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Eine theologische Positionsbestimmung nach John MacArthur
Manche Redner und Autoren verbreiten unwissend, andere verleumdend, Unwahres über die Lehrpositionen des heimgegangenen Bibellehrers und Gemeindehirten John F. MacArthur. Man bezeichnete ihn als »Calvinist«, was im deutschsprachigen Raum zu einem bloßen Schimpfwort geworden ist, das mit Calvin wenig zu tun hat, noch weniger mit John MacArthur. MacArthur lehrte und praktizierte beispielsweise die Gläubigentaufe und lehrte die Dispensationen der Bibel im Sinne einer prätribulationistischen und prämillennialistischen Sicht der Zukunft. Kein »Calvinist« (Anhänger reformierten Glaubens im Sinne des Genfer Reformators) würde diese Punkte annehmen. Der Streit entflammt vielmehr eingeengt im Bereich der Heilslehre, wo sowohl menschliche Verantwortung als auch göttliche Souveränität von der Heiligen Schrift gelehrt werden. Anhand eines öffentlichen Beitrags von MacArthur (2010 Shepherd’s Conference) wollen wir ihn selbst reden lassen zu dem, was er tatsächlich lehrte und wie er bewusst seine Deutung der Schrift im Bereich der Soteriologie (Heilslehre) nicht von einem theologischen System einengen ließ.
Das Problem
Es geht um die Frage nach dem Verhältnis von göttlicher Souveränität und menschlicher Verantwortung. Diese gehört zu den zentralen Streitpunkten christlicher Theologie. Besonders im Kontext des »Calvinismus« wird immer wieder ein Spannungsverhältnis zum Evangelium behauptet: Wenn Gott souverän erwählt, welchen Sinn hat dann der universelle Aufruf zum Glauben? John MacArthur begegnet dieser Frage mit einer klaren These: Die Spannung ist real – und sie darf nicht aufgelöst werden.
MacArthurs Lehrposition
Im Zentrum seiner Argumentation stehen zwei grundlegende Aussagen der Bibel. Zum einen handelt Gott souverän in der Erwählung; die Rettung des Menschen ist letztlich nicht das Ergebnis menschlicher Entscheidung, sondern göttlichen Handelns. Zum anderen richtet sich das Evangelium ohne Einschränkung an alle Menschen. Jeder wird aufgerufen, zu glauben, umzukehren und Christus anzunehmen. Diese doppelte Aussage bildet für MacArthur keinen logischen Widerspruch, sondern eine theologische Spannung, die bewusst bestehen bleibt.
Gerade an diesem Punkt setzt seine Kritik an gängigen Lösungsversuchen an. Theologische Modelle, die die Spannung zugunsten einer Seite auflösen, geraten seiner Auffassung nach zwangsläufig in Schieflage. Wird die menschliche Entscheidungsfreiheit stark betont, verliert die göttliche Souveränität an Gewicht. Wird hingegen die Erwählung absolut gesetzt, droht der universelle Ruf des Evangeliums praktisch bedeutungslos zu werden. In beiden Fällen wird versucht, ein in sich geschlossenes, widerspruchsfreies System zu schaffen – jedoch um den Preis, dass zentrale biblische Aussagen abgeschwächt oder neu interpretiert werden.
MacArthur lehnt diese Systematisierung ausdrücklich ab. Für ihn liegt die Aufgabe der Theologie nicht darin, die Spannung zu beseitigen, sondern darin, beide Seiten gleichermaßen festzuhalten. Die Bibel selbst präsentiere Gottes souveränes Handeln und die Verantwortung des Menschen als gleichzeitig gültige Wahrheiten. Ihre Verbindung entzieht sich jedoch einer vollständigen rationalen Durchdringung. Die Spannung ist daher nicht Ausdruck eines Mangels, sondern ein Hinweis auf die Begrenztheit menschlicher Erkenntnis angesichts göttlicher Wirklichkeit.
Diese Sicht hat unmittelbare praktische Konsequenzen. Die Verkündigung des Evangeliums darf nicht eingeschränkt werden – weder durch spekulative Überlegungen über Erwählung noch durch den Versuch, den Adressatenkreis einzugrenzen. Christen sind aufgerufen, das Evangelium unterschiedslos allen Menschen zu predigen. Gleichzeitig bleibt das Wirken Gottes souverän und letztlich verborgen. Die Verantwortung des Menschen und die Wirksamkeit göttlicher Gnade stehen nebeneinander, ohne dass das eine im anderen aufgeht.
MacArthurs Position läuft damit auf eine bewusste Akzeptanz theologischer Spannung hinaus. Er trifft eine klare Absage an eine systematische Glättung anhand eines Lehrsystems. Wahrheit wird nicht durch ihre vollständige Auflösung in ein widerspruchsfreies System bestätigt, sondern durch die Treue zum biblischen Zeugnis in seiner ganzen Breite. Die Spannung zwischen biblischer Erwählungslehre (durch souveräne Wahl Gottes) und Predigt des Evangeliums mit allen gebotenen Imperativen (die den Menschen in Verantwortung setzen) ist daher kein Problem, das es zu beheben gilt, sondern ein konstitutives Merkmal der christlichen Lehre selbst.
Im Ergebnis formuliert MacArthur eine klare Warnung: Wer versucht, die Spannung aufzulösen, riskiert, das Gleichgewicht der biblischen Aussagen zu verlieren. Wer die Spannung zwischen göttlicher Souveränität und menschlicher Verantwortung einseitig auflöst, hat nicht Klarheit gewonnen – sondern biblische Substanz verloren. Theologische Klarheit entsteht nicht durch Vereinfachung, sondern durch das Aushalten dessen, was sich nicht vollständig harmonisieren lässt. Die verbleibende Spannung ist kein Defizit der Lehre, sondern Ausdruck ihres Gegenstandes: eines Gottes, dessen Handeln sich der vollständigen rationalen Durchdringung entzieht. Gerade darin zeigt sich für ihn die Ernsthaftigkeit theologischer Arbeit – und zugleich ihre Grenze.
Solche Spannung sieht MacArtur auch bei anderen »spannungsvolle Themen« der Theologie (Lehre von Jesus Christus als Mensch und Gott, der Heiligen Schrift als menschliches und göttliches Buch, usw.) als gegeben.
Quellen
John MacArthur, MacArthur: The tension between Calvinism and the Gospel. YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=rHeAPdzQUNI (Exzerpt, 7:53 Dauer).
Shepherds Conference 2010, General Session 5, Q&A mit John MacArthur (Audio, ab Minute 3).
Ein Beispiel für eine üble Verleumdung, in der praktisch jeder Halbsatz nachweislich falsch ist: »Der Calvinismus ist eine Philosophie, die wahre Gläubige an ihrer Erlösung zweifeln lässt und Ungläubige völlig davon abhält, mehr über den Gott der Liebe und Gnade zu erfahren. Hören Sie sich den prominentesten Vertreter der reformierten Theologie an. Beachten Sie, dass John MacArthur die Heilige Schrift keineswegs auslegt, sie wörtlich nimmt oder die Schlüsselbegriffe in ihrem Kontext betrachtet. Er wirft lediglich einen Haufen Wortwirrwarr mit autoritärem, zornigem Ton in den Raum, um Sie zu manipulieren.« (facebook-Eintrag von Daniel Hulse vom 12.07.2022 zum oben zitierten Beitrag von MacArthur 2010!)
