Das Gleichnis vom vierfachen Ackerboden im Markusevangelium

Posttraumatische Betrachtung einer missglückten Verkündigung 

10 Und als er allein war, fragten ihn die, die um ihn waren, mit den Zwölfen über die Gleichnisse.
11 Und er sprach zu ihnen: Euch ist es gegeben, das Geheimnis des Reiches Gottes [zu]erkennen]; denen aber, die draußen sind, wird alles in Gleichnissen zuteil, 12 damit »sie sehend sehen und nicht wahrnehmen, und hörend hören und nicht verstehen, damit sie sich nicht etwa bekehren und ihnen vergeben werde.« 
Markus 4,10–12 (ELBCSV)

Im September 2025 sprachen drei Redner über den oben angegebenen Text aus dem Evangelium nach Markus: der erste recht ausführlich, der zweite eher ergänzend und episodisch, der dritte versuchte eine rettende Zusammenfassung. Leider wurde von allen etwas gelehrt und gesagt, das nicht im Text steht noch dessen Lehre wiedergibt. Das reicht von einfachen Beobachtungsfehlern, über das Reden von biblisch Wahrem, das aber an anderer Stelle anders gesagt und daher keine Auslegung des vorliegenden Textes ist, bis zu Behauptungen, die im direkten Widerspruch zum Text stehen.

Zur Verarbeitung des nicht geringen Zuhörer-Schocks versuchen wir, einige analytische und einige ermahnende und einige motivierende Gedanken niederzuschreiben. Das Ziel solcher Betrachtung ist mehrfach. Wichtig wäre, daraus zu lernen, solche Fehler in Zukunft nicht mehr (so häufig) zu machen. Wir sind alle Lernende und noch nicht Vollkommene. Auch in der Verkündigung. Also: Lasst uns aus diesem menschlich peinlichen und Gott verunehrenden »Unfall« lernen!

Kontext

Kontext: Dieser Text ist Teil des Diskurses Jesu mit seinen Jüngern und weiteren (»die um ihn waren«; 4,10) über die Gleichnisse (Plural!), von denen eines in den Versen 4,3–9 (samt Appell) berichtet wird: das sog. Gleichnis vom Sämann oder Gleichnis vom vierfachen Ackerboden.

Um was geht es: Jesus sagt, dass er mit diesem Gleichnis vom »Geheimnis des Reiches Gottes« rede (4,11). Zusätzlich sagt er, dass dieses Gleichnis samt den anderen der Lehre diene (4,2).

Weiterer Kontext

(1)  Dieses Gleichnis wird in allen 3 Synoptikern wiedergegeben, allerdings mit bedeutsamen Unterschieden, die zur jeweiligen Botschaft des Evangeliums passen. Der Herr hat dieses grundlegende Gleichnis wohl oft erzählt und die Betonung unterschiedlich gelegt. Das ist zu beachten, daher ist der jeweilige Kontext wichtig. Man sollte daher nicht unbesehen den Text in Matthäus verwenden, um den Text in Markus zu erklären!

(2)  In Markus wird Jesus Christus, der Sohn Gottes, als Diener oder Knecht Gottes dargestellt, der mit mächtigen Worten und Taten Gott dient. Er ist der »Knecht Jahwes«, von dem das AT spricht (s. z.B. Jesaja 42,1; 52,12; 53,11).

(3)  Gleichzeitig berichtet Markus auch, wie der Vorbild-Diener Jesus die nächste Generation von Dienern, die Apostel und andere, ausbildet. Daher erklärt Jesus den Jüngern manches, was er tut und warum er es tut. So auch hier bei deren Fragen, warum Jesus (plötzlich) in Gleichnissen zu den Volksmengen redete.

Genre

Wir haben hier ein Gleichnis! Ein Gleichnis lehrt eine Sache, hat (zumeist) nur eine Pointe. Alles andere wird dort nicht gelehrt. Einem Gleichnis wird Gewalt angetan, wenn man – wie geschehen – die eigentliche Lehraussage nicht erkennt, sondern vorgefasste Probleme und Meinungen in das Gleichnis hereinträgt. Ein Gleichnis darf auch nicht zur Allegorie gemacht werden, bei der alles im Bildbereich Erwähnte einen geistlichen Sinn im Gegenstandsbereich haben soll.

Dass dabei die Gefahr besteht, den Geist Gottes zu beleidigen, ist offenbar. Das geschieht, wenn wir dem vom Ihm gegebenen Text etwas zuzuschreiben, was Er nicht sagt und nicht beabsichtigt hat. Zumindest ist dann das Gesagte und Behauptete nicht das betrachtete Gottes Wort und hat keine entsprechende Autorität. Das sollte man vermeiden, auch wegen der unmittelbaren Gefahren.

Was lehrt das Gleichnis? 

Jesus zeigt m.E. seinen Jüngern (und anderen) auf, warum die Predigt des Wortes, so wie Er es als treuer Knecht Gottes selbst vorlebte und wie es die Jünger in Seinem Auftrag ebenfalls tun sollten, zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen führt. Diese (manchmal frustrierende) Folge ihrer treuen Predigt sollte sie nicht entmutigen, denn:

  1. Der Mangel an (nachhaltiger) Frucht liegt weder am Sämann noch am Samen. Das galt für den Herrn Jesus Christus selbst, das gilt auch für jeden seiner Nachfolger, der das Wort Gottes rein und richtig verkündigt. (Das ist die Herausforderung jedes Predigers!) – Es ist z.B. keine Nachlässigkeit des Sämanns, dass er nicht zuerst den Boden gepflügt hatte, sondern das war damals einfach so üblich. Dieses Randthema im Bildbereich des Gleichnisses ist nicht »zu vergeistlichen« (in den Gegenstandsbereich zu übertragen)!
  2. Das beobachtbare Ergebnis des Ausstreuens des Samens (=des Predigens des Reiches Gottes), die nachhaltige Frucht, hängt nach Markus davon ab, wohin der Same gesät wird: »an dem Weg, wo das Wort gesät wird«, »auf das Steinige gesät«, in die Dornen gesät« oder »auf die gute Erde gesät«. – Nicht alles, was man das Wort predigend aussät, geht auf.
  3. Vier deutlich verschiedene Wirkungen/Ergebnisse bei gleichem Samen werden damit beschrieben. Aber Markus sagt nicht, dass das »Herz« der Hörer so sei, wie der jeweilige Ackerboden. Das ist bei Matthäus 13,19 und Lukas 8,12.15 die Erklärung, aber nicht bei Markus. Die Formulierung in Markus ist eine andere, nämlich: »diese sind die, die/wo…gesät sind« (Markus 4,15–20). Das heißt, die Personen samt ihrer Reaktion auf das Wort werden im Gleichnis mit der Fruchtbarkeit der verschiedenen Ackerböden verglichen.
  4. Die Vermutung, dass dabei das Herz eine große Rolle spielt, ist biblisch wahr, aber nicht Teil des Gleichnisses noch seiner Auslegung durch den Herrn Jesus in Markus. Das Herz wird zwar in der AT-Referenz Jesaja 6,10 zweimal erwähnt, aber genau diesen Teil zitiert der Herr Jesus in Markus nicht, sondern nur den Teil mit den Augen und Ohren (Markus 4,12)! – In Matthäus und Lukas wird jeweils ein anderer Schwerpunkt gesetzt und in Matthäus wird begründend das Jesaja-Zitat inkl. der Nennung des Herzens wiedergegeben. Dieser Unterschied hat Bedeutung. Der Prediger muss in der Vorbereitung seiner Predigt klären, welche!
  5. Die Frucht ist bei Markus progressiv wachsend: 30➞60➞100. Nicht, wie der dritte Redner falsch zitierte, absteigend (so nur in Matthäus 13,8.23, was zu dessen Botschaft passt). Diese Entwicklung einiger Hörer ist also sehr ermutigend für den Prediger, ähnlich Lukas 8,15, wo solche sind, die »Frucht bringen mit Ausharren« (ohne Stufung).
  6. Das Zitat einer AT-Stelle fordert, dass man auch deren Kontext und Bedeutung erarbeitet. Schon im AT wird ermutigt, das Wort zu predigen, selbst wenn es nicht bei jedem Hörer Frucht bringt. Es kann sogar sein, dass niemand hört/gehorcht, wie bei Jeremia (Jeremia 5,20ff)! Vielleicht verdeutlicht der Herr Jesus hier Prediger 11,4ff: »Wer auf den Wind achtet, wird nicht säen, und wer auf die Wolken sieht, wird nicht ernten. Wie du nicht weißt, welches der Weg des Windes ist, wie die Gebeine im Leib der Schwangeren sich bilden, ebenso weißt du das Werk Gottes nicht, der alles wirkt. Am Morgen säe deinen Samen und am Abend zieh deine Hand nicht ab; denn du weißt nicht, welches gedeihen wird: ob dieses oder jenes, oder ob beides zugleich gut werden wird.« – Das ist m.E. auch die Botschaft dieses Gleichnisses in Markus 4, die der Herr Jesus seinen Nachfolgern lehrte.

Wird der Lehr-Punkt des Gleichnisses hier in Markus nicht erkannt oder werden weitere Gedanken (bibel-richtige oder -falsche) ins Gleichnis des vorliegenden Textes hineingelesen oder gar das Gleichnis vergewaltigend allegorisiert, wird man es nicht begreifen. Man missbraucht es letztlich, wenn auch ohne böse Absicht, sondern oft einfach mangels gründlichen Studiums des Textes. Das dann Gesagte hat keine Autorität des Textes und kann sogar verführend oder vernebelnd wirken.

Was lehrt das Gleichnis in Markus nicht? 

  1. Das Gleichnis lehrt nicht, dass ein Mensch ermahnt werden soll, seinen Ackerboden (Herzensboden) zu verändern. Es geht nicht um Ermahnung der Hörer, sondern um Ermutigung der Verkündiger (Evangelisten, Apostel u.a.). Sie sollen stets weiter säen, egal wieviel Frucht entsteht oder nicht. – Die Ermahnung, recht zu hören, wird an anderer Stelle getroffen, zum Beispiel in Lukas 8,18: »Gebt nun Acht, wie ihr hört; denn wer irgend hat, dem wird gegeben werden, und wer irgend nicht hat, von dem wird selbst das, was er zu haben meint, weggenommen werden«. Vgl. dazu auch: 5Mose 8,20; Psalm 95,7–11 mit Hebräer 3,7.15; 4,7. – Bleiben wir aber bei Markus!
  2. Das Gleichnis lehrt nicht über eine »Prädestination des Ackerbodens«. Der erste Hauptredner sagte, dass die Hauptfrage zum Text folgende sei: »Die erste Frage, wo ich Probleme hatte: Ist das Prädestination, ist das Vorherbestimmung? Können die Menschen überhaupt dafür irgendwas, dass sie der Weg, das Steinige, das Fels ist sind?« [sic].  – Mit dieser Angabe wurde sofort klar, dass die Predigt höchstwahrscheinlich ins Kraut schießen wird, denn dieses Thema wird im Text überhaupt nicht genannt noch behandelt, es ist jedenfalls nicht seine erste Frage! – Die biblische Lehre der Zuvorbestimmung (Prädestination) muss man zuerst in diesen Text hineinlegen, wenn man ihn dort finden will. Ist Prädestination das zu lehrende Thema, dann muss man aber zu Stellen im Wort Gottes gehen, wo darüber gelehrt wird, nicht zu Stellen, wo von der Verantwortung des Menschen die Rede ist. (s.u. unter »Angebliche Probleme«)
  3. Der dritte Redner meinte, vielleicht um die Verkündigung zu retten, dass die erste, wichtigste Frage des Gleichnisses vielmehr folgende sei: »Was verhindert bei dir die Frucht?« – Aber das Gleichnis spricht nicht zum Ackerboden mit der Aufforderung, er möge sich ändern! Das könnte evtl. eine weithergeholte Anwendung sein (und zwar basierend auf einer anderen Stelle der Schrift!), sie gründet aber nicht auf dem Zentralgedanken (d.h. der Lehre) des Gleichnisses. Die »erste Frage« eines Gleichnisses ist ihr Hauptpunkt, und der richtet sich in Markus m.E. an die Prediger (Sämänner) der Frucht, und nicht an den Ackerboden. Christus lehrt hier, warum das gute Wort Gottes nicht überall 100% Frucht bringt (wenn es doch göttlich, ja Gottes Kraft, ist). Die Antwort ist: Es liegt an den Hörern, wie sie das Wort Gottes aufnehmen – oder auch nicht aufnehmen. Dies aber liegt außerhalb der Verantwortung des Predigers. – Die Zuhörer der hier behandelten Verkündigungsbeiträge wurden aufgefordert, folgende Zentralfrage mit nachhause mitzunehmen: »Hat das Wort Gottes bei dir Auswirkungen, hat es in deinem Herzen Auswirkungen, kann es aufgehen, kann es wachsen?« (usw.). Es wurde also der Ackerboden ermahnt, wie es im Markus-Text nirgendwo getan wird. (Wenn das das Thema sein sollte, sollte der Prediger eher Lukas 8,18 verwenden: »Gebt nun Acht, wie ihr hört«, s.o.)
  4. Das Gleichnis in Markus erklärt auch nicht, dass der Ackerboden dem »Herzensboden« der Hörer zu vergleichen sei. Der Herr lehrt und deutet es nicht so. Das »Herz« taucht weder im Gleichnis noch in der Erklärung auf. Der dritte Redner lieferte hier leider noch eine weitere falsche Angabe, die zu Matthäus 13 gehört, was aber nicht der betrachtete Predigttext war.
  5. Der erste Redner sagte abschließend: »Dieses Gleichnis lehrt uns, dass wir selber entscheiden können, wie wir sind, welche Erde wir sind, ob wir Christen sind oder nicht.« – Nein, das lehrt dieses Gleichnis in Markus 4 sicher nicht! Es lehrt vielmehr, dass es einigen (den Jüngern) »gegeben ist, das Geheimnis des Reiches Gottes zu erkennen« (4,11), aber »denen, die draußen sind« (und das ist immer deren Schuld!) wird alles in geheimnisvoller Sprache (Gleichnissen) gesagt, »damit« sie nicht sehen, wahrnehmen, bekehren, vergeben werden! – »Es wird ihnen gegeben« heißt gerade nicht, »sie können selbst entscheiden«! Die erste Aufgabe beim Verstehen eines Textes ist: Aufmerksam Beobachten!

Angebliche Probleme im Text

Das »Problem«, das der erste Redner im Text sah und einleitend wie auch später aufgreifend besprach, war die »Prädestination«. Es ist erstaunlich, dass dieses Thema, das ja an anderer Stelle der Schrift völlig klar gelehrt wird, (1) hier gesucht wird, wo es weder mit Begriff genannt noch inhaltlich verhandelt wird, und (2) Zweifel an einer klaren Lehre der Schrift geäußert werden, zudem mit dafür völlig untauglichem Bibeltext. Da fehlt es (wohl auch) an Basics in der Heilslehre. Es tut in der Seele weh, wenn solche eklatanten Mängel in den Grundlagen des Glaubens und der Verkündigung von der Kanzel ausgebreitet werden dürfen.

Der zweite Redner stürzte sich (auch) auf Vers 12, der ihm früher »sehr viel Bauchschmerzen gemacht« habe. Dann versuchte er, das (telische»damit« umzuerklären, und ihm eine andere Deutung zu geben. (Ich denke nicht, dass diese Behauptung einer gründlichen Untersuchung des Textes entsprang.) Er behauptete, dass dies »eine typische Elberfelder Übersetzung« (i.S. des konkordanten Übersetzungsansatzes) sei. Das »damit« (gr. hina) könne vielmehr mehrere Bedeutungen haben und würde hier eine Begründung einleiten (also kausal sein): »weil sie«. Diese Behauptung einer nicht-telischen Bedeutung von hina (was aber die Hauptbedeutung  dieses Wortes ist) kommen hauptsächlich von solchen Theologen, die die Souveränität Gottes im Heil und Gericht und diese Rede Jesu als »zu hart« ablehnen. Es ist also nicht bessere Deutung, sondern Um-Deutung in Richtung der eigenen vorgefassten theologischen Meinung. Die Schwierigkeit ist auch nicht zu umgehen mit der Erklärung, dass eben einige nicht lange genug Jesus zugehört haben, sondern vorzeitig gegangen seien (und dann »draußen« waren), und daher nicht verstehen würden. Diese Leute hätten vielmehr auch tausend Stunden hören können, ohne zu verstehen. – 
Einige klärende Kommentatoren dazu: »Das Zitat wird mit der griechischen Konjunktion hina (damit) eingeleitet, die in diesem Fall keine resultierende Bedeutung haben kann, sondern einen Zweck bezeichnen muss (Alf, I, 333*)« (Pfeiffer/ Harrison). – »ἵνα wahrscheinl[ich] fin[al] damit; ein Ausweichen auf Nebenbedeutungen wie so dass (kons.) od. weil/denn (kaus.) o.ä., sprachl. zwar z. T. nicht unmögl. (vgl. B II2; BDR § 4562), erscheint forciert« (von Siebenthal). – »Das ἵνα darf nicht abgeschwächt werden, wie ita ut, wie Rosenmüller und andere behaupten. Wir müssen daran festhalten, dass diese harte Äußerung auf Jesaja 6,9 ff basiert und daher im Sinne dieser Stelle interpretiert werden muss.« (Lange/Schaff).

Viel besser, weil textgebunden, wäre es also, wenn man sich das Jesaja-Zitat, das der Herr hier (in Auszügen) verwendet, einmal genauer anschauen würde. Es steht in Jesaja 6, nach einigen Kapiteln Gerichtsworten. Daher ist es naheliegend, dass Jesus auch hier richtend über die ungläubigen Menschen redet. Und in der Tat lehrt die Schrift im Prinzip und vielen Beispielen, dass Gott aktiv mit Verhärtung Menschen bestraft, so dass sie sich nicht (mehr) bekehren können. 
(Danach schweifte dieser zweite Redner anekdotisch ab in den Gedanken, dass Gott, der Schöpfer, nicht effizient arbeite, sondern verschwenderisch sei. Das gehört aber wohl sicher nicht zum Lehrpunkt dieses Gleichnisses. Auch die misslungenen eigenen Aktivitäten, von denen er aus seinem Erleben anschließend anekdotisch berichtete, haben mit der Deutung des Gleichnisses nichts zu tun.)

Die »Problemstelle« Markus 4,12 im einzelnen

Markus 4,12 erklärt nicht, was das in Versen 3–9 gegebene Gleichnis bedeutet, sondern klärt vielmehr die Frage der Jünger (4,10), warum der Herr Jesus nun (überhaupt) in Gleichnissen redete. Das hatte er offenbar zuvor nicht gemacht. Also ging es ihnen nicht zuvorderst um den Inhalt und die Bedeutung des Gleichnisses (4,10.11 sagt: Gleichnisse; Plural!), sondern um die Tatsache, dass ihr Herr nun in Gleichnissen redete.

1.    Der Herr sagt seinen Jüngern, dass es ihnen »gegeben« war, »die Gleichnisse des Reiches Gottes zu erkennen« (4,11). – »Gegeben« spricht von Gottes Gabe und damit Gnadengeschenk – mithin Gottes Souveränität– nicht von menschlicher Verantwortung und Verdienst! (Das hat der erste Redner schon einmal völlig übersehen.)

2.    Zweitens sagt der Herr, dass »denen aber, die draußen sind« (4,11), »alles in Gleichnissen zuteil wird«, und zwar mit der Absicht, dass sie es nicht erkennen. Das ist hier Gottes Wille und Absicht, daher wählt der Herr souverän eine offenbar geheimnisvolle Lehrweise, die dazu führt, dass jene, die draußen sind, es »nicht wahrnehmen« und es »nicht verstehen« und folglich keine Vergebung empfangen (4,12).

3.    Als Begründung verweist der Herr auf einen alten Text vom Propheten Jesaja zurück. Dort heißt es wörtlich (Jesaja 6,10): »Mache das Herz dieses Volkes fett, und mache seine Ohren schwer, und verklebe seine Augen: damit es mit seinen Augen nicht sieht und mit seinen Ohren nicht hört und sein Herz nicht versteht und es nicht umkehrt und geheilt wird«. Es redet von Israel im Unglauben, dem nun im Gerichtshandeln Gottes jede Möglichkeit des Verstehens und Annehmens der guten Botschaft genommen wird. Gott Selbst nimmt diesem Volk die Heilsmöglichkeit.
Die so Gerichteten sind in dieser Sache rein passiv Empfangende, nicht Aktive. Die Vorgeschichte erklärt, warum Gott dies so tut. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Jesaja 6,9–13 eine gerichtliche Antwort Jahwes ist, die durch die gleichnishafte Verkündigung seines Propheten gegenüber dem götzendienerischen Juda erfolgt, dessen Bekenntnisse zur Treue gg. Jahwe durch die Ablehnung der Anweisungen Jahwes durch ihre Führer widerlegt werden.

4.    »damit«: Es ist falsch, wenn man die Verwendung der Stelle aus Jesaja 6 in Markus 4,12 so erklärt, dass das anbindende »damit« (gr. hina) keine Absicht angeben würde. Noch falscher ist der Versuch, die Ursache-Wirkungs-Kette umzukehren! Das »damit« muss telisch verstanden werden (telisch=auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtet). Denn es ist Gottes Ziel und Absicht (im Gericht), dass diese Menschen nicht mehr verstehen, und so nimmt er ihnen die in Gnaden verliehene Fähigkeit zu verstehen wieder weg. Die Führer Israels waren zur Zeit Jesu größtenteils bereits in Ablehnung und Mordgedanken gg. Jesus verhärtet im Herzen. Darin belassen zu werden bedeutete ewiges Verderben. Aber die selektive Gnade Gottes erweichte und rettete doch einige, wie den Cheftheologen der Juden, Nikodemus, und den reichen Ratsherrn Josef von Arimathia.

  • Die Jesaja-Stelle wird auch in Johannes 12,39ff begründend und erklärend für den Unglauben des Volkes und seiner Führer angegeben: »Darum konnten sie nicht glauben, weil Jesaja wiederum gesagt hat: ›Er hat ihre Augen verblendet und ihr Herz verhärtet, damit sie nicht sehen mit den Augen und verstehen mit dem Herzen und sich bekehren und ich sie heile.‹ Dies sprach Jesaja, weil er seine Herrlichkeit sah und von ihm redete«. – Das einleitende Wort »darum« wird im Argument mit »weil« fortgesetzt. Noch klarer kann man Ursache und Wirkung, Absicht und Folge nicht darstellen: Gott verstopft Augen und Ohren im Gericht und raubt damit alle Möglichkeiten des Verstehens, des Umkehrens und damit des Heils. 
    Dass Johannes die Souveränität Gottes im Heil herausstellt (nachdem schon Jahrzehnte die Synoptiker mit den anderen Schwerpunktsetzungen bekannt waren), ist typisch für seine besondere Botschaft vom souveränen Retter-Gott.
  • Angewandt (auf Markus 4): MancheMenschen werden unserer Evangeliumspredigt nicht mit Verstehen, Umkehr und Glauben folgen, weil Gott ihre Augen und Ohren (noch) verstopft hat. – 
    Darum beten wir zu Gott, er möge gnädig und barmherzig sein, die Augen und Ohren der Verlorenen (und verbockten Gläubigen!) zu öffnen. Ob Gott das dann tut, ist Seine souveräne Sache. –
    Das muss ein Verkündiger der Guten Nachricht bedenken, wenn er auf die unterschiedlichen Reaktionen seiner Zuhörer blickt. Paulus redete von diesem Erleben als Verkündiger der Guten Botschaft so: »Denn wir sind für Gott ein Wohlgeruch Christi in denen, die errettet werden, und in denen, die verloren gehen; den einen ein Geruch vom Tod zum Tod, den anderen aber ein Geruch vom Leben zum Leben«. Er zieht daraus nicht die Schlussfolgerung, dass er nun den »Samen« seiner Verkündigung ändern müsse, sondern ganz im Gegenteil: »Denn wir verfälschen nicht, wie die Vielen, das Wort Gottes, sondern als aus Lauterkeit, sondern als aus Gott, vor Gott, reden wir in Christus« (2Korinther 3,15–17). Der Mangel liegt nicht am Wort, am Evangelium.  Daher müssen wir es so unverfälscht und genau wie möglich verkündigen. Das rechtfertigt und bedingt allen Aufwand in der Vorbereitung der Verkündigung. – 
    Bedenken wir noch dieses ergänzend: Wäre das Verstehen und das Heil allein eine Sache der Verantwortung des Menschen (Hörers), müssten wir jeden Menschen bitten, betteln, psychologisch bearbeiten. (Das kann man auch hier und da leider beobachten.) Aber wenn jemand die »Freiheit des Menschen« in der Heilswahl betont, dann wäre selbst dieses für ihn eine unzulässige Einmischung in die Souveränität und Freiheit des Menschen. Die biblische Verpflichtung lautet: Wir zwingen niemand zum Heil, weil das nicht geht und uns nicht geheißen ist, aber motiviert von der Retterliebe Jesu »überreden« wir unsere Zuhörer (2Korinther 5,11).

Weiterer Kontext der Schrift, »Parallelstellen«

  1. Jesaja 28,13 (ELB85): »Und das Wort des HERRN für sie wird sein: zaw la zaw, zaw la zaw, kaw la kaw, kaw la kaw, hier ein wenig, da ein wenig; damit sie hingehen und rückwärts stürzen und zerschmettert werden, sich verstricken lassen und gefangen werden.« – Man beachte auch hier das telische (Ziel und Absicht anzeigende) »damit«.
  2. Jesaja 29,9–10:  »Stutzt und staunt! Blendet euch und erblindet! Sie sind berauscht, doch nicht von Wein; sie schwanken, doch nicht von starkem Getränk. Denn Jahwe hat einen Geist tiefen Schlafes über euch ausgegossen und hat eure Augen geschlossen; die Propheten und eure Häupter, die Seher, hat er verhüllt.« – Es ist hier völlig klar, dass es nicht der Mensch ist, der sich berauscht hat, und daher nichts versteht, sondern Gott ist hier der ganz Aktive, der (geistlichen) Schlaf und (geistliche) Blindheit (im Gericht) sendet.
  3. 5Mose 29,3: »Aber Jahwe hat euch nicht ein Herz gegeben, zu erkennen, und Augen, zu sehen, und Ohren, zu hören, bis auf diesen Tag.« – Auch hier ist Jahwe derjenige, an dem alles Heil (Erkennen, Verstehen usw.) hängt. Nur Gott kann die Fähigkeiten (das Vermögen) zur Heilsergreifung schenken. Der Bettler, der selbständig die leere Hand ausstreckt, um die Heilsgabe zu ergreifen, ist frommer Volks-Mythos, nicht Gottes Wahrheit. Gott muss sogar schon das Verlangen, die Hand auszustrecken, geben (also das Begehren nach dem wahrhaft Rettenden) und dann der Hand die Kraft und den Willen, sie auszustrecken und das Heil zu ergreifen. Gott sei Dank tut Er dies nach freiem Ermessen gezielt hier und da!
  4. Matthäus 13,13–15: »Darum rede ich in Gleichnissen zu ihnen, weil sie sehend nicht sehen und hörend nicht hören noch verstehen; und an ihnen wird die Weissagung Jesajas erfüllt, die sagt: „Mit Gehör werdet ihr hören und doch nicht verstehen, und sehend werdet ihr sehen und doch nicht wahrnehmen; denn das Herz dieses Volkes ist dick geworden, und mit den Ohren haben sie schwer gehört, und ihre Augen haben sie geschlossen, damit sie nicht etwa mit den Augen wahrnehmen und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren und ich sie heile.“« – Entsprechend der Absicht des Matthäus-Evangeliums modifiziert Matthäus unter Inspiration Gottes seine Quelle im AT so, dass die Verantwortung des Menschen (aktives »haben sie geschlossen«) umso deutlicher herausgestellt wird. Das verringert nicht die Aussage/Zitat in den anderen Stellen, noch modifiziert Matthäus diese. Jede Verwendung hat den Sinn, der aus dem Kontext jeweils hervorgeht.
    Darf Matthäus so »falsch« oder »modifiziert« Jesaja 6,9–10 zitieren? Ja natürlich, der Heilige Geist hat es ihm so diktiert! Beides lehrt die Schrift, jedes aber an seinem Ort: Gottes souveränes Handeln im Gericht und in der Erlösung, aber auch des Menschen Verantwortung in der Heilsannahme und Bewirken von Heilsfolgen. Philipper 2,12–13 liefert den Zusammenhang eindrücklich. – Und: Der Kontext der Jesaja-Stelle zeigt, dass diese »Verhärtung« eine zeitweilige ist, weil Israels Überrest durch souveräne Erwählung seitens Gottes noch Heil erfahren wird (s. Römer 11)!
  5. 2Korinther 3,14: Diese Verhärtung Israels wird im NT aufgegriffen: »Aber ihr Sinn ist verhärtet worden, denn bis auf den heutigen Tag bleibt beim Lesen des alten Bundes dieselbe Decke unaufgedeckt, die in Christus weggetan wird.« – Das Passiv ist hier das Passivum divinum[1]die Menschen sind darin (schon rein sprachlich deutlich!) nicht aktiv. Nur in Christus (und durch sein Wirken) kann und wird (!) eines Tages diese Decke weggenommen werden. Auch hier ist Gott souverän über Anfang, Art und Ende des Gerichts. – Dass wir hier von einem Ende sprechen dürfen, ist in sich eine große Gnade, die wir bejubeln.
  6. Als Paulus auf der Missionsreise nach Korinth kam, wollte er sein »Säen« einstellen aus Frustration über den widerspenstigen »harten Boden«. Zumindest kann man Apostelgeschichte 18,6ff so verstehen: Viele widerstrebten und lästerten, aber einige hörten und glaubten und wurden getauft. Der gleiche Same der Verkündigung brachte auch hier unterschiedlichste „Frucht“! 
    Wie ermutigt der Herr Jesus nun seinen frustrierten »Sämann« Paulus? Er sagt: »Fürchte dich nicht, sondern rede, und schweige nicht! Denn ich bin mit dir, und niemand soll dich angreifen, um dir etwas Böses zu tun; denn ich habe ein großes Volk in dieser Stadt.« – Der Trost und die Motivation des Sämanns ist nicht die Verantwortung des Menschen, sondern die Gegenwart und die Souveränität Gottes im Heil. (Das begreife mal ein Arminianer!)

Einige Zitate

»Die Verse 11 und 12 erklären, warum diese Wahrheit in Gleichnissen gelehrt wird. Gott offenbart die für die Seinen bestimmten Geheimnisse denen, die gehorsam und aufnahmebereit zuhören. Er enthält sie aber absichtlich denen vor, die das ihnen angebotene Licht ablehnen. Das sind die Leute, die Jesus als »jene …, die draußen sind« bezeichnet. 

Die Worte von Vers 12 mögen dem oberflächlichen Leser ungerecht und hart erscheinen: »Damit sie sehend sehen und nicht wahrnehmen und hörend hören und nicht verstehen, damit sie sich nicht etwa bekehren und ihnen vergeben werde.« Aber wir müssen uns an das enorme Vorrecht erinnern, das jene Menschen damals genossen. Der Sohn Gottes selbst hatte in ihrer Mitte gelehrt und viele mächtige Wunder getan. Statt ihn als den gottgesandten Messias anzuerkennen, lehnten sie ihn selbst dann noch ab. Weil sie das Licht der Welt abgelehnt hatten, sollte ihnen das Licht seiner Lehre nicht gegeben werden. Von nun an würden sie seine Wunder sehen, aber ihre geistliche Bedeutung nicht verstehen, und seine Worte hören, aber doch die wunderbaren Lehren hinter ihnen nicht erkennen können.

Es gibt so etwas wie die Tatsache, »dass man das Evangelium zum letzten Mal hört«. Es ist möglich, den Tag der Gnade durch fortgesetztes Sündigen zu verpassen. Es gibt Männer und Frauen, die den Retter abgelehnt haben und nie wieder die Gelegenheit zur Buße und Vergebung erhalten werden. Sie mögen das Evangelium hören, aber es trifft auf verhärtete Ohren und ein gefühlloses Herz. Wir sagen: »Wo Leben ist, da ist auch Hoffnung«, aber die Bibel spricht von Menschen, die zwar erweckt, aber jenseits jeder Hoffnung der Buße sind (z. B. in Hebr 6,4–6). (MacDonald, William ; Eichler, C. (Übers.): Kommentar zum Neuen Testament. 7. Aufl. Bielefeld: Christliche Literatur-Verbreitung, 2018.)

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»Gericht muss sein; denn auch dadurch, dass das Böse getroffen und weggetan wird, geschieht Gottes Wille. Jesus wollte Gottes Reich niemals so verkündigen, dass auch ein unbußfertiger und glaubensloser Sinn es finden kann.« (Schlatter, Adolf. Die Evangelien nach Markus und Lukas: Ausgelegt für Bibelleser. 2. Aufl. Bd. 2. Berlin: Evangelische Verlagsanstalt, 1954.)

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Markus 4,12 ἵνα wahrscheinl. fin. damit; ein Ausweichen auf Nebenbedeutungen wie so dass (kons.) od. weil/denn (kaus.) o.ä., sprachl. zwar z. T. nicht unmögl. (vgl. B II2; BDR § 4562), erscheint forciert; hier (wie typischerweise in den Schriften des AT u. NT) ist vorausgesetzt, dass Gottes Souveränität u. die Verantwortung des Menschen keine Antithesen darstellen: wenn Gott die, die nicht zu Jüngern Jesu werden, verwirft, so tragen diese die Verantwortung dafür selbst (vgl. V. 13–20); gleichzeitig steht nichts von dem, was geschieht, außerhalb des göttl. Ratschlusses u. Planes (vgl. Carson, Mt, S. 308f); im flgd. werden Teile aus Jesaja 6,9–10 zitiert (statt der 2. Pl. [MT/LXX] steht hier die 3. Pl., statt v. Heilung [MT/LXX] ist [wie im Targum u. in der syrischen Peschitta] v. Vergebung [ἀφεθῇ] die Rede), zwei Verse voll bitterer Ironie aus einem Abschnitt, der von der selbstverschuldeten (bis zum Exilgericht andauernden) Verstockung des Gottesvolkes spricht (vgl. zu Matthäus 13,14).« (von Siebenthal, Heinrich; Haubeck, Wilfrid: Matthäus bis Offenbarung, Neuer Sprachlicher Schlüssel zum Griechischen Neuen Testament. 2., durchges. Aufl.. Gießen; Basel: Brunnen, 2007.)

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»12 Die einleitende Konjunktion (hina, „damit“) stammt von Markus. Das folgende Zitat stammt aus Jesaja 6,9–10, wo es im MT [masoretischen Text] ein Befehl ist; dies ist nicht überraschend, da im semitischen Denken ein Befehl verwendet werden kann, um ein Ergebnis auszudrücken.

Markus folgt dem Text der LXX. Allerdings lässt er die starken Aussagen des ersten Teils von Vers 10 weg: „Verhärte das Herz dieses Volkes, verstopfe ihre Ohren und verschließe ihre Augen“ und ändert das „und ich heile sie“ (kai iaomai autous) der LXX in „und ihnen wird vergeben“ (kai aphethē autois). Damit folgt Markus der Targuman-Angabe zur Authentizität der Aussage.

Auf den ersten Blick scheint die Aussage zu besagen, dass der Zweck der Gleichnisse darin besteht, dass Ungläubige („die Außenstehenden“, Vers 11) die Wahrheit nicht empfangen und sich nicht bekehren können. Dass diese Aussage theologisch als schwierig angesehen wurde, lässt sich daran erkennen, dass Matthäus hina („damit“) in hoti („mit dem Ergebnis, dass“) ändert (die NIV übersetzt hina mit dem mehrdeutigen „so dass“) und Lukas die mēpote-Klausel („ansonsten“) weglässt.

In jüngster Zeit gab es mehrere Versuche, die telische Kraft von hina abzuschwächen:

1. Es wird behauptet, dass hina im Text dasselbe bedeute wie hoti. Jesus spräche also nicht vom Zweck der Gleichnisse, sondern von ihrem Ergebnis.

2. Markus habe das ursprüngliche aramäische Wort de falsch übersetzt. Es bedeute „wer“ und nicht „damit“. Der Text sollte also lauten: „Das Geheimnis des Reiches Gottes ist euch gegeben worden. Aber denen, die draußen sind undimmer sehen, aber nie wahrnehmen … wird alles in Gleichnissen gesagt“ (Hervorhebung von mir).

3. Die zweckmäßige Idee (ausgedrückt sowohl durch hina als auch durch mēpote) ist nicht authentisch für Jesus, sondern repräsentiert die Theologie des Markus.

4. hina sei eine Einleitungsformel zur freien Übersetzung von Jesaja 6,9–10. Nach diesem Verständnis wäre hina fast gleichbedeutend mit hina plērōthē, „damit es erfüllt werde“.

Alle diese Versuche haben ihre Mängel. Obwohl 1 und 2 das Problem von hina mildern, gehen sie nicht auf das von mēpote („ansonsten“) ein, das ebenfalls einen Zweck suggeriert (vgl. auch BAG, S. 378, wo nach der Erörterung der Möglichkeit, dass hina „mit dem Ergebnis, dass“ bedeutet, diese für diesen Abschnitt rundweg abgelehnt wird). Lösung 3 findet keinerlei Unterstützung, während 4, eindeutig die beste Wahl der vier, daran scheitert, dass Markus an anderer Stelle hina nicht im Sinne von „damit es sich erfüllen möge“ verwendet.

Vielleicht lässt sich Vers 12 am besten als authentische Aussage verstehen, die einfach lehrt, dass ein Grund, warum Jesus in Gleichnissen lehrte, darin bestand, die Wahrheit vor „Außenstehenden“ (was ich als „hartnäckige Ungläubige“ verstehe) zu verbergen. Selbst eine flüchtige Lektüre der Evangelien zeigt, dass die Gleichnisse Jesu nicht immer klar waren. Selbst die Jünger hatten Schwierigkeiten, sie zu verstehen (vgl. Markus 7,17). Deshalb lehrte Jesus (zumindest in einigen Fällen) in Gleichnissen, damit seine Feinde nicht die volle Bedeutung seiner Worte verstehen und falsche Anschuldigungen oder Anklagen gegen ihn erheben konnten. Er wusste, dass das Verstehen in einigen Fällen zu mehr Sünde und nicht zur Annahme der Wahrheit führen würde. Darüber hinaus ist es nicht fremd für die Lehre der Schrift, dass Gott in seiner Weisheit einige (auch hier verstehe ich darunter „hartnäckige Ungläubige”) verhärtet, um seine souveränen Absichten zu verwirklichen (vgl. Röm 11,25–32). Marshall findet einen guten Mittelweg, wenn er sagt: „Durch diese Methode des Lehrens in Gleichnissen lud Jesus seine Zuhörer nicht nur ein, unter die Oberfläche zu blicken und die wahre Bedeutung zu finden, sondern er gab ihnen gleichzeitig die Möglichkeit – die viele von ihnen auch nutzten –, die Augen und Ohren vor dem eigentlichen Kernpunkt zu verschließen” (Commentary on Luke, S. 323). Für eine eingehende Behandlung des Zwecks der Gleichnisse in der Lehre Jesu vgl. R. Stein, An Introduction to the Parables of Jesus (Philadelphia: Westminster, 1981), S. 25–35.«
(Wessel, Walter W.: Markus. In: Gaebelein, F. E. (Hrsg.): The Expositor’s Bible Commentary: Matthäus, Markus, Lukas. Bd. 8. Grand Rapids, MI : Zondervan Publishing House, 1984, S. 649–650.)

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»Christ’s agents in the sowing of the good seed are the preachers of the word. Thus, as in all the cases about to be described, the sower is the same, and the seed is the same; while the result is entirely different, the whole difference must lie in the soils, which mean the different states of the human heartAnd so, the great general lesson held forth in this parable of the sower is, that however faithful the preacher, and how pure soever his message, the effect of the preaching of the word depends upon the state of the hearer’s heart.« (Jamieson, Robert, A. R. Fausset, und David Brown. Commentary Critical and Explanatory on the Whole Bible. Oak Harbor, WA: Logos Research Systems, Inc., 1997.) –  Bem.: Dies ist eine Erklärung für die Texte in Matthäus und Lukas, aber nicht für den hier in Markus.

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»Ver. 12. They may see.—The να is not to be softened, as if ita ut, as Rosenmüller and others assert. We must maintain that this hard utterance was based upon Isa. 6:9 seq., and therefore that it must be interpreted in the meaning of that passage: not as an absolute sentence, but as a deserved, economical, and pedagogical visitation« (Lange, John Peter, Philip Schaff, und William G. T. Shedd. A commentary on the Holy Scriptures: Mark. Bellingham, WA: Logos Bible Software, 2008.).

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«That (ἱνα [hina]). Mark has the construction of the Hebrew “lest” of Isa. 6:9f. with the subjunctive and so Luke 8:10, while Matt. 13:13 uses causal ὁτι [hoti] with the indicative following the LXX. See on Matt. 13:13 for the so-called causal use of ἱνα [hina]. Gould on Mark 4:12 has an intelligent discussion of the differences between Matthew and Mark and Luke. He argues that Mark here probably “preserves the original form of Jesus’ saying.” God ironically commands Isaiah to harden the hearts of the people. If the notion of purpose is preserved in the use of ἱνα [hina] in Mark and Luke, there is probably some irony also in the sad words of Jesus. If ἱνα [hina] is given the causative use of ὁτι [hoti] in Matthew, the difficulty disappears. What is certain is that the use of parables on this occasion was a penalty for judicial blindness on those who will not see.«  (Robertson, A.T. Word Pictures in the New Testament. Nashville, TN: Broadman Press, 1933.)

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»The purpose of parables was to instruct the initiates without revealing the items of instruction to the ones who were without. This is in keeping with the Biblical principle that spiritual understanding is restricted to those who have become spiritual by properly relating themselves to Christ and his message (I Cor 2:6ff.). 
12. That such was the purpose of Christ’s use of parables is further confirmed by a quotation from the OT. The citation is introduced with the Greek conjunction hina (that), which in this instance cannot have a resultant meaning but must indicate purpose (Alf, I, 333*). This verse is a free rendering of Isa 6:9, 10, giving the gist, but not reproducing the exact wording, of the prophetic passage.« (Pfeiffer, Charles F., und Everett Falconer Harrison, Hrsg. The Wycliffe Bible Commentary: New Testament. Chicago: Moody Press, 1962.)

(*) Die Stelle im Greek NT von Alford wird von Alford wie folgt kommentiert: »We must keep the hina strictly to its telic meaning– in order that. When God transacts a matter, it is idle to say that the result is not the purpose. He doeth all things after the counsel of His own will.«

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»Each of the three fruitless hearts is influenced by a different enemy: the hard heart—the devil himself snatches the seed; the shallow heart—the flesh counterfeits religious feelings; the crowded heart—the things of the world smother the growth and prevent a harvest. These are the three great enemies of the Christian: the world, the flesh, and the devil (Eph. 2:1–3).« (Wiersbe, Warren W. The Bible exposition commentary. Wheaton, IL: Victor Books, 1996.)

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»A. DAS GLEICHNIS VOM SÄEMANN

I.     Markus bemerkt die Bedeutung des Hörens, wenn der Heiland spricht (Vers 3). Matthäus beginnt mit dem Wort „Siehe“.

       Markus und Lukas sprechen vom Samen in der Einzahl, aber Matthäus spricht von Samen in der Mehrzahl (King James Übersetzung) oder wie es die Übersetzung von J. N. Darby wiedergibt, von ,,einigen Körnern“.

       Der Same ist immer das Wort Gottes, aber es wird gesehen als gesät, entweder durch den Säemann, den Herrn Jesus, oder durch, Seine Diener, die vielen Säemänner; in der Hand eines jeden ist der Same oder Samen oder Körner. Wie jemand bemerkte: „Das Auge des göttlichen· Dieners in Markus‘, Bericht ruht auf jedem einzelnen Korn, und wie der einzelne Sperling, so ist nicht eines von ihnen vor Gott vergessen“

       Sowohl Markus als auch Matthäus erwähnen bei der Saat, die auf das Steinichte fiel, dass nicht viel Erde da war, Lukas fügt hinzu, dass auch Feuchtigkeit fehlte.

       Nur Markus sagt: „Und es gab keine Frucht“ (Vers 7) von dem Samen, der unter die Domen fiel; die anderen Evangelisten bemerken, dass es erstickte. Markus gibt das Gleichnis mit den meisten Einzelheiten wieder. Wir sehen einen Beweis dafür, daß die Evangelisten unabhängig voneinander arbeiteten und schrieben in der Benutzung des Wortes „auf“ in Vers 8 von Matthäus 13 und des Wortes „in“ in Vers 8 von Markus‘ Bericht.

       In Markus hält der Diener und Prophet alles in Seiner gesegneten Hand, und das Ergebnis ist dort ein Zunehmen – von dreißig-zu sechzig-zu hundertfältig. Bei Matthäus aber hat der König, wie wir sehen werden, das Königreich in die Hände von Menschen gelegt, und das Ergebnis ist umgekehrt: dort ist es Verringerung von hundert- zu sechzig- zu dreißigfältig. In Lukas jedoch lesen wir, dass der Same das Wort Gottes ist, und demzufolge finden wir weder Verringerung noch Steigerung, weder Rückschritt noch Fortschritt, weil es sicher ist, dass es hundertfältig Frucht bringt mit Ausharren – ein besonderer Ausdruck bei Lukas!

       Die Erklärung dieses Gleichnisses durch unseren Herrn wird von unseren Evangelisten fast gleichlautend wiedergegeben, wobei Matthäus den Abschnitt aus Jesaja· 6 ganz zitiert, während ihn Markus etwas und Lukas noch mehr kürzt.

II.    Matthäus stellt die abgeschnittene „Familienbeziehung“ mit Israel als einer Nation klarer heraus als die anderen Evangelisten, wenn er sagt: „An jenem Tage aber ging Jesus aus dem Hause hinaus und setzte sich an den See.“

       Nur hier sagt Er etwas zu der Frage der Jünger: „Warum redest du in Gleichnissen zu ihnen?“ – nicht: was bedeutet dies Gleichnis (Vers 10)! Und von Matthäus wird uns gesagt, dass dieses Reden in Gleichnissen als Strafe dienen soll für die Hörer, die den Herrn bereits verworfen und ihre Herzen verhärtet hatten.

       Weil es um die Betonung dieses Grundsatzes geht, teilt uns auch nur Matthäus mit (in Vers 12): „Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird Überfluss haben; wer aber nicht hat, von dem wird selbst, was er hat, genommen werden.“ Mit anderen Worten: Jene, zu denen Jesus kam und die Ihn aufnahmen (als einer Nation war Er ihnen gegeben worden), nur jene, die Ihn in Wahrheit durch Glauben in ihre Herzen aufgenommen hatten – für diese war Er gleichsam „zweifach gegeben“, und deshalb hatten sie Überfluss.  Aber jene, die Ihn nicht im Glauben angenommen hatten, obwohl Er ihnen als der Messias gegeben war, „hatten“ Ihn nicht durch Glauben, und Er würde von ihnen genommen werden und anderen – den Nationen – gegeben werden. Für diese, die Christus verwarfen, sprach Er in Gleichnissen, damit. sie in ihren Herzen noch mehr verhärtet werden möchten, „damit sie nicht etwa … sich bekehren, und ich sie heile“. Sie fühlten sich nicht krank und brauchten keine Heilung: schrecklicher Zustand! So stand es um die Nation als Ganzes.

       In Matthäus ist es das „Wort vom Reich“ (Vers 19), aber in Lukas ist es das „Wort Gottes“ (8,11).

       Wiederum liegt in Matthäus die Betonung auf dem Verstehen des Wortes, während sie in Lukas auf dem Bewahren liegt (8,15) und in Markus auf dem Aufnehmen (4,20). So wird das Wort zuerst verstanden, dann aufgenommen, und immer bewahrt oder auf das praktische Leben angewandt.

       Beim Vergleichen der drei Evangelisten ist außerdem zu bemerken, dass Markus von „dem Bösen“ spricht (Vers 19), womit er auf dessen Charakter im Allgemeinen hinweist; Markus sagt, alsbald kommt ,,der Satan“ (Vers 15), womit er auf dessen Charakter als Widersacher hinweist; und schließlich sagt Lukas, „Dann kommt der Teufel“, womit er auf den Feind als Ankläger hinweist. 

       Auch sehen wir, dass in Matthäus die Betonung auf dem Säemann liegt – „Der den guten Samen sät, ist der Sohn des Menschen“ (13,37); in Markus liegt die Betonung auf dem Werk des Säemanns – „Der Säemann sät das Wort“ ( 4,14 ); und in Lukas liegt die Betonung auf dem Samen – ,,Der Same ist das Wort Gottes“ (8,11 ). Man kann nicht anders, als den Herrn dieser kostbaren, inspirierten Berichte anzubeten, wenn man diese wundervolle Harmonie und dennoch den unterschiedlichen Charakter der Evangelien sieht!

Ill.   Lukas: Schließlich kommen wir zu Lukas, wo es heißt, dass der kostbare Same „zertreten“ wurde (Vers 5) und dass er an einen Platz fiel, wo weder viel Erde noch Feuchtigkeit war (Vers 6). Weil aber das, was in die gute Erde fiel, in seinem innersten Wesen das reine Wort Gottes. war, konnte es nur volle Frucht bringen, was durch „hundertfältig“ ausgedrückt wird.«
(Cor Bruins, Er wohnte unter uns. Die göttliche Absicht in den Unterschieden der vier Evangelien, Neustadt: Paulus, 1992.)

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Übersichtsgrafiken für den synoptischen Vergleich

Die folgenden Grafiken für den synoptischen Vergleich stammen von grace@logikos.club (© 1990–2025). Sie dürfen gerne frei mit Quellenangabe verwendet werden.

Ausgangspunkt der Textbeobachtung ist eine tabellarische Gegenüberstellung der synoptischen Texte (Gleichnis samt Erläuterung durch Jesus Christus) (Bild 1).


Endenote

[1]            Das Passivum divinum ist eine theologische Sprachform im AT wie im NT, die es ermöglicht, über Gott zu sprechen, ohne seinen Namen zu verwenden. Dem bibelkundigen Leser war klar, dass der ungenannte Akteur der im Passiv genannten Tätigkeit Gott ist.

Herr, bewahre uns… (Jim Stitzinger)

Adaptiert von: Jim Stitzinger, Lord, keep us safe… (15.10.2025)

Das gewohnte Gebet von Gläubigen und Ungläubigen gleichermaßen: von Autofahrten bis zu kriegerischen Schlachtfeldern, von Kindern, die zur Schule gehen, bis zu denen, die vor Sportveranstaltungen niederknien – wir beten um Sicherheit und Bewahrung. Es kann ein Schlagwort sein, das wir instinktiv sagen und von ganzem Herzen meinen.

Das Nachdenken über »Was wäre, wenn…?« löst Wellen der Angst, Unruhe und Sorge aus. Unsere Reaktion ist oft, Gott noch eindringlicher zu bitten, uns und unsere Lieben vor Schaden zu bewahren.

Ist es falsch, um Sicherheit zu beten? Nein, schließlich werden wir aufgefordert, unsere Sorgen auf ihn zu werfen, denn er sorgt für uns (1.Petrus 5,7). Es ist auch nicht falsch, sich um Sicherheit zu sorgen, wenn wir gefährliche Pläne verfolgen oder mit der sündigen Natur unserer Welt konfrontiert sind. Warum also dieser Artikel?

Einfach gesagt: Sicherheit und Bewahrung sind nicht unsere oberste Priorität.

Lassen Sie das auf sich wirken: Im Neuen Testament gibt es kein einziges Gebet für Sicherheit. Nicht ein einziges Mal versammeln sich Menschen oder Gruppen, um Gott zu bitten, Johannes den Täufer, Priscilla, Petrus, Lydia oder Paulus »zu bewahren«. Nichts. Es gibt Gebete um Befreiung vom Bösen, aber nichts, was der heutigen Vermeidung von Unannehmlichkeiten entspricht.

Zweifellos waren ihre Herzen von Angst, Schrecken, Trauer und Sorge über ihre Umstände erfüllt. Sie spürten die unmittelbaren Auswirkungen eines Lebens für Christus in einer Welt, die von ungezügeltem Hass gegenüber Gott erfüllt war. Sie waren wahrhaftig Schafe inmitten von Wölfen. Wenn jemand Grund hatte, diese Bitte in seinen Gebeten hervorzuheben, dann war es die verfolgte Kirche. Dennoch finden wir keine Gebete, in denen sie Gott bitten, sie an einen Ort des Komforts, der Leichtigkeit und der Abwesenheit von Not zu bringen.

Das einzige Mal, dass ich finde, dass Paulus dieses Wort verwendet, ist in 2.Timotheus 4,18, und der Kontext ist, dass Jesus ihn sicher durch die Pforte des Todes in den Himmel bringt. Der Herr wird mich von allem Bösen erretten und mich sicher in sein himmlisches Reich bringen; ihm sei die Ehre in Ewigkeit. Amen.

Es gibt einige solcher Gebete im Alten Testament (z. B. Psalm 4,8; Psalm 78,53; Jesaja 38,14). Doch selbst unter extremer Verfolgung sehen wir nur sehr selten, dass dies Priorität hat. Denken Sie an alles, was wir über Daniel, Hiob, Esther, Ruth, Jeremia, David und viele andere wissen. Bei all den seelenzerstörenden Emotionen, die sie mit sich herumtrugen, konzentriert sich die überwiegende Mehrheit ihrer Gebete auf etwas anderes als ihr persönliches Wohlergehen.

Wofür beten Gläubige?

  • Offene Türen für das Evangelium – Kolosser 4,2-4
  • Wachsamkeit und Besonnenheit – 1.Petrus 4,7
  • Standhaftigkeit – 2.Thessalonicher 3,3
  • Heiligkeit – 1.Thessalonicher 3,13
  • Erlösung – Römer 10,1
  • Ausrüstung für den Dienst – Hebräer 13,20–21
  • Mut – Epheser 6,19–20
  • Unterscheidende Liebe – Philipper 1,9
  • Liebe, Kraft, Glaube – Epheser 3,16–19
  • Weisheit – Jakobus 1,5
  • Schutz vor dem Bösen – Matthäus 6,14
  • Gerechtigkeit – 1.Petrus 3,10
  • Befreiung von Verfolgung, um das Evangelium zu verkünden – Römer 15,31
  • Würdiges Leben, göttliche Wünsche, kraftvoller Glaube – 2.Thessalonicher 1,11–12

Ein Argument aus dem Negativen ist nicht unbedingt zwingend. Dennoch geht es in der überwiegenden Mehrheit der Gebete, die in der Schrift vorgelebt werden, viel mehr um die Verherrlichung Gottes als um die Beruhigung unserer selbst. Wenn wir diesem Gedankengang folgen, finden wir heraus, wie wir Gott um den Charakter bitten können, den wir brauchen, um Verfolgung zu ertragen. Sicherlich ist Frieden wünschenswert, aber der Frieden, den Gott verspricht, ist die Realität Christi in uns (Epheser 2,14) und die beruhigende Gewissheit, dass er absolut souverän über alle Dinge ist und alles zum Guten wirkt (Römer 8,28). Der Friede, den er verspricht, kommt nicht dadurch zustande, dass wir der Verfolgung ausweichen, sondern dadurch, dass ER im »Tal des Todesschattens« bei uns ist (Psalm 23, Hebräer 13,5–6).

Unsere Gebete müssen Gottes Prioritäten widerspiegeln. Jesus drückte es so aus: Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten (Johannes 14,15). Der gesamte Fokus des christlichen Lebens liegt darauf, Gott durch freudigen, demütigen Gehorsam gegenüber Christus zu verherrlichen.

Gott ist viel mehr an unserer Heiligkeit interessiert als an unserer Gesundheit, an unserer Liebe als an unserer Langlebigkeit, an unserem Charakter mehr als an unserem Komfort, an unserer Heiligung mehr als an unserer Sicherheit. Nicht einmal Jesus betete während seines irdischen Wirkens um seinen persönlichen Schutz. Als er uns lehrte zu beten, sagte Jesus: »Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen« (Matthäus 6,13). Diese Erlösung bezieht sich nicht auf mögliche körperliche Schäden, obwohl diese auch dazugehören können, sondern auf die Auswirkungen verheerender Sünden in unserem Leben.

Der gleiche Gedanke wiederholt sich, als Christus betete: Ich bitte dich nicht, sie aus der Welt zu nehmen, sondern sie vor dem Bösen zu bewahren (Johannes 17,15). Der Schutz, um den wir bitten, ist die beruhigende Gewissheit, von der Paulus in 2.Thessalonicher 3,3 spricht: Aber der Herr ist treu, und er wird euch stärken und vor dem Bösen bewahren.

Wenn Sicherheit unsere oberste Priorität ist, wird unsere Anbetung zu unserer größten Vernachlässigung. Wie können wir mit Christus sagen: »Dein Wille geschehe« (Matthäus 6,10), wenn wir eigentlich meinen: »Solange es meine Lebensqualität oder -quantität nicht beeinträchtigt«. Es ist schwer vorstellbar, dass die drei Hebräer vor Nebukadnezars Götzenbild gestanden und sich geweigert hätten, Gottes Ehre zu kompromittieren, wenn ihre Herzen auch nur im Geringsten um ihre Sicherheit besorgt gewesen wären.

Unsere Sorge um unsere Sicherheit behindert unseren Gehorsam gegenüber dem Missionsauftrag und unsere Bereitschaft, für die Gerechtigkeit zu leiden. Wenn Selbstschutz unsere oberste Priorität ist, gehen wir auf Ungläubige zu, wenn das potenzielle Ergebnis für uns angenehm ist. Dieser Fokus macht uns alle zu Feiglingen.

Wenn unsere Gebete den wahren Prioritäten folgen sollen, dann priorisieren wir unsere Gebete für Heiligkeit, Mut, Treue und Demut und rücken unsere Gebete für Sicherheit an die zweite Stelle. Es ist nicht falsch, unsere Sicherheit und Bewahrung vor Gott zu bringen, aber wir sollten dies nicht zu unserem Götzen machen. 

[»Hauptsache gesund!« ist weder christliches Motto noch christliche Maxime.] Schließlich bestimmt Gott den Tag unseres Todes (Psalm 139,16, Hiob 14,5). Das steht schon lange fest. Nichts, was wir tun, kann dieses festgesetzte Datum ändern (Matthäus 6,27). Lebe also in der Freiheit eines Menschen, der bereits gestorben ist und dessen Leben mit Christus in Gott verborgen ist (Kolosser 3,3). Bete darum, dass wir die Zeit, die wir auf Erden haben, nutzen, um den Willen unseres Vaters zu tun, seiner Güte dieser ungläubigen Welt zu zeigen und alle, denen wir begegnen, zur Umkehr und zum Glauben an Christus aufzurufen.

Geoffrey Studdert Kennedy diente während des Ersten Weltkriegs als Feldgeistlicher. Von der Front schrieb er folgende eindringliche Botschaft an seine Familie:

Das erste Gebet, das mein Sohn für mich lernen soll, ist nicht »Gott, beschütze Papa«, sondern »Gott, mache Papa mutig, und wenn er schwierige Aufgaben zu bewältigen hat, mache ihn stark, sie zu bewältigen«. Leben und Tod spielen keine Rolle … richtig und falsch schon.

Ein toter Vater ist immer noch ein Vater, aber ein Vater, der vor Gott entehrt ist, ist etwas Schreckliches, zu schrecklich, um es in Worte zu fassen. Ich nehme an, du möchtest auch etwas über die Sicherheit sagen, alter Kumpel, und Mutter wird das gewiss auch tun. Nun, dann sag es, aber danach, immer erst danach, denn es ist nicht wirklich so wichtig.

Bete also ruhig um Sicherheit und Bewahrung, aber bete es nicht als Erstes.

Endenoten

Adaptiert aus: Jim Stitzinger, Lord, keep us safe… https://thecripplegate.com/lord-keep-us-safe/,  15.10.2025.

Jim Stitzinger: Jim ist Outreach-Pastor an der Crossroads Community Church in Santa Clarita, Kalifornien, USA.

Geoffrey Anketell Studdert Kennedy MC (27. Juni 1883 – 8. März 1929) war ein englischer anglikanischer Priester und Dichter. Während des Ersten Weltkriegs erhielt er den Spitznamen »Woodbine Willie«,  weil er den Soldaten, denen er begegnete, Zigaretten der britischen Marke Woodbine schenkte. Er wurde mit dem Military Cross ausgezeichnet dafür, dass er mutig und selbstlos verwundeten und sterbenden Soldaten physische und seelsorgerliche Hilfe leistete.

Simul iustus et peccator 

Simul iustus et peccator (dt.: Zugleich Gerechter und Sünder; engl.: Saint and sinner) ist eine Formulierung der Rechtfertigungslehre Martin Luthers.

Einschlägige Formulierungen in Luthers Schriften

Die Gegenüberstellung der Begriffe »iustus« (gerecht, Gerechter) einerseits und »peccator« (Sünder) bzw. »peccat« (sündigt) andererseits findet sich mehrfach in Luthers Schriften, und zwar – gemäß der Weimarer Ausgabe – in folgenden Formulierungen:

  • »simul Iustus est et peccat« [WA 56,347,3–4]
  • »Quod simul Sancti, dum sunt Iusti, sunt peccatores« [WA 56,347,9]
  • »Semper peccator, semper penitens, semper Iustus.« [ WA 56,442,17]

Der Grundgedanke

Der dahinterstehende Grundgedanke von Luther, den er erstmals in seiner Römerbriefvorlesung von 1514/15 bei Römer 4,7 (»Selig sind die, denen die Ungerechtigkeiten vergeben und denen die Sünden bedeckt sind!»; LUT) formulierte, lautet: Heilige sind in ihrer eigenen Einschätzung immer Sünder und deshalb nach Gottes Urteil gerechtfertigt. Heuchler hingegen sind in ihrer eigenen Einschätzung immer Gerechte, weshalb sie in Gottes Urteil immer Sünder sind. Daraus zog Luther den Schluss, dass Heilige (Gläubige) für Gott zugleich Gerechte und Sünder seien (Vorlesungsmitschrieb 1515/16).

Durch dieses simul iustus et peccator wollte Luther den Unterschied zwischen Heiligen und Heuchlern jedoch nicht aufheben, da nur die Heiligen, die ihre eigene Sünde erkennen, durch Gottes Gnade gerecht würden. Gerecht seien sie jedoch nur dadurch, dass Gott ihnen die Sünde nicht anrechnet und das Versprechen gegeben hat, sie endgültig von der Sünde zu befreien. Die Heiligen seien somit in ihrer Hoffnung gerecht, in Wirklichkeit (in ihrer Lebenspraxis) aber weiterhin Sünder. Heuchlern dagegen sei von vornherein der Zugang zu Gottes Gerechtigkeit verwehrt, so dass sie wirklich nur in ihrer eigenen Wahrnehmung Gerechte seien.

Hintergrund

Diese Lehre Luthers bezieht sich auf die scholastische Theologie, der Luther vorwirft, sie behaupte, dass durch Taufe und Buße sowohl Erbsünde als auch die aus Taten hervorgehende Sünde völlig vom Menschen weggenommen würden. 

(NB: Es gab und gibt auch Christen aus anderem Hintergrund, die lehren und glauben, dass sie es schon vor ihrer Verherrlichung als Gläubige schaffen könnten, völlig und dauerhaft frei von Sünde und Sünden zu werden. Manche bezeichnen dies als »zweiten Gnadenstand« oder »Einweihung in die Sohnschaft«. Das alles steht in völligem Widerspruch zur Wahrheit, s.u.).

Biblische Betrachtung

Gegenwärtige Stellung

Wenn ein Mensch aus Glauben von Gott gerechtfertigt wird, verlässt er seine Stellung als Sünder und wird in der Stellung vor Gott zu einem Gerechten (und zu einem Heiligen; Römer 1,7; 1.Korinther 1,2; 2.Korinther 1:1 usw.). Römer 5,8 kann daher in Vergangenheitsform feststellen: »Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus, da wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist.« Sünder zu sein, gehört für den Gläubigen der Vergangenheit an.

Der Begriff der »Stellung« vor Gott entspricht der biblischen Lehre, wie die Elberfelder Übersetzung trefflich übersetzt: »Denn so wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen in die Stellung von Sündern gesetzt worden sind, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen in die Stellung von Gerechten gesetzt werden.« (Römer 5,19; Young’s Literal Translation hat: »for as through the disobedience of the one man, the many were constituted sinners: so also through the obedience of the one, shall the many be constituted righteous.«). Das griech. Verb kathístēmi (Aorist Passiv) bedeutet hier »(amtlich) (ein)gesetzt sein«, »ernannt sein«, also eine (offizielle) »Stellung«. – Jede Aussage, die diesen Stellungswechsel negiert oder ignoriert, ist mithin unbiblisch.

Gegenwärtige Praxis

Praktisch erfahren wir, dass auch der so Gerechtfertigte und Heilige noch sündigt. Zu sündigen gehört für den Gläubigen leider noch zur Gegenwart. Dies ergibt sich daraus, dass er auch als Gerechtfertigter und Heiliger noch die Quelle der Sünde (»die Sünde«) in sich hat und daher noch sündigt: »Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit. Wenn wir sagen, dass wir nicht gesündigt haben, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns.« (1.Johannes 1,8–10).

Der große Unterschied zur Stellung vor der Neugeburt ist, dass beim Gläubigen die Macht der Sünde gebrochen ist: War der Mensch vorher »unter der Sünde« (Römer 3,9), »unter die Sünde verkauft« (Römer 7,14) und so der Sünde »Sklave« (Johannes 8,34), so ist er nun frei von diesem Zwang, er ist »freigemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes« (Römer 8,2). Er ist befreit und befähigt, immer mehr die sündigen »Handlungen des Leibes [zu] töten« und sich durch Gottes Geist leiten zu lassen (Römer 8,12–15). Die aktive Beteiligung des Gerechtfertigten und Heiligen an seiner praktischen Heiligung wird von Gott sowohl gefordert als auch göttlich unterstützt (Philipper 2,12–13; Hebräer 12,14b). 

Das Spannungsfeld der Heiligung

Luther. Am besten fasst diesen biblischen Sachverhalt Luthers Formulierung »simul Iustus est et peccat« (i.S.v. »gleichzeitig Gerechter und sündigt«) zusammen: Der Stellung nach Gerechter, der Praxis nach passieren noch (vereinzelt) Sünden.

Die Spannung zwischen Stellung und Praxis des Geretteten ist real, aber vorübergehend. Die Ermahnungen für ein gottgefälliges Leben (Praxis) gründen in der Stellung: Werdet praktisch so, wie ihr es stellungsmäßig schon seid! Ermahnung gründet auf Gnadenstellung: Wandelt heilig, denn ihr seid Heilige (vgl. 1.Petrus 1,15–16; 1.Korinther 3,17; Kolosser 3,12ff usw.)!

Bildlich gesprochen: Man kann von einem sündigenden Heiligen Schnappschussaufnahmen machen, aber keinen Film drehen. Sündigen wird zum (vereinzelten) Betriebsunfall, während es vorher normaler (wesenseigener) Betriebsmodus war.

Zukunftsperspektive 

Dieser Zustand wird sich erst in der »Verherrlichung« ändern, wenn der Gerechterklärte durch Gottes Gnadenhandeln auch praktisch völlig Christus entsprechen wird, mithin weder von Sünde bewohnt sein wird noch den Willen und die Fähigkeit zum Sündigen mehr besitzt (vgl. 1.Johannes 3,2). Damit ist das Ziel der progressiven Heiligung erreicht (Römer 8,29). Erst im Moment der Verherrlichung sind dann Stellung vor Gott und gelebte/erlebte Praxis identisch. Das wird reine Glückseligkeit und Erfüllung sein.

Welche Gefahren entstehen, wenn wir im Verkündigungsdienst KI nutzen?

»Wir aber werden im Gebet und im Dienst des Wortes verharren« 
(Apostelgeschichte 6:4)

Kaum eine Gabe Gottes kommt ohne Gefahr. Feuer wärmt und zerstört. Sprache segnet und verflucht. Reichtum kann Gutes tun und zugleich Götzen dienen. Und nun schenkt uns Gottes Vorsehung ein neues Werkzeug: Künstliche Intelligenz (KI) – ein Werkzeug, das Texte schreibt, Bibelstellen analysiert und Ratschläge formuliert, ohne jemals zu beten. Die Frage ist also nicht, ob Prediger und Gemeindehirten KI benutzen werden, sondern ob sie die geistlichen Gefahren erkennen, die im Gebrauch von KI liegen.

Die Gefahren sind zahlreich – und sie sind nicht in erster Linie technisch, sondern geistlich. Davon wollen wir in diesem Artikel reden.

1. Die Gefahr des verdrängten Herzens

Die erste und tiefste Gefahr ist, dass ein Gemeindehirte von einer Maschine zu empfangen sucht, was er eigentlich von Gott empfangen soll. Echte Verkündigung wächst im Verborgenen – auf den Knien, nicht auf der Tastatur. Paulus sagt: »Denn ich habe es weder von einem Menschen empfangen noch erlernt, sondern durch Offenbarung Jesu Christi« (Galater 1,12).

Ein Verkündiger, der zu schnell zu KI greift, um Ideen, Gliederungen oder Beispiele zu finden, läuft Gefahr, dass sein Herz erkaltet. Das kann dann schreckliche Folgen haben. Denn die Wahrheit Gottes wird nicht durch Informationsdarbietung zur Flamme, sondern durch Ringen im Gebet und durch Gottes Geist, dessen Wort zu durchbohrten Herzen führt (Apostelgeschichte 2,37).

KI kann helfen, Einsicht vorzutäuschen, aber sie kann nicht vor der Heiligkeit Gottes zittern. Sie kann über Gnade sprechen, aber sie hat nie Gnade erlebt. Und so kann ein Prediger beginnen, fremde Worte mit geliehener Leidenschaft zu sprechen – Worte, die der Geist Gottes nie in ihm entzündet hat. Die Lippen mögen sich bewegen, Rhetorik mag aufblitzen und Anekdoten gut unterhalten, doch das Herz brennt nicht mehr dabei. Wer soll dabei warm werden? Wer soll dabei entzündet werden? (Lukas 24,32).

2. Die Gefahr einer hohlen Autorität

Predigen heißt nicht: Informationen vermitteln. Es heißt: göttliche Wahrheit mit Autorität zu bezeugen, um bei den Zuhörern Lebensveränderung auszulösen. Der Apostel Paulus wies Titus an: »Dieses rede und ermahne und überführe mit aller Machtvollkommenheit [a.ü.: mit allem Nachdruck]« (Titus 2,15a). Der Apostel Petrus lehrt: »Wenn jemand redet, so rede er als Aussprüche Gottes; wenn jemand dient, so sei es als aus der Kraft, die Gott darreicht, damit in allem Gott verherrlicht werde durch Jesus Christus« (1.Petrus 4,11). Die Autorität des Predigers ist also nicht zuerst intellektuell, sondern geistlich. Ihre Quelle ist nicht KI, sondern Gott selbst in Seinem Wort.

Wer seine Predigten zunehmend von einer Maschine schreiben lässt, steht vor seiner Gemeinde als Handwerker der Worte – nicht als Botschafter Gottes. Ton und Inhalt mögen eindrucksvoll sein, aber das geistliche Gewicht fehlt. Denn hinter den Worten steht keine persönliche Begegnung mit Christus. Die Zuhörer merken es vielleicht nicht sofort, aber mit der Zeit verliert die Predigt ihren Geschmack – das »So spricht der HErr« wird zu einem »So sagt chatGPT«.

3. Die Gefahr der schleichenden Täuschung

Ein Gemeindehirte könnte sagen: »Ich benutze KI doch nur als Hilfsmittel!« Vielleicht. Doch jedes Werkzeug prägt seinen Benutzer in dem, was er wahrnimmt, was er tut und wie er es tut. Unsere Werkzeuge prägen unsere Kultur.[1]Wenn wir uns daran gewöhnen, Maschinen das Denken zu überlassen, verlieren wir leicht das wache geistliche Unterscheidungsvermögen, das uns befähigt, Wahrheit von Täuschung zu unterscheiden (1.Könige 3,9; 1.Korinther 12:10; Hebräer 5,12–14).

Die Schlange im Garten brauchte keine neue Lüge zu erfinden – sie musste nur Gottes Wort leicht verdrehen. Ebenso muss KI nicht offensichtlich irren, um zu täuschen. Es genügt, wenn sie die Übung des geistlichen Prüfens schwächt. Denn wahres Erkennen kommt nicht aus Rechenleistung, sondern aus Erneuerung des Sinnes (Römer 12,2).

Die erste Aufgabe des Predigers ist nicht, schöne Sätze zu produzieren, sondern Wahrheit zu erkennen. Und diese Erkenntnis wächst nicht durch Maschinen, sondern durch Heiligung – durch den Heiligen Geist, der mittels der Heiligen Schrift lehrt, überführt, zurechtweist und praktisch unterweist (2.Timotheus 3,16–17).

4. Die Gefahr einer menschenzentrierten Dienstauffassung

Eine weitere Gefahr liegt im schleichenden Übergang von Gottvertrauen zu Effizienzvertrauen. KI verspricht Zeitersparnis, Stil und Relevanz. Aber Reich-Gottes-Arbeit ist nie effizient. Der Same wächst verborgen. Der Wind des Geistes weht, wo er will.

Wenn ein Gemeindehirte anfängt, Erfolg in Reichweite und Ästhetik zu messen, verliert er leicht das Ziel aus den Augen: Buße und Glaube. Paulus sagte: »[M]eine Rede und meine Predigt war nicht in überredenden Worten der Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht auf Menschenweisheit beruhe, sondern auf Gottes Kraft« (1.Korinther 2,4).

Diese Kraft entsteht nicht durch Algorithmen, sondern durch Schwachheit, die Gott sucht. Ein Computer kann nicht sterben oder auferstehen, ist nicht vom Heiligen Geist bewohnt und beseelt – und darum kann er auch keine Auferstehungskraft vermitteln. Konservennahrung kann man rasch zusammenstellen und »fast« verabreichen – aber sie ist fürs Pflanzen, Reifen und Ernten völlig ungeeignet.

5. Die Gefahr eines verkümmerten Gebetslebens

Wo Technik blüht, verdorrt oft das Gebet. Wenn man in dreißig Sekunden bekommt, was früher drei Stunden Gebet und Arbeit kostete, erscheint Beten plötzlich ineffizient. Aber Beten war nie effizient – es ist Ausdruck der Abhängigkeit.

Jesus hätte Steine in Brot verwandeln können, doch Er wählte den Hunger – um dem Vater gehorsam zu bleiben. Ebenso muss ein Gemeindehirte bereit sein, Mühe und Langsamkeit zu ertragen, damit sein Herz hungrig nach Gott bleibt.

Jede Predigt, die ohne Gebet entsteht, ist ein Haus auf Sand. Worte mögen stehen, bis der Sturm kommt – dann fällt das Ganze in sich zusammen. KI kann Gliederungen liefern, aber nur der Geist kann Salbung schenken. Und die Salbung des Heiligen Geistes zerbricht Herzen – nicht clevere oder philosophisch anspruchsvolle Formulierungen.

6. Die Gefahr, die Stimme des Hirten zu verlieren

Ein Gemeindehirte (Ältester) ist nicht nur Lehrer, sondern auch Hirte (Epheser 4,11). Er muss sein Volk kennen – ihre Schmerzen, Versuchungen, Freuden. KI kann Daten auswerten, aber sie kann keine Tränen sehen. Sie kann Statistiken lesen, aber keine Herzen tragen. Sie kann Unmengen von theologischen Artikeln und Predigten lesen, wird aber kein Tröpfchen Heiligen Geist haben.

Die Stimme des Hirten hat Autorität, weil sie Wahrheit in Liebe vermittelt (Epheser 4,15). Und Liebe lässt sich nicht automatisieren. Wenn Prediger ihre Worte auslagern, wird ihre Stimme irgendwann fremd. Und Jesus sagt: »[D]ie Schafe folgen ihm, weil sie seine Stimme kennen. Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen« (Johannes 10,4–5). KI kann die Stimme eines guten Hirten nur nachäffen, sogar täuschend ähnlich (was die Schlange im Garten Eden auch konnte), aber nicht aus der Wahrheit im Herzen erzeugen.

7. Die Gefahr, das Kreuz zu vergessen

Am Ende liegt unter allen Gefahren diese: KI kann nicht bluten. Sie kann keine Last tragen. Sie kann kein Kreuz aufnehmen. Wahre Verkündigung fließt aus den Wunden des Gekreuzigten – durch die Wunden seiner Diener. »Daher wirkt der Tod in uns, das Leben aber in euch« (2.Korinther 4,12).

Wenn ein Gemeindehirte oder Prediger sich zu sehr auf KI verlässt, trennt er die Botschaft vom Kreuz von der Lebensweise des Kreuzes. Das Evangelium mag noch auf seinen Lippen liegen, aber nicht mehr in seinem Leben. Und wo das Kreuz nicht mehr Form und Inhalt unseres Lebens und Predigens prägt, verliert das Evangelium seine überzeugende Kraft (1.Thessalonicher 1,5–10; 2.Korinther 5,11).

8. Ein nachahmenswertes Vorbild

Esra hat uns ein nachahmenswertes Vorbild für alle Verkündiger hinterlassen: »Denn Esra hatte sein Herz darauf gerichtet, das Gesetz Jahwes zu erforschen und zu tun und in Israel Satzung und Recht zu lehren.« (Esra 7,10). Verkündigung fängt mit der rechten Herzenseinstellung an, geht zum Wort Gottes, um es intensiv (im Detail) und extensiv (in Gänze) zu studieren (vgl. Psalm 1,2), es dann aufs eigene Denken und Tun fruchtbringend anzuwenden und schließlich entsprechend gereift (»ergriffen«) und »begriffen« es lehrend auf die Herzen des Volkes Gottes zu legen als »Wort des Herrn«.

Darum, liebe Mitbrüder im Verkündigungsdienst:
Lasst uns die Werkzeuge unserer Zeit nicht verachten – aber lasst uns sie mit heiliger Wachsamkeit gebrauchen. Nutze sie, wenn du musst, aber gib ihnen nicht dein Herz.

Tausche niemals die Flamme göttlicher Offenbarung gegen das Flimmern digitaler Inspiration. Wenn der Geist Gottes einen Menschen erfüllt, wird sogar seine Schwachheit zur Stärke (1.Korinther 2,3–5). Aber wenn ein Mensch auf eine Maschine vertraut, wird selbst seine Stärke hohl.

Besser ein zitternder Prediger mit Bibel und Gebet – als eine gefällig-elegante Predigt ohne Seele.

Quellen & Disclaimer

Dieser Artikel wurde u.a. angeregt durch einen (englischsprachigen) Interview-Beitrag mit John Piper: Should I Use AI to Help Me Write Sermons? (24.02.2025). Onlinequelle: https://www.desiringgod.org/interviews/should-i-use-ai-to-help-me-write-sermons [10.10.2025].

Lesenswert auch der (englischsprachige) Artikel von Abner Chou, Präsident von The Master’s University and Seminary: Biblical Wisdom on Artificial Intelligence (28.10.2023). Onlinequelle: https://www.math3ma.institute/journal/jan2025-chou [10.10.2025].


[1]            Der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan (1911–1980) schrieb sinngemäß: »We shape our tools and thereafter our tools shape us.« (»Wir formen unsere Werkzeuge, und danach formen unsere Werkzeuge uns.«). Neil Postman (1931–2003), ein Schüler McLuhans, hat den Gedanken weitergeführt: »Every technology carries with it a philosophy, a bias, a way of being in the world.« ((»Jede Technologie bringt eine Philosophie mit sich, eine Tendenz, eine bestimmte Art, in der Welt zu sein.«). Beide beobachteten, dass insbesondere neue, gehypte Technologien die Tendenz haben, die eigentliche Botschaft in den Hintergrund zu drängen und sich dafür selbst in den Vordergrund zu stellen: Das Medium selbst wird zur Botschaft (McLuhan, The Medium Is the Massage, 1967; das Buch wurde absichtlich mit diesem Druckfehler im Titel verkauft!).

Deus spes nostra est – Gott ist unsere Hoffnung

Gestern entdeckte ich einen alten Metallknopf, der wohl einmal an einem alpenländischen Janker hing, den ich als Kind getragen hatte. Die Mitte dieses kreisrunden Knopfes ziert ein (Reichs-)Adler, wie man ihn überall als Wappentier sehen kann. Das Besondere ist: Rings herum steht in Großbuchstaben: »DEUS SPES NOSTRA EST«. Das hat mich neugierig gemacht: Wie gerät eine solche Glaubensaussage auf einen Knopf einer einfachen Trachtenjacke?

Und siehe da: Der Knopf ist ein (reproduziertes) Relikt aus jener Zeit und Gegend, wo der christliche Glaube allgemeines, öffentliches Gut und alltägliche Selbstverständlichkeit einer Gesellschaft war. So findet man diesen Spruch (u.a.) als Hoffnungs-Wahlspruch im Schaffhausener Standeswappen. So berichtet es der Jahresbericht des Schweizerischen Landesmuseums von 1896 auf Seite 116. Es war seit dem ausgehenden Mittelalter in der Eidgenossenschaft üblich, im Stadt- und Standeswappen Glaubenssätze und Bekenntnisse des christlichen Glaubens zu zeigen, nur wenige Kantone verzichteten darauf. Auch auf Münzen fanden diese Sätze Verbreitung (s. Abb. unten) und wurden so ubiquitäres Allgemeingut. Einzig das eidgenössische Wappen wurde eingefasst mit den Worten: »Einer für Alle, Alle für Einen« in Deutsch, Französisch und Italienisch, dem inoffiziellen nationalen Motto der Schweiz, das den bundesgenossenschaftlichen Zusammenhalt ausdrückt und am Bundeshaus in Bern eingemeißelt steht. Die einzelnen Wahlsprüche der Kantone lauten:

Kanton

Wahlspruch

Übersetzung ins Deutsche

Zürich 

Domine conserva nos in pace

Herr, erhalte uns in Frieden

Bern 

Deus providebit

Gott wird sorgen

Luzern 

Dominus illuminatio mea

Der Herr ist mein Licht

Uri 

Soli Deo gloria

Allein Gott die Ehre

Schwyz 

Turris fortissima nomen Domini

Der Name des Herrn ist ein starker Turm

Obwalden 

Dilexit Dominus decorem justitiae

Der Herr liebt die Zierde der Gerechtigkeit

Nidwalden 

Pro fide et patria

Für Glaube und Vaterland

Zug 

Cum his qui oderant pacem eram pacificus

Mit denen, die Frieden hassen, war ich friedlich

Freiburg 

Esto nobis Domine turris fortitudinis a facie inimici

Sei uns, Herr, ein starker Turm gegen den Feind

Solothurn 

Cuncta per Deum

Alles durch Gott

Baselstadt 

Domine conserva nos in pace

Herr, erhalte uns in Frieden

Schaffhausen 

Deus spes nostra est

Gott ist unsere Hoffnung

Appenzell I.Rh.

Super omnia libertas

Freiheit über alles

Appenzell A.Rh.

Jedem das Seinige

 

Graubünden 

Hie alt fry Rhätia

Hier altes freies Rätien

Waadt 

Liberté et patrie

Freiheit und Vaterland

Wallis 

Soli Deo gloria

Allein Gott die Ehre

Genf 

Post tenebras lux

Nach der Dunkelheit das Licht

Der Kanton Schaffhausen trug seinen Wahlspruch ganz bewusst durch die Jahrhunderte. Der Wappenexperte (Heraldiker) Adolphe Gautier schrieb in seinem Wappenbuch der Schweizer Kantone 1878 folgendes fest: «La devise de Schaffhouse est: Deus spes nostra est. Elle est beaucoup plus usitée que toutes celles que nous avons vues jusqui’ici« (Adolphe Gautier, Les armoiries et les couleurs de la Confédération et des Cantons Suisses, Genève et Bâle, 1878, S. 82. Verdeutscht: »Der Wahlspruch von Schaffhausen lautet: Deus spes nostra est. Er wird viel häufiger verwendet als alle anderen, die wir bisher gesehen haben«.).

Auch auf Münzen wurde der schöne Denkspruch verwendet. So wird berichtet, dass er schon 1550 auf einem Thaler zu finden war, und seitdem auf beinahe allen Schaffhausener Münzen: Halb- und Viertelthaler (gleichwertig zum Viertelthaler: der Örter = ein Viertelgulden), Batzen (4 Kreuzer) und Kreuzer (1 Gulden = 60 Kreuzer). Dies war üblich bis letztmalig 1677.

Vorher war der Spruch »O rex gloriæ Christe veni cum pace« (»O König der Herrlichkeit, Christus, komm mit Frieden«) üblich gewesen, ein traditioneller liturgischer Ruf, der aber nach der Reformation nicht mehr verwendet wurde. Der neue Spruch war auf Deutsch schon in Konstanz verwendet worden auf dem sog. »Konstanzer Reformationsthaler«: »Got ist unser aller Hail und Hofnung« (1537–1541). Weil Münzen natürlich in aller Hand waren, fand der aufgeprägte Spruch weite Verbreitung und wurde im Lauf der Zeit zum offiziellen Schaffhauser Wahlspruch.

Nebst auf Münzen wurde der Wahlspruch von der Hoffnung in Gott auch auf anderen öffentlichen Gegenständen und Gebäuden angebracht, wie Glocken, öffentliche Gebäude, Deckengemälde (vor allem in Kirchen), Standarten, Schiffe (z.B. beim ersten Raddampfschiff »Stadt Schaffhausen«, das 1851–1892 fuhr) u.Ä. Auch in anderen christlichen Ländern sind noch Spuren davon zu finden. So findet man den Sinnspruch »In te Domine speravi« (»Auf Dich, o Herr, habe ich gehofft«; aus Psalm 31,2; 71,1) über den beiden Portalen des Hochtor-Tunnels auf der Scheitelstrecke der Großglockner Hochalpenstraße, auf 2.504 Metern Seehöhe, an der Grenze zwischen Salzburg und Kärnten.

Leider ist sowohl der Denkspruch als auch der lebendige christliche Glaube, der ihn zeitigte und ihn in der Lebensrealität der Menschen verankerte, verblasst und fast in Vergessenheit geraten. Nur gelegentlich wird der Denkspruch von der wahren Hoffnung des Menschen bei Reden, in Chroniken oder kirchlichen Veranstaltungen wieder hervorgeholt. Die Reformation –und mit ihr die im absolut Guten, Gott,– verankerten Güter Glaube, Wahrheit, Freiheit, Solidarität, Nächstenliebe, Erlösung und Verantwortung vor Gott– hat scheinbar die abendländische Welt längst verlassen.

Und in der Bundesrepublik Deutschland

Im (anderen) »Land der Reformation«, Deutschland, gab es in den letzten Jahren heftige Debatten um die weithin sichtbare Inschrift an der Außenseite der restaurierten Kuppel des Berliner Schlosses. Da steht in goldenen Lettern zu lesen: »Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn in dem Namen Jesu, zur Ehre Gottes des Vaters. Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.« Dies ist ein Text, der aus den neutestamentlichen Bibelversen Apostelgeschichte 4,12 und Philipperbrief 2,10 zusammengesetzt wurde. König Friedrich Wilhelm IV. hatte ihn für die 1845 bis 1854 durch den Architekten Friedrich August Stüler errichtete Kuppelkonstruktion über der Westfassade von Schlüters barockem Schlossbau, der preußischen Residenz in Berlin, vorgegeben. Das Haupt der Kuppel ziert ein großes goldenes Kreuz.

© dpa / Bernd von Jutrczenka

Im Schloss ist heute nach der Rekonstruktion das »Humboldt Forum« beheimatet, das einen Ort für den Dialog der Weltkulturen bieten will. Wie verträgt sich das mit den klaren, positiven Aussagen des Evangeliums Gottes? Es wundert fast nicht, dass Claudia Roth (*1955; Bündnis 90/Die Grünen), Staatsministerin beim Bundeskanzler von 2021 bis 2025 und Beauftragte der Bundesregierung der BRD für Kultur und Medien, an vorderster Front der ablehnenden Kritiker stand. Klare christliche Aussagen, sogar zentrale Inhalte der »Guten Botschaft« (Evangelium) aus berufener Quelle, den christlichen Aposteln Petrus und Paulus, dürfen nicht mehr Teil der öffentlichen Kultur der BRD sein. Zumindest müssen sie »kontextualisiert« werden, was hier offenbar bedeutet, dass die »frohe Botschaft Gottes« an alle Menschen umgedeutet und eingegrenzt wird auf die angeblich rein politische Absicht dieser Verse und deren symbolhaften, öffentlichen Anbringung durch den damaligen Monarchen. Das ist ärmlich und verarmend.

Und es ist kindisch-leugnend, wie der sprichwörtliche Vogel Strauß. Diese Inschrift gehört zur deutschen Geschichte. Definitiv. Man mag gerne die Intention des Preußenkönigs zur Anbringung dieser Bibelverse »kontextualisieren«, aber nur Dummen oder Geblendeten kann man unterjubeln, dass damit auch die ewige Rettungskraft und Wahrheit dieses Gotteswortes in Frage gestellt worden sei. Mögen der Bote und der Anlass auch zurecht kritikwürdig sein, was da nach sozialistischem Raubbau und ideologischer Selbstverherrlichung jetzt wieder steht, ist über Politik, Kultur und Zeit erhaben gültig, denn der Autor ist der Schöpfer-Gott, der sich uns Menschen in Jesus Christus als Retter-Gott nahte und noch nahe ist. (Ja, Jesus, der Gesalbte, war kein Preuße, sondern »Retter der Welt«; Johannes 4,42.) Wird dieser Retter-Gott aus Politik und Kultur (und Glaube!) der Gesellschaft verdrängt, bleiben am Ende nur noch die Heilsversprechen der Politiker, der Ideologen und der Sekten. Leugnet eine Gemeinschaft Gott, oder –gleichwertig– macht ihn beliebig, macht sich diese Gesellschaft selbst zu Gott, zum letzten Ziel, Sinn und Wert. Die Bibel bezeichnet solche selbstgewählte Verblendung krass und richtig als »Torheit« (Psalm 14). Glaubende Christen jedoch wissen um diese Problematik und beten daher inständig und anhaltend für ihr Volk und dessen Repräsentanten zu Dem, der alle Macht hat und alle Ehre gebührt (1.Timotheus 2,1–7).

Nachdem die Entfernung des Spruches als offensichtliche Geschichtsklitterung und Denkmalszerstörung zurückgewiesen wurde, befürwortete Frau StM’in Claudia Roth, die auch Vorsitzende des Stiftungsrates des Humboldt Forums ist, Kunstprojekte, die die Texte nachts in LED-Technik mit alternativen, kommentierenden und reflektierenden Laufschrifttexten (z.B. aus dem Grundgesetz oder der Menschenrechtserklärung) überstrahlen sollten. Die Stiftung Humboldt Forum distanziert sich mit Tafeln von der ursprünglichen Botschaft des Kuppeltextes: »Alle Institutionen im Humboldt Forum distanzieren sich ausdrücklich von dem Allgemeingültigkeits- und Herrschaftsanspruch des Christentums.« Als »Kunstprojekt« inszeniert sollen anstatt der »Guten Nachricht« von Gott Werte des Humanismus und des Menschen leuchtend sichtbar werden. Dies wiederum empörte etliche Rekonstruktionsbefürworter und Spender. Der Vorsitzende des »Förderverein Berliner Schloss«, der über 100 Mio. Euro Spendengelder für die rekonstruierte Barockfassade gesammelt hat, nannte die Pläne, die Inschrift abändern zu wollen, »einen kulturellen Bruch, wie wir ihn in unserer Geschichte noch nie hatten – die Herrschaft der Säkularisierung über unsere zweitausend Jahre alten Wurzeln im Christentum«. So hören wir lautstark und manchmal schrill die Stimmen der Politik, der Kultur und des Zeitgeists. Aber wo war die Stimme der Gemeinde Jesu Christi?

Der Kunsthistoriker Peter Stephan versuchte, die Rauchschwaden der oft entrüsteten und verdrehten Debatte wegzupusten. Er schrieb, dass die Schlosskuppel vielmehr der Abgrenzung gegen Cäsarenwahn und absolutistische Herrschaftsansprüche diene. König Friedrich Wilhelm IV. hätte darin zum Ausdruck bringen wollen, dass kein Herrscher und kein Staat sich als Heilsbringer betrachten solle. Die Preußen sollten nicht vor ihrem König, sondern gemeinsam mit ihm vor Gott niederfallen. Das ist durchaus bedenkenswert in einer Zeit, wo immer wieder Politiker mit Anwandlungen politischer Allmacht letztlich infrage stellen, dass nicht Cäsar, sondern Christus, das Haupt der Gemeinde Gottes und Schöpfer und Gebieter jedes Menschen ist. Auch jedes Politikers. Daher beten glaubende Christen auch explizit für sie vor Dem Höchsten. Denn dort ist allein Hoffnung zu finden für alle Fragen, deren Beantwortung und Bewältigung der Mensch offenbar nicht mächtig ist.

Fazit

Die Säkularisierung und Wendung zu Naturreligionen und zur gottlosen Zivilreligion (s. klassisch bei Jean-Jacques Rousseau, Du contrat social, 1762; vgl. kontemporär bei Robert N. Bellah, Civil Religion in America, 1967) ist weit vorangeschritten. Der Baum der Völker versucht, ohne glaubensstarke Wurzeln in Gott den globalen Stürmen zu trotzen. Er wird fallen (Daniel 4,6ff). Dauerhafter Friede wird erst dann kommen, wenn anerkannt wird, »dass die Himmel [=der Schöpfer-Gott] herrschen.« (Daniel 4,23b). Er wird kommen. Genau so, wie Er gesagt hat.

Egal, wie säkularisiert unser Denken und Glauben wird; egal, welche Machtphantasien ideologisch und pseudo-religiös verklärt mit massenmedialem Nachdruck verbreitet werden; egal, wie sehr die Nationen toben und die Völkerschaftes Eitles [=Nichtiges, Hohles, Leeres] sinnen (Psalm 2): Der Gläubige blickt wie seit Jahrtausenden auch heute auf und weiß: »Deus spes nostra est!«: »Es ist in keinem andern Heil … denn in dem Namen Jesu, zur Ehre Gottes des Vaters.« »Glückselig alle, die zu ihm Zuflucht nehmen!« (Psalm 2,12).

Ich erhebe meine Augen zu den Bergen:
Woher wird meine Hilfe kommen?
Meine Hilfe kommt von dem Ewigen,
der Himmel und Erde gemacht hat.

(Psalm 121,1–2)

Thaler der Stadt Schaffhausen (1620-1624)
Auf der Rückseite ist deutlich zu lesen: “DEVS SPES NOSTRA EST”. Silbermünze, groß, mit dem doppelköpfigen Reichsadler.

Dicken der Stadt Schaffhausen (1631)
Auch diese Münze trägt auf der Rückseite “DEVS SPES NOSTRA EST”. Der »Dicken« ist eine kleinere Silbermünze (in Schaffhausen etwa 1/5 eines Thalers).

Die Danvers-Erklärung zum biblischen Verständnis von Mann und Frau

Die Danvers-Erklärung fasst zusammen, warum das Council on Biblical Manhood and Womanhood (CBMW) gegründet wurde und gibt einen Überblick über dessen Grundüberzeugungen. Diese Erklärung wurde von mehreren evangelikalen Führern bei einem CBMW-Treffen in Danvers, Massachusetts, im Dezember 1987 ausgearbeitet. Sie wurde erstmals im November 1988 vom CBMW in Wheaton, Illinois, in ihrer endgültigen Form veröffentlicht. – Wir (logikos@club) finden diese Erklärung hilfreich für die sachlich-biblische Erörterung des Mit- und Füreinanders der Geschlechter zur Ehre Gottes und zum Nutzen der Menschen, insbesondere unserer Kinder.

Warum es diese Erklärung gibt

Wir wurden in unserem Vorhaben durch die folgenden aktuellen Entwicklungen bewegt, die wir mit großer Sorge beobachten:

  1. Die weit verbreitete Unsicherheit und Verwirrung in unserer Kultur hinsichtlich der komplementären Unterschiede zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit;
  2. die tragischen Auswirkungen dieser Verwirrung auf die Auflösung des von Gott gewebten Gefüges der Ehe aus den schönen und vielfältigen Besonderheiten von Männlichkeit und Weiblichkeit;
  3. die zunehmende Förderung des feministischen Egalitarismus mit den damit einhergehenden Verzerrungen oder der Vernachlässigung der in der Schrift dargestellten freudigen Harmonie zwischen der liebevollen, demütigen Führung erlöster Ehemänner und der intelligenten, bereitwilligen Unterstützung dieser Führung durch erlöste Ehefrauen;
  4. die weit verbreitete Unsicherheit in der Bewertung der Mutterschaft, der Berufung als vollzeitliche Hausfrau und der vielen geistlichen Dienste, die historisch von Frauen ausgeübt wurden;
  5. die zunehmenden Forderungen nach Legitimität für sexuelle Beziehungen, die biblisch und historisch als unzulässig oder pervers angesehen wurden, und die Zunahme pornografischer Darstellungen der menschlichen Sexualität;
  6. die Zunahme körperlichen und emotionalen Missbrauchs in der Familie;
  7. das Aufkommen von Rollen für Männer und Frauen in der Gemeindeleitung, die nicht mit der biblischen Lehre übereinstimmen, sondern sich als Bumerang erweisen und das biblisch christliche Zeugnis lähmen;
  8. die zunehmende Vorherrschaft und Akzeptanz hermeneutischer Auswüchse, die dazu dienen sollen, die offensichtliche und klare Bedeutung biblischer Texte umzudeuten;
  9. die Bedrohung der Autorität der Bibel, da die Klarheit der Schrift und die Zugänglichkeit ihrer Bedeutung für normale (nicht theologisch gebildete) Christen in Frage gestellt und ihre Deutung sogenannten professionellen Theologen vorbehalten wird;
  10. und hinter all dem die offensichtliche Anpassung eines Teils der Kirche an den Zeitgeist unter Preisgabe einer gewinnenden, radikalen biblischen Authentizität, die in der Kraft des Heiligen Geistes unsere kranke Kultur reformieren und nicht sie kritiklos widerspiegeln sollte.

Der Zweck dieser Erklärung

In Anerkennung unserer eigenen verbliebenen Sündhaftigkeit und Fehlbarkeit und in Anerkennung der evangelikalen Einstellung vieler, die nicht mit allen unseren Überzeugungen übereinstimmen, aber dennoch bewegt werden von den vorstehenden Beobachtungen, sowie in der Hoffnung, dass die noble biblische Lehre der Komplementarität der Geschlechter doch noch den Verstand und das Herz der Kirche Christi gewinnen möge, verpflichten wir uns, die folgenden Ziele zu verfolgen:

  1. Die biblische Sicht der Beziehung zwischen Mann und Frau, insbesondere in der Familie und in der Gemeinde, zu studieren und darzulegen.
  2. Die Veröffentlichung von wissenschaftlichen und allgemeinverständlichen Materialien zu fördern, die diese Sichtweise vertreten.
  3. Das Vertrauen der Nichttheologen unter den Christen zu stärken, die Lehre der Schrift selbst zu studieren und zu verstehen, insbesondere in Bezug auf die Frage, wie Männer und Frauen zueinander in Beziehung stehen.
  4. Die überlegte und sensible Anwendung dieser biblischen Sichtweise in den jeweiligen Lebensbereichen zu fördern.
  5. Und dadurch
    • Heilung für Menschen und Beziehungen zu bringen, die durch ein unzureichendes Verständnis von Gottes Willen in Bezug auf Männlichkeit und Weiblichkeit verletzt wurden,
    • sowohl Männern als auch Frauen zu helfen, ihr volles Potenzial im Dienst zu entfalten, indem sie ihre von Gott gegebenen Rollen wirklich verstehen und ausüben, 
    • und die Verbreitung des Evangeliums unter allen Völkern zu fördern, indem wir eine biblische Ganzheitlichkeit in Beziehungen pflegen, die eine zerbrochene Welt anziehen wird.

    Was diese Erklärung ausdrücklich als biblisch geboten festhält

    Auf der Grundlage unseres Verständnisses der biblischen Lehre bekennen wir Folgendes:

    1. Sowohl Adam als auch Eva wurden nach Gottes Ebenbild geschaffen, sind vor Gott als Personen gleichwertig und unterscheiden sich in ihrer Männlichkeit und Weiblichkeit (1. Mose 1,26–27, 2,18). [Ontologische Gleichwertigkeit bei funktionaler Differenziertheit]
    2. Die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Rollen sind von Gott als Teil der Schöpfungsordnung festgelegt und sollten in jedem menschlichen Herzen Widerhall finden (1. Mose  2,18, 21–24; 1. Korinther 11,7–9; 1. Timotheus 2,12–14).
    3. Adams Vorrangstellung (Hauptschaft) in der Ehe wurde von Gott vor dem Sündenfall festgelegt und war nicht eine Folge der Sünde (1. Mose 2,16–18, 21–24, 3,1–13; 1. Korinther 11,7–9).
    4. Der Sündenfall führte zu Verzerrungen in den Beziehungen zwischen Männern und Frauen (1. Mose 3,1–7, 12, 16):
      • In der Familie wird die liebevolle, demütige Vorrangstellung des Mannes oft durch Dominanz oder Passivität ersetzt; die bewusste, bereitwillige Unterordnung der Frau wird oft durch Usurpation oder sklavischer Unterwürfigkeit ersetzt.
      • In der Kirche neigt die Sünde Männer dazu, nach weltlicher Macht zu streben oder sich ihrer geistlichen Verantwortung zu entziehen, und Frauen dazu, sich gegen Einschränkungen ihrer Rolle zu wehren oder ihre Gaben in ihnen geeigneten Diensten zu vernachlässigen.
    5. Sowohl das Alte Testament als auch das Neue Testament zeigen, dass Gott den Rollen von Männern und Frauen den gleichen hohen Wert und die gleiche Würde beimisst (1. Mose 1,26–27, 2,18; Galater 3,28). Sowohl das Alte als auch das Neue Testament bekräftigen das Prinzip der männlichen Leiterschaft (Letztverantwortung) in der Familie und in der christlichen Gemeinde (1. Mose 2,18; Epheser 5,21–33; Kolosser 3,18–19; 1. Timotheus 2,11–15).
    6. Die Erlösung in Christus zielt darauf ab, die durch den Fluch verursachten Verzerrungen zu beseitigen:
      • In der Familie sollten Ehemänner schroffe oder egoistische Führungsweisen aufgeben und wachsen in Liebe und Fürsorge für ihre Frauen; Ehefrauen sollten den Widerstand gegen die Autorität ihrer Ehemänner aufgeben und wachsen in bereitwilliger, freudiger Unterordnung unter die Führung ihrer Ehemänner (Epheser 5,21–33; Kolosser 3,18–19; Titus 2,3–5; 1. Petrus 3,1–7).
      • In der christlichen Gemeinde gibt die Erlösung in Christus Männern und Frauen einen gleichen Anteil an allen Segnungen der Erlösung; dennoch sind einige Leitungs- und Lehraufgaben innerhalb der Gemeinde auf Männer beschränkt (Galater 3,28; 1. Korinther 11,2–16; 1. Timotheus 2,11–15).
    7. In allen Lebensbereichen ist Christus die höchste Autorität und der höchste Führer für Männer und Frauen, sodass keine irdische Unterordnung – sei es im häuslichen, religiösen oder zivilen Bereich – jemals die Verpflichtung beinhaltet, einer menschlichen Autorität in die Sünde zu folgen (Daniel 3,10–18; Apostelgeschichte 4,19–20, 5,27–29; 1. Petrus 3,1–2).
    8. Weder Männer noch Frauen sollte ein ggf. tief empfundenes Gefühl der Berufung zu einem christlichen Dienst dazu verführen, biblische Kriterien für bestimmte Dienste außer Acht zu lassen (1. Timotheus 2,11–15, 3,1–13; Titus 1,5–9). Vielmehr sollte die biblische Lehre die höchste Autorität sein, anhand derer wir unser subjektives Erkennen des Willens Gottes prüfen.
    9. Angesichts der Tatsache, dass die Hälfte der Weltbevölkerung nicht durch einheimische Evangelisierung erreicht werden kann und dass es auch in den Gesellschaften, die das Evangelium gehört haben, viele verlorene Menschen gibt, und angesichts der Lasten und Leiden wegen Krankheit, Unterernährung, Obdachlosigkeit, Analphabetismus, Unwissenheit, Altern, Sucht, Kriminalität, Inhaftierung, Neurosen und Einsamkeit muss kein Mann und keine Frau, die von Gott die Leidenschaft verspüren, seine Gnade in Wort und Tat bekannt zu machen, jemals ohne einen erfüllenden Dienst zur Ehre Christi und zum Wohl dieser gefallenen Welt leben (1. Korinther 12,7–21).
    10. Wir sind überzeugt, dass die Ablehnung oder Vernachlässigung dieser Prinzipien zu zunehmend zerstörerischen Folgen in unseren Familien, unseren Gemeinden und der Gesellschaftkultur insgesamt führen wird.

    Quelle und Referenz: https://cbmw.org/about/the-danvers-statement/ (eigene Übers. durch grace@logikos.club)

    Jesus Christus herrscht als König! (Psalm 2)

    Einleitung

    Weltpolitische Mächte versuchen beständig, Frieden und Sicherheit herzustellen. Der Völkerbund und dann die UN wurden gegründet, um Frieden auf Erden herzustellen und zu sichern. Doch gab es kein Jahr ihres Bestehens ohne kriegerische Auseinandersetzungen. Auch aktuell versuchen Machtmenschen, ihre Reiche zu sichern und auszubauen. Dabei scheint es ihnen egal zu sein, wie viele Menschenleben und Vermögenswerte das kostet. Andere wollen mit Macht Friedensnobelpreisträger werden. 

    Die meisten Menschen sehnen sich nach Frieden und Sicherheit. Dieses Urverlangen nutzen Machtmenschen aller Couleur unverschämt in ihrer Propaganda aus. Eines Tages wird ein »starker Mann« den Weltfrieden ausrufen. Die Heilige Schrift warnt jedoch:

    »Wenn sie sagen: Friede und Sicherheit!, dann kommt ein plötzliches Verderben über sie …« (1. Thessalonicher 5,3).

    Bibelleser wissen: Nur Jesus Christus bringt bleibenden Frieden, denn Gott hat Ihn bereits eingesetzt als den König der Könige (=der oberste König). Wohl dem, der Gotteskind – Königskind!– ist. Es lebt zur Zeit noch auf einem Kampfplatz, auf dem sein König verworfen ist, aber es hat die feste Hoffnung auf das herrliche Wiederkommen des Königs. Davon wollen wir im Folgenden anhand von Psalm 2 skizzenhaft reden.

    Die Welt der Königskinder – Ein Kampfplatz von Licht und Finsternis

    • V1–3 Die Nationen toben. Das beschreibt den finsteren Hintergrund der Weltbühne. Seit dem Sündenfall ist diese Welt ein Kampfplatz des Satans gegen Gott und die Seinen. Man will Gottes Souveränität leugnen und jedes Gebot und jede Ordnung des Höchsten samt der Schöpfungsordnung abwerfen.
    • V4–6 Gott thront. Ein harter Bruch geschieht in V4: Der Blick wendet sich abrupt von der finsteren, aufgewühlten Erde weg zum Mittelpunkt des Himmels: »Der im Himmel thront«. Gottes Souveränität als oberster Herrscher tritt vor unsere Blicke. Der Höchste muss angesichts der großartigen Pläne der Menschen lachen. Es ist so lächerlich, wenn Menschen von ihrer Souveränität reden, sich ihrer Macht und Fähigkeit brüsten, und dabei vergessen, dass nur Einer wirklich frei und unumschränkt ist. Und so redet der Allmächtige seinem ewigen Beschluss, den kein Mensch oder Engel verhindern oder ändern kann: »Habe ich doch meinen König eingesetzt auf Zion, meinem heiligen Berg!«.
    • V7–9 Der gesalbte König kommt! Weil der Beschluss Gottes feststeht, wird er sicher in Erfüllung gehen: Sein bereits gesalbter (=eingesetzter) König wird eines Tages kommen. Dann wird der Sohn Gottes herrschen. Sei Weg lief von der Krippe zum Kreuz und dann zur Krone (vgl. Philipper 2,6–11). Alle drei Stationen sind größte Wunder und stehen absolut fest im Ratschluss Gottes. Wir beten zurecht: »Dein Reich komme; dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf der Erde!« (Matthäus 6,10).
    • V10–12 Der Ruf zur Buße. Was folgt daraus für alle Menschen? Folgendes:
      • Wir sollten uns zum Recht weisen lassen! – Gott weist uns Menschen, die Rebellen, zum Recht, zum Gerechten.
      • Wir sollen Gott fürchten und dienen! – Wir sollen Gott in Ehrfurcht begegnen und Ihm allein dienen.
      • Wir sollten Gottes Sohn lieben! – Christen lieben Seine Erscheinung! (s. 2. Timotheus 4,8). »Wir erwarten die glückselige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Heilandes Jesus Christus« (Titus 2,13).
      • »Glückselig alle, die zu ihm Zuflucht nehmen!« –Mit dieser Glückseligpreisung schließt Psalm 2 und endet damit dort, wo Psalm 1 angefangen hat. Man kann die Weisheit dieses Doppelpsalms so zusammenfassen: Gehorche dem Wort Gottes! (Psalm 1) – Gehorche dem Sohn Gottes! (Psalm 2).

    Die Hoffnung der Königskinder – Ein König der Herrlichkeit

    Psalm 24 redet viermal vom »König der Herrlichkeit« (24,7.8.9.10) – ein wahrlich passender Titel! Psalm 2 nennt hier sieben herrliche Ehrentitel unseres Königs Jesu Christi. Er ist:

    1. Der Gesalbte Gottes (V2) – Er ist der von Gott eingesetzte Christus (Messias).
    2. Der König Gottes (V 6) – Sein Reich ist wunderbar. Es kommt! Das beten wir erwartungsvoll.
    3. Der Sohn Gottes (V 7). – Der Sohn Gottes ist unvergleichlich herrlich und erhaben! Zitiert in Apg 12,33; Hebräer 1,5; 5,5. Er ist eins mit Gott-Vater (Johannes 10,30; 17,11).
    4. Der Erbe Gottes (V 8). – Gott hat Einen, Dem er alles übergeben wird: die ganze Erde mit allen Menschen. Er wird über allen und allem sein, Er wird alles unangefochten besitzen. Sein Volk wird mit ihm erben (vgl. Römer 8,17; Epheser 3,6).
    5. Der Richter Gottes (V 9). – Der Vater hat das ganze Gericht (Weltgericht) dem Sohn gegeben, »damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren« (Johannes 5,22–23). Unser König wird an jenem Tag auf dem »großen weißen Thron« sitzen und alle, die ohne und wider Ihn lebten, richten (vgl. Offenbarung 20,11).
    6. Der Ewige, Gott selbst (V 11). – Die Obersten, die Mächtigen der Erde, die Könige und die Richter, werden aufgefordert, dem Allerhöchsten zu dienen, also Gottesdienst und Anbetung zukommen zu lassen. Was die Glaubenden heute schon mit großer Freude tun: Ihn anzubeten und Ihm zu dienen (vgl. Psalm 100,4–5), werden eines Tages alle tun müssen.
    7. Der Versöhner (V 12) –Davids appelliert an alle: Nimm Zuflucht bei Ihm! Nur das bringt Glückseligkeit.

    Zusammenfassung und Ausblick

    Jesus Christus ist der von Gott eingesetzte König, dem alle Macht gehört. Glückselig sind die, die jetzt schon Zuflucht bei Ihm suchen!

    Dem König der Zeitalter aber, dem unvergänglichen, unsichtbaren, alleinigen Gott, sei Ehre und Herrlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. (1. Timotheus 1,17).

    1)   Jesus Christus herrscht als König,
    alles wird ihm untertänig,
    alles legt ihm Gott zu Fuß.

    Aller Zunge soll bekennen,
    Jesus sei der Herr zu nennen,
    dem man Ehre geben muss.

    2)   Fürstentümer und Gewalten,
    Mächte, die die Thronwacht halten,
    geben ihm die Herrlichkeit;
    alle Herrschaft, dort im Himmel,
    hier im irdischen Getümmel (and.: Gewimmel]
    ist zu seinem Dienst bereit.

    3)   Gott ist Herr, der Herr ist Einer,
    und demselben gleichet keiner,
    nur der Sohn, der ist ihm gleich;
    dessen Stuhl [=Thron] ist unumstößlich,
    dessen Leben unauflöslich,
    dessen Reich ein ewig Reich.

    11) Ich auch auf der tiefsten Stufen,
    ich will glauben, reden, rufen,
    ob ich schon noch Pilgrim bin:
    „Jesus Christus herrscht als König,
    alles sei ihm untertänig;
    ehret, liebet, lobet ihn!“

    Philipp Friedrich Hiller (1699–1769), um 1757

    Das größte Bauwerk der Welt

    [Jesus Christus spricht zu Petrus:] Aber auch ich sage dir: Du bist Petrus; und auf diesen Felsen werde ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten des Hades werden sie nicht überwältigen. (Matthäus 16,18)

    Jesus Christus ist der Architekt, Baumeister, Eigentümer, Vollender und Besitzer des größten Bauwerks der Welt: Seiner Gemeinde. Dieses „Bauprojekt“ wurde göttlich geplant, wird heute gebaut und hat ewig Bestand.

    Das Verheißungswort Christi »Ich werde meine Gemeinde bauen, und die Pforten des Hades werden sie nicht überwältigen« liefert entscheidend Wichtiges über Gottes größtes »Bauwerk«.

    Sieben Worte, die die Gemeinde Gottes kennzeichnen

    1. »Ich« – Der Architekt und Baumeister
      • Jesus ist Meister im Bauwesen: er hat die Schöpfung und den Tempel im Himmel gebaut.
      • Er allein ist befähigt, das geistliche Gebäude der Gemeinde (=Tempel) zu errichten.
    2. »werde« – Die Macht und Sicherheit
      • Was Jesus sagt, wird geschieht. Seine Worte sind sicherer als jede menschliche Planung.
      • Das Bauprojekt „Gemeinde“ braucht keinen Plan B, es wird weiter nach dem ewigen Originalplan pünktlich umgesetzt. Göttlich garantiert.
    3. »meine« – Der Eigentümer
      • Die Gemeinde gehört Christus, nicht Menschen (Älteste, Bischöfe, Papst).
      • Wir sind nur Verwalter und haben uns treu und fleißig an die göttlichen Baupläne zu halten (1. Korinther 4,1–2).
    4. »Gemeinde« – Das Bauwerk
      • Nicht ein Gebäude, kein Verein, sondern die Schar aller wahrhaft Gläubigen.
      • Sie besteht aus „lebendigen Steinen“ – echten, wiedergeborenen Christen (1. Petrus 2,4–5).
    5. »bauen« – Das Bauen
      • Fundament ist Jesus Christus (persönlich, 1. Korinther 3,11) und sein Wort (lehrmäßig, Epheser 2,20).
      • Die Gemeinde wird aktiv aufgebaut durch die Mitarbeit der Gläubigen.
      • Es braucht lebendige Steine, geistliche Einheit und göttlich eingesetzte Leiter.
    6. »die Pforten des Hades« – Der Widerstand
      • Der Bau wird angegriffen – durch Tod, Sünde, falsche Lehre und den Teufel.
      • Doch Christus hat die Macht des Todes bereits besiegt (Hebräer 2,14–15).
    7. »werden sie nicht überwältigen« – Die Vollendung
      • Die Gemeinde wird vollendet werden – ohne Verlust oder Schaden, vielmehr schön (Epheser 5,27; Offenbarung 19,7–8).
      • Christus garantiert den Sieg, das Endziel ist sicher: Ewiges Leben mit Ihm in der Herrlichkeit.

    Die Herausforderung

    • Lass Dich neu begeistern für die Mitarbeit an Gottes Bauprojekt.
    • Baue treu mit – nicht nach eigenem Geschmack, sondern nach Gottes Bauplan.
    • Wisse: Deine Arbeit an der Gemeinde hat Ewigkeitswert, baue mit Deinem besten Einsatz!

    Alle weltlichen Bauwerke werden vergehen – doch Gottes Gemeinde bleibt ewig.


    Die Gemeinde ist gegründet / auf Dich selbst, Herr Jesus Christ,
    weil Du der Behausung Gottes / Felsengrund und Eckstein bist.
    Die der Vater Dir gegeben /aus der Welt zum Eigentum,
    führst Du, trotz des Feindes Wüten, / siegreich heim zu Deinem Ruhm.

    (Dichter unbekannt)

    Schönheit – Eine biblische Besinnung

    Wir leben in einer Welt, die von Bildern, Filmen und äußerem Glanz bestimmt ist. Werbung, soziale Medien, Mode, sogar manche Kirchenveranstaltungen, folgen einem klaren Trend: Schön ist, was sichtbar beeindruckt. Wir leben in einer Augenkultur. Das Bild erschlägt das Wort (Wolfgang Zöller, 1986). Wer das Auge lenken kann, kann auch die Gedanken lenken, Gefühle erzeugen, Entscheidungen beeinflussen, Menschen manipulieren. 

    Die Frage in dieser kurzen Besinnung soll aber vor allem positiv sein: Was ist eigentlich Schönheit in Gottes AugenGibt es eine biblische Lehre von der Schönheit? Und woran orientiert sich unser eigenes Denken und Empfinden, wenn es um das Schöne geht? Es geht hier nicht um eine Abrechnung mit äußerlicher Schönheit, gar eine rein moralisierende Betrachtung. Dazu ist an anderer Stelle manches gesagt worden. Auch die Heilige Schrift hat viel Praktisches hierzu zu sagen, was Väter und Mütter ihren Söhnen und Töchtern erziehend zu vermitteln haben. Vielmehr geht es hier darum, die biblische Sicht auf Schönheit zu entdecken – eine Sicht, die tiefer geht, als das Auge reicht, und gleichzeitig für das Gotteskind erhebender ist. Wir dürfen erkennen, wie wunderbar und herrlich unser Gott ist, und wie die Gotteskinder diese wahre Schönheit widerspiegeln dürfen. Die angegebenen Bibelstellen können dem Leser als Wanderführer für eine erste Erforschung dieses Themas in der Bibel dienen.

    1 Die Quelle aller Schönheit: Gott selbst

    Leitverse: Psalm 27,4; Psalm 96,6; Jesaja 33,17; 1. Chronika 16,29

    Gott selbst ist die Quelle aller wahren Schönheit. Seine Heiligkeit, seine Majestät, seine Gnade – das alles ist von unbeschreiblicher Herrlichkeit und Schönheit. Die Bibel spricht immer wieder davon, dass Gott »herrlich« ist. Herrlichkeit und Schönheit gehören zusammen.

    Schönheit ist bei Gott keine oberflächliche Eigenschaft, sondern Ausdruck seiner Vollkommenheit. Wenn wir also nach wahrer Schönheit suchen, müssen wir bei Gott anfangen. Er ist die Quelle aller wahren Schönheit (diese Aussage ist analytisch wahr). Er ist intrinsisch schön, aber Er verkörpert Schönheit auch in seinem Sohn und in allen seinen Werken.

    2 Die Schönheit der Schöpfung – Spiegel seiner Herrlichkeit

    Leitverse: 1. Mose 1,31; Psalm 19,2; Prediger 3,11; Römer 1,20

    Die Schöpfung ist wunderschön. Vom Sternenhimmel bis zum Detail einer Blume erkennen wir etwas von Gottes kreativer Kraft. Die Bibel nennt dies »das Unsichtbare von ihm«, das »von Erschaffung der Welt an in dem Gemachten wahrgenommen« wird (Römer 1,20).

    Doch die Schönheit der Natur ist nicht Selbstzweck. Sie verweist auf den Schöpfer. Sie ruft zur Anbetung.

    Frage an uns: Welche Haltung haben wir gegenüber Kunst, Natur, Musik? Sehen wir im Schönen den Hinweis auf den Herrlichen? Führt es uns zur Anbetung Gottes? Oder bleiben wir bei der Form stehen und vergessen den Urheber?

    3 Der Mensch als Abbild Gottes: Schönheit im Ebenbild

    Leitverse: 1. Mose 1,26–27; Psalm 139,14; 1. Samuel 16,7; Sprüche 31,30

    Der Mensch wurde als Abbild Gottes geschaffen. Das heißt: Der Mensch ist Träger einer von Gott gegebenen Würde und Schönheit.

    Aber – und das ist entscheidend – Gott sieht tiefer: Er sieht ins Zentrum der Persönlichkeit, ins Herz. »Denn der Mensch sieht auf das Äußere, aber Jahwe sieht auf das Herz«. Die Quelle wahrer Schönheit ist unter der Haut.

    Innere Schönheit ist bei Gott entscheidend. Charakter, Frucht des Geistes, Heiligkeit, Gottesfurcht – das sind die Elemente wahrer Schönheit.

    Wie oft lassen wir uns von äußerer Erscheinung beeinflussen? Und wie oft vergessen wir, das Herz zu sehen?

    4 Die durch die Sünde verzerrte Schönheit

    Leitverse: Hesekiel 28,12–17; Jesaja 3,16–24; Römer 1,23-25

    Sünde hat unsere Sicht auf Schönheit pervertiert. Luzifer, vom dem letztlich in Hesekiel 28 geredet wird, war ursprünglich »vollkommen an Schönheit« (Hes 28,12), doch sein Stolz (»Dein Herz hat sich erhoben wegen deiner Schönheit«) führte zur Selbstvergottung und damit zum endgültigen Fall. Statt Schönheit als Geschenk zu bewahren, sie als Motiv zur Anbetung des Gebers dieser Schönheit zu verwenden, machte er sie zum Werkzeug der Erhebung und Verführung anderer.

    Auch wir Menschen haben die Herrlichkeit Gottes vertauscht gegen Abbilder (Götzen, Ersatzgötter, Surrogate), gegen äußeren (= hohlen, eitlen) Glanz, gegen Selbstvergottung (das ist der Kern der Ursünde).

    Wenn Schönheit zur Selbstinszenierung wird, statt zur Anbetung Gottes zu führen, wird sie zum Götzen. Da diese Perversion (Umkehrung) die Herrlichkeit Gottes herabsetzt, wird der Selbstverliebte unausweichlich zum Götzendiener, dem unerlöst ewiges Gericht seitens Gottes sicher ist. Nur in der gnädigen Erlösung durch Jesus Christus wird ein Mensch wieder wahrhaft schön.

    Herzensfrage: Wo haben wir Schönheit von Gott gelöst und ihr einen selbstsüchtigen (=sündigen!) Zweck gegeben?

    5 Die wahre Schönheit in Christus

    Leitverse: Jesaja 53,2–3; Hebräer 1,3; 2. Korinther 4,6

    Jesus war nicht äußerlich schön, er war die Ausstrahlung der Herrlichkeit Gottes. In ihm erstrahlt die höchste Schönheit, die Schönheit Gottes in Gnade, Wahrheit, Liebe, Demut, Gehorsam, Gerechtigkeit und Heiligkeit. Gott-Vater bezeugte: »Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.« (Mt 3,17; vgl. Mt 12,18; 17,5).

    Im Kreuz Christi sehen wir hässlichste Grausamkeit und gleichzeitig höchste Herrlichkeit. Das Kreuz ist der Wendepunkt unserer Sicht: Christus macht hässlich Gewordenes und Gemeintes zum Wendepunkt und führt es zum Siegesglanz. Er macht alles neu (2Kor 5,17; Offb 21,5), er macht alles wieder schön.

    Lernen wir, wahre Schönheit in Christus zu finden und an Christus zu messen – nicht an äußeren Maßstäben.

    Schönster Herr Jesus, / Herrscher aller Enden,
    Gottes und Marien Sohn!
    Dich will ich lieben, 
    Dich will ich ehren,
    Du meiner Seele Freud und Kron!

    Alle die Schönheit / Himmels und der Erden
    ist gefasst in Dir allein. 
    Nichts soll auf Erden
    lieber mir werden,
    als Du, Herr Jesus Christe mein.

    (Autor unbekannt, aus dem 12. Jhdt.)

    6 Die Schönheit im Leben der Gläubigen

    Leitverse: 1. Petrus 3,3-4; Galater 5,22–23; Titus 2,10

    Der Heilige Geist bewirkt in uns eine Schönheit, die von innen kommt, die ganzheitlich ist, uns immer mehr durchdringt: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Gütigkeit, Treue, Sanftmut, Selbstbeherrschung – das ist wahrlich himmlische Anziehungskraft.

    Auch eine christliche Gemeinde wird nicht durch äußeres Design von Gebäude und Einrichtung schön, sondern durch Heiligkeit, Wahrhaftigkeit, Demut und Liebe der Erlösten.

    Lasst uns nach jener Schönheit streben, die Gott gefällt. Diese bleibt.

    7 Die ewige Schönheit in Gottes neuer Welt

    Leitverse: Offenbarung 21,2.11; Psalm 50,2

    Die Gemeinde Gottes erscheint als geschmückte Braut ihres Herrn Jesus Christus. Das neue Jerusalem strahlt in unbeschreiblicher Schönheit. Alles Wertvolle und Glänzende muss zur Vermittlung des Unvergleichlichen herhalten.

    Das ist unser Ziel: Schön gemacht durch Christus, vollendet in der Herrlichkeit Gottes. Dort wird alles, was jetzt zerbricht, entstellt oder vergeht, vollkommen schön sein.

    Unsere Sehnsucht nach Schönheit findet ihre Erfüllung bei ihm.

    8 Schlussgedanken und Anwendung

    Fragen wir ganz persönlich:

    • Woran orientierst Du dein Verständnis von Schönheit?
    • Welche Schönheit strebst Du an?
    • Führt Dich Schönheit in Schöpfung und Kunst zur Anbetung Gottes?
    • Welche Schönheit realisierst Du in deiner Familie, deiner Gemeinde, deinem (Gottes-) Dienst?

    Möge Gott unsere Augen schärfen und unsere Ästhetik (Schönheitsempfinden) so verändern, dass wir Schönheit so sehen wie Er.

    9 Ideen für weitere Überlegungen

    Die Gehirnforschung hat uns vermittelt, dass jeder Mensch im Gehirn vernetzte Bereiche (vor allem orbitofrontaler und frontaler Kortex) bekommen hat , die sich dem logisch-faktischen Wahren (wahr, falsch, sowie abstrakte Regeln), dem ethisch Richtigen (richtig, verwerflich) und ästhetisch Schönen (schön, hässlich) widmen. So ist dem (gereiften) Menschen möglich, wertgeleitetet zu handeln (anstatt kurzfristigen Bedürfnisse direkt zu folgen und sie zu befriedigen, werden vielmehr langfristige Ziele verfolgt). Gott hat den Mensch »in seinem Bilde« offenbar so angelegt und begabt, dass er kein rein instinkt- oder lustgesteuertes Tier ist, sondern ein auf Gott und Gottes Schönheit ausgerichtetes Wesen ist (sein sollte). »Alles hat er schön gemacht zu seiner Zeit; auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt, ohne dass der Mensch das Werk, das Gott gewirkt hat, von Anfang bis Ende zu erfassen vermag.« (Prediger 3,11).

    Das alles hat wichtige Implikationen für Erziehung, persönliche Reifung und charakterliche Bildung, letztlich für das Menschsein. Aber es hat auch für den Glauben und das Glaubensgut wichtigste Implikationen. Die Schrift sagt viel zu diesen drei o.g. elementaren Bereichen, auch bezüglich der wahren Anbetung Gottes. Alle diese Dinge haben bei Gott ihre Quelle, sind Gottes Wesen eigen. Wir verehren Gott nur recht mit dem, das wahr, richtig und schön ist. Darauf sollten wir anhand der Offenbarung Gottes in Schöpfung und Gottes Wort sorgfältig achten.

    Aber Achtung, man kann auch hier auf beiden Seiten vom Pferd fallen. Beachten wir: Das „Äußerliche“ ist weder das Wesentliche noch das (in platonischer Verirrung) zu Vernachlässigende. Das Schöne ist weder zu vergotten noch zu verteufeln.

    John N. Darby über die „Arminianer“ (Deutsch)

    Der anglo-irische Bibellehrer John N. Darby (1800–1882), einer der einflussreichsten Theologen der frühen „Brüderbewegung“ (sog. „Plymouth Brethren“), hatte in seiner Zeit wiederholt mit Vertretern der Denkschule der „Arminianer“ zu tun. Vor allem in der uralten Diskussion über den „freien Willen“ und der Zu- und Aneignung des ewigen Heils gab es zahlreiche Auseinandersetzungen, die größtenteils in seinen Collected Writings und seinen Letters erhalten geblieben sind.

    Am 9. Mai 1879 schrieb Darby aus Pau einen Brief in italienischer Sprache an G. Biava, der einen Artikel über den „freien Willen“ verfasst und wohl Darby zur Beurteilung vorgelegt hatte. Darbys Antwort ist in den Letters in englischer Sprache erhalten geblieben. Hier einige Auszüge in eigener Übersetzung ins Deutsche (englisches Original hier):

    »LIEBER BRUDER, – Der Artikel über den freien Willen hat mir sehr gefallen; ich finde nicht, dass es viel hinzuzufügen gibt. Alles hängt von der Tiefe der Überzeugung ab, die wir von unserem sündigen Zustand haben; und unsere Sicherheit und Freude hängen ebenfalls davon ab. Verlorensein oder Gerettetsein sind jene beiden Gegensätze, die unserer Stellung (Zustand) in Christus und unserer Stellung (Zustand) im alten Menschen entsprechen. Aber in der Argumentation der Arminianer gibt es einen völlig falschen Grundsatz, nämlich dass unsere Verantwortung von unserer Macht abhänge. Wenn ich jemandem 100.000 Pfund geliehen habe und er alles verschwendet hat, kann er das natürlich nicht zurückzahlen, aber ist seine Verantwortung deswegen beendet? Sicherlich nicht. Die Verantwortung hängt vom Recht desjenigen ab, der ihm das Geld geliehen hat, nicht von der Fähigkeit desjenigen, der das Geld zu Unrecht verschwendet hat. …

    Alle Menschen haben seit dem Sündenfall ein Gewissen, das Wissen um Gut und Böse; sie wissen zu unterscheiden, aber das sagt nichts über den Willen aus. Da also das Gesetz Gehorsam verlangt und das Fleisch nicht unterworfen werden kann, ist es tatsächlich unmöglich, das Gesetz anzunehmen – nicht weil Gott ihn daran hindert, wie ich bereits gesagt habe, sondern weil der Mensch es nicht will. Außerdem verbietet das Gesetz die Begierde, aber der gefallene Mensch hat Begierde in seinem Fleisch [sündigen Wesen]; und auf diese Weise erkannte der Apostel die Sünde. Der Mensch muss sein sündiges Wesen verlieren, bevor er bereit ist, dem Gesetz zu gehorchen: Es ist daher notwendig, von neuem geboren zu werden. Nun kann der Mensch sich selbst nicht göttliches und ewiges Leben geben. Warum dann das Gesetz? Damit die Übertretung überhand nehme. Durch das Gesetz wird die Sünde „überaus sündig“; „das Gesetz erwirkt“ den gerechten „Zorn“ Gottes gegen uns, es erwirkt nicht die Furcht Gottes in uns. Das Gesetz gibt kein neues Leben. Alles, was wir haben, ist Feindschaft gegen Gott. Der Mensch im Fleisch kann das Gesetz nicht in sein Herz aufnehmen. …

    Kann das Fleisch [unser sündiges Wesen] Christus empfangen – seine Freude am Sohn Gottes finden? Dann wäre es nicht mehr das Fleisch, es hätte den Geist des Vaters selbst. Wenn es im Menschen etwas anderes als Fleisch gibt, dann ist jener Mensch bereits aus Gott geboren, denn was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch. Wenn das Fleisch seine Freude an Christus finden könnte, besäße das Fleisch das Erhabenste, was es auf Erden und im Himmel gibt: es fände seine Freude dort, wo auch der Vater seine Freude findet. Dann wäre es nicht notwendig, aus Gott geboren zu sein, denn das Erhabenste, was jemand jetzt durch Gnade als Christ besitzt, besaß dieser bereits vor dem Empfang des Lebens, als er Christus empfing. Die Gewissheit der Erlösung wäre aber gleichzeitig dahin: Wenn die Erlösung die Frucht meines eigenen Willens wäre, hängte sie von meinem Willen ab. Wenn sie so leicht hervorgebracht werden könnte, könnte man nicht sagen: „Weil ich lebe, werdet auch ihr leben.“ …

    Es heißt, der Glaube sei nur die Hand, die die Erlösung empfängt, aber was veranlasst uns, die Hand auszustrecken? Es ist die Gnade, die in uns wirkt.«

    Quelle: John N. Darby, Letters, Vol. 2 (1868–1879), Nachdr., Kingston-on-Thames: Stow Hill Bible and Tract Depot, o. J., S. 501–503. Fett- und Farbdruck hinzugefügt. 
    Textquelle (englisch) online auch hier: https://www.stempublishing.com/authors/darby/letters/52346I.html