Evangeliums-Knowhow: Der Zustand der Verlorenen

In seinem Brief an die Korinther, den unsere Bibeln als »1. Korintherbrief« führen, erklärt der Apostel Paulus seinen Lesern seine »Dienstphilosophie«, also die Grundlagen, Grundsätze und Motive dafür, wie und warum er seinen Dienst tut. 1 Die Korinther hatten die zentrale Bedeutung des Kreuzes aus den Augen verloren. Um den Konflikt zu bekämpfen, der diese Gemeinde wegen ihrer menschzentrierten Sichtweise erfasst hatte, musste Paulus die Korinther daran erinnern, das Wort vom Kreuz wieder in den Mittelpunkt ihres Dienstes zu stellen.

Paulus weist zunächst auf den Inhalt der Predigt hin, die kreuzzentriert sein und sich auf das Evangelium Jesu Christi konzentrieren sollte. Ohne das Kreuz gibt es kein Evangelium, keine Erlösung, keine Vergebung und kein ewiges Leben für Sünder. Das muss erläutert und begründet werden. Daher erklärt Paulus in 1.Korinther 1,18 zuerst einmal den Zustand des Verlorenen aus Sicht Gottes.

Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit; 
uns aber, die wir errettet werden, ist es Gottes Kraft.
 (1Kor 1,18)

Die Botschaft vom Kreuz ist also objektiv für diejenigen, die verloren gehen, Torheit. Das Wort, das hier mit »Torheit« übersetzt wurde, ist mōria (»Dummheit«, »Absurdität«; vgl. auch 1,21.23; 1, 25 [mōros]; 2,14; 3,19). Ungläubige haben die Botschaft des Evangeliums nicht abgelehnt, weil Christen schlechte Vorbilder für Christus sind (obwohl dies manchmal zutrifft und definitiv als Ausrede herangezogen wird). Vielmehr lehnen Ungläubige das Evangelium deswegen ab, weil sie es im Grunde für idiotisch, töricht, unnötig, nutzlos und fiktiv halten, auch wenn sie das vielleicht aus Höflichkeit nicht so sagen.

Was man über die Unbekehrten denkt, wird ganz bestimmt unsere »Dienstphilosophie« in der Verkündigung der Guten Botschaft (»Evangelium«) bestimmen. Das ist aus naheliegenden Gründen so. Aber die meisten Gemeinden und Kirchen haben ein grundlegendes Missverständnis über den Zustand der Verlorenen. Sie glauben, dass Menschen für Christus gewonnen werden können, indem man an etwas appelliert, das diese ungläubigen Männer, Frauen oder Kinder bereits in sich hätten. Die Länge der Predigt, der Musikstil, die Beleuchtung, die Effekte, die Illustrationen und alles andere im Gottesdienst sollen daher im Wesentlichen davon bestimmt sein, was diejenigen, die verloren sind, am besten anspricht oder gefällt. So jedenfalls denkt mancher gutmeinende Mensch, der den verlorenen Nächsten mit einem Kunden und die Evangeliumsverkündigung mit einer Marketing-Veranstaltung verwechselt. Vielleicht wäre es gut, wenn man unter Evangelisation eher einen SAR-Einsatz (SAR = Search And Rescue) auf Tod und Leben sieht. Da hilft es nicht, Bonbons abzuwerfen.

Es mag durchaus sein, dass die meisten Gemeinden, die nach dieser falschen Dienstphilosophie arbeiten, den aufrichtigen Wunsch haben, Menschen gerettet zu sehen. Sie erkennen aber nicht das Problem, dass Gott uns nicht nur beauftragt hat, eine bestimmte Botschaft (das Wort vom Kreuz) zu predigen, sondern dies auch mit einer bestimmten Methode zu tun. Unser Wunsch im Dienst sollte immer Treue sein, und ein zentraler Schlüssel zur Treue ist es, zu erkennen und zu akzeptieren, was die Bibel über den Zustand der Verlorenen sagt. Und dieses Wort Gottes sagt uns eben ungeschminkt und aus der göttlich richtigen Erkenntnis des »Herzenskenners«, dass diejenigen, die verloren gehen, das Evangelium für Torheit, Unsinn und Dummheit halten. Es gibt mindestens sieben Gründe, warum diejenigen, die verloren gehen, das Evangelium für ausgemachten, persönlich absolut irrelevanten Unsinn halten.

1. Die Verlorenen sind geistlich blind.

Wir sehen diese Realität im gesamten Neuen Testament, wo unser Herr diejenigen, die sich an seiner Predigt stießen, häufig als blind bezeichnete. In Matthäus 15,14 sagte Jesus, dass die Pharisäer – und diejenigen, die diesen religiösen Führern folgten und Christus ablehnten – blind waren. Falsche Religion, sei sie nun organisiert oder tarne sie sich gar als »nichtreligiös« oder »rein rational«, tut nichts anderes als das Leiten von Blinden durch Blinde (die aber oft genug behaupten zu sehen).

In Johannes 3 sagt Jesus zu Nikodemus, dass niemand das Reich Gottes sehen kann, wenn er nicht von neuem geboren ist. Beachten wir hier, dass Ungläubige das Reich Gottes nicht einmal sehen können, wenn sie nicht von neuem geboren sind. Das ist heute offensichtlich, da viele Männer und Frauen völlig in den Reichen dieser Welt gefangen sind. Die Politik ist die Religion vieler Menschen im Westen, die um Macht ringen und nach ihr streben. Sie verehren diese Macht, weil sie nicht sehen können, dass es ein größeres Reich gibt, das alle Menschen auf der Erde vernichten wird, wenn Christus wiederkommt, und dass Jesus der König der Könige und der Herr der Herren ist. Sie sind geistlich blind und leben daher ein Leben, in dem sie jenes geistliche Reich, das unendlich viel wichtiger ist als jede irdische politische Macht, völlig außer Acht lassen. Um ein Mark Twain zugeschriebenes Zitat etwas zu missbrauchen: Es ist leichter, jemand hinters Licht zu führen, als ihn davon zu überzeugen, dass er blind ist (Original: »It’s easier to fool people than to convince them they have been fooled.«). Daher gibt es so wenig Führung und so viel Ver-Führung.

Zweitens sind die Verlorenen geistlich tot.

Auch euchdie ihr tot wart in euren Vergehungen und Sünden, … Denn durch die Gnade seid ihr errettet, mittels des Glaubens; und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es; (Eph 2,1.8)

Paulus erinnert die Gläubigen in Epheser 2,1 daran, dass wir in unseren Übertretungen und Sünden tot waren, bevor wir durch Gnade durch den Glauben gerettet wurden. Die Vorstellung, in unseren Übertretungen und Sünden tot zu sein, steht im Gegensatz zur Position des Christen, der in Christus lebt. Der Gläubige wird durch Christus bestimmt, weil er in Christus ist. Der Ungläubige hingegen wird kennzeichnet, bestimmt und identifiziert durch seine Sündhaftigkeit. In dieser Sündhaftigkeit ist der Ungläubige geistlich tot.

Drittens sind die Verlorenen Sklaven des Teufels.

Ein Knecht des Herrn aber soll … in Sanftmut die Widersacher zurechtweis[en], ob ihnen Gott nicht etwa Buße gebe zur Erkenntnis der Wahrheit und sie wieder nüchtern werden aus dem Fallstrick des Teufels, die von ihm gefangen sind, für seinen Willen. (2Tim 2,24–26)

Die große Lüge Satans, mit der er die Verlorenen oft für die Wahrheit des Evangeliums blind macht, lautet, dass die Gute Nachricht (das Evangelium) ihnen ihre Freiheit nehmen würde. Für ungläubige Menschen bedeutet Freiheit, alle bösen Wünsche ausleben zu können, die man hat. Wenn Christen auf die sündige Natur dieser Neigungen hinweisen, nutzt der Teufel diese Wahrheit, um die Unbekehrten zu täuschen und sie glauben zu machen, dass die Gläubigen versklavt seien, nicht sie selbst.

In 2. Timotheus 2,24–26 sehen wir, dass der Ungläubige nicht tut, was er will, sondern gefangen ist, um den Willen des Teufels zu tun. Natürlich gibt es einen Sinn, in dem Ungläubige Böses tun wollen, weil sie geistlich blind und tot sind, aber sie handeln nicht wie Menschen, die frei sind – selbst wenn sie vorsätzlich sündigen. Sie leben kein Leben in uneingeschränkter Freiheit und Unabhängigkeit, in dem sie freudig dem Guten und Angenehmen nachgehen. Nein, die Lüge des Teufels besteht darin, dass der Sünder in Wirklichkeit frei ist, alles zu tun, was er will, während er in Wirklichkeit den Befehlen des Teufels folgt.

Viertens sind die Verlorenen Sklaven der Sünde.

Jesus antwortete ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: 
Jeder, der die Sünde tut, ist der Sünde Knecht [doulos]. (Joh 8,34)

Jesus sagte in Johannes 8,34, dass Menschen sündigen, weil sie der Sünde versklavt sind. Diejenigen, die ohne Christus sündigen, stehen unter der Herrschaft der Sünde, die das Leben der Verlorenen beherrscht und ihre Entscheidungen, Wünsche und Handlungen bestimmt. Diese Menschen tun also nicht nur den Willen des Teufels, sondern auch den Willen der Sünde. Es ist aber nicht nur Aufgepresstes, sondern der nächste Punkt zeigt, dass dies als unerlöste Sünder auch ihr Wesen, ihr Eigenes, ist.

Fünftens sind die Verlorenen Kinder des Zorns.

… nach dem Fürsten der Gewalt der Luft, des Geistes, der jetzt wirksam ist in den Söhnen des Ungehorsams; unter denen auch wir einst alle unseren Wandel führten in den Begierden unseres Fleisches, indem wir den Willen des Fleisches und der Gedanken taten und von Natur Kinder des Zorns waren wie auch die Übrigen. (Eph 2,2b–3)

Paulus bekräftigt diese Tatsache in Epheser 2,3 über unser Wesen vor der Bekehrung, was auf etwas hinweist, das unausweichlich wahr ist: Wenn jemand von Natur aus etwas ist, dann ist er so, weil er so geboren wurde – und er kann nichts tun, um das zu ändern. Jeder ist zunächst ein »Kind des Zorns«, weil er als Sünder geboren wurde. Ohne Eingriff Gottes, ohne Christus, wird es auch dabei bleiben. Das ist eine furchtbare Perspektive, denn das Ziel aller unerlösten Kinder des Zorns ist die ewige Pein und Strafe im Feuersee.

Es ist daher von entscheidender Bedeutung, das Wesen derer zu verstehen, die verloren gehen. Sie sind keine guten Menschen (auch wenn sie sich als Gutmenschen präsentieren), die leider auch ein paar schlechte Dinge tun. Gottes objektives Urteil ist: Sie sind böse Menschen, die böse Dinge tun. Sie sind geboren, um sich dem Evangelium Jesu Christi zu widersetzen, weil sie es für Torheit halten. Das Evangelium für Torheit zu halten, ist kein erlerntes Verhalten, sondern ein natürliches Verhalten und die Denkweise des natürlichen Menschen in seinem unbekehrten Zustand.

Sechstens sind die Verlorenen unfähig, Gott zu gefallen.

Denn die Gesinnung des Fleisches ist der Tod, die Gesinnung des Geistes aber Leben und Frieden, weil die Gesinnung des Fleisches Feindschaft ist gegen Gott, denn sie ist dem Gesetz Gottes nicht untertan, denn sie vermag es auch nicht. Die aber, die im Fleisch sind, vermögen Gott nicht zu gefallen. (Röm 8,6–8)

Der Ungläubige ist nicht nur unwillig, Gott zu gefallen, sondern er ist auch unfähig, Gott zu gefallen. In Römer 8,6–8 sagt Paulus unverblümt, dass der Ungläubige sich nicht Gottes Gesetz unterwirft und auch kein Interesse daran hat, seine Gebote zu befolgen. Paulus sagt nicht, dass der Ungläubige die Gebote Gottes nicht versteht und aufgrund einer intellektuellen oder körperlichen Unzulänglichkeit nicht gehorchen kann, sondern dass der Unbekehrte keinerlei moralische Fähigkeit besitzt, Gott zu gehorchen und ihm zu gefallen – dies ist die biblische Lehre von der völligen Unfähigkeit des natürlichen Menschen, sich aus frommer Eigeninitiative zu retten oder retten zu lassen.

Siebtens, die Verlorenen hassen Gott.

… euch, die ihr einst entfremdet und Feinde wart nach der Gesinnung in den bösen Werken, … (Kol 1,21)

In Kolosser 1,21 spricht Paulus die Christen in Kolossä an und erinnert sie, wie sie waren, bevor sie Gott kennenlernten. Damit will er seinen Lesern helfen, das Wesen (Natur) des Ungläubigen zu verstehen. Jeder Mensch hasst Gott in seinen innersten Gedanken. Unser aller Denken vor der Neugeburt von oben war gegen Gott gerichtet. Unsere gesamte Lebensausrichtung und Gesinnung gegenüber Gott, seinem Willen und seinen Wegen war feindlich.

Der Hass auf Gott, Christus und das Evangelium ist der Grund, warum unzählige Christen im Laufe der Geschichte verfolgt und gemartert wurden, nur weil sie die Frohe Botschaft vom Kreuz verkündeten. Der Zustand derer, die verloren gehen, ist, dass sie Gott feindlich gesinnt sind, und wenn sie das Evangelium hören, empfinden sie es als idiotisch und töricht – so töricht, dumm und beleidigend, dass viele Menschen, darunter auch Paulus, der die Botschaft vom Kreuz verkündete, dafür getötet wurden.

Resümee

Diese sieben Eigenschaften kennzeichnen den Zustand der Verlorenen. Kein Film, kein Sportereignis, kein Barbecue, kein Komiker, keine Beleuchtung, keine Bühneneffekte, keine Manipulation, keine süßen Worte und keine Tricks können die Herzen derer, die zugrunde gehen, so verändern, dass sie das Evangelium als Weisheit Gottes erkennen. »Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit«, nicht weil es dem Evangelium an rettender Kraft mangelte, sondern weil das sündige Herz des Ungläubigen von Natur aus gegen Christus und seine Botschaft eingestellt ist.

Wenn dies der Zustand des Verlorenen ist, und er ist es, gibt es dann noch Hoffnung für ihn?

Ja, es gibt Hoffnung. Alle, die Christus lieben, gehörten einst zu diesen Verlorenen. Jetzt jedoch wurden sie durch die Kraft des Wortes vom Kreuz und das Evangelium von Jesus Christus gerettet. Das Wort vom Kreuz allein öffnet die Augen der Blinden und erweckt die geistlich Toten zum Leben, befreit die Gefangenen der Sünde und Satans, verwandelt ein Kind des Zorns in ein Kind Gottes, verwandelt ein Herz, das unfähig war, Gott zu gefallen, in ein Herz, das zur Ehre Gottes lebt, und verwandelt einen Menschen, der Gott hasst, in einen Menschen, der Gott liebt.

Preisen wir Gott für die Kraft des Wortes vom Kreuz!

Endenote, Quelle & Disclaimer

[1] Der im Amerikanischen häufig gebrauchte Ausdruck »Philosophy of Ministry“ bezeichnet ein reflektiertes, schriftlich fixiertes Selbstverständnis darüber, wie eine Gemeinde, deren Leitung oder deren Dienstleiter ihren jeweiligen Dienst begreifen, inklusive biblisch-theologischer Prämissen, Zielsetzungen, Methoden, Leitungsverständnis usw. Dabei geht es weniger um akademische Metaphysik oder weltliche Philosophie, als vielmehr um aus der Heiligen Schrift entnommenen normativen Leitprinzipien für die praktische kirchliche Arbeit/Dienst. Im Deutschen könnte man das als »Dienstverständnis«, »Gemeinde/Dienst-Leitbild« oder »Dienstkonzept« bezeichnen.

Der Artikel erschien in ähnlicher Form und Inhalt in The Cripplegate vom 27. Januar 2026 von Robb Brunansky unter dem Titel: »Understanding Gospel Ministry: The Condition of the Perishing« (dt. »Das Evangelium verstehen: Der Zustand der Verlorenen«). Robb Brunansky ist Gemeindehirte in der Desert Hills Bible Church in Glendale, Arizona (USA). Er hat einen M. Div. vom The Master’s Seminary (Sunvalley, CA, USA) und einen Ph.D. für Neues Testament vom The Southern Baptist Theological Seminary. Übersetzt und adaptiert von grace@logikos.club.