Ein singbares Friedensgebet – von Luther über Bach und Mendelssohn bis heute
Lesedauer: 12 Minuten.
Das Friedensgebet in fremdem Land
Als die Babylonier im 6. Jahrhundert v. Chr. das Südreich Juda überwältigten, viele Menschen –vom Säugling über die Schwangere bis zum Greis– ermordeten und den Rest der Bevölkerung nach Babylon deportierte, ergriff die verschleppten Juden große Trauer. Fern und zerstört war der Heimatort und Gottesort (Tempel), der Sehnsuchtsort ihres Volkes: Jerusalem (Zion). Psalm 137 hat die Gefühle dieser Menschen unvergesslich festgehalten:
»An den Flüssen Babels, da saßen wir und weinten, als wir uns an Zion erinnerten. An die Weiden in ihr hängten wir unsere Lauten. Denn die uns gefangen weggeführt hatten, forderten dort von uns die Worte eines Liedes …: ›Singt uns eins von Zions Liedern!‹ Wie sollten wir ein Lied Jahwes singen auf fremder Erde?« (Psalm 137,1–4)
Doch Gott (Jahwe, der Bundesgott Israels) wollte nicht, dass sein Volk im fremden Land nur resignierte. Die Wegführung war zwar Gericht und Erziehung, aber Babylon sollte nicht die Endstation sein. Durch den Propheten Jeremia gab Gott den Weggeführten deshalb einen bemerkenswerten Auftrag:
»Und sucht den Frieden der Stadt, wohin ich euch weggeführt habe, und betet für sie zu Jahwe; denn in ihrem Frieden werdet ihr Frieden haben.« (Jeremia 29,7)
Das ist erstaunlich. Die Juden sollten nicht nur passiv auf ihre Rückkehr warten, sondern aktiv für den Frieden und das Wohlergehen gerade jener Stadt wirken und beten, in die sie verschleppt worden waren. Wie sollte das gehen: fremd, ohne Bürgerrechte, Unterlegene – und trotzdem im »Beten und Arbeiten« (ora et labora) den Frieden und das Wohlergehen jener Stadt aktiv suchen?
Auch wahre Christen leben als Menschen, deren eigentliches Bürgerrecht im Himmel ist, in einer Welt, die noch nicht unter der sichtbaren Herrschaft Christi steht. Das bedeutet jedoch keinen Rückzug. Christus hat seine Jünger als Licht und Salz in diese Welt gestellt. Sie sollen das Evangelium verkündigen, Gutes tun und für die Menschen beten, unter denen Gott sie leben lässt.
Zu diesen Gebeten gehört ausdrücklich die Bitte um Frieden. Paulus fordert die christliche Gemeinde auf, für »Könige und alle, die in Hoheit sind« zu beten, »damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und würdigem Ernst« (1Timotheus 2,1–2).
Ein solches Friedensgebet begleitet die christliche Kirche schon durch viele Jahrhunderte.
Das Friedensgebet in der lateinischen Antiphon
Spätestens seit dem frühen Mittelalter ist der Antiphon »Da pacem, Domine, in diebus nostris« bekannt. Ihr Verfasser ist unbekannt. Der kurze Text lautet (im damals in der Liturgie üblichen Kirchenlatein):
Da pacem, Domine, in diebus nostris,
quia non est alius qui pugnet pro nobis,
nisi tu Deus noster.
Sinngemäß:
Gib Frieden, Herr, in unseren Tagen,
denn es gibt keinen anderen, der für uns kämpft,
außer dir, unserem Gott.
In diesen drei Zeilen steckt bereits eine kleine Theologie des Friedens. Wir lernen: Frieden ist letztlich keine menschliche Errungenschaft, er wird von Gott erbeten. Und die letzte Hoffnung des Beters liegt nicht in der menschlichen Macht, sondern allein bei Gott: nisi tu Deus noster – »außer dir, unserem Gott«.
Der Gedanke hat deutlich alttestamentliches Kolorit. Am Schilfmeer sagt Mose zum hilflosen Israel: »Jahwe wird für euch kämpfen, und ihr werdet still sein« (2Mose 14,14). Ähnlich betet Josaphat angesichts einer militärischen Übermacht: »In uns ist keine Kraft vor dieser großen Menge … und wir wissen nicht, was wir tun sollen, sondern auf dich sind unsere Augen gerichtet« (2Chronik 20,12).
Aus diesem alten lateinischen Gebet wurde in der Reformationszeit ein deutsches Gemeindelied.
Die Version Luthers (1529) – Das Friedensgebet wird deutsches Gemeindelied
Martin Luther war nicht der ursprüngliche Dichter. Er übertrug 1529 die alte Antiphon aber knapp und einprägsam ins Deutsche:
Verleih uns Frieden gnädiglich,
Herr Gott, zu unsern Zeiten.
Es ist doch ja kein andrer nicht,
der für uns könnte streiten,
denn du, unser Gott, alleine.
Luther macht aus dem alten liturgischen Text ein Lied, das eine ganze Gemeinde gemeinsam singen und beten kann. Die entscheidenden Gedanken bleiben erhalten: Wir bitten Gott um Frieden, weil wir unsere letzte Hilfe nicht in menschlicher Stärke, sondern in ihm allein sehen.
Schon bald wurde dieser Strophe eine zweite angefügt. Sie stammt nicht von Luther, sondern wird seinem musikalischen Mitarbeiter Johann Walter (1496–1570) zugeschrieben und erschien 1566:
Gib unserm Fürsten und aller Obrigkeit
Fried und gut Regiment,
dass wir unter ihnen
ein geruhig und stilles Leben führen mögen
in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit.
Man erkennt sofort die biblische Vorlage. Walter setzt 1Timotheus 2,1–2 beinahe unmittelbar in ein Gebet um. Die beiden Strophen verbinden damit zwei Anliegen: Gott möge Frieden schenken, und er möge den Regierenden eine solche Regierung ermöglichen, dass die Menschen in Ruhe und Gottesfurcht ihres Glaubens gemäß leben können.
Gerade diese Verbindung ist wichtig. Christliches Friedensgebet bedeutet nicht lediglich: »Herr, gib uns Ruhe!« Der erbetene Friede soll vielmehr Raum schaffen für Gottesfurcht, christliches Zeugnis und die Ausbreitung des Evangeliums.
Luther schätzte die Musik außerordentlich hoch. In seiner Vorrede zu Georg Rhaus Symphoniae iucundae von 1538 räumte er ihr nach der Theologie den höchsten Rang ein. Für ihn war Musik nicht bloße Unterhaltung. Sie war eine Gabe Gottes und in besonderer Weise geeignet, Gottes Wort ins Gedächtnis und ins Herz zu tragen.
Das Friedensgebet sollte deshalb nicht nur gelesen werden, die Gemeinde sollte es singen. Seine Melodie klang noch stark nach der alten Vorlage: archaisch, Moll. Man meint, gregorianische Stimmung zu verspüren. Aber Gott hat 200 Jahre später der Gemeinde einen großen Komponisten und gläubigen Lutheraner gegeben, der so manches Kirchenlied aufgriff und klanglich vergoldete.
Die Version von J. S. Bach (1725) – Die Gemeinde in Not betet gemeinsam
Genau betrachtet, ist die Situation bei Johann Sebastian Bach etwas anders als bei Luther. Bach komponierte kein großes eigenständiges Werk über »Verleih uns Frieden«, sondern verwendete den Text als Schlusschoral sowohl der Kantate BWV 42 »Am Abend aber desselbigen Sabbats« (1725) als auch der Kantate BWV 126 »Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort« (1725).
Der Kontext der Verwendung in der Kantate BWV 42 »Am Abend aber desselbigen Sabbats« ist sehr aussagekräftig. Die Kantate handelt nämlich von den Jüngern hinter verschlossenen Türen, von Bedrohung und Verfolgung und davon, dass Christus dennoch mitten unter den Seinen ist. Unmittelbar vor dem Schlusschoral steht die Bass-Arie »Jesus ist ein Schild der Seinen«. Dort kontrastiert Bach musikalisch die Unruhe der Welt mit dem Frieden bei Jesus. Und dann kommt der Schlusschoral »Verleih uns Frieden gnädiglich«.
Das hat Bach überzeugend dramaturgisch gestaltet:
Bedrohung → Christus als Schutz → Gebet der Gemeinde um Frieden.
Bach behandelt die Melodie als vierstimmigen Choralsatz: Die Gemeinde spricht gewissermaßen gemeinsam. Keine einzelne Stimme steht im Vordergrund; die Harmonik vertieft vielmehr die vertraute Melodie, es ist eine gemeinsame Bitte der Gemeinde. Das ist typisch Bach: sein Schlusschoral ist nicht bloß ein musikalischer Abschluss, sondern eine theologisch reiche Antwort der Gemeinde auf das zuvor Gehörte.
Der Kontext der Kantate BWV 126 »Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort« im selben Jahr ist ebenfalls aufschlussreich. Sie wurde am 4. Februar 1725, dem Sonntag Sexagesimae, erstmals aufgeführt und gehört zu Bachs Choralkantaten-Jahrgang 1724/25. Die gottesdienstlichen Lesungen waren Lukas 8,4–15, das Gleichnis vom vierfachen Ackerboden, und 2Korinther 11,19–12,9 mit dem Thema der in menschlicher Schwachheit wirksamen Kraft Gottes. Im Mittelpunkt der Kantate steht allerdings Luthers kämpferischer Choral »Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort«.
Zum Sonntagsevangelium besteht dennoch eine deutliche theologische Verbindung: Gottes Wort wird ausgesät, es ist vielfältig bedroht, soll festgehalten werden und Frucht bringen. Besonders deutlich wird dies im Rezitativ der Kantate unmittelbar vor dem Schlusschoral. Dort heißt es, dass Gott über seine Kirche wacht und »des heilgen Wortes Lehren / zum Segen fruchtbar« macht – ein kaum zu übersehender Anklang an den guten Ackerboden von Lukas 8,15.
Musikalisch gehört BWV 126 zu Bachs kämpferischsten Kantaten. Der wuchtige Eingangschor bettet den Choral in einen kantigen Orchestersatz ein; besonders die virtuose Trompetenpartie verleiht ihm einen geradezu streitbaren Charakter. In den beiden Arien der Kantate verwendet Bach auffällige Abwärtsbewegungen: Sie veranschaulichen einerseits Gottes helfendes Eingreifen von oben, andererseits den Sturz der widergöttlichen Macht. Alle Rettung kommt von Gott.
Dann aber vollzieht die Kantate eine bemerkenswerte Wendung vom Streit zum Frieden. Das letzte Rezitativ spricht davon, dass Gottes Wort und Wahrheit offenbar werden und zum Segen Frucht bringen. Es endet mit den Worten:
»und willst du dich als Helfer zu uns kehren,
so wird uns denn in Frieden
des Segens Überfluß beschieden.«
Darauf antwortet die ganze Gemeinde im Schlusschoral betend:
»Verleih uns Frieden gnädiglich,
Herr Gott, zu unsern Zeiten;
es ist doch ja kein andrer nicht,
der für uns könnte streiten,
denn du, unser Gott, alleine.Gib unsern Fürsten und aller Obrigkeit
Fried und gut Regiment,
dass wir unter ihnen
ein geruhig und stilles Leben führen mögen
in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit. – Amen.«
Der Schlusschoral ist deshalb kein angehängtes Friedenslied, er ist der Zielpunkt der Kantate. Die Gemeinde antwortet gläubig und verständig auf das zuvor Gehörte: Aus dem Kampf um die Bewahrung bei Gottes Wort führt der Weg zur Bitte um den Frieden, den allein Gott schenken kann. Dieser Friede schafft Raum für ein ruhiges und gottesfürchtiges Leben und für den Dienst der Gemeinde am Wort Gottes.
Predigt des Wortes und geistliche Kirchenmusik ergänzen und verstärken sich. Bachs eigene Wertschätzung geistlicher Musik kommt in einer berühmten Randbemerkung seiner Calov-Bibel zu 2Chronik 5,13 zum Ausdruck:
»Bey einer andächtig Musiq ist allezeit Gott mit seiner Gnaden Gegenwart.«
Theologie und Musik gehören auch hier eng zusammen. Musik ist nicht bloße Verschönerung des Wortes. Sie lässt die Gemeinde das Wort gemeinsam bekennen und beten.
Die Version von Mendelssohn (1831) – Das persönliche Gebet steckt an
Gut ein Jahrhundert später begegnet uns das Friedensgebet wieder bei Felix Mendelssohn Bartholdy. Mendelssohn hatte sich intensiv mit Bach beschäftigt und 1829 mit der Wiederaufführung der Matthäus-Passion wesentlich zur Bach-Renaissance beigetragen.
1831 komponierte er »Verleih uns Frieden gnädiglich« (MWV A 11 / WoO 5) für vierstimmigen Chor und Orchester. Er bezeichnete das Werk ausdrücklich als »Gebet nach Lutherschen Worten«.
Bemerkenswert ist: Mendelssohn übernimmt zwar Luthers Text, aber nicht die traditionelle Melodie. Er komponiert eine neue. Dadurch kann er die wenigen Worte auf seine eigene Weise musikalisch auslegen.
Das Stück beginnt still und demütig. Zunächst wirkt es beinahe wie das Gebet eines Einzelnen. Dann kommen weitere Stimmen hinzu, der Klang wird voller, das Gebet wächst. Aus dem persönlichen Flehen wird zunehmend die Bitte einer ganzen Gemeinschaft:
Bitte → Verstärkung → gemeinsames Bekenntnis → Ruhe.
Dabei wird die Musik trotz der Worte »der für uns könnte streiten« nicht martialisch. Keine musikalische Schlacht entsteht. Der Grundcharakter bleibt Vertrauen und Gebet. Alles läuft vielmehr auf die letzte Aussage zu:
»denn du, unser Gott, alleine.«
Nicht menschliche Stärke ist die Antwort auf die Bedrohung, sondern Gott.
Mendelssohn benötigt mehrere Minuten für gerade einmal fünf Textzeilen. Durch Wiederholung und Überlagerung entsteht jedoch der Eindruck, als würden immer mehr Menschen in dasselbe Gebet einstimmen.
Robert Schumann war von dem Werk Mendelssohns tief beeindruckt. 1840 schrieb er: »Das kleine Stück verdient eine Weltberühmtheit und wird sie in Zukunft erlangen …«
Vielleicht liegt seine besondere Schönheit gerade darin: Mendelssohn verbindet Schlichtheit mit großer Ausdruckskraft. Das Ergebnis ist weder bloße Konzertmusik noch einfacher Gemeindegesang. Es klingt wie ein Gebet, das wächst und schließlich eine ganze Gemeinschaft erfasst.
Das Friedensgebet der Urgemeinde(n)
So schön solche Vertonungen sind: Die höchste Autorität liegt für Christen nicht bei Luther, Bach oder Mendelssohn, sondern im Wort Gottes. Deshalb stellt sich die entscheidende Frage: Wie betete die neutestamentliche Gemeinde um Frieden und Bewahrung?
Die Antwort des Neuen Testaments ist aufschlussreich. Wir halten an fünf Stellen kurz inne.
1. Paulus an Timotheus (1Timotheus 2,1–4)
Die unmittelbarste Parallele zum Lied findet sich in 1Timotheus 2. Paulus fordert dazu auf, für alle Menschen und ausdrücklich für die Regierenden zu beten:
»… damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und würdigem Ernst.«
Genau daraus entstand Walters zweite Strophe.
Aber Paulus nennt anschließend den größeren Horizont: Gott will, »dass alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen« (1Timotheus 2,4).
Wir bitten also nicht nur um Frieden, weil ein ruhiges Leben angenehmer ist. Wir bitten um Verhältnisse, in denen Christen gottesfürchtig leben, im Glauben wachsen und das Evangelium ungehindert verkündigen können.
2. Das Gebet der bedrohten Gemeinde (Apg 4,23–31)
Nach der ersten Verfolgung der Jerusalemer Gemeinde kommen Petrus und Johannes zu den anderen Gläubigen zurück. Gemeinsam beten sie.
Bemerkenswert ist, worum sie nicht zuerst bitten. Sie verlangen nicht, dass Gott sämtliche Gegner beseitigt oder ihnen künftig jede Bedrohung seitens der religiösen und weltlichen Obrigkeit erspart. Sie beginnen mit der Größe und Souveränität Gottes:
»Herrscher, du, der du den Himmel und die Erde und das Meer gemacht hast und alles, was in ihnen ist …« (Apostelgeschichte 4,24).
Dann legen sie Gott ihre Bedrohung vor und bitten:
»Und nun, Herr, sieh an ihre Drohungen und gib deinen Knechten, dein Wort zu reden mit aller Freimütigkeit« (Apostelgeschichte 4,29).
Das ist neutestamentliches Friedensgebet in einer bemerkenswerten Reihenfolge: Nicht zuerst »Nimm die Bedrohung weg«, sondern »Mach uns treu in unserem Auftrag«.
3. Das Gebet zur Bewahrung vor feindlichen Menschen (2Thessalonicher 3,1–2)
Paulus bittet die Thessalonicher:
»Betet für uns, dass das Wort des Herrn laufe und verherrlicht werde … und dass wir errettet werden von den schlechten und bösen Menschen.«
Wieder gehören zwei Anliegen zusammen:
Ausbreitung des Wortes + Bewahrung vor seinen Gegnern.
Christen dürfen also durchaus um Schutz bitten. Aber dieser Schutz ist wiederum mit dem Auftrag verbunden: Das Wort des Herrn soll laufen und verherrlicht werden.
4. Das Gebet um Errettung von Gegnern und um Frieden (Römer 15,30–33)
Auch den Römern schreibt der Apostel Paulus:
»… dass ihr mit mir kämpft in den Gebeten für mich zu Gott, damit ich vor den Ungläubigen in Judäa gerettet werde …«
Und wenige Sätze später:
»Der Gott des Friedens aber sei mit euch allen! Amen.«
Der eigentliche »Kampf« der Gemeinde ist hier zunächst ein Kampf im Gebet. Die Rettung von den Gegnern erwartet Paulus von Gott.
Das erinnert unmittelbar an den alten Antiphon:
quia non est alius qui pugnet pro nobis, nisi tu Deus noster –
»denn es gibt keinen anderen, der für uns kämpft, außer dir, unserem Gott.«
5. Gebet um Frieden mitten in der Bedrohung (Philipper 4,6–7)
In Philipper 4 verschiebt sich der Akzent schließlich vom äußeren zum inneren Frieden:
»Seid um nichts besorgt, sondern in allem lasst durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden; und der Friede Gottes, der allen Verstand übersteigt, wird eure Herzen und euren Sinn bewahren in Christus Jesus.«
Die äußeren Umstände müssen sich dabei nicht sofort verändern. Aber mitten in ihnen –seien sie auch noch so bedrohlich– schenkt Gott seinen Frieden.
Der Gedankengang lautet:
Bedrängnis → Gebet → Gottes (inneren) Frieden → Bewahrung in Christus.
Zusammenfassung
Jesus selbst hat für seine Jünger nicht darum gebetet, dass sie jeder Gefahr entnommen werden. Er sprach in jener Nacht seines Verrats zu seinem Vater:
»Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt wegnehmest, sondern dass du sie bewahrest vor dem Bösen.« (Johannes 17,15)
Das ist für eine neutestamentliche Theologie des Friedens entscheidend. Frieden bedeutet nicht notwendig die Abwesenheit von Bedrängnis. Christus bittet um die Bewahrung seiner Jünger mitten in einer feindlichen Welt.
Damit verändert sich gegenüber dem alttestamentlichen Motiv auch der Akzent. Das alte Da pacem, Domine erinnert stark an Aussagen wie: »Jahwe wird für euch kämpfen« (2Mose 14,14). Die neutestamentliche Gemeinde darf ebenfalls um Schutz vor bösen Menschen und um friedliche gesellschaftliche Verhältnisse bitten. Aber sie betet nicht um die militärische Vernichtung ihrer Gegner. Jesus lehrt vielmehr: »Bittet für die, die euch verfolgen« (Matthäus 5,44).
So lernen wir, christlich um Frieden zu beten:
Wir bitten um äußeren Frieden und eine gute Obrigkeit, damit ein ruhiges und gottesfürchtiges Leben möglich ist (1Timotheus 2,1–4).
Wir bitten um Bewahrung vor bösen Menschen, damit das Wort des Herrn laufen und verherrlicht werden kann (2Thessalonicher 3,1–2).
Wir vertrauen angesichts von Bedrohungen auf den souveränen Gott und bitten zuerst darum, unserem Zeugnisauftrag treu zu bleiben (Apostelgeschichte 4,23–31).
Und wir bitten um den Frieden Gottes in unseren Herzen, selbst wenn die äußeren Umstände unruhig bleiben (Philipper 4,6–7).
Damit ist das jahrhundertealte Lied erstaunlich aktuell.
Bei Luther betet die Gemeinde um Frieden.
Bei Bach bekennt die bedrängte Gemeinde, von wem ihr Friede kommt.
Bei Mendelssohn kann man hören, wie aus einem leisen persönlichen Friedensgebet ein machtvolles gemeinsames Flehen wird.
Und über allen steht die Bitte, die Christen seit Jahrhunderten miteinander verbindet:
Verleih uns Frieden gnädiglich,
Herr Gott, zu unsern Zeiten.
Es ist doch ja kein andrer nicht,
der für uns könnte streiten,
denn du, unser Gott, alleine.
Mögen auch wir –Christen und christliche Gemeinden– dies heute angesichts beunruhigendem Säbelrasseln und peinlich-beängstigender Kriegsrhetorik inständig und glaubend bitten! Gott will das – und Er hat uns damit schriftlich aufgefordert. Denn: Es sind nicht die politischen Demos oder die marktschreierischen Sprüche vor irgendeinem Rathaus oder Parlament, sondern das gläubige Beten der Gemeinde Jesu Christi, das Gottes Ohr erreichen kann.
Soli Deo Gloria.
Disclaimer
Das Titelbild wurde aus Vorlagen, die mit Unterstützung von KI erzeugt wurden, vom Autor erstellt. Die zentral abgebildeten Noten stammen aus Der Spielmann (1914, 1947), der eine Version mit zwei Strophen ( Nr. 2 und 3) in freier Zudichtung nach Leisentritts Gesangbuch (1567) enthält. Hier wurde es bildlich mit der 2. Strophe von Johann Walter (1496–1570) verbunden, wie es in manchen Lutherischen Gesangsbüchern noch enthalten ist. – Der Rest ist anhand des Artikels selbsterklärend.
Anhang 1: Überblick über weitere Vertonungen
| Komponist | Lebensdaten | Werk / Art der Vertonung |
| Johann Walter | 1496–1570 | vierstimmige Motette Da pacem Domine; 2. Teil deutsch: Verleih uns Frieden gnädiglich |
| Balthasar Resinarius | ca. 1485–1544 | frühe mehrstimmige Vertonung des Lutherliedes |
| Michael Praetorius | 1571–1621 | Verleih uns Frieden gnädiglich, u. a. Musae Sioniae VIII, Nr. 120 |
| Bartholomäus Gesius | ca. 1562–1613 | mehrstimmiger Chorsatz |
| Johannes Eccard | 1553–1611 | fünfstimmiger Chorsatz |
| Heinrich Schütz | 1585–1672 | „Verleih uns Frieden genädiglich“, SWV 372 |
| Andreas Hammerschmidt | 1611/12–1675 | eigene Vertonung |
| J. S. Bach | 1685–1750 | Choralsätze, u. a. BWV 42 und BWV 126 |
| Felix Mendelssohn | 1809–1847 | MWV A 11, 1831 |
| Moritz Hauptmann | 1792–1868 | Chorsatz |
| Charles Gounod | 1818–1893 | Vertonung des Luthertextes |
| Hugo Distler | 1908–1942 | Chorsatz |
| Ernst Pepping | 1901–1981 | Bearbeitung/Chorsatz |
| Rolf Schweizer | 1936–2016 | neuere Kirchenmusik |
| Matthias Nagel | *1958 | moderne, gospelartig geprägte Fassung |
Die Zusammenstellung eines ökumenischen Chorbuchs nennt darüber hinaus Arthur Eglin, Manfred Glowatzki, Lothar Kirchbaum, Colin Mawby, Volker Ochs, Wolfgang Stockmeier, Michael Töpel und Klaus Wallrath.
Anhang 2: Ähnliche Friedensgebete im Alten Testament
Im AT gibt es eine ganze Reihe von Friedensgebeten. Wenn wir speziell nach Parallelen zu »Verleih uns Frieden gnädiglich … der für uns könnte streiten, denn du, unser Gott, alleine« fragen, sind einige sogar noch unmittelbarer als die neutestamentlichen Stellen. Der Liedtext nach Luther steht gedanklich stark in der alttestamentlichen Tradition, siehe folgende Tabelle.
| Stelle | Situation | Bezug zum Lutherlied |
| Psalm 122,6–9 | Gebet für Jerusalem | ausdrückliche Bitte um Frieden |
| Psalm 29,11 | Schluss eines Lobpsalms | Gott schenkt seinem Volk Frieden |
| Psalm 85,9–11 | Bitte um Wiederherstellung | Gott redet Frieden zu seinem Volk |
| Jesaja 26,12 | Gebet/Vertrauenslied | Gott schafft Frieden |
| 2Chronik 14,10 | Asa angesichts militärischer Übermacht | »Bei dir ist kein Unterschied …« |
| 2Chronik 20,5–12 | Josaphat angesichts übermächtiger Feinde | »Wir wissen nicht, was wir tun sollen« |
| Psalm 20 | Gebet angesichts des Krieges | Vertrauen auf Gott statt Waffen |
| Psalm 144,1–11 | Gebet um Rettung | Gott als Helfer im Kampf |


