Wo stand der Baum der Erkenntnis?

Lesedauer: 18 Minuten.

Zwei Bäume im Garten Eden

Das Buch Genesis (1. Mosebuch im Pentateuch) erwähnt mehrfach Bäume, die der Schöpfer-Gott durch sein Schöpfungswort in den Garten Eden gepflanzt hatte. Zum Beispiel:

»Und Gott sprach: Die Erde lasse Gras hervorsprossen, Kraut, das Samen hervorbringe, Fruchtbäume, die Frucht tragen nach ihrer Art, in der ihr Same sei, auf der Erde! Und es wurde so. Und die Erde brachte Gras hervor, Kraut, das Samen hervorbringt nach seiner Art, und Bäume, die Frucht tragen, in der ihr Same ist nach ihrer Art. Und Gott sah, dass es gut war.« (1. Mose 1,11f)

Viele dieser Bäume hatten samentragende Früchte, von denen  sich die ersten Menschen nach Willen Gottes u. a. ernähren sollten:

»Und Gott sprach: Siehe, ich habe euch alles samenbringende Kraut gegeben, das auf der Fläche der ganzen Erde ist, und jeden Baum, an dem samenbringende Baumfrucht ist: Es soll euch zur Speise sein« (1. Mose 1,29)

Im zweiten Kapitel der Genesis wird dieser Schöpfungsakt Gottes nochmals beschrieben und dabei zwei Bäume besonders hervorgehoben:

»Und Jahwe Gott ließ aus dem Erdboden allerlei Bäume wachsen, lieblich anzusehen und gut zur Speise; und den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens, und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.« (1. Mose 2,9)

Zwei Bäume werden von den anderen Bäumen unterschieden durch besondere Erwähnung, durch Namensgebung und durch eine Ortsangabe für den »Baum des Lebens«. Einer dieser Bäume wird aus der allgemeinen Speiseerlaubnis ausdrücklich herausgenommen, Gott spricht ein klares Speiseverbot gegenüber Adam aus (die »Männin« war zu diesem Zeitpunkt noch nicht gebildet worden, das folgt ab Kapitel 2,18ff):

»Und Jahwe Gott gebot dem Menschen [hebr. adam, dem »Erdling«] und sprach: Von jedem Baum des Gartens darfst du nach Belieben essen; aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, davon sollst du nicht essen; denn an dem Tag, da du davon isst, musst du sterben.« (1. Mose 2,16f)

In der Versuchungsgeschichte in Genesis 3 wird dieses einzige Verbot von der Schlange als großer Mangel an Gottes Güte und Liebe dargestellt (3,1), zudem wird die Intention (Absicht) und Wahrheit des göttlichen Verbotes angezweifelt. Es ist also ein verleumderischer Zentralangriff auf das Wesen Gottes. In ihrer Antwort behauptet die Frau folgendes:

Von der Frucht der Bäume des Gartens essen wir; aber von der Frucht des Baumes, der in der Mitte des Gartens ist, hat Gott gesagt: Davon sollt ihr nicht essen und sie nicht anrühren, damit ihr nicht sterbt.« (1. Mose 3,2f)

Die Versuchung verläuft über einen kurzen Dialog zwischen Schlange und Frau »erfolgreich« (besser: »folgenreich«!) zur Ursünde der Frau und Adams (siehe dazu die detaillierte Studie »Was drei para-Wörter über das Wesen der Sünde lehren«; auf diesem BLOG: logikos.club/?p=2019). Der Weg des in Sünde gefallenen Menschen verläuft nun von Gott weg, nach Osten, weg vom Berg Gottes (Eden, wo Gott wohnte), hinaus aus dem Garten Eden auf den Erdboden außerhalb Endes. Die folgende Urgeschichte zeichnet im Folgenden den Weg des Menschen »nach Osten«, von Gott weg, nach. Es ist ein Weg, der von Gräbern, Todesfällen, markiert ist (1. Mose 5,5ff; Refrain: »und er starb«). Erlösungsgeschichte beginnt erst da, wo Gott selbst als Mensch in diese Welt eintritt und den Weg zurück nach Eden, dem »Paradies Gottes« mit dem »Baum des Lebens«, mit dem Menschen geht (s. Offenbarung 2,7; 22,2.14.19). Dies soll hier nicht weiter verfolgt werden.

Wir wissen nun, wo der »Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen« ursprünglich erwähnt wird und was über ihn ausgesagt wurde. Wo also stand er genau?

Der Standort des Baumes der Erkenntnis

Der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, dass es nur vom »Baum des Lebens« ausdrücklich heißt, dass er »mitten im Garten« (hebr. betoch ha-gan) stand (Genesis 2,9). Dies wird für den anderen Baum, den der Erkenntnis, nicht ausdrücklich gesagt. Er wird im Bericht mit Namen angegeben, aber ohne ausdrückliche Ortsangabe.

Anders wird es, wenn wir der Frau in Genesis 3,3 zuhören. Sie sagte zur Schlange:

»… aber von der Frucht des Baumes, der in der Mitte des Gartens ist, hat Gott gesagt: Davon sollt ihr nicht essen und sie nicht anrühren, damit ihr nicht sterbt.« (1. Mose 3,3)

Da muss man genauer hinsehen. Zunächst einmal nennt die Frau nicht ausdrücklich den Namen des Baumes, von dem sie nun spricht. Sie redet von jenem Baum, »der in der Mitte des Gartens ist«. Das wäre nach dem bisherigen Bericht der »Baum des Lebens«. Aus dem Kontext und der Logik der Rede der Frau muss man aber schlussfolgern, dass sie vom verbotenen Baum redet und diesen hier »in der Mitte des Gartens« verortet. Das wirft Fragen auf: Wie ist das zu erklären? Wie ist das zu verstehen?

Da die Frau im selben Satz unsicher und ungenau ist bezüglich des genauen Verbotes Gottes (sie fügt das »nicht anrühren« hinzu!), mögen auch andere Aspekte ihrer Aussage zweifelhaft sein. Zweitens könnte es sein, das sie nicht eine geografische (örtliche) Aussage über den Baum machte, sondern mit der »Mitte« eine subjektiv empfundene Wahrnehmung der Wichtigkeit wiedergab. Die »Mitte« wäre also eher symbolisch als denn geografisch zu verstehen. Diese Unsicherheit bietet Raum für unterschiedliche theologische Deutung, entsprechend gehen die Auslegungen auseinander.

Unterschiedliche Auslegungen des Textes

Der hebräische Befund von Genesis 2,9 und 3,3

Der masoretische Text von Genesis 2,9 lautet wörtlich etwa: »und den Baum des Lebens inmitten des Gartens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse«. Die Ortsangabe »inmitten des Gartens« (beṯôḵ ha-gān) steht unmittelbar beim »Baum des Lebens«. Es bedeutet je nach Kontext »inmitten«, »in der Mitte«, oder allgemeiner »innerhalb«. Rein syntaktisch, also vom Satzaufbau her, ist der nächstliegende Bezug der Ortsangabe der Baum des Lebens. 

Eine zweite Beobachtung ist auch wichtig: Der Vers ist elliptisch aufgebaut, das heißt, er hat Auslassung(en). Das Hebräische sagt nicht ausdrücklich: »nur der Baum des Lebens stand in der Mitte«. Deshalb gibt es Übersetzungen und Kommentare, die den Satz als zusammenfassende Nennung der zwei Sonderbäume lesen. Man muss schon zu den sehr ungenauen »Übertragungen« greifen, um folgende falsche Wiedergabe zu finden: »Mitten im Garten ›standen‹ der Baum des Lebens und der Baum, der zur Erkenntnis von Gut und Böse führt.« (Neue Genfer Übersetzung nach https://www.bibleserver.com/bible/NGÜ). Das ist eine Auslegung, nicht Wiedergabe des Textes.

Dann folgt Genesis 3,3: »von der Frucht des Baumes, der inmitten des Gartens ist«. Hier steht im Singular(Einzahl): »des Baumes, der«. Im Gespräch mit der Schlange meint die Frau damit offenkundig (nur) den einen Baum, von dem zu essen Gott verboten hatte. Das klingt so, als ob der Baum der Erkenntnis aus ihrer Perspektive ebenfalls als ein Baum »inmitten des Gartens« bezeichnet werden könnte. Man beachte: Die Frau liefert keine sachliche Ortsangabe, sondern ihren persönlichen Eindruck, ihr subjektives Wissen, Bewerten und Denken.

Wohin tragen uns die sprachlichen Überlegungen?

Erstens: Der stärkste unmittelbare Satzbezug in Genesis 2,9 lokalisiert (nur) den Baum des Lebens in der Mitte. Das ist der grammatisch konservativste Befund.

Zweitens: Genesis 3,3 zeigt, dass die Frau den verbotenen Baum ebenfalls mit der Formel »inmitten des Gartens« verortet. Das kann heißen: 1.) der Erkenntnisbaum stand auch dort; 2.) der Erkenntnisbaum stand irgendwie nahe beim Lebensbaum, oder 3.) »inmitten« ist hier funktional-symbolisch gemeint, also als »der zentrale Baum der Erprobung« im Kontext. Der Text selbst entscheidet diese drei Möglichkeiten nicht vollständig.

Drittens: Der eigentliche erzählerische Zug ist vermutlich nicht botanisch-geografisch, sondern theologisch: Beide Bäume sind die beiden Brennpunkte der Erzählung: 1.) Gott gibt dem Menschen das Leben und die Fülle (Genuss), weil der Mensch als Geschöpf das Leben nicht in sich selbst hat. 2.) Das Leben und Gedeihen des Menschen ist nur gesichert in Anerkennung, dass der Lebensgeber auch der Gebieter ist, dem man Gehorsam schuldig ist: Der Schöpfungsakt hatte Menschen »im Bild und Gleichnis Gottes« gezeitigt, aber keine Götter (mit wesenseigener Aseität). Dass die Ortsangabe zwischen Genesis 2,9 und 3,3 »wandert«, ist literarisch auffällig und wahrscheinlich beabsichtigt.

Die Auslegung der patristischen und lateinischen Tradition

In der alten Kirche wird der botanisch-räumliche Aspekt meist rasch vom moralischen und sakramentalen verdrängt. Augustinus betont entschieden: Der verbotene Baum war nicht böse an sich; jede von Gott geschaffene Pflanze im Paradies ist gut. Verboten war der Baum vielmehr deswegen, um den Menschen Gehorsam zu lehren. Der Name »Erkenntnis von Gut und Böse« erklärt sich bei ihm daraus, dass der Mensch nach dem Essen am eigenen Leib den Unterschied zwischen dem Guten des Gehorsams und dem Bösen des Ungehorsams erfahren sollte. Damit verschiebt Augustinus die Frage von »Wo stand der Baum geografisch?« zum theologisch-teleologischen: »Wozu diente das Verbot?« (Was war die gute Absicht Gottes, sein Telos, mit diesem Verbot?). Der Garten bleibt bei ihm real, aber der dogmatische Fokus liegt auf ordo, obedientia (Ordnung, Gehorsam) und dem Ursprung der Sünde. Der Baum ist gut; der Sündenfall liegt im Menschen, der zu seinem eigenen Verderben das geringere Gut (Auge, Lust, Begehren) gegenüber dem höheren Gut (Gehorsam Gott gegenüber) wählt.

Thomas von Aquin übernimmt diese Linie. In der Summa Theologiae nennt er sowohl den Baum des Lebens als auch den Baum der Erkenntnis materielle Bäume. Der Baum der Erkenntnis heiße so »mit Blick auf das spätere Geschehen«, weil der Mensch nach dem Essen durch die Strafe den Unterschied von Gut und Böse erfahre. Auch hier ist die Standortfrage sekundär gegenüber der Lehre von Natur, Gehorsam und Strafe.

Die lateinisch-westliche Linie bei Augustinus und Aquin verlagert die Debatte also stark auf Gehorsam, Willensordnung, Sünde und Strafe und später auf die Lehre von der Erbsünde. Der Erkenntnisbaum wird nicht als metaphysisch »schlechter« Gegenbaum zum Lebensbaum verstanden, sondern als guter Baum, der durch das Verbot zum Ort der Prüfung wird.

Die »herzenserforschend-theologische« Deutung des Textes

Man könnte sich fragen, ob und inwiefern man den Text so deuten könne, dass die Aussage der Frau (»inmitten des Gartens«) eine Verschiebung in ihrer Wahrnehmung der Realität darstellt? Dass die Frau sozusagen den »Verbots-Baum« zum Mittelpunkt ihrer subjektiven Vorstellung von Gott macht, statt dass sie den lebensstiftenden »Baum des Lebens« real (objektiv) als Mitte des Garten Edens wahrnimmt.

Zum Glück berichtet die Schrift von den verborgenen Vorgängen im Denken, Fühlen und Entscheiden (dem »Herz«) der Frau. Sie war ja (wie viele lehren) mit »freiem Willen« und unschuldig geschaffen worden. Solchen Menschen begegnen wir ja seit dem Sündenfall nicht mehr, der menschgewordene »Heilige« natürlich ausgeschlossen. Wir müssen also nicht spekulieren, brauchen keine tiefenpsychologische Deutung, der Text reicht. Sehen wir also, wohin ihr »freier Wille« sie führt. 

Wir sehen Frappierendes: Die Wahrnehmung der Frau verschiebt sich vom Lebens-Mittelpunkt und der Fülle des Segens zur göttlich vorgegebenen Grenze ihres Segensraums. Der verbotene Rand wird mental-seelisch zum Zentrum. Das eigentliche Zentrum, das Leben in Fülle, wird überblendet, ausgeblendet, verblasst. Die Frau verändert das Gebot Gottes, warum wissen wir nicht. Letztlich wird die Frau dadurch anfällig gegenüber der Lüge der Schlange. Wir sehen nicht nur eine sprachliche oder rein mentale, sondern eine kognitiv-theologische Verschiebung: ihr Gottesbild hängt schief. Oder ist es schon auf den Boden gefallen?

Jetzt wird es brandgefährlich! Denn ihre falsche Vorstellung spannt eine Leinwand auf, auf die die Schlange einen angeblichen Mangel projizieren konnte. Wo das Gottesbild schief hängt, entsteht eine Zielscheibe für die tödlichen Pfeile Satans. Die Frau fällt auf diese Gott die Ehre abschneidenden Lügen prompt herein. Der Tod folgt dann aber so »gewiss«, wie es Gott vorher gesagt hatte. Wir lernen: Wenn Gottes Ehre in Konkurrenz zu den »Bedürfnissen« und »Gefühlen« des Menschen tritt, führt die Priorisierung des Menschen todsicher ins Verderben, die Priorisierung Gottes aber zu Leben in Überfluss.

Die These dieses Ansatzes lässt sich so formulieren: »Die Bezeichnung des verbotenen Baumes als »inmitten des Gartens« durch die Frau (Genesis 3,3) lässt sich als Hinweis auf eine beginnende Verschiebung der inneren Orientierung lesen, in der das Verbotene jenen Platz des Lebenszentrums einnimmt, der nach Genesis 2,9 (allein) dem Baum des Lebens zukommt. Im Kern wird das Gottesbild verzerrt und verfälscht, was größtes Unheil auslöst.« Diese These ist exegetisch verantwortbar, ohne den Text zu überdehnen.

Fazit

Bleibt man eng am hebräischen Text, kann man Folgendes festhalten:

  • Der sichere Textbefund liefert in Genesis 2,9 ausdrücklich nur vom Baum des Lebens, dass er »inmitten des Gartens« stand. Das ist die objektive Feststellung.
  • Ebenfalls zu beachten ist, dass in Genesis 3,3 die Frau sagt, dass der verbotene Baum »inmitten des Gartens« sei. Das ist ihre subjektive Darstellung. Sie kommt in einem Satz, der eine Falschaussage über das Gebot Gottes enthält; das weckt Zweifel.
  • Folgerung:
    (1) Die Schrift erlaubt nicht die harte Behauptung: »Im Zentrum des Garten Edens stand sicher nur der Baum des Lebens.« 
    (2) Die Schrift erlaubt nicht die harte Behauptung: »Beide Bäume standen sicher beide im Mittelpunkt des Garten Edens.« 
    Der Text hält die Sache bewusst in einer produktiven Spannung. 
  • Der Ansatz der oben dargestellten »herzenserforschend-theologische« Deutung des Textes als innerer Fehlorientierung der Frau, die zur Gedankensünde und dann zur Tatsünde und zum Anstecken anderer zur Sünde führt, ist textlich und exegetisch verantwortbar. Er müsste mit den einschlägigen Stellen des Neuen Testaments geprüft und ergänzt werden.

Warum die Verführung der Frau auch im NT relevant ist

Eine kurze Übersicht samt Kurzkommentar von Bibelstellen im NT soll erste Hilfen bieten, dieses Ur-Ereignis biblisch zu deuten und seine Relevanz für uns Christen zu erfassen. Auch wenn die Frau die Ur-Sünde beging, so ist doch der Mann an ihrer Seite als Repräsentant der Menschen öffentlich verantwortlich für die Ur-Sünde und alle ihre Folgen. Mann wie Frau brauchen Erlösung und Sühnung (usw.). Gott bereitet alles Heilsnotwendige vor und schenkt es jedem Glaubenden frei, wenn er umkehrt, indem er seine Sünde bekennt und an den Retter-Gott glaubt. Die Errettung »allein aus Glauben«, »allein in Christus« gilt seit »Paradies lost« bis »All the children are in«, wenn die Gnadenzeit zu Ende gekommen sein wird.

2. Korinther 11,3

»Ich fürchte aber, dass etwa, wie die Schlange Eva durch ihre List verführte, so euer Sinn verdorben und abgewandt werde von der Einfalt gegenüber dem Christus.«

Hier wird die NT-Gemeinde gewarnt vor der Verführung durch die »Schlange«, den Satan. Paulus nutzt Eva als Typus für geistliche Gefährdung durch List. Im Kontext geht es um die Verführung durch als Wahrheit getarnte Lehre, der die Christen mangels Unterscheidungsvermögen nicht nur keinen Widerstand entgegenbringen, sondern das Falsche »gut ertragen«, als »begehrenswert« geradezu willkommen heißen (s. Kontext). Herausforderung: Werden die Männer wieder schweigen, zuschauen, mitmachen?

1. Timotheus  2,13–14

»… denn Adam wurde zuerst gebildet, danach Eva; und Adam wurde nicht betrogen, die Frau aber wurde betrogen und fiel in Übertretung.«

Hier wird die Lehrautorität in der Gemeinde Jesu Christi exklusiv Männern anvertraut und mit dem Ur-Betrugsfall im Garten Eden begründet. Die Frau dient als Präzedenzfall für Verführbarkeit. Da damit eine geschlechterspezifische Begründung für Teile der Gemeindeordnung (Lehre/Autorität) geliefert wird, wütet der aktuelle Zeitgeist vehement gegen diese Anweisung des Apostels. Hilfreich ist an dieser Stelle der Hinweis, dass die hier vorgegebene funktionelle Differenzierung der Geschlechterrollen keine ontologische Wertaussage mit sich bringt. Die Anweisung wird auch nicht mit der Intelligenz oder fachlichen Kompetenz der Geschlechter begründet, es gibt ganz offenbar kluge Frauen und dumme Männer. Gott nimmt sich sein ureigenes Recht heraus, in seiner Gemeinde die Autoritätsstrukturen vorzugeben. Wem das nicht passt, kann seinen eigenen kirchlichen Verein gründen.

Römer 5,12–19 (zitiert: 5,12.19)

»Darum, so wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod und so der Tod zu allen Menschen durchgedrungen ist, weil sie alle gesündigt haben…  Denn so wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen in die Stellung von Sündern gesetzt worden sind, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen in die Stellung von Gerechten gesetzt werden.«

In diesem Text werden zwei Familien gegenübergestellt, indem deren »Häupter« (Repräsentanten) gegenübergestellt werden. Hier ist Adam das Haupt der Familie aller Menschen, Christus das Haupt der erlösten Familie. Der Fokus ist also auf die Repräsentationsfunktion. Daher wird die Frau, Eva, überhaupt nicht namentlich erwähnt, aber die Sündenfalltradition vorausgesetzt. Gegenüber Gott ist Adam für den Sündenfall des Menschen voll verantwortlich. Da er im Gegensatz zu Eva das Gebot Gottes direkt empfangen hatte (als die Frau noch gar nicht geschaffen war), war seine Sünde eine »Übertretung« und wog daher schwerer. Adams Sünde wird allen Menschen (seiner Familie) zugerechnet, riss alle in den Tod. Dass alle Menschen »in Adam« sind und daher schuldige Sünder vor Gott, zeigen sie unwiderlegbar dadurch, dass sie alle sündigen (Römer 3,23; 5,12). Herausforderung: Welcher Familie gehöre ich an? Wer ist mein »Haupt«?

1. Korinther 15,21–22; 45–49

»… denn da ja durch einen Menschen der Tod kam, so auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in dem Adam alle sterben, so werden auch in dem Christus alle lebendig gemacht werden.«

Auch hier arbeitet der Apostel Paulus wieder mit der Adam-Christus-Parallele: zwei Menschenmengen werden über ihre »Häupter« in Kontrast gesetzt. In diesem Zusammenhang wird wieder Adam, nicht Eva, für die Sünde und die Todesfolge verantwortlich gemacht. Eva bleibt im Hintergrund, auch wenn sie »Mutter der Lebendigen« ist. Adam übernimmt die Repräsentationsfunktion.

Offenbarung 12,9; 20,2

»Und es wurde geworfen der große Drache, die alte Schlange, welcher Teufel und Satan genannt wird, der den ganzen Erdkreis verführt, geworfen wurde er auf die Erde, … Und er griff den Drachen, die alte Schlange, die der Teufel und der Satan ist; und er band ihn tausend Jahre und warf ihn in den Abgrund und schloss zu und versiegelte über ihm,

Diese Stellen in der Offenbarung Jesus Christi identifizieren die Schlange aus dem Garten Eden als Drachen, Teufel und Satan. Auch dies zeigt über die Rückbindung die Wahrheit des Genesisberichts an; wir haben dort keine mythische Erzählung, sondern Gottes (Heils-) Geschichte. Eva wird auch hier nicht genannt, aber über die erwähnte Verführung (20,3) angespielt, also vorausgesetzt.

Johannes 2,16f

»… denn alles, was in der Welt ist, die Lust des Fleisches und die Lust der Augen und der Hochmut des Lebens, ist nicht von dem Vater, sondern ist von der Welt. Und die Welt vergeht und ihre Lust; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit.«

Klassisch werden die drei genannten weltlichen Versuchungen als Anspielung auf den Ur-Sündenfall in Genesis 3,6 gedeutet (sehen – begehren – nehmen) gedeutet:

»Und die Frau sah, dass der Baum gut zur Speise und dass er eine Lust für die Augen und dass der Baum begehrenswert wäre, um Einsicht zu geben; und sie nahm von seiner Frucht und aß, und sie gab auch ihrem Mann bei ihr, und er aß.«

Die inneren Vorgänge der Frau in der Verführung zur Sünde sind exemplarisch für die dann alle Menschen umfassenden Verführbarkeit zur Tatsünde. Wir lernen, dass der Tatsünde die Herzenssünde vorausgeht. Jesus sagt, dass diese Herzenssünde die schwerere und daher bei Gott justiziabel sei (Matthäus 5,21ff). Jakobs markiert die Herzenssünde als Folge der »Begierde«, der Herzenssünde folgt dann als »Vollendung« die Tatsünde (Jakobus 1,15), s.u. Am Fuße dieser Abwärtsrampe wartet der Tod.

7. Matthäus 4,1–11

»Und der Versucher trat zu ihm [Jesus Christus] hin und sprach: Wenn du Gottes Sohn bist, so sprich, dass diese Steine zu Broten werden. … Wenn du Gottes Sohn bist, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: ›Er wird seinen Engeln deinetwegen befehlen, und sie werden dich auf Händen tragen, damit du nicht etwa deinen Fuß an einen Stein stoßest.‹ … Dies alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.«

Die Versuchung Jesu in der Wüste geschah nach 40 Tagen Fasten und laufenden Angriffen des Diabolos (s. Lukas 4,1–2) und kulminierte in diesen drei Versuchungen: Essen (körperliches Verlangen), Schauwunder (um Ansehen zu erringen) und Abkürzung zum globalen Königtum (also, ohne die Sündenfrage zu klären). Alle drei Aufforderungen zur Tat lag kein Auftrag des Vaters zugrunde, sondern war Aufforderung Satans. Jesus musste schon allein deswegen alle drei Aufforderungen als illegitim zurückweisen. Er tat nur, was der Vater ihm hieß, niemals das, was der Teufel Ihm anbot.

Der Kontrast zwischen der Versuchung Jesu in der Wüste zur Versuchung der Frau im Garten Eden könnte nicht größer sein. Die drei Versuchungsbereiche, die bei der Frau »erfolgreich« zur Sünde führten (und wohl bei Milliarden von Menschen seitdem), will Satan auch beim »Sohn des Menschen« wirksam werden lassen. Und Satan zielt bei Jesus Christus genau dorthin, »wo es weh tut«. Aber im Gegensatz zur Frau (und dem schweigenden Adam) kennt Jesus Christus das Wort Gottes, will nur diesen tun, und zerschießt daher alle Versuchungsangebote Satans mit Gottes Wort (alle mit Zitaten aus Deuteronomium, 5. Mose).

Gott sei Dank! Der Heilige erweist sich vor aller Augen als reines und heiliges Opfer (als »Lamm ohne Fehl und ohne Flecken«; 1. Petrus 1,19) und als heiliger Hoherpriester: »Denn ein solcher Hoherpriester geziemte uns: heilig, unschuldig, unbefleckt, abgesondert von den Sündern« (Hebräer 7,26). Vgl. dazu das dreifache apostolische Zeugnis der Sündlosigkeit Jesu: 2. Korinther 5,21; 1. Petrus 2,22; 1. Johannes 3,5).

8. Jakobus 1,14–15

»Jeder aber wird versucht, wenn er von seiner eigenen Begierde fortgezogen und gelockt wird. Danach, wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod

Dieser Text beschreibt die Wirkungskette einer Versuchung zur Sünde. Gott versucht auf diese Weise und mit dieser Zielsetzung keinen Menschen, niemanden. Seine Versuchungen sind Erprobungen des Glaubens und dienen der Reifung (1. Petrus 1,3ff). Hier wird vielmehr beschrieben, wie die Sünde im Sünder (im »alten Menschen«) wirkt. Eva dient implizit als Urmodell der Versuchung (s.o.), die Versuchung wirkt indessen in allen Menschen, da sie alle »Sklaven der Sünde« sind (Johannes 8,34; Römer 6,16–20).