{"id":2334,"date":"2021-11-18T21:03:46","date_gmt":"2021-11-18T20:03:46","guid":{"rendered":"https:\/\/logikos.club\/?p=2334"},"modified":"2022-03-28T11:03:13","modified_gmt":"2022-03-28T09:03:13","slug":"heinrich-bullinger-von-der-obrigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/logikos.club\/?p=2334","title":{"rendered":"Heinrich Bullinger: Von der Obrigkeit"},"content":{"rendered":"\n<p>1568 ver\u00f6ffentlichte der Schweizer Reformator <strong>Heinrich Bullinger<\/strong> (1504\u20131575, Nachfolger Ulrich Zwinglis in Z\u00fcrich) sein \u201eHau\u00dfbuch\u201c mit einer Reihe von Predigten. Eine dieser Predigten, die sechzehnte, besch\u00e4ftigte sich im Rahmen einer Betrachtung \u00fcber die Zehn Gebote mit der <strong>Obrigkeit<\/strong>. Der folgende Text ist dem gedruckten Predigttext entnommen und sprachlich etwas unserer Schreibweise angepasst worden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u00bbWas die Obrigkeit sei. <\/h2>\n\n\n\n<p>Das W\u00f6rtlein Obrigkeit hei\u00dft im Lateinischen&nbsp;<em>Magistratus<\/em>, und hat seinen Ursprung vom W\u00f6rtlein&nbsp;<em>Magister<\/em>, das hei\u00dft Meister, mit welchem angezeigt wird, dass du, wenn du zur Obrigkeit geh\u00f6rst, Meister, F\u00fchrer von Oberen des Volkes bist. Diese werden auch die Gewalt von Gott genannt, wegen der Gewalt, die sie von Gott empfangen haben. Die Obrigkeit wird auch eine Herrschaft genannt, wegen der Herrschaft, die ihr Gott auf Erden gegeben und zugelassen hat. Und welche also herrschen, werden F\u00fcrsten genannt, von Vorstehen, denn sie sind die vordersten unter dem Volk. Also hei\u00dfen sie auch R\u00e4te von raten, und K\u00f6nige von regieren, Gebieter von gebieten. Darum ist die Obrigkeit an ihr selbst ein Amt und eine Verwaltung. Aristoteles beschreibt die Obrigkeit also, dass sie eine H\u00fcterin und Erhalterin der Gesetze sei. Und Plutarchus spricht im B\u00fcchlein, in dem er lehrt, dass ein Oberer notwendiger Weise geschickt und gelehrt sein soll, spricht unter anderem so: Die Oberen sind Diener Gottes, zum Heil und zur F\u00fcrsorge der Menschen, zum Teil, dass sie ihnen austeilen, zum Teil auch bei dem erhalten, das Gott ihnen gegeben hat. Aus der heiligen Schrift aber mag die Obrigkeit also beschrieben werden, dass sie eine Ordnung Gottes sei, dass durch Hilfe und Rat der Vornehmsten die Frommen gesch\u00fctzt und geschirmt, die B\u00f6sen aber gestraft, und also wahre Gottesfurcht, Gerechtigkeit, Ehrbarkeit und Ruhe, auch allgemeiner und besonderer Friede, erhalten werden. Daraus folgt dann, dass im Regiment sein, und das Amt der Obrigkeit treulich auszurichten, ein Gottesdienst ist. Denn solches gef\u00e4llt Gott, und dann ist Obrigkeit ein gutes Ding, aus dem trefflich viele gute Werke entspringen, wie ich in vorgehender Predigt bereits erkl\u00e4rt habe.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Dreierlei Obrigkeit.<\/h2>\n\n\n\n<p>[Monarchie.] Es gibt aber dreierlei Obrigkeiten, n\u00e4mlich: die Monarchie, Aristokratie und Demokratie. Die&nbsp;<strong>Monarchie<\/strong>&nbsp;m\u00f6gen wir ein Reich nennen, in dem einer die oberste Gewalt aus\u00fcbt und alle Dinge verwaltet durch gerechte und angemessene [billige] Satzungen. Wenn aber ein solcher Regent die Gerechtigkeit und Angemessenheit [Billigkeit] hintanstellt und alle Dinge nach seinem Mutwillen wider Recht und Angemessenheit [Billigkeit] tut, ist er ein Tyrann und seine Gewalt eine Tyrannei, also eine grausame [grimmige] \u00dcberw\u00e4ltigung. Solches Laster h\u00e4ngt dem Reich und der Monarchie gerne an und ist dem zuwider.&nbsp;<strong>Aristokratie<\/strong>&nbsp;hingegen ist eine Regierung der Vornehmsten und Besten unter dem Volk, da man die allerbesten, fr\u00f6mmsten [frembsten] und redlichsten einer gewissen Zahl erw\u00e4hlt und aussucht, die dem Volk vorstehen. Diese Regierung ist erwachsen aus der Tyrannei. Denn da man anfing zu sehen, wie misslich es w\u00e4re, einem Mann alle Gewalt zu lassen, hat man angefangen, die h\u00f6chste Gewalt vielen und den Besten anzubefehlen. Wenn aber solche vornehmsten H\u00e4upter unter dem Volk mit b\u00f6sen K\u00fcnsten und S\u00fcnden an das Regiment kommen und ihren eigenen Nutz und Frommen suchen, anstelle des allgemeinen Nutzens und des allgemeinen Wohlstand, so ist ihre Regierung damit nicht mehr eine Artistokratie, sondern eine&nbsp;<strong>Oligarchie<\/strong>&nbsp;zu nennen, das hei\u00dft: eine mutwillige Gewalt weniger Leute, nicht eine gerechtfertigte [billige] Regierung der Besten und Vornehmsten. Auf diese Weise werden die Oligarchen anstelle der Optimatibus, die die Besten und Vornehmsten sind, gesetzt.&nbsp;<strong>Demokratie<\/strong>&nbsp;ist eine solche Regierung, wo alle Gewalt beim gew\u00f6hnlichen Mann steht. Diese Regierungsform ist aus der Oligarchie erwachsen. Denn da der gew\u00f6hnliche Mann gesehen hat, dass auch die Vornehmsten und Auserw\u00e4hltesten im Volk ihre Gewalt missbrauchen und zu Oligarchen wurden, hat er sie des Amtes enthoben [entsetzt] und die Gewalt behalten und mit mehreren H\u00e4nden angefangen, alle Dinge zu verwalten und zu regieren. Diese Demokratie aber bricht manchmal auch aus und ger\u00e4t zu einem Aufruhr und einer Zusammenrottung, wenn sich niemand regieren lassen will, und ein jeder tun will, was ihm gef\u00e4llt, weil er ja genauso viel z\u00e4hlt, wie jeder andere gew\u00f6hnliche Mann, bei dem alle Gewalt steht. <\/p>\n\n\n\n<p>Welche aber von diesen Regierungen die beste sei, will ich nicht urteilen. Viele sind es, die die Monarchie f\u00fcr die beste gehalten haben, unter der Bedingung [hinzu gesetzt], dass der F\u00fcrst gut sei, welches aber selten der Fall ist. Die aber dieser Meinung gewesen waren, haben gew\u00f6hnlich unter den Monarchen gelebt, wider die zu reden gef\u00e4hrlich war. Im Volk Juda und Israel findet man wenige gute \u2013 oder zumindest mittelm\u00e4\u00dfige \u2013 K\u00f6nige. Darum hat Gott auch durch Samuel dem Volk nicht ohne Ursache geraten, dass sie die Aristokratie, die unter ihnen durch die allerweisesten und vortrefflichsten M\u00e4nner, Mose und Jethro, aufgerichtet war, behalten sollten. Wiewohl niemand leugnen kann, dass auch bei der Aristokratie gro\u00dfe Gefahr und Ungeb\u00fchrlichkeiten [Unk\u00f6mmlichkeiten] mitlaufen. Viel mehr aber bei der Demokratie. Aber es steht um uns Menschen in diesem Leben ja so, dass es nichts gibt, das nicht irgend einen Mangel h\u00e4tte. Darum wird das f\u00fcr das Beste gehalten, das obgleich nicht ohne Fehl seiend, doch im Vergleich zu den anderen am wenigsten davon hat. <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Man soll aller Obrigkeit gehorsam sein.<\/h2>\n\n\n\n<p>Sei es, wie es wolle, jedenfalls hei\u00dfen uns die Apostel unseres Herrn Jesus Christus, dass wir der Obrigkeit gehorsam sein sollen, sei sie nun ein K\u00f6nig oder ein versammelter Rat der Besten unter dem Volk. Es gilt gleich. Denn Paulus spricht in der Epistel an Titus im dritten Kapitel: Erinnere sie, dass sie den Vorgesetzten und der Gewalt untertan seien, der Obrigkeit gehorsam seien. Und zu den R\u00f6mern [R\u00f6m. 13.] : Jedermann sei der Obrigkeit und der Gewalt untertan, denn es ist keine Gewalt denn von Gott, alle Gewalt ist aber von Gott verordnet. Und zu Timotheus spricht er [1. Tim. 2.]: So ermahne ich nun vor allen Dingen, dass man bete und F\u00fcrbitte einlege f\u00fcr die K\u00f6nige und f\u00fcr alle Obrigkeit (usw.). Darum: Ist jemand unter einem Monarchen und K\u00f6nig, so sei demselben gehorsam. Ist er unter einer anderen Regierung, B\u00fcrgermeistern, Gemeindevorstehern [Schulthei\u00dfen], Zunftmeistern, Ratsherren, so sei er ihnen desgleichen untertan. Denn es ist besser, man gehorche der Ordnung Gottes, als dass man spitzfindig viel diskutieren wolle \u00fcber den Unterschied der Regierungsformen und welche von diesen die Beste sei. Dass es aber eine Obrigkeit gibt, ist uns Menschen h\u00f6chst notwendig, allein schon deswegen vonn\u00f6ten, weil unsere Sachen ohne eine Obrigkeit in keinem Wohlstand sein noch bleiben m\u00f6gen. <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ursachen und Ursprung der Obrigkeit. Richter 19.<\/h2>\n\n\n\n<p>Denn im Volk Israel standen die Sachen nie \u00fcbler, als wo sie nach dem Tode Simsons bis auf den Heli [?] keine rechte Obrigkeit hatten, sondern ein jeder tat, was ihm wohlgefiel. Denn allen Menschen ist die Eigenliebe und das eigene Wohlgefallen so angeboren, dass ein jeder allein auf das Seine sieht, dass er an allem, was er tut, Wohlgefallen hat, und das Wort und Werk anderer Leute verachtet. Ja, unsere b\u00f6se Begierde und unabl\u00e4ssliche Eigenliebe f\u00fchrt uns auch dahin, dass wir selbst b\u00f6se Sachen verstehen als Recht zu beschirmen und sie f\u00fcr recht und gut ausgeben. Wer das nicht glaubt, der wei\u00df nicht, was Menschen sind. Siehe, das Volk Israel war erst aus \u00c4gypten erl\u00f6st und hatte erschreckende und gro\u00dfe Wunder gesehen, und wurde in der W\u00fcste vom Himmel herab wunderbarlich ern\u00e4hrt, und sah alle Tage neue Wunderzeichen. Doch h\u00f6re, was Mose, der allermildeste und sanftm\u00fctigste unter allen Menschen von diesem heiligen Volk, von dem Volk Gottes, das Gott selbst ein Eigentum nennt, redet. Er spricht also zum Volk: Wie kann ich allein solche M\u00fche und Last und Hader von euch ertragen? Also tat sich des Fleisches Art auch in der heiligen Gesellschaft und aller herzlichsten Gemeinschaft der ersten Apostolischen Kirchen, ja in den Wiedergeborenen selbst, hervor. Denn es erhob sich ein Gemurmel unter den Griechen wider die Hebr\u00e4er, weil ihre Witwen \u00fcbersehen wurden in der t\u00e4glichen Handreichung. Also zankten sich auch die Korinther vor den heidnischen Richtern, wof\u00fcr sie vom heiligen Apostel Paulus gar heftig gescholten wurden, der sie anweist, aus den Gl\u00e4ubigen Schiedsleute zu erw\u00e4hlen, die ihre Sachen entscheiden sollen. Deshalb kann uns in dieser Sache niemand vorwerfen, das alte Volk Israel sei ein fleischliches Volk gewesen und noch nicht wiedergeboren, weil wir sehen, dass auch in denen, die wiedergeboren sind, noch des Fleisches verbliebene Schwachheit h\u00e4ngt, die sich immerdar, wo ihr Luft und Anlass gegeben wird, offenbaren wird, Zank und Unruhe hervorbringt, da sie wohl zufrieden sein m\u00f6chte. Ganz zu schweigen davon, dass der Gro\u00dfteil der Welt nicht nach dem Geist fragt, sondern nur dem Fleisch nachlebt und nachh\u00e4ngt. Darum, weil Gott ein Liebhaber und G\u00f6nner der Menschen ist, und ein Erhalter des menschlichen Geschlechts, alles Friedens und aller Ruhe, so hat er die Obrigkeit eingesetzt, als eine Arznei und Hilfe, um den gro\u00dfen \u00dcbeln der Menschen zu wehren, dass sie sich mit Angemessenheit und Gerechtigkeit zwischen die lege, die miteinander zanken, sie voneinander trenne, der b\u00f6sen und unangemessenen [unbillichen] Gewalt wehre, die Unschuldigen beschirme. Darum, wer diese g\u00f6ttliche Ordnung brechen oder aufheben wollte (wir Menschen w\u00fcrden dann allesamt zu Engeln), der w\u00fcrde nichts anderes, als eine Konfusion und Zerst\u00f6rung aller Dinge, und bewirken, dass wer es am besten verm\u00f6chte, der die fr\u00f6mmsten und andere alle unterdr\u00fccke und ausrottete. [Die Obrigkeit ist von Gott eingesetzt den Menschen zum Guten] Darum sehen wir aus allem, was wir bisher erz\u00e4hlt haben, ganz klar, dass die Obrigkeit von Gott eingesetzt ist, den Guten zu schirmen und den B\u00f6sen zu bestrafen, das hei\u00dft, zum Guten und zum Wohlstand aller Menschen. Dies wird unterst\u00fctzt davon, dass wir finden, dass von Anfang der Welt an stets Obrigkeiten gewesen sind. Des weiteren [item] befestigen solches die Zeugnisse der heiligen Schrift. Als dass Moses im Gesetz die Richter G\u00f6tter nennt und spricht, dass das Gericht Gottes sei. Aus welchen Worten auch Josaphat genommen hat, dass er zu den Richtern spricht [2. Chr. 19]: Sehet zu, was ihr tut. Dass ihr \u00fcbet das Gericht nicht f\u00fcr den Menschen, sondern f\u00fcr den Herrn. Und er ist mit euch im Gericht, darum lasst die Furcht des Herrn bei euch sein (usw.). Entsprechend hei\u00dft St. Petrus [1. Pet. 2.], der Obrigkeit gehorsam zu sein, um des Herrn willen, von welchem die selbige verordnet ist, zur Rache der B\u00f6sen und zum Lob der Frommen. So spricht auch Paulus, der Lehrer der Heiden [R\u00f6m. 13.]: Es ist keine Gewalt, als von Gott, und die Gewalt, die da ist, ist von Gott verordnet. Und wer der Gewalt widersteht, der widersteht der Ordnung Gottes. Wer aber dieser widersteht, der wird ein Urteil \u00fcber sich empfangen. Denn die Gewaltigen sind nicht denen, die Gutes tun, sondern den B\u00f6sen zur Furcht. Denn sie sind Diener Gottes, dir zum Guten, und zur Strafe dessen, der B\u00f6ses tut. Deshalb, wie gesagt, ist die Obrigkeit von Gott und ihr Amt gut, heilig, gottgef\u00e4llig, recht, n\u00fctzlich und notwendig allen Menschen, und die so von der Obrigkeit sind, und dies Amt wohl und recht verwalten, die sind Freund, Diener und auserw\u00e4hlte Werkzeuge Gottes, durch die Gott das Heil und den Wohlstand der Menschen wirkt und ausrichtet. Dessen wir Exempel haben an Adam, an allen Erzv\u00e4tern, an unserem Vater Noah, an Josef, an Mose, an Josua, am Gideon, Samuel, David, Josaphat, Hesekiel, Josia, Daniel, und vielen anderen. Auch die nach den Zeiten unseres Herrn Jesus Christus das Amt der Obrigkeit verwaltet haben.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Gute und b\u00f6se Obrigkeit.<\/h2>\n\n\n\n<p>Es gibt aber haupts\u00e4chlich zweierlei Obrigkeit: gute und b\u00f6se. Eine gute Obrigkeit ist eine, die ordentlich gew\u00e4hlt wurde und auch ihr Amt recht verwaltet. Eine b\u00f6se Obrigkeit ist eine, die nicht durch ordentliche Mittel in das Regiment gekommen ist, und die das selbige auch nicht recht, sondern nach ihrem Mutwillen verwaltet. [Ob auch die b\u00f6se Obrigkeit von Gott sei] Hier aber entsteht eine Frage: Ob die b\u00f6se und tyrannische Obrigkeit auch von Gott sei? Antwort: Gott ist nicht eine Ursache des B\u00f6sen, sondern des Guten. Denn Gott ist von Natur gut, und all sein Vornehmen ist gut und dient zum Guten und zum Heil, nicht zum Schaden und Verderben des Menschen. Also ist auch die Obrigkeit, als eine gute, n\u00fctzliche Ordnung, ohne allen Zweifel von GOTT, der ein Ursprung und Brunnen alles Guten ist. Da muss man aber unterscheiden zwischen der Ordnung Gottes, das ist, dem Amt an sich, und der Person, die das Amt, das an sich selbst gut ist, nicht verrichtet, wie sie sollte. Wenn also in der Obrigkeit B\u00f6ses gefunden wird, und nicht das Gute, weswegen sie eingesetzt ist, so entspringt dieses B\u00f6se aus anderen Ursachen und tragen andere Schuld daran, n\u00e4mlich die Personen oder Menschen, die Gott nicht folgen, und die gute Ordnung missbrauchen. Und: An Gott, oder der Ordnung Gottes, ist an sich gar keine Schuld. Denn entweder ist da ein Oberster, der in sich selbst b\u00f6se und von dem Teufel verf\u00fchrt ist, der die Wege Gottes verletzt und diese von sich aus mutwillig \u00fcbertritt, so dass er besser ein teuflischer als denn ein g\u00f6ttlicher Herrscher [Gewalt] genannt wird. So wie wir dies sehen bei der Obrigkeit Jerusalems, welche wohl den Anfang und Ursprung ihrer Gewalt bis auf Mose, ja auf GOTT selbst h\u00e4tte zur\u00fcckf\u00fchren [rechnen] k\u00f6nnen, welche aber den Herrn Christum in dem Garten verhaften und binden lie\u00dfen, so dass der Herr zu ihren Dienern sagte [Luk. 22]: Ihr seid wie zu einem M\u00f6rder mit Schwertern und Stangen [Kolben] ausgegangen. Ich bin t\u00e4glich bei euch im Tempel gewesen und ihr habt keine Hand an mich gelegt. Aber dies ist eure Stunde und die Gewalt der Finsternis.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Siehe, da nennt er die ordentliche Obrigkeit, die aber ihre Gewalt missbrauchte, eine Gewalt des Teufels.&nbsp;Was k\u00f6nnte Klareres geredet werden? Solches redet der Herr aber nicht betreffs des Amtes, sondern betreffs ihrer Personen. Also war wohl das R\u00f6mische Reich von Gott verordnet, wie wir das aus den Gesichten des Propheten Daniels ersehen. Doch so, wie Nero regierte, tat er dies nicht aus Gott, wenn auch nicht ohne Gottes Ordnung, sondern aus dem Teufel, obschon er ein K\u00f6nig und ein Kaiser war, weil er nicht tat, was ein guter Herr und Oberer tun soll. Denn wie anders als aus dem Teufel war es, dass er die Apostel Christi kreuzigte und enthauptete und eine blutige Verfolgung der Kirchen Christi anfing.&nbsp;Also muss man aufpassen, dass man eine tyrannische Gewalt nicht als eine g\u00f6ttliche verteidige. Denn eine tyrannische Regierung ist aus dem Teufel und nicht aus Gott, und Tyrannen sind eigentlich nicht Gottes, sondern des Teufels Diener.&nbsp;Oder es begibt sich, dass ein Volk wegen seines ung\u00f6ttlichen, lasterhaften Lebens es verdient, einen Tyrannen als K\u00f6nig zu haben. Aber auch hier kommt Gott keine Schuld zu, sondern den s\u00fcndigenden Menschen, derentwegen Gott solches verh\u00e4ngte, und einen Angeber [Glei\u00dfner] zu ihrem Regenten macht. Hier ist also die b\u00f6se Obrigkeit von Gott, wie auch Aufruhr, Krieg, Pestilenzen, Hagel, Frost [reyffen?] und anderen Plagen und Ungl\u00fcck der Menschen von Gott sind: Als Strafen der S\u00fcnden und Laster, wie auch Gott selbst spricht [Jes. 3.]: Ich will ihnen Kinder zu F\u00fcrsten geben und junge Kinder werden \u00fcber sie herrschen, darum, dass ihre Reden und Ratschl\u00e4ge wider den Herrn sind, um das Angesicht seiner Majest\u00e4t zu erz\u00fcrnen. Also hat Gott wider sein Volk und Stadt die grausamen K\u00f6nige der Assyrer und Babylonier erweckt: Weil sie seinem Wort nicht folgten und nicht taten, was sie sollten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein getreuer Rat f\u00fcr alle Unterdr\u00fcckten<\/h2>\n\n\n\n<p>Wie aber nun die Untertanen gegen\u00fcber solchen schrecklichen [grimmigen]und rohen F\u00fcrsten und Tyrannen gesinnt sein sollen, lernen wir aus dem Exempel Davids, Jeremias und den heiligen Aposteln. David wusste wohl, wer Saul war, n\u00e4mlich ein gottloser und grausamer Totschl\u00e4ger, vor dem er fliehen musste[?]. Und obwohl er ein- oder zweimal die Gelegenheit hatte, dass er ihn wohl h\u00e4tte umbringen k\u00f6nnen, tat er es doch nicht, sondern verschonte ihn und ehrte ihn als seinen Vater. Genauso Jeremia, der f\u00fcr den Jojakim und den Zedekia betete, obwohl sie beide gottlose K\u00f6nige waren, und ihnen gehorsam war, solange es nicht wider Gott war. Dann auch vorher, als ich von dem Gebot der Verehrung der Eltern geredet hatte,&nbsp;hatte ich aus der Schrift gezeigt, dass man den Geboten der Gottlosen, die wider Gott sind, nicht gehorchen solle. Denn es ziemt keiner Obrigkeit, dass sie etwas tue und vornehme, das wider das Gesetz Gottes und der Natur ist.&nbsp;Wie sich auch die heiligen Apostel gegen die tyrannischen Obrigkeiten gehalten haben, bezeugen ihre Geschichten. Welche durch Tyrannei gedr\u00e4ngt, ja von gottlosen, lasterhaften Obrigkeiten wider alle Angemessenheit und alles Recht unterdr\u00fcckt werden, die fassen diesen Rat.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aufs Erste<\/strong>&nbsp;bedenken sie, welch gro\u00dfe S\u00fcnden die Abg\u00f6tterei und Schn\u00f6digkeit und Unzucht vor Gott sind, mit welchen sie den Zorn und die Strafe Gottes verdient und wohl verschuldet haben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Danach<\/strong>&nbsp;bedenken sie auch, dass GOTT mit solcher Gei\u00dfel und Ruten nicht aufh\u00f6ren wird, wo sie den falschen Gottesdienst nicht von sich tun und ihr Leben bessern. Darum ist es notwendig, dass man vor allen Dingen die Religion recht anrichte und reformiere und das Leben \u00e4ndere und bessere.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Danach<\/strong>&nbsp;soll man auch ernstlich und emsig beten, dass Gott die Unterdr\u00fcckten erretten und aus dem \u00dcbel erl\u00f6sen wolle. Denn diesen Rat gibt auch der Herr selbst den Unterdr\u00fcckten in Lukas im achtzehnten Kapitel und verhei\u00dft dabei eine sichere Hilfe und Erl\u00f6sung [V. 7\u20138a]. Was aber und wie die Unterdr\u00fcckten beten sollen, davon haben wir h\u00fcbsche Beispiele und Formeln in Daniels neuntem und der Apostelgeschichte viertem Kapitel. Unterdessen sollten alle Herzen, die also beschwert sind, auch dessen eingedenk sein, dass die vornehmsten Apostel Christi, sowohl Petrus wie Paulus, gelehrt haben, da jener spricht [2. Pet. 2. | 1. Kor. 10.]: Gott kann die Seinen wohl aus Tr\u00fcbsalen erretten, wie er auch den Lot gerettet hat. Dieser aber spricht: Gott ist treu, der die Seinen nicht wird lassen versucht werden \u00fcber das hinaus, was sie ertragen m\u00f6gen, sondern wird neben der Versuchung einen gl\u00fcckseligen Ausgang geben, damit sie es ertragen m\u00f6gen. Dabei sollen sie auch des Gef\u00e4ngnisses des Volkes Gottes gedenken, als sie siebzig ganze Jahre in Babylonien gefangen gewesen waren. Item der sch\u00f6nen Tr\u00f6stungen, mit denen sie getr\u00f6stet worden waren, welche Jesaja in seiner Prophetie vom vierzigsten an bis zum neunundvierzigsten Kapitel beschreibt. Wir sollen eingedenk sein, dass der Herr gut, gn\u00e4dig und allm\u00e4chtig ist, weshalb er uns wohl zu helfen vermag. Und er kennt auch viele Mittel, uns zu helfen. Sehen wir nur zu, dass wir die Tyrannen nicht mit unserem vermessenen [schn\u00f6den] und gottlosen Leben st\u00e4rken. Es mag der Herr die Herzen und Gem\u00fcter der Regenten (weil die Herzen der K\u00f6nige in seiner Hand wie Wasserb\u00e4che sind, die er leiten kann, wohin er will) bald \u00e4ndern, so dass die, die bisher am grausamsten gegen uns gewesen waren, von Stund an g\u00fctig und freundlich werden. Und jene, die die wahre Religion aufs grausamste verfolgt haben, werden von nun an (die ehemals Verfolgten) aufs Allerinbr\u00fcnstigste lieben und mit gr\u00f6\u00dftem Flei\u00df f\u00f6rdern. Davon haben wir sehr h\u00fcbsche und klare Zeugnisse in den Geschichtsb\u00fcchern der K\u00f6nige. Item in den B\u00fcchern Esra und Nehemia, auch in der Prophezeiung Daniels. Auch bei Nebukadnezar [Nabuchodonosor], der sich erdreistete, die getreuen und tapferen M\u00e4rtyrer Gottes im feurigen Ofen zu braten und zu vertilgen wegen ihres wahren Glaubens. Aber bald ward er ein anderer und lobte Gott, dass er sie im Feuer erhalten hatte, und fachte selbst durch ver\u00f6ffentlichtes Edikt und Mandat an, den wahren Gott und die wahre Religion zu predigen und auszubreiten. Ebenso Darius, der Sohn Assyriens, der Daniel in die L\u00f6wengrube werfen lie\u00df. Aber Gott \u00e4ndert ihn gleich derma\u00dfen, dass er ihn wieder herauszog und alle Feinde Daniels in die selbe Grube den L\u00f6wen zum Zerrei\u00dfen vorwarf. Kyrus, der allergewaltigste K\u00f6nig der Perser, f\u00f6rderte ebenso die wahre Religion. Item Darius Hystaspes, der mit Beinamen Artaxerxes genannt wird, der dem Volk Gottes vortrefflich half in ihrem Vorhaben, die Stadt und den Tempel zu Jerusalem wieder aufzubauen. Darum sollen wir an der Hilfe Gottes niemals zweifeln. So plagt auch etwa GOTT die Tyrannen oder nimmt sie gar hinweg durch schnelle und grausam schreckliche Krankheiten. [Tyrann: t\u00f6dte.] Wir sehen das daran, wie es dem Antiochio, dem gro\u00dfen Herodes und seinem Enkel Herodes Agrippa, ebenfalls dem Marentio und anderen Gottes und der Welt Feinden ergangen ist. Manchmal erweckt Gott auch Helden und tapfere M\u00e4nner, die solche Tyrannen t\u00f6ten und das Volk Gottes erl\u00f6sen. Viele Beispiele davon stehen im Buch der Richter und der K\u00f6nige. Damit aber diese Beispiele nicht missbraucht werden, muss man dabei auf die Berufung Gottes sehen. Denn welcher diese nicht hat, oder vor dieser Berufung etwas anfacht, der wird mit seinem Umbringen der Tyrannen nichts schaffen noch ausrichten; vielmehr ist zu bef\u00fcrchten, dass er es nur noch schlimmer macht. Soweit zu diesem Thema. <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Von Erw\u00e4hlung der Obrigkeit.<\/h2>\n\n\n\n<p>Damit ich aber wieder auf mein vorgenommenes Thema komme, ist auch etwas zu sagen von der Erw\u00e4hlung der Obrigkeit und dabei zum Ersten, wem es zusteht und geb\u00fchrt, die Obrigkeit zu setzen und zu erw\u00e4hlen. Danach: Wen und was f\u00fcr Leute man dazu erw\u00e4hlen solle. Und zum letzten: Vom Einsetzen und Vorstellen derer, die erw\u00e4hlt wurden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wem zusteht, die Obrigkeit zu erw\u00e4hlen.<\/h3>\n\n\n\n<p>Vom ersten St\u00fcck, wem es zustehe und geb\u00fchre, die Obrigkeit zu erw\u00e4hlen, da sollte [mag] kein festes Gesetz noch eine Regel gegeben oder vorgeschrieben werden. Denn an etlichen Orten erw\u00e4hlt die Allgemeinheit [ein gange gemein] die Obrigkeit. An etlichen w\u00e4hlen aber die Oberen einander selbst. An etlichen Orten werden die F\u00fcrsten aus Geburt zu Oberherren. Bei diesen Ordnungen soll man bleiben und diesbez\u00fcglich keine Unruhe oder Neuerung verursachen. Denn gew\u00f6hnlicher Weise werden einem jeglichen Reich und einer jeden Stadt ihre alten Br\u00e4uche und Gewohnheiten gelassen, es sei denn, dass solche Br\u00e4uche und Gewohnheiten gar unangemessen oder unertr\u00e4glich sind. Wo aber F\u00fcrsten aus einem Stamme oder Geschlecht her geboren werden, da soll man Gott stets treulich anrufen und bitten, dass er gute F\u00fcrsten geben wolle.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Was f\u00fcr Leute zur Obrigkeit sollen erw\u00e4hlt werden. Exod. 18.<\/h3>\n\n\n\n<p>Zum anderen aber: Wen oder was f\u00fcr Leute man dazu erw\u00e4hlen soll, das stellt uns Gott selbst vor mit diesen Worten: Siehe dich um unter allem Volk nach redlichen Leuten, die gottesf\u00fcrchtig, wahrhaftig und des Geizes Feind sind. Die setze \u00fcber sie zu Oberen \u00fcber Tausend, \u00fcber Hundert, \u00fcber F\u00fcnfzig und \u00fcber Zehn, dass sie das Volk allezeit richten. Da fordert Gott vier Dinge an einem guten Ratsherren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zum ersten<\/strong>, dass er ein beherzter, tapferer, redlicher Mann sei, das hei\u00dft, dass er dasjenige verrichten m\u00f6ge, wozu er erw\u00e4hlt wird. Das Verm\u00f6gen steht aber mehr im Gem\u00fct, als denn in Leibeskr\u00e4ften und G\u00fctern. Denn es wird hierbei gefordert, dass er nicht ein Tor sei, sondern weise und erfahren. Gleich wie auch von einem Hauptmann oder Heerf\u00fchrer gefordert wird, dass er eine Ordnung machen k\u00f6nne, und an einen Fuhrmann, dass er den Wagen leiten k\u00f6nne. Also auch an einen Oberen, das er das Regiment verwalten k\u00f6nne. Dabei wird dann auch Tapferkeit gefordert, dass er sich auch dessen annehme  [des d\u00f6rffe unterstehen?], das er kann und versteht. Denn dieses Amt bedarf gro\u00dfer Tapferkeit und Geduld. <\/p>\n\n\n\n<p>[Eine Obrigkeit soll rechtgl\u00e4ubig sein.]&nbsp;<strong>Zum anderen<\/strong>&nbsp;wird gesetzt, das anerkannterma\u00dfen das vornehmste und gr\u00f6\u00dfte ist, n\u00e4mlich, dass er gottesf\u00fcrchtig sei, rechtgl\u00e4ubig, nicht abergl\u00e4ubisch. Keiner, der mit Abg\u00f6tterei umhergeht, wird das Regiment erhalten, sondern es vielmehr verderben. Und wie Gottlose eben sind: Sie werden die Wahrheit und die Religion nicht f\u00f6rdern, sondern verfolgen sie und rei\u00dfen sie aus.&nbsp;Darum sollen wir die erw\u00e4hlen, die der wahren Lehre anh\u00e4ngen und gesunden Glaubens sind, die dem Wort Gottes glauben und wissen, dass Gott stets bei den Menschen zugegen ist und einem jeden vergilt nach seinem Verdienst.&nbsp;Darum bekennt auch der Kaiser Justinianus in seinen Nouellis Constitut. 109. \u00f6ffentlich, dass sein ganzer Schirm von Gott sei, warum es auch angemessen sei, dass alle Gesetze und Ordnung auf ihn sehen. Und gleich darauf: Es wei\u00df ein jeder, dass die, welche vor uns das Kaisertum verwaltet haben, wie Leo seligem Ged\u00e4chtnis, und der teure F\u00fcrst Justinus unser Vater, in ihren Constitutionibus und Ordnungen \u00fcberall verboten haben allen Ketzern, das diese zu keinem Heerzug angenommen noch Gemeinschaft haben sollen in der Verwaltung der allgemeinen \u00c4mter, damit sie nicht durch Anlass des Mitreisens oder durch Verwaltung allgemeinen Handels und Gesch\u00e4ften den Glauben und die Einigkeit der heiligen Katholischen und Apostolischen Kirchen zertrennen und verderben. Und solches haben auch wir getan. Dies schreibt gedachter Kaiser. Und zwar:&nbsp;Wer gottesf\u00fcrchtig ist, der ruft Gott an und empf\u00e4ngt auch Weisheit von Gott. Und wenn die Oberen Freunde Gottes sind, und sich oft mit Gott besprechen, so ist gute Hoffnung,&nbsp;&nbsp;dass es ein seliges Regiment sein werde. Hingegen ist nichts anderes zu erwarten als alles Ungl\u00fcck, wenn Feinde Gottes im Regiment sind.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zum Dritten<\/strong>&nbsp;wird auch erfordert vom jemand, den man zur Obrigkeit berufen und erw\u00e4hlen soll, dass er wahrhaftig sei, nicht ein Blender\/Gro\u00dfmaul [glei\u00dfner], nicht ein L\u00fcgner, Betr\u00fcger, arglistig, der aus einem Munde Kaltes und Warmes blasen k\u00f6nnte, sondern dass er treu, einf\u00e4ltig, offenbar und aufrichtig [auffrecht] sei. Dass er nicht mehr verspreche, als er halte. Dass er den Eid nicht gering achte oder eidbr\u00fcchig sei. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zum Vierten:<\/strong> Dieweil viele in der Obrigkeit nichts anderes suchen als Reichtum und Mehrung ihres zeitlichen Guts, so hei\u00dft Gott, dass solche abbestellt werden sollen, und er verbietet allen guten Oberen den Geiz, ja, er fordert, dass sie den Geiz hassen. Gleich wie er auch an einem anderen Ort verbietet, Gaben zu nehmen, sondern auch gebietet, dass man solche ausschlagen soll. Denn Geiz und Gabensucht sind ein Verderbnis auch der guten Obrigkeit.&nbsp;Wer geizig ist und Geschenke liebt, der ist k\u00e4uflich [dem ist es alles feyl], Gericht und Recht, Rechtsspr\u00fcche, Freiheit, Gerechtigkeit, ja das Vaterland selbst.&nbsp;Und obwohl Gott hier nur das allersch\u00e4dlichste Laster nennt, so ist doch kein Zweifel, dass er damit auch andere dergleichen Laster und Untugenden verbietet und will, dass dieselben weit von einer guten Obrigkeit entfernt seien, als da sind: Hoffart, Missgunst, Neid, Hass, Zorn, Spielsucht, V\u00f6llerei, Trunkenheit, Hurerei, Ehebruch, und was dergleichen mehr ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese jetzt herangezogene Stelle wird auch durch andere Stellen des Gesetzes erkl\u00e4rt, wenn man sie gegen\u00fcber stellt. So wie Mose in Deuteronomium [5. Buch Mose] im 1. Kapitel zum Volk spricht: Schaffet her weise und verst\u00e4ndige Leute, die unter euren St\u00e4mmen bekannt sind. In welchen Worten Mose abermals drei Dinge erfordert an denen, die man zur Obrigkeit setzen will.&nbsp;<strong>Zum ersten<\/strong>, dass sie weise seien. Der Anfang aber der Weisheit ist die Furcht Gottes. Darum soll man solche Leute anstellen [ordnen], die Gottes und der wahren Religion Freund seien, die auch weise und witzig, nicht Toren und Narren sind.&nbsp;<strong>Zum anderen<\/strong>, dass sie verst\u00e4ndig seien, das hei\u00dft vorsichtig, wohlge\u00fcbt durch lange Erfahrung in allerlei Belangen [h\u00e4ndeln], dass sie jede zufallende Sache nach Verm\u00f6gen der Satzungen richten.&nbsp;<strong>Zum Dritten<\/strong>, dass sie bekannt seien, das ist, dass deren Fr\u00f6mmigkeit und Redlichkeit jedermann offenbar sei, dass von ihrem so angetriebenen und gef\u00fchrtem Leben und ihren Sitten im Wesentlichen nichts als Gutes bekannt und bezeugt sei. Dass sie auch gro\u00dfen Ansehens seien, nicht verachtet als leichtfertige, unn\u00fctze Leute.<\/p>\n\n\n\n<p>In Numeri im 27. Kapitel spricht Mose: Der Herr, der Gott der Geister allen Fleisches, wolle einen Mann setzen \u00fcber die Gemeinde, der vor ihnen aus- und eingehe und sie aus- und einf\u00fchre, dass die Gemeinde des Herrn nicht sei wie Schafe, die keinen Hirten haben [V. 15\u201317]. Aus diesen Worten des teuren Propheten Gottes wir auch lernen, wen man zur Obrigkeit erw\u00e4hlen, und wie auch dasselbige geschehen solle. Moses bittet zum Herrn um einen geschickten Mann. Also sollen auch wir Gott, den Erforscher aller Herzen, bitten und anrufen, dass er solche Leute gebe, an denen kein Mangel oder Fehl sei. Denn wir werden oft an der \u00e4u\u00dferen Gestalt eines Menschen betrogen, dass wir etwa einen f\u00fcr einen frommen, aufrichtigen, gottesf\u00fcrchtigen Mann halten, der aber nichts als ein gro\u00dfer Scheinheiliger [glei\u00dfner] ist. Gott allein aber kennt die Herzen, den soll man bitten, dass er uns im Erw\u00e4hlen nicht irren oder fehlen lasse. Keiner wird aber besser sein, als einer, welcher den heiligen Geist Gottes hat, und derselbe soll dann auch in allen Dingen und Handlungen tun und lassen sein. Faulb\u00e4uche richten und treiben nur andere Leute an und sehen darauf, dass sie nie an die Spitze gestellt werden. Es ist auch sehr unrecht und unangemessen [unbillich], wenn einer anderen Leuten viel vorschreibt, er aber niemals etwas Rechtes oder Gutes tut. Einer, der zur Obrigkeit erw\u00e4hlt ist soll ein Hirte sein, der Tag und Nacht wache und h\u00fcte, dass die Herde Gottes nicht in Gefahr komme oder zerstreut oder verderbt werde. Aus diesem Grunde sind nur solche dem Volk Gottes als Oberste zu setzen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Von der Vorstellung oder Einsetzung der Obrigkeit.<\/h3>\n\n\n\n<p>Zuletzt noch, was die Vorstellung oder Einweihung der Obrigkeit betrifft, gibt es unterschiedliche Gebr\u00e4uche hin und her, sei es in St\u00e4dten oder L\u00e4ndern. Jedes Volk aber sei frei gelassen in seinen Gewohnheiten. Doch ist das der beste Brauch, wo man am allerwenigsten \u00e4u\u00dferliches Gepr\u00e4nge, aber am allermeisten das Gebet braucht. Es ist aber nicht ohne Frucht, sondern n\u00fctzlich, dass man die, die zur Obrigkeit erw\u00e4hlt sind, mit einer gewissen und ziemlichen Zeremonie einsetze und vorstelle, und dies vor dem ganzen Volk, damit ein jeder wisse, welche V\u00e4ter des Volkes seien, und welchen er die Ehre schuldig sei, welchen er gehorsam sein solle und f\u00fcr welche er beten solle. Also ist auch unter dem Volk Gottes eine bestimmte Zeremonie gewesen, die sie gebraucht haben, um ihre K\u00f6nige und die Obrigkeiten einzuweihen. Welches gewisslich von Gott nicht vergeblich, sondern n\u00fctzlich und von notwendigen Ursachen wegen befohlen und eingesetzt worden ist. Was aber weiter von der Obrigkeit zu reden ist, wollen wir uns aufsparen bis morgen, jetzt aber den Herrn loben und anrufen. Ihm sei Lob und Ehre in Ewigkeit. Amen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><strong>Textquelle:<\/strong>&nbsp;Heinrich Bullinger (1504\u20131575):&nbsp;<em>Hau\u00dfbuch. Die Sechzehende Predig<\/em>&nbsp;(Heidelberg: Martinum Agricolam, 1568), Doppelseiten LXXIIII\u2013LXXVIII. Diese Predigt ist auf Doppelseite LXXI \u00fcberschrieben mit: <strong>\u00bbVon dem anderen Gebot der anderen Tafel, welches in der Ordnung der Zehn Gebote das Sechste ist, n\u00e4mlich: Du sollst nicht t\u00f6ten. Item von der Obrigkeit.\u00ab <\/strong>Der Drucktext wurde 2021 behutsam in verst\u00e4ndlichere Rechtschreibung und Formulierung \u00fcbertragen. \u00dcberschriften und Fettdruck hinzugef\u00fcgt, Kursivschrift im Original. Marginalien im Original stehen fettgedruckt in eckigen Klammern oder wurden als \u00dcberschriften verwendet. Alle sonstigen Erg\u00e4nzungen in eckigen Klammern wurden hinzugef\u00fcgt. Verbesserungs- und Korrekturhinweise willkommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1568 ver\u00f6ffentlichte der Schweizer Reformator Heinrich Bullinger (1504\u20131575, Nachfolger Ulrich Zwinglis in Z\u00fcrich) sein \u201eHau\u00dfbuch\u201c mit einer Reihe von Predigten. Eine dieser Predigten, die sechzehnte, besch\u00e4ftigte sich im Rahmen einer Betrachtung \u00fcber die Zehn Gebote mit der Obrigkeit. Der folgende Text ist dem gedruckten Predigttext entnommen und sprachlich etwas unserer Schreibweise angepasst worden. \u00bbWas die &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/logikos.club\/?p=2334\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eHeinrich Bullinger: Von der Obrigkeit\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":2344,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_exactmetrics_skip_tracking":false,"_exactmetrics_sitenote_active":false,"_exactmetrics_sitenote_note":"","_exactmetrics_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[13,93,49],"tags":[78,76,77,80,79,81],"class_list":["post-2334","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-predigten","category-top12","category-zitate","tag-obrigkeit","tag-reformator","tag-regierung","tag-staatskunde","tag-tyrannen","tag-untertan"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logikos.club\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2334","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logikos.club\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/logikos.club\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logikos.club\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logikos.club\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2334"}],"version-history":[{"count":17,"href":"https:\/\/logikos.club\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2334\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2592,"href":"https:\/\/logikos.club\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2334\/revisions\/2592"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logikos.club\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2344"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logikos.club\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2334"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/logikos.club\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2334"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logikos.club\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2334"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}