Muss man Gott fürchten? | Eine Handreichung

Kategorie: Allgemeines

Lesedauer: 19 Minuten. Mit offener Bibel eher 3 Stunden…

Eine bemerkenswerte Reaktion

Nach einer Predigt bekommt der Prediger oft unterschiedliche Reaktionen und Feedbacks seiner Zuhörer. Manchmal sind Dinge unklar geblieben, Fragen bestehen, Anwendungen wollen überdacht und fruchtbar gemacht werden. Wir hatten daher schon vor Jahren das Angebot eingerichtet, sich Sonntagnachmittags ab 15 Uhr zum »Predigtnachgespräch« bei Kaffee und Kuchen zu treffen. Leider erkennen nicht alle Gemeinden den großen Nutzen eines solchen Angebots und manchmal verhindern schlicht Planungsfaulheit oder andere Vorstellungen von der Gestaltung des »Tages des Herrn« diese Segensquelle.

Vor einiger Zeit ging die Predigt über Jesaja 6,1–7, wo das bemerkenswerte Erleben Jesajas geschildert wird: wie er in den Thronsaal Gottes sehen durfte und den Lobpreis der Engel hörte: »Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen, die ganze Erde ist voll seiner Herrlichkeit!«. Die Reaktion Jesajas auf die Heiligkeit Gottes war Schock: »Wehe mir!« Ähnliche Reaktionen hatten auch andere Menschen, die sich plötzlich in der Gegenwart Gottes wiederfanden, siehe z.B. in 1Mose 17,3 (Abraham); 4Mose 16,22 (Mose und Aaron); Hesekiel 1,28 (Hesekiel), Apostelgeschichte 9,4 (Bekehrung Sauls) und Offenbarung 1,17 (Apostel Johannes).

Der Prediger bekam u.a. folgende feine, hilfesuchende Reaktion. Sie verlangte nach einer seelsorgerlichen, biblisch fördernden Antwort. Im Kern formulierte der Schreiber folgendes Problem (beachte Disclaimer unten): 

»Mich hat deine Predigt zur Heiligkeit Gottes sehr bedrückt. Sie schien mir einseitig. Statt auch die Seite des liebenden Vaters zu zeigen, wurde mir das Bild eines bedrohlichen Gottes vermittelt. Ich war froh um das Gebet am Ende des Gottesdienstes, wo zusammengefasst wurde, was für uns als wiedergeborene Kinder Gottes gilt. … Es war eine Kontroverse für meinen Verstand: Aus der Zeit der Anbetung gehe ich raus mit dem Gedanken »Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!« und aus der Predigtstunde soll ich mitnehmen »Wehe mir, ich vergehe!«

Disclaimer 

An dieser Stelle muss als angemerkt werden, dass die geschilderte Situation zum Schutz aller so verändert und anonymisiert wurde, dass unbeteiligte Personen die Gemeinde, den Ort oder die Zeit nicht identifizieren können. Das spielt alles keine Rolle hier. Die Texte dieses Artikels sind also redaktionell und inhaltlich überarbeitete Fassungen. Die Hoffnung ist, dass sie anderen in ähnlichen Situationen evtl. hilfreich sein könnten. In einem realen Fall müsste umgehend das persönliche, vertrauliche Seelsorgegespräch angeboten werden. Parallel dazu sollte auch eine schriftliche Handreichung gegeben werden, dass die betreffende Person ihre theologischen Einsichten anhand der offenen Bibel korrigieren kann. Beides ist angesagt. Das Schäfchen braucht einen guten Hirten. Auch einen vor Ort.

Eine seelsorgerliche, zur Bibel führende Antwort

Lieber X., Danke für Deine Rückmeldung. Ich denke, dass sich hier zeigen mag, dass die Belehrung der Glaubensgeschwister der Gemeinde in den letzten Jahren nicht ohne Mangel und Lücken und Schlagseiten war. Immer wieder stößt man auf Unbewältigtes, Unbekanntes, auf unbeackertes Land. Unser Ziel wäre ein beständig gepflegter Garten der Erkenntnis Gottes. Es ist ein Segen Gottes, wenn man Älteste hat, die eines Tages wie Paulus sagen könnten: »Ich habe nicht zurückgehalten, euch den ganzen Ratschluss Gottes zu verkündigen« (Apg 20,27). Paulus war drei Jahre in Ephesus und unterrichtete dort täglich in der dortigen »Schule des Tyrannus« (Apg 19,7–10). Diese gemeindenahe Bibelschule war intensiv. Für beide Seiten. Und sie trug weitreichende Früchte in Gemeindebau und Mission in der röm. Provinz Asia (siehe hier).

Zuerst möchte ich Dir sagen, dass Deine Stellung als »geliebtes Kind Gottes« (Epheser 5,1) überhaupt nicht angefochten oder bedroht ist, auch nicht durch Jesaja 6. Du glaubst an Gott und das Rettungswerk Jesu am Kreuz. Du weißt also sicher, dass der gerechte Zorn Gottes über Deine Sünden am Kreuz durch Jesu Sterben, sein Blutvergießen, völlig absorbiert worden ist (Hebräer 10,14). Weil Jesus Christus den Zorn Gottes in Gänze und Fülle stellvertretend für Dich ertragen hat, hast Du Gott als Weltenrichter nie mehr zu befürchten. Der, der jedem das Endurteil aussprechen wird, ist derselbe, der Dich bereits mit seinem Blut erlöst und gerecht gesprochen hat. Glaubende erscheinen eines Tages vor dem »Richterthron des Christus«, da geht es aber um Lohn, nicht mehr um Errettung (1Korinther 3,12–15; »er selbst aber wird errettet werden«!). Wir erscheinen nicht vor dem »Großen Weißen Thron«, wie die »Toten«, für die die Verdammnis das sichere Urteil sein wird (Offenbarung 20,11–15).

Du darfst Dich freuen, dass Dein Name im Himmel angeschrieben ist (Lukas 10,20). Niemand kann oder wird diesen Eintrag auslöschen, daher darfst Du Dich darüber sehr freuen. Du hast »einen sicheren und festen Anker der Seele«, der bis ins Heiligtum(!) reicht (lies Hebräer 5,16–20). Du darfst wissen, dass Gott Dich mit ewiger Liebe erwählt hat, denn Du gehörst zu seinem geretteten Volk (Jeremia 31,3). Du hast die Liebe Gottes sogar durch den Heiligen Geist ins Herz ausgegossen bekommen (Römer 5,5). Mehr geht nicht. Näher zu Gott geht nicht. Daher: die »vollkommene Liebe treibt [diese] Furcht aus« (lies 1Johannes 4,17–18). 

Zum richtigen »Gottesbild« gehört aber auch die Szene in Jesaja 6. Insofern verstehe ich nicht, wie eine Betrachtung der Selbstoffenbarung Gottes in diesem Abschnitt des Wortes Gottes das biblische Gottesbild je erschüttern könnte, sie gehört ja dazu. Erschütterung oder Dissonanz kann nur erfolgen, wenn man vorher ein nicht vollständig auf die Bibel gegründetes Gottesbild hatte (das weiß ich natürlich nicht). Insofern war die Sonntagspredigt vielleicht auch eine notwendige und erbauliche Pflege der Erkenntnis Gottes, die Gott selbst wollte. Er will ja, dass wir alle richtig (=biblisch) von Ihm denken. Sonst geht Anbetung »in Geist und Wahrheit« nicht. Der Geist Gottes in uns will aber solche Anbetung in uns und durch uns fördern!

Meine Andeutung, dass selbst im NT der »Apostel der Liebe«, Johannes, ähnlich traumatische Erlebnisse gehabt hatte, als er Jesus Christus in seiner richterlichen Herrlichkeit sah (lies Offenbarung 1,17), sollte darauf deuten, dass es wieder völlig verfehlt wäre zu glauben, dass der Gott des AT ein anderer sei, als der im NT. Oder dass für uns Christen ein anderer Gott sei, als für die Gläubigen anderer Epochen der Gnade. Gott ist aber unwandelbar. Nur seine Selbstoffenbarung im Wort Gottes war fortschreitend. Wenn also selbst die »besten Christen«, wie ein Apostel Johannes, solchen Schock erlebten… (Beachte, dass genau dieser Apostel vielfach die Sicherheit unseres Heils in Christus lehrt!)

Du erwähntest das Schlussgebet des Gottesdienstes. Ich erinnere mich, dass dort Gott gesagt wurde, dass wir ihn ja nicht mehr fürchten müssten. Wenn ein Bibelleser so etwas hört, zuckt er zusammen. Denn er erinnert sich daran, dass das gleichzeitig stimmt und nicht stimmt. Also sollte man hier etwas differenzierter reden. Älteste und Bibellehrer sowieso. Man müsste also nachfragen: Was meinst Du denn mit dem, was Du da sagst/betest? Und dann wird jener Beter das sicher richtig erklären können. Hoffe ich zumindest. Ich habe ja oben schon geschrieben, in welchem Sinne diese Aussage stimmt. Aber in anderem Zusammenhang, speziell in dem der Predigt, stimmt sie ja offenbar überhaupt nicht. Und so war das Schlussgebet leider im Widerspruch zu dem, was Gott in Seinem Wort in jener Predigt zu sagen hatte. Schade. Ich glaube nicht, dass Gott Anhängsel zu einer Predigt des Wortes liebt, die das Potential haben, die Botschaft des gepredigten Wortes zu verwässern oder gar die Zuhörer zu verwirren. Zum Glück wurden wir auch mit einem Liedvorschlag zu einem geistlich abrundenden, in die Anbetung Gottes mündenden, würdigen Abschluss geführt. Darüber kann man sich nur freuen. Man konnte spüren, dass Gottes Geist anwesend und wirksam war. Denn er fördert, wie gerade gesagt, unsere Anbetung »in Geist und Wahrheit«.

Was sagt denn die Heilige Schrift im NT zum Motiv der Furcht?

Achtung, nun kommt eine Bibelarbeit. Muss auch so sein. Im Folgenden liefere ich als Handreichung eine Liste, die m. E. gut belegt, dass auch wir vielgeliebte Kinder Gottes, die »im Sohn« sind, immer noch und ewig Gott zu fürchten haben. Wenn die Verkündigung um »unangenehme« Themen stets einen Bogen macht, wird sie unausgewogen und lückenhaft. Und dann ist unsere Erkenntnis mangelhaft, sie hängt oft schief. »Die Summe deines Wortes ist Wahrheit« (Psalm 119,160a). Einige haben sich tatsächlich dafür bedankt, dass auch unangenehme Wahrheiten der Schrift dargelegt werden. Wir werden dies hier und da fortsetzen. Nun jene versprochenen Stellen im NT:

  • Eines der Kennzeichen der verlorenen Menschen ist: »Es ist keine Furcht Gottes vor ihren Augen« (Römer 3,18, als Zitat aus dem AT: Psalm 36,2). Im Umkehrschluss gilt für Errettete das Gegenteil. Das zeigt die Schrift vielfach auf.
  • Paulus unterscheidet deutlich: »Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, wiederum zur Furcht, sondern einen Geist der Sohnschaft habt ihr empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater!« (Römer 8,15). In unser Vater-Kind-Beziehung darf keine Verlustangst oder »sklavische Furcht« mehr herrschen, sie ist sehr intim. Das hast Du richtig empfunden. Aber das ist nicht alles, was die Bibel zu sagen hat.
  • Als Erlöste gilt für uns auch nicht mehr: »Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen!« (Hebräer 10,31). Warum? Weil Jesus stellvertretend für jeden Glaubenden dieses Furchtbare am Kreuz ertragen hat: »Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?«! (siehe auch Hebräer 10,27).
  • Der Apostel Paulus schreibt aber auch: »Da wir nun diese Verheißungen haben, Geliebte, so lasst uns uns selbst reinigen von jeder Befleckung des Fleisches und des Geistes, indem wir die Heiligkeit vollenden in der Furcht Gottes.« (2Korinther 7,1). Offenbar gibt es keine vollkommene Heiligung (also kein Jesus-ähnlicher-werden), wenn wir nicht »in der Furcht Gottes« stehen. Daher kann man auch bzgl. der Frage, warum es so wenig Heiligung gibt, vermuten: man hat der Furcht Gottes abgesagt. Man verdrängt sie. Sicher ein wichtiger Zusammenhang.
  • Auch rettende Buße wird massiv vom Motiv der Gottesfurcht befördert: »Denn die Betrübnis Gott gemäß bewirkt eine nie zu bereuende Buße zum Heil; die Betrübnis der Welt aber bewirkt den Tod. Denn siehe, eben dieses, dass ihr Gott gemäß betrübt worden seid, wie viel Fleiß hat es bei euch bewirkt! Sogar Verantwortung, sogar Unwillen, sogar Furcht…« (2Korinther 7,10–11). Man sieht aus dem Zusammenhang, wie gut und heilsam diese Furcht war.
  • Das erkennt man auch an folgender Aussage der Schrift: »Durch Glauben bereitete Noah, als er einen göttlichen Ausspruch über das, was noch nicht zu sehen war, empfangen hatte, von Furcht bewegt, eine Arche zur Rettung seines Hauses…« (Hebräer 11,7). Furcht motivierte den gläubigen und gerechten Noah, genau das zu tun, was Gott ihn geheißen hatte, egal was die Menschen im Spott außenherum sagten. Und am Ende war diese Arche sein und sieben weiterer Rettungsmittel! Dies alles deutet auch auf »unsere Arche« Jesus Christus: Wir glauben an ihn, besteigen sozusagen unsere Rettungsarche Jesus Christus, von Furcht bewegt. Denn Gott »… gebietet jetzt den Menschen, dass sie alle überall Buße tun sollen, weil er einen Tag festgesetzt hat, an dem er den Erdkreis richten wird in Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat« (Apg 18, 30).
  • Auch im Zusammenleben in der örtlichen christlichen Gemeinde geht es nicht gut ohne ein »einander untergeordnet in der Furcht Christi« (Epheser 5,21). Wenn wir im Zusammenleben als Gemeinde Probleme erleben, sollten wir auch mal an dieser Stelle nach Ursachen forschen…
  • Sollten große Probleme der Zerstrittenheit in der Gemeinde auftreten, die zur Lähmung der Zusammenarbeit führen, dann lautet die göttliche Anweisung: »Daher, meine Geliebten, wie ihr allezeit gehorsam gewesen seid, nicht allein als in meiner Anwesenheit, sondern jetzt viel mehr in meiner Abwesenheit, bewirkt euer eigenes Heil mit Furcht und Zittern« (Philipper 2,12). Bei den Angeschriebenen ging es ja nicht mehr um das ewige Heil, sondern die Lösung ihrer brennenden Probleme miteinander. Wir sollten das zusammenhalten: Wir sind »Geliebte« und wir wirken »mit Furcht und Zittern« (vor Gott) an der Lösung unserer (Unheiligkeits-) Probleme.
  • Judas schreibt für die Gemeinde in der Endzeit klare Anweisungen: »Und die einen, die streiten, weist zurecht, die anderen aber rettet mit Furcht, sie aus dem Feuer reißend, indem ihr auch das vom Fleisch befleckte Kleid hasst.« (Judas 1,22). Wir engagieren uns in der Seelsorge auch in für uns gefährlichen Situationen, weil wir Gott fürchten und nicht möchten, dass jemand »in die Hände des lebendigen Gottes fällt«. Judas vermittelt uns dann im nächsten Satz auch großes Vertrauen, dass wir bewahrt bleiben, wenn wir an Jesus in Gottesfurcht fest hängen bleiben (lies Judas 1,24–25!).
  • Unsere Gottesfurcht ist auch ein kräftiges »Evangelisationsmittel« für biblisch treue Ehefrauen gg. ihren untreuen Ehemännern: »Ebenso ihr Frauen, ordnet euch euren eigenen Männern unter, damit, wenn auch einige dem Wort nicht gehorchen, sie durch den Wandel der Frauen ohne Wort gewonnen werden mögen, indem sie euren in Furcht reinen Wandel angeschaut haben« (1Petrus 3,1ff). Die »heiligen Frauen« (1Petrus 3,5) waren deshalb Vorbilder und erfolgreiche Ehepartner auch abirrender Ehemänner, weil sie ihre Männer nicht mit sündigem Verhalten gewinnen wollten (und auch nicht mit beständigem »Anpredigen«), sondern die als wahrhaft gläubige Frauen ihre Not und ihre Hoffnung auf Gott setzten. Als Ausdruck dieses vorbildlichen Glaubens konnte man ihren »in Furcht reinen Wandel« beobachten. Passt auch nicht so ganz in unseren Zeitgeist, aber wohl zum Geist Gottes. Und den braucht man in dieser Situation not-wendig.
  • Auch beim Evangelisieren Unerlöster ist Gottesfurcht eine unverzichtbare Qualität: »Seid jederzeit bereit zur Verantwortung gegen jeden, der Rechenschaft von euch fordert über die Hoffnung, die in euch ist, aber mit Sanftmut und Furcht; indem ihr ein gutes Gewissen habt« (1Petrus 3,15f).
  • Derselbe Apostel redet auch von Gottesfurcht im Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis: Knechte (abgemildert und angewandt: Arbeitnehmer) sollen ihren Dienstherren gehorchen. Das tiefe Motiv dazu lautet: »den Herrn fürchtend« (Kolosser 3,22). Die Parallelstelle in Epheser lautet sogar: »Ihr Knechte, gehorcht den Herren nach dem Fleisch mit Furcht und Zittern, in Einfalt eures Herzens, als dem Christus« (Epheser 6,5). Wir sehen: Vom Herrn gewollte säkulare Beziehungen werden von unserer Gottesbeziehung massiv beeinflusst, gefördert und veredelt, denn letztere bringt das Motiv der Heiligung und damit Ewigkeitsperspektive herein.
  • Der Hebräerbrief sagt: »Deshalb, da wir ein unerschütterliches Reich empfangen, lasst uns Gnade haben, durch die wir Gott wohlgefällig dienen mögen mit Frömmigkeit und Furcht.« Begründung: »Denn auch unser Gott ist ein verzehrendes Feuer« (Hebräer 12,28–29). Unser Gottesdienst muss also motiviert und gekennzeichnet sein von: 1. Frömmigkeit und 2. Furcht. – Wir müssen dabei unterscheiden zwischen einer Furcht aus Respekt vor dem Ewigen und Höheren und einer unbegründeten, sklavischen Furcht, die nicht zu unserer Gotteskindschaft passt.
  • Früher verstanden Menschen aus dem Alltag ihres Familienleben noch, dass man die Höheren, die Eltern, gleichzeitig fürchten und lieben kann, ohne Widerspruch. Respekt und Ehrfurcht, manchmal auch Furcht vor der Zuchtmaßnahme, haben oft bewahrt vor dem Sündigen, und so die Beziehung segensreich gemacht. Nehmen wir nun die Ehrfurcht weg und reden nur noch von der Liebe ohne Ehrfurcht, dann geht das schief. Das kann man überall in unserer Gesellschaft und leider auch in der Gemeinde Jesu sehen. Lies dazu die (für unseren Zeitgeist) provokanten Verse in Hebräer 12,5–11. Diese Verse sollen uns übrigens nicht entmutigen, sondern ermutigen. Der Kontext liefert nämlich: »Darum richtet auf… Jagt dem Frieden nach mit allen und der Heiligkeit, ohne die niemand den Herrn schauen wird« (usw.)
  • Der Apostel Petrus fordert uns auf: Staatsbürgern (früher: Untertanen) gilt: »fürchtet Gott, ehrt den König« (1Petrus 2,17). Das kann man mit den gebotenen Grenzen gg. Menschen (»Clausula Petri« in Apg 5,29) auch heute anwenden.
  • Der Apostel Paulus fordert uns auf: »Gebt allen, was ihnen gebührt: die Steuer, dem die Steuer, den Zoll, dem der Zoll, die Furcht, dem die Furcht, die Ehre, dem die Ehre [gebührt].« (Römer 13,7). Es gibt offenbar eine legitime, von Gott geforderte und daher heilsame und gute Furcht. Welche ist hier gemeint?
  • Verfolgten um des Glaubens willen gilt: »Fürchtet aber nicht ihre Furcht« (1Petrus 3,14). Das ist eine augenöffnende Stelle, denn sie geht davon aus, dass es unterschiedliche Arten von Furcht gibt, man also differenzieren muss. Wo man das nicht tut, fällt man in seelenverletzenden Irrtum. Die Furcht der Welt, die Welt der Nichtgläubigen, soll uns nicht erfassen, vielmehr aber die reine Gottesfurcht.

Ich denke, Du hast meine Vorgehensweise hier verstanden: Ich erzähle Dir nicht, »Wie ich das sehe« oder »Ich bin der Meinung, dass…«. Sondern ich führe Dich dahin, dass Gottes Wort zu Dir spricht. Das ganze Wort. Dahin, zur Wahrheitsquelle, müssen wir miteinander gehen. Dort hat sich Gott in Wahrheit geoffenbart. Das ist der Maßstab, an dem wir unsere Verkündigung, unsere Lehre, unser Reden (und Beten) und unser Leben messen müssen. Jeder Verkündiger steht in einer großen (manchmal Furcht erregenden!) Verantwortung vor dem Herrn (lies Jakobus 3,1 in Verbindung mit Hebräer 5,12ff).

Wie können wir denn (erfolgreich) leben?

Es wäre der Verlust des wichtigsten Weisheitsprinzips (Weisheit im AT lehrt uns, wie unser Leben vor Gott gelingen kann), wenn wir die Gottesfurcht aufgeben oder verblassen lassen würden. Dies will ich abschließend anhand einer handvoll Stellen belegen. Sie sind Dir sicher alle wohlbekannt. Lassen wir sie selbst sprechen. Ich nehme nur Stellen aus den Weisheitsbüchern des AT:

  • »Und zum Menschen sprach er: Siehe, die Furcht des Herrn [adonaiist Weisheit, und vom Bösen weichen ist Verstand.« (Hiob 28,28). Der Spruch ist hebräische Poesie: der erste Halbsatz entspricht (in Variation) dem zweiten. Daraus lernen wir, dass es ausgesprochen unvernünftig ist, Gott, den absoluten Herrscher, nicht zu fürchten.
  • »Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang; gute Einsicht haben alle, die sie ausüben. Sein Lob besteht ewig.« (Psalm 111,10) – Anfang heißt: Wer das verpasst, der läuft den ganzen Weg dann falsch. Oder: Furcht Gottes hat oberste Priorität.
  • »Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Erkenntnis; die Narren verachten Weisheit und Unterweisung.« (Sprüche 1,7) Hier dient ein klarer Tadel als Verstärkung.
  • »Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang; und die Erkenntnis des Heiligen ist Verstand.« (Sprüche 9,10)
  • »Die Furcht des Herrn ist Unterweisung zur Weisheit, und der Ehre geht Demut voraus.« (Sprüche 15,33). Nur der Demütige lässt sich belehren. Und Gott ehrt dies(en).
  • »Der Herr ist hoch erhaben; denn er wohnt in der Höhe, er füllt Zion mit Recht und Gerechtigkeit. Und es wird Festigkeit deiner Zeiten, Fülle von Rettung, von Weisheit und Erkenntnis geben; die Furcht des Herrn wird sein Schatz sein.« (Jesaja 33,5f). – Offenbar ist die Gottesfurcht etwas sehr Wertvolles, ein Schatz.
  • »Das Endergebnis des Ganzen lasst uns hören: Fürchte Gott und halte seine Gebote; denn das ist der ganze Mensch.« (Prediger 12,13). Hier fasst der Prediger (König Salomo) seine ganze Weisheitssammlung zusammen in einem Satz.

Fazit

Du siehst, dass man bei der Rede von der Furcht Gottes die ganze Schrift beachten muss. Man darf sich nicht Stellen heraussuchen, die einem gefallen und die anderen ignorieren. Der Kontext jeder Stelle lehrt uns zu differenzieren: es gibt richtige und gebotene Furcht, es gibt auch falsche und verbotene Furcht. Jedenfalls gilt für erlöste Gotteskinder, dass sie sich in einer Hinsicht nicht fürchten dürfen, aber in anderer Hinsicht sich sehr wohl fürchten müssen. Das von Dir erwähnte Abschlussgebet war in diesem Sinne einseitig, aber ein Gebet kann und soll auch keine Lehrpredigt sein. Vielleicht wollte jemand seinen Schock damit abmildern, indem er »die andere Seite« benannte, um die Botschaft der Bibel in Jesaja 6 etwas abzuschwächen. Lauge zur Säure gießen, um diese zu neutralisieren, mag an anderer Stelle produktiv und nützlich sein. Hier nicht. Hier gibt es nichts zu »neutralisieren«. Alles passt. An seinem göttlich gegebenen Ort.

Ich denke, eine praktische und heilsame Anwendung wäre, dass wir deutlich mehr Ehrfurcht vor Gott an den Tag legen sollten, wenn es um einen Berufungsvorgang seitens Gottes(!) geht. Jesaja wird hier in den Dienst als Prophet Gottes gestellt, das ist der Kontext. Ein »Mach mal!« ist im Dienst Gottes regelmäßig zu wenig. Und ein »Das haben wir immer schon so gemacht!« braucht vielleicht die glühende Kohle vom Altar Gottes auf den Lippen, damit die Traditionsargumente dort wegbrennen und Gottes reiner Wille verkündet und getan wird. Zittern ist angesagt. Aber gewiss nicht aus Menschenfurcht.

Beachten wir stets diese wichtige Unterscheidung: »Menschenfurcht legt einen Fallstrick; wer aber auf den Herrn vertraut, wird in Sicherheit gesetzt.« (Sprüche 29,25). Insofern ist es übel und schädlich (Falle!), anstelle von Gottesfurcht dauernd mit Argumenten der Menschenfurcht zu arbeiten, wenn es um die Dinge des Herrn und Seiner Gemeinde geht – aber das ist eine andere Baustelle.

Wir müssen unsere Missverständnisse über Gott ablegen

Zurück zu Deinem Anliegen und Empfinden: »Mich hat deine Predigt zur Heiligkeit Gottes sehr bedrückt. Sie schien mir einseitig. Statt auch die Seite des liebenden Vaters zu zeigen, wurde mir das Bild eines bedrohlichen Gottes vermittelt.« Diese Seelennot hat mich bewegt, Dir eine so lange, bibelorientierte Antwort zu geben. Und daher habe ich zuerst Deine bedrückte Seele angesprochen. Ich vertraue Gott, dass der Heilige Geist in Dir sein Wort auf die Seele legt. Er wird Dich dahin führen, mit Überzeugung zu sagen: »Ich glaube und bin zuversichtlich, weil geschrieben steht…«!

Wir müssen unsere Missverständnisse über das Predigen ablegen

Lass mich etwas Grundsätzliches zum Predigen sagen: Wenn ich über Jesaja 6,1ff predige, dann ist dies mein Text. Ich lese in Jesaja 6,1ff nichts von einem »liebenden Vater«. Da mir aber geboten ist: »Predige das Wort!« (2Timotheus 4,1), mache ich genau das: Ich predige das Wort, nämlich Jesaja 6,1–3, natürlich mit Beachtung von Kontext, Aussage, Anwendung usw. Bei anderer Gelegenheit kommt vielleicht eine der anderen, oben genannten Stellen dran und dann predige ich, was dort steht. Aber ich spiele nicht das eine gegen das andere Stück der Wahrheit aus (wäre böser Unsinn, denn die Schrift widerspricht sich nicht). Und meine Predigt war auch keine Themenpredigt zu »Unser Gott und Vater«, sondern eine über »Die Heiligkeit Gottes (1) – Das Gewicht und die Schönheit der Heiligkeit Gottes (Jes 6,1–3)«. Ich habe lange noch nicht alles gesagt, sicher manche Lücke gelassen. Aber der Plan ist, dass Fortsetzung gemacht wird bei diesem und anderen Texten. Da wird es hoffentlich wieder ein »Predigtnachgespräch« geben, wie bisher. […]

Literaturverweise

Hier eine Liste von Links zu Artikeln und Werken anderer Autoren zum Thema. Sie haben zum Teil auch eigene weitere Verweise auf Quellen. Wie immer, so gilt auch hier: Wir müssen das alles anhand von Gottes Wort prüfen und nur das Gute behalten.

  1. Sehr zu empfehlen. Gründlich, den Zeitgeist in der Gemeinde widerlegend: A. W. Tozer, Muss man Gott fürchten? – Das Gottesbild der Postmoderne. Kostenloser Download des Verlags CLV:  https://clv.de/Muss-man-Gott-fuerchten/255281
  2. Zum Thema direkt sehr zu empfehlen, der »Klassiker«: R. C. Sproul, The Holiness of God (1985/1998). Diese verschrifteten Vorträge waren und sind ein Segen für Gemeinden in aller Welt. Sproul hat dazu auch Lehr-Videos gemacht (amerikanisch).
  3. Sehr zu empfehlen: https://www.evangelium21.net/media/3311/sechs-fragen-zur-gottesfurcht
  4. Sehr zu empfehlen: D. A. Carson, Die komplexe Lehre von der Liebe Gottes (Greven: Solid Rock, o. J.). Hierin besonders das Kapitel: Gottes Liebe und Gottes Zorn, S. 63–80. Man findet das Original (englisch) auch im Internet zum Download: The Difficult Doctrine of the Love of God (Wheaton, IL: Crossway, 2000). Link: https://media.thegospelcoalition.org/documents/carson/2000_difficult_doctrine_of_the_love_of_God.pdf (vgl. auch den Vortrag: https://www.thegospelcoalition.org/sermon/distorting-the-love-of-god/)
  5. Empfehlenswert: https://www.bibelstudium.de/articles/ 3022/gottesfurcht.html
  6. Teilaspekt: https://rogerliebi.ch/faq/faq-r00109/