Warum bei Gemeindeämtern Erprobung wichtig ist

Christliche Gemeinden, die bekennen, dass sie sich in Lehre und Praxis an Gottes Wort halten wollen, dieses Wort des Höchsten sogar als oberste Autorität benennen, müssen manchmal beweisen, dass sie dies über das Lippenbekenntnis hinaus auch verbindlich tun. Das gilt natürlich besonders für Bereiche und Fragen, wo der Zeitgeist oder die Tradition gegen den Willen Gottes gerichtet sind. Es gilt aber auch da, wo durch mangelnde Kenntnis des Wortes Gottes Sein Wille gar nicht ausreichend bekannt ist. Es gilt auch da, wo besondere Vorlieben, Ängste oder sogar sündige Einstellungen Gottes Wort entgegenstehen.

Eine lebendige, entstehende oder wachsende Ortsgemeinde ist beständig herausgefordert, geeignete Leiterpersonen auszurüsten, einzusetzen und zu unterhalten. Aufgrund der großen geistlichen Verantwortung, die solche solche Menschen haben, ist doppelte Vorsicht in Gebet, Bibelstudium und Beratung walten zu lassen, bevor man jemand in ein solches Amt als Ältester oder Diakon einsetzt. Ältestenämter sind ja keine kündbarem Zweijahres-Jobs (auch wenn in manchen Gemeindearten die Ältesten alle zwei Jahre »gewählt« oder »bestätigt« werden; dies wurde sicher nicht dem NT entnommen), sondern erzeugen in der Regel lebenslange Führungs- und Über- bzw. Unterstellungsverhältnisse. 

Schon der reine Hausverstand gebietet also, hier bedächtig, sorgsam vorzugehen und nichts zu überhasten, egal wie dringend der Bedarf sich auch darstellt. Ein volkstümliches Sprichwort sagt: »Gott hat die Zeit gemacht, von Eile hat er nichts gesagt.«. Mancher übersteigert dies zu: »Alle Eile ist vom Teufel«. Das kann im Einzelfall stimmen, aber in anderen Fällen aber gerade auch nicht. Ein guter »Hausverstand« (der auch unter »gesunder Menschenverstand« firmiert) ist sicher notwendig, aber er ist in den Sachen der Gemeinde Gottes nicht hinreichend. Es geht vielmehr um Gottes Willen, wie er schriftlich vorliegt. Argumente aus Tradition und Gewohnheit und weltlichem Vorbild sind höchstens zweitrangig. Zwei Punkte sollen dies aufzeigen.

Unheilige Eile

Die Ermahnung, bei der Einsetzung von Ältesten und Diakonen nichts überhastet zu tun, sondern ausreichend lange Vorbereitungs- und Bedenkzeit vorzusehen, ist keine Meinung oder Tradition einer bestimmten Gemeindeart oder Lehrschule, sondern universell Gebot des Herrn. Dies gilt auch und besonders, wo der Bedarf groß ist und als Not empfunden wird. Die Heilige Schrift sagt hierzu grundsätzlich:

»Die Hände lege niemand schnell auf,
und habe nicht teil an fremden Sünden
(1Timotheus 5,22).

Das Handauflegen ist eine symbolische Handlung, mit der jemand öffentlich in einen Dienst oder eine bestimmte Aufgabe eingesetzt oder beauftragt wird (vgl. 4Mo 27,18–23; Apg 6,6; 13,1–3; 1Tim 4,14). Alexander Strauch, ein weltweit bekannter Schreiber und Seminarleiter zum Thema biblischer Diakonen- und Ältestendienst aus der amerikanischen »Brüderbewegung« schreibt dazu trefflich:

Die Aufforderung des Paulus lautet wie folgt: Ernenne niemanden »allzu schnell, übereilt, leichtfertig« (284) zum Ältesten. Das ist ein weiser Rat und eine gute Vorbeugungsmaßnahme: Weil es einen großen Bedarf an Hirtenältesten gibt, ist die Versuchung groß, übereilte Ernennungen vorzunehmen. Aber wenn man das tut, schafft man ernsthaftere, langanhaltende Probleme für die Leitung der Gemeinde. Die besten Grundsätze für die Ernennung von Ältesten sind immer noch Zeit, Erprobung, Schulung und Gebet. 

(Biblische Ältestenschaft, 5. Aufl., 2025, S. 334. Die Fn. 284 lautet: »BAUER: s. v. ταχέως, Sp. 1609. Siehe auch Gal 1,6; 2Thes 2,2.«; Fettdruck hinzugefügt)

Das vom Apostel Paulus hier gebrauchte Wort »schnell« lautet im Grundtext ταχέως. Dieses Adverb bedeutet: »schnell, bald, sofort (οὕτως τ. so schnell Gal 1,6); rasch, übereilt, zu schnell.« (Kassühlke, Rudolf ; Newman, Barclay M.: Kleines Wörterbuch zum Neuen Testament: Griechisch-Deutsch).

Nehmen wir einmal an, einer Gemeinde würden ohne Vorankündigung einige Männer der Gemeinde mit guter Lebensführung von der Gemeindeleitung vorgestellt, die nun nach Willen der Ältesten nach ein, zwei Wochen Bedenkzeit für die Gemeinde als neue Älteste dienen sollen. Nehmen wir zusätzlich an, dass diese Kandidaten bzgl. der Ältestenaufgaben weder ausgebildet, noch angeleitet, noch Praxisreife nachgewiesen haben, dann wird niemand daran zweifeln können, dass genau solche Eile von Gott durch den Apostel Paulus untersagt wurde.

Gefragt ist eine verantwortungsvolle Mitbeteiligung der Gemeindeglieder am gegebenen biblischen Prozess ohne Zeitdruck, der meist jahrzehntelange Konsequenzen für alle nach innen und außen nach sich ziehen wird.

Erprobung, Bewährung und öffentliche Prüfung

Christus weist uns ebenfalls –und in ergänzender Sicht– durch den Apostel Paulus an, dass Kandidaten für das Ältesten- oder das Diakone-Amt biblische Qualifikationskriterien erfüllen müssen. Dies ist hier besonders wichtig, da diese Dienste auch öffentlich sind, die Gemeinde und den Namen Christus vor den Außenstehenden repräsentieren. Paulus sagt zusammenfassend:

»Lass diese aber auch zuerst erprobt werden, 
dann lass sie dienen, wenn sie untadelig sind.«
(1Timotheus 3,10).

Alexander Strauch erklärt diese Stelle wie folgt:

Nachdem Paulus die jeweiligen Qualifikationen aufgezählt hat, verlangt er, dass sowohl die Ältesten als auch die Diakone öffentlich geprüft werden, bevor sie in ihren jeweiligen Ämtern dienen: »Auch sie aber sollen zuerst erprobt werden, dann sollen sie dienen, wenn sie untadelig sind« (1Tim 3,10).

(Biblische Ältestenschaft, 5. Aufl., 2025, S. 334.; Hervorhebung hinzugefügt.)

Die Anweisung Gottes in 1Timotheus 3,10 schreibt eine Reihenfolge in der Vorgehensweise vor, was man an den Wörtern »zuerst« und »dann« klar erkennen kann. Das »auch« markiert, dass dies nicht nur für die Diakonskandidaten, sondern auch für die kurz zuvor genannten Ältestenkandidaten gilt. Es ist ein weiterreichender Grundsatz für die Gemeinde.

Erprobung

So steht, dass nach Vorauswahl von Kandidaten diese »zuerst erprobt« werden. Das bedeutet nichts anderes, als dass sie »zuerst« im Rahmen ihrer Erprobung (ggf. inkl. Ausbildung) für das vorgesehene Amt tätig werden. Alle können dann sehen, wie sie in den einschlägigen Aufgaben und Herausforderungen wachsen, fruchtbar sind und sich bewähren. So kann man erkennen, ob die Bereiche, die ihnen anvertraut werden in der Erwachsenenarbeit (genauer: Dienst an jenen, die verbindlich Glieder der Gemeinde sind), über längere Zeit gesund wachsen und biblisch nach Inhalten und Führungsstil geleitet und versorgt werden. Daran kann man prüfend sehen, ob Gott sie als geistliche Vorbilder und als Leiter verwendet, segnet und im Amt haben will.

Bewährung und öffentliche Prüfung

Nach einer gewissen Zeit, die natürlich jeweils unterschiedlich lang sein kann, kann man dann hoffentlich die Bewährung zweifelsfrei erkennen, dass Gott sie also in den ihnen jeweils anvertrauten Bereichen des Ältestendienstes in Zusammenarbeit mit den bestehenden Ältesten segnet und sie als geistliche Leiterpersonen bestätigt.

Das kann man besonders gut in Krisensituationen beobachten: Werden sie sich auf Gottes Wort stützen und dabei bleiben? Oder werden sie traditionell denken, politisch taktieren, ausfällig werden, psychische oder physische Gewalt anwenden? Oder ist geistliche Zucht, Gottvertrauen und Hingabe an das Wort zu sehen (usw.)?

Erst dann darf nach Gottes Willen der Schritt vollzogen werden, sie »dienen zu lassen«, nämlich als offizielle Amtsträger und Diener jener Ortsgemeinde. (»Amt« bezeichnet einen Dienst, der auf den Rahmen einer definierten, örtlichen Gemeindeherde begrenzt ist.)

Wenn alles unter Gottes Geist und Fürsorge läuft, werden sich die neuen Ältesten dann hoffentlich auch in Zukunft weiterentwickeln, wie das von allen Christen erwartet werden darf, aber bei Ältesten vorbildhaft zu sehen sein muss. Ein Ältester, der nicht laufend dazulernen will und reift, kann schwerlich Vorbild sein.

Älteste genießen ihres Amtes wegen besonderen Schutz in ihrem Dienst, sind zu achten und zu ehren und –in manchen Fällen– auch zu honorieren. Sie unterliegen der besonderen Beurteilung der Gemeinde, da sie diese öffentlich vertreten und leiten (s. 1Timotheus 5,17–22). Dazu wäre vieles mehr zu sagen, sprengte ab den Rahmen hier.

Die Vorgehensweise ist weder eine Angelegenheit von Vorlieben oder Meinungen, sondern im biblischen Gebot mit festem Rahmen, Inhalten und Reihenfolge vorgegeben. Darüber hinaus bestehen viele Möglichkeiten der Ausgestaltung, so dass diese Vorgaben in unterschiedlichen Kulturen und Zeiten und Situationen effektiv umgesetzt werden können.

Eine Mahnung, diese göttlich vorgegebene Vorgehensweise zu beachten und zu beschreiten, ist jedenfalls biblisch geboten. Nur so kann Gottes Segen erwartet werden.

Einige hilfreiche Zitate

Alexander Strauch liefert einige Aussagen aus seinem Erfahrungsschatz, die es wert sind, bedacht zu werden. Sie stammen aus dem Kapitel 30 »Das Wichtigste in Kürze«, das eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte seines einschlägigen Standardwerks Biblische Ältestenschaft (2025) liefert (Hervorhebungen hinzugefügt). Die vollständige Liste ist an anderer Stelle zu finden.

  • »(14) In Anlehnung an das Bild des Hirten bestehen die Aufgaben der Ältesten im Großen und Ganzen darin, (1) die Herde mit reichhaltiger Nahrung aus der von Gott inspirierten Schrift zu ernähren, (2) die Herde vor wolfsähnlichen Irrlehrern zu schützen, (3) die Herde durch die Stürme des Lebens und zu grünen Weiden zu führen und ( 4) für die praktischen Bedürfnisse der Gemeinde Gottes zu sorgen. Ein wichtiger Grundsatz der biblischen Ältestenschaft ist, dass man sie als Team von Leitern der Gemeinde betrachten sollte, nicht als einen Vereinsvorstand.«
  • »(23) Sowohl Älteste als auch Diakone müssen öffentlich auf ihre Qualifikation und Eignung für den Dienst geprüft werden (1 Tim 3,10). Die ordnungsgemäße Prüfung eines Ältestenkandidaten ist genau der Punkt, an dem viele Gemeinden versagen. Das Verfahren erfordert Zeit und Mühe, und viele Gemeinden meinen, sie seien zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, um sich diese Mühe zu machen. Ein großer Fehler!«
  • »(35) Ein Ältester muss sich mit ganzem Herzen für die Wahrheiten des Evangeliums einsetzen (Tit 1,9).«
  • »(36) Alle Ältesten müssen in der Lage sein, andere in gesunder Lehre zu unterweisen, falsche Lehrer zu entlarvenund sie mutig zurechtzuweisen (Tit 1,9).«
  • »(51) Älteste sind Verwalter von Gottes Haus (Tit 1,7). Deshalb müssen sie solide organisatorische Prinzipien und Kommunikationswege festlegen, sonst wird die Gemeinde leiden. Eine unorganisierte und undisziplinierte Ältestenschaft wird sich mit der Zeit als Hindernis für das Wohlergehen von Gottes Herde und Gottes Haus erweisen.«
  • »(52) Einer der wichtigsten Faktoren bei der Gestaltung einer effektiven Ältestenschaft ist Schulung, Schulung und nochmal Schulung. Die Ausbildung, Begleitung und Förderung künftiger Leiter und Lehrer muss für jede Ältestenschaft Priorität haben. Das Christentum betont die intensive  Arbeit der Nachfolge, dazu gehört die Lehre und das vorbildliche Leben, sodass man einem geistlich gereiften Menschen gern nacheifern möchte.«

Literaturhinweise