Heilsgeschichte ist Liebesgeschichte

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»Ist Erwählung nicht unfair? Gott muss doch alle gleich behandeln, wenn er gerecht ist!« Das hört man in manchen Gesprächen in Gemeinden und in Seminaren zur Heilslehre in der Bibelschule. Die Konzepte (oder Kriterien) von Fairness und Gerechtigkeit werden bemüht, um die biblische Lehre der Erwählung zu verstehen – oder eben, anzugreifen. Dazu gibt es eine schnelle und eine ausführliche Antwort.

Hier die schnelle: 1. Fairness ist kein Begriff der Bibel. 2. Gerechtigkeit ist ein Begriff der Bibel. Aber diese Gerechtigkeit ist nicht ein externer Maßstab, der über Gott stünde und daher an Ihn angelegt werden könnte. Es ist andersherum: Weil Gott im Wesen absolut gerecht ist, normieren (bestimmen, definieren) alle seine Worte und Taten, was gerecht ist. Damit erweisen sich die Fragestellung und die darauf folgende Unterstellung als unsinnig.

Das ist ausbaufähig: Die Bibel behandelt den Aspekt der Gerechtigkeit Gottes und wo sie sichtbar wird, ausführlich. Das sollte man gründlich studieren, wenn man mit dem Begriff »gerecht« vor Gott hantiert. Zuallererst wird man verstehen, dass alles Heil ein freier Gnadenakt Gottes ist. Auf Gnadenakte gibt es keinen Rechtsanspruch, auch keinen »moralischen Anspruch« aufgrund irgendeines Verdienstes. Da werden gedanklich Dinge zusammengeworfen, die im Wesen völlig getrennt sind. Verdienst (oder: Lohn) ist immer Gegengabe für Geleistetes. Gnade ist stets freies Geschenk. Gibt Gott einem Menschen dessen gerechten Lohn, wird es schockierend finster und final aussichtslos: »Der Lohn der Sünde ist der Tod« (Römer 6,23a). Man sollte zurückschrecken, von Gott Gerechtigkeit für die eigenen oder die fremden Sünden von Menschen zu fordern. Es ist die Forderung nach sofortigem, ewigen Tod, also Übergang an den Ort der gerechten Bestrafung und dem gerechten Zorn Gottes. Jesus bezeichnet diesen Ort »Hölle« (s. z.B. Bergpredigt; Mt 5,22.29.30; 10,28; 23,15), es ist der »Feuersee« (Offb 20,15 u.a.). Aber auch die Forderung: »Du musst mir (gerechtermaßen) vergeben!« ist bösartige und unsinnige Anmaßung. Gott schuldet –auch im Heil– niemand irgend etwas. Der einzig rettende Weg ist die demütige, gläubige Bitte um Gottes Barmherzigkeit, Gnade, Vergebung der Sünden, verbunden mit der Lebensübergabe, dem Ende aller Rebellion gegen Gottes Willen. »O Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig!« (Lukas 18,13) führt zur Gerechterklärung vor Gott.

Hier die zweite, tiefergehende Antwort: Die Bibel redet oft in Vorbildern und in direkten Lehrtexten davon, dass die Heilsgeschichte eine Liebesgeschichte ist, und zwar in allen Beziehungen. Gott ist Liebe. Und weil dem so ist, scheint sie aktiv und attraktiv durch all sein Handeln im Heil: Gott-Vater schenkt seinem Sohn als Liebesgeschenk eine Braut aus noch unerlösten Menschen, die mit dem menschgewordenen Gottessohn die Ewigkeiten durchschreiten soll. Wie soll das gehen? Ein vorzeitlicher Ratschluss Gottes hat schon die einvernehmliche, perfekte Lösung festgelegt: Gott-Sohn, der Bräutigam, übernimmt aus Liebe zu Seinem Vater und zu seiner erwählten Braut deren gesamte Schuld und gibt ihr neues, ewiges Leben. Er teilt sein eigenes Leben mit ihr! Liebesschwur wird Lebensgarantie. Und Gott, der Heilige Geist, der Geist der Liebe (Römer 5,5; 15,30), wirkt aktiv in der Zeit und in alle Ewigkeit mit allen göttlichen und in allen menschlichen Beteiligten an der Verwirklichung und Sicherung dieses allergrößten Liebeswerkes.

Paulus schreibt unnachahmlich klar und praktisch über diese Liebesgeschichte im Brief an die Epheser:

»Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch der Christus die Versammlung geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat, damit er sie heiligte, sie reinigend durch die Waschung mit Wasser durch das Wort, damit er die Versammlung sich selbst verherrlicht darstellte, die nicht Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen habe, sondern dass sie heilig und untadelig sei.« (Epheser 5,25–27)

John Piper schrieb vor einigen Jahren dazu:

»Ein Mann liebt seine eigene Frau auf eine andere Weise, als er andere Frauen liebt. Und Christus liebt seine Braut, die Gemeinde, auf eine andere Weise, als er die anderen Menschen liebt: Er hat ›sich selbst für sie hingegeben‹. In meiner Predigtarbeit war dies eine der wirksamsten Methoden, meinen Gemeindemitgliedern zu helfen, die Kostbarkeit der fest bestimmten Sühne (org.: definite atonement) als Ausdruck von Gottes auserwählender Liebe zu ihnen zu spüren.

Ich frage sie: Wie wäre es für eine Ehefrau, wenn sie denken müsste, dass ihr Ehemann sie nur so liebt, wie er alle anderen Frauen auch liebt? Das wäre entmutigend. Nein, Er hat sie erwählt, Er hat um sie geworben. Er ergriff die Initiative, weil er sie unter allen anderen Frauen für sich auserwählt hatte. Er hat eine ganz besondere Liebe für sie, eine große Liebe, eine einzigartige Liebe, eine exklusive Liebe. Sie ist sein geliebter Schatz, wie keine andere Frau es ist. Und so sind auch Gottes Auserwählte sein geliebtes und mit Blut erkauftes Volk, wie kein anderes.«

John Piper, My Glory I Will Not Give to Another, in: David Gibson und Jonathan Gibson (Hrsg.), From Heaven He Came and Sought Her: Definite Atonement in Biblical, Historical, Theological, and Pastoral Perspective (Wheaton, IL: Crossway, 2013), S. 640. Fettdruck hinzugefügt. Eigene Übersetzung.

Ist wegen solcher Erwählung aus Liebe Gott oder ein Bräutigam ungerecht? Weil Er sich seine Braut aus ekligen, schuldigen Todeskandidaten frei erwählt, um sie völlig neu und strahlend zu machen? Man spürt, dass dies ein völliger Missgriff in den Begriffen ist, ein grandioses Unverständnis darüber, was im Heilswerk Gottes von Ewigkeit zu Ewigkeit abläuft: Der Vater will Kinder, der Sohn eine Braut für die Ewigkeit. Familie der Liebe, Familie Gottes. – Gottes Idee. Gottes Tat. Gottes Verherrlichung (Römer 11,36).

Jeder, der »dabei sein« will, »dazu gehören« will, der alle Wohltaten und die unbegrenzte, ewige Liebe Gottes im Vater und im Sohn erfahren will, darf –solange noch »Gnadenzeit« ist– sofort den Weg zu Gott beschreiten, den Er einladend im Evangelium vorgegeben hat. Jeder! Wer kommt, den wird Er nicht hinausstoßen! Gott liebt den Menschen so sehr, dass er jedem Menschen sogar befiehlt, umzukehren und an das Evangelium über seinen Sohn Jesus Christus zu glauben. Wie bitte? Man muss dem Menschen sein höchstes Glück befehlen?! Ja, denn er wird es von selbst nie wollen (1Korinther 2,14 u.a). Im Befehlsruf unseres Heiland-Gottes laufen für jeden Menschen höchste Verantwortung und größtes Glück zusammen. Wer vor dem Kreuz Jesu in Buße und Glauben niederkniet, kann das Wunder der Liebe und Heiligkeit Gottes, das dort in Jesus Christus wirksam geschah, anbetend bewundern: »Es ist vollbracht!«

Alles beginnt im Liebeswillen Gottes: »Alles, was mir der Vater gibt, wird zu mir kommen, und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen; denn ich bin vom Himmel herabgekommen, nicht um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat. Dies aber ist der Wille dessen, der mich gesandt hat, dass ich von allem, was er mir gegeben hat, nichts verliere, sondern es auferwecke am letzten Tag. Denn dies ist der Wille meines Vaters, dass jeder, der den Sohn sieht und an ihn glaubt, ewiges Leben habe; und ich werde ihn auferwecken am letzten Tag.« (Johannes 6,37–40). Alles wird vollendet im Liebeswillen Gottes.

Es ist vollbracht!
Jacques Erné (1826–1883), vor 1883.

Es ist vollbracht,
das große Werk, das schwere.
Gott ist gerecht, Ihm ward nun Seine Ehre
durch Seinen Sohn, der laut verkündet hat:
»Es ist vollbracht!«

Es ist vollbracht!
Was Gottes Liebe wollte,

was für den Sünder, den verlornen, sollte
zur Rettung und zum ew’gen Heile sein,
das ist vollbracht.

»Es ist vollbracht!«
durchtönt’s die Ewigkeiten
zu Gottes Lob, zu der Erlösten Freuden;
sie danken Gott, sie beten Jesus an,
dass Er’s vollbracht.

The Church’s One Foundation
Chris Rice, The Living Room Sessions, 2001

The church’s one foundation 
Is Jesus Christ her Lord; 
She is his new creation 
By water and the Word. 
From heaven he came and sought her 
To be his holy bride; 
With his own blood he bought her, 
And for her life he died.


Elect from every nation, 
Yet one o’er all the earth; 
Her charter of salvation: 
One Lord, one faith, one birth. 
One holy name she blesses, 
Partakes one holy food, 
And to one hope she presses, 
With every grace endued.