2026: Ein Jahr der Heiligung durch Gottes Wort

Das neue Jahr steht vor der Tür, und ich hoffe, dass wir uns für 2026 vorgenommen haben, uns in Gottes Wort zu vertiefen. In der gesamten Kirchengeschichte haben Christen, die der Heiligen Schrift mächtig waren, systematisch Jahr für Jahr in der Heiligen Schrift gelesen. Ein neues Jahr ist eine großartige Gelegenheit für einen Neuanfang, und deshalb sollten wir uns (wieder) fest und planvoll vornehmen, fleißig, regelmäßig und diszipliniert in der Bibel zu lesen.

Zunächst sollten wir zwei falsche Beweggründe für das Lesen des Wortes Gottes bedenken. Wir dürfen die Bibel nicht einfach nur lesen, um Informationen anzuhäufen. Es gibt Millionen von unerweckten Menschen in Bibelstudien, Kirchen, Universitäten und Seminaren, die Gott nicht kennen und die durch ihr Studium nicht im Geringsten verändert worden sind. Wir sollten die Bibel auch nicht einfach als eine weitere Aufgabe auf unserer täglichen Aufgabenliste lesen. 

Wenn wir über das Bibelstudium und das Bibellesen im Jahr 2026 nachdenken, müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass wir zwar jeden Tag die Lektüre abhaken, aber keinen Nutzen aus unserer Zeit im Wort Gottes ziehen können. Deshalb müssen wir an die Bibel herangehen, nicht als ob wir etwas für Gott tun, indem wir sein Wort lesen, sondern als Menschen, die danach hungern, dass er etwas in uns tut. Das Ziel des Bibellesens ist Heiligung, Verwandlung und Wachstum in der Heiligkeit.

Die Worte Jesu in Johannes 17,17 helfen, diese Wahrheiten in unserem Bewusstsein zu festigen. Hier betete Jesus: »Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit«. Dies ist eine wunderbare Bitte, die Jesus an den Vater richtet. Er bittet den Vater, alle Gläubigen in der Wahrheit zu heiligen, welche er mit dem Wort Gottes gleichsetzt. Es gibt drei Dinge, über die wir nachdenken sollten, wenn wir diese Bitte unseres Herrn betrachten.

1  Zunächst sollten wir über die Wichtigkeit der Heiligung nachdenken

Auf der grundlegendsten Ebene bedeutet Heiligung, abgetrennt und heilig gemacht zu werden. Zum Beispiel sollte der Sabbat im Alten Testament heilig sein. Auch Menschen konnten heilig sein, wie wir in Jeremia 1,5 lesen: »Bevor ich dich im Mutterleib bildete, habe ich dich erkannt, und bevor du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt: Zum Propheten an die Nationen habe ich dich bestellt«. Das Wort »geheiligt« hat die Bedeutung von „abgesondert sein“. Jeremia war für den Dienst an Gott als Prophet für die Völker bestimmt und abgesondert, bevor er überhaupt geboren wurde. 

Die Heilige Schrift macht deutlich, dass Heiligung sowohl eine feste, frei zugesprochene Stellung als auch ein anstrengender Prozess mit vielen Einzelschritten ist. Man kann sagen, dass ein Mensch geheiligt ist, während er gleichzeitig noch geheiligt wird. Gott sondert Menschen für seinen eigenen Gebrauch aus und diese Menschen wachsen allmählich in ihrer Nützlichkeit für Gott, wenn sie lernen, den Charakter Jesu, des Gesalbten, nachzuahmen, indem sie praktisch umsetzen, dass sie Gott gehören. Sie tun dies durch den Glauben, der sich in einem durch Liebe motivierten Gehorsam ausdrückt.  

Heiligung ist nicht nur etwas Äußerliches. Es geht dabei auch nicht nur um eine Veränderung unseres Verhaltens. Menschen, die nicht für Gott ausgesondert sind – also Ungläubige – erfüllen die Begierden ihres angeborenen sündigen Wesens und leben für ihre egoistischen Wünsche, Werte und Sehnsüchte. Glaubende hingegen lassen ihr Leben nicht von solchen Begierden beherrschen. Sie kämpfen immer noch mit ihren alten, ungöttlichen Begierden; sie wollen lernen, diese zu verleugnen. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass im Glaubenden andere, neue Begierden auftauchen und wachsen, nämlich Gott zu gefallen, den Willen Gottes zu tun, die Ehre unseres Herrn Jesus Christus zu suchen und zum Wohl anderer zu leben und die Gnade unseres Gottes zu verherrlichen.

2  Zweitens sollten wir den Prozess der Heiligung gut verstehen

Heiligung ist Gottes gnädiges Wirken im Leben eines Glaubenden. Keiner verdient es, von Gott geheiligt zu werden. Wir haben in uns selbst keinen Anspruch Gott gegenüber, mit dem wir zu ihm kommen und verlangen könnten, dass er uns heilige. Insofern ist es reines Gnadengeschenk.

Die Tatsache, dass die Heiligung ein Werk Gottes ist, wird im gesamten Neuen Testament hervorgehoben und allen drei Personen des dreieinigen Gottes zugeschrieben. In 1. Thessalonicher 5,23 heißt es: »Er selbst aber, der Gott des Friedens, heilige euch völlig; und euer ganzer Geist und Seele und Leib werde untadelig bewahrt bei der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus.« Die Heiligung wird in Epheser 5,26 auch Jesus Christus zugeschrieben, wo es von Ihm bzgl. seiner Gemeinde heißt: »damit er sie heiligte, sie reinigend durch die Waschung mit Wasser durch das Wort«. Außerdem sehen wir in 2. Thessalonicher 2,13, dass der Heilige Geist uns heiligt. Paulus schreibt: »Wir aber sind schuldig, Gott allezeit für euch zu danken, vom Herrn geliebte Brüder, dass Gott euch von Anfang erwählt hat zur Errettung in Heiligung des Geistes und im Glauben an die Wahrheit«. Der dreieinige Gott ist bei unserer Heiligung am Werk. 

Das bedeutet nicht, dass wir bei unserer Heiligung rein passiv bleiben dürften. Die Heilige Schrift ist voll von Geboten, Gott zu gehorchen, uns zu reinigen, uns der Ungerechtigkeit zu enthalten, die Unzucht zu fliehen, gottlose Begierden zu verleugnen, der Gerechtigkeit und der Frömmigkeit nachzujagen. Uns wird gesagt, dass wir unser (praktisches) Heil mit Furcht und Zittern bewirken (o. hervorbringen; Philipper 2,13) sollen. Wir müssen jedoch immer daran denken, dass wir, selbst wenn wir uns mehr als alle anderen anstrengen und eine Heiligkeit erlangen, die alle anderen Sünder übertrifft, dies nur der Gnade und Macht Gottes in unserem Leben zu verdanken ist und nicht unserer Kraft, unserer Macht oder unserer Anstrengung. 

Wie heiligt Gott uns? Heiligung hat zwei Bedeutungen: die eine geschieht bei der Bekehrung und ist ein einmaliges Ereignis, die andere schreitet im Laufe unseres Lebens voran. Beide Aspekte der Heiligung geschehen durch die Wahrheit, durch Gottes Wort

(1) Gott heiligt uns zunächst durch die Wahrheit seines Wortes, setzt uns für sich selbst zur Seite. Wir wissen, dass der Glaube durch das Hören der Verkündigung kommt und die Verkündigung durch das Wort Gottes (Römer 10,17). Oder wie Jakobus es ausdrückt: »Nach seinem eigenen Willen hat er uns durch das Wort der Wahrheit gezeugt, damit wir eine gewisse Erstlingsfrucht seiner Geschöpfe seien« (Jakobus 1,18). Petrus sagt dasselbe in 1. Petrus 1,23, wo er schreibt: »die ihr nicht wiedergeboren seid aus verweslichem Samen, sondern aus unverweslichem, durch das lebendige und bleibende Wort Gottes«.

(2) Die fortschreitende Heiligung verwendet dasselbe Mittel, wie schon bei unserer ewigen Errettung: das Wort Gottes. Der Geist Gottes benutzt das Wort Gottes, um uns heiliger zu machen. Neben Johannes 17,17 steht eine der klarsten Aussagen in diesem Sinne in Apostelgeschichte 20,32, wo Paulus, als er mit den Ältesten von Ephesus zum letzten Mal sprach und ihnen als sein Vermächtnis ans Herz legte: »Und nun befehle ich euch Gott und dem Wort seiner Gnade an, das vermag, aufzuerbauen und das Erbe zu geben unter allen Geheiligten«. Paulus war sich sicher, dass die Glaubenden der Gemeinde in Ephesus im Wort Gottes alles hatten, was sie brauchten, um den Wettlauf als Glaubende und Heilige stark zu vollenden.

Einige der beliebtesten Verse zu diesem Thema finden sich im Psalm 119, wo uns ein wunderbares Zeugnis für die Macht des Wortes Gottes bei der Heiligung gegeben wird. In Versen 104f sagt der Psalmist: »Aus deinen Vorschriften empfange ich Einsicht; darum hasse ich jeden Lügenpfad. Dein Wort ist Leuchte meinem Fuß und Licht für meinen Pfad.« Beachten wir hier, dass der Mensch, der im Glauben zu Gottes Wort kommt, Verständnis für Wahrheit, Gerechtigkeit, Recht, Weisheit, Heiligkeit, Sünde und Errettung erlangt. Das Wort Gottes zieht uns zu sich, indem es uns die Wahrheit offenbart. Der Geist Gottes wirkt in unseren Herzen durch dieses Wort. Und so wollen wir keine Lügen, keine Philosophien der Welt und keine Ratschläge der Gottlosen. Wir Glaubenden wollen nur die Wahrheit.

3  Schließlich müssen wir den Prozess der Heiligung anwenden 

Wie lesen wir die Bibel so, dass Gottes Kraft uns durch sein Wort verwandelt? Fünf Hinweise:

Erstens: Wertschätze das Wort Gottes. Wenn wir durch Gottes Wort verändert werden wollen, müssen wir es lieben und uns daran erfreuen. Es ist ein Wunder, dass der ewige Gott uns überhaupt etwas offenbart, geschweige denn eine so vollständige und umfassende Offenbarung seiner selbst in seinem Wort gibt!

Zweitens: Lese Gottes Wort unter Gebet. Unser Lesen sollte sozusagen in Gebet gebettet und gebadet sein. Wir sollten Gott bitten, unsere Herzen zu prüfen, unsere Sünde aufzudecken und uns in unseren Entmutigungen und Nöten zu trösten und aufzurichten. 

Drittens: Lese Gottes Wort im Glauben. Die Verheißungen Gottes gehören allen an Christus Jesus Glaubenden. Daher können wir glauben und seinen Worten friedvoll vertrauen.

Viertens: Lese Gottes Wort in Demut. Wir können Gottes Wort nicht so verändern, dass es das sagt, was wir es sagen lassen wollen. Vielmehr wir müssen das, was es sagt, ohne Rücksicht auf unsere eigenen vorgefassten Meinungen annehmen.  Nicht wir sitzen über Gottes Wort zu Gericht, sondern Gottes Wort beurteilt uns.

Fünftens: Lese das Wort Gottes mit dem Wunsch, ihm zu gehorchen. Wir kommen nicht zum Wort, um bloß Informationen zu erhalten, sondern vielmehr, um verwandelt zu werden! Wir müssen das Wort Gottes mit dem Willen lesen, es zu befolgen. 

Wenn wir das Wort mit diesen Prinzipien im Herzen lesen, wird Gott treu in uns wirken und uns durch sein Wort heiligen. Werden wir treu sein und jeden Tag demütig und treu zu Gottes Wort kommen, mit einem Herzen, das nach Heiligkeit verlangt? Ich bete, dass dies unser Herzenswunsch ist, während wir ein weiteres Jahr beginnen, das der Herr uns so gnädig geschenkt hat. 

Ein frohes neues Jahr!

Denn sowohl der, der heiligt, als auch die, die geheiligt werden, sind alle von einem ; um welcher Ursache willen er sich nicht schämt, sie Brüder zu nennen. … Jagt dem Frieden nach mit allen und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn schauen wird. (Hebräer 2,11; 12,14)

Quellen & Disclaimer

Text im Dezember 2025 adaptiert für 2026 von: Robb Brunansky: 2024: A Year of Sanctification Through God’s Word, thecripplegate.com, 3. Januar 2024 (https://thecripplegate.com/2024-a-year-of-sanctification-through-gods-word/; 03.01.2024); übersetzt und adaptiert von Grace@logikos.club.

Bild erstellt aus KI-generierter Vorlage (de.freepik.com/pikaso) mittels Photoshop 2026 durch Grace@logikos.club.
Hashtag #sanctifyear aus #sanctify+[godly]fear+[new]year

Warum die »Gute Nachricht« wahrhaft gut ist (B. Peters, 2008)

In Römer 10,15 zitiert Paulus folgende Worte des Propheten Jesaja:

Wie lieblich sind die Füße derer, welche das Evangelium des Friedens verkündigen, welche das Evangelium des Guten verkündigen!

Das Evangelium heißt hier »Evangelium des Guten«. Paulus nennt das Evangelium ferner:

  • Evangelium Gottes (Römer 1,1; 15,16; 2Korinther 11,7; 1Thessalonicher 2,2.8.9; s. a. 1Petrus 4,17)
  • Evangelium Seines Sohnes (Römer 1,9)
  • Evangelium des Christus (Römer 15,19; 1Korinther 9,12; 2Korinther 9,19; 10,14; Galater 1,7; 1Thessalonicher 3,2; Philipper 1,27)
  • Evangelium der Herrlichkeit Christi (2Korinther 4,4)
  • Evangelium der Herrlichkeit des seligen Gottes (1Timotheus 1,11)
  • Evangelium der Gnade Gottes (Apostelgeschichte 20,24)
  • Evangelium eures Heils (Epheser 1,13)
  • Evangelium des Friedens (Epheser 6,15)

Ausgehend von diesen verschiedenen Bezeichnungen des Evangeliums gibt es acht verschiedene Gründe, warum das Evangelium gut zu nennen ist:

  1. Es kommt von Gott: »das Evangelium Gottes« (Römer 1,1)
  2. Es ist Gottes Kraft zum Heil: »das dem Fleisch unmögliche tat Gott« (Römer 8,3)
  3. Es offenbart Gottes Gnade: »das Evangelium der Gnade Gottes« (Apostelgeschichte 20,24)
  4. Es offenbart Gottes Gerechtigkeit (Römer 1,17)
  5. Es offenbart Gottes Herrlichkeit: »das Evangelium der Herrlichkeit des glückseligen Gottes« (1Timotheus 1,11)
  6. Es zeugt von Gottes Sohn: »das Evangelium über Seinen Sohn« (Römer 1,3)
  7. Durch dasselbe wirkt Gott, der Heilige Geist (1Thessalonicher 1,5)
  8. In ihm bekommt Gott alle Herrlichkeit und Ehre (Römer 11,36).

Alle diese Gründe machen uns deutlich, dass beim Evangelium Gott die Hauptsache ist, nicht der Mensch. Genau das ist es, was das Evangelium zur guten Botschaft macht. Und genau darin liegt die verlorene Glückseligkeit des Menschen: Dass Gott wiederum den Rang bekommt, der Ihm zusteht. Der Mensch ist im Heil nichts, Gott ist alles. Das ist die Wahrheit, die uns frei macht; frei vom Wahn, etwas zu sein, wo wir doch nichts sind (Galater 6,3). Das ist die Wahrheit, die durch die Lüge der Schlange ins Gegenteil verkehrt worden ist: Der Mensch könne sein wie Gott (1Mose 3,5). Am Ende der Tage wird es so sein, dass der Mensch den Platz eingenommen haben wird, der Gott allein zusteht. Das hat Paulus mit folgenden Worten angekündigt:

Lasst euch von niemand auf irgendeine Weise verführen, denn dieser Tag kommt nicht, es sei denn, dass zuerst der Abfall komme und offenbart werde der Mensch der Sünde, der Sohn des Verderbens, der widersteht und sich erhöht über alles, was Gott heißt oder verehrungswürdig ist, so dass er sich in den Tempel Gottes setzt und sich selbst darstellt, dass er Gott sei. (2Thessalonicher 2,3–4)

Das Buch der Offenbarung bestätigt die Ankündigung des Apostels. Die Religion des endzeitlichen Menschen ist die Anbetung des Menschen (Offenbarung 13,4.15.18). Je näher wir diesem Ende kommen, desto heftiger reißt der Zeitgeist an der Gemeinde der Gläubigen, um sie hineinzuziehen in diesen Strom. Um so entschiedener müssen wir daher die Wahrheit hochhalten, dass die Gute Nachricht in nichts anderem besteht, als dass Gott alles ist, Gott alles wirkt und Gott alle Ehre bekommt. Werden diese Wahrheiten abgeschwächt, sind wir in Gefahr, abzufallen. Werden sie unterschlagen, sind wir schon abgefallen, oder, wie Petrus sagt »aus unserer Festigkeit gefallen« und »durch den Irrwahn der Ruchlosen mitfortgerissen« worden (2Petrus 3,17).

Das Evangelium befreit uns für Gott und Seinen unumschränkten Willen. Über die eigentliche Bedeutung des Dienstes von Johannes Calvin sagte ein französischer Biograph:

Die Umwälzung, die der Genfer Reformator durch sein Wirken auf geistlichem Gebiet hervorgerufen hat, wurde bisweilen mit der Revolution verglichen, die Kopernikus zur gleichen Zeit– durch seine astronomischen Entdeckungen im physikalischen Weltbild herbeigeführt hat. Vor Kopernikus glaubte man im allgemeinen, die Sonne drehe sich um die Erde, die im allgemeinen für den Mittelpunkt der Welt gehalten wurde. In seinem berühmten Buche »Über die Umdrehung der Himmelskörper« (De Revolutionibus orbium coelestium libri VI, 1543) hat der gelehrte Astronom nachgewiesen, daß es sich, im Gegensatz zu der bisherigen Ansicht, umgekehrt verhalte und die Erde sich um die Sonne drehe. Das ganze Weltbild wurde dadurch verändert.
In ähnlicher Weise hat der Reformator der Frömmigkeit den herkömmlichen Mittelpunkt weggenommen, der für den damaligen religiösen Menschen die eigene Seele mit ihren Bedürfnissen und Regungen war. Er hat statt dessen dem Glaubensleben seine eigentliche Mitte wiedergegeben, nämlich Gott. (Jean Cadier: Calvin. Der Mann, den Gott bezwungen hat. Zollikon: Evang. Verlag, 1959.)

1 Das Evangelium ist gut, denn es kommt von Gott

Darum heißt es »das Evangelium Gottes« (Römer 1,1).

  1. Schon die bloße Tatsache, dass das Evangelium von Gott kommt, bedeutet, dass es gut ist. Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben, von dem Vater der Lichter (Jakobus 1,17). Alles, was Gott gibt, ist gut, denn Gott ist gut, ja, Gott allein ist gut (Markus 10,18). Außer Ihm gibt es kein wirklich Gutes – d. h. bleibend Gutes und vollkommen Gutes.
  2. »Evangelium Gottes« bedeutet, dass es die Botschaft Gottes ist; in ihm spricht Gott. Wenn es gelehrt und verkündigt wird, ergeht Gottes Stimme, die Macht hat, die Toten zu erwecken (Johannes 5,25), Zedern zu knicken oder Hirschkühe zum Werfen zu bringen (Psalm 29).
  3. Drittens bedeutet es, dass das Evangelium nicht von Menschen ausgedacht, sondern von Gott offenbart worden ist (1Korinther 2,9.10). Damit gehört das Evangelium Gottes auch Gott, und darum dürfen wir es nicht antasten, indem wir es verkürzen (vgl. Apostelgeschichte 20,27) oder verändern (siehe Galater 1,8.9).

2 Das Evangelium ist gut, denn es ist Gottes Kraft zum Heil

Kommt das Evangelium von Gott, dann richtet es auch das aus, was Gott will: Es rettet den Sünder, indem es ihn aus dem Dunkel ins Licht, aus dem Tod ins Leben, aus der Gottesferne zu Gott bringt (1Petrus 3,18). Das aber ist das Höchste, das einem Menschen widerfahren kann. Wer wüsste Höheres und Besseres zu nennen, als zu Gott gebracht zu werden? Das verstehen wir, wenn wir auch verstanden haben, worin unser wirkliches Elend besteht: Wir haben Gott verlassen, wir haben Ihn verloren.

Als wir noch Sünder waren, gab Er Seinen Sohn für uns dahin (Römer 5,5). Der Sünder ist blind, d. h. er erkennt weder seine Not noch den, der allein seine Not wenden kann. Der Sünder ist ein Knecht der Sünde und dazu ein Feind des Lichts, d. h. er will die Wahrheit über Gott und über seinen wahren Zustand nicht hören. Er ist ein Feind Gottes; d. h. er will nicht mit Gott versöhnt werden. Der Sünder ist tot in Seinen Sünden. Das alles zeigt, dass im Menschen weder die erforderliche Erkenntnis noch das Vermögen noch der Wille da ist, gerettet zu werden. Darum muss Gott alles tun zur Errettung des Menschen. Genau das lehrt das Evangelium: Das dem Fleisch Unmögliche tat Gott (Römer 8,3).

Gott tat alles zur Errettung. Das nennen wir die Alleinwirksamkeit Gottes. Er fasste den Rat zum Heil (Epheser 1,4.11). Er sonderte Seinen Sohn aus, das Heil für Sünder zu wirken (Johannes 1,29). Er sandte den Sohn, Seinen Heilsrat zu erfüllen (Galater 4,4). Er erwählte uns in Christus (Epheser 1,4), Er berief uns am Tag unseres Heils, Er rechtfertigte uns, Er verherrlichte uns (Römer 8,30). Von Ihm her geschah es, dass wir nun in Christus Jesus sind, der uns geworden ist zur Weisheit von Gott und zur Gerechtigkeit und Heiligkeit und Erlösung (1Korinther 1,30).

Weil all das wahr ist, kann Paulus sagen: Das Evangelium ist Gottes Kraft zum Heil (Römer 1,16). Gottes Kraft übertrifft alles, darum müssen wir nicht versuchen, etwas zur Wirksamkeit des Evangeliums beitragen zu wollen. Wir können durch unsere menschlichen Versuche, es »anziehender« oder »akzeptabler« und damit »wirksamer« zu machen, nur verderben.

Adolph Zahn, reformierter Pfarrer in Elberfeld im 19. Jahrhundert, fasst mit folgenden Worten das Evangelium zusammen, wie er es von Wichelhausen, Theologieprofessor in Halle, empfing:

Der Mensch ohne Leben und Freiheit vor Gott, tot in Sünden, Gott allein frei und freimachend in souveräner Gnade. Und dies Licht dann über die ganze Schrift ausgegossen und so in der Schrift überall die scharfen und gewaltigen Gegensätze von Gott und Mensch gefunden: Er nicht wie wirund wir in steter Feindschaft gegen ihnDas gibt dann Klarheit für alle Kapitel und eine ebenso einfache wie oft tiefe und wahrhaft geistvolle Schriftauslegung. (Adolph Zahn: Von Gottes Gnade und des Menschen Elend, S. 44).

Wir hörten eben: »Darum muss Gott alles tun…«. Ja, Er muss alles tun, wenn es überhaupt Heil geben soll. Aber war Er genötigt, unser Heil zu beschließen und in der Fülle der Zeit zu wirken? Gewiss nicht. Er schuldete und schuldet dem Menschen nichts.

3 Das Evangelium ist gut, denn es offenbart Gottes Gnade

Darum heißt das Evangelium »das Evangelium der Gnade Gottes« (Apostelgeschichte 20,24). Gnade bedeutet dreierlei:

  1. Alles Heil geht von Gott aus
  2. Alles Heil geschieht durch Gott
  3. Alles Heil ist ganz unverdient. Gott gibt lauter Unwürdigen nur Gutes.

Die beiden ersten Wahrheiten haben wir bereits beleuchtet. Wir wollen jetzt einige Augenblicke bei der dritten Wahrheit verharren: Alles Heil ist ganz unverdient. Gott tut in der Errettung Gutes an Menschen, die nichts davon verdient haben. Im Gegenteil: Gott müsste uns alle verdammen.; Er müsste uns in die äußerste Finsternis werfen. Er müsste uns verstoßen. Er müsste uns für immer aus Seiner Gegenwart verbannen. – Er tut aber genau das Entgegengesetzte: Es gibt keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind (Römer 8,1). Er liebt uns mit der gleichen Liebe, mit der Er Seinen Sohn geliebt hat (Johannes 17,26). Er nimmt uns an als Seine Kinder und nimmt uns auf in Sein Haus (Johannes 14,3). Er wird über Seinen Erwählten ewig leuchten (Offenbarung 22,5).

4 Das Evangelium ist gut, denn es offenbart Gottes Gerechtigkeit

Gottes Liebe relativiert nicht Gottes Licht. Gottes Gnade geschieht nicht auf Kosten der Gerechtigkeit. Gott handelt nicht so, wie wir Menschen, die manchmal Gnade vor Recht ergehen lassen, was gemeinhin als sehr löblich gilt. Nein, Gott lässt Gnade ergehen unter Wahrung vollkommenen Rechts. Das macht Seine Gnade so herrlich, denn das lehrt uns, dass die Gnade Gott sehr viel gekostet hat, Jja, sie hat Ihn alles gekostet, Seinen eingeborenen, Seinen geliebten Sohn.

Paulus sagt: »Gottes Gerechtigkeit wird darin [im Evangelium] offenbart“ (Römer 1,17).

Wir sagen meist, im Evangelium offenbare sich Gottes Liebe, und das stimmt natürlich (Römer 5,7). Aber was Paulus im Römerbrief als Erstes hervorhebt, ist die Gerechtigkeit Gottes, die sich im Evangelium manifestiert. Das ist das Wunder der Errettung und darin liegt die alles überstrahlende Schönheit des Evangeliums, dass es den Gott offenbart, der gerecht bleibt, während Er den Ungerechten rechtfertigt (Römer 3,25.26). Das geschieht dadurch, dass Christus unser Stellvertreter geworden ist (2Korinther 5,21). Er ist in zweifacher Hinsicht unser Stellvertreter: Er hat in Seinem Leben stellvertretend für alle Menschen alles erfüllt, was das Gesetz vom Menschen fordert. Dann hat Er in Seinem Tod alles erlitten, was das Gesetz an Strafen über den Gesetzesbrecher verhängt. So wurde Gottes Gerechtigkeit genüge getan, dass wir sagen können: Gottes Gerechtigkeit müsste uns verdammen, aber Gottes Gnade spricht uns frei.

Gottes Gerechtigkeit wurden im stellvertretenden Tod Seines Sohnes genüge getan, darum kann Gott dem Sünder gnädig sein, ihm die Sünden vergeben und ihm das Leben schenken und dabei doch gerecht bleiben

5 Das Evangelium ist gut, denn es offenbart Gottes Herrlichkeit

Darum heißt es »das Evangelium der Herrlichkeit des glückseligen Gottes« (1Timotheus 1,11).

Was meint Paulus mit dem nur hier und in 1Timotheus 6,15 verwendeten Ausdruck »der glückselige Gott«? Er sagt damit Folgendes: Gott ist in sich vollkommen glückselig; er ruht in vollkommenem Frieden; ihm fehlt nichts. Dennoch hat er einen Sünder, einen Verfolger der Heiligen, einen Feind des Lichts geliebt, gesucht und errettet.

  • Darin zeigt sich erst richtig die Größe der göttlichen Gnade.
  • Darin zeigt sich auch erst richtig die Größe der göttlichen Weisheit; denn wir fragen: Wie bringt Gott es nur fertig, einen Sünder zur Einsicht und zur Umkehr zu bewegen?
  • Darin zeigt sich die unumschränkte Kraft Gottes, der die Sünde und den Tod, Feindschaft und Misstrauen überwindet und ewiges Heil wirkt (Römer 1,16).

Auf diese Weise offenbart das Evangelium die Herrlichkeit Gottes. Was bedeutet »die Herrlichkeit Gottes«? Dieses: Die Gesamtheit Seiner Vollkommenheiten, Seine vollkommene Wahrheit, Weisheit, Macht, Gnade, Liebe, Heiligkeit und Gerechtigkeit. Gott ist Licht (1Johannes 1,5) und Gott ist Liebe (1Johannes 4,16).

6 Das Evangelium ist gut, denn es zeugt von Gottes Sohn

Darum heißt es »das Evangelium über Seinen Sohn« (Römer 1,3). Alles Gute, was Gott sich für den Menschen vorgesetzt hat, hat Er in Seinem Sohn gewirkt. Er ist die Mitte des Evangeliums. Durch Ihn geschieht alles.

  1. Er hat zunächst im und durch den Sohn geredet (Hebräer 1,1). In Ihm haben wir das unschätzbare Gut der vollkommenen und vollständigen Offenbarung aller Heilsgedanken Gottes (Johannes 1,1.9.14).
  2. Sodann hat Er im und durch den Sohn das Heil gewirkt: In Christus erwählt (Epheser 1,4), durch Sein Blut erlöst (Epheser 1,7), durch Seinen stellvertretenden Tod und durch Seine Auferstehung gerechtfertigt (Römer 4,25; 2Korinther 5,21); durch Ihn verherrlicht (Philipper 3,20–21); in Ihm ein ewiges, unvergängliches Erbe (Epheser 1,11).
    Darum predigten den Apostel Christus:
    • wer Er sei: Jesus von Nazareth;
    • was Er sei: wahrer Gott vom wahren Gott (Johannes 1,1–3); wahrer Mensch (Philipper 2,5);
    • wie Er sei: sündlos, rein, heilig (Hebräer 7,26; 1Petrus 1,18–19);
    • was Er getan hat.
  3. Darum heißt das Evangelium »das Evangelium der Herrlichkeit Christi« (2Korinther 4,4). Seine Vollkommenheiten werden im Evangelium kund: Seine Sündlosigkeit, Seine Gerechtigkeit, Seine Gnade, Seine Barmherzigkeit, Sein Liebe zu Gott, Seine Liebe zu den Seinen, Seine Liebe zu den Menschen. Der zweite Mensch ist alles; der erste Mensch ist nichts; der Mensch vom Himmel bleibt, der Mensch, der von der Erde ist, muss weichen (1Korinther 15,45-48).

7 Das Evangelium ist gut, denn durch dasselbe wirkt Gottes Geist

»die Dinge …, die euch jetzt verkündigt worden sind durch die, die euch das Evangelium gepredigt haben durch den vom Himmel gesandten Heiligen Geist« (1Petrus 1,12); »Denn unser Evangelium war nicht bei euch im Wort allein, sondern auch in Kraft und im Heiligen Geist und in großer Gewissheit« (1Thessalonicher 1,5).

Der Vater, der Sohn, der Heilige Geist, der dreieinige Gott, offenbart sich im Evangelium und wirkt durch das Evangelium. Der Vater hat den Heilsrat gefasst und den Sohn dazu bestimmt, ihn auszuführen. Der Sohn hat sich vom Vater senden lassen und hat all Sein Wohlgefallen erfüllt (Johannes 17,3). Das ist der Inhalt des Evangeliums, und wenn dieses gepredigt wird, wirkt Gott, der Heilige Geist. Er begleitet keine andere Botschaft als diese. Darum müssen wir zusehen, dass wir das Evangelium Gottes verkündigen, das Evangelium vom Sohn Gottes, das Evangelium der Gnade Gottes, das Evangelium, das die Apostel verkündigten. Denn ohne das Wirken des Heiligen Geistes gibt es keine Errettung. 

Wenn Gott mit der Sendung des Sohnes und der Niederschrift Seines Werkes aufgehört hätte zu wirken, wäre durch das Evangelium kein Mensch errettet worden. Darum sandten der Vater und der Sohn nach vollbrachtem Werk Seines Sohnes den Heiligen Geist, der Sünder überführt, Widerspenstige willig macht, in toten Herzen Glauben weckt und sie so zum Heiland und zum Heil führt. Wiederum müssen wir erkennen, dass in der Errettung Gott alles wirkt, von Anfang bis zum Schluss. Aber wir müssen auch erkennen, dass er die Mittel bestimmt hat, um diese Errettung zu wirken, und das ist nichts anderes als die Predigt des Evangeliums. Mit der Predigt des Evangeliums wirkt Gottes Geist.

9 Das Evangelium ist gut, denn in ihm bekommt Gott allein alle Ehre

»Denn von ihm
und durch ihn
und für ihn
sind alle Dinge;
ihm sei die Herrlichkeit
in Ewigkeit! Amen«.
(Römer 11,36).

Was Paulus als Ergebnis der im Evangelium gelehrten und durch dessen Kraft gewirkten Errettung bezeichnet –Gott allein alle Ehre–, wird auch als Ergebnis der großen alttestamentlichen Errettung deklariert. Das Buch Exodus (2Mose) endet damit, dass Gottes Herrlichkeit inmitten der Erlösten aufstrahlt und die Wohnung Gottes erfüllt (2Mose 40).

Jonathan Edwards (1703–1758)um wenige Jahre älterer Zeitgenosse George Whitefields, hielt am 8. Juli 1731 in Boston eine Predigt zu 1Korinther 1,29–31 unter dem Titel: »God Glorified in Man’s Dependence« (etwa: »Gott verherrlicht durch die Abhängigkeit des Menschen«). Darin sagte er unter anderem: 

»Es besteht eine absolute und umfassende Abhängigkeit der Erlösten von Gott. Das Wesen und die Gestaltung unserer Erlösung sind derart, dass die Erlösten in jeder Hinsicht direkt, unmittelbar und vollständig von Gott abhängig sind: Sie sind in allem von ihm abhängig und in jeder Hinsicht von ihm abhängig.« [1]

Endenoten

[1] »There is an absolute and universal dependence of the redeemed on God. The nature and contrivance of our redemption is such, that the redeemed are in every thing directly, immediately, and entirely dependent on God: they are dependent on him for all, and are dependent on him every way.« (Quelle: https://www.biblebb.com/files/edwards/JE-dependence.htm [27.12.2025])

Disclaimer: Dieser Vortrag wurde von Benedikt Peters (Arbon, CH) auf der Hirtenkonferenz 2008 gehalten und von grace@logikos.club zusammengefasst.

Vor, während und nach der Predigt (C. H. Spurgeon)

»Deshalb legt ab alle Unsauberkeit und alles Überfließen von Schlechtigkeit, und nehmt mit Sanftmut das eingepflanzte Wort auf, das eure Seelen zu erretten vermag. Seid aber Täter des Wortes und nicht allein Hörer, die sich selbst betrügen.« (Jakobus 1,21–22)

Brüder, es ist gut, unter dem Wort Gottes zu stehen. Selbst wenn die niedrigsten Motive Menschen dazu bewegen sollten, das Evangelium zu hören, ist es dennoch gut, dass sie kommen. Wir haben von einigen gehört, die sogar gekommen sind, um zu stehlen, und doch hat das Wort Gottes sich in ihre Herzen eingeschlichen. In vielen Fällen wurden in früheren Zeiten Spione ausgesandt, um den protestantischen Theologen zuzuhören, die das Evangelium predigten, und diese machten sich Notizen über alles, was gesagt wurde, um sie der falschen Lehre zu bezichtigen, damit sie bestraft würden; doch in mehreren Fällen wurden die Spione selbst bekehrt. So groß ist die Kraft des Evangeliums Christi, dass es selbst seine größten Feinde anzieht und für sich gewinnt. Wer sich seinem Feuer nähert, selbst mit der Absicht, es zu löschen, kann sich von seiner Hitze überwältigt finden.

Meister Hugh Latimer erzählt in seiner urigen Art, als er die Menschen ermahnt, zur Kirche zu gehen, von einer Frau, die viele Nächte lang nicht schlafen konnte, obwohl man ihr Medikamente gegeben hatte; aber sie sagte, wenn man sie zu ihrer Pfarrkirche bringen würde, könnte sie dort schlafen, denn sie habe oft einen ruhigen Schlaf unter der Predigt genossen; und er geht so weit zu sagen, dass es besser sei, wenn die Menschen sogar zum Schlafen zur Predigt kämen, als gar nicht zu kommen; denn, wie er in seinem schönen alten Sächsisch hinzufügt, »sie könnten im Schlafen erwischt werden«. So ist es tatsächlich. Ein kranker Mensch tut gut daran, dort zu leben, wo es Ärzte gibt, denn eines Tages könnte er geheilt werden. Wenn Menschen in der Hitze des Gefechts stehen, können sie verwundet werden; wenn sie dorthin kommen, wo die Pfeile des Evangeliums abgeschossen werden, können sie durch einen fallen. Pflanzen, die im Freien wachsen, werden wahrscheinlich bewässert, wenn der Regen fällt. Wir wagen es nicht, zu jemandem, der das Gebetshaus betreten will, zu sagen: »Du darfst nicht kommen, weil deine Motive grob und niedrig sind.« Nein, du bist auf jeden Fall willkommen. Wer weiß, ob Gott dir nicht auf deinem Weg begegnen wird. Wenn du dort bist, wo seine Wahrheit gepredigt wird, kannst du sie hören; und »der Glaube ist aus der Verkündigung, die Verkündigung aber durch Gottes Wort« (Römer 10,17).

Du wirst bestimmt sofort einsehen, dass es in jedem Fall gut ist, irgendwie zum Hören des Wortes zu kommen, dass es aber viel besser ist, auf eine vorbereitete Weise zu kommen. Wir sollten uns bemühen, so viel wie möglich aus den Gnadenmitteln zu schöpfen und nicht wahllos daran zu pflücken. Ein Bauer mag denken, dass es auf seinem Land sicher eine Ernte geben wird, wenn er nur sät; doch, wenn er ein weiser Mann ist, gibt er sich nicht mit einer mageren Ernte zufrieden, sondern düngt sein Land reichlich und bearbeitet es gut, damit es ihm einen großen Ertrag bringt, denn in unseren Zeiten ist die größtmögliche Ernte unverzichtbar anzustreben. So, meine Brüder, lasst uns die heilige Verordnung der Predigt so nutzen, dass wir die größtmögliche Menge Gold aus dem Erz gewinnen können. Lasst uns so in die feierliche Versammlung kommen, dass wir hoffen können, dort Gott zu begegnen, denn das ist der Hauptzweck unseres Zusammenkommens; und lasst uns vor dem Kommen, während des Kommens und nach dem Kommen zum Heiligtum so handeln, dass wir den größtmöglichen Gewinn aus unserem Zusammenkommen ziehen können. Das Wort des Herrn zu hören, wird oft vom Geist Gottes zu Leben für tote Seelen gemacht und ist das hervorragendste Mittel, um diejenigen, die bereits für Gott leben, weiter zu beleben. Lasst uns nicht durch unsere eigene Schuld auch nur einen Funken dieses Segens verlieren. Das Wort des Herrn ist in diesen Tagen kostbar; lasst uns nicht leichtfertig damit umgehen.

Heute Morgen werde ich meinen Text mit der ernsthaften Absicht behandeln, euch zu lehren, wie man zuhört. Oh, möge der Geist Gottes mir gnädig helfen! Zunächst wollen wir uns merken, was vor der Predigt zu tun ist: »Legt alle Unreinheit und Überfluss an Bosheit ab …« Zweitens wollen wir lernen, wie wir uns während der Predigt verhalten sollen: »Nehmt das eingepflanzte Wort mit Sanftmut auf, das eure Seelen retten kann.« Und drittens gibt es hier die Anweisung für nachder Predigt: »Seid Täter des Wortes und nicht nur Hörer, die sich selbst betrügen.«

I. Vor der Predigt

Betrachten wir die angemessene und richtige Vorbereitung auf das Hören des Evangeliums, oder was vor dem Hören zu tun ist. Jedem, der darüber nachdenkt, wird auffallen, dass es einer gewissen Vorbereitung des Herzens bedarf, um zum Gottesdienst zu kommen und das Evangelium zu hören. Bedenken wir, in wessen Namen wir uns versammeln, dann können wir sicherlich nicht gedankenlos zusammenkommen. Bedenken wir, wen wir zu verehren vorgeben, dann werden wir nicht in seine Gegenwart eilen, wie Menschen zu einem Feuerwehreinsatz rennen. Moses, der Mann Gottes, wurde ermahnt, seine Schuhe von seinen Füßen zu ziehen, als Gott sich nur in einem Busch offenbarte (2Mose 3,5); wie sollten wir uns dann vorbereiten, wenn wir zu ihm kommen, der sich in Christus Jesus, seinem geliebten Sohn, offenbart? Wir sollten nicht halb schlafend in den Ort der Anbetung stolpern und nicht dorthin schlendern, als wäre es nichts weiter als ein Besuch im Theater. Wir können nicht erwarten, viel zu gewinnen, wenn wir einen Schwarm müßiger Gedanken und ein Herz voller Nichtigkeiten mitbringen. Wenn wir voller Torheit sind, verschließen wir vielleicht unseren Geist für die Wahrheit Gottes. Wir sollten uns bereit machen, das zu empfangen, was Gott so bereitwillig schenkt. Wenn schon der verurteilt wurde, der ohne Hochzeitsgewand zum Hochzeitsfest kam, was sollen wir dann von denen sagen, die regelmäßig zu den Festen unseres Herrn kommen und nie daran denken, sich würdig zu erweisen, an seinen königlichen Köstlichkeiten teilzuhaben? Was sollen wir von denen sagen, die den Tempel Gottes verunreinigen, indem sie niemals danach streben, ihre Seelen von der Unreinheit ihrer Sünden reinigen zu lassen? Gewiss sollte eine ernsthafte Vorbereitung stattfinden, wenn ein sündiges Geschöpf sich dem allerheiligsten Gott nähert. 

Brüder, wenn ich an unsere Verpflichtungen während der Woche denke, wer von uns kann sich dann würdig fühlen, in den heiligen Ort der Stiftshütte des Allerhöchsten zu kommen? Ich meine nicht diese mit Händen gemachten Stätten, sondern den inneren geistlichen Tempel der Gemeinschaft mit Gott. Wie könnten wir zu Gott kommen, bevor wir gewaschen sind? Können wir, nachdem wir einen so schlammigen Weg wie den durch diese schmutzige Welt gegangen sind, zu Gott kommen, ohne den Staub von unseren Füßen zu schütteln? Können wir alle sechs Tage der Woche mit irdischen Sorgen beschäftigt sein und dann ohne einen vorbereitenden Gedanken bereit sein für den heiligen Sabbat? Ich glaube nicht. Selbst in den heidnischen Tempeln rief der Herold, bevor die feierlichen Mysterien begannen: »Weichet, ihr Profanen! Weichet, ihr Profanen!« Und sollte nicht auch ein Herold unseren wandernden Gedanken zurufen: »Weichet, ihr eitlen Gedanken, denn Gott ist hier!« Wenn die Stunde gekommen ist, uns dem herrlichen Herrn zu nähern, vor dem die Engel ihre Gesichter verhüllen, während sie rufen: »Heilig, heilig, heilig« (Jesaja 6,3; Offenbarung 4,8), dann ist es unsere Pflicht, fromm und demütig, heilig und ernsthaft zu sein. Ja, Brüder, wenn wir immer mit der göttlichen Anbetung beschäftigt wären, wenn wir keine anderen Gedanken oder Sorgen hätten als seine Herrlichkeit, wenn wir völlig losgelöst wären von den Verstrickungen und Verunreinigungen der Welt, dann würde ich nicht so ernsthaft von der Vorbereitung sprechen, bevor wir das Wort hören; aber leider ist das nicht so. Wir sind Menschen mit unreinen Lippen und leben unter einem Volk mit unreinen Lippen (Jesaja 6,5). Wir sind noch nicht in das heilige Land gekommen, wo jeder, der uns grüßt, entweder ein Heiliger oder ein Engel ist. Wir haben noch nicht alle Kanaaniter ausgerottet, sondern müssen täglich auf der Hut vor ihnen sein. Wegen der Sünde, die in uns und um uns herum wohnt, müssen wir uns im Waschbecken am Eingang der Stiftshütte waschen, bevor wir uns dem Allerhöchsten nähern dürfen (2Mose 30,18–21; vgl. Johannes 13,5).

Unter den Menschen herrscht Einigkeit darüber, dass man sich auf den Gottesdienst vorbereiten sollte. Ich sehe heute hier die sichtbaren Zeichen dafür. Bevor der Sabbat anbrach, habt ihr begonnen, saubere Wäsche und hellere Kleider als an gewöhnlichen Tagen vorzubereiten. Das ist zwar nur eine äußerliche und alltägliche Angelegenheit, aber dennoch liegt in der Hülle ein Kern. Der Mensch legt seine gewöhnlichen Alltagskleider ab und zieht seine besten Gewänder für den Sabbat an, weil er instinktiv spürt, dass er seinem Gott Ehrerbietung erweisen sollte. Ich fürchte, dass dieser Kleiderwechsel oft zu dem Wunsch verkommt, vor euren Mitmenschen gut dazustehen, aber die zugrunde liegende Bedeutung sollte diese sein: »Ich gehe heute hinauf, um meinen Gott anzubeten. Deshalb werde ich weder mit unreinem Körper noch mit unreiner Kleidung hingehen, sondern meine besten Kleider anziehen, damit ich meinem Gott und der Versammlung seines Hauses meinen Respekt erweise.« Mein Rat an euch lautet: Reinigt lieber eure Herzen als eure Kleider. Tretet vor Gott mit einem neuen Geist statt mit neuen Kleidern. Wenn der Prophet in alter Zeit sagte: »Zerreißt eure Herzen und nicht eure Kleider« (Joel 2,13), so sage ich heute: Legt die Kleider der Gerechtigkeit und Heiligkeit (vgl. Jesaja 57,17; 61,10) durch die Gnade Christi Jesu, unseres Herrn, an, statt äußerliche Kleider, die nur das Fleisch schmücken. Doch selbst in dieser Veränderung der Kleidung liegt ein Bekenntnis, dass Gott da sein sollte und dass sein heiliger Name angebetet werden sollte. Gott gebe, dass wir nicht vergessen, uns in besonderer Weise vorzubereiten, wenn wir hingehen, um das Wort Gottes zu hören.

Bei dieser Vorbereitung sagt uns unser Text, dass es einige Dinge gibt, die beiseitegelegt werden müssen. Was sagt er? »Deshalb legt ab alle Unsauberkeit und alles Überfließen von Schlechtigkeit.« Einige Dinge müssen beseitigt werden, bevor das Wort Gottes empfangen werden kann. Und was sind diese Dinge? Der Text erwähnt alle Unsauberkeit oder Unreinheit. Nun ist jede Art von Sünde Unreinheit. Die meisten Menschen sehen das nicht so; sie nennen es Vergnügen. Ich habe sogar erlebt, dass sie es für eine Zierde halten. Aber nach dem Urteil des Geistes Gottes, der hier durch seinen Diener Jakobus spricht, ist jede Sünde Unreinheit. In den Augen jedes erneuerten Menschen ist jede Sünde Unreinheit – und nichts Besseres. Seit dem Tag, an dem der Geist Gottes ihm die Schuppen von den Augen genommen hat, sieht der gottesfürchtige Mensch die Sünde als etwas Schmutziges an, als etwas Abscheuliches in den Augen eines heiligen Gottes (vgl. Hesekiel 20,43; 36,31). Sünde in den Gedanken ist Unreinheit der Gedanken, Sünde in Worten ist Unreinheit der Sprache, Sünde in Taten ist Unreinheit im Leben. Überall ist die Übertretung des Gesetzes etwas Schmutziges und Verunreinigendes, das weder Gott noch gute Menschen ertragen können. Nun, Brüder, vor Gott muss mit Hilfe seines Geistes jede Sünde bekannt, aufgegeben und gehasst werden (vgl. Sprüche 28,13; 1Johannes 1,9). Durch den Glauben an das kostbare Blut Jesu muss sie abgewaschen werden, denn wir können nicht vor Gott treten und von ihm angenommen werden, solange wir uns der Ungerechtigkeit hingeben. Wir müssen von Gott getrennt bleiben, bis wir von der Unreinheit getrennt sind. Unreinheit ist, wie ihr wisst, etwas Erniedrigendes, das nur Bettlern und Dieben zusteht; und so ist auch die Sünde. Unreinheit ist für alle reinen Menschen abstoßend. Wir können den engen Kontakt mit einem Menschen nicht ertragen, der es versäumt, seinen Körper oder seine Kleidung zu waschen, sodass er zu einem lebenden Misthaufen wird. Wie arm ein Mensch auch sein mag, er kann rein sein; und wenn er es nicht ist, wird er zu einer allgemeinen Belästigung für diejenigen, die mit ihm sprechen oder in seiner Nähe sitzen. Wenn schon körperliche Unreinheit für uns schrecklich ist, wie muss dann die Unreinheit der Sünde für den reinen und heiligen Gott sein! Ich kann nicht versuchen, die Abscheulichkeit der Sünde für Gott auszudrücken. Er hasst sie mit seiner ganzen Seele. Wenn wir vor Gott annehmbar sein wollen, dürfen wir keine Lieblingssünden pflegen, keine geliebten Begierden verschonen, keine geheimen Missetaten begehen: Unser Dienst wird vor Gott Schmutz sein, wenn unser Herz unseren Sünden nachgeht. Er sagt: »Weicht, weicht, geht von dort hinaus, rührt nichts Unreines an! Geht hinaus aus ihrer Mitte, reinigt euch, die ihr die Geräte Jahwes tragt!« (Jesaja 52,11). Er will nicht, dass die Gefäße seines Heiligtums mit unreinen Fingern berührt werden. Haben wir darüber gut nachgedacht? Legt also alle Unreinheit ab, wenn ihr nicht den Zorn Gottes erregen wollt. Wenn wir selbst Gott missfallen, missfällt ihm alles, was wir tun. Denkt daran, wie geschrieben steht: »Und Jahwe blickte auf Abel und auf seine Opfergabe; aber auf Kain und auf seine Opfergabe blickte er nicht.« (1Mose 4,4b–5a). Die Annahme des Herrn gilt zuerst der Person und dann dem Opfer – zuerst Abel und dann seinem Opfer. Wenn Gott an einer Person keine Freude hat, dann hat er auch keine Freude an ihren Diensten. Denkt bloß nicht, ihr Unreinen, dass eure Hymnen und Lobgesänge, wie süß sie auch gesungen werden, Musik in Gottes Ohren sein könnten! Glaubt bloß nicht, dass eure Gebetsformen jemals wie süßer Weihrauch vor ihm aufsteigen könnten! Sie sind ihm ein Gestank und ein Gräuel, solange ihr selbst nicht von eurer Unreinheit gereinigt seid. Die Unreinheit der Sünde muss beiseitegelegt werden, wenn wir das Wort richtig hören wollen.

Außerdem ist Sünde nicht nur anstößig, sondern auch gefährlich. Wir haben endlich gelernt, hoffe ich, auch wenn einige diese Tatsache noch nicht erkannt haben, dass Schmutzigkeit Krankheit bedeutet. Die Menschen beginnen zu erkennen, dass wir nur gesund sein können, wenn wir rein sind. Wer Schmutz in sich trägt, schafft einen Nährboden für Krankheitserreger und ist damit ein Feind seiner Familie und seiner Nachbarschaft. Der schmutzige Mensch ist ein öffentlicher Giftmischer, ein Selbstmörder und ein Mörder. Die Sünde ist die größte denkbare Gefahr für die Seele eines Menschen: Sie macht einen Menschen lebendig tot, ja, verdorben, bevor er stirbt. Die Sünde ist eine tödliche Krankheit, und wer sie in sich trägt, ist nicht weit von der Hölle entfernt: Solange er sie liebt, kann er niemals in den Himmel kommen. Wirst du vor Gott treten und seine Vorhöfe mit dieser Lepra auf deiner Stirn betreten? Wollt ihr eure ansteckenden Krankheiten in seinen Tempel bringen? Sie müssen beiseitegelegt werden. Oh, mögen wir doch die Gnade empfangen, es auch zu tun!

Es gibt mindestens drei Sünden, die hier gemeint sind, und eine davon ist Habgier. Daher wird das Verlangen nach unheiliger Bereicherung als schmutziger Gewinn bezeichnet, weil es Menschen zu schmutzigen Taten verleitet, an die sie sonst nicht denken würden. Wenn die Gier nach Reichtum in das Herz eindringt, verfault es bis ins Mark. Der Apostel ruft: »Euer Gold und Silber ist verrostet« (Jakobus 5,3) – wahrlich, auch der Mensch verrostet und verfault. Wenn nun das Herz eines Menschen voller Schmutz ist, wenn das Verlangen nach Gewinn, und zwar um jeden Preis, in einem Menschen stark ist, dann ist er in einem sehr ungeeigneten Zustand, um durch das Hören des Evangeliums Nutzen zu ziehen. Man kann ihm das Evangelium nicht vermitteln; ein goldener Riegel verschließt die Tür. Er befindet sich in etwa in der Lage des Kapitäns, von dem ich gehört habe, der auf Walfang ging, und als er an Land ging und das Evangelium predigen hörte, sagte er zu dem Mann Gottes: »Sir, es hat nichts gebracht, dass Sie zu mir gepredigt haben, denn die ganze Zeit habe ich darüber nachgedacht, wo ich einen Wal finden könnte. In meinem Kopf ist kein Platz für etwas anderes als Wale. Ich muss Wale haben, und im Moment kann ich an nichts anderes denken als an Wale.« So muss es auch mit dem Mann sein, der nach Gewinn strebt: Seine Firma, seine Waren, sein Beruf sind in seinem Herzen und verdrängen alles andere. Wer seinen Stand auf der »Messe der Eitelkeiten« aufgestellt hat, ist nicht in der Lage, die Wahrheit zu kaufen, da seine Ware Eitelkeit ist. Ein habgieriger Mensch ist ein Götzendiener und kann die Gabe Gottes nicht empfangen, bis er seine Herzenssünde überwunden hat. Er ist zu unrein, um sich dem Herrn zu nähern. Gott helfe ihm, der Götzendienst des Reichtums zu entkommen.

Dann kann man mit besonderer Richtigkeit von der Unzucht als Unreinheit sprechen. Ich brauche das nicht weiter auszuführen. Lehrt uns nicht die Natur selbst, dass die Nachgiebigkeit gegenüber unseren animalischen Leidenschaften, in welcher Form auch immer, sei es Trunkenheit oder Unzucht, eine Eigenschaft ist, die den Menschen unfähig macht, das reine Wort Gottes zu empfangen? Wie sollte makellose Reinheit zu einem Menschen kommen und in ihm wohnen, dessen Leben vom Wälzen in fleischlicher Lust geprägt ist? Wie sollte der dreimal heilige Geist kommen und in einem Herzen wohnen, das eine Höhle unreiner Begierden ist? Haben die Männer von Sodom von der Lehre Lots profitiert? Soll ein Mensch aus der Kammer der Wollust zum Haus des Herrn kommen? Nein, Brüder. Wir müssen alle Unreinheit ablegen, wenn wir Gott im Geist und in der Wahrheit anbeten wollen.

Aber im Zusammenhang mit meinem Text ist mit Unreinheit insbesondere Zorn gemeint. Lesen Sie es, und Sie werden es sehen: »Denn eines Mannes Zorn wirkt nicht Gottes Gerechtigkeit. Deshalb legt ab alle Unsauberkeit und alles Überfließen von Schlechtigkeit, und nehmt mit Sanftmut das eingepflanzte Wort auf, das eure Seelen zu erretten vermag.« (Jakobus 1,20–21). Manche Menschen sagen, wenn sie zornig sind, Dinge, die niemals wiederholt oder gar zum ersten Mal gesagt werden sollten. Das war zweifellos zu Jakobs Zeiten noch mehr der Fall als heute; damals ließen zornige Menschen schreckliche Schimpfwörter und abscheuliche Anspielungen von sich, die in der Tat ein Übermaß an Bosheit waren. Nun soll das Kind Gottes seinen Zorn, seinen Grimm und seine Bosheit unterdrücken. Wie könnt ihr das Wort des Friedens annehmen, wenn ihr mit eurem Bruder verfeindet seid? Wie könnt ihr hoffen, Vergebung zu finden, wenn ihr denen nicht vergebt, die sich gegen euch versündigt haben? Wir möchten, dass ihr betet, bevor ihr am Sabbatmorgen oder -abend in dieses Haus kommt, und dafür sorgt, dass ihr im Geist der Sanftmut und Demut kommt; nur so werdet ihr das eingepflanzte Wort empfangen. Der Zorn des Menschen ist so schmutzig, dass er nicht die Gerechtigkeit Gottes bewirken kann; noch ist es wahrscheinlich, dass die Gerechtigkeit Gottes in einem Herzen wirkt, das heiß wie ein Ofen ist vor Leidenschaft und Bosheit. Ein rachsüchtiger, bitterer und boshafter Geist wird kaum den süßen, vergebenden Geist des Evangeliums in sich aufnehmen können. Gott helfe uns also, alle Schmutzigkeit und insbesondere alle Feindschaft abzulegen.

Aber es wird hinzugefügt: »alles Überfließen von Schlechtigkeit«. Was bedeutet das? Jede Art von Bosheit in einem Kind Gottes ist überflüssig: Ungerechtigkeit sollte nicht in ihm sein. »Überfluss an Bosheit« oder das Ausgießen von Bösem ist unnötig; es ist ein Auswuchs an einem Kind Gottes. Der hier verwendete Ausdruck unterscheidet sich in seiner Bedeutung nicht vom ersten Attribut des Textes: Er gibt eine andere Sichtweise auf dieselbe Sache. Sie haben vielleicht schon einmal einen Rosenstrauch gesehen, der nur sehr wenige Rosen trug, und Sie haben sich gefragt, warum das so ist. Es war eine gute Rose, die in guter Erde gepflanzt war, aber ihre Blüten waren spärlich. Sie haben sich umgesehen und nach und nach festgestellt, dass aus ihrer Wurzel Triebe wuchsen. Diese Triebe stammen von dem alten, ursprünglichen Dornbusch, auf den die Rose gepfropft worden war, und diese Rose hatte einen Überfluss an Kraft, den sie für diese Triebe verwendete. Dieser Überschuss oder Überfluss nahm der Rose die Lebenskraft, die sie benötigte, sodass sie nicht die volle Blütenmenge produzieren konnte, die Sie von ihr erwarteten. Dieser Überschuss an Boshaftigkeit, der hier und da auftauchte, schadete dem Baum. Kinder Gottes, ihr könnt dem Herrn nicht dienen, wenn ihr eure Kraft für irgendeine Form des Unrechts einsetzt; eure Boshaftigkeiten entspringen dem Dornengestrüpp eurer alten Natur, und das Beste, was ihr tun könnt, ist, diese Triebe abzuschneiden und sie so weit wie möglich zu stoppen, damit die ganze Kraft in die Rose zurückkehren kann und die schönen Blumen der Gnade in Fülle blühen können. Oh, dass das Gottes Volk, wenn es am Sabbat hierher kommt, zuerst diese göttliche Beschneidung erfahren möge, die den Überschuss an Bosheit wegnehmen wird, denn es kann keine Veredelung ohne ein gewisses Maß an Beschneidung geben. Der Gärtner entfernt von einem bestimmten Teil des Baumes einen Trieb des alten Stammes und setzt dann die Veredelung ein. Das Überflüssige muss entfernt werden, damit wir das eingepfropfte Wort, das unsere Seelen retten kann, mit Sanftmut empfangen können. Das ist es, was weggenommen werden muss.

Die mit Fleisch befleckten und von Krankheit befallenen Gewänder müssen ausgezogen und beiseitegelegt werden. Wir dürfen sie nicht mehr tragen, wenn wir von dem Wort, das wir hören, profitieren wollen. Wir dürfen sie nicht aufbewahren, um sie wieder anzuziehen, sondern müssen sie unter den Abfällen des Feuers von Tophet (zuerst ein Gräuelort der Moloch-Verehrung bei Jerusalem, später zur Entweihung als Müllhalde genutzt; s. 2Könige 23,10; Jeremia 7,31–32; 19,6.11ff) beiseitelegen, mit dem starken Wunsch, sie nie wieder anzurühren. Wir verurteilen diese schmutzigen Dinge, dass sie dem Feuer anheim fallen. Was haben wir mit Schmutz zu tun, jetzt, da wir durch den Willen Gottes gezeugt worden sind, um die Erstlingsfrüchte seiner Geschöpfe zu sein? Ihr, die ihr Kinder eines heiligen Gottes seid, was habt ihr mit Bosheit oder ähnlichem Überflüssigen zu tun? Gott helfe euch, die Sünde abzuschütteln, wie Paulus die Viper ins Feuer geschüttelt hat (Apostelgeschichte 28,5).

Warum ist das so? Warum muss ein Mensch, wenn er kommt, um das Evangelium zu hören, darauf achten? Ich nehme an, weil all diese bösen Dinge den Geist beschäftigen. Ob es nun Habgier, Unzucht oder Zorn ist, zusätzlich zu der Verunreinigung, die diese mit sich bringen, beherrschen sie auch die Gedanken, so dass es unwahrscheinlich ist, dass sie beim Hören des Wortes gesegnet werden. Das sind die Felsen, die verhindern, dass der Same in den Geist eindringt, das sind die Vögel, die das Gesäte verschlingen, das sind die Unkräuter, die die aufkeimenden Triebe ersticken (vgl. Matthäus 13:3–8.18–23). Darum legt diese beiseite. Wenn ihr eure Maßgefäße an diesen Ort bringt, die bis zum Rand mit Spreu gefüllt sind, wie könnt ihr dann erwarten, dass sie mit Weizen gefüllt werden? Wenn wir mit dieser Unreinheit um uns herum hierherkommen, wie können wir dann erwarten, dass das reine und unverfälschte Wort uns süß wäre?

Außerdem beeinträchtigt die Sünde das Evangelium. Ein Mann sagt: »Ich habe keine Freude an der Predigt.« Wie könnte es Ihnen gefallen? Was hat Ihnen während der Woche gefallen? Welchen Geschmack hat Ihnen der gestrige Abend hinterlassen? »Ich kann diesen Prediger nicht ausstehen«, sagt ein anderer; und wenn er es könnte, wäre das ein Beweis dafür, dass dieser Mann nicht aufrichtig ist. Kann denn ein Ahab einen Elia lieben? Ich erinnere mich, dass einer aufstand und in heftiger Empörung über das, was ich gesagt hatte, hinausging, was ihn persönlich betraf, obwohl der Mann mir fremd war. Was ich gesagt hatte, war die reine Wahrheit Gottes, und ich konnte nicht bedauern, dass ein schlecht lebender Mann darüber empört war, da dies die einzige Anerkennungsgeste war, die jemand wie er der Reinheit erweisen konnte. Wahrscheinlich war es ihm gar nicht bewusst, aber in seinem Protest offenbarte er nur, was seine Natur war und in welchem Zustand er sich befand. Glaubst du, dass die Diener Christi denen gefallen wollen, die Gott nicht gefallen? »Oh«, sagte einer zu einem puritanischen Geistlichen, »mein Herr hat Sie heute Morgen gehört, und er ist sehr empört über Ihre Bemerkungen zu profaner Sprache; denn mein Herr neigt dazu, hin und wieder in sehr primitiver Sprache zu fluchen.« Was sagte der puritanische Geistliche? Er antwortete: »Sir, wenn Ihr Herr meinen Herrn beleidigt, dann sollte Ihr Herr beleidigt sein, und ich kann nicht weniger sagen, als ich gesagt habe.« Wenn irgendwelche Menschen Anstoß am Evangelium nehmen, dann deshalb, weil sie selbst gegen Gott verstoßen. Es ist fast immer so, dass, wenn Menschen, die sich einst als religiös bezeichneten, skeptisch werden und anfangen, an diesem und jenem herumzukritisieren, es ein geheimes Übel in ihrem Leben gibt, das sie auf diese Weise vor ihrem eigenen Gewissen zu verbergen versuchen. Der Teufel verleitet sie dazu, gegen den Dienst (oder den Diener) zu wettern, weil das Evangelium schwer auf ihrem schuldigen Gewissen lastet und sie sich in ihren Sünden unwohl fühlen lässt. Wenn ihr Gottes Wort mit Freude und Gewinn für euch selbst hören wollt, müsst ihr alle Unreinheit und überflüssige Bosheit ablegen; denn diese Dinge werden euch gegen das Wort Gottes voreingenommen machen und euch unfähig machen, es lebendig zu schätzen, was so notwendig ist, um davon zu profitieren. Gott segne diese meine Worte, und mögen viele von Ihnen, die zu verschiedenen Zeiten unachtsam hierhergekommen sind, von nun an versuchen, mit der richtigen Einstellung in die Versammlung des Volkes Gottes zu kommen.

II. Während der Predigt

II. Zweitens möchte ich ein wenig über das Hören sprechen. Wie sollen wir uns verhalten, während wir das Wort hören? »Nehmt mit Sanftmut das eingepflanzte Wort auf.« Das Erste ist also das Aufnehmen. Das Wort »aufnehmen« ist ein sehr lehrreiches Wort des Evangeliums; es ist die Tür, durch die Gottes Gnade zu uns gelangt. Wir werden nicht durch unser Wirken gerettet, sondern durch das Empfangen; nicht durch das, was wir Gott geben, sondern durch das, was Gott uns gibt und was wir von ihm empfangen. Beim Hören des Wortes sollte ein Empfangen stattfinden, nicht nur mit den Ohren, sondern auch mit dem Verstand, dem Herzen und dem Gewissen, zusammen mit dem Aufbewahren dieses guten Schatzes im Gedächtnis und in den Gefühlen. Ihr müsst das Wort empfangen, sonst kann es euch nicht segnen. Denn seht, meine Herren, das Wort Gottes ist ein Festmahl; aber was nützt es, wenn ein Mensch nur auf das Festmahl schaut? Wird er nicht so leer weggehen, wie er gekommen ist, wenn er es nicht empfängt? Die Verkündigung des Wortes ist wie ein Regenschauer vom Himmel; aber was geschieht mit dem Boden, wenn die Regentropfen fallen, aber keiner von ihnen vom Boden aufgenommen wird? Was nützt der Regenschauer, wenn keiner von den durstigen Furchen ihn aufnimmt? Eine Medizin mag große Heilkraft haben, aber wenn sie nicht eingenommen wird, reinigt sie nicht das Innere des Körpers. Jede gute Sache muss angenommen werden, bevor ihr Nutzen uns zuteilwerden kann. Ich liebe es, die Türen meiner Seele weit zu öffnen und alle Fenster meines Herzens zu öffnen, wenn ich die Bibel lese oder das Wort höre. Meine Seele ruft: »Komm herein, gesegneter Geist; komm herein, göttliches Leben. Du sollst nicht sagen, dass in der Herberge kein Platz für dich ist! Komm, nimm jeden Raum meines Hauses in Besitz und sei von nun an und für immer sein Herr.« Ich bitte euch, meine Brüder, verschließt eure Seelen nicht gegen die hereinströmende Flut des Evangeliums. Im Gegenteil, reißt die Dämme nieder und lasst den Fluss in euch fließen, bis ihr davon erfüllt seid. Nehmt das Wort auf. Viele Menschen haben keinen Nutzen vom Wort, weil es nicht in sie eindringt, sondern wie Wasser ist, das über eine Marmorplatte fließt. Die Wahrheit muss in das Herz eindringen, wenn sie das Herz segnen soll. Möge der gesegnete Geist uns eine süße Empfänglichkeit für die Wahrheit geben, denn sonst nützt es nichts, sie zu hören.

Dann wird hinzugefügt: »Nehmt es mit Sanftmut auf.« Viele nehmen das Evangelium nicht an, weil sie keinen sanften und lernbereiten Geist haben: Sie kommen zum Haus Gottes, aber der einzige Platz, den sie dort einnehmen, ist der Richterstuhl. Man könnte meinen, sie seien der Gott Gottes, so dreist, wie sie reden. Ich ermahne euch, richtet nicht über das Wort Gottes. Ihr könnt über mich richten, wie ihr wollt; das ist mir gleichgültig; denn wir sind nicht besorgt um das Urteil der Menschen, sondern unser Urteil ist beim lebendigen Gott. Wenn der Prediger das Wort Gottes wahrhaftig verkündet, wehe dem Menschen, der darüber richtet: dasselbe Wort wird ihn am letzten großen Tag richten. Wir stehen vor dem Richterstuhl, um durch Gottes Wort gerichtet, geprüft und gesiebt zu werden. Wehe uns, wenn wir trotz unseres scheinheiligen Redens uns selbst auf den Richterstuhl setzen und Gott auf die Anklagebank setzen! Der Geist des Kritikers steht dem Sünder schlecht zu Gesicht, wenn er die Gnade des Herrn sucht. Gottes Botschaft muss mit Lernbereitschaft aufgenommen werden. Wenn Sie wissen, dass es Gottes Wort ist, mag es Sie zurechtweisen, aber Sie müssen es mit Sanftmut annehmen. Es mag Sie mit seinen Anklagen erschrecken, aber nehmen Sie es mit Sanftmut an. Es mag sein, dass es etwas an der Wahrheit gibt, das sich Ihrem Verständnis auf den ersten Blick nicht erschließt; vielleicht ist es zu hoch, zu schrecklich, zu tief. Trotzdem: Nehmen Sie es mit Sanftmut an. Das ist nicht der Geist der heutigen Zeit, aber es ist der Geist, den der lebendige Gott von uns verlangt. Indem wir mit Sanftmut empfangen, nehmen wir die Wahrheit in ihrer Kraft auf, und so kann sie unsere Seelen retten. Wenn ihr euch nicht bekehrt und wie kleine Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen. Die Tür zum Himmel steht denen offen, die zu Jesu Füßen sitzen und von ihm lernen. Du bist nicht sein Diener, wenn er nicht dein Meister ist. Du kannst nicht sein Jünger sein, wenn du seine Lehre in Frage stellst. Denn in der Infragestellung der Lehre Christi liegt die Ablehnung seiner Person. An Jesus zu zweifeln ist Verrat an der Autorität, die er über jedes menschliche Herz beansprucht. Nimm es mit Sanftmut auf, wenn du mit Gnade gesegnet sein willst.

Und was genau soll nun empfangen werden? »Nehmt mit Sanftmut das eingepflanzte Wort auf.« Wir sind nicht aufgefordert, die Worte der Menschen mit Sanftmut anzunehmen, denn es gibt viele davon, und sie enthalten wenig. Vielmehr nehmt Gottes Wort mit Sanftmut an, denn es ist eins, und jedes Wort, das aus seinem Mund kommt, hat Kraft. Ein Wort Gottes schuf Himmel und Erde; durch das Wort Gottes stehen die Himmel noch immer; ein Wort von ihm wird bald nicht nur die Erde, sondern auch den Himmel erschüttern; deshalb hört dieses Wort mit Sanftmut; dieses Wort, das von der Sünde und ihrer sicheren Strafe zeugt; dieses Wort, das von der größten und freiesten Gnade und von der Sühne zeugt, die der eingeborene Sohn des Vaters bereitgestellt hat, durch die die Sünde in Übereinstimmung mit Gerechtigkeit und Heiligkeit weggenommen wird. Nehmt das Wort des Herrn in seiner Gesamtheit und Einheit mit Sanftmut auf. Lehnt keinen Teil davon ab, sondern nehmt das Ganze auf.

Jeder noch so kleine Teil von Gottes Wort, soweit wir es kennen, ist kostbar und sollte von uns hoch geschätzt werden. Die Kleinigkeiten, Ecken und Fragmente des göttlichen Wortes müssen von dir und mir angenommen werden; und es mangelt uns an Demut, wenn wir anfangen, das göttliche Wort auszuwählen, zu zerschneiden und zu zerlegen. Wer sind wir, dass wir sagen: »Dies oder jenes ist nicht wesentlich«? Wer bist du, o Mensch, dass du entscheiden solltest, was wesentlich ist und was nicht? Derjenige, der das Wort gegeben hat, hat keine Kleinigkeiten geschrieben. Es ist wesentlich, dass du das Wort des Herrn als höchstes und vollkommenes Wort annimmst; und es ist wesentlich, dass du verloren bist, wenn du vorsätzlich irgendeinen Teil dessen ablehnst, was der Allerhöchste den Menschen zu offenbaren geruht. Nimm das eine, einzige und unteilbare Wort des Herrn mit Demut an.

Es wird »das eingepfropfte Wort« genannt. Eine neuere Übersetzung (die englische Revised Version, 1881–1885 veröffentlicht; seit 1611 gab es die Authorized Version (AV), auch King James Version (KJV) genannt) enthält »das eingepflanzte Wort«, was vielleicht wörtlicher ist als die autorisierte Übersetzung (AV). Sie fügt am Rand hinzu: »das angeborene Wort«, was eine andere Idee vermittelt, aber dennoch einen ähnlichen Sinn hat. Ich werde mich an unsere alte und geliebte Fassung halten und es als »eingepfropftes Wort« lesen. Wenn eine Pfropfung vorgenommen werden soll, muss zuerst ein Schnitt oder eine Kerbe gemacht werden. Niemand hat jemals das Wort Gottes in sein Herz aufgenommen, um dort eingepfropft zu werden, ohne von der Wahrheit geschnitten und verwundet worden zu sein. Es braucht zwei Wunden, um eine Pfropfung vorzunehmen; man verwundet den Baum und man verwundet den besseren Baum, der eingepfropft werden soll. Ist es nicht eine gesegnete Pfropfung, wenn ein verwundeter Erlöser in lebendigen Kontakt mit einem verwundeten Herzen kommt? Wenn ein blutendes Herz mit einem blutenden Erlöser gepfropft wird? Veredeln bedeutet, dass das Herz verwundet und geöffnet wird und dann das lebendige Wort in die blutende, verwundete Seele des Menschen gelegt und mit Sanftmut aufgenommen wird. Da ist der Schnitt, und da ist der dadurch geöffnete Raum. Hier kommt die Veredelung: Der Gärtner muss eine Verbindung zwischen dem Baum und der Veredelung herstellen. Dieses neue Leben, dieser neue Zweig, wird in den alten Stamm eingefügt, und sie sollen lebendig miteinander verbunden werden. Zunächst werden sie vom Gärtner miteinander verbunden, und Ton wird um die Verbindungsstellen herum aufgetragen; aber bald beginnen sie, ineinander zu wachsen, und erst dann ist die Veredelung wirksam. Dieser neue Steckling wächst in den alten hinein, beginnt, das Leben des Alten aufzusaugen und es so zu verändern, dass es neue Früchte hervorbringt. Dieser Ast, obwohl er sich im veredelten Baum befindet, ist doch von ganz anderer Art. Nun möchten wir, dass das Wort Gottes auf ähnliche Weise zu uns gebracht wird: Unser Herz muss geschnitten und geöffnet werden, und dann muss das Wort in die Wunde gelegt werden, bis die beiden miteinander verschmelzen und das Herz beginnt, an dem Wort festzuhalten, daran zu glauben, darauf zu hoffen, es zu lieben, zu ihm zu wachsen, in es hineinzuwachsen und entsprechend Frucht zu tragen. »Christus lebt in mir«, sagte der Apostel (Galater 2,20). Ist das nicht ein wunderbarer Gedanke? Die tägliche Inkarnation Christi im Gläubigen, oder mit anderen Worten, das neue ewige Leben, das in uns lebt und Früchte seiner Art hervorbringt, während wir in ihm leben, und die Früchte sind unsere eigenen. Christus ist in der ganzen Neuheit seines Lebens gekommen und lebt in mir. Oh, gesegnete Veredelung! »Nehmt das eingepfropfte Wort mit Sanftmut auf.«

Noch einmal: Ihr sollt es im Glauben annehmen, denn ihr sollt das Wort als wirksam betrachten. Glaubt an die Kraft des Wortes Gottes, nehmt es als vollkommen wirksam an, um eure Seelen von Anfang bis Ende zu retten. Das geschieht auf zwei Arten: indem es eure Sünden wegnimmt, wenn ihr das Blut und die Gerechtigkeit Christi annehmt, und indem es euer Wesen verändert, wenn ihr den Herrn Jesus als euren Meister und Herrn, euer Leben und euer Alles annehmt. Das Wort Gottes hat eine solche Kraft, dass es, wenn es im Herzen aufgenommen wird, die Seele wirksam rettet: Es gibt euch nicht nur die Hoffnung auf Erlösung, sondern rettet euch wirklich. Es rettet euch jetzt, es rettet euch durch das Leben hindurch, es rettet euch in alle Ewigkeit. Oh, mit welchen Ohren sollten die Menschen auf das Wort hören, das ihre Seelen retten kann! Mit welch offenem Mund sollten sie dieses lebendige Wasser trinken! Wie weise wäre es, wenn wir wie Schwämme wären, um alles aufzusaugen, oder wie Gideons Vlies, um mit dem Tau des Himmels getränkt zu werden! Wie sehr sollten wir uns wünschen, wie gepflügter Boden zu sein, der aufgebrochen und pulverisiert ist, damit jeder Tropfen, der fällt, in ihn eindringen kann! Oh, dass das neue Leben, das zu uns gekommen ist, das alte Leben des Fleisches auslöschen würde, damit unser Leben nicht mehr nach alter Art, sondern in aller Neuheit der Kraft wäre! Lasst uns froh sein, dass das Wort in uns eingepflanzt ist.

So soll man sich während der Predigt verhalten. Oh, wie sehr brauchen wir den Heiligen Geist, der uns hilft, die Wahrheit zu hören, und uns darauf vorbereitet, bevor wir sie hören!

III. Nach der Predigt

Zuletzt wollen wir ganz kurz über die Zeit nach der Predigt nachdenken. »Seid aber Täter des Wortes und nicht allein Hörer, die sich selbst betrügen.« Erstens ist das Gebot positiv – »Seid Täter des Wortes«. Oh, liebe Herren, ich komme oft auf diese Kanzel und spreche zu Ihnen, aber wenn ich hierherkomme, wird mein Herz immer mehr von diesem Wunsch erfüllt: dass mein Dienst für Sie nicht unrentabel sein möge. Ich werde für euch nutzlos sein, wenn ihr nicht sowohl Täter des Wortes als auch Hörer seid. Meine Herren, ihr habt von Buße und der Abkehr von der Unreinheit gehört: Tut also Buße und kehrt von eurer Unreinheit ab. Möge Gott, der Heilige Geist, euch dazu führen – nicht nur davon zu hören, sondern es auch zu tun. Ihr habt uns immer wieder über den Glauben an den Herrn Jesus Christus predigen hören, und ihr wisst alles über das Glauben; aber habt ihr auch geglaubt? Meine Herren, habt ihr geglaubt? Wenn nicht, was nützt es uns dann, zu rufen: »Glaube an den Herrn Jesus Christus, und du wirst gerettet werden«? Wir sollen euch ermahnen in Bezug auf all die gesegneten Pflichten, die aus diesem lebendigen Glauben hervorgehen, der durch die Liebe wirkt; aber es nützt nichts, von diesen Tugenden zu hören, wenn ihr sie nicht besitzt. Tun übertrifft Hören bei weitem. Ich glaube, dass wir mit sehr wenig Wissen und großem Handeln in Bezug auf das, was wir wissen, einen weitaus höheren Grad an Gnade erreichen können als mit großem Wissen und wenig Handeln in Bezug auf das, was wir wissen. Der Mann, der weiß, wie man einen Laden führt, profitiert nicht von seinem Wissen, wenn er keinen Laden führt. Der Arzt, der weiß, wie man Kranke heilt, ist kein Heiler, wenn er nie einen Patienten hat. Der Mann, der weiß, wie man Kinder unterrichtet, aber sie nie unterrichtet, ist kein Lehrer der Jugend. Wenn ein Schulmeister das Wenige lehrt, das er weiß, ist er vielleicht ein besserer Lehrer als ein großer Philosoph, der all seine Weisheit für sich behält. Wir schätzen Wolken nach ihrem Regen und Menschen nach ihren tatsächlichen Taten ein. Die Welt schaut immer auf die Kirche, nicht so sehr, um ihre Lehren zu hören, sondern um ihre Taten zu sehen. Nur wenige fragen: »Welche Lehre wird in diesem Gotteshaus verkündet?« Die gottlose Welt ruft: »Was interessiert uns die Lehre? Welches Gute wird dort getan?« Wenn die Menschen, die dort hingehen, gemein, falsch und heuchlerisch sind, verurteilt die Welt den Baum, der solche Früchte trägt. Die meisten Menschen lesen nicht die Bibel, aber sie lesen dich. Und wenn sie nicht kommen, um den Prediger das Evangelium verkündigen zu hören, sagen sie dennoch: »Diese Menschen, die ihm zuhören, sind auch nicht besser als die anderen Menschen! Warum sollten wir uns die Mühe machen, hinzugehen und ihm zuzuhören?« Der Prediger bekommt die Schuld, die eigentlich denen zusteht, die das Wort hören, aber nicht tun. Oh, möge der ewige Geist in uns allen wirken, damit wir seinen guten Willen wollen und tun! Diese Sonntage bringen nichts, diese Kanzeln bringen nichts, diese Kirchenbänke bringen nichts, diese großen Versammlungen bringen nichts, wenn unsere Zuhörer nicht auch Täter des Wortes sind. Die Praxis ist die Ernte; der Rest ist nur das Pflügen und Säen.

Beachten Sie, dass der Befehl negativ formuliert ist: Der Text sagt: »nicht allein Hörer«. Diejenigen, die nur Hörer sind, verschwenden das Wort. Was für armselige Geschöpfe sind solche Hörer doch, denn sie haben lange Ohren und keine Hände! Ihr habt von dem gehört, der eines Tages vor einer Menschenmenge eloquent über Philosophie sprach und von ihr groß gelobt wurde. Er dachte, er hätte viele Jünger gewonnen, aber plötzlich läutete die Marktglocke und alle rannten weg, kein einziger Mensch blieb zurück. Es gab auf dem Markt Gewinne zu erzielen und ihrer Meinung nach konnte keine Philosophie verglichen werden mit der Möglichkeit für persönlichen Profit . Sie waren Zuhörer, bis die Marktglocke läutete, und dann, da sie nur Zuhörer gewesen waren, hörten sie auch auf zuzuhören. 

Ich fürchte, dass es mit unseren Predigten genauso ist: Wenn der Teufel die Glocke läutet für Sünde, für Vergnügen, für weltliche Unterhaltung oder bösen Gewinn, verlassen uns unsere Bewunderer sehr schnell. Die Stimme der Welt übertönt die Stimme des Wortes. Diejenigen, die nur Zuhörer sind, sind nur für eine gewisse Zeit Zuhörer. Einige von denen, die jetzt vor mir sitzen, sind nur Zuhörer. Wir können eure Häuser nicht kennzeichnen, indem wir ein Kreuz an eure Türen setzen und darauf schreiben: »Herr, erbarme dich unser!«. Aber wenn ich das tun könnte, würde London wie von der Pest heimgesucht aussehen. Oh, dass ihr doch aufhören würdet, Gott zu verspotten und euch selbst zu ruinieren! Denkt daran: Wenn jemand verloren geht, dann mit Sicherheit derjenige, der das Evangelium gehört und abgelehnt hat. Schreibt dieses Wort in großen Buchstaben vor eure Augen: Wenn eine Seele verloren geht, dann ist es diejenige, die jahrelang nur Zuhörer war, während tausend andere geglaubt haben zum ewigen Leben. Schreibt über die Zelle eines solchen Menschen: »Er kannte seine Pflicht, aber er hat sie nicht getan!«. Es wird sich erweisen, dass diese Zelle mitten im Zentrum der Gehenna erbaut wurde, sie ist das innerste Gefängnis der Hölle. Wer heute vorsätzlich Christus ablehnt, sichert sich verlässlich und schmerzhaft die endgültige Ablehnung durch Christus. Nehmt euch in Acht, ihr, die ihr Christus heute den Eintritt verweigert, damit nicht später Er euch den Eintritt verweigert!. Eure Herzen verhärten sich sonst zu einer ewigen Unbußfertigkeit, die ewige Strafe erforderlich macht.

»How they deserve the deepest hell
That slight the joys above!
What chains of vengeance must they feel
Who break the bonds of love!«

(Etwa: Verdient ist jenen tiefste Höll’,
die Himmelsfreud vermissen.
Welch harte Kett‘ verdienet schnell,
der solchen Liebesbund zerrissen!)

Der Text schließt mit den ernsten Worten: »die sich selbst betrügen.« Dazu sagte Bischof Brownrig (Abraham Brownrigg (1836–1928), irischer Priester der Röm. Kath. Kirche): »Zu betrügen ist schlecht. Sich selbst zu betrügen ist schlimmer. Sich selbst in Bezug auf die eigene Seele zu betrügen ist das Schlimmste von allem.« Leider befinden sich viele in diesem traurigen Zustand. Ein Syllogismus mag falsch sein, und doch kann er logisch erscheinen; und so sind auch die Hoffnungen, die Menschen aus einem bloßen Hören des Wortes schmieden. Wenn man sich gut an das Evangelium gewöhnt hat, wenn man damit vertraut ist, ist es sehr leicht, es so zu verdrehen, dass es einem zugute zu kommen scheint, obwohl es einen verurteilt. Wer sich täuschen lassen will, kann aus einem Todesurteil einen Freispruch vortäuschen. Viele denken, dass bei ihnen alles in Ordnung ist, obwohl bei ihnen alles falsch ist. Sie hören immer das Evangelium: Wie können sie dann Verworfene sein? Sie sitzen unter einem durch und durch evangelikalen Geistlichen: Wie können sie dann Verworfene sein? Sie wissen, was Sache ist; sie werden sich nicht darauf einlassen, falsche Lehren zu hören. Sie haben ein kritisches Urteilsvermögen und werden sich nicht mit unorthodoxen Lehren abfinden. Ich bin sehr froh, dass sie das nicht tun, aber sie scheinen dieses Urteilsvermögen zu ihrem eigenen Gott zu machen. Leider ist es nur ein Götze. Hunderte glauben, dass sie, weil ihr Pastor zweifellos einen gesunden Glauben hat, auch einen gesunden Glauben haben. Da sie den gesunden Menschenverstand haben, ihm zuzuhören, sind sie sicherlich erstklassige Menschen und der Herr wird über ihre Fehler hinwegsehen. Oh, meine Herren, seien Sie nicht so töricht! Täuschen Sie sich nicht auf diese Weise, denn diese tröstliche Schlussfolgerung entspricht nicht der Wahrheit. Je besser das ist, was ihr hört, desto schuldiger seid ihr, wenn ihr es nicht praktiziert; und je klarer und geradliniger das Evangelium ist, das euch gelehrt wird, desto unentschuldbarer seid ihr, wenn ihr es nicht annehmt. Wenn das Evangelium mit einem lauten Klopfen an die Tür eures Herzens kommt, ist euer Verbrechen umso schrecklicher, wenn ihr die Tür verriegelt und verschließt oder sagt: »Wenn ich eine günstigere Zeit habe, werde ich dich rufen lassen.« Gott gebe jedem von uns, dass wir, wenn wir nach Hause gehen, uns daran machen, die Predigt zu befolgen. Ihr kennt die alte Geschichte; ich schäme mich fast, sie noch einmal zu erzählen, aber sie trifft den Nagel so sehr auf den Kopf. Als Donald früher als gewöhnlich aus der Kirche kam, sagte Sandy zu ihm: »Was, Donald, ist die Predigt schon fertig?« »Nein«, sagte Donald, »es wurde zwar schon alles gesagt, aber es wurde noch nicht damit begonnen, sie zu befolgen.« 

Lasst meine Predigt in euren Kammern durch Gebet und in eurem Leben durch Heiligkeit geschehen. Lasst sie die ganze Woche über geschehen, indem jeder von uns danach strebt, alle Unreinheit abzulegen. Lasst uns an dem heiligen Christus festhalten, mit dem Wunsch, sein Leben zu leben und seinen Geist zu atmen. Gott gebe, dass es so sei mit euch allen, um Jesu Christi willen.

Quellen und Disclaimer

Predigt von Charles Haddon Spurgeon am 28. Juni 1885, abgedruckt in: Metropolitan Tabernacle Pulpit, Band 31. Adaptiert und übersetzt von grace@logikos.club, 2025.

Onlinequelle: https://www.spurgeon.org/resource-library/sermons/before-sermon-at-sermon-and-after-sermon/#flipbook/ (abgerufen: 09.12.2025).

Beitragsbild: »The Late Mr. C. H. Spurgeon Preaching in The Metropolitan Tabernacle«,  Illustration für das Black & White Magazine, 6. Februar 1892.

Thanksgiving | Alles Truthahn – oder was?

In den USA ist der Thanksgiving Day staatlicher Feiertag, der am vierten Donnerstag im November gefeiert wird. Man meint, dieses Fest wurde zuerst 1621 in Plymouth Rock (MA, USA) von ca. 50 aus dem britischen Königreich ausgewanderten Puritanern gemeinsam mit fast hundert einheimischen Wampanoag als dreitägiges Erntedankfest gefeiert. Sie wollten mit dieser Feier und einem Festmahl Gott für alle seine Segnungen danken. Während der Zeit der britischen Kolonien feierten die USA das Erntedankfest dann zu verschiedenen Zeiten und aus unterschiedlichen Gründen. Der erste nationale Erntedankfesttag wurde am 18. Dezember 1777 begangen, nachdem die Amerikaner in Saratoga, New York, eine bedeutende Schlacht gegen die Briten gewonnen hatten. Ähnliche Proklamationen wurden bis 1784 jährlich abgegeben. 

Nach 1784 wurde das nächste Thanksgiving erst am Donnerstag, dem 26. November 1789 gefeiert, direkt im Anschluss an die Ratifizierung der Verfassung der USA. Präsident George Washington gab eine Proklamation heraus, dass die Amerikaner Gott für die Segnungen des Allmächtigen für diese Nation danken sollten. Diese Proklamation ist ein Vorbild, die allen zukünftigen Präsidenten und Staatschefs in allen Ländern gut anstehen würden, vor allem in (ehemals) »christlichen Ländern«. So würde das oft zu hörende »Gott sei Dank!« aus seinem traurigen Schicksal einer sinnentleerten Phrase befreit werden. Hier ist, was Washington am 3. Oktober 1789 schrieb:

Vom Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. 
Eine Proklamation.

In der Erwägung, dass es die Pflicht aller Nationen ist, die Vorsehung des allmächtigen Gottes anzuerkennen, seinem Willen zu gehorchen, für seine Wohltaten dankbar zu sein und demütig um seinen Schutz und seine Gunst zu bitten: Und in Anbetracht dessen, dass beide Häuser des Kongresses mich durch ihren gemeinsamen Ausschuss gebeten haben, „dem Volk der Vereinigten Staaten einen Tag des öffentlichen Dankes und Gebets zu empfehlen, an dem es mit dankbaren Herzen die vielen und besonderen Gnaden des allmächtigen Gottes anerkennt, insbesondere indem es ihm die Möglichkeit gibt, friedlich eine Regierungsform für seine Sicherheit und sein Glück zu etablieren”. 

Daher empfehle und bestimme ich den Donnerstag, den sechsundzwanzigsten Tag des kommenden Novembers, als einen Tag, an dem sich das Volk dieser Staaten dem Dienst an diesem großen und glorreichen Wesen widmen soll, das der wohltätige Urheber alles Guten ist, das war, das ist und das sein wird: Damit wir uns alle vereinen, um Ihm unseren aufrichtigen und demütigen Dank für Seine gütige Fürsorge und seinen Schutz für das Volk dieses Landes zu erweisen, bevor es eine Nation wurde; – für die besonderen und vielfältigen Gnaden und die günstigen Eingriffe seiner Vorsehung im Verlauf und im Ausgang des letzten Krieges; – für das hohe Maß an Ruhe, Einheit und Überfluss, das wir seitdem genießen dürfen; für die friedliche und vernünftige Art und Weise, in der wir Verfassungen für unsere Sicherheit und unser Glück errichten konnten, insbesondere die kürzlich eingeführte nationale Verfassung; für die bürgerliche und religiöse Freiheit, mit der wir gesegnet sind, und die Mittel, die uns zur Verfügung stehen, um nützliches Wissen zu erwerben und zu verbreiten; und allgemein für all die großen und vielfältigen Gnaden, die Er uns gewährt hat. 

Und auch, dass wir uns dann in aller Demut vereinen mögen, um unsere Gebete und Bitten an den großen Herrn und Herrscher der Nationen zu richten und Ihn zu bitten, unsere nationalen und anderen Verfehlungen zu vergeben; – damit wir alle, ob in öffentlichen oder privaten Ämtern, unsere verschiedenen und jeweiligen Pflichten ordnungsgemäß und pünktlich erfüllen können – damit unsere nationale Regierung ein Segen für alle Menschen ist, indem sie stets eine Regierung mit weisen, gerechten und verfassungsmäßigen Gesetzen ist, die umsichtig und treu ausgeführt und befolgt werden – damit alle Herrscher und Nationen (insbesondere diejenigen, die uns Freundlichkeit erwiesen haben) geschützt und geleitet werden und mit guter Regierung, Frieden und Eintracht gesegnet werden – um die Kenntnis und Ausübung wahrer Religion und Tugend sowie die Verbreitung der Wissenschaft unter ihnen und uns zu fördern – und allgemein, um der gesamten Menschheit ein Maß an zeitlichem Wohlstand zu gewähren, das nur Er allein als das Beste erkennt. 

Ausgestellt unter meiner Hand in der Stadt New York am dritten Tag des Monats Oktober im Jahre unseres Herrn 1789. George Washington

Thanksgiving sollte gemäß dieser Verordnung also nicht nur eine Zeit des allgemeinen Dankes sein, sondern ein Tag, an dem die ganze Nation Gott dankt für seine vielen Segnungen und ihn im gemeinsamen Gebet bittet, dass seine Fürsorge auch fernerhin währe.

Seitdem hat dieser Feiertag eine bewegte Geschichte durchlaufen. Jedes Jahr wird er durch Deklaration des Präsidenten der USA festgelegt. Die meisten Amerikaner feiern ihn als reines Familienfest mit traditionellem Truthahnessen. Die Wirtschaft nutzt diesen Tag für sich und hat ihn als Sport- und Shopping-Event kommerzialisiert. Der Tag nach Thanksgiving-Donnerstag wurde zum berüchtigten »Black Friday«, der den beginnenden Weihnachts-Kommerz ankurbeln soll.

Das Thanksgiving-Essen ist inzwischen relativ einheitlich, mit einigen regionalen Besonderheiten. Als Hauptgericht gibt es seit dem 19. Jahrhundert meist gebratenen Truthahn. Dieser war damals überall zahlreich vorhanden und günstig zu haben. Dazu werden in der Regel Beilagen wie Kartoffelpüree, Süßkartoffeln oder Yamswurzeln geboten. »Cranberry-Sauce, eine süß-säuerliche Würzsauce, ist eines der wenigen Beilagen, die direkt auf das vorkoloniale Neuengland zurückgeführt werden können, da Cranberries in dieser Region heimisch sind. Außerdem wird eine reichhaltige Auswahl an Kuchen wie Kürbiskuchen, Pekannusskuchen, Apfelkuchen und Süßkartoffelkuchen serviert.« (Britannica).

Aber warum nicht zum Wichtigen zurückkehren? Dazu bedarf es keiner gesonderten Proklamation des Gründungsvaters und ersten Präsidenten der USA (Amtszeit 1789–1797), zumal dieser seit 1752 als Freimaurer geweiht war, seinen Amtseid auf eine Logen-Bibel geleistet hatte und so –mit vielen seiner Mitstreiter– effektiv für diese sinistre Gegenseite eingespannt war. 

Gemeinsam Gott danken

Wir finden einen Präzedenzfall für eine Proklamation des gemeinsamen Dankes und der Fürbitte in der Heiligen Schrift, wo Paulus uns auffordert, für alle Menschen zu beten und Dank zu sagen, einschließlich aller Herrscher und Regierungsbehörden, damit wir ein friedliches und ruhiges Leben in Frömmigkeit führen könnten (1. Timotheus 2,1–3):

Ich ermahne nun vor allen Dingen, dass Flehen, Gebete, Fürbitten, Danksagungen getan werden für alle Menschen, für Könige und alle, die in Hoheit sind, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und würdigem Ernst. Denn dies ist gut und angenehm vor unserem Heiland-Gott, der will, dass alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

Beim Nachdenken über diesen Text  wird etwas deutlich, das unendlich wichtiger ist als die Gründung der amerikanischen Nation und ihrer Traditionen. Denken wir zum Beispiel über unsere Erlösung in Christus nach und über die vielen Parallelen, die wir in der Heiligen Schrift zu den Realitäten finden, für die die Amerikaner nach Proklamation von George Washington bei der Gründung der amerikanischen Nation dankbar sein sollten.

Hier sind einige Dinge, für die wir dankbar sein sollten, wenn wir über den Segen nachdenken, in einem (noch) friedlichen Land zu leben, und, was noch wichtiger ist, über den Segen, Bürger des himmlischen Landes zu sein (Philipper 3,20; Lukas 10,20).

Erstens sollten Gläubige für Gottes Fürsorge und Schutz dankbar sein, bevor wir zum Glauben an Christus gekommen sind. 

Die Erlösung ist wahrhaftig ein wunderbares Werk Gottes, denn er hat uns gerufen, als wir uns nicht um ihn kümmerten und nicht an ihn dachten. Wir waren gegen ihn rebellisch und waren seine Feinde. Doch denken Sie daran, wie seine Vorsehung in unser Leben eingegriffen hat, um uns dazu zu bringen, das Evangelium zu hören, unsere Sünden zu bereuen und an Jesus Christus zu glauben! Wie können wir uns irgendeinen Teil unserer Erlösung als Verdienst anrechnen, wenn wir doch aus der Heiligen Schrift erkennen, dass jeder Schritt unseres Lebens von Gott gelenkt wurde, sodass sogar die Umstände, in denen wir uns befanden, als wir an das Evangelium glaubten, von seiner Vorsehung und Barmherzigkeit geleitet waren (Titus 3,5)? Gläubige dürfen niemals versäumen, Gott für seine Vorsehung zu danken, mit der Er uns in seiner göttlich vollkommenen Weisheit leitet.

Zweitens sollten Gläubige dankbar sein für den Frieden und die Einheit, die wir seit unserer Erlösung mit Gott genießen (Römer 5,1).

Paulus sagt, dass wir an Christus Glaubenden mit Christus vereint sind und nun in ihm sind, in Einheit mit ihm – und sein Geist wohnt in uns (Römer 7,4; 8,9). Gläubige haben Frieden mit Gott, sind mit Christus vereint und haben Gemeinschaft mit unserem Schöpfer und Erlöser. Es ist ein großes Geheimnis, dass wir eine solche Vertrautheit mit Gott haben dürfen.

Drittens sollten Gläubige dankbar sein für den neuen Bund, der zu unserer Sicherheit und zu unserem Segen geschlossen wurde (vgl. Lukas 22,20; 1. Korinther 11,25; Hebräer 9,15).

Wir leben nicht mehr unter dem alten Bund, in dem Gott hinter dem Vorhang wohnte. Jetzt haben wir den neuen Bund, der auf besseren Verheißungen gegründet ist und nicht durch das Blut von Stieren und Ziegen, sondern durch das Blut des menschgewordenen Sohnes Gottes besiegelt wurde. Dieser Bund wurde zu unserer Sicherheit und zu unserem Segen geschlossen und gibt uns durch Christus unmittelbaren Zugang zu Gott. Der Verfasser des Hebräerbriefes erinnert uns daran, dass wir durch den neuen Bund den Herrn kennenlernen und in den Segen von ewigen Verheißung kommen, die niemals gebrochen werden können, weil Christus sie für uns aufrechterhält (Hebräer 8,11). Die Kindesbeziehung der Glaubenden zu Gott ist ewig gesichert durch diesen »neuen Bund in seinem Blut«.

Viertens sollten Gläubige dankbar sein für die Freiheit, die wir in Christus unter dem neuen Bund haben.

Mit diesem Bund kommt auch wahre Freiheit (Galater 5,1)! Die an Christus Glaubenden sind nicht länger an Vorbilder und Schattenbilder gebunden, die nur andeuteten, was kommen würde! Stattdessen haben wir als gegenwärtigen Besitz die Freiheit, einander durch den Heiligen Geist in Liebe zu dienen. Dieser Geist schenkt uns wahre Freiheit (Galater 5,13). Alle, die Christus nachfolgen, werden »die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen«; und, was die Verknechtung unter die Sünde angeht, gilt nun: »Wenn nun der Sohn euch frei macht, werdet ihr wirklich frei sein.« (Johannes 8,31.36).

Schließlich sollten Gläubige dankbar sein für die unbegrenzten Segnungen, die wir in Christus haben. Paulus sagt uns erneut, dass wir diese Segnungen jetzt (Epheser 1,3) und in Zukunft (Epheser 2,7) haben.

Gott hat die an Christus Gläubigen als heiliges Volk, als sein Eigentumsvolk, eingesetzt. Und unsere Teilhabe an diesem Volk und Bund, mit Gott als unserem Retter, Herrn und König, ist der Grund zur größten Dankbarkeit. Vor über 3.000 Jahren erklang schon ein solcher Aufruf mit vielfachem »Lasst uns!«:

Kommt, lasst uns dem Ewigen zujubeln, 
lasst uns zujauchzen dem Felsen unseres Heils!
Lasst uns ihm entgegengehen mit Lob, 
lasst uns mit Psalmen ihm zujauchzen!
Denn ein großer Gott ist der Ewige, 
und ein großer König über alle Götter…
Kommt, lasst uns anbeten und uns niederbeugen, 
lasst uns niederknien vor dem HERRN, der uns gemacht hat!
Psalm 95,1–3a.6

Und 2025? Lasst uns diese Zeit in Familie und christlicher Gemeinde besonders nutzen, um uns miteinander vor Gott über diese wunderbaren Geschenke seiner Gnade dankend zu freuen! – Mit oder ohne Truthahn!

God of Our Fathers

  1. God of our fathers, whose almighty hand
    Leads forth in beauty all the starry band
    Of shining worlds in splendor through the skies,
    Our grateful songs before Thy throne arise.
  2. Thy love divine hath led us in the past,
    In this free land by Thee our lot is cast;
    Be Thou our ruler, guardian, guide and stay,
    Thy Word our law, Thy paths our chosen way.
  3. From war’s alarms, from deadly pestilence,
    Be Thy strong arm our ever sure defense;
    Thy true religion in our hearts increase,
    Thy bounteous goodness nourish us in peace.
  4. Refresh Thy people on their toilsome way,
    Lead us from night to never-ending day;
    Fill all our lives with love and grace divine,
    And glory, laud, and praise be ever Thine.

Daniel C. Roberts, 1876 (vgl. 2Chr 20,6; 1Tim 2,1–4)

Quellen

Bildquelle: Jennie Augusta Brownscombe (1850-1936: Thanksgiving in Plymouth, Öl auf Leinwand, 1925; im National Museum of Women in the Arts, Washington, D.C. (USA). Das Bild wurde beschnitten. Link: https://nmwa.org/art/collection/thanksgiving-plymouth/

Textquellen: Robert „Robb“ E. Brunansky, A Call For Sincere and Humble Thanks. Post (thecripplegate.com/a-call-for-sincere-and-humble-thanks/) vom 25.11.2025, abgerufen am 25.11.2025 (adaptiert und mit eigener Übersetzung).

o.V., Thanksgiving Day. https://www.britannica.com/topic/Thanksgiving-Day, abgerufen am 25.11.2025 (adaptiert und mit eigener Übersetzung).

Georg Washington. Wikipedia. https://de.wikipedia.org/wiki/George_Washington, abgerufen am 25.11.2025.

Die Evangeliumsverdreher (Ian Murray, 2023)

Ich glaube, dass ein großer Teil des gegenwärtigen Arminianismus einfach Unkenntnis der Lehre des Evangeliums ist.
C. H. Spurgeon, Predigten, 11, 29

Als ich zu Christus kam, dachte ich, ich würde alles selbst tun, und obwohl ich den Herrn ernsthaft suchte, hatte ich keine Ahnung davon, dass es der Herr war, der mich suchte. Ich glaube nicht, dass ein Jungbekehrter sich dessen schon bewusst ist. Ich kann mich noch genau an den Tag und die Stunde erinnern, als ich diese Wahrheiten zum ersten Mal in meiner Seele empfing – als sie, wie John Bunyan sagt, wie mit einem heißen Eisen in mein Herz gebrannt wurden, und ich kann mich daran erinnern, wie ich fühlte, dass ich plötzlich von einem Baby zu einem Mann geworden war – dass ich Fortschritte in der biblischen Erkenntnis gemacht hatte, weil ich ein für alle Mal den Schlüssel zur Wahrheit Gottes gefunden hatte.
C. H. Spurgeon, The Early Years [Die frühen Jahre], S. 164.

Für Spurgeon war es offensichtlich, nicht nur durch die Heilige Schrift, sondern auch durch seine eigene Erfahrung, dass ein Mensch – oder ein Kind – gläubig werden kann, ohne etwas anderes zu wissen als die Tatsache, dass der Sohn Gottes seine Sünden in seinem eigenen Leib auf dem Kreuz getragen hat. Was ihn zum Glauben gebracht hat oder was Christus nach Golgatha gebracht hat, mag er dann noch nicht wissen: »Wir wussten nicht, ob Gott uns bekehrt hatte oder wir uns selbst bekehrt hatten.«[1] Sein eigenes Zeugnis zu diesem Punkt lautet: »Ich erinnere mich, dass ich, als ich mich zu Gott bekehrte, durch und durch Arminianer war … Manchmal setzte ich mich hin und dachte: ›Nun, ich habe den Herrn vier Jahre lang gesucht, bevor ich ihn gefunden habe.‹«[2]

In einer weiteren Predigt, die er 28 Jahre nach der zuletzt zitierten hielt, sagt er:

»Ich habe einige gekannt, die bei ihrer ersten Bekehrung das Evangelium nicht sehr klar verstanden hatten, die aber durch die Entdeckung ihrer eigenen Gnadenbedürftigkeit evangelikal geworden waren. Sie konnten das Wort ›Gnade‹ nicht buchstabieren. Sie fingen mit einem ›G‹ an, aber sie machten sehr bald mit einem ›F‹ weiter, bis es so ähnlich wie ›freier Wille‹ geschrieben wurde. Aber nachdem sie ihre Schwäche erkannt haben, nachdem sie in ernste Fehler gefallen waren und Gott sie wiederhergestellt hatte, oder nachdem sie durch eine tiefe Depression des Geistes gegangen waren, haben sie ein neues Lied gesungen. In der Schule der Buße haben sie gelernt, richtig zu buchstabieren. Sie fingen an, das Wort ›frei‹ zu schreiben, aber sie gingen von ›frei‹ nicht zu ›Wille‹, sondern zu ›Gnade‹ über, und da stand es dann in Großbuchstaben da: ›FREIE GNADE‹ … Sie wurden klarer in ihrer Theologie und wahrhaftiger in ihrem Glauben als sie es jemals zuvor gewesen waren.[3]

Wenn wir also erkennen, dass eine falsche Lehre nicht notwendigerweise eine falsche Erfahrung oder den Heilsverlust wahrer Gläubiger bedeutet, kehren wir zu der Frage zurück: Warum hat Spurgeon den Arminianismus so entschieden bekämpft? Wenn Menschen unter einer Predigt, die nicht eindeutig calvinistisch ist, zu Christus gebracht werden können, und wenn sie gläubig sein können, ohne diese Lehren klar zu begreifen, ist dies dann ein Thema, das den Frieden der Kirche jemals stören sollte? Hat der moderne Evangelikalismus evtl. doch recht, wenn er die ganze Angelegenheit in den undefinierten Schwebezustand [limbo; auch »Vorhölle«] verbannt und den Arminianismus als eine Art theologisches Gespenst betrachtet, das vielleicht einmal gelebt hat und gelegentlich noch umhergeistert, über das nachzudenken aber kein vernünftiger Christ je Zeit verschwenden oder streiten sollte? Oder, um eine populäre Einschätzung zu zitieren: Laufen wir nicht Gefahr, Wesentliches mit Unwesentlichem zu verwechseln, wenn wir diese Fragen in den Vordergrund stellen? Hören wir uns also Spurgeons Rechtfertigung seiner Position an. 

Erstens vertrat Spurgeon die Ansicht, dass der Arminianismus nicht nur einige wenige Lehren betreffe, die vom Evangelium getrennt werden könnten, sondern dass er die gesamte Einheit der biblischen Offenbarung angehe und unsere Sicht des Erlösungsplans in fast jedem Punkt beeinträchtige. Er betrachtete als eine Hauptursache des Arminianismus, dass dessen Anhänger den Inhalt des Evangeliums nicht voll kennen würden. Die Irrtümer dieses theologischen Systems hinderten die Menschen daran, die ganze göttliche Einheit der biblischen Wahrheiten zu erfassen und sie in ihren wahren Beziehungen und in ihrer richtigen Reihenfolge wahrzunehmen. Der Arminianismus verkürze die Heilige Schrift und widerspreche jener ganzheitlichen Sichtweise, die für die Ehre Gottes, die Verherrlichung Christi und die Stabilität des Gläubigen notwendig ist. Alles, was die Christen dazu verleite, hinter dieser vollständigen Sicht zurückzubleiben, sei daher eine ernste Angelegenheit, die bekämpft werden müsse: »Ich möchte, dass ihr das Wort Gottes eingehend studiert, bis ihr eine klare Sicht des ganzen zusammenhängenden Musters erhaltet, von der Auserwählung bis zum Ausharren bis ans Ende, und vom endgültigen Ausharren bis zum zweiten Kommen, der Auferstehung und den Herrlichkeiten, die folgen werden, der ewigen Welt.«[4]Spurgeon wurde nicht müde, in seinen Predigten Überblicke über die Weite und die umfassende Größe von Gottes Heilsplan zu geben und über die herrliche Einheit aller Teile dieses Plans zu reden. Im Folgenden ein typisches Beispiel aus einer Predigt über Galater 1,15 mit dem Titel »It Pleased God [Es hat Gott wohlgefallen]«.

»Sie werden, denke ich, in diesen Worten erkennen, dass der göttliche Heilsplan sehr klar dargelegt ist. Er beginnt nämlich mit dem Willen und dem Wohlgefallen Gottes: ›Als es aber Gott … wohlgefiel‹. Das Fundament des Heils wird nicht im Willen des Menschen gelegt. Es beginnt nicht mit dem Gehorsam des Menschen und geht dann weiter zu den Absichten Gottes. Sondern hier ist sein Anfang, hier ist die Quelle, aus der die lebendigen Wasser fließen: ›Es wohlgefiel Gott‹. Auf den souveränen Willen und das Wohlgefallen Gottes folgt der Akt der Trennung [Absonderung], der gemeinhin unter der Bezeichnung Erwählung bekannt ist. Im Text heißt es, dass dieser Akt bereits im Mutterleib stattfand, was uns lehrt, dass er vor unserer Geburt stattfand, als wir noch nichts tun konnten, um ihn zu gewinnen oder zu verdienen. Gott trennte uns vom frühesten Teil und der frühesten Zeit unseres Seins an; und in der Tat, lange vorher, als die Berge und Hügel noch nicht aufgetürmt und die Ozeane noch nicht durch seine schöpferische Macht geformt waren, hatte er uns in seinem ewigen Plan für sich selbst abgesondert. Nach diesem Akt der Absonderung kam dann die eigentliche, wirksame Berufung: ›und durch seine Gnade berufen hat‹. Die Berufung bewirkt nicht die Erwählung, sondern die Erwählung, die dem göttlichen Willen entspringt, bewirkt die Berufung. Die Berufung kommt als Folge der göttlichen Absicht und der göttlichen Absonderung [Erwählung], und Sie werden feststellen, wie dann der Gehorsam der Berufung folgt. 

Der ganze Prozess läuft also so ab: Zuerst der heilige, souveräne Vorsatz Gottes, dann die klare und eindeutige Erwählung oder Trennung, dann die wirksame und unwiderstehliche Berufung und danach der Gehorsam zum Leben und die süßen Früchte des Geistes, die daraus hervorgehen. Viele irren hier, weil sie die Heilige Schrift nicht kennen, wenn sie einen dieser Vorgänge vor den anderen stellen, ohne die Reihenfolge der Schrift anzuerkennen. Diejenigen, die den Willen des Menschen an die erste Stelle setzen, wissen nicht, was sie da sagen und fest behaupten.«[5]

Der Arminianismus macht sich also schuldig, die biblischen Lehren zu verwirren, er behindert ein klares und einleuchtendes Verständnis der Heiligen Schrift. Weil er den ewigen Vorsatz Gottes falsch darstellt oder ignoriert, bringt er den Sinn des gesamten Erlösungsplans durcheinander. In der Tat ist Verwirrung ohne diese grundlegende Wahrheit unvermeidlich: Ohne sie fehlt es an der Einheit des Denkens, und im Allgemeinen haben sie überhaupt keine Vorstellung von einer zusammenhängenden göttlichen Lehre. Es ist fast unmöglich, einen Menschen zu einem Theologen zu machen, wenn man nicht mit diesen Dingen beginnt. Sie können einen jungen Gläubigen jahrelang auf die Universität schicken, aber wenn Sie ihm nicht diesen Grundbauplan des ewigen Bundes zeigen, wird er kaum Fortschritte machen, weil seine Studien keinen inneren Zusammenhang haben. Er sieht nicht, wie eine Wahrheit zur anderen passt und wie alle Wahrheiten miteinander harmonieren müssen. Wenn er einmal eine klare Vorstellung davon bekommen hat, dass die Errettung aus Gnade geschieht, wenn er den Unterschied zwischen dem Bund der Werke und dem Bund der Gnade entdeckt hat, wenn er die Bedeutung der Erwählung als Ausdruck des Vorsatzes Gottes und ihren Zusammenhang mit anderen Lehren, die die Verwirklichung dieses Vorsatzes zeigen, klar verstanden hat, dann ist er auf dem besten Weg, ein einsichtsvoller Gläubiger zu werden. Er wird immer bereit sein, die Hoffnung, die in ihm ist, mit Sanftmut und Furcht zu begründen. Der Beweis ist offenkundig. Nimm irgendeine Grafschaft in ganz England, du wirst einfache Männer beim Heckeschneiden und Schaufeln finden, die eine bessere Kenntnis der biblischen Lehre [divinity] haben als die Hälfte derer, die von unseren Akademien und Bibelschulen kommen, aus dem einfachen und vollständigen Grund, dass diese Männer zuerst in ihrer Jugend das System gelernt haben, dessen Mittelpunkt die Erwählung seitens Gottes ist, und danach gefunden haben, dass sich dies mit ihren eigenen Erfahrungen genau deckte. Sie haben auf diesem guten Fundament einen Tempel der heiligen Erkenntnis errichtet, der sie zu Vätern in der Gemeinde Gottes gemacht hat. Jeder andere Plan funktioniert nicht, liefert nur Holz, Heu und Stoppeln. Stapelt darauf, was ihr wollt, es wird zusammenkrachen. Sie haben keinen Bauplan [system of architecture], ihre Gedanken folgen weder der Vernunft noch der göttlichen Offenbarung. In ihrem undurchdachten, fragmentierten System ist der oberste Stein größer als das Fundament; ein Teil des Bundes steht bei ihnen im Widerstreit zu einem anderen Teil; bei ihnen hat der mystische Leib Christi überhaupt keine Form; sie geben Christus eine Braut, die er nicht kennt und die er nicht erwählt, und setzen ihn in die Welt, um mit jedem verheiratet zu werden, der ihn haben will; er selbst aber soll keine Wahl darin haben. Ihr Plan verdirbt jedes Bild, das in der Schrift in Bezug auf Christus und seine Kirche verwendet wird. Der gute alte Plan der Gnadenlehre ist ein System, das, wenn man es einmal angenommen hat, selten wieder aufgegeben wird. Wenn man es richtig gelernt hat, formt es die Gedanken des Herzens, und es gibt dem Charakter derer, die einmal seine Kraft entdeckt haben, einen heiligen Stempel.«[6]

Es ist oft gesagt worden, dass der Calvinismus keine evangelistische Botschaft habe, wenn es um die Verkündigung des Kreuzes geht – weil er nicht sagen könne, dass Christus für die Sünden aller Menschen aller Zeiten und Orte gestorben sei. Aber das Sühnopfer Christi stand im Mittelpunkt aller Predigten Spurgeons, und er war keineswegs der Meinung, dass ein universales Sühnopfer [eine allgemeine Sühnung] für die Evangelisation notwendig sei, sondern er war der Meinung, dass er, wenn die arminianische Position wahr wäre, keine wirklich geschehene Erlösung predigen könnte, weil dies die Botschaft des Evangeliums in heilloses Durcheinander werfen würde.

Spurgeon war der Meinung, dass nicht nur das Ausmaß des Sühneopfers in Frage gestellt würde, sondern auch dessen Wesen selbst, wenn die Prediger aufhörten, das Kreuz in den Kontext des gesamten Heilsplans zu stellen, oder je vergäßen, dass das vergossene Blut ›das Blut des ewigen Bundes‹ ist. Wenn wir dagegen mit der Heiligen Schrift der Auffassung sind, dass Golgatha die Erfüllung des großen Gnadenplans ist, in dem der Sohn Gottes Stellvertreter und Haupt derer wurde, die der Vater vor Grundlegung der Welt geliebt hat (Epheser 1,4), dann sind sowohl das Wesen als auch das Ausmaß des Sühnopfers geklärt. Dass sein Tod seinem Wesen nach stellvertretend war (Christus trug anstelle der betreffenden Sünder die Strafe für deren Sünden) und dass er stellvertretend für die erlitten wurde, mit denen er durch einen ewigen Bund verbunden war, sind zwei Wahrheiten, die wesentlich miteinander verbunden sind.[7] Diesen Menschen, so erklärt die Schrift, können keine Sünden mehr zur Last gelegt werden. Die Gabe Christi für sie stellt außer Zweifel, dass Gott ihnen mit ihm auch alles frei geben wird (Römer 8,32–33). Das muss auch so sein, denn das Sühnopfer bedeutet nicht nur die Erlösung von den Folgen der Sünde, wie sie die menschliche Natur betroffen haben (Knechtschaft und Verunreinigung durch die Sünde), sondern, was noch wunderbarer ist, von der Sünde selbst, die uns vor Gott schuldig gemacht und verdammt hat. Christus hat das göttliche Verdammungsurteil auf sich genommen, ein Urteil, das keinen Sinn macht, wenn man nicht davon ausgeht, dass es sich um das Urteil handelt, das aufgrund der Sünden von konkreten Personen ergangen war.[8]Durch sein Opfer begegnet er völlig dem Zorn, der eigentlich seinem Volk zusteht, und beseitigt ihn für sein Volk. In seiner Person hat er die Forderungen der Heiligkeit und des Gesetzes Gottes vollständig erfüllt, so dass nun auf Grund der göttlichen Gerechtigkeit die göttliche Gunst für diejenigen gesichert ist, an deren Stelle (also: stellvertretend) der Heiland gelitten hat und gestorben ist. Mit anderen Worten: Das Kreuz hat einen auf Gott ausgerichteten Bezug: Es war ein Sühnewerk, durch das Gott, der Vater, in Frieden gesetzt wird, und auf dieser Grundlage, nämlich dem Gehorsam und dem Blut Christi, fließen nun alle Segnungen des Heils frei und sicher zu Sündern. 

Das ist es, was in Römer 3,21.26 so deutlich gelehrt wird. Robert Haldane schreibt über diese Verse: »Es wird gezeigt, dass Gott nicht nur so barmherzig ist, dass er vergibt, sondern auch, dass er treu und gerecht ist, wenn er dem Sünder seine Sünden vergibt. Der Gerechtigkeit wurde voll Genüge getan und das garantiert die Befreiung des Sünders. Selbst der größte Sünder wird nun durch das Sühneopfer seines Bürgen vollkommen würdig, die die göttlichen Liebe zu empfangen, weil er nun nicht nur als vollkommen unschuldig gesehen wird, sondern auch die Gerechtigkeit Gottes besitzt. »Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm.« [2. Korinther 5,21].[9]

Spurgeon erfreute sich der Herrlichkeit dieser Wahrheit: »Er hat Christus bestraft, warum sollte er zweimal für ein Vergehen bestrafen? Christus ist für alle Sünden seines Volkes gestorben, und wenn du im [Gnaden-]Bund bist, gehörst du zu Christi Volk. Du kannst gar nicht mehr verdammt sein. Du kannst gar nicht mehr für deine Sünden leiden. Da Gott niemals ungerechterweise zweimal die Strafzahlung für eine Schuld verlangen kann, kann er eine Seele, für die Jesus gestorben ist, niemals im Gericht zerstören.»[10]

Der evangelikale Arminianismus predigt ein stellvertretendes Sühnopfer und hält an einer universalen Erlösung fest, aber weil er weiß, dass diese Universalität nicht das universale Heil aller sichert, muss er notwendigerweise die Realwirkung des stellvertretenden Sühnopfers Christi abschwächen und es als etwas Unbestimmtes und Unpersönliches darstellen.[11] Das wäre aber eine Stellvertretung, die niemand wirklich erlöst, sondern die Erlösung aller Menschen nur als Möglichkeit anbietet. In der arminianischen Heilslehre hat das Sühnopfer keine besondere Beziehung zu einzelnen Personen, sie sichert niemandem die Erlösung. Aus demselben Grund hat diese Lehre auch die unvermeidliche Tendenz, die Bedeutung der Sühne zu unterschätzen und die Tatsache zu verdunkeln, dass die Rechtfertigung des Sünders allein aufgrund des Werkes Christi erfolgt.[12] Es ist nicht der Glaube, der das Sühnopfer für uns persönlich wirksam macht, sondern das Sühnopfer selbst hat bereits die Rechtfertigung und die Gerechtigkeit der erwählten Sünder gesichert. Selbst der Glaube, durch den wir diese Segnungen erlangen, ist eine Gabe, deren Urheber und Erwerber Christus ist. 

Auch wenn der Arminianismus das Wesen des Sühnopfers als persönliche Stellvertretung im Gericht [vicarious] nicht leugnet, so besteht doch immer die Gefahr, dass er dies tut, und das ist ein Grund, warum der Arminianismus in mehr als einer Periode der Geschichte zu einem Modernismus geführt hat, der nun die Stellvertretung und die Sühne ganz und gar leugnet. Sobald eine verschwommene und undeutliche Sicht des Sühneopfers in der Gemeinde Gottes akzeptiert wird, ist es mehr als wahrscheinlich, dass die nächste Generation zu der endgültigen Unklarheit eines Mannes wie F. W. Robertson aus Brighton kommt, von dem gesagt wurde: »Robertson glaubte, dass Christus irgendetwas getan hatte, das irgendwie mit der Erlösung zusammenhing.« Wer sich eingehender mit der Beziehung zwischen der Gnaden- und der Sühnelehre befassen möchte, findet in John Owens Werk The Death of Death in the Death of Christ (London: Banner of Truth, 1959) eine ausführliche Untersuchung der einschlägigen Schriftstellen. Spurgeons Position war dieselbe wie die jenes großen Puritaners.[13]

Wir wollten mit der Erwähnung dieser besonderen Lehre im vorliegenden Zusammenhang nur zeigen, dass Spurgeon darin mehr sah als nur einen Streit über das Ausmaß der Erlösung. In einer Predigt über die »Besondere Erlösung« (Particular Redemption) im Jahr 1858 sagte er: »Die Lehre von der Erlösung ist eine der wichtigsten Lehren des Glaubenssystems. Ein Irrtum in diesem Punkt wird unweigerlich zu einem Irrtum im gesamten System unseres Glaubens führen.«[14]

Mehr als zwanzig Jahre später war dies immer noch seine Überzeugung: 

»Die Gnade Gottes kann nicht vereitelt werden, und Jesus Christus ist nicht vergeblich gestorben. Diese beiden Grundsätze liegen meiner Meinung nach aller gesunden Lehre zugrunde. Die Gnade Gottes kann letztendlich nicht vereitelt werden. Ihr ewiges Ziel wird sich erfüllen, ihr Opfer und ihr Siegel werden wirksam sein; die durch die Gnade Auserwählten werden alle sicher zur Herrlichkeit gebracht werden.«[15]

»Die Arminianer sind der Meinung, dass Christus, als er starb, nicht in der Absicht starb, irgendeine bestimmte Person zu retten. Sie lehren ferner, dass der Tod Christi an sich nicht zweifelsfrei die Rettung irgendeines lebenden Menschen sicherstellt … sie sind gezwungen, zu behaupten, dass das Sühnopfer Christi vergeblich wäre, wenn der Wille des Menschen nicht nachgeben und sich freiwillig der Gnade hingeben würde … Wir sagen, dass Christus so gestorben ist, dass er unfehlbar das Heil einer unzählbaren Menge gesichert hat, die durch Christi Tod nicht nur gerettet werden kann, sondern gerettet wurde, gerettet werden muss und unter keinen Umständen nochmals in Gefahr laufen könnte, aus dieser Rettung zu fallen.«[16]

Für Spurgeon führte der Irrtum, Christus sei für alle Menschen gleichermaßen gestorben, zu einer weiteren Entfernung von der Bibel, weil dieser Irrtum die Hörer des Evangeliums über das Wesen des rettenden Glaubens in die Irre führte:

»Ich habe manchmal gedacht, wenn ich Ansprachen von einigen Erweckungspredigern hörte, die immer wieder sagten: ›Glaube, glaube, glaube!‹, dass ich gerne selbst gewusst hätte, was wir glauben sollen, damit wir gerettet werden. Ich fürchte, dass es in dieser Frage sehr viele Unklarheiten und Ungenauigkeiten gibt. Ich habe oft die Behauptung gehört, dass man gerettet wird, wenn man glaubt, dass Jesus Christus für einen gestorben ist. Mein lieber Hörer, lassen Sie sich nicht von einer solchen Vorstellung täuschen. Du magst glauben, dass Jesus Christus für dich gestorben ist, und du magst dabei etwas glauben, was nicht wahr ist; du magst etwas glauben, das dir überhaupt nichts Gutes bringt. Das ist nicht der rettende Glaube. Der Mensch, der den rettenden Glauben hat, gelangt später zu der Überzeugung, dass Christus für ihn gestorben ist, aber das ist nicht das Wesen des rettenden Glaubens. Setzen Sie sich das nicht in den Kopf, sonst wird es Sie ruinieren. Sagen Sie nicht: ›Ich glaube, dass Jesus Christus für mich gestorben ist‹, und haben dann das Gefühl, dass Sie nun gerettet seien. Ich bitte Sie, sich daran zu erinnern, dass der echte Glaube, der die Seele rettet, als Hauptelement das Vertrauen – die absolute Ruhe der ganzen Seele – auf den Herrn Jesus Christus setzt, was meine Errettung angeht, egal, ob er nun besonders oder speziell für mich gestorben ist oder nicht, und wenn ich mich ganz und allein auf ihn verlasse, so bin ich gerettet. Später erkenne ich, dass ich ein besonderes Anrecht am Blut des Erlösers habe. Aber wenn ich meine, das erkannt zu haben, bevor ich an Christus geglaubt habe, dann habe ich die biblische Ordnung der Dinge umgedreht und als Frucht meines Glaubens das genommen, was nur von Rechts wegen zu erlangen ist, von einem Menschen, der bereits absolut auf Christus und Christus allein vertraut, um gerettet zu werden.«[17]

noch prägnanterer Sprache hat auch Charles Hodge aufgezeigt, wie der Arminianismus den Zusammenhalt der gesamten biblischen Offenbarung zerstört. Nachdem Hodge festgestellt hat, dass der entscheidende Unterschied zwischen dem arminianischen und dem augustinischen System die Lehre von Gottes Erwählung eines Teils der gefallenen Menschenfamilie zum ewigen Leben betrifft (mit der daraus folgenden Bereitstellung seines Sohnes für ihre Erlösung und Seines Geistes, um ihre Reue, ihren Glauben und ihr heiliges Leben bis zum Lebensende zu sichern), fährt er fort: Obwohl man sagen kann, dass dies der Wendepunkt zwischen diesen großen Systemen ist, die die Kirche in allen Zeitaltern gespalten haben, so schließt dieser Punkt doch notwendigerweise alle anderen Streitpunkte mit ein: das Wesen der Erbsünde, das Motiv Gottes bei der Bereitstellung der Erlösung, das Wesen und die Absicht des Werkes Christi und das Wesen der göttlichen Gnade oder das Wirken des Heiligen Geistes. So hängen in hohem Maße das gesamte System der biblischen Lehre (Theologie) und notwendigerweise auch das Wesen unseres Glaubens von der Sichtweise in dieser besonderen Frage ab. Es handelt sich also um eine Frage von höchst praktischer Bedeutung. Es ist nicht nur eine Sache müßiger Spekulation.[18]

Ein zweiter Grund, warum Spurgeon den Arminianismus so vehement ablehnte, war, dass er sah, dass der Geist dieses Systems direkt in die Gesetzlichkeit führt.[19] Denn obwohl die evangelischen Arminianer die Erlösung durch Werke leugnen, besteht die Tendenz der von ihnen vertretenen Irrtümer darin, den Taten des Sünders unangemessen hohe Bedeutung zuzuweisen und dabei die Betonung in erster Linie auf den menschlichen Willen und das menschliche Bemühen zu legen. Dies ist die logische Folge eines Systems, das die menschliche Entscheidung als den entscheidenden Faktor bei der Bestimmung der Errettung ansieht und den Glauben als etwas darstellt, das jeder Mensch jederzeit realisieren kann, wenn er es will. Ein moderner Evangelist hat zum Beispiel geschrieben: »Wir kennen Christus nicht durch die fünf physischen Sinne, sondern wir kennen ihn durch den sechsten Sinn, den Gott jedem Menschen gegeben hat, nämlich die Fähigkeit zu glauben«. Wenn Gott allen Menschen diese Fähigkeit gegeben hat, dann muss der Wendepunkt von der menschlichen Reaktion abhängen, da eindeutig nicht alle gerettet sind. Diese Konsequenz wird vom Arminianismus akzeptiert.

Um es mit den Worten eines zeitgenössischen Predigers zu sagen, der auch diese (arminianische) Ansicht vertritt: »Diese Liebe Gottes, die so unermesslich, unmissverständlich und unendlich ist, diese Liebe Gottes, die sich bis zu dem hinbeugt, was ein Mensch ist und kann, kann auch völlig abgelehnt werden. Gott wird sich keinem Menschen gegen dessen Willen aufdrängen…. Aber wenn du diese Liebe wirklich willst, musst du glauben – du musst die Liebe Gottes empfangen, du musst sie annehmen.« Die Betonung hier liegt auf dem »du«. Damit wird unweigerlich der Eindruck erweckt, dass es ausschließlich unser Glaube es ist, der uns rettet – als ob der Glaube die Ursache des Heils wäre. Dies ist aber das genaue Gegenteil von Spurgeons Vorstellung vom Geist der Evangeliumspredigt. »Ich könnte nicht wie ein Arminianer predigen«, sagt er, und im folgenden Abschnitt sagte er auch genau, warum: Der Arminianer hat zum Ziel, den Menschen zum aktiven Handeln zu drängen. Im Gegensatz dazu sollten wir das Handeln des Menschen in dieser Sache ein für alle Mal abtöten. Wir sollten ihm zeigen, dass er verloren und verdorben ist und dass sein Handeln jetzt überhaupt das Werk der Bekehrung ausmacht. Vielmehr muss er nach oben schauen. Die Arminianer versuchen, den Menschen hochzuziehen. Wir versuchen, ihn zu Boden zu bringen und ihm das Gefühl zu vermitteln, dass er in Gottes Hand liegt und dass es seine Aufgabe ist, sich Gott zu unterwerfen und laut zu rufen: ›Herr, rette, oder wir gehen zugrunde!‹ Wir sind der Meinung, dass der Mensch nie so nahe an der Gnade ist, als wenn er anfängt zu fühlen, dass er überhaupt nichts tun kann. Wenn er sagt: ›Ich kann beten, ich kann glauben, ich kann dies tun und ich kann das andere tun!‹, dann sind das Zeichen der Selbstgenügsamkeit und des Hochmuts auf seiner Stirn.[20]

Indem der Arminianismus den Empfang der Liebe und des Heils Gottes von der Erfüllung von Bedingungen auf Seiten des Sünders abhängig macht, statt allein von der Gnade, leistet er einem Irrtum Vorschub, dem nicht genug widersprochen werden kann: »Seht ihr nicht sofort, dass dies Gesetzlichkeit ist«, sagt Spurgeon, »dass dies unser Heil von unserem Werk abhängig macht, dass dies unser ewiges Leben von etwas abhängig macht, das wir tun? Nein, die Lehre von der Rechtfertigung selbst, wie sie von einem Arminianer gepredigt wird, ist doch nichts anderes als die Lehre von der Errettung durch Werke; denn er meint immer, der Glaube sei ein Werk des Geschöpfes und eine Bedingung für seine Annahme. Es ist genauso falsch zu sagen, dass der Mensch durch den Glauben als Werk gerettet wird, wie dass er durch die Taten des Gesetzes gerettet wird. Wir sind gerettet durch den Glauben, den Gott uns als Gabe schenkt. Dieser Glaube ist das erste Zeichen seiner ewigen Gunst uns gegenüber. Es ist nicht der Glaube aus uns heraus (als unser Werk), der uns rettet, sonst sind wir aus Werken gerettet, und keinesfalls allein aus Gnaden.«[21] »Wir haben ihn nicht um den Bund der Gnade gebeten«, erklärt er in einer anderen Predigt, »Wir haben ihn nicht gebeten, uns zu erwählen. Wir haben ihn nicht gebeten, uns zu erlösen. Diese Dinge wurden alle getan, bevor wir geboren wurden. Wir haben ihn nicht gebeten, uns durch seine Gnade zu berufen, denn leider kannten wir den Wert dieses Rufes nicht. Wir waren tot in Übertretungen und Sünden, aber er gab uns umsonst von seiner ungeforderten, aber grenzenlosen Liebe. Die vorauseilende Gnade kam zu uns und übertraf all unser Verlangen, all unser Wollen und all unsere Gebete.»[22] Liebt Gott mich, weil ich ihn liebe? Liebt Gott mich, weil mein Glaube stark ist? Dann muss er mich ja wegen etwas Gutem in mir geliebt haben – aber das entspricht nicht der Evangeliumsbotschaft. Das Evangelium stellt den Herrn so dar, dass er die Unwürdigenliebt und die Gottlosen rechtfertigt. Deshalb muss ich die Vorstellung, dass die (rettende) göttliche Liebe irgendwie von menschlichen Bedingungen abhängte, völlig aus meinem Denken verbannen.«[23] Der Arminianismus wird mit apostolischer Härte verdammt, weil er die Herrlichkeit, die allein der Gnade Gottes zukommt, verdunkelt.[24] Daher ist er ein so schwerwiegender Irrtum, dass es dabei keinen Raum für Kompromisse gibt. Wir können Gemeinschaft mit Brüdern haben, die unter dem Einfluss dieser Irrtümer stehen, aber in der Verkündigung und Lehre der Kirche darf es kein Zaudern oder Unklarheit in dieser Frage geben. Auf einer persönlichen Ebene können wir sagen: Es die umfassende Verkündigung der »Lehren der Gnade«, die dem Gläubigen jenen Frieden gibt, den Horatius Bonars mit folgenden schönen Worten beschreibt:

Meine Liebe ist oft so schwach,
Meine Freude kommt und geht;
Aber der Friede mit Gott bleibt derselbe
– Der Ewige kennt keine Veränderung.
Ich ändere mich, Er bleibt Derselbe,
Der Christus kann niemals sterben;
Seine Liebe, nicht meine, ist meine Ruhestätte,
Seine Wahrheit, nicht meine, bleibt das Band.

Es war dieser Glaube, der Spurgeon in Zeiten von Krankheit und Dunkelheit, die er manchmal durchlebte, stützte. Er offenbarte seine Herzensempfindungen, als er sagte: »Ich werde wohl nie verstehen, was ein Arminianer tut, wenn er in Krankheit, Kummer und Betrübnis gerät.«[25] Dennoch hat der Herausgeber Charles T. Cook diese Worte im Nachdruck der Predigt in der Kelvedon Edition gestrichen.[26] Es passt wohl kaum zu unseren aktuellen Vorstellungen, dass der Arminianismus den Herzensfrieden untergrabe. Aber wo sonst kann der Gläubige in Zeiten der Not ruhen als in der Gewissheit, dass er allein durch die ewige und unveränderliche Gnade Gottes gerettet, bewahrt und zur Herrlichkeit bestimmt ist!

Zum gleichen Thema gibt er auch an anderer Stelle dieses Zeugnis:

»Ich würde viele Lehren freudig aufgeben, wenn ich glaubte, dass sie nur Parteiparolen wären und nur der Aufrechterhaltung einer Sekte dienten; aber diese Lehren der Gnade, diese kostbaren Lehren der Gnade, gegen die so viele streiten, könnte ich nicht aufgeben oder ein Jota von ihnen abschwächen, denn sie sind die Freude und der Jubel meines Herzens. Wenn man voller Gesundheit und Kraft ist und alles gut geht, kann man vielleicht sehr bequem von den einfachen Wahrheiten des Christentums leben; aber in Zeiten, wo der Geist hart bedrängt wird und die Seele sehr niedergeschlagen ist, braucht man Lebensnotwendiges und echte Nahrung [the marrow and the fatness]. In Zeiten innerer Zerrissenheit muss das Heil von Anfang bis Ende ganz aus Gnade bestehen.«[27]


Textquelle und Disclaimer

Der vorstehende Text ist ein Auszug aus Kapitel 3 des Buches »The Forgotten Spurgeon [Der vergessene Spurgeon]« von Iain Murray, das den Titel »Arminianism Against Scripture« [Arminianismus im Widerstreit zur Schrift] trägt.

Textquelle: banneroftruth.org/uk/resources/book-excerpts/2023/the-gospel-isnt-found-in-arminianism/; eigene Übersetzung von grace@logikos.club.

Endenoten

[1]      Sermons, Band 7, S. 85.

[2]      Sermons, Band 4, S. 339.

[3]     Sermons, Band 35, S. 226. Bei meiner Dokumentation von Spurgeons Ansichten zu den Lehren der Gnade werde ich mich nicht auf seine frühen Predigten beschränken.

[4]     Sermons, Band 11, S. 29.

[5]     Sermons, Band 56, S. 230.

[6]     Sermons, Band 6, S. 305.

[7]      Wie Hugh Martin in seinem Werk The Atonement, in Its Relations to the Covenant, the Priesthood, the Intercession of Our Lord, 1887, zeigt, ist der sicherste Weg, einem Einwand gegen die angebliche Ungerechtigkeit eines stellvertretenden Sühneopfers (der Unschuldige stirbt anstelle des Schuldigen) zu begegnen, indem man die Wahrheit der »Bundestreue und Verantwortung Christi und der Bundeseigenschaft derer, deren Sünden er sühnt, indem er an ihrer Stelle und für sie stirbt« (S. 10) darlegt. Die Bundeseigenschaft ist der Grund für seine Stellvertretung, und durch diese Tatsache »wird die Stellvertretung seines Opfers nicht nur ans Licht gebracht, sondern gerechtfertigt. Es ist nicht nur wahr, dass er für uns leidet; es ist auch wahr, dass wir in ihm leiden. Und der zweite Satz rechtfertigt die Wahrheit und Gerechtigkeit des ersten. Er steht stellvertretend für uns, weil er mit uns eins ist – mit uns identifiziert, und wir mit ihm« (S. 43). Das ist die große biblische Wahrheit: Christus war nach dem Willen und der Gabe des Vaters vor seiner Menschwerdung mit seinem Volk verbunden, und deshalb ist er für sie gestorben.

[8]     »So wie die Sünde zu den Personen gehört, so ruht der Zorn auf den Personen, die für die Sünde verantwortlich sind.« John Murray, Monographie über das Sühnopfer, 1962, vgl. denselben Autor, Römerbrief, Bd. 1, 1960, S. 116–121.

[9]     Exposition of Romans (London: Banner of Truth, 1958), S. 154.

[10]   Sermons, Band 5, S. 245.

[11]   Thomas Goodwin stellt in seinem Kommentar zu Epheser 1–2,11, in dem er »die große Liebe, mit der er uns geliebt hat« erklärt, fest: »Dass Gott in seiner Liebe auf Personen eingeht. Gott wirft nicht nur mit Propositionen um sich, indem er sagt: Ich will den lieben, der glaubt, und ihn retten, wie die Arminianer meinen; nein, er wirft mit Personen um sich. Und Christus starb nicht nur für Sätze, sondern für Personen. . . Er hat uns nackt geliebt; er hat uns geliebt, nicht wir ihn. Es war nicht für unseren Glauben, noch für irgendetwas in uns; ›nicht aus Werken‹, sagt der Apostel; nein, auch nicht aus Glauben. Nein, er wirft auf nackte Menschen; er liebt euch, nicht die euren. Daher ist hier der Grund, dass seine Liebe niemals versagt, weil sie auf die Person, einfach als solche, gerichtet ist. Der Bund der Gnade ist ein Bund von Personen, und Gott gibt uns die Person Christi und die Person des Heiligen Geistes…«, Werke von Thomas Goodwin, 1861, Bd. 2, S. 151.

[12]   Charles Hodge sagt in seinem Kommentar zu Römer 3,21–31: »Der Grund der Rechtfertigung ist nicht unser eigenes Verdienst, noch unser Glaube, noch unser evangelischer Gehorsam; nicht das Werk Christi in uns, sondern sein Werk für uns, das heißt sein Gehorsam bis zum Tod, V. 25.« (Römer, Edinburgh: Banner of Truth, 1986, S. 103) Historisch gesehen hat der Arminianismus die Rechtfertigungslehre wiederholt gefährdet, und genau diese Gefahr sahen Calvin und andere Reformatoren voraus, als sie erklärten, dass eine Einigung über die Rechtfertigung unmöglich ist, wenn wir die Lehre nicht im Zusammenhang mit Gottes gnädigem Vorsatz, die Auserwählten zu retten, verstehen: Solange diese Punkte nicht unumstritten sind, werden wir, auch wenn wir immer wieder wie Papageien wiederholen, dass wir durch den Glauben gerechtfertigt sind, niemals die wahre Lehre von der Rechtfertigung vertreten. Es ist keinen Deut besser, heimlich von der alleinigen Grundlage des Heils verführt zu werden, als offen von ihr abgewichen zu sein.« Johannes Calvin, Traktate, Bd. 3, S. 254. Nur wenn die Rechtfertigungslehre inhaltlich ausgehöhlt wurde, können Calvinismus und Arminianismus miteinander verschmolzen werden. »Es ist ganz sicher«, sagt Hieronymus Zanchius, »dass die Lehre von der unentgeltlichen Rechtfertigung durch Christus nur auf die Lehre von der unentgeltlichen Vorherbestimmung in Christus gestützt werden kann, da die letztere die Ursache und Grundlage der ersteren ist«.

[13]   Zu Owens Meinung über die Unmöglichkeit eines Kompromisses mit dem Arminianismus siehe seine Darstellung des Arminianismus, Werke von John Owen, Bd. 10 (London: Banner of Truth, 1967), S. 5–7. Spurgeon hatte die Texte, von denen behauptet wurde, sie lehrten eine universale Erlösung, gründlich studiert, und er scheute sich nicht, sie zu erläutern. Siehe z. B. seine feierliche Warnung vor denen, die »mit ihrem Fleisch die verderben, für die Christus gestorben ist«, Band 12, S. 542.

[14]   Sermons, Band 4, S. 130.

[15]   Sermons, Band 26, S. 252.

[16]   Sermons, Band 4, Seiten 130 und 135.

[17]   Sermons, Band 58, Seiten 583–584.

[18]   Systematic Theologie, Bd. 2, S. 330–331. Die Theologie, die die Familie Hodge ein Jahrhundert lang in Princeton lehrte, war die gleiche wie das System, das Spurgeon seinen Studenten am Pastor’s College einpflanzen wollte. A. A. Hodges Outlines of Theology(Edinburgh: Banner of Truth, 1972) war in der Tat ihr Lehrbuch für systematische Theologie. Bei einem Besuch in England im Jahr 1877 war Dr. Hodge beim jährlichen Picknick des Colleges anwesend, als Spurgeon sagte: »Je länger ich lebe, desto klarer scheint es, dass das System von Johannes Calvin der Vollkommenheit am nächsten kommt«, Pike, Bd. 6, S. 197

[19]   »Der Arminianismus neigt sich zur Gesetzlichkeit; es ist nichts anderes als die Gesetzlichkeit, die an der Wurzel des Arminianismus liegt.« Sermons, Band 6, S. 304.

[20]   Sermons, Band 6, S. 259.

[21]   Sermons, Band 6, S. 304. »Unser Glaube verursacht nicht das Heil, noch unsere Hoffnung, noch unsere Liebe, noch unsere guten Werke; sie sind Dinge, die ihm als sein Ehrenschutz beiliegen. Der Ursprung des Heils liegt allein im souveränen Willen Gottes, des Vaters, in der unendlichen Wirksamkeit des Blutes Jesu, des Sohnes Gottes, und in der göttlichen Einwirkung Gottes, des Heiligen Geistes«, Band 3, S. 357. – »Ich kenne nur eine Antwort auf die Frage: ›Warum haben einige geglaubt?‹, und diese Antwort ist: Weil Gott es wollte.«, Sermons, Band 9, S. 355

[22]   Sermons, Band 14, S. 573.

[23]   Sermons, Band 24, S. 440.

[24]    Siehe Thomas Goodwins tiefgründige Behandlung dieses Themas in seiner Auslegung von Eph. 2,5. »Unsere ganze Errettung aus Gnade«, sagt er, »ist das Größte von allem anderen, von größter Bedeutung für die Gläubigen, um es zu wissen und damit vertraut zu sein. ›Aus Gnade seid ihr gerettet‹, das ist das große Axiom, der große Grundsatz, den er in alle ihre Herzen bringen möchte. Und es geht darum, den Plan Gottes, die Herrlichkeit seiner Gnade zu fördern, so steht es hier, Vers. 7. Das ist die Summe und Substanz des Evangeliums, und es ist die Summe des großen Planes Gottes. Darum werdet ihr finden, dass, wenn ein Mensch von dem Weg und der Straße der freien Gnade zu etwas anderem abweicht, man sagt, dass er sich von Gott abwendet. Gal. 1,6: ›Ich wundere mich, dass ihr so schnell von dem abgewichen seid, der euch berufen hat‹ – weil sie nicht an der Lehre der freien Gnade festhielten – ›zur Gnade Christi, zu einem anderen Evangelium‹. Es war Gottes großer Plan, die Gnade voranzubringen, und deshalb nennt er ihr Abweichen von der Lehre davon eine Vereitelung der Gnade Gottes, Gal. 2,21, was die Menschen tun, indem sie irgendetwas mit ihr vermischen.«, Werke, Band 2, S. 230–231.

[25]   Sermons, Band 4, S. 463.

[26]   C. H. Spurgeon, Sermons of Comfort and Assurance. The Kelvedon Edition, ausgewählt und hrsg. v. Charles T. Cook (Zondervan, 1961), S. 36.

[27]   Sermons, Band 18, S. 621.

Kehret um, glaubt dem Evangelium! (Markus 1,15)

Eine Predigt zum Reformationstag.

Buße und Glauben gehören im Heil zusammen

Als der Herr Jesus Christus seinen Predigtdienst begann, lag ihm eine Botschaft besonders am Herzen. Der Evangelist Markus fasst sie wie folgt kurz zusammen:

Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe gekommen. 
Tut Buße und glaubt an das Evangelium. (Markus 1,15)

Später bekundete Jesus Christus das Ziel seines Dienstes so: »Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder zur Buße.« (Lukas 5,32)

Er sagte unumwunden, klar und nachdrücklich, was auf dem Spiel stand: »Wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle ebenso umkommen.« (Lukas 13,3.5)

Auch die Apostel riefen nach dem Vorbild Jesu zur Umkehr und zum Glauben auf. In der frühen Gemeinde Jesu lesen wir am Anfang viel von Petrus, später dann vor allem von Paulus. Paulus charakterisierte seinen Dienst in seinen Abschiedsworten an die Ältesten der Ephesischen Gemeinde in Milet so:

Wie ich nichts zurückgehalten habe von dem, was nützlich ist, dass ich es euch nicht verkündigt und euch gelehrt hätte, öffentlich und in [den] Häusern, indem ich sowohl Juden als auch Griechen die Buße zu Gott und [den] Glauben an unseren Herrn Jesus [Christus] bezeugte. (Apostelgeschichte 20,20–21)

Umkehr (Buße) und Glaube gehören auch heute noch zur Zentralbotschaft der Christen, der »Guten Nachricht«, dem Evangelium. Sie stehen manchmal zusammen, meist Buße zuerst und dann der Glaube (Markusk 1,15; Apostelgeschichte 19,4; 20,21; Hebräer 6,1).

Buße und Glauben sind Geschenk Gottes und Verantwortung jedes Menschen

Beim Blick auf das Heil fangen wir am besten zuerst bei den großen Taten Gottes an. Warum? Nun, weil die Idee und Initiative zu unserem Heil bei Gott liegt: Er hat vor aller Zeit souverän beschlossen, von Ihm erwählten Menschen das Heil zuzueignen. Als dies geschah, gab es noch keinen einzigen Menschen, weder Raum, Zeit noch Materie. Und zweitens rückt diese Sichtweise –die biblische!– stets den Heiland-Gott in den Mittelpunkt, und so werden wir als Priester Gottes erstens mit Opfern des Lobes für unseren Retter versorgt für unsere Anbetung und zweitens wird unser Verständnis der Heilsgeschichte richtig zentriert: bei Gott nämlich – und nicht bei uns.

Wir wissen bis heute nicht, wer alles zu diesen Erwählten gehört. Aber wir wissen: Es sind alle, die glauben. Und zwar mit rettendem Glauben glauben (davon später mehr). Und dies führt uns zur Seite unserer Verantwortung im Heilswerk Gottes, der sog. Heilsaneignung

Wir wollen uns daher überblicksartig den genannten beiden Rettungsmitteln zuwenden: der Buße und dem Glauben. Das kann man gut zusammenfassen mit dem Schriftwort aus Markus 1,15 –in gutem Lutherdeutsch–: Kehrt um, glaubt dem Evangelium!

Das Ziel dieser kurzen Ausführungen ist, dass wir die wichtigsten Kennzeichen rettender (=biblischer) Buße und Glauben kennen, damit wir die Gute Botschaft richtig verstehen, an uns prüfen und richtig den noch heillos Verlorenen weitergeben können.

Und obwohl diese zwei Dinge nun nacheinander vorzustellen sind, muss uns von Anbeginn klar sein: Buße & Glaube sind zwar unterscheidbare Vorgänge, aber sie sind nicht voneinander trennbar. Das ist wichtig! Warum? Weil man (auch) hier von beiden Seiten vom Pferd fallen kann:

  • Es gibt Prediger, die behaupten, man sei ewig gerettet, wenn man glaube. Buße sei schön, aber nicht gefordert. Als Beweis zitieren Sie z.B. Stellen aus dem Johannes Evangelium, wo praktisch nie von Buße, sondern meist von Glauben die Rede sei. Man behauptet: »Nirgendwo in der Bibel steht, dass man Buße über seine Sünden tun solle. Jesus hat nur gesagt, man solle sich ihm im Glauben zuwenden und Ihm vertrauen, was die Vergebung der Sünden angehe (Johannes 3,16).« – Mit einem Wort: Man brauche nur Glauben, keine Buße. Die Gnade Gottes fordere keine Buße, Umkehr, Nachfolge, Entschiedenheit, Heiligung oder Sündenverzicht. [1]
  • Prediger aus anderem Hintergrund reden hingegen am liebsten nur über Umkehr, Reue und Buße. Am besten erfolge sie täglich, stündlich, um auch bei der überraschenden Wiederkunft Jesu »bereit« und »würdig rein« zu sein. – Bei ihnen kann man sich nie sicher sein, ob man ausreichend Buße getan hat, um von Jesus in den Himmel mitgenommen zu werden. – Das beobachtet man bei Predigern aus Heiligungsbewegungen, die häufig auch insgeheim Wert auf Werksgerechtigkeit legen.

Wir müssen aber –der Predigt Jesu und der Apostel folgend– stets beides beachten, lehren und fordern im Evangelium. Jesus Christus hat befehlsmäßig beides gefordertKehrt um, glaubt dem Evangelium! Das verbindet Buße und Glauben wie die beiden Seiten derselben Münze.

Betrachten wir also zuerst die Buße. Sie hat unser Herr zuerst genannt:

Die rettende Buße

Vor 500 Jahren sah es in der christlichen Kirche übel aus. Die Traditionen und Machtspielchen sowie offene und verdeckte Unmoral hatten die Kirche von innen her verdorben und ausgehöhlt.

Den Augustinermönch Dr. Martin Luther ließ dies nicht kalt. Er wollte darüber ins Gespräch kommen. Am 31. Oktober 1517 schlug er daher 95 Thesen zur Diskussion an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg. Das erregte Aufsehen, Interesse und Widerstand. Jemand, der Dinge der Tradition hinterfragt, hat sofort Gegner am Hals. Der Buchdruck sorgte aber dafür, dass Luthers 95 Thesen blitzschnell (für damalige Zeiten!) überall bekannt und diskutiert wurden.

Wer weiß heute schon noch, mit welcher These Luthers seinen Katalog begann? Wie lautet die erste These?

  • »DA vnser Meister vnd HERR Jhesus Christus spricht/ Thut Busse/ etc. wil er/ das/ das gantze leben seiner Gleubigen auff Erden/ ein stete vnd vnauffhörliche Busse sol sein.« (s. Bildabschnitt oben)

Was wollte er damit sagen? Ist Buße etwas Einmaliges? Oder etwas Beständiges? Lesen wir ein Beispiel aus der Bibel: 1. Thessalonicher 1,2–10

Wir danken Gott allezeit für euch alle, indem wir [euch] erwähnen in unseren Gebeten, unablässig gedenkend eures Werkes des Glaubens und der Bemühung der Liebe und des Ausharrens der Hoffnung auf unseren Herrn Jesus Christus, vor unserem Gott und Vater, wissend, von Gott geliebte Brüder, eure Auserwählung.
Denn unser Evangelium war nicht bei euch im Wort allein, sondern auch in Kraft und im Heiligen Geist und in großer Gewissheit, wie ihr wisst, was wir unter euch waren um euretwillen.
Und ihr seid unsere Nachahmer geworden und [die] des Herrn, indem ihr das Wort aufgenommen habt in vieler Drangsal mit Freude [des] Heiligen Geistes, so dass ihr allen Gläubigen in Mazedonien und in Achaja zu Vorbildern geworden seid.
Denn von euch aus ist das Wort des Herrn erschollen, nicht allein in Mazedonien und in Achaja, sondern an jedem Ort ist euer Glaube an Gott ausgebreitet worden, so dass wir nicht nötig haben, etwas zu sagen.
Denn sie selbst berichten von uns, welchen Eingang wir bei euch hatten und wie ihr euch von den Götzenbildern zu Gott bekehrt habt, um [dem] lebendigen und wahren Gott zu dienen 10 und seinen Sohn aus den Himmeln zu erwarten, den er aus den Toten auferweckt hat – Jesus, der uns errettet von dem kommenden Zorn.

Wir beobachten bei dieser jungen Gemeinde fasst neidisch, wie sich Gottes Geist und Wort in ihrer Mitte mächtig erwiesen hatten. Gehen wir es nochmals als Illustration durch:

  • V 3: Das Markenzeichen echten Christentums war sichtbar: Glaube–Liebe–Hoffnung, nämlich: Werkes des GlaubensBemühung der Liebe und Ausharrens der Hoffnung auf unseren Herrn Jesus Christus.
  • V 4: Sie waren »geliebte Brüder« (übrigens männliche und weibliche Brüder!), also Glaubensgeschwister
  • V 4: An diesen lebendigen Marken- und Echtheitszeichen wurde ihre Auserwählung durch Gott sichtbar
  • V 6: Sie waren Nachahmer geworden, sowohl des Apostels als auch des Herrn Jesus Christus
  • V 7: Sie hatten das Wort Gottes aufgenommen in Zeiten der Drangsal, aber mit Freude des Heiligen Geistes, so dass sie zu Vorbildern für andere Christen geworden waren
  • V 8: Sie evangelisierten, trugen das Wort Gottes weiter, es erklang »an jedem Ort«
  • Rückblick V9–10: Sie hatten sich abgekehrt von den Götzenbildern (falschen Gottesvorstellungen und Riten), Abkehr ist der erste Teil der Umkehr/Buße– und haben sich zu Gott hin bekehrt, das ist der zweite Teil der Umkehr, sie hatten ihr Leben Gott geweihtdienten Gott und erwarteten den Herrn Jesus als Retter.


Versuchen wir also eine erste DefinitionBuße (oder: Umkehr) ist eine Abkehr von den falschen Göttern und eine Hinkehr zu dem wahren Gott.

Weil das griechische Wort für Buße mit »Sinneswandel« übersetzt werden kann, kamen einige auf die falsche Idee, dass es bei der Buße nur um das Denken ginge. Aber bereits das Beispiel der Thessalonicher zeigt überdeutlich, dass ihre Buße, ihre Umkehr, ganz entscheidende Auswirkungen hatte auf ihr Reden/Verkündigen (V 8) und auf ihr Wertesystem oder Lebensziel sowie auf ihre ganze Lebensausrichtung und ihren Dienst (V 9–10).

Die Lehrer der Gemeinde haben daher Wert darauf gelegt, dass Buße keinesfalls nur eine Sache des Denkens sei. Sie erfasse und durchdringe vielmehr den geretteten Menschen ganzheitlich. Sie sagten, dass zum (1.) Denken, Sinnen und Verstehen auch (2.) die Seele und der Wille, und (3.) die Tat, das Leben, der Lebensstil gehören.

Deshalb wird der Mensch nach Annahme des Heils aufgefordert, »der Buße würdige Früchte zu bringen« (Lukas 3,8; vgl. 3,10–14) und »der Buße würdige Werke zu vollbringen« (Apostelgeschichte 26,20).

Rettende Buße ist also etwas, das unser Denken, unsere Gefühle und unser Tun umfasst. Buße ergreift ganzheitlich Geist, Seele und Körper.– Wir könnten es uns als »3H-Formel« merken: Hirn und Herz und Hand. (NB: Diese triadische Begrifflichkeit wurde durch den Schweizer Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi (1746–1827) geprägt. Auf dessen Pädagogik wird hier aber ausdrücklich nicht verwiesen. Die »3H« werden vielmehr wie hier ausgeführt inhaltlich gefüllt.)

Zwei biblische Beispiele noch zu den beiden letzten H‘s, eines bzgl. des Herzens, und eines bzgl. der Hand:

[Herz/Seele]   Und ihr werdet euch an eure bösen Wege erinnern und an eure Handlungen, die nicht gut waren, und werdet Ekel an euch selbst empfinden wegen eurer Ungerechtigkeiten und wegen eurer Gräuel.   … schämt euch und werdet beschämt vor euren Wegen, Haus Israel! (Hesekiel 36,31.32b)
[Hand/Taten] Und ich werde meinen Geist in euer Inneres geben; und ich werde bewirken, dass ihr in meinen Satzungen wandelt und meine Rechte bewahrt und tut. (Hesekiel 36,27)

Ein Mensch, der wahrhaft Buße getan hat, erkennt man also daran,

  • Was und wie er denkt, sinnt, argumentiert
  • Wofür er sich einsetzt, einsteht, was ihm wichtig ist, an seinem veränderten Wertesystem
  • Was er tut, wie er lebt.

Wenn diese Bereiche durch Willensentschluss und Hingabe auf Christus und sein Wort ausgerichtet werden, dann erkennt man, dass die betreffende Person Buße getan hat. Oder besser: dass sie einen Weg der Buße betreten hat und ihn weitergeht (Luther, 1. These).

Die Erkenntnis Luthers, dass Buße kein einmaliger Akt am Anfang des neuen Lebens bleibt, sondern eine andauernde Lebenspraxis ist, haben Bibellehrer so formuliert: »Buße ist eine Gabe, die beständig gibt.«.

Warum ist das biblisch?, mag man fragen. – Weil die Bibel lehrt, dass mit der Gabe des neuen Lebens nicht nur die Gabe der Buße mitgeschenkt wird, sondern auch ein neuer Sinn, ein neues, lebendiges Herz und der Heilige Geist. Daher ist Hirn, Herz und Hand eines Neugeborenen nun so, dass es ihn weg von den Götzen – und hin zu Gott und seinem Sohn führt.

Als die christliche Gemeinde in Ephesus ihre »ersten Liebe verlassen« hatte, musste sie (1.) »Gedenken«, dann (2.) »Buße tun« und schließlich (3.) »die ersten Werke tun«. Buße führt Abgeirrte auf den richtigen Liebes-Weg.

Wie überall, gibt es neben der echten, rettenden Buße auch die Nachahmerprodukte, die nicht retten können. Paulus schriebt den Korinthern von beiden Arten von Buße, und wir sollten uns prüfen, ob wir das verstanden und befolgt haben!

Jetzt freue ich mich, nicht, dass ihr betrübt worden seid, sondern dass ihr zur Buße betrübtworden seid; denn ihr seid Gott gemäß betrübt worden, damit ihr in nichts von uns Schaden erlittet.
Denn die Betrübnis Gott gemäß bewirkt eine nie zu bereuende Buße zum Heil; die Betrübnis der Welt aber bewirkt [den] Tod. (2. Korinther 7,9–10) 

Nur »Reue« über die Folgen der eigenen Sünden zu empfinden, reicht nicht aus. Ein Pharao, ein Saul, ein Judas Iskariot hatten solche Reue. Sie gingen mit ihr in den ewigen Tod. –  Echte Buße führt uns dahin, dass es uns vor unserer eigenen Sünde ekelt, dass wir dringend Reinigung suchen, dass wir vor allem darüber betrübt sind, was unsere Sünden Gott angetan haben! Theatertränen nutzen hier nichts. In Rom auf den Knien eine Treppe hinaufzurutschen oder sein Erbe auf dem Sterbebett der Kirche zu vermachen auch nicht.

Wenn man darüber nachdenkt, wie sehr sich ein bußfertiger Mensch ändert, dann wird deutlich, dass eine echte, anhaltende Buße gar nicht ohne Glauben „funktionieren“ kann. Ohne Glauben tausche ich doch niemals mein altes Leben, meine Lieblingssünden, meine Götter ein gegen etwas, das unsichtbar ist, wie alle Dinge des Glaubens. Wenn mit dem Tod alles aus ist, wenn es keinen Gott gibt, wenn es kein Gericht über alle meine Worte und Taten gibt (usw.): Warum sollte ich das alles aufgeben und mich auf Gott, Jesus und die Gemeinde ausrichten?

Kurz gesagt: Ohne Glauben gibt es keine rettende Buße – und ohne Buße gibt es keinen rettenden Glauben! Buße und Glauben gehören im Heil zusammen wie Kopf und Zahl einer Münze. – So fragen wir nun nach der »anderen Seite« des Heils, dem rettenden Glauben.

Der rettende Glaube

Lesen wir nochmals die Zusammenfassung und das wunderbare Ergebnis des Evangeliums bei der christlichen Gemeinde in Thessaloniki:

 Wir danken Gott allezeit für euch alle, … von Gott geliebte Brüder,
Denn sie selbst berichten von uns, welchen Eingang wir bei euch hatten und wie ihr euch von den Götzenbildern zu Gott bekehrt habt, um [dem] lebendigen und wahren Gott zu dienen 10 und seinen Sohn aus den Himmeln zu erwarten, den er aus den Toten auferweckt hat – Jesus, der uns errettet von dem kommenden Zorn. (1. Thessalonicher 1,2.9–10)

Warum reden wir hier ausdrücklich vom „rettenden Glauben“? Gibt es auch nicht-rettenden Glauben? Ja, den gibt es:

  • Man kann »vergeblich glauben«, aufgrund falscher Vorstellungen (1. Korinther 15,13–14). Die Inhalte, die wir glauben, müssen stimmen, das Glaubensgut
    Daher muss man lehren, auch in der Evangelisation. Es ist erstaunlich, wie viele, die gerne das Evangelium weitergeben wollen, ins Stocken geraten, wenn sie die Frage beantworten sollen: „Was ist das Evangelium?

Wenn es aber keine Auferstehung [der] Toten gibt, [so] ist auch Christus nicht auferweckt; wenn aber Christus nicht auferweckt ist, [so] ist also auch unsere Predigt vergeblich, vergeblich auch euer Glaube. (1. Korinther 15,13–14)

  • Und selbst wenn die Fakten stimmen, der Glaubensinhalt also korrekt biblisch ist, kann der Glaube nicht-rettend sein! Wirklich? Ja, siehe Jakobus 2,19. Zu glauben, dass Gott einer ist, ist Zentralwahrheit über Gott. Wenn Du das glaubst, qualifiziert es zum Dämon, rettet aber ohne weiteres nicht! Dämonen glauben das, aber gehen ewig in den Feuersee.

Du glaubst, dass Gott einer ist, du tust recht; auch die Dämonen glauben und zittern. (Jakobus 2,19)

Es muss etwas Zweites hinzukommen: (#2) Unsere innere Zustimmung, unser Herz, unsere willentliche Hingabe an das, was wir im Glauben im Hirn (#1) erfasst haben.

Reicht das dann endlich: (#1) Hirn und (#2) Herz? – Reichen richtige Information/Glaubensgut und innerliche Zustimmung?

Die Schrift lehrt uns, dass der rettende Glaube (der echte, der biblische) mehr ist. Jakobus lehrt uns, dass ein Glaube ohne Werke tot ist. Jakobus lehrt dabei, genauso wie auch Paulus, das wir alleine mittels des Glaubens gerechtfertigt werden – ohne Werke, sola fide.

Aber der der echte, der biblische, der rettende Glaube bringt immer Früchte, weil er ein lebendiger Glaube ist.

Wenn also jemand sagt: »Ich glaube!«, »Ich bin auch ein Gläubiger!«, dann sollten wir an seinen Früchten, also seinem Reden und seinen Taten und seinem Leben sehen, ob das ein lebendiger Glaube ist, oder nur tote Worte. 

Im Epheserbrief können wir lernen, dass wir nicht aufgrund unserer Werke gerettet werden, sondern von Gott zu Guten Werken gerettet werden, die Er vorher für uns bereitet hat. – Werke sind nicht Vorbedingung des Heils, sondern Folgedes Heils. An den Früchten erkennen wir den lebendigen Baum. Die Bibellehrer haben das ungefähr so gesagt: 
»Wir sind gerettet aus Glauben allein – aber dieser Glaube bleibt nicht allein.« Zum rettenden (=echten) Glauben gehört also auch die praktische Lebenshingabe, ein Leben im Vertrauen auf Jesus Christus, das entsprechende eindeutige Früchte wachsen lassen wird.

Rettender Glaube ist also weder bloßes Kopfwissen, noch bloße warme Emotion, sondern auch neuer Lebenswandel. Rettender Glaube ist aktiv, zeigt sich ganz praktisch. Die alten Bibellehrer haben diese wichtige Erkenntnis anhand von drei Stichworten zusammengefasst:

  • Rettender Glaube braucht Inhalte (notitia) – KenntnisWas glaube ich? Glaubensgut.
    R. C. Sproul hat zu recht gesagt: »Nichts geht ins Herz, wenn es nicht erst durch den Verstand gegangen ist.« Wir glauben keinen Unsinn, keine Unwahrheit. Wir sagen nicht: »Ich weiss es nicht, aber ich glaube es!» Wir glauben dem, was Gott in der Bibel geoffenbart hat.  Sonst glauben wir vergeblich.Konsequenz: Studiere das Wort Gottes. Wir brauchen Glaubenslehre in der Verkündigung.
  • Rettender Glaube braucht innere Zustimmung (assensus) – Kopfwissen alleine reicht nicht, es muss die innere Zustimmung hinzutreten, die Überzeugung, dass das, was ich glaube, das Glaubensgut (notitia), die verbindliche Wahrheit ist, die gilt, die mir gilt.
    Man muss auf den Knieen anerkennen, dass man am Ende seines Lateins ist und von nun an Gottes Wahrheit im Wort Gottes zur ureignen Überzeugung macht. – Konsequenz: Lies die Bibel unter Gebet, sozusagen mit gebeugten Knien.
  • Rettender Glaube braucht auch Vertrauen und Hingabe (fiducia) – Der inneren Überzeugung und Zustimmung muss ein entsprechendes Leben folgen. Man trifft dann Entscheidungen, die Gott gefallen und ewige Früchte tragen. Es ist wahre Klugheit, wenn man ganz praktisch sein Lebenshaus nicht auf Sand baut, sondern auf den Felsen, der ewig steht, nämlich auf das Wort Gottes. – Konsequenz: Trage Sorge, Gute Werke zu tun.

Das Wort ist gewiss; und ich will, dass du auf diesen [Dingen] fest bestehst, damit die, die Gott geglaubt haben, Sorge tragen, gute Werke zu betreiben. Dies ist gut und nützlich für die Menschen. (Titus 3,8)

Fassen wir diesen Punkt zusammen. Auch hier gilt, dass der rettende Glaube uns ganz in Anspruch nimmt, in alle Zimmer unseres Lebenshauses einzieht, vor nichts Halt macht. Die »3H-Formel« gilt auch hier: Hirn+Herz+Hand. Oder für die, die in der Schule Latein hatten: notitia & assensus & fiducia.

Am Ende unserer kurzen Betrachtung der rettenden Buße und des rettenden Glaubens stellen wir noch die Frage: Woher stammen solche Buße und solcher Glaube? – Wenn ich mich schon nicht selbst retten kann, kann ich wenigstens aus mir selbst umkehren und glauben und dann als Belohnung sozusagen das Heil bekommen?

Einige Bemerkungen also noch zur Quelle der Buße und des Glaubens. Die biblische Aussage lautet:

Buße und Glauben sind unsere Verantwortung und Gottes Gnadengabe

Tatsächlich hört man manchmal: Gott bereitet den Heilsweg in Christus. Dann wartet Er, bis jemand von sich umkehrt und glaubt, und dann schenkt er diesem Menschen als Belohnung das ewige Leben. Steht doch so in Johannes 3,16, oder?!

Beim Bibelstudium zu dieser Frage stößt man auf ein Geheimnis, denn zwei Dinge werden klar gelehrt –und zwar ohne Spannung und ohne jeden Widerspruch–, die wir aber leider noch nicht zusammenbringen, wo wir nicht genau wissen, wie sie zusammenhängen:

1. Aussage: Buße und Glauben sind Pflicht jedes Menschen

Gott befiehlt beides. Daher geben wir es auch als Befehl weiter. Es ist die Verantwortung des Menschen, dass er gemäß des Evangeliums Gottes umkehrt und glaubt. Der Apostel präsentierte den Philosophen auf dem Areopag das Evangelium so:

Nachdem nun Gott die Zeiten der Unwissenheit übersehen hat, gebietet er jetzt den Menschen, dass sie alle überall Buße tun sollen, weil er einen Tag festgesetzt hat, an dem er den Erdkreis richten wird in Gerechtigkeit durch einen Mann, den er [dazu] bestimmt hat, und er hat allen [den] Beweis [davon] gegeben, indem er ihn aus [den] Toten auferweckt hat. (Apostelgeschichte 17,30–31)

Wer nun im Gehorsam (Glaubensgehorsam!) zum Heiland-Gott kommt und seine Knie in Buße und Glaubenbeugt, weil er eine gottgemäße Betrübnis über seine Sünden hat, wird im selben Augenblick gerechtfertigt und für die Ewigkeit gerettet!


Aber langsam – Woher kam denn diese rettende Buße und dieser rettende Glaube? – Da sagt die Schrift: von Gott, und zwar: Von Gott allein! – Das führt zur zweiten Beobachtung aus der Schrift:

2. Aussage: Buße und Glauben sind freie Gnadengaben Gottes. 

Gott schenkt in Gnaden beides, die rettende Buße und den rettenden Glauben.

[Buße] Petrus sagte dem Hohen Rat, dass Gott Christi Tod und Auferstehung bewirkte, um »Israel Buße und Vergebung der Sünden zu geben« (Apostelgeschichte 5,31). Als der Geist Gottes auf die Nationen gefallen war, schlossen sie daraus: »Also hat Gott auch den Nationen die Buße gegeben zum Leben« (Apostelgeschichte 11,18). In ähnlicher Weise wies Paulus Timotheus an, seine Widersacher sanftmütig zurechtzuweisen, in der Hoffnung, dass »ihnen Gott […] Buße gebe zur Erkenntnis der Wahrheit« (2. Timotheus 2,25).

[Glauben] In Epheser 2,8–9 erklärt Paulus: »Denn durch die Gnade seid ihr errettet, mittels des Glaubens; und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es; nicht aus Werken, damit niemand sich rühme.« Hier bezieht sich Paulus auf die Gesamtheit der Errettung als Gabe Gottes, die notwendigerweise den Glauben einschließt, durch den der Sünder gerechtfertigt wird. – Lukas charakterisiert die Christen als »die, welche durch die Gnade gläubig geworden waren« (Apostelgeschichte 18,27). Paulus lehrt diesen Gedanken in seinem Brief an die Philipper: »Denn euch ist es im Blick auf Christus geschenkt worden, nicht allein an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden« (Philipper 1,29). Zusammen mit dem Leiden um des Evangeliums willen wird auch der Glaube als Gabe Gottes geschenkt.

So gilt auch hier das Gnadenprinzip: Gott schenkt frei und souverän das, was Er von uns zu Recht fordert, was wir aber nicht erbringen können und wollen. Gäbe es dieses Wirkprinzip Gottes nicht, wäre nie jemand errettet worden.

Zusammenfassung

  • Das Evangelium Gottes fordert von allen Menschen: »Kehrt um (=Tut Buße), glaubt dem Evangelium!
    Daher sind Buße und Glauben Pflicht und Verantwortung jedes Menschen!

    Gott hat geredet im Sohn und in Seinem Wort – Alle haben es zu glauben und es gehorsam zu tun!
  • Die rettende Buße und der rettende Glauben sind keine Früchte des Sünders, der tot in Sünden liegt, sondern Gaben Gottes, die Er in Gnaden frei verschenkt.
    Wie das zusammenhängt, ist geheimnisvoll. Buße und Glauben bleiben jedenfalls Pflicht des Menschen.
  • Buße und Glauben sind die zwei Seiten derselben Medaille.
    Trennt man sie, hat man nur zwei wertlose Schrottteile.
  • Buße und Glauben, die als Anfangsschritte uns ewiges Heil vermitteln, bleiben uns als christlicher Lebensstil(modus vivendi, Lebensweise) zeitlebens erhalten. JMA/RM: »Das Leben des Christen muss sich auszeichnen durch tägliches Bekennen der Sünde, Trauern über die Sünde und Abkehr von der Sünde, ebenso wie durch einen dauerhaften Glauben an die Person Christi und die Verheißungen Gottes.«
  • Der Heilige Geist sorgt in uns, dass wir –so zubereitet –auch aktiv werden,…

…um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen  und seinen Sohn aus den Himmeln zu erwarten, den er aus den Toten auferweckt hat – Jesus, der uns errettet von dem kommenden Zorn. (1. Thessalonicher 1,9b–10)

Man darf hoffen, dass die Ausführungen nicht zu theoretisch waren. Es geht ja um Leben und TodEwiges Leben, ewigen Tod. Und es geht um unseren Dienst als Priester Gottes in Anbetung (Hebräer 13,15; Philipper 2,5) und Evangelisation (Römer 15,16; Philipper 2,9)[2].

Es lohnt sich daher, ja ist überlebenswichtig, dass Gläubige diese Dinge im Wort Gottes studieren und miteinander lernen. Das wäre, im biblischen Sinne »Theologie« zu betreiben. Nicht die akademische Übung ungläubiger Schriftgelehrter, sondern im biblischen Sinne unter Lernenden, Nachfolgern, Jüngern Jesu.  Ein Bibellehrer hat solche biblische Theologie mit folgendem bezaubernden Dreiklang beschrieben:

  • »Das Ziel der Theologie ist die Anbetung Gottes
    Die Körperhaltung der Theologie ist auf den Knien.
    Die Praxis der Theologie ist Buße[3]

Diese wichtige Glaubenslehre von rettender Buße und rettendem Glauben darf man nie zum Streitthema machen. Sie ist vielmehr wichtiges Studienprojekt und wertvoller Schatz für den priesterlichen Dienst als Anbeter Gottes und als in alle Welt ausgesandte Boten des Evangeliums (vgl. 1. Petrus 2,5.9). Als ausrichtendes Schlusswort muss daher die »summa« des Römerbriefs dienen:

Dem aber, der euch zu befestigen vermag nach meinem Evangelium und der Predigt von Jesus Christus, nach der Offenbarung des Geheimnisses, das ewige Zeiten hindurch verschwiegen war, jetzt aber offenbart und durch prophetische Schriften, nach Befehl des ewigen Gottes, zum Glaubensgehorsam an alle Nationen kundgetan worden ist, dem allein weisen Gott, durch Jesus Christus, ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen. (Römer 16,25–27)


Endenoten

[1]            Eine besonders perfide – wenn auch gut gemeinte– Form davon ist die Prozedur der »Vier geistlichen Gesetze«, die Bill Bright, Gründer des Campus Crusade for Christ International, 1952 formulierte und als evangelistisches Traktat veröffentlichte. In dem Traktat stellt Bright die christliche Botschaft der Erlösung anhand von vier geistlichen Gesetzen dar, die nach seinem Verständnis die Beziehung des Menschen zu Gott ähnlich regeln, wie die Naturgesetze das Universum. Die vier Gesetze lauten:

  • 1.         Gott liebt Sie und hat einen wundervollen Plan für Ihr Leben. (Joh 3,16 EU, Joh 10,10 EU)
  • 2.         Der Mensch ist sündig und von Gott getrennt. Deshalb kann er die Liebe und den Plan Gottes für sein Leben nicht erkennen und erfahren. (Röm 3,23 EU)
  • 3.         Jesus Christus ist Gottes einziger Ausweg des Menschen aus der Sünde. Durch ihn können Sie die Liebe Gottes und seinen Plan für Ihr Leben kennenlernen und erfahren. (Röm 5,8 EU, 1 Kor 15,3–6 EU, Joh 14,6 EU)
  • 4.         Wir müssen Jesus Christus persönlich als Erlöser und Herrn aufnehmen, dann können wir die Liebe Gottes und seinen Plan für unser Leben erfahren. (Joh 1,12 EU, Eph 2,8–9 EU, Joh 3,1–8 EU, Offb 3,20 EU)

[2]            Römer 15,15–16 Ich habe euch aber teilweise freimütiger geschrieben, [Brüder,] um euch zu erinnern, wegen der Gnade, die mir von Gott gegeben ist, um ein Diener Christi Jesu zu sein für die Nationen, priesterlich dienend an dem Evangelium Gottes, damit das Opfer der Nationen wohlangenehm werde, geheiligt durch [den] Heiligen Geist.

[3]            Sinclair B. Ferguson, zitiert in: James Montgomery Boice und Philip Graham Ryken, The Doctrines of Grace, Wheaton, IL (Crossway) 2002, S. 179; Deutsch: Die Lehren der Gnade, Oerlinghausen (Betanien) 2009, S. 201. – Vgl.: »Christliche Theologie ist das Studium der göttlichen Offenbarung in der Bibel. Sie hat Gott als ihren immerwährenden Mittelpunkt, Gottes Wort als ihre Quelle und ein gottesfürchtiges Leben als ihr Ziel.« (vgl. Römer 11,36), aus: Biblische Lehre, S. 50.

Bildquelle: Martin Luther: 95 Thesen. Hans Lufft, Wittenberg 1557, Seite 9v. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:95_Thesen.pdf/1&oldid=- (Version vom 15.8.2018). Textauszug (Originalschreibweise): 1. »DA vnser Meister vnd HERR Jhesus Christus spricht / Thut Busse / etc. wil er / das / das gantze leben seiner Gleubigen auff Erden / ein stete vnd vnauffhörliche Busse sol sein. // 2. Vnd kan noch mag solch wort nicht vom Sacrament der Busse / das ist / von der Beicht vnd Gnugthuung / so durch der Priesterampt geübet wird / verstanden werden.«

Sola Scriptura: Das Fundament der Reformation

Artikel von Dr. Robert E. Brunansky (29.10.2025) | Reposted in German with kind permission by Dr. Brunansky (11.11.2025).

Am 31. Oktober 1517 schlug Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Kirche und löste damit die protestantische Reformation aus. Luther wollte keine politische oder spirituelle Revolution anzetteln, sondern eine Diskussion über das theologische Problem der Ablässe anstoßen. 

Der Verkauf von Ablässen in der römisch-katholischen Kirche hatte seinen Ursprung nicht in geistlichen, sondern in zivilrechtlichen Gründen. Im Mittelalter war die Kirche gleichbedeutend mit dem Staat und setzte daher nicht nur theologische, sondern auch zivilrechtliche Normen durch. Ablässe wurden also zunächst für Straftäter eingeführt, um für Vergehen gegen den Staat Buße zu zahlen, wodurch dessen Einnahmen erhöht und die Ausgaben gesenkt wurden. Ursprünglich versprach die Kirche keine geistlichen Vorteile durch den Kauf von Ablässen. 

Da Kirche und Staat jedoch vereint wirkten, verschwand diese Unterscheidung zwischen der zivilen Schuld und Vergebung und der geistlichen Schuld und Vergebung. Die Kirche erkannte, wie effektiv Ablässe bei der Erzielung von Einnahmen für kriminelle Aktivitäten waren, und begann, Ablässe für geistliche Versprechen zu verkaufen. Als Martin Luther neun Jahrhunderte später auftauchte, war der Verkauf von Ablässen für geistliche Vorteile weit verbreitet. Es überrascht nicht, dass Ablässe umso »geistlich vorteilhafter« wurden, je mehr Geld Rom benötigte.

Martin Luther verstand, dass wahre Erlösung durch die Vergebung von Sünden nicht mit vergänglichen Dingen erkauft werden konnte (1Petrus 1,18–19). Luther verurteilte daher zu Recht diesen Ablasshandel und verbreitete das Evangelium von Gottes Gnade. Dies löste einen Sturm der Entrüstung aus, da Rom seine Einnahmequelle nicht verlieren wollte.

Im Mittelpunkt der Reformation stand mit Recht das reine Evangelium. Um das Evangelium deutlich zu erklären, wurden Grundsätze entwickelt – die fünf Solas der Reformation. Das erste war sola gratia, was »allein aus Gnade« bedeutet. Wir empfangen die Erlösung, weil Gott sich frei dafür entschieden hat, sie uns zu schenken. Das zweite war sola fide, was »allein der Glaube« bedeutet. Werke können Sünder vor einem heiligen Gott nicht rechtfertigen, das Heil wird ausschließlich auf der Grundlage des Glaubens geschenkt.

Wie können wir jedoch vor einem Gesetz, das uns gebietet, bestimmte Dinge nur durch den Glauben und niemals durch Werke zu tun (oder nicht zu tun), gerecht stehen? Hier finden wir den Grundsatz von solus Christus, Christus allein. Unsere Erlösung basiert auf seinem Gehorsam, nicht auf unserem. Kein Mensch kann unsere Erlösung retten oder zunichte machen, nur Christus rettet. 

Soli deo gloria folgt dann nach Logik und gemäß der Heiligen Schrift. Wenn die Erlösung allein aus Gnade, allein durch den Glauben und allein in Christus geschieht, dann haben wir keinen Grund, uns zu rühmen. verdient Gott allein alle Ehre für unsere Erlösung (Römer 11,36). Das alles ist logisch konsistent. Aber die Reformatoren schufen damit kein philosophisches System, sondern versuchten nur zu erkennen, was die Heilige Schrift über die Erlösung lehrt. Das Grundprinzip, auf dem diese solasberuhten, war sola scriptura, allein die Heilige Schrift. Die Grundlage für die Argumente der Reformatoren waren nicht menschliche Traditionen, kirchliche Dogmen oder päpstliche Erlasse, sondern die Heilige Schrift selbst. 

Das heißt nicht, dass die Reformatoren bereits in allem Recht hatten. Die Reformatoren selbst waren sich über bestimmte Lehren uneinig, wie zum Beispiel die Taufe, die Natur der göttlichen Erwählung und das Abendmahl. Ihr Grundprinzip war jedoch, dass die Heilige Schrift für alle Fragen die letzte Autorität war. 

Das Prinzip »allein die Heilige Schrift« war damals radikal, aber es war schon immer umstritten. Das Hauptproblem mit »allein die Heilige Schrift« war nicht ihre Notwendigkeit. Alle waren sich einig, dass die Heilige Schrift notwendig war. Das Problem betraf ihre Hinlänglichkeit (Genugsamkeit). Reicht die Schrift, oder brauchen wir die Heilige Schrift plus kirchliche Traditionen, päpstliche Erlasse oder etwas anderes? Reicht es, wenn wir allein (exklusiv) die Heilige Schrift haben, um Gott, die Erlösung und ein gottgefälliges Leben zu kennen? Glauben wir an die Kraft der Heiligen Schrift, das zu tun, was sie verspricht? Und vor allem: Behauptet die Heilige Schrift selbst, für alles, was zum Leben und zur Frömmigkeit notwendig ist, ausreichend zu sein? 

Der Apostel Paulus beantwortete diese Frage seinem Schützling Timotheus (2Timotheus 3,16–17) brieflich aus dem Todestrakt eines römischen Gefängnisses heraus. Für Timotheus war dies eine beängstigende Situation. Wie sollte er ohne die Weisheit des Apostels Paulus wissen, was ferner zu tun war? Paulus gibt Timotheus eine klare Antwort. Timotheus muss sich an die Heilige Schrift halten, die ihn ausreichend für seine von Gott gegebene Aufgabe ausrüsten kann. Timotheus brauchte Paulus nicht notwendigerweise; er brauchte aber Gottes Wort. Hier liegt der springende Punkt: Die Heilige Schrift reicht völlig aus, um uns für alles auszurüsten, wozu Gott uns berufen hat. Die Hinlänglichkeit der Heiligen Schrift allein war das Argument des Paulus‘ gegenüber Timotheus, und es ist auch das Argument des Heiligen Geistes gegenüber uns. Was wir brauchen, um Gott zu gefallen und ihm zu gehorchen, sowohl individuell als auch gemeinschaftlich, ist sein Wort. Um dies zu verdeutlichen, möchte ich drei Wahrheiten über die Heilige Schrift aus diesem Abschnitt betrachten.

Erstens sollten wir die Quelle der Heiligen Schrift verstehen (Vers 16a).

Paulus sagt uns, dass die gesamte Heilige Schrift von Gott inspiriert ist. Gott ist der Verfasser der gesamten Bibel – nicht nur von Teilen davon. Die Heilige Schrift wurde von Gott eingegeben und ist das Werk des Heiligen Geistes. Die Bibel, die wir in unseren Händen halten, ist nicht aus menschlicher Genialität, Meinung, Philosophie oder Kreativität entstanden. Sie ist das Produkt des Geistes des ewigen Gottes.

Allzu leicht lassen wir uns von menschlichen Ideen, Forschungen, Gedanken und Meinungen überzeugen und vernachlässigen oder lehnen Gottes Wort ab. Dabei haben wir den Geist Gottes, der mit der Bibel redet. Die Heilige Schrift steht für sich allein als von Gott gegeben und von Gott eingegeben. Alles andere ist weit abgeschlagen.

Zweitens müssen wir die Nützlichkeit der Schrift verstehen (Vers 16b).

Gott hat uns kein esoterisches, abstraktes Buch der Metaphysik gegeben. Er hat uns ein Wort gegeben, das nützlich, praktisch und hilfreich ist. Keines seiner Worte ist unpraktisch, irrelevant, veraltet oder trivial – von 1Mose 1,1 bis Offenbarung 22,21.

Paulus skizziert vier Dinge, die die Heilige Schrift bewirkt. Zunächst sagt er, dass die Heilige Schrift für die Lehre nützlich sei. Was ein Mensch glaubt, hat einen entscheidenden Einfluss darauf, was er tut und wie er lebt. Menschen, die Irrtümer glauben, empfangen keine Wahrheit. Sie haben dann falsche Lehren, die verurteilen, zur Sünde führen und Zerstörung bringen. Christen hingegen sind im Glauben an die Wahrheit von Irrtümern befreit worden. Die Heilige Schrift ist also nützlich, um ein richtiges Verständnis von Gott, dem Menschen, der Welt, Satan, der Erlösung, dem Gericht und dem Gehorsam zu fördern. 

Außerdem sagt Paulus, dass die Schrift zur Überführung nützlich ist. Gottes Wort zeigt, was wahr ist, und beweist, was falsch ist, wo wir richtig liegen, und wo wir sündigen. Die Verfasser des Neuen Testaments verwenden die Schrift oft auf diese zweischneidige Weise und berufen sich sogar innerhalb der Bibel ständig auf die Bibel! Der dritte Verwendungszweck, den Paulus erwähnt, ist die Zurechtweisung. Die Schrift ist nützlich, um uns zu zeigen, wo unser Verhalten sündig, gottlos oder böse ist, und um dann korrigierend anzuweisen, wie wir unseren Kurs ändern müssen. Abschließend sagt Paulus, dass Gottes Wort nützlich ist für die Unterweisung in der Gerechtigkeit. Wir brauchen erziehende Unterweisung, damit wir nicht nur wissen, was zu tun ist, sondern auch dazu befähigt und willig sind, es konsequent in die Tat umzusetzen.

Für diese Dinge ist die Schrift nützlich. Gottes Wort lehrt uns, Wahrheit von Irrtum zu unterscheiden, Sünde abzulegen und zu gehorchen. Es ist äußerst nützlich und praktisch.

Schließlich müssen wir den Zweck der Schrift betrachten (Vers 17).

Der Zweck der Schrift ist es, uns vollständig zu befähigen, ein gottgefälliges Leben in einer feindseligen Welt zu führen. Die Bibel reicht aus, um uns alles zu lehren, wozu Gott uns berufen hat. Wenn wir in der Schrift verwurzelt sind, werden wir gründlich darin geschult sein, Gottes Willen zu tun.

Es gibt einen Fall, in dem die Schrift der Gemeinde oder den Gläubigen keinen Nutzen bringt, nämlich wenn Menschen sie ablehnen (Hebräer 4,2). Wenn die Schrift als irrelevant, unpraktisch oder machtlos erklärt wird oder erscheint, liegt das Problem nicht bei Gottes Wort. Die Schrift bringt keinen Nutzen, wenn Menschen nicht glauben, was sie lesen. Unglaube ist die einzige Barriere, das uns daran hindert, von der Schrift zu profitieren.

Die »Evangelikalen« sind die Erben der protestantischen Reformation. Es sollte kein Zweifel daran bestehen, dass die Heilige Schrift unsere letzte Autorität in allen Fragen der Lehre und Praxis ist und sein muss. Glauben wir also an das Wort Gottes? Ist unser Hören oder Lesen der Heiligen Schrift mit Glauben verbunden? Glauben wir, dass es uns lehren, überführen, zurechtweisen und unterweisen wird, Gottes Willen zu tun? Oder schauen wir auf die Meinungen und Ideen bloßer Menschen? 

Sola scriptura ist eine wunderbare Grundlage, aber ohne Glauben ist sie nutzlos. Lasst uns in Gottes Wort eintauchen, daran glauben und uns davon verwandeln lassen.

Über Robb Brunansky

Dr. Robert E. Brunansky ist Gemeindehirte und -lehrer in der Desert Hills Bible Church (DHBC) in Glendale, Arizona (USA). Er hat einen M. Div. von The Master’s Seminary in Sun Valley, CA (USA) und einen Ph.D. für Neues Testament vom Southern Baptist Theological Seminary in in Louisville, KY (USA). Robb uns seine Frau Randi sind seit über 20 Jahren verheiratet und haben vier Kinder, zwei Töchter und zwei Söhne.

Quelle und Disclaimer

Copyright 2025 by Robert E. Brunansky. Original (Link):
https://thecripplegate.com/sola-scriptura-the-foundation-of-the-reformation/

Eigene Übersetzung von grace@logikos.club. Erlaubnis für diese Veröffentlichung wurde vom Autor am 11.11.2025 erteilt.

Die Fluchrolle in Sacharja 5,3 | Beobachtungen im Text

Beim Studieren des Propheten Sacharja begegnet man einer Stelle, die recht unterschiedlich in den deutschen Übersetzungen wiedergegeben wird. Das macht neugierig. Im Folgenden ein paar Hinweise, welche Probleme im Text und/oder Textverständnis vorliegen und wie es zu den Übersetzungsvarianten kommt.

Textvarianten

Varianten mit Bezug auf die zwei Seiten der Fluchrolle

ELBCSV: Und er sprach zu mir: Dies ist der Fluch, der über die Fläche des ganzen Landes ausgeht; denn jeder, der stiehlt, wird entsprechend dem, was auf dieser Seite der Rolle geschrieben ist, weggefegt werden; und jeder, der falsch schwört, wird entsprechend dem, was auf jener Seite der Rolle geschrieben ist, weggefegt werden.

SCHL2000: Und er sprach zu mir: Das ist der Fluch, der über die Fläche der ganzen Erde ausgeht; denn jeder Dieb wird weggefegt werden gemäß dem, was auf dieser Seite [der Rolle] steht, und jeder, der falsch schwört, wird weggefegt werden gemäß dem, was auf jener Seite [der Rolle] steht.

Menge: Denn jeder, der stiehlt, wird ausgetilgt, wie auf der einen Seite der Rolle geschrieben steht, und jeder, der falsch schwört, wie auf der anderen Seite.

Gute Nachricht Bibel: Jeder, der stiehlt, wird verschwinden, so wie auf der einen Seite der Schriftrolle geschrieben steht, und jeder, der falsch schwört, so wie auf der anderen Seite.

NeÜ (Vanheiden): Denn jeder, der stiehlt, wird verschwinden, wie es auf der einen Seite steht, und jeder, der falsch schwört, wie auf der anderen Seite.

Varianten ohne Bezug auf die zwei Seiten der Fluchrolle

ELB2006: Und er sprach zu mir: Dies ist der Fluch, der ausgeht über die Fläche des ganzen Landes. Denn jeder, der stiehlt, ist bisher – wie lange nun schon! – ungestraft geblieben, und jeder, der falsch schwört, ist bisher – wie lange nun schon! – ungestraft geblieben. (plus Anmerkung, dass dies ein rekonstruierter Text ist).

Luther 2017: Dies ist der Fluch, der ausgeht über das ganze Land; denn wer stiehlt, der soll nach diesem Fluch ausgerottet werden, und wer falsch schwört, der soll nach diesem Fluch ausgerottet werden.

Einheitsübersetzung 2016: Das ist der Fluch, der über die ganze Erde ausgeht: Jeder Dieb wird von nun an wie dort beseitigt, und jeder, der falsch schwört, wird von nun an wie dort beseitigt.

Züricher 2007: Das ist der Fluch, der ausgeht über die ganze Erde; denn jeder Dieb wird wie dort beseitigt, und jeder, der falsch schwört, wird wie dort beseitigt.

Erklärung der Unterschiede

Text. Der hebräische Text ist textkritisch schwierig und führt daher zu sehr unterschiedlichen deutschen (und anderssprachigen) Übersetzungen. Schon der Masoretische Text (sonst Referenz zum AT) ist unklar. Der Text wirkt grammatisch unklar, evtl. verdorben oder verschoben. Ein wichtiges hebr. Verb (niqqāh) ist zweideutig, kann »unschuldig sein«, »frei ausgehen«, aber auch »ausgerottet werden« und »verschwinden« bedeuten, also genau das Gegenteil. Das alles verlangt nach Orientierung von anderer Stelle aus.

LXX. Also schaut man nach, wie die Juden es in der LXX-Übersetzung (jüd. Übersetzung des AT aus dem Hebräischen ins Griechische um etwa 250 v.Chr.) verstanden und übersetzt haben. Der griech. Text lautet übersetzt so: „Denn jeder Dieb wird von hier wie jener ausgerottet werden, und jeder, der falsch schwört, wird von hier wie jener ausgerottet werden“. Das passt auch zum engeren Kontext, wo die Fluchrolle Strafe und Tilgung bringt, nicht Freispruch.  Daher folgen heute viele einer Wiedergabe entsprechend der LXX.

Enger Kontext: (1) Sacharja sieht: »Ich sah, und siehe, eine fliegende Schriftrolle!  Und er sprach zu mir: Was siehst du?  Ich sagte: Ich sehe eine fliegende Schriftrolle, zwanzig Ellen lang und zehn Ellen breit.« Das ist also eine Rolle mit Schrift, die als Fluch über das Land ausgeht.  In der Antike waren solche Fluchrollen oft beidseitig beschrieben, s.u. –  (2) Der Text in Sacharja 5,3b lautet im Masoretischen Text: »Denn jeder, der stiehlt, von hier, wie sie, wird [niqqāh]; und jeder, der schwört, von hier, wie sie, wird [niqqāh].«, wobei das Wort [niqqāh] eben doppeldeutig ist, s.o. Das klingt verwirrend, weil zweimal das »von hier» steht, aber kein klares Bezugswort dasteht (z.B. »der Seite«, »der Rolle«). Und dann ist auch das »wie sie« nicht klar: Wer oder was ist hier gemeint?

Die »Zwei-Seiten (der Rolle)«-Deutung. Man versteht es so, dass von den zwei Seiten der Schriftrolle geredet wird, »wie sie [beschrieben ist]«. Das ist kein fremder Gedanke; z. B. in Hesekiel 2,9–10 heißt es ausdrücklich: »Und ich sah: Und siehe, eine Hand war gegen mich ausgestreckt; und siehe, darin war eine Buchrolle. Und er breitete sie vor mir aus, und sie war auf der Vorder- und auf der Rückseite beschrieben; und Klagen und Seufzer und Wehe waren darauf geschrieben.« Hier ist also ein Anknüpfungspunkt für die Vorstellung, dass von »zwei Seiten der Rolle« die Rede ist. Entsprechend kann man umschreiben: »Dies ist der Fluch, der ausgeht über das ganze Land:  denn jeder, der stiehlt, wird beseitigt, nach dem, was auf der einen Seite der Rolle geschrieben steht, und jeder, der falsch schwört, wird beseitigt, nach dem, was auf der anderen Seite steht.« – Das passt auch thematisch gut: Die erste Seite richtet sich gegen Diebstahl (zweite Tafel des Dekalogs), die zweite Seite gegen Meineid (erste Tafel des Dekalogs, da der Name des Herrn dabei missbraucht wird). Diese Parallele zu den beiden Tafeln des Gesetzes ist naheliegend und wird oft in Predigten entsprechend hervorgehoben. Werden mit den beiden genannten Geboten synekdotisch jeweils ihre Klasse (i.S. der Zweiteilung des Dekalogs nach gottgewandten Geboten (Tafel 1) und menschgewandten Geboten (Tafel 2)) angesprochen, dann ist damit letztlich der gesamte Dekalog gemeint.

Sprachliche Grundlage. Tatsächlich kann der hebr. Ausdruck »beidseitig« bedeuten. Es fehlt aber das verbindende »und«, was ungewöhnlich ist, aber evtl. hat man das eben auch so gut verstanden (stilistische Kürze) und/oder es liegt einen Fehler im Manuskript/Abschrift vor.

Sprachliche Kritik. Diese Deutung auf die beiden Seiten der ausgebreiteten Rolle steht nicht explizit (wörtlich, ausdrücklich) im Text, sondern ist eine interpretatorische Glättung, die sich auf Parallelen in 2Mose 32,15 und Hesekiel 2,10 stützt. Kontextlogisch passt sie aber hervorragend.

Fazit

Die Idee, dass Sacharja 5,3 von den zwei Seiten der Fluchrolle spricht, ist sprachlich und symbolisch gut begründet, aber nicht eindeutig/ausdrücklich im überlieferten hebräischen Text gegeben. Sie ist eine interpretative Lösung des schwierigen Doppel-„מִזֶּה“ (»von hier«)– angelehnt an Parallelen wie 2Mose 32,15 und Hesekiel 2,10 – und wurde besonders von modernen Übersetzungen aufgegriffen, um dem Vers einen klaren, verständlichen Sinn zu geben. Grundlehren der Schrift werden von den Varianten nicht berührt.

Zwei Kommentare zum »Zweiseiten«-Verständnis

»5,3–4 Auf der Buchrolle stand der Fluch über jeden Dieb und jeden, der falsch schwört. Als Teil dieses Fluches würde das Haus eines jeden, der gestohlen oder falsch geschworen hat, zerstört werden, sowohl das Gebälk als auch die Steine. Vielleicht hat diese Vision mit dem weltweiten Gericht zu tun, das der Errichtung des Reiches Christi vorausgeht. Mit Sünden gegen den Menschen (Diebstahl) und Sünden gegen Gott (Meineid) wird man sich zu jener Zeit beschäftigen. (Diese beiden können auch die zwei Tafeln des Gesetzes symbolisieren.)«
(MacDonald, William ; Eichler, C. ; Grabe, H. ; Reimer, M. ; Wagner, A. ; Passig, S. ; Passig, E.(Übers.): Kommentar zum Alten Testament. 2. Auflage. Bielefeld : Christliche Literatur-Verbreitung, 2010)

»3 Die Botschaft und Bedeutung der Schriftrolle werden offenbart. Diejenigen, die beharrlich den Bund brachen (2. Mose 20), würden den Fluch (die Strafe) für Ungehorsam und Untreue erfahren (5. Mose 27,26). Da die Schriftrolle offenbar wie die beiden Gesetzestafeln (2. Mose 32,15) auf beiden Seiten beschriftet war, muss die eine Seite den Fluch gegen diejenigen enthalten haben, die das dritte Gebot des Gesetzes übertreten hatten, während die andere Seite den Fluch gegen diejenigen enthielt, die das achte Gebot gebrochen hatten. Der Dieb brach das achte Gebot, und wer falsch schwor, verstieß gegen das dritte Gebot. Aus Vers 4 geht klar hervor, dass es sich um das dritte Gebot handelte und nicht um das neunte. Wir haben hier eine Form der Synekdoche, bei der die Art für die Gattung steht (vgl. Bullinger, S. 625–629). Mit anderen Worten, diese beiden repräsentativen Sünden – vielleicht waren Diebstahl und Meineid zu dieser Zeit die häufigsten – stehen für alle Arten von Sünde. Der Punkt ist, dass Israel sich schuldig gemacht hatte, das gesamte Gesetz gebrochen zu haben.«
(Barker, Kenneth L.: Zechariah. In: Gaebelein, F. E. (Hrsg.): The Expositor’s Bible Commentary: Daniel and the Minor Prophets. Bd. 7. Grand Rapids, MI: Zondervan Publishing House, 1986, S. 632–633; eigene Übersetzung von grace@logikos.club)

Das Gleichnis vom vierfachen Ackerboden im Markusevangelium

Posttraumatische Betrachtung einer missglückten Verkündigung 

10 Und als er allein war, fragten ihn die, die um ihn waren, mit den Zwölfen über die Gleichnisse.
11 Und er sprach zu ihnen: Euch ist es gegeben, das Geheimnis des Reiches Gottes [zu]erkennen]; denen aber, die draußen sind, wird alles in Gleichnissen zuteil, 12 damit »sie sehend sehen und nicht wahrnehmen, und hörend hören und nicht verstehen, damit sie sich nicht etwa bekehren und ihnen vergeben werde.« 
Markus 4,10–12 (ELBCSV)

Im September 2025 sprachen drei Redner über den oben angegebenen Text aus dem Evangelium nach Markus: der erste recht ausführlich, der zweite eher ergänzend und episodisch, der dritte versuchte eine rettende Zusammenfassung. Leider wurde von allen etwas gelehrt und gesagt, das nicht im Text steht noch dessen Lehre wiedergibt. Das reicht von einfachen Beobachtungsfehlern, über das Reden von biblisch Wahrem, das aber an anderer Stelle anders gesagt und daher keine Auslegung des vorliegenden Textes ist, bis zu Behauptungen, die im direkten Widerspruch zum Text stehen.

Zur Verarbeitung des nicht geringen Zuhörer-Schocks versuchen wir, einige analytische und einige ermahnende und einige motivierende Gedanken niederzuschreiben. Das Ziel solcher Betrachtung ist mehrfach. Wichtig wäre, daraus zu lernen, solche Fehler in Zukunft nicht mehr (so häufig) zu machen. Wir sind alle Lernende und noch nicht Vollkommene. Auch in der Verkündigung. Also: Lasst uns aus diesem menschlich peinlichen und Gott verunehrenden »Unfall« lernen!

Kontext

Kontext: Dieser Text ist Teil des Diskurses Jesu mit seinen Jüngern und weiteren (»die um ihn waren«; 4,10) über die Gleichnisse (Plural!), von denen eines in den Versen 4,3–9 (samt Appell) berichtet wird: das sog. Gleichnis vom Sämann oder Gleichnis vom vierfachen Ackerboden.

Um was geht es: Jesus sagt, dass er mit diesem Gleichnis vom »Geheimnis des Reiches Gottes« rede (4,11). Zusätzlich sagt er, dass dieses Gleichnis samt den anderen der Lehre diene (4,2).

Weiterer Kontext

(1)  Dieses Gleichnis wird in allen 3 Synoptikern wiedergegeben, allerdings mit bedeutsamen Unterschieden, die zur jeweiligen Botschaft des Evangeliums passen. Der Herr hat dieses grundlegende Gleichnis wohl oft erzählt und die Betonung unterschiedlich gelegt. Das ist zu beachten, daher ist der jeweilige Kontext wichtig. Man sollte daher nicht unbesehen den Text in Matthäus verwenden, um den Text in Markus zu erklären!

(2)  In Markus wird Jesus Christus, der Sohn Gottes, als Diener oder Knecht Gottes dargestellt, der mit mächtigen Worten und Taten Gott dient. Er ist der »Knecht Jahwes«, von dem das AT spricht (s. z.B. Jesaja 42,1; 52,12; 53,11).

(3)  Gleichzeitig berichtet Markus auch, wie der Vorbild-Diener Jesus die nächste Generation von Dienern, die Apostel und andere, ausbildet. Daher erklärt Jesus den Jüngern manches, was er tut und warum er es tut. So auch hier bei deren Fragen, warum Jesus (plötzlich) in Gleichnissen zu den Volksmengen redete.

Genre

Wir haben hier ein Gleichnis! Ein Gleichnis lehrt eine Sache, hat (zumeist) nur eine Pointe. Alles andere wird dort nicht gelehrt. Einem Gleichnis wird Gewalt angetan, wenn man – wie geschehen – die eigentliche Lehraussage nicht erkennt, sondern vorgefasste Probleme und Meinungen in das Gleichnis hereinträgt. Ein Gleichnis darf auch nicht zur Allegorie gemacht werden, bei der alles im Bildbereich Erwähnte einen geistlichen Sinn im Gegenstandsbereich haben soll.

Dass dabei die Gefahr besteht, den Geist Gottes zu beleidigen, ist offenbar. Das geschieht, wenn wir dem vom Ihm gegebenen Text etwas zuzuschreiben, was Er nicht sagt und nicht beabsichtigt hat. Zumindest ist dann das Gesagte und Behauptete nicht das betrachtete Gottes Wort und hat keine entsprechende Autorität. Das sollte man vermeiden, auch wegen der unmittelbaren Gefahren.

Was lehrt das Gleichnis? 

Jesus zeigt m.E. seinen Jüngern (und anderen) auf, warum die Predigt des Wortes, so wie Er es als treuer Knecht Gottes selbst vorlebte und wie es die Jünger in Seinem Auftrag ebenfalls tun sollten, zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen führt. Diese (manchmal frustrierende) Folge ihrer treuen Predigt sollte sie nicht entmutigen, denn:

  1. Der Mangel an (nachhaltiger) Frucht liegt weder am Sämann noch am Samen. Das galt für den Herrn Jesus Christus selbst, das gilt auch für jeden seiner Nachfolger, der das Wort Gottes rein und richtig verkündigt. (Das ist die Herausforderung jedes Predigers!) – Es ist z.B. keine Nachlässigkeit des Sämanns, dass er nicht zuerst den Boden gepflügt hatte, sondern das war damals einfach so üblich. Dieses Randthema im Bildbereich des Gleichnisses ist nicht »zu vergeistlichen« (in den Gegenstandsbereich zu übertragen)!
  2. Das beobachtbare Ergebnis des Ausstreuens des Samens (=des Predigens des Reiches Gottes), die nachhaltige Frucht, hängt nach Markus davon ab, wohin der Same gesät wird: »an dem Weg, wo das Wort gesät wird«, »auf das Steinige gesät«, in die Dornen gesät« oder »auf die gute Erde gesät«. – Nicht alles, was man das Wort predigend aussät, geht auf.
  3. Vier deutlich verschiedene Wirkungen/Ergebnisse bei gleichem Samen werden damit beschrieben. Aber Markus sagt nicht, dass das »Herz« der Hörer so sei, wie der jeweilige Ackerboden. Das ist bei Matthäus 13,19 und Lukas 8,12.15 die Erklärung, aber nicht bei Markus. Die Formulierung in Markus ist eine andere, nämlich: »diese sind die, die/wo…gesät sind« (Markus 4,15–20). Das heißt, die Personen samt ihrer Reaktion auf das Wort werden im Gleichnis mit der Fruchtbarkeit der verschiedenen Ackerböden verglichen.
  4. Die Vermutung, dass dabei das Herz eine große Rolle spielt, ist biblisch wahr, aber nicht Teil des Gleichnisses noch seiner Auslegung durch den Herrn Jesus in Markus. Das Herz wird zwar in der AT-Referenz Jesaja 6,10 zweimal erwähnt, aber genau diesen Teil zitiert der Herr Jesus in Markus nicht, sondern nur den Teil mit den Augen und Ohren (Markus 4,12)! – In Matthäus und Lukas wird jeweils ein anderer Schwerpunkt gesetzt und in Matthäus wird begründend das Jesaja-Zitat inkl. der Nennung des Herzens wiedergegeben. Dieser Unterschied hat Bedeutung. Der Prediger muss in der Vorbereitung seiner Predigt klären, welche!
  5. Die Frucht ist bei Markus progressiv wachsend: 30➞60➞100. Nicht, wie der dritte Redner falsch zitierte, absteigend (so nur in Matthäus 13,8.23, was zu dessen Botschaft passt). Diese Entwicklung einiger Hörer ist also sehr ermutigend für den Prediger, ähnlich Lukas 8,15, wo solche sind, die »Frucht bringen mit Ausharren« (ohne Stufung).
  6. Das Zitat einer AT-Stelle fordert, dass man auch deren Kontext und Bedeutung erarbeitet. Schon im AT wird ermutigt, das Wort zu predigen, selbst wenn es nicht bei jedem Hörer Frucht bringt. Es kann sogar sein, dass niemand hört/gehorcht, wie bei Jeremia (Jeremia 5,20ff)! Vielleicht verdeutlicht der Herr Jesus hier Prediger 11,4ff: »Wer auf den Wind achtet, wird nicht säen, und wer auf die Wolken sieht, wird nicht ernten. Wie du nicht weißt, welches der Weg des Windes ist, wie die Gebeine im Leib der Schwangeren sich bilden, ebenso weißt du das Werk Gottes nicht, der alles wirkt. Am Morgen säe deinen Samen und am Abend zieh deine Hand nicht ab; denn du weißt nicht, welches gedeihen wird: ob dieses oder jenes, oder ob beides zugleich gut werden wird.« – Das ist m.E. auch die Botschaft dieses Gleichnisses in Markus 4, die der Herr Jesus seinen Nachfolgern lehrte.

Wird der Lehr-Punkt des Gleichnisses hier in Markus nicht erkannt oder werden weitere Gedanken (bibel-richtige oder -falsche) ins Gleichnis des vorliegenden Textes hineingelesen oder gar das Gleichnis vergewaltigend allegorisiert, wird man es nicht begreifen. Man missbraucht es letztlich, wenn auch ohne böse Absicht, sondern oft einfach mangels gründlichen Studiums des Textes. Das dann Gesagte hat keine Autorität des Textes und kann sogar verführend oder vernebelnd wirken.

Was lehrt das Gleichnis in Markus nicht? 

  1. Das Gleichnis lehrt nicht, dass ein Mensch ermahnt werden soll, seinen Ackerboden (Herzensboden) zu verändern. Es geht nicht um Ermahnung der Hörer, sondern um Ermutigung der Verkündiger (Evangelisten, Apostel u.a.). Sie sollen stets weiter säen, egal wieviel Frucht entsteht oder nicht. – Die Ermahnung, recht zu hören, wird an anderer Stelle getroffen, zum Beispiel in Lukas 8,18: »Gebt nun Acht, wie ihr hört; denn wer irgend hat, dem wird gegeben werden, und wer irgend nicht hat, von dem wird selbst das, was er zu haben meint, weggenommen werden«. Vgl. dazu auch: 5Mose 8,20; Psalm 95,7–11 mit Hebräer 3,7.15; 4,7. – Bleiben wir aber bei Markus!
  2. Das Gleichnis lehrt nicht über eine »Prädestination des Ackerbodens«. Der erste Hauptredner sagte, dass die Hauptfrage zum Text folgende sei: »Die erste Frage, wo ich Probleme hatte: Ist das Prädestination, ist das Vorherbestimmung? Können die Menschen überhaupt dafür irgendwas, dass sie der Weg, das Steinige, das Fels ist sind?« [sic].  – Mit dieser Angabe wurde sofort klar, dass die Predigt höchstwahrscheinlich ins Kraut schießen wird, denn dieses Thema wird im Text überhaupt nicht genannt noch behandelt, es ist jedenfalls nicht seine erste Frage! – Die biblische Lehre der Zuvorbestimmung (Prädestination) muss man zuerst in diesen Text hineinlegen, wenn man ihn dort finden will. Ist Prädestination das zu lehrende Thema, dann muss man aber zu Stellen im Wort Gottes gehen, wo darüber gelehrt wird, nicht zu Stellen, wo von der Verantwortung des Menschen die Rede ist. (s.u. unter »Angebliche Probleme«)
  3. Der dritte Redner meinte, vielleicht um die Verkündigung zu retten, dass die erste, wichtigste Frage des Gleichnisses vielmehr folgende sei: »Was verhindert bei dir die Frucht?« – Aber das Gleichnis spricht nicht zum Ackerboden mit der Aufforderung, er möge sich ändern! Das könnte evtl. eine weithergeholte Anwendung sein (und zwar basierend auf einer anderen Stelle der Schrift!), sie gründet aber nicht auf dem Zentralgedanken (d.h. der Lehre) des Gleichnisses. Die »erste Frage« eines Gleichnisses ist ihr Hauptpunkt, und der richtet sich in Markus m.E. an die Prediger (Sämänner) der Frucht, und nicht an den Ackerboden. Christus lehrt hier, warum das gute Wort Gottes nicht überall 100% Frucht bringt (wenn es doch göttlich, ja Gottes Kraft, ist). Die Antwort ist: Es liegt an den Hörern, wie sie das Wort Gottes aufnehmen – oder auch nicht aufnehmen. Dies aber liegt außerhalb der Verantwortung des Predigers. – Die Zuhörer der hier behandelten Verkündigungsbeiträge wurden aufgefordert, folgende Zentralfrage mit nachhause mitzunehmen: »Hat das Wort Gottes bei dir Auswirkungen, hat es in deinem Herzen Auswirkungen, kann es aufgehen, kann es wachsen?« (usw.). Es wurde also der Ackerboden ermahnt, wie es im Markus-Text nirgendwo getan wird. (Wenn das das Thema sein sollte, sollte der Prediger eher Lukas 8,18 verwenden: »Gebt nun Acht, wie ihr hört«, s.o.)
  4. Das Gleichnis in Markus erklärt auch nicht, dass der Ackerboden dem »Herzensboden« der Hörer zu vergleichen sei. Der Herr lehrt und deutet es nicht so. Das »Herz« taucht weder im Gleichnis noch in der Erklärung auf. Der dritte Redner lieferte hier leider noch eine weitere falsche Angabe, die zu Matthäus 13 gehört, was aber nicht der betrachtete Predigttext war.
  5. Der erste Redner sagte abschließend: »Dieses Gleichnis lehrt uns, dass wir selber entscheiden können, wie wir sind, welche Erde wir sind, ob wir Christen sind oder nicht.« – Nein, das lehrt dieses Gleichnis in Markus 4 sicher nicht! Es lehrt vielmehr, dass es einigen (den Jüngern) »gegeben ist, das Geheimnis des Reiches Gottes zu erkennen« (4,11), aber »denen, die draußen sind« (und das ist immer deren Schuld!) wird alles in geheimnisvoller Sprache (Gleichnissen) gesagt, »damit« sie nicht sehen, wahrnehmen, bekehren, vergeben werden! – »Es wird ihnen gegeben« heißt gerade nicht, »sie können selbst entscheiden«! Die erste Aufgabe beim Verstehen eines Textes ist: Aufmerksam Beobachten!

Angebliche Probleme im Text

Das »Problem«, das der erste Redner im Text sah und einleitend wie auch später aufgreifend besprach, war die »Prädestination«. Es ist erstaunlich, dass dieses Thema, das ja an anderer Stelle der Schrift völlig klar gelehrt wird, (1) hier gesucht wird, wo es weder mit Begriff genannt noch inhaltlich verhandelt wird, und (2) Zweifel an einer klaren Lehre der Schrift geäußert werden, zudem mit dafür völlig untauglichem Bibeltext. Da fehlt es (wohl auch) an Basics in der Heilslehre. Es tut in der Seele weh, wenn solche eklatanten Mängel in den Grundlagen des Glaubens und der Verkündigung von der Kanzel ausgebreitet werden dürfen.

Der zweite Redner stürzte sich (auch) auf Vers 12, der ihm früher »sehr viel Bauchschmerzen gemacht« habe. Dann versuchte er, das (telische»damit« umzuerklären, und ihm eine andere Deutung zu geben. (Ich denke nicht, dass diese Behauptung einer gründlichen Untersuchung des Textes entsprang.) Er behauptete, dass dies »eine typische Elberfelder Übersetzung« (i.S. des konkordanten Übersetzungsansatzes) sei. Das »damit« (gr. hina) könne vielmehr mehrere Bedeutungen haben und würde hier eine Begründung einleiten (also kausal sein): »weil sie«. Diese Behauptung einer nicht-telischen Bedeutung von hina (was aber die Hauptbedeutung  dieses Wortes ist) kommen hauptsächlich von solchen Theologen, die die Souveränität Gottes im Heil und Gericht und diese Rede Jesu als »zu hart« ablehnen. Es ist also nicht bessere Deutung, sondern Um-Deutung in Richtung der eigenen vorgefassten theologischen Meinung. Die Schwierigkeit ist auch nicht zu umgehen mit der Erklärung, dass eben einige nicht lange genug Jesus zugehört haben, sondern vorzeitig gegangen seien (und dann »draußen« waren), und daher nicht verstehen würden. Diese Leute hätten vielmehr auch tausend Stunden hören können, ohne zu verstehen. – 
Einige klärende Kommentatoren dazu: »Das Zitat wird mit der griechischen Konjunktion hina (damit) eingeleitet, die in diesem Fall keine resultierende Bedeutung haben kann, sondern einen Zweck bezeichnen muss (Alf, I, 333*)« (Pfeiffer/ Harrison). – »ἵνα wahrscheinl[ich] fin[al] damit; ein Ausweichen auf Nebenbedeutungen wie so dass (kons.) od. weil/denn (kaus.) o.ä., sprachl. zwar z. T. nicht unmögl. (vgl. B II2; BDR § 4562), erscheint forciert« (von Siebenthal). – »Das ἵνα darf nicht abgeschwächt werden, wie ita ut, wie Rosenmüller und andere behaupten. Wir müssen daran festhalten, dass diese harte Äußerung auf Jesaja 6,9 ff basiert und daher im Sinne dieser Stelle interpretiert werden muss.« (Lange/Schaff).

Viel besser, weil textgebunden, wäre es also, wenn man sich das Jesaja-Zitat, das der Herr hier (in Auszügen) verwendet, einmal genauer anschauen würde. Es steht in Jesaja 6, nach einigen Kapiteln Gerichtsworten. Daher ist es naheliegend, dass Jesus auch hier richtend über die ungläubigen Menschen redet. Und in der Tat lehrt die Schrift im Prinzip und vielen Beispielen, dass Gott aktiv mit Verhärtung Menschen bestraft, so dass sie sich nicht (mehr) bekehren können. 
(Danach schweifte dieser zweite Redner anekdotisch ab in den Gedanken, dass Gott, der Schöpfer, nicht effizient arbeite, sondern verschwenderisch sei. Das gehört aber wohl sicher nicht zum Lehrpunkt dieses Gleichnisses. Auch die misslungenen eigenen Aktivitäten, von denen er aus seinem Erleben anschließend anekdotisch berichtete, haben mit der Deutung des Gleichnisses nichts zu tun.)

Die »Problemstelle« Markus 4,12 im einzelnen

Markus 4,12 erklärt nicht, was das in Versen 3–9 gegebene Gleichnis bedeutet, sondern klärt vielmehr die Frage der Jünger (4,10), warum der Herr Jesus nun (überhaupt) in Gleichnissen redete. Das hatte er offenbar zuvor nicht gemacht. Also ging es ihnen nicht zuvorderst um den Inhalt und die Bedeutung des Gleichnisses (4,10.11 sagt: Gleichnisse; Plural!), sondern um die Tatsache, dass ihr Herr nun in Gleichnissen redete.

1.    Der Herr sagt seinen Jüngern, dass es ihnen »gegeben« war, »die Gleichnisse des Reiches Gottes zu erkennen« (4,11). – »Gegeben« spricht von Gottes Gabe und damit Gnadengeschenk – mithin Gottes Souveränität– nicht von menschlicher Verantwortung und Verdienst! (Das hat der erste Redner schon einmal völlig übersehen.)

2.    Zweitens sagt der Herr, dass »denen aber, die draußen sind« (4,11), »alles in Gleichnissen zuteil wird«, und zwar mit der Absicht, dass sie es nicht erkennen. Das ist hier Gottes Wille und Absicht, daher wählt der Herr souverän eine offenbar geheimnisvolle Lehrweise, die dazu führt, dass jene, die draußen sind, es »nicht wahrnehmen« und es »nicht verstehen« und folglich keine Vergebung empfangen (4,12).

3.    Als Begründung verweist der Herr auf einen alten Text vom Propheten Jesaja zurück. Dort heißt es wörtlich (Jesaja 6,10): »Mache das Herz dieses Volkes fett, und mache seine Ohren schwer, und verklebe seine Augen: damit es mit seinen Augen nicht sieht und mit seinen Ohren nicht hört und sein Herz nicht versteht und es nicht umkehrt und geheilt wird«. Es redet von Israel im Unglauben, dem nun im Gerichtshandeln Gottes jede Möglichkeit des Verstehens und Annehmens der guten Botschaft genommen wird. Gott Selbst nimmt diesem Volk die Heilsmöglichkeit.
Die so Gerichteten sind in dieser Sache rein passiv Empfangende, nicht Aktive. Die Vorgeschichte erklärt, warum Gott dies so tut. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Jesaja 6,9–13 eine gerichtliche Antwort Jahwes ist, die durch die gleichnishafte Verkündigung seines Propheten gegenüber dem götzendienerischen Juda erfolgt, dessen Bekenntnisse zur Treue gg. Jahwe durch die Ablehnung der Anweisungen Jahwes durch ihre Führer widerlegt werden.

4.    »damit«: Es ist falsch, wenn man die Verwendung der Stelle aus Jesaja 6 in Markus 4,12 so erklärt, dass das anbindende »damit« (gr. hina) keine Absicht angeben würde. Noch falscher ist der Versuch, die Ursache-Wirkungs-Kette umzukehren! Das »damit« muss telisch verstanden werden (telisch=auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtet). Denn es ist Gottes Ziel und Absicht (im Gericht), dass diese Menschen nicht mehr verstehen, und so nimmt er ihnen die in Gnaden verliehene Fähigkeit zu verstehen wieder weg. Die Führer Israels waren zur Zeit Jesu größtenteils bereits in Ablehnung und Mordgedanken gg. Jesus verhärtet im Herzen. Darin belassen zu werden bedeutete ewiges Verderben. Aber die selektive Gnade Gottes erweichte und rettete doch einige, wie den Cheftheologen der Juden, Nikodemus, und den reichen Ratsherrn Josef von Arimathia.

  • Die Jesaja-Stelle wird auch in Johannes 12,39ff begründend und erklärend für den Unglauben des Volkes und seiner Führer angegeben: »Darum konnten sie nicht glauben, weil Jesaja wiederum gesagt hat: ›Er hat ihre Augen verblendet und ihr Herz verhärtet, damit sie nicht sehen mit den Augen und verstehen mit dem Herzen und sich bekehren und ich sie heile.‹ Dies sprach Jesaja, weil er seine Herrlichkeit sah und von ihm redete«. – Das einleitende Wort »darum« wird im Argument mit »weil« fortgesetzt. Noch klarer kann man Ursache und Wirkung, Absicht und Folge nicht darstellen: Gott verstopft Augen und Ohren im Gericht und raubt damit alle Möglichkeiten des Verstehens, des Umkehrens und damit des Heils. 
    Dass Johannes die Souveränität Gottes im Heil herausstellt (nachdem schon Jahrzehnte die Synoptiker mit den anderen Schwerpunktsetzungen bekannt waren), ist typisch für seine besondere Botschaft vom souveränen Retter-Gott.
  • Angewandt (auf Markus 4): MancheMenschen werden unserer Evangeliumspredigt nicht mit Verstehen, Umkehr und Glauben folgen, weil Gott ihre Augen und Ohren (noch) verstopft hat. – 
    Darum beten wir zu Gott, er möge gnädig und barmherzig sein, die Augen und Ohren der Verlorenen (und verbockten Gläubigen!) zu öffnen. Ob Gott das dann tut, ist Seine souveräne Sache. –
    Das muss ein Verkündiger der Guten Nachricht bedenken, wenn er auf die unterschiedlichen Reaktionen seiner Zuhörer blickt. Paulus redete von diesem Erleben als Verkündiger der Guten Botschaft so: »Denn wir sind für Gott ein Wohlgeruch Christi in denen, die errettet werden, und in denen, die verloren gehen; den einen ein Geruch vom Tod zum Tod, den anderen aber ein Geruch vom Leben zum Leben«. Er zieht daraus nicht die Schlussfolgerung, dass er nun den »Samen« seiner Verkündigung ändern müsse, sondern ganz im Gegenteil: »Denn wir verfälschen nicht, wie die Vielen, das Wort Gottes, sondern als aus Lauterkeit, sondern als aus Gott, vor Gott, reden wir in Christus« (2Korinther 3,15–17). Der Mangel liegt nicht am Wort, am Evangelium.  Daher müssen wir es so unverfälscht und genau wie möglich verkündigen. Das rechtfertigt und bedingt allen Aufwand in der Vorbereitung der Verkündigung. – 
    Bedenken wir noch dieses ergänzend: Wäre das Verstehen und das Heil allein eine Sache der Verantwortung des Menschen (Hörers), müssten wir jeden Menschen bitten, betteln, psychologisch bearbeiten. (Das kann man auch hier und da leider beobachten.) Aber wenn jemand die »Freiheit des Menschen« in der Heilswahl betont, dann wäre selbst dieses für ihn eine unzulässige Einmischung in die Souveränität und Freiheit des Menschen. Die biblische Verpflichtung lautet: Wir zwingen niemand zum Heil, weil das nicht geht und uns nicht geheißen ist, aber motiviert von der Retterliebe Jesu »überreden« wir unsere Zuhörer (2Korinther 5,11).

Weiterer Kontext der Schrift, »Parallelstellen«

  1. Jesaja 28,13 (ELB85): »Und das Wort des HERRN für sie wird sein: zaw la zaw, zaw la zaw, kaw la kaw, kaw la kaw, hier ein wenig, da ein wenig; damit sie hingehen und rückwärts stürzen und zerschmettert werden, sich verstricken lassen und gefangen werden.« – Man beachte auch hier das telische (Ziel und Absicht anzeigende) »damit«.
  2. Jesaja 29,9–10:  »Stutzt und staunt! Blendet euch und erblindet! Sie sind berauscht, doch nicht von Wein; sie schwanken, doch nicht von starkem Getränk. Denn Jahwe hat einen Geist tiefen Schlafes über euch ausgegossen und hat eure Augen geschlossen; die Propheten und eure Häupter, die Seher, hat er verhüllt.« – Es ist hier völlig klar, dass es nicht der Mensch ist, der sich berauscht hat, und daher nichts versteht, sondern Gott ist hier der ganz Aktive, der (geistlichen) Schlaf und (geistliche) Blindheit (im Gericht) sendet.
  3. 5Mose 29,3: »Aber Jahwe hat euch nicht ein Herz gegeben, zu erkennen, und Augen, zu sehen, und Ohren, zu hören, bis auf diesen Tag.« – Auch hier ist Jahwe derjenige, an dem alles Heil (Erkennen, Verstehen usw.) hängt. Nur Gott kann die Fähigkeiten (das Vermögen) zur Heilsergreifung schenken. Der Bettler, der selbständig die leere Hand ausstreckt, um die Heilsgabe zu ergreifen, ist frommer Volks-Mythos, nicht Gottes Wahrheit. Gott muss sogar schon das Verlangen, die Hand auszustrecken, geben (also das Begehren nach dem wahrhaft Rettenden) und dann der Hand die Kraft und den Willen, sie auszustrecken und das Heil zu ergreifen. Gott sei Dank tut Er dies nach freiem Ermessen gezielt hier und da!
  4. Matthäus 13,13–15: »Darum rede ich in Gleichnissen zu ihnen, weil sie sehend nicht sehen und hörend nicht hören noch verstehen; und an ihnen wird die Weissagung Jesajas erfüllt, die sagt: „Mit Gehör werdet ihr hören und doch nicht verstehen, und sehend werdet ihr sehen und doch nicht wahrnehmen; denn das Herz dieses Volkes ist dick geworden, und mit den Ohren haben sie schwer gehört, und ihre Augen haben sie geschlossen, damit sie nicht etwa mit den Augen wahrnehmen und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren und ich sie heile.“« – Entsprechend der Absicht des Matthäus-Evangeliums modifiziert Matthäus unter Inspiration Gottes seine Quelle im AT so, dass die Verantwortung des Menschen (aktives »haben sie geschlossen«) umso deutlicher herausgestellt wird. Das verringert nicht die Aussage/Zitat in den anderen Stellen, noch modifiziert Matthäus diese. Jede Verwendung hat den Sinn, der aus dem Kontext jeweils hervorgeht.
    Darf Matthäus so »falsch« oder »modifiziert« Jesaja 6,9–10 zitieren? Ja natürlich, der Heilige Geist hat es ihm so diktiert! Beides lehrt die Schrift, jedes aber an seinem Ort: Gottes souveränes Handeln im Gericht und in der Erlösung, aber auch des Menschen Verantwortung in der Heilsannahme und Bewirken von Heilsfolgen. Philipper 2,12–13 liefert den Zusammenhang eindrücklich. – Und: Der Kontext der Jesaja-Stelle zeigt, dass diese »Verhärtung« eine zeitweilige ist, weil Israels Überrest durch souveräne Erwählung seitens Gottes noch Heil erfahren wird (s. Römer 11)!
  5. 2Korinther 3,14: Diese Verhärtung Israels wird im NT aufgegriffen: »Aber ihr Sinn ist verhärtet worden, denn bis auf den heutigen Tag bleibt beim Lesen des alten Bundes dieselbe Decke unaufgedeckt, die in Christus weggetan wird.« – Das Passiv ist hier das Passivum divinum[1]die Menschen sind darin (schon rein sprachlich deutlich!) nicht aktiv. Nur in Christus (und durch sein Wirken) kann und wird (!) eines Tages diese Decke weggenommen werden. Auch hier ist Gott souverän über Anfang, Art und Ende des Gerichts. – Dass wir hier von einem Ende sprechen dürfen, ist in sich eine große Gnade, die wir bejubeln.
  6. Als Paulus auf der Missionsreise nach Korinth kam, wollte er sein »Säen« einstellen aus Frustration über den widerspenstigen »harten Boden«. Zumindest kann man Apostelgeschichte 18,6ff so verstehen: Viele widerstrebten und lästerten, aber einige hörten und glaubten und wurden getauft. Der gleiche Same der Verkündigung brachte auch hier unterschiedlichste „Frucht“! 
    Wie ermutigt der Herr Jesus nun seinen frustrierten »Sämann« Paulus? Er sagt: »Fürchte dich nicht, sondern rede, und schweige nicht! Denn ich bin mit dir, und niemand soll dich angreifen, um dir etwas Böses zu tun; denn ich habe ein großes Volk in dieser Stadt.« – Der Trost und die Motivation des Sämanns ist nicht die Verantwortung des Menschen, sondern die Gegenwart und die Souveränität Gottes im Heil. (Das begreife mal ein Arminianer!)

Einige Zitate

»Die Verse 11 und 12 erklären, warum diese Wahrheit in Gleichnissen gelehrt wird. Gott offenbart die für die Seinen bestimmten Geheimnisse denen, die gehorsam und aufnahmebereit zuhören. Er enthält sie aber absichtlich denen vor, die das ihnen angebotene Licht ablehnen. Das sind die Leute, die Jesus als »jene …, die draußen sind« bezeichnet. 

Die Worte von Vers 12 mögen dem oberflächlichen Leser ungerecht und hart erscheinen: »Damit sie sehend sehen und nicht wahrnehmen und hörend hören und nicht verstehen, damit sie sich nicht etwa bekehren und ihnen vergeben werde.« Aber wir müssen uns an das enorme Vorrecht erinnern, das jene Menschen damals genossen. Der Sohn Gottes selbst hatte in ihrer Mitte gelehrt und viele mächtige Wunder getan. Statt ihn als den gottgesandten Messias anzuerkennen, lehnten sie ihn selbst dann noch ab. Weil sie das Licht der Welt abgelehnt hatten, sollte ihnen das Licht seiner Lehre nicht gegeben werden. Von nun an würden sie seine Wunder sehen, aber ihre geistliche Bedeutung nicht verstehen, und seine Worte hören, aber doch die wunderbaren Lehren hinter ihnen nicht erkennen können.

Es gibt so etwas wie die Tatsache, »dass man das Evangelium zum letzten Mal hört«. Es ist möglich, den Tag der Gnade durch fortgesetztes Sündigen zu verpassen. Es gibt Männer und Frauen, die den Retter abgelehnt haben und nie wieder die Gelegenheit zur Buße und Vergebung erhalten werden. Sie mögen das Evangelium hören, aber es trifft auf verhärtete Ohren und ein gefühlloses Herz. Wir sagen: »Wo Leben ist, da ist auch Hoffnung«, aber die Bibel spricht von Menschen, die zwar erweckt, aber jenseits jeder Hoffnung der Buße sind (z. B. in Hebr 6,4–6). (MacDonald, William ; Eichler, C. (Übers.): Kommentar zum Neuen Testament. 7. Aufl. Bielefeld: Christliche Literatur-Verbreitung, 2018.)

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»Gericht muss sein; denn auch dadurch, dass das Böse getroffen und weggetan wird, geschieht Gottes Wille. Jesus wollte Gottes Reich niemals so verkündigen, dass auch ein unbußfertiger und glaubensloser Sinn es finden kann.« (Schlatter, Adolf. Die Evangelien nach Markus und Lukas: Ausgelegt für Bibelleser. 2. Aufl. Bd. 2. Berlin: Evangelische Verlagsanstalt, 1954.)

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Markus 4,12 ἵνα wahrscheinl. fin. damit; ein Ausweichen auf Nebenbedeutungen wie so dass (kons.) od. weil/denn (kaus.) o.ä., sprachl. zwar z. T. nicht unmögl. (vgl. B II2; BDR § 4562), erscheint forciert; hier (wie typischerweise in den Schriften des AT u. NT) ist vorausgesetzt, dass Gottes Souveränität u. die Verantwortung des Menschen keine Antithesen darstellen: wenn Gott die, die nicht zu Jüngern Jesu werden, verwirft, so tragen diese die Verantwortung dafür selbst (vgl. V. 13–20); gleichzeitig steht nichts von dem, was geschieht, außerhalb des göttl. Ratschlusses u. Planes (vgl. Carson, Mt, S. 308f); im flgd. werden Teile aus Jesaja 6,9–10 zitiert (statt der 2. Pl. [MT/LXX] steht hier die 3. Pl., statt v. Heilung [MT/LXX] ist [wie im Targum u. in der syrischen Peschitta] v. Vergebung [ἀφεθῇ] die Rede), zwei Verse voll bitterer Ironie aus einem Abschnitt, der von der selbstverschuldeten (bis zum Exilgericht andauernden) Verstockung des Gottesvolkes spricht (vgl. zu Matthäus 13,14).« (von Siebenthal, Heinrich; Haubeck, Wilfrid: Matthäus bis Offenbarung, Neuer Sprachlicher Schlüssel zum Griechischen Neuen Testament. 2., durchges. Aufl.. Gießen; Basel: Brunnen, 2007.)

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»12 Die einleitende Konjunktion (hina, „damit“) stammt von Markus. Das folgende Zitat stammt aus Jesaja 6,9–10, wo es im MT [masoretischen Text] ein Befehl ist; dies ist nicht überraschend, da im semitischen Denken ein Befehl verwendet werden kann, um ein Ergebnis auszudrücken.

Markus folgt dem Text der LXX. Allerdings lässt er die starken Aussagen des ersten Teils von Vers 10 weg: „Verhärte das Herz dieses Volkes, verstopfe ihre Ohren und verschließe ihre Augen“ und ändert das „und ich heile sie“ (kai iaomai autous) der LXX in „und ihnen wird vergeben“ (kai aphethē autois). Damit folgt Markus der Targuman-Angabe zur Authentizität der Aussage.

Auf den ersten Blick scheint die Aussage zu besagen, dass der Zweck der Gleichnisse darin besteht, dass Ungläubige („die Außenstehenden“, Vers 11) die Wahrheit nicht empfangen und sich nicht bekehren können. Dass diese Aussage theologisch als schwierig angesehen wurde, lässt sich daran erkennen, dass Matthäus hina („damit“) in hoti („mit dem Ergebnis, dass“) ändert (die NIV übersetzt hina mit dem mehrdeutigen „so dass“) und Lukas die mēpote-Klausel („ansonsten“) weglässt.

In jüngster Zeit gab es mehrere Versuche, die telische Kraft von hina abzuschwächen:

1. Es wird behauptet, dass hina im Text dasselbe bedeute wie hoti. Jesus spräche also nicht vom Zweck der Gleichnisse, sondern von ihrem Ergebnis.

2. Markus habe das ursprüngliche aramäische Wort de falsch übersetzt. Es bedeute „wer“ und nicht „damit“. Der Text sollte also lauten: „Das Geheimnis des Reiches Gottes ist euch gegeben worden. Aber denen, die draußen sind undimmer sehen, aber nie wahrnehmen … wird alles in Gleichnissen gesagt“ (Hervorhebung von mir).

3. Die zweckmäßige Idee (ausgedrückt sowohl durch hina als auch durch mēpote) ist nicht authentisch für Jesus, sondern repräsentiert die Theologie des Markus.

4. hina sei eine Einleitungsformel zur freien Übersetzung von Jesaja 6,9–10. Nach diesem Verständnis wäre hina fast gleichbedeutend mit hina plērōthē, „damit es erfüllt werde“.

Alle diese Versuche haben ihre Mängel. Obwohl 1 und 2 das Problem von hina mildern, gehen sie nicht auf das von mēpote („ansonsten“) ein, das ebenfalls einen Zweck suggeriert (vgl. auch BAG, S. 378, wo nach der Erörterung der Möglichkeit, dass hina „mit dem Ergebnis, dass“ bedeutet, diese für diesen Abschnitt rundweg abgelehnt wird). Lösung 3 findet keinerlei Unterstützung, während 4, eindeutig die beste Wahl der vier, daran scheitert, dass Markus an anderer Stelle hina nicht im Sinne von „damit es sich erfüllen möge“ verwendet.

Vielleicht lässt sich Vers 12 am besten als authentische Aussage verstehen, die einfach lehrt, dass ein Grund, warum Jesus in Gleichnissen lehrte, darin bestand, die Wahrheit vor „Außenstehenden“ (was ich als „hartnäckige Ungläubige“ verstehe) zu verbergen. Selbst eine flüchtige Lektüre der Evangelien zeigt, dass die Gleichnisse Jesu nicht immer klar waren. Selbst die Jünger hatten Schwierigkeiten, sie zu verstehen (vgl. Markus 7,17). Deshalb lehrte Jesus (zumindest in einigen Fällen) in Gleichnissen, damit seine Feinde nicht die volle Bedeutung seiner Worte verstehen und falsche Anschuldigungen oder Anklagen gegen ihn erheben konnten. Er wusste, dass das Verstehen in einigen Fällen zu mehr Sünde und nicht zur Annahme der Wahrheit führen würde. Darüber hinaus ist es nicht fremd für die Lehre der Schrift, dass Gott in seiner Weisheit einige (auch hier verstehe ich darunter „hartnäckige Ungläubige”) verhärtet, um seine souveränen Absichten zu verwirklichen (vgl. Röm 11,25–32). Marshall findet einen guten Mittelweg, wenn er sagt: „Durch diese Methode des Lehrens in Gleichnissen lud Jesus seine Zuhörer nicht nur ein, unter die Oberfläche zu blicken und die wahre Bedeutung zu finden, sondern er gab ihnen gleichzeitig die Möglichkeit – die viele von ihnen auch nutzten –, die Augen und Ohren vor dem eigentlichen Kernpunkt zu verschließen” (Commentary on Luke, S. 323). Für eine eingehende Behandlung des Zwecks der Gleichnisse in der Lehre Jesu vgl. R. Stein, An Introduction to the Parables of Jesus (Philadelphia: Westminster, 1981), S. 25–35.«
(Wessel, Walter W.: Markus. In: Gaebelein, F. E. (Hrsg.): The Expositor’s Bible Commentary: Matthäus, Markus, Lukas. Bd. 8. Grand Rapids, MI : Zondervan Publishing House, 1984, S. 649–650.)

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»Christ’s agents in the sowing of the good seed are the preachers of the word. Thus, as in all the cases about to be described, the sower is the same, and the seed is the same; while the result is entirely different, the whole difference must lie in the soils, which mean the different states of the human heartAnd so, the great general lesson held forth in this parable of the sower is, that however faithful the preacher, and how pure soever his message, the effect of the preaching of the word depends upon the state of the hearer’s heart.« (Jamieson, Robert, A. R. Fausset, und David Brown. Commentary Critical and Explanatory on the Whole Bible. Oak Harbor, WA: Logos Research Systems, Inc., 1997.) –  Bem.: Dies ist eine Erklärung für die Texte in Matthäus und Lukas, aber nicht für den hier in Markus.

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»Ver. 12. They may see.—The να is not to be softened, as if ita ut, as Rosenmüller and others assert. We must maintain that this hard utterance was based upon Isa. 6:9 seq., and therefore that it must be interpreted in the meaning of that passage: not as an absolute sentence, but as a deserved, economical, and pedagogical visitation« (Lange, John Peter, Philip Schaff, und William G. T. Shedd. A commentary on the Holy Scriptures: Mark. Bellingham, WA: Logos Bible Software, 2008.).

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«That (ἱνα [hina]). Mark has the construction of the Hebrew “lest” of Isa. 6:9f. with the subjunctive and so Luke 8:10, while Matt. 13:13 uses causal ὁτι [hoti] with the indicative following the LXX. See on Matt. 13:13 for the so-called causal use of ἱνα [hina]. Gould on Mark 4:12 has an intelligent discussion of the differences between Matthew and Mark and Luke. He argues that Mark here probably “preserves the original form of Jesus’ saying.” God ironically commands Isaiah to harden the hearts of the people. If the notion of purpose is preserved in the use of ἱνα [hina] in Mark and Luke, there is probably some irony also in the sad words of Jesus. If ἱνα [hina] is given the causative use of ὁτι [hoti] in Matthew, the difficulty disappears. What is certain is that the use of parables on this occasion was a penalty for judicial blindness on those who will not see.«  (Robertson, A.T. Word Pictures in the New Testament. Nashville, TN: Broadman Press, 1933.)

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»The purpose of parables was to instruct the initiates without revealing the items of instruction to the ones who were without. This is in keeping with the Biblical principle that spiritual understanding is restricted to those who have become spiritual by properly relating themselves to Christ and his message (I Cor 2:6ff.). 
12. That such was the purpose of Christ’s use of parables is further confirmed by a quotation from the OT. The citation is introduced with the Greek conjunction hina (that), which in this instance cannot have a resultant meaning but must indicate purpose (Alf, I, 333*). This verse is a free rendering of Isa 6:9, 10, giving the gist, but not reproducing the exact wording, of the prophetic passage.« (Pfeiffer, Charles F., und Everett Falconer Harrison, Hrsg. The Wycliffe Bible Commentary: New Testament. Chicago: Moody Press, 1962.)

(*) Die Stelle im Greek NT von Alford wird von Alford wie folgt kommentiert: »We must keep the hina strictly to its telic meaning– in order that. When God transacts a matter, it is idle to say that the result is not the purpose. He doeth all things after the counsel of His own will.«

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»Each of the three fruitless hearts is influenced by a different enemy: the hard heart—the devil himself snatches the seed; the shallow heart—the flesh counterfeits religious feelings; the crowded heart—the things of the world smother the growth and prevent a harvest. These are the three great enemies of the Christian: the world, the flesh, and the devil (Eph. 2:1–3).« (Wiersbe, Warren W. The Bible exposition commentary. Wheaton, IL: Victor Books, 1996.)

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»A. DAS GLEICHNIS VOM SÄEMANN

I.     Markus bemerkt die Bedeutung des Hörens, wenn der Heiland spricht (Vers 3). Matthäus beginnt mit dem Wort „Siehe“.

       Markus und Lukas sprechen vom Samen in der Einzahl, aber Matthäus spricht von Samen in der Mehrzahl (King James Übersetzung) oder wie es die Übersetzung von J. N. Darby wiedergibt, von ,,einigen Körnern“.

       Der Same ist immer das Wort Gottes, aber es wird gesehen als gesät, entweder durch den Säemann, den Herrn Jesus, oder durch, Seine Diener, die vielen Säemänner; in der Hand eines jeden ist der Same oder Samen oder Körner. Wie jemand bemerkte: „Das Auge des göttlichen· Dieners in Markus‘, Bericht ruht auf jedem einzelnen Korn, und wie der einzelne Sperling, so ist nicht eines von ihnen vor Gott vergessen“

       Sowohl Markus als auch Matthäus erwähnen bei der Saat, die auf das Steinichte fiel, dass nicht viel Erde da war, Lukas fügt hinzu, dass auch Feuchtigkeit fehlte.

       Nur Markus sagt: „Und es gab keine Frucht“ (Vers 7) von dem Samen, der unter die Domen fiel; die anderen Evangelisten bemerken, dass es erstickte. Markus gibt das Gleichnis mit den meisten Einzelheiten wieder. Wir sehen einen Beweis dafür, daß die Evangelisten unabhängig voneinander arbeiteten und schrieben in der Benutzung des Wortes „auf“ in Vers 8 von Matthäus 13 und des Wortes „in“ in Vers 8 von Markus‘ Bericht.

       In Markus hält der Diener und Prophet alles in Seiner gesegneten Hand, und das Ergebnis ist dort ein Zunehmen – von dreißig-zu sechzig-zu hundertfältig. Bei Matthäus aber hat der König, wie wir sehen werden, das Königreich in die Hände von Menschen gelegt, und das Ergebnis ist umgekehrt: dort ist es Verringerung von hundert- zu sechzig- zu dreißigfältig. In Lukas jedoch lesen wir, dass der Same das Wort Gottes ist, und demzufolge finden wir weder Verringerung noch Steigerung, weder Rückschritt noch Fortschritt, weil es sicher ist, dass es hundertfältig Frucht bringt mit Ausharren – ein besonderer Ausdruck bei Lukas!

       Die Erklärung dieses Gleichnisses durch unseren Herrn wird von unseren Evangelisten fast gleichlautend wiedergegeben, wobei Matthäus den Abschnitt aus Jesaja· 6 ganz zitiert, während ihn Markus etwas und Lukas noch mehr kürzt.

II.    Matthäus stellt die abgeschnittene „Familienbeziehung“ mit Israel als einer Nation klarer heraus als die anderen Evangelisten, wenn er sagt: „An jenem Tage aber ging Jesus aus dem Hause hinaus und setzte sich an den See.“

       Nur hier sagt Er etwas zu der Frage der Jünger: „Warum redest du in Gleichnissen zu ihnen?“ – nicht: was bedeutet dies Gleichnis (Vers 10)! Und von Matthäus wird uns gesagt, dass dieses Reden in Gleichnissen als Strafe dienen soll für die Hörer, die den Herrn bereits verworfen und ihre Herzen verhärtet hatten.

       Weil es um die Betonung dieses Grundsatzes geht, teilt uns auch nur Matthäus mit (in Vers 12): „Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird Überfluss haben; wer aber nicht hat, von dem wird selbst, was er hat, genommen werden.“ Mit anderen Worten: Jene, zu denen Jesus kam und die Ihn aufnahmen (als einer Nation war Er ihnen gegeben worden), nur jene, die Ihn in Wahrheit durch Glauben in ihre Herzen aufgenommen hatten – für diese war Er gleichsam „zweifach gegeben“, und deshalb hatten sie Überfluss.  Aber jene, die Ihn nicht im Glauben angenommen hatten, obwohl Er ihnen als der Messias gegeben war, „hatten“ Ihn nicht durch Glauben, und Er würde von ihnen genommen werden und anderen – den Nationen – gegeben werden. Für diese, die Christus verwarfen, sprach Er in Gleichnissen, damit. sie in ihren Herzen noch mehr verhärtet werden möchten, „damit sie nicht etwa … sich bekehren, und ich sie heile“. Sie fühlten sich nicht krank und brauchten keine Heilung: schrecklicher Zustand! So stand es um die Nation als Ganzes.

       In Matthäus ist es das „Wort vom Reich“ (Vers 19), aber in Lukas ist es das „Wort Gottes“ (8,11).

       Wiederum liegt in Matthäus die Betonung auf dem Verstehen des Wortes, während sie in Lukas auf dem Bewahren liegt (8,15) und in Markus auf dem Aufnehmen (4,20). So wird das Wort zuerst verstanden, dann aufgenommen, und immer bewahrt oder auf das praktische Leben angewandt.

       Beim Vergleichen der drei Evangelisten ist außerdem zu bemerken, dass Markus von „dem Bösen“ spricht (Vers 19), womit er auf dessen Charakter im Allgemeinen hinweist; Markus sagt, alsbald kommt ,,der Satan“ (Vers 15), womit er auf dessen Charakter als Widersacher hinweist; und schließlich sagt Lukas, „Dann kommt der Teufel“, womit er auf den Feind als Ankläger hinweist. 

       Auch sehen wir, dass in Matthäus die Betonung auf dem Säemann liegt – „Der den guten Samen sät, ist der Sohn des Menschen“ (13,37); in Markus liegt die Betonung auf dem Werk des Säemanns – „Der Säemann sät das Wort“ ( 4,14 ); und in Lukas liegt die Betonung auf dem Samen – ,,Der Same ist das Wort Gottes“ (8,11 ). Man kann nicht anders, als den Herrn dieser kostbaren, inspirierten Berichte anzubeten, wenn man diese wundervolle Harmonie und dennoch den unterschiedlichen Charakter der Evangelien sieht!

Ill.   Lukas: Schließlich kommen wir zu Lukas, wo es heißt, dass der kostbare Same „zertreten“ wurde (Vers 5) und dass er an einen Platz fiel, wo weder viel Erde noch Feuchtigkeit war (Vers 6). Weil aber das, was in die gute Erde fiel, in seinem innersten Wesen das reine Wort Gottes. war, konnte es nur volle Frucht bringen, was durch „hundertfältig“ ausgedrückt wird.«
(Cor Bruins, Er wohnte unter uns. Die göttliche Absicht in den Unterschieden der vier Evangelien, Neustadt: Paulus, 1992.)

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Übersichtsgrafiken für den synoptischen Vergleich

Die folgenden Grafiken für den synoptischen Vergleich stammen von grace@logikos.club (© 1990–2025). Sie dürfen gerne frei mit Quellenangabe verwendet werden.

Ausgangspunkt der Textbeobachtung ist eine tabellarische Gegenüberstellung der synoptischen Texte (Gleichnis samt Erläuterung durch Jesus Christus) (Bild 1).


Endenote

[1]            Das Passivum divinum ist eine theologische Sprachform im AT wie im NT, die es ermöglicht, über Gott zu sprechen, ohne seinen Namen zu verwenden. Dem bibelkundigen Leser war klar, dass der ungenannte Akteur der im Passiv genannten Tätigkeit Gott ist.

Herr, bewahre uns… (Jim Stitzinger)

Adaptiert von: Jim Stitzinger, Lord, keep us safe… (15.10.2025)

Das gewohnte Gebet von Gläubigen und Ungläubigen gleichermaßen: von Autofahrten bis zu kriegerischen Schlachtfeldern, von Kindern, die zur Schule gehen, bis zu denen, die vor Sportveranstaltungen niederknien – wir beten um Sicherheit und Bewahrung. Es kann ein Schlagwort sein, das wir instinktiv sagen und von ganzem Herzen meinen.

Das Nachdenken über »Was wäre, wenn…?« löst Wellen der Angst, Unruhe und Sorge aus. Unsere Reaktion ist oft, Gott noch eindringlicher zu bitten, uns und unsere Lieben vor Schaden zu bewahren.

Ist es falsch, um Sicherheit zu beten? Nein, schließlich werden wir aufgefordert, unsere Sorgen auf ihn zu werfen, denn er sorgt für uns (1.Petrus 5,7). Es ist auch nicht falsch, sich um Sicherheit zu sorgen, wenn wir gefährliche Pläne verfolgen oder mit der sündigen Natur unserer Welt konfrontiert sind. Warum also dieser Artikel?

Einfach gesagt: Sicherheit und Bewahrung sind nicht unsere oberste Priorität.

Lassen Sie das auf sich wirken: Im Neuen Testament gibt es kein einziges Gebet für Sicherheit. Nicht ein einziges Mal versammeln sich Menschen oder Gruppen, um Gott zu bitten, Johannes den Täufer, Priscilla, Petrus, Lydia oder Paulus »zu bewahren«. Nichts. Es gibt Gebete um Befreiung vom Bösen, aber nichts, was der heutigen Vermeidung von Unannehmlichkeiten entspricht.

Zweifellos waren ihre Herzen von Angst, Schrecken, Trauer und Sorge über ihre Umstände erfüllt. Sie spürten die unmittelbaren Auswirkungen eines Lebens für Christus in einer Welt, die von ungezügeltem Hass gegenüber Gott erfüllt war. Sie waren wahrhaftig Schafe inmitten von Wölfen. Wenn jemand Grund hatte, diese Bitte in seinen Gebeten hervorzuheben, dann war es die verfolgte Kirche. Dennoch finden wir keine Gebete, in denen sie Gott bitten, sie an einen Ort des Komforts, der Leichtigkeit und der Abwesenheit von Not zu bringen.

Das einzige Mal, dass ich finde, dass Paulus dieses Wort verwendet, ist in 2.Timotheus 4,18, und der Kontext ist, dass Jesus ihn sicher durch die Pforte des Todes in den Himmel bringt. Der Herr wird mich von allem Bösen erretten und mich sicher in sein himmlisches Reich bringen; ihm sei die Ehre in Ewigkeit. Amen.

Es gibt einige solcher Gebete im Alten Testament (z. B. Psalm 4,8; Psalm 78,53; Jesaja 38,14). Doch selbst unter extremer Verfolgung sehen wir nur sehr selten, dass dies Priorität hat. Denken Sie an alles, was wir über Daniel, Hiob, Esther, Ruth, Jeremia, David und viele andere wissen. Bei all den seelenzerstörenden Emotionen, die sie mit sich herumtrugen, konzentriert sich die überwiegende Mehrheit ihrer Gebete auf etwas anderes als ihr persönliches Wohlergehen.

Wofür beten Gläubige?

  • Offene Türen für das Evangelium – Kolosser 4,2-4
  • Wachsamkeit und Besonnenheit – 1.Petrus 4,7
  • Standhaftigkeit – 2.Thessalonicher 3,3
  • Heiligkeit – 1.Thessalonicher 3,13
  • Erlösung – Römer 10,1
  • Ausrüstung für den Dienst – Hebräer 13,20–21
  • Mut – Epheser 6,19–20
  • Unterscheidende Liebe – Philipper 1,9
  • Liebe, Kraft, Glaube – Epheser 3,16–19
  • Weisheit – Jakobus 1,5
  • Schutz vor dem Bösen – Matthäus 6,14
  • Gerechtigkeit – 1.Petrus 3,10
  • Befreiung von Verfolgung, um das Evangelium zu verkünden – Römer 15,31
  • Würdiges Leben, göttliche Wünsche, kraftvoller Glaube – 2.Thessalonicher 1,11–12

Ein Argument aus dem Negativen ist nicht unbedingt zwingend. Dennoch geht es in der überwiegenden Mehrheit der Gebete, die in der Schrift vorgelebt werden, viel mehr um die Verherrlichung Gottes als um die Beruhigung unserer selbst. Wenn wir diesem Gedankengang folgen, finden wir heraus, wie wir Gott um den Charakter bitten können, den wir brauchen, um Verfolgung zu ertragen. Sicherlich ist Frieden wünschenswert, aber der Frieden, den Gott verspricht, ist die Realität Christi in uns (Epheser 2,14) und die beruhigende Gewissheit, dass er absolut souverän über alle Dinge ist und alles zum Guten wirkt (Römer 8,28). Der Friede, den er verspricht, kommt nicht dadurch zustande, dass wir der Verfolgung ausweichen, sondern dadurch, dass ER im »Tal des Todesschattens« bei uns ist (Psalm 23, Hebräer 13,5–6).

Unsere Gebete müssen Gottes Prioritäten widerspiegeln. Jesus drückte es so aus: Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten (Johannes 14,15). Der gesamte Fokus des christlichen Lebens liegt darauf, Gott durch freudigen, demütigen Gehorsam gegenüber Christus zu verherrlichen.

Gott ist viel mehr an unserer Heiligkeit interessiert als an unserer Gesundheit, an unserer Liebe als an unserer Langlebigkeit, an unserem Charakter mehr als an unserem Komfort, an unserer Heiligung mehr als an unserer Sicherheit. Nicht einmal Jesus betete während seines irdischen Wirkens um seinen persönlichen Schutz. Als er uns lehrte zu beten, sagte Jesus: »Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen« (Matthäus 6,13). Diese Erlösung bezieht sich nicht auf mögliche körperliche Schäden, obwohl diese auch dazugehören können, sondern auf die Auswirkungen verheerender Sünden in unserem Leben.

Der gleiche Gedanke wiederholt sich, als Christus betete: Ich bitte dich nicht, sie aus der Welt zu nehmen, sondern sie vor dem Bösen zu bewahren (Johannes 17,15). Der Schutz, um den wir bitten, ist die beruhigende Gewissheit, von der Paulus in 2.Thessalonicher 3,3 spricht: Aber der Herr ist treu, und er wird euch stärken und vor dem Bösen bewahren.

Wenn Sicherheit unsere oberste Priorität ist, wird unsere Anbetung zu unserer größten Vernachlässigung. Wie können wir mit Christus sagen: »Dein Wille geschehe« (Matthäus 6,10), wenn wir eigentlich meinen: »Solange es meine Lebensqualität oder -quantität nicht beeinträchtigt«. Es ist schwer vorstellbar, dass die drei Hebräer vor Nebukadnezars Götzenbild gestanden und sich geweigert hätten, Gottes Ehre zu kompromittieren, wenn ihre Herzen auch nur im Geringsten um ihre Sicherheit besorgt gewesen wären.

Unsere Sorge um unsere Sicherheit behindert unseren Gehorsam gegenüber dem Missionsauftrag und unsere Bereitschaft, für die Gerechtigkeit zu leiden. Wenn Selbstschutz unsere oberste Priorität ist, gehen wir auf Ungläubige zu, wenn das potenzielle Ergebnis für uns angenehm ist. Dieser Fokus macht uns alle zu Feiglingen.

Wenn unsere Gebete den wahren Prioritäten folgen sollen, dann priorisieren wir unsere Gebete für Heiligkeit, Mut, Treue und Demut und rücken unsere Gebete für Sicherheit an die zweite Stelle. Es ist nicht falsch, unsere Sicherheit und Bewahrung vor Gott zu bringen, aber wir sollten dies nicht zu unserem Götzen machen. 

[»Hauptsache gesund!« ist weder christliches Motto noch christliche Maxime.] Schließlich bestimmt Gott den Tag unseres Todes (Psalm 139,16, Hiob 14,5). Das steht schon lange fest. Nichts, was wir tun, kann dieses festgesetzte Datum ändern (Matthäus 6,27). Lebe also in der Freiheit eines Menschen, der bereits gestorben ist und dessen Leben mit Christus in Gott verborgen ist (Kolosser 3,3). Bete darum, dass wir die Zeit, die wir auf Erden haben, nutzen, um den Willen unseres Vaters zu tun, seiner Güte dieser ungläubigen Welt zu zeigen und alle, denen wir begegnen, zur Umkehr und zum Glauben an Christus aufzurufen.

Geoffrey Studdert Kennedy diente während des Ersten Weltkriegs als Feldgeistlicher. Von der Front schrieb er folgende eindringliche Botschaft an seine Familie:

Das erste Gebet, das mein Sohn für mich lernen soll, ist nicht »Gott, beschütze Papa«, sondern »Gott, mache Papa mutig, und wenn er schwierige Aufgaben zu bewältigen hat, mache ihn stark, sie zu bewältigen«. Leben und Tod spielen keine Rolle … richtig und falsch schon.

Ein toter Vater ist immer noch ein Vater, aber ein Vater, der vor Gott entehrt ist, ist etwas Schreckliches, zu schrecklich, um es in Worte zu fassen. Ich nehme an, du möchtest auch etwas über die Sicherheit sagen, alter Kumpel, und Mutter wird das gewiss auch tun. Nun, dann sag es, aber danach, immer erst danach, denn es ist nicht wirklich so wichtig.

Bete also ruhig um Sicherheit und Bewahrung, aber bete es nicht als Erstes.

Endenoten

Adaptiert aus: Jim Stitzinger, Lord, keep us safe… https://thecripplegate.com/lord-keep-us-safe/,  15.10.2025.

Jim Stitzinger: Jim ist Outreach-Pastor an der Crossroads Community Church in Santa Clarita, Kalifornien, USA.

Geoffrey Anketell Studdert Kennedy MC (27. Juni 1883 – 8. März 1929) war ein englischer anglikanischer Priester und Dichter. Während des Ersten Weltkriegs erhielt er den Spitznamen »Woodbine Willie«,  weil er den Soldaten, denen er begegnete, Zigaretten der britischen Marke Woodbine schenkte. Er wurde mit dem Military Cross ausgezeichnet dafür, dass er mutig und selbstlos verwundeten und sterbenden Soldaten physische und seelsorgerliche Hilfe leistete.