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Martin Luther: Predigt am dritten Sonntag nach Epiphanias (22.01.1525)
Evangelium: Matthäus 8,1–13
Der Aussätzige empfängt Gnade durch Glauben
[S. 50] Zwei Exempel des Glaubens und der Liebe lehrt uns das Evangelium: eines im Aussätzigen, das andere im Hauptmann. Den Aussätzigen lasst uns zuerst ansehen. So kühn wäre der Aussätzige nicht gewesen, dass er zum Herrn gegangen wäre und gebeten hätte, rein zu werden, wenn er nicht von ganzem Herzen darauf vertraut und sich darauf verlassen hätte, Christus werde so gütig und gnädig sein und ihn reinigen. Denn weil er aussätzig war, hatte er Ursache, sich zu scheuen. Dazu gebot das Gesetz den Aussätzigen, sich nicht unter die Leute zu begeben. Dennoch dringt er hinzu, ungeachtet des Gesetzes und der Leute und dessen, wie rein und heilig Christus ist.
Da sieh, wie sich der Glaube zu Christus stellt. Er stellt sich nichts anderes vor als die bloße Güte und Gnade Christi, die er umsonst, ohne allen Verdienst, sucht und empfängt. Denn man kann hier nicht sagen, der Aussätzige habe durch seine Reinheit verdient, zu Christus zu kommen, mit ihm zu reden und seine Hilfe anzurufen. Ja, eben weil er seine Unreinheit und Unwürdigkeit fühlt, geht er desto mehr zu ihm und sieht allein auf Christi Güte. Das heißt rechter Glaube, eine lebendige Zuversicht auf Gottes Güte. Welches Herz so tut, das glaubt recht. Welches das nicht tut, das glaubt nicht recht. So tun diejenigen, die nicht allein Gottes Güte [S. 51] vor Augen haben, sondern sich zuerst nach ihren guten Werken umsehen, damit sie der Güte wert wären und sie verdienten. Die werden auch niemals kühn, Gott ernstlich anzurufen oder zu ihm zu treten.
Nun wäre diese Zuversicht oder dieser Glaube oder diese Erkenntnis der Güte Christi in diesem Aussätzigen nicht aus eigener Vernunft entstanden, wenn er nicht zuvor gute Kunde von Christus gehört hätte: wie gütig, gnädig und barmherzig er sei, wie er jedem helfe und gebe, tröste und rate, der nur zu ihm komme. Solche Kunde muss ihm zweifellos zu Ohren gekommen sein. Daraus hat er Mut geschöpft und die gute Kunde auch auf seinen eigenen Nutzen bezogen: Er hat diese Güte auf sich gezogen und voller Zuversicht gedacht: „Mir wird er auch so gütig sein, wie die Kunde von ihm berichtet und sein guter Ruf lautet.“ So ist sein Glaube nicht aus Vernunft erwachsen, sondern aus der Kunde von Christus, die er empfangen hat, wie St. Paulus sagt, Römer 10,17: „Der Glaube kommt aus dem Hören; das Hören aber kommt aus dem Wort oder der Kunde von Christus.“
Das ist nun das Evangelium, der Anfang, die Mitte und das Ende alles Guten und Heils. Denn wir haben oft gehört, dass man zuerst das Evangelium hören muss, danach glauben und lieben und gute Werke tun. Man soll nicht zuerst gute Werke tun und so die Ordnung umkehren, wie es die Werklehrer tun. Das Evangelium aber ist eine gute Kunde, eine Rede und Botschaft von Christus: dass er nichts als Güte, Liebe und Gnade ist. Diese Botschaft handelt von keinem anderen Menschen oder Heiligen. Denn auch wenn andere Heilige gute Kunde und einen guten Ruf haben, heißt es doch nicht Evangelium, wenn es nicht allein von Christi Güte und Gnade handelt. Und wollte es zugleich auch von anderen Heiligen handeln, wäre es nicht mehr Evangelium. Denn es will den Glauben und die Zuversicht allein auf den Felsen Jesus Christus bauen.
So siehst du nun, dass dieses Beispiel des Aussätzigen für den Glauben und gegen die Werke spricht. Denn wie Christus diesem aus lauter Gnade durch den Glauben hilft, ohne alle seine Werke und Verdienste, so tut [S. 52] er es jedermann und will, dass man ebenso von ihm halte und erwarte. Wäre dieser Aussätzige auf folgende Weise gekommen und hätte gesagt: „Siehe, Herr, so viel habe ich gebetet oder gefastet und dergleichen; das wollest du ansehen und mich darum rein machen“, so hätte Christus ihn nimmermehr gereinigt. Denn ein solcher Mensch verlässt sich nicht auf Gottes Gnade, sondern auf sein Verdienst. Damit wird Gottes Gnade weder gepriesen noch geliebt, gelobt oder begehrt. Vielmehr nehmen die eigenen Werke solche Ehre für sich in Anspruch und rauben Gott das Seine. Das heißt, die Hand zu küssen und Gott zu verleugnen, wie Hiob 31,27 sagt: „Habe ich jemals meine Hand geküsst?“ Das ist eine große Sünde und Verleugnung des Allerhöchsten. Und Jesaja 2,8 sagt: „Sie haben die Werke ihrer Hände angebetet.“ Das heißt: Die Ehre und Zuversicht, die sie Gottes Gnade geben sollten, legen sie auf ihr eigenes Werk.
Wiederum ist auch hier das Beispiel der Liebe in Christus gegenüber dem Aussätzigen vorgebildet. Denn da siehst du, wie ihn die Liebe zum Knecht macht: Er hilft dem Armen frei und umsonst. Er sucht dadurch weder Gunst noch Ehre, sondern allein den Nutzen des Armen und die Ehre Gottes, des Vaters. Darum verbietet er ihm auch, es jemandem zu sagen, damit es ein lauter reines Werk der freien, gütigen Liebe sei. Das ist es, was ich nun oft gesagt habe: Der Glaube macht uns zu Herren, die Liebe zu Knechten. Ja, durch den Glauben werden wir Götter und teilhaftig der göttlichen Natur und des göttlichen Namens, wie Psalm 82,6 sagt: „Ich habe wohl gesagt: Ihr seid Götter und allesamt Kinder des Allerhöchsten.“ Aber durch die Liebe werden wir dem Allerärmsten gleich. Nach dem Glauben dürfen wir nichts und haben volle Genüge. Nach der Liebe dienen wir jedermann. Durch den Glauben empfangen wir Güter von oben, von Gott; durch die Liebe lassen wir sie von unten zum Nächsten ausfließen. So bedurfte Christus nach seiner Gottheit nichts, aber nach seiner Menschheit diente er jedermann, der seiner bedurfte.
Davon haben wir oft genug gesagt, dass auch wir durch den Glauben als Gottes Kinder und Götter, als Herren und Könige geboren werden. So wie Christus in Ewigkeit vom Vater als wahrer Gott [S. 53] geboren wird, brechen auch wir durch die Liebe hervor, um dem Nächsten mit Wohltaten zu helfen – so wie Christus Mensch geworden ist, um uns allen zu helfen. Christus hat weder durch Werke zuvor verdient noch durch sein Menschwerden erworben, dass er Gott ist. Vielmehr hatte er dies von Geburt an, ohne alle Werke und ehe er Mensch wurde. Ebenso haben auch wir die Kindschaft Gottes und empfangen die Vergebung der Sünden; Tod und Hölle können uns nicht schaden. Das haben wir nicht durch Werke oder Liebe verdient, sondern ohne Werke und vor der Liebe durch den Glauben aus Gnaden im Evangelium empfangen. Und wie Christus, der ewig Gott ist, Mensch geworden ist, um uns zu dienen, so tun auch wir Gutes und lieben den Nächsten danach, wenn wir schon zuvor durch den Glauben fromm, ohne Sünde, lebendig, selig und Gottes Kinder sind. Das sei vom ersten Beispiel des Aussätzigen.
Der Hauptmann vertraut Christus und dient seinem Knecht
Das andere Beispiel ist dem ersten gleich, soweit es Glauben und Liebe betrifft. Denn dieser Hauptmann hat ebenfalls eine herzliche Zuversicht zu Christus und stellt sich nichts anderes vor Augen als Christi lauter Güte und Gnade. Sonst wäre er nicht zu ihm gegangen oder hätte nicht zu ihm gesandt, wie Lukas 7,3 sagt. Auch hätte er keine solche kühne Zuversicht gehabt, wenn er nicht zuvor von Christi Güte und Gnade gehört hätte. So ist auch hier das Evangelium der Anfang und Anstoß seiner Zuversicht, also seines Glaubens. Darin lernen wir abermals: Man muss mit dem Evangelium anfangen, ihm glauben und auf kein Verdienst und keine Werke sehen. Auch dieser Hauptmann führte kein Verdienst und kein Werk an, sondern setzte allein seine Zuversicht auf Christi Güte. So sehen wir, wie alle Werke Christi uns ein Beispiel des Evangeliums, des Glaubens und der Liebe vor Augen stellen. Wir sehen auch das Beispiel der Liebe: Christus tut ihm wohl, umsonst und ohne alles Ersuchen oder Geschenk, wie oben gesagt.
Außerdem zeigt der Hauptmann ein Beispiel der Liebe, weil er sich seines Knechtes annimmt wie seiner selbst. So hat sich auch Christus unser angenommen und tut umsonst das gute Werk an ihm, allein zum Nutzen des Knechtes, wie Lukas 7,2 sagt. Der Hauptmann tat es, weil ihm der Knecht lieb und wert war. Als wollte er sagen: Liebe und Zuneigung treiben ihn dazu; er sah die Not des Knechtes und handelte danach. So lasst auch uns handeln und darauf achten, dass wir uns nicht selbst betrügen und uns dünken lassen, wir hätten das Evangelium, während wir doch den Nächsten in seiner Not nicht beachten. Das sei von den beiden Beispielen gesagt. Nun wollen wir auch einige Stücke des Textes ansehen.
Gebet und Gottes Wille
Dass der Aussätzige sein Gebet hier so mäßigt und spricht: „Herr, wenn du willst, kannst du mich wohl reinigen“, ist nicht so zu verstehen, als zweifle er an Christi Güte und Gnade. Denn der Glaube wäre nichts, wenn er nur glaubte, dass Christus allmächtig sei und alles vermöge und wisse. Zum lebendigen Glauben gehört, nicht daran zu zweifeln, dass Gott auch gütig ist und den gnädigen Willen hat, das zu tun, worum wir bitten. Vielmehr ist es so zu verstehen: Der Glaube zweifelt nicht daran, dass Gott dem Menschen wohlwill und ihm alles Gute gönnt. Aber ob das, worum der Glaube bittet, für uns gut und nützlich ist, wissen wir nicht. Das weiß Gott allein. Darum stellt der Glaube alles dem gnädigen Willen Gottes anheim: ob es zu Gottes Ehre und unserem Nutzen dient. Er zweifelt nicht daran, dass Gott es geben wird. Wenn es aber nicht gegeben wird, dann gibt Gottes gnädiger Wille es aus großer Gnade nicht, weil Gott sieht, dass es besser ist, wenn es ausbleibt. Dennoch bleibt der Glaube an Gottes gnädigen Willen gewiss und sicher, ob Gott die Bitte erfüllt oder nicht – wie auch Sankt Paulus in Römer 8,26 sagt: „Wir wissen nicht, was oder wie wir bitten sollen.“ Auch im Vaterunser heißt es, dass wir Gottes Willen vorziehen und darum bitten sollen.
Das ist es, was wir auch oft gesagt haben: Glauben soll man ohne Zweifel und ohne Maß an Gottes Güte. Bitten aber sollen wir so, dass es um Gottes Ehre, sein Reich und seinen Willen geht. Wir sollen Gottes Willen weder Zeit noch Ort, Maß noch Art vorschreiben, sondern ihm alles frei anheimstellen. Darum gefällt dem Herrn auch das Gebet des Aussätzigen so wohl und wird bald erhört. Wenn wir Gott alles [S. 55] anheimstellen und begehren, was ihm gefällt, kann er es nicht lassen: Er tut dann auch, was uns gefällt. Der Glaube macht ihn uns günstig; ein solches gelassenes Gebet bewirkt, dass er gibt, worum wir bitten.
Vom Gang des Aussätzigen zu den Priestern, warum er geschah und was er bedeutet, ist genügend in der Postille über die zehn Aussätzigen gesagt.
Gottes Gaben richten sich nicht nach Rang
Dass Christus aber sagt: „Solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden“ und so weiter, hat man mit großer Sorge behandelt. Man wollte verhindern, dass Christus als Lügner erscheine oder die Mutter Gottes und die Apostel geringer als dieser Hauptmann. Ich möchte zwar sagen, Christus rede hier vom Volk Israel, unter dem er gepredigt hatte und zu dem er gekommen war. Dann wären seine Mutter und seine Jünger, die mit ihm zogen, ausgenommen. Doch will ich mich schlicht an das Wort des Herrn halten und es gelten lassen, wie es lautet. Dafür gibt es zwei Gründe.
Erstens ist es kein Glaubensartikel, dass dieser Glaube des Hauptmanns weder unter den Aposteln noch bei der Mutter Gottes seinesgleichen gehabt habe. Wo Christi Worten kein Glaubensartikel öffentlich widerspricht, soll man sie gelten lassen, wie sie klingen, und sie nicht durch eigene Auslegung lenken oder zurechtbiegen – weder um eines Heiligen noch eines Engels noch Gottes selbst willen. Denn sein Wort ist die Wahrheit selbst und steht über allen Heiligen und Engeln.
Zweitens kommt solches Deuten und Zurechtbiegen aus fleischlichem Sinn und menschlicher Verehrung. Wir messen dann Gottes Heilige nicht nach Gottes Gnade, sondern nach ihrer Person, Würdigkeit und Größe. Das ist gegen Gott, der sie ganz anders misst, nämlich allein nach seinen Gaben. Denn Sankt Johannes dem Täufer ließ Gott nie ein Wunder tun (Johannes 10,41), während manche geringere Heilige Wunder getan haben. Und überhaupt tut Gott oft durch geringe Heilige, was er durch große Heilige nicht tut.
So verbarg sich Jesus vor seiner Mutter, als er zwölf Jahre alt war, und ließ sie irren und unwissend sein [S. 56] (Lukas 2,43ff). Er zeigt sich Maria Magdalena (Johannes 20,14), ehe er sich am Ostertag seiner Mutter und den Aposteln zeigte. Er redete mit der Samariterin (Johannes 4,7) und mit der Ehebrecherin (Johannes 8,10) so freundlich, wie er niemals mit seiner eigenen Mutter geredet hatte. Ebenso glaubte der Schächer am Kreuz stark, als Petrus fiel und Jesus verleugnete.
Mit diesem und ähnlichen Wundern zeigt Christus, dass er seinen Geist in seinen Heiligen ungemessen geben will und dass wir nicht nach der Person urteilen sollen. Er will seine Gaben frei geben, wie es ihm gefällt, sagt Sankt Paulus (1. Korinther 12,11), nicht wie es uns dünkt. Ja, Christus selbst sagt in Johannes 14,12: „Wer an ihn glaubt, wird größere Zeichen tun, als er getan hat.“ Das alles geschieht, damit niemand sich über den anderen erhebe, niemand einen Heiligen über den anderen stelle und Sekten anrichte. Vielmehr sollen wir alle in Gottes Gnade gleich sein, so ungleich wir auch in seinen Gaben sind. Christus will durch Sankt Stephanus tun, was er durch Sankt Petrus nicht tut, und durch Sankt Petrus, was er durch seine Mutter nicht tut, damit er allein alles in allen tue, ohne Ansehen der Person und nach seinem Willen.
So soll auch die Aussage verstanden werden, dass Christus zur Zeit seiner Predigt solchen Glauben nicht in Israel gefunden habe: weder bei seiner Mutter noch bei den Aposteln – ob das nun zutrifft oder nicht, dass er zuvor oder später größeren Glauben bei seiner Mutter, den Aposteln und vielen anderen gefunden habe. Es mag wohl sein, dass er seiner Mutter, als sie ihn empfing und gebar, großen Glauben gegeben hat, danach aber nicht mehr oder nur selten einen so großen und ihn zuweilen wieder hat sinken lassen. So tat er es, als sie ihn drei Tage verloren hatte (Lukas 2). Ebenso handelt er mit allen seinen Heiligen. Täte er es nicht, könnten die Heiligen in Vermessenheit fallen und sich zu Abgöttern machen; oder wir würden sie zu Abgöttern machen und mehr auf ihre Würdigkeit und Person sehen als auf Gottes Gnade.
Daran erkenne nun, wie töricht wir sind und wie unverständig wir Gottes Werke und Wunder beurteilen, wenn wir [S. 57] den einfachen Christenmenschen verachten und meinen, allein die spitzen Hüte und die Gelehrten könnten Gottes Wahrheit erkennen und richtig beurteilen. Christus aber hebt hier diesen Heiden wegen seines Glaubens über alle seine Jünger. Das kommt daher, dass wir an Personen und Ständen hängen und nicht an Gottes Wort und Gnade. Darum geraten wir mit unseren Urteilen über Personen und Stände in allerlei Irrtum. Dann sagen wir: „Die christliche Kirche und die Konzilien haben es so gesagt. Sie können nicht irren und haben den Heiligen Geist.“ Dabei ist Christus bei den Verachteten und lässt Personen und Konzilien zum Teufel fahren.
Darum merke wohl, dass Christus diesen Heiden so hoch erhebt. Er steht gewiss über Hannas, Kaiphas und allen Priestern, Gelehrten und Heiligen; sie alle sollten vielmehr Schüler dieses Heiden sein. Sie sollten nicht über ihn urteilen und sich über ihn stellen. Gott gibt einem großen Heiligen wohl kleinen Glauben und einem kleinen Heiligen großen Glauben, „damit einer den anderen höher achte als sich selbst“ (Römer 12,13 [wohl eher Phil 2,3]).
»Herr, ich bin nicht wert«
Das ist der große Glaube dieses Heiden: Er weiß, dass das Heil nicht an der leiblichen Gegenwärtigkeit Christi liegt. Denn diese hilft nicht, sondern das Wort und der Glaube. Das wussten die Apostel noch nicht, und vielleicht auch die Mutter nicht. Sie hielten an Christi leiblicher Gegenwart fest und ließen ihn nicht gern von sich (Johannes 16,6); sie hielten sich noch nicht so allein an sein Wort. Dieser Heide aber lässt sich am Wort so reichlich genügen, dass er Christi leibliche Gegenwart weder wünscht noch vermisst. Dazu beweist er mit einem Gleichnis seinen mächtigen Glauben und spricht: „Ich bin ein Mensch und kann mit einem Wort bei den Meinen schaffen, was ich will. Solltest du denn nicht mit deinem Wort schaffen, was du willst? Denn ich weiß gewiss – und du beweist es auch –, dass Gesundheit und Krankheit, Tod und Leben dir untertan sind wie mir meine Knechte.“ Darum wird auch sein Knecht von Stund an durch die Kraft dieses Glaubens gesund.
Vom fremden Glauben zur Frage der Kindertaufe
[S. 58] Und weil es hier die Zeit und das Evangelium mit sich bringen, müssen wir ein wenig vom fremden Glauben und seiner Macht sagen, sintemal man sich viel damit beschäftigt, vor allem um der jungen Kinder willen, die man in der Taufe hält und die nicht durch eigenen, sondern durch fremden Glauben selig werden sollen. Denn hier ist der Knecht nicht durch seinen eigenen Glauben, sondern durch den Glauben seines Herrn gesund geworden. Diese Sache haben wir noch nie behandelt. Darum müssen wir hier darüber sprechen, um, soweit es an uns liegt, künftiger Gefahr und Irrtum zuvorzukommen.
Jeder Mensch braucht eigenen Glauben
Aufs Erste müssen wir den Grund fest und gewiss halten: Niemand wird durch den Glauben oder die Gerechtigkeit eines anderen selig, sondern durch seinen eigenen Glauben. Wiederum wird niemand um den Unglauben oder die Sünden eines anderen verdammt, sondern um seines eigenen Unglaubens willen. So sagt es das Evangelium hell und klar (Markus 16,16): „Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig. Wer aber nicht glaubt, der wird verdammt.“ Und Römer 1,17: „Der Gerechte wird seines Glaubens leben.“ Und Johannes 3,16.18: „Wer an ihn glaubt, wird nicht verloren werden, sondern hat das ewige Leben.“ Ebenso: „Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet. Wer nicht an ihn glaubt, der ist schon gerichtet.“
Das sind klare, öffentliche Worte: Jeder muss für sich selbst glauben, und niemand kann ihm durch fremden Glauben ohne eigenen Glauben helfen. Von diesen Sprüchen darf man nicht abweichen und sie nicht leugnen, was immer daraus folgen mag. Eher soll die ganze Welt verderben, als dass man diese göttliche Wahrheit ändere. Und sollte etwas scheinbar Überzeugendes dagegen vorgebracht werden, das du nicht verantworten kannst, so sollst du lieber bekennen, dass du es nicht verstehst, und es Gott anheimstellen, als etwas gegen diese klaren Sprüche zuzulassen. Es bleibe bei Heiden, Juden, Türken, kleinen Kindern und allem, was da ist und was es kann: Diese Worte sollen und müssen recht und wahr sein.
Nun stellt sich die Frage, was aus den kleinen Kindern wird, da sie noch keine Vernunft haben und nicht für sich selbst glauben können. Denn es steht geschrieben, Römer 10,17: „Der Glaube kommt durch das Hören, das [S. 59] Hören aber durch die Predigt des Wortes Gottes.“ Die kleinen Kinder können Gottes Wort noch nicht hören und verstehen; also können sie auch keinen eigenen Glauben haben. Auf diese Frage haben die Sophisten an den hohen Schulen und die Rotte des Papstes eine Antwort erdichtet: Die kleinen Kinder würden ohne eigenen Glauben getauft, nämlich auf den Glauben der Kirche, den die Paten bei der Taufe bekennen. Danach würden dem Kindlein in der Taufe durch deren Kraft und Macht die Sünden vergeben und aus Gnaden eigener Glaube eingegossen, sodass das neugeborene Kind aus Wasser und Heiligem Geist wiedergeboren werde.
Luthers Kritik an konkurrierenden Tauflehren
Fragt man sie aber nach dem Grund solcher Antwort und wo das in der Schrift stehe, so findet man ihn in einem finsteren Rauchloch. Oder sie weisen auf ihre Biretts [Bireth[1]] und sagen: „Wir sind die hochgelehrten Doktoren und sagen es so. Darum ist es recht; du darfst nicht weiter fragen.“ Denn fast ihre ganze Lehre hat keinen anderen Grund als ihre eigenen Träume und Einbildungen. Und wenn sie sich aufs Höchste ins Zeug legen, bringen sie vielleicht einen Spruch herbei, den sie mit Gewalt aus Sankt Augustinus oder einem anderen Heiligen Vater herausgezogen haben. Aber das genügt uns nicht in Angelegenheiten, die das Heil der Seele betreffen. Denn sie selbst und alle heiligen Väter waren Menschen. Wer kann mir dafür bürgen, dass sie recht reden? Wer will sich darauf verlassen und darauf sterben, wenn sie es ohne Schrift und Gottes Wort sagen? Heilige hin, Heilige her: Wenn es um meine Seele geht, die ich ewig verlieren oder bewahren kann, kann ich mich nicht auf alle Engel und Heiligen verlassen, geschweige denn auf einen oder zwei Heilige, wenn sie mir nicht Gottes Wort zeigen.
Aus diesen Lügen sind sie weitergegangen und so weit gekommen, dass sie gelehrt haben und noch immer daran festhalten: Die Sakramente hätten eine solche Kraft, dass du selbst dann, wenn du keinen Glauben hast und das Sakrament empfängst, Gnade und Vergebung der Sünden ohne allen Glauben bekommst – sofern du nicht den Vorsatz hast zu sündigen. Diese Lehre haben sie aus ihrer vorherigen Meinung abgeleitet: Die kleinen Kinder empfingen, wie sie träumen, ohne Glauben allein durch die Macht und Kraft der Taufe Gnade. Darum [S. 60] wenden sie das auch auf Erwachsene und alle Menschen an und reden alles aus ihrem eigenen Kopf. So haben sie den christlichen Glauben höchst meisterlich ausgerottet, zunichte- und unnötig gemacht und allein unser Werk mit der Kraft der Sakramente aufgerichtet. Darüber habe ich in den Artikeln gegen die Bullen Leos genug geschrieben.
Die heiligen Väter haben zwar ein wenig davon gesagt, wenn auch nicht klar genug. Sie sprechen nicht von einer solchen erdichteten Kraft des Sakraments, sondern sagen, die kleinen Kinder würden im Glauben der christlichen Kirche getauft. Weil sie aber nicht gründlich erklären, wie dieser christliche Glaube den Kindern hilft – ob sie dadurch einen eigenen Glauben empfangen oder ob sie nur auf den Glauben der Christenheit hin selbst ohne Glauben getauft werden –, fahren die Sophisten fort und deuten die Worte der heiligen Väter so, als würden die Kinder ohne eigenen Glauben getauft und empfingen allein durch den Glauben der Kirche Gnade. Denn sie sind dem Glauben feind. Wo sie nur die Werke erheben können, muss der Glaube leiden. Sie bedenken nicht einmal, ob die heiligen Väter geirrt haben oder ob sie selbst die Väter richtig verstehen.
Vor diesem Gift und Irrtum hüte dich, selbst wenn es die ausdrücklich erklärte Meinung aller Väter und Konzilien wäre. Denn diese Lehre besteht nicht und hat keinen Grund der Schrift für sich, sondern beruht allein auf menschlichen Einbildungen und Träumen. Dazu steht sie geradezu und offenkundig im Widerspruch zu den vorher genannten Hauptsprüchen, in denen Christus sagt: „Wer glaubt und getauft wird“ und so weiter. Kurz: Die Taufe hilft niemandem und ist niemandem zu geben, der nicht selbst glaubt. Ohne eigenen Glauben ist niemand zu taufen. So spricht auch Sankt Augustinus selbst: »Non Sacramentum iustificat, sed fides Sacramenti«: »Das Sakrament macht nicht gerecht, sondern der Glaube an das Sakrament.«
Die Taufe der Waldenser
Außerdem gibt es etliche andere, die man die Brüder der Waldenser nennt. Sie halten dafür, dass jeder für sich selbst glauben und die Taufe oder das Sakrament mit eigenem Glauben empfangen müsse. Wenn nicht, nütze ihm die Taufe oder das Sakrament nichts. Insoweit reden [S. 61] und halten sie recht. Doch fahren sie fort, auch kleine Kinder zu taufen, obwohl sie diese für Menschen ohne eigenen Glauben halten. Das ist ein Spott auf die heilige Taufe. Sie sündigen damit gegen das zweite Gebot, weil sie Gottes Namen und Wort mit schlechtem Gewissen und mutwillig unnütz und vergeblich gebrauchen. Auch ihre Ausrede hilft ihnen nicht: Sie sagen, man taufe die Kinder im Hinblick auf ihren künftigen Glauben, wenn sie zur Vernunft kämen. Denn der Glaube muss vor oder doch spätestens in der Taufe da sein. Sonst wird das Kind nicht vom Teufel und von den Sünden befreit.
Wäre ihre Meinung richtig, so müsste alles, was man bei der Taufe mit dem Kind tut, Lüge und Spott sein. Denn der Täufer fragt: „Glaubt das Kind?“ Man antwortet: „Ja!“, an seiner Statt. Und auf die Frage, ob es getauft werden wolle, antwortet man ebenfalls: „Ja!“, an seiner Statt. Dennoch wird niemand an seiner Statt getauft, sondern das Kind selbst wird getauft. Darum muss es auch selbst glauben, oder die Paten müssen lügen, wenn sie an seiner Statt sagen: „Ich glaube.“ Der Täufer rühmt außerdem, das Kind sei wiedergeboren und seine Sünden seien vergeben; es sei vom Teufel befreit. Zum Zeichen dafür zieht er ihm ein weißes Hemd an und handelt mit ihm ganz so, als wäre es ein neues, heiliges Gotteskind. Das müsste alles falsch sein, wenn kein eigener Glaube da wäre. Es wäre besser, niemals ein Kind zu taufen, als auf diese Weise mit Gottes Wort und Sakrament zu narren und zu gaukeln, als wäre Gott ein Götze oder ein Narr.
Es hilft auch nicht, dass sie das Reich Gottes auf dreierlei Weise unterscheiden: einmal als christliche Kirche, ein anderes Mal als ewiges Leben und zum dritten als Evangelium. Danach sagen sie, die Kinder würden auf die dritte und die erste Weise zum Himmelreich getauft. Das heißt: Sie würden nicht getauft, damit sie dadurch selig würden und Vergebung der Sünden empfingen, sondern damit sie in die Christenheit aufgenommen und zum Evangelium gebracht würden. Das ist nichts als leeres Gerede, aus eigenem Dünkel erdichtet. Denn [S. 62] ins Himmelreich zu kommen heißt nicht, unter die Christen zu kommen und das Evangelium zu hören – das können auch die Heiden tun, und es geschieht auch ohne Taufe. Du magst vom Himmelreich auf die erste, zweite oder dritte Weise reden, wie du willst: Im Himmelreich zu sein heißt, ein lebendiges Glied der Christenheit zu sein und das Evangelium nicht allein zu hören, sondern auch zu glauben. Sonst wäre ein Mensch ebenso im Himmelreich, wenn man ein Stück Holz und einen Block unter die Christen würfe, oder wie der Teufel unter ihnen ist. Darum taugt diese Erklärung gar nichts.
Auch folgt daraus, dass die christliche Kirche zwei verschiedene Taufen hätte und die Kinder nicht dieselbe Taufe empfingen wie die Erwachsenen. Sankt Paulus sagt doch (Epheser 4,5): „Es ist nur eine Taufe, ein Herr, ein Glaube.“ Denn wenn die Taufe den Kindern nicht dasselbe wirkt und gibt wie den Erwachsenen, dann ist es nicht dieselbe Taufe. Ja, es ist überhaupt keine Taufe, sondern ein Spiel und Spott mit der Taufe; denn Taufe ist nur die, die selig macht. Wenn man weiß oder dafürhält, dass sie nicht selig macht, soll man sie nicht spenden. Spendet man sie aber, so gibt man nicht die christliche Taufe, denn man glaubt nicht, dass sie bewirkt, was die Taufe bewirken soll. Darum wäre es eine andere und fremde Taufe. Deshalb wäre es beinahe nötig, dass die Brüder Waldenser sich selbst noch einmal anders taufen ließen, so wie sie die Unsrigen anders taufen. Denn sie empfangen die Taufe nicht allein ohne Glauben, sondern geben auch wider den Glauben, unter Spott und Unehre für Gott, eine andere, fremde und unchristliche Taufe.
Wenn wir nun auf diese Frage keine bessere Antwort geben und nicht beweisen können, dass die kleinen Kinder selbst glauben und eigenen Glauben haben, dann ist es mein treuer Rat und Urteil, dass man davon sofort abstehe – je eher, desto besser – und kein Kind mehr taufe. Sonst würden wir die hochgelobte Majestät Gottes mit solchem Alfanzen und Gaukelwerk, hinter dem nichts steckt, verspotten und lästern.
Der fremde Glaube hilft zum eigenen Glauben
Darum sagen wir hier und schließen: Die Kinder glauben in der Taufe selbst und haben eigenen Glauben. Gott selbst wirkt ihn in ihnen durch die Fürbitte und das Herbeibringen der Paten im Glauben der christlichen Kirche. Das nennen wir die Kraft des fremden Glaubens: nicht, dass jemand [S. 63] durch diesen Glauben eines anderen selig werden könnte, sondern dass dieser Mensch durch dessen Fürbitte und Hilfe von Gott selbst eigenen Glauben erlangen kann, durch den er selig wird.
So ist es auch mit meinem natürlichen Leben und Sterben. Soll ich leben, muss ich selbst geboren werden; niemand kann für mich geboren werden, sodass ich dadurch lebe. Aber meine Mutter und die Hebamme können mir durch ihr Tun bei meiner Geburt helfen, damit auch ich dadurch lebe. Ebenso muss ich selbst den Tod erleiden, wenn ich sterben soll. Niemand kann für mich den Tod erleiden, sodass ich dadurch sterbe. Aber jemand kann mir zu meinem eigenen Tod verhelfen, etwa wenn er mich erschreckt, auf mich fällt, mich erstickt, erdrückt oder erstinkt. Ebenso kann niemand für mich in die Hölle fahren. Wohl aber kann jemand mich durch falsche Lehre und ein falsches Leben verführen, sodass ich durch den Irrtum, den er in mich gebracht hat, selbst dorthin fahre. Also kann auch niemand für mich in den Himmel fahren. Er kann mir aber dabei helfen: predigen, lehren, leiten, bitten und bei Gott Glauben erlangen, durch den ich in den Himmel gelangen kann. Dieser Hauptmann ist nicht von der Lähmung seines Knechtes gesund geworden; dennoch hat er erlangt, dass sein Knecht gesund wurde.
Die Kinder zu Christus bringen
So sagen wir auch hier: Die Kinder werden nicht im Glauben der Paten oder der Kirche getauft. Vielmehr bittet der Glaube der Paten und der Christenheit für sie und erwirkt ihnen den eigenen Glauben, in dem sie getauft werden und selbst glauben. Dafür haben wir starke und feste Sprüche: Matthäus 19,13–15; Markus 10,13–16; Lukas 18,15–16. Dort brachten etliche Menschen Kinder zum Herrn Jesus, damit er sie anrührte. Als die Jünger ihnen wehrten, strafte Jesus die Jünger, nahm die Kinder in die Arme, legte ihnen die Hände auf, segnete sie und sprach: „Solchen gehört das Reich Gottes“ und so weiter. Diese Sprüche kann uns niemand nehmen oder mit gutem Grund widerlegen. Denn hier steht, dass Christus nicht verbieten will, die Kindlein zu ihm zu bringen. Ja, er heißt sie zu ihm bringen, segnet sie und gibt ihnen das Himmelreich. Das lasst uns wohl merken.
[S. 64] Ohne Zweifel ist hier von leiblichen Kindern die Rede. Es gilt nicht, Christi Wort so auszulegen, als hätte er geistliche Kinder gemeint, die durch Demut klein wären. Es waren leibliche kleine Kinder, die Lukas infantes nennt. Christus spricht von ihnen, dass das Himmelreich ihrer ist. Was wollen wir dazu sagen? Wollen wir behaupten, sie seien ohne eigenen Glauben gewesen? Dann wären die vorherigen Sprüche falsch: „Wer nicht glaubt, der ist verdammt“ und so weiter. Dann würde Christus lügen oder ein bloßes Scheingefecht führen, wenn er sagt, das Himmelreich sei ihrer, und dabei nicht ernsthaft vom rechten Himmelreich spräche.
Deute diese Worte Christi, wie du willst: Daraus folgt, dass die Kinder zu Christus gebracht werden sollen und man ihnen nicht wehren darf. Und wenn sie zu ihm gebracht sind, zwingt er uns zu glauben, dass er sie segnet und ihnen das Himmelreich gibt, wie er es bei diesen Kindlein tut. Solange das Wort gilt: „Lasst die Kindlein zu mir kommen und wehrt ihnen nicht“, gebührt es uns nicht, anders zu handeln oder zu glauben. Ebenso müssen wir glauben, dass Christus die Kinder, wenn sie zu ihm gebracht werden, in die Arme nimmt, ihnen die Hände auflegt, sie segnet und ihnen den Himmel gibt. Denn der Text sagt, dass er die Kindlein, die zu ihm gebracht wurden, segnete und ihnen den Himmel gab. Wer kann sich über diesen Text hinwegsetzen? Wer dürfte so kühn sein, die Kindlein nicht zur Taufe kommen zu lassen oder nicht zu glauben, dass Christus sie segnet, wenn sie zu ihm gebracht werden?
Nun ist Christus in der Taufe ebenso gegenwärtig, wie er damals gegenwärtig war. Das wissen wir Christen gewiss. Darum dürfen wir den Kindern die Taufe nicht verwehren. Ebenso dürfen wir nicht zweifeln, dass er alle segnet, die zu ihm kommen, wie er jene Kinder segnete. So bleibt hier nichts anderes als die Andacht und der Glaube derer, die die Kindlein zu ihm brachten. Durch ihr Herbeibringen helfen sie dazu, dass die Kindlein gesegnet werden und das Himmelreich erlangen. Das kann aber nicht geschehen, wenn sie nicht eigenen Glauben für sich selbst haben, wie gesagt ist.
[S. 65] Auch sagen wir hier: Die kleinen Kindlein werden wohl durch fremden Glauben und fremdes Werk zur Taufe gebracht. Wenn sie aber dorthin gekommen sind und der Priester oder Täufer an Christi Statt mit ihnen handelt, segnet er sie und gibt ihnen den Glauben und das Himmelreich. Denn das Wort und die Tat des Priesters sind Christi eigenes Wort und Werk.
Hier stimmt auch Sankt Johannes in seiner ersten Epistel, Kapitel 2, Vers 14, mit ein, wenn er spricht: „Ich schreibe euch, Vätern; ich schreibe euch, Jünglingen; ich schreibe euch, Kindern.“ Es genügt ihm nicht, den Jünglingen zu schreiben: Er schreibt auch den Kindern und sagt, dass sie den Vater erkannt haben. Daraus folgt, dass auch die Apostel Kinder getauft und dafürgehalten haben, dass sie glauben und den Vater kennen – als wären sie schon zur Vernunft gekommen und könnten lesen. Zwar könnte jemand das Wort „Kinder“ hier auf Erwachsene deuten, wie Christus mitunter seine Jünger nennt. Doch ist gewiss, dass Johannes von denen spricht, die jünger sind als die Jünglinge. Er redet von der jungen Schar, die unter fünfzehn oder achtzehn Jahre alt ist, und nimmt niemanden aus, bis hinunter zum ersten Lebensjahr. Denn alle diese nennt man Kinder.
Glaube ohne Vernunft
Aber wir wollen doch ihre Begründung ansehen, warum sie die Kinder nicht für gläubig halten. Sie sagen: „Weil sie noch nicht zur Vernunft gekommen sind, können sie Gottes Wort nicht hören. Wo aber Gottes Wort nicht gehört wird, da kann kein Glaube sein.“ Römer 10,17 sagt: „Der Glaube kommt durch das Hören, das Hören aber durch das Wort Gottes“ und so weiter. Sage mir: Ist das christlich geredet, wenn man so nach dem eigenen Dünken über Gottes Werke urteilt? Die Kinder sind noch nicht zur Vernunft gekommen, also können sie nicht glauben? Was wäre, wenn du durch deine Vernunft schon vom Glauben abgekommen wärst, die Kinder aber durch ihre Unvernunft zum Glauben kämen?
Lieber, was Gutes tut die Vernunft für den Glauben und für Gottes Wort? Ist sie es nicht, die sich dem Glauben und Gottes Wort aufs Höchste widersetzt, sodass niemand durch sie zum Glauben kommen und Gottes Wort annehmen kann? Sie muss vielmehr geblendet und [S. 66] zuschanden gemacht werden, damit der Mensch ihr absterbe und einem Narren gleich werde – ja, so unvernünftig und unverständig wie ein kleines Kind –, wenn er anders glauben und Gottes Gnade empfangen soll. Denn Christus spricht in Matthäus 18,3: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die kleinen Kinder, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ Wie oft hält uns Christus vor, dass wir Kinder und Narren werden müssen, und verdammt die Vernunft!
Sage mir auch: Welche Vernunft hatten die Kindlein, die Christus in die Arme nahm, segnete und denen er das Himmelreich zuteilte? Waren sie nicht ebenfalls noch ohne Vernunft? Warum heißt er dann, sie zu ihm zu bringen, und segnet sie? Woher haben sie den Glauben, der sie zu Kindern des Himmelreichs macht? Ja, gerade weil sie ohne Vernunft und kindlich-unverständig sind, eignen sie sich besser zum Glauben als die Erwachsenen und Vernünftigen. Deren Vernunft steht ihnen immer im Wege und will ihren großen Kopf nicht durch die enge Tür stoßen. Wenn man vom Glauben und von Gottes Werken redet, darf man weder die Vernunft noch ihre Werke ansehen. Hier wirkt Gott allein. Die Vernunft ist tot und blind und diesem Werk gegenüber wie ein unverständiger Block – damit die Schrift bestehe, die sagt: „Gott ist wunderbar in seinen Heiligen.“ [vlt. Psalm 4,4]. Ebenso Jesaja 55,9: „So viel der Himmel höher ist als die Erde, so viel höher sind meine Wege als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.“
Äußerliches Bekenntnis und verborgener Glaube
Aber weil sie so tief in der Vernunft stecken, müssen wir sie mit ihrer eigenen Klugheit angreifen. Sage mir: Warum taufst du einen Menschen, wenn er zur Vernunft gekommen ist? Du antwortest: „Er hört Gottes Wort und glaubt.“ Frage ich: „Woher weißt du das?“, so sprichst du: „Er bekennt es mit dem Mund.“ Was soll ich dazu sagen? Was, wenn er lügt und betrügt? Du kannst sein Herz ja nicht sehen. Wohlan, wenn du also keinen anderen Grund hast, einen Menschen zu taufen, als dass er sich äußerlich als gläubig erweist, bist du dir seines Glaubens dennoch ungewiss. Du musst bedenken: Wenn er nicht innerlich mehr im Herzen hat, als du äußerlich wahrnimmst, dann helfen weder sein Hören noch sein Bekennen noch sein Glauben. Denn all das kann bloßer Wahn und kein rechter Glaube sein. Wer [S. 67] bist du denn, dass du sagst, äußerliches Hören und Bekennen sei für die Taufe notwendig? Wo es fehlt, solle man nicht taufen; wo es vorhanden ist, solle man taufen? Du musst selbst hier bekennen, dass solches Hören und Bekennen ungewiss ist und für die Taufe allein nicht genügt. Worauf taufst du dann? Wie willst du rechtfertigen, dass du die Taufe so in Zweifel ziehst?
Ist es nicht vielmehr so: Du musst hierherkommen und sagen, dass du nicht mehr tun und wissen musst, als den Täufling zu dir bringen zu lassen, damit er die Taufe empfängt. Du musst seinen Glauben entweder annehmen oder es Gott anheimstellen, ob er innerlich recht glaubt oder nicht. Damit bist du entschuldigt und taufst recht. Warum willst du das den Kindern nicht ebenso tun, die Christus zu sich bringen heißt und die er segnen will? Warum willst du vorher ein äußerliches Hören und Bekennen verlangen, obwohl du selbst zugibst, dass es ungewiss und für die Taufe nicht hinreichend ist? So lässt du Christi gewisses Wort fahren, in dem er heißt, die Kindlein zu ihm zu bringen – und das nur wegen deines ungewissen äußerlichen Hörens.
Dazu sage mir: Wo bleibt die Vernunft des christgläubigen Menschen, wenn er schläft, obwohl sein Glaube und Gottes Gnade ihn niemals verlassen? Kann der Glaube hier ohne Zutun der Vernunft bestehen, ohne dass sie etwas davon gewahr wird? Warum sollte er dann nicht auch in den Kindern anfangen, ehe ihre Vernunft etwas davon weiß? Dasselbe könnte ich auch von allen Lebensständen sagen, in denen ein Christ lebt und arbeitet oder etwas zu schaffen hat: Oft ist er sich seines Glaubens und seiner Vernunft nicht bewusst, und doch lässt der Glaube darum nicht nach. Gottes Werke sind verborgen und wunderbar, wo und wann er will. Sie sind aber auch offenbar genug, wo und wann er will. Darüber zu urteilen, ist für uns zu hoch und zu tief.
Taufen im Vertrauen auf Christi Wort
Weil Christus hier heißt, man solle die Kindlein nicht hindern, zu ihm zu kommen, damit er sie segne, und weil von uns nicht gefordert wird, gewiss zu sein, wie es inwendig um ihren Glauben steht, während das äußerliche Hören und Bekennen dem Getauften nicht genügt, sollen wir es dabei bleiben lassen: Für uns, nämlich für den Täufer, sei es genug, das Bekenntnis des Getauften zu [S. 68] hören, wenn die Menschen von sich aus kommen. So geben wir das Sakrament nicht wider unser Gewissen, als solchen, von denen keine Frucht zu hoffen ist. Wenn sie aber unser Gewissen durch ihr Suchen und Bekennen versichern, sodass wir das Sakrament als ein Gnadenmittel geben können, sind wir entschuldigt. Ist ihr Glaube nicht recht, so sei es Gott befohlen. Wir haben das Sakrament dennoch nicht als unnützes Ding gegeben, sondern in dem Gewissen, dass es nützlich sei.
Das sage ich alles darum, damit man nicht so taufe wie jene, die das Sakrament wissentlich und mutwillig so geben, dass es nichts wirken und nützen soll. Denn die Täufer versündigen sich damit, dass sie Gottes Sakrament und Wort wissentlich unnütz gebrauchen oder doch ein solches Gewissen haben, dass es nichts schaffen soll oder könne. Das heißt, das Sakrament unwürdig zu handeln, Gott zu versuchen und zu lästern. Denn so wird das Sakrament nicht gegeben, sondern mit ihm Spott getrieben. Wenn aber der Getaufte leugnet und nicht glaubt, so hast du doch recht gehandelt und das Sakrament mit gutem Gewissen gegeben, in der Zuversicht, dass es Nutzen schaffen werde.
Diejenigen aber, die nicht von sich aus kommen, sondern herzugebracht werden – wie Christus heißt, die Kindlein herzubringen –, deren Glauben befiehl dem, der sie herzubringen heißt. Taufe sie auf seinen Befehl und sprich: „Herr, du bringst sie her und heißt sie taufen. So wirst du wohl für sie antworten; darauf verlasse ich mich. Ich darf sie nicht wegtreiben und ihnen nicht wehren.“ Haben sie das Wort nicht gehört, durch das der Glaube kommt, wie die Erwachsenen es hören? Sie hören es dennoch auf die Weise der kleinen Kinder. Die Erwachsenen fassen es mit Ohren und Vernunft, oft ohne Glauben. Die Kinder aber hören es mit den Ohren, ohne Vernunft, und mit Glauben. Der Glaube ist umso näher, je weniger Vernunft vorhanden ist. Und stärker ist der Glaube dessen, der sie herzubringt, als der Wille der Erwachsenen, die von sich aus kommen.
Es ficht solche Leute am meisten an, dass die Erwachsenen Vernunft haben. Diese stellt sich, als glaube sie dem Wort, das sie hören; das nennen sie dann Glauben. Bei den Kindern sehen sie dagegen, dass noch keine [S. 69] Vernunft vorhanden ist. Deshalb scheint es ihnen, als glaubten die Kinder nicht. Sie bedenken aber nicht, dass der Glaube an Gottes Wort etwas ganz anderes und Tieferes ist als das, was die Vernunft mit Gottes Wort tut. Jener Glaube ist allein Gottes Werk, über alle Vernunft erhaben. Ihm ist das Kind ebenso nahe wie der Erwachsene, ja viel näher; der Erwachsene dagegen steht ihm so fern wie das Kind, ja viel ferner.
Das andere aber ist ein menschliches Werk, aus der Vernunft hervorgebracht. Mich dünkt: Sollte eine Taufe gewiss sein, so ist es die Kindertaufe – eben um des Wortes Christi willen, in dem er die Kinder zu sich bringen heißt. Die Erwachsenen kommen von sich aus; bei ihnen kann Täuschung vorliegen, weil ihre Vernunft offen zutage tritt. Bei den Kindern kann keine solche Täuschung sein, weil ihre Vernunft verborgen ist. In ihnen wirkt Christus seinen Segen, wie er geheißen hat, sie zu sich zu bringen. Das ist ein treffliches Wort, das man nicht in den Wind schlagen darf: Christus heißt die Kinder zu sich bringen und tadelt diejenigen, die es ihnen verwehren.
Damit wollen wir aber das Predigtamt nicht schwächen oder aufheben. Gott lässt gewiss nicht um des vernünftigen Hörens willen predigen, aus dem keine Frucht hervorgeht, sondern um des geistlichen Hörens willen. Dieses haben, wie gesagt, auch die Kinder – ebenso wie die Erwachsenen, ja besser als sie. Sie hören das Wort ja auch. Denn was ist die Taufe anderes als das Evangelium, zu dem sie gebracht werden? Zwar hören sie es nur einmal; dafür hören sie es umso kräftiger, weil Christus sie aufnimmt – er selbst hat geheißen, sie herzubringen. Die Erwachsenen haben hier den Vorteil, dass sie oft hören und später daran zurückdenken können. Doch geht es auch bei ihnen mit dem geistlichen Hören so zu, dass es nicht durch viele Predigten in sie eingeht. Es mag in einer einzigen Predigt treffen; dann haben sie es für immer. Was sie danach hören, hören sie entweder, um es weiter zu stärken, oder um es wieder zu verderben.
Der Trost der Kinder
Zusammengefasst: Die Taufe und der Trost der Kinder stehen in dem Wort: „Lasst die Kindlein zu mir kommen und wehrt ihnen nicht; denn solcher ist das Reich Gottes.“ Das hat Christus gesagt und lügt nicht. Darum ist es recht und christlich, die Kinder zu ihm zu bringen. Das kann nur in der Taufe geschehen. So muss auch gewiss sein, dass er alle segnet und ihnen das Himmelreich gibt, die so zu ihm kommen – wie seine Worte lauten: „Solcher ist das Reich Gottes.“
Das sei für diesmal genug. Am Ende wäre hier noch zu behandeln, was Aussatz und Gicht geistlich bedeuten. Über den Aussatz ist aber schon viel in der Postille über die zehn Aussätzigen gesagt worden. Darum ist hier nicht ausführlich davon zu handeln.
Quellenangabe und Textgestalt
Quelle: Martin Luther, Predigt am dritten Sonntag nach Epiphanias (Matthäus 8,1–13), in: Dr. Martin Luther’s sämmtliche Werke, Bd. 11 (Erlangen: Carl Heyder, 1827), S. 50–70. (digitale Quelle: Bayerische Staatsbibliothek, Sigel: Th.u. 244 d-11).
Zeit: Diese Predigt stammt aus 1525. Sie gehört zur Fastenpostille; als Predigtdatum wird der 22. Januar 1525 angegeben.
Zur Textgestalt: Das Original ist in einem alten Druckfont gesetzt, den OCR nicht korrekt lesen kann. Eine erste digitale Fassung entstand daher aus dem Transkript eines Diktats des Buchtextes, die anschließend in Orthografie und Satzbau in heutiges Deutsch übertragen und für einen flüssigen Lesetext geglättet wurde. Sinnabschnitte und Zwischenüberschriften wurden hinzugefügt, um die Orientierung zu erleichtern. Luthers Inhalt und Argumentationsgang wurden soweit möglich beibehalten. Es gilt die o.g. gedruckte Fassung; die Seitenangaben in eckigen Klammern beziehen sich auf diese.
[1] Das Birett war die Kopfbedeckung der gelehrten Doktoren; es war nicht nur geistliche Amtstracht; es konnte auch als akademisches Rang- und Würdezeichen dienen.