Das Werk des Herrn wird niemals scheitern

Die 7 Fortschrittsberichte des Lukas in der Apostelgeschichte

Einleitung

Die Apostelgeschichte (Apg) lässt sich grob in zwei Teile gliedern: den Dienst des Petrus (Apg 1–12) und den Dienst des Paulus (Apg 13–28). Das Wirken Jesu Christi durch seine Apostel bewegte und durchdrang das ganze Röm. Lukas zeigt das Vordringen des Evangeliums in seinem Bericht in sieben Abschnitten, von denen jeder mit einem kurzen Fortschrittsbericht abschließt. Diese sieben Abschnitte der Apg beschreiben die Etappen, in denen der Auftrag des Herrn aus Apg 1,8 ausgeführt wurde: »ihr werdet meine Zeugen sein, sowohl in Jerusalem als auch in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde«.

Das unaufhaltsame Wirken des verherrlichten Christus zur Rettung von Menschen und zur Auferbauung der Gemeinde Jesu Christi mittels seiner damaligen Nachfolger und Diener ist auch äußerst mutmachend für seine Nachfolger und Diener heute.

  • Erstens: Die Apg berichtet, wie der Herr Jesus Christus nach seiner Himmelfahrt von seinem himmlischen Thron aus mittels seiner Apostel und Diener das große Werk fortsetzte, seine Gemeinde zu bauen (Mt 16,18). Der Tempel stand noch in Jerusalem, wo der Herr verworfen wurde und den er verlassen hatte (sein Exodus). Was Israel betrifft, begann dann eine Zeit des Übergangs, der sich nach der Ermordung des Christus-Zeugen Stephanus noch beschleunigte. Diese Übergangszeit dauerte etwa 40 Jahre. Der »alte [Bund] war dem Verschwinden nahe« (Heb 8,13), während die Gemeinde Christi im neuen Bund auf der Erde wuchs und wuchs. Christus im Himmel kümmerte sich mit größtem Interesse um dieses Wachstum. In dieser Zeit wandte Er sich weiterhin Seinem irdischen Volk besonders zu. Noch galt: »den Juden zuerst« (vgl. Apg 3,26; 13,46; Röm 1,16; 2,9–10).
  • Zweitens: Lukas’ Fortschrittsberichte werden gegeben, um zu bestätigen, dass Gottes Werk trotz gewaltiger Widerstände von außen und von innen weiterging. Das soll uns Nachfolger Jesu auch heute noch ermutigen. Leiden begleiteten das neue Werk Christi, wie sie auch Seinen irdischen Dienst schon begleiteten. Doch dessen ungeachtet geht es voran, Lukas berichtet von wunderbaren Ergebnissen.

Diese beiden Punkte bilden ein zentrales Thema in der gesamten Apg und im Neuen Testament. Die sieben Fortschrittsberichte des Lukas in der Apg fassen zusammen, wie Christi Größe und Macht in Gemeindebau und Mission sichtbar wurde. Während der Herr auf der Erde gewesen war, war Er bei Seinen Jüngern (vgl. Mt 28,20) – Er war es auch jetzt weiterhin, wenn auch unsichtbar. Die Herausforderung der Jünger bestand also darin, in Glauben, Gehorsam und Liebe dem verherrlichten Herrn treu zu dienen (Heb 11; Joh 14,21.23). 

Das ist auch unsere Herausforderung: 1. Arbeitest Du fleißig und mutig mit im großen Werk Jesu Christi in dieser Welt? – 2. Gehörst Du aktiv und verbindlich einer Gemeinde Jesu Christi an? Denn Christus baut seine Gemeinde, nicht Solo-Nachfolger und YouTube-Christen.

Die sieben Fortschrittsberichte

1. »Der Herr aber fügte täglich hinzu, die gerettet werden sollten« (Apg 2,47b)

Dieser Vers bildet die Zusammenfassung, die Lukas nach seiner Zusammenfassung über das Tun und Lassen der Urgemeinde gibt (Apg 2,42–47a; siehe Artikel »Die Kennzeichen der Jerusalemer Urgemeinde«). Er enthält den ersten von sieben Fortschrittsberichten in der Apg.

  • Das mit »hinzufügen« übersetzte Verb (prostithemi; Imperfekt Aktiv: »fügte fortwährend hinzu«) wird im Lukasevangelium siebenmal und in der Apg sechsmal verwendet. Es ist ein Wort, das Lukas wahrscheinlich aus der Septuaginta (der alten griechischen Übersetzung des AT) übernommen hat, wo es mehr als 300-mal vorkommt. Es steht in Verbindung mit dem Wort »Zahl« (arithmos) (vgl. 4,4; 5,36; 6,7; 11,21; 16,5). Der Herr fügte hinzu und zählte: Für Ihn zählt jeder Einzelne!
  • Es sollte unsere Herzen berühren, zu sehen, dass der Herr Jesus im Himmel, obwohl Er vom jüdischen Volk verworfen worden war, 3.000 Menschen aus dessen Mitte nahm und sie zu Pfingsten Seinem neuen Zeugnis hinzufügte (2,41)! Er fuhrtäglich fort, Gerettete hinzuzufügen und sie als Glieder in diesen neuen Leib von Gläubigen aufzunehmen. Unser gesegneter Herr fährt damit fort, bis die Zahl vollständig sein wird und Er kommen kann, um uns alle in den Himmel zu nehmen (1Thes 4,14–18)! Er allein ist der Herr und hat daher die Autorität, hinzuzufügen und zu zählen. Doch Er gebraucht uns als Seine Werkzeuge auf der Erde, um Seinen Plan auszuführen.
  • Es muss für unseren verherrlichten Herrn besonders kostbar gewesen sein, Menschen aus Seinem eigenen irdischen Volk, das Ihn verworfen hatte, hereinzubringen und sie dieser neuen Gemeinschaft von Gläubigen hinzuzufügen, die für den Himmel bestimmt war – und dies in eben jener Stadt, die Ihn hinausgestoßen hatte. Apg 2,47 zeigt uns, dass Christus in Herrlichkeit Gottes ewigen Ratschluss erfüllt (vgl. Röm 8,29–30), was diese Menschen betrifft, die an Ihn glaubten und die nach Gottes Plan Tag für Tag hinzugefügt wurden.

2. »Und das Wort Gottes wuchs, und die Zahl der Jünger in Jerusalem mehrte sich sehr; und eine große Menge der Priester wurde dem Glauben gehorsam.« (Apg 6,7)

Das Hinzufügen ging weiter (2,41.47; 5,14; 11,24), und Lukas’ zweiter Bericht spricht von einem schnellen und beeindruckenden Wachstum. »Das Wort wuchs« (Imperfekt Aktiv: »wuchs fortwährend«), und dies zeigte sich in vielen neuen Bekehrungen. Die Jünger vermehrten sich außerordentlich, als neue Gläubige sich den Interessen Christi widmeten.

  • Beachten wir, dass dieser Fortschritt in Jerusalem stattfand – angesichts des zunehmenden Widerstands der religiösen Führer, also eines Widerstands von außen.
  • Die Zunahme geschah trotz zweier Versuche des Feindes, das neue Zeugnis von innen heraus zu verderben: durch Hananias und Saphira (Apg 5) sowie durch die griechischen Witwen (6,1). Das Wort wuchs umso mehr, weil die Apostel nun von der täglichen Versorgung mit Nahrung entlastet waren.
  • Wir lernen auch, dass dieses Wachstum nicht das Ergebnis menschlicher Methoden oder Zweckmäßigkeit war, sondern ein Werk Gottes, das Seinem Vorsatz gemäß durch Sein Wort geschah (vgl. die anderen Berichte).
  • Ein besonderer Triumph war, dass viele der Priester, die Sadduzäer waren und die Auferstehung stets abgelehnt hatten (und voller Zorn gegen die Apostel gewesen waren; 5,17!), dem Glauben gehorsam wurden. Dies zeigt eine dramatische Veränderung ihrer Überzeugung (6,7).

Der Herr im Himmel setzte Sein Werk als der große Sämann fort, und Gott gab das Wachstum auf vielfältige Weise!

3. »So hatte denn die Versammlung durch ganz Judäa und Galiläa und Samaria hin Frieden und wurde erbaut und wandelte in der Furcht des Herrn und mehrte sich durch die Ermunterung des Heiligen Geistes.« (Apg 9,31)

Auf den gewaltsamen Tod des ersten Märtyrers, Stephanus (Apg 7), folgte eine gewaltige Verfolgung (8,1–4). Doch der Same des Wortes wurde durch diejenigen, die aus Jerusalem fliehen mussten, noch weiter ausgestreut, und so ging das Wachstum weiter (siehe auch 6,1.7; 12,24). Vielleicht zeigte sich der größte Sieg für den Herrn in Herrlichkeit in der Bekehrung des eifrigsten Verfolgers, Saulus, der selbst zu einem hingebungsvollen Jünger wurde. 

Betrachten wir einige wichtige Ausdrücke:

  • Frieden. Der Schluss von Apg 9,31 bezieht sich auf alle Versammlungen/Gemeinden in den drei genannten Gebieten: Judäa, Galiläa und Samaria. Ihr Wandel entsprach Gottes Gedanken, ohne Ausnahme, denn sie wandelten in der Furcht des Herrn, in Gehorsam und Unterordnung unter Ihn. Was für eine Lektion und Herausforderung für uns heute!
    Diese drei Gebiete hatten vor der Verkündigung des Evangeliums große Feindschaft gegeneinander erfahren. Doch die frühere Feindschaft hatte sich nun in Frieden verwandelt [Imperfekt Aktiv: »sie hatten fortwährend Frieden«] – unter der Aufsicht des Herrn in der Zeit der Gnade, zumindest soweit es die Gläubigen aus diesen Gebieten betraf (vgl. Röm 14,17).

Frieden (gr. eirēnē) ist ein wichtiges Merkmal in den Schriften des Lukas. Er erwähnt ihn 14x in seinem Evangelium (1,79; 2,14.29; 7,50; 8,48; 10,5.6 2x; 11,21; 12,51; 14,32; 19,38.42; 24,36) und 7x in der Apg (7,26; 9,31; 10,36; 12,20; 15,33; 16,36; 24,2).
Auch im Dienst des Paulus, in den uns die Schriften des Lukas einführen, ist Frieden ein wesentliches Merkmal. Paulus erwähnt ihn 52-mal in seinen 14 Briefen – wenn wir den Hebräerbrief einbeziehen – und ebenso die verwandten Verben »Frieden machen« und »in Frieden leben« sowie das Adjektiv »friedlich«.

  • Auferbauung. Sie wurden auferbaut (vgl. Apg 20,32). Große Unterschiede in Bezug auf ethnische Herkunft, Kultur und andere Sichtweisen bestanden weiterhin. Doch nachdem sie in eine neue Beziehung zueinander gebracht worden waren, herrschte Frieden unter den Christen, während sie auferbaut wurden und in der Gnade und Erkenntnis des Herrn wuchsen (2. Petr. 3,18).
    Das Verb »auferbauen« (oikodomeo) ist eine Zusammensetzung aus »Haus« und »aufbauen«. Im Neuen Testament wird es sowohl mit dem Haus Gottes als auch mit dem Leib Christi verbunden. Lukas’ Verwendung des Verbs »auferbauen« in seiner dritten Zusammenfassung bezieht sich sehr wahrscheinlich auf beide Aspekte.
    Obwohl die lehrmäßige Erklärung erst später folgen würde, besonders im Rahmen des Dienstes des Paulus, bestand nun wahre Einheit nach Gottes Gedanken zwischen diesen sehr unterschiedlichen Menschengruppen, die verschiedene Kulturen repräsentierten. Das ist nicht dasselbe wie die menschliche Neigung zur Uniformität/Gleichförmigkeit. So sollte es auch heute sein.
  • Wandeln in der Furcht des Herrn. Lukas beschreibt den Wandel aller Gläubigen und Gemeinden als ein »gemeinsames Wandeln« – sich gemeinsam verhalten bzw. gemeinsam vorangehen – in der Furcht des Herrn.
    Diese Lebensweise eröffnet ein weitreichendes Studiengebiet und stellt uns vor eine Herausforderung. Ohne diese »Furcht« können wir Gottes Wort nicht sinnvoll in die Praxis umsetzen (vgl. Mal. 1,6; 2,5; 1. Kor. 2,3; 2. Kor. 7,1; Eph. 5,21; 1. Petr. 1,17; 2,18; 3,2; Jud. 23).
  • Trost des Heiligen Geistes. Darüber hinaus wurde, während unser Herr im Himmel durch den Heiligen Geist wirkte, Trostdurch Ihn gegeben. Der Dienst des Heiligen Geistes, des Trösters, ist charakteristisch für die Apg und für die Zeit der Gnade, in der wir leben. Das Wort Trost (paraklesis = »zur Seite gerufen«; Beistand) bedeutet auch Ermutigung und Ermahnungund wird in der Apg 4x in unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet (4,36; 9,31; 13,15; 15,31).

Diese wichtigen Faktoren – Frieden, Auferbauung, Wandel in der Furcht des Herrn und Trost des Heiligen Geistes – führten gemeinsam zu großem Wachstum – zahlenmäßig als auch geistlich. Lukas verwendet dieses Verb auch in Apg 12,24 und betont damit den geistlichen Aspekt des Wachstums durch das Wort des Herrn.

4. »Das Wort Gottes aber wuchs und mehrte sich.« (Apg 12,24)

Einige Übersetzungen von Apg 12,24 haben: »das Wort des Herrn«. Beide Gedanken stimmen mit dem überein, was wir am Ende des zweiten Fortschrittsberichts gesehen haben: ein Werk Gottes durch Sein Wort unter der Führung des Herrn JesusDie Zunahme an Zahl und geistlicher Qualität wurde durch das Wort Gottes bewirkt. Dies wird in Lukas’ Fortschrittsberichten mehrfach wiederholt (6,7; 19,20; siehe auch 28,30–31).

  • Dieses fortgesetzte Wachstum (dasselbe Verb wachsen [auxano; Imperfekt Aktiv] wie in 6,7; 7,17; 19,20) geschah trotz großer Widerstände: Jakobus war getötet und Petrus war gefangen genommen worden, aber gerade freigelassen worden.
  • Lukas’ vierte zusammenfassende Aussage steht am Ende seines Berichts vom Dienst des Petrus. Obwohl dieser Apostel weiterhin wirkte, wahrscheinlich sogar noch kurze Zeit nach dem Tod des Paulus, richtet Lukas von diesem Punkt an unsere Aufmerksamkeit auf das, was der verherrlichte Messias durch Paulus wirkte. Diese Zusammenfassung (12,24) ist daher ein Wendepunkt im Bericht des Lukas.

5. »Die Versammlungen nun wurden im Glauben befestigt und mehrten sich täglich an Zahl.« (Apg 16,5)

Dieser Fortschrittsbericht beschreibt den fortgesetzten Sieg der Gnade über das Böse, nach dem geistlichen Kampf mit den Judaisten und sogar nach der Auseinandersetzung zwischen Paulus und Barnabas wegen Johannes Markus. Diese beiden »negativen« Entwicklungen, die in Apg 15 beschrieben werden, werden von folgenden »positiven« Bemerkungen des Lukas gefolgt:

  • Die Zunahme erfolgte trotz des intensiven »äußeren« Konflikts mit den Judaisten und des «inneren« Streits zwischen Paulus und Barnabas (vgl. Apg 5–6). Es gab weiterhin Wachstum als Ergebnis der fortdauernden Gnade und Treue des Herrn.
  • In diesem schwierigen Zusammenhang wird die Notwendigkeit inneren und äußeren Wachstums offensichtlich. Die beiden Verben »befestigt« (stereoo; im Glauben) und »nahm zu« (perisseuo; an Zahl) bestätigen dies. Wie kostbar muss es für den Herrn im Himmel gewesen sein, dieses Wachstum zu sehen!
  • Christus ist täglich an diesem Werk beteiligt, während Er die Gemeinde für sich selbst zubereitet (vgl. Eph. 5,25–27). Sein fortdauerndes Wirken hebt unsere eigene Verantwortung nicht auf. Wir müssen beten und Fürbitte tun sowie Sein Wort täglich lesen und studieren.
  • Bei der Beschreibung der zweiten Missionsreise des Paulus verwendet Lukas zum letzten Mal das Wort »Zahl« (arithmos, von dem unser Wort »Arithmetik« stammt) (vgl. 4,4; 5,36; 6,7; 11,21). Unser Herr weiß, wie man Rechnung führt – und Er tut es!
  • Das Verb »zunehmen« (perisseuo) wird nur in Lukas’ fünfter Zusammenfassung verwendet (16,5). An anderen Stellen wird es mit »überströmen« oder »reichlich vorhanden sein« übersetzt. Es erinnert uns an das überreiche, kraftvolle Leben, das in diesem »Samen Gottes« vorhanden ist (vgl. Mal. 2,15) und sich in neuen Nachkommen zeigt.
  • Eine Reaktion aufseiten der Gläubigen wird durch das Wort »Glaube« ausgedrückt. Obwohl der Herr die Befestigungbewirkte, waren sie selbst aktiv an diesem Prozess beteiligt, indem sie glaubten. Die Schrift hält das Gleichgewicht zwischen Gottes Wirken und unserer Verantwortung aufrecht (vgl. Phil 2,12–13).

6. »So wuchs das Wort des Herrn mit Macht und nahm überhand.« (Apg 19,20)

Diese Aussage erfolgte unmittelbar nach der Beschreibung des Sieges Christi in Ephesus. Dazu gehört die Bemerkung: »Viele aber von denen, die Zauberei getrieben hatten, trugen die Bücher zusammen und verbrannten sie vor allen; und sie berechneten deren Wert und kamen auf fünfzigtausend Stück Silber« (V. 19).

  • Lukas gibt hier eine eindrucksvolle Darstellung der Macht Christi in Herrlichkeit, die durch Sein Wort wirkte (19,19–20). Der Begriff »[mit] Macht« (gr. kratos) kommt in der Apg nur hier vor. Es handelt sich um einen militärischen Begriff, der den Gedanken von Herrschaft und Kontrolle beinhaltet. Alles muss dem Herrn Jesus unterworfen werden, wie Apg 19 zeigt (vgl. Mt 28,18b). Seine Verwendung an anderen Stellen bestätigt die Herrschaft, Kontrolle oder das Regiment des Herrn. (Das Wort kratos kommt im griechischen NeuenNT zwölfmal vor: Lk. 1,51; Apg 19,20; Eph. 1,19; 6,10; Kol. 1,11; 1. Tim. 6,16; Heb. 2,14; 1. Petr. 4,11; 5,11; Jud. 1,25; Offb. 1,6; 5,13.)
  • Lukas verwendet hier zum letzten Mal in der Apg das Verb »wachsen« (auxano) (außer 6,7; 7,17; 12,24). An anderen Stellen im Neuen Testament bezeichnet dieses Verb das geistliche Wachstum der Gläubigen als Ergebnis des Wortes Gottes (Kol. 1,6). Dies könnte neben der zahlenmäßigen Zunahme ebenfalls in Apg 19,20 gemeint sein.
  • Dieser sechste zusammenfassende Bericht beendet Lukas’ Rückblick auf den Dienst des Paulus in Ephesus. Er betont, dass unser erhöhter Herr Macht und Sieg über die Mächte der Finsternis hat, obwohl dies unmittelbar vor dem großen Aufruhr geschah. Und so war es – wie es häufig der Fall ist – ein Sieg in Schwachheit (vgl. 2. Kor. 1,4–10; 12,9–10).
  • Welche Freude muss es für den Herrn gewesen sein zu sehen, wie Sein Zeugnis gerade im Zentrum des Okkultismus aufgerichtet wurde! Wie es an Macht zunahm angesichts der gewaltigen Aktivitäten Satans. Ephesus wurde über Jahrhunderte zu einem der Zentren christlicher Kraft. Timotheus kam hierher, ebenso der Apostel Johannes sowie Polykarp und Irenäus! Paulus errichtete dort eine gemeindenahe Bibelschule (Apg 19) und unterrichtete gut drei Jahre lang täglich! Viele Gemeinden wurden von den Absolventen in den umliegenden Landstrichen gegründet und geführt.
  • Das Wort des Herrn »nahm überhand« (ischuo, von ischus). Dies zeigt nicht nur Seine Stärke und Seinen Sieg, sondern auch, dass Er Sein Wort gebrauchte, das Seine Macht darstellt, um dieses Ziel zu erreichen. Mögen auch wir Sein Wort in diesem Sinne gebrauchen und uns auf Seine Stärke verlassen!

Sich durchsetzen, überhand nehmen, siegen.  Das griechische Neue Testament verwendet das Verb ischuo 28-mal im Sinn von stark sein, fähig sein oder mächtig sein. In Apg 19,20 wird es mit »siegte« übersetzt. – In den Schriften des Lukas kommt es 14-mal vor. In 13 Fällen bezieht es sich auf den Menschen und zeigt im Allgemeinen, dass er nicht fähig ist: achtmal in seinem Evangelium (6,48; 8,43; 13,24; 14,6.29.30; 16,3; 20,26) und fünfmal in der Apg (6,10; 15,10; 19,16; 25,7; 27,16).
→ Der einzige Fall, in dem Lukas dieses Wort in Bezug auf Christus verwendet, betont, dass Er fähig ist: Er siegte durch Sein Wort (19,20).

7. »Er [Paulus] aber blieb zwei ganze Jahre in seinem eigenen gemieteten Haus und nahm alle auf, die zu ihm kamen, und predigte das Reich Gottes und lehrte mit aller Freimütigkeit ungehindert die Dinge, die den Herrn Jesus Christus betreffen. « (Apg 28,30–31)

Lukas’ siebter Fortschrittsbericht ist zugleich der dritte und letzte Rückblick auf den Dienst des Paulus. Er zeigt, wie der Herr »die Kontrolle hat«, indem Er die schwierigen Umstände des Paulus gebrauchte, um Seine eigenen Interessen auf der Erde voranzubringen. Später entschied der Herr, noch weitere Schwierigkeiten zuzulassen, wie sie im 2. Timotheusbrief aufgezeichnet sind. Doch auch dann hatte Er die volle Kontrolle, wie wir später noch ausführlicher sehen werden.

  • Lukas ist der einzige neutestamentliche Autor, der eine bestimmte Form des griechischen Verbs »aufnehmen«(apodechomai) verwendet. Er tut dies 7x (Lk 8,40; 9,11; Apg 2,41; 18,27; 21,17; 24,3; 28,30). Dieses Verb zeigt die Haltung des »Gottes aller Gnade« (1Pet 5,10), die sich in Paulus als Seinem willigen Werkzeug widerspiegelte, indem er alle aufnahm, die zu ihm kamen.
  • Apg 28,30 zeigt, dass Paulus kein »Partei-Mensch« war, denn er nahm »alle« auf, die ihn besuchen wollten, ohne Parteilichkeit und unter der Leitung der Weisheit von oben (vgl. Jak 3,17). Die Formulierung »ungehindert« / »ohne Hindernis« zeigt die Fürsorge des Herrn in dieser Situation. Die Menschen konnten kommen und Paulus sehen, obwohl er ein Gefangener war. Zugleich zeigt dies, wie das Werk trotz der Bemühungen des Feindes, es aufzuhalten, weiterging.
  • Paulus setzte seinen Dienst mit Freimütigkeit fort – »mit aller Freimütigkeit« (Zuversicht oder Freiheit im Herrn) – und richtete seinen Blick auf Ihn, indem er »das Reich Gottes verkündigte und die Dinge lehrte, die den Herrn Jesus Christus betreffen.« Die Begriffe Verkündigung, Lehre, Freimütigkeit und Reich Gottes sind alle wichtige Bestandteile des Dienstes des Paulus.

Abschließende Bemerkungen

Der Apostel Paulus befand sich in Ketten, doch Jesus Christus ließ nicht zu, dass seine Bemühungen aufgehalten oder auch nur behindert wurden! Obwohl Gottes souveräne Gnade und Barmherzigkeit ihn trugen, schloss dies nicht die Notwendigkeit aus, dass Paulus – wie wir alle –seinem himmlischen Herrn fortwährend zu vertrauen hatte.

Paulus ist in vielerlei Hinsicht ein Vorbild für jeden Christen, auch darin, ein wahrer Überwinder zu sein. Doch all seine Siege, sogar im Gefängnis, wurden dadurch möglich, dass der Herr mit Paulus wirkte, denn Er ist derjenige, der die Kontrolle hat. Mögen wir dem Beispiel des Paulus folgen, bis der Herr kommt!

Trotz des gewaltigen Widerstands genossen die Gläubigen an den verschiedenen Orten, die in Lukas’ sieben Fortschrittsberichten erwähnt werden, die Gegenwart und Unterstützung ihres verherrlichten Herrn.

Damit erfüllte sich, was Jesus Christus Seinen Jüngern vor Seinem Weggang von dieser Erde versprochen hatte: »Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters« (Mt 28,20; vgl. Heb 13,5). Im Bewusstsein Seiner Gegenwart – nicht körperlich, sondern geistlich und durch Seinen Geist, wie es im Glauben erfahren wird – wollen wir die Ermahnung beachten, uns um den Herrn zu versammeln (Heb 10,24), damit es trotz verschiedener Formen des Widerstands von Ungläubigen und trotz unseres eigenen Versagens etwas für Ihn geben möge.

Lasst uns um den Tisch des Herrn zusammenkommen. Lasst uns zum Namen unseres auferstandenen Herrn, Königs, Hohenpriesters und Retters Jesus Christus hingezogen werden und Seinen Namen erheben. Lasst uns Ihn preisen für Seine Barmherzigkeit, Seine Weisheit, Seine Gnade und Seine mächtige Kraft, durch die Er Sein Werk durch uns und in uns zur ewigen Herrlichkeit Gottes vollbringt!

Anhang

Die Beschreibung der Urgemeinde in Apg. 2,42–47a kann in 12 Aspekte aufgeteilt werden (Einteilung ist nicht explizit im Text, also nicht zwingend):

1. Sie verharrten in der Lehre der Apostel

τῇ διδαχῇ τῶν ἀποστόλων – te didachē tōn apostolōn  = »der Lehre der Apostel«. – Das entscheidende Verb ist προσκαρτερέω (proskartereō) = beharrlich bei etwas bleiben, sich einer Sache beständig widmen, an etwas festhalten. Also nicht lediglich: »Sie hörten gelegentlich Predigten«, sondern: Sie widmeten sich beharrlich der apostolischen Lehre.

2. Sie verharrten in der Gemeinschaft

τῇ κοινωνίᾳ – te koinōnia. Koinōnia bedeutet Gemeinschaft, Teilhabe, gemeinsames Teilhaben bzw. gemeinsame Verbundenheit. Interessant ist, dass Lukas dasselbe Verb προσκαρτεροῦντες (=beharrlich) auch hier mitdenkt: Sie waren beharrlich in der Lehre der Apostel und der Gemeinschaft. Das heißt: Die Gemeinschaft war nicht bloß ein angenehmes Nebenprodukt, sie gehörte zu ihrem beständigen geistlichen Leben.

3. Sie verharrten im Brechen des Brotes

τῇ κλάσει τοῦ ἄρτου – tē klasei tou artou – Wörtlich: »dem Brechen des Brotes«. Im Zusammenhang der frühen Gemeinde ist das besonders bedeutsam. Der Ausdruck kann zwar grundsätzlich eine gemeinsame Mahlzeit bezeichnen, aber innerhalb dieses Abschnitts und angesichts der späteren Entwicklung des Brotbrechens liegt die Verbindung mit der gemeinsamen Feier des Mahls des Herrn nahe.

4. Sie verharrten in den Gebeten

ταῖς προσευχαῖς – tais proseuchais – »den Gebeten«. – Auch hier steht das Wort unter der Herrschaft des Verbs  προσκαρτερέω (proskartereō) = beharrlich. Man könnte den ganzen Vers deshalb sehr wörtlich wiedergeben mit: »Sie verharrten beharrlich in der Lehre der Apostel, in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten.«

Der Text nennt als Dauerübung der Urgemeinde ausdrücklich: Lehre – Gemeinschaft – Brechen des Brotes – Gebete. Allein in Vers 42 haben wir also bereits 4 der 12 Beschreibungselemente. Vers 43 bringt zwei weitere Punkte:

5. Es kam Furcht über jede Seele

ἐγίνετο … φόβος – egineto … phobos – »Furcht entstand« bzw. »Furcht kam über«. Das bedeutet hier wohl nicht einfach menschliche Angst. phobos kann im biblischen Zusammenhang auch die Ehrfurcht vor Gott bezeichnen.

Bemerkenswert ist die Formulierung: πάσῃ ψυχῇ – »über jede Seele«. Lukas beschreibt damit eine Atmosphäre heiliger Ehrfurcht, die die ganze Gemeinschaft prägte.

6. Durch die Apostel geschahen viele Wunder und Zeichen

πολλά τε τέρατα καὶ σημεῖα διὰ τῶν ἀποστόλων ἐγίνετο – Wörtlich ungefähr: »Viele Wunder und Zeichen geschahen durch die Apostel.« Hier haben wir τέρατα (terata) = Wunder/außergewöhnliche Zeichen und σημεῖα (sēmeia) = Zeichen. 

Lukas macht dabei eine interessante Aussage: Die Wunder geschahen διά τῶν ἀποστόλων – »durch die Apostel«. Damit wird das Zeugnis und die Predigt der Apostel von Christus von Gott bestätigt, denn sie Taten Wunder, wie sie auch Christus öffentlich getan hatte (als Messias).

7. Die Gläubigen waren »beieinander«

πάντες δὲ οἱ πιστεύοντες ἦσαν ἐπὶ τὸ αὐτό – Hier ist die Formulierung ἐπὶ τὸ αὐτό (epi to auto) wichtig. Sie bedeutet wörtlich etwa: »an demselben [Ort/zusammen]«. Also: Alle Glaubenden waren zusammen. Es geht um eine tatsächliche, sichtbare Zusammengehörigkeit.

8. Sie hatten alles gemeinsam

εἶχον ἅπαντα κοινά – hapanta koina – Wörtlich: »sie hatten alles gemeinsam«. Hier kommt wieder das Wortfeld von κοινωνία(koinōnia) zum Vorschein. Die Gemeinschaft aus Vers 42 blieb also nicht theoretisch. Sie zeigte sich praktisch im Umgang mit den materiellen Gütern: sie teilten ihre Habe, damit keiner Mangel hatte. Gab es trotzdem Mangel, »versilberte« man Immobilien des Landes: Das Erbteil der Juden war ein neues geworden. Das zeigen die zwei nächsten Punkte:

9. Sie verkauften Besitz und Güter

τὰ κτήματα καὶ τὰς ὑπάρξεις ἐπίπρασκον – ta ktmata kai tas hypárxeis epípraskon – Die beiden Begriffe sind interessant: κτήματα(ktēmata, Pl. von ktēma) = Besitztümer, Grundstücke (Immobil) und: ὑπάρξεις (hyparxeis, Pl. von hyparxis) = Besitz, Habe, Vermögen, Güter. Beide Wörter überschneiden sich in der Bedeutung, es geht um den gesamten materiellen Besitz

Das Verb ἐπίπρασκον (epípraskon) steht im Imperfekt: »sie verkauften fortwährend, sie pflegten zu verkaufen«. Das spricht also nicht unbedingt von einem einzigen einmaligen Verkauf ihres gesamten Besitzes, sondern von einer fortlaufenden Praxis, bei Bedarf Besitz zu veräußern. Das ist ein wichtiger Punkt, weil der Text anschließend den Zweck nennt.

10. Sie teilten entsprechend dem Bedarf aus

διεμέριζον αὐτὰ πᾶσιν καθότι ἄν τις χρείαν εἶχεν – Wörtlich: »Sie verteilten es an alle, je nachdem, wie jemand Bedarf hatte«. –  Hier steht χρεία (chreia) = Bedürfnis, Bedarf, Notwendigkeit. Das bedeutet also nicht einfach: »Alle bekamen gleich viel« (Gießkanne), sondern: Jeder erhielt entsprechend seinem Bedarf.

Damit haben wir zwei unterscheidbare Handlungen in V. 45: verkaufen → verteilen nach Bedarf.

11. Sie waren täglich einmütig im Tempel

καθ᾽ ἡμέραν … προσκαρτεροῦντες ὁμοθυμαδὸν ἐν τῷ ἱερῷ = 
kath’ hēméran … proskarteroûntes homothymadòn en tō̂ hierō̂

Hier wird es sprachlich besonders interessant: »Tag für Tag … verharrten sie einmütig im Tempel«. Drei wichtige Ausdrücke: (1) kath’ hēméran = täglich; (2) proskarteroûntes = beharrlich / beständig (wie in V. 42); (3) homothymadón = einmütig, mit einer Gesinnung und (4) en tō̂ hierō̂ = im Tempel. Das ist mehr als nur »sie gingen jeden Tag in den Tempel«. Im Griechischen werden Häufigkeit, Beständigkeit und innere Einheit gleichzeitig hervorgehoben.

(Hier begegnet uns wieder proskartereō, dasselbe Verb wie in V. 42. Dies zeigt an, dass man das »Verharren« der Gemeinde nicht auf die 4 erstgenannten Punkte begrenzen sollte!)

Theologisch sehr schön: Lukas beginnt die Beschreibung mit ihrem beharrlichen Festhaltenan den geistlichen Dingen (V. 42) und beschreibt dann ihr beharrliches tägliches Zusammenkommen (V. 46).

12. Sie aßen gemeinsam mit Freude und Einfalt des Herzens

Nun kommt: κλῶντές τε κατ᾽ οἶκον ἄρτον = klō̂ntes te kat’ oîkon árton = »und indem sie zu Hause das Brot brachen« und: μετελάμβανον τροφῆς ἐν ἀγαλλιάσει καὶ ἀφελότητι καρδίας = metelámbanon trophês en agalliásei kai aphelótēti kardías = »nahmen sie Speise zu sich mit Freude und Schlichtheit/Einfalt des Herzens«.

Hier könnte man streng genommen wieder mehrere Einzelmerkmale herausarbeiten: (1) sie brachen das Brot zu Hause; (2) sie aßen gemeinsam, (3) sie taten es mit Freude (agalliasis) und (4) und mit Einfalt/Schlichtheit des Herzens (afelotēs kardias).

Das zeichnet ein ausgesprochen gemeinschaftliches, regelmäßiges, freudiges und ungezwungenes Leben der ersten Christen.

Das waren zwölf Hauptpunkte – Es folgt Vers 47a:

  • ainountes ton theon = »Gott lobend« und: echontes charin pros holon ton laon = »Gunst/Wohlwollen beim ganzen Volk habend«. 
  • ho de kyrios prosetithei tous sozomenous kath‘ hemeran = »Der Herr aber fügte täglich die Geretteten hinzu.«

Der literarische Aufbau

Der literarische Aufbau von Lukas ist vielleicht wichtiger als die Zahl 12. 

  • Apg. 2,42 beginnt mit: »Sie verharrten/befanden sich beständig in…« und beschreibt dann ihr gemeinsames Leben.
  • Apg. 2,47a endet mit: »Gott lobend und Gunst beim ganzen Volk habend.«
  • Apg. 2,47b Erst dann kommt der eigentliche Fortschrittsbericht: »Der Herr aber fügte täglich die Geretteten hinzu«. Das ist sprachlich besonders schön, weil prosetithei (»er fügte hinzu«) im Imperfekt steht: Der Herr fuhr fort, Menschen hinzuzufügen

Erst beschreibt Lukas das Leben der Gemeinde – dann fasst er zusammen, was der Herr selbst tat: Er fügte täglich weitere Gerettete hinzu.


Quellen und Disclaimer

Unter den ersten Quellen, die ich zu Inhalten und Struktur der Apg las, gehörte auch ein Artikel von Alfred Bouter, den ich in den 1980-90er Jahren in Nordamerika kennenlernte. Der Artikel trug die Überschrift: »The Work of The Lord Jesus Christ Will Never Fail – Luke’s Seven Progress Reports in Acts«. Seitdem habe ich ihn mehrfach überarbeitet und für verschiedene Gelegenheiten angepasst, zuerst bei Vorträgen in Kenia und Äthiopien auf Englisch, später in Lehrstunden zur Bibelkunde und in Predigten in deutschsprachigen Ländern. – Alfred Bouter hat die Weiterverwendung seiner Artikel und Inhalte ausdrücklich begrüßt. Er ist heute hochbetagt.

Das Beitragsbild wurde KI-unterstützt erstellt und soll nur symbolisch wirken; es widerspricht fast allem archäologischem Wissen. Wen der Herodianische Tempel näher interessiert, suche nach Leen Ritmeyer und Ritmeyer Archaeological Design. Das momentan beste 3D Modell hat Daniel Smith entworfen (siehe: YouTube-Video »Jerusalem’s Temple: Building the Most Detailed Depiction of Herod’s Temple«).

Die Kennzeichen der Jerusalemer Urgemeinde

Die Beschreibung der Urgemeinde in Apg. 2,42–47a kann in 12 Aspekte aufgeteilt werden. Diese Einteilung ist nicht explizit im Text vorhanden, sie ist also nicht zwingend. Im Folgenden skizzenhaft eine Auflistung der 12 Aspekte und ein kurzer Hinweis auf die literarische Struktur des Abschnitts und dessen Hauptaussage.

Die 12 Kennzeichen

1. Sie verharrten in der Lehre der Apostel

τῇ διδαχῇ τῶν ἀποστόλων – te didachē tōn apostolōn  = »der Lehre der Apostel«. – Das entscheidende Verb ist προσκαρτερέω (proskartereō) = beharrlich bei etwas bleiben, sich einer Sache beständig widmen, an etwas festhalten. Also nicht lediglich: »Sie hörten gelegentlich Predigten«, sondern: Sie widmeten sich beharrlich der apostolischen Lehre.

2. Sie verharrten in der Gemeinschaft

τῇ κοινωνίᾳ – te koinōnia. Koinōnia bedeutet Gemeinschaft, Teilhabe, gemeinsames Teilhaben bzw. gemeinsame Verbundenheit. Interessant ist, dass Lukas dasselbe Verb προσκαρτεροῦντες (=beharrlich) auch hier mitdenkt: Sie waren beharrlich in der Lehre der Apostel und der Gemeinschaft. Das heißt: Die Gemeinschaft war nicht bloß ein angenehmes Nebenprodukt, sie gehörte zu ihrem beständigen geistlichen Leben.

3. Sie verharrten im Brechen des Brotes

τῇ κλάσει τοῦ ἄρτου – tē klasei tou artou – Wörtlich: »dem Brechen des Brotes«. Im Zusammenhang der frühen Gemeinde ist das besonders bedeutsam. Der Ausdruck kann zwar grundsätzlich eine gemeinsame Mahlzeit bezeichnen, aber innerhalb dieses Abschnitts und angesichts der späteren Entwicklung des Brotbrechens liegt die Verbindung mit der gemeinsamen Feier des Mahls des Herrn nahe.

4. Sie verharrten in den Gebeten

ταῖς προσευχαῖς – tais proseuchais – »den Gebeten«. – Auch hier steht das Wort unter der Herrschaft des Verbs  προσκαρτερέω (proskartereō) = beharrlich. Man könnte den ganzen Vers deshalb sehr wörtlich wiedergeben mit: »Sie verharrten beharrlich in der Lehre der Apostel, in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten.«

Der Text nennt als Dauerübung der Urgemeinde ausdrücklich: Lehre – Gemeinschaft – Brechen des Brotes – Gebete. Allein in Vers 42 haben wir also bereits 4 der 12 Beschreibungselemente. Vers 43 bringt zwei weitere Punkte:

5. Es kam Furcht über jede Seele

ἐγίνετο … φόβος – egineto … phobos – »Furcht entstand« bzw. »Furcht kam über«. Das bedeutet hier wohl nicht einfach menschliche Angst. phobos kann im biblischen Zusammenhang auch die Ehrfurcht vor Gott bezeichnen.

Bemerkenswert ist die Formulierung: πάσῃ ψυχῇ – »über jede Seele«. Lukas beschreibt damit eine Atmosphäre heiliger Ehrfurcht, die die ganze Gemeinschaft prägte.

6. Durch die Apostel geschahen viele Wunder und Zeichen

πολλά τε τέρατα καὶ σημεῖα διὰ τῶν ἀποστόλων ἐγίνετο – Wörtlich ungefähr: »Viele Wunder und Zeichen geschahen durch die Apostel.« Hier haben wir τέρατα (terata) = Wunder/außergewöhnliche Zeichen und σημεῖα (sēmeia) = Zeichen. 

Lukas macht dabei eine interessante Aussage: Die Wunder geschahen διά τῶν ἀποστόλων – »durch die Apostel«. Damit wird das Zeugnis und die Predigt der Apostel von Christus von Gott bestätigt, denn sie Taten Wunder, wie sie auch Christus öffentlich getan hatte (als Messias).

7. Die Gläubigen waren »beieinander«

πάντες δὲ οἱ πιστεύοντες ἦσαν ἐπὶ τὸ αὐτό – Hier ist die Formulierung ἐπὶ τὸ αὐτό (epi to auto) wichtig. Sie bedeutet wörtlich etwa: »an demselben [Ort/zusammen]«. Also: Alle Glaubenden waren zusammen. Es geht um eine tatsächliche, sichtbare Zusammengehörigkeit. Die Form dieses Beieinanderseins der Urgemeinde markiert m. E. einen frischen, angemessenen Anfangszustand, der vorübergehen würde: die Gemeinde Jesu würde sich geografisch ausbreiten und nur noch dünnere, aber ebenso herzliche Verbindungen über die Distanz pflegen (s. Briefe des NT).

8. Sie hatten alles gemeinsam

εἶχον ἅπαντα κοινά – hapanta koina – Wörtlich: »sie hatten alles gemeinsam«. Hier kommt wieder das Wortfeld von κοινωνία(koinōnia) zum Vorschein. Die Gemeinschaft aus Vers 42 blieb also nicht theoretisch. Sie zeigte sich praktisch im Umgang mit den materiellen Gütern: sie teilten ihre Habe, damit keiner Mangel hatte. Gab es trotzdem Mangel, »versilberte« man Immobilien des Landes: Das Erbteil der Juden war ein neues geworden. Das zeigen die zwei nächsten Punkte:

9. Sie verkauften Besitz und Güter

τὰ κτήματα καὶ τὰς ὑπάρξεις ἐπίπρασκον – ta ktmata kai tas hypárxeis epípraskon – Die beiden Begriffe sind interessant: κτήματα(ktēmata, Pl. von ktēma) = Besitztümer, Grundstücke (Immobil) und: ὑπάρξεις (hyparxeis, Pl. von hyparxis) = Besitz, Habe, Vermögen, Güter. Beide Wörter überschneiden sich in der Bedeutung, es geht um den gesamten materiellen Besitz

Das Verb ἐπίπρασκον (epípraskon) steht im Imperfekt: »sie verkauften fortwährend, sie pflegten zu verkaufen«. Das spricht also nicht unbedingt von einem einzigen einmaligen Verkauf ihres gesamten Besitzes, sondern von einer fortlaufenden Praxis, bei Bedarf Besitz zu veräußern. Das ist ein wichtiger Punkt, weil der Text anschließend den Zweck nennt.

10. Sie teilten entsprechend dem Bedarf aus

διεμέριζον αὐτὰ πᾶσιν καθότι ἄν τις χρείαν εἶχεν – Wörtlich: »Sie verteilten es an alle, je nachdem, wie jemand Bedarf hatte«. –  Hier steht χρεία (chreia) = Bedürfnis, Bedarf, Notwendigkeit. Das bedeutet also nicht einfach: »Alle bekamen gleich viel« (Gießkanne), sondern: Jeder erhielt entsprechend seinem Bedarf.

Damit haben wir zwei unterscheidbare Handlungen in V. 45: verkaufen → verteilen nach Bedarf.

11. Sie waren täglich einmütig im Tempel

καθ᾽ ἡμέραν … προσκαρτεροῦντες ὁμοθυμαδὸν ἐν τῷ ἱερῷ = 
kath’ hēméran … proskarteroûntes homothymadòn en tō̂ hierō̂

Hier wird es sprachlich besonders interessant: »Tag für Tag … verharrten sie einmütig im Tempel«. Drei wichtige Ausdrücke: (1) kath’ hēméran = täglich; (2) proskarteroûntes = beharrlich / beständig (wie in V. 42); (3) homothymadón = einmütig, mit einer Gesinnung und (4) en tō̂ hierō̂ = im Tempel. Das ist mehr als nur »sie gingen jeden Tag in den Tempel«. Im Griechischen werden Häufigkeit, Beständigkeit und innere Einheit gleichzeitig hervorgehoben.

(Hier begegnet uns wieder proskartereō, dasselbe Verb wie in V. 42. Dies zeigt an, dass man das »Verharren« der Gemeinde nicht auf die 4 erstgenannten Punkte begrenzen sollte, wie es gerne getan wird!)

Theologisch sehr schön ist, dass Lukas die Beschreibung mit ihrem beharrlichen Festhaltenan den geistlichen Dingen (V. 42) beginnt und dann ihr beharrliches tägliches Zusammenkommen (V. 46) beschreibt.

12. Sie aßen gemeinsam mit Freude und Einfalt des Herzens

Nun kommt: κλῶντές τε κατ᾽ οἶκον ἄρτον = klō̂ntes te kat’ oîkon árton = »und indem sie zu Hause das Brot brachen« und: μετελάμβανον τροφῆς ἐν ἀγαλλιάσει καὶ ἀφελότητι καρδίας = metelámbanon trophês en agalliásei kai aphelótēti kardías = »nahmen sie Speise zu sich mit Freude und Schlichtheit/Einfalt des Herzens«.

Hier könnte man streng genommen wieder mehrere Einzelmerkmale herausarbeiten: (1) sie brachen das Brot zu Hause; (2) sie aßen gemeinsam, (3) sie taten es mit Freude (agalliasis) und (4) und mit Einfalt/Schlichtheit des Herzens (afelotēs kardias).

Das zeichnet ein ausgesprochen gemeinschaftliches, regelmäßiges, freudiges und ungezwungenes Leben der ersten Christen.

Das waren zwölf Hauptpunkte – Es folgt Vers 47a:

  • ainountes ton theon = »Gott lobend« und: echontes charin pros holon ton laon = »Gunst/Wohlwollen beim ganzen Volk habend«. 
  • ho de kyrios prosetithei tous sozomenous kath‘ hemeran = »Der Herr aber fügte täglich die Geretteten hinzu.«

Der literarische Aufbau

Der literarische Aufbau von Lukas ist vielleicht wichtiger als die Zahl 12. 

  • Apg 2,42 beginnt mit: »Sie verharrten/befanden sich beständig in…« und beschreibt dann ihr gemeinsames Leben.
  • Apg 2,47a endet mit: »Gott lobend und Gunst beim ganzen Volk habend.«
  • Apg 2,47b Erst dann kommt der eigentliche Fortschrittsbericht: »Der Herr aber fügte täglich die Geretteten hinzu«. Das ist sprachlich besonders schön, weil prosetithei (»er fügte hinzu«) im Imperfekt steht: Der Herr fuhr fort, Menschen hinzuzufügen

Erst beschreibt Lukas das Leben der Gemeinde – dann fasst er zusammen, was der Herr selbst tat: Er fügte täglich weitere Gerettete hinzu. Eine Gemeinde, die dieses Zusammenleben im Heiligen Geist und geistliches wie zahlenmäßiges Wachstum erleben darf, ist wahrhaft gesegnet und zur Ehre ihres Hauptes Jesus Christus.