Die Predigt des Zornes Gottes (Steve Lawson)

Der Genfer Reformator Johannes Calvin sagte, dass Predigen die öffentliche Auslegung der Heiligen Schrift durch den von Gott gesandten Menschen ist, in der Gott selbst in Gericht und Gnade gegenwärtig ist.[1] Ein treuer Dienst auf der Kanzel erfordert die Verkündigung sowohl des Gerichts als auch der Gnade. Das Wort Gottes ist ein scharfes, zweischneidiges Schwert, das das Wachs erweicht, aber den Ton verhärtet, das tröstet und quält, das rettet und verdammt.

Die Verkündigung des göttlichen Zorns dient als schwarzer Samtvorhang, der den Diamanten der Barmherzigkeit Gottes heller als zehntausend Sonnen leuchten lässt. Auf dem dunklen Samt des göttlichen Zorns funkelt die strahlende Pracht seiner rettenden Gnade am hellsten. Die Verkündigung des Zorns Gottes zeigt am eindrucksvollsten seine gnädige Barmherzigkeit gegenüber den Sündern.

Wie Wächter auf der Burgmauer, die mit ihren Trompeten vor einer bevorstehenden Katastrophe warnen, müssen Prediger den ganzen Ratschluss Gottes verkünden. Diejenigen, die auf der Kanzel stehen, müssen die gesamte Wahrheit der Heiligen Schrift predigen, die sowohl den souveränen Zorn als auch die höchste Liebe umfasst. Sie können sich nicht aussuchen, was sie predigen wollen. Es geht immer um den ganzen Ratschluss Gottes, mithin um Gnade und Gericht (Apostelgeschichte 20,27). Die Verkündigung des Zorns Gottes ist für einen treuen Prediger niemals eine Frage seines Beliebens – sie ist vielmehr bindender göttlicher Auftrag.

Tragischerweise fehlt in vielen heutigen Kanzeln die Predigt über das bevorstehende Gericht Gottes. Wenn es um den Zorn Gottes geht, sind die meisten Prediger sehr vorsichtig und entschuldigend geworden, manche schweigen darüber ganz. Um die Liebe Gottes zu verherrlichen, so argumentieren viele, müsse der Prediger Gottes Zorn herunterspielen. Tatsache ist aber: Gottes Zorn auszulassen bedeutet, seine erstaunliche Liebe zu verschleiern. Die Verkündigung der göttlichen Rache zurückzuhalten ist letztlich gnadenlos (und zutiefst unverantwortlich), so seltsam das in den Ohren mancher Christen heute auch klingen mag.

Warum ist es so wichtig, über den göttlichen Zorn zu predigen? Erstens verlangt der heilige Charakter Gottes es. Ein wesentlicher Teil der moralischen Vollkommenheit Gottes ist sein Hass auf die Sünde. A. W. Pink behauptet: »Der Zorn Gottes ist die Heiligkeit Gottes, die gegen die Sünde in Aktion tritt.« Gott ist »ein verzehrendes Feuer« (Hebräer 12,29), »ein gerechter Richter, der jeden Tag zürnt« (Psalm 7,11) gegenüber den Gottlosen. Gott hat die »Gottlosigkeit gehasst« Psalm (45,8) und ist zornig über alles, was seinem vollkommenen Charakter widerspricht. Deshalb wird er die Sünder am Tag des Gerichts »vertilgen« (s. Psalm 5,5–7).

Jeder Prediger muss den Zorn Gottes verkünden oder er wird Gottes Heiligkeit, Liebe und Gerechtigkeit verkleinern. Weil Gott heilig ist, ist er von aller Sünde getrennt und steht jedem Sünder völlig ablehnend gegenüber. Weil Gott Liebe ist, erfreut er sich an Reinheit und muss notwendigerweise alles Unheilige hassen. Weil Gott gerecht ist, muss er die Sünde bestrafen, die seine Heiligkeit verletzt. Das alles gehört harmonisch in Gottes Vollkommenheit zusammen.

Zweitens verlangt es der Dienst der Propheten. Die Propheten der Vergangenheit verkündeten häufig, dass ihre Zuhörer aufgrund ihrer fortwährenden Bosheit den Zorn und Grimm Gottes auf sich zogen (Jeremia 4,4). Im Alten Testament werden mehr als zwanzig Wörter verwendet, um den Zorn Gottes zu beschreiben, und diese Wörter werden in ihren verschiedenen Formen insgesamt 580mal verwendet. Immer wieder beschrieben die Propheten mit lebhaften Bildern den Zorn Gottes, der sich über die Bosheit ergoss. Der letzte der Propheten, Johannes der Täufer, sprach vom »kommenden Zorn« (Matthäus 3,7). Von Mose bis zum Vorläufer Christi gab es eine kontinuierliche Warnung an die Unbußfertigen vor dem göttlichen Zorn, der sie erwartet.

Drittens verlangt es Christi eigene Verkündigung. Ironischerweise hatte Jesus mehr über den göttlichen Zorn zu sagen als jeder andere in der Bibel. Unser Herr sprach mehr über den Zorn Gottes als über die Liebe Gottes. Jesus warnte vor der »Hölle des Feuers« (Matthäus 5,22), dem ewigen »Verderben« (Matthäus 7,13), und der »äußersten Finsternis«, wo »Heulen und Zähneknirschen« sein wird (Matthäus 8,12). Einfach ausgedrückt: Jesus war ein Prediger der Hölle und der Verdammnis. Die Männer auf den Kanzeln täten gut daran, dem Beispiel Christi in ihrer Predigt zu folgen.

Viertens verlangt es die Herrlichkeit des Kreuzes. Christus erlitt den Zorn Gottes für alle, die an Ihn glauben würden. Wenn es keinen göttlichen Zorn gäbe, gäbe es auch keinen Grund für das Kreuz, geschweige denn für die Erlösung verlorener Seelen. Wovon müssten Sünder denn dann erlöst werden? Nur wenn wir die Wirklichkeit des Zorns Gottes gegen diejenigen erkennen, die ein gerechtes Gericht verdienen, erkennen wir, dass »das Wort vom Kreuz« (1. Korinther 1,18) eine überaus herrliche Botschaft ist. Zu viele Prediger rühmen sich heute eines kreuzzentrierten Dienstes, predigen aber selten, wenn überhaupt, vom göttlichen Zorn. Damit verleugnen sie aber das Kreuz im »Wort vom Kreuzes«, ihr »Evangelium« ist fatal lückenhaft.

Fünftens verlangt es die Lehre der Apostel. Diejenigen, die direkt von Christus beauftragt wurden, hatten den Auftrag, alles zu verkünden, was er geboten hatte (Matthäus 28,20). Dazu gehört auch, Gottes gerechten Zorn gegenüber den Sündern zu verkünden. Der Apostel Paulus warnt die Ungläubigen vor dem Gott, der »Zorn auferlegt« (Römer 3,5), und erklärt, dass nur Jesus uns »von dem kommenden Zorn« erretten kann (1. Thessalonicher 1,10). Petrus schreibt über »den Tag des Gerichts und des Verderbens der gottlosen Menschen« (2. Petrus 3,7). Judas spricht von der »Strafe des ewigen Feuers« (Judas 7). Johannes beschreibt den »Zorn des Lammes« (Offenbarung 6,16). Es ist offensichtlich, dass die Verfasser des Neuen Testaments es für absolut notwendig erachtet haben, Gottes Zorn zu predigen.

Prediger dürfen sich nicht davor scheuen, den gerechten Zorn Gottes gegenüber Sündern, die die Hölle verdienen, zu verkünden. Gott hat einen Tag festgelegt, an dem er die Welt in Gerechtigkeit richten wird (Apostelgeschichte 17,31). Dieser Tag rückt immer näher. Wie die Propheten und Apostel und sogar Christus selbst müssen auch wir die Ungläubigen vor diesem kommenden schrecklichen Tag warnen und sie dazu bewegen, zu Christus zu fliehen, der allein mächtig und bereit ist, zu retten.

Du nun, Menschensohn, ich habe dich dem Haus Israel zum Wächter gesetzt: Du sollst das Wort aus meinem Mund hören und sie in meinem Namen warnen. Wenn ich zum Gottlosen spreche: Gottloser, du sollst gewiss sterben!, und du redest nicht, um den Gottlosen vor seinem Weg zu warnen, so wird er, der Gottlose, wegen seiner Ungerechtigkeit sterben; aber sein Blut werde ich von deiner Hand fordern. Wenn du aber den Gottlosen vor seinem Weg warnst, damit er von ihm umkehrt, und er von seinem Weg nicht umkehrt, so wird er wegen seiner Ungerechtigkeit sterben; du aber hast deine Seele errettet. (Hesekiel 33,7–9)

Endenoten, Quellen und Disclaimer

[1]      Siehe z.B. Johannes Calvins Kommentar zu 2. Korinther 2,15–16: »Denn durch unsere Predigt wird der Geruch Christi sowohl den einen zum Tode als den anderen zum Leben. Nicht dass das Evangelium an sich den Tod wirkte, sondern weil es für die Verworfenen zum Anlass des Todes wird; wie die Sonne, die mit ihrem Licht den Augen nützt, den Blinden aber schadet. So ist das Evangelium seiner Natur nach heilsam, doch wegen der Bosheit der Menschen wird es für viele zum Anlass des Verderbens.«. Calvins Kernsatz lautet: »Evangelium per se salutare est; sed reproborum vitio fit eis odor mortis.« (»Das Evangelium ist an sich heilsam; doch durch die Schuld der Verworfenen wird es ihnen zum Geruch des Todes«). Vgl. auch die Institutio Christianae Religionis (IV,1,5; IV,1,9; IV,3,1) mit Calvins Aussagen über die Predigt (sog. Worttheologie). (A. d. Ü.)

Dieser Artikel basiert auf einem Beitrag von Steve Lawson mit dem Titel Preaching the Wrath of God. Er wurde zuerst veröffentlicht in der Zeitschrift Tabletalk, Ausgabe Februar 2014. Link: tabletalkmagazine.com/article/2014/02/preaching-wrath-god/. Copyright (2014), Ligonier Ministries (www.ligonier.org). Übersetzt und adaptiert von grace@logikos.club (2026).