Lesedauer: 22 Minuten. Mit offener Bibel eher 3 Stunden…
Unser schräges Gottesbild
Man bekommt heute auch in christlichen Medien und christlichen Gemeinden ein erstaunlich schräges Gottesbild vermittelt: der »liebe Gott«. Ein lieber, alter Großpapa, der nichts lieber will, als seinen Enkeln süße Geschenke zu machen und sie bei Laune zu halten. Die Kleinen sollen doch ihre Träume verwirklichen. Über ihre Missetaten sieht er freundlich hinweg, auch wenn er manchmal weise sein Haupt schüttelt. Aber er hält sich zurück, redet nicht drein. Schon gar nicht erziehend, gar disziplinierend. Die Kids sollen doch ihrem freien Willen folgen. Das macht doch ihre Gottesbildähnlichkeit aus. Also nur zu! Sünde, Zorn, Grimm und Rache — das passt ins Mittelalter, aber nicht zu unserer Vorstellung von Gott-Vater.
Aber dann liest man in der gesamten Bibel immer wieder von »Gottesfurcht«. Mhhm, das gilt heute sicher nicht mehr. Ein Jesaja mag damals den Schreck seines Lebens gehabt haben, als er plötzlich in den Thronsaal Gottes sehen durfte und die Engel sagen hörte: »Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen, die ganze Erde ist voll seiner Herrlichkeit!« (Jesaja 6,1ff). Er reagierte ja mit völligem Schock auf Gottes Heiligkeit: »Wehe mir!« Auch andere Menschen, die sich plötzlich in der Gegenwart Gottes wiederfanden, hatten ähnliche Reaktionen: ein Abraham (1Mose 17,3), ein Mose mit Aaron (4Mose 16,22) oder ein Hesekiel (Hesekiel 1,28). Nicht gerade die schlechtesten Menschen. Eher große Vorbilder des Glaubens.
Jetzt mach mir bitte bloß keine Angst! Christen, Gotteskindern, passiert so etwas doch nicht mehr! Wie bitte, der große Heidenapostel Paulus erlebte auch so etwas? Ja: Apostelgeschichte 9,4. Der wurde sogar eine zeitlang völlig blind. Und sogar der »Apostel der Liebe«, Johannes, der uns so viel von der Liebe Gottes, des Vaters, schreibt, der fiel auch wie tot nieder, als er Jesus in seiner Herrlichkeit sah. Wirklich? Noch nie gelesen! OK, Du hast recht, es steht so im NT: Offenbarung 1,17. Dieses Buch lese ich sowieso nicht so gerne. Da steht so viel davon, dass Gott zornig, grimmig und rächend ist. Da bleibe ich lieber bei Johannes 3,16! (Kleiner Tipp: Lies weiter bis Vers 36!)
Aber Du machst mich nun schon ganz schön unsicher! Es bedrückt mich geradezu. Das ist doch einseitig, von der Heiligkeit Gottes zu reden, und dass diese Menschen, Christen, Gotteskinder, bis zum Tode schockiert sind, wenn sie Gott sehen in seiner Herrlichkeit. Das ist so bedrohlich! Ich würde da lieber bei dem Bild des liebenden Vaters bleiben. Das reicht mir. »Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!« Was soll ich anfangen mit einem »Wehe mir, ich vergehe!«?
Was hier übertrieben skizziert wurde, ist vielleicht gar nicht übertrieben, wenn man Christen so zuhört. Es ist ein großer, bedenklicher Trend. Er wurde vor 20 Jahren in den USA ausführlich unter »Christen« erforscht.
Moralisch-therapeutischer Deismus
Christian Smith und seine Mitforscher von der National Study of Youth and Religion (NSYR) an der University of North Carolina at Chapel Hill untersuchten anfangs dieses Jahrhunderts eingehend die religiösen Überzeugungen amerikanischer Teenager. Dabei stellten sie fest, dass der Glaube, den die meisten Jugendlichen vertraten und beschrieben, im Wesentlichen auf etwas hinauslief, das die Forscher als »moralistisch-therapeutischen Deismus« bezeichneten. Er besteht aus Überzeugungen wie diesen:
- Es gibt einen Gott, der die Welt erschaffen und geordnet hat und über das menschliche Leben auf der Erde wacht.
- Gott möchte, dass die Menschen gut, freundlich und gerecht miteinander umgehen, wie es die Bibel und die meisten Weltreligionen lehren.
- Das zentrale Ziel des Lebens besteht darin, glücklich zu sein und sich selbst gut zu fühlen.
- Gott muss im eigenen Leben nicht besonders stark einbezogen sein, außer wenn man ihn braucht, um ein Problem zu lösen.
- Gute Menschen kommen in den Himmel, wenn sie sterben.
Die drei Attribute moralistisch – therapeutisch – deistisch sind dabei sehr bewusst gewählt:
- moralistisch: Der Glaube bedeutet vor allem: Sei ein guter Mensch.
- therapeutisch: Der Glaube soll dazu beitragen, dass ich glücklich bin, mich wohlfühle und mit meinem Leben zurechtkomme.
- deistisch: Gott existiert zwar und hat die Welt geschaffen, bleibt aber normalerweise auf Distanz, lässt mich in Ruhe. Außer man braucht Hilfe, dann soll er natürlich helfen!
Das theologisch Interessante an Smiths Befund ist, dass er damit nicht einfach Unglauben beschreibt. Die Jugendlichen hielten sich vielfach durchaus für Christen. Smiths These war vielmehr, dass sich unter der Oberfläche traditioneller christlicher Sprache faktisch eine andere Religion herausgebildet habe. (Quelle: Christian Smith with Melinda Lundquist Denton, Soul Searching: The Religious and Spiritual Lives of American Teenagers (New York: Oxford University Press, 2005), S. 162–163).
Also: Viel religiöses, emotionales Gerede. Meistens dreht sich alles um ich, mir, meiner, mich. Ich fahre, wohin ich will. Ich verwirkliche mich. Live your Dreams! Ich sitze selbst am Steuer. Gott brauche ich natürlich auch. Er soll mir die nächste Tankfüllung bezahlen. Und ab und zu brauche ich ihn auch als kosmischen ADAC.
Der Wahrheits-Check
Unsere Kultur schwebt mit dem Zeitgeist sanft dahin. Auch in den Gemeinden. Da wird schmerzlich bewusst, dass die Kirche stets der Reformation bedarf. »Ecclesia semper reformanda« bedeutet ja gerade nicht, dass sich die Kirche dauernd dem Zeitgeist anpassen sollte (was Programm mancher Kirchen zu sein scheint), sondern sich immer wieder aus der Deformation lösen muss, indem sie sich zum Original wendet und die Hilfs- und Stützmuskeln aufbaut, wie ein durchgesackter Skoliose-Patient in der Krankengymnastik. Mancher Blick in den Ganzkörperspiegel des Wortes Gottes wirkt da ernüchternd.
The Solid Rock
Zuerst halten wir fest, dass ein wiedergeborener Mensch durch Buße (Umkehr zu Gott) und Glauben zu Gott gekommen ist. Das waren seine ersten Lebensregungen durch den Heiligen Geist. Durch die Geburt von oben (Gott) her ist er nun ein »geliebtes Kind Gottes« (Epheser 5,1). Das ist ewiger Fakt, wir reden hier nicht über Probe- oder Bewährungs-Kindschaft, sondern den freien, liebevollen und gewollten Zeugungsakt durch Gottes Geist selbst (lies Johannes 3). Wer an Gott und das Rettungswerk Jesu am Kreuz glaubt, weiß sicher, dass der gerechte Zorn Gottes über seine Sünden am Kreuz durch Jesu Sterben, sein Blutvergießen, völlig absorbiert worden ist (Hebräer 10,14). Weil Jesus Christus den Zorn Gottes in Gänze und Fülle stellvertretend für diesen Glaubenden ertragen hat, hat er Gott als Weltenrichter nie mehr zu befürchten. Er darf wissen: Der, der einst jedem das Endurteil aussprechen wird, ist derselbe, der Dich bereits mit seinem eigenen Blut erlöst und auf immerdar gerecht gesprochen hat. Glaubende erscheinen eines Tages vor dem »Richterthron des Christus«, aber da geht es um Lohn, nicht mehr um Errettung (1Korinther 3,12–15; »er selbst aber wird errettet werden«!). Wir erscheinen nicht vor dem »Großen Weißen Thron« wie die »Toten«, für die die ewige Verdammnis das sichere Urteil sein wird (Offenbarung 20,11–15).
Der Glaubende darf sich freuen, dass sein Name im Himmel angeschrieben ist (Lukas 10,20). Niemand kann oder wird diesen Eintrag auslöschen, er darf sich darüber freuen, wie über kein Zweites. Welche Sicherheit! Welche Ruhe der Seele! Er hat »einen sicheren und festen Anker der Seele«, der bis ins Heiligtum(!) reicht (lies Hebräer 5,16–20). Er darf wissen, dass Gott ihn mit ewiger Liebe erwählt hat, denn er gehört zu Gottes geretteten Volk (Jeremia 31,3). Er hat sogar die Liebe Gottes durch den Heiligen Geist ins Herz ausgegossen bekommen (Römer 5,5). Mehr geht nicht. Näher zu Gott geht nicht. Daher: die »vollkommene Liebe treibt [diese falsche] Furcht aus« (lies 1Johannes 4,17–18).
Der Schock des großen Propheten Jesajas
Zum richtigen »Gottesbild« gehört aber auch die Szene in Jesaja 6. Es ist nicht einzusehen, warum eine Betrachtung der Selbstoffenbarung Gottes in diesem Abschnitt des Wortes Gottes das biblische Gottesbild je erschüttern könnte, sie gehört ja mit dazu. Erschütterung oder Dissonanz kann nur erfolgen, wenn man vorher ein nicht vollständig auf die Bibel gegründetes Gottesbild hatte. Insofern ist auch dieser Text aus dem »Wort der Wahrheit« eine notwendige und erbauliche Pflege der Erkenntnis Gottes, die Gott selbst will. Er offenbart sich ja selbst in diesen Texten, weil Er will, dass wir alle richtig (=biblisch) von Ihm denken. Sonst geht Anbetung »in Geist und Wahrheit« nicht. Der Geist Gottes im Glaubenden will aber solche Anbetung durch die Glaubenden fördern! Immerhin wurden die »Bluterkauften« alle zu seinen Priestern! (Offenbarung 1,5).
Der Schock des großen Apostels der Liebe
Selbst der »Apostel der Liebe«, Johannes, hatte ähnlich traumatische Erlebnisse, als er Jesus Christus in seiner richterlichen Herrlichkeit sah (lies Offenbarung 1,17). Das zeigt uns wieder einmal, dass es völlig verfehlt wäre zu meinen, dass der Gott des AT ein anderer sei, als der im NT. Oder dass für uns Christen ein anderer Gott sei, als für die Gottgläubigen anderer Epochen der Gnade Gottes. Gott ist unwandelbar. Nur seine Selbstoffenbarung im Wort Gottes war fortschreitend.
Wenn also selbst die »besten Christen«, wie ein Apostel Johannes, solchen Schock erlebten, was schließen wir daraus? Genau dieser Apostel lehrt uns so viel über die Sicherheit unseres Heils in Christus! Das Problem, dies alles harmonisch zusammenzuhalten, ist in uns begründet. Das Wort Gottes ist ohne Widerspruch klar: Gottesfurcht und Gottesliebe gehören ganz harmonisch und wesensvereint zusammen. Bei Gott zumindest. Man muss eben die ganze Wahrheit lesen (s.u.). Wir müssen dann lernen, diese Wahrheit Gottes noch in Kopf, Herz, Mund und Tat umzusetzen. Ganz persönlich – und ganz öffentlich in der Verkündigung.
Wie steht es also um das Fürchten?
Da muss nun eine Bibelarbeit her. Im Folgenden steht als Handreichung eine Liste, die gut die These belegt, dass auch die vielgeliebten Kinder Gottes, die »im Sohn« sind, immer noch und ewig Gott zu fürchten haben. Die Frage ist: Wie? Hauptsache ist, wir suchen eine Antwort auf diese Frage(n)! Und zwar im Wort Gottes. Das »reformada« geht nur dann in die richtige Richtung, wenn Gottes »Bild gesunder Worte« uns gesunden lassen darf.
Wenn die Verkündigung aber stets und reflexartig um alle »unangenehmen« Themen einen Bogen macht, wird sie unausgewogen und lückenhaft. Und dann ist unsere Erkenntnis mangelhaft, sie hängt fast zwangsweise schief. »Die Summe deines Wortes ist Wahrheit« (Psalm 119,160a). Das fordert den Verkündiger heraus, auch unangenehme Wahrheiten der Schrift darzulegen. Hier nun ein paar »Furcht«-Stellen im NT:
- Eines der Kennzeichen der verlorenen Menschen ist: »Es ist keine Furcht Gottes vor ihren Augen« (Römer 3,18, als Zitat aus dem AT: Psalm 36,2). Im Umkehrschluss gilt für Errettete das Gegenteil. Das zeigt die Schrift vielfach auf.
- Paulus unterscheidet deutlich: »Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, wiederum zur Furcht, sondern einen Geist der Sohnschaft habt ihr empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater!« (Römer 8,15). In unser Vater-Kind-Beziehung darf keine Verlustangst oder »sklavische Furcht« mehr herrschen, sie ist sehr intim und voll Urvertrauen (»Abba«!). Aber das ist nicht alles, was die Bibel zu sagen hat.
- Dem Erlösten gilt auch nicht mehr: »Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen!« (Hebräer 10,31). Warum? Weil Jesus stellvertretend für jeden Glaubenden dieses Furchtbare am Kreuz ertragen hat: »Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?«! (siehe auch Hebräer 10,27).
- Der Apostel Paulus schreibt aber von einer legitimen Furcht: »Da wir nun diese Verheißungen haben, Geliebte, so lasst uns uns selbst reinigen von jeder Befleckung des Fleisches und des Geistes, indem wir die Heiligkeit vollenden in der Furcht Gottes.« (2Korinther 7,1). Offenbar gibt es keine vollkommene Heiligung (also kein Jesus-ähnlicher-werden), wenn man nicht »in der Furcht Gottes« steht. Daher kann man auch bzgl. der Frage, warum es so wenig Heiligung gibt, als eine Hauptursache vermuten: Man hat der Furcht Gottes abgesagt. Man verdrängt sie. Sicher ein wichtiger Zusammenhang.
- Daher schreibt Petrus, dass Gott zum Vater haben und Furcht zu haben, keine Widersprüche sind: »Und wenn ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person richtet nach eines jeden Werk, so wandelt die Zeit eurer Fremdlingschaft in Furcht« (1Petrus 1,17). Damit ist das gesamte Leben als Christ und Gotteskind gemeint.
- Auch rettende Buße wird massiv vom Motiv der Gottesfurcht befördert: »Denn die Betrübnis Gott gemäß bewirkt eine nie zu bereuende Buße zum Heil; die Betrübnis der Welt aber bewirkt den Tod. Denn siehe, eben dieses, dass ihr Gott gemäß betrübt worden seid, wie viel Fleiß hat es bei euch bewirkt! Sogar Verantwortung, sogar Unwillen, sogar Furcht…« (2Korinther 7,10–11). Man sieht aus dem Zusammenhang, wie gut und heilsam diese Furcht war.
- Das erkennt man auch an folgender Aussage der Schrift: »Durch Glauben bereitete Noah, als er einen göttlichen Ausspruch über das, was noch nicht zu sehen war, empfangen hatte, von Furcht bewegt, eine Arche zur Rettung seines Hauses…« (Hebräer 11,7). Furcht motivierte den gläubigen und gerechten Noah, genau das zu tun, was Gott ihn geheißen hatte, egal was die Menschen im Spott außenherum sagten. Und am Ende war diese Arche sein und sieben weiterer Rettungsmittel! Dies alles deutet auch laut Petrus auf »unsere Arche« Jesus Christus: Wir glauben an ihn, besteigen sozusagen unsere Rettungsarche Jesus Christus, von Furcht bewegt, denn das Gericht Gottes kommt sicher. Denn Gott »… gebietet jetzt den Menschen, dass sie alle überall Buße tun sollen, weil er einen Tag festgesetzt hat, an dem er den Erdkreis richten wird in Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat« (Apg 18, 30).
- Auch im Zusammenleben in der örtlichen christlichen Gemeinde geht es nicht gut ohne ein »einander untergeordnet in der Furcht Christi« (Epheser 5,21). Wenn wir im Zusammenleben als Gemeinde Probleme erleben, sollten wir auch mal an dieser Stelle nach Ursachen forschen.
- Sollten große Probleme der Zerstrittenheit in der Gemeinde auftreten, die zur Lähmung der Zusammenarbeit führen, dann lautet die göttliche Anweisung: »Daher, meine Geliebten, wie ihr allezeit gehorsam gewesen seid, nicht allein als in meiner Anwesenheit, sondern jetzt viel mehr in meiner Abwesenheit, bewirkt euer eigenes Heil mit Furcht und Zittern« (Philipper 2,12). Bei den Angeschriebenen ging es ja nicht mehr um das ewige Heil, sondern um die Lösung ihrer brennenden Probleme miteinander. Die Glaubenden sollten das zusammenhalten: Sie sind »Geliebte« und sie wirken »mit Furcht und Zittern« (vor Gott) an der Lösung unserer (Unheiligkeits-) Probleme. Das bitte zusammenhalten! Unbedingt.
- Judas schreibt für die Gemeinde in der Endzeit klare Anweisungen: »Und die einen, die streiten, weist zurecht, die anderen aber rettet mit Furcht, sie aus dem Feuer reißend, indem ihr auch das vom Fleisch befleckte Kleid hasst.« (Judas 1,22). Wir engagieren uns in der Seelsorge auch in für uns gefährlichen Situationen, weil wir Gott fürchten und nicht möchten, dass jemand »in die Hände des lebendigen Gottes fällt«. Judas vermittelt uns dann im nächsten Satz auch großes Vertrauen, dass wir bewahrt bleiben, wenn wir an Jesus in Gottesfurcht fest hängen bleiben (lies Judas 1,24–25).
- Unsere Gottesfurcht ist auch ein kräftiges »Evangelisationsmittel« für biblisch treue Ehefrauen gg. ihren untreuen Ehemännern: »Ebenso ihr Frauen, ordnet euch euren eigenen Männern unter, damit, wenn auch einige dem Wort nicht gehorchen, sie durch den Wandel der Frauen ohne Wort gewonnen werden mögen, indem sie euren in Furcht reinen Wandel angeschaut haben« (1Petrus 3,1ff). Die »heiligen Frauen« (1Petrus 3,5) waren deshalb Vorbilder und erfolgreiche Ehepartner auch abirrender Ehemänner, weil sie ihre Männer nicht mit sündigem Verhalten gewinnen wollten (und auch nicht mit beständigem »Anpredigen«), sondern die als wahrhaft gläubige Frauen ihre Not und ihre Hoffnung auf Gott setzten. Das macht der Glaube nämlich immer so: er bringt Gott in die Umstände. Gott ist da! Als Ausdruck dieses vorbildlichen Glaubens konnte man ihren »in Furcht reinen Wandel« beobachten. Passt auch nicht so ganz in unseren Zeitgeist, aber wohl zum Geist Gottes. Und den braucht man in dieser Situation not-wendig.
- Auch beim Evangelisieren Unerlöster ist Gottesfurcht eine unverzichtbare Qualität: »Seid jederzeit bereit zur Verantwortung gegen jeden, der Rechenschaft von euch fordert über die Hoffnung, die in euch ist, aber mit Sanftmut und Furcht; indem ihr ein gutes Gewissen habt« (1Petrus 3,15f).
- Derselbe Apostel redet auch von Gottesfurcht im Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis: Knechte (abgemildert und angewandt: Arbeitnehmer) sollen ihren Dienstherren gehorchen. Das tiefe Motiv dazu lautet: »den Herrn fürchtend« (Kolosser 3,22). Die Parallelstelle in Epheser lautet sogar: »Ihr Knechte, gehorcht den Herren nach dem Fleisch mit Furcht und Zittern, in Einfalt eures Herzens, als dem Christus« (Epheser 6,5). Wir sehen: Vom Herrn gewollte säkulare Beziehungen werden von unserer Gottesbeziehung massiv positiv beeinflusst, gefördert und veredelt, denn letztere bringt das Motiv der Heiligung und damit der Ewigkeitsperspektive herein.
- Der Hebräerbrief sagt: »Deshalb, da wir ein unerschütterliches Reich empfangen, lasst uns Gnade haben, durch die wir Gott wohlgefällig dienen mögen mit Frömmigkeit und Furcht.« Begründung: »Denn auch unser Gott ist ein verzehrendes Feuer« (Hebräer 12,28–29). Unser Gottesdienst muss also motiviert und gekennzeichnet sein von: Frömmigkeit und Furcht. – Wir müssen dabei unterscheiden zwischen einer Furcht aus Respekt vor dem Ewigen und Höheren und einer unbegründeten, sklavischen Furcht, die nicht zu unserer Gotteskindschaft und Erlösung passt.
- Früher verstanden Menschen aus dem Alltag ihres Familienlebens noch, dass man die Höheren, die Eltern, gleichzeitig fürchten und lieben kann, ohne Widerspruch. Respekt und Ehrfurcht, manchmal auch Furcht vor der Zuchtmaßnahme, haben oft bewahrt vor dem Sündigen, und so die Beziehung segensreich(er) gemacht. Nehmen wir nun die Ehrfurcht weg und reden nur noch von der Liebe ohne Ehrfurcht, dann geht das schief. Das kann man überall in unserer Gesellschaft und leider auch in der Gemeinde Jesu sehen. Man lese dazu die (für unseren Zeitgeist) provokanten Verse in Hebräer 12,5–11 (Diese Verse sollen uns übrigens nicht entmutigen, sondern ermutigen. Der Kontext liefert nämlich: »Darum richtet auf… Jagt dem Frieden nach mit allen und der Heiligkeit, ohne die niemand den Herrn schauen wird« (usw.)).
- Der Apostel Petrus fordert Glaubende auf: Staatsbürgern (früher: Untertanen) gilt: »fürchtet Gott, ehrt den König« (1Petrus 2,17). Das kann man mit den göttlich gebotenen Grenzen gg. Menschen (»Clausula Petri« in Apg 5,29) auch heute anwenden: Gott gehört die Gottesfurcht, die Ehre dem Höheren.
- Der Apostel Paulus fordert uns auf: »Gebt allen, was ihnen gebührt: die Steuer, dem die Steuer, den Zoll, dem der Zoll, die Furcht, dem die Furcht, die Ehre, dem die Ehre [gebührt].« (Römer 13,7). Es gibt offenbar eine legitime, von Gott geforderte und daher heilsame und gute Furcht. Welche ist hier gemeint? Ich denke, dass Paulus das Gleiche meint wie Petrus (s. Pkt. davor).
- Verfolgten um des Glaubens willen gilt: »Fürchtet aber nicht ihre Furcht« (1Petrus 3,14). Das ist eine augenöffnende Stelle, denn sie geht davon aus, dass es unterschiedliche Arten von Furcht gibt, man also differenzieren muss. Wo man das nicht tut, fällt man in seelenverletzenden Irrtum. Die Furcht der Welt, die Welt der Nichtgläubigen, soll uns nicht erfassen, vielmehr aber die reine Gottesfurcht.
Die gewählte Vorgehensweise hier sollte klar sein: Das war kein: »Ich erzähle Dir, wie ich das sehe« oder »Ich bin der Meinung, dass…«. Sondern ein Führen zu Gottes Wort, wo es von Furcht spricht. Das ganze Wort! (Konkurdanzfunktionen einer digitalen Bibel mögen weitere Stellen aufzufinden helfen.) Dahin, zur Wahrheitsquelle, müssen wir miteinander gehen. Dort hat sich Gott in Wahrheit geoffenbart. Das ist der Maßstab, an dem wir unsere Verkündigung, unsere Lehre, unser Reden (und Beten) und unser Leben messen müssen. Jeder Verkündiger steht in einer großen (manchmal Furcht erregenden!) Verantwortung vor dem Herrn (lies Jakobus 3,1 in Verbindung mit Hebräer 5,12ff).
Wie können wir denn (erfolgreich) leben – ohne Furcht oder mit Furcht?
Es wäre der Verlust des wichtigsten Weisheitsprinzips (Weisheit im AT lehrt uns, wie unser Leben vor Gott gelingen kann), wenn wir die Gottesfurcht aufgeben oder verblassen lassen würden. Dies soll abschließend eine Handvoll Stellen belegen. Sie sind alle wohlbekannt, oft zitiert. Ich nehme nur Stellen aus den Weisheitsbüchern des AT. Sie sollen für sich selbst sprechen:
- »Und zum Menschen sprach er: Siehe, die Furcht des Herrn [adonai] ist Weisheit, und vom Bösen weichen ist Verstand.« (Hiob 28,28). Der Spruch ist hebräische Poesie: der erste Halbsatz entspricht (in Variation) dem zweiten. Daraus lernen wir, dass es ausgesprochen unvernünftig ist, Gott, den absoluten Herrscher [adonai], nicht zu fürchten.
- »Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang; gute Einsicht haben alle, die sie ausüben. Sein Lob besteht ewig.« (Psalm 111,10) – Anfang heißt: Wer das verpasst, der läuft den ganzen Weg dann falsch. Oder anders formuliert: Furcht Gottes hat oberste Priorität.
- »Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Erkenntnis; die Narren verachten Weisheit und Unterweisung.« (Sprüche 1,7) Hier dient ein klarer Tadel als Verstärkung.
- »Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang; und die Erkenntnis des Heiligen ist Verstand.« (Sprüche 9,10)
- »Die Furcht des Herrn ist Unterweisung zur Weisheit, und der Ehre geht Demut voraus.« (Sprüche 15,33). Nur der Demütige lässt sich belehren. Und Gott ehrt dies(en).
- »Der Herr ist hoch erhaben; denn er wohnt in der Höhe, er füllt Zion mit Recht und Gerechtigkeit. Und es wird Festigkeit deiner Zeiten, Fülle von Rettung, von Weisheit und Erkenntnis geben; die Furcht des Herrn wird sein Schatz sein.« (Jesaja 33,5f). – Offenbar ist die Gottesfurcht etwas sehr Wertvolles, ein Schatz.
- »Das Endergebnis des Ganzen lasst uns hören: Fürchte Gott und halte seine Gebote; denn das ist der ganze Mensch.« (Prediger 12,13). Hier fasst der Prediger (König Salomo) seine ganze Weisheitssammlung zusammen in einem Satz.
Fazit
Wir sehen, dass man bei der Rede von der Furcht Gottes die ganze Schrift beachten muss. Man darf sich nicht Stellen heraussuchen, die einem gefallen – und die anderen ignorieren. Zusammenstellen und Verehren einer Wunschvorstellung von Gott liegt jedem Menschen, denn er ist in seiner Gefallenheit trotzdem unheilbar religiös (Nikolai A. Berdjajew (1874–1948); Auguste Sabatier (1903)) und somit ein beständiger Götzen-Produzent (Johannes Calvin, Institutio I,11,8). Ludwig Feuerbach (1804–1872) deutete Religion als Projektion des Menschen: Nicht Gott habe den Menschen nach seinem Bild geschaffen, sondern der Mensch schaffe sich Gott nach seinem eigenen Bild (Das Wesen des Christentums, 1841). Das ist es, was wir unbedingt vermeiden müssen, denn: Gott hasst unsere Götzenbilder!
Machen wir es doch jenen himmlischen Wesen nach, die Gottes Heiligkeit aussprechen und besingen, und die von seinen heiligen und gerechten Gerichten begeistert sind:
»Und sie singen das Lied Moses, des Knechtes Gottes, und das Lied des Lammes und sagen: Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, Gott, Allmächtiger, gerecht und wahrhaftig deine Wege, o König der Nationen!
Wer sollte nicht dich, Herr, fürchten und deinen Namen verherrlichen? Denn du allein bist heilig; denn alle Nationen werden kommen und vor dir anbeten, denn deine gerechten Taten sind offenbar geworden.« (Offenbarung 15,3–4)
Der Kontext jeder Stelle lehrt uns zu differenzieren: es gibt richtige und gebotene Furcht und es gibt falsche und verbotene Furcht. Jedenfalls gilt für erlöste Gotteskinder, dass sie sich in einer Hinsicht nicht fürchten dürfen, aber in anderer Hinsicht sich sehr wohl fürchten sollen. Wir dürfen hier nicht einseitig werden, um vielleicht einen Schock damit ungläubig abzumildern. Lauge zur Säure gießen, um diese zu neutralisieren, mag an anderer Stelle produktiv und nützlich sein. Hier nicht. Hier gibt es nichts zu »neutralisieren«. Nichts beißt sich. Alles passt. An seinem göttlich gegebenen Ort (Kontext).
Ich denke, eine weitere praktische und heilsame Anwendung von Jesaja 6 wäre, dass wir deutlich mehr Ehrfurcht vor Gott an den Tag legen sollten, wenn es um einen Berufungsvorgang seitens Gottes(!) geht. Jesaja wird hier als Prophet Gottes in den Dienst gestellt, das ist der Kontext. Ein »Mach mal!« ist im Dienst Gottes regelmäßig zu wenig. Und ein »Das haben wir immer schon so gemacht!« braucht vielleicht die glühende Kohle vom Altar Gottes auf die Lippen, damit die Traditionsargumente dort wegbrennen und Gottes reiner Wille verkündet und getan wird. Zittern ist angesagt. Aber gewiss nicht aus Menschenfurcht. Gottesfurcht ist es: Weil wir Ihm vertrauen.
Beachten wir stets diese wichtige Unterscheidung: »Menschenfurcht legt einen Fallstrick; wer aber auf den Herrn vertraut, wird in Sicherheit gesetzt.« (Sprüche 29,25). Insofern ist es übel und schädlich (Falle!), anstelle von Gottesfurcht dauernd mit Argumenten der Menschenfurcht zu arbeiten, wenn es um die Dinge des Herrn und Seiner Gemeinde geht – das ist eine große Bau- und Schwachstelle.
Der Heilige Geist möge uns sein Wort auf die Seele legen und unser Denken biblisch umgestalten. Er wird der Glaubenden dahin führen, mit Überzeugung anbetend zu sagen: »Wer sollte nicht dich, Herr, fürchten und deinen Namen verherrlichen? Denn du allein bist heilig«!
Literaturverweise
Hier eine Liste von Links zu Artikeln und Werken anderer Autoren zum Thema. Sie haben zum Teil auch eigene weitere Verweise auf Quellen. Wie immer, so gilt auch hier: Alles anhand von Gottes Wort prüfen und nur das Gute behalten (1Thessalonicher 5,21).
- Sehr zu empfehlen. Gründlich, den Zeitgeist in der Gemeinde widerlegend: A. W. Tozer, Muss man Gott fürchten? – Das Gottesbild der Postmoderne. Kostenloser Download des Verlags CLV: https://clv.de/Muss-man-Gott-fuerchten/255281
- Zum Thema direkt sehr zu empfehlen, der »Klassiker«: R. C. Sproul, The Holiness of God (1985/1998). Diese verschrifteten Vorträge waren und sind ein Segen für Gemeinden in aller Welt. Sproul hat dazu auch Lehr-Videos gemacht (amerikanisch).
- Sehr zu empfehlen: https://www.evangelium21.net/media/3311/sechs-fragen-zur-gottesfurcht
- Sehr zu empfehlen: D. A. Carson, Die komplexe Lehre von der Liebe Gottes (Greven: Solid Rock, o. J.). Hierin besonders das Kapitel: Gottes Liebe und Gottes Zorn, S. 63–80. Man findet das Original (englisch) auch im Internet zum Download: The Difficult Doctrine of the Love of God (Wheaton, IL: Crossway, 2000). Link: https://media.thegospelcoalition.org/documents/carson/2000_difficult_doctrine_of_the_love_of_God.pdf (vgl. auch den Vortrag: https://www.thegospelcoalition.org/sermon/distorting-the-love-of-god/). Siehe auch hier.
- Empfehlenswert: https://www.bibelstudium.de/articles/ 3022/gottesfurcht.html
- Teilaspekt: https://rogerliebi.ch/faq/faq-r00109/


