Erwählung ist Liebesakt

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Im Folgenden soll die These »Heilsgeschichte ist Liebesgeschichte« etwas vertieft werden, indem der biblisch durchgehende Zusammenhang zwischen Erwählung und Liebe etwas strukturierter belegt wird. Dies könnte als Startpunkt für eigene Untersuchungen dienen, welche ausdrücklich empfohlen werden. Das Thema ist einfach viel zu grundlegend, herzbefestigend und herzerwärmend, als dass man an ihm interesselos vorbeigehen dürfte. 

Die Akzentsetzungen der Erwählung aus Liebe liegen im Alten und Neuen Testament etwas unterschiedlich, weil die Liebes- und Heilsgeschichte sich im AT eher um Israel dreht, wohingegen sie sich im NT allen Menschen zuwendet. Zudem ist die Selbstoffenbarung Gottes und seiner Werke und Absichten fortschreitend. Wir kommen ohne AT oder ohne NT nicht aus, sie sind beide Glaubensgrundlage des Christen.

Altes Testament (AT)

Im AT geschieht Erwählung aus Gottes Liebe vor allem kollektiv: das Volk Israel betreffend. Aber die Bündnisse und die Propheten reden bereits vorausdeutend davon, dass diese Liebe mit allen Folgen erst durch »den Samen Abrahams« möglich sein wird, durch Jesus Christus, dem Messias. Eines Tages »wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen mit Heilung in ihren Flügeln« (Maleachi 3,20; vgl. Jesaja 58,8 u.a.).

5. Mose 7,7–8

»Nicht weil ihr mehr wäret als alle Völker, hat Jahwe sich euch zugeneigt und euch erwählt; denn ihr seid das geringste unter allen Völkern; sondern wegen der Liebe Jahwes zu euch und weil er den Eid hielt, den er euren Vätern geschworen hat…«

Kernaussage. Die Erwählung Israels wird ausdrücklich mit Gottes Liebe begründet, nicht mit Israels Glanz, Schönheit, Leistung oder Größe.

5. Mose 10,15

»Jedoch deinen Vätern hat Jahwe sich zugeneigt, sie zu lieben; und er hat euch, ihre Nachkommen nach ihnen, aus allen Völkern erwählt, wie es an diesem Tag ist.«

Kernaussage. Zuerst kommt von Gottes Seite eine Entscheidung, Israel (die Vorväter) zu lieben. Daraus folgt (kausal) die Erwählung.

Maleachi 1,2–3

»Ich habe euch geliebt, spricht Jahwe; aber ihr sprecht: ›Worin hast du uns geliebt?‹ – War nicht Esau der Bruder Jakobs?, spricht Jahwe. Und ich habe Jakob geliebt, Esau aber habe ich gehasst…«

Kernaussage. Liebe und Erwählung (Wahl zwischen den beiden Zwillingen, entgegen dem Normalfall der Bevorzugung des Erstgeborenen!) wird sehr speziell und ausgesprochen selektiv formuliert. Daher greift Paulus dieses Beispiel auch in Römer 9:10ff auf als Illustration seiner Darlegung der souveränen Erwählung durch Gott.

Jesaja 43,1.4

»Und nun, so spricht Jahwe, der dich geschaffen hat, Jakob, und der dich gebildet hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. … Weil du teuer, wertvoll bist in meinen Augen und ich dich lieb habe, so werde ich Menschen hingeben an deiner statt und Völkerschaften anstatt deines Lebens.«

Kernaussage. Die Erwählung bedeutet stets ein Vorziehen der Erwählten vor anderen. Sie ist ein Besitzergreifen: »Du bist mein« (Bund). Sie schließt das notwendige Heilshandeln an den Erwählten mit ein: »dich habe ich erlöst«. Erwählung ist hier Ausdruck der treuen Bundesliebe Gottes.

Jeremia 31,3

»Von ferne her ist mir der HERR erschienen: Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt; darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Gnade.« (SCHL2000).

Kernaussage. Dies ist sicher die Schlüsselstelle zum Liebeserwählen Gottes. Sie ist eingebettet in der Verheißung des »Neuen Bundes«, dem Nachfolger des erfolglosen Alten Bundes (Mosaischer Bund, Sinai-Bund). Die »ewige Liebe« dauert nicht nur zeitlich lange, sondern ist wesensartig ursprünglich, unerschöpflich und bundestreu (mithin an Gottes Treue gebunden und daher sicher). Diese Liebe wird aktiv gg. den Geliebten: »zu mir gezogen«. Dies ist funktional sehr nahe zu dem, was im NT später als »effektive Berufung« beschrieben wird.

Die logische Struktur des Verses führt von der Liebe zum Ziehen zur Heilsbeziehung. Das entspricht dem, was das NT später detaillierter lehrt: Die ewige Liebe führt zur Erwählung, zur effektiven Berufung (im Evangelium) und zum ewigen Heil, der Verherrlichung (Römer 8,29ff). Jeremia 31,3 macht bereits klar: Liebe ist ontologisch primär zu verstehen. Erwählung ist letztlich Ausdruck der ewigen, wirksamen Liebe Gottes, die das Heil initiiert, trägt und erneuert. – Wen wundert das heute noch, da Gott doch geoffenbart hat: »Gott ist Liebe« (1Johannes 4,16)? Der Geliebte, der ewig von Gott Erwählte, betet Ihn dafür an!

Zusammenfassung: Die theologische Linie im AT

Die Erwählung wird im AT meist korporativ, also für das Volk Israel, gemeint. Aber spätestens in 1Mose 12 wird auch die individuelle Erwählung im Abrahamsbund Leitmotiv der Wiederherstellung, die sich bis in die Ewigkeit nach der Zeit erstreckt. Sonst gilt: Erwählung ist Gottes Wahl Israels in einer Bundesbeziehung. Grundlage und Initiative ist allein der freien, souveränen Liebe Gottes zuzuschreiben. Das Ziel dieser Bundesliebe ist letztlich das vollkommene Heilwerden der Geliebten. Dies gilt zunächst nur Israel, konnte aber im AT nur bei Einzelnen Wirklichkeit werden. Das Heilwerden der (dann) gläubigen Nation Israel ist noch ausstehend, aber durch Gottes Bundes- und Liebestreue sicher.

2. Neues Testament (NT)

Im NT geschieht die Erwählung (Auserwählung) ausdrücklich »in Christus«, denn außerhalb seines Sohnes erwählt Gott-Vater niemand. Das ist nicht Zufall, sondern Seine Absicht, die sich von Ewigkeit zu Ewigkeit durchzieht. Die Auserwählung ist personalisiert, daher werden immer wieder Namen, ein Marker für Persönlichkeit und Individuum, erwähnt. Aber alle Einzelnamen ergeben zusammen auch eine Namensliste, die Gott in einem Buch festgeschrieben und festgelegt hat (s. Studie zum »Buch des Lebens«, i.V.).

Epheser 1,3–5

»Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christus, wie er uns auserwählt hat in ihm vor Grundlegung der Welt, dass wir heilig und untadelig seien vor ihm in Liebe; … nach dem Wohlgefallen seines Willens…«

Kernaussage. Hier werden Liebe und Auserwählung direkt verbunden. Die Liebe ist Auslöser und Vollendung der Liebe Gottes zu »uns«, also jenen »in Christus«. Diese Auserwählung ist eine ewige, sie stand bei Beginn der Schöpfung und der Zeit also bereits fest (die Liste der auserwählten Personen steht daher seit Beginn der Schöpfung bereits im »Buch des Lebens«).

2. Thessalonicher 2,13–14

»Wir aber sind schuldig, Gott allezeit für euch zu danken, vom Herrn geliebte Brüder, dass Gott euch von Anfang erwählt hat zur Errettung in Heiligung des Geistes und im Glauben an die Wahrheit, wozu er euch berufen hat durch unser Evangelium, zur Erlangung der Herrlichkeit unseres Herrn Jesus Christus.«

Kernaussage. Hier wird von Paulus eine Parallelstruktur aufgebaut zwischen »vom Herrn geliebt« und »von Anfang erwählt zur Errettung«. Das Ziel jener Liebe und Erwählung ist, dass die Erwählten die » Herrlichkeit unseres Herrn Jesus Christus« erlangen. Nichts weniger ist das Liebesziel Gottes, dass die Erwählten so herrlich werden wie sein Sohn. Das bedeutet nicht, dass sie zu Göttern werden (das ist analytisch Unsinn, reine Begriffsverwirrung), sondern Jesus, dem menschgewordenen Gottessohn, im Wesen gleich werden, mithin »Teilhaber der göttlichen Natur« werden (2Petrus 1,4). Was das bedeutet, ist schwerlich zu umfassen: Wir werden lieben, reden, denken, urteilen, wollen… wie Jesus Christus! Gigantisch.

Römer 8,29–30

»Denn welche er zuvor erkannt hat, die hat er auch zuvor bestimmt, dem Bild seines Sohnes gleichförmig [zu]sein], damit er [der] Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Welche er aber zuvor bestimmt hat, diese hat er auch berufen; und welche er berufen hat, diese hat er auch gerechtfertigt; welche er aber gerechtfertigt hat, diese hat er auch verherrlicht.«

Kernaussage. Das »Zuvorerkennen« (proginōskō) wird nach biblisch-hebräischem Denken als liebendes Erwählen, als Etablieren einer beständigen Lebensbeziehung in Liebe verstanden. Es geht nicht um Information (schon gar nicht um eine »Prognose«!), sondern um Beziehung, also um Heil, Leben und Fruchtbarkeit. Alles andere macht keinen Sinn.

Römer 9,13 (zitiert Maleachi)

»wie geschrieben steht: ›Jakob habe ich geliebt, aber Esau habe ich gehasst.‹«

Kernaussage. Paulus illustriert und belegt seine Lehraussagen zur liebenden Erwählung der Geretteten mit dem beispielgebenden souveränen Handeln Gottes am Zwillingspaar Jakob und Esau (s.o.). Paulus geht es im Kontext des Zitats jedoch weder um die irdische Geschichte jener zwei Personen noch um jene ihrer Nachkommen und Völker, sondern um das ewige Heil, wie Verse 9,22–24, deutlich machen. Es geht ihm (auch) um »uns, die er auch berufen hat, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Nationen

Kolosser 3,12

»Zieht nun an, als Auserwählte Gottes, als Heilige und Geliebte…«

Kernaussage. Paulus macht deutlich: Wer ein »Auserwählter« ist, ist damit auch ein »Heiliger« und ein »Geliebter«. Das ist alles untrennbar die neue Identität (=was jemand wahrhaft ist) jedes Erlösten.

Zusammenfassung: Die theologische Linie im NT

Im NT wird die Erwählung offenbart und gelehrt als christologisch (nur »in Christus«), meist (aber nicht immer) auf das ewige Heil bezogen und individuell zugespitzt. Die Liebe Gottes ist Initiator, Beweggrund und stabiler Verbindungsgarant und damit ein Erkennungszeichen der wirklich von Gott vor aller Zeit und für alle Ewigkeit Erwählten.

Das Verhältnis von Liebe und Erwählung

1. Grund der Erwählung ist Gottes freier Liebeswille

Es ist Gottes »Wohlgefallen«, also sein ureigener, vollkommener Wille, ob und wo er seine Liebe Menschen frei (=unverdient, nicht als Reaktion) schenkt und diese Menschen zur Lebens- und Liebesbeziehung mit sich auserwählt (vgl. 5Mose 7,8; Epheser 1,4–5). Erwählung ist damit niemals verdienstbasiert (»Lohn«), sondern exklusiv gnadenhaft und von ewiger Liebe motiviert. (Durch die Gnadengabe der Liebe Gottes erzeugt der Heilige Geist im Erwählten angemessene Gegenliebe; damit ist der «Kreis der Liebe« geschlossen, Römer 5,5b.)

2. Die Erwählung zum ewigen Heil ist Ausdruck der Liebe Gottes

Das AT wie das NT (s. z.B. Jesaja 43; 2Thess 2,13) offenbaren uns das liebende Herz Gottes und wie dieses »Herz« den dreieinigen Retter-Gott zu rettendem Handeln bewegt. Gottes Liebe ist konkret und sichtbar geworden in Jesus Christus. Das Kreuz Jesu war dafür weder der Anfangspunkt noch der Schlusspunkt, aber der Wendepunkt: Keiner kann nun noch an Gottes Heiligkeit und Liebe ernsthaft zweifeln.

3. Erwählung aus Liebe ist nicht universalistisch zu verstehen

Man meint, dass der Ausdruck »Auserwählung« sprachlich genügend klar wäre, um das Wortwesentliche zu erfassen, dass der Auserwählungsakt nämlich wesenseigen Nichterwählte zurücklässt; sonst wäre es keine Wahl, keine Auswahl (s. z.B. Maleachi 1, Römer 9). Neben der »allgemeinen Liebe«, die Gott zu allen Menschen und zu allen seinen Geschöpfen hat, gibt es auch eine »spezielle Liebe« Gottes, die er nur zu den von Ihm frei Erwählten hat, von denen er (exklusiv) auch will, »dass [sie] heilig und untadelig vor ihm seien in Liebe« (Epheser 1,4). Gottes spezielle Liebe ist differenziert wirksam, nach Gottes freiem Liebeserwählen.

4. In Christus wird die Spannung neu gerahmt

Da uns Gott sein vorweltlich und konkret (namentlich) gefasstes Auserwählungsergebnis vorenthalten hat, bleibt für die Nachfolger Jesu bis zur Vollendung des Heilsratschlusses Gottes Unklarheit über die Identität jener, die Auserwählte sind. Für die gegenwärtige Zeit (»Gnadenzeit«!) wird den Jüngern Jesu vom Heiland und Gottessohn Jesus Christus befehlsweise aufgetragen, alle Menschen zur Buße (Umkehr) und zum Glauben an Jesus Christus aufzurufen. Der »Erfolg« dieser Mission ist göttlich gesichert, was ein großer Trost und eine große Motivation für jeden Boten Jesu ist (s. z.B. Apostelgeschichte 18,10). Am Ende singt der Himmel dem Lamm Gottes zu: »Du bist geschlachtet worden und hast für Gott erkauft, durch dein Blut, aus jedem Stamm und jeder Sprache und jedem Volk und jeder Nation« (Offenbarung 5,9).

Das Evangelium Gottes ist kein »Angebot« Gottes, sondern sein göttlicher Befehl, wie der Apostel Paulus predigte: »Nachdem nun Gott die Zeiten der Unwissenheit übersehen hat, gebietet er jetzt den Menschen, dass sie alle überall Buße tun sollen, weil er einen Tag festgesetzt hat, an dem er den Erdkreis richten wird in Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat« (Apostelgeschichte 17,30–31).

Wenn nun jemand auf die Predigt des Evangeliums »mit [seinem] Mund Jesus als Herrn bekennt und in [seinem] Herzen glaubt, dass Gott ihn aus den Toten auferweckt hat, [er] errettet werden« wird. »Denn mit dem Herzen wird geglaubt zur Gerechtigkeit, mit dem Mund aber wird bekannt zum Heil« (Römer 10,9–10). Man muss es vor Gott und Mensch aussprechen, und die Worte müssen natürlich aufrichtig und authentisch sein.

Solange »Gnadenzeit« währt, werden alle Menschen zu Jesus Christus als Herrn und Retter gerufen. Welche Menschenmenge sich letztendlich ergibt von solchen, die entsprechend kommen, glauben und errettet werden, wird sich uns erst nach der Gnadenzeit zuverlässig und fehlerfrei offenbaren. Auserwählung spielt also für unsere Mission keine entscheidende Rolle. Es gilt der »Missionsbefehl« Jesu bis zu dessen Aufhebung wegen Zielerreichung!

Warnung. Wer allerdings hartnäckig das Evangelium und den Retter Jesus Christus ablehnt, muss damit rechnen, dass ihm das Wort vom Heil nicht länger angeboten wird. »Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht!« (Hebräer 3,7 u.a.). Die ablehnenden Juden mussten vom Apostel Paulus hören: »Zu euch musste notwendigerweise das Wort Gottes zuerst geredet werden; weil ihr es aber von euch stoßt und euch selbst des ewigen Lebens nicht für würdig erachtet, siehe, so wenden wir uns zu den Nationen.« (Apostelgeschichte 13,46). Das lenkt und begrenzt die Mission auf Menschen, die hören und glauben wollen.

Weiterführende Studien

Weiterführendes liefert u.a. die detailliertere Studie »Auserwählung – Fragen über Fragen« auf diesem BLOG (Link: https://logikos.club/?p=2131).