Lesedauer: 21 Minuten. Entwurf, s.t.r.
Menschen, die in der Verkündigung (Predigt, Lehre, Andacht, Jugendstunde usw.) einer christlichen Gemeinde aktiv sind, sind in der Regel recht unterschiedlich. Das betrifft ihr Anliegen, ihre Inhalte, ihre Sprache, ihre Redeweise und manches mehr. Vielfalt in der Verkündigung kann der Vielzahl der Bedürfnisse der Hörer manchmal entgegenkommen. Aber wie bei jedem »Dienst im Heiligtum« sind Vielfalt und Kreativität kein Ziel an sich, vielmehr sind bestimmte Grenzen und Zielsetzungen zu beachten, die Gottes Wort vorgibt.
Dies geht jeden Christen an. Aber insbesondere für den Prediger ist es ein wichtiges praktisches Thema, Teil der Homiletik, der biblischen Lehre von der Verkündigung. Prediger müssen wissen, wie sie reden sollen, nicht nur, was sie reden sollen. Sie werden diesbezüglich angesprochen werden. So bekam ein christlicher Prediger folgendes Feedback: »Ich habe oft das Gefühl, dass in der Art der Kommunikation die Liebe fehlt. Die Tonart und abfällige Worte (wie »irre«, »pervers«, »absurd« – Menschen gegenüber) haben nichts mit liebevollem Umgang zu tun.« Die Person bezog sich dabei auf Verkündigungsereignisse, die sie hörend miterlebt hatte. Sie meinte nicht Momente, wo aktuelle Zuhörer auf diese Weise direkt angesprochen oder beurteilt (abgeurteilt) wurden. Es ging wohl darum, dass andere Menschen und Ideen, die im Verlauf einer Predigt im Text der Bibel selbst erwähnt oder in der Kirchen- oder Weltgeschichte real auftraten, vom Prediger so bezeichnet wurden. Die reklamierten »lieblosen« Attribute bezogen sich zum Beispiel wertend auf widergöttliche Ordnungen, Prinzipien oder Praktiken, die Menschen vertreten, propagieren oder auch demonstrativ ausleben. Zuhörer waren wohl nicht gemeint. Diese Unterscheidung ist wesentlich, wie wir weiter unten noch zeigen werden.
Das motiviert jeden christlichen Verkündiger und Nachfolger Jesu zurecht zum Nachdenken und zur weiteren Diskussionen: Wie hat Jesus Christus das gepflegt, wie die Apostel Jesu? Ein Ältester wurde dazu befragt. Er behauptete, dass Jesus nie grobe Worte über Dritte (nicht Anwesende) gesagt habe, sondern immer nur den Betreffenden direkt ins Gesicht. Da habe Jesus zuweilen mit harten Worten geredet, sonst nie.
Wer die Schrift gelesen hat, weiß, dass dies nicht stimmt. Man sollte diese Fragestellung also nochmals gründlich anhand der Heiligen Schrift untersuchen. Vielleicht hilft die Beantwortung des folgenden Fragenkomplexes dabei:
- Hat Jesus überhaupt harte Worte ausgesprochen oder ist das immer Sünde?
- Hat Jesus harte Worte Menschen direkt ins Gesicht gesagt?
- Hat Jesus zu anderen über Nichtanwesende mit harten Worten geredet?
- Hat Jesus stets zwischen Sache und Person getrennt, also die Sünde hart bezeichnet, aber den Sünder ohne verbale Konfrontation stehen gelassen?
Wie redete Jesus?
Um zu beurteilen und zu beobachten, wie man als Christ leben soll, ist die Beobachtung Christi zu seiner irdischen Lebenszeit anhand der Schrift unumgänglich und normativ (d.h., er definiert, was christlich ist). Dazu gehört sein Leben wie sein Reden, besonders, falls er ausdrücklich über das vorliegende Thema direkt redete.
Die Evangelien zeigen, dass Jesus nicht nur Menschen direkt konfrontiert, sondern gelegentlich auch über bestimmte Gruppen oder Personen in deren Abwesenheit spricht und dabei durchaus scharfe, teilweise drastische Spracheverwendet. Allerdings ist diese Sprache fast immer funktional (prophetische Kritik, Warnung, Entlarvung von Heuchelei), nicht bloß menschlich abwertend im modernen Sinn. Hier sind die wichtigsten Kategorien mit Beispielen:
Über die Pharisäer und Schriftgelehrten (auch in ihrer Abwesenheit)
Besonders deutlich ist das in den Synoptikern:, wo Jesus über die religiösen Führer redet:
- »Blinde Führer« (Mt 15,14; Mt 23,16)
- »Heuchler« (ὑποκριταί) – sehr häufig (z. B. Mt 23)
- »Schlangen, Otterngezücht« (Mt 23,33)
- »Übertünchte Gräber« (Mt 23,27)
Diese Formulierungen tauchen zwar oft in direkter Rede auf, aber auch in lehrhaften Kontexten gegenüber den Jüngern, wo Jesus über diese Gruppen beispielsweise spricht: »Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer« (Mt 16,6). Sauerteig ist hier ein Bild für verderblichen Einfluss; das ist indirekt, aber klar und deutlich negativ.
Über Herodes Antipas, einem politischen Herrscher
Ein besonders markantes Beispiel steht in Lk 13,32, Hier nennt Jesus den Herrscher Herodes Antipas einen »Fuchs«: »Geht hin und sagt diesem Fuchs…«. »Fuchs« (griech. alōpēx) steht hier für List, moralische Fragwürdigkeit und Schwäche — eine abwertende, aber präzise Charakterisierung, geäußert gegenüber Dritten. (NB.: Paulus hatte später im Römerbrief nicht vor, Jesus dafür zu kritisieren (Röm 13,1ff; vgl. Tit 3,1).)
Über »diese Generation«
Jesus spricht wiederholt generalisierend über seine Zeitgenossen:
- ein »böses und ehebrecherisches Geschlecht« (Mt 12,39; 16,4)
- eine »ungläubige und verkehrte Generation« (Mt 17,17)
Dies ist keine neutrale Diagnose, sondern eine prophetische Anklageformel, ähnlich wie bei den alttestamentlichen Propheten. Christus hat gezeigt, dass solche Redeweise tadellos zur christlichen Rede gehören kann.
Über falsche Lehrer / religiöse Führer allgemein
Auch ohne konkrete Namensnennung:
- »blinde Blindenführer« (Mt 15,14)
- Warnung vor »Wölfen im Schafspelz« (Mt 7,15)
Das sind metaphorisch scharfe Bilder, die klar negativ konnotiert sind.
Über einzelne Jünger (auch indirekt)
Ein Grenzfall:
- Zu den Jüngern über den ungläubigen Zustand (Mt 17,17)
- Zu Simon Peter direkt: »Geh hinter mich, Satan!« (Mk 8,33)
Letzteres ist direkt, aber zeigt, dass Jesus auch im engeren Kreis drastische Sprache verwendet, wenn es um Fehlorientierung in Zentralfragen geht.
Einordnung: Ton und Funktion
Wichtig für die Bewertung sind folgende Beobachtungen und Überlegungen:
- Die Sprache ist oft prophetisch zugespitzt (vgl. Jeremia, Jesaja).
- Das Ziel ist meist die Aufdeckung von Heuchelei, die Warnung vor Fehlleitung und der Aufruf zur Umkehr.
- Sie richtet sich vor allem gegen die religiöse Elite, die Machtträger und Führer und gegen kollektive Verstocktheit.
- Der Herr Jesus Christus leistete sich nie ein triviales »Lästern« über Einzelpersonen oder eine persönliche Beleidigung ohne inhaltlichen Bezug.
Fazit
Jesus spricht durchaus auch zu Anwesenden über Nichtanwesende, auch mit teilweise deftigen, scharf zugespitzten Begriffen (z. B. »Fuchs«, »Otterngezücht«, »böses Geschlecht«). Seine Sprache ist stets heilig und passend, dabei kontextgebunden, theologisch aufgeladen und zielgerichtet (Umkehr, Entlarvung). Man erkennt Unterschiede, je nachdem, ob Jesus seelsorgerlich mit einem bußbereiten Sünder redet oder über sündig verhärtete Menschen, die sich als Heilige, Gerechte und Gute darstellen, aber Sünde praktizieren und Falsches lehren. – Wir sollten in unserer Rede nicht gröber aber auch nicht »heiliger« oder »lieber« als Jesus sein wollen.
Heilige Wortwahl
Nachdem die Frage, ob Jesus harte Worte verwendet hatte, mit Ja beantwortet werden muss, können wir noch allgemeiner die Heilige Schrift befragen, ob sie irgendwo sonst Menschen mit Attributen der Art: »irre«, »pervers« oder »absurd« bezeichnet. Weiter gefragt: Ist dies in Ordnung (nach biblischen Maßstäben) oder ist das ein nicht hinnehmbarer Mangel an Liebe? (Weitergefragt: Kann man das überhaupt beantworten?)
Auch hier kommt aus der Heilige Schrift eine klare Antwort: Die Bibel verwendet teilweise sehr scharfe, auch abwertend klingende Begriffe für Menschen oder ihr Verhalten. Sie tut dies aber nie im Sinne einer beliebigen Beschimpfung, sondern fast immer als moralisch-theologische Diagnose. Gleichzeitig setzt sie klare Grenzen für Sprache, die nur aus der Verachtung oder verletzender Gesinnung entsteht. Das wollen wir im Folgenden noch fallweise belegen.
Gibt es Begriffe wie »irre«, »Narr« oder »Tor« in der Bibel?
Diese Begriffe treten häufig, aber differenziert auf:
- Im AT: »Der Tor spricht in seinem Herzen: Es gibt keinen Gott« (Ps 14,1)
- Im Neuen Testament warnt Jesus ausdrücklich: »Wer zu seinem Bruder sagt: ‚Du Narr!‘, wird dem Feuer der Hölle verfallen« (Mt 5,22). Hier steht griechisch μωρός (moros), also »töricht, geistlich blind«.
(NB: »moron« ist in der englischen Umgangssprache ein abwertendes Nomen, das einen sehr dummen Menschen bezeichnet; am gängigsten übersetzt ins Deutsche mit: »Idiot, Trottel, Depp, Schwachkopf oder Vollidiot«.)
Stellt man beide Stellen nebeneinander, so scheint Jesus das leichtfertige Beschimpfen als »Narr« zu verbieten, aber er verwendet dieses Wort in Lehrzusammenhängen selbst:
- »Du Narr!« (Lk 12,20 – Gleichnis)
- »Ihr unverständigen (ἀνόητοι) und trägen Herzens!« (Lk 24,25)
Es passt also manchmal, aber nicht immer. Der Unterschied nach Herzenshaltung und Kontext ist zu beachten. Aber man kann nicht behaupten, Jesus hätte diese Begriffe nicht verwendet, sie seien verboten. Nein, sie sind beim trefflichen Gebrauch christlich.
Gibt es Begriffe wie »pervers«, »verkehrt« oder »verdorben« in der Bibel?
Diese Begriffe kommen ebenfalls in der Heiligen Schrift vor. Man muss aber beachten, dass die Bedeutung dieser Begriffe einem Wandel unterzogen war: Wir verstehen darunter teilweise etwas anderes, als die Schreiber der Heiligen Schrift damals:
- »verdrehte und verkehrte Generation» (Phil 2,15; vgl. Mt 17,17); griech. diastrephō bedeutet: »verdreht, moralisch verzogen, korrupt«
Vielleicht ist dies ein Zitat aus den Abschiedspredigten des Mose:
- »ein verkehrtes und verdrehtes Geschlecht« (5Mose 32,5)
Das meint nicht primär »sexuell pervers«, sondern moralisch verdreht, vom rechten Weg abgewichen. Wo die Heilige Schrift die Umkehrung (das Auf-den-Kopf-Stellen) der von Gott vorgegebenen Schöpfungsordnung anklagt, verwendet sie folglich trefflich das Wort »pervers«. Dieses Fremdwort kommt aus dem Lateinischen pervertere = »umdrehen, verdrehen, umstürzen« und bedeutet in seinem Partizip perversus: »umgekehrt, verdreht, verkehrt«. Damit bezeichnet man die Tatsache, dass eine zielgerichtete Struktur oder Ordnung bewusst oder faktisch gegen ihren eigenen Sinn verwendet wird. Das »verdrehte [skolios] und verkehrte [diastrephō] Geschlecht« (Php 2,15) ist in der Tat eine »perverse Generation«! Im Römerbrief passt dann sogar die neuerdings stärker sexuelle Konnotation des Begriffs dazu (aber nicht immer!). Wer beispielsweise über Römer 1 predigt, wäre mit den oben genannten Begriffen voll in sicherem Fahrwasser.
Gibt es Begriffe wie »absurd« oder »sinnlos« in der Bibel?
Auch hier gilt: Es gibt sie nicht als direktes Schimpfwort für Personen, aber im Sinne von:
- Prediger: »Nichtigkeit«, »Windhauch« (hebr. hevel)
- Paulus: Der Apostel spricht von »nichtigen Gedanken« (Röm 1,21) und »törichten Spekulationen«.
Der Fokus liegt meist auf Denken und Verhalten, nicht zuerst auf dem Wert der Person.
Weitere sehr robuste und starke Wortwahl
Die beispielhaft genannten Wörter, die angeblich unchristliche Lieblosigkeit belegen sollen, sind also in der Schrift enthalten und bei Jesus Christus anzutreffen. Aber man sollte den Blick weiten, wenn man den Wortgebrauch der Schrift untersucht. Man findet, dass die Schrift sogar noch deutlich härtere Wörter verwendet:
- »Otterngezücht« (Mt 23,33)
- »Hunde« (Mt 7,6; Phil 3,2)
- »Wölfe« (Mt 7,15)
Das sind extrem scharfe Metaphern, die sich fast immer gegen religiöse Verführer oder zerstörerisches Verhalten richten, also meist in prophetischem (predigendem) Kontext.
Beantworten wir nun aufgrund dieser Untersuchung die Grundfrage:
Ist solche robuste, harte Sprache für Christen in Ordnung?
Der Herr Jesus lehrt in der »Bergpredigt« (Mt 5,22): Beschimpfung aus verächtlichem Herzen ist zu verurteilen, egal mit welchen Worten sie ausgesprochen wird.
Unsere Wortwahl ist vor Gott (und Mensch, s.u.) justiziabel: »Von jedem unnützen Wort, das die Menschen reden werden, werden sie Rechenschaft geben am Tag des Gerichts; denn aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt werden, und aus deinen Worten wirst du verurteilt werden« (Mt 12,36–37).
Der Christ weiß zudem um Jesu Befehl durch Paulus: »Kein faules Wort komme aus eurem Mund« (Eph 4,29), vielmehr: »Euer Wort sei allezeit in Gnade, mit Salz gewürzt, so dass ihr wisst, wie ihr jedem Einzelnen antworten sollt« (Kol 4,6). Der Begriff »mit Salz gewürzt« deutet bestimmt nicht auf eine süßlich-schleimige oder rein auf Nettigkeit bedachte Wortwahl. Die Anspielung mit »Salz« mag eher daraufhin deuten, dass unsere Rede nichts Verderbliches enthalten soll.
Der Grundsatz kann damit versuchsweise so formuliert werden: Sprache darf nicht aus Verachtung, Hass oder Überheblichkeit kommen. Da dies ein Herzenskriterium formuliert, entzieht es sich unserem direkten Zugriff und Urteil, Gott allein ist der »Herzenskenner« (Lk 16,15; Apg 1,24; 15,8). Unser Urteil muss daher mit Vorsicht getroffen und mit Vorbehalt versehen sein. Nach dem Frucht-Baum-Metapher gilt aber grundsätzlich: »Aus der Fülle des Herzens redet der Mund« (Mt 12,34b). Custodi cor tuum! (Spr 4,23).
Es ist Raum für scharf gesagte Wahrheit
Die Bibel erlaubt und nutzt diagnostische Sprache (d.h., sie benennt Sünde klar). Sie nutzt auch deutlich warnende Sprache (und schützt damit andere). Und sie scheut auch nicht vor prophetischer Zuspitzung zurück. Der Prediger heute darf und muss manchmal die angemessen scharfe Sprache des Propheten verwenden. Wir sehen das an Jesus in seinen Worten gegen die Heuchelei und Heuchler, aber auch bei Paulus gegenüber falschen Lehrern (z.B. Gal 5,12, sehr scharf!).
Anders gesagt: Da das Wort Gottes das »Schwert des Geistes« (Eph 6,17) ist, das »schärfer als jedes zweischneidige Schwert und durchdringend bis zur Scheidung von Seele und Geist« ist (Heb 4,12–13), ist zu erwarten, dass seine (rechtmäßige) Anwendung zu »Spitzen«, »Schnitten«, »Verletzungen« und »Durchbohrungen« (Apg 5,33, 7:54) führt. Dies ist nicht ein Unfall, sondern der Betriebsfall. Der zeitgeistige Vorwurf »Du hast mich verletzt!« im Klischee der Opfer-Täter-Umkehr konstatiert also im betreffenden Fall kein Übel, sondern den zu begrüßenden chirurgischen Eingriff oder militärischen Angriff gegen das Übel (2Kor 11,4; Hebr 4,12; Eph 6,17).
Der entscheidende Unterschied
Die Bibel unterscheidet nicht einfach zwischen »netter« und »lieblos-harter« Wortwahl, sondern sagt deutlich, dass eine Beschimpfung aus Stolz, Hass oder Geringschätzung der Person unzulässig ist, wohingegen harte Worte völlig am Platz sind, um der Wahrheit, der Verantwortung oder dem Ziel einer Umkehr (Buße) zu dienen.
Anders gesagt: Die Bibel erlaubt scharfe moralische Urteile über Menschen, aber sie verbietet entwürdigende Herabsetzung der Person. Wir dürfen Sünde benennen, aber in der Regel Menschen, deren Herzen wir nicht kennen, nicht verächtlich machen.
Geht es um die Beurteilung von Lehren und Ideen, darf robuste Sprache verwendet werden, die auch die Grenzen zu Spott, Ironie, Polemik und Satire überschreiten darf. Die Bibel macht das oftmals vor.
Die Ethik der Sprache
Wenn wir vom anfangs geschilderten Fall zurücktreten und die Thematik grundsätzlicher betrachten, landen wir beim Thema der Sprachethik. Was lehrt die Schrift dazu? Mit Blick auf den Rahmen der begonnenen Diskussion soll Folgendes gesagt werden, das natürlich (an anderer Stelle) noch der Ergänzung bedarf.
Die Bibel hat eine kohärente Sprachethik, die sich aus mehreren Textschichten ergibt. Man kann dies nach vier zusammenhängenden Aspekten betrachten: Quelle → Inhalt → Form → Ziel.
1. Quelle der Rede: Das Herz als Ursprung
Den zentralen Gedanken liefert der Sohn Gottes: »Wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund« (Mt 12,34). Sprache ist also kein neutrales Werkzeug, sondern Ausdruck innerer Disposition. Das Reden offenbart (in der Regel) den verborgenen Herzenszustand. So lesen wir: »Aus dem Herzen kommen … Lästerungen« (Mt 15,19) und in Jakobus 3 wird die Zunge (metonymisch: das Reden) als »Feuer« bezeichnet, das große zerstörerische Wirkung entfalten kann und die den ganzen Menschen prägt. Die Konsequenz daraus ist: Das Problem unzulässig harter Worte sind nicht primär die »harten Worte«, sondern das harte Herz hinter den Worten.
2. Inhalt der Rede: Wahrheit oder Nettigkeit?
Das Diktat der »Nettigkeit« führt in die Irre. (Nettigkeit ist ein Verhalten, das darauf abzielt, anderen durch freundliche, konfliktarme und angenehme Interaktion das Gefühl von Wohlbefinden zu geben, ohne notwendigerweise auf Wahrheit oder tiefere Verantwortung ausgerichtet zu sein.) Die Bibel fordert nicht rigoros »Nettigkeit«, sondern zu allererst Wahrhaftigkeit:
- »die Wahrheit festhaltend in Liebe, lasst uns in allem heranwachsen zu ihm hin, der das Haupt ist, der Christus« (Eph 4,15)
- »Legt die Lüge ab und redet Wahrheit« (Eph 4,25)
- »Liebe freut sich an der Wahrheit« (1Kor 13,6)
Wahrheit muss »festgehalten« werden. Wie dies »in Liebe« geschieht, hat der Christus vollkommen vorgemacht. Daran hat der Christ sich zu orientieren, nicht an selbstgemachten oder traditionellen Normen, wenn diese die Wahrheit unterdrücken (Scham-Kultur, Lügen-Kultur, Heuchelei, Betrug usw.). Das bedeutet, dass Sünde benannt werden darf und muss, und dass falsche Lehre scharf kritisiert werden darf und muss. Daraus folgt ggf. eine nicht-schonende, »nicht-nette« Sprachwahl:
- Jesus redet von »Heuchler«, »blinde Führer«
- Paulus redet oft mit deutlicher Polemik gegen Irrlehrer (z. B.: »ich wollte, dass sie sich selbst kastrierten« in einem scharfen Wortspiel in Gal 5,12)
- Paulus kritisierte Fehlverhalten mit drastischen Worten (z.B.: »Wenn ihr aber einander beißt und fresst«; Gal 5,15)
- Paulus bezeichnet die widergöttlichen Ideen und Lebensstile in Römer 1–3 sachlich mit »Gottlosigkeit« und »Ungerechtigkeit« (was für das Rechtsgefühl der Römer ein Nogo war). Aber dann bezeichnet er die Verbreiter falscher Ideen in robuster Sprache als »Toren« (Röm 1,22; mataioō, »Idioten«), die ihre »Torheiten« mit unverständigen (asynetos) Herzen verbreiteten. (vgl. seine Liste in Röm 1,28–32).
Und die Gefühle? Entscheiden nicht diese letztendlich (gelesen als »entscheidend«!) über richtig und falsch? Sie sind doch so authentisch und direkt? Hier haben wir das biblische Menschenbild zu beachten, sonst antworten wir »aus dem Bauch«, also falsch. Pointiertes Zitat dazu: »Ich weiß, dass es nicht so gut (will sagen: total falsch) war, aber es fühlte sich so gut an, also habe ich es getan!« (Assoziationen mit 1Mo 3 wären hier ganz erhellend). Der Geist des Menschen ist es, der mit dem Geist Gottes in Verbindung (Kommunikation) tritt (treten soll). Es läuft über das Wort, nicht das Gefühl. Alles andere folgt, aber innerhalb des »geistlichen Rahmens« des Wortes Gottes (logikos!). Die Gefühle (viele verstehen hier Seele oder Herz darunter, was teilweise problematisch ist) stehen beim Christen unter der Zucht des Geistes, des »erneuerten Sinnes« (Röm 12,2). Analoges gilt für den Körper. Vertauscht oder verdreht (ja: »pervertiert«!) man diese Ordnung des Schöpfers, die Er in der Erlösung wiederhergestellt hat, läuft es schief. Schöpfungslogisch! Erlösungslogisch!
Also: Wahrheit kann verletzend klingen, aber sie ist deswegen nicht automatisch falsch oder lieblos. Gefühle als Reaktion auf eine Ansprache oder ein Urteil liegen immer noch im Verantwortungsbereich des Fühlenden, nicht des Redenden. Ob ich mich provozieren lasse oder nicht, ist meine persönliche Entscheidung. Der Redner ist Auslöser, aber nicht Verantwortlicher der Gefühle der Zuhörer, und damit auch nicht deren Schuldner. Das kann man alleine mit Durchdenken des ABC-Modells erkennen: Derselbe Auslöser (zB Aussage eines Redners) kann von unterschiedlichen Empfängern (Hörern) ganz unterschiedlich bewertet und verstanden werden, was dann zu völlig unterschiedlichen Gefühlsreaktionen bei den Empfängern führen kann. Es gib keine direkte Ursache-Wirkungs-Kette, die Schuld zeitigte. Damit wird nicht geleugnet, sondern anerkannt, dass Kommunikation in sozialen Geflechten erfolgt, nicht im luftleeren Raum. Die sozialen Geflechte eignen aber nicht eine Täter-Opfer-Umkehr. Nochmals: Wie ich gefühlsmäßig reagiere, ist vor allem meine Verantwortung. (Für Belege möge man die Verkündigungs-Episoden in Apg 2,37 mit Apg 5,33; 7,54 vergleichen.)
3. Form der Rede: Wie gesprochen wird
Hier müssen wir differenzieren. Die Bibel setzt klare Kriterien für erlaubte Redeformen und verbotene Formen der Rede.
Verbotene Formen werden immer wieder in der Schrift erwähnt:
- »faules / verderbliches Wort« (Eph 4,29)
- »Lästerung, Zorn, Geschrei« (Eph 4,31)
- »Zunge voll tödlichen Giftes« (Jak 3,8)
Damit ist destruktive, abwertende, eskalierende Rede nur im Krisenfall erlaubt, ansonsten soll Sprache klären, nicht zerstören. Aber es gibt klare Ausnahmen, wo Schärfe und zerstörerische Härte nicht aus dem sündigen Fleisch, sondern dem Geist Gottes stammt:
- » Denn obwohl wir im Fleisch wandeln, kämpfen wir nicht nach dem Fleisch; denn die Waffen unseres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern göttlich mächtig zur Zerstörung von Festungen, indem wir Vernunftschlüsse zerstören und jede Höhe, die sich erhebt gegen die Erkenntnis Gottes, und jeden Gedanken gefangen nehmenunter den Gehorsam des Christus und bereit stehen, allen Ungehorsam zu strafen, wenn euer Gehorsam erfüllt sein wird.« (2Kor 11,3–6)
Die gebotenen Formen kann man umreißen mit folgenden Beispielen:
- »sanftmütig« (2Tim 2,25) – Jesu harte Rede kam von jemand, der ohne Widerspruch sagen konnte: »ich bin sanftmütig und von Herzen demütig« (Mt 11,29).
- »mit Gnade, mit Salz gewürzt« (Kol 4,6) – »Salz« deutet auf wahr, klar, pointiert, nicht weichgespült, Korruption bekämpfend (erhaltende Wirkung!).
- »zur Erbauung« (Eph 4,29); dieses Beispiel leitet zum letzten Aspekt:
4. Ziel der Rede: Wozu wird gesprochen?
Jeder muss sich die Frage vorlegen, warum er was (Inhalt), wann (Zeitpunkt), warum (Motivation) und wozu (Zielsetzung) spricht. Ziel darf nie sein, sich über andere zu erheben, den anderen grundlos zu verletzen oder bloßzustellen oder einfach Frust abzuladen.
Biblisch zulässige Ziele sind hingegen: Auferbauung (Eph 4,29; s.o.), Korrektur (2Tim 2,25), Warnung (Jesus gegenüber religiösen Führern, Paulus gegenüber Irrlehre) und Aufruf zur Umkehr. Dabei ist auch prophetische Sprache erlaubt und manchmal geboten, die oft absichtlich scharf ist, um die Gewissen aufzurütteln.
Jesu teilweise drastische Rede richtete sich gegen verfestigte Heuchelei, gegen geistlichen Machtmissbrauch und für den Schutz anderer. Wenn er von Otterngezücht, blinden Führern und Fuchs (für einen Herrscher, Herodes Antipas) sprach, war das keine impulsive Beleidigung, sondern eine gezielte, wahrheitsorientierte Entlarvung. In der Bergpredigt macht Jesus klar: Nicht die Schärfe ist das Problem, sondern die Verachtung (Herzenshaltung).
Zusammenfassung
Die biblische Sprach-Ethik lässt sich so zusammenfassen:
- Wahrheit ist Pflicht, auch wenn sie hart ist.
- Liebe ist Maßstab, auch wenn sie korrigiert.
- Die Würde der Person bleibt unantastbar, auch wenn Verhalten scharf verurteilt wird. Der Herr wird jede Person gerecht richten, anhand deren Worte, Taten und Herz (Motive).
- Die Absicht (Intention, Zielsetzung) entscheidet: Aufbau oder Zerstörung?
Praxistipp: Bevor ich etwas Hartes sage, sollte ich überdenken:
- Ist es wahr?
- Ist es notwendig?
- Dient es dem Gegenüber oder nur meinem Ärger?
- Spreche ich aus Liebe oder Überlegenheit?
- Würde Jesus diese Schärfe in dieser Situation einsetzen?
Das alles kostet Zeit. Das mahnt uns, nicht schnell in Rede oder Gegenrede zu sein.
»Daher, meine geliebten Brüder, sei jeder Mensch schnell zum Hören,
langsam zum Reden, langsam zum Zorn.« (Jakobus 1,19)
Der Grenzfall: Die Straftat
Ein öffentlich justiziabler Sprachgebrauch liegt (in der BRD) vor, wenn damit Personen beleidigt oder verleumdet werden. Ideen oder Aussagen kann man nicht beleidigen. Reine Sachkritik (Ideen, Meinungen, Konzepte) ist grundsätzlich erlaubt, auch scharf formulierte. Zu sagen: »Diese Theorie ist Unsinn!» oder »Das ist absurd!« oder »Diese Argumentation ist falsch/gefährlich!« ist keine Beleidigung, da keine konkrete Person herabgesetzt wird, sondern eine Sache bewertet wird. Die Meinungsfreiheit (Art. 5 GG) schützt ausdrücklich auch überspitzte, emotionale und harte Kritik, aber sie endet dort, wo die Menschenwürde oder persönliche Ehre verletzt wird. Unzulässige Schmähkritik liegt vor, wenn nicht mehr die Auseinandersetzung in der Sache, sondern die Diffamierung der Person im Vordergrund steht. Ideen darf man jederzeit radikal kritisieren, Personen hingegen darf man nicht herabwürdigen.
Hier verlassen wir die biblischen direkt gegebenen Vorgaben und sehen uns die verbindlichen Rechtsnormen der BRD an, denen alle Christen in der BRD unterliegen und biblisch verhaftet sind. Folgende drei Straftatbestände kennt das Strafgesetzbuch, die hier gemäß ihrer Schwere geordnet aufgeführt werden.
Beleidigung (§ 185 StGB)
Beleidigung ist die Kundgabe der Missachtung oder Nichtachtung gegenüber einer anderen Person. Das kann geschehen durch Worte (»Idiot«, »pervers« u.a.), durch Gesten oder Schriftworte (auch online). Entscheidend ist nicht primär, ob die Aussage wahr ist, sondern ob sie die Ehre verletzt, denn auch wahre Aussagen können eine Beleidigung sein, wenn sie mit herabsetzender Absicht getätigt werden. – Strafmaße sind Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu 1 Jahr (bei Tätlichkeit auch bis 2 Jahre).
Üble Nachrede (§ 186 StGB)
Üble Nachrede ist die Behauptung oder Verbreitung einer Tatsache über jemanden, die geeignet ist, ihn verächtlich zu machen oder herabzuwürdigen, und wenn die Wahrheit der behaupteten Tatsache nicht bewiesen werden kann. Ist die getätigte Behauptung »nicht erweislich wahr«, ist es üble Nachrede, sonst nicht. Es könnte dann aber z.B. noch Beleidigung sein. – Strafmaße sind Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu 1 Jahr (bei öffentlicher Verbreitung auch bis zu 2 Jahre). Meist höher als bei Beleidigung, da Lüge verbreitet wird.
Verleumdung (§ 187 StGB)
Verleumdung ist eine bewusst falsche Tatsachenbehauptung mit dem Ziel oder Effekt der Ehrschädigung. Hier ist wesentliches Merkmal, dass der Täter weiß, dass seine behauptete Tatsache unwahr ist. Ist die Aussage hingegen wahr, ist es keine Verleumdung, sondern ggf. ein anderer Straftatbestand. Weiß der Täter, dass seine Aussage falsch ist, ist sie strafbar. – Strafmaße sind Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu 3 Jahre (bei öffentlicher Verbreitung auch bis zu 5 Jahre).
Der springende Punkt (nach StGB)
Das deutsche Strafrecht schützt die persönliche Ehre, nicht nur die faktische Wahrheit. Deshalb gilt: Wahrheit allein reicht nicht, entscheidend sind auch Form, Kontext und Zweck der Aussage. Die Schwere und damit das Strafmaß steigt von Beleidigung zur üblen Nachrede zur Verleumdung. Eine öffentliche Verbreitung (v. a. online) wirkt immer stark strafverschärfend.
Zulässig sind stets sachliche, wahre Kritik, Berichterstattung oder berechtigte Warnung. Strafbar hingegen sind reine Herabwürdigungen, unnötige Bloßstellung und andere »Pranger«-artige Aussagen ohne gerechten Anlass. Dabei kann auch bei wahrer Behauptung eine Strafbarkeit vorliegen. Mit Wahrheit kann man beleidigen – aber nicht verleumden.
Bewertung
Interessanterweise liegen die Rechtsnormen der Bibel und des StGB sehr nahe beieinander, was die Trennung von Person und Sache angeht und was den Freiheitsgrad in der Rede diesbezüglich angeht.
Der zentrale Unterschied ist darin zu erkennen, dass die Bibel einen inneren Maßstab (Herz) anlegt, und das Herz, die Motivation, die Absicht und die geistliche Verantwortung des Einzelnen, also subjektiv, anspricht. Denn Jesus prüft so. Nur Er. Entscheidend ist der Tatbestand, ob die Rede aus Liebe oder aus Verachtung kommt, und ob das Angegriffene biblisch nachweisbar Sünde ist oder nicht. Das Strafrecht hingegen beschränkt sich auf einen äußeren Maßstab (Tat, Wort) und prüft die Form der Aussage, den Kontext und die Wirkung nach außen. Entscheidend ist hier, ob die Ehre eines Menschen objektiv verletzt wurde.
Überspitzt gesagt regelt das Strafrecht das Minimum an respektvoller Kommunikation, wohingegen die Bibel ein Maximum an verantwortlicher Kommunikation fordert. Was strafbar ist, ist fast immer auch biblisch problematisch. Was biblisch problematisch ist, ist oft noch nicht strafbar.
(Dieser Entwurf wird ggf. fortgeführt werden.)
Bildquelle: Mithilfe von KI erzeugt und manuell nachbearbeitet.

