Vom Saulus zum Paulus | Ein Faktencheck

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Lesedauer: 7 Minuten.

Wenn Menschen spontan und radikal ihre Meinung verändern oder ihr Leben rasch und grundlegend neu führen, bedient man sich des Ausdrucks: »Vom Saulus zum Paulus«. Aber was bedeutet diese Redewendung und woher kommt sie? Beruht sie auf historischen Fakten? Ist sie biblisch?

Von der Person, die angeblich ihren Namen von »Saulus« zu »Paulus« geändert hatte, wird in der Missionsgeschichte des Lukas im Neuen Testament, der sog. Apostelgeschichte, erzählt. Lukas berichtet von einer radikalen geistlichen Veränderung eines Mannes, die spontan durch eine Begegnung mit dem himmlisch verherrlichten Christus bewirkt wurde.

Die Bekehrung des Paulus wird in der Apostelgeschichte dreimal berichtet:

  • Apg 9,1–19 – Lukas berichtet die Bekehrung des Saulus auf dem Weg nach Damaskus und die Begegnung mit Ananias.
  • Apg 22,3–21 – Paulus schildert seine Bekehrung in seiner Verteidigungsrede vor der jüdischen Volksmenge in Jerusalem.
  • Apg 26,9–20 – Paulus berichtet seine Bekehrung vor König Agrippa II. in Cäsarea.

Diese Berichte sprechen aber nirgends von einer Namensänderung, weder durch eigene Entscheidung noch durch göttliche Bestimmung. Ganz im Gegenteil: Apg 13,9 liefert einen bemerkenswert deutlichen Hinweis darauf, dass diese Person beide Namen parallel trug.

Eine entscheidende Bibelstelle: Apg 13,9

Lukas schreibt: »Saulus aber, der auch Paulus heißt, …« (Apg 13,9; griech.: Σαῦλος δέ, ὁ καὶ Παῦλος = Saulos de, ho kai Paulos = »Saulus aber, der auch Paulus [heißt]«). Der Ausdruck ὁ καί (ho kai) dient dazu, einen weiteren Namen derselben Person einzuführen, sie beschreibt keine Namensänderung. Damit ist klar, dass die selbe Person zwei Namen trug, die je nach Umgebung (jüdisch/hebräisch oder römisch) verwendet wurden.

Der zeitliche Zusammenhang, den uns die Apostelgeschichte liefert, ist hierzu ebenfalls aufschlussreich :

  • Die Bekehrung des Saulus wird bereits in Apg 9,1–19 geschildert.
  • In Apg 9,22 und 9,26 wird er weiterhin Saulus genannt.
  • Auch in Apg 13,1–2, also bei seiner Berufung zum Missionsdienst, heißt er noch Saulus.
  • Erst in Apg 13,9 erklärt Lukas, dass Saulus auch Paulus heißt.
  • Von Apg 13,13 an verwendet Lukas durchgehend den Namen Paulus, abgesehen von den späteren Rückblicken auf die Bekehrung (s. Anhang unten).

Der Wechsel der Namensverwendung im Bericht des Lukas erfolgt also nicht bei der Bekehrung, sondern im Zusammenhang mit der ersten Missionsreise.

Saulus ist Paulus, Paulus ist Saulus

Paulus war Israelit aus dem Stamm Benjamin (Röm 11,1; Phil 3,5), besaß aber zugleich das römische Bürgerrecht (Apg 22,25–28). In der griechisch-römischen Welt war es keineswegs ungewöhnlich, dass Juden neben ihrem jüdischen Namen auch einen griechischen oder lateinischen Namen führten. Betrachten wir kurz diese beiden Namen.

Saulus. Saulus (Σαῦλος; Saulos) ist die griechische Form des hebräischen Namens Scha’ul (Saul). Der Name bedeutet »erbeten« oder »erbeten von Gott«. Auch der erste König Israels trug diesen Namen. Da Paulus wie dieser aus dem Stamm Benjamin stammte (Phil 3,5), erscheint es durchaus plausibel, dass sein jüdischer Name an den ersten König Israels, den Höchstverehrten im Stamm Benjamin, erinnern sollte. (Allerdings wird diese im Neuen Testament nicht explizit gesagt, es ist eine Vermutung.)

Paulus. Auch hier zeigt die Endung »-us« einen latinisierten Namen an, dem römischen Umfeld angepasst. Der ursprüngliche Name Paulos (Παῦλος) bedeutet »klein« oder »gering«. Er war ein im römischen Umfeld durchaus gebräuchlicher Personenname.

Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass er als Jude Saulus hieß und im römisch-hellenistischen Umfeld den Namen Paulus führte.

(Auch hier eine wichtige Einschränkung: Dass er beide Namen schon seit seiner Geburt trug, ist nicht ausdrücklich bezeugt, es handelt sich um eine historisch plausible Schlussfolgerung.)

Wirkliche Namensänderungen in der Bibel

Bei einer ausdrücklich berichteten Namensänderung finden wir gewöhnlich drei Elemente: den bisherigen Namen, die Ankündigung des neuen Namens und eine Begründung oder besondere Bedeutung. Hierzu einige Beispiele:

PersonBibelstelleKennzeichen
Abram → Abraham1Mo 17,5Gott gibt ausdrücklich einen neuen Namen und begründet ihn.
Sarai → Sara1Mo 17,15Gott ordnet die Namensänderung ausdrücklich an.
Jakob → Israel1Mo 32,29; 35,10Gott gibt ihm einen neuen Namen.
Simon → PetrusJoh 1,42Jesus kündigt den Namen Kephas (Petrus) an.

Beobachtung 1: Gerade der Vergleich mit Jakob ist aufschlussreich: Dort wird ausdrücklich gesagt, dass er nicht mehr Jakob, sondern Israel heißen soll. Bei Paulus fehlt eine solche Aussage vollständig.

Beobachtung 2: Jakob und Simon auch nach der Verleihung ihrer neuen Namen weiterhin mit ihren bisherigen Namen bezeichnet. Allein ein Wechsel in der Namensverwendung wäre deshalb ohnehin kein ausreichender Beweis für eine Namensänderung.

Warum verwendet Lukas ab Apg 13 den Namen Paulus?

Hier ist der literarische Zusammenhang besonders interessant. In Apg 13 begegnet Saulus dem römischen Prokonsul Sergius Paulus auf Zypern (Apg 13,7–12). Ab dieser Begebenheit verwendet Lukas den Namen Paulus für den Apostel. Danach rückt die Mission unter den Heiden zunehmend in den Mittelpunkt der Apostelgeschichte.

Daraus ergibt sich eine plausible Erklärung: Lukas verwendet fortan den römischen Namen des Apostels, weil dieser nun vor allem als Missionar unter den nichtjüdischen Völkern auftritt.

Aber auch hier müssen wir den Unterschied zwischen Beobachtung und Interpretation beachten:

  • Sicheres Textzeugnis ist nur, dass Lukas in Apg 13,9 seine bevorzugte Namensverwendung wechselt.
  • Plausibel ist: Dieser Wechsel hängt mit der Hinwendung zur Heidenmission zusammen.
  • Nicht belegt ist: Saulus habe erst bei der Begegnung mit Sergius Paulus seinen römischen Namen erhalten oder von ihm übernommen.

Ein weiteres interessantes Detail: Selbst Jahrzehnte nach seiner Bekehrung berichtet Paulus, dass der auferstandene Christus ihn auf dem Weg nach Damaskus mit seinem jüdischen Namen ansprach: »Saul, Saul, was verfolgst du mich?« (Apg 26,14). Hier verwendet Lukas die hebräisch geprägte Namensform Saoul (Σαούλ). Dies unterstreicht, dass Saulus kein Name war, den Paulus aufgrund seiner Bekehrung abgelegt hatte.

Was bedeutet das für die Redewendung »vom Saulus zum Paulus«?

Diese Redewendung hat sich im Deutschen als Bild für eine radikale Veränderung eines Menschen eingebürgert. Paulus wurde tatsächlich grundlegend verändert: Aus einem Verfolger der christlichen Gemeinde wurde ein Verkündiger Jesu Christi (vgl. Gal 1,13–16; 1Tim 1,12–16).

Aber diese Veränderung wurde nicht durch eine Namensänderung dokumentiert. Dieser Zusammenhang ist nicht belegt und höchstwahrscheinlich falsch.

Auch die manchmal anzutreffende »geistliche« Deutung, dass aus dem großen, stolzen »Saulus« der kleine, demütige »Paulus« geworden sei, ist exegetisch unhaltbar. Zwar bedeutet der lateinische Name Paulus ursprünglich »klein«, doch Lukas stellt keinerlei Verbindung zwischen dieser Bedeutung und der Bekehrung her.

Paulus selbst bezeichnet sich in seinen Briefen durchgehend als Paulus (z. B. Röm 1,1; 1Kor 1,1; Gal 1,1). Dass er sich jemals als »ehemaliger Saulus« verstanden hätte, der nun mit neuem Namen »Paulus« unterwegs sei, ist nirgends belegt.

Fazit

Eigentlich ist diese Redewendung ein Missverständnis aufgrund einer frommen Zuschreibung. Denn im Text der biblischen Geschichte gibt es keinen Namenswandel, es geht dort immer um ein- und dieselbe Person.

  1. Die Bibel berichtet keine Namensänderung von Saulus zu Paulus.
  2. Saulus und Paulus waren sehr wahrscheinlich zwei Namen, die der Apostel beide schon vor seiner Bekehrung führte und je nach Umgebung verwendete.
  3. Lukas wechselt erst in Apg 13,9, im Zusammenhang mit dem Beginn der Heidenmission, zur bevorzugten Verwendung des römischen Namens Paulus.
  4. Die Bekehrung des Paulus war tatsächlich eine radikale geistliche Umkehr, aber keine durch einen neu gegebenen Namen symbolisierte Identitätsänderung.

Richtiger wäre also: Aus einem Saulus wurde nicht ein Paulus, sondern aus dem Christenverfolger Saulus/Paulus wurde ein Nachfolger Jesu Christi, der unter seinem römischen Namen Paulus im Text des NT als Apostel der Nationen bekannt wurde.

Anhang: Trefferliste und Statistik

NameAnzahlBemerkung
Saulus (Σαῦλος)15lat. Namensform
Saul (Σαούλ)8hebr. Namensform, besonders in direkter Rede
Saulus/Saul (zus.)23nur der spätere Apostel
Paulus (Παῦλος)127nur der Apostel
Gesamt150Namensnennungen des Apostels

Zwei Besonderheiten: In Apg 13,7 wird auch der Prokonsul Sergius Paulus genannt; diese Nennung zählt nicht; in Apg 13,21 ist König Saul gemeint; auch diese Nennung wird ausgeschlossen. Die wiederholten Anreden »Saul, Saul« zählen jeweils zweimal. 

Alle Fundstellen in der Reihenfolge der Apostelgeschichte

Die Tabelle gibt die Verse an, in denen der jeweilige Name vorkommt. Bei mehrfachen Nennungen innerhalb eines Verses steht die entsprechende Angabe in Klammern.

KapitelSaulus / SaulPaulus
Apg 77,58–
Apg 88,1.3–
Apg 99,1.4 (2×).8.11.17.19.22.24.26–
Apg 1111,25.30–
Apg 1212,25–
Apg 1313,1.2.7.913,9.13.16.43.45.46.50
Apg 14–14,9.11.12.14.19
Apg 15–15,2.12.22.25.35.36.38.40
Apg 16–16,3.9.14.17.18.19.25.28.29.36.37
Apg 17–17,2.4.10.13.14.15.16.22.33
Apg 18–18,1.5.9.12.14.18
Apg 19–19,1.4.6.11.13.15.21.26.29.30
Apg 20–20,1.7.9.10.13.16.37
Apg 21–21,4.8.11.13.18.26.29.30.32.37.39.40
Apg 2222,7 (2×).1322,25.28.30
Apg 23–23,1.3.5.6.10.11.12.14.16.17.18.20.24.31.33
Apg 24–24,1.10.23.24.26.27
Apg 25–25,2.4.6.7.8.9.10.14.19.21.23
Apg 2626,14 (2×)26,1.24.25.28.29
Apg 27–27,1.3.9.11.21.24.31.33.43
Apg 28–28,3.8.15.16.17.25.30

Auswertung: Die Liste der 150 Nennungen zeigt, dass Apg 13 die entscheidende Zäsur bildet, nicht die Bekehrung in Apg 9. Danach verwendet Lukas den Namen Saulus nur noch, wenn er in den Bekehrungsberichten die damalige Anrede wiedergibt (Apg 22,7.13; 26,14). Damit ist der Wechsel von »Saulus« zu »Paulus« vor allem ein Wechsel der Namensverwendung durch Lukas, keine berichtete Umbenennung des Apostels. Die statistische Auswertung stützt also die bereits besprochene These, dass Paulus beide Namen führte und Lukas mit Beginn der Heidenmission bevorzugt seinen römischen Namen verwendet.