Verleih uns Frieden gnädiglich

Ein singbares Friedensgebet – von Luther über Bach und Mendelssohn bis heute

Lesedauer: 12 Minuten.

Das Friedensgebet in fremdem Land

Als die Babylonier im 6. Jahrhundert v. Chr. das Südreich Juda überwältigten, viele Menschen –vom Säugling über die Schwangere bis zum Greis– ermordeten und den Rest der Bevölkerung nach Babylon deportierte, ergriff die verschleppten Juden große Trauer. Fern und zerstört war der Heimatort und Gottesort (Tempel), der Sehnsuchtsort ihres Volkes: Jerusalem (Zion). Psalm 137 hat die Gefühle dieser Menschen unvergesslich festgehalten:

»An den Flüssen Babels, da saßen wir und weinten, als wir uns an Zion erinnerten. An die Weiden in ihr hängten wir unsere Lauten. Denn die uns gefangen weggeführt hatten, forderten dort von uns die Worte eines Liedes …: ›Singt uns eins von Zions Liedern!‹ Wie sollten wir ein Lied Jahwes singen auf fremder Erde?« (Psalm 137,1–4)

Doch Gott (Jahwe, der Bundesgott Israels) wollte nicht, dass sein Volk im fremden Land nur resignierte. Die Wegführung war zwar Gericht und Erziehung, aber Babylon sollte nicht die Endstation sein. Durch den Propheten Jeremia gab Gott den Weggeführten deshalb einen bemerkenswerten Auftrag:

»Und sucht den Frieden der Stadt, wohin ich euch weggeführt habe, und betet für sie zu Jahwe; denn in ihrem Frieden werdet ihr Frieden haben.« (Jeremia 29,7)

Das ist erstaunlich. Die Juden sollten nicht nur passiv auf ihre Rückkehr warten, sondern aktiv für den Frieden und das Wohlergehen gerade jener Stadt wirken und beten, in die sie verschleppt worden waren. Wie sollte das gehen: fremd, ohne Bürgerrechte, Unterlegene – und trotzdem im »Beten und Arbeiten« (ora et labora) den Frieden und das Wohlergehen jener Stadt aktiv suchen?

Auch wahre Christen leben als Menschen, deren eigentliches Bürgerrecht im Himmel ist, in einer Welt, die noch nicht unter der sichtbaren Herrschaft Christi steht. Das bedeutet jedoch keinen Rückzug. Christus hat seine Jünger als Licht und Salz in diese Welt gestellt. Sie sollen das Evangelium verkündigen, Gutes tun und für die Menschen beten, unter denen Gott sie leben lässt.

Zu diesen Gebeten gehört ausdrücklich die Bitte um Frieden. Paulus fordert die christliche Gemeinde auf, für »Könige und alle, die in Hoheit sind« zu beten, »damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und würdigem Ernst« (1Timotheus 2,1–2).

Ein solches Friedensgebet begleitet die christliche Kirche schon durch viele Jahrhunderte.

Das Friedensgebet in der lateinischen Antiphon

Spätestens seit dem frühen Mittelalter ist der Antiphon »Da pacem, Domine, in diebus nostris« bekannt. Ihr Verfasser ist unbekannt. Der kurze Text lautet (im damals in der Liturgie üblichen Kirchenlatein):

Da pacem, Domine, in diebus nostris,
quia non est alius qui pugnet pro nobis,
nisi tu Deus noster.

Sinngemäß:

Gib Frieden, Herr, in unseren Tagen,
denn es gibt keinen anderen, der für uns kämpft,
außer dir, unserem Gott.

In diesen drei Zeilen steckt bereits eine kleine Theologie des Friedens. Wir lernen: Frieden ist letztlich keine menschliche Errungenschaft, er wird von Gott erbeten. Und die letzte Hoffnung des Beters liegt nicht in der menschlichen Macht, sondern allein bei Gott: nisi tu Deus noster – »außer dir, unserem Gott«.

Der Gedanke hat deutlich alttestamentliches Kolorit. Am Schilfmeer sagt Mose zum hilflosen Israel: »Jahwe wird für euch kämpfen, und ihr werdet still sein« (2Mose 14,14). Ähnlich betet Josaphat angesichts einer militärischen Übermacht: »In uns ist keine Kraft vor dieser großen Menge … und wir wissen nicht, was wir tun sollen, sondern auf dich sind unsere Augen gerichtet« (2Chronik 20,12).

Aus diesem alten lateinischen Gebet wurde in der Reformationszeit ein deutsches Gemeindelied.

Die Version Luthers (1529) – Das Friedensgebet wird deutsches Gemeindelied

Martin Luther war nicht der ursprüngliche Dichter. Er übertrug 1529 den alten Antiphon aber knapp und einprägsam ins Deutsche:

Verleih uns Frieden gnädiglich,
Herr Gott, zu unsern Zeiten.
Es ist doch ja kein andrer nicht,
der für uns könnte streiten,
denn du, unser Gott, alleine.

Luther macht aus dem alten liturgischen Text Reim und Lied, das die Gemeinde zusammen singen und beten kann. Die entscheidenden Gedanken bleiben erhalten: Wir bitten Gott um Frieden, weil wir unsere letzte Hilfe nicht in menschlicher Stärke, sondern in ihm allein sehen.

Schon bald wurde dieser Ur-Strophe eine zweite angefügt. Sie stammt nicht von Luther, sondern wird seinem musikalischen Mitarbeiter Johann Walter (1496–1570) zugeschrieben und erschien 1566:

Gib unserm Fürsten und aller Obrigkeit
Fried und gut Regiment,
dass wir unter ihnen
ein geruhig und stilles Leben führen mögen
in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit.

Man erkennt sofort die biblische Vorlage. Walter setzt 1Timotheus 2,1–2 beinahe unmittelbar in ein Gebet um. Die beiden Strophen verbinden damit zwei Anliegen: Gott möge Frieden schenken und er möge den Regierenden eine solche Regierungsführung ermöglichen, dass die Menschen in Ruhe und Gottesfurcht ihres Glaubens gemäß leben können.

Gerade diese Verbindung ist wichtig. Christliches Friedensgebet bedeutet nicht lediglich: »Herr, gib uns Ruhe!« Der erbetene Friede soll vielmehr Raum schaffen für Gottesfurcht, christliches Zeugnis und die Ausbreitung des Evangeliums.

Dabei darf die Musik der Gemeinde im gemeinsamen Gebt helfen. Luther schätzte Musik außerordentlich hoch. In seiner Vorrede zu Georg Rhaus Symphoniae iucundae von 1538 räumte er ihr nach der Theologie den höchsten Rang ein. Für ihn war Musik nicht bloße Unterhaltung. Sie war eine Gabe Gottes und in besonderer Weise geeignet, Gottes Wort ins Gedächtnis und ins Herz zu tragen.

Das Friedensgebet sollte deshalb nicht nur gelesen werden, die Gemeinde sollte es betend singen. Seine Melodie klang noch stark nach der alten Vorlage: archaisch, Moll. Man meint, gregorianische Stimmung wahrzunehmen. Aber Gott hat 200 Jahre später der Gemeinde einen großen Komponisten und gläubigen Lutheraner gegeben, der so manches Kirchenlied aufgriff und klanglich vergoldete.

Die Version von J. S. Bach (1725) – Die Gemeinde in Not betet gemeinsam

Genau betrachtet, ist die Situation bei Johann Sebastian Bach etwas anders als bei Luther. Bach komponierte kein großes eigenständiges Werk über »Verleih uns Frieden«, sondern verwendete den Text als Schlusschoral sowohl der Kantate BWV 42 »Am Abend aber desselbigen Sabbats« (1725) als auch der Kantate BWV 126 »Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort« (1725).

Der Kontext der Verwendung in der Kantate BWV 42 »Am Abend aber desselbigen Sabbats« ist sehr aussagekräftig. Die Kantate handelt nämlich von den Jüngern hinter verschlossenen Türen, von Bedrohung und Verfolgung und davon, dass Christus dennoch mitten unter den Seinen ist. Unmittelbar vor dem Schlusschoral steht die Bass-Arie »Jesus ist ein Schild der Seinen«. Dort kontrastiert Bach musikalisch die Unruhe der Welt mit dem Frieden bei Jesus. Und dann kommt der Schlusschoral »Verleih uns Frieden gnädiglich«.

Das hat Bach überzeugend dramaturgisch gestaltet:

Bedrohung → Christus als Schutz → Gebet der Gemeinde um Frieden.

Bach behandelt die Melodie als vierstimmigen Choralsatz: Die Gemeinde spricht gewissermaßen gemeinsam. Keine einzelne Stimme steht im Vordergrund; die Harmonik vertieft vielmehr die vertraute Melodie, es ist eine gemeinsame Bitte der Gemeinde. Das ist typisch Bach: sein Schlusschoral ist nicht bloß ein musikalischer Abschluss, sondern eine theologisch reiche Antwort der Gemeinde auf das zuvor Gehörte.

Der Kontext der Kantate BWV 126 »Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort« im selben Jahr ist ebenfalls aufschlussreich. Sie wurde am 4. Februar 1725, dem Sonntag Sexagesimae, erstmals aufgeführt und gehört zu Bachs Choralkantaten-Jahrgang 1724/25. Die gottesdienstlichen Lesungen waren Lukas 8,4–15, das Gleichnis vom vierfachen Ackerboden, und 2Korinther 11,19–12,9 mit dem Thema der in menschlicher Schwachheit wirksamen Kraft Gottes. Im Mittelpunkt der Kantate steht allerdings Luthers kämpferischer Choral »Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort«.

Zum Sonntagsevangelium besteht dennoch eine deutliche theologische Verbindung: Gottes Wort wird ausgesät, es ist vielfältig bedroht, soll festgehalten werden und Frucht bringen. Besonders deutlich wird dies im Rezitativ der Kantate unmittelbar vor dem Schlusschoral. Dort heißt es, dass Gott über seine Kirche wacht und »des heilgen Wortes Lehren / zum Segen fruchtbar« macht – ein kaum zu übersehender Anklang an den guten Ackerboden von Lukas 8,15.

Musikalisch gehört BWV 126 zu Bachs kämpferischsten Kantaten. Der wuchtige Eingangschor bettet den Choral in einen kantigen Orchestersatz ein; besonders die virtuose Trompetenpartie verleiht ihm einen geradezu streitbaren Charakter. In den beiden Arien der Kantate verwendet Bach auffällige Abwärtsbewegungen: Sie veranschaulichen einerseits Gottes helfendes Eingreifen von oben, andererseits den Sturz der widergöttlichen Macht. Alle Rettung kommt von Gott.

Dann aber vollzieht die Kantate eine bemerkenswerte Wendung vom Streit zum Frieden. Das letzte Rezitativ spricht davon, dass Gottes Wort und Wahrheit offenbar werden und zum Segen Frucht bringen. Es endet mit den Worten:

»und willst du dich als Helfer zu uns kehren,
so wird uns denn in Frieden
des Segens Überfluß beschieden.«

Darauf antwortet die ganze Gemeinde im Schlusschoral betend:

»Verleih uns Frieden gnädiglich,
Herr Gott, zu unsern Zeiten;
es ist doch ja kein andrer nicht,
der für uns könnte streiten,
denn du, unser Gott, alleine.

Gib unsern Fürsten und aller Obrigkeit
Fried und gut Regiment,
dass wir unter ihnen
ein geruhig und stilles Leben führen mögen
in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit. – Amen.«

Der Schlusschoral ist deshalb kein angehängtes Friedenslied, er ist der Zielpunkt der Kantate. Die Gemeinde antwortet gläubig und verständig auf das zuvor Gehörte: Aus dem Kampf um die Bewahrung bei Gottes Wort führt der Weg zur Bitte um den Frieden, den allein Gott schenken kann. Dieser Friede schafft Raum für ein ruhiges und gottesfürchtiges Leben und für den Dienst der Gemeinde am Wort Gottes.

Predigt des Wortes und geistliche Kirchenmusik ergänzen und verstärken sich. Bachs eigene Wertschätzung geistlicher Musik kommt in einer berühmten Randbemerkung seiner Calov-Bibel zu 2Chronik 5,13 zum Ausdruck:

»Bey einer andächtig Musiq ist allezeit Gott mit seiner Gnaden Gegenwart.«

Theologie und Musik gehören auch hier eng zusammen. Musik ist nicht bloße Verschönerung des Wortes. Sie lässt die Gemeinde das Wort gemeinsam bekennen und beten.

Die Version von Mendelssohn (1831) – Das persönliche Gebet steckt an

Gut ein Jahrhundert später begegnet uns das Friedensgebet wieder bei Felix Mendelssohn Bartholdy. Mendelssohn hatte sich intensiv mit Bach beschäftigt und 1829 mit der Wiederaufführung der Matthäus-Passion wesentlich zur Bach-Renaissance beigetragen.

1831 komponierte er »Verleih uns Frieden gnädiglich« (MWV A 11 / WoO 5) für vierstimmigen Chor und Orchester. Er bezeichnete das Werk ausdrücklich als »Gebet nach Lutherschen Worten«.

Bemerkenswert ist: Mendelssohn übernimmt zwar Luthers Text, aber nicht die traditionelle Melodie. Er komponiert eine neue. Dadurch kann er die wenigen Worte auf seine eigene Weise musikalisch auslegen.

Das Stück beginnt still und demütig. Zunächst wirkt es beinahe wie das Gebet eines Einzelnen. Dann kommen weitere Stimmen hinzu, der Klang wird voller, das Gebet wächst. Aus dem persönlichen Flehen wird zunehmend die Bitte einer ganzen Gemeinschaft:

Bitte → Verstärkung → gemeinsames Bekenntnis → Ruhe.

Dabei wird die Musik trotz der Worte »der für uns könnte streiten« nicht martialisch. Keine musikalische Schlacht entsteht. Der Grundcharakter bleibt Vertrauen und Gebet. Alles läuft vielmehr auf die letzte Aussage zu:

»denn du, unser Gott, alleine.«

Nicht menschliche Stärke ist die Antwort auf die Bedrohung, sondern Gott.

Mendelssohn benötigt mehrere Minuten für gerade einmal fünf Textzeilen. Durch Wiederholung und Überlagerung entsteht jedoch der Eindruck, als würden immer mehr Menschen in dasselbe Gebet einstimmen.

Robert Schumann war von dem Werk Mendelssohns tief beeindruckt. 1840 schrieb er: »Das kleine Stück verdient eine Weltberühmtheit und wird sie in Zukunft erlangen …«

Vielleicht liegt seine besondere Schönheit gerade darin: Mendelssohn verbindet Schlichtheit mit großer Ausdruckskraft. Das Ergebnis ist weder bloße Konzertmusik noch einfacher Gemeindegesang. Es klingt wie ein Gebet, das wächst und schließlich eine ganze Gemeinschaft erfasst.

Das Friedensgebet der Urgemeinde(n)

So schön solche Vertonungen sind: Die höchste Autorität liegt für Christen nicht bei Luther, Bach oder Mendelssohn, sondern im Wort Gottes. Deshalb stellt sich die entscheidende Frage: Wie betete die neutestamentliche Gemeinde um Frieden und Bewahrung?

Die Antwort des Neuen Testaments ist aufschlussreich. Wir halten an fünf Stellen kurz inne.

1. Paulus an Timotheus (1Timotheus 2,1–4)

Die unmittelbarste Parallele zum Lied findet sich in 1Timotheus 2. Paulus fordert dazu auf, für alle Menschen und ausdrücklich für die Regierenden zu beten:

»… damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und würdigem Ernst.«

Genau daraus entstand Walters zweite Strophe.

Aber Paulus nennt anschließend den größeren Horizont: Gott will, »dass alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen« (1Timotheus 2,4).

Wir bitten also nicht nur um Frieden, weil ein ruhiges Leben angenehmer ist. Wir bitten um Verhältnisse, in denen Christen gottesfürchtig leben, im Glauben wachsen und das Evangelium ungehindert verkündigen können.

2. Das Gebet der bedrohten Gemeinde (Apg 4,23–31)

Nach der ersten Verfolgung der Jerusalemer Gemeinde kommen Petrus und Johannes zu den anderen Gläubigen zurück. Gemeinsam beten sie.

Bemerkenswert ist, worum sie nicht zuerst bitten. Sie verlangen nicht, dass Gott sämtliche Gegner beseitigt oder ihnen künftig jede Bedrohung seitens der religiösen und weltlichen Obrigkeit erspart. Sie beginnen mit der Größe und Souveränität Gottes:

»Herrscher, du, der du den Himmel und die Erde und das Meer gemacht hast und alles, was in ihnen ist …« (Apostelgeschichte 4,24).

Dann legen sie Gott ihre Bedrohung vor und bitten:

»Und nun, Herr, sieh an ihre Drohungen und gib deinen Knechten, dein Wort zu reden mit aller Freimütigkeit« (Apostelgeschichte 4,29).

Das ist neutestamentliches Friedensgebet in einer bemerkenswerten Reihenfolge: Nicht zuerst »Nimm die Bedrohung weg«, sondern »Mach uns treu in unserem Auftrag«.

3. Das Gebet zur Bewahrung vor feindlichen Menschen (2Thessalonicher 3,1–2)

Paulus bittet die Thessalonicher:

»Betet für uns, dass das Wort des Herrn laufe und verherrlicht werde … und dass wir errettet werden von den schlechten und bösen Menschen.«

Wieder gehören zwei Anliegen zusammen:

Ausbreitung des Wortes + Bewahrung vor seinen Gegnern.

Christen dürfen also durchaus um Schutz bitten. Aber dieser Schutz ist wiederum mit dem Auftrag verbunden: Das Wort des Herrn soll laufen und verherrlicht werden.

4. Das Gebet um Errettung von Gegnern und um Frieden (Römer 15,30–33)

Auch den Römern schreibt der Apostel Paulus:

»… dass ihr mit mir kämpft in den Gebeten für mich zu Gott, damit ich vor den Ungläubigen in Judäa gerettet werde …«

Und wenige Sätze später:

»Der Gott des Friedens aber sei mit euch allen! Amen.«

Der eigentliche »Kampf« der Gemeinde ist hier zunächst ein Kampf im Gebet. Die Rettung von den Gegnern erwartet Paulus von Gott.

Das erinnert unmittelbar an den alten Antiphon:

quia non est alius qui pugnet pro nobis, nisi tu Deus noster –
»denn es gibt keinen anderen, der für uns kämpft, außer dir, unserem Gott.«

5. Gebet um Frieden mitten in der Bedrohung (Philipper 4,6–7)

In Philipper 4 verschiebt sich der Akzent schließlich vom äußeren zum inneren Frieden:

»Seid um nichts besorgt, sondern in allem lasst durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden; und der Friede Gottes, der allen Verstand übersteigt, wird eure Herzen und euren Sinn bewahren in Christus Jesus.«

Die äußeren Umstände müssen sich dabei nicht sofort verändern. Aber mitten in ihnen –seien sie auch noch so bedrohlich– schenkt Gott seinen Frieden.

Der Gedankengang lautet:

Bedrängnis → Gebet → Gottes (inneren) Frieden → Bewahrung in Christus.

Zusammenfassung

Jesus selbst hat für seine Jünger nicht darum gebetet, dass sie jeder Gefahr entnommen werden. Er sprach in jener Nacht seines Verrats zu seinem Vater:

»Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt wegnehmest, sondern dass du sie bewahrest vor dem Bösen.« (Johannes 17,15)

Das ist für eine neutestamentliche Theologie des Friedens entscheidend. Frieden bedeutet nicht notwendig die Abwesenheit von Bedrängnis. Christus bittet um die Bewahrung seiner Jünger mitten in einer feindlichen Welt.

Damit verändert sich gegenüber dem alttestamentlichen Motiv auch der Akzent. Das alte Da pacem, Domine erinnert stark an Aussagen wie: »Jahwe wird für euch kämpfen« (2Mose 14,14). Die neutestamentliche Gemeinde darf ebenfalls um Schutz vor bösen Menschen und um friedliche gesellschaftliche Verhältnisse bitten. Aber sie betet nicht um die militärische Vernichtung ihrer Gegner. Jesus lehrt vielmehr: »Bittet für die, die euch verfolgen« (Matthäus 5,44).

So lernen wir, christlich um Frieden zu beten:

Wir bitten um äußeren Frieden und eine gute Obrigkeit, damit ein ruhiges und gottesfürchtiges Leben möglich ist (1Timotheus 2,1–4).

Wir bitten um Bewahrung vor bösen Menschen, damit das Wort des Herrn laufen und verherrlicht werden kann (2Thessalonicher 3,1–2).

Wir vertrauen angesichts von Bedrohungen auf den souveränen Gott und bitten zuerst darum, unserem Zeugnisauftrag treu zu bleiben (Apostelgeschichte 4,23–31).

Und wir bitten um den Frieden Gottes in unseren Herzen, selbst wenn die äußeren Umstände unruhig bleiben (Philipper 4,6–7).

Damit ist das jahrhundertealte Lied erstaunlich aktuell.

Bei Luther betet die Gemeinde um Frieden.

Bei Bach bekennt die bedrängte Gemeinde, von wem ihr Friede kommt.

Bei Mendelssohn kann man hören, wie aus einem leisen persönlichen Friedensgebet ein machtvolles gemeinsames Flehen wird.

Und über allen steht die Bitte, die Christen seit Jahrhunderten miteinander verbindet:

Verleih uns Frieden gnädiglich,
Herr Gott, zu unsern Zeiten.
Es ist doch ja kein andrer nicht,
der für uns könnte streiten,
denn du, unser Gott, alleine.

Mögen auch wir –Christen und christliche Gemeinden– dies heute angesichts beunruhigendem Säbelrasseln und peinlich-beängstigender Kriegsrhetorik inständig und glaubend bitten! Gott will das – und Er hat uns damit schriftlich aufgefordert. Denn: Es sind nicht die politischen Demos oder die marktschreierischen Sprüche vor irgendeinem Rathaus oder Parlament, sondern das gläubige Beten der Gemeinde Jesu Christi, das Gottes Ohr erreichen kann.

Soli Deo Gloria.

Disclaimer

Das Titelbild wurde aus Vorlagen, die mit Unterstützung von KI erzeugt wurden, vom Autor erstellt. Die zentral abgebildeten Noten stammen aus Der Spielmann (1914, 1947), der eine Version mit zwei Strophen ( Nr. 2 und 3) in freier Zudichtung nach Leisentritts Gesangbuch (1567) enthält. Hier wurde es bildlich mit der 2. Strophe von Johann Walter (1496–1570) verbunden, wie es in manchen Lutherischen Gesangsbüchern noch enthalten ist. – Der Rest ist anhand des Artikels selbsterklärend.

Anhang 1: Überblick über weitere Vertonungen

KomponistLebensdatenWerk / Art der Vertonung
Johann Walter1496–1570vierstimmige Motette Da pacem Domine; 2. Teil deutsch: Verleih uns Frieden gnädiglich
Balthasar Resinariusca. 1485–1544frühe mehrstimmige Vertonung des Lutherliedes
Michael Praetorius1571–1621Verleih uns Frieden gnädiglich, u. a. Musae Sioniae VIII, Nr. 120
Bartholomäus Gesiusca. 1562–1613mehrstimmiger Chorsatz
Johannes Eccard1553–1611fünfstimmiger Chorsatz
Heinrich Schütz1585–1672Verleih uns Frieden genädiglich“, SWV 372
Andreas Hammerschmidt1611/12–1675eigene Vertonung
J. S. Bach1685–1750Choralsätze, u. a. BWV 42 und BWV 126
Felix Mendelssohn1809–1847MWV A 11, 1831
Moritz Hauptmann1792–1868Chorsatz
Charles Gounod1818–1893Vertonung des Luthertextes
Hugo Distler1908–1942Chorsatz
Ernst Pepping1901–1981Bearbeitung/Chorsatz
Rolf Schweizer1936–2016neuere Kirchenmusik
Matthias Nagel*1958moderne, gospelartig geprägte Fassung

Die Zusammenstellung eines ökumenischen Chorbuchs nennt darüber hinaus Arthur Eglin, Manfred Glowatzki, Lothar Kirchbaum, Colin Mawby, Volker Ochs, Wolfgang Stockmeier, Michael Töpel und Klaus Wallrath. 

Anhang 2: Ähnliche Friedensgebete im Alten Testament

Im AT gibt es eine ganze Reihe von Friedensgebeten. Wenn wir speziell nach Parallelen zu »Verleih uns Frieden gnädiglich … der für uns könnte streiten, denn du, unser Gott, alleine« fragen, sind einige sogar noch unmittelbarer als die neutestamentlichen Stellen. Der Liedtext nach Luther steht gedanklich stark in der alttestamentlichen Tradition, siehe folgende Tabelle.

StelleSituationBezug zum Lutherlied
Psalm 122,6–9Gebet für Jerusalemausdrückliche Bitte um Frieden
Psalm 29,11Schluss eines LobpsalmsGott schenkt seinem Volk Frieden
Psalm 85,9–11Bitte um WiederherstellungGott redet Frieden zu seinem Volk
Jesaja 26,12Gebet/VertrauensliedGott schafft Frieden
2Chronik 14,10Asa angesichts militärischer Übermacht»Bei dir ist kein Unterschied …«
2Chronik 20,5–12Josaphat angesichts übermächtiger Feinde»Wir wissen nicht, was wir tun sollen«
Psalm 20Gebet angesichts des KriegesVertrauen auf Gott statt Waffen
Psalm 144,1–11Gebet um RettungGott als Helfer im Kampf

Wach auf, wach auf, du deutsches Land!

Lesedauer: 4 Minuten.

Der an der Seite des Reformators Dr. Martin Luther wirkende Johann Walter (1496–1570) aus Kahla in Thüringen war Komponist, Kantor und Herausgeber von Gesangbüchern. Er wirkte als Hofkomponist des katholischen Kurfürsten Friedrich III. (Fr. der Weise; 1463–1525) von Sachsen, der 1502 die Universität Wittenberg gegründet hatte, welche weltbekannter Ausgangspunkt und Lehrstätte der Reformation wurde. Walter vertonte einige deutsche Liedtexte Luthers (z. B. »Ein feste Burg ist unser Gott«, »Mitten wir im Leben sind«) und arbeitete an der Deutschen Messe (Gottesdienstordnung der Reformationszeit) mit. Darüber hinaus schrieb er Lieder und Motetten und lieferte einen maßgeblichen Beitrag für die evangelische Kirchenmusik.

Das unten in Auszügen abgedruckte Lied »Wach auf, wach auf, du deutsches Land« (das eigentlich den Titel »Ein newes Christlichs Lied / Dadurch Deudschland zur Busse vermanet« trug) ist ein lutherisches geistliches Lied, welches das in geistlichem Schlaf liegende Deutschland aufwecken soll. Johann Walter schuf es mit Text und Melodie im Jahr 1561, also als Fünfundsechzigjähriger. Es schrieb insgesamt 26 Strophen, von denen es aber nur rund ein Viertel in unterschiedliche Gesangsbücher schaffte. Im Evang. Kirchengesangbuch für Hessen und Nassau (1. Aufl. 1951) wird »Wach auf, wach auf, du deutsches Land« als Wochenlied zum 10. Sonntag nach Trinitatis angegeben (Nr. 390).

Im 16. und 17. Jahrhundert entstanden etliche kirchliche Lieder und Choräle, die sowohl der geistig-geistlichen als auch der politischen Erneuerung des innerlich geschwächten Deutschlands dienen sollten. Man war in Sorge, ob das »Reich der Deutschen« das »Abendland« vor den Bedrohungen aus dem Orient schützen könne (1529 belagerten die Osmanen unter Sultan Süleyman I. Wien, die erste Wiener Türkenbelagerung). Diese »Endzeitstimmung« wird im Lied spürbar, verbunden mit der Ahnung, dass Gottes Zuchtrute am Werke war für das unchristliche Leben der Regierenden und des Volkes. Das frisch in der Reformation wiederentdeckte biblische Evangelium wurde noch als großes, exklusives Gottesgeschenk verstanden, das es unbedingt zu schützen galt. Man war noch nicht in den Wahn verfallen, der Islam gehöre zu Deutschland (u. a. Schäuble, Wulff, Merkel, Seibert).

Biblisch gestaltete christliche Toleranz heißt Menschen aller Hintergründe willkommen – und lebt ihnen ein Leben christlicher Nächstenliebe vor, zu dem eine unverrückbare Verankerung im christlichen Glauben und die Verkündigung der Guten Nachricht, des Evangeliums Gottes über seinen Sohn Jesu Christus, wesenseigen gehören. Wer gut verankert ist, kann sich weit hinauslehnen. Bis an die Enden der Erde.

Inwieweit die unten abgedruckten Zeilen des Lieds auch nach über 450 Jahren noch relevant sind, mag jeder selbst beurteilen – und als Christ entsprechend handeln. Die Evangelischen hatten es jedenfalls 2009 noch in ihren Liederbüchern (Nr. 145), interessanterweise und passend für den Bußtag: »Dadurch Deudschland zur Busse vermanet« (J. Walter).

1. Wach auf, wach auf, du deutsches Land!
Du hast genug geschlafen,

bedenk, was Gott an dich gewandt,
wozu er dich erschaffen.
Bedenk, was Gott dir hat gesandt
und dir vertraut sein höchstes Pfand,
drum magst du wohl aufwachen!

2. Gott hat dich, Deutschland, hoch geehrt
mit seinem Wort der Gnaden.
Ein großes Licht dir auch beschert
und hat dich lassen laden
zu seinem Reich, welchs ewig ist,
dazu du denn geladen bist,
will heilen deinen Schaden.

3. Gott hat dir Christum, seinen Sohn,
die Wahrheit und das Leben,
sein liebes Evangelium
aus lauter Gnad gegeben;
denn Christus ist allein der Mann,
der für der Welt Sünd gnug getan,
kein Werk hilft sonst daneben.

7. Für solche Gnad und Güte groß
sollst du Gott billig danken.
Nicht laufen aus sei’m Gnaden Schoß
von seinem Wort nicht wanken!
Dich halten wie sein Wort dich lehrt.
Dadurch wird Gottes Reich gemehrt,
geholfen auch den Kranken.

8. Du solltest bringen gute Frucht,
so du rechtgläubig wärest.
In Lieb und Treu, in Scham und Zucht,
wie du solch’s selbst begehrest.
In Gottes Furcht dich halten fein
und suchen Gottes Ehr allein,
dass du niemand beschwerest.

18. Die Wahrheit wird jetzt unterdrückt,
will niemand Wahrheit hören;
die Lüge wird gar fein geschmückt,
man hilft ihr oft mit Schwören;
dadurch wird Gottes Wort veracht’,
die Wahrheit höhnisch auch verlacht,
die Lüge tut man ehren.

22. Wach auf, Deutschland, ’s ist hohe Zeit,
du wirst sonst übereilet,
die Straf dir auf dem Halse leit,
ob sich’s gleich jetzt verweilet.
Fürwahr, die Axt ist angesetzt
und auch zum Hieb sehr scharf gewetzt,
was gilt’s, ob sie dein fehlet.

23. Gott warnet täglich für und für,
das zeugen seine Zeichen,
denn Gottes Straf ist vor der Tür;
Deutschland, lass dich erweichen,
tu rechte Buße in der Zeit,
weil Gott dir noch sein Gnad anbeut
und tut sein Hand dir reichen.

24. Das helfe Gott uns allen gleich,
dass wir von Sünden lassen,
und führe uns zu seinem Reich,
dass wir das Unrecht hassen.
Herr Jesu Christe, hilf uns nu’
und gib uns deinen Geist dazu,
dass wir dein Warnung fassen.

Es frauscht im Blätterwald

Lesedauer: 9 Min.

In meiner »Kruscht- & Fun-Kiste« fiel mir neulich ein über 30 Jahre alter Artikel in die Hände über einen sprachlichen Irrsinn, für den manche mit großem Ernst und Wahn auch sterben würden (alternativ reicht auch das Superkleben an ein Redaktionsgebäude). Der Autor war jahrelang Redakteur einer Zeitschrift, ist ein Sprachgenie, vielfacher Autor und Übersetzer. Er schreibt hier mit bemerkenswerter Bissigkeit und Sarkasmus, aber erzeugt damit bei einigen ein entspanntes Schmunzeln. Wie anders, als mit Humor, sollte man die militanten Sprach:vergewalt:gender:Innen-Szene sonst ertragen können? Hier kommt ein echter »Oldie-but-Goodie«:

Das hatte gerade noch gefehlt! Da ringt man seit Jahren, was sage ich? seit Jahrzehnten, mit sich selbst und hadert mit dem Schicksal, das einem wie ein schadenfreudiger Pauker ausgerechnet Deutsch als lebenslange Hausaufgabe vor die Füsse geschmissen hat. Als ob diese Sprache, mit der sich so Tiefes und Dunkles, so Lichtvolles und Erhabenes ausdrücken lässt, wie es das berühmte deutsche Gemüt ja nur sein kann, ja, als ob diese Sprache nicht schon der Tücken und Fallen genug besässe!

Was ist passiert? Um es kurz und möglichst schmerzlos zu machen, dies: Man (frau?). Nein. es war kein unpersönlicher Jemand, sondern ein mündiger, denkender – wiewohl schadenfreudiger – Mensch, der, oder die oder geschlechtsneutral … eine Mannfrau, nein: eine Mann/Frau. Wieso der Mann zuerst? Typisch Mann! Also besser: ein Fraumann – oder heisst es: eine Fraumännin? Sehen Sie, sogar ich habe mich verfangen! Dabei habe ich inzwischen einiges Brainstorming hinter mir. Ich denke, Sie ahnen das Problem.

Jemand – das ist unschuldig, oder? Oder doch nicht? Jemand, –mand! Ist mand am Ende ein verkappter Mann, ein garstiger, hinterhältiger, arroganter Misogyne, ein Pascha?! Das wäre ja doch allerhand. Jahrhundertelang redet und tut alle Welt so unschuldig, redet frischfröhlich ganz einfach von jemand, immer und überall heisst es schlicht jemand, und das mit allen Schikanen des Dativs und Akkusativs, und man tut die ganze Zeit, als ob nichts wäre. Es ist nicht mehr als gerecht, hier aufzuräumen. Also: Jefrau hat… Halt! Wollen Sie damit behaupten, die Frau sei schuld? Wir kennen den Dreh. Cherchez la femme! Ja,ja.

Immer dieses alte Lied. Also gut, wir müssen ein anderes Wort einführen, denn Gerechtigkeit muss sein. Sollen wir einfach sagen, ein body wie die Engländer? Vielleicht ein wenig geistlos, nur ein body; ich auf alle Fälle sehe da nur Muskeln und Rundungen vor mir. Wie wäre es mit jemensch? Gefällt mir nicht schlecht.

Ich habe den Faden verloren. Wo waren wir stehengeblieben? Auf alle Fälle bei einem Unglück, bei einer Heimsuchung.

Noch einmal von Anfang an. Eine Person – aber warum eine Person? Finden Sie das gerecht? Wieso ausgerechnet eine? Warum nicht ein Person? Geht nicht? Also gut, Grammatik ist Grammatik. Aber manchmal ist Deutsch eben doch ein Glücksfall: Sagen wir doch ein Persönchen. Das ist wunderbar neutral. Mit besagtem Persönchen begann das Unheil: 

Es ist entdeckt worden. Jetzt hab ich’s, ich fühle mich wie Archimedes in der Badewanne, als er seinen unsterblich gewordenen Urschrei aller Fündiggewordenen in die Stille der sizilianischen Nacht hinaustrompetete. Es lebe das unpersönliche und so herrlich unverfängliche Passiv! Das prophezeie ich Ihnen: Das Passiv ist die Ausdrucksweise der Zukunft! Also: Es ist entdeckt worden, dass unsere Sprache sexistisch verseucht ist, jawohl: sexistisch verseucht. Keine Angst, sexistisch hat nichts mit unbotmässigem Sex zu tun, wir sind hier anständige Leute; es geht dennoch um etwas Ungeheuerliches: die sprachliche Diskriminierung zwischen den Geschlechtern! Wer hätte der scheinbar so unschuldigen Sprache so etwas Niederträchtiges zugetraut? Damit auch die begriffsstutzigsten Gemüter – ich sehe nach allem, was ich bisher erfahren musste, ein, dass auch ich zu diesen gehöre – ein Einsehen hätten, begann man gleich eine wahre Sturzflut von Belegen zu liefern. Workshops wirkten, Zeitschriften wurden zu Dutzenden aus der Taufe gehoben, zuhauf fanden sich sexistisch Aufgebrachte zu Zirkeln zusammen, Kommissionen tagten, kurz und gut: Man rückte dem sexistischen Ungeheuer, das sich jahrtausendelang wie ein fetter Parasit in unserem schönen Sprachkörper eingenistet hatte, zu Leibe. Schliesslich sollte man, pardon! frau oder man/frau oder frau/man, nein: hier und in diesem Fall eindeutig man – die sind ja das Problem! – wissen, wie ernst die Sache ist. Und nun einige Belege:

Ein erstes Beispiel: Im Zeitalter bemannter Raumflüge hinkt die Sprache wie ein alter Patriarch, schlimmer als der neunhundertjährige Methusalem, hinter der Entwicklung her; sie hat noch nicht kapiert, dass auch Frauen den Raum erobert haben. Fortan hat es zu heissen: befraute Raumflüge. Protest von der Männerseite. Wird akzeptiert; also in Zukunft sind solche Flüge als bemenscht zu bezeichnen. Die NASA nennt sie seit einiger Zeit habitated. Na ja, bewohnt, warum nicht, immer noch besser als dieses patriarchalisch fixierte manned

Oder dies: Da konnte man in den zahllosen Zeitungen deutschsprachiger Lande jahraus jahrein Sätze wie den folgenden lesen: «Unter den Konferenzteilnehmern herrschte einhellig die Meinung …» Ist Ihnen etwas aufgefallen? Wahrscheinlich nicht, und damit sind Sie der beste Beweis dafür, wie nötig hier Aufklärung ist: Es herrscht immer jemand – Verzeihung, wir hatten uns ja auf jemensch geeinigt – oder etwas, sogar etwas scheinbar so Unschuldiges wie das Wetter oder eine modische Meinung. Dem hat man, nein – wann kapierst du es endlich? –, frau abgeholfen. Seither frauscht es im Blätterwald. Das ist nicht mehr als recht, oder? 

Aus naheliegenden Gründen wird sich die Männerwelt problemlos mit den Klabauter-, Hampel- und Buhfrauen anfreunden, pardon, anfreundinnen, sind wir doch ganz froh, wenn nicht ewig den Männern die schwarze Petra (diesmal bin ich nicht hereingefallen!) zugeschoben wird. Denn das muss um der Gerechtigkeit willen auch einmal gesagt sein: In der Schweiz drohen – gewiss, pädagogisch unterbelichtete, mit denen wir alle Geduld haben wollen – Eltern seit Jahrhunderten ihren Sprösslingen, der Böölimaa sperre sie in den Keller, wenn sie nicht sofort Ruhe geben und einschlafen. Ich habe nie gehört. dass mit dem Bööliwiib gedroht worden wäre. Aber da dürfen wir jetzt auf Änderung dieses untragbaren Zustandes hoffen. Auch ans Strichfräulein werden wir uns gewöhnen, aber den Mann im Mond, den lassen wir uns nicht kampflos nehmen, und wenn’s den Herrinnen der Schöpfung nicht passt, dann haben sie ja immer noch das geschlechtsneutrale Mondkalb. 

Verzeihen Sie, ich bin ein wenig abgeschweift. Es ging ja um Belege für die patriarchalisch beherrschte – sic! denn hier geht aus offensichtlichen Gründen «befrauscht» nicht – Sprache. Die sind nun einmal nicht von der Hand zu weisen, aber ich habe trotzdem noch Bauchweh. Schüchtern und vorsichtig – man (immer noch nicht kapiert? man/frau!) kann heutzutage nicht vorsichtig genug sein – frage ich immer noch, ob denn die Sprache nicht auch so kompliziert genug sei. Auf diesem Schlachtfeld voller sexistischer Tretminen muss man ja höllisch aufpassen. Dieser sprachliche Sexismus ist zwar erschütternd, das will ich nicht abstreiten, aber sehen Sie, ich bin kein Jüngling mehr, und einem alten Hund bringt man nicht mehr so leicht das Sitzen bei.

Da kann es einem sonst vor lauter Aufpassen ergehen wie einem leibhaftigen bundesdeutschen Minister. Er wandte sich mit diesen Worten an eine vor ihm versammelte Kinderschar: «Liebe Kindinnen, liebe Kinder». Der arme Mann, er hätte sich die Zunge abbeissen mögen, als er seinen Ausrutscher bemerkte. Am andern Tag zitierte ihn nicht nur die Lokalpresse, sondern zu seinem Entsetzen musste er seinen Versprecher auch noch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung lesen. Also, seien wir doch nicht so stur, lassen wir die Sprache Sprache sein. 

Ho, da machen wir die Rechnung aber ohne den Wirt, pardon, ohne die Wirtin! Sie stemmt die Fäuste in die Hüften und verschiesst mit ihren Augen so wütende Blitze, dass ich schnell den Kopf einziehe: Auch diese letzte Bastion der Ungleichheit muss fallen! Und sie wird fallen! Wenn frau will, steht sogar die Sonne still! Ich wage es ganz vorsichtig und strecke noch einmal einen Finger in die Luft; denn ich habe ein Problem. Hoffentlich merkt es die Wirtin nicht, aber ich wende mich jetzt an Sie, liebe Leserinnen. Zuerst dachte ich auch, das sei ein ungeheurer Fortschritt, eine historische Befreiungstat, als man von Kolleglnnen, FahrerInnen. Partnerlnnen usw. zu schreiben anfing. Endlich Gerechtigkeit! Aber wissen Sie, liebeR LeserIn, wie man all diese -Innen liest, ich meine nicht leise und nur mit den Augen, sondern laut? Wie lauten die Dinger, diese verflixten Hermaphroditen. diese doppelgeschlechtigen Ungeheuer, die – seien wir ehrlich – noch kein Mensch gesehen hat? Wie heissen sie. wenn man von ihnen spricht? Muss man bei GenossInnen bei Genoss- die Stimme heben und dann bei -Innen senken. zwischen beiden absetzen oder nicht absetzen, zuerst senken, dann heben. oder am Ende keines von beiden? Ich bin ratlos. Wer hilft mir? ■

Quelle und Disclaimer

Textquelle: Benedikt Peters – factum November/Dezember 1992 (S. 28–30)

Disclaimer. Dieser Beitrag wird mit seiner Wiedergabe hier weder vereinnahmt noch zu eigen gemacht. Lustig ist er trotzdem! Und lehrhaft. Sogar ernst!

Schon vor Hunderten von Jahren hatten kluge Fürsten Hofnarren. Der englische König Henry VIII hatte seinen Will Sommers. Der französische König Francis I of France hatte seinen Triboulet. Man gönnte sich also seinen »Jester«. Keineswegs nur zur Unterhaltung. Der Hofnarr erfüllte oft eine wichtige politische und soziale Funktion. Denn er durfte die Wahrheit sagen. Er durfte Dinge aussprechen, die sonst niemand zu sagen wagte. Ein Fürst lebte oft in einer Welt von Schmeichlern, Höflingen und abhängigen Beamten. Wer offen Kritik übte, riskierte Karriere, Freiheit oder sogar sein Leben.

Der Hofnarr hingegen genoss Narrenfreiheit. Unter dem Deckmantel des Witzes konnte er zum Beispiel sagen: »Majestät, Ihr seid heute wieder so weise wie gestern – und gestern habt Ihr Euch geirrt.« – Als Triboulet eines Tages seinen König grob beleidigte, wurde er vom König zum Tode verurteilt. Als letzte Gnade durfte Triboulet die Art seines Todes wählen. Da sagte Triboulet: »Sire, ich möchte an Altersschwäche sterben.« Der König musste lachen und begnadigte ihn.

Mit der Abschaffung der Hofnarren im 17.–18. Jahrhundert kam es zum Aufstieg moderner Bürokratien. Aber es galt weiter: Der kluge Herrscher/Minister/Führer suchte sich Menschen, die ihm widersprachen. Der dumme Herrscher umgab sich mit Menschen, die ihm zustimmten. – Das kann man bis heute in Politik, Wirtschaft und Kirche/Gemeinde beobachten.

Hymns That Stick: The Solid Rock

My hope is built on nothing less
than Jesus‘ blood and righteousness;
I dare not trust the sweetest frame,
but wholly lean on Jesus‘ name.

Refrain:
On Christ, the solid Rock, I stand:
| : all other ground is sinking sand
. : |

When darkness veils his lovely face,
I rest on his unchanging grace;
in every high and stormy gale,
my anchor holds within the veil.

His oath, his covenant, his blood,
support me in the whelming flood;
when all around my soul gives way,
he then is all my hope and stay.

When he shall come with trumpet sound,
O may I then in him be found:
dressed in his righteousness alone,
faultless to stand before the throne.

–Edward Mote (1797–1874), 1834

Music/Noten: hier.

Edward Mote soll die ersten Zeilen dieses Liedes spontan bei einem Spaziergang formuliert haben. Es spiegelt seine gute, biblisch fundierte Theologie wieder: reformatorische Rechtfertigungslehre, Christuszentriertheit, Gewissheit allein in Christus und Ablehnung subjektiver Heilsgrundlagen (die letztlich nie weit genug tragen können). Diese Hymne ist ein musikalisches solus Christus. Sie zu singen, sorgt für den wahren »sweetest frame«, für die schönsten Empfindungen und die beste Herzensstimmung, die einem Christen eignet.

Gottes Sohn | Ein Gedichtentwurf

1. Gottes Sohn! Die Seel’ erbebet,
Schauend Deines Antlitz’ Licht;
Vaters Lieb’ es wiedergebet:
O welch heller Strahlen Sicht!
Deine Allmacht, Deine Weisheit
Preist die Schöpfung, preist der Sinn.
Himmel, Erde künden allzeit:
Du bist Jahwe, der „ICH BIN“! 
2. Gottes Sohn! Wer kann erschätzen
Deine Wonn’ im Vaterhaus,
Ew’ge Freude, nah am Herzen,
Eins mit Ihm im Lichtgebraus.
Welche Liebe, welch Erbarmen,
Dass Du rettest Abra’ms Stamm!
Wurdest Mensch, kamst zu uns Armen,
Um zu sterben, Gottes Lamm! 
3. Gottes Sohn! Wir sehn Dich liegen:
Kleines Kind im Futterstall,
Wie ein Fremdling, arm, vertrieben,
wurdest Nächster von uns all’.
Wenn wir sehn Dich in dem Garten
Blutgeschwitzt in tiefer Not,
Strahlt die Gnad, nach langem Warten,
endlich hell im Sohn, o Gott! 
4. Gottes Lamm! Wir sehn Dich hängen,
Festgenagelt an dem Holz,
Folgend Deiner Liebe Drängen
Sühntest Du für Adams Stolz.
Wurdest Opfer für die Deinen,
Gabst für sie Dein teures Blut.
Ewig Dank und Ruhm in Reimen
erschalle Dir in Liebesglut! 
5. Gottes Sohn! einst für uns sterbend,
Du wirst kommen auf die Erd’.
Alle Feinde werden bebend
Anerkennen Deinen Wert.
Dann versammelst Du die Deinen:
Neue Erde, Friedensort.
Lob wird schallen, all die Seinen
Jubeln, preisen immerfort! 

Gedichtentwurf im altem kirchlichen Stil und Metrum 8-7-8-7-8-7-8-7 von grace@logikos.club | September 2025.

Nachsatz zur Selbsterkenntnis: Das Schreiben solcher Texte sollte Menschen vorbehalten bleiben, die von Gott mit entsprechenden Gaben ausgestattet wurden. Umso mehr schätzen wir deren Werke, mit denen wir Gott in besonderer Weise unser Lob und unseren Dank zum Ausdruck bringen können. Und was wäre ein gutes Gedicht, wenn es nicht mit passender Musik veredelt die Seele vor Gott auf Schwingen des Glücks erhebe?

The Lord’s Day – Tag des Herrn (John Newton)

How welcome to the saints, when pressed
With six days noise, and care, and toil,
Is the returning day of rest,
Which hides them from the world awhile!

Now, from the throng withdrawn away,
They seem to breathe a different air;
Composed and softened by the day,
All things another aspect wear.

How happy if their lot is cast
Where statedly the gospel sounds!
The word is honey to their taste,
Renews their strength, and heals their wounds!

Though pinched with poverty at home,
With sharp afflictions daily fed,
It makes amends, if they can come
To God’s own house for heavenly bread!

With joy they hasten to the place
Where they their Saviour oft have met;
And while they feast upon his grace,
Their burdens and their griefs forget.

This favoured lot, my friends, is ours,
May we the privilege improve,
And find these consecrated hours
Sweet earnests of the joys above!

We thank thee for thy day, O Lord:
Here we thy promised presence seek;
Open thine hand, with blessings stored,
And give us manna for the week.

– John Newton (1725–1807)
zit. nach: Hymns and Spiritual Songs for the use of Christians (1803), S. 84f.

Soli Deo Gloria

Soli Deo Gloria

Allein zu Deiner Ehre hast Du die Welt gemacht,
zum Lobpreis Deiner Herrlichkeit Dir jeden Teil erdacht.
Allein um Deine Ehre, allein um Deinen Ruhm
dreht sich all dein Handeln, dreht sich all Dein Tun.

Allein Deine Ehre, Deine Herrlichkeit,
ist, was wir suchen wollen, schon jetzt in dieser Zeit.
Nimm Du unsre Herzen, reiß sie zu Dir empor,
dass unser Leben Dich verherrlicht mehr als je zuvor.
Soli Deo Gloria!

Allein zu Deiner Ehre hast Du uns, Herr, erlöst,
durch Christi Tod und Auferstehn uns mit Dir selbst versöhnt.
Zum Lobpreis Deiner Gnade und Barmherzigkeit
hast Du uns vorherbestimmt in Ihm vor aller Zeit.

Allein zu Deiner Ehre soll unser Leben sein,
ein Opfer, das Dir wohlgefällt, durch das Dein Wesen scheint.
Allein um Deine Ehre, allein um Deinen Ruhm,
soll sich unser Denken drehn, Fühlen und auch Tun.

© Rudolf Tissen (2016) | zitiert nach: Einklang (2. Aufl., Bielefeld: CLV, 2019), Nr. 235.

Bildquelle: Johann Michael Funcke, Buchschmuck (de.wikipedia.org).

Das mittige Sigel enthält im Zentrum ein Sonnensymbol mit dem hebr. Tetragrammaton (JHWH=Jahwe), daneben der lat. Ausspruch »HOC DUCE« = »unter diesem Führer« (hoc = Ablativ von hic (»dieser«), duce = Ablativ von dux (»Führer«, »Leiter«, »Anführer«); zus. bildet das einen Ablativus absolutus) und darunter eine blühende Sonnenblume, die unter den Sonnenstrahlen offenbar gut gedeiht.

Der Schriftzug inmitten des Sonnensymbols zeigt, dass nicht die Sonne selbst das Göttliche ist, sondern der treue Bundesgott Israels, der hier symbolisiert wird: die Sonne steht als Offenbarungslicht, Lebensspender und Herrlichkeitszeichen für Gott selbst.

Diese protestantisch-barocke Emblematik aus dem frühen 18. Jahrhundert spielt wahrscheinlich u.a. auf die biblischen Aussagen in Maleachi 1,11 und 3,20 (4,2) an. Der Gläubige richtet sich unter Gottes Führung ganz auf Gott aus und entfaltet unter seinem Licht Leben, Blüte und Fruchtbarkeit.

Die Sonnenblume wurde im 17.–18. Jahrhundert häufig auch zum Symbol eines treuen Christen, gehorsamen Dieners oder allgemeiner: eines auf Gott ausgerichteten Herzens. Man findet ähnliche Embleme auch im Pietismus, bei den Herrnhutern, in Emblembüchern und gelegentlich auf Kanzeln oder Grabsteinen.

Vielleicht wollte der Erfurter Buchdrucker und Verleger Funcke damit sagen: »Soli Deo Gloria — hoc duce floreo.«, also: »Gott allein die Ehre — unter seiner Führung blühe ich.« Das wäre ganz typisch für die protestantisch-barocke Frömmigkeitssymbolik.

Ein Leben ohne Liebe ist kein Leben (Fundsache)

Pflicht ohne Liebe macht verdrießlich
Verantwortung ohne Liebe macht rücksichtslos
Recht ohne Liebe macht hart
Wahrheit ohne Liebe macht kritisch
Erziehung ohne Liebe macht rebellisch
Klugheit ohne Liebe macht gerissen
Freundschaft ohne Liebe macht heuchlerisch
Ordnung ohne Liebe macht pedantisch
Bildung ohne Liebe macht eingebildet
Macht ohne Liebe macht gewalttätig
Ehre ohne Liebe macht arrogant
Besitz ohne Liebe macht geizig
Glaube ohne Liebe macht fanatisch

»GOTT IST LIEBE« (Die Bibel, 1. Johannes 4,8)

Lies 1. Korinther 13 und 1. Johannesbrief!

Danke, Glaubensschwester!

Immer wieder vergesse ich in dieser schnelllebigen Zeit »Danke!« zu sagen. Oft bin ich wirklich dankbar, aber manchmal vergesse ich einfach, dies die Leute auch wissen zu lassen. So nehme mir heute einmal die Zeit, Dir, meiner Schwester in der Familie Gottes, ein herzliches Dankeschön zu sagen.

Hebräer 10,25 sagt uns, dass wir die Zusammenkünfte nicht versäumen sollen, und Du hast Dir diesen Vers zu Herzen genommen. Woche für Woche sehe ich Dich in den Versammlungsstunden der Gemeinde. Das ist für mich eine echte Ermutigung. Ich weiß, dass einige von Euch ungläubige Ehemänner haben und dass Eure Umstände nicht immer die einfachsten sind. Ich schätze Deinen Einsatz und die Opfer, die Du bringst. Noch besser sieht und bewertet dies unser Herr und Heiland Jesus Christus.

In 1Thessalonicher 5,17 werden wir angehalten, ohne Unterlass zu beten. Ich weiß, dass einige von Euch für mich beten. So steht über meinem Leben die beständige Herausforderung, ein Leben zu leben, das sich Deines Einsatzes im Gebet für mich als würdig erweist. Ganz besonders möchte ich Dir dafür danken, dass Du für mich betest, wenn ich lehre oder predige. Die Verantwortung, das Wort Gottes klar und praktisch verpflichtend weiterzugeben, ist zu groß für mich, als dass ich sie ohne Dein Gebet tragen könnte.

In Römer 12,13 wird uns gesagt, dass wir Gastfreundschaft üben sollen. Ein Mahl mit Gläubigen zu teilen hat für mich immer etwas ganz Besonderes. Ich weiß noch, wie ich als Student und Junggeselle die Gastfreundschaft von Geschwistern im Herrn so positiv erfahren durfte. Das traf auch —oder gerade— auf die einfachsten Mahlzeiten zu, die wir teilen durften. Gastfreundschaft hat mir viel gegeben, teilweise lebenslange Freundschaften und Erinnerungen. Deswegen preise ich mich auch glücklich, dass der Herr Jesus mir eine gastfreundliche Ehefrau zur Seite gestellt hat, und dass ich mit ihr dem Herrn und den Seinen etwas davon zurückgeben darf. Danke, liebe Glaubensschwester, dass Du ebenfalls von Herzen mit der Pflege der Gastfreundschaft »gute Werke« tun willst (1Timotheus 5,10).

In Philemon 1,7 sagt der Apostel Paulus zu seinem Freund »ich hatte große Freude und großen Trost durch deine Liebe«. Das trifft auch auf mich zu. Deine christliche Liebe hat mir Freude und Trost gebracht — auch wenn ich einmal nicht gerade sehr liebenswert war. Auch nach Versagen und Rückschlägen versuche ich immer wieder, »mein Bestes« für Christus und Seine Gemeinde zu geben, und Du hast mir oft mit einem Wort der Ermutigung dabei geholfen.

1Korinther 14,34 sagt, dass die Frauen in den Gemeindeversammlungen schweigen sollen. Ich habe gelernt, Deine aktive, aber stille, Beteiligung an den Versammlungen wertzuschätzen. Ich vermute, dass es oft Dein stilles Gebet ist, das die Atmosphäre beim Brotbrechen bestimmt. Vielleicht bekomme ich nie die Chance, alle diese Gebete zu hören, aber ich weiß ganz sicher, dass sie alle gehört werden! Ich weiß, dass Deine Gebete einen wichtigen Beitrag zur Anbetung leisten und ich danke Dir dafür. Dein aktives Stillesein ist mir ein gutes Vorbild. Ich selbst erlebe nicht selten, dass mir die Worte fehlen, um zu sagen, was mich im Herzen bewegt. Du bist ein lebendiges Beispiel dafür, dass geistlich gesonnene Menschen ihr Herz auch schweigend im Gebet vor unserem himmlischen Vater ausschütten können.

1Korinther 11,3 spricht von Haupt-sein. Deine feine und sanfte Unterordnung unter Dein Haupt ist für mich eine beständige Erinnerung daran, dass auch ich mich meinem Haupt –Jesus Christus– unterwerfen muss. Dein Beispiel hat mir dabei geholfen. Früher, als Kind, gehorchte ich meinen Eltern. Heute ordne ich mich den Ältesten der Gemeinde unter. Selbst in meinem »weltlichen« Beruf muss ich mich meinem Vorgesetzten unterordnen. Du hast demonstriert, dass sich eine Person unterordnen kann, ohne in irgendeiner Weise deswegen geringwertiger zu sein. Du bist genauso im Bilde Gottes geschaffen, würdig und wertvoll, wie jedermann. Es tut mir leid, wenn irgendein Mann diese Lektion (immer) noch nicht verstanden hat.

Ich lese in Sprüche 31 von der tüchtigen Frau. In verschiedener Hinsicht habe ich ihre Qualitäten auch in Deinem Leben gesehen. Auch Du arbeitest hart und fleißig. Auch Du bist gütig und herzlich. In Sprüche 31,23 sehen wir, dass ihr Ehemann unter dem Volk und bei den Führern des Volkes geachtet war. Ein Gutteil des Respekts, den ich bezüglich mancher Männer in der Gemeinde empfinde, hat seine Ursache in den feinen, christlichen Qualitäten, die deren Ehefrauen offenbaren. Damit hat sich manche Ehe­frau als doppeltes »Schmuckstück« (Sprüche 12,4) erwiesen.

Wir leben in einer sexuell aufgeladenen Atmosphäre und von Zeit zu Zeit ist es für einen Mann nicht leicht, seine Gedanken von sündigen Dingen abzuhalten. Du folgst in der Wahl und Gestaltung Deines Äußeren 1Timotheus 2,9 und ich schätze Deine Schamhaftigkeit und Sittsamkeit. Es ist leicht, mit Unanständigkeit Aufsehen zu erregen, aber Du fällst auf wegen Deiner Schicklichkeit.

Zum Schluss möchte ich Dir, liebe gläubige Mutter, für die harte Arbeit danken, die Du im Aufziehen der nächsten Generation der Heiligen leistest. Wie bei einer Lois oder Eunice (2Timotheus 1,5) kann  sich Dein ungeheuchelter Glaube in Deinen Kindern wieder zeigen. Wir leben in einer Welt, die auf Mütter wie auf Aschenbrödel »mitleidig« herabschaut, aber ich sehe oft mit Bewunderung auf Dich.

Vielen Dank, Schwester! Gott segne Dich!

Dein Glaubensbruder 

Calvinist werden – In 5 einfachen Schritten ;-))

Adaptiert von Jesse Johnson, How to become a Calvinist in 5 easy steps (The Cripplegate, 2. August 2022). Jesse Johnson ist Gemeindehirte und Lehrer der Immanuel Bible Church in Springfield, VA. Außerdem leitet er den Standort von The Master’s Seminary in Washington DC. Übersetzung, Adaptierung sowie Endnoten von grace@logikos.club.

In meinem Dienst als Gemeindehirte habe ich einen überraschenden Trend festgestellt. Die Menschen, die ich treffe und die sich für „Die 5 Punkte des Calvinismus“ (bekannt unter dem Akronym TULIP) begeistern, haben im Allgemeinen den gleichen Weg eingeschlagen, um dorthin zu gelangen. Das ist zwar nicht der Weg, den ich erwartet hätte, aber ich denke, ich sollte nicht überrascht sein, denn er deckt sich mit meinen eigenen Erfahrungen.

Um ihnen Zeit zu sparen, habe ich diesen Prozess auf fünf einfache Schritte reduziert: „How to become a Calvinist in 5 easy steps“. Wollen sie sich für die Souveränität Gottes im Heil begeistern, TULIPs (engl. „Tulpen“) in jedem Feld entdecken und die historischen Lehren der biblischen Heilslehre (Soteriologie) vorbehaltlos annehmen, die von fast allen Menschen mit auch nur halbwegs guter Theologie in der Kirchengeschichte vertreten worden sind? Nein, sie wollen das nicht? Nun, dann haben sie Glück, denn genau an diesem Punkt fangen wir an:

(1) Beginnen sie in einer Gemeinde, die Gottes Souveränität nicht lehrt. Damit meine ich nicht, dass sie eine Gemeinde finden sollen, die einfach nur die Bibel lehrt, ohne ständig darauf hinzuweisen, um welchen Teil von TULIP es sich handelt. Nein, machen sie langsam, sie werden schon noch dorthin kommen. Fürs Erste sollten sie ihre Reise in einer Gemeinde mit 20-minütigen Minipredigten beginnen. Eine Gemeinde, die denkt, dass (Er-)Wählen etwas sei, was man alle vier Jahre im Wahllokal macht. Sie müssen unbedingt eine Kirche finden, die ihnen sagt: „Halten sie sich von der Theologie fern, das ist gefährliches Zeugs!“ Wenn sie diesen Weg gehen wollen, müssen sie in einer Gemeinde anfangen, die ihnen etwas sagt wie: „Gott wählt nicht aus, wer gerettet wird, das ist Quatsch!“ Wenn der Pastor zufällig Epheser 1 oder Römer 9 vorliest, brauchen sie dazu eine Erklärung, die ungefähr so lautet: „Wenn in der Bibel von ‚Vorbestimmung‘ die Rede ist, heißt das: Gott gibt eine Stimme ab, Satan gibt eine Stimme ab und jeder Mensch hat dann die Möglichkeit, die entscheidende Stimme abzugeben.“ Wenn sie eine Kirche finden, in der der Pastor in einer Predigt einen Stift hochhält und sagt: „Wenn Gott souverän wäre, würde er mich daran hindern, den Stift fallen zu lassen“ und dann den Stift fallen lässt, dann haben sie einen guten Startpunkt für ihren Weg gefunden.

(2) Stoßen sie „zufällig“ auf den Calvinismus. Machen sie sich bloß noch keine Gedanken über den Gebrauch des Wortes „zufällig“. Nach Schritt 5 werden sie dieses Wort nicht mehr verwenden wollen, aber jetzt ist es noch erlaubt. Vielleicht stolpern sie in der Schule über eine Predigt von Jonathan Edwards [1] oder sie finden einen YouTube-Clip von John MacArthur [2]. Vielleicht gibt Ihnen ein Freund eine Spurgeon-Predigt [3], ohne sie vorher sorgfältig geprüft zu haben. Was auch immer es ist: Lesen sie es, hören sie es sich an und ärgern sie sich dann darüber. Werden sie richtig wütend! Schreien sie das Buch/Video an: „Was ist dann mit denen, die das Evangelium noch nie gehört haben!!! Das ist nicht F-A-I-R.“ So, oder so ähnlich. Das Entscheidende ist, so wütend zu werden, dass Schritt 3 unvermeidlich wird.

(3) Lesen sie anti-calvinistische Literatur. Jemand gibt ihnen ein Buch, um ihnen zu „helfen“, das zu verstehen, was sie gerade gelesen haben und was sie wütend gemacht hat. Zum Beispiel ein Gesprächsgruppenleiter aus der Gemeinde oder ein Freund deiner Eltern. Im Idealfall heißt dieses Buch „Calvinismus entlarvt!!!“. Dieses Buch muss – und das ist nicht verhandelbar – ihnen sagen, dass der Calvinismus nicht mit Evangelisation oder Mission vereinbar sei. Extrapunkte gibt es, wenn es ihnen sagt, dass die Prädestination (Vorherbestimmung der Geretteten) nicht wahr sei, weil Calvin in den 1690er Jahren Menschen auf dem Scheiterhaufen umbrachte, wie dies die Amerikaner zu dieser Zeit auch taten [4]. Außerdem habe John Wesley eine schlechte Ehe gehabt. Bei diesem Schritt gilt: Je absurder, desto besser! Denn dies alles bereitet sie auf Schritt 4 vor.

(4) Suchen sie nach einem besseren Weg als den des Calvinismus‘. Sie stellen fest, dass viele berühmte Evangelisten Calvinisten waren, dass der Calvinismus die weltweite Mission immens vorantrieb, dass Calvin selbst erst 1500 Jahre nach Epheser 1 auftrat und dass Wesley sowieso kein Calvinist war. Im Grunde genommen stellen sie fest, dass es mit dem Buch, das sie gerade gelesen haben, wohl einige logische und inhaltliche Probleme gibt. An diesem Punkt suchen sie also nach etwas Hilfreicherem. Nun – und das kann ich nicht genug betonen – müssen sie ein Buch finden, das behauptet, einen besseren Weg als den Calvinismus anzubieten. Vielleicht sogar einen „Sowohl-als-auch“-Ansatz. Wenn es die Formulierung „4-Punkte-Calvinismus“ enthält, umso besser! Idealerweise besorgen sie sich so etwas wie Norm Geislers Chosen but Free [5] oder The Five Points of Calvinism von Bryson [6]. Lesen sie es. Lesen sie es noch einmal. Machen sie sich Notizen. Verschlingen sie es. Lesen sie es, als wäre es wahr. Versuchen sie, alles aufzusaugen. Schließlich wollen sie immer noch kein Calvinist werden. Pfui, bloß nicht!

OK, haben sie Chosen but Free (oder etwas Ähnliches) gelesen? Prima. Mal sehen, wie lange sie das durchhalten können.

Die Wahrheit ist, dass diese Bücher nicht funktionieren. Sie mögen zwar die Spannung zwischen Freiheit und Souveränität anerkennen, aber sie formulieren selten einen Weg, wie man Freiheit und Souveränität in biblischer, voller Spannung stehen lassen kann. Vielmehr versuchen deren Autoren, sie zu überzeugen, dass sie stets die Souveränität Gottes herunterspielen und gleichzeitig felsenfest am „freien Willen“ [sog. „libertine Freiheit“; A.d.Ü.] des Menschen festhalten sollten. Diese Bücher geben dabei noch nicht einmal eine vernünftige Antwort auf die Frage: „Frei von was?“ Kurz gesagt: Sie können und dürfen hier nicht stehen bleiben. Die meisten Menschen werden hier gleich aussteigen und einfach beschließen, nie wieder über dieses Thema nachzudenken. Aber sie gehören nicht zu diesen Menschen! Stattdessen ist dies der Moment, auf den sie gewartet und auf den sie hingearbeitet haben. All Ihre harte Arbeit wird sich jetzt auszahlen:

(5) Lesen sie etwas Gutes, das den Calvinismus richtig erklärt – und zwar von einem Calvinisten  – und beenden sie die Reise. Schnappen sie sich The Potter’s Freedom und genießen sie James White, wie er Chosen but Free demontiert [7]. Schnappen sie sich Sklave von John MacArthur [8] und lassen sie sich von den Metaphern der Bibel in den Bann ziehen. Sie wollen etwas Kürzeres? Versuchen sie J. I. Packers Evangelisation und die Souveränität Gottes [9]. Oh, oh, oh, hier kommt sogar eine kostenlose Quelle: John Pipers Was wir über die fünf Punkte des Calvinismus lehren [10]. Sind Predigten ihr bevorzugtes Medium? Dann versuchen sie die 10-teilige Serie The Doctrines of Grace von MacArthur [11].

Haben sie Bryson gelesen? In der Debatte Who Controls Salvation? schießt White das Buch mit Dynamit ins All [12]. Möchten sie lieber etwas weniger Gefährliches in die Hände nehmen? Greifen sie zu Boice und Ryken mit Die Lehren der Gnade: Eine Erklärung und Verteidigung der fünf Punkte des Calvinismus, einem ruhigen und gewinnbringenden Spaziergang durch das TULIP-Feld [13]. Lesen sie, und beobachten sie dabei, wie sich die Gänseblümchen in ihrem Herzen langsam in TULIPs (Tulpen) verwandeln.

Und wenn sie aus dem Dunstkreis der „Brüderbewegung“ (sog. Plymouth Brethren, D: Christliche Versammlung) kommen, dann lesen sie die hervorragende Darstellung von Stevenson, Die Brüder und die Lehren der Gnade. Wie stand die Brüderbewegung des 19. Jahrhunderts zur calvinistischen Heilslehre? Sie werden staunen, wie große Teile der Bewegung ihre Fundierung der Heilslehre im Wort Gottes nach und nach loslassen und in eine mehr und mehr anthropozentrische Sicht abgleiten konnte. Als „Bruder“ werden sie verstehen, dass man zurück zur Quelle muss, wenn man rein(er)es Wasser trinken will (hier einer vom Anfang).

Nun, wenn sie all diese Schritte befolgt haben, sollten sie an der Ziellinie angekommen sein. Ich weiß, ich weiß: Sie sind diesen Weg gegangen und sind nun als Calvinist herausgekommen, was genau das war, was sie am Anfang vermeiden wollten. Aber das ist in Ordnung: Gott wollte ihnen Gutes tun und sich damit verherrlichen.


Endnoten

[1] Sinners in the hands of an angry God, https://www.blueletterbible.org/comm/edwards_jonathan/sermons/sinners.cfm

[2] How is limited atonement true when Scripture teaches that Christ died for the whole world?, https://www.youtube.com/watch?v=35poj19FXEg

[3] A Defense of Calvinism, https://reformed.org/calvinism/a-defense-of-calvinism-by-c-h-spurgeon/

[4] Hier wird wohl auf die Hexenprozesse von Salem (Salem witch trials) im Jahr 1692 angespielt; deren Opfer wurden allerdings größtenteils durch Erhängen hingerichtet. (A.d.Ü.)

[5] Norman L. Geisler, Chosen But Free – A Balanced View Of God’s Sovereignty And Free Will. 3. Aufl. Minneapolis, MN: Bethany House, 2010.

[6] George L Bryson, The Five Points of Calvinism: Weighed and Found Wanting. Lansing, MI: Calvary Chapel Publishing, 2015.

[7] James R. White, The Potter’s Freedom – A Defense of the Reformation and a Rebuttal of Norman Geisler’s Choosen but Free. Amityville, NY: Calvary Press Publishing, 2000.

[8] John MacArthur, Slave: The Hidden Truth About Your Identity in Christ. Nashville, TN: Thomas Nelson, 2010. Deutsche Version: Die unterschlagene Wahrheit über deine Identität in Christus. Augustdorf: Betanien, 2014.

[9] James Innell Packer, Evangelism and the Sovereignty of God. Nottingham: Inter Varsity, 1961. Neuere Ausgabe mit Vorwort von Mark Dever: Downers Grove, IL: InterVarsityPress, 2012. Deutsche Fassung: Prädestination und Verantwortung – Gott und Mensch in der Verkündigung.Verlag für Glaube, Theologie & Gemeinde (VGTG), 2021.

[10] John Piper, What We Believe About the Five Points of Calvinism. Blog-Artikel von desiringGod vom 1. März 1985 (https://www.desiringgod.org/articles/what-we-believe-about-the-five-points-of-calvinism).

[11] John MacArthur, The Doctrines of Grace. Predigtserie, 2004, 2005. Siehe: https://www.gty.org/library/topical-series-library/280/The-Doctrines-of-Grace.

[12] Who Controls Salvation? – White vs Bryson. YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=O1KJY-PpKFs (2:47:44 Std.)

[13] James Montgomery Boice und Philip Graham Ryken, The Doctrines of Grace: Rediscovering the Evangelical Gospel. Nachdruck der ersten Ausgabe von 2002. Wheaton, IL: Crossway, 2009. Deutsche Ausgabe: Die Lehren der Gnade: Eine Erklärung und Verteidigung der fünf Punkte des Calvinismus. Augustdorf: Betanien, 2009.

[14] Mark R. Stevenson, The Doctrines of Grace in an Unexpected Place. Calvinistic Soteriology in Nineteenth-Century Brethren Thought. Eugene, OR: Wipf and Stock, 2007 (ISBN 978-1-4982-8111-9). Deutsch: Mark R. Stevenson, Die Brüder und die Lehren der Gnade. Wie stand die Brüderbewegung des 19. Jahrhunderts zur calvinistischen Heilslehre? Bielefeld: CLV, 2019.