Matthäus 24 und die Entrückung der Gemeinde

Lesedauer: 9 Minuten.

»Alle Nicht-Prätribulationisten verorten sowohl die christliche Gemeinde (Kirche) als auch die Entrückung der Gemeinde in Matthäus 24. Dies ist für ihre Position wesentlich, für sie ist keine andere Auslegung möglich. Prätribulationisten hingegen sehen weder die Gemeinde noch die Entrückung in der Endzeitrede Jesu in Matthäus 24.«[1]

Diese Kurzstudie untersucht eine zentrale Streitfrage der Endzeitlehre: Redet Jesus in der Ölbergrede in Matthäus 24 von der Gemeinde und ihrer Entrückung oder nicht?

Die Antwort, vorweggenommen: Weder die Gemeinde noch deren Entrückung sind in dieser Rede Jesu zu finden. Wir nehmen den klassischen prätribulationistischen Standpunkt ein, also die Lehre der Entrückung der Gemeinde vor der Drangsal Jakobs.

Die Bedeutung der Frage

Die o.g. Frage ist theologisch sehr wichtig, denn wenn die Gemeinde und deren Entrückung in Matthäus 24 vorkommen, spräche dies für die Lehre des Posttribulationismus (s. Glossar am Ende des Beitrags), wenn aber nicht, spräche dies für die Position des Prätribulationalismus. Es geht also um die Frage, ob nach Matthäus 24 die christliche Gemeinde vor oder nach der »Drangsal Jakobs« in den Himmel entrückt werden wird. Festgehalten werden muss a priori der biblische Befund, dass von der Entrückung der christlichen Gemeinde in Matthäus 24–25 nicht explizit zu lesen ist, viel mehr aber in 1Thessalonicher 4, 1Korinther 15 und Johannes 14 davon explizit und implizit die Rede ist.

Die Fehldeutungen von Matthäus 24

1. Die kritische (liberale) Position

Diese Sicht behauptet, Matthäus 24 sei größtenteils von der frühen Kirche konstruiert worden, sei also keine treue Wiedergabe der Rede Jesu. Diese Position wird hier klar verworfen.

2. Die präteristische Position

Diese Sicht geht davon aus, dass die in Matthäus 24 vorhergesagten Ereignisse bereits in der heutigen Vergangenheit ihre Erfüllung gefunden hätten (z. B. in der Tempelzerstörung 70 n. Chr.). Problematisch ist hier vor allem, dass dabei die Texte stark »vergeistigt« werden, um sie in Übereinstimmung mit den damaligen historischen Vorgängen zu bringen. – Wir vertreten hingegen die Ansicht, dass diese historischen Vorgänge eine Vorerfüllung der noch größeren und kosmisch/weltweit wirkenden Gerichte Gottes in Zukunft waren.

3. Die »Zeitalter«-Position (amillennial)

Diese Sicht behauptet, dass in Matthäus 24 die gesamte Kirchengeschichte beschrieben sei. Die christliche Gemeinde wird in diesem Text demnach gesehen, in Verbindung mit der theologischen Sicht des Amillenialismus. Diese Deutung passt aber überhaupt nicht zu den auslösenden Fragen der Jünger Jesu, die mit der christlichen Gemeinde nichts zu tun hatten, sondern rein jüdische Anliegen beinhalten (»Sage uns, wann wird das [Zerstörung des Tempels] sein, und was ist das Zeichen deiner Ankunft und der Vollendung des Zeitalters?«, Mt 24,3b). Sie hatten vielleicht die Voraussagen in Sacharja 14 im Gedächtnis.

4. Die Position des Posttribulationismus

Diese Endzeitlehre sieht die Entrückung der Gemeinde nach der Drangsal. Es ist also eine zentrale Gegenposition zur Position, dass die Gemeinde vor der Drangsal Jakobs entrückt wird, dem sog. Prätribulationalismus.

Diese Position wurde vor allem von Robert Gundry vertreten (s. Robert H. Gundry, The Church and the Tribulation. Grand Rapids, MI: Zondervan, 1973). Er behauptet, dass Matthäus 24 die christliche Kirche beschreibe. Er sieht in Matthäus 24,32 die Entrückung der Gemeinde, weil dort von einer »Sammlung« die Rede ist: »alle Nationen … vor ihm versammelt werden, und er wird sie voneinander scheiden, so wie der Hirte die Schafe von den Böcken scheidet«. Dieser These ist entgegenzuhalten:

  • Diese Sammlung entspricht nicht der Entrückung der Gemeinde. Weder eine Auferstehung (der gestorbenen Gläubigen) noch eine Verwandlung (der gläubigen Lebenden) wird erwähnt. Beides sind aber zentrale Elemente der Entrückung.
  • Der Text in Matthäus 24,32 redet vom Erscheinen vor einem Gerichtsthron, der auf der Erde steht, nicht von einem Sammeln der Erretteten im Himmel. Es geht bei diesem irdischen Gericht um die Frage, wer in das dort bald beginnende Millennium eingehen darf (Schafe) und wer nicht (Böcke). Das hat nichts mit der Gemeinde Jesu Christi zu tun.
  • Der Text in Matthäus 24,40–41 formuliert mehrfach: »einer wird genommen und einer gelassen«. Das redet ebenfalls nicht von einer Entrückung in den Himmel, sondern beschreibt ein Gerichtshandeln Gottes. Die »Genommenen« sind hier nämlich jene, die zum Gericht entfernt, also gerade nicht gerettet, werden. Die »Gelassenen« hingegen sind jene, die nicht gerichtet werden und in das Königreich des Millenniums eingehen dürfen. Das ist gerade andersherum, wie es bei der Entrückung der Gemeinde gen Himmel der Fall sein wird.
  • Kontext. Die gesamte Rede behandelt Israel und die Drangsal Jakobs, nicht die christliche Kirche. Die Struktur von Matthäus 24 identifiziert drei Zeitphasen: (1) Allgemeine Zeichen (nicht das Ende) (V. 4–6); (2) Anfang der Wehen (V. 7–8) und (3) Große Drangsal & Wiederkunft (V. 9–31). Es geht also um die Endzeit Israels, nicht um die Gemeinde.

5. Die Position des Midtribulationalismus

Eine etwas modernere Sicht stammt von Marvin Rosenthal (Marvin Rosenthal, The Pre-Wrath Rapture of the Church. Nashville, TN: Thomas Nelson, 1990, sowie revidierte Ausgabe 1994). Er behauptet, dass die Entrückung der Gemeinde während der Drangsal stattfinde, aber noch »vor dem Zorn Gottes«. Er argumentiert hier mit Parallelen, die er mit Offenbarung 6 sieht. Der Text in der Offenbarung macht aber deutlich, dass es bereits vor jener Mitte der Drangsal Jakobs (also dem behaupteten Entrückungszeitpunkt) Siegelgerichte gibt, welche eindeutig Gottes Gericht sind. Das ganze Modell bricht an diesem Irrtum zusammen.

Die Argumente für eine jüdische Deutung von Matthäus 24

Das Hauptargument gegen eine Deutung von Matthäus 24 auf die Gemeinde und ihre Entrückung ist, dass es im Text und Kontext um eine rein jüdische, nicht kirchliche, Fragestellung ging und dass die Antwort Jesu sich auch nur darauf bezieht. Das zeigen folgende Beobachtungen.

1. Die Fragen der Jünger sind rein jüdisch

Die Frage der Jünger in Matthäus 24,3 zielt deutlich auf die Zerstörung des jüdischen Tempels, das Kommen des Messias und das Ende des Zeitalters. Diese Fragen spiegeln jüdisch-messianische Erwartungen wider, nicht solche der christlichen Kirche. Die Jünger verstanden die Gemeinde zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht.

2. Der gesamte Kontext ist israelbezogen

Der vorlaufende Kontext ist mit dem jüdischen Tempel beschäftigt, dem bis heute als »Weltwunder der Antike« eingestuften Tempel im herodianischen Prachtausbau (Matthäus 24,1–2). Wir lesen ferner vom »Gräuel der Verwüstung«, einem klaren Bezug auf die Prophetie Daniels. Wir lesen ferner vom Sabbat (Matthäus 24,20) und von einer Flucht aus Juda. Dies sind alles sehr stark jüdisch markierte Kategorien und Themen.

3. Die Jünger repräsentieren zukünftige jüdische Gläubige

Man kann gültig argumentieren, dass in diesem Evangelium (Matthäus) und konkreten Anlass der Perikope (Ölbergrede) die Jünger Jesu hier nicht für die Kirche stehen, sondern für Gläubige der zukünftigen Drangsalzeit, der »Drangsal Jakobs«. Es geht um die dann Wartenden, um deren innere Haltung der Geduld bis zur Ankunft ihres Messias und um ihr Ausharren in den diesem Ereignis vorauslaufenden Gerichten.

Fazit

Matthäus 24 behandelt Israels Zukunft, die Drangsal Jakobs(!) und das Kommen des Messias. Der Text behandelt weder die christliche Gemeinde noch deren Entrückung. Die Entrückung muss aus anderen neutestamentlichen Texten abgeleitet werden, insbes. aus 1Thessalonicher 4, 1Korinther 15 und Johannes 14, nicht aber aus Matthäus 24.

Matthäus 24 ist eine rein jüdisch-eschatologische Rede über die Drangsal und das Kommen des Messias, in der weder die neutestamentliche Gemeinde noch deren Entrückung vorkommen.

Glossar zentraler Begriffe

Die folgenden Kurzerklärungen dienen dem besseren Verständnis der Begriffe der Endzeitlehre (Terminologie der Eschatologie) und damit des Textes dieses Beitrags.

Prätribulationismus. Lehre, dass die Entrückung der Gemeinde vor Beginn der siebenjährigen Drangsal (Große Trübsal) stattfindet. Unterscheidet strikt zwischen Israel und der Gemeinde.

Midtribulationismus. Auffassung, dass die Entrückung in der Mitte der Drangsal geschieht; oft in Verbindung (oder synonym) mit der Lehre der Vor-dem-Zorn-Entrückung.

Posttribulationismus. Auffassung, dass die Entrückung am Ende der Drangsal gleichzeitig mit der sichtbaren Wiederkunft Christi geschieht.

Vor-dem-Zorn-Entrückung. Modell, nach dem die Entrückung inmitten der 70. Danielswoche, also nach 3,5 Jahren, erfolge, da erst ab dann vom Ausgießen des göttlichen Zorns (sog. »großen Drangsal« samt »Tag des Herrn«) die Rede sein könne. Verbreitet von Marvin Rosenthal (sog. Pre Wrath Rapture, 1990), bei uns weniger bekannt.

Entrückung. Ereignis, bei dem Christus die Gläubigen aus der Welt reißend zu sich nimmt (vgl. 1Thess 4,16–17), verbunden mit Auferstehung aller toten und Verwandlung aller lebenden Gläubigen.

Drangsal, Große Trübsal. Endzeitliche Periode intensiven Gerichts und Leidens, oft mit der 70. Jahrwoche Daniels (Dan 9,27) identifiziert. Da insbesodnere Israel im Fokus steht, auch »Drangsal Jakobs (Israels)« genannt. Manche bezeichnen damit nur die zweiten 3,5 Jahre der 70. Danielswoche ab dem »Gräuel der Verwüstung …an heiligem Ort« (Tempel).

Ölberg-Rede. Endzeitrede Jesu auf dem Ölberg (Matthäus 24–25), die Themen wie Drangsal Jakobs, Wiederkunft Christi und Endgericht behandelt.

Erscheinung (Parousie). Das griech. Wort bedeutet »Ankunft« oder «Gegenwart«, das Ankommen einer hochgestellten Persönlichkeit. Hier in Bezug auf die sichtbare Wiederkehr Christi, wie es in der Schrift vorhergesagt ist.

Auserwählte. Von Gott zur Errettung und zum Heil erwählte Gläubige, sei es aus Israel oder aus der Gemeinde.

Gräuel der Verwüstung. Prophetisches Ereignis (Dan 9,27; Mt 24,15), bei dem der Gottesdienst der Juden ausgesetzt werden wird. Ein »Mensch der Sünde« wird sich in den Tempel setzen und sich als Gott anbeten lassen (2Thess 2,3f). Dies ist Höhepunkt des Abfalls von Gott und damit ein Schlüsselzeichen der Endzeit.

Dispensationalismus. Theologisches System, das die Heilsgeschichte in verschiedene »Haushaltungen« (Dispensationen) einteilt und Israel und Gemeinde klar unterscheidet. Heute weltweit vor allem im von Cyrus I. Scofield (1909; rev. 1917) propagierten Modell von sieben Dispensationen bekannt (Scofield Reference Bible: Unschuld, Gewissen, Regierung, Verheißung, Gesetz, Gnade/Gemeinde, Königreich/Millenium). Es gibt aber auch andere Modelle mit anderen und mit mehr oder weniger vielen Dispensationen.

Prämillennialismus. Lehre, dass Christus vor dem tausendjährigen Reich (Millennium) sichtbar wiederkommt.

Amillennialismus. Auffassung, dass es kein tausendjähriges Reich gibt, das tatsächlich eintausend Jahre währt. Das »Millennium« wird symbolisch verstanden, insofern kann es auch heute bereits existieren und hat keinen vorhersagbaren konkreten Endezeitpunkt.

Präterismus. Deutung, dass viele prophetische Aussagen (z. B. Mt 24) bereits in der Vergangenheit erfüllt wurden (oft mit Verweis auf die Tempelzerstörung 70 n. Chr.).

Tag des Herrn. Zeit göttlichen Eingreifens in Gericht und Heil; in der Endzeit oft mit Gottes Zorn und Gerichtshandeln verbunden. Es ist eine längere Zeitperiode des direkten, souveränen Eingreifens Gottes in Gericht, Reichsaufrichtung und Heil, nicht ein 24-Std.-Tag. Im NT ist der »Tag des Herrn« christologisch zugespitzt, kulminiert im Kommen des Herrn Jesus, des Gesalbten.


Endenoten und Literaturverweis

[1]  Stanley D. Toussaint, Are the Church and the Rapture in Matthew 24?, in: Thomas Ice, Timothy Demy (Hrsg.), When the Trumpet Sounds: Today’s Foremost Authorities Speak Out on End-Time Controversies (Eugene, OR: Harvest House Publishers, 1995, S. 235–250), S. 236.

Erwählung ist Liebesakt

Lesedauer: 11 Minuten.

Im Folgenden soll die These »Heilsgeschichte ist Liebesgeschichte« etwas vertieft werden, indem der biblisch durchgehende Zusammenhang zwischen Erwählung und Liebe etwas strukturierter belegt wird. Dies könnte als Startpunkt für eigene Untersuchungen dienen, welche ausdrücklich empfohlen werden. Das Thema ist einfach viel zu grundlegend, herzbefestigend und herzerwärmend, als dass man an ihm interesselos vorbeigehen dürfte. 

Die Akzentsetzungen der Erwählung aus Liebe liegen im Alten und Neuen Testament etwas unterschiedlich, weil die Liebes- und Heilsgeschichte sich im AT eher um Israel dreht, wohingegen sie sich im NT allen Menschen zuwendet. Zudem ist die Selbstoffenbarung Gottes und seiner Werke und Absichten fortschreitend. Wir kommen ohne AT oder ohne NT nicht aus, sie sind beide Glaubensgrundlage des Christen.

Altes Testament (AT)

Im AT geschieht Erwählung aus Gottes Liebe vor allem kollektiv: das Volk Israel betreffend. Aber die Bündnisse und die Propheten reden bereits vorausdeutend davon, dass diese Liebe mit allen Folgen erst durch »den Samen Abrahams« möglich sein wird, durch Jesus Christus, dem Messias. Eines Tages »wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen mit Heilung in ihren Flügeln« (Maleachi 3,20; vgl. Jesaja 58,8 u.a.).

5. Mose 7,7–8

»Nicht weil ihr mehr wäret als alle Völker, hat Jahwe sich euch zugeneigt und euch erwählt; denn ihr seid das geringste unter allen Völkern; sondern wegen der Liebe Jahwes zu euch und weil er den Eid hielt, den er euren Vätern geschworen hat…«

Kernaussage. Die Erwählung Israels wird ausdrücklich mit Gottes Liebe begründet, nicht mit Israels Glanz, Schönheit, Leistung oder Größe.

5. Mose 10,15

»Jedoch deinen Vätern hat Jahwe sich zugeneigt, sie zu lieben; und er hat euch, ihre Nachkommen nach ihnen, aus allen Völkern erwählt, wie es an diesem Tag ist.«

Kernaussage. Zuerst kommt von Gottes Seite eine Entscheidung, Israel (die Vorväter) zu lieben. Daraus folgt (kausal) die Erwählung.

Maleachi 1,2–3

»Ich habe euch geliebt, spricht Jahwe; aber ihr sprecht: ›Worin hast du uns geliebt?‹ – War nicht Esau der Bruder Jakobs?, spricht Jahwe. Und ich habe Jakob geliebt, Esau aber habe ich gehasst…«

Kernaussage. Liebe und Erwählung (Wahl zwischen den beiden Zwillingen, entgegen dem Normalfall der Bevorzugung des Erstgeborenen!) wird sehr speziell und ausgesprochen selektiv formuliert. Daher greift Paulus dieses Beispiel auch in Römer 9:10ff auf als Illustration seiner Darlegung der souveränen Erwählung durch Gott.

Jesaja 43,1.4

»Und nun, so spricht Jahwe, der dich geschaffen hat, Jakob, und der dich gebildet hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. … Weil du teuer, wertvoll bist in meinen Augen und ich dich lieb habe, so werde ich Menschen hingeben an deiner statt und Völkerschaften anstatt deines Lebens.«

Kernaussage. Die Erwählung bedeutet stets ein Vorziehen der Erwählten vor anderen. Sie ist ein Besitzergreifen: »Du bist mein« (Bund). Sie schließt das notwendige Heilshandeln an den Erwählten mit ein: »dich habe ich erlöst«. Erwählung ist hier Ausdruck der treuen Bundesliebe Gottes.

Jeremia 31,3

»Von ferne her ist mir der HERR erschienen: Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt; darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Gnade.« (SCHL2000).

Kernaussage. Dies ist sicher die Schlüsselstelle zum Liebeserwählen Gottes. Sie ist eingebettet in der Verheißung des »Neuen Bundes«, dem Nachfolger des erfolglosen Alten Bundes (Mosaischer Bund, Sinai-Bund). Die »ewige Liebe« dauert nicht nur zeitlich lange, sondern ist wesensartig ursprünglich, unerschöpflich und bundestreu (mithin an Gottes Treue gebunden und daher sicher). Diese Liebe wird aktiv gg. den Geliebten: »zu mir gezogen«. Dies ist funktional sehr nahe zu dem, was im NT später als »effektive Berufung« beschrieben wird.

Die logische Struktur des Verses führt von der Liebe zum Ziehen zur Heilsbeziehung. Das entspricht dem, was das NT später detaillierter lehrt: Die ewige Liebe führt zur Erwählung, zur effektiven Berufung (im Evangelium) und zum ewigen Heil, der Verherrlichung (Römer 8,29ff). Jeremia 31,3 macht bereits klar: Liebe ist ontologisch primär zu verstehen. Erwählung ist letztlich Ausdruck der ewigen, wirksamen Liebe Gottes, die das Heil initiiert, trägt und erneuert. – Wen wundert das heute noch, da Gott doch geoffenbart hat: »Gott ist Liebe« (1Johannes 4,16)? Der Geliebte, der ewig von Gott Erwählte, betet Ihn dafür an!

Zusammenfassung: Die theologische Linie im AT

Die Erwählung wird im AT meist korporativ, also für das Volk Israel, gemeint. Aber spätestens in 1Mose 12 wird auch die individuelle Erwählung im Abrahamsbund Leitmotiv der Wiederherstellung, die sich bis in die Ewigkeit nach der Zeit erstreckt. Sonst gilt: Erwählung ist Gottes Wahl Israels in einer Bundesbeziehung. Grundlage und Initiative ist allein der freien, souveränen Liebe Gottes zuzuschreiben. Das Ziel dieser Bundesliebe ist letztlich das vollkommene Heilwerden der Geliebten. Dies gilt zunächst nur Israel, konnte aber im AT nur bei Einzelnen Wirklichkeit werden. Das Heilwerden der (dann) gläubigen Nation Israel ist noch ausstehend, aber durch Gottes Bundes- und Liebestreue sicher.

2. Neues Testament (NT)

Im NT geschieht die Erwählung (Auserwählung) ausdrücklich »in Christus«, denn außerhalb seines Sohnes erwählt Gott-Vater niemand. Das ist nicht Zufall, sondern Seine Absicht, die sich von Ewigkeit zu Ewigkeit durchzieht. Die Auserwählung ist personalisiert, daher werden immer wieder Namen, ein Marker für Persönlichkeit und Individuum, erwähnt. Aber alle Einzelnamen ergeben zusammen auch eine Namensliste, die Gott in einem Buch festgeschrieben und festgelegt hat (s. Studie zum »Buch des Lebens«, i.V.).

Epheser 1,3–5

»Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christus, wie er uns auserwählt hat in ihm vor Grundlegung der Welt, dass wir heilig und untadelig seien vor ihm in Liebe; … nach dem Wohlgefallen seines Willens…«

Kernaussage. Hier werden Liebe und Auserwählung direkt verbunden. Die Liebe ist Auslöser und Vollendung der Liebe Gottes zu »uns«, also jenen »in Christus«. Diese Auserwählung ist eine ewige, sie stand bei Beginn der Schöpfung und der Zeit also bereits fest (die Liste der auserwählten Personen steht daher seit Beginn der Schöpfung bereits im »Buch des Lebens«).

2. Thessalonicher 2,13–14

»Wir aber sind schuldig, Gott allezeit für euch zu danken, vom Herrn geliebte Brüder, dass Gott euch von Anfang erwählt hat zur Errettung in Heiligung des Geistes und im Glauben an die Wahrheit, wozu er euch berufen hat durch unser Evangelium, zur Erlangung der Herrlichkeit unseres Herrn Jesus Christus.«

Kernaussage. Hier wird von Paulus eine Parallelstruktur aufgebaut zwischen »vom Herrn geliebt« und »von Anfang erwählt zur Errettung«. Das Ziel jener Liebe und Erwählung ist, dass die Erwählten die » Herrlichkeit unseres Herrn Jesus Christus« erlangen. Nichts weniger ist das Liebesziel Gottes, dass die Erwählten so herrlich werden wie sein Sohn. Das bedeutet nicht, dass sie zu Göttern werden (das ist analytisch Unsinn, reine Begriffsverwirrung), sondern Jesus, dem menschgewordenen Gottessohn, im Wesen gleich werden, mithin »Teilhaber der göttlichen Natur« werden (2Petrus 1,4). Was das bedeutet, ist schwerlich zu umfassen: Wir werden lieben, reden, denken, urteilen, wollen… wie Jesus Christus! Gigantisch.

Römer 8,29–30

»Denn welche er zuvor erkannt hat, die hat er auch zuvor bestimmt, dem Bild seines Sohnes gleichförmig [zu]sein], damit er [der] Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Welche er aber zuvor bestimmt hat, diese hat er auch berufen; und welche er berufen hat, diese hat er auch gerechtfertigt; welche er aber gerechtfertigt hat, diese hat er auch verherrlicht.«

Kernaussage. Das »Zuvorerkennen« (proginōskō) wird nach biblisch-hebräischem Denken als liebendes Erwählen, als Etablieren einer beständigen Lebensbeziehung in Liebe verstanden. Es geht nicht um Information (schon gar nicht um eine »Prognose«!), sondern um Beziehung, also um Heil, Leben und Fruchtbarkeit. Alles andere macht keinen Sinn.

Römer 9,13 (zitiert Maleachi)

»wie geschrieben steht: ›Jakob habe ich geliebt, aber Esau habe ich gehasst.‹«

Kernaussage. Paulus illustriert und belegt seine Lehraussagen zur liebenden Erwählung der Geretteten mit dem beispielgebenden souveränen Handeln Gottes am Zwillingspaar Jakob und Esau (s.o.). Paulus geht es im Kontext des Zitats jedoch weder um die irdische Geschichte jener zwei Personen noch um jene ihrer Nachkommen und Völker, sondern um das ewige Heil, wie Verse 9,22–24, deutlich machen. Es geht ihm (auch) um »uns, die er auch berufen hat, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Nationen

Kolosser 3,12

»Zieht nun an, als Auserwählte Gottes, als Heilige und Geliebte…«

Kernaussage. Paulus macht deutlich: Wer ein »Auserwählter« ist, ist damit auch ein »Heiliger« und ein »Geliebter«. Das ist alles untrennbar die neue Identität (=was jemand wahrhaft ist) jedes Erlösten.

Zusammenfassung: Die theologische Linie im NT

Im NT wird die Erwählung offenbart und gelehrt als christologisch (nur »in Christus«), meist (aber nicht immer) auf das ewige Heil bezogen und individuell zugespitzt. Die Liebe Gottes ist Initiator, Beweggrund und stabiler Verbindungsgarant und damit ein Erkennungszeichen der wirklich von Gott vor aller Zeit und für alle Ewigkeit Erwählten.

Das Verhältnis von Liebe und Erwählung

1. Grund der Erwählung ist Gottes freier Liebeswille

Es ist Gottes »Wohlgefallen«, also sein ureigener, vollkommener Wille, ob und wo er seine Liebe Menschen frei (=unverdient, nicht als Reaktion) schenkt und diese Menschen zur Lebens- und Liebesbeziehung mit sich auserwählt (vgl. 5Mose 7,8; Epheser 1,4–5). Erwählung ist damit niemals verdienstbasiert (»Lohn«), sondern exklusiv gnadenhaft und von ewiger Liebe motiviert. (Durch die Gnadengabe der Liebe Gottes erzeugt der Heilige Geist im Erwählten angemessene Gegenliebe; damit ist der «Kreis der Liebe« geschlossen, Römer 5,5b.)

2. Die Erwählung zum ewigen Heil ist Ausdruck der Liebe Gottes

Das AT wie das NT (s. z.B. Jesaja 43; 2Thess 2,13) offenbaren uns das liebende Herz Gottes und wie dieses »Herz« den dreieinigen Retter-Gott zu rettendem Handeln bewegt. Gottes Liebe ist konkret und sichtbar geworden in Jesus Christus. Das Kreuz Jesu war dafür weder der Anfangspunkt noch der Schlusspunkt, aber der Wendepunkt: Keiner kann nun noch an Gottes Heiligkeit und Liebe ernsthaft zweifeln.

3. Erwählung aus Liebe ist nicht universalistisch zu verstehen

Man meint, dass der Ausdruck »Auserwählung« sprachlich genügend klar wäre, um das Wortwesentliche zu erfassen, dass der Auserwählungsakt nämlich wesenseigen Nichterwählte zurücklässt; sonst wäre es keine Wahl, keine Auswahl (s. z.B. Maleachi 1, Römer 9). Neben der »allgemeinen Liebe«, die Gott zu allen Menschen und zu allen seinen Geschöpfen hat, gibt es auch eine »spezielle Liebe« Gottes, die er nur zu den von Ihm frei Erwählten hat, von denen er (exklusiv) auch will, »dass [sie] heilig und untadelig vor ihm seien in Liebe« (Epheser 1,4). Gottes spezielle Liebe ist differenziert wirksam, nach Gottes freiem Liebeserwählen.

4. In Christus wird die Spannung neu gerahmt

Da uns Gott sein vorweltlich und konkret (namentlich) gefasstes Auserwählungsergebnis vorenthalten hat, bleibt für die Nachfolger Jesu bis zur Vollendung des Heilsratschlusses Gottes Unklarheit über die Identität jener, die Auserwählte sind. Für die gegenwärtige Zeit (»Gnadenzeit«!) wird den Jüngern Jesu vom Heiland und Gottessohn Jesus Christus befehlsweise aufgetragen, alle Menschen zur Buße (Umkehr) und zum Glauben an Jesus Christus aufzurufen. Der »Erfolg« dieser Mission ist göttlich gesichert, was ein großer Trost und eine große Motivation für jeden Boten Jesu ist (s. z.B. Apostelgeschichte 18,10). Am Ende singt der Himmel dem Lamm Gottes zu: »Du bist geschlachtet worden und hast für Gott erkauft, durch dein Blut, aus jedem Stamm und jeder Sprache und jedem Volk und jeder Nation« (Offenbarung 5,9).

Das Evangelium Gottes ist kein »Angebot« Gottes, sondern sein göttlicher Befehl, wie der Apostel Paulus predigte: »Nachdem nun Gott die Zeiten der Unwissenheit übersehen hat, gebietet er jetzt den Menschen, dass sie alle überall Buße tun sollen, weil er einen Tag festgesetzt hat, an dem er den Erdkreis richten wird in Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat« (Apostelgeschichte 17,30–31).

Wenn nun jemand auf die Predigt des Evangeliums »mit [seinem] Mund Jesus als Herrn bekennt und in [seinem] Herzen glaubt, dass Gott ihn aus den Toten auferweckt hat, [er] errettet werden« wird. »Denn mit dem Herzen wird geglaubt zur Gerechtigkeit, mit dem Mund aber wird bekannt zum Heil« (Römer 10,9–10). Man muss es vor Gott und Mensch aussprechen, und die Worte müssen natürlich aufrichtig und authentisch sein.

Solange »Gnadenzeit« währt, werden alle Menschen zu Jesus Christus als Herrn und Retter gerufen. Welche Menschenmenge sich letztendlich ergibt von solchen, die entsprechend kommen, glauben und errettet werden, wird sich uns erst nach der Gnadenzeit zuverlässig und fehlerfrei offenbaren. Auserwählung spielt also für unsere Mission keine entscheidende Rolle. Es gilt der »Missionsbefehl« Jesu bis zu dessen Aufhebung wegen Zielerreichung!

Warnung. Wer allerdings hartnäckig das Evangelium und den Retter Jesus Christus ablehnt, muss damit rechnen, dass ihm das Wort vom Heil nicht länger angeboten wird. »Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht!« (Hebräer 3,7 u.a.). Die ablehnenden Juden mussten vom Apostel Paulus hören: »Zu euch musste notwendigerweise das Wort Gottes zuerst geredet werden; weil ihr es aber von euch stoßt und euch selbst des ewigen Lebens nicht für würdig erachtet, siehe, so wenden wir uns zu den Nationen.« (Apostelgeschichte 13,46). Das lenkt und begrenzt die Mission auf Menschen, die hören und glauben wollen.

Weiterführende Studien

Weiterführendes liefert u.a. die detailliertere Studie »Auserwählung – Fragen über Fragen« auf diesem BLOG (Link: https://logikos.club/?p=2131).

Warum die Gleichsetzung »Öl = Heiliger Geist« exegetisch nicht trägt

Auslegungstraditionen mit starkem Hang zur allegorischen Methode sind immer noch aktiv in verschiedenen Gruppen der Gemeinde Jesu Christi. Als ich vor einiger Zeit auf einem »Bibeltag« einer Freikirche in Tradition der Elberfelder »Brüderbewegung« war, trat ein Ältester auf, der sich als Thema Lektionen aus dem Buch der Richter gesetzt hatte. Gleich zu Anfang sagte er, dass er nicht nur den Bibeltext behandeln wolle. Nein, er wolle nicht »oberflächlich« bleiben, sondern mit uns tiefer in den »geistlichen Sinn« des Bibeltextes abtauchen. Dazu brauche es ein Vokabelheft, in das man beim Lesen der Bibel eintrage, wofür bestimmte Begriffe in der Bibel geistlich stünden, sozusagen ein Übersetzungsbuch für das Erfassen der »geistlichen Bedeutung« eines Bibeltextes. Dann gab er Beispiele, wofür die Sonne, ein Hammer, Wasser, Öl usw. in der Heiligen Schrift geistlich stünden. Dieses geistliche Deutungsbuch versetze den Christen nun in die Lage, inneres, dem normalen Christen verborgenes, tieferes Wissen zu erlangen. Das ist aber die klassische Zumutung eines Esoterikers.

Eine dieser »Übersetzungs«-Codes ist die Formel: »Öl = Heiliger Geist«. Exegetisch bedeutete dies also, dass immer dann, wenn im Text von Öl zu lesen war, tatsächlich auf »geistlicher Tiefenebene« der Heilige Geist gemeint sei. Vielleicht kann sich der »normale« Bibelleser vorstellen, wie schnell man sich mit solchen falschen und falsch-vereinfachenden Auslegungsregeln in Widersprüche und Unsinn verstricken kann. Das Fatale daran ist, dass der diese Regeln Anwendende meint, besonders heilige und tiefe Gedanken zu erfassen, und mithin selten bereit ist, sich korrigieren zu lassen. Esoterisches Denken war schon immer ein Elitedenken.

Wie steht es also mit der Symbolik von Öl in der Heiligen Schrift? Natürlich kann man einige Stellen in der Heiligen Schrift finden, wo die genannte Deutung durchaus richtig ist. Die Bibel verwendet immer wieder typologische und symbolische Sprache. So werden tatsächlich Menschen in Israel in Ämter von Gott eingesetzt durch »Salbung« mit Öl, z.B. Könige, Priester und Propheten. Andere Beispiele mit symbolischen rituellen Handlungen könnten angeführt werden, auch im Neuen Testament. Jeder Christ sollte z.B. die Symbolik von Brot und Kelch (Wein) kennen, wenn es um die »Verkündigung des Todes des Herrn« im Herrenmahl geht. Jesus selbst erläutert: »dies ist mein Leib« und »dies ist mein Blut« (vgl. z.B. Mt 26,26–28) bei der symbolischen Handlung des Essens und Trinkens von diesen physischen, nun aber symbolhaft mit geistlicher Bedeutung aufgeladenen, Dingen. Vor und nach dieser symbolhaften Handlung im Kultus sind dieses Brot und dieser Wein jedoch ganz gewöhnliches Brot bzw. Wein, eine Transsubstantiation in den realen Leib bzw. Blut Christi fand nicht statt, hier irrt die röm.-kath. Kirche gewaltig (letztlich macht sie den Priester zum Zauberer, und Gott durch magische Handlungen verfügbar).

Die Problematik einer pauschalen Gleichsetzung von Typen oder Symbolen mit einem einzigen Deutungsinhalt soll anhand des Gleichnisses von den zehn Jungfrauen in Matthäus 25,1–13 aufgezeigt werden. Dabei wird folgende These verfolgt: Die verbreitete Gleichsetzung des Öls mit dem Heiligen Geist ist beim Gleichnis der zehn Jungfrauen (Matthäus 25,1–13) bibeltheologisch nicht haltbar, da das alttestamentliche und frühjüdische Bildfeld von »Öl« keine einheitliche pneumatologische Bedeutung (auf den Heiligen Geist) kennt und die Bildlogik des Gleichnisses zentrale Eigenschaften des Heiligen Geistes konterkariert (dem entgegensteht, widerspricht). Dazu folgende Überlegungen.

1. Hermeneutischer Ausgangspunkt: Symbole sind kontextabhängig

Biblische Symbole sind polysem, d. h. sie tragen je nach literarischem und situativem Kontext unterschiedliche Bedeutungen. Eine pauschale Fixierung eines Symbols auf einen einzigen theologischen Sachverhalt ist methodisch unzulässig, wenn der Kanon der Heiligen Schrift stabil eine Bedeutungsvielfalt belegt.

Wer also »Öl« grundsätzlich und ausschließlich als Geist-Symbol liest, setzt eine theologische Vorentscheidung (»Brille«) an die Stelle genauer Textbeobachtung. Pointiert gesagt betreibt er Eisegese (»Hineinlegung«) anstelle von Exegese (»Auslegung«).

Wir müssen bei der Auslegung von Symbolen (wie auch der gesamten Schrift) stets den speziellen Kontext der betrachteten Stelle beachten. Daraus folgt: Eine Aussage, dass »Öl« hier oder da als Hinweis auf den Heiligen Geist zu verstehen sei, ist hilfreich und kann zum Bedeutungsspektrum dieses Symbols beitragen, klärt aber mitnichten, was »Öl« an einer anderen Stelle konkret bedeuten mag. (Dies gilt ebenfalls für die beliebten »Wortstudien«, die zwar das Bedeutungsspektrum eines Begriffs aufzeigen können, aber nie die Bedeutung an einer konkreten Stelle abschließend klären.) Das aber ist die spannende Frage, wenn man eine Stelle bzw. eine Perikope wie Matthäus 25,1–13 auslegen will.

2. Alttestamentlicher Befund: Öl ist nicht exklusiv ein Symbol des Geistes Gottes

Im Alten Testament erscheint Öl in mehreren stabilen Bedeutungsfeldern, die keinen direkten Bezug zum Heiligen Geist haben, z.B.:

  • Alltags- und Wirtschaftsgut:
    1Könige 17,12–16 (Öl als lebensnotwendige Ressource in der Hungersnot); 
    Hosea 12,2; Hesekiel 27,17 (Handelsware).
  • Gesundheitspflege, Medizin:
    Amos 6,6; Ruth 3,3; Prediger 9,8, Matthäus 6,17 (Körperpflege);
    Jakobus 5,14 (Medizinische Anwendung; aleiphō statt )
  • Metapher für Wohlstand und Freude:
    Psalm 23,5; 5Mose 8,8.
  • Verderbliches Qualitätsprodukt:
    Prediger 10,1 (Öl des Salbenmischers wird durch Fliegen verdorben).
  • Objekt von Gericht und Mangel:
    Joel 1,10 (Öl versiegt im Gericht).

Schlussfolgerung:
Das alttestamentliche Bildfeld widerlegt jede ontologische Gleichsetzung von Öl und Geist [1]. Am ehesten wird sich die Deutung bei kultischen Zusammenhängen (d.i. betreffs des Gottesdienstes) auf Anwesenheit der Personen der Gottheit richten. So kann man Öl in der kultischen Verwendung als Hinweis auf den Heiligen Geist deuten, siehe 2Mose 27,20 und 3Mose 24,2 (Öl als Brennstoff für den Leuchter im Heiligtum, einzige Lichtquelle für den Dienst im Heiligtum über die Öllampen der Menorah). In Matthäus 25,1–13 dient das Öl als Brennstoff für die »Lampen« (λαμπάδες) der feierlichen nächtlichen Prozession.

Das Problem liegt nicht im Gleichnis, sondern eher in der nachträglichen allegorischen Fixierung des Öls auf die Person des Heiligen Geistes.

3. Salbungstexte: funktionale Nähe, aber keine Identität mit dem Heiligen Geist

In Texten wie 1Samuel 16,13 oder Jesaja 61,1 steht Öl im Kontext von Salbung zur Beauftragung, während zugleich der Geist Gottes als ermächtigende Gegenwart genannt wird. Hier besteht eine theologische Korrelation, aber keine bildinterne Gleichsetzung. Das Öl bzw. dessen rituelle Verwendung wird zum Zeichen göttlicher Beauftragung, mithin wird im Öl die wirksame (autorisierende) göttliche Gegenwart angedeutet.

Trotzdem müssen wir auch hier genau hinschauen. Aus dem Zusammenlaufen von Salbung mit Öl und Hinweis auf göttliche Autorisierung bei diesen Berufungsstellen folgt nicht für alle »Öl-Stellen«, dass »Öl« stets als »der Heilige Geist« zu lesen wäre. Auch hier hilft es, den Kontext zu beachten.

4. Bildlogik kontra Geistlehre Jesu in den Evangelien

Die Handhabung des Öls im Gleichnis von den Zehn Jungfrauen (Vorrat anlegen, verbrauchen, nachkaufen, nicht teilen) steht in –m.E. unüberwindbarem– strukturellem Gegensatz zur neutestamentlichen Lehre vom Heiligen Geist (Pneumatologie). In ähnlicher Zeit im Leben Jesu (Abschiedszeit) redet der Sohn Gottes ausführlich im »Obersaal« mit seinen Jüngern. Dort können wir beobachten, wie Jesus über diese göttliche Person redet (Johannes 14–16). Wir lernen: Der Geist Gottes ist nicht disponibel, nicht käuflich, nicht verwaltbarer Besitz. Er ist keine Sache, sondern eine göttliche Person mit göttlicher Souveränität, damit jeder menschlichen Verfügungsgewalt enthoben, nicht teilbar oder mitteilbar. Er ist auch nicht messbar oder abmessbar. Im Gleichnis wird das Öl jedoch als ökonomisch disponibel behandelt, und zwar durchgehend.  Der Geist Gottes ist aber Beziehungswirklichkeit, nicht menschlich disponierbarer Vorrat.

Man könnte diesen Einwurf evtl. mit Verweis auf die Beschränktheit der Bildebene des Gleichnisses zurückweisen. Und in der Tat: Gleichnisse arbeiten mit Bildern des Alltags, nicht mit systematischer Theologie. Man darf daher keine vollständige Entsprechung zwischen Bildbereich und Sachbereich erwarten. Genauso gilt aber auch, dass eine mangelnde Entsprechung der Rede die Gleichnishaftigkeit und sogar die Verständlichkeit raubt. Der Bildbereich darf den Sachbereich nicht in zentralen Zügen konterkarieren. Dass dies hier strukturell geschieht, deutet folgende Tabelle an:

Unproblematische BildabweichungProblematische Bildabweichung
Öl = Geist, obwohl der Heilige Geist keine Flüssigkeit ist (vgl.: Wind, Feuer u.a.)Öl = käuflich / disponibel, Geist = Gabe Gottes
Lampe = Glaube (metaphorisch)Öl-Vorrat zur Disposition des Menschen vs. Geist als personale Gegenwart Gottes
Licht braucht EnergieGeist ist nicht »Energie-Reservoir«

Man versucht das offensichtliche Nichtpassen zwischen Bild und Sache damit zu verteidigen, dass man die nicht passenden »Details« im Gleichnis zur »Nebensache« erklärt und damit ausblendet. Meist fehlt dabei aber die exegetische Berechtigung für dieses Werten, häufig offenbart es Zirkelschlüsse (man versucht, etwas zu beweisen, und setzt beim Beweis das zu Beweisende bereits voraus; das beweist aber gar nichts).

Besser ist es, wenn wir darüber nachdenken, dass eine Gleichsetzung des Öls mit dem Heiligen Geist (nebst der mangelnden Kohärenz der Bildzuordnung im Gleichnis) vor allem eine theologische Inkohärenz zwischen Gleichnislogik und Jesu Geistverständnis (und wie er über Ihn redet, s. Johannes 14–16 u.a.) erzeugt. Das ist kein leicht zu nehmender Einwurf.

5. Kontext von Mt 24–25: Öl als Hinweis auf das Vermögen zum Ausharren

Vielleicht der offenbarste und klarste Hinweis auf den Kreis, innerhalb dessen wir den Sinn dieses Gleichnisses zu suchen haben, ist der Kontext. Das Gleichnis der Zehn Jungfrauen steht in einer Kette von vier Gleichnissen der Endzeitrede, die das »Warte«-Motiv behandeln. Die gesamte »Endzeitrede« Jesu antwortet auf die Frage der Jünger: »Sage uns, wann wird das sein, und was ist das Zeichen deiner Ankunft und der Vollendung des Zeitalters?« (Matthäus 24,3). Sie beziehen sich dabei auf die frappierende Aussage Jesu Christi über den Herodianischen Tempel, der seinerzeit ein bestauntes Weltwunder war: »Wahrlich, ich sage euch: Hier wird nicht ein Stein auf dem anderen gelassen werden, der nicht abgebrochen werden wird.« (Matthäus 24,2).

Erstaunlicherweise beantwortet Jesus diese Frage nicht mit Angabe eines Kalenderzeitpunkts oder eines kalendarisch verortbaren Ablaufs. Er stellt zwar sicher, dass die Geschichte einem sicheren Zielpunkt (Kulmination, Gerichtstag u.a.) zuläuft, also definitiv ein Ende hat, aber er redet dann nicht über Zeiten und Zeitpunkte, sondern über die innere Haltung derer, die von solchem Ende wissen. Der Herr sagt mehrfach, dass Warten und Ausharren notwendig sein wird. Es wird also bis zu jenem Zeitpunkt eine längere Zeit dauern, als allgemein gewünscht und erwartet. 

Jesu Antwort verschiebt den Schwerpunkt der Frage der Jünger (nach Zeichen (σημεῖον), Zeitpunkt (πότε) und endzeitliche Vollendung (συντέλεια τοῦ αἰῶνος) auf die Schwerpunkte: keine Datierung (24,36), Warnung vor Scheinsicherheit (24,4–5; 24,23–26), richtige Einstellung in der Wartezeit (24,42–51; 25,1–30) sowie eine Gerichtsperspektive (25,31–46). Er erklärt also weder »Zeiten und Zeitpunkte«, also einen zeitlichen Ablauf, sondern ermahnt die Jünger mit einem: »So sollt ihr leben, solange die Wiederkunft mit Bräutigam und Reich sich verzögert!«. Dieses ethische Motiv der Treue hatte der Herr Jesus bereits mehrfach angeschnitten und wird es weiter betonen:

  • »Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden.« (Matthäus 24,13)
  • »Wer ist der treue und kluge Knecht?« (Matthäus 24,45)
  • »Du treuer Knecht … über Wenigem treu.« (Matthäus 25,21)

Im Kontext der »Endzeitrede« (Matthäus 24,3.13.42–51) fungiert das Öl also eher als narrativer Ausdruck für eine die über Zeit gewachsene, nicht delegierbare oder kaufbare Bereitschaft und Treue der Jüngerschaft in der Verzögerung der Wiederkunft Christi (Parousie). Das Öl steht also funktional für das, was treues Ausharren tragfähig macht – nicht für den Heiligen Geist selbst.

Nochmals, in einem Satz: Das Öl ist nicht der Heilige Geist, sondern das, was der Heilige Geist im Leben eines Menschen für den Bräutigam hervorbringen mag – und was man nicht in letzter Minute ersetzen kann.

Wir weiten nun unseren Blick von der Deutung des Öls zur generellen Methodik der Exegese dieser Perikope, die hier wohl zu wenig beachtet wird.

6. Nichtbeachtung des Genres

Gleichnisse im NT (auch bei Matthäus) sind funktionale Erzählungen mit einer Leitabsicht, einer Hauptaussage (selten mit mehreren Hauptgedanken). Sie sind keine System-Allegorien, in denen jedes Detail 1:1 theologisch «aufgelöst«/»gedeutet« werden dürfte oder gar müsste. Jemand hat festgestellt, dass man mit Allegorisieren jeden gewünschten Sachverhalt aus fast jedem beliebigen Text »ableiten« könne. Erfunden wurde diese Deutungsmethode von den Griechen, um als unangenehm empfundene Aussagen in ihren alten Schriften umdeuten zu können. Die Juden in Alexandria übernahmen diese Allegorisierungsmethode von den Griechen mit gleicher Absicht (die Patriarchengeschichte enthält vieles als peinlich und grob Empfundene). Die Christen taten es dann den Juden nach… 

Hier haben wir jedenfalls ein Gleichnis vorliegen: »Dann wird das Reich der Himmel zehn Jungfrauen gleich werden…« (25,1). Ein Gleichnis hat meist nur einen Leitgedanken, einen oft frappierenden Gedanken. Dieser Leitgedanke wird hier ausdrücklich im letzten Satz genannt: »Darum wacht!« (Matthäus25,13). Das ist die Lehre und Redeabsicht dieses Gleichnisses. Es geht also rhetorisch und gattungstheoretisch nicht um Ekklesiologie, sondern um Ermahnung. Das Gleichnis beantwortet nicht das «Wann?« des Kommens des Bräutigams, sondern das »Wie lebt man bis dahin?«.

Die Figuren und Handlungen im Bildbereich »außenherum« dienen der Fokussierung auf Wachsamkeit, nicht aber dem Allegorisieren, mithin auch nicht der Identifikation der Kirche als Braut (von der ja gar nicht die Rede ist!). Also: Ein Allegorisieren eines Gleichnisses ist ein grundsätzlicher Missgriff bei der Auslegung.

7. Gleichnisse bedürfen zum Verständnis Kenntnis des historischen Kontextes

Im antiken jüdischen Hochzeitsritus warteten Brautjungfern (παρθένοι) mit Lampen auf den Bräutigam, um ihn in den nächtlichen Zug zu begleiten, oder sie begleiteten die Braut ins neue, vorbereitete Heim. Alfred Edersheim (The Life and Time of Jesus The Messiah, Grand Rapids, MI (USA): Eerdmans, 1971, Buch V, S. 455ff) deutet darauf hin, dass es insofern eine ungewöhnliche Hochzeit war, als der Bräutigam von weit her (also nicht aus dem gleichen Dorf) kam und irgendwann eintreffend zum Haus der Braut ging. Die Brautjungfern sollten ihn vor dem Dorf begegnen und dann zum Haus der Braut begleiten. Sie warteten natürlich im Dorf, nicht auf der Landstraße draußen, auf die Kunde, dass der Bräutigam sich dem Dorfe nähere. Dass dies geschehen sollte(in selber Nacht) war wohl bekannt, aber die Stunde des Eintreffen nicht. Das Setting ist aus der Erlebniswelt der Jünger ist jedoch plausibel und für Jesu Hörer sofort verständlich. Für uns ist erst einmal eine kulturelle Distanz zu überwinden, da wir anders Hochzeit begehen (siehe Anhang 2 unten).

Die Hauptfigur des Gleichnisses ist erstaunlicherweise nicht die Braut, sondern die unterschiedlich vorbereiteten Wartenden, weil das Gleichnis den Wartezustand der (jüdischen) Jüngerschaft bis zur Wiederkehr (»Ankunft«) des Messias Jesus Christus dramatisiert und die unterschiedlich bereiten Gruppen benennen will. Dies wäre bei der Einzelperson der Braut nicht möglich. Daraus kann man schließen, dass die Wahl der Figuren der Pragmatik der Erzählwelt und der beabsichtigten Lektion (Lehraussage und vor allem die paränetische Ermahnung) folgt, nicht primär einer ekklesiologischen Typologie oder einer bestimmten vorgefassten Eschatologie.

8. Näherer Kontext: Die Endzeitrede

In Matthäus 24–25 richtet Jesus die Endzeitrede an die Jünger. Die Abfolge der Gleichnisse (treuer Knecht, zehn Jungfrauen, anvertraute Talente) fokussiert auf das Verhalten der Wartenden mit Blick auf das unbekannte Ende des Wartens:

  • Matthäus 24,45–51: Treue im Dienst
  • Matthäus 25,1–13: Wachsamkeit im Warten
  • Matthäus 25,14–30: Verantwortung im Umgang mit anvertrauten Gütern

Die Jungfrauen sind im Gleichnis die Wartenden. Wer von ihnen wegen mangelnder Vorsorge nicht genügend Öl hatte, konnte an der Prozession nicht teilnehmen, er verpasst sie. Aber er wird auch von der Hochzeitsfeier selbst ausgeschlossen mit scharfer Ablehnung durch den Bräutigam. Es gibt also am Ende ein Drinnen und ein Draußen für die Eingeladenen: die einen feiern mit, die anderen sind ausgeschlossen. Die Anfrage des Gleichnisses ist also: Wo stehst Du? Das hält die Perspektive konsequent paränetisch (ermahnend). Insofern ist diese Ermahnung übertragbar auf andere Wartesituationen ähnlicher Art. Hier verorten sich dann Übertragungen auf die Gemeinde, die allerdings nicht auf die Zweite Erscheinung Christi als nächstes wartet, sondern auf die Entrückung.

Fazit

Die pauschale Deutung »Öl = Heiliger Geist« ist:

  • bibeltheologisch ungesichert (AT-Befund),
  • bildlogisch inkohärent (Verfügbarkeit des Öls),
  • kontextuell unnötig (die Pointe des Gleichnisses erschließt sich ohne diese Fixierung).

Eine textnahe Deutung versteht das Öl als Symbol für gelebte, über Zeit aufgebaute Bereitschaft und Treue, die die Verzögerung bis zur Erscheinung des Herrn Jesus Christus trägt. Unbenommen bleibt bei dieser Deutung, dass der Heilige Geist ganz sicher diese Bereitschaft des Ausharrens bewirkt und ermöglicht, ohne dass man seine hochgelobte Person deswegen sklavisch vereinfacht in der ganzen Bibel mit dem Symbol gleichsetzen muss.

Vom Grundsatz ausgehend, dass Jesus mit Gleichnissen nicht jede Einzelkomponente allegorisch verstanden haben will, wird dann eine Auslegung nahegelegt, bei der nicht Einzelkomponenten im Bildbereich, sondern der Gesamtgedanke von Wachsamkeit und Beziehung hervorgehoben wird (siehe Gleichnisfazit im letzten Satz durch Christus selbst!).

Anhang 1: Weitere problematische Herangehensweisen

1. Gleichsetzung von Israel mit der christlichen Gemeinde

Die Dogmengeschichte der Christenheit zeigt, dass leider nach wenigen Jahrhunderten bereits die Auffassung Gewicht gewann und viele Kirchenlehrer kennzeichnete, dass die christliche Kirche Israel als Volk Gottes völlig ersetzte habe. Damit wurden dann alle Segnungen, die Israel verheißen wurden, »geistlich« umgedeutet auf die christliche Kirche. Israel hätte damit keine Zukunft (wie biblisch verheißen) mehr, alles ginge in der Gemeinde auf. (Wir vertreten diese Ersatz-Theologie nicht, auch keine Bündnistheologie.)

Aber selbst bei solchen, die aufgrund gleichbleibender Hermeneutik zu anderer Schlussfolgerung geführt werden, werden Bibelstellen, die sich explizit auf Israel beziehen, oft unreflektiert auf die Gemeinde des Neuen Testaments gedeutet. Oftmals wird dies begleitet von der Frage: »Was bedeutet dieser Text jetzt praktisch für mich?« Diese Frage ist wichtig und unverzichtbar, aber sie kommt erst, wenn vorher die Auslegung geklärt wurde, also die Frage: »Was hat der Heilige Geist und der geführte Autor ausgesagt? Was war seine Absicht mit dem, was er schrieb?« Denn jede wahre (=göttlich gemeinte) praktische Anwendung (subjektiv) muss gegründet sein in wahrer Auslegung (was meint die Stelle objektiv), sonst ist sie reine Spekulation, die wahr oder falsch sein kann, jedenfalls aber keine Autorität besitzt. Der biblische Glauben muss stets sagen können: »Es steht geschrieben!«. Pointiert gesagt: »Die Bedeutung/Auslegung der Schrift ist die Schrift!«. Es sind ja nicht die Buchstaben und Wörter, sondern was damit tatsächlich ausgesagt wird, was unser Verständnis ermöglicht, unsere wiedergeborene Seele ergreift und unser erneuertes Herz zum Gehorsam führt.

Konkret: Wenn Jesus Christus etwas über den weiteren Lauf und die Vollendung des Volkes Israel (darauf zielt die Fragestellung der Jünger!) sagt, dürfen wir dies nicht sofort als auf die neutestamentliche Gemeinde Gemünztes deuten. Andererseits gilt: Da die Gemeinde und (das wahre) Israel eine gemeinsame Zukunft mit Ihrem Herrn und Retter haben, sind Berührungspunkte und Tangenten zweifelsfrei vorhanden. Das wird aber nicht hier angesprochen.

2. Überstülpen eines theologischen Systems

Da die »Endzeitrede« Jesu wesenseigen eschatologisch (endzeitlich) gezielt ist, kommt es zum Phänomen, dass das Gleichnis der Zehn Jungfrauen in eine vorher gefasste Eschatologie (Endzeit-Theorie) eingeordnet und dann vom übergeordneten Standpunkt aus systemkonform gedeutet wird. Dies kann man in allerlei Traditionen beobachten, auch bei den »Dispensationalisten«, von denen es allerdings viele unterschiedliche Richtungen gibt. Als Beispiel seien die »Plymouth Brethren« genannt, die in der Endzeitlehre durch die Lehren von J.N. Darby (1800–1880) stark geprägt wurden (Traditioneller Dispensationalismus). Die Ideen, die Darby damals vortrug, sind allerdings auf frühere Quellen zurückzuverfolgen, auch wenn Darby seine Quellen nie offenlegte, eher den Eindruck vermittelte, dass er das selbst (er/ge)funden habe. Der »Dispensationalismus«, den heute allgemein bekannt ist, geht jedoch auf den Amerikaner Cyrus I. Scofield (1843–1921) zurück, der mit der von ihm kommentierten Scofield-Bibel (erste Ausgabe Oxford Press um 1909, erste deutsche Ausgabe ermöglicht durch Gertrud Wasserzug) weite Kreise der Evangelikalen erreicht hat, vor allem in den USA.

Ein anderer Vertreter ist noch lebende Arnold Fruchtenbaum, ein messianischer Jude oder jüdischer Christ, der das Gleichnis in der Struktur des (viel später entstandenen) Dispensationalismus und des Wissens über den formalen Ablauf einer antiken jüdischen Hochzeit (wovon er nur aus frühestens mittelalterlichen rabbinischen Schriften weiß) abbildet. Hier regiert also nicht der Text, sondern das theologische System des Dispensationalismus. Fruchtenbaum weist mit Recht auf die frappierende Abwesenheit der Braut im Gleichnis hin und entlarvt die unbedachte Gleichsetzung »Brautjungfern=Braut« als ungültig (die christliche Gemeinde wird im NT als eine Braut repräsentiert, z. B. Epheser 5; Offenbarung 19; 21). Er schreibt: »The virgins represent neither the Church nor Israel in this parable, but simply serve to illustrate a point…« (»Die Jungfrauen stehen in diesem Gleichnis weder für die Kirche noch für Israel, sondern dienen lediglich der Veranschaulichung eines Punktes…«). Gemeinsam mit anderen Traditionalisten teilt Fruchtenbaum die Ansicht, dass das Gleichnis im kulturellen Kontext jüdischer Hochzeitsrituale steht. Anders als viele konfessionelle oder historisch-kritische Deutungen sieht er jedoch die Jungfrauen nicht als Symbol für die gesamte Gemeinde (»Braut Christi«) oder für alle Gläubigen allgemein, sondern als eine symbolisierte Gruppe innerhalb eines größeren Endzeit-Hochzeits-Schemas; das Öl ist dabei geistliches Bereitsein für den Bräutigam. Dies alles ist Teil seiner dispensationellen Endzeitlehre.

Für Fruchtenbaum löst sich das Problem der fehlenden Braut dadurch, dass er diese in den Himmel verortet, wo sie seit der »Entrückung« (1Thessalonicher 4) auf den Bräutigam wartet, der sie dann gemäß Matthäus 25 zusammen mit den Brautjungfrauen abholen wird. – Man kann das auch so deuten, dass dieses Gleichnis nichts über die Geschichte (Ontologie) der christlichen Gemeinde sagen will, sondern (funktional) etwas über das richtige, nämlich ausharrende, vorbereitete, Warten.

Man kann Fruchtenbaums Verständnis vlt. so zusammenfassen:

  • Die Braut (Gemeinde) ist im Himmel zur Zeit der Trübsal (Drangsal Jakobs),
  • Die Jungfrauen stehen in dieser Zeit auf der Erde und spielen eine begleitende Rolle. Nur diejenigen mit genügend »Öl« (Geist) sind zugelassen zum Hochzeitsfest (dem Hochzeitsmahl des Messias).

Damit knüpft er das Gleichnis nicht nur an die allgemeine Mahnung zur Wachsamkeit, sondern an einen bestimmten Abschnitt der Heilsgeschichte – nämlich die Phase zwischen Entrückung und Hochzeitsfest, wie sie in vielen dispensationalistischen Modellen beschrieben wird.

Für den biblischen Kontext wäre dann auf jeden Fall noch die Einordnung in die Aussagen von Offenbarung 18–22 angesagt: Verurteilung der Hure Babylon, Hochzeit des Lammes im Himmel (also im engen Rahmen), Wiederkehr Christi auf Erden in Kriegsrüstung, Vernichtung der Feinde, Endgericht der Toten, Friedensreich (Millennium) als öffentliche Festzeit von Braut und Bräutigam, Niederschlagung des letzten Aufruhrs, Hölle als ewige Endstation aller Feinde, neuer Himmel, neue Erde, Gott wohnt inmitten der Menschen. Diese Herangehensweise ist für uns, die wir das ganze NT vorliegen haben, durchaus gültig und angesagt (sog. »weiter Kontext«; analogia fidei). Aber es muss uns klar sein, dass die Jünger in situ das noch nicht so verstehen konnten und auch nicht so verstanden haben (siehe Apostelgeschichte 1,6, also vorpfingstlich!).

Im Gegensatz zum systemkonformen Auslegungsansatz wäre der textkonforme Auslegungsansatz, also mit genauer und exklusiver(?) Beachtung des Kontextes, richtiger und sicherer. Über den Ablauf der Geschichte Israels haben einige Propheten des Alten Testaments geredet, am ausführlichsten und konkretesten sicher der Prophet Daniel. Unter Beachtung dieser Vorgaben ordnen manche die Geschehnisse des Gleichnisses der Zehn Jungfrauen in die letzte Danielswoche, die »Große Trübsal« (s. Matthäus 24,21.29), in der die gläubigen Menschen auf ihre Erlösung durch den Bräutigam harren, ein. Auch dort ist das »Ausharren/Warten«-Motiv entscheidend wichtig.

3. Folgen einer kirchlichen Lehrautorität

Wer auf die Autorität der Kirche als Auslegungsnormgeber vertraut, wird auch hier irre: Tomas von Aquin (Catena aurea) sagt, dass unterschiedliche Kirchenväter das Öl als gute WerkeNächstenliebe oder auch als das Wort der Lehre verstanden haben: Hilarius von Poitiers setzt: »Öl = gute Werke; Chrysostomos: »Öl = Nächstenliebe« und Origenes: »Öl = Wort der Lehre«. Man könnte aus dieser Streubreite schließen, dass sie es nicht begriffen hatten. Aber diese Vielfalt war früher kein Problem, in der antiken und frühmittelalterlichen Exegese wurden Bilder häufig mehrdeutig gelesen, ohne dies als störend zu empfinden. Vielleicht hat diese Kirchenväter der Kontext nicht wirklich interessiert. 

Neuzeitlich folgen auch die Mormonen (Latter-Day-Saints) und die Adventisten der Deutung, dass das Öl der Heilige Geist oder Gottes Wort sei. Hier ein unvollständiger Überblick (Tabelle).

InterpretationSchlüsselargumentHauptvertreter
Öl = Heiliger Geist / geistliche FülleÖl als Licht/Salböl → Präsenz Gottes/GeistEvangelikale Kommentare, ERF, Adventisten
Öl = Glauben/Früchte des GlaubensÖl als Ausdruck von Treue/FruchtGotQuestions, Latter-day Saints
Öl = Gute Werke / Nächstenliebe / WortPatristische Vielfalt historischKirchenväter (Hilarius, Chrysostomos, Origenes
Öl = Allgemeine spirituelle Bereitschaft, nicht nur Heiliger GeistKritik an enger Allegorieneuere hermeneutische Beiträge

Anhang 2: Die Etappen einer antiken jüdischen Hochzeit

Weil heute oft der Zugang zu der antiken Tradition des jüdischen Volkes erschwert ist, sei hier kurz geschildert, wie man heute meint, wie eine antike jüdische Hochzeit ablief.

Kurz gesagt: eine Hochzeit war kein kurzer »Schritt zum Traualtar« oder ins »Standesamt«, sondern ein festlicher Prozess mit Warten, Rufen, Prozession, Verheiratung im Familienkreis und einem großem Hochzeitsmahl über sieben Tage

Phase 1: Verlobung (Erusin / Kidduschin)

  • Die Verlobung war formal und rechtlich bindend, vergleichbar mit einem Ehevertrag. Diese Verlobung war nur durch formale Scheidung zu lösen. Der Ehevertrag (Ketubah) wurde häufig schon vor den übrigen Feierlichkeiten unterschrieben.
  • Während dieser Verlobungszeit galt die Braut als rechtlich »angetraut«, lebte aber weiterhin im Elternhaus, bis der Bräutigam kam, um sie zu holen. Sie wusste ungefähr, aber nicht genau, wann der Bräutigam kommt. Es gab keinen Geschlechtsverkehr, vielmehr war dieser mit strenger Strafe und ggf. Auflösung der Verlobung bedroht.

Biblischer Bezug: »…nur der Vater kennt die Stunde« (Matthäus 24,36), weil die Entscheidung über das Hochzeitsdatum in dieser Phase beim Vater des Bräutigams lag. 

Phase 2: Warten auf den Bräutigam

Hier betreten wir den Hintergrund, den Jesus im Gleichnis nutzt:

  • Der Bräutigam bereitet ein Haus bzw. einen Raum für seine Braut vor. Das kostete einige Zeit und Aufwand. Diese Phase konnte bis zu einem Jahr dauern – also eine echte Wartezeit
  • Die Braut und ihr Gefolge bereiten sich auf den nächtlichen Festauszug am Ende der Verlobungszeit vor: Lampen, Kleidung usw. waren rituell/zeremoniell notwendig. Es war damals üblich, für diese Prozession 10 Lampen samt deren Trägerinnen zu verwenden (Edersheim, S. 455). Die Anzahl von zehn war in vielen Bereichen die Mindestzahl, die bei jedem Amtsakt, Segnung oder Zeremonie anwesend sein musste.
  • Die Lampen waren wohl eher Fackeln, die aus einem Ölbrenngefäß mit Docht/Gewebe und einer Stange bestanden, an der das Lampengefäß (Beth Shiqqua; Mischna Kelim 2,8) hochgehoben wurde.
  • Die genaue Ankunft des Bräutigams war zeitlich unsicher – er konnte erst spät am Abend oder mitten in der Nacht erscheinen. 

Diese Ungewissheit erklärt den zentralen Bezug des Gleichnisses: Die Jungfrauen des feierlichen Gefolges mussten ständig mit ihren Lampen bereit sein, weil sie nicht wissen genau konnten, wann der Bräutigam kam. Er kam wohl aus größerer Entfernung angereist. Die Lampen waren selbstverständlich in dieser Wartezeit noch nicht entzündet.

Phase 3: Prozession und Hochzeitsfeier im Familienkreis

Wenn der Bräutigam kam:

  • Rief man seine Ankunft aus, oft mit einem Schofar-Signal oder Rufen. Es war Brauch, dies im Dunkel  der Nacht durchzuführen. Eine Begrüßungsprozession kam ihm entgegen.
  • Man zündete nun die Lampen an und schmückte sie. Es folgte eine Prozession mit Fackeln oder Lampen durch die Straßen, mit Musik und Gesang, die letztlich zum Festort, meist zur Wohnung der Braut, führte. Personen ohne genügend Öl/Fackeln galten als  nicht vorbereitet, und somit als zeremoniell unpassend und daher ausgeschlossen für die Prozession.
  • Danach ging die Prozession zum Haus der Braut (Abholung) und dann mit der Braut zur vorbereiteten neuen Heimstätte für das bald verheiratete Paar, meist in das Haus des Bräutigams oder dessen Eltern.
  • Erst nach dem Eintreffen von Bräutigam und Braut in der neuen Heimstätte begannen die formalen Hochzeitsfeierlichkeiten inklusive Festmahl (Seudat Nissuin) im engeren Rahmen der Familien. 

Phase 4: Öffentliche Präsentation des Brautpaares und anschließende Großfeier

Nach der Zeit der familieninternen Hochzeitsfeier im Haus und Vollzug der Ehe präsentierte sich das Ehepaar feierlich der Öffentlichkeit, vor allem einer meist großen Schar von Geladenen, und feierte mit diesen mehrere Tage lang (vgl. dazu Matthäus 22,1–24; Johannes 2,1–11).

Von dieser Phase ist im Gleichnis nicht die Rede, da in dieser Phase die Zeit des Wartens vorüber ist.

Hier nochmals die im Gleichnis verwendeten Parallelen zur jüdischen Hochzeit:

  • Unbekannter Zeitpunkt: Das Kommen (Parousie) wird angekündigt, aber nicht datiert.
  • Warten mit Lampen: Zeit der Wachsamkeit.
  • Prozession und Feier:  Endgültige Gemeinschaft mit dem Bräutigam (Christus).
  • Nicht Eingelassene, Unvorbereitete:  Warnung vor mangelnder Bereitschaft.

Kernpunkte für das Verständnis

ElementBedeutung im BildbereichBedeutung im Gleichnis
Verlobung / ErusinBindende Vorphase mit WartestatusErwartungshaltung
Warten mit LampenNächtliche Phase der Erwartung; alle schlafen: es dauerte wohl sehr langSymbol für stetige Bereitschaft, zumindest beim Erwachen
Ankunft des BräutigamsBeginn der ProzessionEschatologische Parallele
Prozession & FestÖffentliche Darstellung der Ehe/HochzeitsfeierGemeinschaft mit Bräutigam Christus
Ölmangelunvorbereitet und damit ungeeignet zur TeilnahmeWarnung für die Jünger

Anhang 3: Rabbinische Texte für Hintergrund von Matthäus 25

Einige rabbinische Schriften reden von den Dingen, die Hintergrund des Gleichnisses sind. Die Redaktionszeitpunkte werden mit angegeben, um zeigen, dass diese Schriften um Jahrhunderte nach Christus liegen, also deutend mit Vorsicht zu genießen sind.

  • bShabbat 153a (Babylonischer Talmud, Traktat Schabbat; ca. 5.–6. Jhdt. nChr): Gleichnis vom König, der seine Knechte zum Mahl lädt – ohne Zeitangabe. Es zeigt: „Warten + unbestimmter Zeitpunkt + Vorbereitung“ ist ein sehr jüdisches, ermahnendes Standardmuster (nicht erst christliche Allegorese).
  • Ketubot 7b–8a (Babylonischer Talmud, Hochzeitssegen, Feststruktur; 5.–6. Jhdt. nChr): Hochzeitssegen / Festfreude / mehrtägige Feier
    Für den Ablauf der Hochzeit (Akteure, Feststruktur) ist Ketubot zentral: Dort sind die später so genannten Sheva Berakhot (sieben Segenssprüche) im Zusammenhang von Hochzeit/Feier belegt. Das stützt die Aussage, dass eine Hochzeit kein »kurzer standesamtlicher Moment«, sondern ein Festkomplex ist mit Riten, Struktur und mehrtägigem Festmahl.
  • Jerusalem Talmud Ketubot 1:1 (ca. 350–425 nChr): »Sieben Tage« Festzeit (alte Tradition)
    Der Jerusalemer Talmud führt die »sieben Tage« von Hochzeitsfeiern auf alte Stiftungstradition zurück (»Moses … sieben Tage der Festfreude«).
  • Mishnah Berakhot 2:5 (Mischna-Redaktion: ca. 200 nChr von Rabbi Jehuda ha-Nasi): Bräutigam als zentraler Akteur (rechtlicher/ritualer Status)
    Die Mischna kennt Sonderregelungen für den Bräutigam (z. B. Befreiung von der Schema-Rezitation in der Hochzeitsnacht/den ersten Tagen). Das zeigt, wie stark Hochzeit als sozialer Ausnahmezustand (Pflichten, Ablenkung, Festbetrieb) wahrgenommen wurde. 
  • Ketubot 17a (5.–6. Jhdt. nChr): Hochzeitsprozession als öffentlicher Vorgang
    Ketubot 17a spricht u. a. davon, dass man für »den Einzug der Braut«  (nicht: Bräutigam!) sogar das Thora-Studium unterbricht und dass Hochzeits- und Trauerzug auf der Straße kollidieren können (Prioritätsregeln). Das setzt sehr konkrete Prozessionspraxis voraus

Achtung:  Da viele rabbinische Texte redaktionell deutlich später als Jesus Christus liegen, ist methodisch zu beachten, dass man sie am besten nicht als 1:1-Protokoll eines galiläischen Hochzeitsabends nutzt, sondern als Beleg dafür, welche Motive/Topoi im Judentum als plausibel und didaktisch wirksam galten. Vermutlich weisen sie aber auf Traditionen zurück, die wesentlich älter sind. Priorität in der Auslegung hat der Bibeltext samt seinem Kontext.

Endenoten

[1] Ontologische Gleichsetzung bedeutet, dass zwei Dinge nicht nur als ähnlich oder gleichwertig betrachtet werden, sondern als im Sein identisch oder wesensgleich verstanden. Es geht also nicht um eine bloß sprachliche, funktionale oder metaphorische Gleichsetzung, sondern um eine Aussage darüber, was etwas wirklich ist.