Woher habe ich mein Gottesbild?

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Wir sollen uns nicht in den Sinn kommen lassen, Gott irgendwo anders zu suchen als nur in seinem heiligen Wort oder über ihn etwas zu denken als allein unter Leitung seines Wortes oder etwas zu reden als allein das, was aus seinem Wort kommt.

Johannes Calvin (1509–1564), Institutio Christianae Religionis, Bd. I, 13, 21
Titelseite der letzten Ausgabe der Institutio von 1559 (gemeinfrei)

Die angebliche Sensation des Ken Wilson

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Lesedauer: 15 Minuten.

Eine Rezension von: War Augustinus der erste Calvinist?

Vor einiger Zeit wurden Nachrichten und Vorträge verbreitet, dass ein gewisser Ken Wilson eine Sensation entdeckt hätte, nämlich dass der Kirchenvater Augustinus der erste „Calvinist“ gewesen sei. Eine deutsche Kurzfassung der „bahnbrechenden Dissertation“ von Wilson (2012 in Oxford), die im Jahr 2018 veröffentlich wurde, trägt tatsächlich den Titel: „War Augustinus der erste Calvinist?“ (CMV-Hagedorn, Pb., ca. 156 Seiten, ISBN: 978-3-96190-062-6). Die Doktorarbeit lautet hingegen inhaltlich anders: „Augustine’s Conversion from Traditional Free Choice to “Non-free Free Will“: A Comprehensive Methodology“ (Tübingen: Mohr Siebeck, 2018, 388 Seiten, ISBN 978-3-16-155753-8). Es ist also zu vermuten, dass mit der deutschen Ausgabe tatsächlich eher reißerische Zwecke verfolgt werden, als denn seriöse und aufklärende.

Leider hat der Schweizer Musik- und Bibellehrer Roger Liebi das Vorwort der CMV-Ausgabe geschrieben und aktiv Werbung für dieses Buch gemacht (Liebi leugnet auch die Erwählungslehre der Bibel).

Autor: Kenneth M. Wilson wurde 1956 geboren. 1981 wurde er Doktor der Medizin (!) an The University of Texas Medical School. 1989–95 war er Assistant Professor of Orthopaedic Surgery an der Oregon Health Sciences University. 2003 errang er den Titel Master of Divinity, 2006 den Titel Master of Theology und 2012 den Titel D. Phil. in Theologie von der University of Oxford. Gegenwärtig ist er ein zertifizierter Orthopaedic Hand Surgeon in Salem, Oregon und zugleich Professor für Kirchengeschichte und Systematische Theologie an der Grace School of Theology in The Woodlands, Texas, der Ausbildungsstätte einer christlichen Sondergruppe (Glaubensbekenntnis; bemerkenswert ist folgende schriftwidrige Behauptung dieser Bibelschule in ihrem Doctrinal Statement: »Initial faith resulting in justification and regeneration is not a gift of God.«).

Inhalt: Diskussion und Beurteilung der Behauptungen der Doktorarbeit von Ken Wilson findet sich an mancher Stelle. Eine davon fertigt(e) Mario Tafferner an (Abdruck auf Evangelium 21), eine tiefergehendere Chris Whisonant (hier veröffentlicht). Beide sind sehr lesenswert. Die Inhaltsangabe der Analyse von Whisonant mit kurzen Zusammenfassungen wird unten abgedruckt. Die Überschriften enthalten Links zu den vollen Artikeln. Vorsicht: das zugrundeliegende Studium ist nichts für Anfänger.

Allerdings könnte selbst ein Laie mit etwas Bildung erkennen, dass Augustinus (354–430) rein zeitlich niemals ein „Anhänger Calvins“ (1509–1564) oder dessen Lehren gewesen sein konnte. Ob diese Behauptung Geschichtsklitterung, Dummheit oder Effekthascherei ist, mag jeder selbst beurteilen. Man beachte auch folgende zwei Tatsachen:

(1) Gegen eine Erstentdeckung mit entsprechender Sensation seitens Ken Wilson (wie es die reisserische Bewerbung des Buches erwarten lässt) spricht jedenfalls, dass schon vor Kenneth Wilsons Veröffentlichung (2018) wissenschaftlich und ausführlich nachgewiesen worden war, dass Augustinus die „Lehren der Gnade“ vertrat, z. B. im Rahmen der Doktorarbeit von C. Matthew McMahon, Augustine’s Calvinism: The Doctrines of Grace in Augustine’s Writings, die bereits 2012 veröffentlicht wurde.

(2) Dass Augustinus der erste „Calvinist“ gewesen sei, die Kirchenväter vor ihm die Inhalte und Lehren der „Fünf Punkte des Calvinismus“ also noch nicht gelehrt hätten, muss anhand der Quellenlage zurückgewiesen werden (s. z. B. Artikel: Calvinism in the Early Church. The Doctrines of Grace Taught by the Early Church Fathers). Eine umfassende Arbeit mit Originalzitaten von den älteren Kirchenvätern hat bereits der Theologe und Sprachgelehrte John Gill vorgelegt (The Cause of God and Truth, 4. Band, 1738).

Man sollte sich aufgrund der Tatsachen wohl eher zu folgender Aussage reduzieren, wie sie McMahon in der Einleitung seiner Ausarbeitung trifft (op cit): „Der heilige Augustinus war ein Calvinist und Johannes Calvin war ein Augustiner. Das heißt, sowohl Augustinus als auch Calvin hielten sich an das Evangelium von Jesus Christus, das in der Bibel zu finden ist, obwohl sie über ein Jahrtausend auseinander lebten“ (weiter erhellende Fortsetzung des Zitats s. unten).

Fazit: Nach Einschätzung von Kennern der Materie ist zu befürchten, dass sich am Ende der 388 Seiten (des Originals) die Sensation des Ken Wilson als lahme Ente erweist, oder – wie der alte Goethe es sagen würde–: „Getretener Quark wird breit, nicht stark.“ (Westöstlicher Divan, 1819/1827).

Einige begriffliche Vorbemerkungen

In der folgenden Diskussion werden einige Begriffe in einer spezifisch nordamerikanischen soteriologischen Debatte verwendet. Wir stellen daher eine Kurzdefinition dieser Begriffe dem Beitrag von Chris Whisonant voran.

Libertarian Free Will (libertarischer freier Wille): Die Auffassung, dass der Mensch bei einer Entscheidung unter denselben Voraussetzungen tatsächlich auch (entgegengesetzt) anders handeln könnte. Auf die Bekehrung bezogen bedeutet dies, dass der Mensch dem Ruf des Evangeliums zustimmen oder ihn ablehnen kann, ohne dass seine Entscheidung durch Gottes souveränen Ratschluss oder eine vorausgehende wirksame Gnade determiniert ist.

Dabei ist eine wichtige Unterscheidung zu beachten: »Libertärer freier Wille« bedeutet nicht einfach, dass der Mensch einen Willen besitzt oder freiwillig entscheidet. Auch Augustinus, Luther, Calvin und die reformierte Theologie sprechen von einem wirklichen menschlichen Willen und von freiwilligem menschlichem Handeln. Der entscheidende Streitpunkt ist vielmehr, ob der gefallene Mensch hinsichtlich des Heils die moralische Fähigkeit besitzt, unter denselben Bedingungen entweder zu glauben oder nicht zu glauben. Die augustinisch-reformierte Position bestreitet nicht das menschliche Wollen und Entscheiden, wohl aber, dass der gefallene Mensch aus eigener moralischer Fähigkeit heraus Christus erwählen kann.

Traditionalism (»Traditionalismus«): Bezeichnung für eine vor allem im Umfeld der Southern Baptists vertretene nichtcalvinistische Heilslehre. Sie betont die Verantwortlichkeit und Entscheidungsfähigkeit des Menschen und lehnt insbesondere die calvinistische Lehre von der völligen Unfähigkeit des gefallenen Menschen, der bedingungslosen Erwählung und der unwiderstehlichen Gnade ab. »Traditionell« bedeutet hier also nicht, dass diese Position die traditionelle Lehre der gesamten Kirchengeschichte darstelle.

Provisionism (»Provisionismus«): Eine neuere Bezeichnung für diese soteriologische Position, besonders verbunden mit Leighton Flowers. Der Name betont, dass Gott in Christus die zum Heil notwendige Vorsorge (provision) für alle Menschen getroffen habe und das Evangelium jedem Menschen eine echte Möglichkeit zum Glauben eröffne. Eine vorgängige unwiderstehliche Wiedergeburt durch den souverän handelnden Heiligen Geist (Johannes 3,5.8) sei daher nicht erforderlich.

Provisionist: Ein Vertreter des Provisionismus. Im vorliegenden Text werden »Provisionist« und »Traditionalist« weitgehend für dieselbe nichtcalvinistische (anti-calvinistische) Position verwendet.

Zum Verständnis der Kontroverse ist wichtig: Die Gegenseite ist die augustinisch-reformierte bzw. calvinistische Soteriologie, nach der der gefallene Mensch zwar verantwortlich handelt, aufgrund seiner sündigen Natur aber nicht aus eigener moralischer Fähigkeit zu Christus kommen wird. Rettender Glaube setzt deshalb das wirksame Handeln der Gnade Gottes voraus.

Chris Whisonant: Auseinandersetzung mit Ken Wilsons Werk – Inhaltsübersicht

»Nachfolgend findet sich eine Inhaltsübersicht mit allen Beiträgen meiner gegenwärtigen Artikelserie. Ich verlinke jeweils auf den betreffenden Beitrag und gebe eine kurze Zusammenfassung seiner Argumentation, in der Regel eine Zusammenfassung des jeweiligen Fazits.

Teil 1 – Clemens und der freie Wille

Dr. Wilson argumentiert, aus der Tatsache, dass Clemens die Gläubigen in Korinth zu guten Werken aufrief, müsse sich als implizite logische Konsequenz zwingend ein libertarischer freier Wille ergeben. Wenn dies bereits aufgrund einer Schlussfolgerung so eindeutig sein soll – was ist dann mit den ausdrücklichen Aussagen über Gottes Willen im Zusammenhang mit unserer Berufung, Rechtfertigung und der Öffnung der Augen unseres Herzens, die erkennen lassen, dass Clemens die Gläubigen als von Gott vorherbestimmt und erwählt verstand?

Wenn man einfach den tatsächlichen Text des Clemens betrachtet, findet sich weit mehr Material, das zeigt, dass er hinsichtlich des Heilsratschlusses Gottes die traditionelle [biblische] Auffassung von Erwählung vertrat.

Teil 2 – Augustinus, das Jahr 412 und die Erbsünde

Als Augustinus davon hörte, Säuglinge sollten nicht zur Vergebung der Erbsünde getauft werden, sondern lediglich zu ihrer Heiligung, erkannte er darin etwas, das nicht zu dem gehörte, was er als den durch die Jahrhunderte überlieferten christlichen Glauben verstand.

Nach seinem Verständnis hatte die Kirche »mit größter Beständigkeit bewahrt«, dass Kinder Sünder seien, weil sie die Erbsünde Adams geerbt hätten. Sein unmittelbares Argument lautete deshalb, dass die Kirche dieser neuartigen Lehre des Pelagius entgegenstehe und dass Säuglinge von jeher getauft werden sollten, um sie von ihrer Sünde zu reinigen.

Wenn es also eine Seite gab, die Augustinus als »traditionell« verstanden hätte, dann war es jene von der Kirche bewahrte Auffassung, wonach die von Adam übertragene Erbsünde bei Säuglingen abgewaschen werden müsse, damit sie rein und frei von Sünde seien – bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie selbst persönliche Sünde begingen.

Teil 3 – Einige frühere Äußerungen Augustins zur Erbsünde

Augustinus sprach bereits sehr früh in seinem christlichen Leben, nämlich im Jahr 393, von einer durch die Sünde des ersten Menschen ererbten sündigen Natur. Im Jahr 401 sehen wir ihn dann über die Notwendigkeit der Sündenvergebung durch die Taufe von Säuglingen sprechen. Diese Sündenvergebung sollte sie von den Sünden des alten Menschen erneuern.

Augustinus sagte damit tatsächlich etwas, was ein Vertreter der sogenannten »traditionellen« Position nicht sagen könnte, ohne seinen eigenen Schriften zu widersprechen. Könnte etwa ein Provisionist sagen, dass »durch die Sünde Adams die Gewohnheit zu sündigen infolge der sterblichen Zeugung zu einer Natur des Sündigens geworden ist«?

Das ist die Sprache Augustins, bevor er ausdrücklich umfangreiche Abhandlungen über die Erbsünde verfasste.

Teil 4 – Athanasius und die Erbsünde

Athanasius sprach davon, dass der Tod seinen Ursprung in Adam habe, von einem Fluch der Sünde und davon, dass der Tod durch die Wiedergeburt von oben und die Lebendigmachung in Christus beseitigt werde.

Zumindest zeigt Athanasius damit, dass die Kirche bereits vor Augustinus in einer Weise sprach, die weit weniger »traditionell« klingt, als es einem Provisionisten lieb sein dürfte.

Teil 5 – Mit gleichem Maß messen

Wilson hat außerdem behauptet, die biblischen Aufforderungen zur Umkehr oder zum Erwachen müssten bedeuten, dass der Mensch in sich selbst die Fähigkeit besitze, dieser Aufforderung nachzukommen.

In diesem Beitrag sehen wir eine ähnliche Aussage bei Mani, wo jemand aufgefordert wird, aufzuwachen. Der »Traditionalist« würde entsprechende Aussagen in der Schrift so verstehen, dass der Mensch selbst die moralische Fähigkeit besitzt, dem Ruf Folge zu leisten und aufzuwachen; derselbe Mensch wird jedoch in eine entsprechende Aussage Manis irgendeine Form des Determinismus hineinlesen.

Ich möchte nachdrücklich dafür plädieren, dass wir hinsichtlich der Art und Weise, wie wir aufgrund unserer Vorannahmen Texte interpretieren, konsequent bleiben.

Ich versuche keineswegs, Manis Aussage zu verteidigen – wie wir gesehen haben, sprach er beim Erlöser nicht einmal vom Christus der Bibel, sondern von Zarathustra! Worauf ich jedoch hinauswill, ist die Frage, ob Sie tatsächlich dieselben Kriterien anwenden, wenn Sie bei den frühen Kirchenvätern einen traditionellen libertarischen freien Willen herauslesen, bei Manis Aussagen jedoch nicht.

Teil 6 – Die Tiefen von Augustins Manichäismus

Dieser grundlegende Bestandteil des »Glaubens« – ein als Zarathustra bezeichneter »Erlöser«, den Wilson mit Christus gleichsetzte, der den Menschen befiehlt, aus ihrem Schlaf zu erwachen, und ihnen zugleich die Gnade gibt, überhaupt erwachen zu können – soll nach Wilson von Augustinus gebilligt und anschließend von ihm gleichsam heimlich in das Christentum eingeschleust worden sein.

Dabei wird jedoch nicht berücksichtigt, dass Augustinus ausdrücklich erklärte, er selbst habe den »Glauben«, den er als Manichäer besessen hatte, verworfen. Zu diesem »Glauben« gehörten zweifellos auch solche nichtkatholischen Überzeugungen wie Astrologie, der falsche Gott sowie Zarathustra als Erlöser im Manichäismus.

Teil 7 – Was wäre, wenn wir die Sterne neu schreiben?

Klingt es nach der Lektüre dieses Beitrags wirklich so, als hätte Augustinus in den Jahren 388 und 398 – ebenso wie 393 und 397, aus denen weiter unten Zitate angeführt werden – noch immer unter dem Einfluss einer stoischen, von den Sternen gelenkten Vorsehung gestanden, obwohl er ausdrücklich bestritt, dass die Sterne irgendeinen Einfluss auf die Geburt eines Menschen hätten?

Wie Augustinus in den Bekenntnissen (Confessiones) selbst erklärte, hatte er bereits im Jahr 386 jede Form astrologischen Determinismus aufgegeben – und das sogar noch vor seiner Bekehrung!

Wenn Augustinus die Behauptungen Wilsons unmittelbar und ausdrücklich verneint, muss man sich fragen, warum Dr. Wilson Augustinus so behandelt, wie er es tut. In seinen Schriften aus den Jahren 388–401 wies Augustinus jede Behauptung kategorisch zurück, er habe weiterhin die Himmelskörper verehrt.

Teil 8 – Das Konzil von Karthago

Wie dieser Beitrag zeigt, halten Dr. Wilsons Aussagen über das Konzil von Karthago einer Überprüfung anhand des tatsächlichen Dokuments nicht stand.

Die Konzilsväter waren tatsächlich der Auffassung, dass die universale Kirche Säuglinge taufte und dass diese Taufe dazu diente, jene Sünde zu vergeben, die infolge ihrer Abstammung von Adam in ihnen vorhanden war.

Teil 9 – Augustins Schweigen brechen

Selbst wenn wir Ad Simplicianum außer Betracht lassen, können wir erkennen, dass Augustinus in den zehn Jahren um die Abfassung dieses Werkes eine ganz ähnliche Sprache verwendete. Wir sehen, dass jene Ausdrucksweise in Ad Simplicianum, von der Dr. Wilson selbst eingeräumt hat, dass sie nicht der von ihm behaupteten »traditionellen« Position entspricht, durch weitere nichttraditionelle Aussagen in anderen Werken aus demselben Zeitraum bestätigt wird. Die oben von mir angeführten Zitate sind dabei keineswegs vollständig.

Wenn Augustinus im Jahr 396 tatsächlich das glaubte, was er in Ad Simplicianum schrieb, dann fällt Wilsons gesamte These wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Dr. Wilson hat dieses Kartenhaus jedoch auf eine einzige Karte ganz unten gebaut, die als vermeintlich festes Fundament dieses wackeligen Gebäudes dienen soll. Diese eine Karte besteht in der Tatsache, dass sich das Wort reatus vor dem Jahr 412 nirgends nachweisen lässt. Daraus wird geschlossen, dass niemand geglaubt habe, mit der Erbsünde sei eine verdammungswürdige Schuld verbunden.

Ich habe jedoch gerade eindeutig gezeigt, dass Augustinus zumindest im Jahr 401 sehr wohl an eine ererbte Schuld aufgrund der Erbsünde glaubte – und zwar in einem solchen Sinn, dass er die Taufe von Kindern für notwendig hielt, um sie zu reinigen und wiederzugebären.

Teil 10 – Über die Größe der Seele

Wenn man Augustins eigene Worte liest, scheint er sich wiederum in einer Weise auszudrücken, die nicht der von Wilson behaupteten »traditionellen« Position entspricht.

Ich frage daher erneut ganz einfach: Handelt es sich bei den Aussagen Augustins in diesem Werk um Aussagen, denen Provisionisten zustimmen könnten?

Können sie sagen, dass der Mensch ohne Gottes Hilfe nicht einmal mit der Erneuerung seines Geistes beginnen, geschweige denn sie vollenden kann? Können sie sagen, dass unser Gebrauch des freien Willens »keinen Teil der göttlichen Ordnung und des göttlichen Gesetzes stört«?

Das sind ernsthafte Fragen, die einen erheblichen Teil der These Dr. Wilsons untergraben.

Teil 11 – Psalm 51 und die Erbsünde

Nachdem Sie selbst einige Texte Augustins gelesen haben, dürfte deutlich geworden sein, dass seine Auffassung alles andere als Wilsonscher »Traditionalismus« ist.

Wie ich gezeigt habe, sagt Augustinus nicht nur, dass Kinder schuldig geboren werden – ihnen also Unschuld fehlt –, sondern darüber hinaus, dass sie bereits unter einer Strafe geboren werden. Deshalb benötigen sie das Bad der Wiedergeburt in der Taufe.

Schuldige Menschen – in diesem Fall Säuglinge –, die der Wiedergeburt bedürfen, würden nach Augustins Verständnis des katholischen Glaubens der Strafe der Verdammnis entgegengehen.

Teil 12 – Psalm 51 und die Konkupiszenz

[Konkupiszenz bezeichnet in der christlichen Theologie die durch den Sündenfall bedingte, im Menschen wirkende ungeordnete Begierde und Neigung zur Sünde. A.d.Ü.]

Auch dieser Beitrag zeigt die außerordentliche Voreingenommenheit, mit der Wilson Augustinus liest und beurteilt.

Als überzeugter protestantischer Baptist des 21. Jahrhunderts begann ich 2017 mit der Lektüre Augustins, ohne dabei eine bestimmte Agenda zu verfolgen. Mir war klar, dass Augustinus vieles geschrieben haben würde, dem ich zustimmen könnte, und ebenso vieles, dem ich widersprechen müsste.

Ich bin jedoch nicht mit dem Ziel an seine Schriften herangegangen, einen Weg zu finden, Augustinus entweder meiner eigenen Tradition einzuverleiben oder ihn von vornherein der Häresie zu beschuldigen. Meine Lektüre war fruchtbar und ein Segen.

Dr. Wilsons Beschäftigung mit Augustinus scheint dagegen von einer Voreingenommenheit ausgegangen zu sein und von dem Bemühen, aus Augustinus jemanden zu machen, der er nicht war.

Weitere Beiträge folgen …«

McMahon über »Calvinismus« und »Augustinismus« (2012)

»Der Inhalt ihrer [Calvin, Augustinus] Gedankensysteme über Rechtfertigung, Sühne, Souveränität, Gnade, Ausharren der Heiligen und dergleichen war derselbe. Sie lehrten dieselben Lehren von der Souveränität Gottes und der freien Gnade, die der »Calvinismus« seit Hunderten von Jahren, nein, Tausenden von Jahren gelehrt hat. Und warum? Die Begriffe »augustinisch« oder »calvinistisch« beziehen sich einfach auf ein Denksystem, in dessen Mittelpunkt die vollständige und uneingeschränkte Souveränität Gottes in der Errettung steht. Das bedeutet, dass die Erlösung monergistisch ist. Sie wird von Gott im Namen des Menschen vollzogen. Wie der Psalmist so wortreich sagt: »Aber unser Gott ist in den Himmeln; alles, was ihm wohlgefällt, tut er« (Psalm 115,3). Gott ist der Urheber und Vollender des Glaubens für diejenigen, für die Christus gestorben ist und sein Leben als Lösegeld gegeben hat. Gott initiiert das Heil, gibt die Gabe des Heils und bewahrt den Christen in der Erlösung. Er ist das Alles in Allem.

Dies ist kein neues Konzept oder eine neumodische Idee. Es ist die alte Religion des Evangeliums Jesu Christi, die seit dem Garten Eden in Genesis 3,15 gelehrt wird, durch die ganze Geschichte von Gottes auserwähltem Volk, durch das Wirken des menschgewordenen Wortes Jesus Christus, das Wirken der Apostel, das Wirken der frühen Kirchenväter und ja, das Wirken und die umfangreichen Lehren von St. Augustin.

Das augustinische oder calvinistische System bezieht sich nicht nur auf das, was gemeinhin als »Die Lehren der Gnade« bekannt geworden ist. Diese biblischen Systeme des theologischen Denkens erstrecken sich auf alle Facetten der biblischen und systematischen Theologie. Wer nur an den »Lehren der Gnade« festhält, kann nicht mit Fug und Recht behaupten, ein »Calvinist« sein. […]

Die überarbeitete Systematisierung der fünf Punkte des Calvinismus, die als als »Die Lehren der Gnade« in die moderne Kirche Eingang gefunden haben, wurde ursprünglich nicht von Calvin, sondern von Augustinus systematisiert und ausführlich beschrieben. Aus diesem Grund zitiert Johannes Calvin alle vier Seiten in seiner Institutio Christianae Religionis (deutsch: Unterricht/Unterweisung in der christlichen Religion) Augustinus. Aus diesem Grund würde sich Calvin nicht als Calvinist, sondern als Augustiner bezeichnen. Und sowohl Augustinus als auch Calvin würden sich wirklich als Kinder zu Füßen Jesu Christi und der Lehren der Bibel betrachten, vor allem, wenn sie ihre Lieblingspassagen des Apostels Paulus immer wieder zitieren. Sie sind paulinisch und bibeltreu, zur Ehre Jesu Christi.«

C. Matthew McMahon, Augustine’s Calvinism: The Doctrines of Grace in Augustine’s Writings. (Coconut Creek, FL: Puritanischer Publications, 2012), Introduction (eigene Übersetzung; typograf. Betonungen durch Übersetzer).

Eine schwierige Lehre – Erwählung und Vorherbestimmung

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Benedikt Peters hat sich in Vorträgen, Schulungen und Schriften über die biblische Heilslehre vielfach und stets mit Ringen um die biblische Wahrheit bewährt.

In einer Stellungnahme der BEG Hannover zum Thema „Erwählung und Vorherbestimmung“ wird eine Ausarbeitung von Peters (2003) verwendet. Diese ist biblisch fundiert und wohltuend bloß polemischer Seitenhiebe oder parteigeistlicher Angriffe. Wir empfehlen sie daher mit Verweis auf 1. Thessalonicher 5,21 und Apostelgeschichte 17,11. Der Aufbau der Ausarbeitung ist wie folgt:

  1. Eine schwierige Lehre
  2. Eine Übersicht über Gottes ewigen Heilsrat
  3. Was bedeuten die Begriffe „Auserwählung“ und „Vorherbestimmung“ und „Vorkenntnis“?

Link zum Gesamtdokument (PDF): Benedikt Peters: Erwählung und Vorherbestimmung, 2003. (Backup)

Zum Autor: Benedikt Peters, Lic. phil., Ph.D. (*1950, Arbon, CH) hat an der Universität Zürich Griechisch, Hebräisch sowie allgemeine Linguistik studiert. Er ist Ältester einer Gemeinde in Arbon (CH) und übt eine vollzeitliche Lehrtätigkeit in Gemeinden verschiedener europäischer Länder aus. Er ist Vizepräsident des Bibelbundes der Schweiz, Autor zahlreicher theologischer Bücher und unterrichtet am EBTC Zürich u. a. Bibelkunde und Systematische Theologie. Benedikt ist verheiratet und hat vier Kinder.

Sonnenfinsternis – Wo Phantasie die Wahrheit verdunkelt

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Eine Rezension und biblische Kurzbeurteilung von:

Thomas Jettel, Herbert Jantzen
Kann ein Christ zu einem Nichtchristen werden?
CMV – Christlicher Missions-Verlag Bielefeld, 2010. Brosch., 109 Seiten | ISBN 978-3867015028

Der Herausgeber ist ein kleiner Verlag (e. V.), der von Mitgliedern der Mennoniten-Gemeinde Bielefeld ins Leben gerufen wurde (Webseite). Diese christliche Gruppe pflegt traditionell ein arminianisches Verständnis der Heilslehre und geht von der Unsicherheit und Verlierbarkeit des Heils in Christus aus. Das besprochene Werk ist Teil der CMV-Aufklärungsreihe. In dieser Reihe werden aus Sicht der Mennoniten wichtige Themen aufgegriffen, wie Gender, Erwählung, Heilssicherheit oder „das Äußere” (Kleidung).

Die beiden Autoren kommen aus unterschiedlichen Hintergründen, arbeiten jedoch seit einigen Jahrzehnten zusammen. Der Kanadier Herbert Jantzen (1922–2022) studierte am Canadian Mennonite Bible College in Winnipeg Theologie und Erziehungswissenschaften und war 1971–1981 Professor für Dogmatik an der FETA Gießen. 1999 kehrte er nach Kanada zurück. Der Österreicher Thomas Jettel (*1959) studierte an der STH Basel und wurde nach einer vorübergehenden Mitarbeit in Gemeinden im Salzburger Land (A) in den 80er und 90er Jahren und einer Umkehr zu einer anderen Heilslehre freier Prediger, dann Ältester einer Gemeinde in Hohentengen. Er arbeitete seit 1997 mit Herbert Jantzen zusammen.

Zum Inhalt. Die Autoren gehen davon aus, dass jemand, der an Jesus Christus glaubt, das Ewige Leben hat. Soweit biblisch richtig. Dann stellen sie die unbelegte und recht steile These auf, dass ein solcher mit Ewigem Leben beschenkte und „von-oben-geborene” Mensch seinen Glauben wieder restlos aufgeben könne, so dass alle Verheißungen und Folgen der Wiedergeburt von oben wieder genommen würden und so dieser Mensch auf dem Weg ins sichere Verderben der Hölle sei. Die biblische Lehre von der ewigen Heilssicherheit der Glaubenden schließe die Möglichkeit des Abfalls Wiedergeborener nicht aus. Die Heilssicherheit des Gläubigen einerseits, und die Möglichkeit, aufzuhören zu glauben, andererseits, seien biblische Lehren, die nicht im Widerspruch zu einander lägen. Platt gesagt wird hier die Meinung vertreten, dass der Mensch mittels des (eigenständigen) An- und Ausschaltens seines Glaubens sein ewiges Heil (eigenständig) an- bzw. ausschalte, der Heilsprozess mithin voll umkehrbar und voll in exklusiver Verfügung des betreffenden Menschen sei.

Beurteilung. Erstens werden in dieser Sicht der ewige Wille Gottes und seine ewigen und festen Besitzansprüche an die durch das Blut Jesu Erworbenen völlig außer (biblischer) Acht gelassen. Die Heilige Schrift lehrt als Wahrheit vielmehr, dass mit der Verleihung des Ewigen Lebens durch Gott unumkehrbare Dinge bei einem Menschen geschehen, denn Gott verändert ihn und Seine Beziehung zu ihm radikal (bis ins Zentrum des Wesens) und pervasiv (alles umfassend und durchdringend), sowohl initial (Stellung) als auch beständig (Glaubensleben). Die entsprechenden Gnadenhandlungen Gottes (d. h. einseitige Geschenke Gottes, beachte das betonte »ICH werde«) werden z. B. in Hesekiel 36 prophetisch vorausschauend bzgl. Israel und dem Neuen Bund im Alten Testament aufgezählt. Diese Segnungen des Neuen Bundes gehören zum Hintergrund des Gespräches Jesu Christi mit dem jüdischen Obertheologen Nikodemus (Johannes 3) zur Erklärung der Möglichkeit und Weise der geistlichen Neugeburt (Wiedergeburt, Geburt-von-oben-her):

»Und ich werde reines Wasser auf euch sprengen, und ihr werdet rein sein; von allen euren Unreinheiten und von allen euren Götzen werde ich euch reinigen. Und ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben; und ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Und ich werde meinen Geist in euer Inneres geben; und ich werde bewirken, dass ihr in meinen Satzungen wandelt und meine Rechte bewahrt und tut.«

Hesekiel 36,25-27 (ELBCSV)

Beachtenswert ist, dass auch das Bleiben eines Wiedergeborenen in einem Gott wohlgefälligen Leben in praktischer Heiligung zu diesen gnädigen Wirkungen gehört und mithin sicheres und bleibendes Gottesgeschenk und nicht fragwürdige menschlich-volatile Entscheidung ist. Es geht um Segnung und nicht um Verdienst. Dass dies so göttlich-sicher geschieht und bleibt, ist verbunden mit dem bleibend hochgelobten Namen und der Ehre Gottes (Hesekiel 36,32; vgl. Römer 3,21–28; Epheser 2,4–10).

Zweitens stellen die Autoren mit ihrer Lehre den Dienst Jesu Christi als Hoherpriester als fehlbar hin. Dieser ist jedoch vollkommen und wirksam: »Ich habe gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre« sagt Jesus zu Petrus nach dessen größter Sünde in dreimal wiederholter Leugnung Jesu (Lukas 22,31f). Jesu Blick (Lukas 22, 61–62) und seine Wiederherstellung und Indienststellung des Petrus (Johannes 21,15–19) reden, vor allem im Vergleich zum lange vorher in der Schrift angekündigten Verräter Judas Iskariot, Bände. Petrus gehörte zu denen, die durch Jesu Wort rein waren (Johannes 15,3), Judas hingegen war nie etwas anderes als ein Verräter und Teufel (vgl. Johannes 6,70; 13,2): »Als ich bei ihnen war, bewahrte ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast; und ich habe sie behütet, und keiner von ihnen ist verloren gegangen – als nur der Sohn des Verderbens, damit die Schrift erfüllt würde.« (Johannes 17,12).

Drittens wird der Dienst Jesu als Großer Hirte Seiner Schafe als unvollkommen verleumdet. Johannes 10 und 17 (u. a.) machen sehr klar, dass Jesus keinen der „Seinen” verliert, die Ihm der Vater anvertraut hat, sondern allen ewiges Leben gibt: »Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie gehen nicht verloren in Ewigkeit, und niemand wird sie aus meiner Hand rauben.« (Johannes 10,27-28). Wer wie die Autoren das Gegenteil einräumt, verleumdet Jesu Hirtentreue und Seine Macht als Gott, der Sohn.

Viertens: Bei der Rettung bekommt der Glaubende unwiderrufliche Rechtstitel zuerkannt. Dazu gehören: das Recht, Kind Gottes zu heißen; die Adoptionsurkunde als „an Sohnes statt Angenommener”; die Rechtfertigungsurkunde des Obersten Weltenrichters, ohne Revisionsmöglichkeit; den Erbschein als Miterbe Christi, (usw.). Dies ist alles im NT klar bezeugt. Keiner dieser Titel wird als „Leihtitel” oder „Bewährungstitel” ausgeteilt, sondern als göttlich feste Zusage im Indikativ des unwiderruflich Faktischen.

Der Beweis, dass kein Mensch sich durch Treue, Werke, Entschiedenheit (o. ä.) den Weg in den Himmel selbstständig bahnen oder erhalten kann, ist längst erbracht. Daher baut Gott Sein Heil auch nicht auf den Willen und die Tat eines sündigen oder „bekehrten” Menschen, sondern auf den Willen, die Tat und das Sterben und Auferstehen Jesu Christi, Seines Sohnes, auf: »Aus ihm aber seid ihr in Christus Jesus, der uns geworden ist Weisheit von Gott und Gerechtigkeit und Heiligkeit und Erlösung; damit, wie geschrieben steht: „Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn.”« (1. Korinther 1,30-31).

Fünftens: Es wäre ein Anfängerfehler, davon auszugehen, dass jede Art des Glaubens (als Tugend verstanden) rettend sei, dass es keine kategorisch unterschiedlichen Glaubensarten gäbe. Auch Dämonen glauben (Jakobus 2,19) –und zwar beständig–, aber sie waren und sind nie gerettet. Menschen glauben, solange sie spektakuläre Wunder sehen, die ihnen nützen (Brotglaube, Zeichenglaube). Weiterhin ist biblisch belegt, vorausgesagt und evident, dass Menschen biblische Glaubensinhalte mit falschen Inhalten und Lehren vertauschen (z. B. dem religiösen Asketismus, 1. Timotheus 4,1–3). Der rettende Glaube hingegen (manchmal als echter oder lebendiger Glauben bezeichnet) rettet, und zwar 100 Prozent sicher. Der Apostel Johannes lehrt unmissverständlich: Wer „den Glauben aufgibt” und die Gemeinde dauerhaft verlässt, fällt nicht vom sicheren Heil ab, verliert nicht das ewige Leben (usw.), sondern war nie gerettet, war nie „von uns” (1. Johannes 2,19).

Die Autoren gehen von einem in der Schrift nie vorkommenden, konstruierten Fall aus und bauen davon ausgehend Schlussfolgerungen auf. Wenn aber Prämissen falsch sind, werden die Schlussfolgerungen notwendigerweise auch falsch. Die Autoren verletzen das Auslegungsprinzip, dass sog. „schwierige Stellen” stets anhand klarer Stellen (s. z. T. o.) zu beleuchten sind. Durch Missverständnisse über die Treue und Macht Gottes und dem Werk Jesu besteht die Gefahr, dass sie Gott klein machen und zu einem ohnmächtig vor dem autonomen Menschen stehenden Retter degradieren. Die Ermahnungen und Drohungen Gottes sind trotzdem ernst zu nehmen, da die Heiligung das Mitwirken des Glaubenden einbezieht (Philipper 2,12–13). Für die Schar der nichtglaubenden Bekenner und der Mitläufer (vgl. Hebräer 6: »diejenigen« versus »euch, Geliebte«) haben alle mahnenden Stellen eine unsagbar wichtige Funktion: aufzurütteln, zu prüfen, ob man wirklich im Glauben steht (wie Paulus den Korinthern schreibt; 2. Korinther 13,5).

Fazit: Wer durch die Brille des Jettel-Jantzenschen Buches und damit durch die Brille der mennonitischen Sonderlehren auf die Lehre des Wortes Gottes über das Heil Gottes schaut, bekommt leider eine verzerrte und verfinsterte Sicht auf Gottes strahlende Größe und Herrlichkeit im Rettungswerk. Hier offenbart sich letztlich das Unheil schräger Theologie und „heiliger Lehrtraditionen”. Eine angemessene biblische Widerlegung der falschen und der lückenhaft einseitigen Aussagen der Autoren würde wieder ein Buch noch größeren Umfangs fordern. Dann lese man besser gleich ein gutes, biblisch richtiges Werk über die Heilslehre der Schrift und lasse die Sonne und das Licht der Wahrheit in die Seele und den Verstand leuchten. Denn diesseits der Ewigkeit sind wir alle noch Unvollkommene und Lernende und Erkennende. Das Sonnenlicht des Wortes der Wahrheit ist in diesem Wachstumsprozess hilfreicher als die Dunkelheit menschlicher Sonderlehren.

»Die Vorschriften des HERRN sind richtig und erfreuen das Herz; das Gebot des HERRN ist lauter und erleuchtet die Augen.« (Psalm 19,9)

Dünnes Brett: Streitenberger gegen Strohmänner (Rezension)

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Peter Streitenberger
Die fünf Punkte des Calvinismus aus biblischer Perspektive
VTR, 2012, Pb., 67 Seiten | ISBN: 978-3941750425

Der Herausgeber, der Nürnberger Verlag für Theologie und Religionswissenschaft (VTR) veröffentlichte 2012 dieses 67-seitige Büchlein Streitenbergers in der Reihe „Zur Diskussion gestellt”. Beworben wird es hingegen nicht als Diskussionsbeitrag, sondern als Buch, das den Leser von der Bibel her überzeugen will: »Die vorliegende Abhandlung befasst sich mit dem unter Christen durchaus umstrittenen Thema der Erwählungslehre, insbesondere mit den so genannten fünf Punkten des Calvinismus und versucht, den interessierten Leser zu einer eigenen, von der Bibel her begründeten Überzeugung zu verhelfen.« (Buchrückseite).

Das Vorwort wurde von Franz Graf-Stuhlhofer, einem Historiker aus Wien, verfasst. Stuhlhofer studierte in Wien Geschichte und Naturwissenschaften und promovierte 1980 dort zum Dr. phil. mit einer Untersuchung zu Astronomie und Humanismus nach 1500. Er versucht in seinem über 6-seitigen Vorwort Gründe zu finden, warum Christen in manchen Fragen des Heils unterschiedliche Antworten vertreten. Überdies deutet er auch eigene Positionen an, die meist dem arminianischen Theologiesystem entsprechen (z. B. anonym-kollektive Erwählung) und daher gut zu der Position des Autors passen. Stuhlhofer karikiert abschließend in herabwürdigender Weise Gottes Heilswirken zusammenfassend so: »Alle jene Menschen, die sich von Gott ein JA abringen lassen, gehören zu diesem Überrest – damals wie heute.« (S. 11).

Der Autor, Peter Streitenberger (*1979), ist Diplom-Sozialpädagoge (FH). Er hat im Zweitstudium Germanistik und Philosophie studiert. Dieses kleine Buch gründet sich auf die Magisterarbeit des Verfassers, die 2010 von der Universität Eichstätt-Ingolstadt angenommen wurde. Er „recycelte” und verkürzte dabei eine längere Ausarbeitung, die schon etliche Jahre vorher in PDF-Form oder als E-Book im Internet herumgeisterte und 2007 im Christlichen Mediendienst Hünfeld (CMD) von Wilfried Plock unter dem Titel Die Fünf [sic!] Punkte des Calvinismus – Eine Antwort– 2007 herausgebracht wurde (159 Seiten, ISBN 978-3-939833-08-6; Rezension hier). Ein dort ca. 60-seitiger bibelorientierter Abschnitt zu „Umkämpfte Schriftstellen“ fehlt indessen in dem hier besprochenen, wesentlich kürzeren Werk; umso mehr befremdet der Titel dieser Magisterarbeit. Streitenberger ist auch wegen seiner anti-calvinistischen Beiträge (und deren Stil) auf der Webseite bibelkreis.ch bekannt geworden.

Zum Inhalt: Die Heilige Schrift stellt das Heilsangebot Gottes an uns Menschen in Jesus Christus überzeugend, klar und einladend vor. Streitenberger bezieht in dem Spannungsfeld zwischen der Souveränität Gottes und der Verantwortung des Menschen in der Frage der Heilsaneignung Stellung. Er geht dieser Frage indes nicht „evangelikal” nur aufgrund der Offenbarung Gottes –der Heiligen Schrift– nach (wie es der Titel vermuten lässt), sondern liefert seine persönliche Meinung, gezielt auf einen einige Jahrhunderte alten Lehrstreit zwischen sog. „Calvinisten” und „Arminianern”. Er nimmt dabei im Wesentlichen gegen die calvinistische (und hyper-calvinistische) Sicht Partei und greift „Die Fünf Punkte” eines größeren Kirchenkonzils gegen einige Protestler („Remonstranten”) in den Niederlanden an. Das ist an und für sich schon nicht sehr originell; viele haben dazu Lesbareres, Systematischeres, Biblischeres und Überzeugenderes geschrieben. Zudem besteht „der Calvinismus” nicht und bestand niemals aus nur und genau diesen fünf Punkten. Diesen historischen und dogmengeschichtlichen Irrtum sollten Vorwortschreiber und Herausgeber VTR eigentlich erkannt haben. Dem Versprechen im Titel „aus biblischer Perspektive” wird der Autor mangels sorgfältiger exegetischer Arbeit am Text der Heiligen Schrift leider nicht gerecht. Warum solches „Noch-einmal-bekannte-Argumente-aufzählen”, verkürzt entnommen aus schon längst Veröffentlichtem, die Anerkennung einer Magisterarbeit bekommen konnte, entzieht sich meiner Kenntnis.

Zum Stil: Eine Magisterarbeit muss auch in einem (zugegeben) kontroversen Thema beide Seiten sachlich richtig zitieren und ausgewogen darstellen. Sie entspricht heute einer Master-Arbeit, soll also gehobenen Ansprüchen an Form und Inhalt genügen. Wissenschaftliche Sachlichkeit und Korrektheit ist akademisches Muss. Wohltuend ist, dass Streitenberger seine öffentlichen Formulierungen, wie »das calvinistische Übergehungs- und Vergewaltigungsevangelium«, »die Sekte der Calvinisten« u. ä., in diesem Büchlein nicht wiederholt. Einige Rezensenten haben öffentlich kritisch angemerkt, dass Streitenberger unversöhnlich, reißerisch und unsachlich gegen Calvin und die reformatorische Heilslehre schreibt. Der Stil der Jesuiten der Gegenreformation findet heute wieder ein Echo in den Romanisierungsbestrebungen innerhalb des (ehemaligen ) Protestantismus. Das Werk des Autors Streitenberger hätte mit Wahl eines sachlicheren Stils und gründlicherer Erarbeitung sicher leicht Respekt gewinnen können.

„Calvinismus”: Damit wird dehnbar alles das bezeichnet, was nicht in das Theologiesystem des „Arminianismus” passt und/oder in dieser Theologie verachtet wird. Leider liefert die Lektüre des Büchleins von Streitenberger keine Klärungen, die für die Diskussion fruchtbar oder für die Interessierten und die Gemeinde Gottes sachlich oder geistlich hilfreich wären. Die Bibel hat offenbar für uns auch einige unbequeme Aussagen, „links” wie „rechts”. Sie klärt auch nicht alle Spannungen, die sich dem menschlichen Intellekt und der menschlichen Erwartungshaltung angesichts des göttlichen Wesens, Entscheidens und Handelns stellen. Erschreckend ist der Mangel, Gott Gott sein zu lassen, IHN anstelle dessen lieber in die Schublade (Super-) Mensch eigener Vorstellungen zu pressen: „er” muss so klein sein, dass er in unsere Vorstellungen vom lieben Gott passt und so uns gefällt. Psalm 135,6 sagt: »Alles, was dem HERRN gefällt, tut er in den Himmeln und auf der Erde…« (ELBCSV). Ergo: Sein Wille und Sein Wohlgefallen (inkl. Vorsehung) sind der Urgrund alles Seienden und Geschehenden.

FAZIT: Ein Sozialpädagoge wünscht sich vielleicht lieber einen „menschlicheren” Gott, einen Partner auf Augenhöhe, oder –wie Stuhlhofer– einen Sanitäter, der fast verzweifelt um die Aufmerksamkeit und das zustimmende Kopfnicken des Sünders ringt, weil Ihm sonst etwas fehle. Aber Gott ist schon so, wie ER ist, absolut perfekt. Schon immer. Auch für Sein im Wort und in Christus geoffenbartes Heilshandeln gilt unumschränkt: »Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge; ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen.« (Römer 11,36 ELBCSV). Wer das verstanden hat, hat angefangen zu verstehen, was es bedeutet, „durch die Gnade”, also als reine Gottesgabe, errettet zu sein (vgl. Epheser 2,8–9). Gott ist –nach der Heiligen Schrift– dann Gott und nicht Ab-Gott, wenn gilt: Soli Deo Gloria.

Es gibt schon lange viel Besseres, und –leider– auch noch viel Schlechteres, als diese Magisterarbeit von Streitenberger. Das Büchlein ist die Mühe des Lesens nicht wert.

Wir müssen den Zirkel bei der Liebe Gottes einstechen! – Wirklich?

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Ein Redner und Autor der evangelikalen Szene in Deutschland behauptete in einer Diskussion, dass die „Calvinisten“ ihren Zirkel fälschlicher Weise immer bei der Souveränität Gottes einstechen würden. Dies sei das Kernproblem der „Calvinisten“ und mache deren Theologie falsch. Richtig sei hingegen, dass man den Zirkel bei der Liebe Gottes einsteche – und dann erst wäre die Theologie (und insbesondere die Heilslehre) richtig.

Bevor wir uns in eine Diskussion „Liebe“ versus „Souveränität“ Gottes hineinziehen lassen (welche der bibellesende Gläubige überhaupt nicht verstehen kann, da er hier keinen Gegensatz, sondern vollkommene Harmonie sieht), sollten wir einen Schritt zurücktreten und uns ernsthaft einmal fragen: Dürfen wir überhaupt den „Zirkel“ irgendwo, das heißt, in einem Einzelaspekt, in das Wesen Gottes stechen und die so gewählte Wesensart (Vollkommenheit) Gottes zum Zentralen oder Wichtigsten erklären? Ist uns solches eklektisches Denken, Priorisieren und Wählen (samt dem damit einhergehenden Ab-Wählen!) überhaupt erlaubt? Tiefer gefragt: Zeigt sich hier nicht einmal mehr, dass der gefallene Mensch zwar „unheilbar religiös“ (Nikolai Berdjajew, 1874-1948), aber zugleich „ein unermüdlicher Fabrikant von Götzen“ (Johannes Calvin) ist, von selbstgestalteten Gottesbildern, die der menschlichen Phantasie, den menschlichen Wünschen, Gefühlen und den menschlichen Vorlieben entsprechen? Menschliche Vorstellungen des Guten werden übersteigert an den Himmel geworfen (Ludwig A. Feuerbach: »Gott ist der Spiegel des Menschen.«). Das Ergebnis davon wird aber stets kategorisch (und nicht nur graduell) die in der Heiligen Schrift selbstgeoffenbarte Realität des Ewigen, Der da ist, verfehlen. Das ist tragisch.

Aber noch schlimmer ist: Das Ergebnis wird zum Gegenentwurf. Wenn ER sich uns nicht offenbart, wissen wir nicht, wer ER ist. Nun aber hat ER sich uns geoffenbart in der Summe Seines Wortes, der Heiligen Schrift. Dieser Offenbarung Gottes im Wort darf man weder mit Zirkel noch mit Schere zu Leibe rücken, sonst ist das Ergebnis ein Ab-Gott, ein Götze, ein Idol, ein Nichts (Psalm 96,5). „Zirkelstecher“ produzieren unausweichlich Nichtse.

D. A. Carson schrieb allen „Zirkelstechern“ folgende Warnung ins Stammbuch:

…um Zerrbilder zu vermeiden, sollten wir über die Liebe Gottes nur in Verbindung mit der Betrachtung aller anderen Vollkommenheiten Gottes nachdenken. Andernfalls besteht die Tendenz, ein Attribut Gottes gegen andere Attribute Gottes auszuspielen, eine oder mehrere Eigenschaften Gottes zu entschärfen, indem man sich auf die Überlegenheit einer anderen beruft. Wenn wir uns an Gottes Liebe erfreuen, dann sollten wir uns gleichzeitig nicht weniger an Gottes Heiligkeit, an Gottes Souveränität, an Gottes Allwissenheit (usw.) erfreuen, und wir werden sicher sein, dass alle Vollkommenheiten Gottes zusammenwirken.

D. A. Carson, Love in Hard Places (Crossway, 2002), S. 17 [1]

Carson liefert auch noch eine zweite, sehr notwendige Warnung vor selbstgebastelten Vorstellungen und Klischees über die Liebe Gottes, von denen es nicht wenige gibt, zum Beispiel „Gottes Liebe kennt keine Bedingungen“. Er zeigt, dass diese Aussage in ihrer –angesichts des biblischen Zeugnisses unzulässigen– Undiffenziertheit falsch ist:

„Gottes Liebe ist bedingungslos.“ Ist das wahr? Zunächst einmal trifft dies offensichtlich auf einige der Weisen zu, in denen die Bibel von der Liebe Gottes spricht. Gottes versorgende Liebe [Vorsehungsliebe] zum Beispiel ist bedingungslos, denn dieses Liebe wird über Gerechte und Ungerechte gleichermaßen ausgegossen. Gottes erwählende Liebe ist bedingungslos, denn nichts kann uns von ihr trennen (Römer 8,31-39). Aber die Liebe Gottes, von der im Dekalog [Zehn Gebote] und in Johannes 15 und Judas 21 die Rede ist (d. h. die fünfte in der obigen Liste), ist ausdrücklich an Bedingungen geknüpft. Auch hier sagen Christen oft: „Gott liebt jeden Menschen auf die gleiche Weise und in gleichem Maße.“ Stimmt das denn? Bei den Bibelstellen, in denen von Gottes Liebe zu den Gerechten und den Ungerechten die Rede ist, scheint es sicherlich wahr zu sein. In den Bibelstellen, die von Gottes auserwählter Liebe sprechen, scheint es sicher falsch zu sein. Und in den Bibelstellen, die davon sprechen, dass Gottes Liebe vom Gehorsam abhängt, wird seine Liebe zu verschiedenen Menschen je nach deren Gehorsam unterschiedlich sein.“

D. A. Carson, Love in Hard Places (Crossway, 2002), S. 17 [2]

An dieser Stelle können dem an Wahrheit und Erkenntnis interessierten Christen (2. Korinther 8,7; Epheser 3,19; 2. Petrus 3,18; Hebräer 5,14) die beiden Leseempfehlungen zu D. A. Carson unten zur Lektüre mit geöffneter und beständig konsultierter Bibel wärmstens empfohlen werden. Offensichtlich betreten wir (auch) hier das Gelände der geistlichen Auseinandersetzung mit den Mächten der(/s) Wahrheitsverdreher(s), für den wir unbedingt alle Unterstützung „von oben“ nötig haben. Zudem ist die Liebe Gottes etwas, was erfassbar und erkennbar und gleichzeitig unsere Erkenntnis übersteigend ist. Daher müssen wir beständig wie Paulus um Wachstum in der Erkenntnis der Liebe Gottes flehen:

Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, von dem jede Familie in den Himmeln und auf der Erde benannt wird, damit er euch gebe, nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit mit Kraft gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inneren Menschen; dass der Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne, indem ihr in Liebe gewurzelt und gegründet seid, damit ihr völlig zu erfassen vermögt mit allen Heiligen, welches die Breite und Länge und Höhe und Tiefe sei, und zu erkennen die die Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus, damit ihr erfüllt sein mögt zu der ganzen Fülle Gottes.

Epheser 3,14–19 (ELB2003)

Endnoten

[1] Original: »…to avoid distortion we should reflect on the love of God only in conjunction with reflection on all of God’s other perfections. Otherwise there will be a tendency to pit one attribute of God against other attributes of God, to domesticate one or more of God’s characteristics by appealing to the supremacy of another. If we rejoice in God’s love, we shall rejoice no less in God’s holiness, in God’s sovereignty, in God’s omniscience, and so forth, and we shall be certain that all of God’s perfections work together.«

[2] Original: »„God’s love is unconditional.” Is this true? Transparently, it is true of some of the ways the Bible speaks of the love of God. For instance, God’s providential love is unconditional, for it is poured out on the just and the unjust alike. God’s elective love is unconditional, for absolutely nothing can separate us from it (Rom. 8:31-39). But the love of God spoken of in the Decalogue and in John 15 and Jude 21 (i.e., the fifth in the list above) is explicitly conditional. Again, Christians often say, „God loves everyone exactly the same way and to the same extent.” Is this true? In passages that speak of God’s love for the just and the unjust, it certainly appears to be true. In passages that speak of God’s elective love, it certainly appears to be false. And in passages that speak of God’s love being conditioned by obedience, then his love for different individuals will vary with their obedience.«

Leseempfehlungen

  • D. A. Carson, Love in Hard Places. Wheaton, IL: Crossway, 2002.
  • D. A. Carson, The Difficult Doctrine of The Love of God. Wheaton, IL: Crossway, 2000.
  • J. MacArthur, R. Mayhue, Hrsg., Biblische Lehre: Eine systematische Zusammenfassung biblischer Wahrheit, (Berlin: EBTC, 2020), S. 217–254.
  • A. Tozer, Das Wesen Gottes: Eigenschaften Gottes und ihre Bedeutung für das Glaubensleben. 3. Aufl., Berlin: EBTC, 2019. [Zitat: „Solange unsere Vorstellungen von Gott falsch oder unangemessen sind, ist es unmöglich, unser Verhalten und unsere innere Einstellung gesund zu erhalten. Wenn unser Leben wieder geistliche Kraft bekommen soll, müssen wir damit beginnen, so über Gott zu denken, wie er in Wirklichkeit ist.“]

Für die Wahrheit Gottes einstehen

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Ein Hund bellt, sobald er seinen Herrn angegriffen sieht. Ich wäre wohl lasch, wenn ich angesichts eines Angriffs gegen die Wahrheit Gottes verstummen würde, ohne etwas verlauten zu lassen.

Johannes Calvin (1509–1564), Brief an Königin Margarete von Navarra, 28. April 1545.

Geliebte, während ich allen Fleiß anwandte, euch über unser gemeinsames Heil zu schreiben, war ich genötigt, euch zu schreiben und zu ermahnen, für den einmal den Heiligen überlieferten Glauben zu kämpfen.

Die Bibel, Judasbrief 1,3 (ELBCSV)

Was ist der zentrale Gedanke des Calvinismus?

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Diese Frage haben sich manche gestellt: Calvinisten, Anti-Calvinisten, interessierte Dogmatiker, Historiker und Philosophen. Sie haben teilweise Antworten erarbeitet oder zumindest Vermutungen geäußert. Da diese Antworten nicht übereinstimmen, muss es richtige und falsche Antworten geben. Hier zwei Stimmen aus dem Insider-Bereich.

H. Henry Meeter (1886–1963)

»Jemand bemerkte einmal: „So wie der Methodist die Errettung der Sünder, der Baptist das Geheimnis der Wiedergeburt, der Lutheraner die Rechtfertigung durch den Glauben, der Herrnhuter die Wunden Christi, der griechisch Orthodoxe das Mysterium des Heiligen Geistes und der Katholik die Universalität der katholischen Kirchen hervorhebt, in der Weise betont der Calvinist die Glaubenslehre über Gott.“ [Pressly, Mason W., Calvinism and Science, Article in Ev. Repertoire, 1891, S. 662.]

Der Calvinist beginnt nicht mit irgend einem Anliegen des Menschen, wie zum Beispiel seine Errettung oder Rechtfertigung, sondern richtet immer seine Gedanken wie folgt: Wie kommt Gott zu seiner Ehre! Er versucht also folgendes biblisches Prinzip zu verwirklichen: „Von ihm, und durch ihn und für ihn sind alle Dinge. Ihm sei Ehre ewiglich“ [Römer 11,36]«

H. Henry Meeter, The Fundamental Principle of Calvinism. Grand Rapids: Wm. B. Eerdmans, 1930. (Vgl. dergl., The Basic Ideas of Calvinism. 6th Ed., Baker, 1990). Textquelle deutsch online: http://www.calvinismus.ch/calvinismus/ [12.08.2020]

Der zentrale Gedanke, das Grundmotiv, des Calvinismus ist also nach Meeter ein hohes Gottesbild, wie es sich in der Offenbarung Gottes in Seinem Wort darstellt.

Benjamin B. Warfield (1851–1921)

»From these things shine out upon us the formative principle of Calvinism. The Calvinist is the man who sees God behind all phenomena and in all that occurs recognizes the hand of God, working out His will; who makes the attitude of the soul to God in prayer its permanent attitude in all its life-activities; and who casts himself on the grace of God alone, excluding every trace of dependence on self from the whole work of his salvation.«

»The Calvinist is the man who has seen God, and who, having seen God in His glory, is filled on the one hand with a sense of his own unworthiness to stand in God’s sight as a creature, and much more as a sinner, and on the other with adoring wonder that nevertheless this God is a God Who receives sinners.«

Warfield, B. B, Calvin as a Theologian and Calvinism Today, (Philadelphia: Presbyterian Board of Publication, 1909), S. 23–24. Drei empfehlenswerte Vorträge/Papers darüber, wie ein herausragender „Calvinist“ die Theologie Calvins und den „Calvinismus“ seiner Tage sah und auf das Wesentliche konzentriert beschrieb. Textquelle online: https://thirdmill.org/magazine/article.asp/link/https:%5E%5Ethirdmill.org%5Earticles%5Ebb_warfield%5EWarfield.Calvin.html/at/Calvin%20as%20a%20Theologian%20and%20Calvinism%20Today

Der zentrale Gedanke, das Grundprinzip, des Calvinismus ist nach Warfield ein hohes Gottesbild. Der „Calvinist“ sieht Gott in seiner Herrlichkeit, nimmt in diesem Licht die eigene Unwürdigkeit wahr und kann nicht aufhören, darüber zu staunen, dass Gott Sünder rettet.

Lesestoff

  • The Fundamental Principle of Calvinism – Calvinism a Unified, All-comprehensive System of Thought. Textquelle: https://www.the-highway.com/Calvinism_Meeter.html
  • Coletto, Renato: The central principle of Calvinism? Some criteria, proposals and questions. In: In die Skriflig 49(1), Art. #1969, 8 pages. http://dx.doi. org/10.4102/ids.v49i1.1969 (Textquelle: http://www.scielo.org.za/pdf/ids/v49n1/51.pdf)
  • Warfield, Benjamin B.: Calvin as a Theologian and Calvinism Today. Philadelphia: Presbyterian Board of Publication, 1909.

Unterscheide zwischen allgemeiner Sühnung und persönlicher Stellvertretung!

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Der Apostel Paulus schreibt an seinen Mitarbeiter Timotheus:

Denn Gott ist einer, und einer ist Mittler zwischen Gott und Menschen, [der] Mensch Christus Jesus, der sich selbst gab als Lösegeld für alle…

1. Timotheus 2,5-6 (ELBCSV). Fettdruck hinzugefügt.

Wenn Christus das Lösegeld für alle gegeben hat, sind dann nicht alle Menschen erlöst? Es heißt doch direkt zuvor, wenn auch etwas erstaunlich formuliert (keine Tat Gottes, nur eine Willensbekundung; keine aktive, sondern passive Sprache: „errettet werden“ usw.):

Denn dies ist gut und angenehm vor unserem Heiland-Gott, der will, dass alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

1. Timotheus 2,3-4 (ELBCSV). Fettdruck hinzugefügt.

Warum reden aber sowohl Jesus Christus als auch Seine Apostel davon, dass viele den Weg ins Verderben gehen und nicht alle Teil an der Errettung haben? Wir gehen davon aus, dass die Heilige Schrift widerspruchsfrei ist. Also müssen wir anfangen, in den Linien der Bibel nachzudenken.

Inwieweit wirkt das Sühnungswerk Christi am Kreuz mit Blick auf alle Menschen, und inwieweit wirkt es effektiv nur auf einen begrenzten Kreis von Menschen?

Hier unterscheiden sich katholische und protestantische Ansichten und Lehrmeinungen. Im reformatorischen Bereich herrschen ebenfalls sehr unterschiedliche Lehrmeinungen vor.

Ein Teil dieser Missverständnisse und resultierenden Widersprüche beruhen auf einem unvollkommenen Verständnis dessen, was am Kreuz passiert ist. Gott hat über Jahrtausende hinweg in Typen und Verordnungen vorbereitet, das Werk Christi in seiner Vielfalt und Fülle verstehen zu können. Im Alten Bund feierte Israel unterschiedliche Feste, die alle mit Opfern verbunden waren. Eine Handvoll unterschiedlicher Opfer waren zudem verordnet worden, mit denen man der Frage der Sünde, aber auch der Verehrung Gottes, gottgefällig nachkommen konnte.

Ein jährliches Fest sticht besonders heraus: der Große Sühnungstag (auch Großer Versöhnungstag oder Yom Hakippurim genannt). Es wird in 3. Mose 16 beschrieben. An diesem Tag opferte der Hohepriester des Volkes stellvertretend für das ganze Volk ein Doppelopfer zweier Ziegenböcke.

Der erste Bock, „für JHWH“ (den Ewigen), wird durch Los ermittelt. Er wird als Opfer getötet, sein Blut wird in das Allerheiligste des Tabernakels (Tempels) vor Gott gebracht und auf den „Sühndeckel“ der Bundeslade gesprengt. In der Bundeslade lagen die beiden Gesetzestafeln, das Zehnwort (Dekalog), welche Gottes heilige Ansprüche an das Volk formulierten. Gott thronte auf dieser Bundeslade. Beim Blick in Richtung der Gesetzestafeln sah Gott das Blut, es „sprach“ also in Gottes Gegenwart vom gebrachten Opfer, vom gestorbenen Stellvertreter. Dieser Teil des Rituals wurde durchgeführt, ohne dass von spezifischen Sünden des Volkes die Rede war, oder solche dem Bock durch Handauflegung übertragen worden waren. Es ging erst einmal darum, dass Gott durch den Tod (des Stellvertreters) befriedigt und geehrt wurde: seine Heiligkeit -und mithin sein Zorn über die Sünde- wurden plakativ demonstriert und durch Tod des Sünders (oder seines stellvertretenden Opfers) bedeckt.

Der zweite Bock, Asasel (hebr. für „Abwendung“), wird nicht getötet. Auf sein Haupt bekennt der Hohepriester die Sünden des Volkes. Anschließend wird der Bock in die Wüste gejagt an einen Ort, von wo er nicht mehr zurückfindet ins Lager des Volkes. Das Sinnbild ist klar: Die Sündenmenge wird durch das stellvertretende Opfer aus der Mitte des Volkes weggenommen. Das erinnert an Psalm 103,12: »so weit der Osten ist vom Westen, hat er von uns entfernt unsere Übertretungen«, den Propheten Micha 7,19: »du wirst alle ihre Sünden in die Tiefen des Meeres werfen« oder Jeremia 31,34: »Denn ich werde ihre Schuld vergeben und ihrer Sünde nicht mehr gedenken« mit den neutestamentlichen Zitaten in Hebräer: »Ihrer Sünden und ihrer Gesetzlosigkeiten werde ich nie mehr gedenken.« (8,12, vgl. 10,17). Das Ziel der Sühnung ist, dass die Sünden der Gesühnten nie mehr zum Trennungsgrund oder belastenden, bedrohlichen Gesprächsthema zwischen Gott und Mensch werden. Der gesühnte Mensch darf aufatmen und Frieden mit Gott erfahren.

Zwei Böcke – ein Opfer. Nun sind beide Böcke und die beiden Handlungen damit typologisch in dem einen Werk Christi vollkommen, effektiv und gleichzeitig realisiert worden. Trotzdem dienen diese beiden Böcke dazu, dass wir zwei Aspekte des einen Opfers Christi unterscheiden können.

Erster Bock. Christus starb also zuallererst, um die Sache der Beleidigung und Herausforderung der Heiligkeit und Majestät Gottes, wie sie durch die Sünde des Menschen geschieht, zu klären. Diese Klärung bedurfte des Todes, das Blut des Opfers musste vor Gott gebracht werden. Der Hebräerbrief liefert die verbindliche Interpretation dieses Typus auf Christus hin, er ist eine großartige Erklärung des „Großen Sühnungstages“:

Christus aber – gekommen als Hoherpriester der zukünftigen Güter, in Verbindung mit der größeren und vollkommeneren Hütte, die nicht mit Händen gemacht, das heißt nicht von dieser Schöpfung ist, auch nicht mit Blut von Böcken und Kälbern, sondern mit seinem eigenen Blut – ist ein für alle Mal in das Heiligtum eingegangen, als er eine ewige Erlösung erfunden hatte.

Hebräer 9,11-12 (ELBCSV). Fettdruck hinzugefügt.

Zweiter Bock. Nachdem diese Sache mit Gott geklärt worden war, also Gottes Heiligkeit demonstriert und sein Zorn bedeckt wurde, wendet sich das Opferritual auch den konkreten Menschen im Volk Gottes und deren Sünden zu. Das Problem der von Sünden belasteten Gewissen musste angesprochen werden. Und so wird nun im zweiten Bock erstmals die Frage der Sünde konkret angesprochen in Handauflegung und Bekenntnis. Das Bekenntnis leistet der Hohepriester stellvertretend und wirksam für die von ihm vertretenen Menschen des Volkes Gottes. Dann wird der Bock aus dem Mitte entfernt und so auch die auf ihn gelegten Sünden weggeschafft. Typologisch wurde damit vorgeschattet, dass das »Blut des Christus, der durch den ewigen Geist sich selbst ohne Flecken Gott geopfert hat, euer Gewissen […] von toten Werken, um dem lebendigen Gott zu dienen!« (Hebräer 9,14 ELBCSV) reinigt. Es entlastet und befreit zum Gottesdienst. Dass dieses an zweiter Stelle erst kommen kann, nachdem zuerst die Sache betreffs des heiligen Zornes Gottes geklärt wurde, ist einleuchtend für alle, die dem biblischen Evangelium glauben.

Ein paar hilfreiche theologische Begriffe

Der erste Bock, der für den HERRN, stellt den Aspekt der Sühnung in ihrem Gott zugewandten Aspekt dar (Fachwort: Propitiation). Hier geht es um Gottes Seite, dass Gott durch die Sünde des Menschen beleidigt wurde, dass diese Sünde eine generelle Barriere zwischen Gott und Mensch aufgebaut hat (vgl. Jesaja 59,2). Daher bedurfte es des einen Mittlers, von dem in 1. Timotheus 2,5 die Rede ist. Sühnung bedeckt also den gerechten Zorn Gottes gegenüber dem rebellischen, sündigen Menschen mit dem Blut (als Beweis des Todes) des Opfers. Aufgrund dessen kann Gott nun in Retterliebe in Christus dem Menschen nahen und ihm im Evangelium ein Friedens- und Versöhnungsangebot in Christus machen (Gott verlangt allerdings die bedingungslose Kapitulation!):

So sind wir nun Gesandte für Christus, als ob Gott durch uns ermahnte; wir bitten an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!

2. Korinther 5,20 (ELBCSV) – Auf den Unterschied zwischen Sühnung und Versöhnung gehen wir hier nicht ein.

Durch den zweiten Bock, den der Abwendung, und das Ritual damit, wird uns vermittelt, dass die Heiligkeit Gottes als gerechte Strafe verlangt, dass jeder Sünder für seine persönlichen Sünden den ewigen Tod im Gericht Gottes erleiden muss. Für den an Christus Glaubenden rechnet Gott jedoch gnädig den Tod Seines Sohnes an. In diesem Fall übernimmt Christus die Sünden dieser/s Glaubenden und stirbt stellvertretend für sie/ihn (strafrechtliche Stellvertretung; engl. penal substitution). Dies ist der dem glaubenden Menschen zugewandte Aspekt der Sühnung (Fachwort: Expiation). Stellvertretung ist eine An-Stelle-von-Beziehung: Einer tritt aus Liebe an die Stelle eines anderen (Galater 2,20) oder einer definierten Gruppe („Gemeinde“, Epheser 5,25). Diese Stellvertretung durch Christus wird im Neuen Testament stets nur zugunsten der Glaubenden gelehrt. Die Ansicht (z. B. des neo-orthodoxen Theologen Karl Barth), dass Christus als Repräsentant und damit auch als Stellvertreter der gesamten Menschheit im Gericht Gottes am Kreuz gewesen sei, ist falsch, sie führt unausweichlich zur Irrlehre der Allversöhnung (Universalismus).

Gottgewandte Sühnung und menschgewandte Sühnung, Genugtuung und Stellvertretung, Propitiation und Expiation, sind also zwei gut zu unterscheidende Begriffe und Sachverhalte im Opfer des Großen Sühnungstages, auch wenn beides in dem einen Opfer Jesu am Kreuz zu sehen und insofern zusammenzuhalten ist.

Damit wird auch deutlich, dass es stets eine korporative Seite und eine persönliche Seite des Opferwerkes Jesu gibt. Jesus starb sühnend mit Blick auf die ganze Welt, aber er starb stellvertretend effektiv (nur) für einzelne Menschen. Betont oder sieht man nur eine Seite, wird man einseitig:

  • Menschen, die von arminianischer Theologie beeinflusst sind, neigen dazu, nur die allgemeine Seite des Sühnungsopfers Jesu zu sehen, welche mit Blick auf alle Menschen geschehen ist.
  • Menschen, die von calvinistischer Theologie beeinflusst sind, neigen dazu, nur die stellvertretende Seite des Sühnungsopfers Jesu zu sehen, welche eben nicht alle Menschen umfasst, sondern nur die zum Heil göttlich Erwählten.

Die beiden Haupttheologen der „Brüderbewegung“, John N. Darby und William Kelly, haben im 19. Jahrhundert hierzu Hilfreiches geschrieben. Hier ein Exzerpt von Darby:

Die Arminianer sehen in dem Tod Christi nichts weiter als ein Opfer für alle und verbinden damit gewöhnlich auf allgemeine Weise das Tragen der Sünden. Dadurch wird alles unklar in Bezug darauf, dass Christus die Sünden des Einzelnen wirklich und vollgültig getragen oder ein besonderes Werk für die Seinigen getan hat. Sie sagen, dass, wenn Gott alle liebte, Er nicht einige insbesondere lieben konnte. Die Errettung wird somit unsicher gemacht und der Mensch nicht selten erhoben, während die Lehre des Vorbildes, die wir in dem Bock der Abwendung haben, gänzlich außer Acht gelassen wird.

Die Calvinisten dagegen halten fest daran, dass Christus die Sünden der Seinigen getragen habe und ihre Errettung somit ganz gewiss sei. Sie bleiben aber bei dem Schluss stehen, dass, wenn Er die Versammlung geliebt und sich selbst für sie hingegeben habe, seine Liebe außer ihr keinen anderen Gegenstand gehabt haben könne. Sie übersehen den unverkennbaren Charakter der Sühnung, sein Sterben für alle und alles. Sie sehen nur die Stellvertretung und berücksichtigen nicht die Bedeutung des Blutes auf dem Gnadenstuhl [d. h. des Blutes des Bockes für den Herrn].

Genau genommen lesen wir von Christus nie, dass Er die Welt, sondern dass Er die Versammlung geliebt hat, und zwar mit der Liebe eines besonderen Verhältnisses (Eph 5). Von Gott dagegen heißt es nie, dass Er die Versammlung, sondern dass Er die Welt geliebt hat (Joh 3,16), was seiner göttlichen Güte entsprach, seiner göttlichen Natur angemessen war; sein Ratschluss aber ist etwas anderes. Seine Herrlichkeit ist das Endziel von allem.

Ohne mich aber dabei aufzuhalten, möchte ich nur darauf hinweisen, welch eine Verwirrung unklare Begriffe über Sühnung und Stellvertretung in der Verkündigung des Evangeliums hervorbringen müssen, indem sie den Ruf an die Welt schwächen oder die Sicherheit des Gläubigen zweifelhaft erscheinen lassen und der Verkündigung der Wahrheit im Allgemeinen Sicherheit und Bestimmtheit rauben.

John N. Darby: Die zwei Seiten der Sühnung. Eigentlich: Sühnung und Stellvertretung. In: Halte fest, Jg. 28 (1985), S. 285ff. Deutsche Textquelle online: https://www.soundwords.de/a956.html [11.08.2020] – Was Darby damals als „Calvinisten“ bezeichnete, würde man heute differenzierter dem Hyper-Calvinismus zuordnen.

Leseempfehlungen

Eine gute Einführung und Erklärung der Rituale und Opfer am „Großen Sühnungstag“ und ihre Erfüllung im Opfer Jesu Christi liefern Bruno Oberhänsli und Willem Ouweneel. Als Angehörige der englischen „Brüderbewegung“ folgen sie im wesentlichen deren Haupttheologen John N. Darby und William Kelly.

John N. Darby über die „Arminianer“

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Der anglo-irische Bibellehrer John N. Darby (1800–1882), einer der einflussreichsten Theologen der frühen „Brüderbewegung“ (sog. „Plymouth Brethren“), hatte in seiner Zeit wiederholt mit Vertretern der Denkschule der „Arminianer“ zu tun. Vor allem in der uralten Diskussion über den „freien Willen“ und der Zu- und Aneignung des ewigen Heils gab es zahlreiche Auseinandersetzungen, die größtenteils in seinen Collected Writings und seinen Letters erhalten geblieben sind.

Am 9. Mai 1879 schrieb Darby aus Pau einen Brief in italienischer Sprache an G. Biava, der einen Artikel über den „freien Willen“ verfasst und wohl Darby zur Beurteilung vorgelegt hatte. Darbys Antwort ist in den Letters erhalten geblieben (Übersetzung ins Deutsche hier). Hier einige Auszüge:

»DEAR BROTHER, – I am much pleased with the article on free will; I do not find that there is much to add to it. All depends on the depth of the conviction that we have of our sinful condition; and security and joy depend on it likewise. Lost and saved answer the one to the other: our condition in the old man, and our condition in Christ. But in the reasoning of Arminians there is a totally false principle, namely that our responsibility depends on our power. If I have lent £100,000 to any one, and he has squandered it all, certainly he is not able to pay, but has his responsibility come to an end with his ability? Certainly not. Responsibility depends on the right of the person who has lent it to him, not on the ability of the one who has wrongfully wasted the money. …

All men have a conscience, the knowledge of good and evil, since the fall; they know how to distinguish, but that says nothing as to the will; so that since the law demands obedience, and the flesh cannot be subject, to receive the law is in fact an impossibility – not that God hinders him, as I have already said, but because man does not wish it. Further, the law forbids lust, but fallen man has lust in his flesh; and it is in this way that the apostle knew sin. Man must lose his nature before being disposed to obey the law: it is therefore necessary to be born again. Now man cannot give himself divine and eternal life. Why then the law? In order that the offence might abound; by the law sin becomes „exceeding sinful“; „the law works“ the righteous „wrath“ of God against us – not the fear of God in us; it does not give a new life, and that which we have is enmity against God. Man in the flesh cannot receive the law into his heart. …

Can the flesh receive Christ – find its pleasure in the Son of God? Then it is no longer the flesh; it has the mind of the Father Himself. If there is anything there but the flesh, then the man is already born of God, since that which is born of the flesh is flesh. If the flesh can find its pleasure in Christ, the flesh possesses the most excellent thing that is to be found, not only upon earth, but in heaven itself; it finds its pleasure where the Father finds His: it would not be necessary to be born of God; the most excellent thing that he possesses now, through grace, as a Christian, he possessed already before receiving life, in receiving Christ. The certainty of salvation is gone at the same time: if salvation is the fruit of my own will, it depends upon it; if it can be thus easily produced, it cannot be said, „Because I live, ye shall live also.“ …

It is said that faith is but the hand that receives salvation, but what disposes us to offer the hand? It is the grace that works in us.«

John N. Darby, Letters, Vol. 2 (1868–1879), Nachdr., Kingston-on-Thames: Stow Hill Bible and Tract Depot, o. J., S. 501–503. Fett- und Farbdruck hinzugefügt. 
Textquelle online auch hier: https://www.stempublishing.com/authors/darby/letters/52346I.html