Mehrere Historiker und Juristen haben den Prozess Jesu sowohl nach jüdischem (halachischem) als auch nach römischem Recht analysiert und dabei vermutliche Verfahrensfehler herausgearbeitet. Einer der bekanntesten Vertreter solcher Analysen ist Walter M. Chandler (1867–1935), ein US-amerikanischer Politiker und Jurist im19./20. Jhdt. mit seinem zweibändigen Werk »The Trial of Jesus from a Lawyer’s Standpoint« (New York, NY: The Federal Book Co., 1908/1925). Diese zwei Bände untersuchen detailliert den jüdischen Prozess (Band 1) und den römischen Prozess (Band 2). Chandler geht vom zuverlässigen Bericht der Evangelien der Heiligen Schrift aus und vergleicht das dort geschilderte Vorgehen mit den damaligen Rechtsnormen, soweit sie ihm bekannt waren.
Natürlich sind die Evangelien keine Gerichtsakten und unsere Quellen bzgl. der damals herrschenden jüdischen und römischen Rechtsprechung mögen teilweise aus späteren Quellen stammen (das rabbinische Recht wird verstanden aus den uns vorliegenden Schriften der Mischna und des Talmud), auch wenn die schriftliche Form des Pentateuch äußerst zuverlässig vorliegt. Der Wahrheitsfindung treten leider oft auch politisches Kalkül und vorwissenschaftliche Voreingenommenheit der Forschenden in den Weg. Von jüdischer Seite wird pro domo Fehlverhalten der Juden meist geleugnet und den Römern zugeschoben (s. z.B. Haim Cohn). Die historisch-kritische Schule der »christlichen« Theologie stellt die Schriften der Evangelien unter Generalverdacht der Fälschung oder Nichthistorizität (s. z.B. Josef Blinzler, Pauls Winter). Aber das überwältigende Analyseergebnis Chandlers ist, dass sowohl die jüdische wie auch die römische Rechtsprechung im »Fall Jesus« zahlreiche unzulässige Verfahrensfehler beging, die zur Tötung eines Unschuldigen, Jesus Christus aus Nazareth, führte. Pointiert zusammengefasst haben wir es hier weder mit einem gerechten Verfahren noch mit einem Justizirrtum zu tun, sondern mit Justizmord. Dabei wollen wir den Begriff »Mord« so verstehen, dass dieser die beabsichtige Tötung eines Menschen aus niedrigen Beweggründen bezeichnet.
Es folgt eine auf 20 Punkte verkürzte Liste der Ergebnisse von Chandler, geordnet nach jüdischem und römischem Gesetz.
Die Verfahrensfehler im jüdischen Prozess
(A) Unzulässige Zeit und Ort des Verfahrens
1. Nachtverhandlung. Ein Kapitalprozess (also mit Todesstrafe) durften nicht nachts stattfinden (Mischna, Sanhedrin 4,1). Das Evangelium nach Markus bezeugt aber eindeutig eine Nachtszene (Markus 14,53–65).
2. Prozess am Vorabend eines Festes. Ein Kapitalprozess war vor einem Sabbat und vor Feiertagen verboten (Mischna, Sanhedrin 4,1). Der Prozess Jesu fand aber eindeutig direkt vor dem Passahfest statt.
3. Falscher Ort. Der »Oberste Rat« (Sanhedrin), gleichzeitig oberster Gerichtsort, durfte nur im »Lischkat ha-Gasit« (der Tempelhalle) urteilen (Talmud, Sanhedrin 88b). Die wohl entscheidenden Verhandlungen fanden aber im Haus des (alten) Hohepriesters statt, der damals die politische Macht besaß.
(B) Verfahrensstruktur
4. Kein formelles Anklageverfahren. Es gab keine klare, vorher formulierte Anklage. Sie wurde zusammengebastelt und mehrfach verändert wegen mangelnden oder widersprechenden Zeugenaussagen.
5. Fehlende Verteidigung. Das jüdisches Recht verlangte eine entlastende Argumentation zugunsten des Angeklagten (Mischna, Sanhedrin 4,5). Sie fand nicht statt.
6. Urteil am selben Tag. Kapitalurteile mussten auf mindestens zwei Tage verteilt werden, um nicht überhastet Fehler zu begehen (Mischna, Sanhedrin 5,5). Tatsächlich geschahen Verhaftung, Verhandlungen und Exekution innerhalb desselben Tages (nach jüdischer Rechnung).
(C) Beweisrecht
7. Widersprüchliche Zeugen. Das Evangelium nach Markus (Markus 14,56–59) berichtet von widersprüchlichen Zeugen. Nach jüdischem recht war aber eine übereinstimmende Zeugenaussage von 2 oder 3 Zeugen zwingend erforderlich: »auf zweier Zeugen Aussage oder auf dreier Zeugen Aussage hin soll eine Sache bestätigt werden« (5Mose 19,15).
8. Falsche Zeugen zugelassen. Da die Zeugenaussagen inkonsistent und widersprüchlich waren, hätte das Verfahren eingestellt werden müssen. Bei Erweis der Unschuld Jesu hätten die falschen Zeugen harte Strafen zu erwarten (5Mose 19,18).
9. Selbstbelastung als Beweis. Es war im jüdischen Strafrecht unzulässig, vom Angeklagten eine Selbstbelastung zu verlangen (Talmud, Sanhedrin 9b). Im Prozess Jesu wurden jedoch Aussagen von Jesus Christus gegen ihn verlangt und verwendet.
(D) Richterverhalten
10. Vorverurteilung. Richter mussten unparteiisch sein und alleine den Fall nach bewiesenen oder bezeugten Fakten entscheiden. Die Evangelien machen aber mehrfach deutlich, dass die jüdischen Richter bereits vor der Verhandlung feindselig gegen Jesus eingestellt waren.
11. Hoherpriester verhört selbst. Im Fall Jesus war der Ankläger, also Partei, gleichzeitig auch der Richter. Das war verboten.
12. Emotionale Reaktion (Zerreißen der Kleider). Dieses theatralische Zeichen überbordender Emotionalität des Hohepriesters Kajaphas (vgl. Matthäus 26,65) muss als Zeichen von Voreingenommenheit gedeutet werden. (Es lohnt sich die Schilderung in Matthäus 26,57–66 zu verfolgen. Kajaphas begeht einen Rechtsfehler nach dem anderen.)
(E) Urteil und Abstimmung
13. Einstimmiges Schuldspruchproblem. Nach rabbinischer Regel (Mischna, Sanhedrin 17a) durfte ein Todesurteil nicht ergehen, wenn die Mitglieder des Sanhedrin einstimmig eine Verurteilung forderten. Der Angeklagte war in diesem Falle freizusprechen. – Dies erscheint uns befremdlich, da wir andere Rechtsnormen haben (angelsächsisches, römisch geprägtes Recht, das Einmütigkeit einer Jury fordert). Das Argument für diese Regelung der Juden ist auf die Überlegung aufgebaut, dass Einstimmigkeit beweist, dass niemand im Sanhedrin versucht hatte, den Angeklagten zu verstehen, seine Sicht der Dinge zu bewerten und möglicherweise als Anwalt des Angeklagten Entlastendes vorzutragen. Weil es damals keine Verteidiger im modernen Sinne gab, mussten die Richter damals Verteidiger des Angeklagten sein! Chandler schreibt: » Wenn nun das Urteil einstimmig auf Verurteilung lautete, war es offensichtlich, dass der Angeklagte vor Gericht keinen Freund und keinen Verteidiger gehabt hatte. Für die jüdische Mentalität kam dies fast einer Gewalttat durch den Pöbel gleich. Es deutete zumindest auf eine Verschwörung hin. Das Element der Barmherzigkeit, das in jedem hebräischen Urteil enthalten sein musste, fehlte in einem solchen Fall.« (Bd. 1, S. 280, eigene Übersetzung).
14. Fehlende gestaffelte Abstimmung. Die jüngsten Richter mussten zuerst abstimmen (Schutzmechanismus). Hier übernimmt Kajaphas den Anfang und gibt mit seiner Autorität die Richtung vor.
15. Sofortige Vollstreckung. Nach jüdischem Recht muss Raum für eine Überprüfung des Urteils sein. Insbesondere verbot das hebräische Recht übereilte Entscheidungen in Kapitalverbrechen. Dies erforderte Aufschub, der aber nicht gewährt wurde.
Die Verfahrensfehler im römischen Prozess
(A) Rolle von Pontius Pilatus
16. Strafe trotz Unschuldsfeststellung. Pilatus stellte den Hohenpriestern und der Volksmenge gegenüber klar fest: »Ich finde keine Schuld an diesem Menschen« (Lukas 23,4). Auch Herodes, zu dem Jesus gesandt wurde, fand keine todeswürdige Schuld (vgl. Lukas 23,14; vgl. 23,15.22). Trotzdem urteilte er gegen die römische Strafprozessordnung, dass die mordlüsterne Volksmenge mithilfe der römischen Besatzungsmacht mit Jesus machen konnten, was sie wollten: »Jesus aber übergab er ihrem Willen« (Lukas 23,25b).
17. Politischer Druck der Menge. Eine Volksmenge durfte nicht rechtsprechen, ein Richter nicht unter öffentlichem Druck urteilen. Genau dies geschieht aber im Fall Jesu offenbar.
18. Unklare Anklage. Ursprünglich lautete die Anklage auf Gotteslästerung (z.B. Lukas 22,71). Das war den Römern nicht vermittelbar, sie waren Mehrgottgläubige. Also änderten die Juden ihre Anklage und schoben sie auf die politische Ebene. Sie klagten Jesus des angeblichen Hochverrats (»König der Juden«) an (Lukas 23,2ff; so steht es dann auch auf dem Schild über Jesu Kreuz). Die Haltlosigkeit der Anklage offenbart das lächerliche Nullargument der Anklage vor Pilatus: »Wenn dieser nicht ein Übeltäter wäre, hätten wir ihn dir nicht überliefert.« (Johannes 18,30).
(B) Prozessführung
19. Kompetenzverschiebung. Der Fall war Pilatus so »brenzlig«, dass er ihn Herodes Antipas, der gerade zu Gast in Jerusalem weilte, als scheinbar zuständigem Richter vorlegte (Jesus stammte aus Galiläa, Herodes war für diese Gegend zuständig; Lukas 23,6–12).
20. Geißelung ohne Urteil. Die Geißelung war in sich bereits eine so schwere Bestrafung, dass manche an ihr starben. Pilatus lies Jesus geißeln, ohne dass er vorher ein Urteil gesprochen hatte: »Dann ließ er ihnen Barabbas frei; Jesus aber ließ er geißeln und überlieferte ihn, damit er gekreuzigt würde« (Matthäus 27,26). Pilatus wurde zum Inbegriff von grausamer Rechtsbeugung zur Sicherung der eigenen Karriere.
Zusammenfassung (Chandler, Bd. 2, S. 157–159.168)
»Die Kreuzigung folgte auf die endgültige Entscheidung des Pilatus und beendete damit den berühmtesten Prozess der Weltgeschichte. Er begann mit der Verhaftung Jesu in Gethsemane um Mitternacht und endete mit seiner Kreuzigung auf Golgatha am Nachmittag desselben Tages. Wie wir gesehen haben, handelte es sich um einen doppelten Prozess, der im Rahmen der Zuständigkeiten der beiden berühmtesten Rechtssysteme der Menschheitsgeschichte geführt wurde. In beiden Verfahren wurde im Wesentlichen die richtige Frage aufgeworfen.
Vor dem Sanhedrin wurde der Gefangene der Gotteslästerung angeklagt und verurteilt. Betrachtet man Jesus als bloßen Menschen, als einfachen jüdischen Bürger, so war dieses Urteil „rechtlich gesehen im Wesentlichen richtig“; es war jedoch ungerecht und empörend, da die Formen des Strafverfahrens, auf deren Einhaltung jeder jüdische Gefangene Anspruch hatte, völlig missachtet wurden.
Das Verfahren vor Pilatus wurde, wie wir Grund zu der Annahme haben, im Großen und Ganzen unter gebührender Beachtung der Rechtsformen durchgeführt. Doch das Ergebnis war ein richterlicher Mord, denn der Richter übergab Jesus, nachdem er ihn freigesprochen hatte, zur Kreuzigung. „Ich finde keinerlei Schuld an ihm“ lautete das Urteil des Pilatus. Doch dieses gerechte und rechtschaffene Urteil wurde durch Folgendes zunichte gemacht und ausgelöscht: „Und sie drängten mit lauten Stimmen darauf, dass er gekreuzigt werde.“ Und die Stimmen von ihnen und von den Hohenpriestern setzten sich durch. Und Pilatus fällte das Urteil, dass es so geschehen sollte, wie sie verlangten. Wahrhaftig eine schreckliche Verhöhnung der Gerechtigkeit! „Absolvo“ (Freispruch) und „Ibis ad crucem“ (Du wirst ans Kreuz gehen) in einem Atemzug waren die letzten Äußerungen eines römischen Richters, der das römische Recht in dem denkwürdigsten Gerichtsverfahren, das die Menschheit kennt, hätte durchsetzen sollen. …
Dieser letzte Akt des großen Dramas bietet einen erbärmlichen Anblick der römischen Verkommenheit. Ein römischer Statthalter von adeliger Herkunft, mit dem Imperium ausgestattet, mit einer prätorianischen Kohorte unter seinem Befehl und gestützt auf die militärische Macht und die Ressourcen eines Weltreiches, kriecht und duckt sich vor einem Jerusalemer Pöbel.«
Quellen
Beide Bände von Chandler sind in der Internet-Bibliothek archive.org mehrfach vorhanden und können komplett als PDF heruntergeladen werden. Sie sind auch als Nachdruck in verschiedenen Buchformaten sowie als Kindle-eBook erhältlich.
Christliche Gemeinden, die bekennen, dass sie sich in Lehre und Praxis an Gottes Wort halten wollen, dieses Wort des Höchsten sogar als oberste Autorität benennen, müssen manchmal beweisen, dass sie dies über das Lippenbekenntnis hinaus auch verbindlich tun. Das gilt natürlich besonders für Bereiche und Fragen, wo der Zeitgeist oder die Tradition gegen den Willen Gottes gerichtet sind. Es gilt aber auch da, wo durch mangelnde Kenntnis des Wortes Gottes Sein Wille gar nicht ausreichend bekannt ist (oft unbewusst, Gefahr eines »Blinden Flecks«). Es gilt auch da, wo besondere Vorlieben, Ängste oder sogar sündige Einstellungen Gottes Wort entgegenstehen.
Eine lebendige, entstehende oder wachsende Ortsgemeinde ist beständig herausgefordert, geeignete Leiterpersonen auszurüsten, einzusetzen und zu unterhalten. Aufgrund der großen geistlichen Verantwortung, die solche geistlichen Führungspersonen haben, ist doppelte Vorsicht walten zu lassen, bevor man jemand in ein solches Amt als Ältester oder Diakon einsetzt. Ältestenämter sind ja keine kündbarem Zweijahres-Jobs (auch wenn in manchen Gemeindearten die Ältesten alle zwei Jahre »gewählt« oder »bestätigt« werden; dies wurde sicher nicht dem NT entnommen), sondern erzeugen in der Regel lebenslange Führungs- und Über- bzw. Unterstellungsverhältnisse. Es gibt Bücherregale voll mit Berichten von Machtmenschen in der Gemeinde, von Korruption, Unsittlichkeit, Geldliebe, Missbrauch usw. und auf der Opferseite von Glaubensaufgabe, Spaltung, Verletzung und »ekklesiogenen Neurosen«.
Schon der reine Hausverstand (in D: »gesunder Menschenverstand«) gebietet, hier bedächtig und sorgsam vorzugehen und nichts zu überhasten, egal wie dringend der Bedarf plötzlich auch zu sein scheint. Ein Sprichwort sagt: »Gott hat die Zeit gemacht, von Eile hat er nichts gesagt.«. Mancher übersteigert dies zu: »Alle Eile ist vom Teufel«. Das kann im Einzelfall stimmen, aber in anderen Fällen auch nicht. Ein guter »Hausverstand« ist sicher notwendig, aber er ist in den Sachen der Gemeinde Gottes nicht hinreichend. Es geht vielmehr zuerst um Gottes Willen, wie er uns schriftlich anvertraut vorliegt. Argumente aus Tradition und Gewohnheit und weltlichem Vorbild sind höchstens zweitrangig. Zwei Punkte sollen dies aufzeigen: unbiblischer Zeitdruck sowie mangelnde Zurüstung, Erprobung und Prüfung von Kandidaten.
Unheilige Eile
Die Ermahnung, bei der Einsetzung von Ältesten und Diakonen nichts überhastet zu tun, sondern ausreichend lange Vorbereitungs- und Bedenkzeit vorzusehen, ist keine Meinung oder Tradition einer bestimmten Gemeindeart oder Lehrschule, sondern universell Gebot des Herrn. Dies gilt auch und besonders, wo der Bedarf groß ist und als Not empfunden wird. Die Heilige Schrift sagt hierzu grundsätzlich:
»Die Hände lege niemand schnell auf, und habe nicht teil an fremden Sünden.« (1Timotheus 5,22).
Das Handauflegen ist eine symbolische Handlung, mit der jemand öffentlich in einen Dienst oder eine bestimmte Aufgabe eingesetzt oder beauftragt wird (vgl. 4Mo 27,18–23; Apg 6,6; 13,1–3; 1Tim 4,14). Alexander Strauch, ein weltweit bekannter Schreiber und Seminarleiter zum Thema biblischer Diakonen- und Ältestendienst aus der amerikanischen »Brüderbewegung« schreibt dazu trefflich:
Die Aufforderung des Paulus lautet wie folgt: Ernenne niemanden »allzu schnell, übereilt, leichtfertig« (284) zum Ältesten. Das ist ein weiser Rat und eine gute Vorbeugungsmaßnahme: Weil es einen großen Bedarf an Hirtenältesten gibt, ist die Versuchung groß, übereilte Ernennungen vorzunehmen. Aber wenn man das tut, schafft man ernsthaftere, langanhaltende Probleme für die Leitung der Gemeinde. Die besten Grundsätze für die Ernennung von Ältesten sind immer noch Zeit, Erprobung, Schulung und Gebet.
(Biblische Ältestenschaft, 5. Aufl., 2025, S. 334. Die Fn. 284 lautet: »BAUER: s. v. ταχέως, Sp. 1609. Siehe auch Gal 1,6; 2Thes 2,2.«; Fettdruck hinzugefügt)
Das vom Apostel Paulus hier gebrauchte Wort »schnell« lautet im Grundtext ταχέως. Dieses Adverb bedeutet: »schnell, bald, sofort (οὕτως τ. so schnell Gal 1,6); rasch, übereilt, zu schnell.« (Kassühlke, Rudolf ; Newman, Barclay M.: Kleines Wörterbuch zum Neuen Testament: Griechisch-Deutsch).
Nehmen wir einmal an, einer Gemeinde würden überraschend einige Männer der Gemeinde mit guter Lebensführung von der Gemeindeleitung vorgestellt, die nun nach Willen der Ältesten nach ein, zwei Wochen Bedenkzeit für die Gemeinde als neue Älteste dienen sollen. Nehmen wir zusätzlich an, dass diese Kandidaten bzgl. der Ältestenaufgaben weder ausgebildet, noch angeleitet, noch Praxisreife nachgewiesen haben. Dann wird niemand daran zweifeln können, dass genau solche Eile von Gott durch den Apostel Paulus untersagt wurde. Das sollte nicht schwer zu erkennen sein.
Auch wenn die bisherigen Gemeindeleiter längere Zeit um Nachfolger gebeten haben, auch wenn sie manche Kandidaten immer wieder angefragt haben, bis einzelne dann ihr Ja gaben, gibt es bei der dann öffentlichen Erprobung, Bewährung und Diensteinsetzung keinen Grund dafür, dies dann in einer Woche durchzuziehen. Gefragt ist eine verantwortungsvolle Mitbeteiligung der Gemeindeglieder am biblisch vorgegebenen Prozess ohne Zeitdruck. Er hat ja meist jahrzehntelange Konsequenzen für alle nach innen und außen. Es geht nicht um das Einführen bibelfremder, demokratischer Strukturen in die Gemeinde Gottes, sondern um situative Partizipation der Gemeinde (vgl. Apostelgeschichte 6), es geht nicht um demokratische Abstimmung, sondern um geistliche Konsensbildung und Einmütigkeit. Das braucht Zeit. Es ist aber gut angelegte Zeit. Wer hier den Kurzschluss versucht, wird Rauch ernten und später viel in Reparaturaufwand investieren müssen.
Erprobung, Bewährung und öffentliche Prüfung
Christus weist uns ebenfalls –und in ergänzender Sicht– durch den Apostel Paulus an, dass Kandidaten für das Ältesten- oder das Diakone-Amt biblische Qualifikationskriterien erfüllen müssen. Dies ist hier besonders wichtig, da diese Dienste auch öffentlich sind, die Gemeinde und den Namen Christus vor den Außenstehenden repräsentieren. Paulus sagt zusammenfassend:
»Lass diese aber auch zuerst erprobt werden, dann lass sie dienen, wenn sie untadelig sind.« (1Timotheus 3,10).
Alexander Strauch erklärt diese Stelle wie folgt:
Nachdem Paulus die jeweiligen Qualifikationen aufgezählt hat, verlangt er, dass sowohl die Ältesten als auch die Diakone öffentlich geprüft werden, bevor sie in ihren jeweiligen Ämtern dienen: »Auch sie aber sollen zuerst erprobt werden, dann sollen sie dienen, wenn sie untadelig sind« (1Tim 3,10).
(Biblische Ältestenschaft, 5. Aufl., 2025, S. 334.; Hervorhebung hinzugefügt.)
Die Anweisung Gottes in 1Timotheus 3,10 schreibt eine Reihenfolge in der Vorgehensweise vor, was man an den Wörtern »zuerst« und »dann« klar erkennen kann. Das Wörtchen »auch« markiert, dass diese Anweisung nicht nur für Diakon-Kandidaten, sondern auch für die kurz zuvor genannten Ältestenkandidaten gilt. Es ist ein weiterreichender Grundsatz für die Gemeinde. Das »wenn« gibt eine Bedingung an, deren Erfüllung ernsthaft geprüft werden muss.
Erprobung
Nach der von den Gemeindeleitern unter Gebet getroffenen Vorauswahl von Kandidaten, die die biblischen Qualifikationen sicher erfüllen, die selbst dieses Amt anstreben (oregomai; »sich danach ausstrecken«, danach »trachten«, was daran sichtbar wird, dass sie bereits Ältestendienste tun, auch ohne bereits im öffentlichen Amt zu sein; seelsorgerliche Dienste an Erwachsenen, Predigten zur Darstellung oder Verteidigung der biblischen Lehre, Leitung eines Dienstbereiches der Gemeinde zum Beispiel) und begehren (epithymeō; »(innerlich) begehren«, »gelüsten«; 1Timotheus 3,1), müssen diese Kandidaten nun »zuersterprobt« werden. Das bedeutet nichts anderes, als dass sie »zuerst« im Rahmen ihrer Erprobung (ggf. inkl. Ausbildung) für das vorgesehene Amt tätig werden, nun aber im öffentlich bekannten und geschützten Modus. Selbstverständlich (aber nicht jedem einsichtig) kann eine Erprobung für den Ältestendienst nur in ältestentypischen Aufgaben erfolgen. Das kann unterschiedlich lang dauern, ist aber nicht in einer Woche zu schaffen. Sind die vorgeschlagenen Kandidaten jene, die der Heilige Geist haben will, dann werden diese durch das in ihnen geweckte Begehren bereits im tätigen Ausstrecken nach ältestentypischen Aufgaben sichtbar werden (1Timotheus 3,1). Wenn diese aber bei Ernennung »bei Null« anfangen, ist etwas gründlich schief gelaufen.
Die Erprobung muss natürlich in Begleitung und in einer Jüngerschaftsbeziehung durch die bereits eingesetzten Ältesten geschehen. Es ist das biblische Vorbild, das der Herr Jesus und der Apostel Paulus vorgelegt haben. Selbst bei dem besten Lehrer und »Jüngerschaftsausbilder« (Rabbi) Jesus Christus dauerte das über 3 Jahre. Alle Beteiligten und auch die Gemeinde können dann sehen, wie die Kandidaten in den einschlägigen Aufgaben und Herausforderungen wachsen, fruchtbar sind und sich bewähren. So kann man erkennen, ob die Bereiche, die ihnen anvertraut werden (vor allem in der Erwachsenenarbeit!), anhaltend gesund wachsen und inhaltlich sowie charaktermäßig nach biblischen Maßstäben geleitet werden. Nur so kann man erkennen, ob Gott sie als geistliche Vorbilder und als Leiter verwendet, segnet und im Amt haben will. Und um den Willen Gottes geht es hier, nicht um die Wünsche oder Vorlieben der Gemeinde oder der bisherigen Gemeindeleiter. Zumindest, wenn das Bekenntnis zur Schrift als Norm für alles ein wahrhaftiges ist.
Bewährung und öffentliche Prüfung
Nach einer gewissen Zeit, die natürlich jeweils unterschiedlich lang sein kann, kann man dann hoffentlich die Bewährung zweifelsfrei erkennen, dass Gott sie also in den ihnen jeweils anvertrauten Bereichen des Ältestendienstes in Zusammenarbeit mit den bestehenden Ältesten segnet und sie als geistliche Leiterpersonen bestätigt.
Bewährung kann man besonders gut in Krisensituationen beobachten: Werden sie sich auf Gottes Wort stützen und dabei bleiben? Lieben sie die Geschwister und den Herrn über alles? Oder werden sie traditionell denken, politisch taktieren, ausfällig werden, psychische oder physische Gewalt anwenden? Werden sie sich zurückziehen, statt Stellung zu beziehen und Schutz zu bieten? Werden sie einer Partei oder Sippe verpflichtet sein, oder der Gesamtgemeinde, über allem aber dem Herrn Jesus und Seinem Wort? Werden sie die Gerüchteküche dulden (gar fördern), oder aktiv diese trockenlegen (Sprüche 6,16–19)? Werden sie in Liebe und Langmut nachhaltig den Willen des Herr in der Gemeinde umzusetzen suchen? Kennen sie diesen Willen überhaupt, können sie ihn aus Gottes Wort überzeugend darlegen und verteidigen? Werden sie unter den Herausforderungen einer Krise oder eines Konflikts geistliche Zucht, Gottvertrauen und Hingabe an das Wort beweisen (usw.)? Eine Gemeinde braucht eben nicht nur bei lauem Lüftchen und Sonnenschein rechte Hirten, sondern auch im Sturm und beim nächtlichen Wolfsangriffen (s. Apostelgeschichte 20,28–35). Und zwar verkündigend und lehrend »öffentlich und in den Häusern« (Apostelgeschichte 20,20).
Erst dann, nach diesem einmütigen Erkennen seitens der Gemeinde, darf nach Gottes Willen der Schritt vollzogen werden, sie »dienen zu lassen«, nämlich als offizielle Amtsträger und Diener jener Ortsgemeinde (nochmals: »Amt« bezeichnet einen Dienst, der auf den Rahmen einer definierten, örtlichen Gemeindeherde begrenzt ist). Jeder wird sich dann bereitwillig diesen vom Herrn gebrauchten Führern unterordnen, weil sie sicher sind, dass sie sich geistlich in die richtige Richtung entwickeln, wenn sie dem Vorbild und Glauben dieser Männer (Hebräer 13,7) nachfolgen. Sie werden akzeptiert und geehrt als wahre »Minister« (=Diener) der Gemeinde Jesu. Man wird erfahren, dass sie nicht nur den Titel und die Macht als »Führer« haben wollen, sondern sich hingegeben haben, »über die Seelen zu wachen« (Hebräer 13,17; das ist die Aufgabe eines Hirten als »Aufseher« seiner »Schafherde« am Ort; 1Timotheus 3,1f; Titus 1,7).
Muss ein Kandidat die biblischen Kriterien optimal erfüllen? Muss er ein »perfekterChrist« sein? Natürlich nicht – diesseits des Himmels! Es gibt klare Muss-Kriterien, andere sind wachstümliche Merkmale. Aber es gibt zwei Grenzen, innerhalb man dies ausdeuten darf: (1.) Er darf kein »Neugepflanzter« (Neuling) sein, also jemand, der erst kurze Zeit gläubig ist (1Timotheus 3,6); (2.) Er muss »Vorbild der Herde« sein (1Petrus 5,3); d.h. dass er den meisten an Reife und Glauben so weit voraus ist, so dass sie sich an ihm orientieren können (Hebräer 13,7b). Es geht also um »hervorragende, gläubige Männer«! Denn Führung geht nicht durch »managen« oder »herrschen«, wie über eigenen Besitz, sondern durch Vorbild. Älteste verfügen nicht über die Gemeindeglieder wie über eigenen Besitz. Sie sind vielmehr vom Oberhirten beauftragte Unterhirten, also Verwalter, die Schafe gehören nicht ihnen (1Petrus 5,3; Hebräer 13,17).
Wenn alles unter Gottes Geist und Fürsorge gut läuft, werden sich die neuen Ältesten dann hoffentlich auch in Zukunft weiterentwickeln, wie das von allen Christen erwartet werden darf, aber bei Ältesten vorbildhaft zu sehen sein muss. Ein Ältester, der nicht laufend dazulernen will und reift, kann schwerlich Vorbild sein. Ein Ältester (oder Kandidat), der nicht regelmäßig Fortbildungen besucht und veranstaltet, weist einen nicht geringen Mangel auf. Warum? Weil erstens »Jünger Jesu« sein bedeutet, lebenslang ein »Schüler« zu sein (das ist die Wortbedeutung von mathētēs, »Jünger«). Und weil zweitens der Missionsauftrag des Herrn fordert: »Lehrt sie, alles zu bewahren, was ich euch geboten habe« (Matthäus 28,20).
Älteste genießen ihres Amtes wegen besonderen Schutz in ihrem Dienst, sind zu achten und zu ehren und –in manchen Fällen– auch zu honorieren. Sie unterliegen der besonderen Beurteilung der Gemeinde, da sie diese öffentlich vertreten und leiten (s. 1Timotheus 5,17–22). Dazu wäre vieles mehr zu sagen, sprengte aber den Rahmen dieser kurzen Rückbesinnung.
Diese Vorgehensweise ist weder eine Angelegenheit von Vorlieben oder Meinungen, sondern im biblischen Gebot mit festem Rahmen, Inhalten und Reihenfolge vorgegeben. Darüber hinaus bestehen viele Möglichkeiten der Ausgestaltung, so dass diese Vorgaben in unterschiedlichen Kulturen und Zeiten und Situationen effektiv umgesetzt werden können.
Eine Mahnung, diese göttlich vorgegebene Vorgehensweise zu beachten und zu beschreiten, ist jedenfalls biblisch geboten. Nur so kann Gottes Segen erwartet werden. Und den will hoffentlich niemand vermissen.
Einige hilfreiche Zitate
Alexander Strauch liefert einige Aussagen aus seinem riesigen Erfahrungsschatz, die es wert sind, bedacht zu werden. Die folgende Auwahl stammt aus Kapitel 30 »Das Wichtigste in Kürze«, das eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte seines einschlägigen Standardwerks Biblische Ältestenschaft (2025) ist (alle Hervorhebungen hinzugefügt). Die vollständige Liste ist an anderer Stelle zu finden.
»(14) In Anlehnung an das Bild des Hirten bestehen die Aufgaben der Ältesten im Großen und Ganzen darin, (1) die Herde mit reichhaltiger Nahrung aus der von Gott inspirierten Schrift zu ernähren, (2) die Herde vor wolfsähnlichen Irrlehrern zu schützen, (3) die Herde durch die Stürme des Lebens und zu grünen Weiden zu führen und ( 4) für die praktischen Bedürfnisse der Gemeinde Gottes zu sorgen. Ein wichtiger Grundsatz der biblischen Ältestenschaft ist, dass man sie als Team von Leitern der Gemeinde betrachten sollte, nicht als einen Vereinsvorstand.«
»(23) Sowohl Älteste als auch Diakone müssen öffentlich auf ihre Qualifikation und Eignung für den Dienst geprüft werden (1 Tim 3,10). Die ordnungsgemäße Prüfung eines Ältestenkandidaten ist genau der Punkt, an dem viele Gemeinden versagen. Das Verfahren erfordert Zeit und Mühe, und viele Gemeinden meinen, sie seien zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, um sich diese Mühe zu machen. Ein großer Fehler!«
»(35) Ein Ältester muss sich mit ganzem Herzen für die Wahrheiten des Evangeliums einsetzen (Tit 1,9).«
»(36) Alle Ältesten müssen in der Lage sein, andere in gesunder Lehre zu unterweisen, falsche Lehrer zu entlarven und sie mutig zurechtzuweisen (Tit 1,9).«
»(51) Älteste sind Verwalter von Gottes Haus (Tit 1,7). Deshalb müssen sie solide organisatorische Prinzipien und Kommunikationswege festlegen, sonst wird die Gemeinde leiden. Eine unorganisierte und undisziplinierte Ältestenschaft wird sich mit der Zeit als Hindernis für das Wohlergehen von Gottes Herde und Gottes Haus erweisen.«
»(52) Einer der wichtigsten Faktoren bei der Gestaltung einer effektiven Ältestenschaft ist Schulung, Schulung und nochmal Schulung. Die Ausbildung, Begleitung und Förderung künftiger Leiter und Lehrer muss für jede Ältestenschaft Priorität haben. Das Christentum betont die intensive Arbeit der Nachfolge, dazu gehört die Lehre und das vorbildliche Leben, sodass man einem geistlich gereiften Menschen gern nacheifern möchte.«
Literatur- und Medienhinweise
Alexander Strauch, Biblische Ältestenschaft. Handbuch für schriftgemäße Gemeindeleitung, überarbeitet. u. erw. Neuausgabe (Dillenburg: CVD, 2025), 608 Seiten. – Verlagstext: »Biblische Ältestenschaft ist seit 30 Jahren das Standardwerk zur biblischen Lehre über Ältestenschaft: der gemeinschaftlichen pastoralen Leitung einer Gemeinde durch eine biblisch qualifizierte, vom Geist eingesetzte Ältestenschaft. Das Buch hat ein weltweites Erwachen zu diesem oft vernachlässigten und missverstandenen Thema bewirkt. Die Neuausgabe wurde umfassend überarbeitet und erweitert. Alle, die solide Bibelexegese lieben, werden dankbar dafür sein. Jede neutestamentliche Stelle zum Thema wird sorgfältig erklärt und interpretiert, sodass die biblischen Autoren selbst zu Wort kommen. Alle Schlüsselfragen werden angesprochen, neueste bibelwissenschaftliche Erkenntnisse werden dabei beachtet. So dient dieses Handbuch als Kommentar, Ressource und Lehrbuch zur Förderung von Ältesten als Hirten. Es wird auch in den kommenden Jahren das Standardwerk sein.«
Alexander Strauch, Biblische Ältestenschaft. Studienführer, 3. Aufl. (Dillenburg: CVD, 2025), 192 Seiten. – Verlagstext: »Dieser Studienführer ergänzt und vertieft einzigartig die Lektüre des Hauptbuches. Durch zielgerichtete Fragen (jeweils mit Seitenverweis aufs Buch) können die Gedanken kapitelweise für die eigene Gemeinde und die dortige Leitungspraxis erarbeitet werden. Das kann sowohl in der Gruppe (z. B. im Ältestenteam) geschehen als auch in der persönlichen Stillen Zeit. Für Letzteres wurden die Abschnitte extra in „Stille-Zeit-Portionen“ eingeteilt, die sich in ca. 20 Minuten bearbeiten lassen.«
Hirtenkonferenz 2025 »Ältestenschaft« (EBTC). 10 Vorträge als Video auf YouTube. Augenöffend und seelengewinnend, vom Herrn bewährte Gemeindehirten über dieses hohe Amt reden zu hören!
David A. Harrell, Hirtendienst. 7 biblische Prinzipien für den Dienst als Leiter in Gottes Gemeinde (Berlin: EBTC, 2023).
Jeramie Rinne, Leitung durch Älteste. Wie man Gottes Volk wie Jesus als Hirten leitet (Serie: 9 Merkmale gesunder Gemeinden) (Augustdorf: Betanien, 2022).
Paul David Tripp, Leiten. 12 Prinzipien des Evangeliums für Leiterschaft in der Gemeinde (Berlin: EBTC, 2022).
Für Diakone: Alexander Strauch, Gottes Gemeinde unterstützen. Paulus Sicht vom Dienst des Diakons (Dillenburg: CVD, 2019), 192 Seiten. – Verlagstext: »Die Ansichten über die Rolle der Diakone sind unter den evangelikalen Christen sehr unterschiedlich. Was lehrt die Schrift eigentlich über Diakone und ihre Rolle in der Gemeinde? Die Ansichten reichen vom Diakon als Gemeindevorstand bis hin zum Ausführenden von Bauvorhaben. Strauch erklärt, dass sein Ziel beim Schreiben dieses Buches darin besteht, den Diakonen und Ältesten von Gemeinden zu ermutigen, kritischer darüber nachzudenken, was sie sagen, was sie tun und was die Schrift tatsächlich über Diakone lehrt. Was auch immer wir über Diakone denken mögen, diese Studie wird uns helfen, die biblischen Fakten über Diakone im Detail zu untersuchen, sodass unser Nachdenken über Gemeindefragen von zuverlässigen Informationen genährt wird. – Dieses Buch bietet die Möglichkeit, eine breitere Übereinstimmung in bibeltreuen Gemeinden darüber herzustellen, was Diakone tun. Bekannt für seine tiefe Liebe zu Gottes Gemeinde und für seine sorgfältige Bibelauslegung, kann Strauchs neue Studie nicht ignoriert werden von denen, die sich dafür einsetzen wollen, einem biblischen Modell von Gemeinde zu folgen.« Auch dazu gibt es einen Studienführer.
Auslegungstraditionen mit starkem Hang zur allegorischen Methode sind immer noch aktiv in verschiedenen Gruppen der Gemeinde Jesu Christi. Als ich vor einiger Zeit auf einem »Bibeltag« einer Freikirche in Tradition der Elberfelder »Brüderbewegung« war, trat ein Ältester auf, der sich als Thema Lektionen aus dem Buch der Richter gesetzt hatte. Gleich zu Anfang sagte er, dass er nicht nur den Bibeltext behandeln wolle. Nein, er wolle nicht »oberflächlich« bleiben, sondern mit uns tiefer in den »geistlichen Sinn« des Bibeltextes abtauchen. Dazu brauche es ein Vokabelheft, in das man beim Lesen der Bibel eintrage, wofür bestimmte Begriffe in der Bibel geistlich stünden, sozusagen ein Übersetzungsbuch für das Erfassen der »geistlichen Bedeutung« eines Bibeltextes. Dann gab er Beispiele, wofür die Sonne, ein Hammer, Wasser, Öl usw. in der Heiligen Schrift geistlich stünden. Dieses geistliche Deutungsbuch versetze den Christen nun in die Lage, inneres, dem normalen Christen verborgenes, tieferes Wissen zu erlangen. Das ist aber die klassische Zumutung eines Esoterikers.
Eine dieser »Übersetzungs«-Codes ist die Formel: »Öl = Heiliger Geist«. Exegetisch bedeutete dies also, dass immer dann, wenn im Text von Öl zu lesen war, tatsächlich auf »geistlicher Tiefenebene« der Heilige Geist gemeint sei. Vielleicht kann sich der »normale« Bibelleser vorstellen, wie schnell man sich mit solchen falschen und falsch-vereinfachenden Auslegungsregeln in Widersprüche und Unsinn verstricken kann. Das Fatale daran ist, dass der diese Regeln Anwendende meint, besonders heilige und tiefe Gedanken zu erfassen, und mithin selten bereit ist, sich korrigieren zu lassen. Esoterisches Denken war schon immer ein Elitedenken.
Wie steht es also mit der Symbolik von Öl in der Heiligen Schrift? Natürlich kann man einige Stellen in der Heiligen Schrift finden, wo die genannte Deutung durchaus richtig ist. Die Bibel verwendet immer wieder typologische und symbolische Sprache. So werden tatsächlich Menschen in Israel in Ämter von Gott eingesetzt durch »Salbung« mit Öl, z.B. Könige, Priester und Propheten. Andere Beispiele mit symbolischen rituellen Handlungen könnten angeführt werden, auch im Neuen Testament. Jeder Christ sollte z.B. die Symbolik von Brot und Kelch (Wein) kennen, wenn es um die »Verkündigung des Todes des Herrn« im Herrenmahl geht. Jesus selbst erläutert: »dies ist mein Leib« und »dies ist mein Blut« (vgl. z.B. Mt 26,26–28) bei der symbolischen Handlung des Essens und Trinkens von diesen physischen, nun aber symbolhaft mit geistlicher Bedeutung aufgeladenen, Dingen. Vor und nach dieser symbolhaften Handlung im Kultus sind dieses Brot und dieser Wein jedoch ganz gewöhnliches Brot bzw. Wein, eine Transsubstantiation in den realen Leib bzw. Blut Christi fand nicht statt, hier irrt die röm.-kath. Kirche gewaltig (letztlich macht sie den Priester zum Zauberer, und Gott durch magische Handlungen verfügbar).
Die Problematik einer pauschalen Gleichsetzung von Typen oder Symbolen mit einem einzigen Deutungsinhalt soll anhand des Gleichnisses von den zehn Jungfrauen in Matthäus 25,1–13 aufgezeigt werden. Dabei wird folgende These verfolgt: Die verbreitete Gleichsetzung des Öls mit dem Heiligen Geist ist beim Gleichnis der zehn Jungfrauen (Matthäus 25,1–13) bibeltheologisch nicht haltbar, da das alttestamentliche und frühjüdische Bildfeld von »Öl« keine einheitliche pneumatologische Bedeutung (auf den Heiligen Geist)kennt und die Bildlogik des Gleichnisses zentrale Eigenschaften des Heiligen Geistes konterkariert (dem entgegensteht, widerspricht). Dazu folgende Überlegungen.
1. Hermeneutischer Ausgangspunkt: Symbole sind kontextabhängig
Biblische Symbole sind polysem, d. h. sie tragen je nach literarischem und situativem Kontext unterschiedliche Bedeutungen. Eine pauschale Fixierung eines Symbols auf einen einzigen theologischen Sachverhalt ist methodisch unzulässig, wenn der Kanon der Heiligen Schrift stabil eine Bedeutungsvielfalt belegt.
Wer also »Öl« grundsätzlich und ausschließlich als Geist-Symbol liest, setzt eine theologische Vorentscheidung (»Brille«) an die Stelle genauer Textbeobachtung. Pointiert gesagt betreibt er Eisegese (»Hineinlegung«) anstelle von Exegese (»Auslegung«).
Wir müssen bei der Auslegung von Symbolen (wie auch der gesamten Schrift) stets den speziellen Kontext der betrachteten Stelle beachten. Daraus folgt: Eine Aussage, dass »Öl« hier oder da als Hinweis auf den Heiligen Geist zu verstehen sei, ist hilfreich und kann zum Bedeutungsspektrum dieses Symbols beitragen, klärt aber mitnichten, was »Öl« an einer anderen Stelle konkret bedeuten mag. (Dies gilt ebenfalls für die beliebten »Wortstudien«, die zwar das Bedeutungsspektrum eines Begriffs aufzeigen können, aber nie die Bedeutung an einer konkreten Stelle abschließend klären.) Das aber ist die spannende Frage, wenn man eine Stelle bzw. eine Perikope wie Matthäus 25,1–13 auslegen will.
2. Alttestamentlicher Befund: Öl ist nicht exklusiv ein Symbol des Geistes Gottes
Im Alten Testament erscheint Öl in mehreren stabilen Bedeutungsfeldern, die keinen direkten Bezugzum Heiligen Geist haben, z.B.:
Alltags- und Wirtschaftsgut: 1Könige 17,12–16 (Öl als lebensnotwendige Ressource in der Hungersnot); Hosea 12,2; Hesekiel 27,17 (Handelsware).
Metapher für Wohlstand und Freude: Psalm 23,5; 5Mose 8,8.
Verderbliches Qualitätsprodukt: Prediger 10,1 (Öl des Salbenmischers wird durch Fliegen verdorben).
Objekt von Gericht und Mangel: Joel 1,10 (Öl versiegt im Gericht).
Schlussfolgerung: Das alttestamentliche Bildfeld widerlegt jede ontologische Gleichsetzung von Öl und Geist [1]. Am ehesten wird sich die Deutung bei kultischen Zusammenhängen (d.i. betreffs des Gottesdienstes) auf Anwesenheit der Personen der Gottheit richten. So kann man Öl in der kultischen Verwendung als Hinweis auf den Heiligen Geist deuten, siehe 2Mose 27,20 und 3Mose 24,2 (Öl als Brennstoff für den Leuchter im Heiligtum, einzige Lichtquelle für den Dienst im Heiligtum über die Öllampen der Menorah). In Matthäus 25,1–13 dient das Öl als Brennstoff für die »Lampen« (λαμπάδες) der feierlichen nächtlichen Prozession.
Das Problem liegt nicht im Gleichnis, sondern eher in der nachträglichen allegorischen Fixierung des Öls auf die Person des Heiligen Geistes.
3. Salbungstexte: funktionale Nähe, aber keine Identität mit dem Heiligen Geist
In Texten wie 1Samuel 16,13 oder Jesaja 61,1 steht Öl im Kontext von Salbung zur Beauftragung, während zugleich der Geist Gottes als ermächtigende Gegenwart genannt wird. Hier besteht eine theologische Korrelation, aber keine bildinterne Gleichsetzung. Das Öl bzw. dessen rituelle Verwendung wird zum Zeichen göttlicher Beauftragung, mithin wird im Öl die wirksame (autorisierende) göttliche Gegenwart angedeutet.
Trotzdem müssen wir auch hier genau hinschauen. Aus dem Zusammenlaufen von Salbung mit Öl und Hinweis auf göttliche Autorisierung bei diesen Berufungsstellen folgt nicht für alle »Öl-Stellen«, dass »Öl« stets als »der Heilige Geist« zu lesen wäre. Auch hier hilft es, den Kontext zu beachten.
4. Bildlogik kontra Geistlehre Jesu in den Evangelien
Die Handhabung des Öls im Gleichnis von den Zehn Jungfrauen (Vorrat anlegen, verbrauchen, nachkaufen, nicht teilen) steht in –m.E. unüberwindbarem– strukturellem Gegensatz zur neutestamentlichen Lehre vom Heiligen Geist (Pneumatologie). In ähnlicher Zeit im Leben Jesu (Abschiedszeit) redet der Sohn Gottes ausführlich im »Obersaal« mit seinen Jüngern. Dort können wir beobachten, wie Jesus über diese göttliche Person redet (Johannes 14–16). Wir lernen: Der Geist Gottes ist nicht disponibel, nicht käuflich, nicht verwaltbarer Besitz. Er ist keine Sache, sondern eine göttliche Person mit göttlicher Souveränität, damit jeder menschlichen Verfügungsgewalt enthoben, nicht teilbar oder mitteilbar. Er ist auch nicht messbar oder abmessbar. Im Gleichnis wird das Öl jedoch als ökonomisch disponibel behandelt, und zwar durchgehend. Der Geist Gottes ist aber Beziehungswirklichkeit, nicht menschlich disponierbarer Vorrat.
Man könnte diesen Einwurf evtl. mit Verweis auf die Beschränktheit der Bildebene des Gleichnisses zurückweisen. Und in der Tat: Gleichnisse arbeiten mit Bildern des Alltags, nicht mit systematischer Theologie. Man darf daher keine vollständige Entsprechung zwischen Bildbereich und Sachbereich erwarten. Genauso gilt aber auch, dass eine mangelnde Entsprechung der Rede die Gleichnishaftigkeit und sogar die Verständlichkeit raubt. Der Bildbereich darf den Sachbereich nicht in zentralen Zügen konterkarieren. Dass dies hier strukturell geschieht, deutet folgende Tabelle an:
Unproblematische Bildabweichung
Problematische Bildabweichung
Öl = Geist, obwohl der Heilige Geist keine Flüssigkeit ist (vgl.: Wind, Feuer u.a.)
Öl = käuflich / disponibel, Geist = Gabe Gottes
Lampe = Glaube (metaphorisch)
Öl-Vorrat zur Disposition des Menschen vs. Geist als personale Gegenwart Gottes
Licht braucht Energie
Geist ist nicht »Energie-Reservoir«
Man versucht das offensichtliche Nichtpassen zwischen Bild und Sache damit zu verteidigen, dass man die nicht passenden »Details« im Gleichnis zur »Nebensache« erklärt und damit ausblendet. Meist fehlt dabei aber die exegetische Berechtigung für dieses Werten, häufig offenbart es Zirkelschlüsse (man versucht, etwas zu beweisen, und setzt beim Beweis das zu Beweisende bereits voraus; das beweist aber gar nichts).
Besser ist es, wenn wir darüber nachdenken, dass eine Gleichsetzung des Öls mit dem Heiligen Geist (nebst der mangelnden Kohärenz der Bildzuordnung im Gleichnis) vor allem eine theologische Inkohärenz zwischen Gleichnislogik und Jesu Geistverständnis (und wie er über Ihn redet, s. Johannes 14–16 u.a.) erzeugt. Das ist kein leicht zu nehmender Einwurf.
5. Kontext von Mt 24–25: Öl als Hinweis auf das Vermögen zum Ausharren
Vielleicht der offenbarste und klarste Hinweis auf den Kreis, innerhalb dessen wir den Sinn dieses Gleichnisses zu suchen haben, ist der Kontext. Das Gleichnis der Zehn Jungfrauen steht in einer Kette von vier Gleichnissen der Endzeitrede, die das »Warte«-Motiv behandeln. Die gesamte »Endzeitrede« Jesu antwortet auf die Frage der Jünger: »Sage uns, wann wird das sein, und was ist das Zeichen deiner Ankunft und der Vollendung des Zeitalters?« (Matthäus 24,3). Sie beziehen sich dabei auf die frappierende Aussage Jesu Christi über den Herodianischen Tempel, der seinerzeit ein bestauntes Weltwunder war: »Wahrlich, ich sage euch: Hier wird nicht ein Stein auf dem anderen gelassen werden, der nicht abgebrochen werden wird.« (Matthäus 24,2).
Erstaunlicherweise beantwortet Jesus diese Frage nicht mit Angabe eines Kalenderzeitpunkts oder eines kalendarisch verortbaren Ablaufs. Er stellt zwar sicher, dass die Geschichte einem sicheren Zielpunkt (Kulmination, Gerichtstag u.a.) zuläuft, also definitiv ein Ende hat, aber er redet dann nicht über Zeiten und Zeitpunkte, sondern über die innere Haltung derer, die von solchem Ende wissen. Der Herr sagt mehrfach, dass Wartenund Ausharren notwendig sein wird. Es wird also bis zu jenem Zeitpunkt eine längere Zeit dauern, als allgemein gewünscht und erwartet.
Jesu Antwort verschiebt den Schwerpunkt der Frage der Jünger (nach Zeichen (σημεῖον), Zeitpunkt (πότε) und endzeitliche Vollendung (συντέλεια τοῦ αἰῶνος) auf die Schwerpunkte: keine Datierung (24,36), Warnung vor Scheinsicherheit (24,4–5; 24,23–26), richtige Einstellung in der Wartezeit (24,42–51; 25,1–30) sowie eine Gerichtsperspektive (25,31–46). Er erklärt also weder »Zeiten und Zeitpunkte«, also einen zeitlichen Ablauf, sondern ermahnt die Jünger mit einem: »So sollt ihr leben, solange die Wiederkunft mit Bräutigam und Reich sich verzögert!«. Dieses ethische Motiv der Treue hatte der Herr Jesus bereits mehrfach angeschnitten und wird es weiter betonen:
»Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden.« (Matthäus 24,13)
»Wer ist der treue und kluge Knecht?« (Matthäus 24,45)
»Du treuer Knecht … über Wenigem treu.« (Matthäus 25,21)
Im Kontext der »Endzeitrede« (Matthäus 24,3.13.42–51) fungiert das Öl also eher als narrativer Ausdruck für eine die über Zeit gewachsene, nicht delegierbare oder kaufbare Bereitschaft und Treue der Jüngerschaft in der Verzögerung der Wiederkunft Christi (Parousie). Das Öl steht also funktional für das, was treues Ausharren tragfähig macht – nicht für den Heiligen Geist selbst.
Nochmals, in einem Satz: Das Öl ist nicht der Heilige Geist, sondern das, was der Heilige Geist im Leben eines Menschen für den Bräutigam hervorbringen mag – und was man nicht in letzter Minute ersetzen kann.
Wir weiten nun unseren Blick von der Deutung des Öls zur generellen Methodik der Exegese dieser Perikope, die hier wohl zu wenig beachtet wird.
6. Nichtbeachtung des Genres
Gleichnisse im NT (auch bei Matthäus) sind funktionale Erzählungen mit einerLeitabsicht,einerHauptaussage (selten mit mehreren Hauptgedanken). Sie sind keine System-Allegorien, in denen jedes Detail 1:1 theologisch «aufgelöst«/»gedeutet« werden dürfte oder gar müsste. Jemand hat festgestellt, dass man mit Allegorisieren jeden gewünschten Sachverhalt aus fast jedem beliebigen Text »ableiten« könne. Erfunden wurde diese Deutungsmethode von den Griechen, um als unangenehm empfundene Aussagen in ihren alten Schriften umdeuten zu können. Die Juden in Alexandria übernahmen diese Allegorisierungsmethode von den Griechen mit gleicher Absicht (die Patriarchengeschichte enthält vieles als peinlich und grob Empfundene). Die Christen taten es dann den Juden nach…
Hier haben wir jedenfalls ein Gleichnis vorliegen: »Dann wird das Reich der Himmel zehn Jungfrauen gleich werden…« (25,1). Ein Gleichnis hat meist nur einen Leitgedanken, einen oft frappierenden Gedanken. Dieser Leitgedanke wird hier ausdrücklich im letzten Satz genannt: »Darum wacht!« (Matthäus25,13). Das ist die Lehre und Redeabsicht dieses Gleichnisses. Es geht also rhetorisch und gattungstheoretisch nicht um Ekklesiologie, sondern um Ermahnung. Das Gleichnis beantwortet nicht das «Wann?« des Kommens des Bräutigams, sondern das »Wie lebt man bis dahin?«.
Die Figuren und Handlungen im Bildbereich »außenherum« dienen der Fokussierung auf Wachsamkeit, nicht aber dem Allegorisieren, mithin auch nicht der Identifikation der Kirche als Braut (von der ja gar nicht die Rede ist!). Also: Ein Allegorisieren eines Gleichnisses ist ein grundsätzlicher Missgriff bei der Auslegung.
7. Gleichnisse bedürfen zum Verständnis Kenntnis des historischen Kontextes
Im antiken jüdischen Hochzeitsritus warteten Brautjungfern (παρθένοι) mit Lampen auf den Bräutigam, um ihn in den nächtlichen Zug zu begleiten, oder sie begleiteten die Braut ins neue, vorbereitete Heim. Alfred Edersheim (The Life and Time of Jesus The Messiah, Grand Rapids, MI (USA): Eerdmans, 1971, Buch V, S. 455ff) deutet darauf hin, dass es insofern eine ungewöhnliche Hochzeit war, als der Bräutigam von weit her (also nicht aus dem gleichen Dorf) kam und irgendwann eintreffend zum Haus der Braut ging. Die Brautjungfern sollten ihn vor dem Dorf begegnen und dann zum Haus der Braut begleiten. Sie warteten natürlich im Dorf, nicht auf der Landstraße draußen, auf die Kunde, dass der Bräutigam sich dem Dorfe nähere. Dass dies geschehen sollte(in selber Nacht) war wohl bekannt, aber die Stunde des Eintreffen nicht. Das Setting ist aus der Erlebniswelt der Jünger ist jedoch plausibel und für Jesu Hörer sofort verständlich. Für uns ist erst einmal eine kulturelle Distanz zu überwinden, da wir anders Hochzeit begehen (siehe Anhang 2 unten).
Die Hauptfigur des Gleichnisses ist erstaunlicherweise nicht die Braut, sondern die unterschiedlich vorbereiteten Wartenden, weil das Gleichnis den Wartezustand der (jüdischen) Jüngerschaft bis zur Wiederkehr (»Ankunft«) des Messias Jesus Christus dramatisiert und die unterschiedlich bereiten Gruppen benennen will. Dies wäre bei der Einzelperson der Braut nicht möglich. Daraus kann man schließen, dass die Wahl der Figuren der Pragmatik der Erzählwelt und der beabsichtigten Lektion (Lehraussage und vor allem die paränetische Ermahnung) folgt, nicht primär einer ekklesiologischen Typologie oder einer bestimmten vorgefassten Eschatologie.
8. Näherer Kontext: Die Endzeitrede
In Matthäus 24–25 richtet Jesus die Endzeitrede an die Jünger. Die Abfolge der Gleichnisse (treuer Knecht, zehn Jungfrauen, anvertraute Talente) fokussiert auf das Verhalten der Wartenden mit Blick auf das unbekannte Ende des Wartens:
Matthäus 24,45–51:Treue im Dienst
Matthäus 25,1–13:Wachsamkeit im Warten
Matthäus 25,14–30:Verantwortung im Umgang mit anvertrauten Gütern
Die Jungfrauen sind im Gleichnis die Wartenden. Wer von ihnen wegen mangelnder Vorsorge nicht genügend Öl hatte, konnte an der Prozession nicht teilnehmen, er verpasst sie. Aber er wird auch von der Hochzeitsfeier selbst ausgeschlossen mit scharfer Ablehnung durch den Bräutigam. Es gibt also am Ende ein Drinnen und ein Draußen für die Eingeladenen: die einen feiern mit, die anderen sind ausgeschlossen. Die Anfrage des Gleichnisses ist also: Wo stehst Du? Das hält die Perspektive konsequent paränetisch (ermahnend). Insofern ist diese Ermahnung übertragbar auf andere Wartesituationen ähnlicher Art. Hier verorten sich dann Übertragungen auf die Gemeinde, die allerdings nicht auf die Zweite Erscheinung Christi als nächstes wartet, sondern auf die Entrückung.
Fazit
Die pauschale Deutung »Öl = Heiliger Geist« ist:
bibeltheologisch ungesichert (AT-Befund),
bildlogisch inkohärent (Verfügbarkeit des Öls),
kontextuell unnötig (die Pointe des Gleichnisses erschließt sich ohne diese Fixierung).
Eine textnahe Deutung versteht das Öl als Symbol für gelebte, über Zeit aufgebaute Bereitschaft und Treue, die die Verzögerung bis zur Erscheinung des Herrn Jesus Christus trägt. Unbenommen bleibt bei dieser Deutung, dass der Heilige Geist ganz sicher diese Bereitschaft des Ausharrens bewirkt und ermöglicht, ohne dass man seine hochgelobte Person deswegen sklavisch vereinfacht in der ganzen Bibel mit dem Symbol gleichsetzen muss.
Vom Grundsatz ausgehend, dass Jesus mit Gleichnissen nicht jede Einzelkomponente allegorisch verstanden haben will, wird dann eine Auslegung nahegelegt, bei der nicht Einzelkomponenten im Bildbereich, sondern der Gesamtgedanke von Wachsamkeit und Beziehung hervorgehoben wird (siehe Gleichnisfazit im letzten Satz durch Christus selbst!).
Anhang 1: Weitere problematische Herangehensweisen
1. Gleichsetzung von Israel mit der christlichen Gemeinde
Die Dogmengeschichte der Christenheit zeigt, dass leider nach wenigen Jahrhunderten bereits die Auffassung Gewicht gewann und viele Kirchenlehrer kennzeichnete, dass die christliche Kirche Israel als Volk Gottes völlig ersetzte habe. Damit wurden dann alle Segnungen, die Israel verheißen wurden, »geistlich« umgedeutet auf die christliche Kirche. Israel hätte damit keine Zukunft (wie biblisch verheißen) mehr, alles ginge in der Gemeinde auf. (Wir vertreten diese Ersatz-Theologie nicht, auch keine Bündnistheologie.)
Aber selbst bei solchen, die aufgrund gleichbleibender Hermeneutik zu anderer Schlussfolgerung geführt werden, werden Bibelstellen, die sich explizit auf Israel beziehen, oft unreflektiert auf die Gemeinde des Neuen Testaments gedeutet. Oftmals wird dies begleitet von der Frage: »Was bedeutet dieser Text jetzt praktisch für mich?« Diese Frage ist wichtig und unverzichtbar, aber sie kommt erst, wenn vorher die Auslegung geklärt wurde, also die Frage: »Was hat der Heilige Geist und der geführte Autor ausgesagt? Was war seine Absicht mit dem, was er schrieb?« Denn jede wahre (=göttlich gemeinte) praktische Anwendung (subjektiv) muss gegründet sein in wahrer Auslegung (was meint die Stelle objektiv), sonst ist sie reine Spekulation, die wahr oder falsch sein kann, jedenfalls aber keine Autorität besitzt. Der biblische Glauben muss stets sagen können: »Es steht geschrieben!«. Pointiert gesagt: »Die Bedeutung/Auslegung der Schrift ist die Schrift!«. Es sind ja nicht die Buchstaben und Wörter, sondern was damit tatsächlich ausgesagt wird, was unser Verständnis ermöglicht, unsere wiedergeborene Seele ergreift und unser erneuertes Herz zum Gehorsam führt.
Konkret: Wenn Jesus Christus etwas über den weiteren Lauf und die Vollendung des Volkes Israel (darauf zielt die Fragestellung der Jünger!) sagt, dürfen wir dies nicht sofort als auf die neutestamentliche Gemeinde Gemünztes deuten. Andererseits gilt: Da die Gemeinde und (das wahre) Israel eine gemeinsame Zukunft mit Ihrem Herrn und Retter haben, sind Berührungspunkte und Tangenten zweifelsfrei vorhanden. Das wird aber nicht hier angesprochen.
2. Überstülpen eines theologischen Systems
Da die »Endzeitrede« Jesu wesenseigen eschatologisch (endzeitlich) gezielt ist, kommt es zum Phänomen, dass das Gleichnis der Zehn Jungfrauen in eine vorher gefasste Eschatologie (Endzeit-Theorie) eingeordnet und dann vom übergeordneten Standpunkt aus systemkonform gedeutet wird. Dies kann man in allerlei Traditionen beobachten, auch bei den »Dispensationalisten«, von denen es allerdings viele unterschiedliche Richtungen gibt. Als Beispiel seien die »Plymouth Brethren« genannt, die in der Endzeitlehre durch die Lehren von J.N. Darby (1800–1880) stark geprägt wurden (Traditioneller Dispensationalismus). Die Ideen, die Darby damals vortrug, sind allerdings auf frühere Quellen zurückzuverfolgen, auch wenn Darby seine Quellen nie offenlegte, eher den Eindruck vermittelte, dass er das selbst (er/ge)funden habe. Der »Dispensationalismus«, den heute allgemein bekannt ist, geht jedoch auf den Amerikaner Cyrus I. Scofield (1843–1921) zurück, der mit der von ihm kommentierten Scofield-Bibel (erste Ausgabe Oxford Press um 1909, erste deutsche Ausgabe ermöglicht durch Gertrud Wasserzug) weite Kreise der Evangelikalen erreicht hat, vor allem in den USA.
Ein anderer Vertreter ist noch lebende Arnold Fruchtenbaum, ein messianischer Jude oder jüdischer Christ, der das Gleichnis in der Struktur des (viel später entstandenen) Dispensationalismus und des Wissens über den formalen Ablauf einer antiken jüdischen Hochzeit (wovon er nur aus frühestens mittelalterlichen rabbinischen Schriften weiß) abbildet. Hier regiert also nicht der Text, sondern das theologische System des Dispensationalismus. Fruchtenbaum weist mit Recht auf die frappierende Abwesenheit der Braut im Gleichnis hin und entlarvt die unbedachte Gleichsetzung »Brautjungfern=Braut« als ungültig (die christliche Gemeinde wird im NT als eine Braut repräsentiert, z. B. Epheser 5; Offenbarung 19; 21). Er schreibt: »The virgins represent neither the Church nor Israel in this parable, but simply serve to illustrate a point…« (»Die Jungfrauen stehen in diesem Gleichnis weder für die Kirche noch für Israel, sondern dienen lediglich der Veranschaulichung eines Punktes…«). Gemeinsam mit anderen Traditionalisten teilt Fruchtenbaum die Ansicht, dass das Gleichnis im kulturellen Kontext jüdischer Hochzeitsrituale steht. Anders als viele konfessionelle oder historisch-kritische Deutungen sieht er jedoch die Jungfrauen nicht als Symbol für die gesamte Gemeinde (»Braut Christi«) oder für alle Gläubigen allgemein, sondern als eine symbolisierte Gruppe innerhalb eines größeren Endzeit-Hochzeits-Schemas; das Öl ist dabei geistliches Bereitsein für den Bräutigam. Dies alles ist Teil seiner dispensationellen Endzeitlehre.
Für Fruchtenbaum löst sich das Problem der fehlenden Braut dadurch, dass er diese in den Himmel verortet, wo sie seit der »Entrückung« (1Thessalonicher 4) auf den Bräutigam wartet, der sie dann gemäß Matthäus 25 zusammen mit den Brautjungfrauen abholen wird. – Man kann das auch so deuten, dass dieses Gleichnis nichts über die Geschichte (Ontologie) der christlichen Gemeinde sagen will, sondern (funktional) etwas über das richtige, nämlich ausharrende, vorbereitete, Warten.
Man kann Fruchtenbaums Verständnis vlt. so zusammenfassen:
Die Braut (Gemeinde) ist im Himmel zur Zeit der Trübsal (Drangsal Jakobs),
Die Jungfrauen stehen in dieser Zeit auf der Erde und spielen eine begleitende Rolle. Nur diejenigen mit genügend »Öl« (Geist) sind zugelassen zum Hochzeitsfest (dem Hochzeitsmahl des Messias).
Damit knüpft er das Gleichnis nicht nur an die allgemeine Mahnung zur Wachsamkeit, sondern an einen bestimmten Abschnitt der Heilsgeschichte – nämlich die Phase zwischen Entrückung und Hochzeitsfest, wie sie in vielen dispensationalistischen Modellen beschrieben wird.
Für den biblischen Kontext wäre dann auf jeden Fall noch die Einordnung in die Aussagen von Offenbarung 18–22 angesagt: Verurteilung der Hure Babylon, Hochzeit des Lammes im Himmel (also im engen Rahmen), Wiederkehr Christi auf Erden in Kriegsrüstung, Vernichtung der Feinde, Endgericht der Toten, Friedensreich (Millennium) als öffentliche Festzeit von Braut und Bräutigam, Niederschlagung des letzten Aufruhrs, Hölle als ewige Endstation aller Feinde, neuer Himmel, neue Erde, Gott wohnt inmitten der Menschen. Diese Herangehensweise ist für uns, die wir das ganze NT vorliegen haben, durchaus gültig und angesagt (sog. »weiter Kontext«; analogia fidei). Aber es muss uns klar sein, dass die Jünger in situ das noch nicht so verstehen konnten und auch nicht so verstanden haben (siehe Apostelgeschichte 1,6, also vorpfingstlich!).
Im Gegensatz zum systemkonformen Auslegungsansatz wäre der textkonforme Auslegungsansatz, also mit genauer und exklusiver(?) Beachtung des Kontextes, richtiger und sicherer. Über den Ablauf der Geschichte Israels haben einige Propheten des Alten Testaments geredet, am ausführlichsten und konkretesten sicher der Prophet Daniel. Unter Beachtung dieser Vorgaben ordnen manche die Geschehnisse des Gleichnisses der Zehn Jungfrauen in die letzte Danielswoche, die »Große Trübsal« (s. Matthäus 24,21.29), in der die gläubigen Menschen auf ihre Erlösung durch den Bräutigam harren, ein. Auch dort ist das »Ausharren/Warten«-Motiv entscheidend wichtig.
3. Folgen einer kirchlichen Lehrautorität
Wer auf die Autorität der Kirche als Auslegungsnormgeber vertraut, wird auch hier irre: Tomas von Aquin (Catena aurea) sagt, dass unterschiedliche Kirchenväter das Öl als gute Werke, Nächstenliebe oder auch als das Wort der Lehre verstanden haben: Hilarius von Poitiers setzt: »Öl = gute Werke; Chrysostomos: »Öl = Nächstenliebe« und Origenes: »Öl = Wort der Lehre«. Man könnte aus dieser Streubreite schließen, dass sie es nicht begriffen hatten. Aber diese Vielfalt war früher kein Problem, in der antiken und frühmittelalterlichen Exegese wurden Bilder häufig mehrdeutig gelesen, ohne dies als störend zu empfinden. Vielleicht hat diese Kirchenväter der Kontext nicht wirklich interessiert.
Neuzeitlich folgen auch die Mormonen (Latter-Day-Saints) und die Adventisten der Deutung, dass das Öl der Heilige Geist oder Gottes Wort sei. Hier ein unvollständiger Überblick (Tabelle).
Interpretation
Schlüsselargument
Hauptvertreter
Öl = Heiliger Geist / geistliche Fülle
Öl als Licht/Salböl → Präsenz Gottes/Geist
Evangelikale Kommentare, ERF, Adventisten
Öl = Glauben/Früchte des Glaubens
Öl als Ausdruck von Treue/Frucht
GotQuestions, Latter-day Saints
Öl = Gute Werke / Nächstenliebe / Wort
Patristische Vielfalt historisch
Kirchenväter (Hilarius, Chrysostomos, Origenes
Öl = Allgemeine spirituelle Bereitschaft, nicht nur Heiliger Geist
Kritik an enger Allegorie
neuere hermeneutische Beiträge
Anhang 2: Die Etappen einer antiken jüdischen Hochzeit
Weil heute oft der Zugang zu der antiken Tradition des jüdischen Volkes erschwert ist, sei hier kurz geschildert, wie man heute meint, wie eine antike jüdische Hochzeit ablief.
Kurz gesagt: eine Hochzeit war kein kurzer »Schritt zum Traualtar« oder ins »Standesamt«, sondern ein festlicher Prozess mit Warten, Rufen, Prozession, Verheiratung im Familienkreis und einem großem Hochzeitsmahl über sieben Tage.
Phase 1: Verlobung (Erusin / Kidduschin)
Die Verlobung war formal und rechtlich bindend, vergleichbar mit einem Ehevertrag. Diese Verlobung war nur durch formale Scheidung zu lösen. Der Ehevertrag (Ketubah) wurde häufig schon vor den übrigen Feierlichkeiten unterschrieben.
Während dieser Verlobungszeit galt die Braut als rechtlich »angetraut«, lebte aber weiterhin im Elternhaus, bis der Bräutigam kam, um sie zu holen. Sie wusste ungefähr, aber nicht genau, wann der Bräutigam kommt. Es gab keinen Geschlechtsverkehr, vielmehr war dieser mit strenger Strafe und ggf. Auflösung der Verlobung bedroht.
Biblischer Bezug: »…nur der Vater kennt die Stunde« (Matthäus 24,36), weil die Entscheidung über das Hochzeitsdatum in dieser Phase beim Vater des Bräutigams lag.
Phase 2: Warten auf den Bräutigam
Hier betreten wir den Hintergrund, den Jesus im Gleichnis nutzt:
Der Bräutigam bereitet ein Haus bzw. einen Raum für seine Braut vor. Das kostete einige Zeit und Aufwand. Diese Phase konnte bis zu einem Jahr dauern – also eine echteWartezeit.
Die Braut und ihr Gefolge bereiten sich auf den nächtlichen Festauszug am Ende der Verlobungszeit vor: Lampen, Kleidung usw. waren rituell/zeremoniell notwendig. Es war damals üblich, für diese Prozession 10 Lampen samt deren Trägerinnen zu verwenden (Edersheim, S. 455). Die Anzahl von zehn war in vielen Bereichen die Mindestzahl, die bei jedem Amtsakt, Segnung oder Zeremonie anwesend sein musste.
Die Lampen waren wohl eher Fackeln, die aus einem Ölbrenngefäß mit Docht/Gewebe und einer Stange bestanden, an der das Lampengefäß (Beth Shiqqua; Mischna Kelim 2,8) hochgehoben wurde.
Die genaue Ankunft des Bräutigams war zeitlich unsicher – er konnte erst spät am Abend oder mitten in der Nacht erscheinen.
Diese Ungewissheit erklärt den zentralen Bezug des Gleichnisses: Die Jungfrauen des feierlichen Gefolges mussten ständig mit ihren Lampen bereit sein, weil sie nicht wissen genau konnten, wann der Bräutigam kam. Er kam wohl aus größerer Entfernung angereist. Die Lampen waren selbstverständlich in dieser Wartezeit noch nicht entzündet.
Phase 3: Prozession und Hochzeitsfeier im Familienkreis
Wenn der Bräutigam kam:
Rief man seine Ankunft aus, oft mit einem Schofar-Signal oder Rufen. Es war Brauch, dies im Dunkel der Nacht durchzuführen. Eine Begrüßungsprozession kam ihm entgegen.
Man zündete nun die Lampen an und schmückte sie. Es folgte eine Prozession mit Fackeln oder Lampen durch die Straßen, mit Musik und Gesang, die letztlich zum Festort, meist zur Wohnung der Braut, führte. Personen ohne genügend Öl/Fackeln galten als nicht vorbereitet, und somit als zeremoniell unpassend und daher ausgeschlossen für die Prozession.
Danach ging die Prozession zum Haus der Braut (Abholung) und dann mit der Braut zur vorbereiteten neuen Heimstättefür das bald verheiratete Paar, meist in das Haus des Bräutigams oder dessen Eltern.
Erst nach dem Eintreffen von Bräutigam und Braut in der neuen Heimstätte begannen die formalen Hochzeitsfeierlichkeiten inklusive Festmahl (Seudat Nissuin) im engeren Rahmen der Familien.
Phase 4: Öffentliche Präsentation des Brautpaares und anschließende Großfeier
Nach der Zeit der familieninternen Hochzeitsfeier im Haus und Vollzug der Ehe präsentierte sich das Ehepaar feierlich der Öffentlichkeit, vor allem einer meist großen Schar von Geladenen, und feierte mit diesen mehrere Tage lang (vgl. dazu Matthäus 22,1–24; Johannes 2,1–11).
Von dieser Phase ist im Gleichnis nicht die Rede, da in dieser Phase die Zeit des Wartens vorüber ist.
Hier nochmals die im Gleichnis verwendeten Parallelen zur jüdischen Hochzeit:
Unbekannter Zeitpunkt:Das Kommen (Parousie) wird angekündigt, aber nicht datiert.
Warten mit Lampen: Zeit der Wachsamkeit.
Prozession und Feier: Endgültige Gemeinschaft mit dem Bräutigam (Christus).
Nicht Eingelassene, Unvorbereitete: Warnung vor mangelnder Bereitschaft.
Kernpunkte für das Verständnis
Element
Bedeutung im Bildbereich
Bedeutung im Gleichnis
Verlobung / Erusin
Bindende Vorphase mit Wartestatus
Erwartungshaltung
Warten mit Lampen
Nächtliche Phase der Erwartung; alle schlafen: es dauerte wohl sehr lang
Symbol für stetige Bereitschaft, zumindest beim Erwachen
Ankunft des Bräutigams
Beginn der Prozession
Eschatologische Parallele
Prozession & Fest
Öffentliche Darstellung der Ehe/Hochzeitsfeier
Gemeinschaft mit Bräutigam Christus
Ölmangel
unvorbereitet und damit ungeeignet zur Teilnahme
Warnung für die Jünger
Anhang 3: Rabbinische Texte für Hintergrund von Matthäus 25
Einige rabbinische Schriften reden von den Dingen, die Hintergrund des Gleichnisses sind. Die Redaktionszeitpunkte werden mit angegeben, um zeigen, dass diese Schriften um Jahrhunderte nach Christus liegen, also deutend mit Vorsicht zu genießen sind.
bShabbat 153a (Babylonischer Talmud, Traktat Schabbat; ca. 5.–6. Jhdt. nChr): Gleichnis vom König, der seine Knechte zum Mahl lädt – ohne Zeitangabe. Es zeigt: „Warten + unbestimmter Zeitpunkt + Vorbereitung“ ist ein sehr jüdisches, ermahnendes Standardmuster (nicht erst christliche Allegorese).
Ketubot 7b–8a (Babylonischer Talmud, Hochzeitssegen, Feststruktur; 5.–6. Jhdt. nChr): Hochzeitssegen / Festfreude / mehrtägige Feier Für den Ablauf der Hochzeit (Akteure, Feststruktur) ist Ketubot zentral: Dort sind die später so genannten Sheva Berakhot (sieben Segenssprüche) im Zusammenhang von Hochzeit/Feier belegt. Das stützt die Aussage, dass eine Hochzeit kein »kurzer standesamtlicher Moment«, sondern ein Festkomplex ist mit Riten, Struktur und mehrtägigem Festmahl.
Jerusalem Talmud Ketubot 1:1 (ca. 350–425 nChr): »Sieben Tage« Festzeit (alte Tradition) Der Jerusalemer Talmud führt die »sieben Tage« von Hochzeitsfeiern auf alte Stiftungstradition zurück (»Moses … sieben Tage der Festfreude«).
Mishnah Berakhot 2:5 (Mischna-Redaktion: ca. 200 nChr von Rabbi Jehuda ha-Nasi): Bräutigam als zentraler Akteur (rechtlicher/ritualer Status) Die Mischna kennt Sonderregelungen für den Bräutigam (z. B. Befreiung von der Schema-Rezitation in der Hochzeitsnacht/den ersten Tagen). Das zeigt, wie stark Hochzeit als sozialer Ausnahmezustand (Pflichten, Ablenkung, Festbetrieb) wahrgenommen wurde.
Ketubot 17a (5.–6. Jhdt. nChr): Hochzeitsprozession als öffentlicher Vorgang Ketubot 17a spricht u. a. davon, dass man für »den Einzug der Braut« (nicht: Bräutigam!) sogar das Thora-Studium unterbricht und dass Hochzeits- und Trauerzug auf der Straße kollidieren können (Prioritätsregeln). Das setzt sehr konkrete Prozessionspraxis voraus
Achtung: Da viele rabbinische Texte redaktionell deutlich später als Jesus Christus liegen, ist methodisch zu beachten, dass man sie am besten nicht als 1:1-Protokoll eines galiläischen Hochzeitsabends nutzt, sondern als Beleg dafür, welche Motive/Topoi im Judentum als plausibel und didaktisch wirksam galten. Vermutlich weisen sie aber auf Traditionen zurück, die wesentlich älter sind. Priorität in der Auslegung hat der Bibeltext samt seinem Kontext.
Endenoten
[1] Ontologische Gleichsetzung bedeutet, dass zwei Dinge nicht nur als ähnlich oder gleichwertig betrachtet werden, sondern als im Sein identisch oder wesensgleich verstanden. Es geht also nicht um eine bloß sprachliche, funktionale oder metaphorische Gleichsetzung, sondern um eine Aussage darüber, was etwas wirklich ist.
Beim Lesen der Schriften und Predigten der Reformatoren oder auch in deren Tradition stehender reformatorischer Autoren kommen immer wieder die Begriffe »Der Jüngste Tag« und »Das Jüngste Gericht« vor. Diese Begriffe sind theologische Eigenbegriffe geworden, die sich vom heutigen Sprachgebrauch des Deutschen schwerlich erschließen lassen, sogar eher missdeutig sind. Sie scheinen nahezulegen, dass das gesamte Gericht am Ende der Menschheitsgeschichte an einem bestimmten Tag stattfinden werde.
Wir fragen uns: (1) sprachgeschichtlich: Woher kommen diese Begriffe, (2) semantisch: Was bedeuteten sie ursprünglich und (3) theologisch: Läuft wirklich nach biblischer Offenbarung am Ende alles an einem Tag des Gerichts zusammen?
Sprachgeschichtlich: Woher kommen diese Begriffe?
Die beiden deutschen Begriffe »Jüngster Tag« und »Jüngstes Gericht« sind mittelalterliche Lehn- und Übersetzungsbildungen, die in der lateinischen kirchlichen Überlieferung des Christentums entstanden und dann im Althoch-/Mittelhochdeutschen ins Deutsche übertragen wurden.
Die entsprechenden kirchenlateinischen Begriffe sind insbesondere:
dies iūdicii = »Tag des Gerichts«
iūdicium ultimum = »letztes/endgültiges Gericht«
dies novissimus / dies ultimus = »der letzte Tag«
Diese Ausdrücke wurden von Kirchenvätern wie Augustinus, Hieronymus und anderen gebraucht und in liturgischen Texten verwendet. Man findet die verdeutschten Begriffe bereits im mittelalterlichen Bibeldeutsch (so beim Benediktinermönch Otfried von Weissenburg (800–870), Autor des Evangelienbuches, oder beim St. Gallener Notker Labeo (950/60–1022), Bibelübersetzer und Fachterminiologe).
Semantisch: Was bedeutet der Begriff »jüngst« ursprünglich?
Im älteren Deutsch bedeutete »jüngst« nicht »am jüngsten«, also »kürzlich«, sondern vielmehr »zuletzt, am Ende«.
Der »jüngste Tag« bezeichnet also den »zuletzt kommenden Tag« und damit das (meist eschatologisch verstandene) Ende der Zeit und damit der Menschheitsgeschichte. – Entsprechend bezeichnet das »jüngste Gericht« das »letzte Gericht«, mithin das Endgericht über die Menschen, das am Ende der Zeit stattfinden soll.
Beide Begriffe bezeichnen also einen endzeitlichen (eschatologischen) Moment, in dem Christus als Weltenrichter die Toten und Lebenden richtet.
Dass der menschgewordene Sohn Gottes, Jesus Christus, dieser Weltenrichter ist, offenbarte er selbst: »Denn der Vater richtet auch niemand, sondern das ganze Gericht hat er dem Sohn gegeben, damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, ehrt den Vater nicht, der ihn gesandt hat.« (Johannes 5,22–23).
Im Niceno-Constantinopolitanums (381), das heute in Ost- und Westkirche des Christentums die Standardform des »Großen Glaubensbekenntnisses« ist, bekennt der Christ ebenfalls zeitlich undifferenziert: »Et iterum ventūrus est cum glōriā, iudicāre vivos et mortuos, cuius regni non erit finis.« (»Und er wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten, und seines Reiches wird kein Ende sein.«).
Ob dieses Gericht tatsächlich an genau einem, nämlich dem »jüngsten«, Tag stattfindet, ist im nächsten Abschnitt zu untersuchen.
Theologisch: Läuft am Ende alles an einem Tag des Gerichts zusammen?
Das Neue Testament differenziert die alttestamentliche Erwartung eines Endgerichttages (meist »Tag Jahwes«, yôm YHWH, genannt: Amos 5,18–20; Jesaja 13,6–13; Joel 1,15; 2,1–11; 3,4; 4,14; Zefania 1,14–18 u.a.) in mindestens drei endzeitliche Gerichtsszenen, die auch zeitlich zu unterscheiden sind:
Gericht der Glaubenden, Bēma-Gericht, Preisgericht. Auch für alle geretteten Glaubenden gilt, dass sie Rechenschaft für sich, also für all ihr Sein, Reden und Wirken, ablegen müssen. Der Apostel Paulus schreibt dazu u.a.: »Denn wir müssen alle vor dem Richterstuhl des Christus offenbar werden, damit jeder empfange, was er in dem Leib getan hat, nach dem er gehandelt hat, es sei Gutes oder Böses.« (2. Korinther 5,10), und: »Denn wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden. … So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben« (Römer 14,10b.12; s. a.: 1Kor 4,3–5; 1Kor 3,12–15 mit der Prüfung der Werke der Gläubigen; Galater 6,7–10). – Dieses Gericht führt ggf. zu Belohnungen für Gutes und Wertvolles im Wirken für Gott, alternativ zu Verlust solcher Belohnung, mitnichten aber zur ewigen Verdammnis: die hier vor dem Richterstuhl/thron Christi Stehenden sind alle ewig gerettet (1Kor 3,15). Das »Gericht der Glaubenden« ist kein »Verdammungsgericht«! Zeitlich ist dieser Gerichtstermin (Offenbarungstermin) zwischen der Sammlung aller Gläubigen durch die erste große Phase der Ersten Auferstehung und der Hochzeit des Lammes einzuordnen. Das Offenbarwerden eines jeden Gläubigen wird das Verständnis und die Wertschätzung des Gläubigen bzgl. der Retterliebe Christi aufs Stärkste entfachen und die »Braut« in feinste Hochzeits-Leinwand kleiden. Dies bildet die ideale Vorbereitung auf die himmlische Hochzeit mit dem Retter (vgl. Offb 19,7–8).
Gericht der Lebenden, Gericht der Völker, Böcke-Schafe-Gericht. Jesus, der Gesalbte, kündigt dieses Gericht in seiner »Endzeitrede« (Matthäus 25,31–46) an und beschreibt Beteiligte und Urteilskriterien. Betroffene: Es geht bei diesem Gericht um »alle Nationen/Völker« (πάντα τὰ ἔθνη; Mt 25,32); damit sind universal alle Menschen auf der Erde gemeint. Heute, in der »Zeit der Gnade/Gemeinde«, Lebende werden diesem Gerichtstermin nicht unterworfen sein: Diese Glaubenden haben anstelle dessen bereits den zuvor geschehenen Gerichtstermin erlebt (s.o.). Kriterium: Der Richtspruch geschieht im Hinblick darauf, wie diese Menschen sich gegenüber den Geringsten der »Brüder« des König-Richters Jesu Christi verhalten haben; selbst die kleinste Liebestat gegenüber dem Geringen wird großartig belohnt werden, da der richtende König dies als Akt an ihm selbst rechnet (Mt 25,40). Die Bezeichnung »Brüder« wird von manchen (meist ersatztheologisch) gedeutet auf alle Christen, oder rein humanistisch auf »alle bedürftigen Menschen«, kontextuell richtiger sind damit jedoch Juden gemeint, also jene Menschen, die wie Jesus Christus jüdischer Abstammung sind. Folgen: Es gibt nur zwei Urteile: (1) Die auf der Linken, die Böcke, werden verflucht, ins ewige Feuer geworfen und erleiden ewige Pein (Mt 25,41–46); (2) Die auf der Rechten, die Schafe, werden gesegnet und ins Erbe des Reiches Gottes auf Erden gesetzt, erhalten das ewige Leben (Mt 25,34–40.46). Zeitlich ist dieser Gerichtstermin (direkt) an den Beginn des Milleniums, der tausendjährigen Königsherrschaft Christi, zu setzen (Mt 25,31; vgl. Offb 20,4–6). Die Märtyrer der Großen Drangsalszeit (Offb 20,4) werden im Rahmen der nächsten Phase der »Ersten Auferstehung« auferstehen und ins Millennium eingehen. Zusätzlich werden die »Schafe« dieses Gerichtstermins ebenfalls in dieses irdische Reich Christi eingehen. Da ihr Urteilsspruch den Empfang des »ewigen Lebens« beinhaltet, ist davon auszugehen, dass sie nicht nur die zeitlichen Segnungen des irdischen Reiches Christi erleben werden, sondern als Besitzer des ewigen Lebens für immer zu den Gesegneten und Erlösten gehören werden. Ihr Dienst ist ein priesterlicher. NB: Man muss aufgrund anderer Stellen davon ausgehen, dass parallel dazu ein Gericht an Israel ausgeübt wird, vielleicht realisiert durch die »Große Drangsal«, am Ende derer der kommende Messias das Wunder der Wiedergeburt, der Buße und des Glaubens einem »Überrest« der Israeliten geben wird (vgl. Sacharja 12,8–13,1ff; Hesekiel 20,34ff). Oder das Gericht Israels erfolgt zu Beginn des Millennium durch Christus und die 12 Apostel als Beisitzern (Mt 19,28). Mit dieser Reinigung im Gericht erleben sie dann auch als Nation eine »Wiedergeburt« (Mt 19,28).
Gericht der Toten, Gericht am »Großen weißen Thron«. Dieses Gericht ist nach der prophetischen Entfaltung der Endzeit in der Offenbarung (Apokalypse) das letzte große Gericht. Betroffene: Hier treten nur »die Toten« auf (Offb 20,12.13), also alle Menschen, die körperlich bereits gestorben waren (erster Tod), jetzt aber auferstehen müssen zum Erscheinen vor diesem Gericht, um ihr letztendliches Urteil zu erhalten: »Und das Meer gab die Toten, die in ihm waren, und der Tod und der Hades gaben die Toten, die in ihnen waren« (Offb 20,13); das umfasst alle Toten zu jenem Zeitpunkt. Es gibt kein Versteck mehr für die Angeklagten, das Verbrennen/Zerstreuen/Vernichten des verstorbenen Körpers hilft überhaupt nichts. Kriterium: Es werden »Bücher« geöffnet, die alle Werke/Taten eines jeden Angeklagten aufgezeichnet enthalten. Aufgrund dieser Beweislage wird das Urteil gerecht gesprochen (Offb 20,12.13). Die soziale Stellung zählt nicht, nur die Taten (Offb 20,12). Als Gegenprobe wird zudem nachgesehen, ob einer der Angeklagten im »Buch des Lebens« geschrieben steht, was letztlich das Entscheidende ist. (Auch die Glaubenden haben viele belastende Eintragungen in diesem Buch der Werke – aber alle getilgt durch die Sühnetat Christi.) Vom Kontext her muss man davon ausgehen, dass dieser Check im Lebensbuch bei den Angeklagten ausnahmslos Fehlanzeigen liefern wird, denn die ewige Pein (»Feuersee«) und der ewige Tod ist ihr Urteil (Offb 20,15). Zeitlich: Dieses Gericht findet eine gewisse kurze Zeit nach dem Millennium statt (Offb 20,7).
Warum sollten wir das »Schafe-Böcke-Gericht« und das »Gericht am Großen Weißen Thron« unterscheiden?
Zu den biblischen Gründen, das »Schafe-Böcke-Gericht« und das »Gericht am Großen Weißen Thron« zu unterscheiden und nicht zu einem »Jüngsten Gericht« zusammenzuwerfen, gehören zusammenfassend folgende neun:
Der Zeitpunkt des Schafe-Böcke-Gerichts steht im Zusammenhang mit der Wiederkunft Christi (s. Mt 25,31-32). Jesus der Gesalbte kommt in Herrlichkeit mit seinen Engeln, setzt sich als König der Könige und Weltenrichter auf seinen glorreichen Thron und alle Nationen/Völker werden vor ihm versammelt. Das Gericht am Großen Weißen Thron findet nach der Wiederkunft Christi (Offb 19) und der tausendjährigen Herrschaft Christi mit den Heiligen (Offb 20,4–7) statt: Erst nachdem die tausend Jahre vollendet sind (20,7), findet das Gericht am Großen Weißen Thron statt (20,11–15).
Der Zweck des Schafe-Böcke-Gerichts ist es, zu sehen, wer das Reich (Millennium) »erben« wird (Mt 25,34) und wer nicht (Mt 25,41). Der Zweck des Gerichts am Großen Weißen Thron ist es, richterlich nach Beweislage (»Bücher«, Taten) zu erweisen und zu urteilen, dass die dort Angeklagten (die »Toten«) alle gerechtermaßen auf ewig in den Feuersee geworfen werden (Offb 20,15).
Die Angeklagten im Schafe-Böcke-Gericht sind sowohl Gläubige als auch Ungläubige (Schafe und Böcke/Ziegen; Mt 25,32). Die Angeklagten im Gericht am Großen Weißen Thron scheinen Ungläubige zu sein. Obwohl der Text in Offenbarung 20,11–15 die Anwesenheit von Gläubigen bei diesem Gericht nicht ausschließt, werden Gläubige bei diesem Gericht überhaupt nicht erwähnt. Aber Ungläubige, die beim Gericht am Großen Weißen Thron zum Feuersee verurteilt werden, werden erwähnt (Offb 20,15).
Die Rechtsgrundlage (Kriterien) für das Urteil beim Schafe-Böcke-Gericht ist, wie die Nationen die »Brüder« Christi behandelt haben (Mt 25,40). Die Grundlage für das Gericht am Großen Weißen Thron sind (alle) deren Werke (Offb 20,13).
Die Angeklagten des Schafe-Böcke-Gerichts scheinen solche Menschen zu sein, die zum Zeitpunkt der Wiederkunft Jesu Christi leben. Es wird keine gemeinsame Auferstehung der erlösten und unerlösten Toten erwähnt. Das Gericht am Großen Weißen Thron besagt, dass es für die Toten ist, die speziell für dieses Gericht auferstehen (Offb 20,13). Das Meer und der Hades geben ihre Toten für dieses Gericht heraus.
Das Schafe-Böcke-Gericht erwähnt keinen »Großen Weißen Thron«, während das Gericht am Großen Weißen Thron dies ausdrücklich tut (Offb 20,11).
Das Schafe-Böcke-Gericht erwähnt kein »Buch des Lebens«, während das Gericht am Großen Weißen Thron dies tut (Offb 20,12).
Das Schafe-Böcke-Gericht deutet nicht darauf hin, dass der Tod und der Hades in den Feuersee geworfen werden, während dies beim Gericht am Großen Weißen Thron der Fall ist (20,14).
Die Tatsache, dass es zwei Auferstehungen gibt, die durch tausend Jahre voneinander getrennt sind (s. Offb 20,4b–5), deutet stark darauf hin, dass es zwei Gerichte geben wird, die durch tausend Jahre voneinander getrennt sind.
Die drei Gerichtstermine (Quelle: Benedikt Peters (2008).
Disclaimer und Quellen
J. MacArthur & R. Mayhue, Biblische Lehre: Eine systematische Zusammenfassung biblischer Wahrheit. 3. Aufl. Berlin: EBTC, 2023, ISBN: 978-3947196500.
Michael J. Vlach, Why the Sheep/Goat Judgment and Great White Throne Judgment Are not the Same Event, Blogeintrag, 23.06.2011, https://mikevlach.blogspot.com/2011/06/why-sheepgoat-judgment-and-great-while.html (12.01.2026). Vlachs grundlegende und weiterführende Beiträge und Monographien sind zum Verständnis des »Dispensationalismus« und dessen aktuellen Formen m.E. unverzichtbar.
Michael J. Vlach, Dispensationalismus. Fakten und Mythen. 1. Aufl. Berlin: EBTC, 2020. (Die überarbeitete 2. Auflage kommt 2026 heraus.)
Benedikt Peters, Geöffnete Siegel. Auslegung zur Offenbarung. Überarb. Neuauflage (Bielefeld: CLV, 2008). Tabellarische Übersicht auf S. 195. Link zur PDF des Buches auf der Verlagsseite des CLV.
Beim Studieren des Propheten Sacharja begegnet man einer Stelle, die recht unterschiedlich in den deutschen Übersetzungen wiedergegeben wird. Das macht neugierig. Im Folgenden ein paar Hinweise, welche Probleme im Text und/oder Textverständnis vorliegen und wie es zu den Übersetzungsvarianten kommt.
Textvarianten
Varianten mit Bezug auf die zwei Seiten der Fluchrolle
ELBCSV: Und er sprach zu mir: Dies ist der Fluch, der über die Fläche des ganzen Landes ausgeht; denn jeder, der stiehlt, wird entsprechend dem, was auf dieser Seite der Rolle geschrieben ist, weggefegt werden; und jeder, der falsch schwört, wird entsprechend dem, was auf jener Seite der Rolle geschrieben ist, weggefegt werden.
SCHL2000: Und er sprach zu mir: Das ist der Fluch, der über die Fläche der ganzen Erde ausgeht; denn jeder Dieb wird weggefegt werden gemäß dem, was auf dieser Seite [der Rolle] steht, und jeder, der falsch schwört, wird weggefegt werden gemäß dem, was auf jener Seite [der Rolle] steht.
Menge: Denn jeder, der stiehlt, wird ausgetilgt, wie auf der einen Seite der Rolle geschrieben steht, und jeder, der falsch schwört, wie auf der anderen Seite.
Gute Nachricht Bibel: Jeder, der stiehlt, wird verschwinden, so wie auf der einen Seite der Schriftrolle geschrieben steht, und jeder, der falsch schwört, so wie auf der anderen Seite.
NeÜ (Vanheiden): Denn jeder, der stiehlt, wird verschwinden, wie es auf der einen Seite steht, und jeder, der falsch schwört, wie auf der anderen Seite.
Varianten ohne Bezug auf die zwei Seiten der Fluchrolle
ELB2006: Und er sprach zu mir: Dies ist der Fluch, der ausgeht über die Fläche des ganzen Landes. Denn jeder, der stiehlt, ist bisher – wie lange nun schon! – ungestraft geblieben, und jeder, der falsch schwört, ist bisher – wie lange nun schon! – ungestraft geblieben. (plus Anmerkung, dass dies ein rekonstruierter Text ist).
Luther 2017: Dies ist der Fluch, der ausgeht über das ganze Land; denn wer stiehlt, der soll nach diesem Fluch ausgerottet werden, und wer falsch schwört, der soll nach diesem Fluch ausgerottet werden.
Einheitsübersetzung 2016: Das ist der Fluch, der über die ganze Erde ausgeht: Jeder Dieb wird von nun an wie dort beseitigt, und jeder, der falsch schwört, wird von nun an wie dort beseitigt.
Züricher 2007: Das ist der Fluch, der ausgeht über die ganze Erde; denn jeder Dieb wird wie dort beseitigt, und jeder, der falsch schwört, wird wie dort beseitigt.
Erklärung der Unterschiede
Text. Der hebräische Text ist textkritisch schwierig und führt daher zu sehr unterschiedlichen deutschen (und anderssprachigen) Übersetzungen. Schon der Masoretische Text (sonst Referenz zum AT) ist unklar. Der Text wirkt grammatisch unklar, evtl. verdorben oder verschoben. Ein wichtiges hebr. Verb (niqqāh) ist zweideutig, kann »unschuldig sein«, »frei ausgehen«, aber auch »ausgerottet werden« und »verschwinden« bedeuten, also genau das Gegenteil. Das alles verlangt nach Orientierung von anderer Stelle aus.
LXX. Also schaut man nach, wie die Juden es in der LXX-Übersetzung (jüd. Übersetzung des AT aus dem Hebräischen ins Griechische um etwa 250 v.Chr.) verstanden und übersetzt haben. Der griech. Text lautet übersetzt so: „Denn jeder Dieb wird von hier wie jener ausgerottet werden, und jeder, der falsch schwört, wird von hier wie jener ausgerottet werden“. Das passt auch zum engeren Kontext, wo die Fluchrolle Strafe und Tilgung bringt, nicht Freispruch. Daher folgen heute viele einer Wiedergabe entsprechend der LXX.
Enger Kontext: (1) Sacharja sieht: »Ich sah, und siehe, eine fliegende Schriftrolle! Und er sprach zu mir: Was siehst du? Ich sagte: Ich sehe eine fliegende Schriftrolle, zwanzig Ellen lang und zehn Ellen breit.« Das ist also eine Rolle mit Schrift, die als Fluch über das Land ausgeht. In der Antike waren solche Fluchrollen oft beidseitig beschrieben, s.u. – (2) Der Text in Sacharja 5,3b lautet im Masoretischen Text: »Denn jeder, der stiehlt, von hier, wie sie, wird [niqqāh]; und jeder, der schwört, von hier, wie sie, wird [niqqāh].«, wobei das Wort [niqqāh] eben doppeldeutig ist, s.o. Das klingt verwirrend, weil zweimal das »von hier» steht, aber kein klares Bezugswort dasteht (z.B. »der Seite«, »der Rolle«). Und dann ist auch das »wie sie« nicht klar: Wer oder was ist hier gemeint?
Die »Zwei-Seiten (der Rolle)«-Deutung. Man versteht es so, dass von den zwei Seiten der Schriftrolle geredet wird, »wie sie [beschrieben ist]«. Das ist kein fremder Gedanke; z. B. in Hesekiel 2,9–10 heißt es ausdrücklich: »Und ich sah: Und siehe, eine Hand war gegen mich ausgestreckt; und siehe, darin war eine Buchrolle. Und er breitete sie vor mir aus, und sie war auf der Vorder- und auf der Rückseite beschrieben; und Klagen und Seufzer und Wehe waren darauf geschrieben.« Hier ist also ein Anknüpfungspunkt für die Vorstellung, dass von »zwei Seiten der Rolle« die Rede ist.Entsprechend kann man umschreiben: »Dies ist der Fluch, der ausgeht über das ganze Land: denn jeder, der stiehlt, wird beseitigt, nach dem, was auf der einen Seite der Rolle geschrieben steht, und jeder, der falsch schwört, wird beseitigt, nach dem, was auf der anderen Seite steht.« – Das passt auch thematisch gut: Die erste Seite richtet sich gegen Diebstahl (zweite Tafel des Dekalogs), die zweite Seite gegen Meineid (erste Tafel des Dekalogs, da der Name des Herrn dabei missbraucht wird). Diese Parallele zu denbeiden Tafeln des Gesetzes ist naheliegend und wird oft in Predigten entsprechend hervorgehoben. Werden mit den beiden genannten Geboten synekdotisch jeweils ihre Klasse (i.S. der Zweiteilung des Dekalogs nach gottgewandten Geboten (Tafel 1) und menschgewandten Geboten (Tafel 2)) angesprochen, dann ist damit letztlich der gesamte Dekalog gemeint.
Sprachliche Grundlage. Tatsächlich kann der hebr. Ausdruck »beidseitig« bedeuten. Es fehlt aber das verbindende »und«, was ungewöhnlich ist, aber evtl. hat man das eben auch so gut verstanden (stilistische Kürze) und/oder es liegt einen Fehler im Manuskript/Abschrift vor.
Sprachliche Kritik. Diese Deutung auf die beiden Seiten der ausgebreiteten Rolle steht nicht explizit (wörtlich, ausdrücklich) im Text, sondern ist eine interpretatorische Glättung, die sich auf Parallelen in 2Mose 32,15 und Hesekiel 2,10 stützt. Kontextlogisch passt sie aber hervorragend.
Fazit
Die Idee, dass Sacharja 5,3 von den zwei Seiten der Fluchrolle spricht, ist sprachlich und symbolisch gut begründet, aber nicht eindeutig/ausdrücklich im überlieferten hebräischen Text gegeben. Sie ist eine interpretative Lösung des schwierigen Doppel-„מִזֶּה“ (»von hier«)– angelehnt an Parallelen wie 2Mose 32,15 und Hesekiel 2,10 – und wurde besonders von modernen Übersetzungen aufgegriffen, um dem Vers einen klaren, verständlichen Sinn zu geben. Grundlehren der Schrift werden von den Varianten nicht berührt.
Zwei Kommentare zum »Zweiseiten«-Verständnis
»5,3–4 Auf der Buchrolle stand der Fluch über jeden Dieb und jeden, der falsch schwört. Als Teil dieses Fluches würde das Haus eines jeden, der gestohlen oder falsch geschworen hat, zerstört werden, sowohl das Gebälk als auch die Steine. Vielleicht hat diese Vision mit dem weltweiten Gericht zu tun, das der Errichtung des Reiches Christi vorausgeht. Mit Sünden gegen den Menschen (Diebstahl) und Sünden gegen Gott (Meineid) wird man sich zu jener Zeit beschäftigen. (Diese beiden können auch die zwei Tafeln des Gesetzes symbolisieren.)« (MacDonald, William ; Eichler, C. ; Grabe, H. ; Reimer, M. ; Wagner, A. ; Passig, S. ; Passig, E.(Übers.): Kommentar zum Alten Testament. 2. Auflage. Bielefeld : Christliche Literatur-Verbreitung, 2010)
»3Die Botschaft und Bedeutung der Schriftrolle werden offenbart. Diejenigen, die beharrlich den Bund brachen (2. Mose 20), würden den Fluch (die Strafe) für Ungehorsam und Untreue erfahren (5. Mose 27,26). Da die Schriftrolle offenbar wie die beiden Gesetzestafeln (2. Mose 32,15) auf beiden Seiten beschriftet war, muss die eine Seite den Fluch gegen diejenigen enthalten haben, die das dritte Gebot des Gesetzes übertreten hatten, während die andere Seite den Fluch gegen diejenigen enthielt, die das achte Gebot gebrochen hatten. Der Dieb brach das achte Gebot, und wer falsch schwor, verstieß gegen das dritte Gebot. Aus Vers 4 geht klar hervor, dass es sich um das dritte Gebot handelte und nicht um das neunte. Wir haben hier eine Form der Synekdoche, bei der die Art für die Gattung steht (vgl. Bullinger, S. 625–629). Mit anderen Worten, diese beiden repräsentativen Sünden – vielleicht waren Diebstahl und Meineid zu dieser Zeit die häufigsten – stehen für alle Arten von Sünde. Der Punkt ist, dass Israel sich schuldig gemacht hatte, das gesamte Gesetz gebrochen zu haben.« (Barker, Kenneth L.: Zechariah. In: Gaebelein, F. E. (Hrsg.): The Expositor’s Bible Commentary: Daniel and the Minor Prophets. Bd. 7. Grand Rapids, MI: Zondervan Publishing House, 1986, S. 632–633; eigene Übersetzung von grace@logikos.club)
Jesus Christus: Dein Wort ist Wahrheit. (JohEv 17,17)
Die Frage nach der Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift hat viele Motive. Die negativen Motive spannen sich von der Wahrnehmung einzelner schwer verständlicher oder scheinbar falscher Passagen bis hin zu einer grundsätzlichen Leugnung jeglicher Offenbarung oder Ablehnung jeder übergeordneten Autorität. Wer nicht an Gott glaubt, muss konsequenter Weise jedes „Wort Gottes“ ablehnen.
Für den gläubigen Christen ist die Frage nach der Qualität der Heiligen Schrift jedoch eine Frage des Glaubens, die untrennbar mit dem Wesen Gottes verbunden und daher absolut positiv motiviert ist. Der Sohn Gottes bezeugte: „Dein Wort ist Wahrheit“ (Johannes 17,17). Wenn die Heilige Schrift Gottes Wort ist, dann hat die Heilige Schrift die selben Eigenschaften wie Gott selbst. „Im Charakter des irrtumslosen und unfehlbaren Gottes liegt die Irrtumslosigkeit und Unfehlbarkeit seines Produktes, der Bibel, begründet. Der vollkommene Vater von Jesus Christus kann nichts Fehlerhaftes oder Unvollkommenes schaffen, auch nicht in logischer oder naturwissenschaftlicher Hinsicht.“ (M. Kotsch, Bibelbund, 2003)
Das Selbstzeugnis der Schrift über sich mag methodisch als Zirkelschluss abgelehnt werden, aber in der Tat haben wir in diesem speziellen Fall keine höhere Erkenntnisinstanz über das Wort Gottes als dieses Wort Gottes selbst. Nur Gott kann Sein Wort als Sein Wort autorisieren. Das kann man akzeptieren oder nicht – beides mit ewig reichenden Konsequenzen.
Die Autoren der ersten „Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Bibel“ schreiben im Vorwort ihrer Erklärung folgendes: „Die Autorität der Schrift ist für die christliche Kirche in unserer wie in jeder Zeit eine Schlüsselfrage. Wer sich zum Glauben an Jesus Christus als Herrn und Retter bekennt, ist aufgerufen, die Wirklichkeit seiner Jüngerschaft durch demütigen und treuen Gehorsam gegenüber Gottes geschriebenem Wort zu erweisen. In Glauben oder Leben von der Schrift abzuirren ist Untreue unserem Herrn gegenüber. Das Anerkennen der absoluten Wahrheit und Zuverlässigkeit der Heiligen Schrift ist für ein völliges Erfassen und angemessenes Bekenntnis ihrer Autorität unerlässlich.“ (Quelle: „Die Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Bibel“, zitiert nach der Ausgabe des deutschen Bibelbund e.V., Download als PDF)
Einen Beitrag von Michael Kotsch zur Bedeutung der Chicago-Erklärung findet man hier.
Für die des Englischen mächtigen Leser sei betreffs der aktuellen Diskussion zur Chicago-Erklärung auf das Konferenz-Buch „The Inerrant Word: Biblical, Historical, Theological, and Pastoral Perspectives“ (Hrsg.: John MacArthur; Crossway, 2016) verwiesen. Der englische Originaltext der drei Chicagoerklärungen aus dem Archiv des DTS (Dallas Theological Seminary) kann über folgende Links als PDF heruntergeladen werden:
Die 95 Reformationsthesen Martin Luthers (1483–1546) wurden durch die üble Lehre und Praxis der Römisch-katholischen Kirche provoziert, die er als Augustinermönch (1505–1521?) bestens kannte. Schon in These 1 formuliert er daher unter Verweis auf Matthäus 4,17, dass Gott gewollt habe, »dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll«. Wie aber gelingt dem ein für alle Mal Gerechtfertigten solch ein gottseliges Leben echter Umkehr? Wie ist es möglich, dass ein an Jesus Christus Glaubender praktisch lernt, »besonnen und gerecht und gottselig [zu] leben« (Titus 2,12)?
Auf diese Frage rechter Glaubenspraxis wurden und werden leider falsche Antworten gegeben und damit die Glaubenden irregeleitet. Anhand einiger Schlüsselstellen der Schrift soll daher die biblische Lehre der Heiligung, des Prozesses also, der den Glaubenden im Leben der Nachfolge praktisch in das Bild des Sohnes Gottes verwandelt, umrissen werden, um Irrwege zu erkennen, zu vermeiden und echtes Wachstum zu erleben.
Zum 500. Reformationsjubiläum 2017 veranstaltete das EBTC e. V. in Lutherstadt Wittenberg eine mehrtägige Reformationskonferenz. Am 20.05.2017 wurde ein Vortrag zum angegebenen Thema gehalten, dessen schriftliche (Lang-)Fassung hier zur Verfügung gestellt wird (PDF, 670 kB). Es ist nicht gestattet, diesen Beitrag kommerziell zu nutzen oder online im Internet zur Verfügung zu stellen.
Gliederung des Beitrags
1 Leben wir in „beständiger Reformation“?
2 Der Kontext der Heiligung 2.1 Rechtfertigung 2.2 Verherrlichung 2.3 Heiligsein und Heiligwerden (Heil und Heiligung) 2.4 Gnade 2.5 Zusammenfassung 2.6 Was ist Heiligung und wie geschieht sie? 2.6.1 Warum müssen Heilige heilig(er) werden? 2.6.2 Wie geschieht Heiligung? 2.6.3 Wie heilig müssen Heilige werden? 2.6.4 Wo geht Heiligung „schief“?
3 Die Lehre der biblischen Heiligung nach Titus 2,11–15 3.1 Biblische Heiligung ist ein Gnadenwerk des Heiland-Gottes 3.2 Biblische Heiligung hat Jesus Christus zum Vorbild 3.3 Biblische Heiligung geschieht in aktiver, dynamischer Unterweisung 3.3.1 Unterweisung im Lebensvollzug 3.3.2 Unterweisung zum Lassen (Gelassenhaben) 3.3.3 Unterweisung im Tun 3.3.4 Biblische Heiligung ist vom Zweiten Kommen Jesu motiviert 3.4 Biblische Heiligung erleben nur Erkaufte und Gereinigte 3.5 Biblische Heiligung findet Ausdruck und Lebensinhalt im Eifer für Gute Werke 3.6 Biblische Heiligung muss Gegenstand der biblischen Ermahnung sein
4 Erfolgt biblische Heiligung monergistisch oder synergistisch? 4.1 Biblische Heiligung ist keine rein passive Veranstaltung 4.2 Biblische Heiligung erfolgt in einer lebendigen Vater-Sohn-Beziehung 4.3 Biblische Heiligung ist keine rein menschlich-aktive Veranstaltung 4.4 Biblische Heiligung geschieht unter Anwendung geistlicher Mittel
5 Drei Schlussfolgerungen 5.1 Biblische Heiligung verlangt anwendungsorientierte Auslegungspredigt 5.2 Biblische Heiligung verlangt vom Glaubenden Aktivität und Eifer 5.3 Biblische Heiligung schenkt dem Glaubenden alles zum Heil Notwendige
Die Frage der Auserwählung (kurz: Erwählung) ist unter den Christen seit Jahrhunderten umstritten. Was bezeichnet die Bibel als „Auserwählung“, was lehrt sie darüber? Auserwählung bezeichnet mehrere Akte Gottes, darunter auch die Auserwählung zum Heil.
Die Auserwählung zum Heil betrifft den in der vorzeitlichen Ewigkeit in göttlicher Liebe und mit göttlich freiem Willen gefassten Plan Gottes, bestimmte Menschen aus der Menge der zurecht verdammten Sünder wirksam herauszurufen, sie zu retten und sie in die ewige Lebensgemeinschaft mit sich selbst zu holen. Da die Bibel mehrfach und klar bezeugt, dass Gott Menschen zum Heil auserwählt hat, bedeutet das Leugnen dieser Tatsache ein Verlassen der uns göttlich geoffenbarten Wahrheit in der Heiligen Schrift und einen schwerwiegenden Affront gegen das souveräne Gnadenwirken unseres Heiland-Gottes und seine damit verbundene exklusive Herrlichkeit und Ehre.
Der Apostel Paulus beschreibt die Auserwählung zum Heil in Epheser 1 näher:
Er sagt, dass Gott »vor Grundlegung der Welt« (unserer Welt) auserwählt hat. Kein Geschöpf war also anwesend, kein Mensch hatte Anteil an dieser Wahl, weder durch seine Worte, sein Wesen noch seine Taten. Aber Gott war da, der Schöpfer und souveräne Herr aller Dinge und Wesen. Als solcher hat Er vor aller Zeit auserwählt.
Er sagt, dass Gott auserwählt hat »in ihm«, das ist Christus. Es gibt also keine Auserwählung und damit keine Auserwählten außerhalb von Christus. Gott hat damit entschieden, dass alles Heil nur in Christus zu haben ist. Die Einsmachung mit Christus ist elementare Wahrheit des Heils in Christus (siehe: »in ihm«, »in dem«, »in Christus« u. ä. in Epheser 1).
Er sagt, dass Gott auserwählt hat, »dass wir heilig und untadelig seien vor ihm in Liebe«. Das ist das Ziel, das Wozu, der Telos, der Auserwählung Gottes. In solcher Weise vor Gott zu sein bedeutet das größte Glück eines Menschen. Die völlige Errettung ist selbstverständlich Teil dieses Glücks. Die Behauptung, bei Erwählung ginge es nicht (auch) um das Heil, müsste jedem Bibelleser mithin als Unsinn offenbar sein. Gleiches gilt für die Behauptung, bei der Erwählung gehe es (nur) um die Sohnschaft (Epheser 1,5), nicht um das Heil: Wer die Sohnschaft hat, mithin ein Sohn Gottes ist, ist auch absolut sicher gerettet.
Trotzdem umwabert viel trüber Nebel und beißender Rauch die Gedanken und Lehren von Christen und Predigern in Sachen „Auserwählung“. Diese selbstverschuldete Finsternis in den Gedanken und Lehren über das Heil Gottes ist teilweise Ergebnis mangelnden Fleißes, die Schrift unter Gebet gründlich zu studieren, teilweise Ergebnis eines nicht aus der Schrift entnommenen Gedankenrahmens (Paradigmas), in der die exklusiven Rechte Gottes als Gott nicht gebührend Platz gefunden haben. Anders gesagt: Man weiß und glaubt zu wenig von der Wahrheit und/oder klammert sich an zu viele nicht-biblische Presuppositionen. Paul K. Jewett schreibt:
»Die Frage der individuellen Auserwählung hat mehr Menschen dazu verführt, die Heilige Schrift so zu lesen, dass sie dort (nur) das finden, was sie finden wollen (anstelle auf die Heilige Schrift zu hören, auch auf das, wovor sie Angst haben zu hören), als praktisch jede andere theologische Streitfrage.«
Paul K. Jewett, Election and Predestination (Grand Rapids, MI: Eerdmans, 1985), S. 67
Viele Fragen zur Auserwählung werden von Interessierten gestellt, wichtige, mitunter schwierige Fragen. Das ist ein guter Anfang und Motivation für demütige Selbstreflexion und fleißiges Bibelstudium unter Gebet. Bruce Demarest liefert dankenswerter Weise in seinem Werk The Cross and Salvation (Wheaton, IL: Crossway Books, 1997) eine gute Sammlung solcher wichtigen Fragen, die in folgender Liste mitverwendet wurden:
F1: Geht es bei der Auserwählung Gottes um die Berufung einiger Menschen nur zum (zeitlichen) Dienst, nur zur (ewigen) Errettung oder zu beidem?
F2: Ist die Auserwählung bedingt (also dadurch bedingt, dass Gott die positive Reaktion einer Person auf das Evangelium notwendigerweise vorhersehen muss), oder ist sie bedingungslos (also ausschließlich in Gottes souveränem Willen und seinem Wohlgefallen gegründet und durch ihn verursacht)? Anders gesagt: Folgt logischerweise (kausal) die göttliche Auserwählung dem menschlichen Glauben, oder folgt der menschliche Glaube (kausal) der göttlichen Auserwählung?
F3: Wenn die Auserwählung bedingungslos ist, wie unterscheidet sich diese Lehre dann vom heidnischen Determinismus (z. B. der Stoiker) und vom islamischen Fatalismus?
F4: Ist Auserwählung passiv, also nur Gottes Ratifizierung (nachfolgende Bestätigung) der menschlichen Entscheidung, Christus zu vertrauen, oder ist sie aktiv, also Gottes vorauslaufende, souveräne Festlegung, bestimmte Menschen sicher zu retten?
F5: Ist Auserwählung zur Rettung korporativ (eine [anonyme] Gruppe betreffend) oder individuell (Einzelpersonen betreffend), oder beides?
F6: Betrifft die Auserwählung zum ewigen Heil nur das Ziel und den Inhalt der Auserwählung (das Wozu der Erwählung), oder auch (ggf. sogar primär) die (Einzel-) Personen, die auserwählt wurden (das Wer der Erwählung)? Geht es primär um die Sache oder um die beteiligten Personen?
F7: Betrifft Gottes auserwählender Beschluss die Klasse (Gruppe) jener, die glauben werden, oder betrifft er spezifische Einzelpersonen, die Gott zuvorerkannt und ausgewählt hat?
F8: Ruht die Auserwählung auf Gottes »Zuvorwissen« (rein kognitiv) oder auf Gottes »Zuvorerkennen« (beziehungsmäßig)?
F9: (F8 vertieft) Was meint die Heilige Schrift, wenn sie feststellt, dass Gott die Heiligen »zuvor erkannt« hat (Röm 8:29; 11:2)? Bedeutet es nur, dass Gott in seiner Allwissenheit die glaubensvollen Reaktionen von Menschen voraussieht? Oder sagt sie damit vor allem und tiefergehender, dass Gott seine Liebe auf gewisse Sünder gelegt, eine Lebensbeziehung zu ihnen aufgebaut und folglich sie auserwählt hat, gerettet und geliebt zu werden?
F10: Ist die göttliche Auserwählung einfach, nämlich nur zu ewigem Leben, oder doppelt, nämlich sowohl (manche sagen: in gleicher Weise) zum ewigen Leben also auch zum ewigen Tod?
F11: Fordert die Lehre der bedingungslosen Auserwählung zur Errettung notwendigerweise (»logischerweise«) auch eine bedingungslose Auserwählung zur Verdammnis (Lehre der Reprobation)?
F12: Wie rechtfertigten große Heilige der Vergangenheit, wie z. B. Luther, Calvin, Owen und Bunyan, biblisch ihren Glauben an eine »doppelte Prädestination«?
F13: Liefert das Alte Testament eine andere Sicht auf die Lehre der Auserwählung, als das Neue Testament? Wie unterscheiden sich ggf. diese Sichten?
F14: Welche Rolle spielt Jesus Christus in Gottes »Auserwählungsprogramm«?
F15: Was bedeutet der biblische Ausdruck der Auserwählung »in Christus«? Bedeutet er, dass Glaubende erwählt wurden, weil sie eines Tages begannen, an Christus zu glauben, sich mittels dieses Glaubens »in Christus« hineinbegeben haben und Gott dies in seiner Allwissenheit vorhergesehen hatte? Oder bezeichnet es Gottes Absicht, Errettung nur aufgrund des gehorsamen Lebens und sühnenden Todes Christi zu geben?
F16: Wie können wir den Vorwurf biblisch beantworten, dass die Lehre der bedingungslosen Auserwählung unfair und letztlich Gottesunwürdig sei?
F17: (F16 vertieft) Kollidiert die Lehre der bedingungslosen Auserwählung mit dem in der Bibel geoffenbarten „Charakter“ Gottes?
F18: Wenn Gott souverän festgelegt hat, wer errettet werden wird, würde das die Mission, das Predigen (Evangelisieren) und Überreden von Sündern und das Gebet für die Verlorenen überflüssig (o. sinnlos) machen?
F19: Erzeugt die bedingungslose Sicht auf die Auserwählung nicht ein selbstzufriedenes Leben und untergräbt das Streben nach einem heiligen Leben (wie es z. B. der Methodist Wesley behauptete)?
F20: Bietet die Auserwählungslehre für die Glaubenden praktischen Wert und Trost? Nennt die Heilige Schrift positive Auswirkungen dieser Lehre im Leben der Heiligen?
F21: Sollte die Lehre der Auserwählung in der ganzen Welt gepredigt werden, wie Spurgeon drängte, oder sollte sie nur dem Volk Gottes in der Gemeinde (sozusagen als »Familiengeheimnis«) gelehrt werden?
Diese Fragen rund um die Lehre der Auserwählung sind wichtige. Sie erfordern sorgfältige Untersuchung anhand der Heiligen Schrift, dem »Wort der Wahrheit« (Johannes 17,17; 2.Korinther 6,7; Epheser 1,13; Kolosse 1,5; 2.Timotheus 2,15; Jakobus 1,18).
Eine Einführung und einen Überblick sowohl über die biblische Lehre der Auserwählung als auch über die verschiedenen Lehren und Ansichten unterschiedlicher christlicher Lehrschulen und Gruppen vermittelt Bruce Demarest im erwähnten Buch. Er hat seine Ausarbeitung wie folgt gegliedert (eigene Übersetzung):
1 Warum ist die Lehre der Auserwählung so »schwierig«? 2 Historische Interpretationen der Erwählungslehre (Übers. wird nachgeliefert) 3 Die biblische Lehre der Auserwählung 3.1 Auserwählung zum Dienst 3.2 Korporative Auserwählung eines Volkes 3.3 Persönliche Auserwählung im AT: Ein Nebenthema 3.4 Persönliche Auserwählung im NT: Ein Hauptthema 3.5 Lehrt die Heilige Schrift eine »Doppelte Prädestination«? 3.6 Zusammenfassung 4 Praktische Auswirkungen der Erwählungslehre 4.1 Große Freude und Gewissheit, erwählt zu sein 4.2 Ermutigung zu Predigt, zur Evangelisation und zum Gebet 4.3 Ein positiver Stimulus für die Heiligung 4.4 Verkünde zuversichtlich: »Wer immer da will« 4.5 »Will« Gott wirklich, dass alle Menschen errettet werden?
Als der Herr Jesus Christus am Karfreitag am Kreuz hängend sieben bedeutsame Worte aussprach, lautete das vorletzte: »Es ist vollbracht!« (Johannes 19,30 ELBCSV; vgl. Mt 27,50; Mk 15,37; Lk 23,46). Nur der Apostel Johannes berichtet es uns im Wortlaut. Danach neigte Christus sein Haupt und übergab mit dem siebten Ausruf seinen Geist Gott: Das Lamm Gottes, »das die Sünde der Welt wegnimmt« (Joh 1,29), starb in aktiver, völliger Hingabe an Gott. Der Mensch gewordene Sohn Gottes neigte sein Haupt, nicht in Resignation oder Schwäche, sondern wie zum Schlummer[1], um es am dritten Tag in eigener Autorität wieder zu erheben (Joh 10,18).
Was heißt »vollbracht«?
Jesus sprach tatsächlich nur ein Wort: »tetélestai«[2]. Schon zwei Verse vorher gebrauchte Johannes dieses Wort in identischer Form: »Danach, da Jesus wusste, dass alles schon vollbracht war[2], spricht er, damit die Schrift erfüllt würde[3]: Mich dürstet!« (Joh 19,28). Das Wort und seine Zeitform hier bedeuten, dass eine Tat oder ein Werk zum erfolgreichen Ziel gebracht wurde und nun bleibende Auswirkungen hat. Man schrieb tetélestai auf eine bezahlte Rechnung, auf eine abgesessene Gefängnisstrafe usw., also: „Bezahlt!“, „Abgeleistet!“, „Fertig!“: Nichts ist mehr zu bezahlen, keine Forderung besteht mehr, alles ist erledigt. – Hier wurde nicht nur „eine Tür zum Heil aufgestoßen“ oder „dem Sünder eine Chance geboten“ oder „dem Menschen ein großes Vorbild gegeben“ –alles Vorstellungen des bloß Potentiellen, im Prinzip also Unvollkommenen– , sondern etwas komplett fertiggestellt! »Welches Wort enthielt jemals so viel?« (William Kelly, An Exposition of the Gospel of John ).
»Es« – Was wurde vollbracht?
Auch hier gibt uns Johannes den Schlüssel zum Verständnis in die Hand. (1) Christi Gehorsam.Er berichtet, dass die Werke, die Christus tat, seine Sendung bezeugten: »die Werke, die der Vater mir gegeben hat, dass ich sie vollbringe, die Werke selbst, die ich tue, zeugen von mir, dass der Vater mich gesandt hat« (Joh 5,36). Christi Gehorsam und Widmung wurden auf dem Kreuzesaltar völlig offenbar. (2) Offenbarung des Vaters.Der Apostel Johannes berichtet ferner, dass Christus kurz vor seiner Passion rückblickend zum Vater sagte: »Ich habe dich verherrlicht[4] auf der Erde; das Werk habe ich vollbracht[5], das du mir gegeben hast, dass ich es tun sollte.« (Joh 17,4). Als Jesus ausrief: »Es ist vollbracht!«, war jenes Werk, das ihm der Vater aufgetragen hatte, erfolgreich fertiggestellt. Bei diesem Werk des Sohnes Gottes ging es letztlich darum, den Vater auf der Erde zu verherrlichen, also die Herrlichkeit Seines wunderbaren Wesens und einzigartigen Heilswerks bekannt zu machen, denn: »Niemand hat Gott jemals gesehen; der eingeborene Sohn, der im Schoß des Vaters ist, der hat ihn kundgemacht[6]« (Joh 1,18). (3) Vollkommene Sühnung. Und letztlich sagt uns der Apostel Johannes, dass Christus »das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt«, ist (Joh 1,29.36; vgl. Offb 5,6ff; 21,22–27). Der Apostel Petrus äußert sich in ähnlicher Weise, fokussiert sich jedoch auf das Volk Gottes. Er verbindet die vollkommene Erlösung der »Kinder des Gehorsams« mit ihrem vollkommenen Erlöser: »[Ihr seid] erlöst worden … mit dem kostbaren Blut Christi, als eines Lammes ohne Fehl und ohne Flecken« (1Pet 1,18–19). In Summa: »Denn mit einem Opfer hat er auf immerdar die vollkommen gemacht[7], die geheiligt werden.« (Hebr 10,14).
Ad (2): Am deutlichsten wurde das Kundtun (Darlegen, Erklären) des Vaters durch den Sohn im Sterben Jesu am Kreuz: Jeder kann am Kreuz Jesu nun sehen, dass Gott Liebe ist (1Joh 4,7–12) und dass Gott Licht ist (1Joh 1,5), gerecht und heilig:
Liebe:»Denn so hat Gott die Welt geliebt«
Licht: »dass er seinen eingeborenen Sohn [als Opfer] gab«
Liebe: »damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe.« (Joh 3,16).
Wer auf Christus im Glauben schaut, wer Sein Opfer am Kreuz für sich persönlich in Anspruch nimmt, sich für seine ewige Erlösung und Rettung alleine auf Jesu Person und Werk verlässt, der ist für immer gerettet, ist ein Kind Gottes, das zeitlebens Grund zum Jubeln hat, denn: »Es ist vollbracht!«
»Es ist vollbracht!« – Das muss man besingen!
Jacques Erné (1825–1883) hat den Siegesruf des Sohnes Gottes im 19. Jhdt. (1883?) in ein schönes Loblied gefasst:
Es ist vollbracht, das große Werk, das schwere. Gott ist gerecht, Ihm ward nun Seine Ehre durch Seinen Sohn, der laut verkündet hat; „Es ist vollbracht!“, „Es ist vollbracht!“
Es ist vollbracht! Was Gottes Liebe wollte, was für den Sünder, den verlornen, sollte zur Rettung und zum ew’gen Heile sein, das ist vollbracht, das ist vollbracht.
„Es ist vollbracht!“, durchtönt’s die Ewigkeiten zu Gottes Lob, zu der Erlösten Freuden; sie danken Gott, sie beten Jesus an, dass Er’s vollbracht, dass Er’s vollbracht.
Sprachliche Notizen
[1] κλίνας – Aorist Partizip Aktiv von κλίνω = neigen, beugen. »What is indicated in the statement “He bowed His head,” is not the helpless dropping of the head after death, but the deliberate putting of His head into a position of rest, John 19:30. The verb is deeply significant here. The Lord reversed the natural order. The same verb is used in His statement in Matt. 8:20 and Luke 9:58, “the Son of Man hath not where to lay His head.”« (Vine, W. E. ; Unger, Merrill F. ; White, William, Jr.: Vine’s Complete Expository Dictionary of Old and New Testament Words, 2, s. v. »bow, bowed (Verb)«. Vgl.: Walter Bauer, Das Johannes-Evangelium, 3. Aufl. (Tübingen, 1933), S. 218. [2] τετέλεσται – Perfekt Passiv Indikativ 3.Pers. Sing. von τελέω = vollenden (nicht nur zum Ende, sondern zur Vollendung führen). Das Verb kommt im NT 28mal vor, in dieser Form nur 2mal im Johannesevangelium (Joh 19,28.30). Die ELBCSV gibt es wieder als: vollenden, zu Ende sein, bezahlen/entrichten (!), vollbringen, erfüllen. [3] τελειωθῇ – Aorist Passiv Konjunktiv 3.Pers.Sing. von τελειόω = vollkommen machen; »bedeutet die abschließende Erfüllung des gesamten Schriftinhaltes« (Rienecker, Sprachlicher Schlüssel, S. 246). Das Verb kommt im NT 23mal vor, und wird in der ELBCSV auch mit vollenden, vollbringen, vollkommen machen wiedergegeben. Im Vergleich zum verwandten Verb τελέω (s. o.) betont es über die Vollendung hinaus den Aspekt der erzielten Perfektion (Vollkommenheit). Das Verb ist Kennzeichenverb des Hebräerbriefes (9mal: 2,10; 5,9; 7,19.28; 9,9; 10,1.14; 11,40; 12,23). Vgl. die Verwendung bei Johannes in Joh 4,34; 5,36; 17,4.23; 19,28; 1Joh 2,5; 4,12.17.18, sowie in Apg 20,24; Php 3,12; Jak 2,22. [4] ἐδόξασα – Aorist Aktiv Indikativ von δοξάζω = verherrlichen, erheben, preisen, Ehre geben. Es ist also Feststellung einer bestehenden Tatsache. In dieser Form nur in Joh 12,28 »Ich habe ihn verherrlicht« und hier in 17,4 »Ich habe dich verherrlicht auf der Erde«. [5] τελειώσας – Aorist Partizip Aktiv von τελειόω = ans Ziel bringen, vollenden. Versteht man dieses Partizip periphrastisch, dann war das Vollenden der Werke (punktueller Aspekt) der Begleitumstand oder die Art und Weise, mit dem bzw. der der Sohn Gottes seinen Vater verherrlichte (= Haupthandlung). Die ESV hat: »having accomplished the work that you gave me«. Das Vollenden war jedenfalls der Zielpunkt der Sendung des Sohnes, vgl. Johannes 5,36: »die Werke, die der Vater mir gegeben hat, damit ich sie vollbringe [τελειώσω – Aorist Konjunktiv Aktiv von τελειόω; Aspekt: punktuell, also feststellend, zusammenfassend betreffs der Absicht des Handelns]«. [6] ἐξηγήσατο – Aorist Medium Indikativ 3.Pers Sing. von ἐξηγέομαι = darlegen, auseinandersetzen, auslegen, berichten; »etwas völlig bekannt machen durch sorgfältige Erklärung oder durch klare Offenbarung« (Louw, Johannes P., Nida, Eugene Albert: Greek-English Lexicon of the New Testament: Based on Semantic Domains (New York: United Bible Societies, 1996), 28.41; Üb.d.A.). [7] τετελείωκεν – Perfekt Aktiv Indikativ von τελειόω = ans Ziel bringen, vollenden; mit expliziter Anfügung von εἰς τὸ διηνεκὲς = »auf immerdar«, »ununterbrochen«. Die von Gott Geheiligten sind durch Christi Opfer in einen Zustand versetzt worden, in dem sie ein für allemal und ohne jegliche Unterbrechung vollkommen sind (was Auswirkungen bis heute hat). Da das Opfer Christi für immer und stets vollwirksam gilt, besteht dieser vollkommene Zustand der »Geheiligten« in gleicher Weise immer und stets vollwirksam.
Ein Leser der Zeitschrift The Witness stellte dem Herausgeber John Caldwell (1839–1917) folgende Frage:
»Hat Gott verordnet, dass einige gerettet werden und andere verloren gehen, wenn Er doch in Seinem Wort so klar gesagt hat: „Wer auch immer an mich glaubt, hat ewiges Leben“?« (»Has God ordained some to be saved and some to be lost, when He has so clearly said in His Word [Joh 3:16], “whosoever believeth in Me hath everlasting life”? «)
Caldwell veröffentlichte einige auf diese Frage eingesandte Antworten und fügte dann in Übereinstimmung mit diesen selbst hinzu:
»Scripture [demonstrates] that God has ordained some to eternal life. Their names have been in the book of life “from the foundation of the world” (Rev 17:8, 13:8). They are chosen in Christ “before the foundation of the world” (Eph 1:4). But we fail to find any such predestination of individuals to destruction. Certain scriptures may be adduced as apparently giving countenance to such a doctrine, but rightly understood they teach nothing of the kind. It is evident that not only are all men lost, dead in sins by nature, but also that every man’s “free will” would decide for sin and against God. “The carnal mind is enmity against God.” The “free will” that is directed by such a mind and motive must be directed against God, against Christ, against the truth, against even the Gospel, seeing the Gospel reveals the righteousness of God as well as the grace of God, and can only be received by such as become subject to that righteousness (Rom 10:3) and confess themselves guilty before God (Rom 3:19). In such a scene, where there is “none that understandeth”, “none that seeketh after God”, what does God do? He retires into His own sovereignty, and looking from that infinite majesty upon a world in which all were guilty, lost sinners, He says in His heart, “I will have mercy upon whom I will have mercy; and I will have compassion on whom I will have compassion” (Rom 9:15). What about the rest? They are “endured with much long-suffering” (Rom 9:22). They are invited (Lk 14:17), they are besought (2Cor 5:20), they are commanded (Rom 16:26) to believe the Gospel, to accept salvation, to receive Christ, and in Him pardon and life. If, after all, they reject the gift of love, the responsibility is with them. God has abundantly proved that the obstacle lies not with Him, or in any doctrine of reprobation, but in the rebel will of man. But … we must ever bear in mind that the Christian’s true place is that of the “little child”. Many problems there are that we are not, in our present infant state, capable of comprehending. It is ours to believe what God has said, whether we can reconcile the apparent discrepancies or not. Faith can rest in the assurance that God can and will cause to harmonize all apparent discrepancies and paradoxes in His own time. Many things that we know not, and cannot know now, we shall know hereafter.«
John R. Caldwell, The Witness, Oktober 1888, S. 159–160. Fettdruck hinzugefügt. Anmerkung: Mit „equal ultimacy“ wird das präziser beschrieben, was viele missverständlich (und oft missverstanden!) mit „Doppelte Prädestination“ bezeichnen.
Theologische Einordnung
Caldwell vertrat eine „gemäßigte calvinistische“ Sicht (moderated Calvinistic view) auf die Reichweite des Werkes Christi, wie wir sie auch bei den führenden Theologen der frühen Plymouth Brethren (englische „Brüderbewegung“), wie John N. Darby (1800–1882) und William Kelly (1882–1906), finden: universelle Sühnung und persönliche Stellvertretung (universal propitiation und particular substitution). Diese Sicht lässt sich nicht in die weitverbreitet vorherrschende Dichotomie von unlimitedvs. limited atonement pressen. (Literatur: Mark R. Stevenson, Die Brüder und die Lehren der Gnade. Wie stand die Brüderbewegung des 19. Jahrhunderts zur calvinistischen Heilslehre? Bielefeld: CLV, 2019.)
Diese Sicht der frühen „Brüderbewegung“ auf das Erlösungs- und Sühnungswerk Christi liegt zwischen der Ansicht des Moses Amyraut (1596–1664), die analytisch „(amyrautscher) hypothetischer Universalismus“, nach dem Erfinder „Amyraultismus“ (meist nur engl. Amyraldism) oder einfach vulgo „4-Punkt-Calvinismus“ genannt wird, und der Sicht des „strikten Partikularismus“ oder vulgo „5-Punkt-Calvinismus“, bei der nicht nur die Wirksamkeit, sondern auch die Intention des Erlösung-/Sühnungswerkes Christi als strikt auf die Erwählten begrenzt gesehen wird, also auf jene, „die ihm der Vater gegeben hat“ (vgl. Joh 6 und 17).
Manche bezeichnen diese Zwischenposition, die neben J. N. Darby und Wm. Kelly auch Caldwell einnahm, zur Unterscheidung als „calvinistischer Universalismus“. Es ist der Glaube, dass Christus in einem gewissen Sinn für alle Personen ohne Ausnahme gestorben sei (meist im Aspekt der gottgewandten Sühnung), dass sein Tod jedoch nur für jene und alle jene rettend wirksam sei, welche von Gott zur Rettung zuvorbestimmt (prädestiniert) wurden (rechtlich möglich aufgrund der persönlichen Stellvertretung, wirksam durch den Ruf und die Wiedergeburt durch den Heiligen Geist) und daher alles Heilsnotwendige (aus Gnade) frei geschenkt bekommen, inklusive Buße, Glauben und Neues Leben. Das Opfergeschehen am „Großen Sühnungstag“ (Yom Hakippurim; Leviticus 16) dient hier mit seinen beiden Ziegenböcken als Typus –und insofern als Erklärung– dieser beiden Aspekte des Opfers Jesu am Kreuz. (Literatur: http://plymouthbrethren.org/series/6172)
Der sog. „englische hypothetische Universalismus“, für den John Preston, John Davenant und James Ussher stehen, lehrt, dass Gott ineffektiv (nicht zwingend wirksam) verordnet, dass alle Menschen gerettet werden. Weil Gott aber wusste, dass nicht alle Menschen glauben werden, verordnet er in einem zweiten Beschluss, alle jene effektiv (voll wirksam) zu retten, die er zur Rettung zuvorbestimmt (prädestiniert) hat. [http://calvinandcalvinism.com/?p=284]
Der sog. „amyrautsche hypothetische Universalismus“, für den John Cameron und Moses Amyraut stehen, lehrt, dass Gott zuerst beschlossen habe, allgemein Errettung durch Christus zu ermöglichen (bereitzustellen), und dann diesem Beschluss folgend weiter beschlossen habe, einige zum Heil zu erwählen. Dies war eine Umkehrung der infralapsarischen Ordnung der Beschlüsse Gottes vor aller Zeit, wie sie von vielen als biblisch geglaubt wurde: dass Gott zuerst beschlossen habe, einige zu retten und darauf (logisch) folgend dann die Rettung beschloss. Spannend war diese Umkehr im amyrautschen Verständnis, weil sie oberflächlich gesehen jener Ordnung entsprach, die Jakob Arminius und seine Nachfolger („Arminianer“) vertraten. Bei Amyraut war das Verständnis aber so, dass der Beschluss Gottes in zwei Phasen unterteilt war (s. o.) und beide sich auf die Errettung einiger bezogen.
Über den Autor
John R. Caldwell (1839–1917) stammt aus Dublin. Er war erfolgreicher Unternehmer (Caldwell, Young and Co., Silk Manufacturers) und fleißiger Verkündiger der biblischen Botschaft. Kirchlich lebte er in stürmischen Zeiten, in der die liberale Theologie Eingang fand in ehemals biblisch gegründete Gemeinden. Dies zwang ihn zu manchem Protest und Wechsel (u. a. Independent Church, Scottish Baptists, „Brüderbewegung“). Er war von 1876 bis 1914 Editor der Zeitschrift The Witness, die vor allem in der sog. „Brüderbewegung“ gelesen wurde. Er verwendete diese Zeitschrift zur Verkündigung der Grundlagen des biblischen christlichen Glaubens.