Die angebliche Sensation des Ken Wilson

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Lesedauer: 15 Minuten.

Eine Rezension von: War Augustinus der erste Calvinist?

Vor einiger Zeit wurden Nachrichten und Vorträge verbreitet, dass ein gewisser Ken Wilson eine Sensation entdeckt hätte, nämlich dass der Kirchenvater Augustinus der erste „Calvinist“ gewesen sei. Eine deutsche Kurzfassung der „bahnbrechenden Dissertation“ von Wilson (2012 in Oxford), die im Jahr 2018 veröffentlich wurde, trägt tatsächlich den Titel: „War Augustinus der erste Calvinist?“ (CMV-Hagedorn, Pb., ca. 156 Seiten, ISBN: 978-3-96190-062-6). Die Doktorarbeit lautet hingegen inhaltlich anders: „Augustine’s Conversion from Traditional Free Choice to “Non-free Free Will“: A Comprehensive Methodology“ (Tübingen: Mohr Siebeck, 2018, 388 Seiten, ISBN 978-3-16-155753-8). Es ist also zu vermuten, dass mit der deutschen Ausgabe tatsächlich eher reißerische Zwecke verfolgt werden, als denn seriöse und aufklärende.

Leider hat der Schweizer Musik- und Bibellehrer Roger Liebi das Vorwort der CMV-Ausgabe geschrieben und aktiv Werbung für dieses Buch gemacht (Liebi leugnet auch die Erwählungslehre der Bibel).

Autor: Kenneth M. Wilson wurde 1956 geboren. 1981 wurde er Doktor der Medizin (!) an The University of Texas Medical School. 1989–95 war er Assistant Professor of Orthopaedic Surgery an der Oregon Health Sciences University. 2003 errang er den Titel Master of Divinity, 2006 den Titel Master of Theology und 2012 den Titel D. Phil. in Theologie von der University of Oxford. Gegenwärtig ist er ein zertifizierter Orthopaedic Hand Surgeon in Salem, Oregon und zugleich Professor für Kirchengeschichte und Systematische Theologie an der Grace School of Theology in The Woodlands, Texas, der Ausbildungsstätte einer christlichen Sondergruppe (Glaubensbekenntnis; bemerkenswert ist folgende schriftwidrige Behauptung dieser Bibelschule in ihrem Doctrinal Statement: »Initial faith resulting in justification and regeneration is not a gift of God.«).

Inhalt: Diskussion und Beurteilung der Behauptungen der Doktorarbeit von Ken Wilson findet sich an mancher Stelle. Eine davon fertigt(e) Mario Tafferner an (Abdruck auf Evangelium 21), eine tiefergehendere Chris Whisonant (hier veröffentlicht). Beide sind sehr lesenswert. Die Inhaltsangabe der Analyse von Whisonant mit kurzen Zusammenfassungen wird unten abgedruckt. Die Überschriften enthalten Links zu den vollen Artikeln. Vorsicht: das zugrundeliegende Studium ist nichts für Anfänger.

Allerdings könnte selbst ein Laie mit etwas Bildung erkennen, dass Augustinus (354–430) rein zeitlich niemals ein „Anhänger Calvins“ (1509–1564) oder dessen Lehren gewesen sein konnte. Ob diese Behauptung Geschichtsklitterung, Dummheit oder Effekthascherei ist, mag jeder selbst beurteilen. Man beachte auch folgende zwei Tatsachen:

(1) Gegen eine Erstentdeckung mit entsprechender Sensation seitens Ken Wilson (wie es die reisserische Bewerbung des Buches erwarten lässt) spricht jedenfalls, dass schon vor Kenneth Wilsons Veröffentlichung (2018) wissenschaftlich und ausführlich nachgewiesen worden war, dass Augustinus die „Lehren der Gnade“ vertrat, z. B. im Rahmen der Doktorarbeit von C. Matthew McMahon, Augustine’s Calvinism: The Doctrines of Grace in Augustine’s Writings, die bereits 2012 veröffentlicht wurde.

(2) Dass Augustinus der erste „Calvinist“ gewesen sei, die Kirchenväter vor ihm die Inhalte und Lehren der „Fünf Punkte des Calvinismus“ also noch nicht gelehrt hätten, muss anhand der Quellenlage zurückgewiesen werden (s. z. B. Artikel: Calvinism in the Early Church. The Doctrines of Grace Taught by the Early Church Fathers). Eine umfassende Arbeit mit Originalzitaten von den älteren Kirchenvätern hat bereits der Theologe und Sprachgelehrte John Gill vorgelegt (The Cause of God and Truth, 4. Band, 1738).

Man sollte sich aufgrund der Tatsachen wohl eher zu folgender Aussage reduzieren, wie sie McMahon in der Einleitung seiner Ausarbeitung trifft (op cit): „Der heilige Augustinus war ein Calvinist und Johannes Calvin war ein Augustiner. Das heißt, sowohl Augustinus als auch Calvin hielten sich an das Evangelium von Jesus Christus, das in der Bibel zu finden ist, obwohl sie über ein Jahrtausend auseinander lebten“ (weiter erhellende Fortsetzung des Zitats s. unten).

Fazit: Nach Einschätzung von Kennern der Materie ist zu befürchten, dass sich am Ende der 388 Seiten (des Originals) die Sensation des Ken Wilson als lahme Ente erweist, oder – wie der alte Goethe es sagen würde–: „Getretener Quark wird breit, nicht stark.“ (Westöstlicher Divan, 1819/1827).

Einige begriffliche Vorbemerkungen

In der folgenden Diskussion werden einige Begriffe in einer spezifisch nordamerikanischen soteriologischen Debatte verwendet. Wir stellen daher eine Kurzdefinition dieser Begriffe dem Beitrag von Chris Whisonant voran.

Libertarian Free Will (libertarischer freier Wille): Die Auffassung, dass der Mensch bei einer Entscheidung unter denselben Voraussetzungen tatsächlich auch (entgegengesetzt) anders handeln könnte. Auf die Bekehrung bezogen bedeutet dies, dass der Mensch dem Ruf des Evangeliums zustimmen oder ihn ablehnen kann, ohne dass seine Entscheidung durch Gottes souveränen Ratschluss oder eine vorausgehende wirksame Gnade determiniert ist.

Dabei ist eine wichtige Unterscheidung zu beachten: »Libertärer freier Wille« bedeutet nicht einfach, dass der Mensch einen Willen besitzt oder freiwillig entscheidet. Auch Augustinus, Luther, Calvin und die reformierte Theologie sprechen von einem wirklichen menschlichen Willen und von freiwilligem menschlichem Handeln. Der entscheidende Streitpunkt ist vielmehr, ob der gefallene Mensch hinsichtlich des Heils die moralische Fähigkeit besitzt, unter denselben Bedingungen entweder zu glauben oder nicht zu glauben. Die augustinisch-reformierte Position bestreitet nicht das menschliche Wollen und Entscheiden, wohl aber, dass der gefallene Mensch aus eigener moralischer Fähigkeit heraus Christus erwählen kann.

Traditionalism (»Traditionalismus«): Bezeichnung für eine vor allem im Umfeld der Southern Baptists vertretene nichtcalvinistische Heilslehre. Sie betont die Verantwortlichkeit und Entscheidungsfähigkeit des Menschen und lehnt insbesondere die calvinistische Lehre von der völligen Unfähigkeit des gefallenen Menschen, der bedingungslosen Erwählung und der unwiderstehlichen Gnade ab. »Traditionell« bedeutet hier also nicht, dass diese Position die traditionelle Lehre der gesamten Kirchengeschichte darstelle.

Provisionism (»Provisionismus«): Eine neuere Bezeichnung für diese soteriologische Position, besonders verbunden mit Leighton Flowers. Der Name betont, dass Gott in Christus die zum Heil notwendige Vorsorge (provision) für alle Menschen getroffen habe und das Evangelium jedem Menschen eine echte Möglichkeit zum Glauben eröffne. Eine vorgängige unwiderstehliche Wiedergeburt durch den souverän handelnden Heiligen Geist (Johannes 3,5.8) sei daher nicht erforderlich.

Provisionist: Ein Vertreter des Provisionismus. Im vorliegenden Text werden »Provisionist« und »Traditionalist« weitgehend für dieselbe nichtcalvinistische (anti-calvinistische) Position verwendet.

Zum Verständnis der Kontroverse ist wichtig: Die Gegenseite ist die augustinisch-reformierte bzw. calvinistische Soteriologie, nach der der gefallene Mensch zwar verantwortlich handelt, aufgrund seiner sündigen Natur aber nicht aus eigener moralischer Fähigkeit zu Christus kommen wird. Rettender Glaube setzt deshalb das wirksame Handeln der Gnade Gottes voraus.

Chris Whisonant: Auseinandersetzung mit Ken Wilsons Werk – Inhaltsübersicht

»Nachfolgend findet sich eine Inhaltsübersicht mit allen Beiträgen meiner gegenwärtigen Artikelserie. Ich verlinke jeweils auf den betreffenden Beitrag und gebe eine kurze Zusammenfassung seiner Argumentation, in der Regel eine Zusammenfassung des jeweiligen Fazits.

Teil 1 – Clemens und der freie Wille

Dr. Wilson argumentiert, aus der Tatsache, dass Clemens die Gläubigen in Korinth zu guten Werken aufrief, müsse sich als implizite logische Konsequenz zwingend ein libertarischer freier Wille ergeben. Wenn dies bereits aufgrund einer Schlussfolgerung so eindeutig sein soll – was ist dann mit den ausdrücklichen Aussagen über Gottes Willen im Zusammenhang mit unserer Berufung, Rechtfertigung und der Öffnung der Augen unseres Herzens, die erkennen lassen, dass Clemens die Gläubigen als von Gott vorherbestimmt und erwählt verstand?

Wenn man einfach den tatsächlichen Text des Clemens betrachtet, findet sich weit mehr Material, das zeigt, dass er hinsichtlich des Heilsratschlusses Gottes die traditionelle [biblische] Auffassung von Erwählung vertrat.

Teil 2 – Augustinus, das Jahr 412 und die Erbsünde

Als Augustinus davon hörte, Säuglinge sollten nicht zur Vergebung der Erbsünde getauft werden, sondern lediglich zu ihrer Heiligung, erkannte er darin etwas, das nicht zu dem gehörte, was er als den durch die Jahrhunderte überlieferten christlichen Glauben verstand.

Nach seinem Verständnis hatte die Kirche »mit größter Beständigkeit bewahrt«, dass Kinder Sünder seien, weil sie die Erbsünde Adams geerbt hätten. Sein unmittelbares Argument lautete deshalb, dass die Kirche dieser neuartigen Lehre des Pelagius entgegenstehe und dass Säuglinge von jeher getauft werden sollten, um sie von ihrer Sünde zu reinigen.

Wenn es also eine Seite gab, die Augustinus als »traditionell« verstanden hätte, dann war es jene von der Kirche bewahrte Auffassung, wonach die von Adam übertragene Erbsünde bei Säuglingen abgewaschen werden müsse, damit sie rein und frei von Sünde seien – bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie selbst persönliche Sünde begingen.

Teil 3 – Einige frühere Äußerungen Augustins zur Erbsünde

Augustinus sprach bereits sehr früh in seinem christlichen Leben, nämlich im Jahr 393, von einer durch die Sünde des ersten Menschen ererbten sündigen Natur. Im Jahr 401 sehen wir ihn dann über die Notwendigkeit der Sündenvergebung durch die Taufe von Säuglingen sprechen. Diese Sündenvergebung sollte sie von den Sünden des alten Menschen erneuern.

Augustinus sagte damit tatsächlich etwas, was ein Vertreter der sogenannten »traditionellen« Position nicht sagen könnte, ohne seinen eigenen Schriften zu widersprechen. Könnte etwa ein Provisionist sagen, dass »durch die Sünde Adams die Gewohnheit zu sündigen infolge der sterblichen Zeugung zu einer Natur des Sündigens geworden ist«?

Das ist die Sprache Augustins, bevor er ausdrücklich umfangreiche Abhandlungen über die Erbsünde verfasste.

Teil 4 – Athanasius und die Erbsünde

Athanasius sprach davon, dass der Tod seinen Ursprung in Adam habe, von einem Fluch der Sünde und davon, dass der Tod durch die Wiedergeburt von oben und die Lebendigmachung in Christus beseitigt werde.

Zumindest zeigt Athanasius damit, dass die Kirche bereits vor Augustinus in einer Weise sprach, die weit weniger »traditionell« klingt, als es einem Provisionisten lieb sein dürfte.

Teil 5 – Mit gleichem Maß messen

Wilson hat außerdem behauptet, die biblischen Aufforderungen zur Umkehr oder zum Erwachen müssten bedeuten, dass der Mensch in sich selbst die Fähigkeit besitze, dieser Aufforderung nachzukommen.

In diesem Beitrag sehen wir eine ähnliche Aussage bei Mani, wo jemand aufgefordert wird, aufzuwachen. Der »Traditionalist« würde entsprechende Aussagen in der Schrift so verstehen, dass der Mensch selbst die moralische Fähigkeit besitzt, dem Ruf Folge zu leisten und aufzuwachen; derselbe Mensch wird jedoch in eine entsprechende Aussage Manis irgendeine Form des Determinismus hineinlesen.

Ich möchte nachdrücklich dafür plädieren, dass wir hinsichtlich der Art und Weise, wie wir aufgrund unserer Vorannahmen Texte interpretieren, konsequent bleiben.

Ich versuche keineswegs, Manis Aussage zu verteidigen – wie wir gesehen haben, sprach er beim Erlöser nicht einmal vom Christus der Bibel, sondern von Zarathustra! Worauf ich jedoch hinauswill, ist die Frage, ob Sie tatsächlich dieselben Kriterien anwenden, wenn Sie bei den frühen Kirchenvätern einen traditionellen libertarischen freien Willen herauslesen, bei Manis Aussagen jedoch nicht.

Teil 6 – Die Tiefen von Augustins Manichäismus

Dieser grundlegende Bestandteil des »Glaubens« – ein als Zarathustra bezeichneter »Erlöser«, den Wilson mit Christus gleichsetzte, der den Menschen befiehlt, aus ihrem Schlaf zu erwachen, und ihnen zugleich die Gnade gibt, überhaupt erwachen zu können – soll nach Wilson von Augustinus gebilligt und anschließend von ihm gleichsam heimlich in das Christentum eingeschleust worden sein.

Dabei wird jedoch nicht berücksichtigt, dass Augustinus ausdrücklich erklärte, er selbst habe den »Glauben«, den er als Manichäer besessen hatte, verworfen. Zu diesem »Glauben« gehörten zweifellos auch solche nichtkatholischen Überzeugungen wie Astrologie, der falsche Gott sowie Zarathustra als Erlöser im Manichäismus.

Teil 7 – Was wäre, wenn wir die Sterne neu schreiben?

Klingt es nach der Lektüre dieses Beitrags wirklich so, als hätte Augustinus in den Jahren 388 und 398 – ebenso wie 393 und 397, aus denen weiter unten Zitate angeführt werden – noch immer unter dem Einfluss einer stoischen, von den Sternen gelenkten Vorsehung gestanden, obwohl er ausdrücklich bestritt, dass die Sterne irgendeinen Einfluss auf die Geburt eines Menschen hätten?

Wie Augustinus in den Bekenntnissen (Confessiones) selbst erklärte, hatte er bereits im Jahr 386 jede Form astrologischen Determinismus aufgegeben – und das sogar noch vor seiner Bekehrung!

Wenn Augustinus die Behauptungen Wilsons unmittelbar und ausdrücklich verneint, muss man sich fragen, warum Dr. Wilson Augustinus so behandelt, wie er es tut. In seinen Schriften aus den Jahren 388–401 wies Augustinus jede Behauptung kategorisch zurück, er habe weiterhin die Himmelskörper verehrt.

Teil 8 – Das Konzil von Karthago

Wie dieser Beitrag zeigt, halten Dr. Wilsons Aussagen über das Konzil von Karthago einer Überprüfung anhand des tatsächlichen Dokuments nicht stand.

Die Konzilsväter waren tatsächlich der Auffassung, dass die universale Kirche Säuglinge taufte und dass diese Taufe dazu diente, jene Sünde zu vergeben, die infolge ihrer Abstammung von Adam in ihnen vorhanden war.

Teil 9 – Augustins Schweigen brechen

Selbst wenn wir Ad Simplicianum außer Betracht lassen, können wir erkennen, dass Augustinus in den zehn Jahren um die Abfassung dieses Werkes eine ganz ähnliche Sprache verwendete. Wir sehen, dass jene Ausdrucksweise in Ad Simplicianum, von der Dr. Wilson selbst eingeräumt hat, dass sie nicht der von ihm behaupteten »traditionellen« Position entspricht, durch weitere nichttraditionelle Aussagen in anderen Werken aus demselben Zeitraum bestätigt wird. Die oben von mir angeführten Zitate sind dabei keineswegs vollständig.

Wenn Augustinus im Jahr 396 tatsächlich das glaubte, was er in Ad Simplicianum schrieb, dann fällt Wilsons gesamte These wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Dr. Wilson hat dieses Kartenhaus jedoch auf eine einzige Karte ganz unten gebaut, die als vermeintlich festes Fundament dieses wackeligen Gebäudes dienen soll. Diese eine Karte besteht in der Tatsache, dass sich das Wort reatus vor dem Jahr 412 nirgends nachweisen lässt. Daraus wird geschlossen, dass niemand geglaubt habe, mit der Erbsünde sei eine verdammungswürdige Schuld verbunden.

Ich habe jedoch gerade eindeutig gezeigt, dass Augustinus zumindest im Jahr 401 sehr wohl an eine ererbte Schuld aufgrund der Erbsünde glaubte – und zwar in einem solchen Sinn, dass er die Taufe von Kindern für notwendig hielt, um sie zu reinigen und wiederzugebären.

Teil 10 – Über die Größe der Seele

Wenn man Augustins eigene Worte liest, scheint er sich wiederum in einer Weise auszudrücken, die nicht der von Wilson behaupteten »traditionellen« Position entspricht.

Ich frage daher erneut ganz einfach: Handelt es sich bei den Aussagen Augustins in diesem Werk um Aussagen, denen Provisionisten zustimmen könnten?

Können sie sagen, dass der Mensch ohne Gottes Hilfe nicht einmal mit der Erneuerung seines Geistes beginnen, geschweige denn sie vollenden kann? Können sie sagen, dass unser Gebrauch des freien Willens »keinen Teil der göttlichen Ordnung und des göttlichen Gesetzes stört«?

Das sind ernsthafte Fragen, die einen erheblichen Teil der These Dr. Wilsons untergraben.

Teil 11 – Psalm 51 und die Erbsünde

Nachdem Sie selbst einige Texte Augustins gelesen haben, dürfte deutlich geworden sein, dass seine Auffassung alles andere als Wilsonscher »Traditionalismus« ist.

Wie ich gezeigt habe, sagt Augustinus nicht nur, dass Kinder schuldig geboren werden – ihnen also Unschuld fehlt –, sondern darüber hinaus, dass sie bereits unter einer Strafe geboren werden. Deshalb benötigen sie das Bad der Wiedergeburt in der Taufe.

Schuldige Menschen – in diesem Fall Säuglinge –, die der Wiedergeburt bedürfen, würden nach Augustins Verständnis des katholischen Glaubens der Strafe der Verdammnis entgegengehen.

Teil 12 – Psalm 51 und die Konkupiszenz

[Konkupiszenz bezeichnet in der christlichen Theologie die durch den Sündenfall bedingte, im Menschen wirkende ungeordnete Begierde und Neigung zur Sünde. A.d.Ü.]

Auch dieser Beitrag zeigt die außerordentliche Voreingenommenheit, mit der Wilson Augustinus liest und beurteilt.

Als überzeugter protestantischer Baptist des 21. Jahrhunderts begann ich 2017 mit der Lektüre Augustins, ohne dabei eine bestimmte Agenda zu verfolgen. Mir war klar, dass Augustinus vieles geschrieben haben würde, dem ich zustimmen könnte, und ebenso vieles, dem ich widersprechen müsste.

Ich bin jedoch nicht mit dem Ziel an seine Schriften herangegangen, einen Weg zu finden, Augustinus entweder meiner eigenen Tradition einzuverleiben oder ihn von vornherein der Häresie zu beschuldigen. Meine Lektüre war fruchtbar und ein Segen.

Dr. Wilsons Beschäftigung mit Augustinus scheint dagegen von einer Voreingenommenheit ausgegangen zu sein und von dem Bemühen, aus Augustinus jemanden zu machen, der er nicht war.

Weitere Beiträge folgen …«

McMahon über »Calvinismus« und »Augustinismus« (2012)

»Der Inhalt ihrer [Calvin, Augustinus] Gedankensysteme über Rechtfertigung, Sühne, Souveränität, Gnade, Ausharren der Heiligen und dergleichen war derselbe. Sie lehrten dieselben Lehren von der Souveränität Gottes und der freien Gnade, die der »Calvinismus« seit Hunderten von Jahren, nein, Tausenden von Jahren gelehrt hat. Und warum? Die Begriffe »augustinisch« oder »calvinistisch« beziehen sich einfach auf ein Denksystem, in dessen Mittelpunkt die vollständige und uneingeschränkte Souveränität Gottes in der Errettung steht. Das bedeutet, dass die Erlösung monergistisch ist. Sie wird von Gott im Namen des Menschen vollzogen. Wie der Psalmist so wortreich sagt: »Aber unser Gott ist in den Himmeln; alles, was ihm wohlgefällt, tut er« (Psalm 115,3). Gott ist der Urheber und Vollender des Glaubens für diejenigen, für die Christus gestorben ist und sein Leben als Lösegeld gegeben hat. Gott initiiert das Heil, gibt die Gabe des Heils und bewahrt den Christen in der Erlösung. Er ist das Alles in Allem.

Dies ist kein neues Konzept oder eine neumodische Idee. Es ist die alte Religion des Evangeliums Jesu Christi, die seit dem Garten Eden in Genesis 3,15 gelehrt wird, durch die ganze Geschichte von Gottes auserwähltem Volk, durch das Wirken des menschgewordenen Wortes Jesus Christus, das Wirken der Apostel, das Wirken der frühen Kirchenväter und ja, das Wirken und die umfangreichen Lehren von St. Augustin.

Das augustinische oder calvinistische System bezieht sich nicht nur auf das, was gemeinhin als »Die Lehren der Gnade« bekannt geworden ist. Diese biblischen Systeme des theologischen Denkens erstrecken sich auf alle Facetten der biblischen und systematischen Theologie. Wer nur an den »Lehren der Gnade« festhält, kann nicht mit Fug und Recht behaupten, ein »Calvinist« sein. […]

Die überarbeitete Systematisierung der fünf Punkte des Calvinismus, die als als »Die Lehren der Gnade« in die moderne Kirche Eingang gefunden haben, wurde ursprünglich nicht von Calvin, sondern von Augustinus systematisiert und ausführlich beschrieben. Aus diesem Grund zitiert Johannes Calvin alle vier Seiten in seiner Institutio Christianae Religionis (deutsch: Unterricht/Unterweisung in der christlichen Religion) Augustinus. Aus diesem Grund würde sich Calvin nicht als Calvinist, sondern als Augustiner bezeichnen. Und sowohl Augustinus als auch Calvin würden sich wirklich als Kinder zu Füßen Jesu Christi und der Lehren der Bibel betrachten, vor allem, wenn sie ihre Lieblingspassagen des Apostels Paulus immer wieder zitieren. Sie sind paulinisch und bibeltreu, zur Ehre Jesu Christi.«

C. Matthew McMahon, Augustine’s Calvinism: The Doctrines of Grace in Augustine’s Writings. (Coconut Creek, FL: Puritanischer Publications, 2012), Introduction (eigene Übersetzung; typograf. Betonungen durch Übersetzer).