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Jeder Redner und Prediger kennt das Erleben, dass nach dem Vortrag oder der Predigt jemand zu ihm kommt und etwas korrigieren will. Sind Hauptsachen angesprochen, kann dies zu fruchtbarem brüderlichen Austausch führen. Nicht selten betrifft das Kritisierte aber nicht die Hauptbotschaft des Vortrags oder der Predigt, sondern eine Nebenbemerkung, einen Nebengedanken, ein »Ex-tempore«. Dann wird das Fruchtbare schnell zum Furchtbaren. (Was die Stellung eines »R»s doch bewirken kann!)
Solange Nebensachen Nebensachen bleiben, ist alles OK. Was aber, wenn jemand immer in der Predigt sitzt und nur auf das sprichwörtliche »Haar in der Suppe« wartet, damit er die ganze Suppe abweisen kann?
Wir wollen einmal speziell über dieses dysfunktionale, ja ungeistliche, Verhalten nachdenken. Denn als Prediger sind wir uns hoffentlich bewusst, dass in der Predigt Gott selbst durch Sein Wort zu den Zuhörern reden will – und damit die Zuhörer in Verantwortung vor Gott Selbst setzt. Hier reden wir dann nicht mehr von einer Kleinigkeit, sondern einer Sache, die Konsequenzen hat: »So habt nun acht, wie ihr hört!« (Lukas 8,18 SCH2000), sagte der Herr Jesus selbst.
Dankenswerter Weise lässt sich dieses Verhalten sowohl psychologisch wie auch geistlich recht gut erklären. Es geht meist nicht um »Kritikfähigkeit« im Sinne geistlich motivierter Prüfung, die wünschenswert ist (1Thessalonicher 5,20–22). Vielmehr hört hier der Hörer nicht primär, um zu verstehen, zu prüfen und das Gute anzunehmen, sondern er hört mit einem inneren Fehlersuchverlangen. Dadurch bekommt ein tatsächlicher oder vermeintlicher Fehler ein Gewicht, das in keinem Verhältnis zum Ganzen steht. Sein Hören wird eine grotesk verzerrte Version der tatsächlich gehaltenen Predigt.
Man könnte den Unterschied bei den Zuhörern zugespitzt so formulieren:
- Der prüfende Hörer fragt: »Was davon ist wahr und was soll ich annehmen?«
- Der fehlerorientierte Hörer fragt: »Wo finde ich etwas, weshalb ich das Ganze nicht annehmen muss?«
Das ist gerade bei Predigten geistlich bedeutsam. Wir überlegen kurz, was hier in der Seele vermutlich (!) vorgeht und schauen dann an, was Gottes Wort an sicher zutreffender Erklärung liefert.
1. Was beim »Haaresuchen« psychologisch geschieht
Mehrere Dinge können hier im Denken und Fühlen eines Zuhörers zusammenwirken:
- Negativity Bias. Ein negativer Punkt erhält psychologisch mehr Gewicht als viele positive. Eine zweifelhafte Formulierung kann 40 Minuten guter Auslegung überstrahlen. Diese Tatsache fordert alle Prediger heraus. Aber sie setzt auch die Zuhörer in Verantwortung.
- Confirmation Bias. Hat der Hörer bereits Vorbehalte gegen Prediger, Gemeinde oder theologische Richtung, hört er selektiv nach Belegen dafür: »Ich wusste doch, dass …« Daher ist Predigthören i.d.R. nicht ohne Herzensvorbereitung vor dem Thron der Gnade fruchtbar (1Johannes 1,9).
- Motivated Reasoning. Besonders interessant für die Predigt: Manchmal braucht und sucht deshalb der Hörer einen Fehler. Denn wenn die Botschaft wahr ist, müsste er möglicherweise denken, umkehren, vergeben, gehorchen oder eine liebgewonnene Position aufgeben. Der nebensächliche Fehler bietet dann einen Fluchtweg aus der Hauptaussage.
- Perfektionistische Entwertung. Das Ganze wird nicht danach beurteilt, ob es im Wesentlichen wahr und hilfreich ist, sondern ob es unangreifbar ist. Ein Fehler macht dann aus 95 Prozent Gutem angeblich 100 Prozent Unbrauchbares.
Das kann zur ungeistlichen Abwehrstrategie werden: Der (angebliche oder wirkliche) Fehler wird zum Fluchtweg vor der Wahrheit. Man sucht das Haar in der Suppe, weil man einen Grund braucht, die Suppe nicht essen zu müssen. Das »Haar« dient als Vorwand, eine unangenehme Erkenntnis auf Distanz zu halten: Ich widerlege einen Nebenpunkt und fühle mich dadurch von der Verpflichtung entbunden, mich mit dem Hauptpunkt auseinanderzusetzen. Ist das nicht »schön«?: Das (angeblich) unbiblische Haar liefert den Vorwand, die ganze biblische Suppe zurückgehen zu lassen!
2. Ein bemerkenswertes biblisches Bild
Mir fällt besonders Jesu Wort über die Pharisäer ein:
»Blinde Leiter, die ihr die Mücke seiht, das Kamel aber verschluckt!«
Matthäus 23,24
Das ist vielleicht die antike Variante des sprichwörtlichen »Haars in der Suppe«. Dergestalt Haaresuchen ist mithin pharisäisches Verhalten.
Das Bild der Schrift ist sogar schärfer: Die Mücke war unrein. Man siebte deshalb Flüssigkeiten, damit man nicht versehentlich ein unreines Tier verschluckte. Jesus wirft seinen Gegnern also nicht grundsätzlich vor, dass sie genau hinsehen. Das Problem ist die groteske Verzerrung der Proportionen: größte Sorgfalt gegenüber dem Kleinen, Blindheit gegenüber dem Großen.
Genau das unterscheidet geistliches Unterscheidungsvermögen von ungeistlicher Kritiksucht:
Unterscheidungsvermögen erkennt Fehler und gewichtet sie.
Kritiksucht erkennt Fehler und lässt sie das Ganze verschlingen.
Das ist für Predigthörer eine wichtige Unterscheidung. Apostelgeschichte 17,11 lobt die Beröer ausdrücklich für ihr Prüfen. Christliches Hören soll also keineswegs unkritisch sein. Aber sie untersuchten die Schrift, um festzustellen, ob es sich so verhielt – nicht, um einen Grund zu finden, Paulus nicht zuhören zu müssen. – Die Frage ist: War die Suppe biblisch?
3. Eine kleine Parabel
Vielleicht hilft folgende Parabel, das Problem besser sehen zu können:
Der Gutachter und das Fenster
Ein Mann wurde gebeten, ein neu gebautes Haus zu begutachten.
Er ging durch alle Räume, prüfte Mauern, Dachstuhl, Türen und Fenster. Das Haus war solide gebaut.Schließlich entdeckte er an einem Fensterrahmen einen kleinen Kratzer. »Da!«, sagte er. »Ich wusste, dass mit diesem Haus etwas nicht stimmt.«
Von da an sprach er nur noch über den Kratzer.
Als ihn der Bauherr fragte: »Aber ist das Fundament tragfähig? Ist das Dach dicht? Sind die Mauern gerade?«, antwortete er: »Mag sein. Aber haben Sie den Kratzer gesehen?«
Ein anderer Gutachter sah denselben Kratzer. Er schrieb ihn in seinen Bericht und sagte: »Der Kratzer sollte ausgebessert werden. Aber er sagt nichts über die Tragfähigkeit des Hauses aus.«
Beide hatten denselben Fehler gesehen. Nur einer konnte ihn richtig einordnen.
(Geistliche) Reife zeigt sich nicht darin, dass man keine Fehler bemerkt. Reife zeigt sich darin, dass man Fehler richtig gewichtet.
4. Eine Illustration
Vielleicht hilft auch eine andere kurze Geschichte, den Punkt klar zu sehen:
Ein Mann besucht zum ersten Mal den Louvre. Stundenlang betrachtet er die großen Meisterwerke. Als er herauskommt, fragt ihn sein Freund: »Und? Was hat dich am meisten beeindruckt?«
Er antwortet: »Im dritten Saal hing ein Bild zwei Millimeter schief.«
Der Freund fragt: »Und die Bilder?«
»Welche Bilder? Das schiefe hat mich den ganzen Besuch geärgert.«
Das trifft den Vorgang fast noch besser. Der Mann hat tatsächlich etwas Richtiges gesehen – und doch alles Wesentliche übersehen. Das verarmt.
Vielleicht ist Folgendes eine treffliche Definition von Kritiksucht:
Kritiksucht besteht nicht notwendig darin, Falsches zu sehen. Sie kann auch darin bestehen, Richtiges – aber Unbedeutendes– zu sehen und diesem dann ein völlig übertriebenes Gewicht zu geben.
5. Die geistliche Dimension beim Predigthören
Hier müssen wir 1. Thessalonicher 5,20–21 ansehen. Dort fordert uns Gott durch den Apostel Paulus auf :
»Weissagungen verachtet nicht; prüft aber alles, das Gute haltet fest.«
Die Reihenfolge ist interessant. Paulus kennt weder leichtgläubiges Schlucken noch zynisches Verwerfen. Geistliches Prüfen führt zum Festhalten des Guten.
Man könnte daraus drei Arten des Hörens ableiten:
| Hörhaltung | Leitfrage | Ergebnis |
|---|---|---|
| unkritisch | »Kann ich das einfach glauben?« | schluckt auch Fehler |
| kritisch-skeptisch | »Wo ist der Fehler?« | verwirft wegen des Fehlers auch Wahres |
| biblisch unterscheidend | »Was ist schriftgemäß?« | verwirft den Fehler und behält das Gute |
Es scheint mir offenbar zu sein, dass die dritte Hörerhaltung die biblische Haltung ist. Sie ist die vorbildliche Haltung, mit denen sich vor allem die »Vorbilder der Herde« (1Petrus 5,3) schmücken sollten
Und dazu passt Jakobus 1,19 bemerkenswert gut: »Jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden …« Ein Hörer, der während der Predigt bereits innerlich seine Widerlegung formuliert, hört irgendwann nicht mehr die Predigt, sondern seinen eigenen Gegenargumenten zu.
Man kann so aufmerksam nach dem Haar in der Suppe suchen, dass man am Ende verhungert. Wer die Rolladen seiner Seele herunterlässt, muss sich nicht wundern, dass niemand mehr hereinkommt.
Oder anders gesagt:
Wer nur hört, um Fehler zu finden, wird Fehler finden – aber möglicherweise die Wahrheit verpassen.
In der Sprache von Matthäus 23,24 lautet diese Erkenntnis: »Geistlich reife Christen erkennen die Mücke, ohne deshalb das Kamel zu übersehen.«
Die biblischen Texte in Matthäus 23,24; 1Thessalonicher 5,20–21 und Apostelgeschichte 17,11 liefern genügend Material, über das Thema »Kritikfähigkeit oder Kritiksucht? – Wie ich einer Predigt richtig zuhöre« andachtsvoll und herzerforschend nachzudenken.
Gott, der Heilige Geist ist am Werk. Mögen wir ihn nicht durch Herzenshärtigkeit in unserem Leben zum Verstummen bringen (s. Hebräer 3,7.15; 4,7)!

