker bestimmt und abgesondert, bevor er überhaupt geboren wurde. 

Die Heilige Schrift macht deutlich, dass Heiligung sowohl eine feste, frei zugesprochene Stellung als auch ein anstrengender Prozess mit vielen Einzelschritten ist. Man kann sagen, dass ein Mensch geheiligt ist, während er gleichzeitig noch geheiligt wird. Gott sondert Menschen für seinen eigenen Gebrauch aus und diese Menschen wachsen allmählich in ihrer Nützlichkeit für Gott, wenn sie lernen, den Charakter Jesu, des Gesalbten, nachzuahmen, indem sie praktisch umsetzen, dass sie Gott gehören. Sie tun dies durch den Glauben, der sich in einem durch Liebe motivierten Gehorsam ausdrückt.  

Heiligung ist nicht nur etwas Äußerliches. Es geht dabei auch nicht nur um eine Veränderung unseres Verhaltens. Menschen, die nicht für Gott ausgesondert sind – also Ungläubige – erfüllen die Begierden ihres angeborenen sündigen Wesens und leben für ihre egoistischen Wünsche, Werte und Sehnsüchte. Glaubende hingegen lassen ihr Leben nicht von solchen Begierden beherrschen. Sie kämpfen immer noch mit ihren alten, ungöttlichen Begierden; sie wollen lernen, diese zu verleugnen. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass im Glaubenden andere, neue Begierden auftauchen und wachsen, nämlich Gott zu gefallen, den Willen Gottes zu tun, die Ehre unseres Herrn Jesus Christus zu suchen und zum Wohl anderer zu leben und die Gnade unseres Gottes zu verherrlichen.

2  Zweitens sollten wir den Prozess der Heiligung gut verstehen

Heiligung ist Gottes gnädiges Wirken im Leben eines Glaubenden. Keiner verdient es, von Gott geheiligt zu werden. Wir haben in uns selbst keinen Anspruch Gott gegenüber, mit dem wir zu ihm kommen und verlangen könnten, dass er uns heilige. Insofern ist es reines Gnadengeschenk.

Die Tatsache, dass die Heiligung ein Werk Gottes ist, wird im gesamten Neuen Testament hervorgehoben und allen drei Personen des dreieinigen Gottes zugeschrieben. In 1. Thessalonicher 5,23 heißt es: »Er selbst aber, der Gott des Friedens, heilige euch völlig; und euer ganzer Geist und Seele und Leib werde untadelig bewahrt bei der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus.« Die Heiligung wird in Epheser 5,26 auch Jesus Christus zugeschrieben, wo es von Ihm bzgl. seiner Gemeinde heißt: »damit er sie heiligte, sie reinigend durch die Waschung mit Wasser durch das Wort«. Außerdem sehen wir in 2. Thessalonicher 2,13, dass der Heilige Geist uns heiligt. Paulus schreibt: »Wir aber sind schuldig, Gott allezeit für euch zu danken, vom Herrn geliebte Brüder, dass Gott euch von Anfang erwählt hat zur Errettung in Heiligung des Geistes und im Glauben an die Wahrheit«. Der dreieinige Gott ist bei unserer Heiligung am Werk. 

Das bedeutet nicht, dass wir bei unserer Heiligung rein passiv bleiben dürften. Die Heilige Schrift ist voll von Geboten, Gott zu gehorchen, uns zu reinigen, uns der Ungerechtigkeit zu enthalten, die Unzucht zu fliehen, gottlose Begierden zu verleugnen, der Gerechtigkeit und der Frömmigkeit nachzujagen. Uns wird gesagt, dass wir unser (praktisches) Heil mit Furcht und Zittern bewirken (o. hervorbringen; Philipper 2,13) sollen. Wir müssen jedoch immer daran denken, dass wir, selbst wenn wir uns mehr als alle anderen anstrengen und eine Heiligkeit erlangen, die alle anderen Sünder übertrifft, dies nur der Gnade und Macht Gottes in unserem Leben zu verdanken ist und nicht unserer Kraft, unserer Macht oder unserer Anstrengung. 

Wie heiligt Gott uns? Heiligung hat zwei Bedeutungen: die eine geschieht bei der Bekehrung und ist ein einmaliges Ereignis, die andere schreitet im Laufe unseres Lebens voran. Beide Aspekte der Heiligung geschehen durch die Wahrheit, durch Gottes Wort

(1) Gott heiligt uns zunächst durch die Wahrheit seines Wortes, setzt uns für sich selbst zur Seite. Wir wissen, dass der Glaube durch das Hören der Verkündigung kommt und die Verkündigung durch das Wort Gottes (Römer 10,17). Oder wie Jakobus es ausdrückt: »Nach seinem eigenen Willen hat er uns durch das Wort der Wahrheit gezeugt, damit wir eine gewisse Erstlingsfrucht seiner Geschöpfe seien« (Jakobus 1,18). Petrus sagt dasselbe in 1. Petrus 1,23, wo er schreibt: »die ihr nicht wiedergeboren seid aus verweslichem Samen, sondern aus unverweslichem, durch das lebendige und bleibende Wort Gottes«.

(2) Die fortschreitende Heiligung verwendet dasselbe Mittel, wie schon bei unserer ewigen Errettung: das Wort Gottes. Der Geist Gottes benutzt das Wort Gottes, um uns heiliger zu machen. Neben Johannes 17,17 steht eine der klarsten Aussagen in diesem Sinne in Apostelgeschichte 20,32, wo Paulus, als er mit den Ältesten von Ephesus zum letzten Mal sprach und ihnen als sein Vermächtnis ans Herz legte: »Und nun befehle ich euch Gott und dem Wort seiner Gnade an, das vermag, aufzuerbauen und das Erbe zu geben unter allen Geheiligten«. Paulus war sich sicher, dass die Glaubenden der Gemeinde in Ephesus im Wort Gottes alles hatten, was sie brauchten, um den Wettlauf als Glaubende und Heilige stark zu vollenden.

Einige der beliebtesten Verse zu diesem Thema finden sich im Psalm 119, wo uns ein wunderbares Zeugnis für die Macht des Wortes Gottes bei der Heiligung gegeben wird. In Versen 104f sagt der Psalmist: »Aus deinen Vorschriften empfange ich Einsicht; darum hasse ich jeden Lügenpfad. Dein Wort ist Leuchte meinem Fuß und Licht für meinen Pfad.« Beachten wir hier, dass der Mensch, der im Glauben zu Gottes Wort kommt, Verständnis für Wahrheit, Gerechtigkeit, Recht, Weisheit, Heiligkeit, Sünde und Errettung erlangt. Das Wort Gottes zieht uns zu sich, indem es uns die Wahrheit offenbart. Der Geist Gottes wirkt in unseren Herzen durch dieses Wort. Und so wollen wir keine Lügen, keine Philosophien der Welt und keine Ratschläge der Gottlosen. Wir Glaubenden wollen nur die Wahrheit.

3  Schließlich müssen wir den Prozess der Heiligung anwenden 

Wie lesen wir die Bibel so, dass Gottes Kraft uns durch sein Wort verwandelt? Fünf Hinweise:

Erstens: Wertschätze das Wort Gottes. Wenn wir durch Gottes Wort verändert werden wollen, müssen wir es lieben und uns daran erfreuen. Es ist ein Wunder, dass der ewige Gott uns überhaupt etwas offenbart, geschweige denn eine so vollständige und umfassende Offenbarung seiner selbst in seinem Wort gibt!

Zweitens: Lese Gottes Wort unter Gebet. Unser Lesen sollte sozusagen in Gebet gebettet und gebadet sein. Wir sollten Gott bitten, unsere Herzen zu prüfen, unsere Sünde aufzudecken und uns in unseren Entmutigungen und Nöten zu trösten und aufzurichten. 

Drittens: Lese Gottes Wort im Glauben. Die Verheißungen Gottes gehören allen an Christus Jesus Glaubenden. Daher können wir glauben und seinen Worten friedvoll vertrauen.

Viertens: Lese Gottes Wort in Demut. Wir können Gottes Wort nicht so verändern, dass es das sagt, was wir es sagen lassen wollen. Vielmehr wir müssen das, was es sagt, ohne Rücksicht auf unsere eigenen vorgefassten Meinungen annehmen.  Nicht wir sitzen über Gottes Wort zu Gericht, sondern Gottes Wort beurteilt uns.

Fünftens: Lese das Wort Gottes mit dem Wunsch, ihm zu gehorchen. Wir kommen nicht zum Wort, um bloß Informationen zu erhalten, sondern vielmehr, um verwandelt zu werden! Wir müssen das Wort Gottes mit dem Willen lesen, es zu befolgen. 

Wenn wir das Wort mit diesen Prinzipien im Herzen lesen, wird Gott treu in uns wirken und uns durch sein Wort heiligen. Werden wir treu sein und jeden Tag demütig und treu zu Gottes Wort kommen, mit einem Herzen, das nach Heiligkeit verlangt? Ich bete, dass dies unser Herzenswunsch ist, während wir ein weiteres Jahr beginnen, das der Herr uns so gnädig geschenkt hat. 

Ein frohes neues Jahr!

Denn sowohl der, der heiligt, als auch die, die geheiligt werden, sind alle von einem ; um welcher Ursache willen er sich nicht schämt, sie Brüder zu nennen. … Jagt dem Frieden nach mit allen und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn schauen wird. (Hebräer 2,11; 12,14)

Quellen & Disclaimer

Text im Dezember 2025 adaptiert für 2026 von: Robb Brunansky: 2024: A Year of Sanctification Through God’s Word, thecripplegate.com, 3. Januar 2024 (https://thecripplegate.com/2024-a-year-of-sanctification-through-gods-word/; 03.01.2024); übersetzt und adaptiert von Grace@logikos.club.

Bild erstellt aus KI-generierter Vorlage (de.freepik.com/pikaso) mittels Photoshop 2026 durch Grace@logikos.club.
Hashtag #sanctifyear aus #sanctify+[godly]fear+[new]year

Vor, während und nach der Predigt (C. H. Spurgeon)

»Deshalb legt ab alle Unsauberkeit und alles Überfließen von Schlechtigkeit, und nehmt mit Sanftmut das eingepflanzte Wort auf, das eure Seelen zu erretten vermag. Seid aber Täter des Wortes und nicht allein Hörer, die sich selbst betrügen.« (Jakobus 1,21–22)

Brüder, es ist gut, unter dem Wort Gottes zu stehen. Selbst wenn die niedrigsten Motive Menschen dazu bewegen sollten, das Evangelium zu hören, ist es dennoch gut, dass sie kommen. Wir haben von einigen gehört, die sogar gekommen sind, um zu stehlen, und doch hat das Wort Gottes sich in ihre Herzen eingeschlichen. In vielen Fällen wurden in früheren Zeiten Spione ausgesandt, um den protestantischen Theologen zuzuhören, die das Evangelium predigten, und diese machten sich Notizen über alles, was gesagt wurde, um sie der falschen Lehre zu bezichtigen, damit sie bestraft würden; doch in mehreren Fällen wurden die Spione selbst bekehrt. So groß ist die Kraft des Evangeliums Christi, dass es selbst seine größten Feinde anzieht und für sich gewinnt. Wer sich seinem Feuer nähert, selbst mit der Absicht, es zu löschen, kann sich von seiner Hitze überwältigt finden.

Meister Hugh Latimer erzählt in seiner urigen Art, als er die Menschen ermahnt, zur Kirche zu gehen, von einer Frau, die viele Nächte lang nicht schlafen konnte, obwohl man ihr Medikamente gegeben hatte; aber sie sagte, wenn man sie zu ihrer Pfarrkirche bringen würde, könnte sie dort schlafen, denn sie habe oft einen ruhigen Schlaf unter der Predigt genossen; und er geht so weit zu sagen, dass es besser sei, wenn die Menschen sogar zum Schlafen zur Predigt kämen, als gar nicht zu kommen; denn, wie er in seinem schönen alten Sächsisch hinzufügt, »sie könnten im Schlafen erwischt werden«. So ist es tatsächlich. Ein kranker Mensch tut gut daran, dort zu leben, wo es Ärzte gibt, denn eines Tages könnte er geheilt werden. Wenn Menschen in der Hitze des Gefechts stehen, können sie verwundet werden; wenn sie dorthin kommen, wo die Pfeile des Evangeliums abgeschossen werden, können sie durch einen fallen. Pflanzen, die im Freien wachsen, werden wahrscheinlich bewässert, wenn der Regen fällt. Wir wagen es nicht, zu jemandem, der das Gebetshaus betreten will, zu sagen: »Du darfst nicht kommen, weil deine Motive grob und niedrig sind.« Nein, du bist auf jeden Fall willkommen. Wer weiß, ob Gott dir nicht auf deinem Weg begegnen wird. Wenn du dort bist, wo seine Wahrheit gepredigt wird, kannst du sie hören; und »der Glaube ist aus der Verkündigung, die Verkündigung aber durch Gottes Wort« (Römer 10,17).

Du wirst bestimmt sofort einsehen, dass es in jedem Fall gut ist, irgendwie zum Hören des Wortes zu kommen, dass es aber viel besser ist, auf eine vorbereitete Weise zu kommen. Wir sollten uns bemühen, so viel wie möglich aus den Gnadenmitteln zu schöpfen und nicht wahllos daran zu pflücken. Ein Bauer mag denken, dass es auf seinem Land sicher eine Ernte geben wird, wenn er nur sät; doch, wenn er ein weiser Mann ist, gibt er sich nicht mit einer mageren Ernte zufrieden, sondern düngt sein Land reichlich und bearbeitet es gut, damit es ihm einen großen Ertrag bringt, denn in unseren Zeiten ist die größtmögliche Ernte unverzichtbar anzustreben. So, meine Brüder, lasst uns die heilige Verordnung der Predigt so nutzen, dass wir die größtmögliche Menge Gold aus dem Erz gewinnen können. Lasst uns so in die feierliche Versammlung kommen, dass wir hoffen können, dort Gott zu begegnen, denn das ist der Hauptzweck unseres Zusammenkommens; und lasst uns vor dem Kommen, während des Kommens und nach dem Kommen zum Heiligtum so handeln, dass wir den größtmöglichen Gewinn aus unserem Zusammenkommen ziehen können. Das Wort des Herrn zu hören, wird oft vom Geist Gottes zu Leben für tote Seelen gemacht und ist das hervorragendste Mittel, um diejenigen, die bereits für Gott leben, weiter zu beleben. Lasst uns nicht durch unsere eigene Schuld auch nur einen Funken dieses Segens verlieren. Das Wort des Herrn ist in diesen Tagen kostbar; lasst uns nicht leichtfertig damit umgehen.

Heute Morgen werde ich meinen Text mit der ernsthaften Absicht behandeln, euch zu lehren, wie man zuhört. Oh, möge der Geist Gottes mir gnädig helfen! Zunächst wollen wir uns merken, was vor der Predigt zu tun ist: »Legt alle Unreinheit und Überfluss an Bosheit ab …« Zweitens wollen wir lernen, wie wir uns während der Predigt verhalten sollen: »Nehmt das eingepflanzte Wort mit Sanftmut auf, das eure Seelen retten kann.« Und drittens gibt es hier die Anweisung für nachder Predigt: »Seid Täter des Wortes und nicht nur Hörer, die sich selbst betrügen.«

I. Vor der Predigt

Betrachten wir die angemessene und richtige Vorbereitung auf das Hören des Evangeliums, oder was vor dem Hören zu tun ist. Jedem, der darüber nachdenkt, wird auffallen, dass es einer gewissen Vorbereitung des Herzens bedarf, um zum Gottesdienst zu kommen und das Evangelium zu hören. Bedenken wir, in wessen Namen wir uns versammeln, dann können wir sicherlich nicht gedankenlos zusammenkommen. Bedenken wir, wen wir zu verehren vorgeben, dann werden wir nicht in seine Gegenwart eilen, wie Menschen zu einem Feuerwehreinsatz rennen. Moses, der Mann Gottes, wurde ermahnt, seine Schuhe von seinen Füßen zu ziehen, als Gott sich nur in einem Busch offenbarte (2Mose 3,5); wie sollten wir uns dann vorbereiten, wenn wir zu ihm kommen, der sich in Christus Jesus, seinem geliebten Sohn, offenbart? Wir sollten nicht halb schlafend in den Ort der Anbetung stolpern und nicht dorthin schlendern, als wäre es nichts weiter als ein Besuch im Theater. Wir können nicht erwarten, viel zu gewinnen, wenn wir einen Schwarm müßiger Gedanken und ein Herz voller Nichtigkeiten mitbringen. Wenn wir voller Torheit sind, verschließen wir vielleicht unseren Geist für die Wahrheit Gottes. Wir sollten uns bereit machen, das zu empfangen, was Gott so bereitwillig schenkt. Wenn schon der verurteilt wurde, der ohne Hochzeitsgewand zum Hochzeitsfest kam, was sollen wir dann von denen sagen, die regelmäßig zu den Festen unseres Herrn kommen und nie daran denken, sich würdig zu erweisen, an seinen königlichen Köstlichkeiten teilzuhaben? Was sollen wir von denen sagen, die den Tempel Gottes verunreinigen, indem sie niemals danach streben, ihre Seelen von der Unreinheit ihrer Sünden reinigen zu lassen? Gewiss sollte eine ernsthafte Vorbereitung stattfinden, wenn ein sündiges Geschöpf sich dem allerheiligsten Gott nähert. 

Brüder, wenn ich an unsere Verpflichtungen während der Woche denke, wer von uns kann sich dann würdig fühlen, in den heiligen Ort der Stiftshütte des Allerhöchsten zu kommen? Ich meine nicht diese mit Händen gemachten Stätten, sondern den inneren geistlichen Tempel der Gemeinschaft mit Gott. Wie könnten wir zu Gott kommen, bevor wir gewaschen sind? Können wir, nachdem wir einen so schlammigen Weg wie den durch diese schmutzige Welt gegangen sind, zu Gott kommen, ohne den Staub von unseren Füßen zu schütteln? Können wir alle sechs Tage der Woche mit irdischen Sorgen beschäftigt sein und dann ohne einen vorbereitenden Gedanken bereit sein für den heiligen Sabbat? Ich glaube nicht. Selbst in den heidnischen Tempeln rief der Herold, bevor die feierlichen Mysterien begannen: »Weichet, ihr Profanen! Weichet, ihr Profanen!« Und sollte nicht auch ein Herold unseren wandernden Gedanken zurufen: »Weichet, ihr eitlen Gedanken, denn Gott ist hier!« Wenn die Stunde gekommen ist, uns dem herrlichen Herrn zu nähern, vor dem die Engel ihre Gesichter verhüllen, während sie rufen: »Heilig, heilig, heilig« (Jesaja 6,3; Offenbarung 4,8), dann ist es unsere Pflicht, fromm und demütig, heilig und ernsthaft zu sein. Ja, Brüder, wenn wir immer mit der göttlichen Anbetung beschäftigt wären, wenn wir keine anderen Gedanken oder Sorgen hätten als seine Herrlichkeit, wenn wir völlig losgelöst wären von den Verstrickungen und Verunreinigungen der Welt, dann würde ich nicht so ernsthaft von der Vorbereitung sprechen, bevor wir das Wort hören; aber leider ist das nicht so. Wir sind Menschen mit unreinen Lippen und leben unter einem Volk mit unreinen Lippen (Jesaja 6,5). Wir sind noch nicht in das heilige Land gekommen, wo jeder, der uns grüßt, entweder ein Heiliger oder ein Engel ist. Wir haben noch nicht alle Kanaaniter ausgerottet, sondern müssen täglich auf der Hut vor ihnen sein. Wegen der Sünde, die in uns und um uns herum wohnt, müssen wir uns im Waschbecken am Eingang der Stiftshütte waschen, bevor wir uns dem Allerhöchsten nähern dürfen (2Mose 30,18–21; vgl. Johannes 13,5).

Unter den Menschen herrscht Einigkeit darüber, dass man sich auf den Gottesdienst vorbereiten sollte. Ich sehe heute hier die sichtbaren Zeichen dafür. Bevor der Sabbat anbrach, habt ihr begonnen, saubere Wäsche und hellere Kleider als an gewöhnlichen Tagen vorzubereiten. Das ist zwar nur eine äußerliche und alltägliche Angelegenheit, aber dennoch liegt in der Hülle ein Kern. Der Mensch legt seine gewöhnlichen Alltagskleider ab und zieht seine besten Gewänder für den Sabbat an, weil er instinktiv spürt, dass er seinem Gott Ehrerbietung erweisen sollte. Ich fürchte, dass dieser Kleiderwechsel oft zu dem Wunsch verkommt, vor euren Mitmenschen gut dazustehen, aber die zugrunde liegende Bedeutung sollte diese sein: »Ich gehe heute hinauf, um meinen Gott anzubeten. Deshalb werde ich weder mit unreinem Körper noch mit unreiner Kleidung hingehen, sondern meine besten Kleider anziehen, damit ich meinem Gott und der Versammlung seines Hauses meinen Respekt erweise.« Mein Rat an euch lautet: Reinigt lieber eure Herzen als eure Kleider. Tretet vor Gott mit einem neuen Geist statt mit neuen Kleidern. Wenn der Prophet in alter Zeit sagte: »Zerreißt eure Herzen und nicht eure Kleider« (Joel 2,13), so sage ich heute: Legt die Kleider der Gerechtigkeit und Heiligkeit (vgl. Jesaja 57,17; 61,10) durch die Gnade Christi Jesu, unseres Herrn, an, statt äußerliche Kleider, die nur das Fleisch schmücken. Doch selbst in dieser Veränderung der Kleidung liegt ein Bekenntnis, dass Gott da sein sollte und dass sein heiliger Name angebetet werden sollte. Gott gebe, dass wir nicht vergessen, uns in besonderer Weise vorzubereiten, wenn wir hingehen, um das Wort Gottes zu hören.

Bei dieser Vorbereitung sagt uns unser Text, dass es einige Dinge gibt, die beiseitegelegt werden müssen. Was sagt er? »Deshalb legt ab alle Unsauberkeit und alles Überfließen von Schlechtigkeit.« Einige Dinge müssen beseitigt werden, bevor das Wort Gottes empfangen werden kann. Und was sind diese Dinge? Der Text erwähnt alle Unsauberkeit oder Unreinheit. Nun ist jede Art von Sünde Unreinheit. Die meisten Menschen sehen das nicht so; sie nennen es Vergnügen. Ich habe sogar erlebt, dass sie es für eine Zierde halten. Aber nach dem Urteil des Geistes Gottes, der hier durch seinen Diener Jakobus spricht, ist jede Sünde Unreinheit. In den Augen jedes erneuerten Menschen ist jede Sünde Unreinheit – und nichts Besseres. Seit dem Tag, an dem der Geist Gottes ihm die Schuppen von den Augen genommen hat, sieht der gottesfürchtige Mensch die Sünde als etwas Schmutziges an, als etwas Abscheuliches in den Augen eines heiligen Gottes (vgl. Hesekiel 20,43; 36,31). Sünde in den Gedanken ist Unreinheit der Gedanken, Sünde in Worten ist Unreinheit der Sprache, Sünde in Taten ist Unreinheit im Leben. Überall ist die Übertretung des Gesetzes etwas Schmutziges und Verunreinigendes, das weder Gott noch gute Menschen ertragen können. Nun, Brüder, vor Gott muss mit Hilfe seines Geistes jede Sünde bekannt, aufgegeben und gehasst werden (vgl. Sprüche 28,13; 1Johannes 1,9). Durch den Glauben an das kostbare Blut Jesu muss sie abgewaschen werden, denn wir können nicht vor Gott treten und von ihm angenommen werden, solange wir uns der Ungerechtigkeit hingeben. Wir müssen von Gott getrennt bleiben, bis wir von der Unreinheit getrennt sind. Unreinheit ist, wie ihr wisst, etwas Erniedrigendes, das nur Bettlern und Dieben zusteht; und so ist auch die Sünde. Unreinheit ist für alle reinen Menschen abstoßend. Wir können den engen Kontakt mit einem Menschen nicht ertragen, der es versäumt, seinen Körper oder seine Kleidung zu waschen, sodass er zu einem lebenden Misthaufen wird. Wie arm ein Mensch auch sein mag, er kann rein sein; und wenn er es nicht ist, wird er zu einer allgemeinen Belästigung für diejenigen, die mit ihm sprechen oder in seiner Nähe sitzen. Wenn schon körperliche Unreinheit für uns schrecklich ist, wie muss dann die Unreinheit der Sünde für den reinen und heiligen Gott sein! Ich kann nicht versuchen, die Abscheulichkeit der Sünde für Gott auszudrücken. Er hasst sie mit seiner ganzen Seele. Wenn wir vor Gott annehmbar sein wollen, dürfen wir keine Lieblingssünden pflegen, keine geliebten Begierden verschonen, keine geheimen Missetaten begehen: Unser Dienst wird vor Gott Schmutz sein, wenn unser Herz unseren Sünden nachgeht. Er sagt: »Weicht, weicht, geht von dort hinaus, rührt nichts Unreines an! Geht hinaus aus ihrer Mitte, reinigt euch, die ihr die Geräte Jahwes tragt!« (Jesaja 52,11). Er will nicht, dass die Gefäße seines Heiligtums mit unreinen Fingern berührt werden. Haben wir darüber gut nachgedacht? Legt also alle Unreinheit ab, wenn ihr nicht den Zorn Gottes erregen wollt. Wenn wir selbst Gott missfallen, missfällt ihm alles, was wir tun. Denkt daran, wie geschrieben steht: »Und Jahwe blickte auf Abel und auf seine Opfergabe; aber auf Kain und auf seine Opfergabe blickte er nicht.« (1Mose 4,4b–5a). Die Annahme des Herrn gilt zuerst der Person und dann dem Opfer – zuerst Abel und dann seinem Opfer. Wenn Gott an einer Person keine Freude hat, dann hat er auch keine Freude an ihren Diensten. Denkt bloß nicht, ihr Unreinen, dass eure Hymnen und Lobgesänge, wie süß sie auch gesungen werden, Musik in Gottes Ohren sein könnten! Glaubt bloß nicht, dass eure Gebetsformen jemals wie süßer Weihrauch vor ihm aufsteigen könnten! Sie sind ihm ein Gestank und ein Gräuel, solange ihr selbst nicht von eurer Unreinheit gereinigt seid. Die Unreinheit der Sünde muss beiseitegelegt werden, wenn wir das Wort richtig hören wollen.

Außerdem ist Sünde nicht nur anstößig, sondern auch gefährlich. Wir haben endlich gelernt, hoffe ich, auch wenn einige diese Tatsache noch nicht erkannt haben, dass Schmutzigkeit Krankheit bedeutet. Die Menschen beginnen zu erkennen, dass wir nur gesund sein können, wenn wir rein sind. Wer Schmutz in sich trägt, schafft einen Nährboden für Krankheitserreger und ist damit ein Feind seiner Familie und seiner Nachbarschaft. Der schmutzige Mensch ist ein öffentlicher Giftmischer, ein Selbstmörder und ein Mörder. Die Sünde ist die größte denkbare Gefahr für die Seele eines Menschen: Sie macht einen Menschen lebendig tot, ja, verdorben, bevor er stirbt. Die Sünde ist eine tödliche Krankheit, und wer sie in sich trägt, ist nicht weit von der Hölle entfernt: Solange er sie liebt, kann er niemals in den Himmel kommen. Wirst du vor Gott treten und seine Vorhöfe mit dieser Lepra auf deiner Stirn betreten? Wollt ihr eure ansteckenden Krankheiten in seinen Tempel bringen? Sie müssen beiseitegelegt werden. Oh, mögen wir doch die Gnade empfangen, es auch zu tun!

Es gibt mindestens drei Sünden, die hier gemeint sind, und eine davon ist Habgier. Daher wird das Verlangen nach unheiliger Bereicherung als schmutziger Gewinn bezeichnet, weil es Menschen zu schmutzigen Taten verleitet, an die sie sonst nicht denken würden. Wenn die Gier nach Reichtum in das Herz eindringt, verfault es bis ins Mark. Der Apostel ruft: »Euer Gold und Silber ist verrostet« (Jakobus 5,3) – wahrlich, auch der Mensch verrostet und verfault. Wenn nun das Herz eines Menschen voller Schmutz ist, wenn das Verlangen nach Gewinn, und zwar um jeden Preis, in einem Menschen stark ist, dann ist er in einem sehr ungeeigneten Zustand, um durch das Hören des Evangeliums Nutzen zu ziehen. Man kann ihm das Evangelium nicht vermitteln; ein goldener Riegel verschließt die Tür. Er befindet sich in etwa in der Lage des Kapitäns, von dem ich gehört habe, der auf Walfang ging, und als er an Land ging und das Evangelium predigen hörte, sagte er zu dem Mann Gottes: »Sir, es hat nichts gebracht, dass Sie zu mir gepredigt haben, denn die ganze Zeit habe ich darüber nachgedacht, wo ich einen Wal finden könnte. In meinem Kopf ist kein Platz für etwas anderes als Wale. Ich muss Wale haben, und im Moment kann ich an nichts anderes denken als an Wale.« So muss es auch mit dem Mann sein, der nach Gewinn strebt: Seine Firma, seine Waren, sein Beruf sind in seinem Herzen und verdrängen alles andere. Wer seinen Stand auf der »Messe der Eitelkeiten« aufgestellt hat, ist nicht in der Lage, die Wahrheit zu kaufen, da seine Ware Eitelkeit ist. Ein habgieriger Mensch ist ein Götzendiener und kann die Gabe Gottes nicht empfangen, bis er seine Herzenssünde überwunden hat. Er ist zu unrein, um sich dem Herrn zu nähern. Gott helfe ihm, der Götzendienst des Reichtums zu entkommen.

Dann kann man mit besonderer Richtigkeit von der Unzucht als Unreinheit sprechen. Ich brauche das nicht weiter auszuführen. Lehrt uns nicht die Natur selbst, dass die Nachgiebigkeit gegenüber unseren animalischen Leidenschaften, in welcher Form auch immer, sei es Trunkenheit oder Unzucht, eine Eigenschaft ist, die den Menschen unfähig macht, das reine Wort Gottes zu empfangen? Wie sollte makellose Reinheit zu einem Menschen kommen und in ihm wohnen, dessen Leben vom Wälzen in fleischlicher Lust geprägt ist? Wie sollte der dreimal heilige Geist kommen und in einem Herzen wohnen, das eine Höhle unreiner Begierden ist? Haben die Männer von Sodom von der Lehre Lots profitiert? Soll ein Mensch aus der Kammer der Wollust zum Haus des Herrn kommen? Nein, Brüder. Wir müssen alle Unreinheit ablegen, wenn wir Gott im Geist und in der Wahrheit anbeten wollen.

Aber im Zusammenhang mit meinem Text ist mit Unreinheit insbesondere Zorn gemeint. Lesen Sie es, und Sie werden es sehen: »Denn eines Mannes Zorn wirkt nicht Gottes Gerechtigkeit. Deshalb legt ab alle Unsauberkeit und alles Überfließen von Schlechtigkeit, und nehmt mit Sanftmut das eingepflanzte Wort auf, das eure Seelen zu erretten vermag.« (Jakobus 1,20–21). Manche Menschen sagen, wenn sie zornig sind, Dinge, die niemals wiederholt oder gar zum ersten Mal gesagt werden sollten. Das war zweifellos zu Jakobs Zeiten noch mehr der Fall als heute; damals ließen zornige Menschen schreckliche Schimpfwörter und abscheuliche Anspielungen von sich, die in der Tat ein Übermaß an Bosheit waren. Nun soll das Kind Gottes seinen Zorn, seinen Grimm und seine Bosheit unterdrücken. Wie könnt ihr das Wort des Friedens annehmen, wenn ihr mit eurem Bruder verfeindet seid? Wie könnt ihr hoffen, Vergebung zu finden, wenn ihr denen nicht vergebt, die sich gegen euch versündigt haben? Wir möchten, dass ihr betet, bevor ihr am Sabbatmorgen oder -abend in dieses Haus kommt, und dafür sorgt, dass ihr im Geist der Sanftmut und Demut kommt; nur so werdet ihr das eingepflanzte Wort empfangen. Der Zorn des Menschen ist so schmutzig, dass er nicht die Gerechtigkeit Gottes bewirken kann; noch ist es wahrscheinlich, dass die Gerechtigkeit Gottes in einem Herzen wirkt, das heiß wie ein Ofen ist vor Leidenschaft und Bosheit. Ein rachsüchtiger, bitterer und boshafter Geist wird kaum den süßen, vergebenden Geist des Evangeliums in sich aufnehmen können. Gott helfe uns also, alle Schmutzigkeit und insbesondere alle Feindschaft abzulegen.

Aber es wird hinzugefügt: »alles Überfließen von Schlechtigkeit«. Was bedeutet das? Jede Art von Bosheit in einem Kind Gottes ist überflüssig: Ungerechtigkeit sollte nicht in ihm sein. »Überfluss an Bosheit« oder das Ausgießen von Bösem ist unnötig; es ist ein Auswuchs an einem Kind Gottes. Der hier verwendete Ausdruck unterscheidet sich in seiner Bedeutung nicht vom ersten Attribut des Textes: Er gibt eine andere Sichtweise auf dieselbe Sache. Sie haben vielleicht schon einmal einen Rosenstrauch gesehen, der nur sehr wenige Rosen trug, und Sie haben sich gefragt, warum das so ist. Es war eine gute Rose, die in guter Erde gepflanzt war, aber ihre Blüten waren spärlich. Sie haben sich umgesehen und nach und nach festgestellt, dass aus ihrer Wurzel Triebe wuchsen. Diese Triebe stammen von dem alten, ursprünglichen Dornbusch, auf den die Rose gepfropft worden war, und diese Rose hatte einen Überfluss an Kraft, den sie für diese Triebe verwendete. Dieser Überschuss oder Überfluss nahm der Rose die Lebenskraft, die sie benötigte, sodass sie nicht die volle Blütenmenge produzieren konnte, die Sie von ihr erwarteten. Dieser Überschuss an Boshaftigkeit, der hier und da auftauchte, schadete dem Baum. Kinder Gottes, ihr könnt dem Herrn nicht dienen, wenn ihr eure Kraft für irgendeine Form des Unrechts einsetzt; eure Boshaftigkeiten entspringen dem Dornengestrüpp eurer alten Natur, und das Beste, was ihr tun könnt, ist, diese Triebe abzuschneiden und sie so weit wie möglich zu stoppen, damit die ganze Kraft in die Rose zurückkehren kann und die schönen Blumen der Gnade in Fülle blühen können. Oh, dass das Gottes Volk, wenn es am Sabbat hierher kommt, zuerst diese göttliche Beschneidung erfahren möge, die den Überschuss an Bosheit wegnehmen wird, denn es kann keine Veredelung ohne ein gewisses Maß an Beschneidung geben. Der Gärtner entfernt von einem bestimmten Teil des Baumes einen Trieb des alten Stammes und setzt dann die Veredelung ein. Das Überflüssige muss entfernt werden, damit wir das eingepfropfte Wort, das unsere Seelen retten kann, mit Sanftmut empfangen können. Das ist es, was weggenommen werden muss.

Die mit Fleisch befleckten und von Krankheit befallenen Gewänder müssen ausgezogen und beiseitegelegt werden. Wir dürfen sie nicht mehr tragen, wenn wir von dem Wort, das wir hören, profitieren wollen. Wir dürfen sie nicht aufbewahren, um sie wieder anzuziehen, sondern müssen sie unter den Abfällen des Feuers von Tophet (zuerst ein Gräuelort der Moloch-Verehrung bei Jerusalem, später zur Entweihung als Müllhalde genutzt; s. 2Könige 23,10; Jeremia 7,31–32; 19,6.11ff) beiseitelegen, mit dem starken Wunsch, sie nie wieder anzurühren. Wir verurteilen diese schmutzigen Dinge, dass sie dem Feuer anheim fallen. Was haben wir mit Schmutz zu tun, jetzt, da wir durch den Willen Gottes gezeugt worden sind, um die Erstlingsfrüchte seiner Geschöpfe zu sein? Ihr, die ihr Kinder eines heiligen Gottes seid, was habt ihr mit Bosheit oder ähnlichem Überflüssigen zu tun? Gott helfe euch, die Sünde abzuschütteln, wie Paulus die Viper ins Feuer geschüttelt hat (Apostelgeschichte 28,5).

Warum ist das so? Warum muss ein Mensch, wenn er kommt, um das Evangelium zu hören, darauf achten? Ich nehme an, weil all diese bösen Dinge den Geist beschäftigen. Ob es nun Habgier, Unzucht oder Zorn ist, zusätzlich zu der Verunreinigung, die diese mit sich bringen, beherrschen sie auch die Gedanken, so dass es unwahrscheinlich ist, dass sie beim Hören des Wortes gesegnet werden. Das sind die Felsen, die verhindern, dass der Same in den Geist eindringt, das sind die Vögel, die das Gesäte verschlingen, das sind die Unkräuter, die die aufkeimenden Triebe ersticken (vgl. Matthäus 13:3–8.18–23). Darum legt diese beiseite. Wenn ihr eure Maßgefäße an diesen Ort bringt, die bis zum Rand mit Spreu gefüllt sind, wie könnt ihr dann erwarten, dass sie mit Weizen gefüllt werden? Wenn wir mit dieser Unreinheit um uns herum hierherkommen, wie können wir dann erwarten, dass das reine und unverfälschte Wort uns süß wäre?

Außerdem beeinträchtigt die Sünde das Evangelium. Ein Mann sagt: »Ich habe keine Freude an der Predigt.« Wie könnte es Ihnen gefallen? Was hat Ihnen während der Woche gefallen? Welchen Geschmack hat Ihnen der gestrige Abend hinterlassen? »Ich kann diesen Prediger nicht ausstehen«, sagt ein anderer; und wenn er es könnte, wäre das ein Beweis dafür, dass dieser Mann nicht aufrichtig ist. Kann denn ein Ahab einen Elia lieben? Ich erinnere mich, dass einer aufstand und in heftiger Empörung über das, was ich gesagt hatte, hinausging, was ihn persönlich betraf, obwohl der Mann mir fremd war. Was ich gesagt hatte, war die reine Wahrheit Gottes, und ich konnte nicht bedauern, dass ein schlecht lebender Mann darüber empört war, da dies die einzige Anerkennungsgeste war, die jemand wie er der Reinheit erweisen konnte. Wahrscheinlich war es ihm gar nicht bewusst, aber in seinem Protest offenbarte er nur, was seine Natur war und in welchem Zustand er sich befand. Glaubst du, dass die Diener Christi denen gefallen wollen, die Gott nicht gefallen? »Oh«, sagte einer zu einem puritanischen Geistlichen, »mein Herr hat Sie heute Morgen gehört, und er ist sehr empört über Ihre Bemerkungen zu profaner Sprache; denn mein Herr neigt dazu, hin und wieder in sehr primitiver Sprache zu fluchen.« Was sagte der puritanische Geistliche? Er antwortete: »Sir, wenn Ihr Herr meinen Herrn beleidigt, dann sollte Ihr Herr beleidigt sein, und ich kann nicht weniger sagen, als ich gesagt habe.« Wenn irgendwelche Menschen Anstoß am Evangelium nehmen, dann deshalb, weil sie selbst gegen Gott verstoßen. Es ist fast immer so, dass, wenn Menschen, die sich einst als religiös bezeichneten, skeptisch werden und anfangen, an diesem und jenem herumzukritisieren, es ein geheimes Übel in ihrem Leben gibt, das sie auf diese Weise vor ihrem eigenen Gewissen zu verbergen versuchen. Der Teufel verleitet sie dazu, gegen den Dienst (oder den Diener) zu wettern, weil das Evangelium schwer auf ihrem schuldigen Gewissen lastet und sie sich in ihren Sünden unwohl fühlen lässt. Wenn ihr Gottes Wort mit Freude und Gewinn für euch selbst hören wollt, müsst ihr alle Unreinheit und überflüssige Bosheit ablegen; denn diese Dinge werden euch gegen das Wort Gottes voreingenommen machen und euch unfähig machen, es lebendig zu schätzen, was so notwendig ist, um davon zu profitieren. Gott segne diese meine Worte, und mögen viele von Ihnen, die zu verschiedenen Zeiten unachtsam hierhergekommen sind, von nun an versuchen, mit der richtigen Einstellung in die Versammlung des Volkes Gottes zu kommen.

II. Während der Predigt

II. Zweitens möchte ich ein wenig über das Hören sprechen. Wie sollen wir uns verhalten, während wir das Wort hören? »Nehmt mit Sanftmut das eingepflanzte Wort auf.« Das Erste ist also das Aufnehmen. Das Wort »aufnehmen« ist ein sehr lehrreiches Wort des Evangeliums; es ist die Tür, durch die Gottes Gnade zu uns gelangt. Wir werden nicht durch unser Wirken gerettet, sondern durch das Empfangen; nicht durch das, was wir Gott geben, sondern durch das, was Gott uns gibt und was wir von ihm empfangen. Beim Hören des Wortes sollte ein Empfangen stattfinden, nicht nur mit den Ohren, sondern auch mit dem Verstand, dem Herzen und dem Gewissen, zusammen mit dem Aufbewahren dieses guten Schatzes im Gedächtnis und in den Gefühlen. Ihr müsst das Wort empfangen, sonst kann es euch nicht segnen. Denn seht, meine Herren, das Wort Gottes ist ein Festmahl; aber was nützt es, wenn ein Mensch nur auf das Festmahl schaut? Wird er nicht so leer weggehen, wie er gekommen ist, wenn er es nicht empfängt? Die Verkündigung des Wortes ist wie ein Regenschauer vom Himmel; aber was geschieht mit dem Boden, wenn die Regentropfen fallen, aber keiner von ihnen vom Boden aufgenommen wird? Was nützt der Regenschauer, wenn keiner von den durstigen Furchen ihn aufnimmt? Eine Medizin mag große Heilkraft haben, aber wenn sie nicht eingenommen wird, reinigt sie nicht das Innere des Körpers. Jede gute Sache muss angenommen werden, bevor ihr Nutzen uns zuteilwerden kann. Ich liebe es, die Türen meiner Seele weit zu öffnen und alle Fenster meines Herzens zu öffnen, wenn ich die Bibel lese oder das Wort höre. Meine Seele ruft: »Komm herein, gesegneter Geist; komm herein, göttliches Leben. Du sollst nicht sagen, dass in der Herberge kein Platz für dich ist! Komm, nimm jeden Raum meines Hauses in Besitz und sei von nun an und für immer sein Herr.« Ich bitte euch, meine Brüder, verschließt eure Seelen nicht gegen die hereinströmende Flut des Evangeliums. Im Gegenteil, reißt die Dämme nieder und lasst den Fluss in euch fließen, bis ihr davon erfüllt seid. Nehmt das Wort auf. Viele Menschen haben keinen Nutzen vom Wort, weil es nicht in sie eindringt, sondern wie Wasser ist, das über eine Marmorplatte fließt. Die Wahrheit muss in das Herz eindringen, wenn sie das Herz segnen soll. Möge der gesegnete Geist uns eine süße Empfänglichkeit für die Wahrheit geben, denn sonst nützt es nichts, sie zu hören.

Dann wird hinzugefügt: »Nehmt es mit Sanftmut auf.« Viele nehmen das Evangelium nicht an, weil sie keinen sanften und lernbereiten Geist haben: Sie kommen zum Haus Gottes, aber der einzige Platz, den sie dort einnehmen, ist der Richterstuhl. Man könnte meinen, sie seien der Gott Gottes, so dreist, wie sie reden. Ich ermahne euch, richtet nicht über das Wort Gottes. Ihr könnt über mich richten, wie ihr wollt; das ist mir gleichgültig; denn wir sind nicht besorgt um das Urteil der Menschen, sondern unser Urteil ist beim lebendigen Gott. Wenn der Prediger das Wort Gottes wahrhaftig verkündet, wehe dem Menschen, der darüber richtet: dasselbe Wort wird ihn am letzten großen Tag richten. Wir stehen vor dem Richterstuhl, um durch Gottes Wort gerichtet, geprüft und gesiebt zu werden. Wehe uns, wenn wir trotz unseres scheinheiligen Redens uns selbst auf den Richterstuhl setzen und Gott auf die Anklagebank setzen! Der Geist des Kritikers steht dem Sünder schlecht zu Gesicht, wenn er die Gnade des Herrn sucht. Gottes Botschaft muss mit Lernbereitschaft aufgenommen werden. Wenn Sie wissen, dass es Gottes Wort ist, mag es Sie zurechtweisen, aber Sie müssen es mit Sanftmut annehmen. Es mag Sie mit seinen Anklagen erschrecken, aber nehmen Sie es mit Sanftmut an. Es mag sein, dass es etwas an der Wahrheit gibt, das sich Ihrem Verständnis auf den ersten Blick nicht erschließt; vielleicht ist es zu hoch, zu schrecklich, zu tief. Trotzdem: Nehmen Sie es mit Sanftmut an. Das ist nicht der Geist der heutigen Zeit, aber es ist der Geist, den der lebendige Gott von uns verlangt. Indem wir mit Sanftmut empfangen, nehmen wir die Wahrheit in ihrer Kraft auf, und so kann sie unsere Seelen retten. Wenn ihr euch nicht bekehrt und wie kleine Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen. Die Tür zum Himmel steht denen offen, die zu Jesu Füßen sitzen und von ihm lernen. Du bist nicht sein Diener, wenn er nicht dein Meister ist. Du kannst nicht sein Jünger sein, wenn du seine Lehre in Frage stellst. Denn in der Infragestellung der Lehre Christi liegt die Ablehnung seiner Person. An Jesus zu zweifeln ist Verrat an der Autorität, die er über jedes menschliche Herz beansprucht. Nimm es mit Sanftmut auf, wenn du mit Gnade gesegnet sein willst.

Und was genau soll nun empfangen werden? »Nehmt mit Sanftmut das eingepflanzte Wort auf.« Wir sind nicht aufgefordert, die Worte der Menschen mit Sanftmut anzunehmen, denn es gibt viele davon, und sie enthalten wenig. Vielmehr nehmt Gottes Wort mit Sanftmut an, denn es ist eins, und jedes Wort, das aus seinem Mund kommt, hat Kraft. Ein Wort Gottes schuf Himmel und Erde; durch das Wort Gottes stehen die Himmel noch immer; ein Wort von ihm wird bald nicht nur die Erde, sondern auch den Himmel erschüttern; deshalb hört dieses Wort mit Sanftmut; dieses Wort, das von der Sünde und ihrer sicheren Strafe zeugt; dieses Wort, das von der größten und freiesten Gnade und von der Sühne zeugt, die der eingeborene Sohn des Vaters bereitgestellt hat, durch die die Sünde in Übereinstimmung mit Gerechtigkeit und Heiligkeit weggenommen wird. Nehmt das Wort des Herrn in seiner Gesamtheit und Einheit mit Sanftmut auf. Lehnt keinen Teil davon ab, sondern nehmt das Ganze auf.

Jeder noch so kleine Teil von Gottes Wort, soweit wir es kennen, ist kostbar und sollte von uns hoch geschätzt werden. Die Kleinigkeiten, Ecken und Fragmente des göttlichen Wortes müssen von dir und mir angenommen werden; und es mangelt uns an Demut, wenn wir anfangen, das göttliche Wort auszuwählen, zu zerschneiden und zu zerlegen. Wer sind wir, dass wir sagen: »Dies oder jenes ist nicht wesentlich«? Wer bist du, o Mensch, dass du entscheiden solltest, was wesentlich ist und was nicht? Derjenige, der das Wort gegeben hat, hat keine Kleinigkeiten geschrieben. Es ist wesentlich, dass du das Wort des Herrn als höchstes und vollkommenes Wort annimmst; und es ist wesentlich, dass du verloren bist, wenn du vorsätzlich irgendeinen Teil dessen ablehnst, was der Allerhöchste den Menschen zu offenbaren geruht. Nimm das eine, einzige und unteilbare Wort des Herrn mit Demut an.

Es wird »das eingepfropfte Wort« genannt. Eine neuere Übersetzung (die englische Revised Version, 1881–1885 veröffentlicht; seit 1611 gab es die Authorized Version (AV), auch King James Version (KJV) genannt) enthält »das eingepflanzte Wort«, was vielleicht wörtlicher ist als die autorisierte Übersetzung (AV). Sie fügt am Rand hinzu: »das angeborene Wort«, was eine andere Idee vermittelt, aber dennoch einen ähnlichen Sinn hat. Ich werde mich an unsere alte und geliebte Fassung halten und es als »eingepfropftes Wort« lesen. Wenn eine Pfropfung vorgenommen werden soll, muss zuerst ein Schnitt oder eine Kerbe gemacht werden. Niemand hat jemals das Wort Gottes in sein Herz aufgenommen, um dort eingepfropft zu werden, ohne von der Wahrheit geschnitten und verwundet worden zu sein. Es braucht zwei Wunden, um eine Pfropfung vorzunehmen; man verwundet den Baum und man verwundet den besseren Baum, der eingepfropft werden soll. Ist es nicht eine gesegnete Pfropfung, wenn ein verwundeter Erlöser in lebendigen Kontakt mit einem verwundeten Herzen kommt? Wenn ein blutendes Herz mit einem blutenden Erlöser gepfropft wird? Veredeln bedeutet, dass das Herz verwundet und geöffnet wird und dann das lebendige Wort in die blutende, verwundete Seele des Menschen gelegt und mit Sanftmut aufgenommen wird. Da ist der Schnitt, und da ist der dadurch geöffnete Raum. Hier kommt die Veredelung: Der Gärtner muss eine Verbindung zwischen dem Baum und der Veredelung herstellen. Dieses neue Leben, dieser neue Zweig, wird in den alten Stamm eingefügt, und sie sollen lebendig miteinander verbunden werden. Zunächst werden sie vom Gärtner miteinander verbunden, und Ton wird um die Verbindungsstellen herum aufgetragen; aber bald beginnen sie, ineinander zu wachsen, und erst dann ist die Veredelung wirksam. Dieser neue Steckling wächst in den alten hinein, beginnt, das Leben des Alten aufzusaugen und es so zu verändern, dass es neue Früchte hervorbringt. Dieser Ast, obwohl er sich im veredelten Baum befindet, ist doch von ganz anderer Art. Nun möchten wir, dass das Wort Gottes auf ähnliche Weise zu uns gebracht wird: Unser Herz muss geschnitten und geöffnet werden, und dann muss das Wort in die Wunde gelegt werden, bis die beiden miteinander verschmelzen und das Herz beginnt, an dem Wort festzuhalten, daran zu glauben, darauf zu hoffen, es zu lieben, zu ihm zu wachsen, in es hineinzuwachsen und entsprechend Frucht zu tragen. »Christus lebt in mir«, sagte der Apostel (Galater 2,20). Ist das nicht ein wunderbarer Gedanke? Die tägliche Inkarnation Christi im Gläubigen, oder mit anderen Worten, das neue ewige Leben, das in uns lebt und Früchte seiner Art hervorbringt, während wir in ihm leben, und die Früchte sind unsere eigenen. Christus ist in der ganzen Neuheit seines Lebens gekommen und lebt in mir. Oh, gesegnete Veredelung! »Nehmt das eingepfropfte Wort mit Sanftmut auf.«

Noch einmal: Ihr sollt es im Glauben annehmen, denn ihr sollt das Wort als wirksam betrachten. Glaubt an die Kraft des Wortes Gottes, nehmt es als vollkommen wirksam an, um eure Seelen von Anfang bis Ende zu retten. Das geschieht auf zwei Arten: indem es eure Sünden wegnimmt, wenn ihr das Blut und die Gerechtigkeit Christi annehmt, und indem es euer Wesen verändert, wenn ihr den Herrn Jesus als euren Meister und Herrn, euer Leben und euer Alles annehmt. Das Wort Gottes hat eine solche Kraft, dass es, wenn es im Herzen aufgenommen wird, die Seele wirksam rettet: Es gibt euch nicht nur die Hoffnung auf Erlösung, sondern rettet euch wirklich. Es rettet euch jetzt, es rettet euch durch das Leben hindurch, es rettet euch in alle Ewigkeit. Oh, mit welchen Ohren sollten die Menschen auf das Wort hören, das ihre Seelen retten kann! Mit welch offenem Mund sollten sie dieses lebendige Wasser trinken! Wie weise wäre es, wenn wir wie Schwämme wären, um alles aufzusaugen, oder wie Gideons Vlies, um mit dem Tau des Himmels getränkt zu werden! Wie sehr sollten wir uns wünschen, wie gepflügter Boden zu sein, der aufgebrochen und pulverisiert ist, damit jeder Tropfen, der fällt, in ihn eindringen kann! Oh, dass das neue Leben, das zu uns gekommen ist, das alte Leben des Fleisches auslöschen würde, damit unser Leben nicht mehr nach alter Art, sondern in aller Neuheit der Kraft wäre! Lasst uns froh sein, dass das Wort in uns eingepflanzt ist.

So soll man sich während der Predigt verhalten. Oh, wie sehr brauchen wir den Heiligen Geist, der uns hilft, die Wahrheit zu hören, und uns darauf vorbereitet, bevor wir sie hören!

III. Nach der Predigt

Zuletzt wollen wir ganz kurz über die Zeit nach der Predigt nachdenken. »Seid aber Täter des Wortes und nicht allein Hörer, die sich selbst betrügen.« Erstens ist das Gebot positiv – »Seid Täter des Wortes«. Oh, liebe Herren, ich komme oft auf diese Kanzel und spreche zu Ihnen, aber wenn ich hierherkomme, wird mein Herz immer mehr von diesem Wunsch erfüllt: dass mein Dienst für Sie nicht unrentabel sein möge. Ich werde für euch nutzlos sein, wenn ihr nicht sowohl Täter des Wortes als auch Hörer seid. Meine Herren, ihr habt von Buße und der Abkehr von der Unreinheit gehört: Tut also Buße und kehrt von eurer Unreinheit ab. Möge Gott, der Heilige Geist, euch dazu führen – nicht nur davon zu hören, sondern es auch zu tun. Ihr habt uns immer wieder über den Glauben an den Herrn Jesus Christus predigen hören, und ihr wisst alles über das Glauben; aber habt ihr auch geglaubt? Meine Herren, habt ihr geglaubt? Wenn nicht, was nützt es uns dann, zu rufen: »Glaube an den Herrn Jesus Christus, und du wirst gerettet werden«? Wir sollen euch ermahnen in Bezug auf all die gesegneten Pflichten, die aus diesem lebendigen Glauben hervorgehen, der durch die Liebe wirkt; aber es nützt nichts, von diesen Tugenden zu hören, wenn ihr sie nicht besitzt. Tun übertrifft Hören bei weitem. Ich glaube, dass wir mit sehr wenig Wissen und großem Handeln in Bezug auf das, was wir wissen, einen weitaus höheren Grad an Gnade erreichen können als mit großem Wissen und wenig Handeln in Bezug auf das, was wir wissen. Der Mann, der weiß, wie man einen Laden führt, profitiert nicht von seinem Wissen, wenn er keinen Laden führt. Der Arzt, der weiß, wie man Kranke heilt, ist kein Heiler, wenn er nie einen Patienten hat. Der Mann, der weiß, wie man Kinder unterrichtet, aber sie nie unterrichtet, ist kein Lehrer der Jugend. Wenn ein Schulmeister das Wenige lehrt, das er weiß, ist er vielleicht ein besserer Lehrer als ein großer Philosoph, der all seine Weisheit für sich behält. Wir schätzen Wolken nach ihrem Regen und Menschen nach ihren tatsächlichen Taten ein. Die Welt schaut immer auf die Kirche, nicht so sehr, um ihre Lehren zu hören, sondern um ihre Taten zu sehen. Nur wenige fragen: »Welche Lehre wird in diesem Gotteshaus verkündet?« Die gottlose Welt ruft: »Was interessiert uns die Lehre? Welches Gute wird dort getan?« Wenn die Menschen, die dort hingehen, gemein, falsch und heuchlerisch sind, verurteilt die Welt den Baum, der solche Früchte trägt. Die meisten Menschen lesen nicht die Bibel, aber sie lesen dich. Und wenn sie nicht kommen, um den Prediger das Evangelium verkündigen zu hören, sagen sie dennoch: »Diese Menschen, die ihm zuhören, sind auch nicht besser als die anderen Menschen! Warum sollten wir uns die Mühe machen, hinzugehen und ihm zuzuhören?« Der Prediger bekommt die Schuld, die eigentlich denen zusteht, die das Wort hören, aber nicht tun. Oh, möge der ewige Geist in uns allen wirken, damit wir seinen guten Willen wollen und tun! Diese Sonntage bringen nichts, diese Kanzeln bringen nichts, diese Kirchenbänke bringen nichts, diese großen Versammlungen bringen nichts, wenn unsere Zuhörer nicht auch Täter des Wortes sind. Die Praxis ist die Ernte; der Rest ist nur das Pflügen und Säen.

Beachten Sie, dass der Befehl negativ formuliert ist: Der Text sagt: »nicht allein Hörer«. Diejenigen, die nur Hörer sind, verschwenden das Wort. Was für armselige Geschöpfe sind solche Hörer doch, denn sie haben lange Ohren und keine Hände! Ihr habt von dem gehört, der eines Tages vor einer Menschenmenge eloquent über Philosophie sprach und von ihr groß gelobt wurde. Er dachte, er hätte viele Jünger gewonnen, aber plötzlich läutete die Marktglocke und alle rannten weg, kein einziger Mensch blieb zurück. Es gab auf dem Markt Gewinne zu erzielen und ihrer Meinung nach konnte keine Philosophie verglichen werden mit der Möglichkeit für persönlichen Profit . Sie waren Zuhörer, bis die Marktglocke läutete, und dann, da sie nur Zuhörer gewesen waren, hörten sie auch auf zuzuhören. 

Ich fürchte, dass es mit unseren Predigten genauso ist: Wenn der Teufel die Glocke läutet für Sünde, für Vergnügen, für weltliche Unterhaltung oder bösen Gewinn, verlassen uns unsere Bewunderer sehr schnell. Die Stimme der Welt übertönt die Stimme des Wortes. Diejenigen, die nur Zuhörer sind, sind nur für eine gewisse Zeit Zuhörer. Einige von denen, die jetzt vor mir sitzen, sind nur Zuhörer. Wir können eure Häuser nicht kennzeichnen, indem wir ein Kreuz an eure Türen setzen und darauf schreiben: »Herr, erbarme dich unser!«. Aber wenn ich das tun könnte, würde London wie von der Pest heimgesucht aussehen. Oh, dass ihr doch aufhören würdet, Gott zu verspotten und euch selbst zu ruinieren! Denkt daran: Wenn jemand verloren geht, dann mit Sicherheit derjenige, der das Evangelium gehört und abgelehnt hat. Schreibt dieses Wort in großen Buchstaben vor eure Augen: Wenn eine Seele verloren geht, dann ist es diejenige, die jahrelang nur Zuhörer war, während tausend andere geglaubt haben zum ewigen Leben. Schreibt über die Zelle eines solchen Menschen: »Er kannte seine Pflicht, aber er hat sie nicht getan!«. Es wird sich erweisen, dass diese Zelle mitten im Zentrum der Gehenna erbaut wurde, sie ist das innerste Gefängnis der Hölle. Wer heute vorsätzlich Christus ablehnt, sichert sich verlässlich und schmerzhaft die endgültige Ablehnung durch Christus. Nehmt euch in Acht, ihr, die ihr Christus heute den Eintritt verweigert, damit nicht später Er euch den Eintritt verweigert!. Eure Herzen verhärten sich sonst zu einer ewigen Unbußfertigkeit, die ewige Strafe erforderlich macht.

»How they deserve the deepest hell
That slight the joys above!
What chains of vengeance must they feel
Who break the bonds of love!«

(Etwa: Verdient ist jenen tiefste Höll’,
die Himmelsfreud vermissen.
Welch harte Kett‘ verdienet schnell,
der solchen Liebesbund zerrissen!)

Der Text schließt mit den ernsten Worten: »die sich selbst betrügen.« Dazu sagte Bischof Brownrig (Abraham Brownrigg (1836–1928), irischer Priester der Röm. Kath. Kirche): »Zu betrügen ist schlecht. Sich selbst zu betrügen ist schlimmer. Sich selbst in Bezug auf die eigene Seele zu betrügen ist das Schlimmste von allem.« Leider befinden sich viele in diesem traurigen Zustand. Ein Syllogismus mag falsch sein, und doch kann er logisch erscheinen; und so sind auch die Hoffnungen, die Menschen aus einem bloßen Hören des Wortes schmieden. Wenn man sich gut an das Evangelium gewöhnt hat, wenn man damit vertraut ist, ist es sehr leicht, es so zu verdrehen, dass es einem zugute zu kommen scheint, obwohl es einen verurteilt. Wer sich täuschen lassen will, kann aus einem Todesurteil einen Freispruch vortäuschen. Viele denken, dass bei ihnen alles in Ordnung ist, obwohl bei ihnen alles falsch ist. Sie hören immer das Evangelium: Wie können sie dann Verworfene sein? Sie sitzen unter einem durch und durch evangelikalen Geistlichen: Wie können sie dann Verworfene sein? Sie wissen, was Sache ist; sie werden sich nicht darauf einlassen, falsche Lehren zu hören. Sie haben ein kritisches Urteilsvermögen und werden sich nicht mit unorthodoxen Lehren abfinden. Ich bin sehr froh, dass sie das nicht tun, aber sie scheinen dieses Urteilsvermögen zu ihrem eigenen Gott zu machen. Leider ist es nur ein Götze. Hunderte glauben, dass sie, weil ihr Pastor zweifellos einen gesunden Glauben hat, auch einen gesunden Glauben haben. Da sie den gesunden Menschenverstand haben, ihm zuzuhören, sind sie sicherlich erstklassige Menschen und der Herr wird über ihre Fehler hinwegsehen. Oh, meine Herren, seien Sie nicht so töricht! Täuschen Sie sich nicht auf diese Weise, denn diese tröstliche Schlussfolgerung entspricht nicht der Wahrheit. Je besser das ist, was ihr hört, desto schuldiger seid ihr, wenn ihr es nicht praktiziert; und je klarer und geradliniger das Evangelium ist, das euch gelehrt wird, desto unentschuldbarer seid ihr, wenn ihr es nicht annehmt. Wenn das Evangelium mit einem lauten Klopfen an die Tür eures Herzens kommt, ist euer Verbrechen umso schrecklicher, wenn ihr die Tür verriegelt und verschließt oder sagt: »Wenn ich eine günstigere Zeit habe, werde ich dich rufen lassen.« Gott gebe jedem von uns, dass wir, wenn wir nach Hause gehen, uns daran machen, die Predigt zu befolgen. Ihr kennt die alte Geschichte; ich schäme mich fast, sie noch einmal zu erzählen, aber sie trifft den Nagel so sehr auf den Kopf. Als Donald früher als gewöhnlich aus der Kirche kam, sagte Sandy zu ihm: »Was, Donald, ist die Predigt schon fertig?« »Nein«, sagte Donald, »es wurde zwar schon alles gesagt, aber es wurde noch nicht damit begonnen, sie zu befolgen.« 

Lasst meine Predigt in euren Kammern durch Gebet und in eurem Leben durch Heiligkeit geschehen. Lasst sie die ganze Woche über geschehen, indem jeder von uns danach strebt, alle Unreinheit abzulegen. Lasst uns an dem heiligen Christus festhalten, mit dem Wunsch, sein Leben zu leben und seinen Geist zu atmen. Gott gebe, dass es so sei mit euch allen, um Jesu Christi willen.

Quellen und Disclaimer

Predigt von Charles Haddon Spurgeon am 28. Juni 1885, abgedruckt in: Metropolitan Tabernacle Pulpit, Band 31. Adaptiert und übersetzt von grace@logikos.club, 2025.

Onlinequelle: https://www.spurgeon.org/resource-library/sermons/before-sermon-at-sermon-and-after-sermon/#flipbook/ (abgerufen: 09.12.2025).

Beitragsbild: »The Late Mr. C. H. Spurgeon Preaching in The Metropolitan Tabernacle«,  Illustration für das Black & White Magazine, 6. Februar 1892.

Herr, bewahre uns… (Jim Stitzinger)

Adaptiert von: Jim Stitzinger, Lord, keep us safe… (15.10.2025)

Das gewohnte Gebet von Gläubigen und Ungläubigen gleichermaßen: von Autofahrten bis zu kriegerischen Schlachtfeldern, von Kindern, die zur Schule gehen, bis zu denen, die vor Sportveranstaltungen niederknien – wir beten um Sicherheit und Bewahrung. Es kann ein Schlagwort sein, das wir instinktiv sagen und von ganzem Herzen meinen.

Das Nachdenken über »Was wäre, wenn…?« löst Wellen der Angst, Unruhe und Sorge aus. Unsere Reaktion ist oft, Gott noch eindringlicher zu bitten, uns und unsere Lieben vor Schaden zu bewahren.

Ist es falsch, um Sicherheit zu beten? Nein, schließlich werden wir aufgefordert, unsere Sorgen auf ihn zu werfen, denn er sorgt für uns (1.Petrus 5,7). Es ist auch nicht falsch, sich um Sicherheit zu sorgen, wenn wir gefährliche Pläne verfolgen oder mit der sündigen Natur unserer Welt konfrontiert sind. Warum also dieser Artikel?

Einfach gesagt: Sicherheit und Bewahrung sind nicht unsere oberste Priorität.

Lassen Sie das auf sich wirken: Im Neuen Testament gibt es kein einziges Gebet für Sicherheit. Nicht ein einziges Mal versammeln sich Menschen oder Gruppen, um Gott zu bitten, Johannes den Täufer, Priscilla, Petrus, Lydia oder Paulus »zu bewahren«. Nichts. Es gibt Gebete um Befreiung vom Bösen, aber nichts, was der heutigen Vermeidung von Unannehmlichkeiten entspricht.

Zweifellos waren ihre Herzen von Angst, Schrecken, Trauer und Sorge über ihre Umstände erfüllt. Sie spürten die unmittelbaren Auswirkungen eines Lebens für Christus in einer Welt, die von ungezügeltem Hass gegenüber Gott erfüllt war. Sie waren wahrhaftig Schafe inmitten von Wölfen. Wenn jemand Grund hatte, diese Bitte in seinen Gebeten hervorzuheben, dann war es die verfolgte Kirche. Dennoch finden wir keine Gebete, in denen sie Gott bitten, sie an einen Ort des Komforts, der Leichtigkeit und der Abwesenheit von Not zu bringen.

Das einzige Mal, dass ich finde, dass Paulus dieses Wort verwendet, ist in 2.Timotheus 4,18, und der Kontext ist, dass Jesus ihn sicher durch die Pforte des Todes in den Himmel bringt. Der Herr wird mich von allem Bösen erretten und mich sicher in sein himmlisches Reich bringen; ihm sei die Ehre in Ewigkeit. Amen.

Es gibt einige solcher Gebete im Alten Testament (z. B. Psalm 4,8; Psalm 78,53; Jesaja 38,14). Doch selbst unter extremer Verfolgung sehen wir nur sehr selten, dass dies Priorität hat. Denken Sie an alles, was wir über Daniel, Hiob, Esther, Ruth, Jeremia, David und viele andere wissen. Bei all den seelenzerstörenden Emotionen, die sie mit sich herumtrugen, konzentriert sich die überwiegende Mehrheit ihrer Gebete auf etwas anderes als ihr persönliches Wohlergehen.

Wofür beten Gläubige?

  • Offene Türen für das Evangelium – Kolosser 4,2-4
  • Wachsamkeit und Besonnenheit – 1.Petrus 4,7
  • Standhaftigkeit – 2.Thessalonicher 3,3
  • Heiligkeit – 1.Thessalonicher 3,13
  • Erlösung – Römer 10,1
  • Ausrüstung für den Dienst – Hebräer 13,20–21
  • Mut – Epheser 6,19–20
  • Unterscheidende Liebe – Philipper 1,9
  • Liebe, Kraft, Glaube – Epheser 3,16–19
  • Weisheit – Jakobus 1,5
  • Schutz vor dem Bösen – Matthäus 6,14
  • Gerechtigkeit – 1.Petrus 3,10
  • Befreiung von Verfolgung, um das Evangelium zu verkünden – Römer 15,31
  • Würdiges Leben, göttliche Wünsche, kraftvoller Glaube – 2.Thessalonicher 1,11–12

Ein Argument aus dem Negativen ist nicht unbedingt zwingend. Dennoch geht es in der überwiegenden Mehrheit der Gebete, die in der Schrift vorgelebt werden, viel mehr um die Verherrlichung Gottes als um die Beruhigung unserer selbst. Wenn wir diesem Gedankengang folgen, finden wir heraus, wie wir Gott um den Charakter bitten können, den wir brauchen, um Verfolgung zu ertragen. Sicherlich ist Frieden wünschenswert, aber der Frieden, den Gott verspricht, ist die Realität Christi in uns (Epheser 2,14) und die beruhigende Gewissheit, dass er absolut souverän über alle Dinge ist und alles zum Guten wirkt (Römer 8,28). Der Friede, den er verspricht, kommt nicht dadurch zustande, dass wir der Verfolgung ausweichen, sondern dadurch, dass ER im »Tal des Todesschattens« bei uns ist (Psalm 23, Hebräer 13,5–6).

Unsere Gebete müssen Gottes Prioritäten widerspiegeln. Jesus drückte es so aus: Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten (Johannes 14,15). Der gesamte Fokus des christlichen Lebens liegt darauf, Gott durch freudigen, demütigen Gehorsam gegenüber Christus zu verherrlichen.

Gott ist viel mehr an unserer Heiligkeit interessiert als an unserer Gesundheit, an unserer Liebe als an unserer Langlebigkeit, an unserem Charakter mehr als an unserem Komfort, an unserer Heiligung mehr als an unserer Sicherheit. Nicht einmal Jesus betete während seines irdischen Wirkens um seinen persönlichen Schutz. Als er uns lehrte zu beten, sagte Jesus: »Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen« (Matthäus 6,13). Diese Erlösung bezieht sich nicht auf mögliche körperliche Schäden, obwohl diese auch dazugehören können, sondern auf die Auswirkungen verheerender Sünden in unserem Leben.

Der gleiche Gedanke wiederholt sich, als Christus betete: Ich bitte dich nicht, sie aus der Welt zu nehmen, sondern sie vor dem Bösen zu bewahren (Johannes 17,15). Der Schutz, um den wir bitten, ist die beruhigende Gewissheit, von der Paulus in 2.Thessalonicher 3,3 spricht: Aber der Herr ist treu, und er wird euch stärken und vor dem Bösen bewahren.

Wenn Sicherheit unsere oberste Priorität ist, wird unsere Anbetung zu unserer größten Vernachlässigung. Wie können wir mit Christus sagen: »Dein Wille geschehe« (Matthäus 6,10), wenn wir eigentlich meinen: »Solange es meine Lebensqualität oder -quantität nicht beeinträchtigt«. Es ist schwer vorstellbar, dass die drei Hebräer vor Nebukadnezars Götzenbild gestanden und sich geweigert hätten, Gottes Ehre zu kompromittieren, wenn ihre Herzen auch nur im Geringsten um ihre Sicherheit besorgt gewesen wären.

Unsere Sorge um unsere Sicherheit behindert unseren Gehorsam gegenüber dem Missionsauftrag und unsere Bereitschaft, für die Gerechtigkeit zu leiden. Wenn Selbstschutz unsere oberste Priorität ist, gehen wir auf Ungläubige zu, wenn das potenzielle Ergebnis für uns angenehm ist. Dieser Fokus macht uns alle zu Feiglingen.

Wenn unsere Gebete den wahren Prioritäten folgen sollen, dann priorisieren wir unsere Gebete für Heiligkeit, Mut, Treue und Demut und rücken unsere Gebete für Sicherheit an die zweite Stelle. Es ist nicht falsch, unsere Sicherheit und Bewahrung vor Gott zu bringen, aber wir sollten dies nicht zu unserem Götzen machen. 

[»Hauptsache gesund!« ist weder christliches Motto noch christliche Maxime.] Schließlich bestimmt Gott den Tag unseres Todes (Psalm 139,16, Hiob 14,5). Das steht schon lange fest. Nichts, was wir tun, kann dieses festgesetzte Datum ändern (Matthäus 6,27). Lebe also in der Freiheit eines Menschen, der bereits gestorben ist und dessen Leben mit Christus in Gott verborgen ist (Kolosser 3,3). Bete darum, dass wir die Zeit, die wir auf Erden haben, nutzen, um den Willen unseres Vaters zu tun, seiner Güte dieser ungläubigen Welt zu zeigen und alle, denen wir begegnen, zur Umkehr und zum Glauben an Christus aufzurufen.

Geoffrey Studdert Kennedy diente während des Ersten Weltkriegs als Feldgeistlicher. Von der Front schrieb er folgende eindringliche Botschaft an seine Familie:

Das erste Gebet, das mein Sohn für mich lernen soll, ist nicht »Gott, beschütze Papa«, sondern »Gott, mache Papa mutig, und wenn er schwierige Aufgaben zu bewältigen hat, mache ihn stark, sie zu bewältigen«. Leben und Tod spielen keine Rolle … richtig und falsch schon.

Ein toter Vater ist immer noch ein Vater, aber ein Vater, der vor Gott entehrt ist, ist etwas Schreckliches, zu schrecklich, um es in Worte zu fassen. Ich nehme an, du möchtest auch etwas über die Sicherheit sagen, alter Kumpel, und Mutter wird das gewiss auch tun. Nun, dann sag es, aber danach, immer erst danach, denn es ist nicht wirklich so wichtig.

Bete also ruhig um Sicherheit und Bewahrung, aber bete es nicht als Erstes.

Endenoten

Adaptiert aus: Jim Stitzinger, Lord, keep us safe… https://thecripplegate.com/lord-keep-us-safe/,  15.10.2025.

Jim Stitzinger: Jim ist Outreach-Pastor an der Crossroads Community Church in Santa Clarita, Kalifornien, USA.

Geoffrey Anketell Studdert Kennedy MC (27. Juni 1883 – 8. März 1929) war ein englischer anglikanischer Priester und Dichter. Während des Ersten Weltkriegs erhielt er den Spitznamen »Woodbine Willie«,  weil er den Soldaten, denen er begegnete, Zigaretten der britischen Marke Woodbine schenkte. Er wurde mit dem Military Cross ausgezeichnet dafür, dass er mutig und selbstlos verwundeten und sterbenden Soldaten physische und seelsorgerliche Hilfe leistete.

Welche Gefahren entstehen, wenn wir im Verkündigungsdienst KI nutzen?

»Wir aber werden im Gebet und im Dienst des Wortes verharren« 
(Apostelgeschichte 6:4)

Kaum eine Gabe Gottes kommt ohne Gefahr. Feuer wärmt und zerstört. Sprache segnet und verflucht. Reichtum kann Gutes tun und zugleich Götzen dienen. Und nun schenkt uns Gottes Vorsehung ein neues Werkzeug: Künstliche Intelligenz (KI) – ein Werkzeug, das Texte schreibt, Bibelstellen analysiert und Ratschläge formuliert, ohne jemals zu beten. Die Frage ist also nicht, ob Prediger und Gemeindehirten KI benutzen werden, sondern ob sie die geistlichen Gefahren erkennen, die im Gebrauch von KI liegen.

Die Gefahren sind zahlreich – und sie sind nicht in erster Linie technisch, sondern geistlich. Davon wollen wir in diesem Artikel reden.

1. Die Gefahr des verdrängten Herzens

Die erste und tiefste Gefahr ist, dass ein Gemeindehirte von einer Maschine zu empfangen sucht, was er eigentlich von Gott empfangen soll. Echte Verkündigung wächst im Verborgenen – auf den Knien, nicht auf der Tastatur. Paulus sagt: »Denn ich habe es weder von einem Menschen empfangen noch erlernt, sondern durch Offenbarung Jesu Christi« (Galater 1,12).

Ein Verkündiger, der zu schnell zu KI greift, um Ideen, Gliederungen oder Beispiele zu finden, läuft Gefahr, dass sein Herz erkaltet. Das kann dann schreckliche Folgen haben. Denn die Wahrheit Gottes wird nicht durch Informationsdarbietung zur Flamme, sondern durch Ringen im Gebet und durch Gottes Geist, dessen Wort zu durchbohrten Herzen führt (Apostelgeschichte 2,37).

KI kann helfen, Einsicht vorzutäuschen, aber sie kann nicht vor der Heiligkeit Gottes zittern. Sie kann über Gnade sprechen, aber sie hat nie Gnade erlebt. Und so kann ein Prediger beginnen, fremde Worte mit geliehener Leidenschaft zu sprechen – Worte, die der Geist Gottes nie in ihm entzündet hat. Die Lippen mögen sich bewegen, Rhetorik mag aufblitzen und Anekdoten gut unterhalten, doch das Herz brennt nicht mehr dabei. Wer soll dabei warm werden? Wer soll dabei entzündet werden? (Lukas 24,32).

2. Die Gefahr einer hohlen Autorität

Predigen heißt nicht: Informationen vermitteln. Es heißt: göttliche Wahrheit mit Autorität zu bezeugen, um bei den Zuhörern Lebensveränderung auszulösen. Der Apostel Paulus wies Titus an: »Dieses rede und ermahne und überführe mit aller Machtvollkommenheit [a.ü.: mit allem Nachdruck]« (Titus 2,15a). Der Apostel Petrus lehrt: »Wenn jemand redet, so rede er als Aussprüche Gottes; wenn jemand dient, so sei es als aus der Kraft, die Gott darreicht, damit in allem Gott verherrlicht werde durch Jesus Christus« (1.Petrus 4,11). Die Autorität des Predigers ist also nicht zuerst intellektuell, sondern geistlich. Ihre Quelle ist nicht KI, sondern Gott selbst in Seinem Wort.

Wer seine Predigten zunehmend von einer Maschine schreiben lässt, steht vor seiner Gemeinde als Handwerker der Worte – nicht als Botschafter Gottes. Ton und Inhalt mögen eindrucksvoll sein, aber das geistliche Gewicht fehlt. Denn hinter den Worten steht keine persönliche Begegnung mit Christus. Die Zuhörer merken es vielleicht nicht sofort, aber mit der Zeit verliert die Predigt ihren Geschmack – das »So spricht der HErr« wird zu einem »So sagt chatGPT«.

3. Die Gefahr der schleichenden Täuschung

Ein Gemeindehirte könnte sagen: »Ich benutze KI doch nur als Hilfsmittel!« Vielleicht. Doch jedes Werkzeug prägt seinen Benutzer in dem, was er wahrnimmt, was er tut und wie er es tut. Unsere Werkzeuge prägen unsere Kultur.[1]Wenn wir uns daran gewöhnen, Maschinen das Denken zu überlassen, verlieren wir leicht das wache geistliche Unterscheidungsvermögen, das uns befähigt, Wahrheit von Täuschung zu unterscheiden (1.Könige 3,9; 1.Korinther 12:10; Hebräer 5,12–14).

Die Schlange im Garten brauchte keine neue Lüge zu erfinden – sie musste nur Gottes Wort leicht verdrehen. Ebenso muss KI nicht offensichtlich irren, um zu täuschen. Es genügt, wenn sie die Übung des geistlichen Prüfens schwächt. Denn wahres Erkennen kommt nicht aus Rechenleistung, sondern aus Erneuerung des Sinnes (Römer 12,2).

Die erste Aufgabe des Predigers ist nicht, schöne Sätze zu produzieren, sondern Wahrheit zu erkennen. Und diese Erkenntnis wächst nicht durch Maschinen, sondern durch Heiligung – durch den Heiligen Geist, der mittels der Heiligen Schrift lehrt, überführt, zurechtweist und praktisch unterweist (2.Timotheus 3,16–17).

4. Die Gefahr einer menschenzentrierten Dienstauffassung

Eine weitere Gefahr liegt im schleichenden Übergang von Gottvertrauen zu Effizienzvertrauen. KI verspricht Zeitersparnis, Stil und Relevanz. Aber Reich-Gottes-Arbeit ist nie effizient. Der Same wächst verborgen. Der Wind des Geistes weht, wo er will.

Wenn ein Gemeindehirte anfängt, Erfolg in Reichweite und Ästhetik zu messen, verliert er leicht das Ziel aus den Augen: Buße und Glaube. Paulus sagte: »[M]eine Rede und meine Predigt war nicht in überredenden Worten der Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht auf Menschenweisheit beruhe, sondern auf Gottes Kraft« (1.Korinther 2,4).

Diese Kraft entsteht nicht durch Algorithmen, sondern durch Schwachheit, die Gott sucht. Ein Computer kann nicht sterben oder auferstehen, ist nicht vom Heiligen Geist bewohnt und beseelt – und darum kann er auch keine Auferstehungskraft vermitteln. Konservennahrung kann man rasch zusammenstellen und »fast« verabreichen – aber sie ist fürs Pflanzen, Reifen und Ernten völlig ungeeignet.

5. Die Gefahr eines verkümmerten Gebetslebens

Wo Technik blüht, verdorrt oft das Gebet. Wenn man in dreißig Sekunden bekommt, was früher drei Stunden Gebet und Arbeit kostete, erscheint Beten plötzlich ineffizient. Aber Beten war nie effizient – es ist Ausdruck der Abhängigkeit.

Jesus hätte Steine in Brot verwandeln können, doch Er wählte den Hunger – um dem Vater gehorsam zu bleiben. Ebenso muss ein Gemeindehirte bereit sein, Mühe und Langsamkeit zu ertragen, damit sein Herz hungrig nach Gott bleibt.

Jede Predigt, die ohne Gebet entsteht, ist ein Haus auf Sand. Worte mögen stehen, bis der Sturm kommt – dann fällt das Ganze in sich zusammen. KI kann Gliederungen liefern, aber nur der Geist kann Salbung schenken. Und die Salbung des Heiligen Geistes zerbricht Herzen – nicht clevere oder philosophisch anspruchsvolle Formulierungen.

6. Die Gefahr, die Stimme des Hirten zu verlieren

Ein Gemeindehirte (Ältester) ist nicht nur Lehrer, sondern auch Hirte (Epheser 4,11). Er muss sein Volk kennen – ihre Schmerzen, Versuchungen, Freuden. KI kann Daten auswerten, aber sie kann keine Tränen sehen. Sie kann Statistiken lesen, aber keine Herzen tragen. Sie kann Unmengen von theologischen Artikeln und Predigten lesen, wird aber kein Tröpfchen Heiligen Geist haben.

Die Stimme des Hirten hat Autorität, weil sie Wahrheit in Liebe vermittelt (Epheser 4,15). Und Liebe lässt sich nicht automatisieren. Wenn Prediger ihre Worte auslagern, wird ihre Stimme irgendwann fremd. Und Jesus sagt: »[D]ie Schafe folgen ihm, weil sie seine Stimme kennen. Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen« (Johannes 10,4–5). KI kann die Stimme eines guten Hirten nur nachäffen, sogar täuschend ähnlich (was die Schlange im Garten Eden auch konnte), aber nicht aus der Wahrheit im Herzen erzeugen.

7. Die Gefahr, das Kreuz zu vergessen

Am Ende liegt unter allen Gefahren diese: KI kann nicht bluten. Sie kann keine Last tragen. Sie kann kein Kreuz aufnehmen. Wahre Verkündigung fließt aus den Wunden des Gekreuzigten – durch die Wunden seiner Diener. »Daher wirkt der Tod in uns, das Leben aber in euch« (2.Korinther 4,12).

Wenn ein Gemeindehirte oder Prediger sich zu sehr auf KI verlässt, trennt er die Botschaft vom Kreuz von der Lebensweise des Kreuzes. Das Evangelium mag noch auf seinen Lippen liegen, aber nicht mehr in seinem Leben. Und wo das Kreuz nicht mehr Form und Inhalt unseres Lebens und Predigens prägt, verliert das Evangelium seine überzeugende Kraft (1.Thessalonicher 1,5–10; 2.Korinther 5,11).

8. Ein nachahmenswertes Vorbild

Esra hat uns ein nachahmenswertes Vorbild für alle Verkündiger hinterlassen: »Denn Esra hatte sein Herz darauf gerichtet, das Gesetz Jahwes zu erforschen und zu tun und in Israel Satzung und Recht zu lehren.« (Esra 7,10). Verkündigung fängt mit der rechten Herzenseinstellung an, geht zum Wort Gottes, um es intensiv (im Detail) und extensiv (in Gänze) zu studieren (vgl. Psalm 1,2), es dann aufs eigene Denken und Tun fruchtbringend anzuwenden und schließlich entsprechend gereift (»ergriffen«) und »begriffen« es lehrend auf die Herzen des Volkes Gottes zu legen als »Wort des Herrn«.

Darum, liebe Mitbrüder im Verkündigungsdienst:
Lasst uns die Werkzeuge unserer Zeit nicht verachten – aber lasst uns sie mit heiliger Wachsamkeit gebrauchen. Nutze sie, wenn du musst, aber gib ihnen nicht dein Herz.

Tausche niemals die Flamme göttlicher Offenbarung gegen das Flimmern digitaler Inspiration. Wenn der Geist Gottes einen Menschen erfüllt, wird sogar seine Schwachheit zur Stärke (1.Korinther 2,3–5). Aber wenn ein Mensch auf eine Maschine vertraut, wird selbst seine Stärke hohl.

Besser ein zitternder Prediger mit Bibel und Gebet – als eine gefällig-elegante Predigt ohne Seele.

Quellen & Disclaimer

Dieser Artikel wurde u.a. angeregt durch einen (englischsprachigen) Interview-Beitrag mit John Piper: Should I Use AI to Help Me Write Sermons? (24.02.2025). Onlinequelle: https://www.desiringgod.org/interviews/should-i-use-ai-to-help-me-write-sermons [10.10.2025].

Lesenswert auch der (englischsprachige) Artikel von Abner Chou, Präsident von The Master’s University and Seminary: Biblical Wisdom on Artificial Intelligence (28.10.2023). Onlinequelle: https://www.math3ma.institute/journal/jan2025-chou [10.10.2025].


[1]            Der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan (1911–1980) schrieb sinngemäß: »We shape our tools and thereafter our tools shape us.« (»Wir formen unsere Werkzeuge, und danach formen unsere Werkzeuge uns.«). Neil Postman (1931–2003), ein Schüler McLuhans, hat den Gedanken weitergeführt: »Every technology carries with it a philosophy, a bias, a way of being in the world.« (»Jede Technologie bringt eine Philosophie mit sich, eine Tendenz, eine bestimmte Art, in der Welt zu sein.«). Beide beobachteten, dass insbesondere neue, gehypte Technologien die Tendenz haben, die eigentliche Botschaft in den Hintergrund zu drängen und sich dafür selbst in den Vordergrund zu stellen: Das Medium selbst wird zur Botschaft (McLuhan, The Medium Is the Massage, 1967; das Buch wurde absichtlich mit diesem Druckfehler im Titel verkauft!).