Die Realität des Zornes Gottes – Warum Römer 1 uns heute mehr betrifft als je zuvor

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Einleitung

Die Vorstellung eines zornigen Gottes wirkt für viele Menschen heute fremd, unangenehm und anstößig. In einer Zeit, in der vor allem über Liebe, Toleranz und Selbstverwirklichung gesprochen wird, scheint dieses Thema kaum noch Platz zu haben.

Doch ein Blick in die Heilige Schrift – insbesondere in Römer 1,18–32 – zeigt ein anderes Bild: Der Zorn Gottes ist keine rein zukünftige Größe. Er ist eine Realität, die sich bereits heute in unserer Welt widerspiegelt.

Der Apostel Paulus beschreibt in diesem Abschnitt nicht nur ein kommendes Gericht, sondern eine gegenwärtige Entwicklung: Menschen entfernen sich bewusst von Gott – und Gott überlässt sie zunehmend den Konsequenzen ihres Handelns. Aber gerade in diesem »Laufenlassen« des Menschen in dessen Hybris und Torheit wird Gottes Zorn sichtbar. Dieser unheilschwangere Hintergrund der Gottesfinsternis lässt den rettenden Lichtstrahl des Evangeliums umso heller leuchten.

Das Evangelium macht nur Sinn, wenn wir Rettung notwendig haben

Paulus stellt zu Beginn seines Gedankengangs eine entscheidende Verbindung her: Das Evangelium ist deshalb eine gute Nachricht, weil es vor realer Gefahr rettet.

Ohne Gefahr keine Rettung. Ohne Gericht keine Gnade. Der größte Feind des unerlösten Menschen ist der gerechte Gott als Herzenskenner und Weltenrichter aller. Gott ist nämlich gerechterweise zornig.

Der Zorn Gottes ist dabei nicht als unkontrollierter Gefühlsausbruch zu verstehen, wie es von heidnischen Götzenfiguren manchmal behauptet wird, sondern Gottes Zorn ist Ausdruck seiner strahlenden Heiligkeit und absoluten Gerechtigkeit. Gott reagiert damit auf reale Schuld und die bewusste Abkehr des Menschen von seinem Schöpfer.

Gerade deshalb wird das Evangelium so zentral zur Rettungsbotschaft: Es ist Gottes barmherzige und gnädige Antwort auf die tiefste Not des Menschen.

Der Zorn Gottes zeigt sich schon heute

Ein zentraler Gedanke in Römer 1 ist, dass Gottes Gericht nicht erst am Ende der Zeit beginnt. Es ist bereits jetzt wirksam.

Paulus beschreibt dies mit einem bemerkenswerten Prinzip: Gott „gibt den Menschen dahin“.

Das bedeutet: Er zieht sich zurück und lässt den Menschen die Konsequenzen ihrer Entscheidungen selbst tragen. Diese Form des Gerichts ist zunächst subtil, entfaltet sich aber äußerst real. Sie zeigt sich in einer Abwärtsspirale, die sowohl im persönlichen Leben als auch in ganzen Gesellschaften sichtbar wird.

Wenn Wahrheit bewusst verdrängt wird

Der Ausgangspunkt dieser Entwicklung ist nicht Unwissenheit. Paulus macht deutlich, dass jeder Mensch weiß, dass es einen Schöpfer-Gott gibt.

Doch anstatt diese Wahrheit anzunehmen und entsprechend zu reagieren, unterdrückt er sie aktiv.

Das Problem liegt also nicht im Mangel an Information, sondern in einer bewussten Entscheidung: Der Mensch will unabhängig von Gott leben. Diese Haltung ist der erste Schritt in eine tiefere Entfremdung. Das Geschöpf emanzipiert sich vom Schöpfer. Bittere Beobachtung: Ohne den Schöpfer ist das Geschöpf schnell erschöpft.

Wenn Gott herabgewürdigt und ersetzt wird (Römer 1,21–23)

Aus dieser Ablehnung folgt ein weiterer Schritt: Gott wird nicht einfach ignoriert – er wird ersetzt. Menschen schaffen sich ihre eigenen »Götter«. Diese müssen nicht religiös sein, es gibt genügend viele säkulare Götter und Religionen mit Erlösungs- und Paradiesversprechungen zur Auswahl. Das können Ideologien, Machtsysteme, Erfolgsphilosophien, Identitätsmodelle, Selbstverwirklichung (»Live your Dreams!«), Technologie oder Fortschrittsglaube (Progressivismus) sein.

Doch dieser Austausch hat Konsequenzen. Wenn der Mensch den Schöpfer gegen Geschaffenes und Menschliches eintauscht, verliert er die Orientierung. Denken und Herz werden verfinstert, wie Paulus es beschreibt.

Was zunächst wie Freiheit erscheint, führt langfristig in eine neue Form der Abhängigkeit.

Wenn die Lüge die Wahrheit ersetzt (Römer 1,24–25)

Ein weiterer Schritt in dieser Entwicklung ist der bewusste Tausch von Wahrheit gegen Lüge. Was ursprünglich als richtig erkannt wurde, wird umgedeutet oder relativiert. Maßstäbe verschieben sich. Grenzen verschwimmen. Narrative deuten die geschichtliche und politische Wahrheit um, ein »Ministerium für Wahrheit« übernimmt die Kontrolle über die wahrgenommene Realität (Orwell, 1984).

In diesem Prozess zieht Gott seine ordnende und bewahrende Gnade zurück. Das Ergebnis ist nicht Neutralität, sondern Chaos: Der Mensch verliert zunehmend die Fähigkeit, zwischen gut und böse zu unterscheiden.

Diese pervertierende Dynamik ist kein Zufall, sondern Teil dessen, was Paulus als Gottesgericht des »Dahingebens« beschreibt.

Wenn Ordnungen auf den Kopf gestellt werden (Römer 1,26–27)

Die Folgen dieser Entwicklung zeigen sich auch in den grundlegenden Ordnungen des Lebens, die der Schöpfer mit Segensabsicht verordnet hat, etwa in Beziehungen, Sexualität und Identität.

Paulus beschreibt dies als eine Umkehrung (lat. Perversion) der ursprünglichen Schöpfungsordnung. Dabei geht es nicht nur um einzelne Verhaltensweisen und Fehltritte, sondern um ein tieferes Problem: Die Verbindung zum Schöpfer ist generell und nachhaltig gestört; diese Abkehr führt zur Auflösung seiner Ordnung.

Wo diese kreatürliche Grundlage fehlt, geraten aber auch die darauf aufbauenden Strukturen ins Wanken.

Wenn der Mensch sich selbst verliert (Römer 1,28–32)

Am Ende dieser Entwicklung steht eine umfassende Zerrüttung – sowohl im persönlichen als auch im gesellschaftlichen Bereich. Paulus beschreibt eine Vielzahl von Verhaltensweisen wie Neid, Gewalt, Lüge, Hochmut und Rücksichtslosigkeit.

Das Bemerkenswerte dabei: Diese Dinge werden nicht nur praktiziert, sondern zunehmend akzeptiert und sogar gutgeheißen und »stolz« (engl. pride) gefeiert. Der moralische Kompass geht kaputt, die Gesellschaft läuft in die falsche Richtung. Aber sie ist massenmedial überzeugt worden, auf dem besten Weg zu sein.

Hier wird deutlich, wie tiefgreifend die Veränderung ist: Nicht nur das Verhalten verändert sich, sondern auch die Bewertung dessen, was gut und richtig ist.

Zusammenfassung: Warum das Evangelium unverzichtbar ist

Der Brief an die Christen in Rom zeichnet im ersten Kapitel ein klares Bild: Die größte Krise des Menschen ist im Kern theologisch und geistlich: Er kehrt sich von Gott, seinem Schöpfer, dem er alles zu verdanken hat, ab. Diese Abkehr führt zu einer Kettenreaktion, die Denken, Handeln und ganze Gesellschaften hinunterreißt. Götzendienst, sei es religiös oder säkular oder zivilreligiös, führt aktiv zur gesellschaftlichen Zerstörung.

Gottes Zorn und Gericht zeigt sich dabei gegenwärtig nicht in spektakulären Eingriffen, sondern im »Dahingehenlassen«, also darin, dass er den Menschen auf seinem Fluchtweg von Gott weg einfach laufen lässt.

Doch genau an diesem hoffnungslos scheinenden Lemminge-Wahn setzt das Evangelium an und zeigt als »Gute Botschaft« auf, dass in der heutigen »Gnaden-Zeit« für den Einzelnen feste Hoffnung besteht, wenn er zu Gott umkehrt und an Dessen Rettungswerk persönlich und existentiell glaubt.

Das Evangelium informiert uns: Am Kreuz, wo Jesus Christus für verlorene Menschen starb, sind sich Gottes Gerechtigkeit und seine Gnade und Barmherzigkeit begegnet. Am Kreuz wird deutlich: Gott lässt den Menschen nicht einfach in seiner Situation, Er bietet vielmehr Rettung an. Jeder, der Jesus Christus vertraut, findet Vergebung und Frieden mit Gott, und eine Umkehr zu Gott zurück, was das menschliche Leben erst lebenswert und menschengerecht macht.

Der Zorn Gottes macht das Evangelium nicht überflüssig – er macht es notwendig. Und gerade deshalb ist es die beste Nachricht, die es gibt. Wirksam wird sie aber nur für den, der umkehrt und glaubt.


Bin ich für meine Gemeinde nützlich?

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Lesedauer: 6 Minuten.

Viele Christen verstehen Gemeinde unbewusst als einen Ort, an dem sie empfangen: Predigt hören, Gemeinschaft erleben, geistlich auftanken. Doch Paulus zeichnet in 1Korinther 12 ein ganz anderes Bild: Die örtliche Gemeinde ist kein Zuschauerraum – sie ist ein lebendiger Körper. Und jeder, der zu Christus gehört, ist ein Teil davon. Jeder Gläubige hat eine Aufgabe. Jeder ist Teil des Leibes. Du bist nicht zufällig da. Du wirst gebraucht. Die entscheidende Frage lautet daher nicht: »Was bekomme ich?«, sondern: »Bin ich für meine Gemeinde nützlich?«.

Kontext und Einleitung (12,1)

In 1Korinther 12,1 beginnt Paulus die Beantwortung einer weiteren jener Fragen, die ihm die christliche Gemeinde in Korinth gestellt hatte: »Was aber die geistlichen Gaben betrifft, Brüder, so will ich nicht, dass ihr unwissend seid«. Seine Antwort ist recht ausführlich und erstreckt sich über drei Kapitel: in Kapitel 12 geht es um die Einheit und Vielfalt der Gaben des Geistes, in Kapitel 13 um die Liebe als Antrieb zur Gabenausübung und in Kapitel 14 abschließend ganz praktisch um den ordentlichen Einsatz der Geistesgaben im Wortgottesdienst. Dann erst wendet er sich einer weiteren Frage zu (Auferstehung).

Paulus zeigt in diesen drei Kapiteln, dass die Gaben des Geistes Gottes vom Geist Gottes geprägt sind, was sie in Kontrast setzte zu den offenbar in Korinth ebenfalls gepflegten heidnischen »Geistmanifestationen«. Seinem Mitarbeiter Timotheus hatte er einmal erklärt: »Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Furchtsamkeit gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit (Selbstbeherrschung)« (2Timotheus 1,7). Das kann man gut als Überschrift über 1Korinther 12–14 setzen.

Die Gabengeschenke des Geistes Gottes an die Glieder der Gemeinde sind zwar Geschenke, sie bringen aber eine lebenswichtige geistliche Verpflichtung mit sich: Sie sind kein Selbstzweck, sondern dazu da, die Gemeinde, den »Leib«, aufzuerbauen. Wir lernen: Christliches Glaubensleben ist immer gemeinschaftsbezogen. Paulus stellt in 1Korinther 12,7 fest, dass jeder eine geistliche Gabe hat und dass diese für den Dienst an den anderen bestimmt ist. Die zentrale Herausforderung für jeden lautet also: Was machst du damit?

Die einzigartige Quelle der Geistesgaben (12,2–3)

Die Gottesdienste in Korinth waren offenbar eine Mischung von Echtem und Gefälschtem, wenngleich alles »religiös« und vertraut vorkam. Paulus macht deutlich, dass Gottes Gaben nur im Zusammenspiel mit geistlicher Reife und Ablehnung der alten heidnischen Vorstellungen funktionieren. Nicht jede »geistliche Erfahrung« kommt von Gott. Es gibt auch falsche Geister und Gewohnheiten, die im Heidentum entweder zu Passivität (Weltverleugnung, Askese) oder im Gegenteil zu unkontrollierter Ekstase (Entrücktsein) verleiten. Unterscheidungsvermögen tut da not! Der Heilige Geist befähigt den Glaubenden zu einem bewusstem, planvollen (vernünftigen), zielgerichtetem Dienst. Paulus hilft: Echtes Wirken des Geistes ist immer verantwortungsbewusst und christusverherrlichend.

Die Einheit und Vielfalt der Geistesgaben (12,4–6)

Paulus betont eindrücklich dreifach: Es gibt verschiedene Gaben und verschiedene Dienste und verschiedene Wirkungen. Dies konkretisiert er in Versen 8–10 mit einer ersten Liste solcher Gaben. Aber Quelle, Dienstherr und wunderbar wirksam Machender aller Gaben ist stets er eine Gott. Gottes Geist entscheidet souverän für jeden Christen, welches Glied am Körper der Gemeinde er wird und wie er für dieses Gliedsein und Funktionieren mit geistlichen Gaben ausgerüstet wird (Vers 11).

In Verbindung mit 1Petrus 4,10 verstehen wir, dass jeder wiedergeborene, und daher vom Heiligen Geist bewohnte, Glaubende eine geistliche Gabe empfangen hat. Das Metapher eines menschlichen Körpers ab 1Korinther 12, 12 ist eindrücklich: Wir erkennen zwar viele unterschiedliche Glieder am Körper, aber sie gehören im Geben und Nehmen und Funktionieren zu einem einzigen Körper. Wenn alle in ihrer besonderen Fähigkeit »funktionieren«, ist der Mensch gesund und zu großen Taten fähig und bereit. Anders gesagt: Der Leib, die Gemeinde, lebt dann. Wir lernen: Niemand ist überflüssig. Niemand ist optional. Es gibt im Leib der Gemeinde keine »rudimentären Organe«. Und: Es gibt keine Glieder, die getrennt vom restlichen Leib überleben könnten.

Der Nutzen der Geistesgaben für die Gemeinde (12,7)

Die große praktische Schlussfolgerung lautet: »Einem jeden wird die Offenbarung des Geistes zum Nutzen gegeben« (12,7). Das bedeutet: Deine Gabe gehört nicht dir, sie ist für andere gedacht. Sie hat eine konkrete Funktion, die Gott festgelegt hat. Daher ist Untätigkeit geistlich gesehen keine neutrale Option. Der Nutzen wird konkret angegeben: dass die Gemeinde Gottes auferbaut werde. Jeder ist für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Gemeinde mit verantwortlich. Sei es negativ oder positiv.

Negativ. Wenn du deine Gabe nicht nutzt, sind die Folgen: Du wächst geistlich weniger, anderen fehlt dein Beitrag, die Gemeinde wird geschwächt. Es ist wie in einem Körper, wo ein Körperteil ausfällt. Egal ob das wegen Verletzung, Krampf, Lähmung oder Bequemlichkeit geschieht, die Folge ist immer: Der ganze Körper leidet. – Wir lernen: Passivität schadet mehr, als wir denken.

Positiv. Wenn du (wie alle) deine Gabe nutzt, hat das hingegen viele gute Auswirkungen: (1) Du segnest andere, so wie sie Dich segnen; Geben und Empfangen gehören im Organismus zusammen. (2) Eine aktive Gemeinde wirkt auch nach außen überzeugend, sie hat ein starkes Zeugnis. (3) Aus der Erprobung im Dienst wachsen Leiter heraus, die wieder anderen helfen, ihre Gaben zu erkennen und zu trainieren. (4) Es entsteht eine echte, christliche, herzensverbindende Gemeinschaft im Glauben und Dienen. – Wir lernen: Gemeinde funktioniert nicht durch wenige Aktive (»Professionelle«), sondern durch viele Beteiligte, solange jeder (nur) das tut, wozu er von Gott gesetzt wurde.

Auf manche christliche Gemeinde passt das sarkastische Lob: »Sie leben nach dem olympischen Ideal: Keiner macht, was er soll. Jeder macht, was er will. Aber alle machen mit!«.

Folgen wir aber den Anweisungen des Wortes Gottes ist das Ergebnis ein funktionierender, gesunder geistlicher Leib. Die Ordnung der Gemeinde ist wie die eines lebendigen Organismus‘. Es geht nicht zu wie in einer würdigen Schlossbibliothek mit allerlei beeindruckenden Folianten aus längst verflossenen Tagen, wo alles »an seinem Platz« steht. Das biblische Bild ist ein junger, gesunder Körper, dessen Glieder lebendig zusammenhängen, einander dienen und miteinander den Leib gesund halten, so dass er zielgerichtet, koordiniert und lebendig das Werk Gottes tun kann. Wir lernen: Wenn jeder an seinem Platz im Leib dient, entsteht Einheit, wächst Kraft und wird die Gemeinde außenwirksam.

Call-to-Action

Jeder wiedergeborene Christ muss sich fragen: Bin ich für meine Gemeinde nützlich?

Praxistipp: Nimm dir Zeit für folgende drei Schritte:

  1. Bete: »Herr, welche Gabe hast du mir gegeben?«
  2. Sprich mit deiner Gemeindeleitung oder reifen Christen darüber
  3. Handle: Fang an zu dienen, zunächst im Kleinen. Jeder gabenspezifische Dienst später baut auf die eingeübte Einstellung eines Dieners auf, sonst wird sie unwirksam oder gar gefährlich.

Bedenke: Gottes Plan für deine Gemeinde funktioniert nicht ohne dich. Gott hat dich nicht nur gerettet, er hat dich auch beauftragt. Deine Gemeinde braucht nicht nur deine Anwesenheit, sondern deinen Beitrag.

Im Brief an die Gemeinde in Ephesus fasst Paulus das alles wunderbar zusammen:

»…die Wahrheit festhaltend in Liebe, lasst uns in allem heranwachsen zu ihm hin, der das Haupt ist, der Christus, aus dem der ganze Leib, wohl zusammengefügt und verbunden durch jedes Gelenk der Darreichung, nach der Wirksamkeit in dem Maß jedes einzelnen Teiles, für sich das Wachstum des Leibes bewirkt zu seiner Selbstauferbauung in Liebe.« (Epheser 4,15–16)

Die Frucht des Geistes (Galater 5)

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Lesedauer: 2 Minuten.

Der Apostel Paulus setzt die sündigen, todbringenden »Werke des Fleisches« in Kontrast zu der geistbewirkten, lebenbringenden »Frucht des Geistes«. Diese »Frucht des Geistes« entfaltet sich in neun »Geschmacksrichtungen«:

»Die Frucht des Geistes aber ist: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Gütigkeit, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit« (Galater 5,22–23a)

Man kann diese neunfältige Geistesfrucht unterschiedlich strukturieren. Einen Vorschlag zur Einteilung ist in folgende drei Dreiergruppen: (1) Beziehung zu Gott; (2) Beziehung zu anderen; sowie (3) Selbstführung. Alle drei Beziehungs- und Lebensaspekte sind vom Geist Gottes gestiftet und werden von Ihm im Gläubigen fruchtbar geprägt. Im Einzelnen:

1. Gottbezogene Dimension

Hier geht es um die innere Ausrichtung auf Gott. Dies muss die erste Überlegung sein, sie hat oberste Priorität. Denn Gott zu lieben ist das oberste, erste Gebot und bewirkt die größte Erfüllung des glaubenden Menschen.

  • Liebe (agápē) – grundlegende, göttliche Liebe als Quelle
  • Freude (chara) – geistgewirkte Freude unabhängig von Umständen
  • Friede (eirēnē) – innerer Zustand des Versöhntseins mit Gott

Dieser Dreiklang markiert den Grundzustand des glaubenden Herzens vor Gott.

2. Zwischenmenschliche Dimension

Hier geht es um das Verhalten anderen gegenüber. Der Geist Gottes bewirkt im Glaubenden, dass auch dieser zweite Aspekt des göttlichen Liebesgebotes fruchtbar erfüllt werden kann: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (Galater 5,14)

  • Geduld (makrothymía) – Langmut gegenüber Menschen
  • Freundlichkeit (chrēstótēs) – wohlwollendes, mildes Verhalten
  • Güte (agathōsýnē) – aktives, moralisch gutes Handeln

Dieser Dreiklang markiert die soziale Auswirkung des geistlichen Lebens.

3. Selbstbezogene Dimension

Hier geht es um die Verwandlung des geistbewohnten Gläubigen ins Bild Jesu Christi, also um Heiligung in Charakter und Selbstdisziplin.

  • Treue (pístis) – Zuverlässigkeit / Vertrauenswürdigkeit
  • Sanftmut (praýtēs) – kontrollierte Stärke, Demut
  • Selbstbeherrschung (enkráteia) – Kontrolle über eigene Impulse

Dieser finale Dreiklang markiert die innere Stabilität und Charakterfestigkeit des Glaubenden.

Die systematische Logik

Diese Dreiteilung in Dreiergruppen folgt einer Logik, die sich weder explizit noch aus der Textstruktur selbst ergibt (diese ist ja einfach eine geordnete Aufzählung ohne Prioritätsangaben). Ohne dogmatischen Anspruch folgt die obige Einteilung den Aspekten: Sein–Wirken–Charakter. Diese Aspekte markieren die drei Ebenen, in denen Gott Frieden und Wohlstand als einheitliche Realität stiften will und wird:

  • vertikal. Die Grundlage bildet die Gottesbeziehung.
  • horizontal. Darauf aufbauend die Beziehung zum Nächsten als Ausdruck der guten Gottesbeziehung.
  • intrapersonal. Drittens sehen wir eine Stabilisierung auf der intrapersonalen Ebene, indem der geistbewohnte Mensch in sich tiefen inneren Frieden und Heilung erfahren darf, und so Stück um Stück seine alte, sündige Zerrissenheit und Entfremdung verliert.

»Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit eurem Geist, Brüder! Amen.« (Galater 6,18)

Matthäus 24 und die Entrückung der Gemeinde

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Lesedauer: 9 Minuten.

»Alle Nicht-Prätribulationisten verorten sowohl die christliche Gemeinde (Kirche) als auch die Entrückung der Gemeinde in Matthäus 24. Dies ist für ihre Position wesentlich, für sie ist keine andere Auslegung möglich. Prätribulationisten hingegen sehen weder die Gemeinde noch die Entrückung in der Endzeitrede Jesu in Matthäus 24.«[1]

Diese Kurzstudie untersucht eine zentrale Streitfrage der Endzeitlehre: Redet Jesus in der Ölbergrede in Matthäus 24 von der Gemeinde und ihrer Entrückung oder nicht?

Die Antwort, vorweggenommen: Weder die Gemeinde noch deren Entrückung sind in dieser Rede Jesu zu finden. Wir nehmen den klassischen prätribulationistischen Standpunkt ein, also die Lehre der Entrückung der Gemeinde vor der Drangsal Jakobs.

Die Bedeutung der Frage

Die o.g. Frage ist theologisch sehr wichtig, denn wenn die Gemeinde und deren Entrückung in Matthäus 24 vorkommen, spräche dies für die Lehre des Posttribulationismus (s. Glossar am Ende des Beitrags), wenn aber nicht, spräche dies für die Position des Prätribulationalismus. Es geht also um die Frage, ob nach Matthäus 24 die christliche Gemeinde vor oder nach der »Drangsal Jakobs« in den Himmel entrückt werden wird. Festgehalten werden muss a priori der biblische Befund, dass von der Entrückung der christlichen Gemeinde in Matthäus 24–25 nicht explizit zu lesen ist, viel mehr aber in 1Thessalonicher 4, 1Korinther 15 und Johannes 14 davon explizit und implizit die Rede ist.

Die Fehldeutungen von Matthäus 24

1. Die kritische (liberale) Position

Diese Sicht behauptet, Matthäus 24 sei größtenteils von der frühen Kirche konstruiert worden, sei also keine treue Wiedergabe der Rede Jesu. Diese Position wird hier klar verworfen.

2. Die präteristische Position

Diese Sicht geht davon aus, dass die in Matthäus 24 vorhergesagten Ereignisse bereits in der heutigen Vergangenheit ihre Erfüllung gefunden hätten (z. B. in der Tempelzerstörung 70 n. Chr.). Problematisch ist hier vor allem, dass dabei die Texte stark »vergeistigt« werden, um sie in Übereinstimmung mit den damaligen historischen Vorgängen zu bringen. – Wir vertreten hingegen die Ansicht, dass diese historischen Vorgänge eine Vorerfüllung der noch größeren und kosmisch/weltweit wirkenden Gerichte Gottes in Zukunft waren.

3. Die »Zeitalter«-Position (amillennial)

Diese Sicht behauptet, dass in Matthäus 24 die gesamte Kirchengeschichte beschrieben sei. Die christliche Gemeinde wird in diesem Text demnach gesehen, in Verbindung mit der theologischen Sicht des Amillenialismus. Diese Deutung passt aber überhaupt nicht zu den auslösenden Fragen der Jünger Jesu, die mit der christlichen Gemeinde nichts zu tun hatten, sondern rein jüdische Anliegen beinhalten (»Sage uns, wann wird das [Zerstörung des Tempels] sein, und was ist das Zeichen deiner Ankunft und der Vollendung des Zeitalters?«, Mt 24,3b). Sie hatten vielleicht die Voraussagen in Sacharja 14 im Gedächtnis.

4. Die Position des Posttribulationismus

Diese Endzeitlehre sieht die Entrückung der Gemeinde nach der Drangsal. Es ist also eine zentrale Gegenposition zur Position, dass die Gemeinde vor der Drangsal Jakobs entrückt wird, dem sog. Prätribulationalismus.

Diese Position wurde vor allem von Robert Gundry vertreten (s. Robert H. Gundry, The Church and the Tribulation. Grand Rapids, MI: Zondervan, 1973). Er behauptet, dass Matthäus 24 die christliche Kirche beschreibe. Er sieht in Matthäus 24,32 die Entrückung der Gemeinde, weil dort von einer »Sammlung« die Rede ist: »alle Nationen … vor ihm versammelt werden, und er wird sie voneinander scheiden, so wie der Hirte die Schafe von den Böcken scheidet«. Dieser These ist entgegenzuhalten:

  • Diese Sammlung entspricht nicht der Entrückung der Gemeinde. Weder eine Auferstehung (der gestorbenen Gläubigen) noch eine Verwandlung (der gläubigen Lebenden) wird erwähnt. Beides sind aber zentrale Elemente der Entrückung.
  • Der Text in Matthäus 24,32 redet vom Erscheinen vor einem Gerichtsthron, der auf der Erde steht, nicht von einem Sammeln der Erretteten im Himmel. Es geht bei diesem irdischen Gericht um die Frage, wer in das dort bald beginnende Millennium eingehen darf (Schafe) und wer nicht (Böcke). Das hat nichts mit der Gemeinde Jesu Christi zu tun.
  • Der Text in Matthäus 24,40–41 formuliert mehrfach: »einer wird genommen und einer gelassen«. Das redet ebenfalls nicht von einer Entrückung in den Himmel, sondern beschreibt ein Gerichtshandeln Gottes. Die »Genommenen« sind hier nämlich jene, die zum Gericht entfernt, also gerade nicht gerettet, werden. Die »Gelassenen« hingegen sind jene, die nicht gerichtet werden und in das Königreich des Millenniums eingehen dürfen. Das ist gerade andersherum, wie es bei der Entrückung der Gemeinde gen Himmel der Fall sein wird.
  • Kontext. Die gesamte Rede behandelt Israel und die Drangsal Jakobs, nicht die christliche Kirche. Die Struktur von Matthäus 24 identifiziert drei Zeitphasen: (1) Allgemeine Zeichen (nicht das Ende) (V. 4–6); (2) Anfang der Wehen (V. 7–8) und (3) Große Drangsal & Wiederkunft (V. 9–31). Es geht also um die Endzeit Israels, nicht um die Gemeinde.

5. Die Position des Midtribulationalismus

Eine etwas modernere Sicht stammt von Marvin Rosenthal (Marvin Rosenthal, The Pre-Wrath Rapture of the Church. Nashville, TN: Thomas Nelson, 1990, sowie revidierte Ausgabe 1994). Er behauptet, dass die Entrückung der Gemeinde während der Drangsal stattfinde, aber noch »vor dem Zorn Gottes«. Er argumentiert hier mit Parallelen, die er mit Offenbarung 6 sieht. Der Text in der Offenbarung macht aber deutlich, dass es bereits vor jener Mitte der Drangsal Jakobs (also dem behaupteten Entrückungszeitpunkt) Siegelgerichte gibt, welche eindeutig Gottes Gericht sind. Das ganze Modell bricht an diesem Irrtum zusammen.

Die Argumente für eine jüdische Deutung von Matthäus 24

Das Hauptargument gegen eine Deutung von Matthäus 24 auf die Gemeinde und ihre Entrückung ist, dass es im Text und Kontext um eine rein jüdische, nicht kirchliche, Fragestellung ging und dass die Antwort Jesu sich auch nur darauf bezieht. Das zeigen folgende Beobachtungen.

1. Die Fragen der Jünger sind rein jüdisch

Die Frage der Jünger in Matthäus 24,3 zielt deutlich auf die Zerstörung des jüdischen Tempels, das Kommen des Messias und das Ende des Zeitalters. Diese Fragen spiegeln jüdisch-messianische Erwartungen wider, nicht solche der christlichen Kirche. Die Jünger verstanden die Gemeinde zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht.

2. Der gesamte Kontext ist israelbezogen

Der vorlaufende Kontext ist mit dem jüdischen Tempel beschäftigt, dem bis heute als »Weltwunder der Antike« eingestuften Tempel im herodianischen Prachtausbau (Matthäus 24,1–2). Wir lesen ferner vom »Gräuel der Verwüstung«, einem klaren Bezug auf die Prophetie Daniels. Wir lesen ferner vom Sabbat (Matthäus 24,20) und von einer Flucht aus Juda. Dies sind alles sehr stark jüdisch markierte Kategorien und Themen.

3. Die Jünger repräsentieren zukünftige jüdische Gläubige

Man kann gültig argumentieren, dass in diesem Evangelium (Matthäus) und konkreten Anlass der Perikope (Ölbergrede) die Jünger Jesu hier nicht für die Kirche stehen, sondern für Gläubige der zukünftigen Drangsalzeit, der »Drangsal Jakobs«. Es geht um die dann Wartenden, um deren innere Haltung der Geduld bis zur Ankunft ihres Messias und um ihr Ausharren in den diesem Ereignis vorauslaufenden Gerichten.

Fazit

Matthäus 24 behandelt Israels Zukunft, die Drangsal Jakobs(!) und das Kommen des Messias. Der Text behandelt weder die christliche Gemeinde noch deren Entrückung. Die Entrückung muss aus anderen neutestamentlichen Texten abgeleitet werden, insbes. aus 1Thessalonicher 4, 1Korinther 15 und Johannes 14, nicht aber aus Matthäus 24.

Matthäus 24 ist eine rein jüdisch-eschatologische Rede über die Drangsal und das Kommen des Messias, in der weder die neutestamentliche Gemeinde noch deren Entrückung vorkommen.

Glossar zentraler Begriffe

Die folgenden Kurzerklärungen dienen dem besseren Verständnis der Begriffe der Endzeitlehre (Terminologie der Eschatologie) und damit des Textes dieses Beitrags.

Prätribulationismus. Lehre, dass die Entrückung der Gemeinde vor Beginn der siebenjährigen Drangsal (Große Trübsal) stattfindet. Unterscheidet strikt zwischen Israel und der Gemeinde.

Midtribulationismus. Auffassung, dass die Entrückung in der Mitte der Drangsal geschieht; oft in Verbindung (oder synonym) mit der Lehre der Vor-dem-Zorn-Entrückung.

Posttribulationismus. Auffassung, dass die Entrückung am Ende der Drangsal gleichzeitig mit der sichtbaren Wiederkunft Christi geschieht.

Vor-dem-Zorn-Entrückung. Modell, nach dem die Entrückung inmitten der 70. Danielswoche, also nach 3,5 Jahren, erfolge, da erst ab dann vom Ausgießen des göttlichen Zorns (sog. »großen Drangsal« samt »Tag des Herrn«) die Rede sein könne. Verbreitet von Marvin Rosenthal (sog. Pre Wrath Rapture, 1990), bei uns weniger bekannt.

Entrückung. Ereignis, bei dem Christus die Gläubigen aus der Welt reißend zu sich nimmt (vgl. 1Thess 4,16–17), verbunden mit Auferstehung aller toten und Verwandlung aller lebenden Gläubigen.

Drangsal, Große Trübsal. Endzeitliche Periode intensiven Gerichts und Leidens, oft mit der 70. Jahrwoche Daniels (Dan 9,27) identifiziert. Da insbesodnere Israel im Fokus steht, auch »Drangsal Jakobs (Israels)« genannt. Manche bezeichnen damit nur die zweiten 3,5 Jahre der 70. Danielswoche ab dem »Gräuel der Verwüstung …an heiligem Ort« (Tempel).

Ölberg-Rede. Endzeitrede Jesu auf dem Ölberg (Matthäus 24–25), die Themen wie Drangsal Jakobs, Wiederkunft Christi und Endgericht behandelt.

Erscheinung (Parousie). Das griech. Wort bedeutet »Ankunft« oder «Gegenwart«, das Ankommen einer hochgestellten Persönlichkeit. Hier in Bezug auf die sichtbare Wiederkehr Christi, wie es in der Schrift vorhergesagt ist.

Auserwählte. Von Gott zur Errettung und zum Heil erwählte Gläubige, sei es aus Israel oder aus der Gemeinde.

Gräuel der Verwüstung. Prophetisches Ereignis (Dan 9,27; Mt 24,15), bei dem der Gottesdienst der Juden ausgesetzt werden wird. Ein »Mensch der Sünde« wird sich in den Tempel setzen und sich als Gott anbeten lassen (2Thess 2,3f). Dies ist Höhepunkt des Abfalls von Gott und damit ein Schlüsselzeichen der Endzeit.

Dispensationalismus. Theologisches System, das die Heilsgeschichte in verschiedene »Haushaltungen« (Dispensationen) einteilt und Israel und Gemeinde klar unterscheidet. Heute weltweit vor allem im von Cyrus I. Scofield (1909; rev. 1917) propagierten Modell von sieben Dispensationen bekannt (Scofield Reference Bible: Unschuld, Gewissen, Regierung, Verheißung, Gesetz, Gnade/Gemeinde, Königreich/Millenium). Es gibt aber auch andere Modelle mit anderen und mit mehr oder weniger vielen Dispensationen.

Prämillennialismus. Lehre, dass Christus vor dem tausendjährigen Reich (Millennium) sichtbar wiederkommt.

Amillennialismus. Auffassung, dass es kein tausendjähriges Reich gibt, das tatsächlich eintausend Jahre währt. Das »Millennium« wird symbolisch verstanden, insofern kann es auch heute bereits existieren und hat keinen vorhersagbaren konkreten Endezeitpunkt.

Präterismus. Deutung, dass viele prophetische Aussagen (z. B. Mt 24) bereits in der Vergangenheit erfüllt wurden (oft mit Verweis auf die Tempelzerstörung 70 n. Chr.).

Tag des Herrn. Zeit göttlichen Eingreifens in Gericht und Heil; in der Endzeit oft mit Gottes Zorn und Gerichtshandeln verbunden. Es ist eine längere Zeitperiode des direkten, souveränen Eingreifens Gottes in Gericht, Reichsaufrichtung und Heil, nicht ein 24-Std.-Tag. Im NT ist der »Tag des Herrn« christologisch zugespitzt, kulminiert im Kommen des Herrn Jesus, des Gesalbten.


Endenoten und Literaturverweis

[1]  Stanley D. Toussaint, Are the Church and the Rapture in Matthew 24?, in: Thomas Ice, Timothy Demy (Hrsg.), When the Trumpet Sounds: Today’s Foremost Authorities Speak Out on End-Time Controversies (Eugene, OR: Harvest House Publishers, 1995, S. 235–250), S. 236.

Gemeinde-nahe Bibelschule?

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Lesedauer: 13 Minuten.

Nehmen wir einmal den Fall an, dass ein Gemeindeglied einen seiner Gemeindeleiter fragt, warum man denn Ältestenkandidaten nicht vorher für ihre Aufgabe in Lehre und Praxis ausbilde. (Das kommt leider in mancherlei freien Gemeinden vor.) Nehmen wir an, der Gemeindeleiter antworte darauf sinngemäß: Wir schulen Älteste nicht, weil das nicht in der Bibel steht. Ein Bibelschulzeugnis macht niemand zum Ältesten. Was wäre davon zu halten?

Eine solche Antwort ist doppelt frappierend. Nehmen wir einmal den »Normalfall« an, dass jene Gemeinde Kinderstunden, Jugendstunden, Jungschar, Junge-Erwachsene-Treffs, Frauenfrühstücke, Sommerfeste usw. organisiere, für die uns in der Heiligen Schrift wohl auch jede direkte Anweisung fehlt. Dann stellt die Praxis der Gemeinde die gegebene Begründung bereits in Frage. Da müsste man tiefer nachfragen. Und andererseits wissen Bibelleser, dass von der Ausbildung von Ältesten vor und nach ihrer Einsetzung sehr wohl im NT steht, sowohl im inspirierten Bericht der frühen Kirche, als auch in den Lehrbriefen des Apostels Paulus. Das widerlegt die gegebene Begründung zweitens auch positiv. Diesem Positiven wollen wir in dieser Gedankensammlung nachgehen. Alles andere ist hier nicht von Interesse.

Eines ist richtig: Letztlich entscheidet das Wort des Herrn über das, was seine Gemeinde sein und tun soll. Wir wollen daher in einer Kurzskizze eine biblisch basierte Rechtfertigung für Weiterbildung im Glauben und Dienst an und für sich und besonders solche für Ausbildung an einer gemeindeinternen oder gemeindenahen Bibelschule oder anders benannter Ausbildung in Lehre und Praxis des Glaubens versuchen.

Biblische Anweisungen und ein Präzedenzfall

Anweisungen. Eine biblische Rechtfertigung für die Ausbildung von Gläubigen, insbesonders von Verkündigern und Leitern (Ältesten), lässt sich bereits aus einer Reihe von Bibelstellen ableiten: von Matthäus 28,19 (mit der Betonung der Jüngerschaft) über 2.Timotheus 2,2 (mit Betonung der Ausbildung von Leitern) bis hin zu Titus 1,9 (mit der Betonung, dass Älteste dazu befähigt sein müssen, den Glauben zu lehren, zu verkünden und zu verteidigen). Zusätzlich verlangt 1.Timotheus 3,10 eine ausgedehnte und tadellos erfolgreiche »Erprobung« angehender Ältester (wie auch Diakone) in typischen Praxisaufgaben, was nach Vorbild Jesu und der Apostel wohl in engen Jüngerschaftsbeziehungen und in der Gemeinde erfolgen soll: »Lass diese aber auch zuerst erprobt werden, dann lass sie dienen, wenn sie untadelig sind«.

Präzedenzfall. Es gibt eine Passage in der Apostelgeschichte, die auf besonders aufschlussreiche Weise einen biblischen Präzedenzfall für die Ausbildung an gemeindenahen Seminaren und Bibelschulen liefert. Diese Verse, an denen offenbar viele achtlos vorbeigehen, die bei Kapitel 2,42 noch intensiv auf Umsetzung bestanden haben, berichten, wie der Apostel Paulus in der Stadt Ephesus eine theologische Ausbildungsstätte gründete. Ein Kommentator erklärt dazu: »In Ephesus gründete Paulus eine theologische Schule, um zukünftige Führungskräfte für die wachsende Gemeinde in der röm. Provinz Asia auszubilden« (Simon J. Kistemaker, Acts, NTC, S. 684).

Es ist unwahrscheinlich, dass Paulus diese Schule »Bibelschule Ephesus« oder »Asia Bibel Training Center« nannte, aber im Wesentlichen war sie nach unserem Sprachgebrauch genau dieses. Er wusste, dass Ephesus ein strategischer Ort war für die Vorbereitung weiterer Evangelisation und für die Gründung, Vervielfältigung und Stärkung weiterer christlicher Gemeinden in der Provinz Asia. Eine Gemeinde, die weitere Gemeinden gründen will, sollte hier genau hinsehen und am Beispiel des Apostels lernen.

Der Hintergrund des biblischen Berichts ist die dritte Missionsreise des Apostels Paulus (52/53–56 n. Chr.). Nachdem Paulus Antiochia verlassen und die Gemeinden in Südgalatien bereist hatte, begab er sich nach Ephesus. Dort traf er auf etwa ein Dutzend Jünger von Johannes Baptist und führte diese zu Jesus Christus, auf den Johannes stets hingewiesen hatte (s. Apg 19,1–7). Lukas nimmt die Erzählung an dieser Stelle auf und schreibt:

Er ging aber in die Synagoge und sprach freimütig drei Monate lang, indem er sich unterredete und sie von den Dingen des Reiches Gottes überzeugte. Als aber einige sich verhärteten und nicht glaubten und vor der Menge schlecht redeten von dem Weg, trennte er sich von ihnen und sonderte die Jünger ab, indem er sich täglich in der Schule des Tyrannus unterredete. Dies aber geschah zwei Jahre lang, so dass alle, die in Asien wohnten, sowohl Juden als auch Griechen, das Wort des Herrn hörten. (Apg 19,8–10)

Wie Lukas in den Versen 9–10 erklärt, traf sich Paulus zwei Jahre lang jeden Tag mit einer Gruppe von Gläubigen in einer Schule, um ihnen dort biblische Lehre zu vermitteln. Das ist im Wesentlichen das Grundmodell der theologischen Ausbildung an einer gemeindenahen Bibelschule.

Aus diesem kurzen Abschnitt lassen sich drei Merkmale der ersten gemeindenahen Bibelschule ableiten. Und obwohl wir uns davor hüten müssen, einen erzählenden Text aus der Apostelgeschichte als eine normative Vorschrift für die heutige christliche Gemeinde zu missbrauchen, bieten diese Merkmale dennoch hilfreiche Parallelen für diejenigen, die sich heute mit der Ausbildung an einer Bibelschule befassen, sei es als Studierende oder als Lehrende, als Älteste, Evangelisten, Hirten oder Lehrer. Es beginnt mit einer Verpflichtung vor Gott, welche zu einer planvollen Investition führt, die dann zu reichen Früchten für Jesus Christus und seine Gemeinde führt.

Die Verpflichtung: Ein mutiges Bekenntnis zum Evangelium (19,8–9a)

Er ging aber in die Synagoge und sprach freimütig drei Monate lang, indem er sich unterredete und sie von den Dingen des Reiches Gottes überzeugte. 9 Als aber einige sich verhärteten und nicht glaubten und vor der Menge schlecht redeten von dem Weg…

Apostelgeschichte 19,8 beschreibt den Inhalt der Botschaft des Paulus – eine Botschaft, die er zweifellos auch nach seinem Verlassen der Synagoge und der theologischen Unterweisung der Jünger weiter verkündete. Eine Untersuchung von Vers 8 zeigt, dass die Botschaft des Paulus kontinuierlich und anhaltend (»drei Monate lang«), mutig (»freimütig reden« parrhēsiazomai), sorgfältig (»unterredete« dialegomai), voller Überzeugung (»überzeugte« peithō) und christuszentriert (»von den Dingen des Reiches Gottes«) war. In Übereinstimmung mit seinem von Gott gegebenen Auftrag, das Evangelium zu verkünden, verkündete Paulus drei Monate lang treu die Wahrheit der Erlösung in der Synagoge von Ephesus.

Wie es für diejenigen, die der biblischen Wahrheit treu verpflichtet sind, unvermeidlich ist, stieß Paulus auf Feindseligkeit. Seine Botschaft erwies sich als umstritten (V. 9), nicht weil der Apostel streitsüchtig war, sondern weil das Wort Gottes immer polarisiert. Donald Grey Barnhouse kommentierte diesen Vers wie folgt:

Beachten wir die Reaktion, die Paulus auf seine Predigten erhielt. Es ist immer dasselbe: Einige reagieren positiv, aber die große Mehrheit ist verhärtet und ungehorsam in ihrer Einstellung. Paulus schrieb darüber in 1.Korinther 2,14: »Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes kommt, denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt werden muss.« Das ist immer die Reaktion, die ein Prediger des Wortes Gottes erhält. Das ist die Reaktion, die jeder Christ auf sein treues Zeugnis für die Wahrheit Gottes erhält. (Acts, S. 176)

Paulus‘ unerschütterliches Bekenntnis zur Wahrheit angesichts von Feindseligkeiten setzt einen mutigen Präzedenzfall für alle, die heute im Dienst stehen (sei es in einer Kirche oder einem Seminar). Viel zu viele christliche Institutionen sind schnell bereit, ihre Botschaft zu verwässern, um sich der Popularität anzubiedern. Aber die von Gott gegebene Aufgabe eines jeden Gemeindehirten oder Bibelschulprofessors ist es, für die Wahrheit einzustehen, egal wie töricht oder unwillkommen sie der Gesellschaft um uns herum erscheinen mag.

Die Investition: Eine planvolle Konzentration auf die Ausbildung (19,9b–10a)

… trennte er sich von ihnen und sonderte die Jünger ab, indem er sich täglich in der Schule des Tyrannus unterredete. 10 Dies aber geschah zwei Jahre lang…

Da Paulus nicht mehr in der Synagoge der feindlich gewordenen Juden lehren konnte, zog er sich zurück und begann, sich mit einer Reihe von gläubigen Studenten (gr. mathētēs, »Jünger«, »Nachfolger«, »Schüler«; Apg 19,9) in einer nahegelegenen Schule zu treffen (wahrscheinlich einem Hörsaal, der von einem lokalen Philosophen namens Tyrannus genutzt wurde). Everett F. Harrison liefert weitere Aufschlüsse und Überlegungen zur Situation:

Paulus‘ neuer Aufenthaltsort war »die Schule des Tyrannus«. Das griechische Wort dafür ist scholē, was zunächst Freizeit bedeutet, dann Diskussion oder Vorlesung (eine beliebte Freizeitbeschäftigung der Griechen), dann eine Gruppe, die solche Vorlesungen besucht, und schließlich den Ort, an dem solche Unterweisungen erteilt wurden. Eine aufschlussreiche Ergänzung im westlichen Text [Codex Bezae[1]] an dieser Stelle besagt, dass Paulus an diesem Ort täglich von der fünften bis zur zehnten Stunde, d. h. von 11 Uhr bis 16 Uhr, tätig war. Dies war wohl die Siesta-Zeit für die Einwohner. Man vermutet, dass Paulus diesen Saal zu einem symbolischen Preis mieten konnte, weil er zu dieser Tageszeit nicht genutzt wurde. (Acts, S. 291)

Die Tatsache, dass Paulus zwei Jahre lang täglich mit Bibelstudenten (gr. mathētēs, »Jünger«) zusammenkam, zeigt, wie sehr er sich persönlich für die Ausbildung seiner Glaubensbrüder engagierte. Wenn der westliche Text korrekt ist, fanden die theologischen Lehrveranstaltungen des Paulus während der üblichen Mittagsruhe (Siesta) der Stadt statt (was darauf hindeutet, dass schläfrige Bibelschüler eine lange Tradition haben). Der Apostel opferte bereitwillig seine persönliche Siesta, um die Jünger zu unterrichten, wahrscheinlich in Form von (Lehr-) Dialogen.

Es ist interessant zu bedenken, dass Paulus, wenn er sich sechs Tage die Woche fünf Stunden lang mit den Jüngern getroffen hat, in den zwei Jahren insgesamt etwa 3.000 Stunden mit ihnen verbracht hat. Das entspricht heute ungefähr vier Semestern Hochschulstudium.[2] Den Ältesten der Gemeinde in Ephesus nannte er sogar eine Gesamtzeit seiner Arbeit unter ihnen von »drei Jahren« (Apg 20,31).

Bemerkenswert ist auch, dass Paulus sich während dieser Zeit als Zeltmacher finanziell selbst versorgte. F. F. Bruce erklärt:

Wir können uns also vorstellen, wie Paulus den frühen Morgen mit Betreiben seines Handwerks verbrachte (vgl. 20,34; 1Kor 4,12) und dann die nächsten fünf Stunden der noch anstrengenderen Aufgabe des christlichen Lehrgesprächs widmete. Seine Zuhörer müssen von seiner Begeisterung und Energie angesteckt worden sein. (Acts, S. 408)

Eine letzte Bemerkung betrifft den Namen jenes »Tyrannus«, den die meisten Kommentatoren für jenen Dozenten halten, von dem Paulus den Hörsaal gemietet (oder zur Nutzung überlassen bekommen) hatte. Kistemaker weist auf die Bedeutung seines Namens hin: »Wir wissen nichts weiter über Tyrannus, dessen Name ›Tyrann‹ bedeutete. Wahrscheinlich war dies ein Spitzname, den ihm seine Schüler gegeben hatten« (Acts, S. 684). Wenn das stimmt, dann hat auch das Bild des überstrengen Lehrers eine lange Tradition.

Auch hier gibt Paulus den heutigen Bibelschullehrern und Gemeindeältesten wieder ein überzeugendes Beispiel, über das sie nachdenken sollten. Der Apostel brachte große Opfer, um in die nächste Generation christlicher Leiter zu investieren. Es ist unser Vorrecht, dasselbe für diejenigen zu tun, die in unseren Tagen zur Verherrlichung Christi zum christlichen Dienst in Gemeinde und Mission berufen werden oder berufen sind.

Die Wirkung: Ein Beitrag, der Christus in aller Welt ehrt (19,10b)

…so dass alle, die in Asien wohnten, sowohl Juden als auch Griechen, das Wort des Herrn hörten.

Lukas schließt diesen kurzen Abschnitt mit einem Kommentar zu den Wirkungen, die die Ausbildungsstätte des Paulus in Ephesus hatte: »so dass alle, die in Asien wohnten, sowohl Juden als auch Griechen, das Wort des Herrn hörten«. Paulus konzentrierte sich ganz auf die Ausbildung, investierte sich dort. Die Wirkung war geradezu explosiv. Ein Kommentator merkt sogar an, dass »dieser Ort mit seinen täglichen Lehrdialogen über einen Zeitraum von zwei Jahren es Paulus ermöglichte, den bislang umfangreichsten Einfluss auszuüben, der in der Apostelgeschichte insgesamt berichtet wird« (David Peterson, Acts, S. 536).

Das Ergebnis dieser Investition in eine systematische und ausführliche Ausbildung waren ausgebildete Gemeindehirten, Mission und die Gründung weiterer christlicher Gemeinden. Bruce beschreibt die Auswirkungen dieser Investition mit folgenden Worten:

Von da an wurde die Provinz Asien zu einem der wichtigsten Zentren des Christentums. Wahrscheinlich wurden alle sieben in der Offenbarung erwähnten Gemeinden in der Provinz Asia in diesen Jahren gegründet, und noch weitere. Die Gründung der Gemeinden im Lykos-Tal, in Kolossä, Hierapolis und Laodizea, muss in diese Zeit datiert werden: Diese Städte wurden nicht von Paulus persönlich evangelisiert, sondern von seinen Mitarbeitern. (Acts, S. 409)

Und Kistemaker fügt hinzu:

Wir gehen davon aus, dass die von Paulus ausgebildeten Bibelschulstudenten Gemeindehirten in aufstrebenden Gemeinden in Westkleinasien wurden. … Diese Jünger waren maßgeblich daran beteiligt, das Evangelium Christi, also das Wort Gottes, sowohl an die Juden als auch an die Griechen zu verkündigen. (Acts, S. 685)

Die zweijährige Ausbildungsstätte des Paulus hatte durch Gottes Gnade einen unglaublichen Einfluss auf die Verbreitung des Evangeliums und für die Sache Christi. Wie R. C. H. Lenski zu Recht hervorhebt:

Paulus nutzte Ephesus als Ausstrahlungszentrum. Während er in dieser Metropole und diesem politischen Zentrum blieb, streckte er seine Fühler mithilfe seiner Assistenten so weit wie möglich aus. Wie viele er davon beschäftigte, lässt sich nicht abschätzen. Eine Gemeinde nach der anderen wurde gegründet. (Acts, S. 790)

Auch hier liefert uns das Beispiel des Paulus ein überzeugendes Vorbild, über das wir nachdenken sollten. Wenn Bibelschulen ihrer gottgegebenen Verpflichtung treu bleiben und die ihnen anvertraute Investition sorgfältig wahrnehmen, können sie mit Freude beobachten, wie Gott ihre Arbeit segnet, indem Gott sein Wort einsetzt, segensreiche Wirkungen in dieser Welt zu zeitigen.

Disclaimer und Endenoten

Dieser Beitrag wurde angeregt und inhaltlich wesentlich genährt durch mehrere mündliche und schriftliche Beiträge von Dr. Nathan Busenitz, dem Executive Vice President und Dekan der Fakultät am The Master’s Seminary. Er ist außerdem einer der Gemeindehirten von Cornerstone, einer Gemeinschaftsgruppe innerhalb der Grace Community Church (GCC) in Sunvalley, CA (USA) und Hauptprediger der GCC. Siehe insbesondere seinen Vortrag zur Shepherd’s Conference 2025 (5.–7. März 2025), General Session 9: Mobilizing the Master’s Men – Paul’s Strategic Commitment to Pastoral Training (hier).

Die Ähnlichkeit zu lebenden oder toten Personen oder Gemeinden ist weder beabsichtigt noch Gegenstand dieser Überlegungen. Wer lernfähig und für die Gesundheit der Gemeinde(leitung) aufrichtig besorgt ist, darf gerne Gedanken und Bibelstellen aufnehmen und fruchtbar umsetzen, sie gehören nicht dem Autor dieses BLOGs. Wer Fehler findet, darf sie wegwerfen (1Thessalonicher 5,19–22!!


[1]      Der Codex Bezae, auch Codex Bezae Cantabrigiensis, ist eine Handschrift des Neuen Testaments in griechischer und lateinischer Sprache aus dem 5. Jahrhundert. Der Codex Bezae enthält die vier Evangelien in der Reihenfolge der westlichen Handschriften (Matthäus, Johannes, Lukas, Markus) und einen Teil der Apostelgeschichte. Der Codex wird in der Bibliothek der Universität Cambridge aufbewahrt und hat die Signatur MS Nn.2.41. … Er war der einzige Bibeltext aus dem ersten Jahrtausend, der im 16. Jahrhundert bekannt wurde. Dieser Codex trägt den Namen von Theodor Beza, dem Nachfolger Johannes Calvins, denn er schenkte ihn der Universität Cambridge. Gemäß Beza sei der Codex zuvor im Kloster St. Irenäus bei Lyon gewesen. (überarb. Exzerpt aus: de.wikipedia.org/wiki/Codex_Bezae; siehe auch: Novum Testamentum Graece, NA28 (Apparat zu Apg 19,9))

[2]      In Europa wird im ECTS-Schema unter einer Lehreinheit oft eine Semesterwochenstunde (SWS) verstanden. Das entspricht einer Unterrichtsstunde (45 Min.) pro Woche während der Vorlesungszeit eines Semesters. Im typischen Semester entspricht dies 10–11 Zeitstunden. Führt diese Vorlesungszeit beim Studenten zu einer Arbeitslast (work load) von insges. 25–30 Zeitstunden, erhält er dafür einen ECTS-Credit Point (CP). 30 CPs entsprechen einem Semester, 180 oder 210 CPs entsprechen einem Bachelor-Abschluss, 300 CPS einem Master-Abschluss. Die zwei Jahre in Ephesus könnten also gut 4 Semestern Hochschulstudium von heute entsprechen.

Wo stand der Baum der Erkenntnis?

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Lesedauer: 18 Minuten.

Zwei Bäume im Garten Eden

Das Buch Genesis (1. Mosebuch im Pentateuch) erwähnt mehrfach Bäume, die der Schöpfer-Gott durch sein Schöpfungswort in den Garten Eden gepflanzt hatte. Zum Beispiel:

»Und Gott sprach: Die Erde lasse Gras hervorsprossen, Kraut, das Samen hervorbringe, Fruchtbäume, die Frucht tragen nach ihrer Art, in der ihr Same sei, auf der Erde! Und es wurde so. Und die Erde brachte Gras hervor, Kraut, das Samen hervorbringt nach seiner Art, und Bäume, die Frucht tragen, in der ihr Same ist nach ihrer Art. Und Gott sah, dass es gut war.« (1. Mose 1,11f)

Viele dieser Bäume hatten samentragende Früchte, von denen  sich die ersten Menschen nach Willen Gottes u. a. ernähren sollten:

»Und Gott sprach: Siehe, ich habe euch alles samenbringende Kraut gegeben, das auf der Fläche der ganzen Erde ist, und jeden Baum, an dem samenbringende Baumfrucht ist: Es soll euch zur Speise sein« (1. Mose 1,29)

Im zweiten Kapitel der Genesis wird dieser Schöpfungsakt Gottes nochmals beschrieben und dabei zwei Bäume besonders hervorgehoben:

»Und Jahwe Gott ließ aus dem Erdboden allerlei Bäume wachsen, lieblich anzusehen und gut zur Speise; und den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens, und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.« (1. Mose 2,9)

Zwei Bäume werden von den anderen Bäumen unterschieden durch besondere Erwähnung, durch Namensgebung und durch eine Ortsangabe für den »Baum des Lebens«. Einer dieser Bäume wird aus der Angebotsfülle an Nahrung ausdrücklich herausgenommen, Gott spricht vielmehr ein klares Speiseverbot gegenüber Adam aus (die »Männin« war zu diesem Zeitpunkt noch nicht gebildet worden, das folgt ab Kapitel 2,18ff):

»Und Jahwe Gott gebot dem Menschen [hebr. adam, dem »Erdling«] und sprach: Von jedem Baum des Gartens darfst du nach Belieben essen; aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, davon sollst du nicht essen; denn an dem Tag, da du davon isst, musst du sterben.« (1. Mose 2,16f)

In der Versuchungsgeschichte in Genesis 3 wird dieses erste und einzige Verbot von der Schlange als großer Mangel an Gottes Güte und Liebe dargestellt (3,1), zudem wird die gute Intention (Absicht) und Wahrheit des göttlichen Verbotes angezweifelt. Wir sehen einen verleumderischen Zentralangriff der Schlange auf das Wesen und die Ehre Gottes. Die Frau behauptet in ihrer Antwort folgendes:

Von der Frucht der Bäume des Gartens essen wir; aber von der Frucht des Baumes, der in der Mitte des Gartens ist, hat Gott gesagt: Davon sollt ihr nicht essen und sie nicht anrühren, damit ihr nicht sterbt.« (1. Mose 3,2f)

Die Versuchung verläuft über einen kurzen Dialog zwischen Schlange und Frau »erfolgreich« (besser: »folgenreich«!) zur Ursünde der Frau und Adams (siehe dazu die detailliertere Studie »Was drei para-Wörter über das Wesen der Sünde lehren«; auf diesem BLOG: logikos.club/?p=2019). Das Calwer Bibellexikon fasst den Ablauf trefflich zusammen:

»Es darf nicht übersehen werden, dass wichtige Beweggründe die ersten Menschen zum Halten des Gebots verpflichteten: 1) die Dankbarkeit gegen Gott, der ihnen ja im selben Augenblick so vieles erlaubt hatte, 2) die Furcht vor Gott, der mit schwerer Strafe die Übertretung bedrohte;  3) das Vertrauen auf Gott, der — nach seiner bisherigen Güte zu schließen — gewiss auch jetzt, bei diesem Verbot, nur ihr eigenes Beste im Auge hatte.

Daher gehen auch die Reden der Schlange darauf aus, gerade diese drei schützenden Wächter des göttlichen Gebots aus dem Herzen der Menschen zu entfernen: die Dankbarkeit, indem Gott durch die sein Verbot verdrehende Frage hingestellt wird als ein Wesen, das nur verbieten kann (V. 1Mos. 3, 1). Als dann die Antwort der Eva zeigt, dass nur die Furcht vor der Strafe sie noch bindet — denn von Dankbarkeit zeigt ihr Wort schon nichts mehr (V. 1Mos. 3, 2 und 1Mos. 3, 3), — geht die Schlange zur bestimmten Leugnung der Wahrhaftigkeit der göttlichen Drohung weiter, benimmt der Eva dadurch auch die Furcht vor Gott (V. 1Mos. 3, 4) und untergräbt zugleich das Vertrauen auf Gott, indem sie das Verbot als Folge eines göttlichen Neides, der den Menschen ihr Glück nicht gönnen will, hinstellt (V. 1Mos. 3, 5.).
Das Mittel der Verführung ist also Verdrehung der Worte Gottes und Lüge, der letzte Keim der Sünde aber ist, dass die Menschen diesen Lügen mehr glauben, als dem Worte Gottes und sich dadurch aus ihrer Kindesstellung zu Gott herauslocken lassen. Nun erst erwachte auch die böse Lust, mit der sie sich selbst weiter betrogen, als ob das Essen vom verbotenen Baum ein besonderer Genuss und die Folge davon ein großer Fortschritt für sie sei. Und aus der bösen Lust erwuchs die böse Tat (V. 1Mos. 3, 6), der freilich die Ernüchterung auf dem Fuße folgte (V. 1Mos. 3, 7).
Der Hergang ist ganz dem Spruch entsprechend, mit dem Jak. 1, 14f die Entstehung jeder Sünde in der nachparadiesischen Zeit beschreibt. Nur wurden die ersten Menschen nicht von ihrer eigenen Lust versucht, sondern diese wurde bei ihnen erst durch Einflüsterungen von Außen geweckt.«
Zeller, P. (Hrsg.). Calwer Bibellexikon: Biblisches Handwörterbuch illustriert, s.v.  Sünde, sündigen. Fettdruck hnzugefügt.

Der Weg des in Sünde gefallenen Menschen verläuft nun von Gott weg, nach Osten, weg vom Berg Gottes (von Eden, wo Gott wohnte), hinaus aus dem Garten Eden auf den Erdboden außerhalb Edens. Die in Genesis folgende Urgeschichte zeichnet den Weg des Menschen »nach Osten«, von Gott weg, nach (NB: Beachte die implizite Tempelstruktur.) Es ist ein Weg, der von Gräbern, dem Tod, markiert ist (1. Mose 5,5ff; Refrain: »und er starb«). Erlösungsgeschichte beginnt erst da, wo Gott selbst als Mensch in diese Welt eintritt und den Weg zurück nach Eden, dem »Paradies Gottes« mit dem »Baum des Lebens«, mit dem Menschen geht (s. Offenbarung 2,7; 22,2.14.19). Dieser Heilsweg Gottes (»Go West!«) soll hier nicht weiter verfolgt werden.

Wir wissen nun, wo der »Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen« ursprünglich erwähnt wird und was über ihn ausgesagt wurde. Aber wo stand er genau?

Der Standort des Baumes der Erkenntnis

Der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, dass es nur vom »Baum des Lebens« ausdrücklich heißt, dass er »in der Mitte des Gartens« (hebr. b tok ha gan) stand (Genesis 2,9). Dies wird für den anderen Baum, den der Erkenntnis, nicht ausdrücklich gesagt. Dieser wird im Bericht mit Namen angegeben, aber ohne ausdrückliche Ortsangabe.

Anders klingt es, wenn wir der Frau in Genesis 3,3 zuhören. Sie sagte zur Schlange:

»… aber von der Frucht des Baumes, der in der Mitte des Gartens ist, hat Gott gesagt: Davon sollt ihr nicht essen und sie nicht anrühren, damit ihr nicht sterbt.« (1. Mose 3,3)

Da muss man genauer hinsehen. Zunächst einmal nennt die Frau nicht ausdrücklich den Namen des Baumes, von dem sie nun spricht. Sie redet von jenem Baum, »der in der Mitte des Gartens ist«. Das wäre nach dem bisherigen Bericht der »Baum des Lebens«. Aus dem Kontext und der Logik der Rede der Frau muss man aber schlussfolgern, dass sie vom verbotenen Baum redet und diesen hier »in der Mitte des Gartens« verortet. Das wirft Fragen auf: Wie ist das zu erklären? Wie ist das zu verstehen?

Da die Frau im selben Satz unsicher und ungenau ist bezüglich des genauen Verbotes Gottes (sie fügt das »nicht anrühren« hinzu!), mögen auch andere Aspekte ihrer Aussage zweifelhaft sein. Zweitens könnte es sein, das sie nicht eine geografische (örtliche) Aussage über den Baum machte, sondern mit der »Mitte« eine subjektiv empfundene Wahrnehmung der Wichtigkeit wiedergab. Die »Mitte« wäre also eher symbolisch als denn geografisch zu verstehen. Diese Unsicherheit bietet Raum für unterschiedliche theologische Deutungen, entsprechend gehen die Auslegungen auseinander.

Unterschiedliche Auslegungen des Textes

Der hebräische Befund von Genesis 2,9 und 3,3

Der masoretische Text von Genesis 2,9 lautet wörtlich etwa: »und den Baum des Lebens inmitten des Gartens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse«. Die Ortsangabe »inmitten des Gartens« (beṯôḵ ha-gān) steht unmittelbar beim »Baum des Lebens«. Es bedeutet je nach Kontext »inmitten«, »in der Mitte«, oder allgemeiner »innerhalb«. Rein syntaktisch, also vom Satzaufbau her, ist der nächstliegende Bezug der Ortsangabe der Baum des Lebens. 

Eine zweite Beobachtung ist auch wichtig: Der Vers ist elliptisch aufgebaut, das heißt, er hat Auslassung(en). Das Hebräische sagt nicht ausdrücklich: »nur der Baum des Lebens stand in der Mitte«. Deshalb gibt es Übersetzungen und Kommentare, die den Satz als zusammenfassende Nennung der zwei Sonderbäume lesen. Man muss aber gezielt zu den ungenauen »Übertragungen« greifen, um folgende falsche Wiedergabe zu finden: »Mitten im Garten ›standen‹ der Baum des Lebens und der Baum, der zur Erkenntnis von Gut und Böse führt.« (Neue Genfer Übersetzung). Das ist Auslegung, nicht treue Wiedergabe des Textes.

Dann folgt Genesis 3,3: »von der Frucht des Baumes, der inmitten des Gartens ist«. Hier steht im Singular (Einzahl): »des Baumes, der«. Im Gespräch mit der Schlange meint die Frau damit offenkundig (nur) den einen Baum, von dem zu essen Gott verboten hatte. Das klingt so, als ob der Baum der Erkenntnis aus ihrer Perspektive ebenfalls als ein Baum »inmitten des Gartens« bezeichnet werden könnte. Man beachte: Die Frau liefert keine sachliche Ortsangabe, sondern ihren persönlichen Eindruck, ihr subjektives Wissen, Bewerten und Denken.

Wohin tragen uns die sprachlichen Überlegungen?

Erstens: Der stärkste unmittelbare Satzbezug in Genesis 2,9 lokalisiert (nur) den Baum des Lebens in der Mitte. Das ist der grammatisch konservativste Befund.

Zweitens: Genesis 3,3 zeigt, dass die Frau den verbotenen Baum ebenfalls mit der Formel »inmitten des Gartens« verortet. Das kann heißen: 1.) der Erkenntnisbaum stand auch dort; 2.) der Erkenntnisbaum stand irgendwie nahe beim Lebensbaum, oder 3.) »inmitten« ist hier funktional-symbolisch gemeint, also als »der zentrale Baum der Erprobung« im Kontext. Der Text selbst entscheidet diese drei Möglichkeiten nicht vollständig.

Drittens: Der eigentliche erzählerische Zug ist vermutlich nicht botanisch-geografisch, sondern theologisch: Beide Bäume sind die beiden Brennpunkte der Erzählung: 1.) Gott gibt dem Menschen das Leben und die Fülle (Genuss), weil der Mensch als Geschöpf das Leben nicht in sich selbst hat. 2.) Das Leben und Gedeihen des Menschen ist nur gesichert in Anerkennung, dass der Lebensgeber auch der Gebieter ist, dem man Gehorsam schuldig ist: Der Schöpfungsakt hatte Menschen »im Bild und Gleichnis Gottes« gezeitigt, aber keine Götter (mit wesenseigener Aseität). Dass die Ortsangabe zwischen Genesis 2,9 und 3,3 »wandert«, ist literarisch auffällig und wahrscheinlich beabsichtigt.

Die Auslegung der patristischen und lateinischen Tradition

In der alten Kirche wird der botanisch-räumliche Aspekt meist rasch vom moralischen und sakramentalen verdrängt. Augustinus betont entschieden: Der verbotene Baum war nicht böse an sich; jede von Gott geschaffene Pflanze im Paradies ist gut. Verboten war der Baum vielmehr deswegen, um den Menschen Gehorsam zu lehren. Der Name »Erkenntnis von Gut und Böse« erklärt sich bei ihm daraus, dass der Mensch nach dem Essen am eigenen Leib den Unterschied zwischen dem Guten des Gehorsams und dem Bösen des Ungehorsams erfahren sollte. Damit verschiebt Augustinus die Frage von »Wo stand der Baum geografisch?« zum theologisch-teleologischen: »Wozu diente das Verbot?« (Was war die gute Absicht Gottes, sein Telos, mit diesem Verbot?). Der Garten bleibt bei ihm real, aber der dogmatische Fokus liegt auf ordo, obedientia (Ordnung, Gehorsam) und dem Ursprung der Sünde. Der Baum ist gut; der Sündenfall liegt im Menschen, der zu seinem eigenen Verderben das geringere Gut (Auge, Lust, Begehren) gegenüber dem höheren Gut (Gehorsam Gott gegenüber) wählt.

Thomas von Aquin übernimmt diese Linie. In der Summa Theologiae nennt er sowohl den Baum des Lebens als auch den Baum der Erkenntnis materielle Bäume. Der Baum der Erkenntnis heiße so »mit Blick auf das spätere Geschehen«, weil der Mensch nach dem Essen durch die Strafe den Unterschied von Gut und Böse erfahre. Auch hier ist die Standortfrage sekundär gegenüber der Lehre von Natur, Gehorsam und Strafe.

Die lateinisch-westliche Linie bei Augustinus und Aquin verlagert die Debatte also stark auf Gehorsam, Willensordnung, Sünde und Strafe und später auf die Lehre von der Erbsünde. Der Erkenntnisbaum wird nicht als metaphysisch »schlechter« Gegenbaum zum Lebensbaum verstanden, sondern als guter Baum, der durch das Verbot zum Ort der Prüfung wird.

Die »herzenserforschend-theologische« Deutung des Textes

Man könnte sich fragen, ob und inwiefern man den Text so deuten könne, dass die Aussage der Frau (»inmitten des Gartens«) eine Verschiebung in ihrer Wahrnehmung der Realität darstellt? Dass die Frau sozusagen den »Verbots-Baum« zum Mittelpunkt ihrer subjektiven Vorstellung von Gott macht, statt dass sie den lebensstiftenden »Baum des Lebens« real (objektiv) als Mitte des Garten Edens wahrnimmt.

Zum Glück berichtet die Schrift von den verborgenen Vorgängen im Denken, Fühlen und Entscheiden (dem »Herz«) der Frau. Sie war ja (wie viele lehren) mit »freiem Willen« und unschuldig geschaffen worden. Solchen Menschen begegnen wir ja seit dem Sündenfall nicht mehr, der menschgewordene »Heilige« natürlich ausgeschlossen. Wir müssen also nicht spekulieren, brauchen keine tiefenpsychologische Deutung, der Text reicht. Sehen wir also, wohin ihr »freier Wille« sie führt. 

Wir sehen Frappierendes: Die Wahrnehmung der Frau verschiebt sich vom Lebens-Mittelpunkt und der Fülle des Segens zur göttlich vorgegebenen Grenze ihres Segensraums. Der verbotene Rand wird mental-seelisch zum Zentrum. Das eigentliche Zentrum, das Leben in Fülle, wird überblendet, ausgeblendet, verblasst. Die Frau verändert das Gebot Gottes, warum wissen wir nicht. Letztlich wird die Frau dadurch anfällig gegenüber der Lüge der Schlange. Wir sehen nicht nur eine sprachliche oder rein mentale, sondern eine kognitiv-theologische Verschiebung: ihr Gottesbild hängt schief. Oder ist es schon auf den Boden gefallen?

Jetzt wird es brandgefährlich! Denn ihre falsche Vorstellung spannt eine Leinwand auf, auf die die Schlange einen angeblichen Mangel projizieren konnte. Wo das Gottesbild schief hängt, entsteht eine Zielscheibe für die tödlichen Pfeile Satans. Die Frau fällt auf diese Gott die Ehre abschneidenden Lügen prompt herein. Der Tod folgt dann aber so »gewiss«, wie es Gott vorher gesagt hatte. Wir lernen: Wenn Gottes Ehre in Konkurrenz zu den »Bedürfnissen« und »Gefühlen« des Menschen tritt, führt die Priorisierung des Menschen todsicher ins Verderben, die Priorisierung Gottes aber zu Leben in Überfluss.

Die These dieses Ansatzes lässt sich so formulieren: »Die Bezeichnung des verbotenen Baumes als »inmitten des Gartens« durch die Frau (Genesis 3,3) lässt sich als Hinweis auf eine beginnende Verschiebung der inneren Orientierung lesen, in der das Verbotene jenen Platz des Lebenszentrums einnimmt, der nach Genesis 2,9 (allein) dem Baum des Lebens zukommt. Im Kern wird das Gottesbild verzerrt und verfälscht, was größtes Unheil auslöst.« Diese These ist exegetisch verantwortbar, ohne den Text zu überdehnen.

Fazit

Bleibt man eng am hebräischen Text, kann man Folgendes festhalten:

  • Der sichere Textbefund liefert in Genesis 2,9 ausdrücklich nur vom Baum des Lebens, dass er »inmitten des Gartens« stand. Das ist die objektive Feststellung.
  • Ebenfalls zu beachten ist, dass in Genesis 3,3 die Frau sagt, dass der verbotene Baum »inmitten des Gartens« sei. Das ist ihre subjektive Darstellung. Sie kommt in einem Satz, der eine Falschaussage über das Gebot Gottes enthält; das weckt Zweifel.
  • Folgerung:
    (1) Die Schrift erlaubt nicht die harte Behauptung: »Im Zentrum des Garten Edens stand sicher nur der Baum des Lebens.« 
    (2) Die Schrift erlaubt nicht die harte Behauptung: »Beide Bäume standen sicher beide im Mittelpunkt des Garten Edens.« 
    Der Text hält die Sache bewusst in einer produktiven Spannung. 
  • Der Ansatz der oben dargestellten »herzenserforschend-theologische« Deutung des Textes als innerer Fehlorientierung der Frau, die zur Gedankensünde und dann zur Tatsünde und zum Anstecken anderer zur Sünde führt, ist textlich und exegetisch verantwortbar. Er müsste mit den einschlägigen Stellen des Neuen Testaments geprüft und ergänzt werden.

Warum die Verführung der Frau auch im NT relevant ist

Eine kurze Übersicht samt Kurzkommentar von Bibelstellen im NT soll erste Hilfen bieten, dieses Ur-Ereignis biblisch zu deuten und seine Relevanz für uns Christen zu erfassen. Auch wenn die Frau die Ur-Sünde beging, so ist doch der Mann an ihrer Seite als Repräsentant der Menschen öffentlich verantwortlich für die Ur-Sünde und alle ihre Folgen. Mann wie Frau brauchen Erlösung und Sühnung (usw.). Gott bereitet alles Heilsnotwendige vor und schenkt es jedem Glaubenden frei, wenn er umkehrt, indem er seine Sünde bekennt und an den Retter-Gott glaubt. Die Errettung »allein aus Glauben«, »allein in Christus« gilt seit »Paradies lost« bis »All the children are in«, wenn die Gnadenzeit zu Ende gekommen sein wird.

2. Korinther 11,3

»Ich fürchte aber, dass etwa, wie die Schlange Eva durch ihre List verführte, so euer Sinn verdorben und abgewandt werde von der Einfalt gegenüber dem Christus.«

Hier wird die NT-Gemeinde gewarnt vor der Verführung durch die »Schlange«, den Satan. Paulus nutzt Eva als Typus für geistliche Gefährdung durch List. Im Kontext geht es um die Verführung durch als Wahrheit getarnte Lehre, der die Christen mangels Unterscheidungsvermögen nicht nur keinen Widerstand bieten, sondern das Falsche sogar »gut ertragen«, ja sogar als »begehrenswert« geradezu willkommen heißen (s. Kontext). Herausforderung: Werden die Männer wieder schweigen, zuschauen, mitmachen?

1. Timotheus  2,13–14

»… denn Adam wurde zuerst gebildet, danach Eva; und Adam wurde nicht betrogen, die Frau aber wurde betrogen und fiel in Übertretung.«

Hier wird die Lehrautorität in der Gemeinde Jesu Christi exklusiv Männern anvertraut und mit dem Ur-Betrugsfall im Garten Eden begründet. Die Frau dient als Präzedenzfall für Verführbarkeit. Da damit eine geschlechterspezifische Begründung für Teile der Gemeindeordnung (Lehre/Autorität) geliefert wird, wütet der aktuelle Zeitgeist vehement gegen diese Anweisung des Apostels. Hilfreich ist an dieser Stelle der Hinweis, dass die hier vorgegebene funktionelle Differenzierung der Geschlechterrollen keine ontologische Wertaussage mit sich bringt. Die Anweisung wird auch nicht mit der Intelligenz oder fachlichen Kompetenz der Geschlechter begründet, es gibt ganz offenbar kluge Frauen und dumme Männer. Gott nimmt sich sein ureigenes Recht heraus, in seiner Gemeinde die Autoritätsstrukturen vorzugeben. Wem das nicht passt, kann seinen eigenen kirchlichen Verein gründen.

Römer 5,12–19

»Darum, so wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod und so der Tod zu allen Menschen durchgedrungen ist, weil sie alle gesündigt haben…  Denn so wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen in die Stellung von Sündern gesetzt worden sind, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen in die Stellung von Gerechten gesetzt werden.« (Römer 5,12.19)

In diesem Text werden zwei Familien kontrastiert, indem deren »Häupter« (Repräsentanten) gegenübergestellt werden. Adam ist das Haupt der Familie aller Menschen, Christus das Haupt der Familie der Erlösten. Der Fokus ist also auf die Repräsentationsfunktion. Daher wird die Frau, Eva, überhaupt nicht namentlich erwähnt, aber im vorausgesetzten Sündenfall mitgedacht. Gegenüber Gott ist Adam für den Sündenfall des Menschen voll verantwortlich. Da er im Gegensatz zu Eva das Gebot Gottes direkt empfangen hatte (die Frau war noch gar nicht erschaffen worden!), war seine Sünde eine »Übertretung« und wog daher schwerer. Adams Sünde wird allen Menschen (seiner Familie) zugerechnet, er riss alle mit in den Tod. Dass alle Menschen »in Adam« sind und daher ohne Christus schuldige Sünder vor Gott, beweisen sie beständig dadurch, dass sie alle sündigen (Römer 3,23; 5,12). Herausforderung: Welcher Familie gehöre ich an? Wer ist mein »Haupt«?

1. Korinther 15,21–22; 45–49

»… denn da ja durch einen Menschen der Tod kam, so auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in dem Adam alle sterben, so werden auch in dem Christus alle lebendig gemacht werden.«

Auch hier arbeitet der Apostel Paulus wieder mit der Adam-Christus-Parallele: zwei Menschenmengen werden über ihre »Häupter« in Kontrast gesetzt. In diesem Zusammenhang wird wieder Adam, nicht Eva, für die Sünde und die Todesfolge verantwortlich gemacht. Eva bleibt im Hintergrund, auch wenn sie »Mutter der Lebendigen« ist. Adam übernimmt die Repräsentationsfunktion.

Offenbarung 12,9; 20,2

»Und es wurde geworfen der große Drache, die alte Schlange, welcher Teufel und Satan genannt wird, der den ganzen Erdkreis verführt, geworfen wurde er auf die Erde, … Und er griff den Drachen, die alte Schlange, die der Teufel und der Satan ist; und er band ihn tausend Jahre und warf ihn in den Abgrund und schloss zu und versiegelte über ihm…«

Diese Stellen in der Offenbarung Jesus Christi identifizieren die Schlange aus dem Garten Eden als Drachen, Teufel und Satan. Auch dies zeigt über die Rückbindung die Wahrheit des Genesisberichts an; wir haben dort keine mythische Erzählung, sondern Gottes (Heils-) Geschichte. Eva wird auch hier nicht genannt, aber über die erwähnte Verführung (20,3) angespielt, also vorausgesetzt.

1. Johannes 2,16f

»… denn alles, was in der Welt ist, die Lust des Fleisches und die Lust der Augen und der Hochmut des Lebens, ist nicht von dem Vater, sondern ist von der Welt. Und die Welt vergeht und ihre Lust; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit.«

Klassisch werden die drei genannten weltlichen Versuchungen als Anspielung auf den Ur-Sündenfall in Genesis 3,6 gedeutet (Sehen – Begehren – Selbstüberhöhung) gedeutet:

»Und die Frau sah, dass der Baum gut zur Speise und dass er eine Lust für die Augen und dass der Baum begehrenswert wäre, um Einsicht zu geben; und sie nahm von seiner Frucht und aß, und sie gab auch ihrem Mann bei ihr, und er aß.«

Die inneren Vorgänge der Frau in der Verführung zur Sünde sind exemplarisch für die dann alle Menschen umfassenden Verführbarkeit zur Tatsünde. Wir lernen, dass der Tatsünde die Herzenssünde vorausgeht. Jesus sagt, dass diese Herzenssünde die schwerere ist und daher bei Gott ebenfalls justiziabel ist (Matthäus 5,21ff). Jakobs markiert die Herzenssünde als Folge einer weltlichen »Begierde«; der Herzenssünde folgt dann als »Vollendung« die Tatsünde (Jakobus 1,15), s.u. Am Fuße dieser schlüpfrigen Rampe wartet der ewige Tod.

Matthäus 4,1–11

»Und der Versucher trat zu ihm [Jesus Christus] hin und sprach: Wenn du Gottes Sohn bist, so sprich, dass diese Steine zu Broten werden. … Wenn du Gottes Sohn bist, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: ›Er wird seinen Engeln deinetwegen befehlen, und sie werden dich auf Händen tragen, damit du nicht etwa deinen Fuß an einen Stein stoßest.‹ … Dies alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.«

Die Versuchung Jesu in der Wüste geschah nach 40 Tagen Fasten und laufenden Angriffen des Diabolos (s. Lukas 4,1–2) und kulminierte in diesen drei Versuchungen: Essen (körperliches Verlangen), Schauwunder (um Ansehen zu erringen) und Abkürzung zum globalen Königtum (also, ohne die Sündenfrage zu klären). Alle drei Aufforderungen zur Tat lag kein Auftrag des Vaters zugrunde, sondern war Aufforderung Satans. Jesus musste schon allein deswegen alle drei Aufforderungen als illegitim zurückweisen. Er tat nur, was der Vater ihm hieß, niemals das, was der Teufel Ihm anbot.

Der Kontrast zwischen der Versuchung Jesu in der Wüste zur Versuchung der Frau im Garten Eden könnte nicht größer sein. Die drei Versuchungsbereiche, die bei der Frau »erfolgreich« zur Sünde führten (und wohl bei Milliarden von Menschen seitdem), will Satan auch beim »Sohn des Menschen« wirksam werden lassen. Und Satan zielt bei Jesus Christus genau dorthin, »wo es weh tut«. Aber im Gegensatz zur Frau (und dem schweigenden Adam) kennt Jesus Christus das Wort Gottes, will nur diesen tun, und zerschießt daher alle Versuchungsangebote Satans mit Gottes Wort (alle mit Zitaten aus Deuteronomium, 5. Mose).

Gott sei Dank! Der Heilige erweist sich vor aller Augen als reines und heiliges Opfer (als »Lamm ohne Fehl und ohne Flecken«; 1. Petrus 1,19) und als heiliger Hoherpriester: »Denn ein solcher Hoherpriester geziemte uns: heilig, unschuldig, unbefleckt, abgesondert von den Sündern« (Hebräer 7,26). Vgl. dazu das dreifache apostolische Zeugnis der Sündlosigkeit Jesu: 2. Korinther 5,21; 1. Petrus 2,22; 1. Johannes 3,5!

Jakobus 1,14–15

»Jeder aber wird versucht, wenn er von seiner eigenen Begierde fortgezogen und gelockt wird. Danach, wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod

Dieser Text beschreibt die Wirkungskette einer Versuchung zur Sünde. Gott versucht auf diese Weise und mit dieser Zielsetzung keinen Menschen, niemanden. Seine Versuchungen sind Erprobungen des Glaubens und dienen der Reifung (1. Petrus 1,3ff). Hier wird vielmehr beschrieben, wie die Sünde im Sünder (im »alten Menschen«) wirkt. Eva dient implizit als Urmodell der Versuchung (s.o.), die Versuchung wirkt indessen in allen unerlösten Menschen, da sie alle »Sklaven der Sünde« sind (Johannes 8,34; Römer 6,16–20). Erst »Wenn nun der Sohn euch frei macht, werdet ihr wirklich frei sein« (Johannes 8,36). Erst ab der Einsmachung des Glaubenden mit Jesu Sterben muss ein glaubender Mensch »der Sünde nicht mehr dienen« (Römer 6,6): Der alte Zwangsablauf ist zerbrochen, die Herrschaft der Sünde beendet: »Also herrsche nicht die Sünde in eurem sterblichen Leib, um seinen Begierden zu gehorchen« (Römer 6,12). Halleluja!

Bewährung im Dienst – Fünf Menschentypen und die Frage nach unserer Treue

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Lesedauer: 7 Minuten.

Textgrundlage: 2. Timotheusbrief + 3. Johannesbrief

Was entscheidet eigentlich darüber, ob ein Christ im Glauben treu bleibt – oder mit der Zeit abweicht? Diese Frage ist alles andere als theoretisch. Sie stellt sich mitten im Leben, oft leise, manchmal unter Druck, manchmal schleichend über Jahre hinweg. Sie wird am Ende dieses Lebens vor Jesus Christus, dem gerechten Richter, geklärt und von Ihm belohnt oder bestraft werden.

Unsere Frage steht im Zentrum des Zweiten Timotheusbriefs, dem letzten erhaltenen Schreiben des Apostels Paulus. Er verfasste ihn unter extremen Umständen: in römischer Gefangenschaft, vermutlich kurz vor seinem gewaltsamen Tod als Märtyrer. Viele Weggefährten hatten sich bereits von ihm abgewandt, die äußere Situation war von Unsicherheit und Bedrohung geprägt. Doch Paulus verliert sich nicht in Klagen über seine Lage. Stattdessen richtet er den Blick auf das, was wirklich zählt: die Treue im Glauben und im Dienst.

Auffällig ist dabei seine Vorgehensweise. Paulus bleibt nicht bei allgemeinen Aussagen stehen, sondern nennt konkrete Personen (namentlich!). An ihnen zeigt er, wie sich Treue oder Untreue im Leben tatsächlich ausprägt. Diese Namen sind keine beiläufigen Randnotizen, sondern bewusst gewählte Beispiele, die das Anliegen seines Briefes veranschaulichen und zuspitzen.

1. Die Rückzieher – Abfall aus Angst (2Tim 1)

Im ersten Kapitel begegnen uns Phygelus und Hermogenes. Über sie wird nur knapp berichtet, dass sie sich von Paulus abgewandt haben. Doch gerade diese Kürze macht die Aussage eindrücklich. Offenbar gehörten sie zuvor zum Kreis derer, die Paulus verbunden waren. Als die Situation jedoch gefährlich wurde, zogen sie sich zurück. Im Hintergrund steht die zunehmende Verfolgung von Christen, insbesondere nach dem Brand Roms unter Nero. Wer sich zu Paulus bekannte, setzte sich selbst einem Risiko aus.

Hier wird sichtbar, wie schnell Angst den Glauben prägen kann. Treue zeigt sich nicht in Zeiten der Ruhe, sondern gerade dann, wenn sie etwas kostet. Das positive Beispiel liefert im Kontrast Onesiphorus, der Paulus gerade in dieser Lage aufsucht und sich dessen Ketten nicht schämt.

Treue zeigt sich nicht bei Schönwetter, sondern im Sturm, unter Druck.

Die Frage, die sich daraus ergibt, ist sehr konkret: Wo beginne ich mich zurückzuziehen, wenn Nachfolge und Treue zum Herrn und seinem Wort unbequem wird?

2. Die Verdreher – Zerstörung durch falsche Lehre (2Tim 2)

Im zweiten Kapitel verschiebt sich der Fokus von der Angst zur Lehre. Hier nennt Paulus Hymenäus und Philetus. Ihr Problem liegt nicht im Rückzug, sondern in der Verfälschung zentraler Glaubensinhalte. Sie behaupteten, die Auferstehung sei bereits geschehen, und untergruben damit eine grundlegende Hoffnungswwahrheit des christlichen Glaubens.

Paulus beschreibt die Wirkung ihrer Lehre mit einem drastischen Bild: Sie frisst um sich wie Krebs. Damit macht er deutlich, dass falsche Lehre nicht passiv und nicht neutral bleibt. Sie wirkt aktiv zerstörerisch, oft anfangs unauffällig, aber nachhaltig, nämlich tödlich.

Lehre ist nicht Nebensache, gar Hobby der Theologen – sie hat Konsequenzen für den Glauben.

Wo die Wahrheit der Schrift relativiert oder angepasst wird, sei es aus Unglauben oder Tradition, wird nicht nur diskutiert und tradiert (Traditionelles weitergegeben), sondern der Glaube selbst wird beschädigt.

Die entscheidende Frage lautet daher: Woran messe ich das, was ich glaube – an der Heiligen Schrift oder an dem, was mir plausibel erscheint?

3. Die Widersteher – bewusste Opposition gegen Wahrheit (2Tim 3)

Im dritten Kapitel greift Paulus auf zwei Gestalten aus der alttestamentlichen Überlieferung zurück: Jannes und Jambres, die Mose widerstanden. Sie stehen exemplarisch für Menschen, die sich bewusst gegen Gottes Wahrheit stellen.

Hier geht es nicht mehr nur um Irrtum oder Schwäche, sondern um eine entschiedene innere Haltung: Wahrheit wird nicht angenommen, sondern aktiv bekämpft oder durch Nachahmung verfälscht. Paulus spricht von einer verdorbenen Gesinnung – damit wird deutlich, dass das Problem tiefer liegt als einzelne falsche Aussagen.

Zugleich enthält der Text eine wichtige, tröstliche Perspektive: Täuschung hat kein dauerhaftes Fundament – die Wahrheit wird sich durchsetzen.

Das ist eine nüchterne, aber tröstliche Einsicht. Sie bewahrt davor, sich von scheinbarer Stärke oder Einfluss täuschen zu lassen. Gottes Wahrheit ist Gottes Wahrheit. Sie wird bestehen bleiben, sie wird am Ende siegen.

Eine Frage bleibt angesichts dessen herausfordernd persönlich: Habe ich ein Herz, das sich der Wahrheit beugt – oder eines, das ihr ausweicht?

4. Die Abgewichenen und Angreifer – Weltliebe und Feindschaft (2Tim 4)

Im vierten Kapitel wird die Darstellung erneut persönlicher. Paulus nennt Demas, einen ehemaligen Mitarbeiter, der ihn verlassen hat, »weil er die jetzige Welt liebgewonnen hat«. Hier wird ein schleichender Prozess sichtbar. Es ist kein plötzlicher Bruch, sondern eine Veränderung der inneren Ausrichtung. Andere Dinge gewinnen an Gewicht und die Bindung an Christus tritt in den Hintergrund. Am Ende gehen die Füße dahin, wo das Herz schon lange war.

Daneben steht Alexander der Schmied, der Paulus aktiv widersteht und ihm Schaden zufügt. Diese beiden Beispiele zeigen zwei unterschiedliche Formen der Abkehr: die stille, innere Entfernung und den offenen, äußeren Angriff.

Abkehr beginnt im Herzen – entweder leise oder offen sichtbar.

Beide Wege führen letztlich weg von der Treue. Deshalb ist die Frage entscheidend: Wo ziehen mich andere Dinge weg von Christus, und wie gehe ich mit Widerstand um?

5. Der Machtmensch – Zerstörung von innen (3Joh 9–10)

Ergänzt wird dieses Bild durch eine weitere Figur aus dem Dritten Johannesbrief: Diotrephes. Anders als die zuvor genannten Personen ist er nicht durch Abfall oder Irrlehre gekennzeichnet, sondern durch sein Verhalten innerhalb der Gemeinde. Er sucht den ersten Platz, lehnt andere biblische Autorität ab, redet schlecht über andere und grenzt Menschen aus. Fromme (?) Selbstverwirklichung, Rufmord, Cancel-Kultur, Parteilichkeit, Widerstand – er bedient sich des ganzen Spektrums der Machtpolitik. Damit wird eine weitere, oft unterschätzte Gefahr sichtbar: nicht von außen, sondern aus der Mitte der Gemeinde heraus.

Wo Leitung zur Selbstbehauptung wird, wird Gemeinde beschädigt.

Leitung ist im Neuen Testament als Dienst gedacht. Der Hebräerbrief definiert den Dienst von »Führern« mit »sie wachen über eure Seelen«, sind also von Herzen Hirten ihrer Schafe. Wo Leitung aber zur Bühne der Selbstverwirklichung wird, entsteht geistlicher Schaden – oft subtil, aber tiefgreifend. Die Täuschungskraft ist real, wenn dieses Diotrephes-Verhalten mit frommen Worten ummantelt wird. 

Die persönliche Anfrage lautet: Will ich mich durchsetzen – oder bin ich bereit, anderen zu dienen?

Zusammenfassung und Abschlussgedanke

Wenn man diese Personen nebeneinanderstellt, entsteht ein buntes und vielschichtiges Bild. Es zeigt, dass die Gefährdung des Glaubens aus unterschiedlichen Richtungen kommen kann, von innen wie von außen: durch Angst, durch falsche Lehre, durch bewussten Widerstand, durch Weltliebe oder durch Machtstreben.

Die größten Gefahren entstehen nicht nur von außen und extern, sondern auch von innen und intern. Der Apostel Paulus hatte das schon in seiner Abschiedsrede in Milet deutlich angekündigt (Apostelgeschichte 20,28ff).

Damit wird die eigentliche Absicht im Vermächtnis-Brief des Apostels Paulus deutlich. Er schreibt nicht, um historische Informationen festzuhalten, sondern um seine Leser zu prüfen und zu formen, ihnen das Wichtigste aufzuerlegen: Bleibe treu beim Wort Gottes, egal wie und egal wo, predige es allenthalben, stehe im Glauben fest dazu. In Milet hatte er den Gemeindeleitern gesagt: Habt zuerst Acht auf euch selbst, aber auch auf die ganze Herde der Gläubigen. Denn sie ist bluterkauftes Eigentum Jesu.

Die skizzierten Männer werden für alle Ewigkeit namentlich bekannt sein. Jemand sagte einmal sarkastisch: »Niemand ist unnütz, er kann immer noch als schlechtes Vorbild dienen!« Wie tragisch! Es geht aber nicht um das Kaleidoskop realer Endzeitversager, sondern um deren Spiegelfunktion. Die entscheidende Frage lautet: Wo stehe ich? Das Spektrum jener erwähnten Männer lehrt uns die richtigen Prioritäten für die Endzeit: am Evangelium festhalten, sich nicht schämen, in der Wahrheit bleiben, schwierige Umstände ertragen lernen und nicht sich selbst, sondern Christus dienen.

Treue ist keine Frage der Begabung, sondern der Herzenshaltung. Das »Endzeit-Motto« lautet nicht: »Sei perfekt!«, sondern: »Sei treu!« Wem treu sein? Dem Wort Gottes!

Am Ende seines Lebens fasst Paulus seinen Dienst- und Lebensweg mit den bekannten Worten zusammen: »Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe den Glauben bewahrt« (2Timotheus 4,7). Er redet nicht von spektakulären Erfolgen, sondern von tiefster Gewissheit und Frieden. Sein Lebensfazit wäre für jeden Grabstein eine Zierde. Aber Paulus schaut über das Grab hinaus: »Fortan liegt mir bereit die Krone der Gerechtigkeit, die der Herr, der gerechte Richter, mir zur Vergeltung geben wird an jenem Tag«. Sein Lebensfazit windet den schönsten Siegeskranz für Jesu Gegenwart. 

SDG.

Erwählung ist ein Liebesakt

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Lesedauer: 11 Minuten.

Im Folgenden soll die These »Heilsgeschichte ist Liebesgeschichte« etwas vertieft werden, indem der biblisch durchgehende Zusammenhang zwischen Erwählung und Liebe etwas strukturierter belegt wird. Dies könnte als Startpunkt für eigene Untersuchungen dienen, welche ausdrücklich empfohlen werden. Das Thema ist einfach viel zu grundlegend, herzbefestigend und herzerwärmend, als dass man an ihm als Glaubender interesselos vorbeigehen dürfte. 

Die Akzentsetzungen der Erwählung aus Liebe liegen im Alten und Neuen Testament etwas unterschiedlich, weil die Liebes- und Heilsgeschichte sich im AT eher um Israel dreht, wohingegen sie sich im NT allen Menschen zuwendet. Zudem ist die Selbstoffenbarung Gottes und seiner Werke und Absichten fortschreitend. Wir kommen ohne AT oder ohne NT nicht aus, sie sind beide Glaubensgrundlage eines Christen.

Altes Testament (AT)

Im AT geschieht Erwählung aus Gottes Liebe vor allem kollektiv: das Volk Israel betreffend. Aber die Bündnisse und die Propheten reden bereits vorausdeutend davon, dass diese Liebe mit allen Folgen erst durch »den Samen Abrahams« möglich sein wird, durch Jesus Christus, dem Messias. Eines Tages »wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen mit Heilung in ihren Flügeln« (Maleachi 3,20; vgl. Jesaja 58,8 u.a.).

5. Mose 7,7–8

»Nicht weil ihr mehr wäret als alle Völker, hat Jahwe sich euch zugeneigt und euch erwählt; denn ihr seid das geringste unter allen Völkern; sondern wegen der Liebe Jahwes zu euch und weil er den Eid hielt, den er euren Vätern geschworen hat…«

Kernaussage. Die Erwählung Israels wird ausdrücklich mit Gottes Liebe begründet, nicht mit Israels Glanz, Schönheit, Leistung oder Größe.

5. Mose 10,15

»Jedoch deinen Vätern hat Jahwe sich zugeneigt, sie zu lieben; und er hat euch, ihre Nachkommen nach ihnen, aus allen Völkern erwählt, wie es an diesem Tag ist.«

Kernaussage. Zuerst kommt von Gottes Seite eine Entscheidung, Israel (die Vorväter) zu lieben. Daraus folgt (kausal) die Erwählung.

Maleachi 1,2–3

»Ich habe euch geliebt, spricht Jahwe; aber ihr sprecht: ›Worin hast du uns geliebt?‹ – War nicht Esau der Bruder Jakobs?, spricht Jahwe. Und ich habe Jakob geliebt, Esau aber habe ich gehasst…«

Kernaussage. Liebe und Erwählung (Wahl zwischen den beiden Zwillingen, entgegen dem Normalfall der Bevorzugung des Erstgeborenen!) wird sehr speziell und ausgesprochen selektiv formuliert. Daher greift Paulus dieses Beispiel auch in Römer 9:10ff auf als Illustration seiner Darlegung der souveränen Erwählung durch Gott.

Jesaja 43,1.4

»Und nun, so spricht Jahwe, der dich geschaffen hat, Jakob, und der dich gebildet hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. … Weil du teuer, wertvoll bist in meinen Augen und ich dich lieb habe, so werde ich Menschen hingeben an deiner statt und Völkerschaften anstatt deines Lebens.«

Kernaussage. Die Erwählung bedeutet stets ein Vorziehen der Erwählten vor anderen. Sie ist ein Besitzergreifen: »Du bist mein« (Bund). Sie schließt das notwendige Heilshandeln an den Erwählten mit ein: »dich habe ich erlöst«. Erwählung ist hier Ausdruck der treuen Bundesliebe Gottes.

Jeremia 31,3

»Von ferne her ist mir der HERR erschienen: Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt; darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Gnade.« (SCHL2000).

Kernaussage. Dies ist sicher die Schlüsselstelle zum Liebeserwählen Gottes. Sie ist eingebettet in der Verheißung des »Neuen Bundes«, dem Nachfolger des erfolglosen Alten Bundes (Mosaischer Bund, Sinai-Bund). Die »ewige Liebe« dauert nicht nur zeitlich lange, sondern ist wesensartig ursprünglich, unerschöpflich und bundestreu (mithin an Gottes Treue gebunden und daher sicher). Diese Liebe wird aktiv gg. den Geliebten: »zu mir gezogen«. Dies ist funktional sehr nahe zu dem, was im NT später als »effektive Berufung« beschrieben wird.

Die logische Struktur des Verses führt von der Liebe zum Ziehen zur Heilsbeziehung. Das entspricht dem, was das NT später detaillierter lehrt: Die ewige Liebe führt zur Erwählung, zur effektiven Berufung (im Evangelium) und zum ewigen Heil, der Verherrlichung (Römer 8,29ff). Jeremia 31,3 macht bereits klar: Liebe ist ontologisch primär zu verstehen. Erwählung ist letztlich Ausdruck der ewigen, wirksamen Liebe Gottes, die das Heil initiiert, trägt und erneuert. – Wen wundert das heute noch, da Gott doch geoffenbart hat: »Gott ist Liebe« (1Johannes 4,16)? Der Geliebte, der ewig von Gott Erwählte, betet Ihn dafür an!

Zusammenfassung: Die theologische Linie im AT

Die Erwählung wird im AT meist korporativ, also für das Volk Israel, gemeint. Aber spätestens in 1Mose 12 wird auch die individuelle Erwählung im Abrahamsbund Leitmotiv der Wiederherstellung, die sich bis in die Ewigkeit nach der Zeit erstreckt. Sonst gilt: Erwählung ist Gottes Wahl Israels in einer Bundesbeziehung. Grundlage und Initiative ist allein der freien, souveränen Liebe Gottes zuzuschreiben. Das Ziel dieser Bundesliebe ist letztlich das vollkommene Heilwerden der Geliebten. Dies gilt zunächst nur Israel, konnte aber im AT nur bei Einzelnen Wirklichkeit werden. Das Heilwerden der (dann) gläubigen Nation Israel ist noch ausstehend, aber durch Gottes Bundes- und Liebestreue sicher.

2. Neues Testament (NT)

Im NT geschieht die Erwählung (Auserwählung) ausdrücklich »in Christus«, denn außerhalb seines Sohnes erwählt Gott-Vater niemand. Das ist nicht Zufall, sondern Seine Absicht, die sich von Ewigkeit zu Ewigkeit durchzieht. Die Auserwählung ist personalisiert, daher werden immer wieder Namen, ein Marker für Persönlichkeit und Individuum, erwähnt. Aber alle Einzelnamen ergeben zusammen auch eine Namensliste, die Gott in einem Buch festgeschrieben und festgelegt hat (s. Studie zum »Buch des Lebens«, i.V.).

Epheser 1,3–5

»Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christus, wie er uns auserwählt hat in ihm vor Grundlegung der Welt, dass wir heilig und untadelig seien vor ihm in Liebe; … nach dem Wohlgefallen seines Willens…«

Kernaussage. Hier werden Liebe und Auserwählung direkt verbunden. Die Liebe ist Auslöser und Vollendung der Liebe Gottes zu »uns«, also jenen »in Christus«. Diese Auserwählung ist eine ewige, sie stand bei Beginn der Schöpfung und der Zeit also bereits fest (die Liste der auserwählten Personen steht daher seit Beginn der Schöpfung bereits im »Buch des Lebens«).

2. Thessalonicher 2,13–14

»Wir aber sind schuldig, Gott allezeit für euch zu danken, vom Herrn geliebte Brüder, dass Gott euch von Anfang erwählt hat zur Errettung in Heiligung des Geistes und im Glauben an die Wahrheit, wozu er euch berufen hat durch unser Evangelium, zur Erlangung der Herrlichkeit unseres Herrn Jesus Christus.«

Kernaussage. Hier wird von Paulus eine Parallelstruktur aufgebaut zwischen »vom Herrn geliebt« und »von Anfang erwählt zur Errettung«. Das Ziel jener Liebe und Erwählung ist, dass die Erwählten die » Herrlichkeit unseres Herrn Jesus Christus« erlangen. Nichts weniger ist das Liebesziel Gottes, dass die Erwählten so herrlich werden wie sein Sohn. Das bedeutet nicht, dass sie zu Göttern werden (das ist analytisch Unsinn, reine Begriffsverwirrung), sondern Jesus, dem menschgewordenen Gottessohn, im Wesen gleich werden, mithin »Teilhaber der göttlichen Natur« werden (2Petrus 1,4). Was das bedeutet, ist schwerlich zu umfassen: Wir werden lieben, reden, denken, urteilen, wollen… wie Jesus Christus! Gigantisch.

Römer 8,29–30

»Denn welche er zuvor erkannt hat, die hat er auch zuvor bestimmt, dem Bild seines Sohnes gleichförmig [zu]sein], damit er [der] Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Welche er aber zuvor bestimmt hat, diese hat er auch berufen; und welche er berufen hat, diese hat er auch gerechtfertigt; welche er aber gerechtfertigt hat, diese hat er auch verherrlicht.«

Kernaussage. Das »Zuvorerkennen« (proginōskō) wird nach biblisch-hebräischem Denken als liebendes Erwählen, als Etablieren einer beständigen Lebensbeziehung in Liebe verstanden. Es geht nicht um Information (schon gar nicht um eine »Prognose«!), sondern um Beziehung, also um Heil, Leben und Fruchtbarkeit. Alles andere macht keinen Sinn.

Römer 9,13 (zitiert Maleachi)

»wie geschrieben steht: ›Jakob habe ich geliebt, aber Esau habe ich gehasst.‹«

Kernaussage. Paulus illustriert und belegt seine Lehraussagen zur liebenden Erwählung der Geretteten mit dem beispielgebenden souveränen Handeln Gottes am Zwillingspaar Jakob und Esau (s.o.). Paulus geht es im Kontext des Zitats jedoch weder um die irdische Geschichte jener zwei Personen noch um jene ihrer Nachkommen und Völker, sondern um das ewige Heil, wie Verse 9,22–24, deutlich machen. Es geht ihm (auch) um »uns, die er auch berufen hat, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Nationen

Kolosser 3,12

»Zieht nun an, als Auserwählte Gottes, als Heilige und Geliebte…«

Kernaussage. Paulus macht deutlich: Wer ein »Auserwählter« ist, ist damit auch ein »Heiliger« und ein »Geliebter«. Das ist alles untrennbar die neue Identität (=was jemand wahrhaft ist) jedes Erlösten.

Zusammenfassung: Die theologische Linie im NT

Im NT wird die Erwählung offenbart und gelehrt als christologisch (nur »in Christus«), meist (aber nicht immer) auf das ewige Heil bezogen und individuell zugespitzt. Die Liebe Gottes ist Initiator, Beweggrund und stabiler Verbindungsgarant und damit ein Erkennungszeichen der wirklich von Gott vor aller Zeit und für alle Ewigkeit Erwählten.

Das Verhältnis von Liebe und Erwählung

1. Grund der Erwählung ist Gottes freier Liebeswille

Es ist Gottes »Wohlgefallen«, also sein ureigener, vollkommener Wille, ob und wo er seine Liebe Menschen frei (=unverdient, nicht als Reaktion) schenkt und diese Menschen zur Lebens- und Liebesbeziehung mit sich auserwählt (vgl. 5Mose 7,8; Epheser 1,4–5). Erwählung ist damit niemals verdienstbasiert (»Lohn«), sondern exklusiv gnadenhaft und von ewiger Liebe motiviert. (Durch die Gnadengabe der Liebe Gottes erzeugt der Heilige Geist im Erwählten angemessene Gegenliebe; damit ist der »Kreis der Liebe« geschlossen, Römer 5,5b.)

2. Die Erwählung zum ewigen Heil ist Ausdruck der Liebe Gottes

Das AT wie das NT (s. z.B. Jesaja 43; 2Thess 2,13) offenbaren uns das liebende Herz Gottes und wie dieses »Herz« den dreieinigen Retter-Gott zu rettendem Handeln bewegt. Gottes Liebe ist konkret und sichtbar geworden in Jesus Christus. Das Kreuz Jesu war dafür weder der Anfangspunkt noch der Schlusspunkt, aber der Wendepunkt: Keiner kann nun noch an Gottes Heiligkeit und Liebe ernsthaft zweifeln.

3. Erwählung aus Liebe ist nicht universalistisch zu verstehen

Man meint, dass der Ausdruck »Auserwählung« sprachlich genügend klar wäre, um das Wortwesentliche zu erfassen, dass der Auserwählungsakt nämlich wesenseigen Nichterwählte zurücklässt; sonst wäre es keine Wahl, keine Auswahl (s. z.B. Maleachi 1, Römer 9). Neben der »allgemeinen Liebe«, die Gott zu allen Menschen und zu allen seinen Geschöpfen hat, gibt es auch eine »spezielle Liebe« Gottes, die er nur zu den von Ihm frei Erwählten hat, von denen er (exklusiv) auch will, »dass [sie] heilig und untadelig vor ihm seien in Liebe« (Epheser 1,4). Gottes spezielle Liebe ist differenziert wirksam, nach Gottes freiem Liebeserwählen.

4. In Christus wird die Spannung neu gerahmt

Da uns Gott sein vorweltlich und konkret (namentlich) gefasstes Auserwählungsergebnis vorenthalten hat, bleibt für die Nachfolger Jesu bis zur Vollendung des Heilsratschlusses Gottes Unklarheit über die Identität jener, die Auserwählte sind. Für die gegenwärtige Zeit (»Gnadenzeit«!) wird den Jüngern Jesu vom Heiland und Gottessohn Jesus Christus befehlsweise aufgetragen, alle Menschen zur Buße (Umkehr) und zum Glauben an Jesus Christus aufzurufen. Der »Erfolg« dieser Mission ist göttlich gesichert, was ein großer Trost und eine große Motivation für jeden Boten Jesu ist (s. z.B. Apostelgeschichte 18,10). Am Ende singt der Himmel dem Lamm Gottes zu: »Du bist geschlachtet worden und hast für Gott erkauft, durch dein Blut, aus jedem Stamm und jeder Sprache und jedem Volk und jeder Nation« (Offenbarung 5,9).

Das Evangelium Gottes ist kein »Angebot« Gottes, sondern sein göttlicher Befehl, wie der Apostel Paulus predigte: »Nachdem nun Gott die Zeiten der Unwissenheit übersehen hat, gebietet er jetzt den Menschen, dass sie alle überall Buße tun sollen, weil er einen Tag festgesetzt hat, an dem er den Erdkreis richten wird in Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat« (Apostelgeschichte 17,30–31).

Wenn nun jemand auf die Predigt des Evangeliums »mit [seinem] Mund Jesus als Herrn bekennt und in [seinem] Herzen glaubt, dass Gott ihn aus den Toten auferweckt hat, [er] errettet werden« wird. »Denn mit dem Herzen wird geglaubt zur Gerechtigkeit, mit dem Mund aber wird bekannt zum Heil« (Römer 10,9–10). Man muss es vor Gott und Mensch aussprechen, und die Worte müssen natürlich aufrichtig und authentisch sein.

Solange »Gnadenzeit« währt, werden alle Menschen zu Jesus Christus als Herrn und Retter gerufen. Welche Menschenmenge sich letztendlich ergibt von solchen, die entsprechend kommen, glauben und errettet werden, wird sich uns erst nach der Gnadenzeit zuverlässig und fehlerfrei offenbaren. Auserwählung spielt also für unsere Mission keine entscheidende Rolle. Es gilt der »Missionsbefehl« Jesu bis zu dessen Aufhebung wegen Zielerreichung!

Warnung. Wer allerdings hartnäckig das Evangelium und den Retter Jesus Christus ablehnt, muss damit rechnen, dass ihm das Wort vom Heil nicht länger angeboten wird. »Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht!« (Hebräer 3,7 u.a.). Die ablehnenden Juden mussten vom Apostel Paulus hören: »Zu euch musste notwendigerweise das Wort Gottes zuerst geredet werden; weil ihr es aber von euch stoßt und euch selbst des ewigen Lebens nicht für würdig erachtet, siehe, so wenden wir uns zu den Nationen.« (Apostelgeschichte 13,46). Das lenkt und begrenzt die Mission auf Menschen, die hören und glauben wollen.

Weiterführende Studien

Weiterführendes liefert u.a. die detailliertere Studie »Auserwählung – Fragen über Fragen« auf diesem BLOG (Link: https://logikos.club/?p=2131).

Die unaufhebbare Spannung

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Lesedauer: 4 Minuten.

Eine theologische Positionsbestimmung nach John MacArthur

Manche Redner und Autoren verbreiten unwissend, andere verleumdend, Unwahres über die Lehrpositionen des heimgegangenen Bibellehrers und Gemeindehirten John F. MacArthur. Man bezeichnete ihn als »Calvinist«, was im deutschsprachigen Raum zu einem bloßen Schimpfwort geworden ist, das mit Calvin wenig zu tun hat, noch weniger mit John MacArthur. MacArthur lehrte und praktizierte beispielsweise die Gläubigentaufe und lehrte die Dispensationen der Bibel im Sinne einer prätribulationistischen und prämillennialistischen Sicht der Zukunft. Kein »Calvinist« (Anhänger reformierten Glaubens im Sinne des Genfer Reformators) würde diese Punkte annehmen. Der Streit entflammt vielmehr eingeengt im Bereich der Heilslehre, wo sowohl menschliche Verantwortung als auch göttliche Souveränität von der Heiligen Schrift gelehrt werden. Anhand eines öffentlichen Beitrags von MacArthur (2010 Shepherd’s Conference) wollen wir ihn selbst reden lassen zu dem, was er tatsächlich lehrte und wie er bewusst seine Deutung der Schrift im Bereich der Soteriologie (Heilslehre) nicht von einem theologischen System einengen ließ.

Das Problem

Es geht um die Frage nach dem Verhältnis von göttlicher Souveränität und menschlicher Verantwortung. Diese gehört zu den zentralen Streitpunkten christlicher Theologie. Besonders im Kontext des »Calvinismus« wird immer wieder ein Spannungsverhältnis zum Evangelium behauptet: Wenn Gott souverän erwählt, welchen Sinn hat dann der universelle Aufruf zum Glauben? John MacArthur begegnet dieser Frage mit einer klaren These: Die Spannung ist real – und sie darf nicht aufgelöst werden.

MacArthurs Lehrposition

Im Zentrum seiner Argumentation stehen zwei grundlegende Aussagen der Bibel. Zum einen handelt Gott souverän in der Erwählung; die Rettung des Menschen ist letztlich nicht das Ergebnis menschlicher Entscheidung, sondern göttlichen Handelns (Römer 9,16; Epheser 1,4ff u.a.). Zum anderen richtet sich das Evangelium ohne Einschränkung an alle Menschen. Jeder wird aufgerufen, zu glauben, umzukehren und Christus anzunehmen (Markus 1,15b; Apostelgeschichte 17,30f u.a.). Diese doppelte Aussage bildet für MacArthur keinen logischen Widerspruch, sondern eine theologische Spannung, die bewusst bestehen bleibt.

Gerade an diesem Punkt setzt seine Kritik an gängigen Lösungsversuchen an. Theologische Modelle, die die Spannung zugunsten einer Seite auflösen, geraten seiner Auffassung nach zwangsläufig in Schieflage. Wird die menschliche Entscheidungsfreiheit stark betont, verliert die göttliche Souveränität an Gewicht. Wird hingegen die Erwählung absolut gesetzt, droht der universelle Ruf des Evangeliums praktisch bedeutungslos zu werden. In beiden Fällen wird versucht, ein in sich geschlossenes, widerspruchsfreies System zu schaffen – jedoch um den Preis, dass zentrale biblische Aussagen abgeschwächt oder neu interpretiert werden.

MacArthur lehnt diese Systematisierung ausdrücklich ab. Für ihn liegt die Aufgabe der Theologie nicht darin, die Spannung zu beseitigen, sondern darin, beide Seiten gleichermaßen festzuhalten. Die Bibel selbst präsentiere Gottes souveränes Handeln und die Verantwortung des Menschen als gleichzeitig gültige Wahrheiten. Ihre Verbindung entzieht sich jedoch einer vollständigen rationalen Durchdringung. Die Spannung ist daher nicht Ausdruck eines Mangels, sondern ein Hinweis auf die Begrenztheit menschlicher Erkenntnis angesichts göttlicher Wirklichkeit.

Diese Sicht hat unmittelbare praktische Konsequenzen. Die Verkündigung des Evangeliums darf nicht eingeschränkt werden – weder durch spekulative Überlegungen über Erwählung noch durch den Versuch, den Adressatenkreis einzugrenzen. Christen sind aufgerufen, das Evangelium unterschiedslos allen Menschen zu predigen. Gleichzeitig bleibt das Wirken Gottes souverän und letztlich verborgen. Die Verantwortung des Menschen und die Wirksamkeit göttlicher Gnade stehen nebeneinander, ohne dass das eine im anderen aufgeht.

MacArthurs Position läuft damit auf eine bewusste Akzeptanz theologischer Spannung hinaus. Er trifft eine klare Absage an eine systematische Glättung anhand eines Lehrsystems. Wahrheit wird nicht durch ihre vollständige Auflösung in ein widerspruchsfreies System bestätigt, sondern durch die Treue zum biblischen Zeugnis in seiner ganzen Breite. Die Spannung zwischen biblischer Erwählungslehre (durch souveräne Wahl Gottes) und Predigt des Evangeliums mit allen gebotenen Imperativen (die den Menschen in Verantwortung setzen) ist daher kein Problem, das es zu beheben gilt, sondern ein konstitutives Merkmal der christlichen Lehre selbst.

Im Ergebnis formuliert MacArthur eine klare Warnung: Wer versucht, die Spannung aufzulösen, riskiert, das Gleichgewicht der biblischen Aussagen zu verlieren. Wer die Spannung zwischen göttlicher Souveränität und menschlicher Verantwortung einseitig auflöst, hat nicht Klarheit gewonnen – sondern biblische Substanz verloren. Theologische Klarheit entsteht nicht durch Vereinfachung, sondern durch das Aushalten dessen, was sich nicht vollständig harmonisieren lässt. Die verbleibende Spannung ist kein Defizit der Lehre, sondern Ausdruck ihres Gegenstandes: eines Gottes, dessen Handeln sich der vollständigen rationalen Durchdringung entzieht. Gerade darin zeigt sich für ihn die Ernsthaftigkeit theologischer Arbeit – und zugleich ihre Grenze.

Solche Spannung sieht MacArtur auch bei anderen »spannungsvolle Themen« der Theologie (Lehre von Jesus Christus als Mensch und Gott, der Heiligen Schrift als menschliches und göttliches Buch, usw.) als gegeben.

Quellen

John MacArthur, MacArthur: The tension between Calvinism and the Gospel. YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=rHeAPdzQUNI (Exzerpt, 7:53 Dauer).

Shepherds Conference 2010, General Session 5, Q&A mit John MacArthur (Audio, ab Minute 3).

Ein Beispiel für eine üble Verleumdung, in der praktisch jeder Halbsatz nachweislich falsch ist: »Der Calvinismus ist eine Philosophie, die wahre Gläubige an ihrer Erlösung zweifeln lässt und Ungläubige völlig davon abhält, mehr über den Gott der Liebe und Gnade zu erfahren. Hören Sie sich den prominentesten Vertreter der reformierten Theologie an. Beachten Sie, dass John MacArthur die Heilige Schrift keineswegs auslegt, sie wörtlich nimmt oder die Schlüsselbegriffe in ihrem Kontext betrachtet. Er wirft lediglich einen Haufen Wortwirrwarr mit autoritärem, zornigem Ton in den Raum, um Sie zu manipulieren.« (facebook-Eintrag von Daniel Hulse vom 12.07.2022 zum oben zitierten Beitrag von MacArthur 2010!)

Der Prozess Jesu – Offenbarungseid menschlicher Rechtsprechung

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Lesedauer: 8 Minuten.

Mehrere Historiker und Juristen haben den Prozess Jesu sowohl nach jüdischem (halachischem) als auch nach römischem Recht analysiert und dabei vermutliche Verfahrensfehler herausgearbeitet. Einer der bekanntesten Vertreter solcher Analysen ist Walter M. Chandler (1867–1935), ein US-amerikanischer Politiker und Jurist im19./20. Jhdt. mit seinem zweibändigen Werk »The Trial of Jesus from a Lawyer’s Standpoint« (New York, NY: The Federal Book Co., 1908/1925). Diese zwei Bände untersuchen detailliert den jüdischen Prozess (Band 1) und den römischen Prozess (Band 2). Chandler geht vom zuverlässigen Bericht der Evangelien der Heiligen Schrift aus und vergleicht das dort geschilderte Vorgehen mit den damaligen Rechtsnormen, soweit sie ihm bekannt waren.

Natürlich sind die Evangelien keine Gerichtsakten und unsere Quellen bzgl. der damals herrschenden jüdischen und römischen Rechtsprechung mögen teilweise aus späteren Quellen stammen (das rabbinische Recht wird verstanden aus den uns vorliegenden Schriften der Mischna und des Talmud), auch wenn die schriftliche Form des Pentateuch äußerst zuverlässig vorliegt. Der Wahrheitsfindung treten leider oft auch politisches Kalkül und vorwissenschaftliche Voreingenommenheit der Forschenden in den Weg. Von jüdischer Seite wird pro domo Fehlverhalten der Juden meist geleugnet und den Römern zugeschoben (s. z.B. Haim Cohn). Die historisch-kritische Schule der »christlichen« Theologie stellt die Schriften der Evangelien unter Generalverdacht der Fälschung oder Nichthistorizität (s. z.B. Josef Blinzler, Pauls Winter). Aber das überwältigende Analyseergebnis Chandlers ist, dass sowohl die jüdische wie auch die römische Rechtsprechung im »Fall Jesus« zahlreiche unzulässige Verfahrensfehler beging, die zur Tötung eines Unschuldigen, Jesus Christus aus Nazareth, führte. Pointiert zusammengefasst haben wir es hier weder mit einem gerechten Verfahren noch mit einem Justizirrtum zu tun, sondern mit Justizmord. Dabei wollen wir den Begriff »Mord« so verstehen, dass dieser die beabsichtige Tötung eines Menschen aus niedrigen Beweggründen bezeichnet.

Es folgt eine auf 20 Punkte verkürzte Liste der Ergebnisse von Chandler, geordnet nach jüdischem und römischem Gesetz.

Die Verfahrensfehler im jüdischen Prozess 

(A) Unzulässige Zeit und Ort des Verfahrens

1. Nachtverhandlung. Ein Kapitalprozess (also mit Todesstrafe) durften nicht nachts stattfinden (Mischna, Sanhedrin 4,1). Das Evangelium nach Markus bezeugt aber eindeutig eine Nachtszene (Markus 14,53–65).

2. Prozess am Vorabend eines Festes. Ein Kapitalprozess war vor einem Sabbat und vor Feiertagen verboten (Mischna, Sanhedrin 4,1). Der Prozess Jesu fand aber eindeutig direkt vor dem Passahfest statt.

3. Falscher Ort. Der »Oberste Rat« (Sanhedrin), gleichzeitig oberster Gerichtsort, durfte nur im »Lischkat ha-Gasit« (der Tempelhalle) urteilen (Talmud, Sanhedrin 88b). Die wohl entscheidenden Verhandlungen fanden aber im Haus des (alten) Hohepriesters statt, der damals die politische Macht besaß.

(B) Verfahrensstruktur

4. Kein formelles Anklageverfahren. Es gab keine klare, vorher formulierte Anklage. Sie wurde zusammengebastelt und mehrfach verändert wegen mangelnden oder widersprechenden Zeugenaussagen.

5. Fehlende Verteidigung. Das jüdisches Recht verlangte eine entlastende Argumentation zugunsten des Angeklagten (Mischna, Sanhedrin 4,5). Sie fand nicht statt.

6. Urteil am selben Tag. Kapitalurteile mussten auf mindestens zwei Tage verteilt werden, um nicht überhastet Fehler zu begehen (Mischna, Sanhedrin 5,5). Tatsächlich geschahen Verhaftung, Verhandlungen und Exekution innerhalb desselben Tages (nach jüdischer Rechnung).

(C) Beweisrecht

7. Widersprüchliche Zeugen. Das Evangelium nach Markus (Markus 14,56–59) berichtet von widersprüchlichen Zeugen. Nach jüdischem recht war aber eine übereinstimmende Zeugenaussage von 2 oder 3 Zeugen zwingend erforderlich: »auf zweier Zeugen Aussage oder auf dreier Zeugen Aussage hin soll eine Sache bestätigt werden« (5Mose 19,15).

8. Falsche Zeugen zugelassen. Da die Zeugenaussagen inkonsistent und widersprüchlich waren, hätte das Verfahren eingestellt werden müssen. Bei Erweis der Unschuld Jesu hätten die falschen Zeugen harte Strafen zu erwarten (5Mose 19,18).

9. Selbstbelastung als Beweis. Es war im jüdischen Strafrecht unzulässig, vom Angeklagten eine Selbstbelastung zu verlangen (Talmud, Sanhedrin 9b). Im Prozess Jesu wurden jedoch Aussagen von Jesus Christus gegen ihn verlangt und verwendet.

(D) Richterverhalten

10. Vorverurteilung. Richter mussten unparteiisch sein und alleine den Fall nach bewiesenen oder bezeugten Fakten entscheiden. Die Evangelien machen aber mehrfach deutlich, dass die jüdischen Richter bereits vor der Verhandlung feindselig gegen Jesus eingestellt waren.

11. Hoherpriester verhört selbst. Im Fall Jesus war der Ankläger, also Partei, gleichzeitig auch der Richter. Das war verboten.

12. Emotionale Reaktion (Zerreißen der Kleider). Dieses theatralische Zeichen überbordender Emotionalität des Hohepriesters Kajaphas (vgl. Matthäus 26,65) muss als Zeichen von Voreingenommenheit gedeutet werden. (Es lohnt sich die Schilderung in Matthäus 26,57–66 zu verfolgen. Kajaphas begeht einen Rechtsfehler nach dem anderen.)

(E) Urteil und Abstimmung

13. Einstimmiges Schuldspruchproblem. Nach rabbinischer Regel (Mischna, Sanhedrin 17a) durfte ein Todesurteil nicht ergehen, wenn die Mitglieder des Sanhedrin einstimmig eine Verurteilung forderten. Der Angeklagte war in diesem Falle freizusprechen. – Dies erscheint uns befremdlich, da wir andere Rechtsnormen haben (angelsächsisches, römisch geprägtes Recht, das Einmütigkeit einer Jury fordert). Das Argument für diese Regelung der Juden ist auf die Überlegung aufgebaut, dass Einstimmigkeit beweist, dass niemand im Sanhedrin versucht hatte, den Angeklagten zu verstehen, seine Sicht der Dinge zu bewerten und möglicherweise als Anwalt des Angeklagten Entlastendes vorzutragen. Weil es damals keine Verteidiger im modernen Sinne gab, mussten die Richter damals Verteidiger des Angeklagten sein! Chandler schreibt: » Wenn nun das Urteil einstimmig auf Verurteilung lautete, war es offensichtlich, dass der Angeklagte vor Gericht keinen Freund und keinen Verteidiger gehabt hatte. Für die jüdische Mentalität kam dies fast einer Gewalttat durch den Pöbel gleich. Es deutete zumindest auf eine Verschwörung hin. Das Element der Barmherzigkeit, das in jedem hebräischen Urteil enthalten sein musste, fehlte in einem solchen Fall.« (Bd. 1, S. 280, eigene Übersetzung).

14. Fehlende gestaffelte Abstimmung. Die jüngsten Richter mussten zuerst abstimmen (Schutzmechanismus). Hier übernimmt Kajaphas den Anfang und gibt mit seiner Autorität die Richtung vor.

15. Sofortige Vollstreckung. Nach jüdischem Recht muss Raum für eine Überprüfung des Urteils sein. Insbesondere verbot das hebräische Recht übereilte Entscheidungen in Kapitalverbrechen. Dies erforderte Aufschub, der aber nicht gewährt wurde.

Die Verfahrensfehler im römischen Prozess 

(A) Rolle von Pontius Pilatus

16. Strafe trotz Unschuldsfeststellung. Pilatus stellte den Hohenpriestern und der Volksmenge gegenüber klar fest: »Ich finde keine Schuld an diesem Menschen« (Lukas 23,4). Auch Herodes, zu dem Jesus gesandt wurde, fand keine todeswürdige Schuld (vgl. Lukas 23,14; vgl. 23,15.22). Trotzdem urteilte er gegen die römische Strafprozessordnung, dass die mordlüsterne Volksmenge mithilfe der römischen Besatzungsmacht mit Jesus machen konnten, was sie wollten: »Jesus aber übergab er ihrem Willen« (Lukas 23,25b).

17. Politischer Druck der Menge. Eine Volksmenge durfte nicht rechtsprechen, ein Richter nicht unter öffentlichem Druck urteilen. Genau dies geschieht aber im Fall Jesu offenbar.

18. Unklare Anklage. Ursprünglich lautete die Anklage auf Gotteslästerung (z.B. Lukas 22,71). Das war den Römern nicht vermittelbar, sie waren Mehrgottgläubige. Also änderten die Juden ihre Anklage und schoben sie auf die politische Ebene. Sie klagten Jesus des angeblichen Hochverrats (»König der Juden«) an (Lukas 23,2ff; so steht es dann auch auf dem Schild über Jesu Kreuz). Die Haltlosigkeit der Anklage offenbart das lächerliche Nullargument der Anklage vor Pilatus: »Wenn dieser nicht ein Übeltäter wäre, hätten wir ihn dir nicht überliefert.« (Johannes 18,30).

(B) Prozessführung

19. Kompetenzverschiebung. Der Fall war Pilatus so »brenzlig«, dass er ihn Herodes Antipas, der gerade zu Gast in Jerusalem weilte, als scheinbar zuständigem Richter vorlegte (Jesus stammte aus Galiläa, Herodes war für diese Gegend zuständig; Lukas 23,6–12). 

20. Geißelung ohne Urteil. Die Geißelung war in sich bereits eine so schwere Bestrafung, dass manche an ihr starben. Pilatus lies Jesus geißeln, ohne dass er vorher ein Urteil gesprochen hatte: »Dann ließ er ihnen Barabbas frei; Jesus aber ließ er geißeln und überlieferte ihn, damit er gekreuzigt würde« (Matthäus 27,26). Pilatus wurde zum Inbegriff von grausamer Rechtsbeugung zur Sicherung der eigenen Karriere.

Zusammenfassung (Chandler, Bd. 2, S. 157–159.168)

»Die Kreuzigung folgte auf die endgültige Entscheidung des Pilatus und beendete damit den berühmtesten Prozess der Weltgeschichte. Er begann mit der Verhaftung Jesu in Gethsemane um Mitternacht und endete mit seiner Kreuzigung auf Golgatha am Nachmittag desselben Tages. Wie wir gesehen haben, handelte es sich um einen doppelten Prozess, der im Rahmen der Zuständigkeiten der beiden berühmtesten Rechtssysteme der Menschheitsgeschichte geführt wurde. In beiden Verfahren wurde im Wesentlichen die richtige Frage aufgeworfen. 

Vor dem Sanhedrin wurde der Gefangene der Gotteslästerung angeklagt und verurteilt. Betrachtet man Jesus als bloßen Menschen, als einfachen jüdischen Bürger, so war dieses Urteil „rechtlich gesehen im Wesentlichen richtig“; es war jedoch ungerecht und empörend, da die Formen des Strafverfahrens, auf deren Einhaltung jeder jüdische Gefangene Anspruch hatte, völlig missachtet wurden.

Das Verfahren vor Pilatus wurde, wie wir Grund zu der Annahme haben, im Großen und Ganzen unter gebührender Beachtung der Rechtsformen durchgeführt. Doch das Ergebnis war ein richterlicher Mord, denn der Richter übergab Jesus, nachdem er ihn freigesprochen hatte, zur Kreuzigung. „Ich finde keinerlei Schuld an ihm“ lautete das Urteil des Pilatus. Doch dieses gerechte und rechtschaffene Urteil wurde durch Folgendes zunichte gemacht und ausgelöscht: „Und sie drängten mit lauten Stimmen darauf, dass er gekreuzigt werde.“ Und die Stimmen von ihnen und von den Hohenpriestern setzten sich durch. Und Pilatus fällte das Urteil, dass es so geschehen sollte, wie sie verlangten. Wahrhaftig eine schreckliche Verhöhnung der Gerechtigkeit! „Absolvo“ (Freispruch) und „Ibis ad crucem“ (Du wirst ans Kreuz gehen) in einem Atemzug waren die letzten Äußerungen eines römischen Richters, der das römische Recht in dem denkwürdigsten Gerichtsverfahren, das die Menschheit kennt, hätte durchsetzen sollen. …

Dieser letzte Akt des großen Dramas bietet einen erbärmlichen Anblick der römischen Verkommenheit. Ein römischer Statthalter von adeliger Herkunft, mit dem Imperium ausgestattet, mit einer prätorianischen Kohorte unter seinem Befehl und gestützt auf die militärische Macht und die Ressourcen eines Weltreiches, kriecht und duckt sich vor einem Jerusalemer Pöbel.«

Quellen

Beide Bände von Chandler sind in der Internet-Bibliothek archive.org mehrfach vorhanden und können komplett als PDF heruntergeladen werden. Sie sind auch als Nachdruck in verschiedenen Buchformaten sowie als Kindle-eBook erhältlich.