{"id":1269,"date":"2019-10-30T16:21:00","date_gmt":"2019-10-30T15:21:00","guid":{"rendered":"https:\/\/logikos.club\/?p=1269"},"modified":"2023-01-18T22:36:05","modified_gmt":"2023-01-18T21:36:05","slug":"400-jahre-synode-in-dordrecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/logikos.club\/?p=1269","title":{"rendered":"400 Jahre Synode in Dordrecht"},"content":{"rendered":"\n<p>Vor vierhundert Jahren sa\u00dfen im holl\u00e4ndischen Dordrecht (auch: Dordt, Dort) von November 1618 bis Fr\u00fchjahr 1619 rund einhundert Vertreter verschiedener nationaler Kirchen zu Beratungen bei der <strong>ersten und einzigen gesamteurop\u00e4ischen Synode der Reformierten<\/strong> zusammen. Das Ergebnis dieser europaweiten Synode wurde in der sog. &#8222;<strong>Lehrregel von Dordrecht<\/strong>&#8220; zusammengefasst. Gek\u00fcrzte (und oft verf\u00e4lschte) Zusammenfassungen der Lehrregel werden bis heute unter der moderneren Bezeichnung &#8222;Die f\u00fcnf Punkte (des Calvinismus [1])&#8220; oder dem Akronym &#8222;TULIP&#8220; [2] diskutiert. Der vierhundertste Geburtstag  der Lehrregel wurde 2019 in den Niederlanden feierlich begangen, in Deutschland blieb er in den protestantischen Glaubenskreisen eher unterbelichtet, zumal sich in den letzten Jahrzehnten in den protestantischen Freikirchen eine ausgepr\u00e4gt anticalvinistische Kultur breitgemacht hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Reformation war damals schon einhundert Jahre alt, die gegens\u00e4tzlichen Glaubens\u00fcberzeugungen der alten R\u00f6misch-katholischen Kirche und der Reformatorischen Kirchen hatten sich bis in die weltlichen Herrschaftsstrukturen hinein verfestigt. Glaubensstreit war meist auch politischer Streit und <em>vice versa<\/em>. Mithin war Glaubensstreit auch Bedrohung f\u00fcr die Einheit im Staat. Wer w\u00fcrde gewinnen: Die Reformation oder die Gegenreformation? Aus der zun\u00e4chst akademischen Debatte wurde ein bedeutender theologischer Streit, der sich ausweitete und die Kirche zu spalten drohte. Die Spannung in der niederl\u00e4ndischen Gesellschaft wurde so gro\u00df, dass ein B\u00fcrgerkrieg eine ernste M\u00f6glichkeit darstellte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der konkrete Streit war durch Nachfolger des Leidener Professors f\u00fcr Theologie, &nbsp;<strong>Jacobus Arminius<\/strong>&nbsp;(lat. f\u00fcr <strong>Hermanszoon<\/strong>, 1559\/60\u20131609)&nbsp;entstanden. Diese sog. &#8222;Remonstranten&#8220; (&#8222;Protestler&#8220;) forderten um 1610 eine Revision der reformierten niederl\u00e4ndischen Bekenntnistexte, da sie abweichende Ansichten zum Heidelberger Katechismus und dem Niederl\u00e4ndischen\/ Belgischen Glaubensbekenntnis entwickelt hatten, den beiden verbindlich geltenden Glaubensbekenntnissen. Entsprechend den r\u00f6m.-kath. Auffassungen von verdienstvoller Gnade und menschlicher Mitwirkung an der Rechtfertigung (Vermischung von Rechtfertigung mit Heiligung) wurde von den Remonstranten das Mitwirken des Menschen an seinem Seelenheil wichtig. Die Zentralit\u00e4t und Souver\u00e4nit\u00e4t Gottes als Retter war ihnen zusehend anst\u00f6\u00dfig geworden, denn er stelle Gott als Tyrann dar. So formulierten sie f\u00fcnf Positionen, die dann von der Synode diskutiert und in der Lehrregel systematisch in f\u00fcnf &#8222;Lehrst\u00fccken&#8220; mit jeweils positiven Artikeln der Lehre und negativen Verwerfungen der Irrt\u00fcmer insgesamt zur\u00fcckweisend beantwortet wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist still geworden um die Synode von&nbsp;Dordrecht. Das liegt nat\u00fcrlich auch an den Lehrs\u00e4tzen, die damals verabschiedet wurden. F\u00fcr die Mehrzahl der Evangelikalen sind die &#8222;Lehrst\u00fccke&#8220; inhaltlich und vom Wortlaut her weitgehend fremd geworden. Man kennt sie meistens nur noch aus polemischen Darstellungen der sog. \u201eF\u00fcnf Punkte (des Calvinismus)&#8220; aus anticalvinistischer Quelle. Die best\u00e4ndigen Bem\u00fchungen zur Re-romanisierung des Glaubens sind auch nach 400 Jahren noch wirksam und erfolgreich. Der Zeitgeist des &#8222;Der Mensch im Mittelpunkt&#8220;, der G\u00f6tze des &#8222;[absolut] freien Willens&#8220; und die individualistische Kultur des Westens liefern ideologischen R\u00fcckenwind. <\/p>\n\n\n\n<p>Wo die Heilige Schrift nicht die alleinige Basis und Quelle unserer Gedanken und unseres Glaubens bildet, und das war das Anliegen der Reformatoren, machen sich schleichend allerlei andere Gedanken breit. Martin Luther sagte es mit der ihm eigenen kr\u00e4ftigen Sprache: &#8222;<em>Wer nicht die Heilige Schrift hat, muss sich mit seinen [eigenen]  Gedanken begn\u00fcgen. Wer keinen Kalk hat, mauert mit Dreck<\/em>.&#8220; (vgl. Jesaja 55,8).<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr eine wieder gr\u00f6\u00dfer werdende Anzahl von Menschen und Gemeinden beschreiben die &#8222;Lehrs\u00e4tze&#8220; (engl. <em>canons<\/em>) die <strong>&#8222;Lehren der Gnade [Gottes]&#8220;<\/strong> (engl. &#8222;<em>Doctrines <\/em>of Grace&#8220;). Sie sehen in der Heiligen Schrift \u00fcberall das gro\u00dfartige, sich Selbst verschenkende Wesen Gottes, der rechtm\u00e4\u00dfig verdammten S\u00fcndern durch das Opfer seines eigenen, allerliebsten Sohnes die Erl\u00f6sung von S\u00fcnden und Schuld erkauft hat. Das ist mehr, als die beste Gerechtigkeit liefern konnte. Das ist Gnade. Das ist gro\u00dfartig und anbetungsw\u00fcrdig! Der Erl\u00f6ste wird dar\u00fcber ein Mensch der Freude und der Anbetung. Er hat auch allen Grund dazu! Mit Paulus erfasst er als <em>summa<\/em> und <em>finis<\/em> des Evangeliums, dass <strong>\u00bbvon ihm und durch ihn und f\u00fcr ihn alle Dinge sind\u00ab<\/strong>. Daher erf\u00fcllt es den Glaubenden zutiefst, diesem Gott ewig alle Ehre zu geben: <strong>\u00bbIhm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen.\u00ab <\/strong> (R\u00f6mer 11,36).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Anmerkungen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">[1] Der reformierte Glaube (&#8222;Calvinismus&#8220;) bestand noch nie aus nur &#8222;5 Punkten&#8220;, gar aus den unter &#8222;TULIP&#8220; dargestellten f\u00fcnf Punkten. Schon vorher waren die 129 Fragen und Antworten des <em>Heidelberger Katechismus<\/em> und das <em>Niederl\u00e4ndisch\/Belgische Glaubensbekenntnis <\/em>mit seinen 37 Artikeln verbindlich (das w\u00e4ren also zumindest 166 &#8222;Punkte&#8220;!). Die Lehrregel von 1619 mit ihren f\u00fcnf Lehrst\u00fccken f\u00fcgt diesen beiden Bekenntnisschriften nichts Neues hinzu, sondern wurde nur als Anwendung und Klarstellung des bestehenden reformatorischen Glaubens bez\u00fcglich der abweichenden Aussagen der Remonstranten verstanden. Nach der Synode wurde die Lehrregel dem verbindlichen Glaubensbekenntnis hinzugef\u00fcgt (damit w\u00e4ren es 171 &#8222;Punkte&#8220;!). \u2013 Auch das 1647 folgende englische Glaubensbekenntnis (<em>&#8222;The Westminster Confession of Faith&#8220;\u2013 <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.ligonier.org\/learn\/articles\/westminster-larger-catechism\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.ligonier.org\/learn\/articles\/westminster-larger-catechism\/\" target=\"_blank\">Larger Catechism<\/a><\/em>) enth\u00e4lt 196 (!) Fragen und Antworten, die <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.ligonier.org\/learn\/articles\/westminster-shorter-catechism\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.ligonier.org\/learn\/articles\/westminster-shorter-catechism\/\" target=\"_blank\">k\u00fcrzere Version<\/a> von 1648  immer noch 107 Fragen und Antworten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">[2] Das Akronym &#8222;TULIP&#8220; wurde wahrscheinlich erst 1905 von dem presbyterianischen Pastor und Theologieprofessor Cleland McAfee erfunden. Und weil <em>tulip<\/em> im Englischen f\u00fcr Tulpe steht, habe es etwas mit den Niederlanden zu tun. Das ist aber eher &#8222;getretener Quark&#8220; (Goethe). &#8222;TULIP&#8220; stammt jedenfalls sicher nicht von der Dordrechter Synode. Insofern ist es zumindest ein Anachronismus, wenn die &#8222;Lehrregel&#8220; von vor 400 Jahren praktisch mit dem &#8222;TULIP&#8220; des 20. Jahrhunderts gleichgesetzt wird. Meist geht eine Missrepr\u00e4sentation und Verzerrung der theologischen Inhalte damit einher.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Leseempfehlungen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><strong>Die Lehrregel von Dordrecht<\/strong>, zusammen mit dem Heidelberger Katechismus und dem Niederl\u00e4ndischen Glaubensbekenntnis, findet man in deutscher Sprache bei der SERK Heidelberg (Verein f\u00fcr Reformation in Deutschland e. V., 2010; <a href=\"http:\/\/www.serk-heidelberg.de\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/Bekenntnisbuch.pdf\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.serk-heidelberg.de\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/Bekenntnisbuch.pdf\">PDF<\/a>). \u2013 Die Lehrregel ist f\u00fcr die Kirche geschrieben worden, also nicht-akademisch, sie sind gut verst\u00e4ndlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><strong>Eine gut lesbare Darstellung der &#8222;Weichenstellung in Dordrecht&#8220;<\/strong> mit geschichtlichem Abriss und einer kurzen Besprechung der &#8222;F\u00fcnf Punkte&#8220; liefert Holger Lahayne auf seinem <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/lahayne.lt\/2019\/02\/05\/vor-400-jahren-weichenstellung-in-dordrecht\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/lahayne.lt\/2019\/02\/05\/vor-400-jahren-weichenstellung-in-dordrecht\/\" target=\"_blank\">Blog<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">CREDO Magazine (Vol. 9, Issue 3, 2019), zu lesen auf deren <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/credomag.com\/magazine_issue\/dort-at-400\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/credomag.com\/magazine_issue\/dort-at-400\/\" target=\"_blank\">Website<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor vierhundert Jahren sa\u00dfen im holl\u00e4ndischen Dordrecht (auch: Dordt, Dort) von November 1618 bis Fr\u00fchjahr 1619 rund einhundert Vertreter verschiedener nationaler Kirchen zu Beratungen bei der ersten und einzigen gesamteurop\u00e4ischen Synode der Reformierten zusammen. 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