{"id":4932,"date":"2026-10-01T17:42:59","date_gmt":"2026-10-01T15:42:59","guid":{"rendered":"https:\/\/logikos.club\/?p=4932"},"modified":"2026-10-21T17:48:46","modified_gmt":"2026-10-21T15:48:46","slug":"das-taufverstaendnis-luthers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/logikos.club\/?p=4932","title":{"rendered":"Das Taufverst\u00e4ndnis Luthers (1525)"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/logikos.club\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fposts%2F4932&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/logikos.club\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fposts%2F4932&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/logikos.club\/wp-content\/plugins\/pdf-print-pro\/images\/print.png?1054580255\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lesedauer: 39 Minuten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><br><strong>Martin Luther: Predigt am dritten Sonntag nach Epiphanias (22.01.1525)<br>Evangelium: Matth\u00e4us 8,1\u201313<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Auss\u00e4tzige empf\u00e4ngt Gnade durch Glauben<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[S.&nbsp;50] Zwei Exempel des Glaubens und der Liebe lehrt uns das Evangelium: eines im Auss\u00e4tzigen, das andere im Hauptmann. Den Auss\u00e4tzigen lasst uns zuerst ansehen. So k\u00fchn w\u00e4re der Auss\u00e4tzige nicht gewesen, dass er zum Herrn gegangen w\u00e4re und gebeten h\u00e4tte, rein zu werden, wenn er nicht von ganzem Herzen darauf vertraut und sich darauf verlassen h\u00e4tte, Christus werde so g\u00fctig und gn\u00e4dig sein und ihn reinigen. Denn weil er auss\u00e4tzig war, hatte er Ursache, sich zu scheuen. Dazu gebot das Gesetz den Auss\u00e4tzigen, sich nicht unter die Leute zu begeben. Dennoch dringt er hinzu, ungeachtet des Gesetzes und der Leute und dessen, wie rein und heilig Christus ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da sieh, wie sich der Glaube zu Christus stellt. Er stellt sich nichts anderes vor als die blo\u00dfe G\u00fcte und Gnade Christi, die er umsonst, ohne allen Verdienst, sucht und empf\u00e4ngt. Denn man kann hier nicht sagen, der Auss\u00e4tzige habe durch seine Reinheit verdient, zu Christus zu kommen, mit ihm zu reden und seine Hilfe anzurufen. Ja, eben weil er seine Unreinheit und Unw\u00fcrdigkeit f\u00fchlt, geht er desto mehr zu ihm und sieht allein auf Christi G\u00fcte. Das hei\u00dft rechter Glaube, eine lebendige Zuversicht auf Gottes G\u00fcte. Welches Herz so tut, das glaubt recht. Welches das nicht tut, das glaubt nicht recht. So tun diejenigen, die nicht allein Gottes G\u00fcte [S.&nbsp;51] vor Augen haben, sondern sich zuerst nach ihren guten Werken umsehen, damit sie der G\u00fcte wert w\u00e4ren und sie verdienten. Die werden auch niemals k\u00fchn, Gott ernstlich anzurufen oder zu ihm zu treten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun w\u00e4re diese Zuversicht oder dieser Glaube oder diese Erkenntnis der G\u00fcte Christi in diesem Auss\u00e4tzigen nicht aus eigener Vernunft entstanden, wenn er nicht zuvor gute Kunde von Christus geh\u00f6rt h\u00e4tte: wie g\u00fctig, gn\u00e4dig und barmherzig er sei, wie er jedem helfe und gebe, tr\u00f6ste und rate, der nur zu ihm komme. Solche Kunde muss ihm zweifellos zu Ohren gekommen sein. Daraus hat er Mut gesch\u00f6pft und die gute Kunde auch auf seinen eigenen Nutzen bezogen: Er hat diese G\u00fcte auf sich gezogen und voller Zuversicht gedacht: \u201eMir wird er auch so g\u00fctig sein, wie die Kunde von ihm berichtet und sein guter Ruf lautet.\u201c So ist sein Glaube nicht aus Vernunft erwachsen, sondern aus der Kunde von Christus, die er empfangen hat, wie St. Paulus sagt, R\u00f6mer 10,17: \u201eDer Glaube kommt aus dem H\u00f6ren; das H\u00f6ren aber kommt aus dem Wort oder der Kunde von Christus.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist nun das Evangelium, der Anfang, die Mitte und das Ende alles Guten und Heils. Denn wir haben oft geh\u00f6rt, dass man zuerst das Evangelium h\u00f6ren muss, danach glauben und lieben und gute Werke tun. Man soll nicht zuerst gute Werke tun und so die Ordnung umkehren, wie es die Werklehrer tun. Das Evangelium aber ist eine gute Kunde, eine Rede und Botschaft von Christus: dass er nichts als G\u00fcte, Liebe und Gnade ist. Diese Botschaft handelt von keinem anderen Menschen oder Heiligen. Denn auch wenn andere Heilige gute Kunde und einen guten Ruf haben, hei\u00dft es doch nicht Evangelium, wenn es nicht allein von Christi G\u00fcte und Gnade handelt. Und wollte es zugleich auch von anderen Heiligen handeln, w\u00e4re es nicht mehr Evangelium. Denn es will den Glauben und die Zuversicht allein auf den Felsen Jesus Christus bauen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So siehst du nun, dass dieses Beispiel des Auss\u00e4tzigen f\u00fcr den Glauben und gegen die Werke spricht. Denn wie Christus diesem aus lauter Gnade durch den Glauben hilft, ohne alle seine Werke und Verdienste, so tut [S.&nbsp;52] er es jedermann und will, dass man ebenso von ihm halte und erwarte. W\u00e4re dieser Auss\u00e4tzige auf folgende Weise gekommen und h\u00e4tte gesagt: \u201eSiehe, Herr, so viel habe ich gebetet oder gefastet und dergleichen; das wollest du ansehen und mich darum rein machen\u201c, so h\u00e4tte Christus ihn nimmermehr gereinigt. Denn ein solcher Mensch verl\u00e4sst sich nicht auf Gottes Gnade, sondern auf sein Verdienst. Damit wird Gottes Gnade weder gepriesen noch geliebt, gelobt oder begehrt. Vielmehr nehmen die eigenen Werke solche Ehre f\u00fcr sich in Anspruch und rauben Gott das Seine. Das hei\u00dft, die Hand zu k\u00fcssen und Gott zu verleugnen, wie Hiob 31,27 sagt: \u201eHabe ich jemals meine Hand gek\u00fcsst?\u201c Das ist eine gro\u00dfe S\u00fcnde und Verleugnung des Allerh\u00f6chsten. Und Jesaja 2,8 sagt: \u201eSie haben die Werke ihrer H\u00e4nde angebetet.\u201c Das hei\u00dft: Die Ehre und Zuversicht, die sie Gottes Gnade geben sollten, legen sie auf ihr eigenes Werk.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wiederum ist auch hier das Beispiel der Liebe in Christus gegen\u00fcber dem Auss\u00e4tzigen vorgebildet. Denn da siehst du, wie ihn die Liebe zum Knecht macht: Er hilft dem Armen frei und umsonst. Er sucht dadurch weder Gunst noch Ehre, sondern allein den Nutzen des Armen und die Ehre Gottes, des Vaters. Darum verbietet er ihm auch, es jemandem zu sagen, damit es ein lauter reines Werk der freien, g\u00fctigen Liebe sei. Das ist es, was ich nun oft gesagt habe: Der Glaube macht uns zu Herren, die Liebe zu Knechten. Ja, durch den Glauben werden wir G\u00f6tter und teilhaftig der g\u00f6ttlichen Natur und des g\u00f6ttlichen Namens, wie Psalm 82,6 sagt: \u201eIch habe wohl gesagt: Ihr seid G\u00f6tter und allesamt Kinder des Allerh\u00f6chsten.\u201c Aber durch die Liebe werden wir dem Aller\u00e4rmsten gleich. Nach dem Glauben d\u00fcrfen wir nichts und haben volle Gen\u00fcge. Nach der Liebe dienen wir jedermann. Durch den Glauben empfangen wir G\u00fcter von oben, von Gott; durch die Liebe lassen wir sie von unten zum N\u00e4chsten ausflie\u00dfen. So bedurfte Christus nach seiner Gottheit nichts, aber nach seiner Menschheit diente er jedermann, der seiner bedurfte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Davon haben wir oft genug gesagt, dass auch wir durch den Glauben als Gottes Kinder und G\u00f6tter, als Herren und K\u00f6nige geboren werden. So wie Christus in Ewigkeit vom Vater als wahrer Gott [S.&nbsp;53] geboren wird, brechen auch wir durch die Liebe hervor, um dem N\u00e4chsten mit Wohltaten zu helfen \u2013 so wie Christus Mensch geworden ist, um uns allen zu helfen. Christus hat weder durch Werke zuvor verdient noch durch sein Menschwerden erworben, dass er Gott ist. Vielmehr hatte er dies von Geburt an, ohne alle Werke und ehe er Mensch wurde. Ebenso haben auch wir die Kindschaft Gottes und empfangen die Vergebung der S\u00fcnden; Tod und H\u00f6lle k\u00f6nnen uns nicht schaden. Das haben wir nicht durch Werke oder Liebe verdient, sondern ohne Werke und vor der Liebe durch den Glauben aus Gnaden im Evangelium empfangen. Und wie Christus, der ewig Gott ist, Mensch geworden ist, um uns zu dienen, so tun auch wir Gutes und lieben den N\u00e4chsten danach, wenn wir schon zuvor durch den Glauben fromm, ohne S\u00fcnde, lebendig, selig und Gottes Kinder sind. Das sei vom ersten Beispiel des Auss\u00e4tzigen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Hauptmann vertraut Christus und dient seinem Knecht<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das andere Beispiel ist dem ersten gleich, soweit es Glauben und Liebe betrifft. Denn dieser Hauptmann hat ebenfalls eine herzliche Zuversicht zu Christus und stellt sich nichts anderes vor Augen als Christi lauter G\u00fcte und Gnade. Sonst w\u00e4re er nicht zu ihm gegangen oder h\u00e4tte nicht zu ihm gesandt, wie Lukas 7,3 sagt. Auch h\u00e4tte er keine solche k\u00fchne Zuversicht gehabt, wenn er nicht zuvor von Christi G\u00fcte und Gnade geh\u00f6rt h\u00e4tte. So ist auch hier das Evangelium der Anfang und Ansto\u00df seiner Zuversicht, also seines Glaubens. Darin lernen wir abermals: Man muss mit dem Evangelium anfangen, ihm glauben und auf kein Verdienst und keine Werke sehen. Auch dieser Hauptmann f\u00fchrte kein Verdienst und kein Werk an, sondern setzte allein seine Zuversicht auf Christi G\u00fcte. So sehen wir, wie alle Werke Christi uns ein Beispiel des Evangeliums, des Glaubens und der Liebe vor Augen stellen. Wir sehen auch das Beispiel der Liebe: Christus tut ihm wohl, umsonst und ohne alles Ersuchen oder Geschenk, wie oben gesagt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Au\u00dferdem zeigt der Hauptmann ein Beispiel der Liebe, weil er sich seines Knechtes annimmt wie seiner selbst. So hat sich auch Christus unser angenommen und tut umsonst das gute Werk an ihm, allein zum Nutzen des Knechtes, wie Lukas 7,2 sagt. Der Hauptmann tat es, weil ihm der Knecht lieb und wert war. Als wollte er sagen: Liebe und Zuneigung treiben ihn dazu; er sah die Not des Knechtes und handelte danach. So lasst auch uns handeln und darauf achten, dass wir uns nicht selbst betr\u00fcgen und uns d\u00fcnken lassen, wir h\u00e4tten das Evangelium, w\u00e4hrend wir doch den N\u00e4chsten in seiner Not nicht beachten. Das sei von den beiden Beispielen gesagt. Nun wollen wir auch einige St\u00fccke des Textes ansehen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Gebet und Gottes Wille<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass der Auss\u00e4tzige sein Gebet hier so m\u00e4\u00dfigt und spricht: \u201eHerr, wenn du willst, kannst du mich wohl reinigen\u201c, ist nicht so zu verstehen, als zweifle er an Christi G\u00fcte und Gnade. Denn der Glaube w\u00e4re nichts, wenn er nur glaubte, dass Christus allm\u00e4chtig sei und alles verm\u00f6ge und wisse. Zum lebendigen Glauben geh\u00f6rt, nicht daran zu zweifeln, dass Gott auch g\u00fctig ist und den gn\u00e4digen Willen hat, das zu tun, worum wir bitten. Vielmehr ist es so zu verstehen: Der Glaube zweifelt nicht daran, dass Gott dem Menschen wohlwill und ihm alles Gute g\u00f6nnt. Aber ob das, worum der Glaube bittet, f\u00fcr uns gut und n\u00fctzlich ist, wissen wir nicht. Das wei\u00df Gott allein. Darum stellt der Glaube alles dem gn\u00e4digen Willen Gottes anheim: ob es zu Gottes Ehre und unserem Nutzen dient. Er zweifelt nicht daran, dass Gott es geben wird. Wenn es aber nicht gegeben wird, dann gibt Gottes gn\u00e4diger Wille es aus gro\u00dfer Gnade nicht, weil Gott sieht, dass es besser ist, wenn es ausbleibt. Dennoch bleibt der Glaube an Gottes gn\u00e4digen Willen gewiss und sicher, ob Gott die Bitte erf\u00fcllt oder nicht \u2013 wie auch Sankt Paulus in R\u00f6mer 8,26 sagt: \u201eWir wissen nicht, was oder wie wir bitten sollen.\u201c Auch im Vaterunser hei\u00dft es, dass wir Gottes Willen vorziehen und darum bitten sollen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist es, was wir auch oft gesagt haben: Glauben soll man ohne Zweifel und ohne Ma\u00df an Gottes G\u00fcte. Bitten aber sollen wir so, dass es um Gottes Ehre, sein Reich und seinen Willen geht. Wir sollen Gottes Willen weder Zeit noch Ort, Ma\u00df noch Art vorschreiben, sondern ihm alles frei anheimstellen. Darum gef\u00e4llt dem Herrn auch das Gebet des Auss\u00e4tzigen so wohl und wird bald erh\u00f6rt. Wenn wir Gott alles [S.&nbsp;55] anheimstellen und begehren, was ihm gef\u00e4llt, kann er es nicht lassen: Er tut dann auch, was uns gef\u00e4llt. Der Glaube macht ihn uns g\u00fcnstig; ein solches gelassenes Gebet bewirkt, dass er gibt, worum wir bitten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vom Gang des Auss\u00e4tzigen zu den Priestern, warum er geschah und was er bedeutet, ist gen\u00fcgend in der Postille \u00fcber die zehn Auss\u00e4tzigen gesagt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Gottes Gaben richten sich nicht nach Rang<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass Christus aber sagt: \u201eSolchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden\u201c und so weiter, hat man mit gro\u00dfer Sorge behandelt. Man wollte verhindern, dass Christus als L\u00fcgner erscheine oder die Mutter Gottes und die Apostel geringer als dieser Hauptmann. Ich m\u00f6chte zwar sagen, Christus rede hier vom Volk Israel, unter dem er gepredigt hatte und zu dem er gekommen war. Dann w\u00e4ren seine Mutter und seine J\u00fcnger, die mit ihm zogen, ausgenommen. Doch will ich mich schlicht an das Wort des Herrn halten und es gelten lassen, wie es lautet. Daf\u00fcr gibt es zwei Gr\u00fcnde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erstens ist es kein Glaubensartikel, dass dieser Glaube des Hauptmanns weder unter den Aposteln noch bei der Mutter Gottes seinesgleichen gehabt habe. Wo Christi Worten kein Glaubensartikel \u00f6ffentlich widerspricht, soll man sie gelten lassen, wie sie klingen, und sie nicht durch eigene Auslegung lenken oder zurechtbiegen \u2013 weder um eines Heiligen noch eines Engels noch Gottes selbst willen. Denn sein Wort ist die Wahrheit selbst und steht \u00fcber allen Heiligen und Engeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zweitens kommt solches Deuten und Zurechtbiegen aus fleischlichem Sinn und menschlicher Verehrung. Wir messen dann Gottes Heilige nicht nach Gottes Gnade, sondern nach ihrer Person, W\u00fcrdigkeit und Gr\u00f6\u00dfe. Das ist gegen Gott, der sie ganz anders misst, n\u00e4mlich allein nach seinen Gaben. Denn Sankt Johannes dem T\u00e4ufer lie\u00df Gott nie ein Wunder tun (Johannes 10,41), w\u00e4hrend manche geringere Heilige Wunder getan haben. Und \u00fcberhaupt tut Gott oft durch geringe Heilige, was er durch gro\u00dfe Heilige nicht tut.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So verbarg sich Jesus vor seiner Mutter, als er zw\u00f6lf Jahre alt war, und lie\u00df sie irren und unwissend sein [S.&nbsp;56] (Lukas 2,43ff). Er zeigt sich Maria Magdalena (Johannes 20,14), ehe er sich am Ostertag seiner Mutter und den Aposteln zeigte. Er redete mit der Samariterin (Johannes 4,7) und mit der Ehebrecherin (Johannes 8,10) so freundlich, wie er niemals mit seiner eigenen Mutter geredet hatte. Ebenso glaubte der Sch\u00e4cher am Kreuz stark, als Petrus fiel und Jesus verleugnete.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit diesem und \u00e4hnlichen Wundern zeigt Christus, dass er seinen Geist in seinen Heiligen ungemessen geben will und dass wir nicht nach der Person urteilen sollen. Er will seine Gaben frei geben, wie es ihm gef\u00e4llt, sagt Sankt Paulus (1. Korinther 12,11), nicht wie es uns d\u00fcnkt. Ja, Christus selbst sagt in Johannes 14,12: \u201eWer an ihn glaubt, wird gr\u00f6\u00dfere Zeichen tun, als er getan hat.\u201c Das alles geschieht, damit niemand sich \u00fcber den anderen erhebe, niemand einen Heiligen \u00fcber den anderen stelle und Sekten anrichte. Vielmehr sollen wir alle in Gottes Gnade gleich sein, so ungleich wir auch in seinen Gaben sind. Christus will durch Sankt Stephanus tun, was er durch Sankt Petrus nicht tut, und durch Sankt Petrus, was er durch seine Mutter nicht tut, damit er allein alles in allen tue, ohne Ansehen der Person und nach seinem Willen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So soll auch die Aussage verstanden werden, dass Christus zur Zeit seiner Predigt solchen Glauben nicht in Israel gefunden habe: weder bei seiner Mutter noch bei den Aposteln \u2013 ob das nun zutrifft oder nicht, dass er zuvor oder sp\u00e4ter gr\u00f6\u00dferen Glauben bei seiner Mutter, den Aposteln und vielen anderen gefunden habe. Es mag wohl sein, dass er seiner Mutter, als sie ihn empfing und gebar, gro\u00dfen Glauben gegeben hat, danach aber nicht mehr oder nur selten einen so gro\u00dfen und ihn zuweilen wieder hat sinken lassen. So tat er es, als sie ihn drei Tage verloren hatte (Lukas 2). Ebenso handelt er mit allen seinen Heiligen. T\u00e4te er es nicht, k\u00f6nnten die Heiligen in Vermessenheit fallen und sich zu Abg\u00f6ttern machen; oder wir w\u00fcrden sie zu Abg\u00f6ttern machen und mehr auf ihre W\u00fcrdigkeit und Person sehen als auf Gottes Gnade.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Daran erkenne nun, wie t\u00f6richt wir sind und wie unverst\u00e4ndig wir Gottes Werke und Wunder beurteilen, wenn wir [S.&nbsp;57] den einfachen Christenmenschen verachten und meinen, allein die spitzen H\u00fcte und die Gelehrten k\u00f6nnten Gottes Wahrheit erkennen und richtig beurteilen. Christus aber hebt hier diesen Heiden wegen seines Glaubens \u00fcber alle seine J\u00fcnger. Das kommt daher, dass wir an Personen und St\u00e4nden h\u00e4ngen und nicht an Gottes Wort und Gnade. Darum geraten wir mit unseren Urteilen \u00fcber Personen und St\u00e4nde in allerlei Irrtum. Dann sagen wir: \u201eDie christliche Kirche und die Konzilien haben es so gesagt. Sie k\u00f6nnen nicht irren und haben den Heiligen Geist.\u201c Dabei ist Christus bei den Verachteten und l\u00e4sst Personen und Konzilien zum Teufel fahren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Darum merke wohl, dass Christus diesen Heiden so hoch erhebt. Er steht gewiss \u00fcber Hannas, Kaiphas und allen Priestern, Gelehrten und Heiligen; sie alle sollten vielmehr Sch\u00fcler dieses Heiden sein. Sie sollten nicht \u00fcber ihn urteilen und sich \u00fcber ihn stellen. Gott gibt einem gro\u00dfen Heiligen wohl kleinen Glauben und einem kleinen Heiligen gro\u00dfen Glauben, \u201edamit einer den anderen h\u00f6her achte als sich selbst\u201c (R\u00f6mer 12,13 [wohl eher Phil&nbsp;2,3]).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u00bbHerr, ich bin nicht wert\u00ab<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist der gro\u00dfe Glaube dieses Heiden: Er wei\u00df, dass das Heil nicht an der leiblichen Gegenw\u00e4rtigkeit Christi liegt. Denn diese hilft nicht, sondern das Wort und der Glaube. Das wussten die Apostel noch nicht, und vielleicht auch die Mutter nicht. Sie hielten an Christi leiblicher Gegenwart fest und lie\u00dfen ihn nicht gern von sich (Johannes 16,6); sie hielten sich noch nicht so allein an sein Wort. Dieser Heide aber l\u00e4sst sich am Wort so reichlich gen\u00fcgen, dass er Christi leibliche Gegenwart weder w\u00fcnscht noch vermisst. Dazu beweist er mit einem Gleichnis seinen m\u00e4chtigen Glauben und spricht: \u201eIch bin ein Mensch und kann mit einem Wort bei den Meinen schaffen, was ich will. Solltest du denn nicht mit deinem Wort schaffen, was du willst? Denn ich wei\u00df gewiss \u2013 und du beweist es auch \u2013, dass Gesundheit und Krankheit, Tod und Leben dir untertan sind wie mir meine Knechte.&#8220; Darum wird auch sein Knecht von Stund an durch die Kraft dieses Glaubens gesund.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Vom fremden Glauben zur Frage der Kindertaufe<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[S.&nbsp;58] Und weil es hier die Zeit und das Evangelium mit sich bringen, m\u00fcssen wir ein wenig vom fremden Glauben und seiner Macht sagen, sintemal man sich viel damit besch\u00e4ftigt, vor allem um der jungen Kinder willen, die man in der Taufe h\u00e4lt und die nicht durch eigenen, sondern durch fremden Glauben selig werden sollen. Denn hier ist der Knecht nicht durch seinen eigenen Glauben, sondern durch den Glauben seines Herrn gesund geworden. Diese Sache haben wir noch nie behandelt. Darum m\u00fcssen wir hier dar\u00fcber sprechen, um, soweit es an uns liegt, k\u00fcnftiger Gefahr und Irrtum zuvorzukommen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Jeder Mensch braucht eigenen Glauben<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aufs Erste m\u00fcssen wir den Grund fest und gewiss halten: Niemand wird durch den Glauben oder die Gerechtigkeit eines anderen selig, sondern durch seinen eigenen Glauben. Wiederum wird niemand um den Unglauben oder die S\u00fcnden eines anderen verdammt, sondern um seines eigenen Unglaubens willen. So sagt es das Evangelium hell und klar (Markus 16,16): \u201eWer da glaubt und getauft wird, der wird selig. Wer aber nicht glaubt, der wird verdammt.\u201c Und R\u00f6mer 1,17: \u201eDer Gerechte wird seines Glaubens leben.\u201c Und Johannes 3,16.18: \u201eWer an ihn glaubt, wird nicht verloren werden, sondern hat das ewige Leben.\u201c Ebenso: \u201eWer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet. Wer nicht an ihn glaubt, der ist schon gerichtet.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das sind klare, \u00f6ffentliche Worte: Jeder muss f\u00fcr sich selbst glauben, und niemand kann ihm durch fremden Glauben ohne eigenen Glauben helfen. Von diesen Spr\u00fcchen darf man nicht abweichen und sie nicht leugnen, was immer daraus folgen mag. Eher soll die ganze Welt verderben, als dass man diese g\u00f6ttliche Wahrheit \u00e4ndere. Und sollte etwas scheinbar \u00dcberzeugendes dagegen vorgebracht werden, das du nicht verantworten kannst, so sollst du lieber bekennen, dass du es nicht verstehst, und es Gott anheimstellen, als etwas gegen diese klaren Spr\u00fcche zuzulassen. Es bleibe bei Heiden, Juden, T\u00fcrken, kleinen Kindern und allem, was da ist und was es kann: Diese Worte sollen und m\u00fcssen recht und wahr sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun stellt sich die Frage, was aus den kleinen Kindern wird, da sie noch keine Vernunft haben und nicht f\u00fcr sich selbst glauben k\u00f6nnen. Denn es steht geschrieben, R\u00f6mer 10,17: \u201eDer Glaube kommt durch das H\u00f6ren, das [S.&nbsp;59] H\u00f6ren aber durch die Predigt des Wortes Gottes.\u201c Die kleinen Kinder k\u00f6nnen Gottes Wort noch nicht h\u00f6ren und verstehen; also k\u00f6nnen sie auch keinen eigenen Glauben haben. Auf diese Frage haben die Sophisten an den hohen Schulen und die Rotte des Papstes eine Antwort erdichtet: Die kleinen Kinder w\u00fcrden ohne eigenen Glauben getauft, n\u00e4mlich auf den Glauben der Kirche, den die Paten bei der Taufe bekennen. Danach w\u00fcrden dem Kindlein in der Taufe durch deren Kraft und Macht die S\u00fcnden vergeben und aus Gnaden eigener Glaube eingegossen, sodass das neugeborene Kind aus Wasser und Heiligem Geist wiedergeboren werde.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Luthers Kritik an konkurrierenden Tauflehren<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fragt man sie aber nach dem Grund solcher Antwort und wo das in der Schrift stehe, so findet man ihn in einem finsteren Rauchloch. Oder sie weisen auf ihre Biretts [Bireth<a href=\"applewebdata:\/\/A3B92D8F-54F3-4FA4-BC16-6BC3DE5716E8#_ftn1\"><sup>[1]<\/sup><\/a>] und sagen: \u201eWir sind die hochgelehrten Doktoren und sagen es so. Darum ist es recht; du darfst nicht weiter fragen.\u201c Denn fast ihre ganze Lehre hat keinen anderen Grund als ihre eigenen Tr\u00e4ume und Einbildungen. Und wenn sie sich aufs H\u00f6chste ins Zeug legen, bringen sie vielleicht einen Spruch herbei, den sie mit Gewalt aus Sankt Augustinus oder einem anderen Heiligen Vater herausgezogen haben. Aber das gen\u00fcgt uns nicht in Angelegenheiten, die das Heil der Seele betreffen. Denn sie selbst und alle heiligen V\u00e4ter waren Menschen. Wer kann mir daf\u00fcr b\u00fcrgen, dass sie recht reden? Wer will sich darauf verlassen und darauf sterben, wenn sie es ohne Schrift und Gottes Wort sagen? Heilige hin, Heilige her: Wenn es um meine Seele geht, die ich ewig verlieren oder bewahren kann, kann ich mich nicht auf alle Engel und Heiligen verlassen, geschweige denn auf einen oder zwei Heilige, wenn sie mir nicht Gottes Wort zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus diesen L\u00fcgen sind sie weitergegangen und so weit gekommen, dass sie gelehrt haben und noch immer daran festhalten: Die Sakramente h\u00e4tten eine solche Kraft, dass du selbst dann, wenn du keinen Glauben hast und das Sakrament empf\u00e4ngst, Gnade und Vergebung der S\u00fcnden ohne allen Glauben bekommst \u2013 sofern du nicht den Vorsatz hast zu s\u00fcndigen. Diese Lehre haben sie aus ihrer vorherigen Meinung abgeleitet: Die kleinen Kinder empfingen, wie sie tr\u00e4umen, ohne Glauben allein durch die Macht und Kraft der Taufe Gnade. Darum [S.&nbsp;60] wenden sie das auch auf Erwachsene und alle Menschen an und reden alles aus ihrem eigenen Kopf. So haben sie den christlichen Glauben h\u00f6chst meisterlich ausgerottet, zunichte- und unn\u00f6tig gemacht und allein unser Werk mit der Kraft der Sakramente aufgerichtet. Dar\u00fcber habe ich in den Artikeln gegen die Bullen Leos genug geschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die heiligen V\u00e4ter haben zwar ein wenig davon gesagt, wenn auch nicht klar genug. Sie sprechen nicht von einer solchen erdichteten Kraft des Sakraments, sondern sagen, die kleinen Kinder w\u00fcrden im Glauben der christlichen Kirche getauft. Weil sie aber nicht gr\u00fcndlich erkl\u00e4ren, wie dieser christliche Glaube den Kindern hilft \u2013 ob sie dadurch einen eigenen Glauben empfangen oder ob sie nur auf den Glauben der Christenheit hin selbst ohne Glauben getauft werden \u2013, fahren die Sophisten fort und deuten die Worte der heiligen V\u00e4ter so, als w\u00fcrden die Kinder ohne eigenen Glauben getauft und empfingen allein durch den Glauben der Kirche Gnade. Denn sie sind dem Glauben feind. Wo sie nur die Werke erheben k\u00f6nnen, muss der Glaube leiden. Sie bedenken nicht einmal, ob die heiligen V\u00e4ter geirrt haben oder ob sie selbst die V\u00e4ter richtig verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor diesem Gift und Irrtum h\u00fcte dich, selbst wenn es die ausdr\u00fccklich erkl\u00e4rte Meinung aller V\u00e4ter und Konzilien w\u00e4re. Denn diese Lehre besteht nicht und hat keinen Grund der Schrift f\u00fcr sich, sondern beruht allein auf menschlichen Einbildungen und Tr\u00e4umen. Dazu steht sie geradezu und offenkundig im Widerspruch zu den vorher genannten Hauptspr\u00fcchen, in denen Christus sagt: \u201eWer glaubt und getauft wird\u201c und so weiter. Kurz: Die Taufe hilft niemandem und ist niemandem zu geben, der nicht selbst glaubt. Ohne eigenen Glauben ist niemand zu taufen. So spricht auch Sankt Augustinus selbst: \u00bb<em>Non Sacramentum iustificat, sed fides Sacramenti<\/em>\u00ab: \u00bbDas Sakrament macht nicht gerecht, sondern der Glaube an das Sakrament.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Taufe der Waldenser<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Au\u00dferdem gibt es etliche andere, die man die Br\u00fcder der Waldenser nennt. Sie halten daf\u00fcr, dass jeder f\u00fcr sich selbst glauben und die Taufe oder das Sakrament mit eigenem Glauben empfangen m\u00fcsse. Wenn nicht, n\u00fctze ihm die Taufe oder das Sakrament nichts. Insoweit reden [S.&nbsp;61] und halten sie recht. Doch fahren sie fort, auch kleine Kinder zu taufen, obwohl sie diese f\u00fcr Menschen ohne eigenen Glauben halten. Das ist ein Spott auf die heilige Taufe. Sie s\u00fcndigen damit gegen das zweite Gebot, weil sie Gottes Namen und Wort mit schlechtem Gewissen und mutwillig unn\u00fctz und vergeblich gebrauchen. Auch ihre Ausrede hilft ihnen nicht: Sie sagen, man taufe die Kinder im Hinblick auf ihren k\u00fcnftigen Glauben, wenn sie zur Vernunft k\u00e4men. Denn der Glaube muss vor oder doch sp\u00e4testens in der Taufe da sein. Sonst wird das Kind nicht vom Teufel und von den S\u00fcnden befreit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4re ihre Meinung richtig, so m\u00fcsste alles, was man bei der Taufe mit dem Kind tut, L\u00fcge und Spott sein. Denn der T\u00e4ufer fragt: \u201eGlaubt das Kind?\u201c Man antwortet: \u201eJa!&#8220;, an seiner Statt. Und auf die Frage, ob es getauft werden wolle, antwortet man ebenfalls: \u201eJa!&#8220;, an seiner Statt. Dennoch wird niemand an seiner Statt getauft, sondern das Kind selbst wird getauft. Darum muss es auch selbst glauben, oder die Paten m\u00fcssen l\u00fcgen, wenn sie an seiner Statt sagen: \u201eIch glaube.\u201c Der T\u00e4ufer r\u00fchmt au\u00dferdem, das Kind sei wiedergeboren und seine S\u00fcnden seien vergeben; es sei vom Teufel befreit. Zum Zeichen daf\u00fcr zieht er ihm ein wei\u00dfes Hemd an und handelt mit ihm ganz so, als w\u00e4re es ein neues, heiliges Gotteskind. Das m\u00fcsste alles falsch sein, wenn kein eigener Glaube da w\u00e4re. Es w\u00e4re besser, niemals ein Kind zu taufen, als auf diese Weise mit Gottes Wort und Sakrament zu narren und zu gaukeln, als w\u00e4re Gott ein G\u00f6tze oder ein Narr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es hilft auch nicht, dass sie das Reich Gottes auf dreierlei Weise unterscheiden: einmal als christliche Kirche, ein anderes Mal als ewiges Leben und zum dritten als Evangelium. Danach sagen sie, die Kinder w\u00fcrden auf die dritte und die erste Weise zum Himmelreich getauft. Das hei\u00dft: Sie w\u00fcrden nicht getauft, damit sie dadurch selig w\u00fcrden und Vergebung der S\u00fcnden empfingen, sondern damit sie in die Christenheit aufgenommen und zum Evangelium gebracht w\u00fcrden. Das ist nichts als leeres Gerede, aus eigenem D\u00fcnkel erdichtet. Denn [S.&nbsp;62] ins Himmelreich zu kommen hei\u00dft nicht, unter die Christen zu kommen und das Evangelium zu h\u00f6ren \u2013 das k\u00f6nnen auch die Heiden tun, und es geschieht auch ohne Taufe. Du magst vom Himmelreich auf die erste, zweite oder dritte Weise reden, wie du willst: Im Himmelreich zu sein hei\u00dft, ein lebendiges Glied der Christenheit zu sein und das Evangelium nicht allein zu h\u00f6ren, sondern auch zu glauben. Sonst w\u00e4re ein Mensch ebenso im Himmelreich, wenn man ein St\u00fcck Holz und einen Block unter die Christen w\u00fcrfe, oder wie der Teufel unter ihnen ist. Darum taugt diese Erkl\u00e4rung gar nichts.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch folgt daraus, dass die christliche Kirche zwei verschiedene Taufen h\u00e4tte und die Kinder nicht dieselbe Taufe empfingen wie die Erwachsenen. Sankt Paulus sagt doch (Epheser 4,5): \u201eEs ist nur eine Taufe, ein Herr, ein Glaube.\u201c Denn wenn die Taufe den Kindern nicht dasselbe wirkt und gibt wie den Erwachsenen, dann ist es nicht dieselbe Taufe. Ja, es ist \u00fcberhaupt keine Taufe, sondern ein Spiel und Spott mit der Taufe; denn Taufe ist nur die, die selig macht. Wenn man wei\u00df oder daf\u00fcrh\u00e4lt, dass sie nicht selig macht, soll man sie nicht spenden. Spendet man sie aber, so gibt man nicht die christliche Taufe, denn man glaubt nicht, dass sie bewirkt, was die Taufe bewirken soll. Darum w\u00e4re es eine andere und fremde Taufe. Deshalb w\u00e4re es beinahe n\u00f6tig, dass die Br\u00fcder Waldenser sich selbst noch einmal anders taufen lie\u00dfen, so wie sie die Unsrigen anders taufen. Denn sie empfangen die Taufe nicht allein ohne Glauben, sondern geben auch wider den Glauben, unter Spott und Unehre f\u00fcr Gott, eine andere, fremde und unchristliche Taufe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn wir nun auf diese Frage keine bessere Antwort geben und nicht beweisen k\u00f6nnen, dass die kleinen Kinder selbst glauben und eigenen Glauben haben, dann ist es mein treuer Rat und Urteil, dass man davon sofort abstehe \u2013 je eher, desto besser \u2013 und kein Kind mehr taufe. Sonst w\u00fcrden wir die hochgelobte Majest\u00e4t Gottes mit solchem Alfanzen und Gaukelwerk, hinter dem nichts steckt, verspotten und l\u00e4stern.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der fremde Glaube hilft zum eigenen Glauben<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Darum sagen wir hier und schlie\u00dfen: Die Kinder glauben in der Taufe selbst und haben eigenen Glauben. Gott selbst wirkt ihn in ihnen durch die F\u00fcrbitte und das Herbeibringen der Paten im Glauben der christlichen Kirche. Das nennen wir die Kraft des fremden Glaubens: nicht, dass jemand [S.&nbsp;63] durch diesen Glauben eines anderen selig werden k\u00f6nnte, sondern dass dieser Mensch durch dessen F\u00fcrbitte und Hilfe von Gott selbst eigenen Glauben erlangen kann, durch den er selig wird.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So ist es auch mit meinem nat\u00fcrlichen Leben und Sterben. Soll ich leben, muss ich selbst geboren werden; niemand kann f\u00fcr mich geboren werden, sodass ich dadurch lebe. Aber meine Mutter und die Hebamme k\u00f6nnen mir durch ihr Tun bei meiner Geburt helfen, damit auch ich dadurch lebe. Ebenso muss ich selbst den Tod erleiden, wenn ich sterben soll. Niemand kann f\u00fcr mich den Tod erleiden, sodass ich dadurch sterbe. Aber jemand kann mir zu meinem eigenen Tod verhelfen, etwa wenn er mich erschreckt, auf mich f\u00e4llt, mich erstickt, erdr\u00fcckt oder erstinkt. Ebenso kann niemand f\u00fcr mich in die H\u00f6lle fahren. Wohl aber kann jemand mich durch falsche Lehre und ein falsches Leben verf\u00fchren, sodass ich durch den Irrtum, den er in mich gebracht hat, selbst dorthin fahre. Also kann auch niemand f\u00fcr mich in den Himmel fahren. Er kann mir aber dabei helfen: predigen, lehren, leiten, bitten und bei Gott Glauben erlangen, durch den ich in den Himmel gelangen kann. Dieser Hauptmann ist nicht von der L\u00e4hmung seines Knechtes gesund geworden; dennoch hat er erlangt, dass sein Knecht gesund wurde.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Kinder zu Christus bringen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So sagen wir auch hier: Die Kinder werden nicht im Glauben der Paten oder der Kirche getauft. Vielmehr bittet der Glaube der Paten und der Christenheit f\u00fcr sie und erwirkt ihnen den eigenen Glauben, in dem sie getauft werden und selbst glauben. Daf\u00fcr haben wir starke und feste Spr\u00fcche: Matth\u00e4us 19,13\u201315; Markus 10,13\u201316; Lukas 18,15\u201316. Dort brachten etliche Menschen Kinder zum Herrn Jesus, damit er sie anr\u00fchrte. Als die J\u00fcnger ihnen wehrten, strafte Jesus die J\u00fcnger, nahm die Kinder in die Arme, legte ihnen die H\u00e4nde auf, segnete sie und sprach: \u201eSolchen geh\u00f6rt das Reich Gottes\u201c und so weiter. Diese Spr\u00fcche kann uns niemand nehmen oder mit gutem Grund widerlegen. Denn hier steht, dass Christus nicht verbieten will, die Kindlein zu ihm zu bringen. Ja, er hei\u00dft sie zu ihm bringen, segnet sie und gibt ihnen das Himmelreich. Das lasst uns wohl merken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[S.&nbsp;64] Ohne Zweifel ist hier von leiblichen Kindern die Rede. Es gilt nicht, Christi Wort so auszulegen, als h\u00e4tte er geistliche Kinder gemeint, die durch Demut klein w\u00e4ren. Es waren leibliche kleine Kinder, die Lukas&nbsp;<em>infantes<\/em>&nbsp;nennt. Christus spricht von ihnen, dass das Himmelreich ihrer ist. Was wollen wir dazu sagen? Wollen wir behaupten, sie seien ohne eigenen Glauben gewesen? Dann w\u00e4ren die vorherigen Spr\u00fcche falsch: \u201eWer nicht glaubt, der ist verdammt\u201c und so weiter. Dann w\u00fcrde Christus l\u00fcgen oder ein blo\u00dfes Scheingefecht f\u00fchren, wenn er sagt, das Himmelreich sei ihrer, und dabei nicht ernsthaft vom rechten Himmelreich spr\u00e4che.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deute diese Worte Christi, wie du willst: Daraus folgt, dass die Kinder zu Christus gebracht werden sollen und man ihnen nicht wehren darf. Und wenn sie zu ihm gebracht sind, zwingt er uns zu glauben, dass er sie segnet und ihnen das Himmelreich gibt, wie er es bei diesen Kindlein tut. Solange das Wort gilt: \u201eLasst die Kindlein zu mir kommen und wehrt ihnen nicht\u201c, geb\u00fchrt es uns nicht, anders zu handeln oder zu glauben. Ebenso m\u00fcssen wir glauben, dass Christus die Kinder, wenn sie zu ihm gebracht werden, in die Arme nimmt, ihnen die H\u00e4nde auflegt, sie segnet und ihnen den Himmel gibt. Denn der Text sagt, dass er die Kindlein, die zu ihm gebracht wurden, segnete und ihnen den Himmel gab. Wer kann sich \u00fcber diesen Text hinwegsetzen? Wer d\u00fcrfte so k\u00fchn sein, die Kindlein nicht zur Taufe kommen zu lassen oder nicht zu glauben, dass Christus sie segnet, wenn sie zu ihm gebracht werden?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun ist Christus in der Taufe ebenso gegenw\u00e4rtig, wie er damals gegenw\u00e4rtig war. Das wissen wir Christen gewiss. Darum d\u00fcrfen wir den Kindern die Taufe nicht verwehren. Ebenso d\u00fcrfen wir nicht zweifeln, dass er alle segnet, die zu ihm kommen, wie er jene Kinder segnete. So bleibt hier nichts anderes als die Andacht und der Glaube derer, die die Kindlein zu ihm brachten. Durch ihr Herbeibringen helfen sie dazu, dass die Kindlein gesegnet werden und das Himmelreich erlangen. Das kann aber nicht geschehen, wenn sie nicht eigenen Glauben f\u00fcr sich selbst haben, wie gesagt ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[S.&nbsp;65] Auch sagen wir hier: Die kleinen Kindlein werden wohl durch fremden Glauben und fremdes Werk zur Taufe gebracht. Wenn sie aber dorthin gekommen sind und der Priester oder T\u00e4ufer an Christi Statt mit ihnen handelt, segnet er sie und gibt ihnen den Glauben und das Himmelreich. Denn das Wort und die Tat des Priesters sind Christi eigenes Wort und Werk.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier stimmt auch Sankt Johannes in seiner ersten Epistel, Kapitel 2, Vers 14, mit ein, wenn er spricht: \u201eIch schreibe euch, V\u00e4tern; ich schreibe euch, J\u00fcnglingen; ich schreibe euch, Kindern.\u201c Es gen\u00fcgt ihm nicht, den J\u00fcnglingen zu schreiben: Er schreibt auch den Kindern und sagt, dass sie den Vater erkannt haben. Daraus folgt, dass auch die Apostel Kinder getauft und daf\u00fcrgehalten haben, dass sie glauben und den Vater kennen \u2013 als w\u00e4ren sie schon zur Vernunft gekommen und k\u00f6nnten lesen. Zwar k\u00f6nnte jemand das Wort \u201eKinder\u201c hier auf Erwachsene deuten, wie Christus mitunter seine J\u00fcnger nennt. Doch ist gewiss, dass Johannes von denen spricht, die j\u00fcnger sind als die J\u00fcnglinge. Er redet von der jungen Schar, die unter f\u00fcnfzehn oder achtzehn Jahre alt ist, und nimmt niemanden aus, bis hinunter zum ersten Lebensjahr. Denn alle diese nennt man Kinder.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Glaube ohne Vernunft<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber wir wollen doch ihre Begr\u00fcndung ansehen, warum sie die Kinder nicht f\u00fcr gl\u00e4ubig halten. Sie sagen: \u201eWeil sie noch nicht zur Vernunft gekommen sind, k\u00f6nnen sie Gottes Wort nicht h\u00f6ren. Wo aber Gottes Wort nicht geh\u00f6rt wird, da kann kein Glaube sein.\u201c R\u00f6mer 10,17 sagt: \u201eDer Glaube kommt durch das H\u00f6ren, das H\u00f6ren aber durch das Wort Gottes\u201c und so weiter. Sage mir: Ist das christlich geredet, wenn man so nach dem eigenen D\u00fcnken \u00fcber Gottes Werke urteilt? Die Kinder sind noch nicht zur Vernunft gekommen, also k\u00f6nnen sie nicht glauben? Was w\u00e4re, wenn du durch deine Vernunft schon vom Glauben abgekommen w\u00e4rst, die Kinder aber durch ihre Unvernunft zum Glauben k\u00e4men?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lieber, was Gutes tut die Vernunft f\u00fcr den Glauben und f\u00fcr Gottes Wort? Ist sie es nicht, die sich dem Glauben und Gottes Wort aufs H\u00f6chste widersetzt, sodass niemand durch sie zum Glauben kommen und Gottes Wort annehmen kann? Sie muss vielmehr geblendet und [S.&nbsp;66] zuschanden gemacht werden, damit der Mensch ihr absterbe und einem Narren gleich werde \u2013 ja, so unvern\u00fcnftig und unverst\u00e4ndig wie ein kleines Kind \u2013, wenn er anders glauben und Gottes Gnade empfangen soll. Denn Christus spricht in Matth\u00e4us 18,3: \u201eWenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die kleinen Kinder, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.\u201c Wie oft h\u00e4lt uns Christus vor, dass wir Kinder und Narren werden m\u00fcssen, und verdammt die Vernunft!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sage mir auch: Welche Vernunft hatten die Kindlein, die Christus in die Arme nahm, segnete und denen er das Himmelreich zuteilte? Waren sie nicht ebenfalls noch ohne Vernunft? Warum hei\u00dft er dann, sie zu ihm zu bringen, und segnet sie? Woher haben sie den Glauben, der sie zu Kindern des Himmelreichs macht? Ja, gerade weil sie ohne Vernunft und kindlich-unverst\u00e4ndig sind, eignen sie sich besser zum Glauben als die Erwachsenen und Vern\u00fcnftigen. Deren Vernunft steht ihnen immer im Wege und will ihren gro\u00dfen Kopf nicht durch die enge T\u00fcr sto\u00dfen. Wenn man vom Glauben und von Gottes Werken redet, darf man weder die Vernunft noch ihre Werke ansehen. Hier wirkt Gott allein. Die Vernunft ist tot und blind und diesem Werk gegen\u00fcber wie ein unverst\u00e4ndiger Block \u2013 damit die Schrift bestehe, die sagt: \u201eGott ist wunderbar in seinen Heiligen.\u201c [vlt. Psalm&nbsp;4,4]. Ebenso Jesaja 55,9: \u201eSo viel der Himmel h\u00f6her ist als die Erde, so viel h\u00f6her sind meine Wege als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u00c4u\u00dferliches Bekenntnis und verborgener Glaube<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber weil sie so tief in der Vernunft stecken, m\u00fcssen wir sie mit ihrer eigenen Klugheit angreifen. Sage mir: Warum taufst du einen Menschen, wenn er zur Vernunft gekommen ist? Du antwortest: \u201eEr h\u00f6rt Gottes Wort und glaubt.\u201c Frage ich: \u201eWoher wei\u00dft du das?\u201c, so sprichst du: \u201eEr bekennt es mit dem Mund.\u201c Was soll ich dazu sagen? Was, wenn er l\u00fcgt und betr\u00fcgt? Du kannst sein Herz ja nicht sehen. Wohlan, wenn du also keinen anderen Grund hast, einen Menschen zu taufen, als dass er sich \u00e4u\u00dferlich als gl\u00e4ubig erweist, bist du dir seines Glaubens dennoch ungewiss. Du musst bedenken: Wenn er nicht innerlich mehr im Herzen hat, als du \u00e4u\u00dferlich wahrnimmst, dann helfen weder sein H\u00f6ren noch sein Bekennen noch sein Glauben. Denn all das kann blo\u00dfer Wahn und kein rechter Glaube sein. Wer [S.&nbsp;67] bist du denn, dass du sagst, \u00e4u\u00dferliches H\u00f6ren und Bekennen sei f\u00fcr die Taufe notwendig? Wo es fehlt, solle man nicht taufen; wo es vorhanden ist, solle man taufen? Du musst selbst hier bekennen, dass solches H\u00f6ren und Bekennen ungewiss ist und f\u00fcr die Taufe allein nicht gen\u00fcgt. Worauf taufst du dann? Wie willst du rechtfertigen, dass du die Taufe so in Zweifel ziehst?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ist es nicht vielmehr so: Du musst hierherkommen und sagen, dass du nicht mehr tun und wissen musst, als den T\u00e4ufling zu dir bringen zu lassen, damit er die Taufe empf\u00e4ngt. Du musst seinen Glauben entweder annehmen oder es Gott anheimstellen, ob er innerlich recht glaubt oder nicht. Damit bist du entschuldigt und taufst recht. Warum willst du das den Kindern nicht ebenso tun, die Christus zu sich bringen hei\u00dft und die er segnen will? Warum willst du vorher ein \u00e4u\u00dferliches H\u00f6ren und Bekennen verlangen, obwohl du selbst zugibst, dass es ungewiss und f\u00fcr die Taufe nicht hinreichend ist? So l\u00e4sst du Christi gewisses Wort fahren, in dem er hei\u00dft, die Kindlein zu ihm zu bringen \u2013 und das nur wegen deines ungewissen \u00e4u\u00dferlichen H\u00f6rens.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dazu sage mir: Wo bleibt die Vernunft des christgl\u00e4ubigen Menschen, wenn er schl\u00e4ft, obwohl sein Glaube und Gottes Gnade ihn niemals verlassen? Kann der Glaube hier ohne Zutun der Vernunft bestehen, ohne dass sie etwas davon gewahr wird? Warum sollte er dann nicht auch in den Kindern anfangen, ehe ihre Vernunft etwas davon wei\u00df? Dasselbe k\u00f6nnte ich auch von allen Lebensst\u00e4nden sagen, in denen ein Christ lebt und arbeitet oder etwas zu schaffen hat: Oft ist er sich seines Glaubens und seiner Vernunft nicht bewusst, und doch l\u00e4sst der Glaube darum nicht nach. Gottes Werke sind verborgen und wunderbar, wo und wann er will. Sie sind aber auch offenbar genug, wo und wann er will. Dar\u00fcber zu urteilen, ist f\u00fcr uns zu hoch und zu tief.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Taufen im Vertrauen auf Christi Wort<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weil Christus hier hei\u00dft, man solle die Kindlein nicht hindern, zu ihm zu kommen, damit er sie segne, und weil von uns nicht gefordert wird, gewiss zu sein, wie es inwendig um ihren Glauben steht, w\u00e4hrend das \u00e4u\u00dferliche H\u00f6ren und Bekennen dem Getauften nicht gen\u00fcgt, sollen wir es dabei bleiben lassen: F\u00fcr uns, n\u00e4mlich f\u00fcr den T\u00e4ufer, sei es genug, das Bekenntnis des Getauften zu [S.&nbsp;68] h\u00f6ren, wenn die Menschen von sich aus kommen. So geben wir das Sakrament nicht wider unser Gewissen, als solchen, von denen keine Frucht zu hoffen ist. Wenn sie aber unser Gewissen durch ihr Suchen und Bekennen versichern, sodass wir das Sakrament als ein Gnadenmittel geben k\u00f6nnen, sind wir entschuldigt. Ist ihr Glaube nicht recht, so sei es Gott befohlen. Wir haben das Sakrament dennoch nicht als unn\u00fctzes Ding gegeben, sondern in dem Gewissen, dass es n\u00fctzlich sei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das sage ich alles darum, damit man nicht so taufe wie jene, die das Sakrament wissentlich und mutwillig so geben, dass es nichts wirken und n\u00fctzen soll. Denn die T\u00e4ufer vers\u00fcndigen sich damit, dass sie Gottes Sakrament und Wort wissentlich unn\u00fctz gebrauchen oder doch ein solches Gewissen haben, dass es nichts schaffen soll oder k\u00f6nne. Das hei\u00dft, das Sakrament unw\u00fcrdig zu handeln, Gott zu versuchen und zu l\u00e4stern. Denn so wird das Sakrament nicht gegeben, sondern mit ihm Spott getrieben. Wenn aber der Getaufte leugnet und nicht glaubt, so hast du doch recht gehandelt und das Sakrament mit gutem Gewissen gegeben, in der Zuversicht, dass es Nutzen schaffen werde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diejenigen aber, die nicht von sich aus kommen, sondern herzugebracht werden \u2013 wie Christus hei\u00dft, die Kindlein herzubringen \u2013, deren Glauben befiehl dem, der sie herzubringen hei\u00dft. Taufe sie auf seinen Befehl und sprich: \u201eHerr, du bringst sie her und hei\u00dft sie taufen. So wirst du wohl f\u00fcr sie antworten; darauf verlasse ich mich. Ich darf sie nicht wegtreiben und ihnen nicht wehren.\u201c Haben sie das Wort nicht geh\u00f6rt, durch das der Glaube kommt, wie die Erwachsenen es h\u00f6ren? Sie h\u00f6ren es dennoch auf die Weise der kleinen Kinder. Die Erwachsenen fassen es mit Ohren und Vernunft, oft ohne Glauben. Die Kinder aber h\u00f6ren es mit den Ohren, ohne Vernunft, und mit Glauben. Der Glaube ist umso n\u00e4her, je weniger Vernunft vorhanden ist. Und st\u00e4rker ist der Glaube dessen, der sie herzubringt, als der Wille der Erwachsenen, die von sich aus kommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ficht solche Leute am meisten an, dass die Erwachsenen Vernunft haben. Diese stellt sich, als glaube sie dem Wort, das sie h\u00f6ren; das nennen sie dann Glauben. Bei den Kindern sehen sie dagegen, dass noch keine [S.&nbsp;69] Vernunft vorhanden ist. Deshalb scheint es ihnen, als glaubten die Kinder nicht. Sie bedenken aber nicht, dass der Glaube an Gottes Wort etwas ganz anderes und Tieferes ist als das, was die Vernunft mit Gottes Wort tut. Jener Glaube ist allein Gottes Werk, \u00fcber alle Vernunft erhaben. Ihm ist das Kind ebenso nahe wie der Erwachsene, ja viel n\u00e4her; der Erwachsene dagegen steht ihm so fern wie das Kind, ja viel ferner.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das andere aber ist ein menschliches Werk, aus der Vernunft hervorgebracht. Mich d\u00fcnkt: Sollte eine Taufe gewiss sein, so ist es die Kindertaufe \u2013 eben um des Wortes Christi willen, in dem er die Kinder zu sich bringen hei\u00dft. Die Erwachsenen kommen von sich aus; bei ihnen kann T\u00e4uschung vorliegen, weil ihre Vernunft offen zutage tritt. Bei den Kindern kann keine solche T\u00e4uschung sein, weil ihre Vernunft verborgen ist. In ihnen wirkt Christus seinen Segen, wie er gehei\u00dfen hat, sie zu sich zu bringen. Das ist ein treffliches Wort, das man nicht in den Wind schlagen darf: Christus hei\u00dft die Kinder zu sich bringen und tadelt diejenigen, die es ihnen verwehren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit wollen wir aber das Predigtamt nicht schw\u00e4chen oder aufheben. Gott l\u00e4sst gewiss nicht um des vern\u00fcnftigen H\u00f6rens willen predigen, aus dem keine Frucht hervorgeht, sondern um des geistlichen H\u00f6rens willen. Dieses haben, wie gesagt, auch die Kinder \u2013 ebenso wie die Erwachsenen, ja besser als sie. Sie h\u00f6ren das Wort ja auch. Denn was ist die Taufe anderes als das Evangelium, zu dem sie gebracht werden? Zwar h\u00f6ren sie es nur einmal; daf\u00fcr h\u00f6ren sie es umso kr\u00e4ftiger, weil Christus sie aufnimmt \u2013 er selbst hat gehei\u00dfen, sie herzubringen. Die Erwachsenen haben hier den Vorteil, dass sie oft h\u00f6ren und sp\u00e4ter daran zur\u00fcckdenken k\u00f6nnen. Doch geht es auch bei ihnen mit dem geistlichen H\u00f6ren so zu, dass es nicht durch viele Predigten in sie eingeht. Es mag in einer einzigen Predigt treffen; dann haben sie es f\u00fcr immer. Was sie danach h\u00f6ren, h\u00f6ren sie entweder, um es weiter zu st\u00e4rken, oder um es wieder zu verderben.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Trost der Kinder<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zusammengefasst: Die Taufe und der Trost der Kinder stehen in dem Wort: \u201eLasst die Kindlein zu mir kommen und wehrt ihnen nicht; denn solcher ist das Reich Gottes.\u201c Das hat Christus gesagt und l\u00fcgt nicht. Darum ist es recht und christlich, die Kinder zu ihm zu bringen. Das kann nur in der Taufe geschehen. So muss auch gewiss sein, dass er alle segnet und ihnen das Himmelreich gibt, die so zu ihm kommen \u2013 wie seine Worte lauten: \u201eSolcher ist das Reich Gottes.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das sei f\u00fcr diesmal genug. Am Ende w\u00e4re hier noch zu behandeln, was Aussatz und Gicht geistlich bedeuten. \u00dcber den Aussatz ist aber schon viel in der Postille \u00fcber die zehn Auss\u00e4tzigen gesagt worden. Darum ist hier nicht ausf\u00fchrlich davon zu handeln.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellenangabe und Textgestalt<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Quelle:&nbsp;<\/strong>Martin Luther, Predigt am dritten Sonntag nach Epiphanias (Matth\u00e4us 8,1\u201313), in:&nbsp;<em>Dr. Martin Luther&#8217;s s\u00e4mmtliche Werke<\/em>, Bd. 11 (Erlangen: Carl Heyder, 1827), S.&nbsp;50\u201370. (digitale Quelle: Bayerische Staatsbibliothek, Sigel: Th.u. 244 d-11).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zeit:\u00a0<\/strong>Diese Predigt stammt aus 1525. Sie geh\u00f6rt zur\u00a0<em>Fastenpostille<\/em>; als Predigtdatum wird der 22. Januar 1525 angegeben.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zur Textgestalt:\u00a0<\/strong>\u00a0Das Original ist in einem alten Druckfont gesetzt, den OCR nicht korrekt lesen kann.\u00a0Eine erste digitale Fassung entstand daher aus dem Transkript eines Diktats des Buchtextes, die anschlie\u00dfend in Orthografie und Satzbau in heutiges Deutsch \u00fcbertragen und f\u00fcr einen fl\u00fcssigen Lesetext gegl\u00e4ttet wurde. Sinnabschnitte und Zwischen\u00fcberschriften wurden hinzugef\u00fcgt, um die Orientierung zu erleichtern. Luthers Inhalt und Argumentationsgang wurden soweit m\u00f6glich beibehalten. Es gilt die o.g. gedruckte Fassung; die Seitenangaben in eckigen Klammern beziehen sich auf diese.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"applewebdata:\/\/A3B92D8F-54F3-4FA4-BC16-6BC3DE5716E8#_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Das Birett war die Kopfbedeckung der gelehrten Doktoren; es war nicht nur geistliche Amtstracht; es konnte auch als akademisches Rang- und W\u00fcrdezeichen dienen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lesedauer: 39 Minuten. Martin Luther: Predigt am dritten Sonntag nach Epiphanias (22.01.1525)Evangelium: Matth\u00e4us 8,1\u201313 Der Auss\u00e4tzige empf\u00e4ngt Gnade durch Glauben [S.&nbsp;50] Zwei Exempel des Glaubens und der Liebe lehrt uns das Evangelium: eines im Auss\u00e4tzigen, das andere im Hauptmann. Den Auss\u00e4tzigen lasst uns zuerst ansehen. So k\u00fchn w\u00e4re der Auss\u00e4tzige nicht gewesen, dass er zum &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/logikos.club\/?p=4932\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDas Taufverst\u00e4ndnis Luthers (1525)\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":4935,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_exactmetrics_skip_tracking":false,"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[287,286,288],"class_list":["post-4932","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-predigten","tag-besprengung","tag-paedobaptismus","tag-taufpaten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logikos.club\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4932","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logikos.club\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/logikos.club\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logikos.club\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logikos.club\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4932"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/logikos.club\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4932\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4939,"href":"https:\/\/logikos.club\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4932\/revisions\/4939"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logikos.club\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/4935"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logikos.club\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4932"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/logikos.club\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4932"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logikos.club\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4932"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}