Führung als Gemeindehirte

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Wenn die Bibel unsere Leiterschaft beurteilt

Im ersten Teil (»Wenn Leiter starke Mitarbeiter fürchten«) haben wir ein Führungsphänomen betrachtet, das in Unternehmen ebenso wie in christlichen Organisationen auftreten kann: Eine Führungskraft erlebt besonders kompetente Mitarbeiter nicht als Bereicherung, sondern als Bedrohung.

Die Organisationspsychologie bietet dafür verschiedene Erklärungsmodelle an: bedrohtes Selbstwertgefühl, Statusschutz, Kontrollbedürfnis, soziale Vergleichsprozesse, das »Not-Invented-Here«-Syndrom oder narzisstische Verhaltenszüge.

Das alles kann hilfreich sein. Aber die Bibel geht tiefer. Sie fragt nicht nur danach, wie ein Mensch sich verhält und welche psychologische Funktion dieses Verhalten erfüllt. Sie fragt nach dem Herzen – nach Stolz und Demut, Neid und Liebe, Menschenfurcht und Gottesfurcht, Selbstbehauptung und Hingabe.

Gerade für christliche Leiter ist diese Perspektive unverzichtbar. Denn problematische Führung kann sich in der Gemeinde hinter ausgesprochen geistlicher Sprache verbergen. Das mag dem Leiter selbst gar nicht so bewusst sein. Die Möglichkeit der Selbsttäuschung ist immer gegeben.

Saul: Wenn der Erfolg eines anderen zur Bedrohung wird

Ein geradezu klassisches Beispiel bietet König Saul. David hatte einen großen militärischen Erfolg errungen. Als die Männer aus dem Kampf zurückkehrten, sangen die Frauen Israels:

»Saul hat seine Tausende erschlagen und David seine Zehntausende.«
(1Samuel 18,7)

Was hätte ein guter König denken können? »Gott sei Dank für diesen jungen Mann! Was für ein Geschenk für Israel!«

Saul reagiert anders. Er hört nicht zuerst den Erfolg Israels. Er hört den Vergleich: »Sie haben David Zehntausende gegeben und mir haben sie die Tausende gegeben; es fehlt ihm nur noch das Königtum.«

Und dann folgt der bemerkenswerte Satz:

»Und Saul blickte neidisch auf David von jenem Tag an und weiterhin.«
(1Samuel 18,9)

Damit verändert sich Sauls Wahrnehmung. David ist objektiv einer seiner wertvollsten Männer. Subjektiv wird er zum Konkurrenten. Seine Begabung wird zur Bedrohung. Sein Erfolg wird zu Sauls Niederlage. Seine Anerkennung wird zu Sauls Kränkung.

Hier begegnet uns genau jenes Nullsummendenken, das wir im ersten Teil beschrieben haben: »Wenn David größer wird, werde ich kleiner.«

Von nun an versucht Saul nicht mehr hauptsächlich, David für seine Aufgabe zu nutzen. Er versucht, David zu kontrollierenauf Abstand zu halten und schließlich zu beseitigen.

Neid hat die Wahrnehmung des Leiters vergiftet.

Neid ist kein kleines Charakterproblem

Die Bibel behandelt die Drillinge Neid, Eifersucht und Streitsucht deshalb erstaunlich ernst.

»Ein gelassenes Herz ist das Leben des Leibes, aber Ereiferung [Eifersucht] ist Fäulnis der Gebeine« (Spr 14,30).

Paulus zählt Neid zu den Werken des Fleisches (Galater 5,19–21). In Korinth ist Neid ein Kennzeichen geistlicher Unreife (1Korinther 3,3). Selbst die christliche Verkündigung kann von Neid motiviert erfolgen (Philipper 1,15)! Neid wirkt in vielen Situationen, ohne seine hässliche Fratze zu zeigen. [1]

Besonders eindringlich formuliert Jakobus:

»Wenn ihr aber bitteren Neid und Streitsucht in eurem Herzen habt, so rühmt euch nicht und lügt nicht gegen die Wahrheit. … Denn wo Neid und Streitsucht ist, da ist Zerrüttung und jede schlechte Tat.«
(Jakobus 3,14.16; Fettdruck hinzugefügt)

Die Reihenfolge ist bemerkenswert: Neid beginnt im Herzen. Dann entsteht Rivalität. Aus Rivalität entsteht Zerrüttung. Und aus der Zerrüttung erwachsen weitere böse Handlungen – jeder Art!

Kain und Abel, Joseph und seine Brüder, Saul und David zeigen alle dasselbe Muster.

Der Neider leidet nicht nur an seinem eigenen Mangel, er leidet am Segen des anderen.

Die Liebe denkt anders

Deshalb steht dem Neid in der Schrift nicht einfach Selbstdisziplin gegenüber, sondern die Liebe:

»Die Liebe ist langmütig, ist gütig; die Liebe neidet nicht.«
(1. Korinther 13,4)

Das ist für geistliche Leiterschaft von enormer Bedeutung:

  • Der Neid sagt: »Warum kann er das besser als ich?«
    Die Liebe sagt: »Wie gut, dass Gott ihm diese Fähigkeit gegeben hat.«
  • Der Neid fragt: »Bekomme ich noch genügend Anerkennung?«
    Die Liebe fragt: »Wie kann dieser Bruder seine Gabe möglichst fruchtbar einsetzen?«
  • Der Neid empfindet einen besonders begabten Mitarbeiter als Konkurrenz.
    Die Liebe erkennt in ihm ein Geschenk Gottes an die Gemeinde.

Damit wird aus einer Führungsfrage eine geistliche Frage. Blicken wir einmal auf Mose, der ein Millionenvolk führte.

Mose: »Eiferst du für mich?«

Ein bemerkenswerter Gegenentwurf zu Saul findet sich bei Mose. Zwei Männer, Eldad und Medad, weissagen im Lager. Josua erfährt davon und reagiert alarmiert: 

»Mein Herr Mose, wehre ihnen!«
(4Mose 11,28)

Josua möchte offenbar Moses einzigartige Stellung schützen. Mose aber antwortet:

»Eiferst du für mich? Möchte doch das ganze Volk des HERRN Propheten sein, dass der HERR seinen Geist auf sie legte!«
(4Mose 11,29)

Welch bemerkenswerte Reaktion eines Leiters! Mose muss seine Position nicht dadurch sichern, dass andere klein bleiben. Er freut sich darüber, wenn Gott andere gebraucht.

Saul fragt faktisch: »Was bleibt für mich übrig, wenn David groß wird?« Mose fragt: »Warum sollten nicht noch viel mehr Menschen von Gott gebraucht werden?« Damit offenbart Mose geistliche Reife.

Delegation ist kein Verlust

Schon zuvor hatte Mose eine wichtige Lektion lernen müssen. Er versuchte, die zahlreichen Streitfälle des Volkes selbst zu entscheiden. Sein Schwiegervater Jethro beobachtete das und sagte ihm unverblümt:

»Die Sache ist nicht gut, die du tust. Du wirst ganz erschlaffen, sowohl du als auch dieses Volk, das bei dir ist; denn die Sache ist zu schwer für dich, du kannst sie nicht allein ausrichten.«
(2Mose 18,17–18)

Jethros Lösung bestand darin, geeignete Männer auszuwählen und ihnen Verantwortung zu übertragen. In heutiger Führungssprache würden wir von gestufter Delegation und adäquater Führungsspanne sprechen.

Bemerkenswert ist dabei: Mose verliert durch Delegation nicht seine Leitungsverantwortung. Er führt gerade durch diese Maßnahme besser. Das ist ein entscheidender Unterschied: Delegieren bedeutet nicht, Verantwortung loszuwerden. Es bedeutet, andere verantwortlich mittragen zu lassen.

Ein unsicherer Leiter erlebt das als Machtverlust. Ein reifer Leiter erkennt darin Multiplikation.

Gemeindehirten sind keine Kontrolleure

Für die neutestamentliche Gemeinde wird diese Haltung ausdrücklich normativ. Petrus schreibt Ältesten (Gemeindehirten):

»Hütet die Herde Gottes, die bei euch ist … nicht als solche, die über ihre Besitztümer herrschen, sondern die Vorbilder der Herde sind.«
(1Petrus 5,2–3)

Das neutestamentliche Bild für Gemeindeleitung ist nicht der Feldherr, Geschäftsführer oder Herrscher. Die Gemeinde ist weder Kasernenhof, noch Firma und auch nicht das Königreich der Ältesten.

Vielmehr: Ein Gemeindeleiter ist ein Hirte. Ein Hirte besitzt gewisse Macht über die ihm anvertraute Herde – aber diese Macht ist beschränkt und funktional: sie ist vollständig auf das Wohl der Herde ausgerichtet:

  • Er führt.
  • Er schützt.
  • Er ernährt.
  • Er sucht Verirrte.
  • Er geht voran.
  • Und er ist bereit, für die ihm Anvertrauten Kosten zu tragen.

Gerade darin besteht der Gegensatz zu missbräuchlicher Macht: Der Hirte benutzt die Herde nicht für sich, weder materiell noch statusbezogen; er setzt sich selbst für die Herde ein, er liebt sie (vgl. Hesekiel 34). Er führt als Vorbild, er wacht fürsorglich über die Seelen. Denn er wird vor dem Oberhirten der Gemeinde, Jesus Christus, eines Tages darüber Rechenschaft geben müssen (Hebräer 13,17).

Diotrephes: Wenn ein Leiter der Erste sein will

Dass auch christliche Gemeinden vor einem anderen Leitungsverständnis nicht geschützt sind, zeigt Diotrephes. Johannes schreibt:

»Diotrephes, der gern unter ihnen der Erste sein will, nimmt uns nicht an.«
(3Johannes 9)

Das Problem dieses Mannes wird erstaunlich knapp beschrieben: Er will der Erste sein.

Aus diesem Motiv entsteht konkretes Verhalten: Er akzeptiert apostolische Autorität nicht, redet böse, verweigert anderen die Aufnahme und stößt diejenigen aus der Gemeinde, die anders handeln wollen.

Das ist bemerkenswert. Machtmissbrauch beginnt nicht notwendig mit einer falschen theologischen Lehre. Er kann mit dem Verlangen beginnen: »Ich will der Erste sein!«

Gerade deshalb muss die Charakterqualifikation eines Leiters seiner Leitungsfunktion vorausgehen (1Timotheus 3; Titus 1,5ff).

Christus stellt Führung auf den Kopf

Jesus Christus hat seinen Jüngern ausdrücklich verboten, das Herrschaftsverständnis ihrer Umwelt in die Gemeinde zu übertragen. Die Herrscher der Nationen herrschen über ihre Untergebenen:

»Aber so ist es nicht unter euch; sondern wer irgend unter euch groß werden will, soll euer Diener sein; und wer irgend unter euch der Erste sein will, soll der Knecht aller sein.«
(Markus 10,43–44)

Christus schafft damit Führung nicht ab. Er definiert sie neu.

Größe besteht nicht darin, wie viele Menschen mir dienen. Größe zeigt sich darin, wie ich anderen diene. Da wird die Fachbezeichnung »Minister« für Führungspersonen in (Politik und in) der Gemeinde wieder Programm und Maxime: »wer irgend unter euch groß werden will, soll euer Diener sein; und wer irgend unter euch der Erste sein will, soll der Knecht aller sein« (Markus 10,43–44). [2]

Autorität ist kein Instrument zur Selbstvergrößerung. Sie ist anvertraute Verantwortung zum Wohl anderer.

Und Christus selbst ist dafür das vollkommene Vorbild.

Christus machte seine Jünger handlungsfähig

Jesus sammelte nicht dauerhaft alle Aufgaben bei sich:

  • Er berief Jünger.
  • Er lehrte sie.
  • Er ließ sie beobachten.
  • Er übertrug ihnen Aufgaben.
  • Er sandte sie aus.
  • Er besprach mit ihnen ihre Erfahrungen.

Und schließlich vertraute er ihnen eine Aufgabe an, die weit über ihre natürliche Leistungsfähigkeit hinausging.

Dabei wusste Christus vollkommen, wie unvollkommen seine Jünger waren:

  • Petrus würde versagen.
  • Thomas würde zweifeln.
  • Die Jünger würden einander missverstehen und über Rangfragen streiten.

Trotzdem bildete Christus keine Organisation, deren Funktionsfähigkeit von seiner dauernden körperlichen Anwesenheit abhängig war. Er befähigte andere zum Dienst.

Das ist das genaue Gegenteil eines Leiters, der Mitarbeiter klein hält, damit er selbst unentbehrlich bleibt.

Woran erkennt man einen guten Gemeindehirten?

Ein guter Gemeindehirte muss nicht der beste Redner, klügste Theologe, begabteste Organisator oder kompetenteste Fachmann in jedem Bereich der Gemeinde sein. Das wäre sogar ein merkwürdiges Verständnis von Gemeindeleitung.

Ein guter Gemeindehirte freut sich darüber, wenn Gott seiner Gemeinde Menschen schenkt, die etwas besser können als er:

  • Er muss sie nicht klein machen.
  • Er darf sie fördern.
  • Er kann Verantwortung übertragen.
  • Er kann Anerkennung weitergeben.
  • Er kann einen jüngeren Bruder predigen lassen, der vielleicht einmal besser predigen wird als er selbst. Oder einen Bruder, der es offenbar besser kann, weil er entsprechend von Gott begabt wurde und sich ausbilden ließ.
  • Er kann einen organisatorisch begabteren Mitarbeiter organisieren lassen.
  • Er kann einen seelsorgerlich begabteren Bruder in der Seelsorge einsetzen.
  • Er kann einen anderen ausbilden, der vielleicht eines Tages seinen eigenen Dienst übernimmt (2Timotheus 2,2).

Denn sein Ziel lautet nicht: »Wie bleibe ich unentbehrlich?«, sondern: »Wie wird die Gemeinde Christi erbaut?«

Und was sollen die Geführten tun?

Damit ist allerdings nur eine Seite betrachtet. Auch Mitarbeiter können sich falsch verhalten.

Nicht jeder abgelehnte Vorschlag beweist Neid. Nicht jede Entscheidung, die mir nicht gefällt, ist Machtmissbrauch. Und Fachkompetenz auf einem Gebiet bedeutet nicht automatisch Leitungskompetenz für das Ganze.

Auch Mitarbeiter können stolz, ehrgeizig, ungeduldig oder illoyal handeln. Deshalb fordert die Schrift weder blinde Unterordnung noch rebellischen Widerstand. Sie fordert uns alle auf, das Ganze nicht zu einem Erfolg für Satan werden zu lassen.

Nicht Böses mit Bösem vergelten

Paulus schreibt:

»Vergeltet niemand Böses mit Bösem … Wenn möglich, soviel an euch ist, lebt mit allen Menschen in Frieden.«
(Römer 12,17–18)

Gerade Führungskonflikte entwickeln schnell eine zerstörerische Eigendynamik:

  • Es entstehen Lager
  • Vertrauliche Informationen werden weitergegeben.
  • Aus einem Sachkonflikt wird ein Personenkonflikt.
  • Sarkasmus ersetzt Argumente.
  • Der betroffene Mitarbeiter sammelt Unterstützer.
  • Der Leiter auch.

Irgendwann diskutiert kaum noch jemand die ursprüngliche Sache. Christen müssen sich vor diesen Mechanismus unbedingt hüten.

Wahrheit und Liebe gehören zusammen

Die Alternative zum Schweigen ist nicht Aggression. Paulus spricht davon, »die Wahrheit festhaltend in Liebe« zu handeln (Epheser 4,15). Das bedeutet:

  • Wir schweigen nicht aus Menschenfurcht.
  • Aber wir explodieren auch nicht aus Frustration.
  • Wir unterscheiden Beobachtung und Interpretation.
  • Wir nennen konkrete Vorgänge.
  • Wir unterstellen nicht leichtfertig Motive.

Und wir behandeln auch einen fehlbaren Leiter als Bruder.

Matthäus 18 ernst nehmen

Wenn tatsächlich Sünde vorliegt, gibt Christus einen erstaunlich einfachen ersten Schritt vor:

»Wenn aber dein Bruder gegen dich sündigt, so geh hin, überführe ihn zwischen dir und ihm allein.«
(Matthäus 18,15)

Nicht zuerst der Freundeskreis. Nicht der »Flurfunk«. Nicht eine Unterstützergruppe. Zuerst der Betroffene selbst.

Das Ziel lautet dabei ausdrücklich nicht, einen Gegner zu besiegen:

»Wenn er auf dich hört, hast du deinen Bruder gewonnen.«

Bei Vorwürfen gegen von Gott eingesetzte Älteste müssen zusätzlich die besonderen Anweisungen von 1Timotheus 5,19–21 beachtet werden.

Älteste – Von Gott oder von Menschen »eingesetzt«?

Manchmal erlebt man eine gefährliche »Titelgläubigkeit«, besonders in traditionsgeprägten Kulturen. Da wird wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass jemand, den einige Menschen nach der dort üblichen Vorgehensweise »eingesetzt« haben, nun tatsächlich zu denen gehören, die der Heilige Geist »als Aufseher gesetzt hat, die Versammlung Gottes zu hüten, die er sich erworben hat durch das Blut seines Eigenen« (Apostelgeschichte 20,28). Dieser tragische Irrtum hat schmerzliche und oft langwierige Konsequenzen.

Halten wir die biblische Wahrheit fest: Ältester (Gemeindehirte) einer örtlichen Gemeinde wird man nicht dadurch, dass einige Männer dies so sehen und entscheiden und es ihrer Gemeinschaft verkünden. Man wird auch nicht Ältester dadurch, dass eine Gemeinschaft einen Kandidaten anfragt und (wie auch immer) über sein »Amt« entscheidet. Das Einsetzen eines Ältesten bleibt vielmehr exklusives Privileg des Heiligen Geistes (Apostelgeschichte 20, 28). Das ist auch verständlich, denn es geht bei den Geführten um äußerst wertvolle Menschen: Gott hat sie »sich erworben durch das Blut seines Eigenen« (ebenda). 

Die Aufgabe der Gemeinde ist es, jene Ältesten (Aufseher, Gemeindehirten) zu erkennen und anzuerkennen, die Gott selbst (ein-)gesetzt hat. Daher müssen Kandidaten fürs Diakone- und Ältestenamt »zuerst erprobt werden«, »dann lass sie dienen, wenn sie untadelig sind« (1Timotheus 3,10). Das heißt: Es fällt kein Ältester aus einem Ernennungsgremium mitten in eine örtliche Gemeinde hinein. Sondern er wird mitten aus seinem bewährten Dienst – Dienen wie ein Ältester– nach Bewährung erkannt und benannt werden. Die Aufgabe der örtlichen Gemeinde ist also, die vom Heiligen Geist als Älteste eingesetzten Männer zu erkennen und dann auch (offiziell) anzuerkennen, wenn sie bewährt und »untadelig« sind.

Alexander Strauch, Leiter einiger Seminare und Autor einiger Bücher zu »Biblische Ältestenschaft«, hat die Frage: »Wie wird man falsche (=nicht von Gott eingesetzte) Älteste los?« einmal pointiert so beantwortet: Entweder sie ziehen in eine andere Stadt, gehen heim zu ihrem Herrn – oder es gibt eine Gemeindespaltung. Viele bleiben im »Amt« lange über die Zeit hinaus, wo sie wirklich »dienen« (können oder sollten). Der angenommene Ehr- und Machtverlust eines Rücktritts überwiegt wohl manchmal gegenüber dem Göttlichen und Gemeindeförderlichen.

Ein Beispiel aus dem Gemeindeleben

Nehmen wir eine fiktive, aber durchaus realistische Gemeinde.

Drei Älteste tragen gemeinsam Verantwortung. Einer von ihnen hat über viele Jahre den größten Teil der Verkündigung übernommen. Er ist angesehen und hat viel Gutes für die Gemeinde getan.

Nun entwickelt sich ein anderer Bruder sehr erfreulich. Er studiert die Schrift gründlich, kann gut lehren und seine Bibelstunden werden von vielen Gemeindegliedern geschätzt.

Das ist zunächst ein Grund zur Freude. Doch allmählich verändert sich etwas. Der Bruder bekommt seltener Gelegenheit zu lehren. Lieber lädt man externe Redner ein. Vorschläge von ihm werden regelmäßig vertagt. Bei Sitzungen zu bestimmten Themen wird er nicht eingeladen. Einer der Ältesten äußert schließlich: »Ich bin mir nicht sicher, ob er sich in die richtige Richtung entwickelt. Ich habe kein Vertrauen in ihn.« Auf Nachfrage kann er allerdings keine konkrete falsche Lehre und kein konkretes Fehlverhalten nennen.

Was geschieht hier? Es gibt mehrere Möglichkeiten, z. B.:

  • Vielleicht besitzt der Älteste Informationen, die anderen fehlen.
  • Vielleicht hat der Bruder tatsächlich unreif oder falsch gehandelt.
  • Vielleicht wurde seine Begabung überschätzt.
  • Vielleicht bestehen sachliche Gründe, ihm bestimmte Aufgaben noch nicht zu übertragen (, die benannt werden können).

Aber eine weitere Möglichkeit muss ebenfalls geprüft werden: Hat ein Leiter begonnen, die Begabung eines Mitarbeiters als Bedrohung zu erleben?

Nun sind alle Beteiligten gefordert:

  • Der jüngere Bruder darf nicht anfangen, Unterstützer um sich zu sammeln und gegen den Ältesten Stimmung zu machen.
  • Die anderen Ältesten dürfen die Situation nicht aus Bequemlichkeit ignorieren.
  • Und der betreffende Älteste muss bereit sein, sich selbst vor Gott zu prüfen:
    • Freue ich mich wirklich darüber, wenn dieser Bruder wächst?
    • Kann ich ihm Verantwortung übertragen?
    • Kann ich mich darüber freuen, wenn Menschen von seiner Verkündigung profitieren?
    • Kann ich ihn öffentlich loben?
    • Kann ich mir vorstellen, dass er eines Tages Aufgaben besser erfüllt als ich?

Und schließlich: Will ich Christus groß machen – oder brauche ich selbst den ersten Platz?

Jetzt zeigt sich, ob eine Ältestenschaft wirklich als Hirtenteam funktioniert. Die anderen Ältesten können Beobachtungen offen ansprechen. Der jüngere Mitarbeiter kann gehört werden. Konkrete Bedenken können benannt und geprüft werden. Verantwortung kann zunächst begrenzt übertragen und anschließend ausgewertet werden.

Aus Misstrauen wird überprüfbares Vertrauen. Aus Konkurrenz kann Zusammenarbeit werden. Und aus einem möglichen Konflikt kann sogar geistliches Wachstum entstehen.

Der entscheidende Unterschied

Saul sah in David einen Mann, dessen Wachstum seine eigene Stellung bedrohte.

Mose konnte sich darüber freuen, dass andere vom Geist Gottes gebraucht wurden.

Diotrephes wollte der Erste sein. Christus machte sich zum Diener aller.

Damit stehen auch heutige christliche Leiter vor einer einfachen, aber tiefgehenden Frage: Werden durch meine Leitung andere Menschen geistlich stärker, reifer und fruchtbarer im Dienst für Christus?

Oder anders formuliert: Brauche ich die Schwäche anderer, damit meine eigene Größe sichtbar bleibt?

  • Ein Gemeindehirte darf sich darüber freuen, wenn die Schafe wachsen.
  • Er darf sich darüber freuen, wenn Mitarbeiter kompetenter werden.
  • Er darf sich darüber freuen, wenn die Gemeinde Zuwachs bekommt von Männern und Frauen, die bestimmte Dienstlücken ausfüllen können, Kapazität einbringen und/oder die Qualität der Arbeit steigern können.
  • Er darf sich darüber freuen, wenn ein Bruder Aufgaben übernimmt, die früher nur er selbst erledigen konnte. Er darf sogar darauf hinarbeiten und planen.

Denn die Gemeinde gehört nicht ihm. Die Herde gehört Gott. Die Gaben verteilt Gott. Das Wachstum schenkt Gott. Und der oberste Hirte ist Christus.

Ein geistlich unreifer Leiter versucht (bewusst/unbewusst), sich unersetzlich zu machen. Ein guter Gemeindehirte bildet Menschen aus, denen er immer mehr anvertrauen kann. Er öffnet Dienstbereiche für andere, für die sie die Gaben bekommen haben.

Sein größter Erfolg besteht nicht darin, dass ohne ihn nichts funktioniert, sondern darin, dass die Menschen, die Gott ihm anvertraut hat, wachsen, Verantwortung übernehmen und ihrerseits andere zum Dienst befähigen.

Dies alles zur höheren Ehre Gottes und Seines Sohnes Jesus Christus.
Soli Deo Gloria!


Anmerkungen

[1]  Neid aus biblischer Sicht. Die Bibel spricht erstaunlich häufig über Neid als innere Herzenshaltung und Motiv (Beweggrund). Neid ist oft Ursache von Streit, Hass und Zerstörung. Besonders die Weisheitsliteratur im Alten Testament analysiert den Neid psychologisch sehr treffend, während die Briefe des Neuen Testaments ihn als Werk des Fleisches und als Gegensatz zur Liebe beschreiben.

Wesen. Neid ist nach der Heiligen Schrift letztlich Unzufriedenheit mit Gott, weil dieser anderen etwas anvertraut hat, was der Neider für sich selbst begehrt. Im Kern ist dies Rebellion gegen den Höchsten. Manchmal spielt auch das Motiv der Eifersucht mit. Neid regt sich zum Beispiel, wenn man andere gesegnet(er) sieht mit Vermögen (1Mose 26,14; Spr 28,22), mit Kindern (1Mose 30,1), mit Gunst eines Übergeordneten (1Mose 37,11). Der Ursprung des Neides liegt beim Ur-Neider, dem Teufel. Wo Neid im Herzen Platz findet, folgt daher Teuflisch-sündiges, wie Streitsucht, Lüge, Seelisches, Teuflisches und Zerrüttung – jede böse Tat (Jakobus 3,14–16; Philipper 1,15a.17). Grundsätzlich will der Neider den Beneideten schädigen, sei es wirtschaftlich, seelisch oder im Ruf/Ansehen. 

Sünde. Neid ist eine üble Eigenschaft, die dem Menschen seit dem Sündenfall eigen ist. Man kann dies am ersten Mord der Geschichte (einem Brudermord: Kain–Abel!) bereits deutlich erkennen, aber auch durch die Patriarchengeschichte gut weiterverfolgen. Stephanus berichtete von Josephs neidischen Brüdern: »Und die Patriarchen, neidisch auf Joseph, verkauften ihn nach Ägypten« (Apostelgeschichte 7,9). Später lesen wir von König Saul: »Und Saul blickte neidisch auf David von jenem Tag an und weiterhin« (1Samuel 18,9). Die Weisheitssprüche Salomons und manche Psalmen lehren: »Beneide nicht…«, insbesondere dann, wenn das Begehrte sündig ist.

Im Neuen Testament lesen wir, dass Jesus Christus von den Juden u. a. aus Neid verraten und ermordet wurde. Pilatus roch den Braten: »Denn er wusste, dass sie ihn [Jesus] aus Neid überliefert hatten« (Matthäus 27,18). Der Apostel Paulus klagte, dass der Neid auf ihn und seinen gesegneten Dienst andere dazu trieb, sich über sein Gefangensein zu freuen, weil es ihnen Platz verschaffte, an seiner Stelle die Verkündigung zu übernehmen (Neid als Dienstmotiv(!); Philipper 1,15.18). Die Apostel und die ersten Christen wurde von den Juden aus Neid verfolgt (Apostelgeschichte 13,45; 17,5). 

Lösung. Neid ist ein seltsames Ding: Es ist zugleich starkes Motiv des sündigen Menschen, kennzeichnet ihn also, aber gleichzeitig ist es ein eifrig verborgen gehaltenes Motiv. Denn das Eingeständnis des Neides bedeutet ja oft gleichzeitig das Eingeständnis des Mangels, dass nämlich andere besser, begabter, reicher, fleißiger oder sonst wie bevorzugter sind, als man selbst. Manchmal nagt im Verborgenen zusätzlich die Erkenntnis, dass man selbst nicht ganz unschuldig an diesem Mangelzustand ist. Aber Versteckspielen hilft nicht. Gott sieht stets, wenn Neid bei unseren Motiven mitwirkt, vor ihm sind wir offen und aufgedeckt (Hebräer 4,12–13). Aber auch Menschen »riechen manchmal den Braten«, wie die Beispiele oben zeigen.

Daher gilt: Neid muss als »Werk des [sündigen] Fleisches« (Galater 5,20) unbedingt abgelegt werden: »Lasst uns anständig wandeln wie am Tag; nicht in … Streit und Neid; sondern zieht den Herrn Jesus Christus an, und treibt nicht Vorsorge für das Fleisch zur Befriedigung seiner Begierden« und: »Legt nun ab … allen … Neid und alles üble Nachreden« (Römer 13,13; 1Petrus 2,1). Neid ist Folge von Lieblosigkeit: »die Liebe neidet nicht [o. ist nicht eifersüchtig]« (1Korinther 13,4). Das zeigt, dass Neid sehr tief steckt, er ist eine Herzenssünde und läuft unserem Wesen als Kinder Gottes zuwider. Das hat üble Konsequenzen: Gott wird verunehrt, die Gemeinde zerrüttet und zerstört, »jede schlechte Tat« scheint nun möglich geworden zu sein (2Korinther 12,20, Jakobus 3,14–16). Unser selbstloser Dienst an den Glaubensgeschwistern hingegen wird be-/verhindert (Kontext von 1Korinther 12–14).

[2] Lateinisch minister bedeutet zunächst »Diener, Gehilfe, Helfer«, also gerade nicht primär »Herrscher«. Das Wort steht in Beziehung zu minus (»weniger«) und bildet semantisch einen interessanten Gegensatz zu magister (»Meister, Vorsteher«; zu magis = »mehr«). In der Vulgata steht in Markus 10,43 minister genau an der Stelle, an der wir für das griech. Wort διάκονος deutsch »Diener« lesen: »quicumque voluerit fieri maior, erit vester minister«. In der Reformation wurden kirchliche Amtsträger kirchenlateinisch als Minister bezeichnet, z. B. war ein minister verbi ein »Diener des Wortes«. In der Politik hatte sich das Verständnis, dass die Herrschenden eigentlich Diener des Volkes, des Souveräns, sind, ebenfalls im Begriff durchgesetzt (z. B. engl. Prime Minister). Unvermittelt denkt man auch an den Spruch Friedrich II. , dass der Herrscher der »erste Diener des Staates« sei.

Wenn Leiter starke Mitarbeiter fürchten

Lesedauer: 12 Minuten.

Neid, Misstrauen und das Nullsummenspiel

Vor wenigen Wochen durfte ich wieder mit »High Potentials« des Mittelstandes und der öffentlichen Verwaltung im Rahmen ihrer Weiterbildung als Führungskräfte zusammenarbeiten. Diese Seminare sind meist sehr wertvoll, anregend und sehr praxisnah.

Dabei kommt immer wieder ein Phänomen zur Sprache, das in Organisationen offenbar wiederholt auftritt und für einzelne Mitarbeiter wie für die gesamte Organisation erheblich negative Folgen haben kann: Führungskräfte fürchten manchmal gerade jene Mitarbeiter, die sie am dringendsten brauchen – die besonders kompetenten.

Das klingt zunächst paradox. Sollte sich eine Führungskraft nicht darüber freuen, wenn Mitarbeiter gute Ideen entwickeln, Probleme selbstständig lösen und in bestimmten Fachgebieten sogar kompetenter sind als sie selbst?

Genau das wäre zu erwarten. Doch die Praxis sieht manchmal anders aus.

Wenn eine gute Idee zum Problem wird

Betrachten wir ein typisches Fallbeispiel:

Ein fachlich kompetenter Mitarbeiter entwickelt einen Verbesserungsvorschlag und legt ihn seinem Vorgesetzten vor. Dieser hört freundlich zu, lobt vielleicht sogar die Idee – aber nichts geschieht. Der Vorschlag verschwindet in der sprichwörtlichen Schublade.

Fragt der Mitarbeiter später nach, hört er: »Wir haben gerade andere Prioritäten.« Oder: »Das ist noch nicht ausgereift.« Vielleicht sogar: »Ich habe kein Vertrauen, dass Sie das in die richtige Richtung entwickeln.«

Eine Delegation der Prüfung oder probeweisen Umsetzung erfolgt nicht. Es wird weder gelobt noch prämiert.

Einige Zeit später taucht dieselbe oder eine sehr ähnliche Idee wieder auf – nun aber als Vorschlag des Vorgesetzten. Jetzt kann sie plötzlich umgesetzt werden.

Noch deutlicher wird das Muster, wenn der betreffende Mitarbeiter auf seinem Fachgebiet erkennbar kompetenter ist als die Führungskraft: Er wird weniger informiert, seltener einbezogen und bekommt weniger Verantwortung übertragen. Seine Kompetenz wird nicht als Ressource, sondern offenbar als Bedrohung wahrgenommen. Distanz und Cancel-Culture werden spürbar, das Gesicht bleibt indessen freundlich maskiert.

Typische Merkmale eines solchen Verhaltens sind:

  • Vorschläge anderer werden zwar angehört, aber nicht wirklich aufgenommen.
  • Gute Ideen werden eher akzeptiert, wenn die Führungskraft sie als eigene präsentieren kann.
  • Kompetente Mitarbeiter werden auf Distanz gehalten.
  • Verantwortung (für Umsetzung der eingebrachten Ideen) wird nicht/kaum delegiert.
  • Misstrauen wird ausgesprochen oder durch Verhalten signalisiert.
  • Die eigene Stellung wird gegenüber leistungsfähigen Mitarbeitern abgesichert.

Natürlich beweist keines dieser Merkmale für sich allein ein bestimmtes Motiv. Nicht jeder abgelehnte Verbesserungsvorschlag ist Ausdruck einer Führungsschwäche. Mitarbeiter können ihre eigene Kompetenz überschätzen; Führungskräfte können Informationen besitzen, die anderen fehlen; eine gute Idee kann zum falschen Zeitpunkt kommen. Jeder dieser Gründe könnte angemessen offen kommuniziert werden und so für Entschärfung sorgen. Findet das nicht statt, verschlimmert sich die Situation.

Interessant wird es dort, wo sich ein wiederkehrendes Muster erkennen lässt. Dann stellt sich die Frage: Warum verhält sich eine Führungsperson so?

Nicht zuerst fragen: »Warum ist er so?«

Psychologisch ist eine andere Fragestellung hilfreicher: Welche Funktion erfüllt dieses Verhalten für die betreffende Person?

Wir können einem Menschen nicht ins Herz sehen. Wir können Verhalten beobachten, Aussagen hören und wiederkehrende Muster erkennen. Daraus lassen sich mögliche Erklärungsmodelle entwickeln.

Diese Modelle sind keine Ferndiagnosen. Sie beschreiben mögliche Mechanismen. Mehrere davon sind für unser Fallbeispiel besonders interessant.

1. Bedrohtes Selbstwertgefühl

Eine Führungskraft kann nach außen ausgesprochen selbstsicher auftreten und trotzdem ein fragiles Selbstwertgefühl besitzen.

Das ist kein Widerspruch. Gerade ausgeprägte Selbstdarstellung kann dazu dienen, innere Unsicherheit zu kompensieren.

Dann werden Kritik, bessere Ideen und überlegene Fachkompetenz nicht nur sachlich wahrgenommen. Sie bekommen eine persönliche Bedeutung:

»Wenn seine Idee besser ist als meine – was sagt das über mich aus?«

Damit verschiebt sich die Bewertung. Nicht mehr die Frage: »Ist die Idee gut?« entscheidet, sondern: »Von wem kommt die Idee?«.

Kommt sie vom Mitarbeiter, kann sie das Selbstbild des Vorgesetzten bedrohen. Kann die Führungskraft dieselbe Idee später selbst präsentieren, verschwindet diese Bedrohung: Die Sache hat sich nicht geändert, nur die Urheberschaft. Und auf einmal »gehen« Dinge, die vorher verhindert wurden.

2. Das »Not-invented-here«-Syndrom

Damit berühren wir einen in Organisationen bekannten Effekt: das sogenannte »Not-Invented-Here«-Syndrom (»Nicht-hier-erfunden«-Syndrom): Ideen werden schlechter bewertet, weil sie nicht im eigenen Bereich, im eigenen Team oder im eigenen Kopf entstanden sind.

Auf der individuellen Ebene können Gedanken dahinterstehen wie: »Warum ist mir das nicht eingefallen?« oder: »Wenn diese Idee erfolgreich wird, bekommt jemand anderes die Anerkennung.« oder auch: »Wenn ich seinen Vorschlag übernehme, gebe ich indirekt zu, dass er etwas besser wusste als ich.«

Das kann ganze Organisationen betreffen. Unternehmen haben externe technische oder organisatorische Innovationen ignoriert, weil sie nicht aus dem eigenen Haus kamen. Erst erheblicher Wettbewerbsdruck zwang sie zum Umdenken. Manchmal war es dann zu spät.

Für eine Führungskraft ist eine solche Haltung besonders gefährlich. Denn sie beginnt damit, die Herkunft einer Idee höher zu bewerten als deren Qualität.

3. Kompetenz wird zur Statusbedrohung

Ein weiterer Mechanismus entsteht aus einem falschen Verständnis von Führung. Manche Führungskräfte scheinen ihre Rolle so zu verstehen: »Ich muss der Klügste im Raum sein.«

Eine gesunde Führungskraft könnte ihre Aufgabe dagegen so beschreiben: »Ich muss dafür sorgen, dass wir das leistungsfähigste Team haben.«

Das sind zwei grundverschiedene Führungsmodelle. Im ersten Modell bedroht jeder besonders fähige Mitarbeiter den Status des Leiters. Im zweiten erhöht jeder besonders fähige Mitarbeiter die Leistungsfähigkeit des Teams – und damit auch den Erfolg seiner Leitung.

Der Unterschied lässt sich auf eine einfache Frage reduzieren: Bin ich Ausbremser oder Förderer?

Wer Führung als Status versteht, muss seine Position verteidigen. Wer Führung als Verantwortung versteht, kann andere groß werden lassen.

Die Folgen des ersten Modells sind bekannt: Informationskontrolle, Mikromanagement, geringe Delegation und die Abwertung besonders kompetenter Mitarbeiter.

Das Tragische daran: Die Führungskraft schwächt damit genau das Team, dessen Erfolg sie eigentlich sichern soll.

4. Unsicherheit und Kontrollbedürfnis

Delegation bedeutet immer, ein Stück unmittelbarer Kontrolle abzugeben. Das ist unvermeidlich. Wer einem Mitarbeiter eine Aufgabe wirklich überträgt, kann nicht gleichzeitig jede seiner Entscheidungen selbst treffen. Deshalb setzt gute Delegation Vertrauen voraus. Von beiden Seiten.

Führungskräfte mit einem hohen Kontrollbedürfnis erleben genau das als Risiko. Sie möchten die Sache »im Griff behalten«. Dann kann der Satz: »Ich vertraue dir nicht!« etwas anderes bedeuten als das, was er zunächst aussagt. Möglicherweise lautet die tiefere Botschaft: »Ich vertraue meiner eigenen Fähigkeit nicht, Verantwortung abzugeben und trotzdem verantwortlich zu führen.« Das ist evtl. ein Spiegel von Selbstzweifeln.

Das ist psychologisch ein erheblicher Unterschied.

Besonders auffällig wird es, wenn eine Führungskraft gerade solchen Mitarbeitern misstraut, die über längere Zeit zuverlässig und kompetent gearbeitet haben. Dann erklärt die tatsächliche Leistung des Mitarbeiters das Misstrauen immer weniger.

Misstrauen kann nun eine Funktion bekommen: Es legitimiert Kontrolle.

5. Narzisstische Verhaltenszüge

Einige der beschriebenen Verhaltensweisen überschneiden sich schließlich mit dem, was psychologisch als narzisstische Verhaltenszüge beschrieben wird: Ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung, Vereinnahmung von Erfolgen, hohe Empfindlichkeit gegenüber Kritik und Schwierigkeiten damit, die Leistung anderer neben der eigenen gelten zu lassen.

Hier ist Vorsicht nötig: Nicht jede dominante oder unsichere Führungskraft leidet an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Eine solche Diagnose gehört ohnehin in fachkundige Hände. Menschen können einzelne narzisstische Verhaltensweisen zeigen, ohne dass eine klinische Störung vorliegt, besonders unter Stress oder in Führungspositionen. Hier ist die Möglichkeit eines Weges zum Burnout gegeben.

Für die Organisation ist aber zunächst das beobachtbare Verhalten entscheidend: Wenn ein Leiter ständig Anerkennung auf sich zieht, Kritik kaum erträgt, leistungsfähige Mitarbeiter klein hält und Verantwortung nicht abgeben kann, entsteht ein Führungsproblem – unabhängig davon, welches psychologische Etikett man darauf klebt.

Betrachten wir nun aber auch die »Gegenseite«: die Geführten.

Was geschieht mit den Mitarbeitern?

Die Folgen lassen sich häufig in einer einfachen Entwicklung beobachten:

  • Gewinn. Am Anfang steht ein engagierter Mitarbeiter. Er denkt mit, macht Verbesserungsvorschläge, übernimmt Verantwortung und investiert mehr als unbedingt nötig.
  • Konflikt. Dann stellt er ernüchtert fest, dass Initiative nicht erwünscht ist. Es folgt Frustration. Der Mitarbeiter macht weniger Vorschläge. Warum sollte er Energie investieren, wenn seine Ideen ohnehin blockiert werden? Aus Eigeninitiative wird allmählich Dienst nach Vorschrift.
  • Verlust. Am Ende kann die innere oder tatsächliche Kündigung stehen.[1]

Damit entsteht ein bemerkenswertes Paradox: Die Führungskraft möchte ihre eigene Position sichern und vertreibt dadurch gerade jene Mitarbeiter, die den Erfolg ihres Verantwortungsbereichs besonders fördern könnten.

Was kurzfristig wie Positionsschutz aussieht, wird langfristig zur Selbstschädigung. Und die Organisation/Gemeinschaft leidet darunter.

Der tiefere Zusammenhang: Neid

Bis hierher lassen sich die Vorgänge organisationspsychologisch beschreiben. 

Doch möglicherweise liegt unter mehreren der genannten Mechanismen noch ein anderes Motiv: Neid.

Neid wird selten eingestanden. Kaum jemand sagt: »Ich lehne seinen Vorschlag ab, weil ich neidisch darauf bin, dass ihm etwas eingefallen ist, was mir nicht eingefallen ist.« oder: »Ich halte Sie klein, weil Ihre Kompetenz mein Selbstbild bedroht.« Gerade deshalb ist Neid so schwer zu erkennen. Niemand gibt ihn zu, da er ein Zugeständnis des eigenen Mangels wäre.

Immanuel Kant unterschied sinnvoll zwischen bloßer Nacheiferung (invidia, nicht verwerflich) und Neid (moralisch verwerflich), sogar Missgunst (verschärfte Form des Neides). Wer einen erfolgreichen Menschen sieht und dadurch angespornt wird, selbst besser zu werden (»nacheifern«), muss keineswegs neidisch sein. Der Erfolg des anderen ist ihm keine Bedrohung, sondern Ansporn.

Problematisch wird es dort, wo nicht mehr der eigene Mangel schmerzt, sondern das Gut des anderen: Der Neider möchte nicht nur ebenfalls etwas besitzen oder können (Nacheiferung). Ihn stört vielmehr, dass der andere es besitzt oder kann (Neid). Daher möchte er den Verlust oder das Übel des anderen, auch wenn ihm selbst dabei kein Gewinn oder ein Gut erwächst (Missgunst). Der Neidige empfindet das Glück des anderen gleichsam als persönliche Kränkung, er ist traurig über das Glück des anderen.

Manchmal er erklärt sich die Welt so, dass der Gewinn/Erfolg des einen (Beneideten) automatisch (sozusagen rechnerisch) den eigenen Verlust/Misserfolg verursache. Damit berühren wir einen erstaunlich hilfreichen Zusammenhang aus der Spieltheorie und Verhandlungslehre.

Die Welt als Nullsummenspiel

In der Spieltheorie bezeichnet ein Nullsummenspiel eine Situation, in der der Gewinn des einen notwendigerweise dem Verlust des anderen entspricht. Wenn zwei Spieler zum Beispiel um einen festgelegten Geldbetrag von 100 Euro spielen und der eine 100 Euro gewinnt, hat der andere 100 Euro verloren. Wenn zwei Mannschaften in einem KO-Match gegeneinander spielen, kann nur eine gewinnen, die andere verliert.

Es gibt tatsächlich solche Situationen. Aber längst nicht das ganze Leben funktioniert so:

  • Wissen ist zum Beispiel kein Nullsummenspiel. Wenn mein Kollege etwas lernt, werde ich dadurch nicht dümmer. (Man könnte einwenden, dass Wissensstände relativ sind, der Neid also aus dem Vergleichen kommt.)
  • Kompetenz ist kein Nullsummenspiel. Wenn ein Mitarbeiter eine neue Fähigkeit entwickelt, verliere ich meine Fähigkeiten nicht.
  • Freundschaft ist kein Nullsummenspiel.
  • Und auch der Erfolg eines Teams muss kein Nullsummenspiel sein.

Trotzdem interpretieren Menschen Nicht-Nullsummen-Situationen immer wieder nach diesem Muster: »Wenn du gewinnst, verliere ich!«, »Ich gewinne nur, wenn du verlierst!« Genau hier berühren sich Nullsummendenken und Neid. (Man kann dieses Denkfehler-Phänomen auch in den Motiven und Slogans linker Politik wiederfinden: »Tax the rich!«, »soziale Gerechtigkeit« usw. – hier nicht weiter verfolgt.)

Wenn der Erfolg des anderen meinen Wert zu mindern scheint

Besonders anfällig dafür sind sogenannte Statusgüter: Ansehen, Prestige, Rang, Einfluss und Macht. Hier vergleichen Menschen sich miteinander:

  • Ein Mitarbeiter wird gelobt.
  • Ein Kollege wird befördert.
  • Ein anderer Redner erhält Anerkennung.
  • Ein Autor wird häufiger gelesen.
  • Ein Mitarbeiter entwickelt eine bessere Lösung.

Objektiv muss mir dadurch nichts genommen worden sein. Subjektiv kann ich trotzdem (wegen Vergleichens) empfinden: »Sein Gewinn macht meinen Wert kleiner.«

Damit wird aus einer Situation, in der beide gewinnen könnten, gedanklich ein Konkurrenzkampf. Die Frage lautet nicht mehr: »Wie können wir gemeinsam erfolgreicher werden?«, sondern: »Wer von uns beiden bekommt die Anerkennung?«

Und nun wird verständlich, weshalb besonders kompetente Mitarbeiter für bestimmte Führungskräfte gefährlich erscheinen: Nicht deren Schwäche ist das Problem, sondern deren Stärke ist das Problem.

Der Leiter vor einer grundlegenden Entscheidung

Damit kommen wir zu zwei völlig verschiedenen Vorstellungen von Führung.

  • Der eine Leiter denkt: »Wenn meine Mitarbeiter stärker werden, werde ich schwächer.«
  • Der andere: »Wenn meine Mitarbeiter stärker werden, wird unser gesamtes Team stärker.«

Der erste muss Wissen kontrollieren, Anerkennung sichern und Konkurrenten auf Abstand halten. Der zweite kann Wissen weitergeben, Verantwortung delegieren, Erfolge anderer würdigen und Mitarbeiter fördern.

Der erste versucht, sich unersetzlich zu machen. Der zweite arbeitet daran, dass andere Verantwortung übernehmen können (Förderung, Empowerment usw.).

Psychologisch lässt sich vieles davon mit Selbstwertschutz, Statusbedrohung, Kontrollbedürfnis, sozialem Vergleich und Neid erklären.

Aber damit ist die tiefste Frage noch nicht beantwortet: Woher kommt dieses eigentümliche Bedürfnis des Menschen nach Anerkennung? Warum fällt es uns so schwer, uns über die Überlegenheit eines anderen zu freuen? Warum erleben wir fremden Erfolg als eigene Niederlage? Warum wollen Menschen Macht nicht nur gebrauchen, sondern festhalten?

Die Psychologie kann solche Vorgänge beobachten und Modelle zu ihrer Erklärung anbieten.

Die Heilige Schrift aber stellt eine noch tiefere Frage: Was geschieht im Herzen des Menschen?

Mit dieser Frage verlassen wir die Ebene der bloßen Führungspsychologie.

Im zweiten Teil»Führung als Gemeindehirte« geht es deshalb um biblische Figuren wie Saul und David, Mose und Josua, Diotrephes und schließlich um Jesus Christus selbst. Es geht um Neid, Stolz, Macht und dienende Leiterschaft – und um die Frage, was Gott einem Gemeindehirten sagen würde, der starke Mitarbeiter nicht als Geschenk, sondern als Bedrohung empfindet.


Anmerkungen

[1]  Das Forschungsinstitut Gallup teilt im »Engagement Index Deutschland« die Mitarbeiter deutscher Unternehmen in drei Gruppen: 2025 hatten 10 % eine hohe emotionale Bindung, 77 % eine geringe und 13 % gar keine emotionale Bindung zum Unternehmen. Gallup setzt die letzte Gruppe ausdrücklich mit »innerer Kündigung« gleich (Die internationale Gallup-Systematik für 2025 kommt auf ähnliche Werte.) Der große Mittelblock – etwa drei Viertel – arbeitet durchaus, aber eher im Pflicht- oder »Energiesparmodus«: Aufgaben werden erledigt, doch Initiative, zusätzliche Anstrengung und starke emotionale Identifikation fehlen weitgehend.

Die typische Eskalation kann man empirisch so darstellen:

  • Stufe 1 – Engagement: Der Mitarbeiter bringt Ideen ein, übernimmt freiwillig Verantwortung und investiert über das Geforderte hinaus. Er denkt und handelt mit »Corporate Citizenship«, als ob die Organisation ihm (mit-)gehört.
  • Stufe 2 – Geringe Bindung: Er erledigt seine Arbeit weiterhin ordentlich (Vermeidung von Tadel), stellt aber zusätzliche Initiative ein. Gallup beschreibt genau diese große Gruppe als Beschäftigte, die das Nötige tun, sich aber nicht darüber hinaus einbringen.
  • Stufe 3 – Innere Kündigung: Der Mitarbeiter hat keine emotionale Bindung mehr, zieht sich innerlich zurück und denkt eventuell bereits über einen Wechsel nach.
  • Stufe 4 – Tatsächliche Kündigung: Die Organisation verliert ihn.

Führung spielt dabei nach Gallup tatsächlich eine zentrale Rolle. In älteren Deutschlanddaten hatten 48 % der aktiv disengagierten Mitarbeiter schon darüber nachgedacht, das Unternehmen wegen ihres direkten Vorgesetzten zu verlassen, gegenüber nur 7 % der engagierten Mitarbeiter. – Als Konsequenz könnte man fordern, diesen Mitarbeitern zu kündigen. Manchmal mag es auch für alle besser sein, deren Vorgesetzten zu feuern. In beiden Fällen stellt sich die nichttriviale Aufgabe, besseren Nachwuchs zu finden.

Das Haar in der Suppe

Lesedauer: 7 Minuten.

Jeder Redner und Prediger kennt das Erleben, dass nach dem Vortrag oder der Predigt jemand zu ihm kommt und etwas korrigieren will. Sind Hauptsachen angesprochen, kann dies zu fruchtbarem brüderlichen Austausch führen. Nicht selten betrifft das Kritisierte aber nicht die Hauptbotschaft des Vortrags oder der Predigt, sondern eine Nebenbemerkung, einen Nebengedanken, ein »Ex-tempore«. Dann wird das Fruchtbare schnell zum Furchtbaren. (Was die Stellung eines »R»s doch bewirken kann!)

Solange Nebensachen Nebensachen bleiben, ist alles OK. Was aber, wenn jemand immer in der Predigt sitzt und nur auf das sprichwörtliche »Haar in der Suppe« wartet, damit er die ganze Suppe abweisen kann?

Wir wollen einmal speziell über dieses dysfunktionale, ja ungeistliche, Verhalten nachdenken. Denn als Prediger sind wir uns hoffentlich bewusst, dass in der Predigt Gott selbst durch Sein Wort zu den Zuhörern reden will – und damit die Zuhörer in Verantwortung vor Gott Selbst setzt. Hier reden wir dann nicht mehr von einer Kleinigkeit, sondern einer Sache, die Konsequenzen hat: »So habt nun acht, wie ihr hört!« (Lukas 8,18 SCH2000), sagte der Herr Jesus selbst.

Dankenswerter Weise lässt sich dieses Verhalten sowohl psychologisch wie auch geistlich recht gut erklären. Es geht meist nicht um »Kritikfähigkeit« im Sinne geistlich motivierter Prüfung, die wünschenswert ist (1Thessalonicher 5,20–22). Vielmehr hört hier der Hörer nicht primär, um zu verstehen, zu prüfen und das Gute anzunehmen, sondern er hört mit einem inneren Fehlersuchverlangen. Dadurch bekommt ein tatsächlicher oder vermeintlicher Fehler ein Gewicht, das in keinem Verhältnis zum Ganzen steht. Sein Hören wird eine grotesk verzerrte Version der tatsächlich gehaltenen Predigt.

Man könnte den Unterschied bei den Zuhörern zugespitzt so formulieren:

  • Der prüfende Hörer fragt: »Was davon ist wahr und was soll ich annehmen?«
  • Der fehlerorientierte Hörer fragt: »Wo finde ich etwas, weshalb ich das Ganze nicht annehmen muss?«

Das ist gerade bei Predigten geistlich bedeutsam. Wir überlegen kurz, was hier in der Seele vermutlich (!) vorgeht und schauen dann an, was Gottes Wort an sicher zutreffender Erklärung liefert.

1. Was beim »Haaresuchen« psychologisch geschieht

Mehrere Dinge können hier im Denken und Fühlen eines Zuhörers zusammenwirken:

  • Negativity Bias. Ein negativer Punkt erhält psychologisch mehr Gewicht als viele positive. Eine zweifelhafte Formulierung kann 40 Minuten guter Auslegung überstrahlen. Diese Tatsache fordert alle Prediger heraus. Aber sie setzt auch die Zuhörer in Verantwortung.
  • Confirmation Bias. Hat der Hörer bereits Vorbehalte gegen Prediger, Gemeinde oder theologische Richtung, hört er selektiv nach Belegen dafür: »Ich wusste doch, dass …« Daher ist Predigthören i.d.R. nicht ohne Herzensvorbereitung vor dem Thron der Gnade fruchtbar (1Johannes 1,9).
  • Motivated Reasoning. Besonders interessant für die Predigt: Manchmal braucht und sucht deshalb der Hörer einen Fehler. Denn wenn die Botschaft wahr ist, müsste er möglicherweise denken, umkehren, vergeben, gehorchen oder eine liebgewonnene Position aufgeben. Der nebensächliche Fehler bietet dann einen Fluchtweg aus der Hauptaussage.
  • Perfektionistische Entwertung. Das Ganze wird nicht danach beurteilt, ob es im Wesentlichen wahr und hilfreich ist, sondern ob es unangreifbar ist. Ein Fehler macht dann aus 95 Prozent Gutem angeblich 100 Prozent Unbrauchbares.

Das kann zur ungeistlichen Abwehrstrategie werden: Der (angebliche oder wirkliche) Fehler wird zum Fluchtweg vor der Wahrheit. Man sucht das Haar in der Suppe, weil man einen Grund braucht, die Suppe nicht essen zu müssen. Das »Haar« dient als Vorwand, eine unangenehme Erkenntnis auf Distanz zu halten: Ich widerlege einen Nebenpunkt und fühle mich dadurch von der Verpflichtung entbunden, mich mit dem Hauptpunkt auseinanderzusetzen. Ist das nicht »schön«?: Das (angeblich) unbiblische Haar liefert den Vorwand, die ganze biblische Suppe zurückgehen zu lassen!

2. Ein bemerkenswertes biblisches Bild

Mir fällt besonders Jesu Wort über die Pharisäer ein:

»Blinde Leiter, die ihr die Mücke seiht, das Kamel aber verschluckt!«
Matthäus 23,24

Das ist vielleicht die antike Variante des sprichwörtlichen »Haars in der Suppe«. Dergestalt Haaresuchen ist mithin pharisäisches Verhalten.

Das Bild der Schrift ist sogar schärfer: Die Mücke war unrein. Man siebte deshalb Flüssigkeiten, damit man nicht versehentlich ein unreines Tier verschluckte. Jesus wirft seinen Gegnern also nicht grundsätzlich vor, dass sie genau hinsehen. Das Problem ist die groteske Verzerrung der Proportionen: größte Sorgfalt gegenüber dem Kleinen, Blindheit gegenüber dem Großen.

Genau das unterscheidet  geistliches Unterscheidungsvermögen von ungeistlicher Kritiksucht:

Unterscheidungsvermögen erkennt Fehler und gewichtet sie.
Kritiksucht erkennt Fehler und lässt sie das Ganze verschlingen.

Das ist für Predigthörer eine wichtige Unterscheidung. Apostelgeschichte 17,11 lobt die Beröer ausdrücklich für ihr Prüfen. Christliches Hören soll also keineswegs unkritisch sein. Aber sie untersuchten die Schrift, um festzustellen, ob es sich so verhielt – nicht, um einen Grund zu finden, Paulus nicht zuhören zu müssen. – Die Frage ist: War die Suppe biblisch?

3. Eine kleine Parabel

Vielleicht hilft folgende Parabel, das Problem besser sehen zu können:

Der Gutachter und das Fenster

Ein Mann wurde gebeten, ein neu gebautes Haus zu begutachten.
Er ging durch alle Räume, prüfte Mauern, Dachstuhl, Türen und Fenster. Das Haus war solide gebaut.

Schließlich entdeckte er an einem Fensterrahmen einen kleinen Kratzer. »Da!«, sagte er. »Ich wusste, dass mit diesem Haus etwas nicht stimmt.«

Von da an sprach er nur noch über den Kratzer.

Als ihn der Bauherr fragte: »Aber ist das Fundament tragfähig? Ist das Dach dicht? Sind die Mauern gerade?«, antwortete er: »Mag sein. Aber haben Sie den Kratzer gesehen?«

Ein anderer Gutachter sah denselben Kratzer. Er schrieb ihn in seinen Bericht und sagte: »Der Kratzer sollte ausgebessert werden. Aber er sagt nichts über die Tragfähigkeit des Hauses aus.«

Beide hatten denselben Fehler gesehen. Nur einer konnte ihn richtig einordnen.

(Geistliche) Reife zeigt sich nicht darin, dass man keine Fehler bemerkt. Reife zeigt sich darin, dass man Fehler richtig gewichtet.

4. Eine Illustration

Vielleicht hilft auch eine andere kurze Geschichte, den Punkt klar zu sehen:

Ein Mann besucht zum ersten Mal den Louvre. Stundenlang betrachtet er die großen Meisterwerke. Als er herauskommt, fragt ihn sein Freund: »Und? Was hat dich am meisten beeindruckt?«

Er antwortet: »Im dritten Saal hing ein Bild zwei Millimeter schief.«

Der Freund fragt: »Und die Bilder?«

»Welche Bilder? Das schiefe hat mich den ganzen Besuch geärgert.«

Das trifft den Vorgang fast noch besser. Der Mann hat tatsächlich etwas Richtiges gesehen – und doch alles Wesentliche übersehen. Das verarmt.

Vielleicht ist Folgendes eine treffliche Definition von Kritiksucht:

Kritiksucht besteht nicht notwendig darin, Falsches zu sehen. Sie kann auch darin bestehen, Richtiges – aber Unbedeutendes– zu sehen und diesem dann ein völlig übertriebenes Gewicht zu geben.

5. Die geistliche Dimension beim Predigthören

Hier müssen wir 1. Thessalonicher 5,20–21 ansehen. Dort fordert uns Gott durch den Apostel Paulus auf :

»Weissagungen verachtet nicht; prüft aber alles, das Gute haltet fest.«

Die Reihenfolge ist interessant. Paulus kennt weder leichtgläubiges Schlucken noch zynisches Verwerfen. Geistliches Prüfen führt zum Festhalten des Guten.

Man könnte daraus drei Arten des Hörens ableiten:

HörhaltungLeitfrageErgebnis
unkritisch»Kann ich das einfach glauben?«schluckt auch Fehler
kritisch-skeptisch»Wo ist der Fehler?«verwirft wegen des Fehlers auch Wahres
biblisch unterscheidend»Was ist schriftgemäß?«verwirft den Fehler und behält das Gute

Es scheint mir offenbar zu sein, dass die dritte Hörerhaltung die biblisch richtige und einzig geistlich produktive Haltung ist. Sie ist die vorbildliche Haltung. Gerade Gemeindeleiter, die die Gemeinde Jesu Christi als »Vorbilder der Herde« (1Petrus 5,3) führen sollen, sollten sich in der Zucht des Geistes Gottes immer wieder bewusst dieser demütigen Zuhörer-Haltung hingeben. Das ist eine Herzensfrage. Das gilt auch – und insbesondere–, wenn Leiter zu Recht oder unrecht meinen, dass sie »schon alles (besser) wissen«. Manchmal redet Gott nämlich sogar durch einen Esel zu einem Propheten.

Jakobus 1,19 sagt dazu bemerkenswert Gutes: »Jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden …« Ein Hörer, der während der Predigt bereits innerlich seine Korrektur oder Widerlegung formuliert, hört irgendwann nicht mehr die Predigt, sondern seinen eigenen Gegenargumenten zu. Und um sie nicht zu vergessen, rennt er gleich nach der Predigt zum Prediger und macht ihn auf den (angeblichen oder tatsächlichen ) Fehler aufmerksam.

Du kannst so aufmerksam nach dem Haar in der Suppe suchen, dass Du am Ende verhungerst. Wer die Rolladen seiner Seele herunterlässt, muss sich nicht wundern, wenn kein Licht mehr hereinscheint.

In der Sprache von Matthäus 23,24 lautet diese Erkenntnis: »Geistlich reife Christen erkennen die Mücke, ohne deshalb das Kamel zu übersehen.«

Die biblischen Texte in Matthäus 23,24; 1Thessalonicher 5,20–21 und Apostelgeschichte 17,11 liefern genügend Material, über das Thema »Kritikfähigkeit oder Kritiksucht? – Wie ich einer Predigt richtig zuhöre« andachtsvoll und herzerforschend nachzudenken.

Gott, der Heilige Geist ist am Werk. Mögen wir ihn nicht durch Herzenshärtigkeit in unserem Leben zum Verstummen bringen (s. Hebräer 3,7.15; 4,7)! Denn es gilt:

Wer nur hört, um Fehler zu finden, wird Fehler finden – aber möglicherweise die Wahrheit verpassen.

Ein Gebet für unsere Gemeinde (J. Piper)

Eine Bitte an Gott,
eine bestimmte Art von Männern und Frauen zu formen.

O Herr, durch die Wahrheit deines Wortes und die Kraft deines Heiligen Geistes und den Dienst deines Leibes:

Forme Männer und Frauen in …………………………………….. [Ort]

  • denen es egal ist, ob sie viel Geld verdienen, 
  • denen es egal ist, ob sie ein Haus besitzen, 
  • denen es egal ist, ob sie ein neues Auto fahren oder zwei, 
  • die nicht die aktuelle Mode brauchen, 
  • denen es egal ist, ob sie berühmt werden, 
  • die ein Steak oder ausgefallenes Essen nicht vermissen, 
  • die nicht erwarten, dass das Leben bequem und leicht ist, 
  • die ganz ohne die »allabendliche Fernsehkost« leben können, 
  • die ihr Fähnchen nicht nach dem Wind drehen, 
  • die sich von der Missbilligung durch andere nicht lähmen lassen, 
  • die Böses nicht mit Bösem vergelten, 
  • die nicht nachtragend sind, 
  • die nicht klatschsüchtig sind, 
  • die die Wahrheit nicht verdrehen, 
  • die sich nicht brüsten oder angeben, 
  • die nicht jammern oder sich so verhalten, dass sie Mitleid erregen, 
  • die nicht mehr kritisieren als loben, 
  • die nicht in Cliquen herumhängen, 
  • die nicht zu viel essen oder zu wenig Bewegung haben.

Lass sie vielmehr Menschen sein, 

  • die für Gott brennen, 
  • die ganz von Gott hingenommen sind, 
  • die mit dem Heiligen Geist erfüllt sind, 
  • die danach streben, die Höhe und Tiefe der Liebe Christi zu erkennen, 
  • die der Welt gekreuzigt und der Sünde gestorben sind, 
  • die durch das Wort gereinigt sind und ganz für die Gerechtigkeit leben, 
  • die groß darin sind, die Schrift auswendig zu lernen und anzuwenden, 
  • die den Tag des Herrn heilig halten und ihn wirklich als Ruhetag nutzen, 
  • die sich der Sünde bewusst sind und dadurch innerlich zerbrochen sind, 
  • die von den Wundern der freien Gnade überwältigt sind, 
  • die vom Reichtum der Gnade Gottes zu demütigem Schweigen gebracht werden,
  • die im Gebet verharren, 
  • die sich schonungslos selbst verleugnen, 
  • die in der Öffentlichkeit furchtlos bezeugen, dass Christus der Herr ist, 
  • die in der Lage sind, den Irrtum aufzudecken und lehrmäßig für Klarheit sorgen,
  • die hartnäckig für die Wahrheit Partei ergreifen, 
  • die sich leidgeprüften Menschen liebevoll zuwenden, 
  • die mit Leidenschaft Menschen erreichen möchten, die keine Gemeinde haben,
  • die für das Lebensrecht Ungeborener eintreten, weil es um die Babys, die Mütter und Väter sowie um die Ehre Gottes geht, 
  • die in allem Wort halten und auch dem Eheversprechen treu sind, 
  • die mit dem zufrieden sind, was sie haben, und die auf die Verheißungen Gottes vertrauen,
  • die geduldig, freundlich und sanftmütig sind, wenn das Leben hart ist.

Quelle und Disclaimer

Dieses Gebet entstammt dem empfehlenswerten (Andachts-)Buch von John Piper, Taste and See (Desiring God Foundation, 1999, 2005), zitiert nach der deutschen Übersetzung: John Piper, Schmeckt und seht. Gottes Überlegenheit in allen Lebenslagen genießen (1. Auflage, Bielefeld: CLV, 2015), übersetzt von Barbara Reuter, S. 443f.

Was unser Gewissen mit unserer Kritikfähigkeit zu tun hat

Lesedauer: 1 Minute.

Jeder hat schon erlebt, dass sich Gemeindeglieder beschweren, dass eine Predigt (oder andere verbale Äußerungen) sie »verletzt« habe. In der Tat gibt es schlechte »Predigten« und auch übergriffige Prediger. Aber manchmal liegt der Grund der Kritik beim Zuhörer selbst.

Eine interessante Analyse liefert Jay E. Adams in seinem Buch »Befreiende Seelsorge«: Beim Beschwerdeführer liegt vielleicht unbewältigte eigene Schuld vor. Wo das der Fall ist, ist nicht über die Predigt zu reden, sondern dem Kläger dabei zu helfen, seine Schuld zu erkennen und abzulegen. So kann er seine Dünnhäutigkeit, sein Mimosenwesen und sein Schuldweiterschieben aufgeben und wieder empfangsbereit für ein korrigierendes Wort Gottes werden. Hier der Auszug von Jay E. Adams:

»Sprüche 28,1 drückt sehr anschaulich aus, welche Folgen ein von Schuld geplagtes Gewissen hat: ›Der Frevler flieht, auch wenn ihn niemand verfolgt, der Gerechte aber ist unerschrocken wie ein Löwe.‹

Ein schlechtes Gewissen bringt Angst, ein gutes Gewissen dagegen Unerschrockenheit.

Der Schuldbeladene ist auf der Flucht. Menschen, die unvergebene Schuld mit sich tragen, sind leicht verletzlich. Häufig sind sie in hohem Maße befangen und unfrei. Beiläufige harmlose Bemerkungen werden als persönliche Angriffe und Beleidigungen ausgelegt. Ein schuldbeladener Mensch kann behaupten, daß eine Predigt ein persönlicher Angriff gegen ihn gewesen sei. Wenn ihm der Mut dazu fehlt, kritisiert er Kleinigkeiten an der Predigt oder den Prediger selbst. Eine solche Person als paranoisch (= geistesgestört, verwirrt) zu bezeichnen, geht am eigentlichen Problem vorbei.

Andererseits ist ein Mensch, der im Frieden mit Gott lebt, unverwundbar, und er kann so unerschrocken wie ein Löwe sein.«

Predigthören verlangt geistliche Vorbereitung (siehe Spurgeon zum Thema). Denn es steht viel auf dem Spiel: geistlicher Gewinn – oder aber Verlust. Jesus Christus hat es uns so hinterlassen:

»Gebt nun Acht, wie ihr hört; denn wer irgend hat, dem wird gegeben werden, und wer irgend nicht hat, von dem wird selbst das, was er zu haben meint, weggenommen werden.« (Lukas 8,18).

»Deshalb, wie der Heilige Geist spricht: ›Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht‹« (Hebräer 3,7f).

Quelle

Jay E. Adams, Befreiende Seelsorge. Theorie und Praxis einer biblischen Lebensberatung. 8. Auflage (Gießen: Brunnen, 1988), S. 101 Fn.

Zum Herzen predigen – Was heißt das?

Lesedauer: 8 Minuten.

1983 erschien eine bedeutsame Schrift von Jay E. Adams: »Preaching to The Heart – A Heart-to-heart Discussion with Preachers of The Word« (Phillipsburg, NJ: P&P, 1983). Das Büchlein hatte nur 35 Seiten, ist aber ein Augenöffner und eine Herausforderung, was biblisches Predigen angeht. Viel zu viele »Prediger«/»Verkündiger« halten »Vorträge« in den Gemeinden, werden gar als »Referenten« vorgestellt, wenn doch der biblische Verkündigungsauftrag »Predige das Wort!« lautet (2Timotheus 4,2). Der Kontext dieser Bibelstelle macht deutlich, dass es dabei nicht nur um Informationsvermittlung geht: »Predige das Wort, halte darauf zu gelegener und ungelegener Zeit; überführe, weise ernstlich zurecht, ermahne mit aller Langmut und Lehre.« Das bedeutet, dass es über die Ohren zum Verstand und dann zum Herzen gehen muss: zum Zentrum unserer Persönlichkeit, zur »Schaltzentrale«, zum Willen, Gemüt, Verstand und Wesen – und damit hinein ins Leben. – Genau hier setzt folgende Einleitung von Jay E. Adams an. – Eine kurze Diskussion samt Buchempfehlung folgen unten.

»Seit Jahren ermahnen Homiletiker [Predigtlehrer] angehende Prediger, »zum Herzen zu predigen«. Was meinen sie damit eigentlich? Wissen Sie es? Wissen die Predigtlehrer es? Ist dieses Konzept biblisch, und wenn ja, wie setzt man es um? Diese und ähnliche Fragen bleiben oft unbeantwortet, und der durchschnittliche Prediger macht einfach weiter wie bisher, ergeben in die Annahme: »Ich werde nie ein großer Prediger sein; ich schätze, ich werde nie in der Lage sein, zum Herzen zu predigen.«

Ist das wahr? Gehört die Fähigkeit, zum Herzen zu predigen, nur den außergewöhnlich Begabten? Oder ist das Predigen zum Herzen vielmehr eine entwickelte Fertigkeit, die Prediger großartig macht? Das ganze Konzept wurde so vage und verschwommen dargestellt, dass jeder, der damit nicht vertraut ist, es schwierig oder sogar unmöglich finden würde, dieser Aufforderung nachzukommen.

Die Schuld an der Verwirrung darüber, was es bedeutet, »zum Herzen zu predigen«, liegt nicht allein bei den Homiletikern; auch die Prediger kommen nicht ungeschoren davon. Homiletiker sollten sich klar ausdrücken. Tun sie das nicht, dann ist es die Verantwortung der Prediger, so lange an deren Türen zu klopfen, bis sie es tun. Deshalb ist keine Seite schuldlos. Es hat eine Art Verschwörung der Unwissenheit gegeben, bei der Worte und Redewendungen immer wieder ausgesprochen wurden, als ob Sprecher und Zuhörer genau wüssten, wovon die Rede sei, obwohl sie es tatsächlich nicht wussten.

Als Homiletiker, der in dieser Angelegenheit selbst nicht frei von Schuld ist, glaube ich, dass etwas unternommen werden muss. Es ist an der Zeit, die ganze Sache aufzuklären. Genau darum geht es in diesem Buch.

Mein Ziel ist zu zeigen, dass das Predigen zum Herzen biblisch und deshalb notwendig ist, und dass jeder Mann, der die Gaben und die Berufung zum Predigen besitzt, klar darin unterwiesen werden kann, wie man dies tut. Mehr noch: Auf den folgenden Seiten werde ich versuchen, genau das zu lehren.

Das Konzept ist biblisch

Die erste christliche Predigt, die am Pfingsttag vom Apostel Petrus gehalten wurde, war eine Predigt zum Herzen. Lukas schreibt:

»Als sie aber das hörten, drang es ihnen durchs Herz [1], und sie sprachen zu Petrus und den übrigen Aposteln: Was sollen wir tun, Brüder?« (Apostelgeschichte 2,37)

Die Reaktion dieser Menschenmenge war das fruchtbare Ergebnis einer wirksamen Predigt, die durch den Heiligen Geist befähigt wurde. Doch wirksame, das Herz durchdringende Predigt kann auch die entgegengesetzte Reaktion hervorrufen:

»Als sie aber dies hörten, wurden ihre Herzen durchbohrt [2], und sie knirschten mit den Zähnen gegen ihn.« (Apostelgeschichte 7,54)

Als Petrus predigte, taten große Menschenmengen Buße und glaubten dem Evangelium; als Stephanus predigte, töteten seine Zuhörer ihn. Dennoch waren beide Prediger vom Geist erfüllt und predigten zum Herzen. Diese doppelte und gegensätzliche Reaktion macht von Anfang an eines deutlich: Obwohl das Predigen zum Herzen eine erstrebenswerte Wirkung ist, die durch die Kraft des Geistes hervorgebracht wird, kann die genaue Art dieser Wirkung auf den Zuhörer sehr unterschiedlich ausfallen und nicht im Voraus vorhergesagt werden.

In jedem Fall trifft geistgewirkte, biblische Predigt das Herz direkt. Sie ruft eine Reaktion hervor. Kein Zuhörer kann gleichgültig bleiben, er muss reagieren. Von einer Predigt zum Herzen zu sprechen bedeutet also, von einer Predigt zu sprechen, die eine eindeutige Reaktion hervorbringt. Es ist eine Predigt, die Worte und Handlungen beim Zuhörer hervorruft.

Stell Dir das einmal vor: Eine Predigt, die zum Handeln bewegt! Eine Predigt, die Wirkung zeigt! Eine Predigt, die den Zuhörer so aufrüttelt, dass er reagieren muss! Genau das brauchen wir heute.

Gibt es einen Leser, der nicht gern so predigen oder eine solche Predigt hören wollte? Gibt es einen Leser, der bereits viele Predigten gehört hat, die so beschaffen waren? Irgendetwas stimmt nicht. Was ist mit unserer Verkündigung geschehen? Warum ist solches Predigen praktisch unbekannt? Das müssen wir untersuchen und entscheiden, was Gott von uns erwartet.«

Fußnoten

[1] Das Verb katanyssō ist ein starkes Wort mit der Bedeutung »stechen, betäuben, schlagen, verwunden«. Dieses zusammengesetzte Wort verbindet nyssō (»durchbohren, punktieren«) mit kata, einer Präposition, die die Handlung verstärkt. Die Passivform des Verbs bezeichnet ein »Ins-Herz-Gestochen-« oder »Ins-Herz-Getroffenwerden«.

[2] Das Verb diapriō, hier mit »durchbohrt« bzw. »durchdrungen« übersetzt, wird auch in Apostelgeschichte 5,33 verwendet. Es enthält die Vorstellung des »Durchsägens« (priō = »sägen, zerschneiden, beißen«; dia = »durch«) und trägt häufig die Bedeutung von »das Herz durchschneiden«“ oder »bis ins Herz schneiden«).


Diskussion

Jay E. Adams argumentiert bereits in der Einleitung mit der unverkennbaren Handschrift seines nouthetischen Ansatzes (s.u.):

  • Betonung von klaren Definitionen statt Schlagworten.
  • Ablehnung vager homiletischer Formeln (»predige zum Herzen«) ohne konkrete Anleitung.
  • Starker Fokus auf Veränderung und Reaktion.
  • Die Überzeugung, dass biblische Verkündigung nicht nur informiert, sondern den Hörer zu einer Antwort zwingt.
  • Die Verbindung von Predigt und Seelsorge: Das Wort Gottes zielt auf das Herz des Menschen und damit auf Denken, Wollen und Handeln.

Entscheidend wichtig ist, dass Adams den Begriff »zum Herzen predigen« nicht primär emotional versteht. Viele moderne Leser würden darunter spontan eine gefühlsbetonte, Emotionen auslösende, »bewegende« Predigt verstehen. Adams meint jedoch etwas anderes:

Eine Predigt trifft das Herz dann, wenn sie den inneren Menschen erreicht und eine konkrete Reaktion hervorruft.

Deshalb stellt er Apostelgeschichte 2,37 und 7,54 im Vergleich nebeneinander:

  • Petrus predigt → Menschen werden getroffen und tun Buße.
  • Stephanus predigt → Menschen werden getroffen und töten den Prediger.

In beiden Fällen wurde »zum Herzen« gepredigt. Der Unterschied liegt nicht in der Qualität der Predigt oder des Predigers, sondern in der Reaktion des Herzens des Zuhörers: Der Zuhörer offenbart in seiner Reaktion, was für ein Herz, welche Herzenshaltung, er hat.

Das ist ein wichtiger Punkt, weil Adams damit eine verbreitete Vorstellung korrigiert: »Zum Herzen predigen« bedeutet nicht, dass die Zuhörer emotional bewegt werden, sondern: »Zum Herzen predigen« bedeutet, dass Gottes Wort den inneren Menschen erreicht und eine Entscheidung, Stellungnahme oder Handlung hervorruft.

Hiermit steht Adams in einer langen Tradition. Man kann sich die Entwicklung in Kürze so vorstellen: Von den Puritanern (Richard Baxter (1615–1691), John Owen (1616–1683), zu Thomas Watson (ca. 1620–1686)): Predige zum Gewissen, zu Jonathan Edwards (1703–1758): Predige zu Verstand und Affekten zu Martyn Lloyd-Jones (1899–1981): Predige den ganzen Menschen an. Und schließlich Jay Adams (1929–2020): Predige zum Herzen.

Die Genannten sind überzeugt, dass biblische Predigt mehr sein muss als reine Informationsvermittlung (Wortstudien, Bibellexikon-Vorträge usw.). Sie soll vielmehr den inneren Menschen vor Gott zur Entscheidung und Reaktion bringen. Aber sie fallen mit dieser Zielsetzung nicht auf der emotionalen Seite vom Pferd. Für sie ist das »Herz« nicht primär Sitz der Gefühle, sondern in biblisch korrektem Verständnis das Zentrum der Person, mithin Verstand, Gewissen, Wille und Neigungen. Gottes Wort meint die ganze Person – daher spricht sie das Zentrum der Person an.

Versuchen wir abschließend eine Definition, was »zum Herzen predigen« heißt. Es ist weder »emotionale Ansprache« und »gefühlsvolles Abholen« noch »Bibelschulvortrag« oder bloße »Informationsvermittlung«. Vielmehr gilt:

Herzorientierte Predigt ist biblische Verkündigung, die durch die Kraft des Heiligen Geistes den inneren Menschen so anspricht, dass der Hörer sich nicht gleichgültig Gottes Wahrheit entziehen kann, sondern zu Glauben, Buße, Gehorsam oder aber zum Gegenangriff, Verleumdung oder bloßer Ablehnung herausgefordert wird.

Damit ist klar, dass effektive Predigt ein göttliches Wunder ist. Schon deswegen erfordert sie anhaltendes, demütiges und gläubiges Gebet: vom Prediger, vom Hörer, von der gesamten hörenden Gemeinde »unter Gottes Wort«.

Tipps für Prediger

  • Predige nicht nur zum Verstand.
  • Predige nicht primär zur Unterhaltung oder Bildung.
  • Predige so, dass das Gewissen vor Gott angesprochen wird.
  • Dränge die Wahrheit auf Herz, Gewissen und Willen des Hörers.

Wenn sich dann deine Zuhörer »getroffen«, »verletzt« oder »durchbohrt« fühlen, hat das Wort nach Hebräer 4,12 sein göttliches Wesen entfaltet, was ein wahres und gnädiges Wunderwirken Gottes ist (siehe auch diesen Beitrag). Das gilt auch, wenn Ablehnung und Hass entstehen. Prediger leben gefährlich. Bergrettern, SAR-Teams und Rettungsschwimmern der Küstenwache geht es nicht anders.

Buchempfehlung: Jay E. Adams, Predigten. Zielbewusst – anschaulich – überzeugend: Handbuch für biblische Verkündigung, 2. Auflage (Bielefeld: CMV, 2013), 176 Seiten. Originaltitel: Preaching with purpose.

Nouthetische Seelsorge (Jay E. Adams)

Jay Adams prägte in den 1970er Jahren den Ausdruck »Nouthetic Counseling« (»nouthetische Seelsorge«). Der Begriff »nouthetisch« geht auf das griechische Verb noutheteō (νουθετέω) zurück, das im Neuen Testament mit »ermahnen«, »zurechtweisen«, »warnen« oder »unterweisen« wiedergegeben wird (z. B. Apg 20,31; Röm 15,14; Kol 1,28; 3,16; 1Thess 5,12.14).

Eine Definition könnte lauten:

Nouthetische Seelsorge ist die persönliche, auf die Heilige Schrift gegründete Konfrontation eines Menschen mit Gottes Wahrheit, unter der Leitung des Heiligen Geistes, mit dem Ziel von Buße, Glauben, Gehorsam und geistlicher Veränderung. Diese Seelsorge arbeitet mit der liebevollen, direkten und biblisch fundierten Anwendung der Heiligen Schrift auf Denken, Herz und Verhalten eines Menschen, damit dieser Gott verherrlicht und Christus ähnlicher wird.

Buchempfehlungen: Jay E. Adams, Befreiende Seelsorge. Theorie und Praxis einer biblischen Lebensberatung. 8. Auflage (Gießen/Basel: Brunnen, 1988). Originaltitel: Competent to Counsel. Derselbe: Grundlagen biblischer Lebensberatung. Beiträge zu einer Theorie der Seelsorge. (Gießen: Brunnen, 1983). Originaltitel: More than Redemption. – Beide deutschsprachigen Werke sind antiquarisch erhältlich, die Originaltitel auch im Buchhandel.

Die Autorität eines Ältesten

Lesedauer: 13 Minuten.

Die christliche Gemeinde Grace Community Church in Sun Valley, CA (USA) versammelt sich regelmäßig zu Fragestunden (Q&A) für ihre Gemeindeglieder. Die Fragen werden ungeskriptet direkt an Saal-Mikrophonen gestellt. Der Hirten-Lehrer der Gemeinde, einer von ca. 36 Ältesten, steht am Pult und beantwortet sie spontan. Dabei werden oft Fragen gestellt, die auch für Christen anderer Gemeinden interessant sind. Eine der Fragen war: 

Wie viel Autorität hat ein Ältester (Aufseher, Gemeindehirte, Pastor)
im Leben seiner Gemeindeglieder? 

John F. MacArthur (1939–2025) beantwortete diese Frage wie folgt:

»Keine. Gar keine Autorität. Ich habe persönlich keine Autorität in dieser Gemeinde. Meine Erfahrung verleiht mir keine Autorität. Mein Wissen verleiht mir keine Autorität. Meine Ausbildung verleiht mir keine Autorität. Ich habe keine Autorität. 

Meine Position verleiht mir keine Autorität. Mein Titel verleiht mir keine Autorität –deshalb mag ich Titel nicht. Nur das Wort Gottes hat Autorität. Christus ist das Haupt der Gemeinde, und Er übt seine Herrschaft in der Gemeinde durch sein Wort aus. Ich habe keine Autorität.

Ich habe keine Autorität über die Schrift hinaus. Ich darf niemals über das hinausgehen, was geschrieben steht (1.Korinther 4,6). Das zu tun würde, wie Paulus sagt, bedeuten, hochmütig (wörtl.: arrogant) zu sein und sich selbst für überlegen zu halten. Ich habe Ihnen (der Fragerin) nichts zu sagen, was irgendeinen Anspruch an Sie stellt, wenn es nicht aus dem Wort Gottes kommt.

Vermutlich sprechen Sie aus irgendeiner Erfahrung heraus, in der Sie empfanden, dass ein Gemeindehirte (Ältester) Ihnen – oder jemandem, den Sie kennen – gegenüber ungebührliche Autorität ausgeübt hat. 

Wir müssen uns als Gemeindehirten daran erinnern, dass wir – obwohl der Herr uns erhoben und uns diese Art von Verantwortung gegeben hat – keine persönliche Autorität besitzen.

Wenn ich Ihnen sage, was Gott in seinem Wort gesagt hat, dann besitzt dies Autorität, nicht wahr?! Aber ich darf nicht über das hinausgehen, was geschrieben steht. Ich kann Ihnen nicht vorschreiben, wie Sie Ihr Leben zu führen haben. Ich kann Ihnen mit Weisheit dienen, wenn Sie darum bitten; aber vielleicht habe ich nicht mehr Weisheit als sonst jemand.

Bei vielen Fragen würden Sie von meiner geliebten Patricia (seine Ehefrau) mehr Weisheit erhalten als von mir. Sie steht zwar nicht auf der Kanzel, aber sie besitzt geistliche Einsicht und geistliche Weisheit; und wenn Sie Rat oder Weisheit suchen, dann würde ihre Weisheit in vielen Fällen meine übertreffen.

Der Pastor besitzt also in sich selbst keine Autorität. Hören Sie, was Paulus sagt:  Wer ist denn Paulus? Wer ist Apollos? Wer ist Kephas? Wir sind nichts. (vgl. 1Korinther 1,12–13; 3,4–7). Alles ist von Christus, alles ist vom Heiligen Geist, alles ist von der Schrift. Okay?«

Ein paar Nachbetrachtungen

Diese wohltuend klare Stellungnahme eines äußerst bekannten und von Gott reich gesegneten »Führers« in der Gemeinde Gottes regt zum Nachdenken an. In der Frage nach Autorität und Führung in einer christlichen Gemeinde sollte Klarheit herrschen, um biblisch richtig denken, reden und als Gemeinde leben zu können. Eine Reihe solcher Überlegungen aus speziell deutscher Sicht folgt und könnte –in aller noch bestehenden Unreife und Unvollständigkeit – als Input für brüderlichen Austausch dienen. (Nur so als Vorschlag…)

1 Führer-Sehnsucht

Die Deutschen scheinen sich trotz übelster Erfahrungen in ihrer Geschichte immer noch gern und unheilbar nach einem »Führer« zu sehnen, dessen Befehlen sie gehorsamst folgen wollen. Auch Mitglieder von christlichen Kirchen und Gemeinden waren in jenen unseligen Zeiten der Vergangenheit nicht ausgenommen. Leider griffen sie in dieser Sehnsucht voll daneben. Vielfach ist dokumentiert, dass das »Führerprinzip« auch innerhalb der Kirche und den christlichen Gemeinschaften angenommen wurde. Wir lesen sogar von uns heute sehr peinlichen Huldigungsadressen an den damaligen »Führer«. 

Natürlich gab es in Politik und Kirche auch einige Ausnahmepersonen, die entweder zu Märtyrern wurden oder flohen oder in den Untergrund gingen. Das »gute Bekenntnis« über Jesu Christi abzulegen (nämlich, dass Er der König der Könige und Herr der Herren ist; 1Timotheus 6,12–16; Matthäus 27,11; Johannes 18:37) und nicht über irgendeinen anderen »Führer«, kann in solchen Tagen den Bekenner einiges kosten. – Wie sieht es heute aus, in der Gemeinde Jesu Christi?

2 Der Oberste Führer

Schon immer galt und gilt, dass die Oberste Autorität in der Gemeinde Jesu Christi der Sohn Gottes selbst ist. Er übt seine Autorität aus durch sein Wort (die Heilige Schrift), wenn es mittels der Befähigung durch den Heiligen Geist richtig ausgelegt und angewendet wird. Da hapert es leider oft an Bibelkenntnis, Ausbildung und Befähigung (Charisma). Schon Jesaja klagte: »Darum wird mein Volk weggeführt aus Mangel an Erkenntnis« (Jesaja 5,13). Und Hosea fügte hinzu: »Mein Volk wird vertilgt aus Mangel an Erkenntnis« (Hosea 4,6). 

Was ist aber, wenn die verborgene Ursache tiefer als die Erkenntnisfrage liegt, wenn Sünde geduldet wird, die himmlische Berufung nur noch Lippenbekenntnis ist, wenn das irdische »Heil«, die Leidensscheue oder gar die Herrschsucht unter dem Zuckerguss frommer Worte dominieren? Wie sollen wir dann Gottes Willen wissen, gar anstreben? Wie unterscheiden wir, ob der Oberste Führer der Gemeinde seine örtliche Gemeinde(n) leitet, oder ob wir von innovativen Vorschlägen, Gewohnheiten gut gemeinter Traditionen oder bösartigem Macht- und Kontrollverlangen (u. dgl. mehr) geführt werden? Wie unterscheiden wir von Gott eingerichtete Führung von einer menschlich zu Unrecht eingesetzten? Wann sollen wir »im Herrn« gehorchen, wann nicht? Hat der Oberste Herr dazu etwas gesagt? Wissen wir das? Wenden wir es an?

3 Führergehorsam

Die den Hebräern gegebene Anweisung, ihren »Führern« gehorsam zu sein und sich ihnen zu fügen (Hebräer 13,17), wurde immer wieder missbraucht mit einer Deutung, als sei der »Führer« Gottes Stimme und jeder Widerspruch (Ungehorsam) eine Rebellion gegen Gott. Das ist nicht nur in charismatisch verirrten Gemeinden zu sehen, sondern auch besonders in traditionell akzentuierten Gemeinden. Machtmenschen gibt es allerdings überall.

Daher ist es überaus tragisch, dass das »Führergehorsam«-Gebot aus Hebräer 13,17 immer wieder zitiert wird, ohne die beigefügten qualifizierenden Angaben zum Dienst und zum Dienstherrn der gemeinten »Führer« zu nennen: (1.) sie wachen über die Seelen und (2.) sie stehen unter der Autorität und Verantwortung des Oberhirten, sie sind nur örtlich wirksame Unterhirten. Vers 7 desselben Kapitels hatte vorher bereits klargemacht, dass die Führung dieser Führer durch Vorbild sein im Glaubensleben geschieht, Kapitel 11 hatte dies zigfach historisch belegt. Im Umkehrschluss wird klar: Wer sich nicht wie ein Hirte aus Liebe beständig um die Seelen der anvertrauten Schafe (den Gemeindegliedern der örtlichen Gemeinde; vgl. 1.Petrus 5,2–3) kümmert, ist kein vom Herrn autorisierter Führer, mögen auch Menschen (Älteste, Gemeindeglieder) diesen Mann einst als Ältesten benannt oder eingesetzt haben. 

4 Erkennungsproblem: Wer ist »Führer«?

Wir müssen aus leidvoller Vergangenheit bezeugen, dass es auch ein falsches Erkennen, ein falsches Anerkennen und ein folgendes falsches Benennen von »Führern« gibt. Das flehentliche Gebet einer Gemeinde muss sein, sich in dieser Sache nicht täuschen zu lassen, sondern Gottes Willen und Handeln sicher und klar zu erkennen. Dies führt direkt zur Motivation, zuerst den verschrifteten Willen Gottes (in der Heiligen Schrift) intensiv zu studieren, damit der Wille Gottes im Grundsätzlichen erkannt werden kann. Unter einmütigem Gebet wird Gott auch den konkreten Willen bzgl. konkreter Personen offenbaren. Interessanterweise waren diese beiden Aufgaben –Dienst am Wort und Gebet– die Hauptsachen des Dienstes der Apostel und Ältesten der Ur-Gemeinde (vgl. Apostelgeschichte 6,4). Man kann auch heute vom Herrn eingesetzte Älteste an diesen Prioritäten erkennen und ihnen als »Führern« folgen. Aber wie weit?

5 Geltungsbereich: Wann ist zu »gehorchen«?

Wir müssen das biblische Gehorsamsgebot gegenüber religiösen Führern in der örtlichen Gemeinde stets zusammen mit der Angabe des biblisch angegebenen Geltungsbereichs zitieren. Im juristischen Denken schafft diese Angabe Klarheit darüber, welches der Bereich ist, innerhalb dessen eine Norm rechtliche Gültigkeit beansprucht und zur Anwendung kommen darf. Das kann tatbestandlich, sachlich, persönlich und auch räumlich formuliert sein. Wer diese Angabe beim Gehorsamsgebot gg. »Führern« ignoriert oder verschweigt, verabsolutiert das Gebot und schafft damit eine Konkurrenzautorität gegenüber dem Obersten Herrn, biblisch gesprochen also einen Götzen.

Schon früh in der Geschichte der christlichen Kirche (Apostelgeschichte) wurde daher für alle Zeiten klar angegeben, dass das Gehorsamsgebot gegenüber führenden Menschen nie absolut, sondern immer nur begrenzt ist. Nur der Oberste Herr hat oberste Autorität, kann rechtmäßig absoluten Gehorsam fordern. Das zu bekennen ist ein konstituierendes Kennzeichen eines jeden wahren Christen (Römer 10,9). Wo ist also die Grenze unseres biblisch motivierten Gehorsams gegenüber »Führern« erreicht? Auch dazu schweigt die Heilige Schrift nicht.

6 Die »Clausula Petri«

Als die Apostel von den religiösen Autoritäten und Führern ihres Ortes (Jerusalem) hörten: »Wir haben euch streng geboten, in diesem Namen nicht zu lehren« (Apg 5,28), sagten Petrus und die Apostel: »Man muss Gott mehr gehorchen als Menschen.« (Apg 5,29). Dieses Prinzip bricht die Autorität aller örtlichen und überörtlichen Gemeinde-»Führer«, um der Autorität Christi bedingungslos Raum zu schaffen. Die Kirche hat seitdem diese sog. »Clausula Petri« (Petrus-Klausel) als Grenzbestimmung menschlicher Autorität festgehalten. Sie sagt: Staatliche, religiöse, kirchliche, familiäre oder sonstige menschliche Autorität ist nicht absolut, sondern steht unter Gottes höherem Willen.

Der Christ ist grundsätzlich zum Gehorsam verpflichtet gegenüber Obrigkeit (Römer 13,1ff), »Führern« in der Gemeinde (Hebr 13,17), Eltern usw., weil (und nur insofern) dies von Gott verordnete Ordnungs- und Segenseinrichtungen sind (z.B. Römer 13,3–4). Wenn aber menschliche Autorität etwas fordert, das Gott verbietet, oder etwas verbietet, das Gott gebietet, beendet dies die von Gott verliehene Legitimität dieser Autorität. Wer deutsche Spielkarten kennt, weiß: Ober sticht Unter.

6 Biblische Vorbilder

Die Bibel liefert uns manche nachahmenswerte Beispiele aus unterschiedlichsten Zeiten und Hintergründen für die Umsetzung dieses Prinzips: (1.) Die Hebammen in Exodus 1, die sich weigerten, den Befehl des Pharao, alle männlichen Babys zu ermorden, auzuführen. Gott lobt sie dafür. (2.) Daniel und seine Freunde verweigerten die Anbetung des Standbildes (Daniel 3) und Daniel betete trotz königlichem Verbot weiter zu Gott, koste es, was es wolle (Daniel 6). (3.) Die Apostel predigten trotz des Verbots der Obersten des Volkes weiter (s.o.). (4.) Der Apostel Paulus arbeitete ständig weiter als Missionar und Verkündiger des Evangeliums von Jesus Christus, auch wenn dies ihm viel Verfolgung (2.Korinther 11,23ff) und letztlich seinen Kopf kostete (2.Timotheus 4,6f). Zukünftig: (5.) Die Märtyrer jener Tage werden sich weigern, das »Bild des Tieres«, des angeblich »Obersten Führers«, anzubeten (Offenbarung 13,15ff). Das erinnert uns an Daniel und seine Freunde (Nr. 2 oben).

Diese Beispiele kommen aus unterschiedlichsten Zeiten, weil das Prinzip dahinter ein ewiges, göttliches ist. Für uns gilt nichts anderes, egal, woher der kirchliche oder politische Wind aktuell wehen mag.

7 Die »Clausula Petri« und ihre Anwendung

Die Clausula Petri ist kein Freibrief für Anarchismus, Autoritätsbruch oder übersteigerten Individualismus (Autonomie). Es geht nicht um das Durchsetzen persönlicher Vorlieben, sondern um den Schutz eines Gewissens, das sich vor Gott gebunden sieht. Natürlich ist anzustreben, dass dieses geübte Gewissen von Gottes Wort richtig belehrt und geformt wurde, aber dies ist keine einzufordernde Bedingung zur Validierung einer Gewissensnot.

Die Anwendung der Clausula Petri mag zu Leiden wegen repressiver Maßnahmen von Seiten der beleidigten Autorität führen. Der Christ ist aufgerufen, seinen Gewissensgehorsam mit Demut vor Gott zu zeigen, er entzündet nicht einen psychologischen oder gar physischen Machtkampf oder plant eine Racheaktion. Im Wissen um den im Himmel thronenden Obersten Führer reagiert er vielmehr wie sein Meister (Johannes 18,11.36f): Er befiehlt sich im Leiden Gott an, »der gerecht richtet« (1.Petrus 2,23). Der Apostel Petrus wies die Nachfolger Christi an: »Daher sollen auch die, die nach dem Willen Gottes leiden, einem treuen Schöpfer ihre Seelen anbefehlen im Gutestun.« (1.Petrus 4,19).

Solch ein Christ kann seinen Peinigern sogar Gutes tun und wünschen. Daniel verweigerte das Gebetsverbot, aber er diente weiterhin dem Staat (Babylon!), als er das nach seinem Leiden wieder konnte. Die frühen Christen verweigerten dem Kaiser (Cäsar) die göttliche Verehrung und opferten ihm nicht, was oft ihre staatlich verordnete Ermordung als Märtyrer auslöste, aber sie griffen nicht zu den Waffen. Wir wissen: Gott wird sie rächen. Es mag Raum zur Selbstverteidigung geben, wenn massenweise Gläubige umgebracht werden; die Hugenotten (französ. Protestanten) sahen es jedenfalls als ihre Pflicht und ihr Recht an, sich gegen eine tyrannische und gottlose Obrigkeit zu wehren. Katholische Truppen unter dem Herzog von Guise töteten damals massenhaft protestantische Gottesdienstbesucher (Massaker von Vassy, 1562), zehn Jahre später wurden in Frankreich zigtausende von Hugenotten umgebracht (Bartholomäusnacht, 1572). Im Grundsatz gilt aber: Wir üben nicht selbst Rache, sondern geben Gottes Rache Raum (Römer 12,19).

8 Eine frappierende Selbstvergessenheit

Peinlich und geradezu ironisch wird es, wenn Christen, die selbst im Ungehorsam gegenüber den religiösen »Führern« ihrer christlichen Kirche oder Glaubensgemeinschaft neue Gemeinschaften/Gemeinden gegründet haben, dann später von ihren Mitgliedern wiederum entschiedenen Gehorsam gegenüber den in ihren neuen Gemeinschaften wirkenden »Führern« (meist: Ältesten, Pastoren=Gemeindehirten) einfordern. Dabei zitieren sie gerne die oben angeführten, einschlägigen Bibelstellen. In alter Übung wird nur ein Teilsatz zitiert und die qualifizierenden Aussagen im Gesamtsatz weggelassen. Man gibt sich auch keine Mühe zu klären, wer denn in diesem Hebräer-Brief mit »Führer« gemeint gewesen war.

Solche Gehorsamsforderung funktioniert ja nur, wenn der Gehorsamsheischende (d.i.: Gehorsam Einfordernde, auf Unterwerfung Bestehende) auf absolute Geschichtsvergessenheit bei den Gegängelten vertraut, also darauf hofft, dass keiner die selbstverurteilende Qualität der erneuten absoluten Gehorsamsforderung erkennt. Besser wäre es, wenn der Gehorsamsheischende erkennen würde, dass schon damals bei dem historischen (und oft der Gruppe neue Identität verleihenden) Ungehorsam die »Clausula Petri« galt –  und daher nun auch allen folgenden, aktuellen Gehorsamsaufrufen explizit beifügt werden müsste. Mit vollständiger Nennung des Schriftwortes und der Befolgung nach biblischer Vorgabe und Beispiel würde die Autorität Christi in der Gemeinde und im Glaubensleben eines jedes Gemeindegliedes realisiert und dem diotrephischen Machtgehabe manches »Führers« das Zaumzeug angelegt werden. 

Vom Geist Gottes durch Gottes Wort geleitet zu werden führt zu echter Einmütigkeit im Reden und Handeln. Das ist das Gegenteil von Kadavergehorsam. Der wurde von den Jesuiten erfunden, die von den Ordensangehörigen forderten (und fordern), dass sie »wie ein Leichnam, ein Stock oder ein Werkzeug in der Hand des Oberen« zu gehorchen hatten (perinde ac cadaver = gleichsam wie ein Leichnam; Ignatius von Loyola). Bewahre uns Gott vor den gottlosen Grundsätzen jener »Gesellschaft Jesu«!

Das mag der geneigte protestantische Leser einmal gedanklich anhand der Reformation vor 500 Jahren durchspielen, oder der US-Bürger einmal politisch anhand der Gründung der Vereinigten Staaten vor 250 Jahren durchdenken, oder irgendein »Freikirchenchrist« anhand der eigenen Gemeindegeschichte realisieren, deren konstituierender »Ungehorsam« vielleicht erst eine Generation zurückliegt. Vermutlich muss man dazu immer wieder auffordern, denn der »Blinde Fleck« ist bekanntlich bei den Betroffenen immer am stärksten ausgeprägt (Johari-Fenster der Persönlichkeit, 1955). Davon redet die Heilige Schrift ja schon seit Jahrtausenden: »Verirrungen, wer sieht sie ein? Von verborgenen Sünden reinige mich!« (Psalm 19,13); »Arglistig ist das Herz, mehr als alles, und verdorben ist es; wer mag es kennen? Ich, Jahwe, erforsche das Herz und prüfe die Nieren, und zwar um einem jeden zu geben nach seinen Wegen, nach der Frucht seiner Handlungen.« (Jeremia 17,9–10). Ein »blinder Fleck« kann nur kleiner werden, wenn ehrliches Feedback kommt, demütige Selbstreflexion erfolgt und liebevolle Offenheit gelebt wird. Gerade auch und vorbildhaft in der Gemeinde Jesu Christi.

Fazit

Christen leben schon immer in einer Welt, die nicht nur von Christus und Wahrheit, sondern auch von Usurpatoren und Bösen, von Lüge, Halbwahrheiten und Irrtum regiert wird. Daher ergab sich historisch schon immer eine Spannung zwischen legitimer Unterordnung (so, wie sie Gott verordnet hat) und blindem Autoritarismus und entsprechender Untertänigkeit und Unterwerfung. 

Die Reformatoren haben uns darauf hingewiesen, (1.) dass unser Gewissen allein an Gottes Wort gebunden ist, (2.) dass wir alle Lehre(n) an Gottes Wort prüfen müssen und (3.) dass jede menschliche Autorität begrenzt ist (und sein muss). Der Luther zu geschriebene Satz vor dem Reichstag zu Worms steht jedem biblisch denkenden Christen gut an: »Mein Gewissen ist gefangen in Gottes Wort!«.

»Das Wort unseres Gottes besteht in Ewigkeit!« (Jesaja 40,8b mit 1.Petrus 1,25). Amen.

S.D.G.

Quellenangabe und Disclaimer

John MacArthur, How Much Authority Does A Pastor Have In The Lives Of His Congregants?. YouTube-Video, URL: https://youtu.be/cgMhrDjDAnI [abgerufen: 12.05.2026].

Die eingangs gelieferte Übersetzung ist eine direkte Wiedergabe der Q&A (Copyright GTY; Übersetzung durch grace@logikos.club). Die folgenden »Nachbetrachtungen« verantwortet als Urheber allein grace@logikos.club.

Eine herzbewegende Abschiedsrede (Apg 20)

Lesedauer: 7 Minuten.

Die Abschiedsrede des Paulus vor den Ältesten der christlichen Gemeinde in Ephesus in Milet (Apostelgeschichte 20,17–38) ist ein dichtes Führungsdokument mit bemerkenswerter Aktualität. Auch für die Leitung einer freikirchlichen christlichen Gemeinde heute lassen sich daraus mehrere tragfähige Prinzipien und Maximen für den Gemeindehirtendienst ableiten.

1 Leiterschaft ist Dienst, nicht als Status

Paulus beschreibt seinen Dienst mit: »dem Herrn dienend«, und zwar »mit aller Demut«, zeitweise sogar »mit Tränen«. Ältestendienst ist kein Amt zur Machtausübung, sondern Verpflichtung zu hingegebenem Dienst an den Heiligen der jeweiligen Ortsgemeinde. Geht es den anvertrauten »Schäfchen« gut, freut sich der Gemeindehirte – und droben der Oberhirte. Darauf kommt es an.

Anwendung heute: Älteste sind primär Hirten, nicht Manager (Organisatoren) oder Chefs. Ihre Autorität wird durch Integrität und Opferbereitschaft legitimiert, nicht durch Position, die ihnen von Menschen verliehen wurde.

2 Planvolle, ganzheitliche Verkündigung

Paulus betont, dass er nichts zurückgehalten hat von dem, »was nützlich ist«. Er verkündigte und lehrte Juden wie Nichtjuden »die Buße zu Gott und den Glauben an unseren Herrn Jesus Christus«. Paulus tat dies öffentlich und in den Häusern, vor großer Zuhörerschaft und im kleinen Hauskreis. Etwas später (Apg 20,27) bezeugte er, dass sein Themenspektrum »den ganzen Ratschluss Gottes« umfasste. Paulus hatte ihnen vorgemacht, wie eine ausgewogene Ernährung der Herde Gottes und die Mission/Evangelisation der Ungläubigen praktisch aussieht.

Anwendung heute: Älteste sollten sich Paulus zum Vorbild nehmen: Er redete nicht nur über »Lieblingsthemen«, brachte nicht nur ermutigende, nichtkonfrontative, leicht verdauliche Bibeltexte aus dem Bibel-ABC. Er wagte sich immer wieder auch an »Geheimnisse« und »schwer zu verstehende Themen« (2Pet 3,16). Er pflegte auch keine selektive Theologie, sondern ging systematisch (das impliziert: planvoll) und ausgewogen durch die gesamte biblische Lehre. Älteste sollten sein fruchtbares Kombinieren von Kanzeldienst, Mission und persönlicher Jüngerschaft nachahmen.

3 Wachsamkeit gegenüber äußeren und inneren Gefahren

Paulus warnt vor »reißenden Wölfen« von außen (Apg 20,29) und vor Männern aus den eigenen Reihen, die die Wahrheit verdrehen, um hinter sich und ihren Sonderlehren eine eigene Gruppe (jenachdem: »Fan-Club«, Parteiung, Sekte) zu versammeln (Apg 20,30; vgl. 1Kor 1,12ff). Um solche Gefahren von außen und innen zu erkennen, bedarf es theologischer Klarheit und Festigkeit, aber auch Unterscheidungsvermögen und Menschenkenntnis. Das sind unverzichtbare (und vor Amtsantritt nachzuweisende) Kernkompetenzen eines Ältesten.

Anwendung heute: Älteste müssen gut mit Gottes Wort vertraut sein, müssen das Spektrum der gesamten biblischen Lehre sicher beherrschen und das Wort Gottes, den Herrn Jesus Christus und seine Gemeinde von Herzen lieben. Denn ihnen ist der Schutz der Gemeinde als aktive Aufgabe (nicht nur reaktiv) anvertraut, sie müssen Überblick über die Herde (»Aufseher«) und geistlichen Durchblick haben. Sie dürfen Konflikten und falscher Lehre in der Gemeinde nicht aus dem Weg gehen. Sie müssen die Gemeinde präventiv mit gesunder Lehre kräftigen und befestigen und im Angriffsfall von außen oder innen das Falsche und Gefährliche erkennen, benennen und bekämpfen können.

4 Geistliche Verantwortung statt Selbstsicherheit

Um geistliche Verantwortung für eine örtliche Gemeinde (gemeinsam mit anderen Ältesten) übernehmen zu können, muss zuerst das eigene geistliche Leben in Ordnung sein. Die Prioritäten setzt Paulus klar: »Habt Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde« (Apg 20,28). Getragen werden müssen beide Verantwortungsbereiche von der Erkenntnis, dass »der Heilige Geist [sie] als Aufseher gesetzt hat, die Versammlung Gottes zu hüten« (Apg 20,28). Das bedeutet einerseits Würde und Ernst durch göttliche Ernennung, versichert aber auch Tröstung und Ermutigung mit Blick auf den göttlichen Beistand.

Anwendung heute: Die Selbstleitung (Charakter, geistliche Disziplin) eines Ältesten hat Priorität vor der Wahrnehmung (s)einer Führungsaufgabe. Der Älteste muss von Gottes Wirken abhängig sein, es reicht nicht, nur rein menschlich klug und strategisch vorgehen zu können. Dem Ältesten muss stets klar sein: Gemeindeleitung als Ältester ist göttliche Berufung, nicht nur Vorweisen einer (menschlichen, beruflichen) Qualifikation.

5 Vorbildfunktion in Lebensführung und Arbeitsethik

Paulus erinnert daran, dass er niemandes Silber oder Gold begehrt hatte, also Bezahlung oder gar Bereicherung angestrebt hätte, sondern dass er für seinen Lebensunterhalt selbst gearbeitet hatte (Apg  20,33–35). Als Bibellehrer und Missionar hatte er Anspruch auf entsprechende Entlohnung (1Kor 9,14; 1Tim 5,18 mit Lk 10,7). Aber er war sich nicht zu schade, sein Leben »nebenher« als Handwerker (Zeltmacher) zu finanzieren und sogar anderen, die ärmer dran waren, finanziell zu helfen (s.u.). Damit war er für alle ein Vorbild von tadelloser Lebensführung und Arbeitsethik: Sei es theologischer Unterricht oder das Verfertigen von Zelten, beides war für ihn »Gottesdienst« (Kolosser 3,17).

Anwendung heute: Für jeden Ältesten ist finanzielle Transparenz und Integrität unverzichtbar. Leitende sollen keine versteckten Eigeninteressen verfolgen. Dass ihnen als Arbeitende eine entsprechende Entlohnung zusteht, haben Christus und Paulus klar gelehrt. Das gilt auch, wenn sie auf dieses Entlohnungsrecht verzichten. Vor Missbrauch wird gewarnt, aber das setzt den rechten Gebrauch der Entlohnung nicht ins Zwielicht. Älteste müssen danach streben, den geführten Glaubenden ein Vorbild im praktischen Umgang mit Ressourcen, Arbeit, Weisheit und Großzügigkeit zu sein.

6 Die Schwachen nicht vergessen

Paulus strebte als Apostel und Nachfolger Jesu Christi danach, so zu denken, zu reden und zu leben wie Jesus Christus. Daher hebt er mit einem Zitat aus dem Mund seines Meisters (»Geben ist seliger als Nehmen«) hervor, dass jeder Christ, besonders der Älteste als Vorbild, sich »der Schwachen annehmen« soll. Dies hatte er mit großem eigenem Einsatz selbst vorgelebt.

Anwendung heute: Die Ältesten wenden sich nicht nur den Leistungsstarken oder Sichtbaren zu. Diakonische Sensibilität ist integraler Bestandteil der Leitung einer Gemeinde als Gemeindehirte. Die Ältesten sollten in ihrer Ortsgemeinde eine Kultur der Fürsorge pflegen. Ihre Aufgabe ist es bei aller Verwaltertreue nicht, reine Effizienzmaximierung zu betreiben und vorzeigbaren Erfolgszahlen nachzuhetzen. Sie werden sonst letztlich dem Pragmatismus zum Opfer fallen.

7 Loslassen und Übergabe ermöglichen

Paulus weiß, dass er die Ältesten dieser Ortsgemeinde in Ephesus nicht wiedersehen wird. Also war nun der Zeitpunkt für »letzte Worte«. Als guter und treuer Führer im Reich Gottes befahl er sie daher »Gott und dem Wort seiner Gnade« an, die ewig sind und daher auch beim Abtritt des Apostels weiterhin verlässlich als fester Grund unter ihnen, als treuer Begleiter an ihrer Seite und als wunderkräftig Auferbauende bei Ihnen bleiben würden (Apg 20,32).

Anwendung heute: Älteste müssen sich als Gemeindeleiter reproduzieren, um ersetzbar zu werden oder Möglichkeiten der Vermehrung (Mission, Tochtergemeinden u.ä.) zu schaffen (Multiplikation statt Abhängigkeit). Daher müssen sie sich ihrer begrenzten Wirkzeit bewusst sein und beizeiten an gesunde Übergaben denken. Geistlich veranstaltete Nachfolgeplanung ist entscheidend wichtig. Paulus hatte es ihnen vorgelebt: Hingegebene Investition in die Schulung und praktische Ausbildung von Nachfolgern ist strategisch wichtig und für Befolgung des Missionsauftrags unverzichtbar. Loslassen und Übergabe wird nur gelingen im Vertrauen auf Gottes Wirken und Zubereiten – auch jenseits der eigenen Kontrolle und Fähigkeit. Vertrauen wir: Es ist ja Seine Gemeinde!

8 Emotionale Tiefe und Beziehung

Die Abschiedsszene endet mit vielem Weinen, Umarmungen und echter Zuneigung (Apg 20,37). Der Apostel Paulus hatte in den wenigen Jahren des Lebens und Dienens unter ihnen mehr Zuneigung erworben, als manche Gemeindeleiter, die etliche Jahrzehnte »in Amt und Würde« eines Ältesten eingesetzt worden waren, aber vergessen hatten, dass der Dienst eines Ältesten vor allem ein hingegebener Liebesdienst eines Hirten an den geliebten, anvertrauten, bluterkauften Schafen Christi ist.

Anwendung heute: Echte Gemeindeleiterschaft ist nicht nur funktional, sondern relational. Tiefe Beziehungen sind kein »Nice-to-have« (Option), sondern tragendes Fundament des Gemeindehirtendienstes. Man kennt sich, man achtet sich. Man gibt Ehre dem, dem Ehre gebührt. Jeder hat erlebt: Authentizität stärkt Vertrauen.

Fazit

Die Abschieds- und Abtrittsrede des Apostels Paulus ist kein abstraktes Lehrstück, sondern spiegelt ein gelebtes Leitungsmodell: geistlich fundiert, relational geprägt, opferbereit und wachsam. Älteste brauchen ein besonderes Maß geistlicher Substanz, christlichen Charakters und unparteiischem Verantwortungsbewusstseins, um ihre Berufung vor Gott und Menschen ausleben zu können.

Diese Rede kann noch weiter praktisch ausgewertet werden, was einem späteren BLOG-Artikel vorbehalten ist.

Ausbildung neutestamentlicher Gemeindeleitung

Lesedauer: 2 Minuten.

Der US-Amerikaner Alexander Strauch aus einem amerikanischen Zweig der »Brüderbewegung« ist seit gut 40 Jahren aktiv in der Lehre und im Training von Ältesten in der neutestamentlichen Gemeinde Jesu Christi. Seine Bücher sind anerkannte Standardwerke geworden im Kreis solcher Gemeinden, die nach dem Neuen Testament leben und dienen wollen. Seine Webseite »Biblical Eldership Resources« ist eine Fundgrube für Theorie und Praxis: www.biblicaleldership.com.

Seine Bücher, Seminarvorlagen, Arbeitshefte und Videovorträge sind auch auf Deutsch erhältlich. Alexander Strauch war vielfach in Deutschland und hat Seminare für angehende und bestehende Gemeindeleiter durchgeführt. Die Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg hat einige seiner Werke übersetzt und veröffentlicht.

Einige Webseiten liefern Linklisten und Überblicke in das verfügbare Material. Eine dieser guten Webseiten ist gesunde-gemeinden.de. Sie schreiben:

Ob Gemeinden gesund wachsen und sich multiplizieren, hängt nicht nur, aber maßgeblich von ihren Leitern ab. Damit die lernen können, was sie brauchen, veröffentlichen wir hier empfehlenswertes Schulungsmaterial und beginnen mit den Schulungsvideos von „Biblical Eldership Resources“. Darin geben Alexander Strauch und andere erfahrene Älteste gesunde biblische Lehre und ihre jahrzehntelange Erfahrung im Ältestendienst weiter.

Leider ist die o.g. Website mit den Vortragsmanuskripten zu den Lehrvideos von Alexander Strauch zur Zeit (04.2026) gestört, so dass in der Zwischenzeit hier die Inhalte gespiegelt werden (s.u.).

Vortragsreihe »Grundzüge neutestamentlicher Gemeindeleitung«

Die Seminarreihe von Alexander Strauch zu diesem Thema wurde auch in deutscher Übersetzung verschriftet. Die Lektüre könnte gut als erster, inhaltsreicher Überblick über sein Standardwerk »Biblische Ältestenschaft« dienen. Die Videos dazu sind im nächsten Abschnitt unten verwiesen.

  • 01 – Biblische Ältestenschaft: Einführende Zusammenfassung (PDF)
  • 02 – Zurück zur biblischen Lehre (PDF)
  • 03 – Mehrere Hirten-Älteste – warum? (1) (PDF)
  • 04 – Mehrere Hirten-Älteste – warum? (2) (PDF)
  • 05 – Mehrere Hirten-Älteste: Definition (PDF)
  • 06 – Voraussetzungen für Ältestendienst (1) (PDF)
  • 07 – Voraussetzungen für Ältestendienst (2) (PDF)
  • 08 – Fähigkeiten, Prüfung und Berufung von Ältesten (PDF)
  • 09 – Aufgaben von Ältesten (1): Lehren und Schützen (PDF)
  • 10 – Aufgaben von Ältesten (2): Leiten und Heilen (PDF)

Website brink4u: Biblische Leiter-Schulung

Uwe Brinkmann aus München hat eine Website für dieses Thema mit gleichen und weiterführenden Quellen veröffentlicht: Biblische Leiter-Schulung. Dort sind auch die 10 oben aufgeführten Seminar-Videos mit Alexander Strauch alle aufgeführt.

Brinkmann schreibt: »Den größten Gewinn wird man aus diesen Vorträgen ziehen, wenn man sich anschließend miteinander darüber austauscht.« (Leider verweist er auch mehrfach auf die oben erwähnte, zur Zeit gestörte, Website.)

Weitere Ressourcen

Biblische Ältestenschaft (Alexander Strauch)

Warum bei Gemeindeämtern Erprobung wichtig ist

Bin ich für meine Gemeinde nützlich?

Lesedauer: 6 Minuten.

Viele Christen verstehen Gemeinde unbewusst als einen Ort, an dem sie empfangen: Predigt hören, Gemeinschaft erleben, geistlich auftanken. Doch Paulus zeichnet in 1Korinther 12 ein ganz anderes Bild: Die örtliche Gemeinde ist kein Zuschauerraum – sie ist ein lebendiger Körper. Und jeder, der zu Christus gehört, ist ein Teil davon. Jeder Gläubige hat eine Aufgabe. Jeder ist Teil des Leibes. Du bist nicht zufällig da. Du wirst gebraucht. Die entscheidende Frage lautet daher nicht: »Was bekomme ich?«, sondern: »Bin ich für meine Gemeinde nützlich?«.

Kontext und Einleitung (12,1)

In 1Korinther 12,1 beginnt Paulus die Beantwortung einer weiteren jener Fragen, die ihm die christliche Gemeinde in Korinth gestellt hatte: »Was aber die geistlichen Gaben betrifft, Brüder, so will ich nicht, dass ihr unwissend seid«. Seine Antwort ist recht ausführlich und erstreckt sich über drei Kapitel: in Kapitel 12 geht es um die Einheit und Vielfalt der Gaben des Geistes, in Kapitel 13 um die Liebe als Antrieb zur Gabenausübung und in Kapitel 14 abschließend ganz praktisch um den ordentlichen Einsatz der Geistesgaben im Wortgottesdienst. Dann erst wendet er sich einer weiteren Frage zu (Auferstehung).

Paulus zeigt in diesen drei Kapiteln, dass die Gaben des Geistes Gottes vom Geist Gottes geprägt sind, was sie in Kontrast setzte zu den offenbar in Korinth ebenfalls gepflegten heidnischen »Geistmanifestationen«. Seinem Mitarbeiter Timotheus hatte er einmal erklärt: »Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Furchtsamkeit gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit (Selbstbeherrschung)« (2Timotheus 1,7). Das kann man gut als Überschrift über 1Korinther 12–14 setzen.

Die Gabengeschenke des Geistes Gottes an die Glieder der Gemeinde sind zwar Geschenke, sie bringen aber eine lebenswichtige geistliche Verpflichtung mit sich: Sie sind kein Selbstzweck, sondern dazu da, die Gemeinde, den »Leib«, aufzuerbauen. Wir lernen: Christliches Glaubensleben ist immer gemeinschaftsbezogen. Paulus stellt in 1Korinther 12,7 fest, dass jeder eine geistliche Gabe hat und dass diese für den Dienst an den anderen bestimmt ist. Die zentrale Herausforderung für jeden lautet also: Was machst du damit?

Die einzigartige Quelle der Geistesgaben (12,2–3)

Die Gottesdienste in Korinth waren offenbar eine Mischung von Echtem und Gefälschtem, wenngleich alles »religiös« und vertraut vorkam. Paulus macht deutlich, dass Gottes Gaben nur im Zusammenspiel mit geistlicher Reife und Ablehnung der alten heidnischen Vorstellungen funktionieren. Nicht jede »geistliche Erfahrung« kommt von Gott. Es gibt auch falsche Geister und Gewohnheiten, die im Heidentum entweder zu Passivität (Weltverleugnung, Askese) oder im Gegenteil zu unkontrollierter Ekstase (Entrücktsein) verleiten. Unterscheidungsvermögen tut da not! Der Heilige Geist befähigt den Glaubenden zu einem bewusstem, planvollen (vernünftigen), zielgerichtetem Dienst. Paulus hilft: Echtes Wirken des Geistes ist immer verantwortungsbewusst und christusverherrlichend.

Die Einheit und Vielfalt der Geistesgaben (12,4–6)

Paulus betont eindrücklich dreifach: Es gibt verschiedene Gaben und verschiedene Dienste und verschiedene Wirkungen. Dies konkretisiert er in Versen 8–10 mit einer ersten Liste solcher Gaben. Aber Quelle, Dienstherr und wunderbar wirksam Machender aller Gaben ist stets er eine Gott. Gottes Geist entscheidet souverän für jeden Christen, welches Glied am Körper der Gemeinde er wird und wie er für dieses Gliedsein und Funktionieren mit geistlichen Gaben ausgerüstet wird (Vers 11).

In Verbindung mit 1Petrus 4,10 verstehen wir, dass jeder wiedergeborene, und daher vom Heiligen Geist bewohnte, Glaubende eine geistliche Gabe empfangen hat. Das Metapher eines menschlichen Körpers ab 1Korinther 12, 12 ist eindrücklich: Wir erkennen zwar viele unterschiedliche Glieder am Körper, aber sie gehören im Geben und Nehmen und Funktionieren zu einem einzigen Körper. Wenn alle in ihrer besonderen Fähigkeit »funktionieren«, ist der Mensch gesund und zu großen Taten fähig und bereit. Anders gesagt: Der Leib, die Gemeinde, lebt dann. Wir lernen: Niemand ist überflüssig. Niemand ist optional. Es gibt im Leib der Gemeinde keine »rudimentären Organe«. Und: Es gibt keine Glieder, die getrennt vom restlichen Leib überleben könnten.

Der Nutzen der Geistesgaben für die Gemeinde (12,7)

Die große praktische Schlussfolgerung lautet: »Einem jeden wird die Offenbarung des Geistes zum Nutzen gegeben« (12,7). Das bedeutet: Deine Gabe gehört nicht dir, sie ist für andere gedacht. Sie hat eine konkrete Funktion, die Gott festgelegt hat. Daher ist Untätigkeit geistlich gesehen keine neutrale Option. Der Nutzen wird konkret angegeben: dass die Gemeinde Gottes auferbaut werde. Jeder ist für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Gemeinde mit verantwortlich. Sei es negativ oder positiv.

Negativ. Wenn du deine Gabe nicht nutzt, sind die Folgen: Du wächst geistlich weniger, anderen fehlt dein Beitrag, die Gemeinde wird geschwächt. Es ist wie in einem Körper, wo ein Körperteil ausfällt. Egal ob das wegen Verletzung, Krampf, Lähmung oder Bequemlichkeit geschieht, die Folge ist immer: Der ganze Körper leidet. – Wir lernen: Passivität schadet mehr, als wir denken.

Positiv. Wenn du (wie alle) deine Gabe nutzt, hat das hingegen viele gute Auswirkungen: (1) Du segnest andere, so wie sie Dich segnen; Geben und Empfangen gehören im Organismus zusammen. (2) Eine aktive Gemeinde wirkt auch nach außen überzeugend, sie hat ein starkes Zeugnis. (3) Aus der Erprobung im Dienst wachsen Leiter heraus, die wieder anderen helfen, ihre Gaben zu erkennen und zu trainieren. (4) Es entsteht eine echte, christliche, herzensverbindende Gemeinschaft im Glauben und Dienen. – Wir lernen: Gemeinde funktioniert nicht durch wenige Aktive (»Professionelle«), sondern durch viele Beteiligte, solange jeder (nur) das tut, wozu er von Gott gesetzt wurde.

Auf manche christliche Gemeinde passt das sarkastische Lob: »Sie leben nach dem olympischen Ideal: Keiner macht, was er soll. Jeder macht, was er will. Aber alle machen mit!«.

Folgen wir aber den Anweisungen des Wortes Gottes ist das Ergebnis ein funktionierender, gesunder geistlicher Leib. Die Ordnung der Gemeinde ist wie die eines lebendigen Organismus‘. Es geht nicht zu wie in einer würdigen Schlossbibliothek mit allerlei beeindruckenden Folianten aus längst verflossenen Tagen, wo alles »an seinem Platz« steht. Das biblische Bild ist ein junger, gesunder Körper, dessen Glieder lebendig zusammenhängen, einander dienen und miteinander den Leib gesund halten, so dass er zielgerichtet, koordiniert und lebendig das Werk Gottes tun kann. Wir lernen: Wenn jeder an seinem Platz im Leib dient, entsteht Einheit, wächst Kraft und wird die Gemeinde außenwirksam.

Call-to-Action

Jeder wiedergeborene Christ muss sich fragen: Bin ich für meine Gemeinde nützlich?

Praxistipp: Nimm dir Zeit für folgende drei Schritte:

  1. Bete: »Herr, welche Gabe hast du mir gegeben?«
  2. Sprich mit deiner Gemeindeleitung oder reifen Christen darüber
  3. Handle: Fang an zu dienen, zunächst im Kleinen. Jeder gabenspezifische Dienst später baut auf die eingeübte Einstellung eines Dieners auf, sonst wird sie unwirksam oder gar gefährlich.

Bedenke: Gottes Plan für deine Gemeinde funktioniert nicht ohne dich. Gott hat dich nicht nur gerettet, er hat dich auch beauftragt. Deine Gemeinde braucht nicht nur deine Anwesenheit, sondern deinen Beitrag.

Im Brief an die Gemeinde in Ephesus fasst Paulus das alles wunderbar zusammen:

»…die Wahrheit festhaltend in Liebe, lasst uns in allem heranwachsen zu ihm hin, der das Haupt ist, der Christus, aus dem der ganze Leib, wohl zusammengefügt und verbunden durch jedes Gelenk der Darreichung, nach der Wirksamkeit in dem Maß jedes einzelnen Teiles, für sich das Wachstum des Leibes bewirkt zu seiner Selbstauferbauung in Liebe.« (Epheser 4,15–16)