Die fünf Bücher Mose (Pentateuch) – Ein Überblick (I)

Fundament. Die fünf Bücher Mose (Pentateuch von altgr. pentá »fünf« und teûkhos »Gefäß«, also: »Fünfgefäß«; auch: Thora von hebr. ‏תּוֹרָה‎ »Gebot«, »Weisung«, »Belehrung«, von jarah »unterweisen«) bilden das Fundament der ganzen biblischen Offenbarung beider Bibelteile (AT und NT). Die Linien, die in der Genesis aufgenommen werden, ziehen sich durch die gesamte biblische Offenbarung und finden im Buch der Offenbarung Ziel und Vollendung.

Überblickstabelle unter Verwendung von Daten aus Wikipedia (de.wikipedia.org/wiki/Tora; 01.03.2022) 

Überblick. Der Pentateuch skizziert – zumindest als Schattenbild oder Verheißung – die Botschaft der ganzen Bibel. Diese Botschaft beschreibt, wer Gott ist (Selbstoffenbarung seines Wesen), was Gott tut (Beschreibung seiner Werke) und was er vorhat (Plan, Teleonomie = Sinn und Ziel). Der folgende Überblick soll dies verdeutlichen.

»Der Pentateuch ist eine notwendige Einführung in das gesamte Wort Gottes. Er stellt das vor, was anschließend entfaltet wird, und führt uns immer tiefer in die Hoffnung auf die Vollendung hinein, die zwar noch weit entfernt, aber doch sicher ist.«

Samuel Ridout, The Pentateuch. New York: Loizeaux Brothers, 1919.1

Das erste Buch Mose (Genesis)

Name und Thema. Das erste Buch Mose heißt in der hebräischen Bibel nach dem einleitenden Wort Bereschit (»im Anfang«). Es ist das Buch der Anfänge und Ursprünge. Der Anfangssatz »Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde« markiert den Anfang von Raum, Zeit und Materie und benennt als Erste Ursache und Schöpfer aller Dinge den Ewigen. Die Aussage »Im Anfang schuf Gott« ist gleichzeitig Programm für die ganze Heilsgeschichte. Sie gilt für die materielle erste Schöpfung und erst recht für die geistliche zweite Schöpfung, die Neuschöpfung, die Erlösung in Christus. Römer 11,36 beschreibt den großen Bogen und die Teleonomie des Ganzen: »Denn von ihm und durchihn und für ihn sind alle Dinge; ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen.« Alles Tun Gottes ist Selbst­offenbarung und geschieht notwendig und wesensartig zu seiner ewigen Anbetung.

Inhalte. Wir erfahren in Genesis von Gott und vom Menschen, vom Ursprung der Schöpfung, der Sünde wie auch der Erlösung. Obwohl historisch verlässlich, erfahren wir mehr als nur Historie.

a. Offenbarung Gottes und des Menschen. Hier wird uns geoffenbart, dass Gott als Schöpfer alles ins Dasein rief, wie er es tat, zu welchem Zweck es geschah und vor allem, welchen Platz der Mensch in der Schöpfung hat. Wir erfahren, wie der Mensch – Höhepunkt und Krone aller Schöpfung – fiel, und wie Gott, der Schöpfer, seiner Natur gemäß die Sünde strafen muss, denn er ist als Schöpfer auch Richter. Aber im gleichen Atemzug wird uns in diesem einzigartigen Buch gesagt, dass der allmächtige und heilige Gott, der Schöpfer und Richter, auch der Erlöser ist. Er gibt dem Menschen, kaum ist dieser in Sünde gefallen, bereits Verheißungen der Errettung vom Urheber und damit von der Macht der Sünde und des Todes (3,15). Damit lernen wir bereits im ersten Buch der Bibel alle wichtigen Grundwahrheiten über Gott, den Menschendie Sünde und die Errettung:

  • Gott ist der Schöpfer: Er ist ewig, er ist unendlich weise und er ist allmächtig (Röm 1,20). Als Urheber aller Existenz handelt er absolut souverän. Er erschafft alles durch sein Wort. Er allein ruft das Wahrnehmbare aus Nichtseiendem (Heb 11,3).
  • Gott ist Richter: Er ist Licht, er ist heilig, wahr und gerecht (1Joh 1,5).
  • Gott ist Retter: Er ist Liebe, er bereitet dem Menschen Heil (1Joh 4,16).
  • Gottes Weisheit und Allmacht enthüllt sich in seinen Schöpfungswerken (Kap 1-2).
  • Gottes Heiligkeit zeigt sich in der Vertreibung aus dem Paradies (3), im Tod, der alle Nachkommen Adams ereilt (5), im Gericht der weltweiten Flut (6–8; »Sintflut« = Große Flut), im Gericht der Sprachverwirrung (11).
  • Gottes Liebe zeigt sich in der Errettung Noahs und seiner Familie. Er findet Gnade vor Gott (6,8). Sie zeigt sich in der Gnadenwahl und Berufung Abrahams (12), in der Erfüllung der Verheißung eines Sohnes (21), in der Bewahrung Isaaks und Jakobs (26–36), in der Errettung der Söhne Jakobs durch Joseph (37–50). Darin zeigt sich in strahlender Klarheit, dass das Böse, das der Mensch mit der Sünde in die Schöpfung gebracht hat, Gottes Absichten der Gnade und des Segens nicht zu vereiteln vermag: »Ihr zwar hattet Böses gegen mich im Sinn; Gott aber hatte im Sinn, es gut zu machen, damit er täte, wie es an diesem Tag ist, um ein großes Volk am Leben zu erhalten.« (50,20). Gott hat und braucht keinen »Plan B«, da er allweise und allmächtig ist.

b. Errettung. Das Buch der Anfänge lehrt uns auch die fundamentalsten Wahrheiten über den Weg der Errettung: Sie hat ihren Grund in der göttlichen Gnadenwahl und sie geschieht durch Glauben an Gott: »Noah aber fand Gnade in den Augen Jahwes« (6,8); »Abraham glaubte Jahwe; und er rechnete es ihm zur Gerechtigkeit« (15,6; vgl. Röm 4,3). Epheser 2,8 sagt dies so: »Denn durch die Gnade seid ihr errettet, mittelst des Glaubens; und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es«. Diese Heilswahrheiten gelten seit der Vertreibung aus dem Paradies für alle nachkommenden Geschlechter und Heilszeiten. Hebräer 11 mit seinem Überblick über den Glauben aller je Geretteten bestätigt diesen Grundsatz.

Bei aller Gnade Gottes, die dieses Buch offenbart, offenbart sich diese stets vor dem Hintergrund des Niedergangs. Alles beginnt überaus herrlich, mit der Herrlichkeit des Schöpfergottes und dem Leben, der Herrschaft und der Wonne des ersten Menschenpaars im Segensraum des Garten Eden. Das Buch endet aber überaus betrüblich: Mit einem Toten in der Enge eines Sarges in Ägypten, fern der Segensheimat (50,26). Wir sehen: Der Lohn des Sünde ist der Tod (1Mo 2,17; Röm 6,23).

Merkhilfe

Urgeschichte und Patriarchengeschichte

  • 1–11: Urgeschichte (4 »S«): Von Unschuld zum Fall zum Leben als Sünder
    SchöpfungSündenfallSintflutSprachverwirrung.
  • 12–50: Patriarchengeschichte (4 Personen): Das Leben der gnädig Berufenen
    Abraham, IsaakJakob (Israel)Joseph.

Das zweite Buch Mose (Exodus)

Name und Thema. Das zweite Buch Mose heißt in der hebräischen Bibel nach einem der ersten Wörter Schemot (»Namen«). Es berichtet uns davon, wie Gott die Nachfahren Abrahams gemäß seiner an ihn gemachten Verheißungen mit Namen ruft. Dieses Buch der Errettung par excellence beginnt bedeutungsvoller Weise nicht mit der Not der Israeliten, sondern mit den Namen derer, die seit den Tagen ihrer Väter der Gegenstand göttlicher Verheißungen gewesen waren. Gott hatte Abraham verheißen, seine Nachkommen sollten zur bestimmten Zeit aus ihrer Knechtschaft befreit werden und das verheißene Land ererben (1Mo 15,16). Und er hatte ihm und Isaak und Jakob verheißen, dass ihr Same überaus zahlreich werde (1Mo 46,3–4).

Exodus lehrt uns, dass Gottes Errettung nicht mit der Not des Menschen beginnt, auch nicht mit dem Willen des Menschen errettet zu werden, sondern mit dem Vorsatz und Willen Gottes: »Nach seinem eigenen Willen hat er uns durch das Wort der Wahrheit gezeugt, damit wir eine gewisse Erstlingsfrucht seiner Geschöpfe seien« (Jak 1,18). Die, welche er zuvorerkannt (d. h. in ewiger Liebe erfasst) hat, die hat er nach Vorsatz berufen (Röm 8,28–30), und zwar mit Namen (d. h. persönlich) berufen: »Und nun, so spricht Jahwe, der dich geschaffen hat, Jakob, und der dich gebildet hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein« (Jes 43,1). In diesem Buch sind aber nicht allein die Namen der Erlösten wichtig (siehe 1,1–4 usw., 28,9–30), sondern noch wichtiger ist der Name des Retter Gottes, der sich in ihm offenbart: »Da sprach Gott zu Mose: Ich bin, der ich bin. Und er sprach: Also sollst du zu den Kindern Israel sagen: ›Ich bin‹ hat mich zu euch gesandt« (3,14) und »Und Jahwe ging vor seinem Angesicht vorüber und rief: Jahwe, Jahwe, Gott, barmherzig und gnädig, langsam zum Zorn und groß an Güte und Wahrheit, der Güte bewahrt auf Tausende hin, der Ungerechtigkeit, Übertretung und Sünde vergibt – aber keineswegs hält er für schuldlos den Schuldigen…« (34,6-7a).

Zusammenhang. Das zweite Buch Mose ist die Fortsetzung des ersten Buches, erkenntlich am Anfangswort »Und«. Exodus setzt da ein, wo Genesis aufgehört hatte: Josephs Nachkommen sind in Ägypten und werden bald der Willkür eines ihnen feindlich gesinnten Despoten ausgeliefert. Das Volk wird von diesem geknechtet (1,13–14) und dem Tod verschrieben (1,16.22). Das Buch endet aber mit Leben und Herrlichkeit: Gottes Herrlichkeit wohnt unter seinem erlösten Volk, und das Volk folgt der Herrlichkeit, die es beständig vor Augen hat (Kap 40). Damit ist Exodus im Gegensatz zu Genesis ein Buch des Aufstieges. Es führt von der Schande der Knechtschaft zur Herrlichkeit der Sohnschaft und von der Bitterkeit des Todes zur Wonne des Lebens. Wie ist dieser Aufstieg erklärbar? Sicherlich nicht durch gesellschaftliche Evolution oder durch moralische Höherentwicklung, sondern einzig durch Gottes Macht: Er hat in Erlösung und Errettung eingegriffen und den unerbittlichen Abstieg in einen unwiderstehlichen Aufstieg gewendet.

Christus (Typologie). In Exodus erfahren wir, dass Gott, um den Menschen zu retten, »herabgekommen« ist (3,8). Das ist nichts anderes als ein bereits hier abgegebenes Versprechen, dass er »in der Fülle der Zeit« (Gal 4,4) vollständig zu uns herabkommen, dass er Mensch werden (Joh 1,14) und als Mensch für uns leiden und sterben sollte (Phil 2,5–8). Exodus lehrt dies zumeist in »Schatten der himmlischen Dinge« (Kol 2,17; Heb 8,5; 10,1).

Das Passah (12) lehrt uns: Der Retter sollte nicht allein Mensch werden, sondern als Mensch an unserer Statt durch das Feuer des Gerichts des gerechten Gottes gehen. Nur auf diesem Weg konnte er sein sündiges Volk aus der Macht seines Tyrannen befreien und zu sich führen (19,4): »Denn es hat ja Christus einmal für Sünden gelitten, der Gerechte für die Ungerechten, damit er uns zu Gott führe« (1Pet 3,18); »unser Passah, Christus, ist geschlachtet worden« (1Kor 5,7b).

Das erlöste Volk baut seinem Gott und Erlöser nach dessen Anweisungen ein Heiligtum: »Und sie sollen mir ein Heiligtum machen, damit ich in ihrer Mitte wohne« (25,8). Damit kommt er zu ihnen und öffnet ihnen den Zugang zu ihm, um bei ihm zu sein und ihm zu dienen. Gottes Forderung an den Pharao erfüllt sich: »Lass meinen Sohn ziehen, damit er mir dient!« (4,22b). Entsprechend lässt sich Exodus in Worten des Römerbriefs so zusammenfassen: »Freigemacht aber von der Sünde, seid ihr Sklaven der Gerechtigkeit geworden« (Röm 6,18).

In Exodus wird erstmals in der Bibel von Gottes Herrlichkeit gesprochen. Im letzten Kapitel lesen wir: »…und die Herrlichkeit Jahwes erfüllte die Wohnung« (40,34b). Einen ähnlichen Satz suchen wir im Schöpfungsbericht vergeblich. Damit will uns der Geist Gottes sagen, dass Gottes Herrlichkeit erst in der Erlösung voll und frei aufscheint. Ist das nicht ein Wunder?! Der Mensch hat gesündigt und damit unermesslich Böses getan. Dieses Böse, das zur Schande und zur Pein des Menschen in die Schöpfung eingedrungen ist, wird Gott zum Anlass, seine Herrlichkeit in einer Weise zu entfalten, wie das durch die Schöpfung nie geschehen konnte, und dem Menschen Höheres zu geben, als er sich durch die Sünde eigenhändig verscherzt hatte (vgl. Joh 9,3; 11,4; 17,22; Off 21,11).

Merkhilfe

Errettung und Erlösung – Von Knechtschaft und Tod (1) zu Gott gebracht (40)

1: WORAUS gerettet (Situation):
(a) aus der Knechtschaft (1,8–14); 
(b) 
aus dem Tod (1,15–22).

2–12: WIE gerettet (Methode):
(a) durch die Geburt, Vorbereitung und Sendung eines Retters (2–11);
(b) den Tod des Retters (12, Passah);
(c) nur mittels Glauben (4,1ff; 5x).

13–40: WOZU gerettet (Ziel):
(a) Um sich Gott hinzugeben, Gott zu leben und Gott zu dienen (13–15);
(b) Um zu Gott gebracht zu werden (16–24);
(c) Damit der Retter-Gott unter seinem erlösten Volk wohne (25–40).

Fortsetzung hier (Levitikus–Deuteronomium), Gesamtdokument (PDF) hier.

Endnotizen

1– Samuel Ridout, The Pentateuch. Chapter 1: Introductory. »But all this will suffice to show us that the Pentateuch is an essential introduction to the entire word of God. It opens up that which is afterward unfolded, and ever leads us on in hope to a consummation which, though distant, is certain.« (Orig.: New York: Loizeaux Brothers, 1919. Quelle: www.bibletruthpublishers.com/the-pentateuch/s-ridout/lbd24119; abgerufen 01.03.2022. PDF: www.brethrenarchive.org/media/364855/ridout-s-_-pentateuch.pdf)