Dieser Ausspruch im Westöstlichen Diwan (1819/1827) von Goethe passt irgendwie hervorragend zu den immer wieder mantraartig (scheinbar sinnfrei) wiederholten Vorwürfen arminianisch und römisch geprägter Christen, die sie immer wieder in Richtung jener Christen äußern, die der bibeltreuen reformatorischen Heilslehre anhängen. Die Reformierten (meist als „Calvinisten“ Bezeichneten) fassten vor 400 Jahren im Schlussstatement ihrer Verwerfung der arminianischen Irrlehren (der sog. „Lehrregel“, 1619) diese haltlosen Vorwürfe wie unten angeführt zusammen.
Man gewinnt den Eindruck, dass auch 400 Jahre nicht reichen, den falschen Blick und das falsche Denken arminianisch argumentierender Menschen zu korrigieren. Durchblick gibt es erst bei überzeugter Bindung an die Wahrheit. Man muss demütig anerkennen und dann praktisch umsetzen, was der Sohn Gottes ein für allemal festgehalten hat: „DEIN WORT IST WAHRHEIT.“ Das wirft uns stets zurück auf die Heilige Schrift und die (wahren) Tatsachen. Dazu gehört also praktisch auch, dass man ehrlich und respektvoll mit dem Andersdenkenden umgeht, alle Behauptungen genau an den Tatsachen überprüft und kein falsches Zeugnis wider den Nächsten ausspricht.
Was „gegen alle Wahrheit und Liebe“ dem Volk eingeredet wird
»Die Lehre der reformierten Kirchen von der Gnadenwahl und damit zusammenhängenden Lehrstücken…
führe die Gemüter der Menschen durch einen gewissen eigentümlichen Geist und Richtung von aller Frömmigkeit und Gottesfurcht ab. Sie sei ein Ruhekissen des Fleisches und des Teufels und eine Burg des Satans, aus der er allen auflauere, die meisten verwunde und viele mit den Pfeilen der Verzweiflung oder Sicherheit tödlich treffe.
Sie mache Gott zum Urheber der Sünde, zu einem Ungerechten, einem Tyrannen, einem Heuchler und
sei nichts anderes als verfälschter Stoizismus, Manichäismus, Libertinismus und Islam.
Sie mache die Menschen fleischlich sicher, da sie nach ihr überzeugt wären, es schade der Seligkeit der Erwählten nicht, wie sie auch lebten, und deshalb könnten sie in Sicherheit auch die schwersten Frevel begehen.
Den Verworfenen helfe es nicht zur Seligkeit, wenn sie auch alle Werke der Heiligen wirklich vollbrächten.
Durch dieselbe würde gelehrt, dass Gott nach der bloßen und reinen Willkür seines Willens, ohne alle Rücksicht auf irgendeine Sünde und ohne Ansehen den größten Teil der Welt zur ewigen Verdammnis vorherbestimmt und geschaffen habe.
Auf dieselbe Weise, wie die Erwählung die Quelle und die Ursache des Glaubens und der guten Werke sei, so sei die Verwerfung die Ursache des Unglaubens und der Unfrömmigkeit.
Viele Kinder der Gläubigen würden von der Brust der Mutter unschuldig fortgerissen und tyrannisch in die Hölle gestürzt, so dass ihnen weder die Taufe noch die Gebete der Kirche bei ihrer Taufe etwas helfen könnten.«
Unschwer erkennt man, dass kontemporären, arminianisch denkenden Christen nichts Neues als „Argument“ gegen ihre biblisch glaubenden Geschwister einfällt. Es wird einfach immer wieder dasselbe Falsche, Verleumderische, Unsinnige und Unbiblische behauptet, auch wenn die Verleumdeten schon oft das Gegenteil bezeugt haben (siehe im folgenden Zitat). Dass diese Vorwürfe schon vor Jahrhunderten diskutiert und entkräftet wurden, wissen die arminianisch denkenden Christen nicht oder ignorieren es willentlich. Hier ist der Spruch vom „getretenen Quark“ tragisch zutreffend.
Was die Verantwortung jedes Christen ist, wenn er solche Behauptungen hört
„Und was der Art mehr ist, was die reformierten Kirchen nicht nur nicht anerkennen, sondern von ganzem Herzen verabscheuen.
Deshalb beschwören wir beim Namen des Herrn alle, welche den Namen unseres Heilandes Jesus Christus gottesfürchtig anrufen, dass sie über den Glauben der reformierten Kirche nicht aus den hier- und dorther zusammengehäuften Schmähungen oder aus den besonderen Äußerungen einiger älterer oder neuerer Lehrer, die oft entweder falsch angeführt oder entstellt und zu einem anderen Sinn verdreht sind, urteilen, sondern aus den öffentlichen Bekenntnissen dieser Kirchen und aus dieser Darlegung der rechtgläubigen Lehre, die durch diese Lehrregel festgestellt ist.
Die Verleumder aber selbst ermahnen wir ernsthaft, dass sie überlegen mögen, welch schwerem Gericht Gottes sie verfallen würden, wenn sie gegen so viele Kirchen und so vieler Kirchen Bekenntnisse falsches Zeugnis reden, das Gewissen der Schwachen beunruhigen und sich bemühen, vielen die Gemeinschaft der wahrhaft Gläubigen verdächtig zu machen.“
Was die Verkündiger des biblischen Glaubens beachten sollen
„Zuletzt ermahnen wir alle Diener Gottes im Evangelium Christi, dass sie bei Durchnahme dieser Lehre in Schulen und Kirchen fromm und gottesfürchtig zu Werke gehen, sie sowohl mündlich als schriftlich zum Ruhm des göttlichen Namens, zur Heiligkeit des Lebens und zum Trost niedergeschlagener Gemüter anwenden, mit der Schrift nach der Gleichmäßigkeit des Glaubens nicht nur denken, sondern auch sprechen und sich endlich aller der Ausdrücke enthalten, welche die uns vorgeschriebenen Grenzen des richtigen Sinnes der heiligen Schriften überschreiten und den nichtswürdigen Sophisten eine gute Gelegenheit bieten könnten, die Lehre der reformierten Kirche zu verhöhnen oder zu verleumden.
Der Sohn Gottes, Jesus Christus, der, zur Rechten des Vaters sitzend, den Menschen Gaben spendet, heilige uns in der Wahrheit, führe die, welche irren, zur Wahrheit, verschließe den Verleumdern der rechten Lehre den Mund und erfülle die treuen Diener seines Wortes mit dem Geist der Weisheit und Unterscheidung, damit alle ihre Reden zum Ruhm Gottes und der Erbauung der Zuhörer dienen. Amen.“
Greg Forster, Fünf Mythen über den Calvinismus. (Artikel auf Evangelium21.net vom 3. Dezember 2018).
Mythos 1: Wir haben keinen freien Willen.
Mythos 2: Wir werden gegen unseren Willen gerettet.
Mythos 3: Wir sind total verdorben.
Mythos 4: Gott liebt die Verlorenen nicht.
Mythos 5: Der Calvinismus befasst sich hauptsächlich mit Gottes Souveränität und Prädestination.
Michael Haykin, Fünf Mythen über Johannes Calvin. (Artikel auf Evangelium21.net vom 24. Juli 2020).
Mythos Nr. 1: Calvin ließ Michael Servet hinrichten.
Mythos Nr. 2: Der Tyrann Calvin übte in der Hauptzeit seines Wirkens in Genf von 1541 bis 1564 in der Stadt eine Gulag-ähnliche Herrschaft aus.
Mythos Nr. 3: Calvins Theologie lässt sich mit dem Akronym TULIP zusammenfassen.
Mythos Nr. 4: Calvins monergistische Soteriologie bringt eine Tendenz zum Antinomismus mit sich.
Mythos Nr. 5: Calvin hatte kein Interesse an Mission.
Kenneth J. Stewart, Ten Myths About Calvinism – Recovering the Breadth of the Reformed Tradition. Downers Grove, IL: InterVarsityPress und Nottingham, England: Apollos, 2011.
Der Spruch zu guter Letzt
He that hath a head of wax musst not walk in the sun.
Was man heute als die „Fünf Punkte des Calvinismus“ bezeichnet, gehört seit über 400 Jahren verbindlich zum reformierten Glaubensinhalt, ist aber auch Glaubensinhalt vieler anderer Christen, die sich in der Lehre – speziell in der Heilslehre – alleine auf Gottes Wort gründen. Diese „5 Punkte“ werden besser mit „Die Lehren der Gnade“ bezeichnet. Gnade und Barmherzigkeit sind zwei der Vollkommenheiten Gottes, die Er uns in besonders auffälliger Weise geoffenbart hat (2Mose 33,19; 34,6–9; Johannes 1,16 u.v.a.). Daher sind sie auch zentral wichtig für unsere Gotteserkenntnis und damit für die Anbetung Gottes.
Die „Lehren der Gnade“ sind also unverzichtbar wichtig und wertvoll. Man muss jedoch verstehen, dass der „Calvinismus“ (i.S.v. Glaubensinhalt der Reformierten) nicht (nur) aus (diesen) 5 Punkten besteht. Vielmehr sind dem reformiert Glaubenden Hunderte älterer und weiterer „Punkte“ genauso verpflichtender Glaubensinhalt. Diejenigen Nichtreformierten, die sich heute als „5-Punkte-Calvinisten“ bezeichnen, müssten zutreffender sagen, dass sie an „DieLehren der Gnade“ glauben. Diese Lehren lassen sich (frühestens seit 1905!) mit dem Akrostichon TULIP in Erinnerung rufen (s.a.: TULIP – Wer hat’s erfunden? ). Sie wurden notwendig als Zurechtweisung formuliert, als die reformierte Kirche von Falschlehre(r)n angegriffen wurde und der Antrag gestellt wurde, diese Falschlehren in das Glaubensbekenntnis der Kirche aufzunehmen. Robert Godfrey ordnet die „5 Punkte“ so ein: „Der Calvinismus hat fünf Antworten auf die fünf Irrlehren des Arminianismus. Die Lehrregeln antworten Punkt für Punkt auf die arminianische Zusammenfassung, die 1610 vorlegt wurde.“ (Artikel: Gründe für Dordrecht, 2019)
Der damalige politische Streit war immer auch ein religiöser, da die Römische Kirche es gewohnt war, ihre Macht wie im Kirchlichen so auch in der Politik auszuüben. Romanisierungstendenzen sind als Ergebnis aktiver Gegenreformation und andererseits mangelnder Lehrfestigkeit der „Protestanten“ daher immer wieder wahrzunehmen, wie damals so auch heute (s.z.B. Gemeinsame Erklärung), wenngleich die Taktik und Methoden angepasst werden.
Die inhaltliche Beurteilung der „Fünf Punkte“ der Protestler (Arminianer)
Das Lehrsystem, das als „Calvinismus“ bekannt geworden (oder verleumdet worden) ist, behauptet, dass es eine richtige Darstellung der biblischen Heilslehre ist. Daneben gibt es verschiedene andere Lehrsysteme bzgl. der Heilslehre mit verschiedenen Graden des Unglaubens. Der „Calvinismus“ als theologisches Lehrsystem wurde natürlich nicht von der Synode von Dordrecht (Dordt) im Jahr 1619 [1] erfunden, sondern dort nur gegen Angriffe aus der Kirche verteidigt und als die in der Heiligen Schrift enthaltene Heilslehre bekräftigt. Diese Verteidigung wurde 1619 in „fünf Punkten“ (eigentlich als „Lehrregel“) formuliert, da es die Antwort auf die als unbiblisch beurteilten fünf Punkte ist, die die „Remonstranten“ („Protestler“; heute meist: „Arminianer“) der Kirche von Holland 1610 vorgelegt hatten. Die Lehren der arminianisch geprägten „Remonstranten“ wurden klar als Irrlehre bezeichnet und verurteilt.
Die Form der Beurteilung der „Fünf Punkte“ der Protestler (Arminianer)
Die Synode von Dordrecht war in der Verurteilung und Zurückweisung verbal nicht zimperlich. Sie erklärte in Reaktion auf die arminianischen und remonstrantischen Artikel und Meinungen in der „Lehrregel von Dordrecht“ (1619) [1] relativ offen und robust,
dass Arminius und die Remonstranten „die Pelagianische Irrlehre wieder aus der Hölle hervorgebracht“ hatten.
Sie sagten von den Arminianern, sie „betrügen die Einfältigen“,
ihre arminianischen Lehren seien „eine Erdichtung des menschlichen Gehirns, ohne die Schrift ausgedacht“,
ein „schändlicher Irrtum“,
dass sie „nach der Gesinnung des Pelagius riecht“,
„der ganzen Schrift widerstreitet“ und „der Schrift widerspricht“,
ein „grober Irrtum“ sind,
„in Widerstreit mit der Erfahrung der Heiligen“ stehen,
„den klaren Zeugnissen der Schrift widerstreiten“,
dass sie Remonstranten „danach trachten, dem Volk das verderbliche Gift des Pelagianismus einzuflößen“,
„sie widersprechen dem Apostel“ und „sie widersprechen dem Heiland“,
ihre Lehre „verschmäht die Weisheit des Vaters und die Verdienste Jesu Christi und widerstreitet der Heiligen Schrift“,
sie „widerstreitet den klaren Zeugnissen der Schrift“,
sie „ist völlig pelagianisch und zu der ganzen Schrift im Widerspruch“.
Die Christen sollten wissen, dass „die alte Kirche diese Lehre schon seit langem in den Pelagianern […| verurteilt“ hat,
dass diese Lehre „einen deutlichen Pelagianismus offenbart“ und
dass „diese Meinung die Gnade, Rechtfertigung, Wiedergeburt und beständige Bewahrung Christi kraftlos macht“.
Die „Fünf Punkte“ der Protestler (Arminianer) sind Irrlehre, nicht nur Irrtum
Es wurde also nicht beschönigend von tolerierbarer „anderer Auffassung“, „anderer Erkenntnis“ o.ä. oder tolerierbar geringem Irrtum geredet (mit Entschuldigungen wie: „Wir alle irren mal“ und „Wir erkennen nur stückweise“, was natürlich Beides stimmt), sondern entlarvend von der Wiederkehr alter Irrlehren (Pelagianismus) und von Widerspruch zur Lehre der Heiligen Schrift.
Die rechtgläubigen Professoren, Theologen und Geistlichen Hollands und Englands versuchten daher beständig und aktiv, die Lehre der Arminianer zu unterdrücken und die Ausübung jenes Glaubens zu verbieten, den sie entschieden als häretisch verurteilten. Dies gelang ihnen durch die Einberufung der Synode von Dort recht wirksam. Aus diesen Gründen wurde der Arminianismus als (nichttolerierbare) Irrlehre (Häresie) – und nicht nurals (tolerierbarer) Irrtum – angesehen. Dieses Bewusstsein haben anscheinend manche „bibeltreue“ Gemeinden, Gemeinschaften und Missionswerke leider verloren.
Die Psychologisierung des Konflikts
Immer wieder gab es Versuche, die enormen lehrhaften Differenzen in diesem Konflikt herunterzuspielen und auf rein menschliche und persönliche Umstände und Lösungen abzuzielen. Wer als Theologe scheitert, versucht sich dann als Soziologe oder Psychologe? Dies ist gut zu beobachten beim bekannten Konflikt zwischen John Wesley und George Whitefield im 18. Jhdt., der in dieser Sache, insbes. in der Lehre von der Erwählung und der Heilssicherheit, tobte.[3] Whitefield schrieb in diesem Zusammenhang zurecht öffentlich an Wesley: „Die Kinder Gottes stehen in Gefahr, dem Irrtum zu verfallen. […] Oh, Sir, was ist denn das für eine Logik, oder besser: Sophistik?“ […] Sir, wie absurd argumentiert Ihr an dieser Stelle!“ (Brief vom 24.12.1740 von Bethesda, GA aus). Gleichzeitig verband er seine sachlich scharfe Kritik an der Irrlehre Wesley mit respektvollen Formulierungen gegenüber der Person des Gegners. Whitefield war nicht bereit, sein sachlich scharfes Urteil vom Ziel einer menschlichen Versöhnung trüben zu lassen, oder dem menschlichen Vertragen die Wahrheit und Gesundheit der Glaubenden zu opfern.
Es geht im Kern um nichts Geringeres als unser Gottesbild und unsere Anbetung
Gemäß der Lehren der Gnade wird das Heil durch die allmächtige Kraft des dreieinigen Gottes vollbracht: Der Vater hat ein Volk auserwählt, der Sohn ist für sie gestorben, der Heilige Geist macht den Tod Christi wirksam, indem er die Auserwählten zum Glauben und zur Umkehr bringt und sie dadurch veranlasst, dem Evangelium willig zu gehorchen (vgl. Hesekiel 36; Johannes 3, 6 u.a.).
Der Kreis der so gnädig Beschenkten wurde vor der Zeit allein durch göttliches Erwählenfestgelegt und bleibt bei allen Heilswerken der Personen der Trinität (Opera ad extra) stets der selbe (s. a. Römer 8, 28–30). Diejenigen, für die der menschgewordene Sohn Gottes aus Liebe zum Vater und „den Seinigen“ (Johannes 13,1) im Opfer stirbt, sind exakt jene, die sich der Vater vor aller Zeit zum Besitz genommen hatte (Johannes 17,6b: „Dein waren sie“) und die er dann dem Sohn übergeben hatte („Mir hast du sie gegeben“, Johannes 17,6b), damit sie „die Seinigen“ seien, die er „bis aufs Äußerste“ und ewig göttlich lieben würde (Johannes 17,2.6.9.24). Wer diese Transaktion der Liebe nicht erfasst, glaubt, liebt, anbetet, verkündigt, dessen Gottesbild hat schon im Kernbereich erhebliche Mängel. Entsprechend dysfunktional wird seine Heilslehre. Würde es doch endlich begriffen: Erwählung zum Heil – und damit zur ewigen Gemeinschaft und Einheit – ist eine Liebesgeschichte! Eine Liebesgeschichte des Allmächtigen, der Licht und Liebe ist.
Der Streit zwischen der biblischen Auffassung des Heils bei den Reformatoren (und Reformierten) und bei den Gegen-Reformatoren ist im Kern immer auch ein Kampf zwischen einem gottzentrierten und einem menschzentrierten Verständnis der göttlichen Heilsveranstaltung. Die Heilige Schrift lehrt: Der gesamte Prozess, samt Erwählung, Erlösung, Wiedergeburt, ist das Werk Gottes und geschieht allein aus Gnade (Epheser 2,8–9). Auf diese Weise bestimmt Gott, und nicht der Mensch, wer die Gabe des Heils empfängt. Und Er macht das ganz gezielt so, dass Er am Ende alleine allen Dank und alle Anbetung dafür erhält (Römer 11,33–36): Soli Deo Gloria!
Anmerkungen
[1] Die Dordrechter Synode (auch Synode von Dordt) war eine nationale Versammlung der niederländischen reformierten Kirche unter Beteiligung von ausländischen reformierten Delegationen, die vom 13. November 1618 bis zum 9. Mai 1619 in Dordrecht stattfand. Siehe auch: 400 Jahre Synode in Dordrecht. Vgl. auch die Ausarbeitung Gründe für Dordrecht – Zur Entstehung und Bedeutung der Synode von Dordrecht von Robert Godfrey auf der Website von Evangelium 21 (2019) (Link).
[2] Text in Deutsch entweder online (SERK Deutschland) oder als Dokument (PDF).
[3] Sehr gute Darstellung in der Whitefield-Biografie von Benedikt Peters: George Whitefield: Der Erwecker Englands und Amerikas. 2. Aufl. (Bielefeld: CLV, 2003), leider vergriffen, und Christian Klein: George Whitefield: Das Leben des Evangelisten und sein Konflikt mit John Wesley (PDF).
Jesus Christus: Dein Wort ist Wahrheit. (JohEv 17,17)
Die Frage nach der Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift hat viele Motive. Die negativen Motive spannen sich von der Wahrnehmung einzelner schwer verständlicher oder scheinbar falscher Passagen bis hin zu einer grundsätzlichen Leugnung jeglicher Offenbarung oder Ablehnung jeder übergeordneten Autorität. Wer nicht an Gott glaubt, muss konsequenter Weise jedes „Wort Gottes“ ablehnen.
Für den gläubigen Christen ist die Frage nach der Qualität der Heiligen Schrift jedoch eine Frage des Glaubens, die untrennbar mit dem Wesen Gottes verbunden und daher absolut positiv motiviert ist. Der Sohn Gottes bezeugte: „Dein Wort ist Wahrheit“ (Johannes 17,17). Wenn die Heilige Schrift Gottes Wort ist, dann hat die Heilige Schrift die selben Eigenschaften wie Gott selbst. „Im Charakter des irrtumslosen und unfehlbaren Gottes liegt die Irrtumslosigkeit und Unfehlbarkeit seines Produktes, der Bibel, begründet. Der vollkommene Vater von Jesus Christus kann nichts Fehlerhaftes oder Unvollkommenes schaffen, auch nicht in logischer oder naturwissenschaftlicher Hinsicht.“ (M. Kotsch, Bibelbund, 2003)
Das Selbstzeugnis der Schrift über sich mag methodisch als Zirkelschluss abgelehnt werden, aber in der Tat haben wir in diesem speziellen Fall keine höhere Erkenntnisinstanz über das Wort Gottes als dieses Wort Gottes selbst. Nur Gott kann Sein Wort als Sein Wort autorisieren. Das kann man akzeptieren oder nicht – beides mit ewig reichenden Konsequenzen.
Die Autoren der ersten „Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Bibel“ schreiben im Vorwort ihrer Erklärung folgendes: „Die Autorität der Schrift ist für die christliche Kirche in unserer wie in jeder Zeit eine Schlüsselfrage. Wer sich zum Glauben an Jesus Christus als Herrn und Retter bekennt, ist aufgerufen, die Wirklichkeit seiner Jüngerschaft durch demütigen und treuen Gehorsam gegenüber Gottes geschriebenem Wort zu erweisen. In Glauben oder Leben von der Schrift abzuirren ist Untreue unserem Herrn gegenüber. Das Anerkennen der absoluten Wahrheit und Zuverlässigkeit der Heiligen Schrift ist für ein völliges Erfassen und angemessenes Bekenntnis ihrer Autorität unerlässlich.“ (Quelle: „Die Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Bibel“, zitiert nach der Ausgabe des deutschen Bibelbund e.V., Download als PDF)
Einen Beitrag von Michael Kotsch zur Bedeutung der Chicago-Erklärung findet man hier.
Für die des Englischen mächtigen Leser sei betreffs der aktuellen Diskussion zur Chicago-Erklärung auf das Konferenz-Buch „The Inerrant Word: Biblical, Historical, Theological, and Pastoral Perspectives“ (Hrsg.: John MacArthur; Crossway, 2016) verwiesen. Der englische Originaltext der drei Chicagoerklärungen aus dem Archiv des DTS (Dallas Theological Seminary) kann über folgende Links als PDF heruntergeladen werden:
Der ursprüngliche Artikel trägt die Überschrift Opposing False Doctrine und erschien in seiner Buchreihe Expository Thoughts on the Gospels (1869).
Und er rief die Volksmenge herzu und sprach zu ihnen: Hört und versteht! Nicht was in den Mund eingeht, verunreinigt den Menschen, sondern was aus dem Mund ausgeht, das verunreinigt den Menschen. Dann traten seine Jünger herzu und sprachen zu ihm: Weißt du, dass die Pharisäer Anstoß genommen haben, als sie das Wort hörten? Er aber antwortete und sprach: Jede Pflanze, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, wird ausgerissen werden. Lasst sie; sie sind blinde Leiter [der] Blinden. Wenn aber ein Blinder einen Blinden leitet, werden beide in eine Grube fallen. Petrus aber antwortete und sprach zu ihm: Deute uns dieses Gleichnis. Er aber sprach: Seid auch ihr noch unverständig? Begreift ihr nicht, dass alles, was in den Mund eingeht, in den Bauch geht und in [den] Abort ausgeschieden wird? Was aber aus dem Mund ausgeht, kommt aus dem Herzen hervor, und das verunreinigt den Menschen. Denn aus dem Herzen kommen hervor böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Hurerei, Dieberei, falsche Zeugnisse, Lästerungen; diese Dinge sind es, die den Menschen verunreinigen, aber mit ungewaschenen Händen essen verunreinigt den Menschen nicht. (Matthäus 15,10-20)
In diesem Abschnitt gibt es zwei auffällige Aussagen des Herrn Jesus. Die eine bezieht sich auf falsche Lehre, die andere bezieht sich auf das menschliche Herz. Beide Aussagen verdienen unsere größte Aufmerksamkeit.
Falsche Lehre
In Bezug auf falsche Lehre erklärt unser Herr, dass es eine Pflicht ist, sie zu bekämpfen, dass ihre endgültige Zerstörung sicher ist und dass man sich von ihren Lehren distanzieren sollte. Er sagt: »Jede Pflanze, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, wird entwurzelt werden. Schenkt ihr keine Beachtung.«
Aus der Untersuchung des Textes geht hervor, dass die Jünger überrascht waren von den scharfen Worten unseres Herrn über die Pharisäer und ihre Traditionen. Wahrscheinlich hatten sie sich von Jugend an daran gewöhnt, sie als die weisesten und besten Menschen anzusehen. Sie waren erschrocken, als sie hörten, wie ihr Meister sie als Heuchler anprangerte und sie beschuldigte, das Gebot Gottes zu übertreten. » Weißt du,« sagten sie, »dass die Pharisäer Anstoß genommen?« Dieser Frage verdanken wir eine erklärende Aussage unseres Herrn – eine Aussage, die sonst vielleicht nie die Beachtung gefunden hätte, die sie verdient.
Die klare Bedeutung der Worte unseres Herrn ist, dass eine falsche Lehre, wie die der Pharisäer, wie eine Pflanze war, der man keine Gnade erweisen sollte. Es war eine »Pflanze, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat«, und eine Pflanze, die auszureißen die Pflicht war, was auch immer sie anrichten mochte. Es war keine Nächstenliebe, sie zu verschonen, denn sie schadete den Seelen der Menschen. Es spielte keine Rolle, dass diejenigen, die sie pflanzten, hohe Ämter innehatten oder gelehrt waren. Wenn eine Lehre dem Wort Gottes widerspricht, muss sie bekämpft, widerlegt und verworfen werden. Seine Jünger mussten daher verstehen, dass es richtig war, allen Lehren zu widerstehen, die unbiblisch waren, und alle Lehrer, die diese Lehren fortwährend brachten, unbeachtet stehen zu lassen und sich von ihnen zu distanzieren: »Lasst sie!« Früher oder später würden sie feststellen, dass alle Irrlehren völlig umgestürzt und zu Schanden gemacht werden. Nichts wird Bestand haben außer dem, was auf Gottes Wort gegründet ist.
In diesem Ausspruch unseres Herrn stecken Lektionen von tiefer Weisheit, die dazu dienen, die Pflicht manches bekennenden Christen zu beleuchten. Lasst uns diese Lektionen gut überfliegen und erkennen, was sie uns lehren. Aus dem praktischen Gehorsam gegenüber dem Ausspruch des Herrn »Lasst sie!« entstand auch die segensreiche protestantische Reformation. Diese Lektionen Lehren verdienen also unsere größte Aufmerksamkeit.
Sehen wir hier nicht, dass wir verpflichtet sind, im Widerstand gegen falsche Lehren unerschrocken zu sein? Zweifellos sehen wir diese Pflicht. Keine Angst, Anstoß zu erregen, keine Furcht vor kirchlicher Zensur sollte uns zum Schweigen bringen, wenn Gottes Wahrheit in Gefahr steht. Wenn wir wahre Nachfolger unseres Herrn sind, sollten wir freimütige, unerschrockene Zeugen gegen den Irrtum sein. »Die Wahrheit«, sagt Musculus, »darf nicht unterdrückt werden, denn die Menschen sind böse und blind.«
Sehen wir nicht erneut die Pflicht, Irrlehrer zu verlassen, wenn sie ihren Wahn nicht aufgeben wollen? Zweifellos ja. Kein falsches Feingefühl, keine falsche Demut sollten uns davor zurückschrecken lassen, die Dienste eines Geistlichen zu fliehen, der Gottes Wort widerspricht. Es ist zu unserem eigenen Verderben, wenn wir uns unbiblischer Lehre ausliefern. Und es wird ganz unsere eigene Schuld sein, wenn wir entsprechend im Glauben Schaden nehmen. Um es mit den Worten von Whitby zu sagen: »Es kann niemals richtig sein, einem Blinden in den Graben zu folgen.«
Erkennen wir, als letztem Punkt, nicht auch die Pflicht zur Geduld, wenn wir zuschauen müssen, wie falsche Lehren mehr und mehr zunehmen? Zweifellos erkennen wir diese Pflicht. Wir können uns mit dem Gedanken trösten, dass sie nicht lange Bestand haben werden. Gott selbst wird die Sache seiner Wahrheit verteidigen. Früher oder später wird jede Irrlehre »ausgerissen werden«. Wir sollen nicht mit fleischlichen Waffen kämpfen, sondern warten, predigen, protestieren und beten. Früher oder später, sagte Wycliffe, »wird die Wahrheit obsiegen«.
Das Herz des Menschen
Was das Herz des Menschen betrifft, erklärt unser Herr in diesen Versen, dass es die wahre Quelle aller Sünde und Verunreinigung ist. Die Pharisäer lehrten, dass die Heiligkeit von Speisen und Getränken von körperlichen Waschungen und Reinigungsriten abhing. Sie meinten, dass alle, die ihre Traditionen in diesen Dingen befolgten, vor Gott rein und sauber seien, und dass alle, die diese Traditionen vernachlässigten, unrein und unrein seien. Unser Herr verwarf diese elende Lehre, indem er seinen Jüngern zeigte, dass die wahre Quelle aller Verunreinigungen nicht außerhalb des Menschen liegt, sondern in seinem Inneren: »Aus dem Herzen«, sagte er, »kommen hervor böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Hurerei, Dieberei, falsche Zeugnisse; diese Dinge sind es, die den Menschen verunreinigen«. Wer Gott recht dienen will, braucht etwas viel Wichtigeres als körperliche Waschungen: Er muss danach streben, »ein reines Herz« zu haben.
Was für ein schreckliches Bild des menschlichen Wesens haben wir hier vor uns! Und es wurde auch noch von jemand gezeichnet, der genau wusste, was im Menschen ist. Was für ein furchtbares Verzeichnis ist das davon, was in unserer eigenen Brust steckt! Welch traurige Liste von Samen des Bösen hat unser Herr aufgedeckt, die tief in jedem von uns liegen und jederzeit bereit sind, ins aktive Leben zu treten! Was können die Stolzen und Selbstgerechten sagen, wenn sie eine solche Stelle wie diese lesen? Hier skizziert der Herr nicht das Herzen eines Räubers oder Mörders, sondern berichtet wahr und getreu über die Herzen aller Menschen. Möge Gott uns gewähren, dass wir gut darüber nachdenken und weise werden!
Lasst es uns zu einem festen Vorsatz machen, dass der Zustand unseres Herzens die Hauptsache unseres Glaubenslebens sein soll. Möge es uns nicht genügen, in die Kirche zu gehen und die äußeren Formen der Religion einzuhalten. Lasst uns viel tiefer blicken, als nur so weit, und vielmehr danach trachten, ein »aufrichtiges Herz vor Gott« zu haben (Apostelgeschichte 8,21.) Das rechte Herz ist ein Herz, das mit dem Blut Christi besprengt, durch den Heiligen Geist erneuert und durch den Glauben gereinigt wurde. Lasst uns niemals ruhen, bis wir in uns das Zeugnis des Geistes Gottes darüber finden, dass Gott in uns ein reines Herz geschaffen und alles neu gemacht hat (Psalm 51,10. 2Korinther 5,17).
Schließlich soll es uns fester Vorsatz sein, alle Tage unseres Lebens unser »Herz mehr als alles, was zu bewahren ist« zu behüten (Sprüche 4,23.) Selbst nach der Erneuerung sind unsere Herzen schwach. Selbst nachdem wir den neuen Menschen angezogen haben, sind unsere Herzen trügerisch. Vergessen wir nie, dass unsere größte Gefahr von innen kommt. Die Welt und der Teufel zusammen können uns nicht so viel Schaden zufügen, wie unser eigenes Herz, wenn wir nicht wachen und beten. Glücklich ist, wer sich täglich an die Worte Salomos erinnert: »Wer auf sein Herz vertraut, der ist ein Tor; wer aber in Weisheit wandelt, der wird entkommen« (Sprüche 28,26).
Über den Autor
John Charles Ryle (1816–1900) war war der erste anglikanische Bischof von Liverpool. Er ist inzwischen auch in Deutschland durch seine Bücher Seid heilig (Holiness), Gedanken für junge Männer (Thoughts for young men), Mit Gott auf dem Weg (Walking with God), Die Pflichten der Eltern und Beten Sie? bekannt. Er gilt als einer der größten viktorianischen Evangelikalen. Spurgeon nannte ihn den »besten Mann der Kirche Englands« (unter Verwendung von: https://de.wikipedia.org/wiki/John_Charles_Ryle). – Übersetzt von grace@logikos.club
Literaturverweise
Do Not Tolerate False Teaching by J.C. Ryle (im Web hier)
8 Symptoms of False Doctrine von J.C. Ryle (im Web hier)
Und es waren Hirten in derselben Gegend, die auf freiem Feld blieben und in der Nacht Wache hielten über ihre Herde. Und siehe, ein Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Herrlichkeit des Herrn umleuchtete sie, und sie fürchteten sich mit großer Furcht. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkündige euch große Freude, die für das ganze Volk sein wird; denn euch ist heute in der Stadt Davids ein Erretter geboren, welcher ist Christus, der Herr. Und dies sei euch das Zeichen: Ihr werdet ein Kind finden, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend. Und plötzlich war bei dem Engel eine Menge des himmlischen Heeres, das Gott lobte und sprach: Herrlichkeit Gott in der Höhe und Friede auf der Erde, an den Menschen des Wohlgefallens!
Lukasevangelium 2,8-14 (ELBCSV, FN zu 2,14)
Gloria in excelsis Deo et in terra pax hominibus bonae voluntatis. Laudamus te, benedicimus te, adoramus te, glorificamus te, gratias agimus tibi propter magnam gloriam tuam, Domine Deus, Rex caelestis, Deus Pater omnipotens, Domine Fili unigenite, Jesu Christe, Domine Deus, Agnus Dei, Filius Patris, qui tollis peccata mundi, miserere nobis; qui tollis peccata mundi, suscipe deprecationem nostram. Qui sedes ad dexteram Patris, miserere nobis. Quoniam tu solus Sanctus, tu solus Dominus, tu solus Altissimus, Jesu Christe, cum Sancto Spiritu: in gloria Dei Patris. Amen.
Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. Wir loben dich, wir preisen dich, wir beten dich an, wir rühmen dich und danken dir, denn groß ist deine Herrlichkeit: Herr und Gott, König des Himmels, Gott und Vater, Herrscher über das All, Herr, eingeborener Sohn, Jesus Christus. Herr und Gott, Lamm Gottes, Sohn des Vaters, du nimmst hinweg die Sünden der Welt: Erbarme dich unser; du nimmst hinweg die Sünden der Welt: Nimm an unser Gebet. Du sitzest zur Rechten des Vaters: Erbarme dich unser. Denn du allein bist der Heilige, du allein der Herr, du allein der Höchste, Jesus Christus, mit dem Heiligen Geist, zur Ehre Gottes des Vaters. Amen.
Quellen
Bildnachweis: D. Lucas Evangelistes (Ausschnitt) von Dietrich Krüger (Hamburg, 1615) aus der Reihe Die vier Evangelisten. Druck auf Papier (293 x 217 mm). Rijksmuseum Amsterdam. Rechte: CC0 1.0 Universal (CC0 1.0) Public Domain Dedication.
John MacArthur Grace Community Church, Sun Valley, CA, USA Predigt am Independance Day 04.07.2021 Leittext: Johannes 8,32b
Der US-amerikanische Theologe und Hirten-Lehrer Dr. John MacArthur, dessen Heimatgemeinde Grace Community Church in Sun Valley (Los Angeles) in der Corona-Zeit manche Schlagzeile machte und einen sehr beachteten Prozess gegen die übergriffigen Maßnahmen des Los Angeles County gewann, äußerte sich am traditionellen amerikanischen »Freiheitstag« (Unabhängigkeitstag; Independence Day) zu falschen Konzepten zur Freiheit, zur politischen Gefährdung der Freiheit und was Jesus Christus tatsächlich meinte, als er sagte: »Die Wahrheit wird euch frei machen« (Johannes 8:32b). Seine Teilanalyse zweier Bücher zum Totalitarismus der Zukunft –vor dem Hintergrund der kontemporären amerikanischen Situation– bilden folgenden Einstieg in eine Predigt über Wahrheit und Freiheit, wie sie in Gottes Wort gelehrt wird (übersetzt und adaptiert aus dem veröffentlichten Transkript durch grace@logikos.club; Quelle: siehe Endnoten).
Wie wir alle wissen, ist heute der 4. Juli; und es ist historisch gesehen ein Tag, an dem wir in diesem Land die Freiheit feiern, zurückgehend auf die Zeit, als Amerika aus einer Revolution heraus geboren wurde und sich seine Freiheit verdiente. Freiheit hat in unserer Gesellschaft immer einen hohen Stellenwert gehabt, zumindest bis heute. In den letzten paar Jahrhunderten schien die Freiheit ganz oben auf der Liste der Dinge zu stehen, die die Menschen in unserer Kultur und Gesellschaft erhalten wollten. Und im Laufe der Jahre gab es eine Redewendung, die im Zusammenhang mit der Freiheit verwendet wurde: »Die Wahrheit wird euch frei machen«.
1 »Die Wahrheit wird euch frei machen«
Es ist interessant zu wissen, auf wie viele Arten dieser Ausspruch verwendet wurde. Er ist bekannt. Es gibt unzählige Anwendungen davon. Es gibt unzählige Interpretationen davon. Es gibt sogar einige bizarre Memes, die auf dieser Aussage aufbauen: »Die Wahrheit wird dich frei machen.« Ich nehme an, sie ist so umfassend formuliert, dass sie von vielen verschiedenen Bereichen unserer Kultur aufgegriffen wird.
1.1 Die philosophische Deutung
Platon hat den Anfang einer philosophischen Herangehensweise an diese Aussage gemacht; und die Philosophen haben in Anlehnung an Platon gesagt: »Finde die Wahrheit, die in dir ist –Selbsterkenntnis– und sei dieser deiner Wahrheit treu – und du wirst frei sein.« Das ist die philosophische Interpretation dieser Aussage.
1.2 Die psychologische Deutung
Es gibt auch eine psychologische Interpretation von »Die Wahrheit wird dich frei machen«. Diese lautet: »Sage die Wahrheit und du wirst frei von Schuld sein.« Sage die Wahrheit, egal wieviel Schaden du damit anderen zufügst. Sei brutal ehrlich; behalte es nicht für dich, sonst fügst du dir selbst psychischen Schaden zu. Freiheit findet man, wenn man sich gegen all die Lügen auflehnt, die man sich selbst über sich erzählt und die andere Menschen über einen erzählen. »Ihre Wahrheit wird Sie befreien, aber Sie müssen daran arbeiten, sie zu gebären«, sagte ein Psychologe.
1.3 Der zynische Ansatz
Und dann gibt es noch die zynische Herangehensweise an die Aussage »Die Wahrheit wird dich frei machen«. Ein Zyniker sagte: »Die Wahrheit wird dich schließlich frei machen, aber am Anfang wird sie dich nur wütend machen.« Meistens macht die Wahrheit nicht frei, sondern verängstigt, ängstigt, deprimiert. Manche Wahrheit wird dein Leben in Gefahr bringen. Manche Wahrheit würde dich, wenn du sie sagst, verhaften und ins Gefängnis bringen. Manche Wahrheit könnte Sie sogar der Gefahr des Todes aussetzen. Wozu also Wahrheit?
2 Die Leugnung absoluter Wahrheit
Die meisten Philosophen, Psychologen und Zyniker würden zustimmen, dass es keine echte, absolute Wahrheit gibt. Wahrheit ist das, was man für sich selbst will; es gibt keine objektive, absolute Wahrheit. Wahrheit ist das, was man für sein Wohlbefinden als Wahrheit empfindet. Sei deiner eigenen Wahrheit treu, und du wirst frei sein von den Dingen, die deine Seele quälen könnten.
2.1 Das Problem des hedonistischen Zeitgeistes
Das Problem mit der objektiven und der absoluten Wahrheit ist, dass sie sehr unangenehm ist, weil die absolute Wahrheit und die objektive Wahrheit moralische Verantwortung aufwerfen. Und das will man in einer hedonistischen Kultur keinesfalls. Die Erhöhung der moralischen Verpflichtung und Verantwortung fühlt sich nicht wie Freiheit an.
2.2 Das Problem einer politisch abhängigen Wissenschaft
»Die Wahrheit wird euch frei machen« hat auch in der Wissenschaft Einzug gehalten. Es war das Motto des California Institute of Technology (CalTech). Sie hatten »The truth shall make you free« bereits 1925 eingeführt. Aber dies hat sich in der wissenschaftlichen Welt nicht wirklich dauerhaft bewährt, denn wenn man die jüngsten Artikel von CalTech-Wissenschaftlern liest, stellt man fest, dass die Wissenschaft nicht mehr von der Suche nach der Wahrheit angetrieben und gelenkt wird, sondern im Wesentlichen von den Forschungsgeldern, die die herrschende politische Partei gewährt. Die Wissenschaft hat sich der Politik dienlich gemacht. Was auch immer die Suche nach der Wahrheit im Jahr 1925 gewesen sein mag, sie ist nun vollständig durch die politischen Vorgaben beeinträchtigt.
2.3 Das Problem einer ideologischen Politik
Und dann ist da noch die Regierung selbst. Wenn Sie das ursprüngliche Gebäude der CIA sehen würden, würden Sie auf der Vorderseite des Gebäudes eingraviert sehen: »Die Wahrheit wird euch frei machen.« Wir sind inzwischen alle ziemlich überzeugt, dass die CIA kein guter Ort ist, um die Wahrheit zu finden. Die CIA ist durch die Politik und die Ideologien unserer Kultur völlig kompromittiert worden. Man würde gerne annehmen, dass sie zu einem bestimmten Zeitpunkt in unserer Geschichte die Beschützer von allem, was wahr, richtig und gut ist, waren. Aber sie sind von der sie umgebenden Korruption selbst unausweichlich korrumpiert worden.
Es gibt also eine politische und eine soziale Freiheit, die behauptet: »Die Wahrheit wird euch frei machen.« Wie sieht das in unserer Gesellschaft aus? Ich bin, wie alle wissen, kein Sozialkritiker, aber ich denke, dass es eine Perspektive gibt, die helfen wird, wenn wir nun ein wenig über diese zeitlichen, irdischen Perspektiven der Freiheit sprechen.
3 Die Dystopien von Huxley und Orwell
Im Jahr 1932 schrieb ein bekennender Atheist namens Aldous Huxley das Buch Brave New World[1], einen dystopischen Roman, der sich mit der Zukunft befasste und davon ausging, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis der Westen vollständig dem Totalitarismus verfallen wäre, d. h. der Herrschaft einer dominanten Macht, in der es nur zwei Klassen gibt: die herrschende Klasse und alle Menschen, die ihr unterworfen sind. In Brave New World schilderte er, wie das Leben dort aussehen würde.
Etwa siebzehn Jahre später schrieb George Orwell, ebenfalls ein überzeugter Atheist, 1984[2], einen weiteren dystopischen Roman, der sich mit der Zukunft befasste. Als ich mich kürzlich mit diesen beiden Romanen beschäftigte, habe ich aus diesen beiden Bildern des Totalitarismus in der Zukunft des Westens ziemlich erstaunliche, vorausschauende Einsichten von zwei Atheisten gewonnen. Totalitäre Herrschaft, sagen beide, ist im Wesentlichen die absolute politisch-soziale Versklavung aller Menschen. Wir sind an das gewöhnt, was man »Chattle-Sklaverei« nennt, eine Form der Sklaverei, wo eine Person eine andere Person besitzt. Politische Sklaverei hingegen ist, wenn der Staat einen jeden seiner Bürger besitzt. Die Auswirkungen dieser unterschiedlichen Arten von Sklaverei auf den Einzelnen sind leider gleich. Wir sind in der amerikanischen Geschichte an einem Punkt angelangt, an dem wir die [alte Form der] Sklaverei hassen. In der Tat haben wir eine massive Bewegung, eine Rassenbewegung, geschaffen, die sich auf die vergangene Sklaverei stützt. Die Menschen erheben sich in hehre Höhen, um die [alte Form der] Sklaverei zu verurteilen, währenddessen sie gleichzeitig bereitwillig Sklaven ihres Staates werden. Am Ende läuft es auf dasselbe hinaus: Jemand besitzt dich und du gibst deine eigene Freiheit auf.
4 Acht Wirkmerkmale des Totalitarismus
Welche Elemente der Gesellschaft und der Politik führen nun zu dieser willigen Art von Staatssklaverei? Unter Berufung auf Orwell und Huxley sagt man, dass der Totalitarismus folgendermaßen aussehen werde. Hier sind die von den Autoren genannten notwendigen Elemente:
Erstens: Man braucht eine ernsthafte Krise. Eine Krise bringt die Freiheit in Gefahr, denn eine Krise erhöht die staatliche Kontrolle. Und je schwerer die Krise ist und je mehr Kontrolle die Regierung erhält, desto mehr Freiheiten verschwinden.
Zweitens: Das Kollektiv ist wichtiger als der Einzelne. Das größere Wohl ist das Wohl der Gesellschaft, nicht das eigene. »Es ist uns egal, was Sie wollen oder was Sie denken, wir müssen die globale Erwärmung stoppen. Ihre Freiheiten sind uns egal, die Dinge, die Sie sich wünschen und die Sie wollen, können Sie nicht sagen; Sie können das nicht glauben; Sie können das nicht tun.« Denn das Kollektiv ist viel wichtiger als der Einzelne. »Der Fortschritt der LGBTQ ist auf sozialer Ebene viel wichtiger für das Wohl der Gesellschaft als alles, was Sie darüber denken.« Das Kollektiv dominiert also das Individuum. Jeder wird in das Kollektiv gezwungen.
Drittens: Man braucht eine Massenpsychose. Man braucht eine Massenpsychose, etwas, das allen Angst macht – wie eine Seuche, wie eine Pandemie, wie Masken -, die eine größere Bedrohung darstellen als die Aufgabe der Freiheit. Die Menschen gaben ihre Freiheiten überstürzt auf, als es eine Bedrohung gab, die eine Massenpsychose auslöste. Halten Sie die Täuschung aufrecht, damit sie weiterhin die Lügen glauben, und Sie eskalieren die Kontrolle.
Viertens: Kontrolle der Informationen. Kontrollieren Sie, was die Menschen hören und was sie deshalb glauben. Die Art und Weise, wie man Informationen kontrolliert, ist die folgende: Man stiftet Verwirrung, sendet alle möglichen unterschiedlichen Signale aus, so dass nichts wirklich klar ist. So schafft man eine Art von akzeptabler Irrationalität, eine Art von Wahnsinn. Man zensiert, was man nicht will; man kontrolliert die Menschen durch Technologie und Medien.
Fünftens: Hedonismus. Das ist ein dominantes Merkmal beider Romane. Lasse alle Arten von Unmoral überall gewähren. Schaffen Sie eine Situation der ungehinderten sexuellen Lust. Lassen Sie die Menschen sich völlig im Vergnügen verlieren, ohne Grenzen für jegliche Art von sexuellem Verhalten. Füllen Sie die Kultur mit Pornografie, denn solange Menschen in ihren sexuellen Gelüsten ungehindert sind, solange sie sich in hedonistischem Vergnügen verlieren, denken sie nicht nach.
Sechstens: Seichte Unterhaltung. Füttern Sie sie mit geistloser, leicht zugänglicher, unwichtiger, ablenkender, pausenlos berieselnder Unterhaltung, damit sie in einer Welt der Fantasie und der emotionalen Stimulation leben, anstatt zu denken.
Siebtens: Drogen. Machen Sie Drogen für jedermann zugänglich. Unter Drogen stehende Menschen und betrunkene Menschen sind harmlos.
Achtens: Spaltung und Isolation. Dies ist entscheidend, wenn man eine ganze Bevölkerung übernehmen will: Man isoliert die Menschen voneinander, [trennt sie innerlich]. Wenn man sie so voneinander isoliert, hat man die Kontrolle über das gültige Narrativ. Man nimmt den Menschen Vergleichsmöglichkeiten und Beispiele für Alternatives weg.
Dies ist es, was sich die Atheisten als Weg zum dystopischen Totalitarismus ausgedacht haben, bei dem die Menschen abgelenkt, betäubt und unter Drogen gesetzt werden und ihre Freiheiten aufgeben.
5 Die größte Gefahr für den Totalitarismus
Was ist nun die größte Bedrohung für diese Entwicklung? Die größte Bedrohung ist ziemlich einfach: Eine andere Autorität als die [totalitaristischen Ideen nachstrebende] Regierung.
Apropos Regierende: Blicken Sie nicht heilsverlangend auf die Politiker, um von ihnen die Lösung des Problems [der staatlich sanktionierten übergriffigen Gängelung des Bürgers] zu erwarten. Sie sind oft nicht Teil der Lösung, sondern eher Teil des Problems. Sie sind die Mächtigen; sie werden das Problem nicht lösen. Ein Nicht-Politiker hat [in unserem Land] versucht, das Problem zu lösen, aber er bekam von der Klasse der Berufspolitiker keine Unterstützung. Man kann sich nicht an sie wenden, um das Problem zu lösen, denn sie sind die Mächtigen; sie sind die Elite, die Machtgierigen, die nur noch mehr Macht wollen.
Was empfinden die Mächtigen als Bedrohung? Eine andere Autorität – zumal eine Autorität, die eine größere Autorität ist, die eine transzendente Autorität ist, die eine ewige Autorität ist und die sich auf den Seiten der Heiligen Schrift klar offenbart hat. Wer ist also ihr größter Feind? Gott. Welches ist das Buch, das sie am meisten fürchten? Die Bibel.
Ich weiß nicht, wie die Freiheit in dieser westlichen Kultur in Zukunft aussehen wird. Aber ich sehe, wie sich das alles entwickelt – und diese beiden Bücher stammen, wie gesagt, aus den 1930er bis 1940er Jahren. Aber wir haben es auf jeden Fall geschafft, alle Kästchen abzuhaken, um Totalitarismus zu schaffen. Und hier sind wir, so edel aufgebracht über die Freiheit, die den Sklaven in der Vergangenheit weggenommen wurde, während wir gleichzeitig – verdummt, dumm, gedankenlos, lüstern – unsere Freiheiten aufgeben und Sklaven des Staates werden. Am Ende ist dies nichts Anderes.
Aber wenn wir von »Die Wahrheit wird euch frei machen« sprechen, versagt die Psychologie. Man spielt nur Gedankenspiele mit sich selbst. Die Philosophie versagt, denn die Wahrheit ist nicht in uns. Es hat keinen Wert, zynisch zu sein und zu glauben, dass die Wahrheit nicht existiere, weil es keine objektive, absolute Wahrheit gebe. Das Bildungssystem an den Universitäten versagt. Die Wissenschaft versagt, weil sie korrumpiert wird. Und wenn die Regierung versagt – und das ist beobachtbar – dann wird von ihr das offizielle Narrativ erzählt, einfach weil sie das Sagen hat. Was immer auch »Die Wahrheit wird euch frei machen« bedeutet, es hat nichts mit den Dingen zu tun, über die ich bisher gesprochen habe, denn diese sind alle mehr oder weniger korrumpiert worden. Wir sprechen über etwas anderes.
Schlagen Sie also Ihre Bibel in Johannes 8 auf. Ich weiß nicht, wie die zukünftige Politik aussehen wird. Es ist ziemlich klar, dass wir in Richtung Totalitarismus gehen – wir steuern auf Gedankenkontrolle zu, wir steuern auf Zensur zu, wir steuern auf Unmoral in einem Ausmaß zu, wie wir es noch nie gesehen haben, wo Gesetze gemacht werden, um die Unmoralischen zu schützen und diejenigen zu bestrafen, die moralisch sind. All diese Dinge sind inzwischen Realität geworden. Es ist also ziemlich klar, dass wir uns auf den Weg des Totalitarismus begeben haben, der natürlich auch schon in der Vergangenheit ausprobiert wurde und unausweichlich in einer Katastrophe endete: Stets wurden auf diesem Weg Millionen von Menschen getötet, weil die Menschen, die sich der totalitären Macht widersetzten, umkamen. Das ist geschichtliche Tatsache.
[1] Aldous Huxley: Brave New World. New York, NY: Harper & Row, 1946. First Perennial Library Edition, 1969. Rezension: Schöne Neue Welt (?) von Grace@logikos.club mit Angabe und Analyse der Merkmale und Ideen der Brave New World (BNW)
[2] George Orwell: 1984. New York, NY: Harper & Row, 1946.
Bildquelle Titelbild: »These words of Jesus are inscribed in marble on a wall at CIA headquarters in Langley, Virginia: “And you shall know the truth and the truth shall make you free” (John 8:32). Photo: Public domain.«
In 1Timotheus 4,13 sagt Paulus zu Timotheus: »Bis ich komme, halte an mit dem Vorlesen, mit dem Ermahnen, mit dem Lehren.« Beachten Sie, dass die Worte der Heiligen Schrift laut gesprochen (»Vorlesen«) werden, die Menschen werden aufgefordert, dem Wort Gottes zu gehorchen (»Ermahnen«), und die Wahrheit des Textes wird sorgfältig und gründlich erklärt (»Lehren«). Dies sind die Kernelemente einer guten Auslegungspredigt.
Es ist bezeichnend, dass die Heilige Schrift den Predigern stets die gleichen Anweisungen gibt: Sie sollen das gewisse Wort Gottes predigen – und nichts anderes: nicht unsere Meinungen, Popkultur, politische Agenden, Träume, persönliche Visionen oder andere spekulative Vorstellungen. Sie sollen die Schrift treu verkündigen (2Timotheus 4,2), ob dies leicht oder schwer ist, ob die Menschen begeistert reagieren oder auch nicht. Die Bibel ist die einzige Botschaft, die wir im Namen Christi verkünden dürfen. Alles andere ist Verrat an der der hohen Berufung des Predigers.
Wenn man eine Predigt damit beginnt, dass man die Versammelten dazu auffordert, in ihrer Bibel ein bestimmtes Kapitel und einen bestimmten Vers aufzuschlagen, dann muss man bei diesem Abschnitt bleiben, bis man gründlich erklärt hat, was der Sinn dieses Bibeltextes ist. Der Prediger muss den Text sprechen lassen, ohne zu versuchen, ihn abzuschwächen oder dessen Autorität unter dem Deckmantel der sog. politischen Korrektheit abzuschwächen. Man sollte auch nie versuchen, die Bibel an die eigenen, mitgebrachten Vorstellungen anzupassen. Niemals sollte man eine Bibelstelle auf Kosten ihrer wahren Bedeutung »auszulegen« [oder »anzuwenden«].
Ich schäme mich, es zuzugeben, aber die erste Predigt, die ich je gehalten hatte, war ein trauriges Beispiel dafür, was man mit der Schrift nicht machen darf. Ich bin so froh, dass es davon keine Aufzeichnung gibt. Mein Text war: »Und siehe, … ein Engel des Herrn kam aus dem Himmel herab und … wälzte den Stein weg« aus Matthäus 28,2. Ich gab meiner Predigt den Titel: »Die Steine in deinem Leben wegrollen«. Ich sprach über den Stein des Zweifels, den Stein der Angst und den Stein des Zorns. Zweifel, Angst und Zorn sind alles legitime Themen, aber sie haben nichts mit diesem Vers zu tun! Ich erschaudere, wenn ich daran zurückdenke. Aber ich erschaudere auch heute noch, wenn ich höre, wie Prediger ihren Text auf ähnliche Weise behandeln. Traurigerweise ist diese Art des Predigens so üblich geworden, dass der normale Kirchgänger (Gottesdienstbesucher) inzwischen meint, dass eine Predigt genau so aussehen sollte.
Die evangelikalen [dem Wort Gottes verpflichtete] Christen haben nun jahrzehntelang solches Predigen begrüßt und gefördert. Die große Mehrheit der heutigen Predigten ist so oberflächlich, dass es den Anschein hat, der Prediger wolle wohl vermeiden, irgend etwas etwas in Frage zu stellen, was seine Zuhörer bisher glaubten. Und besonders verblüffend ist, wie schnell Prediger sich von ihrem Bibeltext abwenden und sich Geschichten und Geschichtchen, Allegorien, weit hergeholten Anwendungen und schlimmerem Unsinn zuwenden. (Das muss man natürlich tun, wenn man entschlossen ist, allen Wahrheiten der Schrift aus dem Weg zu gehen, die mit den Werten und Glaubenssystemen unserer Kultur im Widerspruch stehen könnten.)
Einer der beunruhigendsten Trends auf den Kanzeln heute ist die beliebte Praxis der Personalisierung und der Überkontextualisierung der Schrift, so dass jeder Text letztlich vom Prediger selbst handelt. Wenn er die Geschichte von David und Goliath behandelt, wird er sie veranschaulichen, indem er berichtet, wie er in seinem eigenen Leben ein Goliath-großes, bedrohliches Problem siegreich überwunden hat. Wenn er über Mose und dessen Konfrontation mit dem Pharao lehrt, wird er eine Geschichte über einen symbolischen Pharao, den er überlebt und besiegt hat, erzählen. Mein Vater pflegte zu sagen: »Hüte dich vor Predigern, die stets der Held ihrer eigenen Illustrationen sind!« Wir müssen heute vor jenen Narzissten warnen, die sich selbst zum Subjekt jedes biblischen Textes machen wollen.
Bleibe dem Text treu. Es ist schließlich das Wort Gottes und nicht ein Drehbuch für Menschen, das sie überarbeiten und mit dem sie sich amüsieren könnten. Mit Paulus gesagt: »Denn wir verfälschen nicht, wie die Vielen, das Wort Gottes, sondern als aus Lauterkeit, sondern als aus Gott, vor Gott, reden wir in Christus.« (2Kor 2,17). Das Wort, das hier mit »verfälschen« übersetzt wird, ist im Urtext das Verb kapēleuō (»verschachern«), eine Ableitung von kapēlos , dem griechischen Wort für »Krämer«. Es hat eine klare Konnotation von Unaufrichtigkeit und Betrug [aus Geldgier]. Es bezeichnet einen zwielichtigen Verkäufer von minderwertigen Waren, der nur darauf aus ist, schnellen Profit zu machen.
Kein Prediger, der Christus wirklich liebt, möchte das kirchliche Äquivalent eines Schlangenölverkäufers (Quacksalbers) sein. Aber seien wir ehrlich: Die Neigungen unseres gefallenen Fleisches machen auch uns anfällig dazu, nachlässig, oberflächlich, unaufmerksam und faul im vorbereitenden Schriftstudium zu sein. Die harten Anforderungen des Lebens und des Dienstes verleitet uns dazu, Abkürzungen zu nehmen, die wir nie nehmen sollten. Wir müssen diese Neigungen im Ansatz töten, müssen beständig fleißig bleiben und uns daran erinnern, dass wir es mit dem Wort Gottes zu tun haben. Uns bleibt keine Entschuldigung, wenn wir es nicht mit äußerster Sorgfalt behandeln.
Quelle: Auszug aus: John MacArthur: The Preacher And His Bible (Der Prediger und seine Bibel), in: Expositor Magazine, Nr. 6 (Jul/Aug 2015) vom 20.07.2015, S. 14–15. (Eigene Übersetzung)
Die Theologie des Menschen bestimmt seine Philosophie des Menschen, die wiederum seine politische Philosophie hervorbringt. Daraus entwickelt sich die Politik einer Nation, aus der sich das Wirtschaftssystem entwickelt. […]
Die natürliche Folge des humanistischen Menschenbildes kann nur eine kontrollierte und reglementierte Gesellschaft sein: Sozialismus, Faschismus, Kommunismus oder der Wohlfahrtsstaat, der sich nicht im Wesen, sondern nur im Grad unterscheidet.
Th. G. Rose
Thomas Gordon Rose (1928–2014)
U.S. Navy Veteran, ehem. Wirtschaftsprofessor am Grove City College, PA (USA), Autor von 7 Büchern und Hunderten von Artikeln zu wirtschaftlichen und politischen Themen
Nur wer Frieden mit Gott hat, der ist wirklich frei
Freiheit haben wir nur, wenn wir im Einklang mit unserem Ursprung leben, wenn wir also im Frieden mit Gott sind.
Helmut Thielicke (1908–1986) – deutscher evangelischer Theologe
Freimachen kann nur die Wahrheit in Person: Jesus Christus
Jesus sprach nun zu den Juden, die ihm geglaubt hatten: Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wahrhaft meine Jünger; und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. … Wenn nun der Sohn euch frei macht, werdet ihr wirklich frei sein.
Jesus Christus, Sohn Gottes (Johannesevangelium 8:31–32.36)
Für viele Menschen, egal, ob sie sich als Christen sehen oder nicht, ist die Aussage: »Gott ist Liebe.« Anfang und auch Ende ihrer Theologie. Für Heiligkeit, Zorn, Rache oder Strafe ist in diesem Gottesbild kein Platz. Entspricht dies aber der Selbstoffenbarung des einen, wahren Gottes in Seinem Wort, oder ist dies ein selbstgemachter „Gott“ (a.k.a. Götze)?
Bibelleser wissen, dass Gottes Zorn eine unverzichtbare Wirkung Seines heiligen Wesens und Seiner Retternatur ist. Ohne Gottes Zorn wäre seine Liebe nicht vollkommen. Und das ist undenkbar. Der amerikanische Theologe A. W. Tozer hat das im vergangenen Jahrhundert gut erfasst und beschrieben:
Da es Gott im Blick auf seine Welt in erster Linie um deren Übereinstimmung mit seiner Lebensordnung, das heißt um Heiligkeit, geht, zieht alles, was im Gegensatz dazu steht, sein ewiges Missfallen auf sich.
Um seine Schöpfung zu erhalten, muss Gott alles zunichte machen, was diese zerstören würde. Wenn er sich erhebt, um der Sünde entgegenzutreten und die Welt vor einem nicht wiedergutzumachenden Zusammenbruch zu retten, dann wird er in der Bibel als zornig beschrieben. Jedes Zorngericht in der Weltgeschichte stellt einen heiligen Akt der Erhaltung dar. Die Heiligkeit Gottes, der Zorn Gottes und das Wohl der Schöpfung sind unzertrennbar vereint. Gottes Zorn ist seine völlige Unduldsamkeit allem gegenüber, was verdirbt und zerstört. Er hasst die Sünde, wie eine Mutter die Krankheit hasst, die das Leben ihres Kindes bedroht.
Aiden Wilson Tozer (1897–1963), Das Wesen Gottes – Eigenschaften Gottes und ihre Bedeutung für das Glaubensleben (Neuhausen-Stuttgart: Hänssler, 1996), S. 124–125.
Der amerikanische Prediger und Theologe Steve Lawson (*1951) schreibt in seinem exzellenten Buch über die Herrlichkeit und Vollkommenheiten Gottes am Ende auch ein Kapitel über den Zorn Gottes. Hier ein Auszug:
Manche Menschen sprechen so entschuldigend vom Zorn Gottes, als ob dieser die »dunkle Seite« Gottes wäre. Aber die Bibel sagt, »dass Gott Licht ist und gar keine Finsternis in ihm ist« (1Joh 1:5). Sind wir uns also darin völlig klar: Es gibt keine dunkle Seite Gottes. Er ist ganz und völlig Licht. Jede Eigenschaft Gottes ist absolut rein und völliges Licht, einschließlich dem Zorn Gottes.
Die Heiligkeit Gottes verlangt, dass er durch die Sünde erzürnt wird. Der göttliche Zorn ist die notwendige Reaktion seiner moralischen Reinheit auf jeden und alles, was sein Gesetz bricht. Gott ist makellos, ohne jeden moralischen Makel, und er muss voll heiligen Zornes gegen jede Sünde sein. Er kann nicht gleichgültig gegenüber irgendeiner Ungerechtigkeit sein. Gott empfindet eine tiefe Empörung gegen alles Unheilige. Das gilt nicht nur für die Sünde, sondern auch für den Sünder. Der göttliche Zorn muss sich gegen alles richten, was nicht mit seiner moralischen Vollkommenheit übereinstimmt. Sonst würde Gott aufhören, vollkommen heilig zu sein.
Der Apostel Paulus schreibt: »Denn Gottes Zorn wird vom Himmel her offenbart über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit in Ungerechtigkeit besitzen [o. niederhalten, unterdrücken]« (Röm 1:18). Das Wort »Zorn« (griech. orgē ) steht für die [im Strafgericht] entflammte Wut Gottes über die Sündhaftigkeit der Menschen. Dieses griechische Wort ist als »Orgie« in unsere Sprache eingegangen und beschreibt da die hitzigen, fleischlichen Gelüste unzüchtiger, unmoralischer Partys. Der übergreifende Gedanke, den dieses Wort hier jedoch ausdrückt, ist die Leidenschaft, die intensive, »schwer atmende« Reaktion des heiligen Gottes auf die Sündhaftigkeit des Menschen. Gott ist mit brennender Leidenschaft gegen alles entflammt, was nicht mit seiner eigenen vollkommenen Heiligkeit übereinstimmt.
Paulus betont dasselbe: »Nach deinem Starrsinn und deinem unbußfertigen Herzen aber häufst du dir selbst Zorn auf am Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichts Gottes« (Röm 2:5). Der »Tag des Zorns« ist eine Anspielung auf den Jüngsten Tag, an dem Gott alle offenen Rechnungen begleichen wird. Die Unbekehrten häufen Zorn auf Zorn an, der schließlich von Gott entfesselt werden wird. Sie werden an jenem Tag von einer sintflutartigen Flut des göttlichen Zorns gegen sie überrollt werden. Da Gott vollkommen gut ist, ist es von entscheidender Bedeutung, dass Er jede Verfehlung in der ewigen Hölle bestraft. Der Zorn Gottes ist das notwendige Gegenstück zu Gottes vollkommener Heiligkeit.
Lawson, Steven J., Show Me Your Glory. Understanding the Majestic Splendor of God. (Sanford, FL: Reformation Trust Publishing [Ligonier Ministries], 2020). Zitiert nach: Show Me Your Glory. Kindle-Version (Sanford, FL: Reformation Trust Publishing), Kindle-Positionen 3065-3081. (eigene Übersetzung; grace@logikos.club)
Weiterführende Literatur – Eine Leseempfehlung
Thomas Chalmers (1780–1847)
»Thomas Chalmers war Pastor in Glasgow und Theologieprofessor an der Universität Edinburgh. Er wirkte 1843 maßgeblich an der Gründung der schottischen Freikirche mit, nachdem er aus der Kirche von Schottland ausgetreten war, weil sich in der Staatskirche der Unglaube einschlich.« Er schrieb in einer seiner besten Predigten über den Zorn Gottes und wie dieser in der gegenwärtigen Zeit der Gnade noch zurückgehalten wird, um letztlich im Gericht über alle unbußfertigen Sünder ungehemmt über sie auszubrechen. Die gegenwärtige Zeit ist gekennzeichnet von der Retterliebe Gottes, die alle Menschen ohne Unterschied einlädt und auffordert, zum Retter der Welt, Jesus Christus, umzukehren (d. h. Buße zu tun im Bekennen, Lassen und Hassen der Sünde) und an Ihn zu glauben für Zeit und Ewigkeit.
Den Abdruck des hier thematisch relevanten Teils dieser Predigt finden man übersetzt in: John MacArthur, Die Liebe Gottes. Einblicke in Gottes untergründliches Wesen und Handeln (5. Aufl., Augustdorf: Betanien, 2018), Anhang 1, S. 177–196. Orig.: The God Who Loves (Nashville, TN: Word Publishing, 2001). – Das genannte Buch von MacArthur ist in Gänze lesenswert und äußerst hilfreich, um das Thema des Zornes Gottes biblisch fundiert zu verstehen und richtig einordnen zu können. Dies ist heute, wo eine verschobene, schräge und unvollständige Darstellung üblich geworden ist, um so wichtiger (s. Todd M. Brenneman, Homespun Gospel: The Triumph of Sentimentality in Contemporary American Evangelicalism (Oxford: University Press, 2013).
John F. MacArthur (*1939) und Richard L. Mayhue
John MacArthur und Richard Mayhue haben eine hervorragende systematische Theologie geschrieben, die besonders auch für Nicht-Theologen lesbar ist: Biblische Lehre: Eine systematische Zusammenfassung biblischer Wahrheit (2. Aufl., Berlin: EBTC, 2020. Rezension), 1360 Seiten. Orig.: Biblical Doctrine: A Systematic Summary of Bible Truth (Wheaton, IL: Crossway, 2017), 1024 Seiten.
Die Frage des Zornes Gottes und wie man diesem entgeht durch das im Evangelium dargestellte Heilswerk Gottes wird vertiefend in folgenden Abschnitten besprochen: »Sünde (propitiatio[n])«, S. 699–703 und »Die Hölle«, S. 1110–1115. Als Kurzdefinition wird »Zorn Gottes« so erklärt: »Gottes Missfallen und Hass gegenüber allem Bösen, zusammen mit seiner Absicht, es zu strafen.« (S. 1246). – Selbstverständlich ist es didaktisch sinnvoller, dem Text der Biblischen Lehre von Beginn an zu folgen, um die Grundlagen und Zusammenhänge besser zu erfassen.