Die Beschreibung der Urgemeinde in Apg. 2,42–47a kann in 12 Aspekte aufgeteilt werden. Diese Einteilung ist nicht explizit im Text vorhanden, sie ist also nicht zwingend. Im Folgenden skizzenhaft eine Auflistung der 12 Aspekte und ein kurzer Hinweis auf die literarische Struktur des Abschnitts und dessen Hauptaussage.
Die 12 Kennzeichen
1. Sie verharrten in der Lehre der Apostel
τῇ διδαχῇ τῶν ἀποστόλων – te didachē tōn apostolōn = »der Lehre der Apostel«. – Das entscheidende Verb ist προσκαρτερέω (proskartereō) = beharrlich bei etwas bleiben, sich einer Sache beständig widmen, an etwas festhalten. Also nicht lediglich: »Sie hörten gelegentlich Predigten«, sondern: Sie widmeten sich beharrlich der apostolischen Lehre.
2. Sie verharrten in der Gemeinschaft
τῇ κοινωνίᾳ – te koinōnia. Koinōnia bedeutet Gemeinschaft, Teilhabe, gemeinsames Teilhaben bzw. gemeinsame Verbundenheit. Interessant ist, dass Lukas dasselbe Verb προσκαρτεροῦντες (=beharrlich) auch hier mitdenkt: Sie waren beharrlich in der Lehre der Apostel und der Gemeinschaft. Das heißt: Die Gemeinschaft war nicht bloß ein angenehmes Nebenprodukt, sie gehörte zu ihrem beständigen geistlichen Leben.
3. Sie verharrten im Brechen des Brotes
τῇ κλάσει τοῦ ἄρτου – tē klasei tou artou – Wörtlich: »dem Brechen des Brotes«. Im Zusammenhang der frühen Gemeinde ist das besonders bedeutsam. Der Ausdruck kann zwar grundsätzlich eine gemeinsame Mahlzeit bezeichnen, aber innerhalb dieses Abschnitts und angesichts der späteren Entwicklung des Brotbrechens liegt die Verbindung mit der gemeinsamen Feier des Mahls des Herrn nahe.
4. Sie verharrten in den Gebeten
ταῖς προσευχαῖς – tais proseuchais – »den Gebeten«. – Auch hier steht das Wort unter der Herrschaft des Verbs προσκαρτερέω (proskartereō) = beharrlich. Man könnte den ganzen Vers deshalb sehr wörtlich wiedergeben mit: »Sie verharrten beharrlich in der Lehre der Apostel, in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten.«
Der Text nennt als Dauerübung der Urgemeinde ausdrücklich: Lehre – Gemeinschaft – Brechen des Brotes – Gebete. Allein in Vers 42 haben wir also bereits 4 der 12 Beschreibungselemente. Vers 43 bringt zwei weitere Punkte:
5. Es kam Furcht über jede Seele
ἐγίνετο … φόβος – egineto … phobos – »Furcht entstand« bzw. »Furcht kam über«. Das bedeutet hier wohl nicht einfach menschliche Angst. phobos kann im biblischen Zusammenhang auch die Ehrfurcht vor Gott bezeichnen.
Bemerkenswert ist die Formulierung: πάσῃ ψυχῇ – »über jede Seele«. Lukas beschreibt damit eine Atmosphäre heiliger Ehrfurcht, die die ganze Gemeinschaft prägte.
6. Durch die Apostel geschahen viele Wunder und Zeichen
πολλά τε τέρατα καὶ σημεῖα διὰ τῶν ἀποστόλων ἐγίνετο – Wörtlich ungefähr: »Viele Wunder und Zeichen geschahen durch die Apostel.« Hier haben wir τέρατα (terata) = Wunder/außergewöhnliche Zeichen und σημεῖα (sēmeia) = Zeichen.
Lukas macht dabei eine interessante Aussage: Die Wunder geschahen διά τῶν ἀποστόλων – »durch die Apostel«. Damit wird das Zeugnis und die Predigt der Apostel von Christus von Gott bestätigt, denn sie Taten Wunder, wie sie auch Christus öffentlich getan hatte (als Messias).
7. Die Gläubigen waren »beieinander«
πάντες δὲ οἱ πιστεύοντες ἦσαν ἐπὶ τὸ αὐτό – Hier ist die Formulierung ἐπὶ τὸ αὐτό (epi to auto) wichtig. Sie bedeutet wörtlich etwa: »an demselben [Ort/zusammen]«. Also: Alle Glaubenden waren zusammen. Es geht um eine tatsächliche, sichtbare Zusammengehörigkeit. Die Form dieses Beieinanderseins der Urgemeinde markiert m. E. einen frischen, angemessenen Anfangszustand, der vorübergehen würde: die Gemeinde Jesu würde sich geografisch ausbreiten und nur noch dünnere, aber ebenso herzliche Verbindungen über die Distanz pflegen (s. Briefe des NT).
8. Sie hatten alles gemeinsam
εἶχον ἅπαντα κοινά – hapanta koina – Wörtlich: »sie hatten alles gemeinsam«. Hier kommt wieder das Wortfeld von κοινωνία(koinōnia) zum Vorschein. Die Gemeinschaft aus Vers 42 blieb also nicht theoretisch. Sie zeigte sich praktisch im Umgang mit den materiellen Gütern: sie teilten ihre Habe, damit keiner Mangel hatte. Gab es trotzdem Mangel, »versilberte« man Immobilien des Landes: Das Erbteil der Juden war ein neues geworden. Das zeigen die zwei nächsten Punkte:
9. Sie verkauften Besitz und Güter
τὰ κτήματα καὶ τὰς ὑπάρξεις ἐπίπρασκον – ta ktḗmata kai tas hypárxeis epípraskon – Die beiden Begriffe sind interessant: κτήματα(ktēmata, Pl. von ktēma) = Besitztümer, Grundstücke (Immobil) und: ὑπάρξεις (hyparxeis, Pl. von hyparxis) = Besitz, Habe, Vermögen, Güter. Beide Wörter überschneiden sich in der Bedeutung, es geht um den gesamten materiellen Besitz.
Das Verb ἐπίπρασκον (epípraskon) steht im Imperfekt: »sie verkauften fortwährend, sie pflegten zu verkaufen«. Das spricht also nicht unbedingt von einem einzigen einmaligen Verkauf ihres gesamten Besitzes, sondern von einer fortlaufenden Praxis, bei Bedarf Besitz zu veräußern. Das ist ein wichtiger Punkt, weil der Text anschließend den Zweck nennt.
10. Sie teilten entsprechend dem Bedarf aus
διεμέριζον αὐτὰ πᾶσιν καθότι ἄν τις χρείαν εἶχεν – Wörtlich: »Sie verteilten es an alle, je nachdem, wie jemand Bedarf hatte«. – Hier steht χρεία (chreia) = Bedürfnis, Bedarf, Notwendigkeit. Das bedeutet also nicht einfach: »Alle bekamen gleich viel« (Gießkanne), sondern: Jeder erhielt entsprechend seinem Bedarf.
Damit haben wir zwei unterscheidbare Handlungen in V. 45: verkaufen → verteilen nach Bedarf.
11. Sie waren täglich einmütig im Tempel
καθ᾽ ἡμέραν … προσκαρτεροῦντες ὁμοθυμαδὸν ἐν τῷ ἱερῷ =
kath’ hēméran … proskarteroûntes homothymadòn en tō̂ hierō̂
Hier wird es sprachlich besonders interessant: »Tag für Tag … verharrten sie einmütig im Tempel«. Drei wichtige Ausdrücke: (1) kath’ hēméran = täglich; (2) proskarteroûntes = beharrlich / beständig (wie in V. 42); (3) homothymadón = einmütig, mit einer Gesinnung und (4) en tō̂ hierō̂ = im Tempel. Das ist mehr als nur »sie gingen jeden Tag in den Tempel«. Im Griechischen werden Häufigkeit, Beständigkeit und innere Einheit gleichzeitig hervorgehoben.
(Hier begegnet uns wieder proskartereō, dasselbe Verb wie in V. 42. Dies zeigt an, dass man das »Verharren« der Gemeinde nicht auf die 4 erstgenannten Punkte begrenzen sollte, wie es gerne getan wird!)
Theologisch sehr schön ist, dass Lukas die Beschreibung mit ihrem beharrlichen Festhaltenan den geistlichen Dingen (V. 42) beginnt und dann ihr beharrliches tägliches Zusammenkommen (V. 46) beschreibt.
12. Sie aßen gemeinsam mit Freude und Einfalt des Herzens
Nun kommt: κλῶντές τε κατ᾽ οἶκον ἄρτον = klō̂ntes te kat’ oîkon árton = »und indem sie zu Hause das Brot brachen« und: μετελάμβανον τροφῆς ἐν ἀγαλλιάσει καὶ ἀφελότητι καρδίας = metelámbanon trophês en agalliásei kai aphelótēti kardías = »nahmen sie Speise zu sich mit Freude und Schlichtheit/Einfalt des Herzens«.
Hier könnte man streng genommen wieder mehrere Einzelmerkmale herausarbeiten: (1) sie brachen das Brot zu Hause; (2) sie aßen gemeinsam, (3) sie taten es mit Freude (agalliasis) und (4) und mit Einfalt/Schlichtheit des Herzens (afelotēs kardias).
Das zeichnet ein ausgesprochen gemeinschaftliches, regelmäßiges, freudiges und ungezwungenes Leben der ersten Christen.
Das waren zwölf Hauptpunkte – Es folgt Vers 47a:
- ainountes ton theon = »Gott lobend« und: echontes charin pros holon ton laon = »Gunst/Wohlwollen beim ganzen Volk habend«.
- ho de kyrios prosetithei tous sozomenous kath‘ hemeran = »Der Herr aber fügte täglich die Geretteten hinzu.«
Der literarische Aufbau
Der literarische Aufbau von Lukas ist vielleicht wichtiger als die Zahl 12.
- Apg 2,42 beginnt mit: »Sie verharrten/befanden sich beständig in…« und beschreibt dann ihr gemeinsames Leben.
- Apg 2,47a endet mit: »Gott lobend und Gunst beim ganzen Volk habend.«
- Apg 2,47b Erst dann kommt der eigentliche Fortschrittsbericht: »Der Herr aber fügte täglich die Geretteten hinzu«. Das ist sprachlich besonders schön, weil prosetithei (»er fügte hinzu«) im Imperfekt steht: Der Herr fuhr fort, Menschen hinzuzufügen
Erst beschreibt Lukas das Leben der Gemeinde – dann fasst er zusammen, was der Herr selbst tat: Er fügte täglich weitere Gerettete hinzu. Eine Gemeinde, die dieses Zusammenleben im Heiligen Geist und geistliches wie zahlenmäßiges Wachstum erleben darf, ist wahrhaft gesegnet und zur Ehre ihres Hauptes Jesus Christus.

