Die Ehre der Könige

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Es ist Gottes Ehre, eine Sache zu verbergen; 
aber der Könige Ehre ist, eine Sache zu erforschen.
Sprüche 25,2

Im Umfeld dieses Spruches Salomos aus dem Buch der Sprüche geht es um Weisheit im Regieren. »Eine Sache« meint hier allgemein einen Sachverhalt oder eine Angelegenheit, nicht zwingend ein übernatürliches Geheimnis. 

Der Vers stellt zwei Aufgaben nebeneinander: Gottes Weisheit übersteigt menschliches Verstehen; ein König dagegen ehrt sein Amt, wenn er sorgfältig nach der Wahrheit sucht und Urteile nicht vorschnell fällt. Das ist keine Aufforderung, jedes Geheimnis zu lüften, sondern ein Lob für verantwortliches Erforschen.

Biblische Beispiele (AT)

  • Salomos Urteil über die beiden Frauen (1. Könige 3,16–28): Salomo hört den Streit an und findet durch kluge Prüfung heraus, wer das Kind wirklich liebt. Das veranschaulicht, wie ein König eine Sache „erforscht“.
  • Salomos Bitte um Weisheit (1. Könige 3,9): Er bittet Gott um ein verständiges Herz, damit er das Volk recht richten und Gut von Böse unterscheiden kann. Menschliches Erforschen braucht also Weisheit.
  • Daniels Deutung des Traums Nebukadnezars (Daniel 2,27–30): Daniel erklärt, dass kein Weiser das verborgene Geheimnis aus eigener Kraft offenbaren kann; Gott aber tut es. Das zeigt die Grenze menschlichen Nachforschens.
  • Die Propheten im AT (1. Petrus 1,10–12): … eine Errettung, über welche die Propheten [des AT] nachsuchten und nachforschten, die von der Gnade euch gegenüber geweissagt haben, forschend, auf welche oder welcherart Zeit der Geist Christi, der in ihnen war, hindeutete, als er von den Leiden, die auf Christus kommen sollten, und von den Herrlichkeiten danach zuvor zeugte.
  • Nachsinnen (Psalm 1,1): Im Weisheitsbuch der Psalmen wird gleich zu Beginn das Geheimnis eines glückseligen Lebens als Mensch daran festgemacht, dass er »über sein Gesetz sinnt Tag und Nacht«.

So gelesen würdigt Sprüche 25,2 kluge und gerechte Untersuchung, erinnert aber zugleich daran, dass der Mensch nicht über Gottes Erkenntnis verfügt. 

  • Das Verborgene Gottes (5. Mose 29,28): »Das Verborgene ist Jahwes, unseres Gottes; aber das Offenbarte ist unser und unserer Kinder in Ewigkeit, damit wir alle Worte dieses Gesetzes tun.«
  • Dinge, zu wunderbar (Hiob 42,3): »Wer ist es, der den Rat verhüllt ohne Erkenntnis? So habe ich denn beurteilt, was ich nicht verstand, Dinge, zu wunderbar für mich, die ich nicht kannte.«

Gott behält Geheimnisse für sich. Das hat sicher etwas damit zu tun, dass Er Gott, wir aber Geschöpfe sind, aber leider auch damit, dass wir gefallene Geschöpfe sind und die Sünde auch unser Denken und Erkennen negativ verändert hat (noetische Folgen des Falls). Für letzteres gibt es für den Erlösten Hoffnung (1. Korinther 13,12).

Gottes Erkenntnis übersteigt die des Menschen; nicht alles ist uns offenbart. Was Gott offenbart hat, sollen wir aufnehmen und tun (5. Mose 29,28). Zugleich ist menschliches Erkennen gegenwärtig begrenzt, aber nicht ohne Hoffnung auf Besserung (1. Korinther 13,12). Die Sünde beeinträchtigt unser Denken, Erkennen und Urteilen (noetische Folgen des Falls); darum brauchen wir Gottes Offenbarung und sollen unser Denken an seinem Wort prüfen.

Man könnte nun fragen: Gibt es analoge Aussagen im NT?

Biblische Beispiele (NT)

Eine direkte Entsprechung zu Sprüche 25,2 – also »Ehre der Könige ist es, eine Sache zu erforschen« – gibt es im NT wohl nicht. Aber mehrere Stellen betonen, dass Christusnachfolger, insbesondere deren Vorbilder und Gemeindehirten, Gottes Wahrheit suchen und prüfen sollen:

  • Jede Predigt ist zu prüfen (Apostelgeschichte 17,10–12a): Die Brüder aber sandten sogleich in der Nacht sowohl Paulus als auch Silas fort nach Beröa, die, als sie angekommen waren, in die Synagoge der Juden gingen. Diese aber waren edler als die in Thessalonich; sie nahmen das Wort mit aller Bereitwilligkeit auf, indem sie täglich die Schriften untersuchten, ob dies sich so verhielte. Viele nun von ihnen glaubten, …
  • Alles Geoffenbarte ist zu verkündigen (Apostelgeschichte 20,27): … denn ich habe nicht zurückgehalten, euch den ganzen Ratschluss Gottes zu verkündigen.
  • Schwierige Stellen nicht verdrehen (2. Petrus 3,15b–16): … so wie auch unser geliebter Bruder Paulus nach der ihm gegebenen Weisheit euch geschrieben hat, wie auch in allen Briefen, wenn er in ihnen von diesen Dingen redet, von denen einige schwer zu verstehen sind, die die Unwissenden und Unbefestigten verdrehen, wie auch die übrigen Schriften, zu ihrem eigenen Verderben.
  • Auch Prophetie ist zu prüfen (1. Thessalonicher 5,21): »Prüft aber alles, das Gute haltet fest.«

Beim Geheimnis Gottes setzt das NT zugleich einen Akzent: Es wird nicht allein durch menschliche Klugheit entschlüsselt, sondern von Gott offenbart (vgl. 1. Petrus 1,12b). So heißt es in 1. Korinther 2,10, Gott habe es »uns aber durch den Geist offenbart«. Paulus nennt sich und andere außerdem »Diener Christi und Verwalter der Geheimnisse Gottes« (1. Korinther 4,1). Paulus nennt »Geheimnis« vor allem Gottes zuvor verborgenen Heilsplan, der in Christus offenbar geworden ist. Eine zentrale Idee davon ist, dass auch Menschen aus den Nationen (Nichtjuden) an den Verheißungen teilhaben. Daneben verwendet er den Begriff für einzelne künftige oder verborgene Wirklichkeiten – etwa die Verwandlung bei der Auferstehung und das bereits wirkende Geheimnis der Gesetzlosigkeit (s. Tabelle unten).

Zusammengenommen. Auch das NT ermutigt zum sorgfältigen Forschen und Prüfen, macht aber deutlich, dass wahre Erkenntnis über Gottes Geheimnisse letztlich auf seiner Offenbarung in der Heiligen Schrift beruht. Wo Gott schweigt, sollten wir nicht spekulierend reden, sondern vielmehr aufgrund des von Ihm selbst Geoffenbarten anbeten.

O Tiefe des Reichtums, sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes! 
Wie unerforschlich sind seine Gerichte und unergründlich seine Wege!
Denn wer hat den Sinn des Herrn erkannt, oder wer ist sein Mitberater gewesen?
Oder wer hat ihm zuvor gegeben, und es wird ihm vergolten werden?
Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge.
Ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! 
Amen.

(Römer 11,33–36)

Anhang: Offenbarte Geheimnisse im NT

Geheimnisse im NT sind Wahrheiten, die im AT verborgen waren, aber im NT durch die von Gott inspirierten Schreiber ins ihren Schriften uns geoffenbart worden sind.

Gottes Heilsplan in ChristusGottes zuvor verborgene Weisheit, die sich im Heil durch Christus zeigt (1. Korinther 2,7–10); das Geheimnis, das lange verschwiegen war und nun durch die Schriften kundgetan wird (Römer 16,25–26).
Die Aufnahme der NationenMenschen aus den Nationen (Nicht-Juden) werden in Christus Miterben und Mitteilhaber der Verheißungen, die zuerst an die Juden, genauer an »den Samen Abrahams« (=Christus), gingen. Paulus entfaltet dies als »Geheimnis des Christus« (Epheser 3,3–6); dazu gehört auch »Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit« (Kolosser 1,26–27).
Gottes Ziel für die ganze SchöpfungDas »Geheimnis seines Willens« ist Gottes ewiger Vorsatz, in der Fülle der Zeiten alles in Christus zusammenzubringen (Epheser 1,9–10).
Israels teilweise Verhärtung.Paulus nennt es ein Geheimnis, dass Israel zum Teil Verhärtung widerfahren ist, bis die »Vollzahl der Nationen« eingegangen ist; daran schließt sich seine Aussage über Israels Errettung an (Römer 11,25–27).
Christus und die VersammlungDie Ehe verweist nach Paulus auf das große Geheimnis der Beziehung zwischen Christus und der christlichen Gemeinde (Versammlung) (Epheser 5,31–32).
Auferstehung und VerwandlungPaulus nennt es ein Geheimnis, dass nicht alle entschlafen werden, aber alle verwandelt werden (1. Korinther 15,51–53).
Das Geheimnis der GesetzlosigkeitEine gottfeindliche Macht ist bereits wirksam, bevor der Gesetzlose offenbar wird (2. Thessalonicher 2,7–8). Hier meint »Geheimnis« ein verborgenes, bereits wirkendes Geschehen.
Das Geheimnis des Glaubens und der GottseligkeitIn den Pastoralbriefen steht das »Geheimnis des Glaubens« (1. Timotheus 3,9) und das »Geheimnis der Gottseligkeit« im Mittelpunkt einer christlichen Lebens- und Christuslehre (1. Timotheus 3,16).