Liebe, Gerechtigkeit und Zorn

Francis Schaeffer forderte uns einmal auf, uns vorzustellen, wir gingen die Straße entlang und träfen auf einen jungen Mann, der auf eine ältere Frau einschlägt. Er schlägt immer wieder auf sie ein, während sie sich an ihre Handtasche klammert, die er ihr entreißen will. Schaeffer fragt: »Was bedeutet es in dieser Situation, meinen Nächsten zu lieben?« Unzweifelhaft bedeutet Nächstenliebe in diesem Fall, die (gerechte) Gewalt anzuwenden, die notwendig ist, um den (bösen) Täter zu überwältigen und die (unschuldige) ältere Frau zu retten (zu lieben). Liebe und Gerechtigkeit, Güte und Heiligkeit, Gnade und Zorn sind keine Gegensätze. Sie ergänzen einander. Letztlich sind sie voneinander abhängig. Liebe ohne Gerechtigkeit ist bloßer Sentimentalismus. Gerechtigkeit ohne Liebe ist blanke Vergeltungssucht. In Gott jedoch gilt: »Güte und Wahrheit sind sich begegnet, Gerechtigkeit und Frieden haben sich geküsst« (Psalm 85,11). Liebe sucht Gerechtigkeit für die Geliebten. Liebe des Guten fordert Hass alles Bösen. Gerechtigkeit schützt, rächt und rechtfertigt die Geliebten. Das Kreuz Christi ist der vollkommene Ausdruck sowohl der Liebe Gottes, der unwürdige Sünder rettet, als auch der Gerechtigkeit Gottes, die fordert, dass ein gerechter Preis für die Erlösung bezahlt wird.

Die Einfachheit Gottes

Zwischen dem, was wir wegen unseres begrenzten und gefallenen Begriffsvermögens vielleicht als »Spannungen« zwischen den verschiedenen Eigenschaften Gottes wahrnehmen, besteht vielmehr eine vollkommene Harmonie. Streng genommen gibt es gar nicht mehrere (separate) Eigenschaften bei Gott, sondern ein einziges, herrliches, göttliches Wesen. Die klassischen Theologen stellten die göttliche Einfachheit häufig an den Anfang ihrer Darlegungen über die Eigenschaften Gottes, weil ein rechtes Verständnis der Einfachheit grundlegend für ein rechtes Verständnis aller Eigenschaften ist. Gott ist einfach. Gott ist Geist, ungeteilt, einzigartig, nicht zusammengesetzt. Er ist Einer – ohne Körper, Teile oder »Seiten«. Wenn wir die Eigenschaften Gottes betrachten, denken wir nicht über verschiedene »Teile« oder »Seiten« Gottes nach. Wir betrachten jede Eigenschaft gesondert aufgrund der Begrenztheit unseres Denkvermögens. »In Gott gibt es nicht viele Eigenschaften, sondern nur eine«, erklärte der englische Puritaner Lewis Bayly (1565–1631) im Sinne des klassischen Theismus, »nämlich das göttliche Wesen selbst, gleichgültig, wie du es nennst.«[1] Gottes attributa divina (göttlichen Eigenschaften) sind untrennbar von seinem essentia Dei (göttlichen Wesen).

Angesichts der wesentlichen Einheit der göttlichen Eigenschaften: Was können wir über das Verhältnis zwischen den von uns als »sanfter« und »härter« empfundenen Ausprägungen seines Wesens sagen – zwischen Liebe und Zorn, zwischen Barmherzigkeit und Gerechtigkeit? Es kann hilfreich sein, diese Frage mit Blick auf die Liebe zu beantworten, also um jene Eigenschaft, um die sich meistens zuerst Diskussion und Kontroversen ranken. »Gott ist Liebe«, hier stimmen Bibel und populäre Meinung meinst überein. Wie sind dann seine Gerechtigkeit und sein Zorn zu verstehen?

Mehr als Liebe

Erstens: Gott ist Liebe – und doch mehr als Liebe. Liebe wird von älteren Theologen als Unterart des Gutseins behandelt. Gottes Gutsein – was Stephen Charnock (1628–1680) [2] die »Leiteigenschaft« nannte – ist die Gattung, zu der Liebe, Gnade, Barmherzigkeit, Freundlichkeit und Geduld als Arten gehören. Diese Klassifikation macht deutlich, dass »Gott ist Liebe« nicht bedeutet, Gott sei Liebe unter Ausschluss seiner übrigen Eigenschaften (1Johannesbrief 4,8). Der Apostel Johannes schreibt nicht: »Liebe ist Gott«. Die biblische Aussage lässt sich nicht umkehren. Die Bibel sagt auch, dass Gott »Licht« ist (1Johannesbrief 1,5) und dass Gott ein »verzehrendes Feuer« ist (Hebräer 12,29). In all diesen Fällen wird dieselbe grammatische Konstruktion verwendet. Der Gott, der Liebe ist, ist nach Johannes auch »treu« und »gerecht« (1Johannesbrief 1,9). »So unendlich wohlwollend Gott auch ist«, sagt J. W. Alexander (ein presbyterianische Theologe des 19. Jahrhunderts), »so ist unendliches Wohlwollen nicht alles an Gott.« Gottes Liebe ist eine gerechte Liebe, und seine Gerechtigkeit ist eine liebende Gerechtigkeit. Wir dürfen nicht zulassen, dass eine Eigenschaft die anderen überwältigt und entkräftet. Charles Spurgeon formulierte es so: »Gott ist … so streng gerecht, als hätte er keine Liebe, und doch so innig liebend, als hätte er keine Gerechtigkeit.«

Liebe definieren

Zweitens muss die Bibel festlegen, was Liebe ist. Nicht selten ist die Liebe Gottes so verstanden worden, dass damit Gottes moralische Eigenschaften geleugnet werden. »Ich glaube an einen Gott der Liebe«, sagt jemand – und schafft damit den Gerichtstag ab und löscht die Feuer der Hölle. Moralische Kategorien werden im Namen der Liebe insgesamt verworfen. »Ein liebender Gott würde niemals …«, so beginnt irgendeine gutgemeinte Behauptung, und dann folgt eine Liste von Lebensstilunterschieden oder moralischen Forderungen, die Gott angeblich niemals stellen würde: Er würde mich nie verurteilen oder wollen, dass ich unglücklich bin, oder mein Verhalten missbilligen oder meine gewählte Identität in Frage stellen. Warum nicht? Weil – so die Behauptung – Gott nur und immer alles und jeden akzeptiere. Das sei Liebe. Gott wird damit durch ein amorphes (gestaltloses) Liebesverständnis neu definiert, losgelöst von Heiligkeit und von der Offenbarung Gottes in der Heiligen Schrift selbst. Wenn die Apostel sagen, Gott sei Liebe, meinen sie, dass er agapē ist, nicht erōscaritas, nicht amor – selbsthingebende, opferbereite Liebe, nicht romantische, erotische oder bloß warmherzig-sentimentale Liebe und auch keine unkritisch-alles-akzeptierende Liebe. Gottes Liebe macht Unterschiede, sie korrigiert Falsches und ist stets gerechte Liebe.

Die Bibel offenbart einen Gott, der sowohl gut als auch gerecht ist. Er ist »barmherzig und gnädig« und doch »hält er keineswegs schuldlos/ungestraft den Schuldigen« (2Mose 34,6–7). »Siehe nun die Güte und die Strenge Gottes«, sagt der Apostel Paulus (Römer 11,22). Wäre Gott nicht gerecht, wäre er nicht gut. Würde er über die Sünde hinwegsehen, das Böse ignorieren, Ungerechtigkeit dulden oder die Unschuldigen der Willkür der Gottlosen überlassen – ungerettet, ungerächt, unverteidigt und am Ende nicht unterschieden von den Bösen, denselben Raum, dasselbe Schicksal, dieselben Belohnungen und Strafen teilend –, dann wäre Gott nicht gut oder freundlich oder gerecht oder heilig. »Seine Liebe ist nicht und kann nicht blind und nachsichtig sein«, sagt Ian Hamilton, »genauso wenig, wie seine Gerechtigkeit und Heiligkeit nicht kalt und willkürlich sein können oder sind.« Also: Liebe erfordert Gerechtigkeit.

Zur Liebe geneigt

Drittens: Gott ist zur Liebe geneigt. Zwar dürfen wir die Liebe nicht alle anderen Eigenschaften Gottes überstrahlen lassen; dennoch können wir sagen, dass Liebe – und mit ihr sein Gutsein insgesamt – in gewissem Sinne »natürlicher« zu Gott gehört als sein Zorn. Er zieht es eher vor zu lieben, als denn strengere Ausdrucksformen seines Wesens zu offenbaren. Wir strapazieren mit solchen Aussagen natürlich die Sprache, weil Gottes Eigenschaften, wie gesagt, eine harmonische Einheit bilden. Liebe und Gerechtigkeit stehen in Gottes Wesen oder Bewusstsein nicht im Widerstreit. Doch die Bibel lehrt häufig, dass Gott an »beständiger Gnade/Güte« (hebr. chesed) Gefallen hat, während sie weniger lehrt, dass er Gefallen daran hat, Zorn zu üben. Micha 7,18 sagt: »Er behält seinen Zorn nicht auf ewig, denn er hat Gefallen an Güte«. »Gott ist eher zur Barmherzigkeit geneigt als zum Zorn«, sagt Thomas Watson (um 1620–1686). »Taten der Strenge werden ihm gleichsam abgerungen«. Die Bibel lehrt, dass »er nicht von Herzen plagt«, wohl aber willig und freudig liebt (Klagelieder 3,33; vgl. 5Mose 7,6–7). Er ist »langsam zum Zorn« und reich an beständiger Gnade (Psalm 103,8; vgl. 2Mose 34,6). Jesaja nennt Gottes Gericht sein »fremdes Werk« (Jesaja 28,21) – das, was Theologen opera aliena Dei (»die fremden Werke Gottes«) nannten.[3] Er ist eher ein zögernder Richter. Gott ist eher zur Liebe geneigt – zur Güte, Gnade und Barmherzigkeit – als zu Zorn, Grimm und Gericht. Der Ausdruck der Liebe offenbart stärker seine Neigung oder die Richtung seines Wesens als der Ausdruck seines Zorns. Ja, Gottes Liebe, so sagt der Puritaner William Gurnall (1616–1679), »setzt alle seine anderen Eigenschaften in Bewegung«.

Unsere Darstellung der Eigenschaften Gottes sollte stets in Demut erfolgen. So viel wir auch gesagt haben – es gibt immer mehr zu sagen. Das Endliche kann das Unendliche nicht umfassend oder erschöpfend erkennen. Dennoch können wir Gott wahrhaft erkennen und dort reden, wo die Bibel redet: Sie offenbart einen Gott, der zugleich Liebe und Licht ist, zugleich gnädig und barmherzig und gerecht verdammend. Am besten kann man dies in der Offenbarung Gottes in seinem Heilswerk auf Golgatha beobachten.

Endenoten, Quellen und Disclaimer

[1]   Lewis Bayly schrieb 1613 das vielbeachtete und in viele Sprachen übersetzte Werk: The Practice of Piety, directing a Christian, how to walk, that he may please God, das auch auf Deutsch herausgegeben wurde (dt. Basel 1628, Lüneburg 1631): »Praxis Pietatis: Das ist: Ubung der Gottseligkeit : Darinn begriffen/ wie ein Christgläubiger Mensch/ in wahrer erkäntnuß Gottes/ und seiner selbsten/ zunemen; sein Leben täglich in der Forcht Gottes anstellen/ mit ruhigem Gewissen zubringen/ unnd nach vollendetem Lauff seliglich beschliessen kan: Sampt beygefügten schönen Geist- und Trostreichen Gebetten ; Erstlich/ in Englischer Sprach uber die dreyssig mal; hernacher Frantzösisch zu unterschiedenen malen außgangen: anjetzo aber … auch in die Teutsche Sprach gebracht« (Basel: Wagner, 1630–1631).

[2]   Stephen Charnock (1628–1680), puritanischer Theologe, war ein englischer puritanischer presbyterianischer Geistlicher, geboren in der Gemeinde St. Katherine Cree in London. Charnocks theologischer Ruhm beruht hauptsächlich auf seinen Discourses upon the Existence and Attributes of God (»Abhandlungen über die Existenz und Eigenschaften Gottes«), einer Reihe von Vorträgen, die er vor den Mitgliedern seiner Gemeinde in Crosby Hall hielt; leider wurden die »Discourses« durch Charnocks Tod im Jahr 1680 unterbrochen. Die Abhandlung ist heute unter dem Titel The Existence and Attributes of God (»Die Existenz und Eigenschaften Gottes«) erhalten, die erstmals 1682 posthum veröffentlicht wurde. (Online PDF auf www.monergism.com)

[3] In der klassischen christlichen Theologie unterscheidet man zwischen den Opera propria Dei (den »Gott eigenen Werken«), die seinem Wesen im engeren Sinn entsprechen, also »Ihm gemäße Werke« sind. Darunter zählt man seine Gnade, Barmherzigkeit, Güte, Liebe und das Errettungswerk, wobei diese alle der moralischen Vollkommenheit Gottes Liebe (»Gott IST Liebe«!) zugeordnet sind. – Die Opera aliena Dei (die »Gott fremden Werke«) sind dann jene Werke Gottes, die Gott nicht um ihrer selbst willen tut, sondern als Antwort auf Sünde und Schuld. Darunter zählt man das Gericht, die Verdammnis, die Zürchtigung, den Zorn, den Grimm u.ä., wobei diese alle der moralischen Vollkommenheit Gottes Licht (»Gott IST Licht«) zugeordnet sind. »Fremd« heißt hier also nicht, das diese Werke un-göttlich oder dem Wesen Gottes widersprüchlich wären, sie sind vielmehr wesensgemäß möglich und notwendig und heilig, aber nicht wesensgemäß bevorzugt. Etwas platt formuliert: Gott richtet wirklich, aber ungern. Gott rettet wirklich, aber gern. Als erste Bibelreferenzen wären Jesaja 28,21, Klagelieder 3,33, Micha 7,18 und Hesekiel 33,11 zu überdenken. – Warum man diese theologische Unterscheidung einführte ist der Beobachtung in der Heiligen Schrift geschuldet, dass einerseits Gott wirklich gerecht ist und wirklich wirksam richtet, sein Gericht(reden) also nicht bloß pädagogisches Symbol, sondern reale göttliche Handlung ist. Andererseits sehen wir in der Heiligen Schrift ebenso, dass Gottes innerste Neigung Gnade ist und nicht der Zorn. Gericht ist bei Gott nicht Selbstzweck oder Ziel in sich selbst, sondern angesichts der Sünde ein absolut notwendiges, aber nicht das bevorzugte, Handeln Gottes. – Auch Martin Luther hat diese Unterscheidung genutzt, um zu zeigen, dass Gott durch das Gesetz (Zorn, Gericht, Verdammung; sog. Opus alienum) wirkt, um damit zum Evangelium (Gnade, Rechtfertigung vor Gott; sog. Opus proprium) zu führen. – Festzuhalten ist dogmatisch (theologisch), dass Gottes Wesen, seine göttlichen Vollkommenheiten, eine Einheit darstellen und dass Gottes Zorn nicht ein Gegenpol zur Liebe, sondern deren notwendige Ausdrucksform gegenüber dem Bösen ist.

Der Beitrag wurde übersetzt, adaptiert und mit Endenoten versehen von grace@logikos.club, basierend auf einem Artikel von Terry L. Johnson: Love, Justice, and Wrath in TableTalk Mai 2022, S. 14–16. Dr. Terry L. Johnson ist leitender Gemeindehirte der Independent Presbyterian Church in Savannah, Georgia (UAS). Er ist Autor der Bücher The Case for Traditional Protestantism und Reformed Worship. (Die Verwendung seines Beitrags hier bedeutet nicht ein Endorsement (Befürwortung) aller seiner Lehren durch logikos.club.)