Die fünf Bücher Mose (Pentateuch) – Ein Überblick (II)

Erster Teil hier (Genesis–Exodus), Gesamtdokument (PDF) hier.

Das dritte Buch Mose (Levitikus)

Name und Thema. Das dritte Buch Mose heißt in der hebräischen Bibel nach dem ersten Wort: Wajjiqra’ (»und er rief«). Es ist das Buch der Berufung zur Heiligkeit: Die Heiligen sind dazu berufen, da zu sein, wo er ist (Joh 14,3; 17,23), und so zu sein, wie er ist (1Joh 3,3). Gott selbst bereitet ihnen den Weg in seine Gegenwart und er trifft Vorkehrungen und gibt Weisungen, damit sie für seine Gegenwart passend gemacht sind. Damit kann das Thema des Buches in einem Wort angegeben werden: Heiligkeit (>80-mal). »Denn ich bin Jahwe, der euch aus dem Land Ägypten heraufgeführt hat, um euer Gott zu sein: So seid heilig, denn ich bin heilig.« (11,45; vgl. 1Pet 1,16).

Zusammenhang. Levitikus ist die Fortsetzung des zweiten Buches, erkenntlich am Anfangswort »Und«. Es knüpft dort an, wo Exodus aufgehört hatte, beim Haus Gottes, und führt dann weiter. In Exodus wurde der Sünder gerettet und zu Gott gebracht, in Levitikus wird der so Erlöste gerufen, nun Gott zu nahen, Gemeinschaft mit Gott zu haben, in sein Haus (Tempel) einzutreten. Diese Gemeinschaft ist möglich durch vermittelnden Priesterdienst – insbesondere des Hohenpriesters – und beständigen Opferdienst. Levitikus ist das Buch der Priesterdas Buch der Anbetung. Es ist das Schattenbild dessen, was Petrus so umschreibt: »…auch ihr selbst [werdet] als lebendige Steine aufgebaut, ein geistliches Haus, zu einer heiligen Priesterschaft, um darzubringen geistliche Schlachtopfer, Gott wohlangenehm durch Jesus Christus« (1Pet 2,5; vgl. 2,9 mit der königlichen Priesterschaft). 

Es gibt auch bemerkenswerte Unterschiede zwischen Exodus und Levitikus: Anders als in Exodus ruft Gott Mose weder aus dem Dornbusch (2Mo 3) noch von dem Berg Sinai (2Mo 19), sondern er ruft ihn »aus dem Zelt der Zusammenkunft«. Denn dort wohnt Gottes Herrlichkeit und der Erlöste soll zu ihm eingehen; dies ist die höchste Bestimmung der Erlösten. Das dritte und damit mittlere der Mosebücher führt uns damit ins Herz und auf den Gipfel unserer Bestimmung: Wir werden ewig beim Herrn sein, und wir werden ewig den anbeten, der auf dem Throne ist, und das Lamm. Und so wie das Lamm in der Mitte des Thrones Gottes steht (Off 5,6), so steht dieses Buch in der Mitte der fünf Bücher Mose. Der Dreh- und Angelpunkt aller Wege Gottes ist Menschwerdung, Tod und Auferstehung des Herrn Jesus Christus. 

Christus (Typologie). Die in den ersten sieben Kapiteln beschriebenen blutigen Opfer sind allesamt ein Schattenbild unseres Herrn, der als Lamm Gottes in diese Welt kam (Joh 1,29), »der durch den ewigen Geist sich selbst ohne Flecken Gott geopfert hat« (Heb 9,14). Auf Grund dieses Opfers können wir Gott nahen und ihm dienen (Heb 9,14b; 10,19). Er ist aber nicht allein Grund, sondern auch Substanz (Inhalt) und Gegenstand aller Anbetung. Die sich anschließenden Kapitel 8 und 9, welche die Weihe der Priester zum Dienst beschreiben, finden ihre Erfüllung in unserem Hohen Priester Jesus Christus. Er ist nicht allein das Opfer, das Gottes Ehre wiederhergestellt und den Sünder gerechtfertigt hat, sondern er ist auch der Hohe Priester, der allein das Recht und die Macht hat, sich für die Seinen vor Gott zu verwenden, damit diesen sein Opfer zugerechnet wird (Heb 8,1–2). Er ist der Priester, der den Aussätzigen für rein erklären und so vor Gott stellen kann (Kap 13–14): »Und siehe, ein Aussätziger kam herzu, warf sich vor ihm nieder und sprach: Herr, wenn du willst, kannst du mich reinigen. Und er streckte seine Hand aus, rührte ihn an und sprach: Ich will; werde gereinigt! Und sogleich wurde er von seinem Aussatz gereinigt.« (Mt 8,2–3). Und er ist der große Sachwalter, der persönlich dafür sorgt, dass alle Sünden seines Volkes vor Gott bekannt und vor Gott gesühnt werden (16,15–16.21–22): »Meine Kinder, ich schreibe euch dies, damit ihr nicht sündigt; und wenn jemand gesündigt hat – wir haben einen Sachwalter bei dem Vater, Jesus Christus, den Gerechten. Und er ist die Sühnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die ganze Welt.« (1Joh 2,1–2).

Merkhilfe

Heiligung – Gemeinschaft mit Gott und untereinander

  • 1–10: Wie kann man Gott nahen?
    (a) durch den Opferdienst (1–7); 
    (b) 
    durch den Priesterdienst (8–10).
  • 11–15: Wie soll man Gott nahen? (Reinheitsgesetze für Nahrung, Krankheit)
  • 16–17: Der Große Sühnungstag (jährliches Zentralopfer) und weitere Gesetze
  • 18–22: Wie soll man einander nahen? (Reinheitsgesetze für Gemeinschaft)
  • 23: Wie feiern wir Seine Gegenwart miteinander? (Feste Jahwes)
  • 24–27: Wie sieht die Gemeinschaft der Erlösten aus? (Soziale Verordnungen)

Das vierte Buch Mose (Numeri)

Name und Thema. Das vierte Buch Mose heißt in der hebräischen Bibel wiederum nach einem der ersten Wörter Bemidbar (»in der Wüste«). Es geht um die dem Exodus und der Zeit am Horeb folgende Wüstenwanderung des Volkes Gottes, die wegen vieler Rebellionen (10–25; insbes. 14,22) und fortgesetztem Götzendienst größtenteils (38 der 40 Jahre) ein Irrweg unter Gottes gerechtem Zorn war (vgl. Hes 20,4–26). In diesem Buch des Zornes Gottesfinden sich die uns so geläufigen Geschichten von den Wachteln (vgl. Ps 106,13–15), von der aussätzigen Mirjam, vom geschlagenen Felsen, von den feurigen und von der ehernen Schlange, von Bileam und von Pinehas. Wegen der beiden auffälligen Musterungen und Zahlenangaben bzgl. der ersten (1) und der zweiten (26) Generation (Männliche ab 20 J.) wird das Buch auch »Numeri« (Zahlen) genannt.

Zusammenhang. Numeri ist die zeitlich und vor allem inhaltlich schlüssige Fortsetzung des dritten Buches: Das unter Knechtschaft schmachtende Israel war erlöst und zu Gott gebracht worden, Gott hatte das Volk zu sich gerufen, damit es gleich ihm heilig sei und ihm priesterlich diene. Nun muss Israel als ein von Gott Erwählter, Erlöster und Geheiligter den Weg ziehen, der es durch eine feindliche Welt ans Ziel bringen muss. Sie hätten diesen Weg nicht aus eigener Kraft und eigenem Willen geschafft.

Typologie. Das neutestamentliche Gegenstück wird von Petrus so gesagt: »Geliebte, ich ermahne euch als Fremdlinge und als solche, die ohne Bürgerrecht sind, euch der fleischlichen Begierden zu enthalten, die gegen die Seele streiten, und dass ihr euren Wandel unter den Nationen ehrbar führt, damit sie, worin sie gegen euch als Übeltäter reden, aus den guten Werken, die sie anschauen, Gott verherrlichen am Tag der Heimsuchung« (1Pet 2,11-12). Numeri beschreibt unseren »Wandel unter den Nationen«, spricht von Erprobung und Bewährung (Jak 1,12), von Widersachern und von Kampf, der uns wider diese verordnet ist (Eph 6,12; Jak 4,7; 1Pet 5,8). 

Numeri spricht von mannigfaltigem Straucheln (Jak 3,2; vgl. Ps 105), aber auch von Gottes gnädigen Vorkehrungen, welche dafür sorgen, dass Sein Volk trotz Versagen und trotz Verzögerung doch am Ziel ankommt: Er nährt es täglich durch das vom Himmel fallende Manna (vgl. Eph 5,29). Er segnet es priesterlich (6,24–26). Er führt es und ist bei ihm bis an das Ende des Pilgerweges (Mt 28,20). Der von ihm erwählte Hohepriester (17) erhält es in der rechten Beziehung zu Gott und rettet es durch eine feindliche Welt hindurch (Heb 7,25). Den Israeliten war als Erbe ein Land in dieser Schöpfung bereitet; auf uns wartet ein himmlisches Erbe (1Pet 1,4). Dieses Erbe kann uns nicht verloren gehen. Dafür sorgt Gottes Macht und Gottes Treue, worauf der zweitletzte Satz des Buches hinweist: »Und so verblieb ihr Erbteil beim Stamm der Familie ihres Vaters« (36,12b). Gott sorgt dafür, dass wir auf dem Weg durch die Wüste unser Erbe nicht verlieren, wiewohl wir schwach sind wie die Töchter Zelophchads, die, auf sich gestellt, das väterliche Erbe verloren hätten. Allein die Heirat mit einem Mann aus ihrem Stamm (36,5–9) vermochte deren Erbe sicherzustellen. Auch wir, die Braut und die Ehefrau des Lammes, verlören auf unserem langen Weg zum Ziel alles, was uns Gott bereitet hat, hätte sich Christus nicht als unser Bräutigam mit uns verbunden und verbürgte nicht er für die Sicherheit unseres Erbes.

Merkhilfe

Dienst und Wandel auf der Wüstenreise

  • 1,1–25,18: Das Ende der ersten Generation in der Wüste (Buchteil 1)
    (a) Die Treue Israels am Sinai (1,1–10,10); 
    (b) 
    Die rebellische Generation in der Wüste (10,11–25,18).
  • 26,1–36,13: Die neue Generation, Ausblick ins Verheißene Land (Buchteil 2)
    (a) Die Vorbereitung der neuen Generation Israels (26,1–30,16); 
    (b) 
    Die Vorbereitung für Krieg und Einzug ins Verheißene Land (31,1–36,13).

Das fünfte Buch Mose (Deuteronomium)

Name und Thema. Das fünfte Buch Mose heißt in der hebräischen Bibel nach den einleitenden Worten ʾēlleh haddeḇārîm (»Dies sind die Worte«), kurz: Debarim (»die Worte«). Das Thema dieses den Pentateuch (»Fünfbuch«) abschließenden Buches ist die Zuverlässigkeit der Aussprüche Gottes und die Bedeutung dieser Worte im Leben der erwählten Nation, es ist das Buch des ins Herz eingepflanzten Wortes Gottes. Alle Worte Gottes werden sich mit Gewissheit erfüllen, sei es zum Segen, sei es zum Fluch (28). Daher wird dem Volk in jedem Kapitel (und in manchen Kapiteln wiederholt) eingeschärft, auf dieses Wort zu hören, es zu bewahren und ihm zu gehorchen. Der geforderte Gehorsam ist kein rein äußerlicher, sondern Frucht eines durch das Wort Gottes erneuerten Herzens (ca. 47x lêḇâḇ»Herz«; im Pentateuch insges. 55x, im AT 252x). Im Neuen Bund wird dies realisiert werden: »[So] spricht Jahwe: Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und werde es auf ihr Herz schreiben; und ich werde ihr Gott, und sie werden mein Volk sein« (Jer 31,33b; vgl. 2Kor 3,3, Heb 10,10; 15–16).

Das Buch ist nicht, wie der griechische Titel »Deuteronomium« (»zweites Gesetz«) will, eine »Wiederholung des Gesetzes«. Es ist nach (1,5) vielmehr eine Auslegung (be’erdes Gesetzes. Mose liest nicht nur vor, er hält drei Predigten aus dem Wort Gottes (vgl. 2Tim 3,16–4,2). Darin erklärt er dem Volk Gottes, wie ihr Glück sich am (praktischen) Glauben oder Unglauben gegenüber Gottes Wort entscheidet. Zum Beleg liefert er zuerst einen Rückblick über das Ergehen der Kinder Israel seit dem Auszug (1–4). Im Rückblick stellt er dem Volk vor Augen, wie es Gottes Macht zum Fluch erfahren hatte, als es Gottes Wort nicht glaubte (1), danach, wie es Gottes Macht zum Segen erfahren hatte, als es Gottes Wort vertraute (2–3). In den Endkapiteln (28–33) zeigt Mose, dass das Volk eine herrliche Zukunft haben muss, wenn es diesem Wort vertraut und gehorcht, ebenso sicher, wie es eine schreckliche Zukunft haben wird, wenn es diesem Wort nicht vertraut und gehorcht. Mit dem ganzen Gewicht dieses Rückblickes und dieses Ausblickes ermahnt Mose im großen Mittelteil des Buches zum Hören auf Gottes Wort und zum Gehorchen. Das, was man das israelische Glaubensbekenntnis (»Schma Jisrael«, šma‘ yiśra’el = »Höre, Israel!«) zu nennen pflegt, könnte man das Motto des ganzen Buches nennen: »Höre, Israel: Jahwe, unser Gott, ist ein Jahwe! Und du sollst Jahwe, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollen auf deinem Herzen sein« (6,4–6).

Zusammenhang. Mit Deuteronomium schließt sich der Kreis, der mit Genesis eröffnet worden war. In Genesis hatten wir erfahren, wie Gottes Wort alles erschaffen und wie die Auflehnung gegen dieses Wort den Menschen in den Ruin gestürzt hatte. In Deuteronomium erfahren wir, wie alle Worte Gottes in Erfüllung gehen und wie Segen oder Fluch sich an unserem Glaubensgehorsam gegen dieses Wort Gottes entscheidet (vgl. bzgl. des Evangeliums, Röm 1,5 und 16,26). Ebenso aber, wie Gott als der souveräne Schöpfer alles nach seinem Willen schuf (vgl. Off 4,11), ohne dass ihn dabei jemand beriet oder er irgend jemandem etwas schuldig war, so wird er am Ende als der souveräne Retter das Heil an einem unwürdigen Volk vollenden (33), das ihm dabei ebenso wenig beraten hat noch ihm etwas gegeben hat, so dass er ihm die Errettung schuldete (Röm 11,34–36). Gott ist das Alpha und das Omega. Er, der im Anfang schuf, wird am Ende alles vollendenIhm sei die Herrlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit!

Typologie und Prophetie. Deuteronomium wird im NT mehr als 40x zitiert und zusätzlich häufig angespielt, auch Christus verwendete häufig Zitate daraus. Israels Sehnen nach einem König wird hier von Moses vorhergesagt (17,14–20). Das Kommen des Herrn Jesus als Prophet wird angekündigt (18,15.18 mit Apg 3,22–23; 7,37). Weiterhin lesen wir von Weissagungen bezüglich der Zukunft Israels. Auffallend oft (21x) wird der von Gott erwählte Ort für den Gottesdienst (»der Ort, wo Gott seinen Namen wohnen lässt«, also persönlich anwesend ist) angekündigt (noch ohne Ortsangabe; es ist Zion, vgl. Ps 132,13–14). 

Merkhilfe

Herzensgehorsam gegenüber Gottes Wort (Joh 14,21.23)

  • 1,1–5: Vorwort
  • 1,6–4,43: Erste Predigt: Der Blick zurück (Wüstenreise)
  • 4,44–28,68: Zweite Predigt: Verpflichtungen des Bundesvertrages und dessen Ratifizierung
  • 29,1–30,20: Dritte Predigt: Die Bundesbedingungen
  • 31,1–34,12: Abschließende Erzählungen

Abschlusszitat zur Inspiration des Pentateuch

»Die modernen Kritiker haben es gewagt, fast alle Bücher der Heiligen Schrift anzugreifen und zu untergraben, allerdings keines mit einer solchen Dreistigkeit wie den Pentateuch (außer vielleicht die Prophetien Daniels). […] Lassen Sie uns an der weitreichenden, tiefgehenden und endgültigen Tatsache festhalten, dass die Autorität Christi diese Frage für jeden, der ihn als Gott und Mensch anerkennt, beantwortet hat.«

William Kelly, Lectures Introductory to the Bible: 1. Pentateuch. Introduction.2

Endnotizen

2– »Modern criticism has ventured to undermine and assail almost all the books of Holy Scripture, but none with such boldness as the Pentateuch, unless it be the prophecy of Daniel. […] Let us take our stand on the fact, broad, deep, and conclusive, that the authority of Christ has decided the question for all who own Him to be God as well as man.« William Kelly (1821-1906), Lectures introductory to the study of the Pentateuch. Chapter 1: Introductory (London: W. H. Broom, 1871), S. VII. VIII . (Textquelle: https://bibletruthpublishers.com/introduction/william-kelly-wk/lectures-introductory-to-the-bible-1-pentateuch/la76920; abgerufen 01.03.2022. PDF: https://www.brethrenarchive.org/media/360163/lectures_introductory_to_the_study_of_the-pent.pdf).

Anhang: Die Offenbarung Gottes im Pentateuch

Jedes Buch des Pentateuch zeigt uns eine besondere Eigenschaften Gottes (s. Tabelle). Natürlich ist Gott stets Derselbe, auch wenn er sich schrittweise und mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung offenbart. Man wird daher in jedem Bibelbuch stets sein ganzes, wahres Wesen sehen können.

Christus oder Cäsar? – Einige Zitate

»Siehe, da nennt er [der Herr Jesus Christus; Lukas 22] die ordentliche Obrigkeit, die aber ihre Gewalt missbrauchte, eine Gewalt des Teufels. Was könnte Klareres geredet werden? Solches redet der Herr aber nicht betreffs des Amtes, sondern betreffs ihrer Personen. Also war wohl das Römische Reich von Gott verordnet, wie wir das aus den Gesichten des Propheten Daniels ersehen. Doch so, wie Nero regierte, tat er dies nicht aus Gott, wenn auch nicht ohne Gottes Ordnung, sondern aus dem Teufel, obschon er ein König und ein Kaiser war, weil er nicht tat, was ein guter Herr und Oberer tun soll. Denn wie anders als aus dem Teufel war es, dass er die Apostel Christi kreuzigte und enthauptete und eine blutige Verfolgung der Kirchen Christi anfing. Also muss man aufpassen, dass man eine tyrannische Gewalt nicht als eine göttliche verteidige. Denn eine tyrannische Regierung ist aus dem Teufel und nicht aus Gott, und Tyrannen sind eigentlich nicht Gottes, sondern des Teufels Diener.«

Heinrich Bullinger (1504–1575): Haußbuch. Die Sechzehende Predig (Heidelberg: Martinum Agricolam, 1568), Doppelseiten LXXIIII–LXXVIII. (Fettdruck hinzugefügt)

»Sowohl die Geschichte Daniels als auch der Befehl Gottes in Matthäus 10 und das Beispiel der Apostel in Apostelgeschichte 4 und 5 […] lehren uns, dass wir dem König oder dem Magistrat nicht gehorchen dürfen, wenn ihre Befehle sich gegen Gott und die rechte Anbetung richten. Vielmehr sollen wir dann unsere Person und unser Leben und unser Glück in die Waagschale werfen.«

Heinrich Bullinger (1504–1575), Reformator in Zürich, 1554. (Fettdruck hinzugefügt)

»Wenn staatliche Rechte den Platz gottgegebener Rechte einnehmen, können wir leicht von Abtreibung über Kindesmord zu Euthanasie übergehen. […]

Da es der Staat und nicht Gott ist, der Rechte schafft, folgt daraus, dass man den Staat logischerweise nicht für Menschenrechtsverletzungen kritisieren kann. Schließlich gäbe es ohne den Staat überhaupt keine Menschenrechte. Wenn der Staat sagt, dass man kein Recht hat, den Staat zu kritisieren, dann ist das so. Der Staat gibt die Rechte und nimmt sie wieder. Chesterton hat es treffend formuliert:

›Nur wenn wir an Gott glauben, können wir jemals die Regierung kritisieren. Schafft man Gott ab, wird die Regierung zum Gott […] Die Wahrheit ist, dass Irreligion das Opium des Volkes ist.‹ [Gilbert Keith Chesterton, Collected Works, Vol. XX (San Francisco: Ignatius Press, 2001), S. 57–58.]«

Erwin W. Lutzer (*1941), Wir werden nicht schweigen. Als Christen für Freiheit und Werte eintreten (Dillenburg: CVD, 2020), S. 203. (Fettdruck hinzugefügt) Lutzer war 1980–2016 Seniorpastor der The Moody Church, Chicago, Illinois (USA).

»Lenin said that religion is the opium of the people… [But] it is only by believing in God that we can ever criticize the Government. Once abolish the God, and the Government becomes the God. That fact is written all across human history; but it is written most plainly across that recent history of Russia; which was created by Lenin… Lenin only fell into a slight error: he only got it the wrong way round. The truth is that irreligion is the opium of the people. Wherever the people do not believe in something beyond the world, they will worship the world.«

Gilbert Keith Chesterton (1874–1936), Christendom in Dublin (World Eucharistic Conference 1932), in: The Collected Works, Vol. 20. (Fettdruck hinzugefügt)

Heinrich Bullinger: Von der Obrigkeit

1568 veröffentlichte der Schweizer Reformator Heinrich Bullinger (1504–1575, Nachfolger Ulrich Zwinglis in Zürich) sein „Haußbuch“ mit einer Reihe von Predigten. Eine dieser Predigten, die sechzehnte, beschäftigte sich im Rahmen einer Betrachtung über die Zehn Gebote mit der Obrigkeit. Der folgende Text ist dem gedruckten Predigttext entnommen und sprachlich etwas unserer Schreibweise angepasst worden.

»Was die Obrigkeit sei.

Das Wörtlein Obrigkeit heißt im Lateinischen Magistratus, und hat seinen Ursprung vom Wörtlein Magister, das heißt Meister, mit welchem angezeigt wird, dass du, wenn du zur Obrigkeit gehörst, Meister, Führer von Oberen des Volkes bist. Diese werden auch die Gewalt von Gott genannt, wegen der Gewalt, die sie von Gott empfangen haben. Die Obrigkeit wird auch eine Herrschaft genannt, wegen der Herrschaft, die ihr Gott auf Erden gegeben und zugelassen hat. Und welche also herrschen, werden Fürsten genannt, von Vorstehen, denn sie sind die vordersten unter dem Volk. Also heißen sie auch Räte von raten, und Könige von regieren, Gebieter von gebieten. Darum ist die Obrigkeit an ihr selbst ein Amt und eine Verwaltung. Aristoteles beschreibt die Obrigkeit also, dass sie eine Hüterin und Erhalterin der Gesetze sei. Und Plutarchus spricht im Büchlein, in dem er lehrt, dass ein Oberer notwendiger Weise geschickt und gelehrt sein soll, spricht unter anderem so: Die Oberen sind Diener Gottes, zum Heil und zur Fürsorge der Menschen, zum Teil, dass sie ihnen austeilen, zum Teil auch bei dem erhalten, das Gott ihnen gegeben hat. Aus der heiligen Schrift aber mag die Obrigkeit also beschrieben werden, dass sie eine Ordnung Gottes sei, dass durch Hilfe und Rat der Vornehmsten die Frommen geschützt und geschirmt, die Bösen aber gestraft, und also wahre Gottesfurcht, Gerechtigkeit, Ehrbarkeit und Ruhe, auch allgemeiner und besonderer Friede, erhalten werden. Daraus folgt dann, dass im Regiment sein, und das Amt der Obrigkeit treulich auszurichten, ein Gottesdienst ist. Denn solches gefällt Gott, und dann ist Obrigkeit ein gutes Ding, aus dem trefflich viele gute Werke entspringen, wie ich in vorgehender Predigt bereits erklärt habe.

Dreierlei Obrigkeit.

[Monarchie.] Es gibt aber dreierlei Obrigkeiten, nämlich: die Monarchie, Aristokratie und Demokratie. Die Monarchie mögen wir ein Reich nennen, in dem einer die oberste Gewalt ausübt und alle Dinge verwaltet durch gerechte und angemessene [billige] Satzungen. Wenn aber ein solcher Regent die Gerechtigkeit und Angemessenheit [Billigkeit] hintanstellt und alle Dinge nach seinem Mutwillen wider Recht und Angemessenheit [Billigkeit] tut, ist er ein Tyrann und seine Gewalt eine Tyrannei, also eine grausame [grimmige] Überwältigung. Solches Laster hängt dem Reich und der Monarchie gerne an und ist dem zuwider. Aristokratie hingegen ist eine Regierung der Vornehmsten und Besten unter dem Volk, da man die allerbesten, frömmsten [frembsten] und redlichsten einer gewissen Zahl erwählt und aussucht, die dem Volk vorstehen. Diese Regierung ist erwachsen aus der Tyrannei. Denn da man anfing zu sehen, wie misslich es wäre, einem Mann alle Gewalt zu lassen, hat man angefangen, die höchste Gewalt vielen und den Besten anzubefehlen. Wenn aber solche vornehmsten Häupter unter dem Volk mit bösen Künsten und Sünden an das Regiment kommen und ihren eigenen Nutz und Frommen suchen, anstelle des allgemeinen Nutzens und des allgemeinen Wohlstand, so ist ihre Regierung damit nicht mehr eine Artistokratie, sondern eine Oligarchie zu nennen, das heißt: eine mutwillige Gewalt weniger Leute, nicht eine gerechtfertigte [billige] Regierung der Besten und Vornehmsten. Auf diese Weise werden die Oligarchen anstelle der Optimatibus, die die Besten und Vornehmsten sind, gesetzt. Demokratie ist eine solche Regierung, wo alle Gewalt beim gewöhnlichen Mann steht. Diese Regierungsform ist aus der Oligarchie erwachsen. Denn da der gewöhnliche Mann gesehen hat, dass auch die Vornehmsten und Auserwähltesten im Volk ihre Gewalt missbrauchen und zu Oligarchen wurden, hat er sie des Amtes enthoben [entsetzt] und die Gewalt behalten und mit mehreren Händen angefangen, alle Dinge zu verwalten und zu regieren. Diese Demokratie aber bricht manchmal auch aus und gerät zu einem Aufruhr und einer Zusammenrottung, wenn sich niemand regieren lassen will, und ein jeder tun will, was ihm gefällt, weil er ja genauso viel zählt, wie jeder andere gewöhnliche Mann, bei dem alle Gewalt steht.

Welche aber von diesen Regierungen die beste sei, will ich nicht urteilen. Viele sind es, die die Monarchie für die beste gehalten haben, unter der Bedingung [hinzu gesetzt], dass der Fürst gut sei, welches aber selten der Fall ist. Die aber dieser Meinung gewesen waren, haben gewöhnlich unter den Monarchen gelebt, wider die zu reden gefährlich war. Im Volk Juda und Israel findet man wenige gute – oder zumindest mittelmäßige – Könige. Darum hat Gott auch durch Samuel dem Volk nicht ohne Ursache geraten, dass sie die Aristokratie, die unter ihnen durch die allerweisesten und vortrefflichsten Männer, Mose und Jethro, aufgerichtet war, behalten sollten. Wiewohl niemand leugnen kann, dass auch bei der Aristokratie große Gefahr und Ungebührlichkeiten [Unkömmlichkeiten] mitlaufen. Viel mehr aber bei der Demokratie. Aber es steht um uns Menschen in diesem Leben ja so, dass es nichts gibt, das nicht irgend einen Mangel hätte. Darum wird das für das Beste gehalten, das obgleich nicht ohne Fehl seiend, doch im Vergleich zu den anderen am wenigsten davon hat.

Man soll aller Obrigkeit gehorsam sein.

Sei es, wie es wolle, jedenfalls heißen uns die Apostel unseres Herrn Jesus Christus, dass wir der Obrigkeit gehorsam sein sollen, sei sie nun ein König oder ein versammelter Rat der Besten unter dem Volk. Es gilt gleich. Denn Paulus spricht in der Epistel an Titus im dritten Kapitel: Erinnere sie, dass sie den Vorgesetzten und der Gewalt untertan seien, der Obrigkeit gehorsam seien. Und zu den Römern [Röm. 13.] : Jedermann sei der Obrigkeit und der Gewalt untertan, denn es ist keine Gewalt denn von Gott, alle Gewalt ist aber von Gott verordnet. Und zu Timotheus spricht er [1. Tim. 2.]: So ermahne ich nun vor allen Dingen, dass man bete und Fürbitte einlege für die Könige und für alle Obrigkeit (usw.). Darum: Ist jemand unter einem Monarchen und König, so sei demselben gehorsam. Ist er unter einer anderen Regierung, Bürgermeistern, Gemeindevorstehern [Schultheißen], Zunftmeistern, Ratsherren, so sei er ihnen desgleichen untertan. Denn es ist besser, man gehorche der Ordnung Gottes, als dass man spitzfindig viel diskutieren wolle über den Unterschied der Regierungsformen und welche von diesen die Beste sei. Dass es aber eine Obrigkeit gibt, ist uns Menschen höchst notwendig, allein schon deswegen vonnöten, weil unsere Sachen ohne eine Obrigkeit in keinem Wohlstand sein noch bleiben mögen.

Ursachen und Ursprung der Obrigkeit. Richter 19.

Denn im Volk Israel standen die Sachen nie übler, als wo sie nach dem Tode Simsons bis auf den Heli [?] keine rechte Obrigkeit hatten, sondern ein jeder tat, was ihm wohlgefiel. Denn allen Menschen ist die Eigenliebe und das eigene Wohlgefallen so angeboren, dass ein jeder allein auf das Seine sieht, dass er an allem, was er tut, Wohlgefallen hat, und das Wort und Werk anderer Leute verachtet. Ja, unsere böse Begierde und unablässliche Eigenliebe führt uns auch dahin, dass wir selbst böse Sachen verstehen als Recht zu beschirmen und sie für recht und gut ausgeben. Wer das nicht glaubt, der weiß nicht, was Menschen sind. Siehe, das Volk Israel war erst aus Ägypten erlöst und hatte erschreckende und große Wunder gesehen, und wurde in der Wüste vom Himmel herab wunderbarlich ernährt, und sah alle Tage neue Wunderzeichen. Doch höre, was Mose, der allermildeste und sanftmütigste unter allen Menschen von diesem heiligen Volk, von dem Volk Gottes, das Gott selbst ein Eigentum nennt, redet. Er spricht also zum Volk: Wie kann ich allein solche Mühe und Last und Hader von euch ertragen? Also tat sich des Fleisches Art auch in der heiligen Gesellschaft und aller herzlichsten Gemeinschaft der ersten Apostolischen Kirchen, ja in den Wiedergeborenen selbst, hervor. Denn es erhob sich ein Gemurmel unter den Griechen wider die Hebräer, weil ihre Witwen übersehen wurden in der täglichen Handreichung. Also zankten sich auch die Korinther vor den heidnischen Richtern, wofür sie vom heiligen Apostel Paulus gar heftig gescholten wurden, der sie anweist, aus den Gläubigen Schiedsleute zu erwählen, die ihre Sachen entscheiden sollen. Deshalb kann uns in dieser Sache niemand vorwerfen, das alte Volk Israel sei ein fleischliches Volk gewesen und noch nicht wiedergeboren, weil wir sehen, dass auch in denen, die wiedergeboren sind, noch des Fleisches verbliebene Schwachheit hängt, die sich immerdar, wo ihr Luft und Anlass gegeben wird, offenbaren wird, Zank und Unruhe hervorbringt, da sie wohl zufrieden sein möchte. Ganz zu schweigen davon, dass der Großteil der Welt nicht nach dem Geist fragt, sondern nur dem Fleisch nachlebt und nachhängt. Darum, weil Gott ein Liebhaber und Gönner der Menschen ist, und ein Erhalter des menschlichen Geschlechts, alles Friedens und aller Ruhe, so hat er die Obrigkeit eingesetzt, als eine Arznei und Hilfe, um den großen Übeln der Menschen zu wehren, dass sie sich mit Angemessenheit und Gerechtigkeit zwischen die lege, die miteinander zanken, sie voneinander trenne, der bösen und unangemessenen [unbillichen] Gewalt wehre, die Unschuldigen beschirme. Darum, wer diese göttliche Ordnung brechen oder aufheben wollte (wir Menschen würden dann allesamt zu Engeln), der würde nichts anderes, als eine Konfusion und Zerstörung aller Dinge, und bewirken, dass wer es am besten vermöchte, der die frömmsten und andere alle unterdrücke und ausrottete. [Die Obrigkeit ist von Gott eingesetzt den Menschen zum Guten] Darum sehen wir aus allem, was wir bisher erzählt haben, ganz klar, dass die Obrigkeit von Gott eingesetzt ist, den Guten zu schirmen und den Bösen zu bestrafen, das heißt, zum Guten und zum Wohlstand aller Menschen. Dies wird unterstützt davon, dass wir finden, dass von Anfang der Welt an stets Obrigkeiten gewesen sind. Des weiteren [item] befestigen solches die Zeugnisse der heiligen Schrift. Als dass Moses im Gesetz die Richter Götter nennt und spricht, dass das Gericht Gottes sei. Aus welchen Worten auch Josaphat genommen hat, dass er zu den Richtern spricht [2. Chr. 19]: Sehet zu, was ihr tut. Dass ihr übet das Gericht nicht für den Menschen, sondern für den Herrn. Und er ist mit euch im Gericht, darum lasst die Furcht des Herrn bei euch sein (usw.). Entsprechend heißt St. Petrus [1. Pet. 2.], der Obrigkeit gehorsam zu sein, um des Herrn willen, von welchem die selbige verordnet ist, zur Rache der Bösen und zum Lob der Frommen. So spricht auch Paulus, der Lehrer der Heiden [Röm. 13.]: Es ist keine Gewalt, als von Gott, und die Gewalt, die da ist, ist von Gott verordnet. Und wer der Gewalt widersteht, der widersteht der Ordnung Gottes. Wer aber dieser widersteht, der wird ein Urteil über sich empfangen. Denn die Gewaltigen sind nicht denen, die Gutes tun, sondern den Bösen zur Furcht. Denn sie sind Diener Gottes, dir zum Guten, und zur Strafe dessen, der Böses tut. Deshalb, wie gesagt, ist die Obrigkeit von Gott und ihr Amt gut, heilig, gottgefällig, recht, nützlich und notwendig allen Menschen, und die so von der Obrigkeit sind, und dies Amt wohl und recht verwalten, die sind Freund, Diener und auserwählte Werkzeuge Gottes, durch die Gott das Heil und den Wohlstand der Menschen wirkt und ausrichtet. Dessen wir Exempel haben an Adam, an allen Erzvätern, an unserem Vater Noah, an Josef, an Mose, an Josua, am Gideon, Samuel, David, Josaphat, Hesekiel, Josia, Daniel, und vielen anderen. Auch die nach den Zeiten unseres Herrn Jesus Christus das Amt der Obrigkeit verwaltet haben.

Gute und böse Obrigkeit.

Es gibt aber hauptsächlich zweierlei Obrigkeit: gute und böse. Eine gute Obrigkeit ist eine, die ordentlich gewählt wurde und auch ihr Amt recht verwaltet. Eine böse Obrigkeit ist eine, die nicht durch ordentliche Mittel in das Regiment gekommen ist, und die das selbige auch nicht recht, sondern nach ihrem Mutwillen verwaltet. [Ob auch die böse Obrigkeit von Gott sei] Hier aber entsteht eine Frage: Ob die böse und tyrannische Obrigkeit auch von Gott sei? Antwort: Gott ist nicht eine Ursache des Bösen, sondern des Guten. Denn Gott ist von Natur gut, und all sein Vornehmen ist gut und dient zum Guten und zum Heil, nicht zum Schaden und Verderben des Menschen. Also ist auch die Obrigkeit, als eine gute, nützliche Ordnung, ohne allen Zweifel von GOTT, der ein Ursprung und Brunnen alles Guten ist. Da muss man aber unterscheiden zwischen der Ordnung Gottes, das ist, dem Amt an sich, und der Person, die das Amt, das an sich selbst gut ist, nicht verrichtet, wie sie sollte. Wenn also in der Obrigkeit Böses gefunden wird, und nicht das Gute, weswegen sie eingesetzt ist, so entspringt dieses Böse aus anderen Ursachen und tragen andere Schuld daran, nämlich die Personen oder Menschen, die Gott nicht folgen, und die gute Ordnung missbrauchen. Und: An Gott, oder der Ordnung Gottes, ist an sich gar keine Schuld. Denn entweder ist da ein Oberster, der in sich selbst böse und von dem Teufel verführt ist, der die Wege Gottes verletzt und diese von sich aus mutwillig übertritt, so dass er besser ein teuflischer als denn ein göttlicher Herrscher [Gewalt] genannt wird. So wie wir dies sehen bei der Obrigkeit Jerusalems, welche wohl den Anfang und Ursprung ihrer Gewalt bis auf Mose, ja auf GOTT selbst hätte zurückführen [rechnen] können, welche aber den Herrn Christum in dem Garten verhaften und binden ließen, so dass der Herr zu ihren Dienern sagte [Luk. 22]: Ihr seid wie zu einem Mörder mit Schwertern und Stangen [Kolben] ausgegangen. Ich bin täglich bei euch im Tempel gewesen und ihr habt keine Hand an mich gelegt. Aber dies ist eure Stunde und die Gewalt der Finsternis. 

Siehe, da nennt er die ordentliche Obrigkeit, die aber ihre Gewalt missbrauchte, eine Gewalt des Teufels. Was könnte Klareres geredet werden? Solches redet der Herr aber nicht betreffs des Amtes, sondern betreffs ihrer Personen. Also war wohl das Römische Reich von Gott verordnet, wie wir das aus den Gesichten des Propheten Daniels ersehen. Doch so, wie Nero regierte, tat er dies nicht aus Gott, wenn auch nicht ohne Gottes Ordnung, sondern aus dem Teufel, obschon er ein König und ein Kaiser war, weil er nicht tat, was ein guter Herr und Oberer tun soll. Denn wie anders als aus dem Teufel war es, dass er die Apostel Christi kreuzigte und enthauptete und eine blutige Verfolgung der Kirchen Christi anfing. Also muss man aufpassen, dass man eine tyrannische Gewalt nicht als eine göttliche verteidige. Denn eine tyrannische Regierung ist aus dem Teufel und nicht aus Gott, und Tyrannen sind eigentlich nicht Gottes, sondern des Teufels Diener. Oder es begibt sich, dass ein Volk wegen seines ungöttlichen, lasterhaften Lebens es verdient, einen Tyrannen als König zu haben. Aber auch hier kommt Gott keine Schuld zu, sondern den sündigenden Menschen, derentwegen Gott solches verhängte, und einen Angeber [Gleißner] zu ihrem Regenten macht. Hier ist also die böse Obrigkeit von Gott, wie auch Aufruhr, Krieg, Pestilenzen, Hagel, Frost [reyffen?] und anderen Plagen und Unglück der Menschen von Gott sind: Als Strafen der Sünden und Laster, wie auch Gott selbst spricht [Jes. 3.]: Ich will ihnen Kinder zu Fürsten geben und junge Kinder werden über sie herrschen, darum, dass ihre Reden und Ratschläge wider den Herrn sind, um das Angesicht seiner Majestät zu erzürnen. Also hat Gott wider sein Volk und Stadt die grausamen Könige der Assyrer und Babylonier erweckt: Weil sie seinem Wort nicht folgten und nicht taten, was sie sollten.

Ein getreuer Rat für alle Unterdrückten

Wie aber nun die Untertanen gegenüber solchen schrecklichen [grimmigen]und rohen Fürsten und Tyrannen gesinnt sein sollen, lernen wir aus dem Exempel Davids, Jeremias und den heiligen Aposteln. David wusste wohl, wer Saul war, nämlich ein gottloser und grausamer Totschläger, vor dem er fliehen musste[?]. Und obwohl er ein- oder zweimal die Gelegenheit hatte, dass er ihn wohl hätte umbringen können, tat er es doch nicht, sondern verschonte ihn und ehrte ihn als seinen Vater. Genauso Jeremia, der für den Jojakim und den Zedekia betete, obwohl sie beide gottlose Könige waren, und ihnen gehorsam war, solange es nicht wider Gott war. Dann auch vorher, als ich von dem Gebot der Verehrung der Eltern geredet hatte, hatte ich aus der Schrift gezeigt, dass man den Geboten der Gottlosen, die wider Gott sind, nicht gehorchen solle. Denn es ziemt keiner Obrigkeit, dass sie etwas tue und vornehme, das wider das Gesetz Gottes und der Natur ist. Wie sich auch die heiligen Apostel gegen die tyrannischen Obrigkeiten gehalten haben, bezeugen ihre Geschichten. Welche durch Tyrannei gedrängt, ja von gottlosen, lasterhaften Obrigkeiten wider alle Angemessenheit und alles Recht unterdrückt werden, die fassen diesen Rat. 

Aufs Erste bedenken sie, welch große Sünden die Abgötterei und Schnödigkeit und Unzucht vor Gott sind, mit welchen sie den Zorn und die Strafe Gottes verdient und wohl verschuldet haben. 

Danach bedenken sie auch, dass GOTT mit solcher Geißel und Ruten nicht aufhören wird, wo sie den falschen Gottesdienst nicht von sich tun und ihr Leben bessern. Darum ist es notwendig, dass man vor allen Dingen die Religion recht anrichte und reformiere und das Leben ändere und bessere. 

Danach soll man auch ernstlich und emsig beten, dass Gott die Unterdrückten erretten und aus dem Übel erlösen wolle. Denn diesen Rat gibt auch der Herr selbst den Unterdrückten in Lukas im achtzehnten Kapitel und verheißt dabei eine sichere Hilfe und Erlösung [V. 7–8a]. Was aber und wie die Unterdrückten beten sollen, davon haben wir hübsche Beispiele und Formeln in Daniels neuntem und der Apostelgeschichte viertem Kapitel. Unterdessen sollten alle Herzen, die also beschwert sind, auch dessen eingedenk sein, dass die vornehmsten Apostel Christi, sowohl Petrus wie Paulus, gelehrt haben, da jener spricht [2. Pet. 2. | 1. Kor. 10.]: Gott kann die Seinen wohl aus Trübsalen erretten, wie er auch den Lot gerettet hat. Dieser aber spricht: Gott ist treu, der die Seinen nicht wird lassen versucht werden über das hinaus, was sie ertragen mögen, sondern wird neben der Versuchung einen glückseligen Ausgang geben, damit sie es ertragen mögen. Dabei sollen sie auch des Gefängnisses des Volkes Gottes gedenken, als sie siebzig ganze Jahre in Babylonien gefangen gewesen waren. Item der schönen Tröstungen, mit denen sie getröstet worden waren, welche Jesaja in seiner Prophetie vom vierzigsten an bis zum neunundvierzigsten Kapitel beschreibt. Wir sollen eingedenk sein, dass der Herr gut, gnädig und allmächtig ist, weshalb er uns wohl zu helfen vermag. Und er kennt auch viele Mittel, uns zu helfen. Sehen wir nur zu, dass wir die Tyrannen nicht mit unserem vermessenen [schnöden] und gottlosen Leben stärken. Es mag der Herr die Herzen und Gemüter der Regenten (weil die Herzen der Könige in seiner Hand wie Wasserbäche sind, die er leiten kann, wohin er will) bald ändern, so dass die, die bisher am grausamsten gegen uns gewesen waren, von Stund an gütig und freundlich werden. Und jene, die die wahre Religion aufs grausamste verfolgt haben, werden von nun an (die ehemals Verfolgten) aufs Allerinbrünstigste lieben und mit größtem Fleiß fördern. Davon haben wir sehr hübsche und klare Zeugnisse in den Geschichtsbüchern der Könige. Item in den Büchern Esra und Nehemia, auch in der Prophezeiung Daniels. Auch bei Nebukadnezar [Nabuchodonosor], der sich erdreistete, die getreuen und tapferen Märtyrer Gottes im feurigen Ofen zu braten und zu vertilgen wegen ihres wahren Glaubens. Aber bald ward er ein anderer und lobte Gott, dass er sie im Feuer erhalten hatte, und fachte selbst durch veröffentlichtes Edikt und Mandat an, den wahren Gott und die wahre Religion zu predigen und auszubreiten. Ebenso Darius, der Sohn Assyriens, der Daniel in die Löwengrube werfen ließ. Aber Gott ändert ihn gleich dermaßen, dass er ihn wieder herauszog und alle Feinde Daniels in die selbe Grube den Löwen zum Zerreißen vorwarf. Kyrus, der allergewaltigste König der Perser, förderte ebenso die wahre Religion. Item Darius Hystaspes, der mit Beinamen Artaxerxes genannt wird, der dem Volk Gottes vortrefflich half in ihrem Vorhaben, die Stadt und den Tempel zu Jerusalem wieder aufzubauen. Darum sollen wir an der Hilfe Gottes niemals zweifeln. So plagt auch etwa GOTT die Tyrannen oder nimmt sie gar hinweg durch schnelle und grausam schreckliche Krankheiten. [Tyrann: tödte.] Wir sehen das daran, wie es dem Antiochio, dem großen Herodes und seinem Enkel Herodes Agrippa, ebenfalls dem Marentio und anderen Gottes und der Welt Feinden ergangen ist. Manchmal erweckt Gott auch Helden und tapfere Männer, die solche Tyrannen töten und das Volk Gottes erlösen. Viele Beispiele davon stehen im Buch der Richter und der Könige. Damit aber diese Beispiele nicht missbraucht werden, muss man dabei auf die Berufung Gottes sehen. Denn welcher diese nicht hat, oder vor dieser Berufung etwas anfacht, der wird mit seinem Umbringen der Tyrannen nichts schaffen noch ausrichten; vielmehr ist zu befürchten, dass er es nur noch schlimmer macht. Soweit zu diesem Thema.

Von Erwählung der Obrigkeit.

Damit ich aber wieder auf mein vorgenommenes Thema komme, ist auch etwas zu sagen von der Erwählung der Obrigkeit und dabei zum Ersten, wem es zusteht und gebührt, die Obrigkeit zu setzen und zu erwählen. Danach: Wen und was für Leute man dazu erwählen solle. Und zum letzten: Vom Einsetzen und Vorstellen derer, die erwählt wurden.

Wem zusteht, die Obrigkeit zu erwählen.

Vom ersten Stück, wem es zustehe und gebühre, die Obrigkeit zu erwählen, da sollte [mag] kein festes Gesetz noch eine Regel gegeben oder vorgeschrieben werden. Denn an etlichen Orten erwählt die Allgemeinheit [ein gange gemein] die Obrigkeit. An etlichen wählen aber die Oberen einander selbst. An etlichen Orten werden die Fürsten aus Geburt zu Oberherren. Bei diesen Ordnungen soll man bleiben und diesbezüglich keine Unruhe oder Neuerung verursachen. Denn gewöhnlicher Weise werden einem jeglichen Reich und einer jeden Stadt ihre alten Bräuche und Gewohnheiten gelassen, es sei denn, dass solche Bräuche und Gewohnheiten gar unangemessen oder unerträglich sind. Wo aber Fürsten aus einem Stamme oder Geschlecht her geboren werden, da soll man Gott stets treulich anrufen und bitten, dass er gute Fürsten geben wolle.

Was für Leute zur Obrigkeit sollen erwählt werden. Exod. 18.

Zum anderen aber: Wen oder was für Leute man dazu erwählen soll, das stellt uns Gott selbst vor mit diesen Worten: Siehe dich um unter allem Volk nach redlichen Leuten, die gottesfürchtig, wahrhaftig und des Geizes Feind sind. Die setze über sie zu Oberen über Tausend, über Hundert, über Fünfzig und über Zehn, dass sie das Volk allezeit richten. Da fordert Gott vier Dinge an einem guten Ratsherren. 

Zum ersten, dass er ein beherzter, tapferer, redlicher Mann sei, das heißt, dass er dasjenige verrichten möge, wozu er erwählt wird. Das Vermögen steht aber mehr im Gemüt, als denn in Leibeskräften und Gütern. Denn es wird hierbei gefordert, dass er nicht ein Tor sei, sondern weise und erfahren. Gleich wie auch von einem Hauptmann oder Heerführer gefordert wird, dass er eine Ordnung machen könne, und an einen Fuhrmann, dass er den Wagen leiten könne. Also auch an einen Oberen, das er das Regiment verwalten könne. Dabei wird dann auch Tapferkeit gefordert, dass er sich auch dessen annehme [des dörffe unterstehen?], das er kann und versteht. Denn dieses Amt bedarf großer Tapferkeit und Geduld.

[Eine Obrigkeit soll rechtgläubig sein.] Zum anderen wird gesetzt, das anerkanntermaßen das vornehmste und größte ist, nämlich, dass er gottesfürchtig sei, rechtgläubig, nicht abergläubisch. Keiner, der mit Abgötterei umhergeht, wird das Regiment erhalten, sondern es vielmehr verderben. Und wie Gottlose eben sind: Sie werden die Wahrheit und die Religion nicht fördern, sondern verfolgen sie und reißen sie aus. Darum sollen wir die erwählen, die der wahren Lehre anhängen und gesunden Glaubens sind, die dem Wort Gottes glauben und wissen, dass Gott stets bei den Menschen zugegen ist und einem jeden vergilt nach seinem Verdienst. Darum bekennt auch der Kaiser Justinianus in seinen Nouellis Constitut. 109. öffentlich, dass sein ganzer Schirm von Gott sei, warum es auch angemessen sei, dass alle Gesetze und Ordnung auf ihn sehen. Und gleich darauf: Es weiß ein jeder, dass die, welche vor uns das Kaisertum verwaltet haben, wie Leo seligem Gedächtnis, und der teure Fürst Justinus unser Vater, in ihren Constitutionibus und Ordnungen überall verboten haben allen Ketzern, das diese zu keinem Heerzug angenommen noch Gemeinschaft haben sollen in der Verwaltung der allgemeinen Ämter, damit sie nicht durch Anlass des Mitreisens oder durch Verwaltung allgemeinen Handels und Geschäften den Glauben und die Einigkeit der heiligen Katholischen und Apostolischen Kirchen zertrennen und verderben. Und solches haben auch wir getan. Dies schreibt gedachter Kaiser. Und zwar: Wer gottesfürchtig ist, der ruft Gott an und empfängt auch Weisheit von Gott. Und wenn die Oberen Freunde Gottes sind, und sich oft mit Gott besprechen, so ist gute Hoffnung,  dass es ein seliges Regiment sein werde. Hingegen ist nichts anderes zu erwarten als alles Unglück, wenn Feinde Gottes im Regiment sind. 

Zum Dritten wird auch erfordert vom jemand, den man zur Obrigkeit berufen und erwählen soll, dass er wahrhaftig sei, nicht ein Blender/Großmaul [gleißner], nicht ein Lügner, Betrüger, arglistig, der aus einem Munde Kaltes und Warmes blasen könnte, sondern dass er treu, einfältig, offenbar und aufrichtig [auffrecht] sei. Dass er nicht mehr verspreche, als er halte. Dass er den Eid nicht gering achte oder eidbrüchig sei.

Zum Vierten: Dieweil viele in der Obrigkeit nichts anderes suchen als Reichtum und Mehrung ihres zeitlichen Guts, so heißt Gott, dass solche abbestellt werden sollen, und er verbietet allen guten Oberen den Geiz, ja, er fordert, dass sie den Geiz hassen. Gleich wie er auch an einem anderen Ort verbietet, Gaben zu nehmen, sondern auch gebietet, dass man solche ausschlagen soll. Denn Geiz und Gabensucht sind ein Verderbnis auch der guten Obrigkeit. Wer geizig ist und Geschenke liebt, der ist käuflich [dem ist es alles feyl], Gericht und Recht, Rechtssprüche, Freiheit, Gerechtigkeit, ja das Vaterland selbst. Und obwohl Gott hier nur das allerschädlichste Laster nennt, so ist doch kein Zweifel, dass er damit auch andere dergleichen Laster und Untugenden verbietet und will, dass dieselben weit von einer guten Obrigkeit entfernt seien, als da sind: Hoffart, Missgunst, Neid, Hass, Zorn, Spielsucht, Völlerei, Trunkenheit, Hurerei, Ehebruch, und was dergleichen mehr ist.

Diese jetzt herangezogene Stelle wird auch durch andere Stellen des Gesetzes erklärt, wenn man sie gegenüber stellt. So wie Mose in Deuteronomium [5. Buch Mose] im 1. Kapitel zum Volk spricht: Schaffet her weise und verständige Leute, die unter euren Stämmen bekannt sind. In welchen Worten Mose abermals drei Dinge erfordert an denen, die man zur Obrigkeit setzen will. Zum ersten, dass sie weise seien. Der Anfang aber der Weisheit ist die Furcht Gottes. Darum soll man solche Leute anstellen [ordnen], die Gottes und der wahren Religion Freund seien, die auch weise und witzig, nicht Toren und Narren sind. Zum anderen, dass sie verständig seien, das heißt vorsichtig, wohlgeübt durch lange Erfahrung in allerlei Belangen [händeln], dass sie jede zufallende Sache nach Vermögen der Satzungen richten. Zum Dritten, dass sie bekannt seien, das ist, dass deren Frömmigkeit und Redlichkeit jedermann offenbar sei, dass von ihrem so angetriebenen und geführtem Leben und ihren Sitten im Wesentlichen nichts als Gutes bekannt und bezeugt sei. Dass sie auch großen Ansehens seien, nicht verachtet als leichtfertige, unnütze Leute.

In Numeri im 27. Kapitel spricht Mose: Der Herr, der Gott der Geister allen Fleisches, wolle einen Mann setzen über die Gemeinde, der vor ihnen aus- und eingehe und sie aus- und einführe, dass die Gemeinde des Herrn nicht sei wie Schafe, die keinen Hirten haben [V. 15–17]. Aus diesen Worten des teuren Propheten Gottes wir auch lernen, wen man zur Obrigkeit erwählen, und wie auch dasselbige geschehen solle. Moses bittet zum Herrn um einen geschickten Mann. Also sollen auch wir Gott, den Erforscher aller Herzen, bitten und anrufen, dass er solche Leute gebe, an denen kein Mangel oder Fehl sei. Denn wir werden oft an der äußeren Gestalt eines Menschen betrogen, dass wir etwa einen für einen frommen, aufrichtigen, gottesfürchtigen Mann halten, der aber nichts als ein großer Scheinheiliger [gleißner] ist. Gott allein aber kennt die Herzen, den soll man bitten, dass er uns im Erwählen nicht irren oder fehlen lasse. Keiner wird aber besser sein, als einer, welcher den heiligen Geist Gottes hat, und derselbe soll dann auch in allen Dingen und Handlungen tun und lassen sein. Faulbäuche richten und treiben nur andere Leute an und sehen darauf, dass sie nie an die Spitze gestellt werden. Es ist auch sehr unrecht und unangemessen [unbillich], wenn einer anderen Leuten viel vorschreibt, er aber niemals etwas Rechtes oder Gutes tut. Einer, der zur Obrigkeit erwählt ist soll ein Hirte sein, der Tag und Nacht wache und hüte, dass die Herde Gottes nicht in Gefahr komme oder zerstreut oder verderbt werde. Aus diesem Grunde sind nur solche dem Volk Gottes als Oberste zu setzen.

Von der Vorstellung oder Einsetzung der Obrigkeit.

Zuletzt noch, was die Vorstellung oder Einweihung der Obrigkeit betrifft, gibt es unterschiedliche Gebräuche hin und her, sei es in Städten oder Ländern. Jedes Volk aber sei frei gelassen in seinen Gewohnheiten. Doch ist das der beste Brauch, wo man am allerwenigsten äußerliches Gepränge, aber am allermeisten das Gebet braucht. Es ist aber nicht ohne Frucht, sondern nützlich, dass man die, die zur Obrigkeit erwählt sind, mit einer gewissen und ziemlichen Zeremonie einsetze und vorstelle, und dies vor dem ganzen Volk, damit ein jeder wisse, welche Väter des Volkes seien, und welchen er die Ehre schuldig sei, welchen er gehorsam sein solle und für welche er beten solle. Also ist auch unter dem Volk Gottes eine bestimmte Zeremonie gewesen, die sie gebraucht haben, um ihre Könige und die Obrigkeiten einzuweihen. Welches gewisslich von Gott nicht vergeblich, sondern nützlich und von notwendigen Ursachen wegen befohlen und eingesetzt worden ist. Was aber weiter von der Obrigkeit zu reden ist, wollen wir uns aufsparen bis morgen, jetzt aber den Herrn loben und anrufen. Ihm sei Lob und Ehre in Ewigkeit. Amen.«

Textquelle: Heinrich Bullinger (1504–1575): Haußbuch. Die Sechzehende Predig (Heidelberg: Martinum Agricolam, 1568), Doppelseiten LXXIIII–LXXVIII. Diese Predigt ist auf Doppelseite LXXI überschrieben mit: »Von dem anderen Gebot der anderen Tafel, welches in der Ordnung der Zehn Gebote das Sechste ist, nämlich: Du sollst nicht töten. Item von der Obrigkeit.« Der Drucktext wurde 2021 behutsam in verständlichere Rechtschreibung und Formulierung übertragen. Überschriften und Fettdruck hinzugefügt, Kursivschrift im Original. Marginalien im Original stehen fettgedruckt in eckigen Klammern oder wurden als Überschriften verwendet. Alle sonstigen Ergänzungen in eckigen Klammern wurden hinzugefügt. Verbesserungs- und Korrekturhinweise willkommen.

Johann Neuton über die biblische Lehre der Gnadenwahl

Viele kennen den Engländer John Henry Newton (1725–1807) als jenen Sklavenhändler, der sich zum Christentum bekehrte, das weltbekannte Lied Amazing Grace (1772) dichtete und später entschieden für die Beendigung der Sklaverei eintrat. Er verfasste auch viele lehrreiche Briefe, die gesammelt zu Lebzeiten veröffentlicht wurden. Im November 1775 schrieb er im Rahmen eines längeren Schriftwechsel mit einem »lieben Freund« (dem »Hochehrwürdigen Herrn S.«) folgendes:

»Sie mögen bemerkt haben, daß ich verschiedenemalen von Prädestination oder Gnadenwahl zu reden, mit Fleiß vermieden habe, nicht als wenn ich mich der Lehre schämte, weil, wenn sie in der That dumm, schrecklich und ungerecht wäre, die Schuld davon mit Recht nicht auf mich, denn ich erfand sie ja nicht, sondern auf die h. Schrift fiele, worin sie, wie ich gewiß versichert bin, in eben so deutlichen Worten vorgetragen wird, als die Wahrheit, daß Gott Himmel und Erde schuff. Ich bekenne, daß ich nicht umhin kann, mich darüber zu verwundern, daß Leute, die Hochachtung gegen die Bibel vorgeben, so geradezu und stark ihren Abscheu an dem erklären sollten, was doch die Bibel so ausdrücklich lehret, nemlich: daß Gott nach seiner Gnade und Wohlgefallen einen Unterschied unter den Menschen macht, wenn auch gleich von Natur kein Unterschied unter ihnen Statt findet, und daß alle Dinge, die die Seligkeit solcher Menschen betreffen, durch eine göttliche Predestination oder Vorherbestimmung untrüglich gesichert sind.

Ich gebe dieses nicht für eine vernünftige Lehre aus, (wiewol sie mir im höchsten Grade vernünftig vorkommt) sondern sie ist eine Schriftlehre, oder wenn sie das nicht ist, ist die h. Schrift eine blosse wäckserne Nase, und hat keinen entschiedenen Sinn. Was für Geschicklichkeit wird doch dazu erfordert, um viele Stellen so auszulegen, und ihnen einen solchen Sinn zu geben, daß sie die Vorurtheile, die wir von Natur gegen Gottes unumschränkte Oberherrschaft hegen, besser begünstigen! Math. XI, 25. 26. und XIII, 10–17. Marc. XIII, 20. 22. Joh. XVII, hin und wieder in diesem Capitel. Joh. X, 26. Röm. VIII, 28–30. und IX, 13–24. und XI, 7. Ephes. I, 4. 5. 1Pet. I, 2. […]

Jedoch, wie gesagt, ich habe mir vorgenommen, diesen Punkt dahingestellt seyn zu lassen; weil, so wahr und nothwendig auch immer derselbige an sich selbst ist, die Erkenntniß und das Begreifen desselben nicht nothwendig erfordert wird, um ein wahrer Christ zu seyn, wiewol ich auch fast nicht glauben kann, daß Einer, dem es daran fehlt, ein ächter standhafter Gläubiger seyn kann. […]

Aber ich will es ganz kurz sagen. Ich glaube, daß alle Menschen, weil sie vor Gott verderbt und strafbar sind, von Gott, ohne daß es seiner Gerechtigkeit zum Vorwurf gereichen könnte, hätten mögen sich selbst überlassen werden, um verlohren zu gehen, so wie es gewiß ist, daß er es in Ansehung der gefallenen Engel gethan hat. Allein es gefiel ihm, Barmherzigkeit zu erzeigen, und Barmherzigkeit muss frey seyn. Wenn der Sünder irgendeinen Anspruch darauf hätte, in sofern wäre es Gerechtigkeit und nicht Barmherzigkeit. Er, der unser Richter einmal seyn wird, versichert uns, daß wenige die Pforte finden, die zum Leben führet, weil viele auf dem Wege, der zum Verderben führet, wandeln, und sich untereinander drängen. […] Der Richter der ganzen Erde will Recht thun. Er hat einen Tag vestgesetzt, an welchem er es auch offenbaren will, daß er Recht gethan habe, so daß alle davon überzeugt werden sollen. Bis dahin halte ich es für das Beste, die Sache auf sein Wort anzunehmen, und nicht zu streng dasjenige zu richten, welches dem Jehovah zu thun zukommt.«

Johann Neuton [John Newton]: Unterhaltungen über wichtige Herzensangelegenheiten in Briefen an vertraute Freunde. Aus dem Englischen übersetzt. Erster Band (Elberfeld: Chr. Wilh. Giesen, 1791), S. 345–347.362–363 (17. November 1775). Hervorhebungen hinzugefügt.

Concursus Dei – Die göttliche Mitwirkung in allen Dingen

Aufmerksamen Bibellesern entgeht nicht, dass bestimmte Taten und Vorkommnisse sowohl Menschen als auch Gott zugeschrieben werden. Dies zu verstehen ist nicht leicht. Wie kann es zum Beispiel sein, dass die Heilige Schrift einerseits Gott als souverän (ohne Anstoß oder Hilfe von außen, also monergistisch) Handelnden beschreibt, gleichzeitig aber die Schrift Menschen dieselbe Handlung gebietet oder gestattet und damit (moralisch) diese Tat voll in die menschliche Verantwortung legt? Wer ist dann letztlich der verantwortlich Handelnde? Der Mensch oder Gott? Wer ist der effektiv Handelnde? Der Mensch oder Gott?

Diese Sache wurde schon lange erkannt, beschrieben und erforscht. Die Theologen nennen es den Concursus Dei oder Concursus Divinus. Gemeint ist damit die Kongruenz (das Zusammenfallen) von göttlichem und menschlichem Handeln. Dabei geht es bei den unterschiedlichen Akteuren zwar um das selbe Geschehnis, aber nicht zwingend um die gleichen Motive der Handelnden.

Am Beispiel des Leidens des Hiob (Hiob/Job 1) ist dies gut zu erkennen. Drei Handelnde sind klar benannt: (1) Satan löste das Leiden Hiobs aus, weil er Gott herausfordern wollte mit der Behauptung, dass Hiob nur deswegen gottesfürchtig lebe, weil Gott ihn segne und Hiob um dieses Segens Gottes (Reichtums, Gesundheit usw.) willen –also rein opportunistisch– Frömmigkeit spiele. (2) Die Sabäer und die Chaldäer griffen aus reiner Beutelust die Herden Hiobs an und raubten die Tiere. (3) Gott erlaubte Satan durch vollmächtige Anweisung, dass er Hiob bis zur jeweils festgesetzten Grenze schaden dürfe. – Hinzu kommt ein Sturm, der „wie zufällig“ ein Haus zum Einstürzen und alle Kinder Hiobs zu Tode brachte. – Wer war nun jeweils der Handelnde, wer war der moralisch Verantwortliche: Gott, Satan, die Sabäer/Chaldäer, jemand anders – oder keiner der Genannten?

Festhalten kann man: Drei Parteien verursachten das Leiden des Hiob, aber ihre Absichten (Motive) waren sehr unterschiedlich: (1) Satan wollte Hiob –und damit dessen Gott– diskreditieren. (2) Die Sabäer/Chaldäer wollten sich am Gut anderer gewalttätig bereichern. (3) Gott wollte den Glauben des Hiob offenbaren und beweisen. – Jeder der Handelnden war am Leiden Hiobs aktiv beteiligt, aber jeder auf unterschiedlicher Ebene und mit unterschiedlichem Beweggrund. Der Beweggrund Gottes war absolut rein und gut, der Beweggrund der anderen zweifelsohne bösartig.

Diese Differenzierung ist notwendig für das Verstehen eines Concursus Dei in der Heiligen Schrift. Sie erklärt uns, wie Gott selbst Böses vorherbestimmen (ordinieren) kann, ohne selbst des Bösen schuldig zu werden. Böses ist stets böse (und Gott legt dafür den Maßstab fest). Gott hat aber niemals böse Absichten und er tut niemals Böses. Er erfährt noch nicht einmal ein Verlangen danach, hat vielmehr größte heilige Abscheu vor allem Bösen. Aber Gott kann durch die bösen Absichten und die daraus folgenden Handlungen anderer dergestalt wirken, dass seine guten Absichten zustande kommen.

Wer das nicht verstanden hat, geht leicht an zentraler Stelle (bezüglich des Wesens und Handelns Gottes, also in der Fundamentaltheologie) in die Irre. Dies wird sehr deutlich an der denkbar bösesten Tat aller Zeiten: an der Ermordung des menschgewordenen Sohnes Gottes durch gesetzlose, böse Menschen, die aber gleichzeitig nach dem festen Ratschluss und Vorsatz Gottes geschah:

Männer von Israel, hört diese Worte: Jesus, … hingegeben nach dem bestimmten Ratschluss und nach Vorkenntnis Gottes, habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen an das Kreuz geschlagen und umgebracht.

Apostelgeschichte 2,22-23 (ELB03)

Denn in dieser Stadt versammelten sich in Wahrheit gegen deinen heiligen Knecht Jesus, den du gesalbt hast, sowohl Herodes als auch Pontius Pilatus mit den Nationen und den Völkern Israels, um alles zu tun, was deine Hand und dein Ratschluss zuvor bestimmt hat, dass es geschehen sollte.

Apostelgeschichte 4,27-28 (ELB03)

Freiheit Gottes. Auch jenseits der oben gegebenen Einzelbeispiele lehrt die Heilige Schrift, dass alles in der Schöpfung Geschehende im Rahmen und gemäß der Zielsetzung der göttlichen Vorsehung und Zuvorbestimmung erfolgt. Auch im ewigen Heilswerk Gottes geht alles »nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt nach dem Rat seines Willens« (Epheser 1,11b). Kein geschaffenes Wesen wirkt mithin völlig autonom, denn dafür mangelt diesem die Macht (etwas zu tun), die Autorität (etwas zu veranlassen) und das Wesen (der autonomen Souveränität). Nur Gott ist und wirkt „aus sich selbst heraus“ (sog. Aseität Gottes), alle Geschöpfe hingegen existieren ursprünglich und beständig alleine durch den Willen und die Erhaltung seitens ihres Schöpfers (vgl. Hebräer 1,3). Mit einem technischen Metapher platt gesagt: Jedes Geschöpf hängt existenziell und lebensenergetisch an der Steckdose des Schöpfers. Gott hat das Wesen und den Lebenskontakt selbst hergestellt, niemand anderes. Zieht Gott den Stecker, fällt das Geschöpf ins Nichts (Tod), in die Wirkungslosigkeit; die menschliche Seele jedoch ist unsterblich. Jede Lebensäußerung, auch die böse Tat, ist nur möglich, solange Gott dem Geschöpf den Lebensodem erhält. Kein Geschöpf ist mit eigenem Batteriesatz oder Kraftwerk lebens-autonom, auch nicht eine Sekunde, nur der Schöpfergott lebt aus sich ewig. (Dies zu bedenken gehört u. a. zur Theodizee-Frage.)

Verantwortung von Mensch und Engeln. Die Heilige Schrift lehrt, dass Gott den von ihm geschaffenen Engeln und Menschen im Rahmen der göttlichen Schöpfungsordnung Aufgaben und die zu deren Erledigung notwendigen Fähigkeiten, Freiheiten, Kräfte und Autoritäten verliehen hat. Verantwortung als ethisches Prinzip ist ein Dreiklang von Subjekt, Objekt und Instanz: Gott macht seine Geschöpfe (Subjekt) Ihm gegenüber (Instanz) verantwortlich für alle ihre Taten und Absichten (Objekt). Versucht ein Geschöpf, seine von Gott gesetzten Grenzen zu überschreiten, ist es ohne Ausweg dem göttlichen Urteil unterworfen und – nach göttlichem Wort – dem Tod geweiht. Die Schrift lehrt deutlich die persönliche Verantwortung vor Gott, u. a. hier:

Denn es steht geschrieben: „So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir wird sich jedes Knie beugen, und jede Zunge wird Gott bekennen“ [Jesaja 45,23.]. So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben.

Römerbrief 14,11-12 (ELB03) [Fettdruck hinzugefügt]

Weitere Beispiele zum Zusammenwirken menschlich verantwortlichen Tuns und göttlich souveränen Handelns im selben Geschehen:

(1) Wer bewirkt die geistliche Herzensbeschneidung (Bekehrung)?: Gott befiehlt seinem erwählten Volk Israel: »So beschneidet denn die Vorhaut eures Herzens!« (5. Mose 10,16a). Gleichzeitig gilt die göttliche Verheißung: »Und JHWH, dein Gott, wird dein Herz und das Herz deiner Nachkommen beschneiden, damit du JHWH, deinen Gott, liebst mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele, damit du am Leben bleibst.« (5. Mose 30,6). – Was menschliche Tat und Verantwortung ist, ist vorlaufend und begleitend ebenso Gottes souveräne Tat und gnädiges Geschenk. Der Apostel Paulus erklärt diesen Zusammenhang und die Priorität des göttlichen Wirkens im zeitlichen, praktischen Heil u. a. in Philipper 2,12–13 und betreffs des ewigen Heils u. a. in Epheser 2,1–10 (zusammengefasst in 2,8–10; vgl. Römer 2,29; Philipper 3,3). Schon Jeremia hatte diese Prioritäten und Zusammenhänge richtig erkannt: »Bekehre mich, dass ich mich bekehre, denn du bist JHWH, mein Gott« (Jeremia 31,18b).

(2) Was motiviert zum christlichen Dienst?: Paulus bezeugt: »Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin; und seine Gnade gegen mich ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir war.« (1. Korintherbrief 15,10). Die Gnade Gottes ist nicht passiv bleibendes Geschenk, sondern aktive, lebensverändernde Kraft im Glaubenden. Der von der Gnade Veränderte offenbart diese Veränderung in fleißigem, Gott hingegebenem Dienst.

(3) Wer hat unsere Werke getan und vollendet?: »JHWH, du wirst uns Frieden geben, denn du hast ja alle unsere Werke für uns vollendet.« (Jesaja 26,12). Ein Mensch betreibt seine eigenen Werke, aber Gott vollendet sie für ihn.

Weitere Beispiele für Concursus Dei in der Schöpfung und im Heilswerk Gottes samt Erläuterungen sind hier aufgezählt.

Die Gnade Gottes ist erschienen … und unterweist uns, gottselig zu leben

Die 95 Reformationsthesen Martin Luthers (1483–1546) wurden durch die üble Lehre und Praxis der Römisch-katholischen Kirche provoziert, die er als Augustinermönch (1505–1521?) bestens kannte. Schon in These 1 formuliert er daher unter Verweis auf Matthäus 4,17, dass Gott gewollt habe, »dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll«. Wie aber gelingt dem ein für alle Mal Gerechtfertigten solch ein gottseliges Leben echter Umkehr? Wie ist es möglich, dass ein an Jesus Christus Glaubender praktisch lernt, »besonnen und gerecht und gottselig [zu] leben« (Titus 2,12)?

Auf diese Frage rechter Glaubenspraxis wurden und werden leider falsche Antworten gegeben und damit die Glaubenden irregeleitet. Anhand einiger Schlüsselstellen der Schrift soll daher die biblische Lehre der Heiligung, des Prozesses also, der den Glaubenden im Leben der Nachfolge praktisch in das Bild des Sohnes Gottes verwandelt, umrissen werden, um Irrwege zu erkennen, zu vermeiden und echtes Wachstum zu erleben.

Zum 500. Reformationsjubiläum 2017 veranstaltete das EBTC e. V. in Lutherstadt Wittenberg eine mehrtägige Reformationskonferenz. Am 20.05.2017 wurde ein Vortrag zum angegebenen Thema gehalten, dessen schriftliche (Lang-)Fassung hier zur Verfügung gestellt wird (PDF, 670 kB). Es ist nicht gestattet, diesen Beitrag kommerziell zu nutzen oder online im Internet zur Verfügung zu stellen.

Gliederung des Beitrags

1 Leben wir in „beständiger Reformation“?

2 Der Kontext der Heiligung

2.1 Rechtfertigung
2.2 Verherrlichung
2.3 Heiligsein und Heiligwerden (Heil und Heiligung)
2.4 Gnade
2.5 Zusammenfassung
2.6 Was ist Heiligung und wie geschieht sie?
2.6.1 Warum müssen Heilige heilig(er) werden?
2.6.2 Wie geschieht Heiligung?
2.6.3 Wie heilig müssen Heilige werden?
2.6.4 Wo geht Heiligung „schief“?

3 Die Lehre der biblischen Heiligung nach Titus 2,11–15
3.1 Biblische Heiligung ist ein Gnadenwerk des Heiland-Gottes
3.2 Biblische Heiligung hat Jesus Christus zum Vorbild
3.3 Biblische Heiligung geschieht in aktiver, dynamischer Unterweisung
3.3.1 Unterweisung im Lebensvollzug
3.3.2 Unterweisung zum Lassen (Gelassenhaben)
3.3.3 Unterweisung im Tun
3.3.4 Biblische Heiligung ist vom Zweiten Kommen Jesu motiviert
3.4 Biblische Heiligung erleben nur Erkaufte und Gereinigte
3.5 Biblische Heiligung findet Ausdruck und Lebensinhalt im Eifer für Gute Werke
3.6 Biblische Heiligung muss Gegenstand der biblischen Ermahnung sein

4 Erfolgt biblische Heiligung monergistisch oder synergistisch?
4.1 Biblische Heiligung ist keine rein passive Veranstaltung
4.2 Biblische Heiligung erfolgt in einer lebendigen Vater-Sohn-Beziehung
4.3 Biblische Heiligung ist keine rein menschlich-aktive Veranstaltung
4.4 Biblische Heiligung geschieht unter Anwendung geistlicher Mittel

5 Drei Schlussfolgerungen
5.1 Biblische Heiligung verlangt anwendungsorientierte Auslegungspredigt
5.2 Biblische Heiligung verlangt vom Glaubenden Aktivität und Eifer
5.3 Biblische Heiligung schenkt dem Glaubenden alles zum Heil Notwendige

Literaturverzeichnis

Auserwählung – Fragen über Fragen

Die Frage der Auserwählung (kurz: Erwählung) ist unter den Christen seit Jahrhunderten umstritten. Was bezeichnet die Bibel als „Auserwählung“, was lehrt sie darüber? Auserwählung bezeichnet mehrere Akte Gottes, darunter auch die Auserwählung zum Heil.

Die Auserwählung zum Heil betrifft den in der vorzeitlichen Ewigkeit in göttlicher Liebe und mit göttlich freiem Willen gefassten Plan Gottes, bestimmte Menschen aus der Menge der zurecht verdammten Sünder wirksam herauszurufen, sie zu retten und sie in die ewige Lebensgemeinschaft mit sich selbst zu holen. Da die Bibel mehrfach und klar bezeugt, dass Gott Menschen zum Heil auserwählt hat, bedeutet das Leugnen dieser Tatsache ein Verlassen des Bodens der Wahrheit, mithin ein Verlassen der evangelikalen Welt der christlichen Bruderschaft.

Der Apostel Paulus beschreibt die Auserwählung zum Heil in Epheser 1 näher:

  • Er sagt, dass Gott »vor Grundlegung der Welt« (unserer Welt) auserwählt hat. Kein Geschöpf war also anwesend, kein Mensch hatte Anteil an dieser Wahl, weder durch seine Worte, sein Wesen noch seine Taten. Aber Gott war da, der Schöpfer und souveräne Herr aller Dinge und Wesen. Als solcher hat Er vor aller Zeit auserwählt.
  • Er sagt, dass Gott auserwählt hat »in ihm«, das ist Christus. Es gibt also keine Auserwählung und damit keine Auserwählten außerhalb von Christus. Gott hat damit entschieden, dass alles Heil nur in Christus zu haben ist. Die Einsmachung mit Christus ist elementare Wahrheit des Heils in Christus (siehe: »in ihm«, »in dem«, »in Christus« u. ä. in Epheser 1).
  • Er sagt, dass Gott auserwählt hat, »dass wir heilig und untadelig seien vor ihm in Liebe«. Das ist das Ziel, das Wozu, der Telos, der Auserwählung Gottes. In solcher Weise vor Gott zu sein bedeutet das größte Glück eines Menschen. Die völlige Errettung ist selbstverständlich Teil dieses Glücks. Die Behauptung, bei Erwählung ginge es nicht (auch) um das Heil, müsste jedem Bibelleser mithin als Unsinn offenbar sein. Gleiches gilt für die Behauptung, bei der Erwählung gehe es (nur) um die Sohnschaft (Epheser 1,5), nicht um das Heil: Wer die Sohnschaft hat, mithin ein Sohn Gottes ist, ist auch absolut sicher gerettet.

Trotzdem umwabert viel trüber Nebel und beißender Rauch die Gedanken und Lehren von Christen und Predigern in Sachen „Auserwählung“. Diese selbstverschuldete Finsternis in den Gedanken und Lehren über das Heil Gottes ist teilweise Ergebnis mangelnden Fleißes, die Schrift unter Gebet gründlich zu studieren, teilweise Ergebnis eines nicht aus der Schrift entnommenen Gedankenrahmens (Paradigmas), in der die exklusiven Rechte Gottes als Gott nicht gebührend Platz gefunden haben. Anders gesagt: Man weiß und glaubt zu wenig von der Wahrheit und/oder klammert sich an zu viele nicht-biblische Presuppositionen. Paul K. Jewett schreibt:

»Die Frage der individuellen Auserwählung hat mehr Menschen dazu verführt, die Heilige Schrift so zu lesen, dass sie dort (nur) das finden, was sie finden wollen (anstelle auf die Heilige Schrift zu hören, auch auf das, wovor sie Angst haben zu hören), als praktisch jede andere theologische Streitfrage.«

Paul K. Jewett, Election and Predestination (Grand Rapids, MI: Eerdmans, 1985), S. 67

Viele Fragen zur Auserwählung werden von Interessierten gestellt, wichtige, mitunter schwierige Fragen. Das ist ein guter Anfang und Motivation für demütige Selbstreflexion und fleißiges Bibelstudium unter Gebet. Bruce Demarest liefert dankenswerter Weise in seinem Werk The Cross and Salvation (Wheaton, IL: Crossway Books, 1997) eine gute Sammlung solcher wichtigen Fragen, die in folgender Liste mitverwendet wurden:

  • F1:    Geht es bei der Auserwählung Gottes um die Berufung einiger Menschen nur zum (zeitlichen) Dienst, nur zur (ewigen) Errettung oder zu beidem?
  • F2:    Ist die Auserwählung bedingt (also dadurch bedingt, dass Gott die positive Reaktion einer Person auf das Evangelium notwendigerweise vorhersehen muss), oder ist sie bedingungslos (also ausschließlich in Gottes souveränem Willen und seinem Wohlgefallen gegründet und durch ihn verursacht)? Anders gesagt: Folgt logischerweise (kausal) die göttliche Auserwählung dem menschlichen Glauben, oder folgt der menschliche Glaube (kausal) der göttlichen Auserwählung?
  • F3:    Wenn die Auserwählung bedingungslos ist, wie unterscheidet sich diese Lehre dann vom heidnischen Determinismus (z. B. der Stoiker) und vom islamischen Fatalismus?
  • F4:    Ist Auserwählung passiv, also nur Gottes Ratifizierung (nachfolgende Bestätigung) der menschlichen Entscheidung, Christus zu vertrauen, oder ist sie aktiv, also Gottes vorauslaufende, souveräne Festlegung, bestimmte Menschen sicher zu retten?
  • F5:    Ist Auserwählung zur Rettung korporativ (eine [anonyme] Gruppe betreffend) oder individuell (Einzelpersonen betreffend), oder beides?
  • F6:    Betrifft die Auserwählung zum ewigen Heil nur das Ziel und den Inhalt der Auserwählung (das Wozu der Erwählung), oder auch (ggf. sogar primär) die (Einzel-) Personen, die auserwählt wurden (das Wer der Erwählung)? Geht es primär um die Sache oder um die beteiligten Personen?
  • F7:    Betrifft Gottes auserwählender Beschluss die Klasse (Gruppe) jener, die glauben werden, oder betrifft er spezifische Einzelpersonen, die Gott zuvorerkannt und ausgewählt hat?
  • F8:    Ruht die Auserwählung auf Gottes »Zuvorwissen« (rein kognitiv) oder auf Gottes »Zuvorerkennen« (beziehungsmäßig)?
  • F9:    (F8 vertieft) Was meint die Heilige Schrift, wenn sie feststellt, dass Gott die Heiligen »zuvor erkannt« hat (Röm 8:29; 11:2)? Bedeutet es nur, dass Gott in seiner Allwissenheit die glaubensvollen Reaktionen von Menschen voraussieht? Oder sagt sie damit vor allem und tiefergehender, dass Gott seine Liebe auf gewisse Sünder gelegt, eine Lebensbeziehung zu ihnen aufgebaut und folglich sie auserwählt hat, gerettet und geliebt zu werden?
  • F10:  Ist die göttliche Auserwählung einfach, nämlich nur zu ewigem Leben, oder doppelt, nämlich sowohl (manche sagen: in gleicher Weise) zum ewigen Leben also auch zum ewigen Tod?
  • F11:  Fordert die Lehre der bedingungslosen Auserwählung zur Errettung notwendigerweise (»logischerweise«) auch eine bedingungslose Auserwählung zur Verdammnis (Lehre der Reprobation)?
  • F12:  Wie rechtfertigten große Heilige der Vergangenheit, wie z. B. Luther, Calvin, Owen und Bunyan, biblisch ihren Glauben an eine »doppelte Prädestination«?
  • F13:  Liefert das Alte Testament eine andere Sicht auf die Lehre der Auserwählung, als das Neue Testament? Wie unterscheiden sich ggf. diese Sichten?
  • F14:  Welche Rolle spielt Jesus Christus in Gottes »Auserwählungsprogramm«?
  • F15:  Was bedeutet der biblische Ausdruck der Auserwählung »in Christus«? Bedeutet er, dass Glaubende erwählt wurden, weil sie eines Tages begannen, an Christus zu glauben, sich mittels dieses Glaubens »in Christus« hineinbegeben haben und Gott dies in seiner Allwissenheit vorhergesehen hatte? Oder bezeichnet es Gottes Absicht, Errettung nur aufgrund des gehorsamen Lebens und sühnenden Todes Christi zu geben?
  • F16:  Wie können wir den Vorwurf biblisch beantworten, dass die Lehre der bedingungslosen Auserwählung unfair und letztlich Gottes unwürdig sei?
  • F17:  (F16 vertieft) Kollidiert die Lehre der bedingungslosen Auserwählung mit dem in der Bibel geoffenbarten „Charakter“ Gottes?
  • F18:  Wenn Gott souverän festgelegt hat, wer errettet werden wird, würde das die Mission, das Predigen (Evangelisieren) und Überreden von Sündern und das Gebet für die Verlorenen überflüssig (o. sinnlos) machen?
  • F19:  Erzeugt die bedingungslose Sicht auf die Auserwählung nicht ein selbstzufriedenes Leben und untergräbt das Streben nach einem heiligen Leben (wie es z. B. der Methodist Wesley behauptete)?
  • F20:  Bietet die Auserwählungslehre für die Glaubenden praktischen Wert und Trost? Nennt die Heilige Schrift positive Auswirkungen dieser Lehre im Leben der Heiligen?
  • F21:  Sollte die Lehre der Auserwählung in der ganzen Welt gepredigt werden, wie Spurgeon drängte, oder sollte sie nur dem Volk Gottes in der Gemeinde (sozusagen als »Familiengeheimnis«) gelehrt werden?

Diese Fragen rund um die Lehre der Auserwählung sind wichtige. Sie erfordern sorgfältige Untersuchung anhand der Heiligen Schrift, dem »Wort der Wahrheit« (Johannes 17,17; 2.Korinther 6,7; Epheser 1,13; Kolosse 1,5; 2.Timotheus 2,15; Jakobus 1,18).

Eine Einführung und einen Überblick sowohl über die biblische Lehre der Auserwählung als auch über die verschiedenen Lehren und Ansichten unterschiedlicher christlicher Lehrschulen und Gruppen vermittelt Bruce Demarest im erwähnten Buch. Er hat seine Ausarbeitung wie folgt gegliedert (eigene Übersetzung):

1 Warum ist die Lehre der Auserwählung so »schwierig«?
2 Historische Interpretationen der Erwählungslehre
(Übers. wird nachgeliefert)
3 Die biblische Lehre der Auserwählung
3.1   Auserwählung zum Dienst
3.2   Korporative Auserwählung eines Volkes
3.3   Persönliche Auserwählung im AT: Ein Nebenthema
3.4   Persönliche Auserwählung im NT: Ein Hauptthema
3.5   Lehrt die Heilige Schrift eine »Doppelte Prädestination«?
3.6   Zusammenfassung
4 Praktische Auswirkungen der Erwählungslehre
4.1   Große Freude und Gewissheit, erwählt zu sein
4.2   Ermutigung zu Predigt, zur Evangelisation und zum Gebet
4.3   Ein positiver Stimulus für die Heiligung
4.4   Verkünde zuversichtlich: »Wer immer da will«
4.5   »Will« Gott wirklich, dass alle Menschen errettet werden?

Eine Übersetzung ins Deutsche mit vielen Ergänzungen und Erweiterungen durch Grace@logikos.club gibt es hier zum Download (PDF).

Wir haben empfangen … Gnade um Gnade

Der Apostel Johannes schreibt als einer der letzten der Autoren des Neuen Testaments. Die drei synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus und Lukas) sind alle schon einige Jahrzehnte geschrieben und verbreitet worden. Sie portraitierten den Herrn Jesus Christus als den König und Messias Israels, den Knecht Gottes und den wahren Menschen. Aber Johannes hat einen besonderen Auftrag: Er soll von Jesus Christus als dem menschgewordenen ewigen Sohn Gottes schreiben, damit Menschen an Ihn glaubend das ewige Leben haben (Johannes 20,31).

Das erste Kapitel seines Evangeliums ist voll tiefgründiger Aussagen über Christi Gottsein, Menschsein und Sendung. Johannes vergleicht das Kommen Jesu Christi mit dem größten Führer des Volkes Gottes alttestamentlicher Zeit, mit Mose:

Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben;
die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.

Johannes 1,17 (ELBCSV 2003)

Offenbar ist in Jesus Christus ein unvergleichlich Größerer zu uns Menschen gekommen, als der große Mose: der große Gott selbst. Und offenbar hat Jesus Christus etwas unvergleichlich Größeres mitgebracht, als Mose damals übermittelnd liefern konnte, nämlich Gnade und Wahrheit. Er, der als Gott selbst Licht (1.Johannesbrief 1,5) und Liebe (1.Johannesbrief 4,8) ist, bringt „uns allen“ leuchtende Wahrheit und liebende Gnade. Und dies mitnichten spärlich, sondern im Überfließen, „aus seiner Fülle“ [πληρώματος αὐτοῦ]:

Denn aus seiner Fülle haben wir alle empfangen,
und zwar Gnade um Gnade [χάριν ἀντὶ χάριτος].

Johannes 1,16 (ELBCSV 2003)

So wundert es nicht, dass vor allem das Evangelium nach Johannes eine Fund- und Schatzgrube für Beispiele, Aussagen und Lehren über die Gnade Gottes ist. Im menschgewordenen Sohn Gottes ist die Gnade Gottes sichtbar und für den Glauben rettend und beglückend greifbar geworden. Während der Apostel Paulus besonders erklärt, dass in Jesus die Gnade Gottes allen Menschen heilbringend erschienen ist (Titus 2,11ff), lehrt der Apostel Johannes vor allem, wie Gott seine Familie aus der verdorbenen, rebellischen Welt durch die Hingabe Seines einzigen Sohnes ans Kreuz rettet, ja: herausliebt (Johannes 3,16). Nun gilt für jeden Glaubenden, dass er im Sohn Gottes ewiges Leben hat, und zwar als Geschenk, nicht als Lohn, sondern „aus Gnade“ (Johannes 20,31).

Der amerikanische Theologe, Autor und Prediger Dr. Steven J. Lawson (Gründer und Präsident von OnePassion Ministries) hat eine Lehrreihe zu The Doctrines of Grace in John zur Verfügung gestellt. Es handelt sich dabei um 12 Kurslektionen zu je ca. 25 Minuten. Ein Kursteilnehmer hat freundlicherweise seine deutschsprachigen Notizen online zur Verfügung gestellt. Alle Rechte für den originalen Kurs bleiben natürlich beim Autor und beim Veranstalter Ligonier Ministries (Sanford, FL, USA, www.ligonier.org). Die Kursteilnahme mit offener Bibel sei hiermit wärmstens empfohlen.

Quellenverweise

  • Den Kurs in englischer Sprache (Original) kann man hier in verschiedenen Medien und Gruppenlizenzen kaufen.
  • Eine kostenlose Probelektion (Einleitung) des Kurses in englischer Sprache gibt es hier.
  • Kursunterlagen (Study Guide) in englischer Sprache (PDF; backup);
  • Kursunterlagen in englischer Sprache als Taschenbuch, Hörbuch und Audio-CD.
  • Kursnotizen (Mitschrift) in deutscher Sprache (PDF; backup).
  • Eine kürzere Abhandlung gleichen Themas des Baptisten R. Bruce Steward (1936–2006) ist in der Chapel Library der Mount Zion Bible Church enthalten (PDF).
  • Eine grundlegende Abhandlung über die Lehren der Gnade aus reformierter Sicht: James Montgomery Boice und Philip Graham Ryken, The Doctrines of Grace, Wheaton, IL: Crossway, 2002. Deutsch: Die Lehren der Gnade, Oerlinghausen: Betanien, 2009.
  • Eine dogmengeschichtliche Darstellung der Lehren der Gnade in der Plymouth-Brüder-Bewegung: Mark R. Stevenson: The Doctrines of Grace in an Unexpected Place. Calvinistic Soteriology in Nineteenth-Century Brethren Thought. Eugene, OR: Wipf and Stock, 2007). Deutsch: Die Brüder und die Lehren der Gnade. Wie stand die Brüderbewegung des 19. Jahrhunderts zur calvinistischen Heilslehre? Bielefeld: CLV, 2019.
  • Der bekannte Baptist und „Fürst der Prediger“ Charles H. Spurgeon (1834–1892) lehrte ebenfalls die Lehren der Gnade, siehe: Charles H. Spurgeon – Prediger der biblischen »Lehren der Gnade« (auf diesem BLOG).

Was drei para-Wörter über das Wesen der Sünde lehren

Über das Wesen der Sünde muss viel und bibelgründlich nachgedacht werden, sonst begreift man weder den mieslichen Stand des gefallenen Menschen, noch die Größe des Opfers des menschgewordenen Sohnes Gottes, noch das Wesen der Sünde.

Einen hilfreichen Blick auf das Wesen der Sünde liefert der Apostel Paulus in seinem Brief an die christliche Gemeinde in Rom. Er gebraucht dort im fünften Kapitel drei Wörter mit der griech. Vorsilbe para:

»14Aber der Tod herrschte von Adam bis auf Mose, selbst über die, die nicht gesündigt hatten in der Gleichheit der Übertretung [παράβασις parabasis] Adams, der ein Vorbild des Zukünftigen ist.
15Ist nicht aber wie die Übertretung so auch die Gnadengabe? Denn wenn durch die Übertretung [παράπτωμα paraptōma] des einen die vielen gestorben sind, so ist viel mehr die Gnade Gottes und die Gabe in Gnade, die durch den einen Menschen, Jesus Christus, ist, zu den vielen überströmend geworden.
19Denn so wie durch den Ungehorsam [παρακοή parakoē] des einen Menschen die vielen in die Stellung von Sündern gesetzt worden sind, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen in die Stellung von Gerechten gesetzt werden.«

Römer 5,14.15.19 (ELBCSV 2003)

Sünde war dem Geschöpf (hier: dem Menschen) nur möglich, weil es ihm geschöpflich möglich war, aus seinem früheren Stand herauszufallen. Nur Gott Selbst ist im Wesen unwandelbar und vollkommen. Der Mensch war gut (sogar »sehr gut«; 1.Mose 1,31) erschaffen worden, aber nicht unveränderlich gut geschaffen worden. Die Möglichkeit zur Veränderung in beide Richtungen war also durch seine Wandelbarkeit möglich, mithin auch das Fallen aus der ursprünglichen Unschuld.

Zum Fallen bedarf es des Anstoßes, einer herabziehenden Kraft und einer dieser Kraft unterliegenden Schwäche. Der Mensch fiel durch den Anstoß, den der Mensch am (einzigen!) Gebot Gottes nahm, und wodurch er den Segensraum, den Gott ihm in Verbindung mit dem einzigen Verbot errichtet hatte, verließ. Dergestalt sich selbst des Haltes entledigt habend, wirkte als Zweitursache für den Fall die verführerische Kraft der Schlange, in der der Satan, der Ur-Lügner und Ur-Menschenmörder (Johannes 8,44), wirksam war.

Folglich bezeichnet die Bibel Sünde mit Begriffen wie »das Ziel verfehlen, fehlschießen, von der Bahn abirren« (Hebr.) oder »Herauslaufen aus einer bisher eingehalten Bahn« (Griech.). Andere griech. Schreiber und die LXX verwenden auch den Begriff »aus der Melodie fallend, falsch singend« (πλημμέλεια), also Sünde/Schuld als »Misston«.

»Das Hinausgehen, das Abweichen aus dem Worte oder Gebote Gottes und der daraus folgende Bruch mit Gott ist der Sünde Anfang, und im Beharren auf diesem Weg vollendet sich die Sünde.« (Eduard Böhl, Dogmatik [Bonn/Hamburg, 2004], S. 208).

Paulus betont in der lehrhaften Interpretation des historischen Sündenfalls in Römer 5 dieses »Hinausgehen« mit einem Dreiklang von para-Wörtern.

  • παράβασις parabasis – von para = (hin-)über/daneben und baino = gehen/(ein-)treten, also Übertretung, Überschreiten einer gezogenen Linie, meist im juristischen Sinn: Gesetz, Statuten, Vertragsbestimmung nicht einhalten; der biblische Gebrauch folgt dem juristischen Sinn (vgl. Römer 2,23; 4,15; Galater 3,19; 1.Timotheus 2,14; Hebräer 2,2; 9,15)
  • παράπτωμα paraptōma – von para = (hin-)über/daneben und pipto = fallen, also Fehltritt, ein Fallen aus der rechten Bahn. Stets als Sünde verstanden, daher meist wiedergegeben mit: Übertretung, aber auch mit: Verfehlung, Fehltritt, Fall, Sünde, Vergehung (Römer 4,25; 5,15.16.17.18.20; 11,11.12; 2.Korinther 5,19; Galater 6,1; Epheser 1,7; 2,1.5; Kolosser 2,13).
  • παρακοή parakoē – von para = (hin-)über/daneben und akouo = hören, also danebenhören, weghören, sich weigern zu hören: Ungehorsam (2.Korinther 10,6; Hebräer 2,2). Im AT parallel mit der »Weigerung, auf meine Worte zu hören« (Jeremia 11,10; 35,17).

Der Apostel verweist auf die historischen Tatsachen der Schöpfungsgeschichte und des »Sünden-Falls«, dem Geschehnis der Ur-Sünde. In 1. Mose 3 werden die einzelnen Schritte des Fallens in die Sünde deutlich markiert. Paulus macht in Römer 5,12 deutlich, dass dies der Ausgangspunkt für das Verstehen der Sünde ist. Folgen wir also in groben Zügen dem Geschehen dort, um Paulus in Römer 5 (und wo er sonst Schöpfung und Sündenfall heranzieht) besser zu verstehen.

Die Verführung des als Schlange auftretenden Satans beginnt mit dem taktisch listigen ersten Schritt, die Frau des ersten Paares anzusprechen, also unter Umgehung Adams, der für das Paar verantwortlich war und der das Gebot Gottes höchstpersönlich empfangen hatte, bevor Eva erschaffen worden war (2. Mose 2,16–17). Es sollte uns nicht verwundern, dass Satan dabei die Hauptschaft des Mannes und mithin die Schöpfungsordnung Gottes missachtet, aber es sollte uns demütigen, dass wir Menschen in Adam und Eva diese Übertretung (parabasis) der Ordnung Gottes ohne Widerspruch hinnehmen.

Der zweite Schritt ist eine listige Frage, in der der Keim der Verführung durch Lüge insofern schon enthalten ist, als das Gebot Gottes in verfälschter Weise zitiert und in eine bewusste Infragestellung gegossen wird: »Hat Gott wirklich gesagt: Ihr sollt nicht essen von jedem Baum des Gartens?« (1.Mose 3,1). Das Gebot Gottes war ja in Hauptsache positiv formuliert worden: »Von jedem Baum des Gartens darfst du nach Belieben essen« (1. Mose 2,16), bevor ein einzelner (!) Baum ausgenommen und zum verbotenen Baum erklärt wurde: »aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, davon sollst du nicht essen; denn an dem Tag, da du davon isst, wirst du gewisslich sterben« (1. Mose 2,17; ELB1905, vgl. SCHL2000). Bei Satan liegt der Schwerpunkt auf dem Verbot, das wie ein Verbot für alle Bäume klingt: »nicht essen von jedem Baum des Gartens«. Dies ist eine Testfrage, ob Eva das Gebot Gottes exakt kennt und verführerische Verdrehungen in der Formulierung samt der unterschwelligen Anklage (Gott sei restriktiv, anstelle im Überfluss segnend) sofort erkennt. Dafür aber muss man das ganze Gegenteil von „Danebenhören“ tun: Man muss der Stimme Gottes aufmerken zuhören und dieses Wort Gottes im Herzen glaubend aufnehmen (vgl. 1.Mose 22,18; 1.Samuel 15,22; 2.Könige 18,12; Sprüche 2,1–8; 15,31–33; 28,9; Kolosser 1,23; Hebräer 2,1–3; Offenbarung 2,7.11.17.29; 3,6.13.22; 13,9).

Der dritte Schritt wird getan, indem Eva überhaupt der Schlange zuhört und sich nicht abrupt abwendet. Denn gegenüber den Worten der Schlange ist parakoē (Weghören, Ungehorsam) Pflicht. Mit der Entscheidung, wem man das Ohr leiht, trifft man Vorentscheidungen.

Der vierte Schritt ist, dass Eva die Worte und den Gedanken Satans aufnimmt und antwortet. Nun ist der Dialog mit dem Satan begonnen. Welchen sinnvollen Grund könnte es je geben, mit dem obersten Feind Gottes und der Menschen Gedanken auszutauschen? Zumal in ihrer Antwort deutlich wird, dass sie die Fakten nicht klar parat hat: Eva kennt das (bisher einzige!) Gebot Gottes nicht exakt, nur so ungefähr: »Von der Frucht der Bäume des Gartens essen wir; aber von der Frucht des Baumes, der in der Mitte des Gartens ist, hat Gott gesagt: Davon sollt ihr nicht essen und sie nicht anrühren, damit ihr nicht sterbt.« (1. Mose 3,2–4). Sie vergisst zwei entscheidende Wörter des göttlichen Segens- und Gebotsspruches: »nach Belieben« und »gewisslich«. Wenn Gott redet, ist „Danebenhören“ gefährlich. Denn mit dem ersten Wort betonte Gott den Überfluss und die freie Verfügbarkeit seines Segens, und mit dem zweiten Wort betonte Er die Ernsthaftigkeit der Sanktion/Strafe bei Übertretung. Gott schenkt im Überfluss, aber nur im von Ihm gesetzten Rahmen; wird dieser überschritten, ist absolut sicher mit den angekündigten Folgen zu rechnen. Und ob dieser »verbotene Baum« wirklich »in der Mitte des Gartens« stand, oder nun listig zum Zentrum der Diskussion gemacht wird, wissen wir nicht. – Evas Antwort schaltet jedenfalls für Satan das Signal auf »Grün«, um seine Verführung nun noch offener und noch direkter fortzusetzen.

Der fünfte Schritt ist ein offener Angriff der Schlange auf Gottes moralisches Wesen von Licht/Wahrheit und Liebe: »Ihr werdet durchaus nicht sterben, sondern Gott weiß, dass an dem Tag, da ihr davon esst, eure Augen aufgetan werden und ihr sein werdet wie Gott, erkennend Gutes und Böses.« (1. Mose 3,4-5). Mit frechem »durchaus nicht« wird Gottes Wahrheit geleugnet, mit dem Rest wird Gottes Liebe in Frage gestellt, werden Gott schlechte Motive unterstellt: »Gott enthält euch etwas Wunderbares vor. Habt den Mut, es euch einfach zu nehmen!«. Und wie bei fast jeder Verführung wird nicht nur durch offenes Reden Wesentliches verleugnet, sondern auch durch Umdeutungen und Verschweigen. »Sein wie Gott« ist dem Geschöpf prinzipiell unmöglich: Der Schöpfer wird immer höher als sein Geschöpf sein. Was geschöpfliche Realität des Menschseins war, ist das Gleichnishafte und Bildhafte des Menschen gegenüber Gott. Diese unter allen Geschöpfen einzigartige Wesenszuweisung befähigt den Menschen zum Gegenüber Gottes. Sie ist Befähigung zu größten göttlichen Segnungen, macht den Menschen aber nicht zu Gott. Die Schöpfungsordnung war eine klare: Gott setzte souverän das Gebot ein und legte die Strafe fest, der Mensch stand unter dem Gebot. Dies war unumkehrbar, offensichtlich und nicht in Frage zu stellen. Leider war diese Täuschung und Verführung des Menschen schon beim ersten Versuch im Garten Eden erfolgreich, und so verwendet Satan sie seitdem immer wieder – und mit großem Erfolg. Um sich selbst drehend und um sich selbst tanzend verbohrt und erniedrigt sich der narzistische und sich zum Gott erklärende Mensch in immer hoffnungslosere Tiefen der Gottesfinsternis.

Der sechste Schritt offenbart, dass der Biss der Schlange das Gift ihrer Lüge erfolgreich Eva injiziert hat. Die Verführung durchdringt lähmend die Schaltzentrale ihres Seins: ihren Geist, ihre Seele, ihr Herz. Man kann diesen inneren Prozess des selbstständigen Denkens, Empfindens und Bilden einer persönlichen Entscheidung am Wort »sah« und an den wertenden Wörtern »gut«, »eine Lust« sowie »begehrenswert« verfolgen. Wir müssen rückblickend feststellen, dass hiermit der »Sündenfall« bereits geschehen ist, denn jede Sünde beginnt im Denken und Begehren, im Herzen (der Persönlichkeitsmitte), sagt der Sohn Gottes (Matthäus 5,22.28; 15,19–20). Die Lust zur Sünde hat die Augen verblendet, die klare Linie, die Gott gezogen hatte, ist ausgeblendet. Das Übertreten (parabasis) ist bei Eva im Denken, im Herzen, im Zentrum also, getan, ihr Fallen im nächsten Schritt ist unausweichlich (Jakobus 1,15).

Der siebte Schritt: Nicht jeder Gedanke, nicht jedes Begehren, nicht jedes Entscheiden führt heute den Glaubenden zwingend auch zur bösen Tat, da Gottes Gnade oft zurückhält. Aber hier im Garten Eden beobachten wir, dass den sündigen Gedanken, Gefühlen, Bewertungen, Entscheidungen Evas – ihrem Übertreten im Herzen – nun auch konsequent die sündigen Taten folgen, und Eva andere (ja: alle anderen!) in die sündige Tat mit hineinzieht, hinein in den großen Fall (paraptōma). Rätselnd fragen wir: Hat hier beim ersten Paar nur Eine gedacht?! Waren da nicht Zwei?! Warum hört man von Adam nichts? Männer: Schweigen zur Unzeit kann große Schuld ermöglichen und zu größtem Übel führen.

»Und die Frau sah, dass der Baum gut zur Speise und dass er eine Lust für die Augen und dass der Baum begehrenswert wäre, um Einsicht zu geben; und sie nahm von seiner Frucht und , und sie gab auch ihrem Mann bei ihr, und er aß.«

1. Mose/Genesis 3,6 (ELBCSV 2003)

Und so sehen wir, wie die Sünde »funktioniert«, und wie selbst das erste und beste Menschenpaar miteinander in die Sünde »fällt«. Wie sollen wir Gefallenen, mit jenem Sünderwesen bereits Geborenen, es je besser machen können? Das ist unmöglich.

Aber bei Gott ist die Lage nicht hoffnungslos, sein Wesen und sein Name ist ja »Retter-Gott« – Jesus. Daher gibt Er dem ersten Menschenpaar in 1.Mose 3,15 einen Hoffnungsfunken, der der erste Zeuge von der kommenden »Sonne der Gerechtigkeit« ist, die aufgehen wird »mit Heilung in ihren Flügeln« (Maleachi 3,20). Vor 2.000 Jahren kam dieser Heiland-Gott im menschgewordenen Sohn Jesus Christus auf unsere Erde, »um seinem Volk Erkenntnis des Heils zu geben in Vergebung ihrer Sünden, durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, in der uns besucht hat der Aufgang aus der Höhe, um denen zu leuchten, die in Finsternis und Todesschatten sitzen, um unsere Füße auf den Weg des Friedens zu richten.« (Lukas 1:77-79). Und dieser dort begonnene Weg steht für jeden Glaubenden auch heute noch offen. Er führt den Glaubenden in lichte Höhen, die zu erfassen uns noch nicht völlig möglich ist (1. Korinther 2,9; Epheser 3,14–21).

Der reformierte deutsche Theologe Eduard Böhl (1836–1903) lieferte in seiner Dogmatik eine scharfsinnige Analyse des »Sündenfalls«:

»Der Mensch leiht sein Ohr dem Verführer; er weicht, angelockt durch die Worte des Satans und Gott misstrauend, aus der anfänglich guten, vom Gebot vorgezeichneten Richtung. Also zunächst sündigt der Mensch wider die Gebote der ersten Tafel. Nachdem die nunmehr haltlose Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde (vgl. Jak 1,14.15); der Bruch mit Gott vollzieht sich mit der bösen Tat, und der Übertretung der Gebote der zweiten Tafel ist Tür und Tor geöffnet. … Die Sünde ist also nach dieser Darstellung nicht anfänglich in der Selbstsucht und noch weniger in der concupiscentia, der sinnlichen Begierde, zu suchen! … Die Zweige tragen nicht die Wurzel, sondern die Wurzel trägt die Zweige. Erfassen wir die Sünde bei ihrer Wurzel, wie sie bei Adam erscheint, so müssen wir sagen: Sünde ist das Abweichen von dem lebendigen Gott und dessen Wort aus mutwilligem Ungehorsam und Mißtrauen gegen Gott. Soweit geht die negative Beschreibung. Die positive, das Vorige ergänzende Beschreibung lautet: Sünde ist die Übergabe des Menschen (Adams) an den Teufel, um dessen Willen zu tun, anstatt zu verharren bei dem Worte und Gebote, das aus Gottes Mund gegangen.«

Eduard Böhl, Dogmatik [Bonn/Hamburg, 2004]. S. 208–209.

Damit ist auch eine Antwort auf die Frage: Woher kommt die Sünde? Woher kommt das Böse? gegeben. Es ist keine Sache oder eine Person, die Ursache und Motiv des Bösen ist. Es ist vielmehr ein Mangel, ein Fehlen des Guten, welches unausweichbar ins Böse und in die Sünde führt. Wer Gott und Sein Wort aufgibt, erwirbt damit einen so schweren Mangel, dass das Fallen in Sünde mit Todesfolge unausweichlich ist. Dies ist in der Schrift gut beobachtbar: Zuerst bei Satan und später bei dem ersten Menschenpaar in deren aktiver Rebellion gegen die Ordnungen und Gebote des Schöpfer-Gottes. Wer das Licht verstößt, dem bleibt nur die Finsternis und die Leere des auf sich selbst geworfenen und damit vom Leben abgeschnittenen Geschöpfs.

Wo aber Gottes Licht und Leben in einem Menschen Raum greift, wird dieser hell und heil. Im Anschauen Gottes weichen alle Schatten und der Mensch hat seinen Lebensraum wieder da, wo Gott ihn segnen kann:

Denn bei dir ist der Quell des Lebens, in deinem Licht werden wir das Licht sehen.

Psalm 36,10 (ELBCSV 2003)

Dies aber ist das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.

Johannes 17,3 (ELBCSV 2003)

[Jesus Christus spricht:] Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben. … Ich bin als Licht in die Welt gekommen, damit jeder, der an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe.

Johannes 8,12; 12,46 (ELBCSV 2003)

Vor dem Herrn …, um seine Wege zu bereiten, um seinem Volk Erkenntnis des Heils zu geben in Vergebung ihrer Sünden, durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, in der uns besucht hat der Aufgang aus [der] Höhe, um denen zu leuchten, die in Finsternis und Todesschatten sitzen, um unsere Füße auf den Weg des Friedens zu richten.

Lukas 1,76b-79 (ELBCSV 2003)

Denn der Gott, der sprach: Aus Finsternis leuchte Licht, ist es, der in unsere Herzen geleuchtet hat zum Lichtglanz der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi.

1. Korintherbrief 4,6 (ELBCSV 2003)

Denn einst wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht in dem Herrn.

Epheserbrief 5,8a (ELBCSV 2003)

Anerkennung. Auf die drei para-Wörter, und damit der auslösenden Idee dieser Kurzstudie, wurde ich in einem Gespräch mit dem Bibellehrer Dr. Benedikt Peters (Arbon, CH) aufmerksam gemacht.

»Es ist vollbracht!« – Was denn?

Als der Herr Jesus Christus am Karfreitag am Kreuz hängend sieben bedeutsame Worte aussprach, lautete das vorletzte: »Es ist vollbracht!« (Johannes 19,30 ELBCSV; vgl. Mt 27,50; Mk 15,37; Lk 23,46). Nur der Apostel Johannes berichtet es uns im Wortlaut. Danach neigte Christus sein Haupt und übergab mit dem siebten Ausruf seinen Geist Gott: Das Lamm Gottes, »das die Sünde der Welt wegnimmt« (Joh 1,29), starb in aktiver, völliger Hingabe an Gott. Der Mensch gewordene Sohn Gottes neigte sein Haupt, nicht in Resignation oder Schwäche, sondern wie zum Schlummer[1], um es am dritten Tag in eigener Autorität wieder zu erheben (Joh 10,18).

Was heißt »vollbracht«?

Jesus sprach tatsächlich nur ein Wort: » tetélestai «[2]. Schon zwei Verse vorher gebrauchte Johannes dieses Wort in identischer Form: »Danach, da Jesus wusste, dass alles schon vollbracht war[2], spricht er, damit die Schrift erfüllt würde[3]: Mich dürstet!« (Joh 19,28). Das Wort und seine Zeitform hier bedeuten, dass eine Tat oder ein Werk zum erfolgreichen Ziel gebracht wurde und nun bleibende Auswirkungen hat. Man schrieb tetélestai auf eine bezahlte Rechnung, auf eine abgesessene Gefängnisstrafe usw., also: „Bezahlt!“, „Abgeleistet!“, „Fertig!“: Nichts ist mehr zu bezahlen, keine Forderung besteht mehr, alles ist erledigt. – Hier wurde nicht nur „eine Tür zum Heil aufgestoßen“ oder „dem Sünder eine Chance geboten“ oder „dem Menschen ein großes Vorbild gegeben“ –alles Vorstellungen des bloß Potentiellen, im Prinzip also Unvollkommenen– , sondern etwas komplett fertiggestellt! »Welches Wort enthielt jemals so viel?« (William Kelly, An Exposition of the Gospel of John ).

»Es« – Was wurde vollbracht?

Auch hier gibt uns Johannes den Schlüssel zum Verständnis in die Hand. (1) Christi Gehorsam. Er berichtet, dass die Werke, die Christus tat, seine Sendung bezeugten: »die Werke, die der Vater mir gegeben hat, dass ich sie vollbringe, die Werke selbst, die ich tue, zeugen von mir, dass der Vater mich gesandt hat« (Joh 5,36). Christi Gehorsam und Widmung wurden auf dem Kreuzesaltar völlig offenbar. (2) Offenbarung des Vaters. Der Apostel Johannes berichtet ferner, dass Christus kurz vor seiner Passion rückblickend zum Vater sagte: »Ich habe dich verherrlicht[4] auf der Erde; das Werk habe ich vollbracht[5], das du mir gegeben hast, dass ich es tun sollte.« (Joh 17,4). Als Jesus ausrief: »Es ist vollbracht!«, war jenes Werk, das ihm der Vater aufgetragen hatte, erfolgreich fertiggestellt. Bei diesem Werk des Sohnes Gottes ging es letztlich darum, den Vater auf der Erde zu verherrlichen, also die Herrlichkeit Seines wunderbaren Wesens und einzigartigen Heilswerks bekannt zu machen, denn: »Niemand hat Gott jemals gesehen; der eingeborene Sohn, der im Schoß des Vaters ist, der hat ihn kundgemacht[6]« (Joh 1,18). (3) Vollkommene Sühnung. Und letztlich sagt uns der Apostel Johannes, dass Christus »das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt«, ist (Joh 1,29.36; vgl. Offb 5,6ff; 21,22–27). Der Apostel Petrus äußert sich in ähnlicher Weise, fokussiert sich jedoch auf das Volk Gottes. Er verbindet die vollkommene Erlösung der »Kinder des Gehorsams« mit ihrem vollkommenen Erlöser: »[Ihr seid] erlöst worden … mit dem kostbaren Blut Christi, als eines Lammes ohne Fehl und ohne Flecken« (1Pet 1,18–19). In Summa: »Denn mit einem Opfer hat er auf immerdar die vollkommen gemacht[7], die geheiligt werden.« (Hebr 10,14).

Ad (2): Am deutlichsten wurde das Kundtun (Darlegen, Erklären) des Vaters durch den Sohn im Sterben Jesu am Kreuz: Jeder kann am Kreuz Jesu nun sehen, dass Gott Liebe ist (1Joh 4,7–12) und dass Gott Licht ist (1Joh 1,5), gerecht und heilig:

  • Liebe: »Denn so hat Gott die Welt geliebt«
  • Licht: »dass er seinen eingeborenen Sohn [als Opfer] gab«
  • Liebe: »damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe.« (Joh 3,16).

Wer auf Christus im Glauben schaut, wer Sein Opfer am Kreuz für sich persönlich in Anspruch nimmt, sich für seine ewige Erlösung und Rettung alleine auf Jesu Person und Werk verlässt, der ist für immer gerettet, ist ein Kind Gottes, das zeitlebens Grund zum Jubeln hat, denn: »Es ist vollbracht!«

»Es ist vollbracht!« – Das muss man besingen!

Jacques Erné (1825–1883) hat den Siegesruf des Sohnes Gottes im 19. Jhdt. (1883?) in ein schönes Loblied gefasst:

Es ist vollbracht,
das große Werk, das schwere.
Gott ist gerecht, Ihm ward nun Seine Ehre
durch Seinen Sohn, der laut verkündet hat;
„Es ist vollbracht!“, „Es ist vollbracht!“

Es ist vollbracht!
Was Gottes Liebe wollte,
was für den Sünder, den verlornen, sollte
zur Rettung und zum ew’gen Heile sein,
das ist vollbracht, das ist vollbracht.

„Es ist vollbracht!“,
durchtönt’s die Ewigkeiten
zu Gottes Lob, zu der Erlösten Freuden;
sie danken Gott, sie beten Jesus an,
dass Er’s vollbracht, dass Er’s vollbracht.

Sprachliche Notizen

[1] κλίνας – Aorist Partizip Aktiv von κλίνω = neigen, beugen. »What is indicated in the statement “He bowed His head,” is not the helpless dropping of the head after death, but the deliberate putting of His head into a position of rest, John 19:30. The verb is deeply significant here. The Lord reversed the natural order. The same verb is used in His statement in Matt. 8:20 and Luke 9:58, “the Son of Man hath not where to lay His head.”« (Vine, W. E. ; Unger, Merrill F. ; White, William, Jr.: Vine’s Complete Expository Dictionary of Old and New Testament Words, 2, s. v. »bow, bowed (Verb)«. Vgl.: Walter Bauer, Das Johannes-Evangelium, 3. Aufl. (Tübingen, 1933), S. 218.
[2] τετέλεσται – Perfekt Passiv Indikativ 3.Pers. Sing. von τελέω = vollenden (nicht nur zum Ende, sondern zur Vollendung führen). Das Verb kommt im NT 28mal vor, in dieser Form nur 2mal im Johannesevangelium (Joh 19,28.30). Die ELBCSV gibt es wieder als: vollenden, zu Ende sein, bezahlen/entrichten (!), vollbringen, erfüllen.
[3] τελειωθῇ – Aorist Passiv Konjunktiv 3.Pers.Sing. von τελειόω = vollkommen machen; »bedeutet die abschließende Erfüllung des gesamten Schriftinhaltes« (Rienecker, Sprachlicher Schlüssel, S. 246). Das Verb kommt im NT 23mal vor, und wird in der ELBCSV auch mit vollenden, vollbringen, vollkommen machen wiedergegeben. Im Vergleich zum verwandten Verb τελέω (s. o.) betont es über die Vollendung hinaus den Aspekt der erzielten Perfektion (Vollkommenheit). Das Verb ist Kennzeichenverb des Hebräerbriefes (9mal: 2,10; 5,9; 7,19.28; 9,9; 10,1.14; 11,40; 12,23). Vgl. die Verwendung bei Johannes in Joh 4,34; 5,36; 17,4.23; 19,28; 1Joh 2,5; 4,12.17.18, sowie in Apg 20,24; Php 3,12; Jak 2,22.
[4] ἐδόξασα – Aorist Aktiv Indikativ von δοξάζω = verherrlichen, erheben, preisen, Ehre geben. Es ist also Feststellung einer bestehenden Tatsache. In dieser Form nur in Joh 12,28 »Ich habe ihn verherrlicht« und hier in 17,4 »Ich habe dich verherrlicht auf der Erde«.
[5] τελειώσας – Aorist Partizip Aktiv von τελειόω = ans Ziel bringen, vollenden. Versteht man dieses Partizip periphrastisch, dann war das Vollenden der Werke (punktueller Aspekt) der Begleitumstand oder die Art und Weise, mit dem bzw. der der Sohn Gottes seinen Vater verherrlichte (= Haupthandlung). Die ESV hat: »having accomplished the work that you gave me«. Das Vollenden war jedenfalls der Zielpunkt der Sendung des Sohnes, vgl. Johannes 5,36: »die Werke, die der Vater mir gegeben hat, damit ich sie vollbringe [τελειώσω – Aorist Konjunktiv Aktiv von τελειόω; Aspekt: punktuell, also feststellend, zusammenfassend betreffs der Absicht des Handelns]«.
[6] ἐξηγήσατο – Aorist Medium Indikativ 3.Pers Sing. von ἐξηγέομαι = darlegen, auseinandersetzen, auslegen, berichten; »etwas völlig bekannt machen durch sorgfältige Erklärung oder durch klare Offenbarung« (Louw, Johannes P., Nida, Eugene Albert: Greek-English Lexicon of the New Testament: Based on Semantic Domains (New York: United Bible Societies, 1996), 28.41; Üb.d.A.).
[7] τετελείωκεν – Perfekt Aktiv Indikativ von τελειόω = ans Ziel bringen, vollenden; mit expliziter Anfügung von εἰς τὸ διηνεκὲς = »auf immerdar«, »ununterbrochen«. Die von Gott Geheiligten sind durch Christi Opfer in einen Zustand versetzt worden, in dem sie ein für allemal und ohne jegliche Unterbrechung vollkommen sind (was Auswirkungen bis heute hat). Da das Opfer Christi für immer und stets vollwirksam gilt, besteht dieser vollkommene Zustand der »Geheiligten« in gleicher Weise immer und stets vollwirksam.